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PFEILE DES
TEUFELS
UND DIE SÜNDE DER
FEIGHEIT
Während des Essens hatte Jesus angedeutet, dass ihn einer der Jünger verraten werde. Alle waren entsetzt gewesen über diesen Verdacht, und jeder wollte von Jesus bestätigt haben, dass er nicht der Verräter sei. Als Judas Ischarioth die Runde vorzeitig verließ, dachte sich keiner der Jünger etwas dabei. Judas war der Kassenwart der Gruppe, und alle glaubten, dass Jesus ihn weggeschickt habe, damit er für die bevorstehenden Feiertage das Nötige besorge.
Judas hatte jedoch anderes vor. Er wusste, dass Jesus an diesem Tag nicht nach Betanien zurückkehren wird. Und im Laufe des Abends hatte er erfahren, dass Jesus nach dem Essen zu einem abgelegenen, ruhigen Landgut mit Ölbäumen im Osten der Stadt gehen will. Das war die Information, die er brauchte und auf die die Tempelbehörde schon ungeduldig wartete.
Mit den anderen Jüngern ging Jesus durch die nächtlichen Gassen Jerusalems. Sie stiegen hinab in das Bachbett des Kidron, um zu dem Garten auf der anderen Uferseite zu gelangen. Auf dem Weg dorthin sprach Jesus davon, dass er weggehen werde, an einen Ort, wohin ihm niemand folgen könne. Die Jünger verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Vor allem Petrus weigerte sich zu akzeptieren, dass er sich von Jesus trennen sollte. Überallhin wollte er ihm folgen, und wenn es sein musste, würde er auch sein Leben für ihn geben. Jesus ließ sich von solchen vollmundigen Treueschwüren nicht beeindrucken. Im Gegenteil. Er meinte, dass noch in dieser Nacht sogar seine Freunde an ihm zweifeln und ihn im Stich lassen werden.
Petrus war sicher gekränkt darüber, dass sein Herr so wenig Vertrauen in seine engsten Gefährten hatte, und wenigstens er wollte keinen Zweifel an seiner Treue aufkommen lassen. Selbst wenn alle von ihm abfielen, beteuerte er, so werde er niemals an Jesus zweifeln und immer zu ihm halten. Und er glaubte Jesus nicht, als der sagte: »In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« (Mt 26, 34)
Der Ort, den die Gruppe aufsuchte, war eine Plantage mit Olivenbäumen, die bekannt war als Garten Getsemani, was so viel heißt wie Ölkelter. In einem kleinen Gehöf wurde hier das Öl aus den geernteten Oliven gepresst. Auf dem Gelände befand sich auch eine Felsengrotte, in der man zur Not auch die Nacht verbringen konnte. Die Jünger waren nach dem langen Tag todmüde und wollten sich auch gleich hinlegen. Jesus aber bat sie, mit ihm wach zu bleiben, denn er konnte nicht schlafen, dazu war er zu unruhig und bedrückt.
Alleine ging er ein paar Schritte abseits, um zu beten. Er war voller Ängste, und er wandte sich an »Abba«, seinen Vater mit der Bitte, wenn möglich doch alles, was ihm an Leiden bevorstand, zu verhindern. Jesus ist in dieser von allen Synoptikern beschriebenen Szene kein furchtloser Held, kein unerschütterlicher Halbgott. Er hat Angst, furchtbare Angst. Und wie schon bei seiner Begegnung mit dem Teufel in der Wüste ist er nicht frei von Zweifeln. Leicht wäre es für ihn zu fliehen, zu seinen Freunden nach Betanien und von dort nach Galiläa. Aber mit einer Flucht würde er alles verraten, was er gelebt und gesagt hat. Mehr denn je zuvor braucht Jesus die Verbindung zu seinem Vater, nichts anderes bedeutet es für ihn, zu beten. Nur in und mit diesem kindlichen Vertrauen zu seinem Vater findet er die Kraft, seine Angst zu überwinden und weiterhin an seine Botschaft zu glauben.
Ganz anders seine Jünger. Als Jesus nach ihnen sieht, findet er sie schlafend. Er weckt sie und fordert sie auf, mit ihm wach zu bleiben, um nicht »in Versuchung« zu kommen. Diese Versuchung bestände darin, den Glauben daran zu verlieren, dass es jenseits einer Welt, die von Macht und Gewalt regiert wird, noch etwas anderes gibt, für das es sich zu leben lohnt. Gerät man in den Strudel dieser Versuchung, wird man immer tiefer hineingezogen in eine depressive Weltsicht, die sich nichts mehr erhofft und sich abfindet mit Ungerechtigkeit, mit Zynismus und Hoffnungslosigkeit. Martin Luther nannte diese fatalen inneren Stimmen die »feurigen Pfeile des Teufels«93, und er glaubte, dass gerade einsame Menschen von diesen finsteren Gedanken leichter angesteckt werden. Darum warnte er davor, allein zu sein, denn ein einsamer Mensch, so schrieb er, »folgert immer eins aus dem anderen und denkt alles zum Ärgsten«94.
Jesus wollte »wach« bleiben und er wollte nicht einsam sein. Die Nähe zu seinem Vater bewahrte ihn vor Einsamkeit und jeder Resignation. Seine Jünger dagegen waren ihm keine Stütze. Selbst jene unter ihnen, die ihm besonders nahe waren, Petrus, Jakobus und Johannes, schliefen immer wieder ein, und dass diese Schläfrigkeit zusammenhängt mit ihrer Standfestigkeit, das sollte sich bald zeigen.
Stimmen kamen näher und im nächtlichen Olivengarten tauchten zwischen den Bäumen die Lichter von Fackeln auf. Ein ganzer Trupp von Männern stand schließlich vor Jesus. Es waren Soldaten der Tempelwache mit ihren Hauptleuten, alle bewaffnet mit Schwertern und Stöcken, die im Auftrag des Hohen Rates Jesus verhaften sollten. Auch einige Ratsmitglieder hatten sich angeschlossen. Aus dem Haufen trat Judas hervor. Er ging auf Jesus zu, grüßte ihn mit »Rabbi« und küsste ihn. Das war das verabredete Zeichen, an dem Jesus erkannt werden sollte.
Gleich stürzten sich einige der Männer auf Jesus und nahmen ihn fest. Nun waren auch die Jünger wieder hellwach, allerdings nicht so, wie es sich Jesus gewünscht hatte. Einer von ihnen zog sein Kurzschwert und schlug damit dem Knecht des Hohepriesters ein Ohr ab. Sollte es wirklich, wie der Evangelist Johannes es behauptet, Petrus gewesen sein, der so hitzköpfig handelte, dann war das erneut ein Beweis dafür, wie wenig er Jesus verstanden hatte. (Joh 18, 10) Hatte er vergessen, was Jesus über die Friedfertigen und über die Feindesliebe gesagt hatte? War ihm entgangen, wie strikt Jesus jede Form von Gewalt ablehnte? Und auch jetzt fährt er Petrus scharf an, damit aufzuhören, und erinnert ihn noch einmal daran, wohin Gewalt führt, nämlich zu neuer Gewalt: »Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.« (Mt 26, 52) Das ist eine endgültige Absage an jede Gewalt. Und die gilt natürlich auch für jene, die für sich beanspruchen, mit dem Schwert das Gute verteidigen zu wollen.
Als den Jüngern klar wurde, wie ernst die Lage war und dass es jetzt um Leben und Tod ging, verließ sie schnell der Mut. Sie suchten das Weite und Jesus wurde abgeführt. Nur Petrus schlich der Gruppe mit dem Gefangenen hinterher, um zu sehen, was weiter mit seinem Herrn passierte. Jesus wurde in das Haus des Hohepriesters Kaiphas gebracht, ein Palast mit unterirdischen Kammern und Zellen, der vermutlich am Südhang der Stadt lag. Joseph Kaiphas hatte in die Hohepriesterfamilie des Hannas eingeheiratet und somit den Grundstein gelegt für seine Karriere. Seit dem Jahr 18 n. Chr. hatte er das Amt des Hohepriesters inne, länger als alle seine Vorgänger, und das spricht dafür, dass er sehr gut mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeitete und sich speziell mit Pontius Pilatus gut verstand.
Kaiphas soll einmal gesagt haben, dass es besser sei, wenn ein einzelner Mensch sterbe, als wenn ein ganzes Volk zugrunde gehe. (Joh 18, 14) Diesen Satz kann man als oberste Leitlinie seiner Amtsführung verstehen. Er lebte in der dauernden Sorge, dass die nationalistischen Kreise unter den Juden den Zorn der Römer einmal so weit reizen, dass es zur Katastrophe kommt und das Volk vernichtet wird. Um den Frieden, die Unabhängigkeit des Tempelkultes und nicht zuletzt die Macht seiner Familie zu bewahren, musste er also einerseits den Interessen der Römer entgegenkommen und andererseits die Forderungen seiner Landsleute berücksichtigen. Das war ein diplomatischer Hochseilakt, der bewirkte, dass Kaiphas ein »virtuoser Taktiker und Praktiker«95 wurde. Den labilen Frieden aufrechtzuerhalten, war sein oberstes Ziel. Und um das Überleben eines ganzen Volkes zu sichern – was wog dagegen schon das Leben eines Einzelnen?
Als Kaiphas im Beisein anderer Mitglieder des Hohen Rates das Verhör mit Jesus durchführte, standen sich zwei völlig verschiedene Welten gegenüber. Denn für Jesus war jeder einzelne Mensch ein Tempel Gottes. Und niemals hätte er einer Logik zugestimmt, die verlangt, dass ein Mensch geopfert werden muss um eines höheren Ziels willen. Das göttliche Gebot, nicht zu töten, war für Jesus kein Grundsatz, mit dem man taktieren kann. Dieses Gebot gilt absolut. Und wenn jemand einen Menschen tötet, um andere zu retten, dann verstößt er damit gegen jene Humanität, die er eigentlich vertreten will. Insofern ist es das oberste Prinzip jeder wirklichen Moral, dass man Menschen nie als Mittel zum Zweck benutzen darf.
Zwischen dem religiösen Machtpolitiker Kaiphas und dem »Menschensohn« Jesus konnte es nicht zu einer fairen Verhandlung kommen. In den Berichten der Evangelisten wird das Verhör geschildert als eine Farce, ein Schauspiel, um die äußere Form zu wahren. Es werden zwar Zeugen angehört, aber die sind offenbar bestochen, und ihre Aussagen sind so widersprüchlich, dass sich darauf keine Anklage bauen lässt. Für Kaiphas steht das Urteil sowieso schon fest, darum will er keine Zeit mehr verlieren und stellt an Jesus die entscheidende Frage, ob er der Messias sei. »Du hast es gesagt«, antwortet Jesus (Mt 26, 64), und das ist eine sehr zweideutige Aussage, denn sie kann ebenso gut bedeuten, dass dies die Meinung des Kaiphas ist. Und in der Tat hat sich Jesus nie als Messias bezeichnet.
Kaiphas hält sich nicht lange damit auf, über Jesus’ Antwort nachzudenken, er will es auch gar nicht. Mit einer theatralischen Geste zerreißt er seine Kleider und behauptet, dass Jesus mit dieser Aussage der Gotteslästerung überführt sei. Alle stimmen ihm zu und fordern die Todesstrafe. Damit fällt die äußere Fassade, und einige der Anwesenden und ihre Handlanger lassen ihrer angestauten Wut auf Jesus freien Lauf. Sie schlagen ihn auf den Kopf und fragen ihn dann, wer ihm die Schläge versetzt hat. Was aus ihnen herausbricht, ist der Ärger darüber, dass diese jämmerliche Gestalt sich anmaßt, der Messias, der Retter Israels zu sein. Statt eines mächtigen Heilsbringers, den sie erwarten, steht da vor ihnen ein abgerissener Zimmermann aus Galiläa, der einen bäuerischen Dialekt spricht, der auf alle Anklagen schweigt, der sich nicht wehren kann. Ein armseliger Niemand! Ein Landstreicher von empörender Lächerlichkeit! Eine Witzfigur!
Während Jesus in den unterirdischen Verliesen von Kaiphas’ Palast weiter verspottet und geschlagen wird, kommt es im Innenhof zu einem Zwischenfall. Petrus ist Jesus in sicherem Abstand bis hierher gefolgt und setzt sich nun an das Feuer, das Soldaten und Bedienstete gegen die kalte Frühjahrsnacht entzündet haben. Als der Schein der Flammen auf sein Gesicht fällt, erkennt ihn eine Magd und wirft ihm vor, auch zu den Leuten um den »Nazarener Jesus« zu gehören. Petrus streitet das ab und zieht sich in die dunkleren Vorhallen zurück. Dort trifft er auf einen Knecht, der auch bei der Verhaftung im Garten Getsemani dabei war und glaubt, Petrus wiederzuerkennen. Petrus bestreitet vehement, je in diesem Garten gewesen zu sein. Nun sind aber die Umstehenden auf ihn aufmerksam geworden, weil sie seinen galiläischen Dialekt bemerkt haben, und sie behaupten, dass er sich nun als ein Anhänger dieses Jesus verraten habe. So in die Enge getrieben, fängt Petrus an zu fluchen, und er schwört sogar: »Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.« (Mk 14, 71)
Im Evangelium des Lukas heißt es an dieser Stelle, dass Jesus sich umwandte und Petrus anblickte. (Lk 22, 61) Das ist natürlich eine Unmöglichkeit, weil Jesus sich im Haus des Kaiphas befand und Petrus außerhalb, im Innenhof. Aber um die räumliche Logik geht es hier nicht. Man könnte auch sagen, dass Petrus den Blick Jesu auf sich spürt. In diesem Moment erinnert er sich daran, was ihm Jesus vorausgesagt hat. Ihm wird bewusst, dass er Jesus dreimal verleugnet und jedes Mal der Hahn gekräht hat. »Und er ging hinaus und weinte bitterlich«, so schließt in der Bibel diese Szene. (Lk 22, 62)
Wie konnte Jesus voraussehen, wie sich Petrus verhalten wird? War Jesus ein Hellseher? Nein, er kannte Petrus nur sehr gut, und er wusste, dass dieser Jünger dazu neigt, sich selber zu überschätzen. Unter den Jüngern war Petrus immer derjenige, der das Wort führte und die anderen in seiner Treue zu Jesus übertreffen wollte. Nur blieben seine Taten meist hinter seinen Worten zurück, wie in jener Geschichte, als die Jünger Jesus auf dem Wasser gehen sahen und Petrus ihm folgen wollte. Nur ein paar Schritte machte er, dann ging er unter und musste von Jesus gerettet werden. (Mt 14, 22-33)
So ähnlich ergeht es ihm jetzt im Innenhof des Kaiphas-Hauses. Noch kurz vorher hat er selbstbewusst erklärt, dass er für Jesus ins Gefängnis gehen und sogar den Tod auf sich nehmen wolle. Davon war nun nichts mehr übrig. Jesus hat das geahnt, weil er wusste, dass gute Absichten noch lange keine Garantie für gute Taten sind. Im Gegenteil hat Jesus immer wieder darauf hingewiesen, dass niemand gut sein kann, nur weil er gut sein will. Der Wille allein reicht nicht aus. Mehr noch: Je vollmundiger jemand seine guten Absichten betont, desto größer ist der Verdacht, dass er die Unsicherheiten und Ängste, die in ihm lauern, nur mit großen Worten übertönen will. Wenn es dann ernst wird, fallen die hehren Vorsätze in sich zusammen, und nicht selten werden dann aus guten Absichten böse Taten. Der Apostel Paulus geht sogar so weit, zu behaupten, dass der Wille zum Guten die Quelle alles Bösen ist. »Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will«, schreibt er in seinem Brief an die römische Gemeinde. (Röm 7, 19) Jesus hat sich diesen Ängsten und Versuchungen immer wieder gestellt, im Kampf mit dem Teufel in der Wüste und im Gebet im Garten Getsemani, und er hat sie im Vertrauen auf seinen Vater überwunden. Petrus hat geschlafen, statt zu beten. Nun, im Haus des Hohepriesters, wird er von seinen Ängsten eingeholt und förmlich überrollt. In dem Moment, als er Jesus’ Blick auf sich spürt, gesteht er sich seine Schwäche ein. Das ist die Chance zu einer Umkehr. Jesus’ Blick ist nicht nur vorwurfsvoll und beschämend, er ist auch verstehend und verzeihend. So wie jeder, der allein auf seinen eigenen Willen und seine moralische Stärke setzt, früher oder später scheitern muss und auf Verständnis und Vergebung angewiesen ist.
Zwar haben Kaiphas und Vertreter des Hohen Rates in der nächtlichen Sitzung Jesus für schuldig erklärt und ihn zum Tode verurteilt, aber es war den Juden nicht erlaubt, ein Todesurteil zu vollstrecken. Das lag allein in der Zuständigkeit der römischen Besatzer. So jedenfalls behauptet es der Evangelist Johannes (Joh 18, 31), und es gibt tatsächlich Hinweise auf einen Erlass aus dem Jahr 30, der es den Juden verbot, Hinrichtungen durchzuführen.96 Die religiösen Führer des jüdischen Volkes waren in dieser Sache abhängig vom Statthalter Roms in Jerusalem, vom Prokurator Pontius Pilatus.
In den frühen Morgenstunden des neuen Tages, es war Freitag, der 14. Nisan, wurde Jesus gefesselt zu Pilatus gebracht, der im ehemaligen Palast des Königs Herodes in der Oberstadt residierte. Es war bekannt, dass Pilatus mit den religiösen Streitereien der Juden nichts zu tun haben wollte. Das sollten diese unter sich ausmachen. Von Belang war ein Fall für Pilatus nur dann, wenn die Interessen Roms berührt wurden. Also musste die Anklage gegen den Mann aus Nazaret so umgewendet werden, dass aus dem Gotteslästerer ein politischer Aufrührer wurde. Laut dem Evangelisten Lukas wurde Jesus nun vorgeworfen, dass er das Volk verführe, dass er dazu aufgerufen habe, dem Kaiser keine Steuern zu zahlen, und dass er behauptet habe, der »Messias und König« zu sein. (Lk 23, 3)
Ob sich jemand als »Messias« bezeichnete, das war Pilatus vermutlich ziemlich egal. Hellhörig dürfte er wohl geworden sein, als das Wort »König« fiel. Denn in Judäa trieben Räuberbanden ihr Unwesen, die sich einen »König« zum Anführer wählten und Überfälle auf römische Einrichtungen verübten.97 Doch Pilatus zögerte, den Schuldspruch der Ankläger zu bestätigen. Vielleicht durchschaute er ihre Taktik und wollte sich nicht zum Erfüllungsgehilfen von Leuten machen lassen, die er verachtete. Vielleicht auch konnte er sich beim besten Willen den Angeklagten nicht als einen Räuberhauptmann vorstellen.
Der da vor ihm stand, machte doch einen recht harmlosen Eindruck. Er war nicht aufsässig. Er schwieg zu allen Vorwürfen. Wehrte sich nicht. Und nach allem, was Pilatus gehört hatte, war auch seine Anhängerschaft alles andere als eine Räuberbande. Es waren irgendwelche sonderbaren Frauen und Männer, die wie Obdachlose friedlich durchs Land zogen. Und die Lehren, die sie verbreiteten, waren offenbar nicht gegen Rom gerichtet. Warum also sollte er sich von den jüdischen Führern zwingen lassen, einen harmlosen Spinner wie diesen Mann aus Galiläa hinzurichten?
Andererseits musste Pilatus auf seinen Ruf in Rom achten. Seitdem der Kaiser Tiberius sich aufs Land zurückgezogen hatte, war der Präfekt der Leibgarde Aelius Seianus der mächtigste Mann des Reiches. Er war es auch gewesen, der Pontius Pilatus nach Judäa geschickt hatte. Seianus hasste alle Juden, und Pilatus konnte mit seinem Beifall rechnen, wenn er keine Gelegenheit ausließ, um die Juden zu provozieren und Blutbäder unter ihnen anzurichten. Würde Seianus es verstehen, wenn Pilatus einen Juden ungeschoren davonkommen ließ, der von seinen eigenen Leuten beschuldigt wurde, ein Feind Roms zu sein?
In den Schilderungen der Evangelisten Lukas und Johannes versucht Pilatus, sich der Sache irgendwie zu entledigen. Er schickt Jesus zu Herodes Antipas, der sich ebenfalls in Jerusalem aufhält, damit der als Jude den Fall beurteilt. Und als auch dabei nichts herauskommt, macht er sogar den Vorschlag, zum Passahfest einen Gefangenen freizulassen: entweder den Mann aus Nazaret oder den bekannten »Straßenräuber« (Joh 18, 40) und Mörder Barabbas. Pilatus hat sicher damit gerechnet, dass die Ankläger nachgeben und sich dafür entscheiden, den harmlosen Jesus die Freiheit zu geben. Er hat wohl nicht bedacht, dass Barabbas kein gewöhnlicher Verbrecher war, sondern ein »Widerstandskämpfer«, der offenbar an einem Aufstand teilgenommen und dabei auch römische Soldaten getötet hat.98 Er ist also ein politischer Messias nach dem Geschmack des Volkes, wohingegen der seltsame Rabbi aus Galiläa zwar auch Freiheit verspricht, aber sich gegen jeden Kampf entschieden hat. Es ist daher nicht überraschend, dass sich die Ankläger nicht auf den vorgeschlagenen Handel einlassen. Sie verlangen lautstark die Freilassung des Barabbas und den Tod des Nazareners.
Pilatus hat sich durch sein Lavieren in eine heikle Lage gebracht. Er muss nun einen für die Römer gefährlichen Banditen freilassen. Trotzdem will er dem Drängen der Juden nicht nachgeben. Immer wieder lässt er Jesus vorführen, um mit ihm zu sprechen, wohl um einen triftigen Grund zur Verurteilung aus ihm herauszulocken. Doch entweder schweigt Jesus oder er gibt Antworten, die Pilatus nicht versteht. Es ist, als ob beide in verschiedenen Welten leben und nicht anders können, als aneinander vorbeizureden.
Wenn Jesus von seinem »Königtum« spricht, versteht er etwas ganz anderes darunter als Pilatus. Dieser residiert ja im Palast des ehemaligen Königs der Juden, Herodes des Großen, und dementsprechend ist auch sein Bild eines Königs. Er herrscht über ein Volk, lebt in unvorstellbarem Luxus, hat Macht und befehligt eine Armee. Dass es einen König geben soll, der sich freiwillig erniedrigt, der auf Macht verzichtet und wie ein Bettler unter den Menschen lebt, das ist für Pilatus schlicht unvorstellbar. Auch als Jesus von der »Wahrheit« spricht, für die er Zeugnis ablegen möchte, kann Pilatus nur mit den Schultern zucken: »Was ist Wahrheit?« (Joh 18, 38)
Für Pilatus ist der oberste Maßstab der Machterhalt des Römischen Reiches. Was diesem Ziel dient, ist »wahr«, was ihm nicht dient, ist »falsch«. In diesem Sinn kann Wahrheit sehr variabel sein, je nachdem, wie sich die Ziele ändern. So gesehen, ist die Skepsis des Pilatus verständlich. Solche Skepsis ist berechtigt gegenüber Leuten, die behaupten, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Das kann keine Wahrheit sein, die frei macht, im Gegenteil, in ihrem Namen werden fremde Gedanken bekämpft und Andersdenkende zu Feinden erklärt. So etwas passiert immer dann, wenn Wahrheit zu einer Lehre gemacht wird, um Menschen vorzuschreiben, was sie zu denken und wie sie zu handeln haben.
Für Jesus ist Wahrheit keine Lehre, keine Sammlung von Vorschriften. Wahrheit, die Jesus meint, ist nie theoretisch, sie ist immer konkret. Er selbst ist diese Wahrheit, und sie zeigt sich darin, wie er gelebt und gewirkt hat, in tiefer Verbundenheit mit seinem Vater. »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben«, sagt er bei Johannes (Joh 14, 6) und will damit auch ein Vorbild geben für ein Leben, das frei ist von Ängsten, von Illusionen, von falschen Autoritäten, von Leben zerstörendem Selbsthass oder schädlicher Selbstüberschätzung. In diesem Sinn ist Jesus der »wahre Mensch« oder, wie die Theologin Dorothee Sölle meinte, der »glücklichste Mensch, der je gelebt hat«.99
Pilatus greift nun zu einem letzten Mittel, um sich aus der Affäre zu ziehen. Er gibt den Befehl, Jesus auszupeitschen, in der Hoffnung, dass mit dieser Strafe seine Ankläger endlich zufrieden sind und keine weiteren Forderungen mehr stellen. Die Prozedur der »Geißelung« war beileibe keine milde Strafe, nicht selten endete sie mit dem Tod eines Menschen. Der Verurteilte wurde nackt an eine Säule gebunden, dann schlugen Folterknechte mit Peitschen aus Lederriemen auf ihn ein, in die Eisenspitzen, Bleikugeln und Knochenstücke eingeflochten waren, die bei jedem Schlag einen Fetzen Haut wegrissen. Manchmal wurde diese grausame Bestrafung so lange fortgesetzt, bis bei einem Opfer die Eingeweide offenlagen.100
In den Berichten über Jesus’ Leiden belassen es die Soldaten des Pilatus nicht bei den körperlichen Qualen. Sie legen ihm einen roten Mantel um die Schultern, drücken ihm eine Krone aus Dornen auf den Kopf und geben ihm ein Rohr als Zepter in die Hand. Dann werfen sie sich vor ihm nieder und verspotten ihn als »König der Juden«, wobei sie ihn immer wieder anspucken und schlagen.
Pilatus lässt den misshandelten und als König drapierten Jesus zur Schau stellen. Das geschieht auf einem Platz vor dem Herodespalast, wo sich inzwischen eine Menschenmenge angesammelt hat. Pilatus, der auf einer überdachten Bühne auf seinem Richterstuhl sitzt, hofft, dass der Anblick des geschundenen und als lächerliche Königsfigur verkleideten Jesus die Leute besänftigt und Mitleid hervorruft. Doch der Pöbel hat sich wie in einen Blutrausch hineingesteigert und fordert wütend den Tod des Mannes aus Nazaret. »Kreuzige, kreuzige!«, schreien die Leute. Und ihre Wortführer stoßen nun eine Drohung aus, die Pilatus an seinem empfindlichsten Punkt trifft. Sie behaupten, dass Pilatus nicht mehr der Freund des Kaisers ist, wenn er Jesus freilässt.
Diese Drohung, sich an den Kaiser in Rom zu wenden und sich dort über ihn zu beschweren, verfehlt nicht ihre Wirkung. Pilatus gibt seinen Widerstand auf. Seine Angst vor dem Kaiser ist größer als seine Zweifel an der Schuld des Angeklagten und sein Widerwille, sich von den Juden erpressen zu lassen. Er wäscht seine Hände in Unschuld und gibt Jesus zur Kreuzigung frei.
Der russische Schriftsteller Michail Bulgakow hat in seinem Roman Der Meister und Margarita die Begegnung zwischen Pontius Pilatus und Jesus, der hier Jeshua han-Nasri genannt wird, neu erzählt. Pilatus ist darin ein kranker Mann, der nur seinen Hund liebt und Jesus gegen sein eigenes Gewissen zum Tode verurteilt. In der Nacht nach dem Urteil träumt er, dass er mit Jesus einen Spaziergang macht und Jesus dabei sagt, dass Feigheit eine der schrecklichsten Sünden sei, worauf ihm Pilatus entgegnet: »Nein, Philosoph, ich widerspreche dir: Es ist die schrecklichste Sünde!« Am nächsten Tag lässt Pilatus Levi Matthäus, einen Anhänger Jesu, vorführen und sich das Pergament zeigen, auf dem Levi die Worte seines Meisters aufgeschrieben hat. Pilatus zuckt zusammen, als er die letzte Eintragung entziffert: »… die größte Sünde … Feigheit …«101
Der römische Philosoph und Politiker Cicero bezeichnete die Kreuzigung als die grausamste und abscheulichste Form der Hinrichtung.102 Sie diente in erster Linie der Abschreckung und vornehmlich Rebellen und Schwerverbrecher wurden auf diese Weise getötet. Aus antiken Quellen und aufgrund von archäologischen Funden weiß man, wie die Praxis der Kreuzigung ablief, und nimmt man die Schilderungen der Evangelien hinzu, kann man sich ein Bild davon machen, wie Jesus hingerichtet wurde.
Das Exekutionskommando führte Jesus zusammen mit zwei anderen Verurteilten zu einem Hügel vor der Stadt, der von Weitem aussah wie eine Schädeldecke und auf Aramäisch Golgota, also Schädelhöhe hieß. Jesus musste nicht, wie es oft dargestellt wird, das ganze Kreuz tragen, sondern nur den Querbalken. Der war schwer genug, und Jesus war von der Geißelung so geschwächt, dass die Soldaten kurzerhand einem Mann namens Simon, der gerade von der Arbeit auf dem Feld kam, befahlen, den Balken zu schleppen.
Auf der Richtstätte war der Kreuzespfahl schon senkrecht in die Erde gerammt worden. Jesus wurde mit ausgestreckten Armen auf den Querbalken gelegt und durch die Handgelenke am Holz festgenagelt. Anschließend wurde der Balken mit Stricken am senkrechten Pfahl hochgezogen und dort befestigt. Die Füße wurden auf einem kleinen Querholz festgenagelt, damit der Körper nicht durchhängt und der Tod nicht zu schnell eintritt. Oberhalb von Jesus’ Kopf wurde eine Holztafel angebracht, auf der sein Vergehen genannt wurde: »Jesus von Nazaret, der König der Juden«. Die jüdischen Oberpriester beschwerten sich zwar über diese Inschrift, weil Jesus nicht wirklich der König der Juden sei, sondern es nur behauptet habe. Aber Pilatus weigerte sich, die Inschrift zu ändern.
Viele Schaulustige sind mit hinauf auf den Schädelberg gewandert. Für sie ist das Ganze ein Spektakel, bei dem sie auch ihren Spaß haben wollen. Sie haben gehört, dass dieser Zimmermann aus Galiläa von sich behauptet habe, er sei Gottes Sohn. Und nun machen sie sich über ihn lustig und fordern Jesus auf, doch seine göttliche Macht zu zeigen und vom Kreuz herunterzusteigen. Unter den Gaffern sind nur wenige, die Jesus zu seinen Freunden gezählt hat. Der Evangelist Lukas nennt nur einige Frauen, die ihm aus Galiläa gefolgt sind, Maria von Magdala war wohl darunter. Aber wo sind die Jünger? Judas Ischarioth hat sich aus Verzweiflung darüber, was er angerichtet hat, das Leben genommen. Aber wo ist Petrus? Wo sind Jakobus, Matthäus und die anderen?
Bis ein Mann am Kreuz starb oder, richtiger gesagt, bis er jämmerlich krepierte, konnte es Stunden, ja Tage dauern. Manchmal wurden den Hingerichteten die Schienbeine gebrochen, damit sie sich nicht mehr abstützen konnten und rasch erstickten. Jesus musste nicht so lange leiden. Um die neunte Stunde, also gegen fünfzehn Uhr nachmittags, ging es mit ihm zu Ende. Zu dieser Zeit war die Richtstätte wohl ziemlich verlassen. Nur ein paar Soldaten hielten Wache. Die Menschen in Jerusalem waren mit anderen Dingen beschäftigt. Mit der Dunkelheit begann das Passahfest und alle Vorbereitungen mussten noch getroffen werden. In seinem Todeskampf war Jesus alleine. Sogar von seinem Vater fühlte er sich verlassen. In seiner aramäischen Muttersprache rief er laut: »Elohi, Elohi, lama sabachthani?«, was übersetzt heißt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Kurz darauf fiel sein Kopf zur Seite und mit einem lauten Schrei starb er.
Irgendwo in Jerusalem waren die Jünger Jesu. Sie hatten sich versteckt, weil sie fürchteten, auch verhaftet zu werden. Der Tod ihres Meisters war für sie ein Schock. Was anders sollten sie denken, als dass nun alles vorbei war? Die Sache mit Jesus war gescheitert. Ihr Meister hing wie ein gewöhnlicher Verbrecher am Kreuz.
Es waren nicht die Jünger, die sich um den Leichnam kümmerten. Ein Mann namens Joseph von Arimathäa, ein vornehmer Jude und Ratsherr, holte sich von Pontius Pilatus die Erlaubnis, den toten Jesus von Nazaret vom Kreuz nehmen und bestatten zu dürfen. Er musste sich beeilen, denn während des Passahfestes waren Begräbnisse verboten. Der Leichnam wurde in Leinentücher gewickelt und dann nicht weit vom Hinrichtungsort in eine Felsennische gelegt.103 Dann wurde das Grab mit einem Rollstein verschlossen.