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Keine fünfzehn Minuten nach dem Zusammentreffen mit Jedediah und seinen beiden Brüdern erreichten sie den versteckten Ort, an dem die Bones-Leute und die anderen Männer vom Wolf-Clan auf sie warteten.
Hätte Jedediah nicht geradewegs auf die Felswand zugehalten, die sich hinter einer lang gestreckten Gruppe von Chaparral-Bäumen erhob, Dante und Carson hätten nie geahnt, dass sich hinter den windgebeugten Bäumen ein Zugang zu einem schmalen, gewundenen Canyon verbarg.
Zwei Männer aus dem Bones-Clan, die mit modernen Schnellfeuergewehren bewaffnet waren, hielten dort Wache. Dante und Carson bemerkten sie erst, als die beiden kahlköpfigen Gestalten plötzlich keine zwei Schritte von ihnen entfernt aus der Dunkelheit auftauchten. Es war, als wären sie dort von einer Sekunde auf die andere aus dem Boden gewachsen.
»Erhabene Macht!«, stieß Carson erschrocken hervor.
Auch Dante erschrak bei ihrem Anblick und wich unwillkürlich einen halben Schritt zurück.
Die beiden Männer trugen ähnlich wie die Mountain Men vom Wolf-Clan reichlich speckige und mit Fransen besetzte Kleidung aus Wildleder. Auch sie hatten Tätowierungen, aber im Gegensatz zu den geometrischen Mustern bei Jedediah und seinen Leuten bevorzugten die Bones die Darstellung erschreckender Horrorbilder.
Der Mann, der Carson am nächsten stand, hatte sich mehrere zertrümmerte Totenschädel, aus denen Käfer und allerlei ekelhaftes Gewürm krochen, auf den kahlen Kopf stechen lassen. Dieses abstoßende Bildnis in blauen, grünen und roten Farbtönen setzte sich auf seinem Gesicht fort, sodass es den Anschein hatte, als würden auch aus seinen Gesichtsöffnungen schillernde Käfer, Maden und anderes Getier wimmeln. Und um den Hals trug der Mann eine doppelreihige Kette aus gebleichten Knochen, die alle schmal wie ein Daumen und leicht gebogen waren.
Die andere Schreckensgestalt schien auf den ersten Blick einen gespaltenen Schädel zu haben, aus dessen klaffender Öffnung nicht nur Ströme von Blut und grauer Hirnmasse flossen, sondern auch zahlreiche Augen mit weit aufgerissenen Pupillen.
Neben einem langen Messer trug der Mann an seinem breiten Ledergürtel ein merkwürdiges Gefäß mit sich, das in einer gepolsterten Ledertasche steckte und wie ein dickwandiges Einmachglas mit einem metallenen Schraubdeckel aussah.
Die beiden Bones musterten sie einen langen Moment stumm und mit kalten, abschätzigen Blicken. Dann fragte der Kerl mit den Totenschädeln spöttisch: »Das sind sie, Jed? Diese Kids?«
Der Wolfskopf nickte. »Ja, das sind sie. Dante und Carson, die Anführer der Aufständischen.« Dann sagte er an die beiden Libertianer gewandt: »Das sind Rib Cage Bobby und Eyes Only Pete vom Clan der Bones.«
Dante konnte nicht umhin, sofort einen zweiten Blick auf das Glasgefäß zu werfen, das dieser Eyes Only Pete am Gürtel mit sich trug. Und obwohl es trotz des Mondscheins immer noch viel zu dunkel war, um wirklich erkennen zu können, was dort in der Flüssigkeit schwamm, glaubte er, mehrere Augäpfel ausmachen zu können.
Ihn schauderte und er schluckte.
Carson wurde zwar ebenfalls blasser im Gesicht, doch er antwortete: »Tolle Namen, da weiß man wenigstens gleich, woran man bei euch ist!«
»Worauf du deine beiden hübschen blauen Klunker verwetten kannst, Lockenköpfchen!«, erwiderte Eyes Only Pete und verzog das Gesicht zu einem Grinsen, das völlig frei von jeglicher Liebenswürdigkeit war.
»Lasst uns gehen, wir haben eine Menge zu bereden«, sagte Jedediah ruhig und ging voran, nachdem er seine Brüder damit beauftragt hatte, am Canyon-Eingang zurückzubleiben und die Wache zu übernehmen.
Was hinter den Chaparral-Bäumen wie eine geschlossene Felswand aussah, entpuppte sich als optische Täuschung. Eine gut zehn Meter weit vorspringende Felsmauer verbarg den nicht einmal halb so schmalen Eingang in die Schlucht, die auch dahinter nur wenige Meter breit blieb und eine scharfe Windung nach der anderen vollführte. Geröll bedeckte den Boden und ließ vermuten, dass es sich um ein Arroyo handelte, ein trockenes Flussbett. Diesen Canyon hatte zweifellos ein reißender Gebirgsfluss vor Urzeiten aus dem Fels gewaschen. Und vermutlich schäumten auch jetzt noch bei besonders schweren Regenschauern immer mal wieder reißende Fluten durch die felsige Enge.
Beklommen folgten Dante und Carson dem jungen Clan-Chef der Wolf-Leute. Doch lieber hätten sie die beiden Bones vor sich gehabt, statt sie nahe hinter sich zu wissen. Ihnen war, als nähmen die beiden Horrorgestalten schon mal Maß und bohrten ihnen stechende Blicke in den Rücken.
Nach ungefähr einem halben Kilometer öffnete sich der schmale Schlauch und mündete in einen nierenförmigen Kessel, der an seiner breitesten Stelle vielleicht hundert Meter von Wand zu Wand maß. Der Boden war wellig, vom alten Flussbett durchzogen, und auf einigen der kleinen, spärlich mit Gras bewachsenen Erhebungen behaupteten sich Sträucher und niedrige Chaparrals.
Kurz vor der hinteren Canyonwand, wo sich die Schlucht wieder verengte, brannte ein Feuer. Es war umlagert von Scalper Skids Männern und einem Dutzend Wolf-Leuten. Gewehre aller Art, die sich gegenseitig stützten, bildeten zu beiden Seiten des Lagerfeuers kleine Waffenpyramiden. Weitere Gewehre sowie stählerne Bögen und Pfeilköcher lagen auf ledernen Umhängetaschen, die vermutlich Proviant und Munition enthielten.
Der flackernde Schein des Feuers erreichte die Felswand und fiel dort auf den unteren Teil von drei Strickleitern, die hinter den Männern oben vom Canyonrand herabbaumelten. Wer immer diesen Ort ausgewählt hatte, war darauf bedacht gewesen, mehr als nur einen Fluchtweg zur Verfügung zu haben.
Der Duft von gebratenem Fleisch wehte ihnen zusammen mit einem eigenartig herben und zugleich doch auch süßlichen Aroma entgegen.
Rib Cage Bobby und Eyes Only Pete kamen nun hinter ihrem Rücken hervor. Sie zogen auch an Jedediah vorbei. Offensichtlich wollten sie noch vor ihnen zum Feuer und zu ihrem Anführer kommen.
Carson flüsterte mit gepresster Stimme: »Erhabene Macht, an welche Ausgeburten der Hölle sind wir da geraten! Was sich Jedediah bloß dabei gedacht hat, diese Schauergestalten zu Hilfe zu rufen?«
Dante zuckte die Achseln. »Er wird schon seine guten Gründe haben, warum er die Bones dabeihaben will. Ich vermute mal, gerade weil sie so harte Knochen sind. Mir gefallen diese Kerle auch nicht. Aber es ist ja nicht so, als hätte sich eine noble Befreiungsarmee nach der anderen bei uns darum beworben, mit uns in Liberty 9 einen Umsturz zu wagen und dabei womöglich selber draufzugehen! Wir haben einfach keine andere Wahl. Abgesehen davon rennt uns auch die Zeit davon. Was ist, wenn heute Nacht schon das Lichtschiff … ich meine, der Chopper eintrifft?«
Carson lachte freudlos auf. »Dann fliegt uns unser schöner Plan wie ein Rohrkrepierer um die Ohren!«
»Genau! Wir müssen also die Bones für unsere Sache gewinnen, sonst …« Dante brach ab, als könnte er es nicht über sich bringen, dieses Katastrophenszenario auch nur auszusprechen.
Carson erwiderte nichts und legte die letzten Schritte zur Feuerstelle in finsterem Schweigen zurück. Er wusste so gut wie Dante, dass ihnen keine andere Wahl blieb, als mit den Wolf-Leuten und den Bones gemeinsame Sache zu machen.
Die einzige Alternative bestand darin, den Plan aufzugeben. Doch damit würden sie nicht nur Duke und ihre anderen Gefährten im Lichttempel ihrem grausamen Schicksal überlassen, sondern auch alle anderen ahnungslosen Electoren und Servanten in Liberty 9 – und zwar nicht nur die jetzigen, sondern auch die zukünftigen. Eine Alternative, die nicht in Frage kam!
Als es nur noch wenige Schritte bis zum Lagerfeuer waren, löste sich aus der Gruppe der finsteren Gestalten ein Mann von untersetzter, kantiger Statur. Er hatte den breiten Brustkorb eines Grizzlys, den wulstig muskulösen Nacken eines Bullen und die scharf gekrümmte Nase eines Adlers.
Dante und Carson brauchten nicht zu raten, wer ihnen da entgegentrat. Die zusammengeschnürten Bündel haariger Häute an seinem Gürtel verrieten ihnen, dass dies Scalper Skid sein musste, der Anführer der Bones.
Seine Tätowierung bestand aus einer schaurigen Hydra. Der grünschuppige Leib der siebenköpfigen Schlange zog sich über seinen Nacken und bis auf die Mitte seines kahlen Schädels. Jeweils drei Schlangen wanden sich von dort in grotesken Windungen über Schläfen, Wangen und Kinn. Sie hatten ihren Rachen weit aufgerissen und von ihren nadelscharfen Zähnen tropfte Blut.
Der siebte Schlangenkopf nahm die gesamte Höhe und Breite der Stirn ein. Flammende übergroße Augen versprühten ein diabolisches Feuer über einem gebleckten Fang, der seine dolchartigen Zähne in einen nackten Menschenleib geschlagen hatte.
Eine Maschinenpistole mit einklappbarer Schulterstütze hing ihm über der linken Schulter. Über der Brust kreuzten sich Ledergurte mit Schlaufen, in denen verkratzte schwarze Patronenmagazine steckten. Eine mit Federn geschmückte Streitaxt mit blitzender, sichelförmiger Klinge baumelte von seiner rechten Hüfte. Und in der stark behaarten Hand hielt er ein Klappmesser mit einer dünnen und schmalen Klinge. Damit stocherte er in seinem fauligen Gebiss herum, das voller Lücken war.
»Und mit dem Grüngemüse sollen wir das Lager einnehmen und ’ne ganze Kompanie schwerbewaffneter Schwarzmänner plattmachen?«, rief Scalper Skid in Jedediahs Richtung, während er auf Dante und Carson zuging. Dabei spuckte er ein Stück Faser oder Knorpel aus – und zwar vor die Füße der beiden, die er soeben als Grüngemüse verspottet hatte.
Dante und Carson blieben stehen. Schwarzmänner war der Name, den nicht nur die Mountain Men den Guardians wegen ihrer mattschwarzen Uniformoveralls gegeben hatten.
»Was hast du denn erwartet, Skid? Du hast doch gewusst, dass sie mit achtzehn aus dem Lager verschwinden und mit dem Chopper zur Küste gebracht werden«, erwiderte Jedediah mit der ihm eigenen Gelassenheit. »Und seit wann spielt es eine Rolle, wie alt jemand ist? Ich denke, bei uns zählt allein, wie gut jemand Spuren lesen, Wild ausnehmen, im Sturm ein Feuer und einen Unterstand bauen kann und wie gut er trifft, worauf er zielt.«
Scalper Skid grinste breit. »Hast schon recht, Jed. Das macht einen Mann aus. Aber gilt für uns Mountain Men, nicht für diese Weicheier aus dem Lager!«
Allmählich hatte Dante genug von der Geringschätzigkeit, mit der Scalper Skid über sie herzog und dabei auch noch so tat, als wären sie gar nicht anwesend. Doch er bezähmte seinen Ärger. Er erinnerte sich an Jedediahs Warnung und ahnte, dass der Mann etwas anderes damit bezweckte, als sie verächtlich zu machen. Deshalb versuchte er, seiner Stimme einen ähnlich gelassenen und selbstbewussten Ausdruck zu geben, wie es Jedediah offenbar in jeder Situation gelang.
»Du kannst das Wort ruhig direkt an uns richten und uns fragen, was wir dir und deinem Clan anzubieten haben, Schlangenkopf«, sprach er ihn an.
»So, kann ich das, Schwarzzopf?«, fragte Scalper Skid gedehnt, zog spöttisch die Brauen in die Höhe, trat nun nahe an Dante heran und starrte ihm in die Augen, als wollte er ihn kraft seines Blickes in die Knie zwingen.
»Ja, es sei denn, du traust es dir und deinen Leuten nicht zu, mit uns in einen Kampf gegen die Schwarzmänner zu ziehen, und suchst jetzt nach einer Ausrede, um nicht mit eingezogenem Schwanz abziehen zu müssen«, sagte Dante und hörte, wie Carson neben ihm scharf die Luft einsog.
Mit einem Schlag erstarb jetzt auch noch das letzte Gemurmel am Feuer. Die Männer waren im Nu auf den Beinen, ohne Ausnahme, und bildeten einige Schritte hinter Scalper Skid einen Halbkreis aus Wolfsköpfen und mit schrecklichen Fratzen und Monstern tätowierten Glatzen. Keiner wollte sich den Ausgang der Konfrontation entgehen lassen. Aller Augen und Ohren waren auf die beiden Männer gerichtet, die sich gegenüberstanden und in ihrem Aussehen, ihren körperlichen Fähigkeiten und ihren moralischen Ansichten nicht unterschiedlicher hätten sein können.
Ein stechender Blick traf Dante. »Hast du mir gerade unterstellt, ein Feigling zu sein?« Scalper Skid tippte ihm mit der Klinge seines stilettartigen Messers unter das Kinn. »Habe ich dich da richtig verstanden, Schwarzzopf?«
Dante zuckte nicht mit der Wimper und wich auch nicht vor ihm zurück. Er hoffte, dass Scalper Skid nicht hören konnte, wie wild sein Herz pochte. »Hast du mir gerade unterstellt, ein Weichei zu sein, Schlangenkopf?«, fragte er zurück und gab sich den Anschein, die Klinge an seiner Kehle überhaupt nicht zu bemerken.
»Und? Was kannst du denn schon dagegen tun, Kiddo?«
»Und was kannst du dagegen tun, wenn ich dir tatsächlich unterstellt hätte, den Schwanz einziehen zu wollen?«, konterte Dante sofort.
»Vielleicht dir die Kehle durchschneiden?«, sagte Scalper Skid und bleckte erneut die Ruinenlandschaft seiner Zähne. »Und was könntest du tun, Schwarzzopf?«
Dante erwiderte das falsche Lächeln. »Vielleicht dir den Bauch aufschlitzen und dir die Eier abschneiden?«, erwiderte er ruhig. Scalper Skid versteifte sich augenblicklich. Ein ungläubiger Ausdruck trat in seine wässrigen Augen, als er in Blasenhöhe den Druck eines spitzen Gegenstands verspürte, langsam den Blick senkte – und das zweischneidige, scharf geschliffene Messer sah, das Dante ihm in den Unterleib drückte.
Sein Mund klappte auf. »Verdammt! Hol mich doch der Teufel! Da hat mich dieser Schwarzzopf doch mit meinen eigenen Waffen geschlagen!«, stieß er hervor, jedoch ganz und gar nicht von Wut erfüllt. Vielmehr brach er sogleich in ein raues Gelächter aus, ließ seine linke Pranke krachend auf Dantes Schulter niedersausen und brüllte seinen Männern zu: »Habt ihr das gehört? Die Eier wollte mir der Grünschnabel absäbeln! Teufel auch, das wäre ihm vielleicht sogar gelungen!«
Carson stieß einen erlösten Seufzer aus, und selbst Jedediah sah erleichtert aus und bedachte Dante mit einem kaum merklichen Lächeln und anerkennenden Nicken.
Scalper Skid drehte sich wieder zu Dante um und versetzte ihm spielerisch einen Kinnhaken. »Du bist schon in Ordnung, Schwarzzopf!«, rief er, um dann mit leiser Stimme rasch hinzuzufügen: »Aber so ein Trick zieht bei mir nicht ein zweites Mal, merk dir das besser, Kiddo!«
»Mein Name ist Dante und der meines Freundes hier ist Carson«, erinnerte ihn Dante ungerührt.
Scalper Skid nickte mit breitem Grinsen und hämmerte ihm erneut seine haarige, schmutzstarrende Pranke auf die Schulter. »Klar doch, ganz wie du sagst, Schwarzzopf. Und jetzt kommt ans Feuer, damit das große Pow Wow beginnen kann!«
»Pow Wow?«
»Kannst auch großes Palaver dazu sagen. Bei den Rothäuten, die hier mal gelebt haben, hieß das eben Pow Wow. Ist doch nett, dass wir Mountain Men das beibehalten haben, oder?«, spottete er. »So bewahren wir ihr Andenken, nachdem unsere Vorfahren sie hier verjagt oder gleich direkt ins Jenseits geschickt haben.« Damit entließ er Dante aus seiner pelzigen Klaue und stiefelte zurück ans Feuer. Dabei rief er: »Hey, Thumb Cut Rick, hast du was zu rauchen für mich?«