Gib mir die Kraft
Dorothea saß vor dem Grab ihrer Tochter, die seit über vierzig Jahren tot war. Es war ein schönes Grab. Sie hatte sich für einen herzförmigen Grabstein entschieden, denn Herzen hatte Jasmin immer so gerne gemocht. Dorothea entfernte mit ihrer zittrigen Hand das herabgefallene Laub vom Grab und betrachtete die schönen Rosen, die sie gepflanzt hatte. Die goldene Schrift war etwas verblasst, doch die Erinnerung an den Tag der Beerdigung, an das Gefühl des Verlustes waren genauso präsent wie damals. Sie sah immer noch das leere Bett vor sich. Spürte noch immer die Angst und die traurige, dunkle Gewissheit.
„Ich hasse dich!“ Jasmin knallte die Türe zu ihrem Kinderzimmer zu und ließ ihre Mutter ratlos stehen. In letzter Zeit häuften sich die Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter. Dorothea unternahm keine Anstalten, ihrer pubertierenden Tochter zu folgen, sondern begab sich ins Wohnzimmer. Es würde ohnehin nichts bringen, mit Jasmin zu reden. Sie blieb dieses Wochenende zuhause und damit basta. Es reichte wohl nicht aus, dass sie vor einer Woche beim Ladendiebstahl erwischt worden war. Nein, dieses Mal nicht. Dorothea wollte von nun an härter durch greifen.
„Sie lässt mich nicht weg.“
„Du musst aber mit. Ich traue mich nicht allein.“
„Ich kann nicht, ehrlich. Seit letzter Woche ist sie nur noch misstrauisch. Ich darf es jetzt nicht übertreiben, sonst muss ich in den Ferien wieder zu meinen Großeltern.“
„Tobi hat das Auto. Er kann dich abholen.“
„Spinnst du. Wenn meine Mom das mitkriegt, komme ich nie wieder raus.
„Sie muss es ja nicht wissen.“
„Ich weiß nicht.“
„Komm schon. Um zehn holen wir dich an der Kurve ab, und morgen früh bist du wieder in deinem Bett. Sie merkt nichts.“
Jasmin war nicht wohl bei der Sache, doch sie wollte nicht als Spielverderberin dastehen.
„Ok, um zehn.“
Dorothea klopfte um neun Uhr nochmal an die Türe ihrer Tochter. Sie wollte sich vor dem zu Bett gehen noch mit Jasmin aussprechen, doch die Türe war verschlossen. Dorothea wusste nicht, wie sich das Verhältnis zu ihrer Tochter so plötzlich hatte verschlechtern können. Vor ein paar Jahren noch waren sie ein super Team gewesen – beste Freundinnen. Von einem Tag auf den anderen hatte sich alles geändert: Jasmin war in die Pubertät gekommen und hatte begonnen, gegen Dorothea zu rebllieren.
„Jasmin. Darf ich rein kommen?“
„Verpiss dich.“
„Ich habe morgen Frühschicht. Ich schaue, bevor ich fahre, nochmal bei dir rein.“
„Von mir aus.“
„Gute Nacht.“
„Nacht.“
Dorothea schreckte aus dem Schlaf. Was war das? Die Türe? Ja, es läutete. Verschlafen späte sie auf ihre Armbanduhr. Fünf Uhr. Wer konnte das sein? Sie schnappte sich ihren Bademantel und tappte zur Haustüre. Sie ging dabei am Zimmer ihrer Tochter vorbei. Den Lichtstrahl, der unter der Türe durchschimmerte, den bemerkte Dorothea nicht. Ohne zu fragen, wer draußen stand, öffnete sie die Türe.
„Frau Bauer?“ Verwirrt blickte Dorothea in die Gesichter zweier Polizisten.
„Ja. Was wollen Sie?“
„Dürfen wir kurz herein kommen?“
„Weswegen? Um was geht es?“
„Es geht um ihre Tochter?“
„Um Jasmin?“
„Frau Bauer, dürfen wir bitte hereinkommen?“
Dorothea bekam es mit der Angst zu tun. Sie geleitete die beiden Herren ins Wohnzimmer. Warum standen um fünf Uhr morgens zwei Polizisten vor der Haustür?
„Wieso kommen Sie um diese Uhrzeit?“
„Frau Bauer, bitte setzen Sie sich doch.“ Alle drei saßen auf der Couch, immer noch konnte sich Dorothea nicht vorstellen, was die Polizei von ihrer Tochter wollte. Nervös zupfte sie am Bund ihres Bademantels herum. Die Gesichter der beiden Polizisten wirkten grau, alt, farblos. Als hätten sie eine schwere Nacht hinter sich. Sie waren sicherlich noch jünger als sie selbst, doch der Beruf hatte sie schnell altern lassen.
„Ihre Tochter hatte heute Nacht einen Autounfall …“ Dorothea fing an zu lachen – vor Erleichterung.
„Das muss eine Verwechslung sein. Jasmin liegt in ihrem Zimmer. Sie ist heute Abend zuhause geblieben.“
„Frau Bauer. Wir sind uns sicher, dass es sich um ihre Tochter handelt.“
„Nein, das kann nicht sein. Sie liegt in ihrem Bett. Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen.“
Sie standen vor dem Kinderzimmer. Die Polizisten warfen sich unschlüssige Blicke zu – mitleidige Blicke. Dorothea klopfte sanft an die Türe ihrer Tochter.
„Jasmin? Mach die Türe auf.“ Nichts.
„Frau Bauer. Ich glaube nicht …“ Sie unterbrach den Polizisten und klopfte weiter an die verschlossene Türe.
„Jasmin, mach sofort auf.“ Sie klopfte immer lauter. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie schrie.
„Jasmin. Das ist kein Scherz. Mach sofort auf.“ Sie klopfte wie wild an die Türe. Die Tränen rannen ihr über das Gesicht.
„Frau Bauer, bitte beruhigen Sie sich. Ihre Tochter ist nicht in ihrem Zimmer.“
„Ich habe noch einen Ersatzschlüssel. Sie hat einen guten Schlaf, sie wird uns nicht hören.“ Dorothea öffnete die Türe. Leise, als wolle sie die schlafende Jasmin nicht wecken. Es brannte Licht. Eine Zeitung lag auf dem Bett. Klamotten lagen auf dem Boden. Das Fenster war geöffnet. Kalter Wind wehte Dorothea entgegen. Jasmin war nicht da. Dorothea fing an zu weinen, fiel zu Boden. Der Polizist fasste sie an der Schulter und sie sah ihm in die Augen. „Sie hat gesagt, sie hasst mich.“
Heute sollte es soweit sein. Heute würde Dorothea zu ihrer Tochter kommen, und dann wären sie wieder vereint. Vierzig Jahre hatte sie dafür gebraucht, diesen endgültigen Schritt zu tun. Sie hätte es früher getan, wäre sie nicht so gläubig gewesen. Hätte sie nicht so viel Angst gehabt. Sie hatte ein Leben in Trauer geführt, nur noch schwarz getragen, keine Männer mehr getroffen. Hatte täglich gebetet. Gott würde es ihr verzeihen, wenn sie nun einen Schlussstrich zog. Die zittrige Hand fasste in die Tasche ihres Wintermantels und zog zwei Dosen mit Tabletten heraus. Dann legte sie sich neben das Grab ihrer Tochter und wachte nie wieder auf.
Gott,
gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine von dem andern zu unterscheiden. (Reinhold Niebuhr, 1943)