Isis

 

Der Regen prasselte an Michaels Autoscheibe, und es graute ihm, aus dem Wagen zu steigen. Michael hasste das nasse Wetter, das seit Wochen herrschte. Bevor er aus dem Wagen stieg, blickte er sich kurz um. Das tat er seit nunmehr genau zehn Jahren. Es war unbewusst, aber es war eine Angewohnheit, die er nicht ablegen konnte. Für sein Referendariat wurde Michael Seibold in ein kleines Kaff namens Breitenbüchl in Niederbayern versetzt. Kollegen und Schüler waren ungewöhnlich freundlich, und schnell lebte er sich in der Kleinstadt ein. Er selbst kam aus Cham, und schon seit er denken konnte, wollte er nichts anderes als unterrichten. Nun endlich stand er vor einer Klasse mit 28 Schülern einer Realschule und unterrichtete Mathematik und Religion. Es war kurz vor Weihnachten, als eine neue Schülerin in die 10c kam – Isis Kucher, genau wie ihr entzückender Name eine atemberaubende Erscheinung. Isis hatte einen durchdringenden, forschen Blick. Ihre dunklen Augen hatten eine arabische Intensität, die Michael bei einer Europäerin noch nie gesehen hatte. Sie erinnerte ihn an irgendjemanden, doch er vermochte nicht zu sagen, an wen. Sie mochte ihn, das bemerkte er sehr schnell. Von den anderen Lehrern hörte er nur Negatives über das Mädchen, doch bei ihm war sie hellwach und sehr aufmerksam – das imponierte ihm. Sie ließ nichts anbrennen, das hörte er im Vorbeigehen von den Jungs aus der Klasse, und im Januar konnte er sich selbst davon überzeugen. Er saß noch im Klassenraum, um einige Arbeiten durchzugehen, als sie plötzlich vor ihm stand.

Ich stehe auf dich.“ Michael war im ersten Moment so perplex, dass er nicht antworten konnte. Er schüttelte irritiert den Kopf.

Bitte?“

Sie haben schon richtig gehört.“ Sie kam näher auf ihn zu und instinktiv wich er einen Schritt zurück.

Isis, weißt du eigentlich, was du da sagst?“

Überleg es dir einfach, ok?“ Sie lächelte ihn verführerisch an, drehte sich um und ging. Michael stand noch einige Sekunden da und starrte zur Tür. Seine Hände waren schweißnass und er war komplett überrumpelt. Hatte ihn da wirklich eine sechzehnjährige Schülerin angemacht? Er grinste und machte sich wieder an seine Arbeit, doch konzentrieren konnte er sich nur noch auf Isis.


 

Isis, warum machst du das? Du wirst uns in verdammte Schwierigkeiten bringen.“ Marie blickte sie aus traurigen Augen an.

Das ist eine einmalige Chance. Besser hätte es nicht laufen können.“

Du spinnst doch, hör doch endlich auf damit.“

Ich höre erst auf, wenn er seine Strafe bekommt.“

Marie schüttelte den Kopf und drehte sich von ihr weg, aber Isis wusste, dass es jetzt an der Zeit war. Es konnte kein Zufall sein, dass er plötzlich als ihr Lehrer vor ihr stand – das war Schicksal. So viele Jahre hatte sie sich nach diesem Moment gesehnt, und jetzt war es endlich soweit.


 

Michael saß alleine in seiner Wohnung, seine Gedanken kreisten um Isis. Egal auf was er sich zu konzentrieren versuchte, immer wieder erschien ihm ihr Gesicht. Sie flirtete mit ihm, warf ihm sinnliche Blicke zu, und er konnte kaum noch widerstehen. Nicht, dass er auf junge Mädchen stand, aber er war einsam, sein ganzes Leben lang schon einsam. Anfangs fragte er sich noch, ob es ein blöder Streich war, denn er sah weder gut aus, noch war er irgendwie cooler als andere Lehrer. Doch im Laufe der Wochen glaubte er daran, dass sie auf ihn stand, und verliebte sich langsam in dieses unglaublich interessante Mädchen. Wie er solche Typen immer verachtet hatte, früher, als er noch nicht gewusst hatte, was es bedeutete, verliebt zu sein. Er war Ende Zwanzig, aber eine feste Freundin hatte er bisher noch nicht gefunden. Er hatte auch nicht gesucht, denn er durfte nicht auffallen. Er lebte abgeschottet, hatte fast keine Freunde und wurde von seinen Dämonen verfolgt. Seit dem Ereignis vor zehn Jahren hatte sich alles verändert. Er war ein anderer Mensch geworden. Aber was hätte er denn machen sollen? Sein ganzes Leben stand auf dem Spiel. Er hätte einfach zu viel verloren. Nachts quälten ihn Alpträume, die aber seit dem Erscheinen von Isis wie weggeblasen waren.


 

Es war ein Dienstag, als sie plötzlich vor seiner Türe stand. Er war überrascht, doch seine Freude konnte er nicht verbergen. Er wusste, dass er sich nahe an einen Abgrund heranwagte, der schnell sein Verderben sein könnte, doch er konnte nicht widerstehen. Ohne ein Wort zu sagen, betrat sie seine Wohnung. Ihre Jacke war nass, sie tropfte, die Haare klebten an ihren Wangen, und ihr Blick schweifte durch seine Wohnung. Er ärgerte sich darüber, dass er nicht aufgeräumt hatte, aber wie hätte er ahnen können, dass sie kommen würde?

Ich will dich kennenlernen.“ Ihre Stimme war sanft und sie lächelte. Sie zog sich ihre Jacke aus und nahm auf seiner Couch Platz. Sie war weder besonders verführerisch noch gut angezogen, im Gegenteil, sie trug ausgewaschene Jeans und einen Rollkragenpullover, dennoch klopfte Martins Herz bis zum Hals. Er nahm ebenfalls Platz, und die Spannung im Raum war förmlich zu spüren.

Warum bist du hier?“ Michael ergriff das erste Mal seit ihrer Ankunft das Wort.

Wie gesagt, ich stehe auf dich … Und ich denke, du auch auf mich, oder nicht?“

Ihre Augen musterten ihn, und er spürte den Drang, sie zu küssen, doch noch traute er sich nicht.

Ich bin dein Lehrer. Ich darf es nicht soweit kommen lassen.“

Wir haben doch noch gar nichts gemacht. Wir unterhalten uns doch nur.“ Sie knotete ihre nassen Haare zu einem Pferdeschwanz.

Hast du eine Freundin?“

Nein, habe ich nicht.“

Dann ist ja gut.“ Sie kam auf ihn zu und strich ihm über das Gesicht. Langsam setzte sie sich auf ihn und küsste ihn – fordernd, leidenschaftlich. Er wusste nicht, was ihm geschah, doch er ging darauf ein – das sollte sein Untergang werden.


 

Als Isis nach Hause kam, schlief Marie bereits, das war gut. Isis war überrascht gewesen, wie zurückhaltend dieser Kerl war. Vor ein paar Tagen war der Hass noch überwältigend gewesen, doch nun hatten sich die Gefühle geändert. Nachdem sie miteinander geschlafen hatten, hatte er sich tausendmal entschuldigt. Es käme nie wieder vor, hatte er gesagt, obwohl es nicht seine Schuld war. Er hatte Angst. Doch genau das wollte sie ja, er sollte Angst bekommen. Es sollte ihre Rache werden. Warum kam sie plötzlich ins Grübeln? Was hatte sich nur geändert? Sie kuschelte sich an ihre kleine Schwester, die im Schlaf nach ihrem Arm griff. Sie liebten sich abgöttisch – Isis und Marie waren eine Einheit.


 

In der Schule am Mittwochmorgen war alles wie immer. Isis saß in der letzten Reihe und beachtete ihn nicht. Was hatte er denn erwartet? Dass sie zum Schulleiter lief? Oder Anzeige erstattete? Er wusste es selber nicht, doch die Angst der letzten Tage war zu stark gewesen. Schüler waren zu allem fähig – vorgetäuschte Vergewaltigung, Verleumdung, das alles hatte es schon oft gegeben. Er war erleichtert, dass sie so tat, als sei alles normal. Vielleicht würde alles wieder gut werden. Es war ein Ausrutscher gewesen. Er hatte ihr ja nichts getan, sie hatte es selbst gewollt.


 

Von nun an kam Isis jede Woche bei ihm vorbei, und seine Angst war fast verschwunden. Sie kochten zusammen, unterhielten sich und schliefen miteinander. Es war eine Beziehung, die sie hatten, jedenfalls dachte das Michael. Nach dem ersten Mal hatte er sie ignoriert, doch am Dienstag war sie dann wieder vor seiner Türe aufgetaucht und er ließ sie erneut herein. Er versuchte ihr zu erklären, dass es nicht ging, dass sie damit aufhören mussten, doch er blieb nicht standhaft. Er gab ihren Blicken, ihrem Drängen, ihrer Erotik nach, und es entwickelte sich mehr als nur eine Affäre – für ihn war es Liebe.


 

Was machst du eigentlich immer bei dem Kerl?“ Marie war schon die ganzen zwei Monate misstrauisch gewesen, doch nun wollte sie es endlich wissen.

Was denkst du schon, was ich mit ihm mache? Ich will herausfinden, warum er es getan hat.“

Was denkst du denn, dass du herausbekommst? Er ist ein Arschloch, und du lässt dich mit diesem Kerl ein. Du bist echt verrückt. Ich kenne dich nicht wieder.“

Halt du deinen Mund. Was weißt du schon? Du warst noch viel zu klein, um es zu begreifen?“

Ich war zu klein? Ich war genauso dabei wie du. Ich hasse dich.“

Marie rannte aus dem Zimmer, und schon bereute Isis den Streit. Ihre Schwester war die einzige Verwandte die ihr geblieben war, doch sie war noch zu klein, um alles richtig einzuordnen. Im Innern aber wusste sie, dass sie Unrecht hatte und Marie im Recht war.


 

Marie konnte nicht glauben, was sie sah. Sie war ihrer Schwester gefolgt und spähte nun durch das Wohnzimmerfenster dieses ekelhaften Kerls. Sie küssten sich und taten noch mehr. Marie rannen die Tränen herunter, sie konnte nicht mehr hinsehen. Wie lange sie im Regen saß, das wusste sie nicht mehr. Sie hörte, wie sich Isis von dem Typen verabschiedete, und sprang sofort auf. Sie rannte um das Haus herum und stand direkt vor den beiden, die sie erschrocken anstarrten. Sie rüttelte und schlug Isis, bis sie der Kerl zu Boden warf und sich auf sie stürzte.

Hör auf, Michael. Verdammt, hör auf. Sie ist meine Schwester.“

Erschrocken sprang er auf und wich zurück. Marie weinte immer noch und schrie unverständliches Zeug.

Marie, beruhige Dich.“ Isis versucht ihre Schwester zu beruhigen, doch diese flippte komplett aus.

Du Mörder, du verdammter Mörder. Was machst du mit meiner Schwester?“

Michael blieb verdutzt stehen, und plötzlich tat sich etwas in seinem Kopf. Er kannte dieses Mädchen – ihre Stimme, ihr Gesicht, ihre Augen. Nein, das konnte nicht sein, das dufte nicht sein. In seinem Kopf verschwamm alles zu einem Brei, er wusste nicht mehr ein noch aus. Die Mädchen rannten gemeinsam weg, und er blieb zurück, im Regen auf der Stufe zu seinem Zuhause und weinte. Die Bilder von vor zehn Jahren waren in seinem Kopf – präsenter denn je. Die Mutter mit ihren beiden Töchtern, die an der Donau spazieren gingen. Michael, der mit seinem Auto ihnen entgegenfuhr und plötzlich die Kontrolle über das Gefährt verlor. Michael, der direkt auf sie zu raste, auf die Mutter, die ihre Kinder je an einer Hand hielt. Er prallte direkt auf die drei Frauen, deren Augen sich weiteten, als sie das Unglück auf sich zukommen sahen. Alle drei wurden durch die Luft geschleudert. Es passierte alles wie in Zeitlupe. Michael raste davon, ohne zurückzublicken, ohne zu helfen. Aus der Zeitung erfuhr er, dass die Mutter gestorben war, die Töchter aber nur leicht verletzt worden waren. Er meldete sich nicht bei der Polizei und er wurde nicht gefasst. Keiner hatte den Unfall beobachtet, das war sein Glück. Gleichzeitig bedeutete es den Tod einer jungen Mutter, für die jede Hilfe zu spät kam. Wie konnte es sein, dass diese Mädchen nun in sein Leben traten? Es war ein Spiel, das Isis mit ihm spielte – von Anfang an.


 

Bist du verrückt geworden. Warum bist du mir gefolgt? Was sollte das?“ Isis schrie Marie an, schüttelte sie, doch diese war immer noch in Schockstarre. „Marie, beruhige dich. Es tut mir leid. Bitte beruhige dich.“ Langsam atmete sie wieder ruhiger und hörte auf zu weinen. Sie saßen einige Straßen weiter im Regen auf einem Randstein, und Isis hatte den Arm um ihre kleine Schwester gelegt, die so schutzlos schien in diesem Moment.

Ich habe euch gesehen. Du hast ihn geküsst und … und mit ihm geschlafen. Du bist so ekelhaft.“ Wieder fing Marie an zu weinen.

Das habe ich für uns getan. Ich will doch diesen Kerl auch fertigmachen. Ich habe alles auf Video, was er mit mir gemacht hat. Ich muss es nur dem Direktor bringen, und sein Leben ist kaputt.“

Warum hast du es dann nicht schon nach dem ersten Mal getan?“ Der Blick von Marie war so unendlich traurig und bohrend. Ja, warum hatte es Greta noch nicht getan? Was ging in ihr vor?

Ich werde es tun. Gleich Morgen.“

Marie nickte, und sie gingen nach Hause.


 

Die nächsten drei Tage ließ Michael sich krankschreiben, er konnte ihr unmöglich ins Gesicht sehen. War hatte er nur getan? Er wusste die ganze Zeit, dass es ein Fehler war, doch nun war klar, dass es kein gutes Ende nehmen würde. Isis wollte ihn fertigmachen und sie würde nicht mehr lange warten, um ihre Affäre öffentlich zu machen. Er hatte sich in Isis verliebt. Warum hatte er damals diesen verdammten Fehler gemacht? Er bekam Fieber, wurde wirklich krank – krank vor Panik und Angst. Am dritten Tag hielt er es nicht mehr aus und machte sich auf den Weg zur Schule. Er wusste, dass Isis meist zu spät kam, und passte sie gemeinsam mit ihrer Schwester ab.

Was will der denn hier?“ Marie entdeckte ihn sofort.

Isis, bitte lass uns reden.“

Reden? Über was? Darüber, dass du verdammtes Dreckschwein meine Mutter getötet hast und dann abgehauen bist?“

Schrei doch nicht so?“

Ich soll nicht schreien? Warum denn? Schämst du dich? Hast du Angst aufzufliegen?“

Du hattest doch auch Gefühle für mich, oder nicht?“

Ich hatte nie Gefühle für dich. Ich hasse dich. Ich habe es die ganze Zeit gewusst, ich wollte dich nur leiden sehen. Du wirst in deinem Leben nie wieder unterrichten. Ich habe Fotos und Videos, die werden dein Untergang sein.“

Er wusste nicht, was er sagen sollte, er konnte es ohnehin nicht ändern. Die beiden Mädchen gingen an ihm vorbei und verschwanden im Schulgebäude.


 

Isis hatte Tränen in den Augen. Er stimmte, sie hatte sich ebenfalls in ihn verliebt. Wie das geschehen war, das wusste sie nicht. Er war nett, charmant, und er wirkte nicht wie ein skrupelloser Mörder. Sie hatte sich den Kerl anders vorgestellt, hatte gedacht, er wäre kalt, doch Martin war süß und ängstlich wie ein Kind. Sie hatte die Zeit mit dem Mörder ihrer Mutter genossen, das brach ihr erneut das Herz. Sie brachte es aber nicht über sich, zum Schulleiter zu gehen. Sie erzählte Marie davon, und sie verstand es, wie sie immer alles verstand. Sie beschlossen, die Fotos und Videos zu vernichten und mit ihrer Vergangenheit abzuschließen. Was geschehen war, war geschehen, Rache würde das nicht ändern. Sie würde Schluss machen mit Michael, die Beziehung hatte keinen Sinn. Sie würden ihn gehen lassen, und er würde von vorne beginnen können. Morgen würden sie zu ihm gehen und mit ihm sprechen.


 

Michael war tief verletzt, und seine Schuldgefühle überwältigten ihn. Die letzten zehn Jahre hatte er immer wieder an diese Familie gedacht, hatte sich ausgemalt, was mit den Mädchen geschehen war, und gewusst, dass er irgendwann dafür würde büßen müssen. Dieser Moment war nun gekommen. Er setzte sich in sein Auto und fuhr mit 180 Stundenkilometern an einen Baum. Er war sofort tot.