Sie wandte sich an den Theker. »He, erinnerst du dich noch an den rothaarigen Kerl, mit dem ich neulich hier war? Du weißt schon -
der Vai Dom.«
Der Mann riss die Augen auf, als sie den Titel aussprach. »Weißt du, wo er wohnt?«
»Wenn du es nicht selbst weißt, brauchst du es auch nicht zu erfahren«, erwiderte der Mann und entfernte sich. Rakks Hand schoss vor und erwischte ihn am Handgelenk.
»Ich hab dir ‘ne Frage gestellt«, sagte sie mahnend und drückte zu.
Der Theker verzog das Gesicht, dann schaute er an ihrer linken Seite vorbei. Der Rausschmeißer am anderen Ende des Raumes war aufgestanden.
Ohne loszulassen stand Rakk ebenfalls auf und warf die Bank um, auf der sie gesessen hatte. Der Rausschmeißer zögerte. Er schaute Rakk und den Theker kurz an, dann begab er sich zu den Toilettenräumen.
Rakk wandte sich ihrem Gegenüber lächelnd wieder zu. »Er erinnert sich jedenfalls noch an das letzte Mal, als ich hier war. Dann weißt du es auch noch. Wo also kann ich Sean finden?«
Auf dem Gesicht des Thekers zeigte sich eine Mischung aus Angst und Verwirrung. »In der Comyn-Burg«, sagte er schließlich.
»Das sagt mir wirklich viel. Wie komm ich dahin?«
»Folg einfach der Straße … bis auf die andere Talseite.«
Es war ein langer Weg zur Burg hinauf, aber die Luft war kühl und Rakk fühlte sich ziemlich gut. Sie hatte einen flotten Spaziergang durch Thendara gemacht und die drolligen Pflasterstraßen, rustikalen hölzernen Läden und Häuser und die uralte Steinmauer bewundert, welche die Stadt umgab. Ihrer Meinung nach war sie ebenso leicht zu überwinden wie die wunderbaren Glaskinne jener Darkovaner, die der Meinung waren, sie solle lieber in der Handelsstadt bleiben. Als die Frau auf die Burgwachen stieß, nahm sie sich jedoch vor, freundlich zu sein.
»He, ihr da«, sagte sie und hob grüßend einen Arm. »Ich bin gekommen, um mit Sean zu sprechen - er gehört zu den Comyn-Fürsten. Könnt ihr ihm sagen, dass Rakk hier ist? Wenn ihr wollt, warte ich so lange draußen. Ich möchte nicht gern in irgendwas reinplatzen.«
Die beiden jungen, grün gekleideten Gardisten tauschten einen Blick, dann wechselten sie einige Worte in einem Dialekt, den Rakk nicht verstand. Schließlich drehte sich einer der beiden zu ihr um und sagte: »Du bist außerhalb der begrenzten Zone, Terrani, deswegen stehst du unter Arrest.«
»Wartet mal«, sagte die Frau. »Lasst uns die Sache nicht unnötig kompliziert machen. Ich möchte nur mit Sean sprechen. Sagt ihm, dass ich hier bin. Er weiß dann schon Bescheid.«
»Wir werden gewiss keinen Comyn mit irgendwelchen Botschaften einer terranischen Grezalis stören«, sagte der Gardist.
»Komm mit.« Er zog sein Schwert und bedeutete Rakk, durch die Tür des Wachlokals zu treten.
Die Angesprochene wich zurück. Ihre Laune wurde übler. »Hört mal«, sagte sie. »Ihr sollt Sean doch nur meine Botschaft überbringen. Er versteht das schon.«
»Beweg dich!«
Rakk duckte sich; sie war bereit, dem Gardisten das Schwert aus der Hand zu reißen. Dann entspannte sie sich plötzlich. »In Ordnung. Aber lasst mich zuerst mein Schuhband festschnüren.« Sie hockte sich hin und fummelte an ihrem Schuh herum.
Der Gardist senkte das Schwert und schaute seinen Gefährten verwundert an. Die Frau ignorierte die beiden. Schließlich berührte der Gardist sie mit der Klinge. »Ich habe gesagt, beweg dich!«
Rakk sprang - genau über die verdutzten Gardisten hinweg. Sie landete in der Hocke, kam wieder auf die Beine und jagte dem Haupttor entgegen. Einen verdutzten Augenblick später eilten die beiden Gardisten laut rufend hinter ihr her. Rakk fegte durch das Tor und prallte mit einem Gardisten zusammen, der gerade um die Ecke bog. Der Mann flog zurück.
Die Frau musterte den großen Exerzierplatz der Burg. An einer Seite lagen die Stallungen, an der anderen stapelte sich Bauholz.
Dem Torweg genau gegenüber befand sich eine Reihe breiter Treppenstufen, die zu einer großen Doppeltür aus Eichenholz hinaufführten. Vor diesem Tor standen wiederum zwei Gardisten, die nun auf sie zu rannten.
»Sean!«, schrie Rakk und jagte auf den Holzstapel zu. »Sean, ich will mit dir reden!« Sie erreichte den Stapel und riss einen langen, dicken Balken an sich. Sie schwang ihn herum und hielt damit die fünf auf sie einstürmenden Gardisten in Schach. »Sean! Bitte, hörst du mich? Sean!« Ihre Stimme wurde von den Steinmauern zurückgeworfen. Ein Gardist zu ihrer Rechten wollte dem Balken mit dem Schwert beikommen, doch sie schlug ihm die Waffe aus der Hand.
Dann stürzten sich die beiden mittleren Gardisten auf die Angreiferin. Rakk traf den Schwertarm des ersten und hörte das Knacken brechender Knochen. Sie hatte jedoch keine Zeit, den zweiten Mann abzuwehren. Sie ließ den Balken fallen, stürmte zwischen dem entwaffneten und dem verletzten Gardisten her und rannte über die Treppe zur Doppeltür der Burg hinauf. »Sean, allmählich wird es verdammt eng hier unten! Du solltest mir jetzt lieber antworten!« An einem der oberen Fenster erblickte sie ein blaues Funkeln, wie eine Reflexion auf dem Glas, und einen Moment lang glaubte sie, es sei Sean. Im nächsten Augenblick spürte sie, wie sich eine Präsenz in ihrem Geist ausbreitete. »Sean«, schrie sie noch einmal, dann fasste sie sich an den Kopf und brach zusammen.
Am nächsten Tag betrat Rakk das Büro des Koordinators. Trotz des Schmerzmittels, das die Sanitäter ihr verabreicht hatten, nahmen die Kopfschmerzen nicht ab. Sie war, ohne zu wissen, wie es sie dorthin verschlagen hatte, im terranischen Krankenhaus zu sich gekommen.
Montgomery, der Koordinator für Darkover, schaute von einem Bericht auf, den er zu lesen vorgab. »Sie sind also Rakk«, sagte er.
»Ja«, erwiderte Rakk. Sie war von den Drogen noch immer leicht benebelt.
»Was haben Sie dort gewollt, verdammt?«, schrie Montgomery.
Die Frau zuckte zusammen.
»Sie verlassen die Handelsstadt, verprügeln Einheimische, greifen die Palastwachen der Herrschenden an und bedrohen einen Comyn
…«
»Ich hab ihn nicht bedroht«, fiel Rakk dem Mann ins Wort. »Ich wollte doch nur mit ihm reden.«
»Sie haben ihn nicht bedroht, was? Wie können Sie das sagen, nachdem Sie einen seiner Wächter fast umgebracht haben?«
»Sie wollten mich daran hindern, ihn zu treffen!«, schrie Rakk zurück. Dann stöhnte sie auf, denn ihr Kopf tat weh. »Ich hab versucht, es ihnen zu erklären, aber sie haben nur ihre Schwerter auf mich gerichtet.«
»Natürlich wollten sie nicht, dass Sie mit ihm reden. Nicht mal ich kann einfach da reinspazieren und mit einem Comyn reden.«
Montgomery lehnte sich in seinem Sessel zurück und schüttelte den Kopf. »Welch ein Glück für mich, dass Sie niemanden umgebracht haben. Sie waren betrunken, stimmt’s?«
»Na ja, vielleicht ‘n bisschen …«
»Sie waren betrunken«, sagte der Koordinator. »Über was wollten Sie eigentlich mit ihm reden, verdammt noch mal?«
»Es ist … eine Privatangelegenheit.«
»Eine Privatangelegenheit. Tja, jetzt ist es keine mehr. Ist Ihnen eigentlich bewusst, was Sie mit unseren Beziehungen zu diesem Hinterwäldlerplaneten angerichtet haben? Wir können nur Gott danken, dass der Mann, den Sie bedroht haben, zu diesem Zeitpunkt auf der Jagd war und dass Fürst Hastur uns leiden kann.
Er hat zugestimmt, den Zwischenfall zu vergessen, wenn wir zu einigen Zugeständnissen bereit sind. Mein Gott, Sie haben unsere Bemühungen um ein Jahrzehnt zurückgeworfen, wenn nicht gar um mehr!«
Rakk starrte Montgomery an. »Soll das heißen, Sean weiß gar nicht, dass ich dort war?«
»Natürlich nicht. Und ich hoffe, er wird es auch nie erfahren. Man wird es ihm bestimmt nicht sagen. Die Burgwachen haben Befehl, Sie sofort festzunehmen, wenn Sie noch mal dort aufkreuzen. Mich persönlich überrascht es, dass man Sie überhaupt zurückgebracht hat. Aber nun will man kein Risiko mehr eingehen. Von heute an dürfen Sie die Basis nicht mehr verlassen. Wenn Sie es trotzdem versuchen … Ich habe unserem Wachpersonal die Anweisung erteilt, Sie unter allen Umständen daran zu hindern.«
»Aber …«, sagte Rakk. Sie war sprachlos.
»Ach, schauen Sie nicht so besorgt drein«, fuhr Montgomery fort.
»Sie brauchen das Leid nicht lange zu ertragen. Ich habe nämlich um Ihre Versetzung ersucht. In einem Monat habe ich Sie vom Hals.
Dann sind Sie das Problem eines anderen.«
»Aber … aber …« Die Frau fuchtelte mit den Armen.
»Freuen Sie sich, dass ich Ihnen nicht sieben Strafpunkte anhänge und Sie aus dem Dienst entlasse«, sagte der Mann. »Sie haben mir nämlich bestimmt mehr als einen Grund dafür geliefert. Und jetzt hauen Sie ab! Wenn das Glück mir hold ist, hab ich Sie jetzt bis zum Start des Schiffes zum letzten Mal gesehen.«
Rakk wandte sich schweigend um und ging.
Im Frauenquartier drosch Rakk die Faust gegen die Wand und durchdrang ohne Probleme das dünne Brett über der Isolierung.
Dann setzte sie sich auf ihre Koje und verbarg das Gesicht in den Händen.
Du blöde Kuh!, dachte sie. Kannst du eigentlich gar nichts richtig machen? Du kannst nicht mal Verbindung zu einem Menschen auf einem blöden Hinterwäldlerplaneten aufnehmen. Du bist unbrauchbar, für dich selbst und alle anderen. Nutzlos.
Als sie hörte, dass die Tür aufging, riss sie sich schnell zusammen.
»Rakk?«, fragte jemand hinter ihr.
»Ja«, sagte sie mürrisch.
Ein rothaariger Mann nahm auf der Koje Platz, die der ihren gegenüberstand. »Kennen Sie mich noch? Ich bin der Typ, der Sie vor einer Weile in die Zange genommen hat, weil Sie Lord Gabriel angefasst haben.«
»Ach ja, Mister Haldane«, sagte Rakk und schüttelte ihm die Hand.
»Ich hab gehört, dass der Alte Ihnen den Kopf gewaschen hat, weil Sie versucht haben, einen Comyn aufzusuchen.«
»Yeah.«
»Er hat Sie ganz schön zur Schnecke gemacht, was?«
»Hab schon Schlimmeres erlebt.«
»Bezweifle ich. Montgomery hat zwar keine Ahnung von nichts, aber er weiß, wie man Leute zusammenstaucht. Er hat’s oft genug mit mir gemacht. Allerdings bin ich nicht hier, um darüber zu reden. Ich frage mich, ob Sie Sean kennen.«
»Yeah«, sagte Rakk. »Wir haben uns vor zwei Monaten in einer Kaschemme kennen gelernt.«
Haldane schaute zwar überrascht drein, sagte aber nichts. Er wartete darauf, dass Rakk ihm mehr erzählte, aber sie schaute ihn nur ausdruckslos an. »Tja, kennen Sie ihn gut?«
»Nein. Wir waren nur einen Abend zusammen.«
»Und warum wollen Sie dann mit ihm reden?«
»Na, hören Sie mal. Was ist denn so ungewöhnlich daran, wenn man sich mit einem Menschen unterhalten will?«
Haldane schaute einen Moment unbehaglich drein, dann sagte er:
»Hören Sie … Möglicherweise begegne ich ihm in einer Woche.
Wenn Sie also eine Botschaft für ihn haben, bin ich vielleicht in der Lage, sie ihm zukommen zu lassen.«
»Könnten Sie mich denn mit ihm zusammenbringen?«, fragte Rakk plötzlich begeistert.
»Nein, das könnte ich nicht arrangieren«, sagte Haldane. »Ein paar hochrangige Beamte des Imperiums sind zum Mittsommerball in die Comyn-Burg eingeladen worden. Da Sean zu den örtlichen Comyn gehört, müsste ich ihm dort begegnen. Ich kann jedoch nicht garantieren, dass ich wirklich dazu komme, mit ihm zu reden. Dazu müsste mich jemand zu ihm bringen, was manchmal nicht einfach ist. Aber wenn er mich anspricht, kann ich ihm Ihre Botschaft mitteilen. Dass Sie irgendwie auf dieses Fest gelangen, sollten Sie schnell wieder vergessen. Wir können schon froh sein, dass die Herrschenden uns eingeladen haben.«
Rakk saß eine geraume Weile da und stierte mit gerunzelter Stirn ins Nichts. Schließlich sagte sie: »Ich glaube nicht, dass ich Ihnen das einfach so mitteilen kann. Die Sache ist zu persönlich. Ich muss selbst mit Sean sprechen.«
Auf Haldanes Gesicht zeigte sich ein enttäuschter Zug. »Tut mir Leid, das zu hören«, sagte er. »Offen gesagt, ich glaube, dass dies die einzige Chance ist, die Sie kriegen, wenn Sie ihm etwas übermitteln wollen, bevor Ihnen Schwingen wachsen und Sie abfliegen.« Er stand auf, um zu gehen. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wenn Ihnen doch noch die richtigen Worte einfallen, sagen Sie mir Bescheid. Einverstanden?«
»Einverstanden«, erwiderte Rakk mechanisch.
»Schön«, sagte Haldane. »Hat mich gefreut, mit Ihnen zu reden.«
Er ging hinaus.
Rakk legte sich auf ihre Koje, schloss die Augen und dachte sich Methoden aus, um sich an den Gardisten vorbeizuschleichen. Sie fragte sich, ob sie sich als Einheimische verkleiden sollte, doch dann wurde ihr klar, dass es keine darkovanischen Frauen von zwei Metern Größe und hundertdreißig Kilo Gewicht gab. Sie überlegte sich, ob sie sich als Gardist tarnen konnte, aber ihr war nicht klar, wie sie sich ohne
Casta- Kenntnisse, den Dialekt der
Tieflandbewohner, durch das Tor schwafeln konnte. Plötzlich setzte sie sich hin.
»Yeah«, murmelte sie. »Fliegend …«
In der nächsten Woche konzentrierte Rakk sich auf ein geheimes Projekt. Sie bestellte im Lager ein bizarres Sortiment von Gegenständen und ließ nicht zu, dass jemand erfuhr, woran sie gerade arbeitete. Sie verschloss die Türen des Hangars, in dem sie tätig war, und schlief sogar dort, um allzu Neugierige an die frische Luft zu setzen. Ihr Abteilungsleiter fragte sich natürlich, um welches mysteriöse Projekt es ging, und erkundigte sich danach. Sie versicherte ihm nur, es sei genehmigt. Der Mann strich sich übers Kinn und kam zu dem Schluss, dass es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen, da Rakk ohnehin bald nicht mehr bei ihnen sein würde. Er erkannte diesen großen Fehler erst am Abend des Mittsommerfests.
»Heute Abend feiern sie da drüben wohl ein Fest«, sagte der Wachmann Albaine, der am Haupttor des terranischen Raumhafens herumlungerte.
Sein Partner Elac lauschte dem aus der fernen Stadt kommenden Geschrei und dem Gesang. »Yeah, hört sich so an. Wäre schön, wenn auch hier mal was Interessantes passieren würde. Außer natürlich strammzustehen, wenn man die hohen Tiere rauslässt.«
Auf dem Gelände war ein schrilles Heulen zu hören.
»Tja, denk nur an die alte irdische Verwünschung«, sagte Albaine.
»Mögest du in spannungsreichen Zeiten leben …«
»Ich persönlich halte die alten Terraner für hoffnungslose Pessimisten.« Elac warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Tja, unsere Schicht dauert nur noch eine halbe Stunde. Da werden wohl irgendwelche andere vor den zurückkehrenden Würdenträgern Männchen machen müssen, wenn sie blau nach Hause kommen.«
Das Heulen wurde lauter.
»Falls sie nach Hause kommen«, sagte Albaine. »Ich habe gehört, dass einige die ganze Nacht bei den Einheimischen verbringen, um sich zu vergnügen. Die Leute dort verstehen schon zu feiern.«
»Das Fest wäre bestimmt noch wilder, wenn ich jetzt dienstfrei hätte.«
Albaine lachte. »Klar, genau wie damals, als du gesagt hast … He, Elac, was ist das für ein Geräusch?«
»Ich weiß nicht«, sagte Elac. »Klingt wie ein Elektromotor. Scheint in unsere Richtung zu kommen …«
Hinter einem Gebäude tauchte plötzlich ein stromlinienförmiges silbernes Bodenfahrzeug auf. Es wendete auf quietschenden Reifen und hielt genau auf die Wachen zu. »Zum Teu …«, stieß Elac hervor und griff nach seinem Schießeisen. Helle Lichter brachen aus dem Fahrzeug hervor und blendeten ihn und Albaine einen Moment. In der nächsten Sekunde raste das Fahrzeug an ihnen vorbei, und Elac erblickte kurz die Gestalt am Steuer.
»Verflucht noch mal!«, schrie er. »In der Karre sitzt diese irre Ktollera! Und sie fährt genau in die Stadt!«
»Spannungsreiche Zeiten«, murmelte Albaine.
Rakk duckte sich in das umgebaute Bodenfahrzeug und raste durch die Straßen. Durchs Tor zu brechen war viel leichter als erwartet. Die armen Hunde hatten nicht mal ‘ne Chance, auf mich zu schießen. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich weniger Schiffspanzerplatten für die Karosserie verwendet. Und nun, dachte sie und wich einem überraschten Fußgänger aus, habe ich nur noch das Problem, in die Burg zu kommen, ohne jemanden zu überfahren. Schade, dass ich nie Fliegen gelernt hab.
Rakk freute sich, als sie feststellte, dass die Darkovaner in der Handelsstadt ihr beim Ausweichen sehr entgegenkamen - in der Regel rissen sie die Arme hoch, kreischten auf und stürzten zum Straßenrand hin. Zwei junge Frauen mit kurzem Haar fand sie besonders unterhaltsam. Die eine ging hinter einem Pfahl in Deckung, die andere duckte sich hinter einen hageren Mann. Rakk hörte, dass die hinter dem Pfahl ihrer Gefährtin etwas zuschrie, aber ihr fehlte die Zeit, um zu hören, was sie genau sagte.
Nachdem sie an den erschreckten Torwachen von Thendara vorbei war, wurde das Fahren jedoch schwieriger. Die Darkovaner hier draußen hatten es weniger eilig, die Straße freizumachen. Die meisten bewegten sich kaum, so dass sie mehrmals einen Zickzackkurs einschlagen musste. Oftmals zückten die Männer auch ihre Schwerter, die zwar harmlos an der Karosserie abprallten, doch ihre Sicht behinderten. Ein Mann wollte sie sogar angreifen. Er blieb mitten auf dem Weg stehen und zog seine Klinge, doch der schrille Ton ihrer Hupe schlug ihn schließlich in die Flucht.
Tiere waren die schlimmsten Hindernisse. In einer schmalen Straße galoppierte ein durchgehendes Pferd genau auf sie zu. Rakk glaubte schon, mit dem Vieh zusammenzustoßen, doch in letzter Sekunde sprang es über das Bodenfahrzeug hinweg. Ein anderes, an einen Karren geschirrtes Pferd, rannte genau vor ihr über die Straße.
Rakk musste mitten durch den Karren rasen, so dass überall Holzstücke herumflogen. Angesichts all dieser Hindernisse, den in Ohnmacht fallenden Frauen, dem vereisten Straßenpflaster und den die gewundenen Straßen umsäumenden Gebäuden, hielt sie es für bemerkenswert, dass sie es schaffte, den zur Comyn-Burg hinaufführenden Weg unbeschadet zu erreichen.
Einige hundert Meter vom Hügelgipfel entfernt kam ihr ein Reiter entgegen. Als er Rakk sah, stieß er einen kurzen Schrei aus, zügelte sein Pferd und ritt in vollem Galopp zurück, wobei er irgendetwas in einem darkovanischen Dialekt schrie.
»Das reicht«, murmelte die Frau vor sich hin und gab Gas. Als sie den schreienden Reiter verfolgte, stob Gestein hinter ihr auf.
Sie erreichte den Gipfel in dem Moment, in dem der Reiter in den Burghof einritt. Gardisten mit weit aufgerissenen Augen waren panisch im Begriff, Barrikaden zu errichten.
»Macht das nicht!«, schrie Rakk und wechselte den Gang. Der Wagen machte einen Satz nach vorn und flog an den Barrikaden vorbei, bevor die Gardisten sie schließen konnten.
Mit einem freudigen Ausruf lenkte Rakk ihr Fahrzeug zum Haupttor. Als sie gegen die Stufen prallte, blitzte in ihrem Geist ein Bild auf: Sie fuhr den kleinen Wagen mitten in den Tanzsaal hinein, kam mit quietschenden Reifen zum Stehen und verkündete: »Sean, ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen, und diesmal wird mich niemand daran hindern!«
Ihr eigener Anblick - das Haar zerzaust, Öl und Schmutz im Gesicht - wurde auf ihre Netzhaut geprägt, als sie die oberste Treppenstufe erreichte. Dort ragten die riesigen, schweren Eichendoppeltüren des Palastes vor ihr auf. Bevor Rakk sie erreichte, hörte sie, dass jemand einen schweren Riegel vorlegte.
In Rakks Bewusstsein flackerten Bilder auf und verblassten.
Sie sah das wutrote Gesicht Montgomerys; grüne Uniformen, als jemand sie hochhob; einen Moment lang das Gesicht Seans, das sie fast hätte aufschreien lassen; rote Gemälde des Schmerzes und schließlich den blauen Kristall: unglaublich deutlich, jede Facette scharf und präzise, als blicke sie durch das Vergrößerungsglas eines Juweliers. Dann war ihr, als befände sie sich im Inneren des Kristalls und sei ein Teil von ihm. Sie spürte beinahe, dass der Kristall sie und sie ihn durchströmte. Sie merkte, wie er ihre Schmerzen und Verletzungen fand und heilte. Sie sah Gesichter hinter - oder in -
dem Kristall, wusste aber nicht genau, wem sie gehörten. Junge und alte Gesichter, wachsam und müde, aber alle besorgt und bemüht.
Rakk hätte sie gern gefragt, was sie machten, aber ein freundliches Gesicht schaute sie an und lächelte, so dass sie sich entspannte.
Dann schlief sie ein.
Sie erwachte ganz plötzlich. Unbewusst wollte sie sich sofort hinsetzen, spürte aber im gleichen Moment einen scharfen Schmerz im Kreuz und einen Schlag über den Brustkorb. Sie fiel wieder hin und schaute sich liegend in dem Raum um.
Rakk sah, dass sie sich in einem Raum mit Steinwänden aufhielt.
Sonnenschein fiel durch ein kleines, hohes Fenster auf einen Wandteppich, der an der Wand gegenüber hing. Sechs zierliche Stühle standen um ihr hölzernes Bett herum. Letzteres bestand aus mit filigranen Ornamenten verziertem Holz, mehreren Schichten Baumwolllaken und sechs Gurten, die sie festhielten. Trotzdem konnte die Frau die Arme noch bewegen. Sie schüttelte den Kopf.
Wenn das ein darkovanisches Gefängnis ist, dachte sie, überrascht es mich, dass es hier so wenige Verbrechen gibt. Speziell dann, wenn man sich auf Stoffhandfesseln verlässt.
Ein Lakai schaute in den Raum hinein und sagte etwas, das Rakk nicht verstand. Bevor sie reagieren konnte, eilte er hinaus. Die Frau untersuchte sich ärgerlich selbst. Tja, sieht so aus, als hätte ich mir bestenfalls den Rücken verschrammt, was mich verflixt überrascht. Ich hätte schwören können, dass ich einen Teil der Eichentür in den Weltraum geschossen habe.
»Ich habe mir zwar gedacht, dass ich dich eines Tages wieder sehe, aber ich hätte mir nie vorgestellt, dass du deswegen die Burg stürmst.«
»Sean«, sagte Rakk, als der Rothaarige hereinkam und auf einem der sechs Sessel Platz nahm.
»Hallo, Rakk«, sagte Sean. »Wie geht es?«
»Als wäre ich zwei Stockwerke tief in einen Reparaturschacht gestürzt«, erwiderte sie. »Aber ich habe keinen ernstlichen Schaden genommen.«
»Du hast keine ernstlichen Schäden mehr«, sagte Sean. »Du hattest Glück, dass gestern Abend ein paar Heiler bei uns zu Gast waren, sonst hättest du, wie ich befürchte, keinen Schritt mehr getan. Du hast dir nämlich das Rückgrat gebrochen.«
»Was?«, fragte Rakk langsam.
»Ja, im unteren Bereich. Als du gegen die Tür gekracht bist, hat dich die Wucht des Aufpralls vorn aus dem Fahrzeug geschleudert.
Der untere Teil deines Rückgrats hat dabei die Hauptlast abbekommen. Glücklicherweise hatten wir die meisten der örtlichen Matrixtechniker zum Fest eingeladen, deswegen gab es keine Probleme, einen erstklassigen Kreis zu bilden. Sie haben dich in wenigen Stunden wieder zusammengeflickt. Aber sie schlagen vor, dass du mindestens eine Woche im Bett bleibst.«
Als Sean fertig war, lief es Rakk kalt den Rücken hinunter. Ich habe mir das Rückgrat gebrochen?, dachte sie. Und bin schon wieder fit - nur ein paar Stunden später? Unmöglich. Es widerspricht allen Gesetzen der Physik. Es ist so, als würde jemand sagen, ein Sternenschiff könne durch den Hyperraum reisen, wenn es von fliegenden Pferden gezogen wird.
Oder dass ein Bierkrug von allein über eine Tischplatte rutschen kann. Sie schloss die Augen und bemühte sich, das Schlottern zu unterdrücken, das nun in ihrem Inneren hochwallte.
»Jedenfalls bist du jetzt außer Gefahr«, fuhr Sean fort. »Ich habe mit Fürst Hastur und Peter Haldane gesprochen. Sie haben mir von deinem früheren Versuch erzählt, mich zu besuchen.« Er lächelte und schüttelte den Kopf. »Hätte ich davon gehört, hätte ich sofort vermutet, dass du es warst. Wer sonst wäre so verrückt, so etwas zu tun?« Seine Miene wurde nun ernst. »Du hättest beide Male ums Leben kommen können. Peter sagt, du hättest eine Botschaft für mich, die zu persönlich ist, um sie einem Kurier anzuvertrauen. Um ehrlich zu sein, das macht mir ein wenig Angst. Sag mir also, was so wichtig ist, dass du dein Leben riskiert hast, um es mir mitzuteilen.«
Rakk öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Dann schloss sie ihn wieder, denn es war ihr entsetzlich peinlich. Sie gab sich alle Mühe, aber sie fand die richtigen Worte trotzdem nicht.
»Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll«, begann sie. »Der Abend, an dem wir uns begegneten, war wirklich gut. Irgendwas besonderes. Normalerweise sind die Menschen nicht offen zu mir.
Ich bin auch nicht offen zu ihnen. Aber aus irgendeinem Grund haben wir uns an diesem Abend berührt. Du hast mir von deinen Liebschaften und Träumen erzählt. Ich habe dir von meinen Ängsten berichtet. Wir waren uns nah. Ich bin noch nie jemandem so nah gewesen. Aber dann hab ich gesehen, dass der Krug sich bewegt hat. Ich weiß nicht, wie es passiert ist oder wieso ich annahm, du wärst dafür verantwortlich. Gott, ich weiß nicht mal mehr, ob es wirklich passiert ist.«
»Es ist passiert«, sagte Sean.
Rakk schaute in sein gelassenes, aufmerksames Gesicht. »Yeah?
Tja, ich hab es jedenfalls gesehen und … bin in Panik verfallen. Ich bin weggelaufen. Ich hab dich einfach sitzen lassen, zurückgewiesen. Zuerst hab ich mir gesagt, he, er ist nur irgendein Typ, den ich eines Abends in einer Kaschemme kennen gelernt hab; eigentlich war doch nichts zwischen uns. Aber dann hab ich gehört, dass ihr Comyn euch nicht anfasst … dass so was ‘n intimer Akt ist
… Und dann ist mir eingefallen, dass ich dich geküsst hab. Dass du nicht zurückgewichen bist, sondern nur gelächelt hast. Und da ist mir klar geworden, wie echt die Gefühle an diesem Abend waren.
Ich … Ich konnte einfach nicht mehr weiterleben wie bisher, nachdem ich dir das angetan hatte.« In ihren Augen bildeten sich Tränen, und sie wandte sich ab, damit er sie nicht sah. »Man wird mich bald von hier wegbringen, aber ich wollte, dass du weißt, dass es mir Leid tut, Sean. Ich hatte nie vor, dich so zu verletzen.«
Sean musterte nachdenklich ihren Hinterkopf. »Hättest du keine Botschaft schicken können, um mir das zu sagen?«
»Nein«, sagte Rakk. Das Kissen dämpfte ihre Stimme. »Ich hab’s mehrmals versucht, aber nicht geschafft. Ich konnte es nicht niederschreiben, damit jedermann es sieht. Ich konnte es dir nur persönlich sagen.«
Sean stand von seinem Sessel auf und durchschritt den Raum. Die Frau hörte seine gedämpften Schritte auf dem Teppich und spürte seine Blicke. Endlich blieb er stehen. »Ich möchte dir etwas zeigen, Rakk.«
Rakks Kopf drehte sich auf dem Kissen. Sie sah, dass Sean den an seinem Hals hängenden Beutel abnahm und ihn öffnete. Darin befand sich ein blauer Kristall, der genau so geschliffen war wie ein Diamant. Er kam ihr sehr vertraut vor; dann erst erkannte sie, dass es der Kristall war, den sie gleich nach dem Unfall in ihrem Traum gesehen hatte. Mehrere Lichtbänder verliefen in einem komplizierten Muster in seinem Inneren. Sie konnte ihnen nicht folgen.
»Was ist das?«, fragte Rakk.
»Ein Matrixstein«, sagte Sean. Er hüllte ihn sorgfältig wieder in Seide ein und legte ihn in den Beutel zurück. »Es ist ein natürlicher darkovanischer Edelstein. Er verstärkt bestimmte Geisteskräfte. So kann man mit Willenskraft Gegenstände bewegen, Gedanken lesen oder Gegenstände in anderen Räumen ausfindig machen. In uns Comyn sind diese Kräfte stärker vorhanden als in anderen Menschen. Man hat uns dazu gezüchtet. Damit habe ich an dem Abend, an dem wir uns kennen gelernt haben, den Krug bewegt.
Und mit Hilfe dieser Steine haben wir dein gebrochenes Rückgrat geheilt. Ich habe den Matrixstein gemeint, als ich an jenem Abend von darkovanischer Magie sprach. Und ich gehe jede Wette ein, dass in euren technischen Handbüchern nichts über ihn steht.«
Rakk lächelte. Dann runzelte sie die Stirn. »Dann kannst du durch körperlichen Kontakt Gedanken lesen?«
Sean lächelte. »Ja, wenn wir uns berühren, ist es sehr schwierig, die Gedanken eines anderen abzublocken. Deswegen fassen Comyn einander nur selten an.«
Rakks Stirnrunzeln wurde heftiger. »Soll das heißen, du hast meine Gedanken gelesen, als ich dich geküsst habe?«
»Tja, ist anzunehmen«, sagte Sean. »Aber an diesem Abend war ich so betrunken, dass ich am nächsten Tag alles wieder vergessen hatte. Vorausgesetzt natürlich, nach den fünfzehn Krügen, die wir konsumiert haben, gab es überhaupt noch etwas zu lesen.«
»Achtzehn«, korrigierte Rakk. »Aber warum erzählst du mir das?
Nicht mal Peter Haldane weiß etwas davon.«
»Warum?«, sagte Sean. Er nahm neben ihr Platz und beugte sich vor. »Warum? Du, die du zwei Welten auf den Kopf gestellt hast, die du dein Leben und deine Laufbahn riskiert hast, bloß um dich bei mir zu entschuldigen, fragst nach dem Warum? Du, die du ganz allein in einem Monat mehr Tumult veranstaltet hast als ich in meinem ganzen Leben, fragst nach dem Warum? Du hast für mich mehr riskiert als jeder andere, und das wegen eines Affronts, den jeder andere nicht mal bemerkt hätte.« Er streckte geschmeidig die Hand aus und streichelte Rakks Wange. »Bei Zandrus Höllen, wenn du ein typisches Beispiel für die Terrani sein sollst, bist du das Beste, das dieser Welt je passiert ist. Sharra soll mich holen, wenn ich dich kampflos wieder gehen lasse. Und du fragst nach dem Warum?«
Er lehnte sich zurück. »Nun, ich werde es dir erzählen«, sagte er.
»Ich brauche dringend einen Saufkumpanen, und du bist die Einzige, die mich unter den Tisch trinken kann.«
»Lügner!«, schrie Rakk und warf ihr Kissen nach ihm. Sie wusste zwar, dass dies der erste Kampf werden würde, den sie nicht gewinnen konnte, aber sie hatte zum ersten Mal in ihrem Leben nichts dagegen, zu verlieren.
Über Patricia B. Cirone und ›Höchste Zeit‹
Zu den Annehmlichkeiten, Anthologien dieser Art herauszugeben, gehört es auch, alte Freunde neu willkommen zu heißen. Pat Cirone hat an diesen Bänden schon früher mitgewirkt und sagt über ihre Schreiberei, dass sie zwar inzwischen das Stadium erreicht habe, in dem sie ›Absagen mit persönlicher Anrede‹ erhält, aber bisher nur in meinen Büchern veröffentlicht hat, wenn man von einer Erzählung in der Anthologie Yankee Witches absieht. Tja, Absagen mit persönlicher Anrede bedeuten, dass man auf dem besten Weg ist, wahrgenommen zu werden. Jedes Wort, das ein Lektor über eine Standardabsage hinaus schreibt, ist von Bedeutung. (Ich kann nicht oft genug darauf hinweisen: Lektoren sind chronisch überlastet.) Außerdem hatten wir die Freude, in Marion Zimmer Bradley’s Fantasy Magazine Pats erste Erzählung ›A Flower From the Dust of Khedderide‹ zu veröffentlichen. Im Hauptberuf ist sie Bibliothekarin für Kinderbücher, aber sie ›versucht sich auch an Gedichten‹. - MZB
Höchste Zeit
von Patricia B. Cirone
»Wo ist sie?«, fragte Delaa knurrig, als sie den Bauchgurt des Chervine enger schnallte. »Wenn sie für eine Stunde zum Markt geht, braucht sie drei. Wenn sie sagt, ihre Reise dauert fünf Tage, braucht sie sechs oder sieben, bis sie ankommt. Sie ist immer unpünktlich!«
»Reg dich ab, Delaa«, erwiderte Sharyl beschwichtigend. »Heute Abend wollen wir doch nur bis zum Talanfang. Es ist doch nicht schlimm, wenn wir etwas später aufbrechen.«
»Darum geht es doch gar nicht«, murrte Delaa und warf die Satteltaschen über das Reittier. »Wenn man sagt, dass man zwei Stunden nach Sonnenaufgang aufbricht, sollte man auch da sein.
Octavia ist keine echte Amazone.«
»Ich habe nie gehört, dass unser Eid Pünktlichkeit beinhaltet«, erwiderte Sharyl, die sich ein Lachen kaum noch verkneifen konnte.
»Und lass Mutter Anna nicht hören, dass du das Wort Amazone aussprichst.«
»Pflichtbewusstsein gehört zum Dasein einer Entsagenden. Wer nicht pünktlich ist, ist pflichtvergessen.«
»Octavia ist keineswegs pflichtvergessen, Delaa«, schalt Sharyl.
»Sie erledigt die Arbeit von zwei Frauen, sogar von dreien.
Manchmal tut sie eben so viel, dass sie sich verspätet. Deswegen ist sie noch lange nicht pflichtvergessen.«
»Ach, ich weiß«, murmelte Delaa. »Sie hat immer einen guten Grund, warum sie sich verspätet. Aber wenn sie wirklich so wunderbar wäre, würde sie ihr Leben so organisieren. dass sie pünktlich ist. Ich bin auch geschäftig, aber ich mag es eben nicht, wenn ich warten muss, bis sie auftaucht.« Die junge Frau schwang ihre hoch gewachsene Gestalt auf das Chervine und nahm die Zügel, als wolle sie jeden Moment losreiten.
Sharyl seufzte. Es war sinnlos. Delaa und Octavia waren wie Hund und Katze. Sie hatte Mutter Anna zwar berichtet, dass es nie funktionieren würde, die beiden zusammen auf die Reise zu schicken, aber die Mutter hatte erwidert, es käme auf das Können der beiden an, nicht auf ihre Persönlichkeit. Solange das frisch gegründete Gildenhaus von Derin noch so klein war und seine Mitglieder nicht über die nötigen Kenntnisse verfügten, brauchte es die Dienste einer Hebamme, einer Fechterin und einer Führerin.
Und das waren nun mal Sharyl, Octavia und Delaa. Da das Gildenhaus von Derin ihnen offensichtlich eine Freude machen wollte, indem man sie zusammen unterbrachte, würden sie einander nicht nur auf der Reise gegenseitig auf der Pelle hängen, sondern auch während der sechs Monate ihres dortigen Aufenthalts. Sharyl fragte sich seufzend, ob sie die Gildenmutter in Derin überreden konnte, ihnen getrennte Quartiere zuzuweisen, ohne die Schande zu enthüllen, dass es zwei Gildenschwestern gab, die nicht miteinander auskamen.
Vom überwucherten Pfad näherten sich rasche Schritte.
»Hallo. Tut mir Leid, dass ich mich verspätet habe«, sagte Octavia fröhlich und schüttelte das brünette Haar aus ihren Augen. Ihr breiter, beweglicher Mund verzog sich zu einem strahlenden Lächeln. »Ich habe gehört, dass Tavish zum Markt kommt, deswegen habe ich auf ihn gewartet. Ich habe das Seil, das du gestern nicht finden konntest, Delaa. Gutes Fischgrat«, fügte sie zufrieden hinzu und zog am Ende des dünnen, starken Seils. »Hier.«
Sie reichte Delaa, die noch immer auf ihrem Chervine hockte, die ganze Rolle.
»Danke«, grunzte die Frau unhöflich. Ihr schlechtes Gewissen ließ sie noch säuerlicher dreinschauen. Sie hatte den Auftrag erhalten, das Seil zu besorgen; schließlich war sie die Führerin. Man brauchte es, um Pferde und Chervines für das aufstrebende Gildenhaus zuzureiten, und wahrscheinlich auch auf der Reise. Sie mussten durch ein stark zerklüftetes Vorgebirge reiten, und man wusste nie, wann man ein paar Ersatzseile brauchte. Zwar war sie am gestrigen Tag selbst auf den Markt gegangen, um es zu besorgen, aber sie hatte nur eine Qualität gefunden, die gerade reichte, um ein paar gewaschene Hosen aufzuhängen. Sie hätte auch länger suchen können, nahm sie an, aber sie hatte sich zu den lästigen Hausarbeiten vor dem Abendessen nicht verspäten wollen.
Delaa stieg von ihrem Chervine ab und verstaute das Seil, wie es sich gehörte.
Das Trio ließ das Gildenhaus hinter sich, bahnte sich einen Weg aus der geschäftigen Stadt und nahm den Weg, der über die Ebene führte. Die drei waren nicht weit vom Vorgebirge entfernt. Ein gutes Stück vor dem Sonnenuntergang bogen sie vom Hauptweg ab und nahmen den Pfad in Angriff, der sie in die Berge führte. Delaa quengelte herum und lehnte erst den einen, dann den anderen Lagerplatz als unpassend ab. Endlich stießen sie auf einen Ort, der ihr genehm war. Sharyl stieg dankbar ab, breitete Decken auf dem Boden aus und machte Feuer. Delaa sammelte die Chervines ein und führte sie zum Bach hinüber, um sie zu tränken.
»Ich schau mir mal den Weg an«, sagte Octavia, löste ihr Schwert von der Rückseite ihres Tornisters und warf ihn dabei um. Sie machte sich nicht die Mühe, ihn gerade hinzustellen, sondern marschierte den Pfad entlang. Als Delaa mit den Reittieren zurückkehrte, bemerkte sie es und verzog das Gesicht.
Sie versorgte weiterhin die Reittiere, doch dann, ihr Rücken war starr vor Verärgerung, richtete sie sich auf und stellte alle drei Gepäckstücke so ordentlich wie Zinnsoldaten nebeneinander.
Das Feuer brannte. Im Wasserkessel über den Flammen weichte gerade der getrocknete Reiseproviant auf, als Octavia zurückkehrte.
Sharyl schaute erleichtert auf. Sie hatte sich schon Sorgen gemacht.
Octavia lächelte und hielt ein Kaninchen an den Hinterbeinen hoch.
»Welch perfekter Termin zur Rückkehr!«, sagte Delaa ironisch.
»Nachdem alle Arbeit getan ist!«
»Ja, ich sehe, dass du etwas getan hast«, fauchte Octavia und musterte die Tornister. »Aber wenn man den Weg überprüft, ob es vor uns vielleicht einen Steinschlag gibt, und die Richtung markiert, von der Fleischbeschaffung ganz zu schweigen, ist dies auch Arbeit!«
»Danke, Octavia«, mischte Sharyl sich ein. »Das Essen ist zwar schon fertig, aber wir können das Kaninchen zerlegen und die Teile braten.«
Dies taten sie dann auch und aßen es, wobei das heiße Kaninchenfett an den Spießen entlang und über ihr Kinn lief.
Niemand beschwerte sich; heißes, frisches Kaninchenfleisch schmeckte viel besser als jeder vorbereitete Reiseproviant.
Kurz nachdem sie fertig waren, legten sie sich hin. Sharyl knurrte leise, als sie sich noch einmal erheben und hier und dort einige Eicheln unter der Decke entfernen musste. Obwohl sie den Boden sorgfältig abgesucht hatte, gab es in jeder Gegend ein, zwei Steine oder Eicheln, die man erst spürte, sobald man lag.
Als Sharyl am nächsten Morgen ihr Haar bürstete, war es voller Tannennadeln, die sich stur weigerten, wieder zu verschwinden.
Ihre Glieder schmerzten wegen des kalten Bodens. Es wäre eine Überraschung gewesen, wenn danach niemand gemurrt hätte, aber in der Regel, meinte Sharyl, ging man gutmütiger miteinander um als Delaa und Octavia. Als sie ihre Decke verstaut und die Satteltaschen an ihrem Reittier befestigt hatte, war sie für die Weiterreise bereit.
»Musst du noch mal zum Bach runter?«, wandte Delaa sich m Octavia.
»Manchen Menschen ist Sauberkeit eben wichtig«, murmele Octavia, die in ihrem Beutel kramte und ihren kleinen Gesichtswaschlappen suchte. Sie fand ihn und marschierte an den Bach zurück.
»Soll das etwa heißen, dass ich mir das Gesicht nicht wasche?«, rief Delaa hinter ihr her. »Ich mache nur nicht so viel aufhebens darum!«
»Pssst«, sagte Sharyl müde. »Es besteht kein Grund, jedem Lebewesen zwischen uns und den Hellers unsere Anwesenheit mitzuteilen!«
Delaa verzog zwar das Gesicht, sagte aber nichts, als Octavia zurückkehrte, ihr Gepäck zusammenband und auf ihr Chervine stieg. Endlich ritten sie los, und Sharyl übernahm die Führung.
Obwohl Delaa eine Führerin war und sie selbst Fechterin, war Sharyl mit dem Vorgebirge am vertrautesten. Sie war nämlich dort aufgewachsen.
Normalerweise entspannte sie sich völlig, wenn ihr Reittier sich an den Aufstieg machte, und erfreute sich an den Bäumen ihrer Kindheit und der erfrischend dünneren Luft. Doch diesmal wurde ihr Friede von den beiden hinter ihr reitenden Frauen gestört.
Zunächst gelang es Delaa, aus jeder Beobachtung, ob sie nun einen Felsen oder den Himmel betraf, eine Beleidigung zu machen. Dann, ein Stückchen Wegstrecke weiter, konnte man Octavian laute Antwort vernehmen.
Als das Genörgel der beiden den Gesang einer Thirene zum Verstummen brachte, wandte Sharyl, deren Geduld nun erschöpft war, sich im Sattel um und schrie: »Haltet endlich die Klappe!«
Dies führte zwar zu einvernehmlichem Schweigen, doch Sharyl, deren Kehle von dem Schrei wund war, erlangte keinen Frieden. Die beiden hatten ihr den Spaß an der Umgebung verdorben, und er kehrte auch nicht zurück.
An diesem Abend baute das Trio schweigend sein Lager auf. In aller Stille wurden das mitgebrachte Fleisch eingeweicht, die Chervines für die Nacht bereitgemacht und die Mahlzeit verzehrt.
Sharyl lag einfach nur auf ihrer Decke und verschwendete keinen Gedanken an irgendwelche Steine. Sie hatte weder die Kraft noch das Interesse, sich zu erheben und es sich bequemer zu machen. Sie schaute durch die dunklen Äste zu den Sternen auf, doch erst als der Mond Idriel seinen Lauf begann, verblassten ihre Gedanken zu Traumfetzen.
Am nächsten Morgen taten ihr alle Knochen weh und sie war äußerst schlecht gelaunt. Auch Octavia bewegte sich ohne ihr übliches Tempo. Delaa machte sich nicht mal die Mühe, die Stirn zu runzeln. Sharyl bemerkte, dass auch sie sich irgendwie daneben fühlten, aber ihr, die normalerweise vermittelte, war es egal. Wenn die anderen nur schwiegen, war es für sie schon fast ein Segen.
Delaa war, wie üblich, vor den beiden anderen fertig. Als Sharyl wegen der Haarbürste, die sie vergessen hatte, noch einmal vom Bach zurückgehen musste, nahm sie sich vor, sich einen kleinen Beutel zu machen, wie Delaa, in dem sie ihre Sachen für die Morgentoilette aufbewahren konnte. Alles zusammenzuhaben war auf einer Reise eine große Annehmlichkeit.
Auch im Gildenhaus konnte man so etwas gebrauchen. Gäste bekamen meist die freien Räume zugewiesen, und die lagen in der Regel am weitesten vom Bad entfernt.
Als Sharyl sich in den Sattel schwang, dachte sie noch immer darüber nach und fragte sich, wie wohl ihre Unterkunft im Gildenhaus von Derin aussehen würde.
»Bist du endlich fertig?«, fragte Delaa zuckersüß. Sharyl brachte sie mit einem giftigen Blick zum Schweigen und klatschte mit den Zügeln leicht gegen den Hals ihres Reittiers.
»Du führst uns an«, fauchte sie Delaa an. »Du bist die Führerin.«
Delaa öffnete protestierend den Mund, denn immerhin hatte Sharyl zuvor darum gebeten, auf Grund alter Vertrautheit die Erste zu sein, doch nach einem Blick ins Gesicht der anderen überlegte sie es sich noch einmal und übernahm schweigend die Führung.
Octavia nahm ihre übliche Position ein, von wo aus sie ihnen den Rücken von unwillkommenen zwei- oder vierbeinigen Bestien freihielt. Damit blieb Sharyl in der Mitte, womit sie hoffentlich Delaa daran hindern konnte, an Octavia herumzunörgeln. Allerdings war sie nur teilweise erfolgreich. Gegen Mittag hatte sie den Mund grimmig verzogen, und ihr Schädel pochte.
Octavia trieb ihr Reittier nach vorn, um mit Sharyl zu reden.
»Weißt du, was sie mir heute Morgen an den Kopf geworfen hat?«, fragte sie mit verärgerter Stimme. »Ich könnte jeden Morgen eineinhalb Minuten einsparen, wenn ich alles, was ich morgens früh brauche, in einem Beutel aufbewahren würde, statt zwei- bis dreimal vom Bach zu meinem Tornister zu gehen. Also wirklich!«
»Eine gute Idee«, sagte Sharyl und gratulierte sich angesichts des Gefühls in ihrem Kopf zu ihrem sanften Ton.
»Natürlich ist sie gut! Aber wer außer Delaa rechnet schon genau aus, wie viel Zeit man damit sparen kann! Die Zeit, die es dauert, dieses oder jenes zu tun! Ob sie überhaupt je aufhört, sich Sorgen um die Zeit zu machen, und stattdessen einfach lebt?«
Sharyl zuckte die Achseln. Jeder Mensch hatte seine Macken, und nach fünfunddreißig Jahren im Gildenhaus hatte sie gelernt, die meisten zu ignorieren oder mit ihnen zu leben. Konnten die beiden es nicht auch? »Genau zu sein macht es ihr eben den gleichen Spaß wie anderen vielleicht hübsche Festtagskleider!«
»Genau! Sie ist …«
»Das reicht«, sagte Sharyl bestimmt.
Octavia schluckte den Rest ihres Einwandes herunter. »Ja. Tut mir Leid.« Sie ließ ihr Reittier wieder hinter das Sharyls zurückfallen.
Als die beiden das nächste Mal wieder miteinander sprachen, war der Tag schon fast zu Ende: Octavia schlug vor, nach einem guten Lagerplatz Ausschau zu halten.
»Dieser Pfad führt, glaube ich, in einen kleinen Ort«, sagte Sharyl nach einigem Nachdenken.
»Velan«, erwiderte die auf alles vorbereitete Delaa. »Dort leben etwa zwanzig Familien. Hauptsächlich Fallensteller, Jäger und Gerber. Es gibt auch eine kleine Schenke.«
»Eine Schenke!«, freute sich Octavia. »Keine Steine, keine Eicheln!
Keine stechenden Tannennadeln! Echtes Essen! Ich werde es bis zur Neige auskosten!«
»Es ist keine der Schenken, an die du gewöhnt bist«, fauchte Delaa. »Es ist wahrscheinlich nur ein Raum in irgendeinem Wohnhaus.«
»Ist mir egal«, verkündete Octavia inbrünstig. Ihre Vorfreude schien nur wenig gedämpft.
Delaa verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich albert sie morgen früh mit jedem herum und braucht zwei Stunden, um sich zu verabschieden«, murmelte sie vor sich hin.
Octavia drückte die Ellbogen in ihre Seiten und richtete sich kerzengerade auf. Alles an ihr drückte Verachtung aus. Sharyl seufzte. Sie hatte gewusst, dass es mit der Ruhe bald vorbei wäre.
Aber Sharyl hatte gehofft, dass sie wenigstens bis zum Ende der Reise erhalten blieb.
Die Ortschaft Velan war klein. Die Schenke war finster und hatte eine niedrige Decke. Aber sie war größer, als Delaa angekündigt hatte, denn sie bestand aus zwei Räumen und lag über denen der Wirtsfamilie. Dazu gehörte ein kleiner Gemeinschaftsraum mit Kamin, in dem man alles essen und trinken konnte, was das Dörfchen zu bieten hatte. Nachdem die Reisenden ihr Gepäck in dem gemieteten Zimmer abgelegt hatten, ging Sharyl die Treppe hinunter und nahm dankbar am Feuer Platz. Sie hatte vergessen, wie kalt es zu dieser Jahreszeit im Vorgebirge werden konnte.
Octavia kam herein und verwickelte die Tochter des Gastwirts in ein Gespräch.
Delaa, die sich überzeugt hatte, dass es den Reittieren im Stall gut ging, räusperte sich, als sie Octavia tratschen sah, und polterte die Treppe zum Zimmer hinauf.
Oje, dachte Sharyl. Sie war Delaas Schmollen und unbedachte Bemerkungen leid. Sie war auch Octavias schnelle Kränkungen leid.
Sie war das Reiten leid, das Leben aus dem Tornister, und sie konnte Wälder, steinübersäte Pfade und Kaninchen, die spöttisch davonhüpften, nicht mehr sehen, seit sie nur noch von Trockenfleisch lebten. Und schon gar keine Gefährtinnen, die alles andere als Gefährtinnen waren. Sie lehnte sich an die Rückwand der Bank und schloss die Augen.
Delaas Berührung weckte sie. »Das Essen ist fertig.«
»Ach.« Sharyl schaute sich um. »Wo ist Octavia?«
»Wer weiß?«, erwiderte die Führerin leicht ironisch. Sharyl verkniff sich eine unfeine Antwort. Noch ein paar Tage in der Gesellschaft der beiden, und sie würde sich nicht anders benehmen.
Delaa und Sharyl nahmen vor zwei heißen Portionen Eintopf und kleinen, frisch gebackenen Brotscheiben Platz. Hätte Sharyl gewusst, wo Octavia sich aufhielt, hätte ihr die erste gute Mahlzeit seit drei Tagen besser gemundet. In abgelegenen Orten wie diesem beäugte man die Entsagenden noch argwöhnischer als in den Städten.
Während des Essens fragte sie sich kurz, ob die Dritte im Bund vielleicht in eine Falle getappt war, und das weiche, süß schmeckende Brot verwandelte sich in ihrem Mund in Stroh. Sie hätte gern erwähnt, dass sie Octavia am liebsten gesucht hätte, aber sie wusste natürlich, dass Delaa es mit dem Argument ablehnen würde, dass eine auf ihre Fähigkeiten stolze Fechterin es bestimmt nicht guthieß, wenn eine Hebamme sie bemutterte. Sharyl aß noch etwas und dachte nach.
Als sie fast fertig waren, trat Octavia sorglos und lächelnd ein.
»Ah, das sieht gut aus.«
»Möchtest du nicht lieber mit deinen neuen Freunden essen?«, fauchte Delaa.
Sharyl knallte ihre Gabel auf den Tisch. »Das reicht«, sagte sie leise und wütend. »Ich höre mir euer Gequengel jetzt seit Monaten an, von eurem Benehmen auf der Reise ganz zu schweigen! Und ich habe nicht vor, es mir noch länger anzuhören. Wenn euch die Reife fehlt, euch gegenseitig so zu nehmen, wie ihr seid, oder ihr eurem Eid als Gildenschwester nicht Genüge tun könnt, seid wenigstens so höflich und behaltet eure Streitereien für euch!«
»Entschuldigung«, sagte Octavia ernst.
Delaa stierte auf ihren Teller. »Es ist hauptsächlich mein Fehler«, sagte sie leise.
»Es ist euer beider Fehler«, schimpfte Sharyl. »Delaa hat in einem Recht, Octavia. Du solltest nicht in einem fremden Ort herumstromern, wenn wir beide ohne Schwert sind. Es ist mir egal, wie gut du fechten kannst, dein Verhalten ist trotzdem unklug.
Außerdem ist es deinen Reisegefährtinnen gegenüber nicht rücksichtsvoll. Ich habe kaum gesehen, was ich gegessen habe, solche Sorgen habe ich mir um dich gemacht. Wenn ich nicht wüsste, dass man bei dir mit so was rechnen muss, hätte ich den ganzen Ort auf den Kopf gestellt!«
»Wird nicht wieder vorkommen … Ich hätte nicht gedacht … Ich bin doch erwachsen.«
»Wir sind alle erwachsen. Aber Entsagende reisen aus einem bestimmten Grund nicht allein. Keine von uns ist unbesiegbar. Du bist mit deinem Schwert und deinen Reithosen für die meisten Männer eine besondere Provokation. Und auch für manche Frauen.
Jemand könnte vielleicht beschließen, die Welt zu verbessern, indem er dich aus ihr entfernt.«
»Ja, ich weiß. Tut mir Leid. Ich war nur … Jayla, die junge Frau, mit der ich gesprochen habe, hat eine Halbschwester im Gildenhaus von Neskaya. Sie hat mich gefragt, ob wir von dort kommen Und
…« Octavia zuckte verlegen die Achseln. »… dann hat eins zum anderen geführt. Ich hab ihr in der Küche geholfen, und nachdem euch serviert worden war, haben wir weiter geredet. Seid bitte nicht länger böse.«
»Entschuldigung angenommen«, erwiderte Sharyl. »Aber denk bitte auch an die anderen. Du hast gewusst, dass du in Sicherheit bist. Wir jedoch nicht. Und du, Delaa, hör auf, an anderen herumzunörgeln. Wenn dir etwas echten Kummer macht, besprich ihn auf vernünftige Weise. Aber deine Art, dies mit höhnischen Bemerkungen zu tun, ist kindisch und passt nicht zu dir. Und hör endlich auf, jedermann nach deinem Ebenbild zu formen. Du bist weder vollkommen, noch ist deine Lebensweise auf alle anwendbar.
Wäre jeder gerüstet, Führer zu sein, wäre zwar für Pferde und Chervines bestens gesorgt, aber es gäbe auch ein paar sehr verwaiste Gebärtische. Von schlecht gekochtem Essen ganz zu schweigen.«
»Ja, Sharyl.«
»Wenn es gilt, eine unbekannte Umgebung zu erforschen, ist Octavia unschlagbar. Sie erkennt rasch neue Möglichkeiten und kann sich geistig sehr schnell umstellen. Für dich ist Sprunghaftigkeit eine Schwäche. Verstehst du nicht, dass ihre Schnelligkeit sie zu einer so guten Fechterin macht?«
Delaa starrte Sharyl verwirrt an: »Ich … ich …«
»Und ebenso machen dich deine Beobachtungsgabe bei Einzelheiten, dein Organisationstalent und dein gutes Erinnerungsvermögen zu einer guten Führerin.«
»Und dein Mitgefühl und dein Verständnis für Menschen machen dich zu einer guten Hebamme«, sagte Octavia leise, so dass ihre Worte wie eine Mischung aus Entschuldigung und Kompliment klangen.
Sharyl zuckte die Achseln. »Es gibt Leute, die genau dies als Fehler ansehen, die sagen, dass ich für eine Entsagende zu weiblich bin, dass ich mich zu sehr benehme, wie die Männer es gern bei allen Frauen sähen. Dazu kann ich nur anmerken, dass ich den Eid ebenso hochhalte wie jede andere Entsagende, aber nur das sein kann, was ich bin. Mehr kann keine von uns sein. Trotz allem, was die Männer behaupten oder glauben, sind wir nicht alle gleich. Es kommt sogar noch schlimmer: Wir brauchen unsere Unterschiede. Sie machen die Entsagenden erst stark. Jedwede Gruppierung wird durch Unterschiede stark.«
Der Rest der Mahlzeit verlief erfreulicher als jede andere, die sie bisher zusammen eingenommen hatten. Trotzdem fühlte Sharyl sich zu erschöpft, um den Frieden zu genießen.
Als sie fertig waren, kamen einige Dorfbewohner in den Gemeinschaftsraum der Schenke. Sharyl registrierte mit leichter Besorgnis, dass auch einige Frauen darunter waren. Die drei Entsagenden zogen mehr als einen Blick auf sich.
»Lasst uns gehen«, sagte sie leise zu den anderen.
»Richtig«, stimmten die ihr rasch zu, und sie verließen den Gemeinschaftsraum, um sich in die Privatsphäre ihrer Kammer zurückzuziehen. Sharyl beäugte die einfache Tür, die weder ein Schloss noch einen Riegel aufwies. Sie wuchtete das breite Flachbett dagegen.
Delaa wollte gerade, wie üblich, die gesamten Tornister ordentlich aufstellen, als sie innehielt und die anderen verlegen anschaute.
»Es hat schon einen Sinn«, sagte Octavia, die erkannte, dass Delaa sich fragte, ob auch dies zu den schlechten Angewohnheiten gehörte, die sie aufgeben sollte. »Dann geht morgens alles schneller.«
Delaa schenkte ihr ein dankbares Lächeln, dann reihten die beiden gemeinsam Tornister, Seile und anderes Gerät nebeneinander auf, legten frische Kleider für den nächsten Tag auf die provisorisch geschlossenen Laschen und schoben die zur Vorsicht mitgenommenen
Kurzschwerter
griffbereit
in
die
Tornisterschlaufen. Am nächsten Morgen brauchten sie die getragenen Kleider und Toilettenartikel nur einzupacken, die Laschen anzuziehen, die Tornister zu schultern und waren abmarschbereit. Delaa war stets gern abmarschbereit, und Octavia fühlte sich besser, da sie ihr ein wenig entgegengekommen war. Sie trat an den Fensterladen.
»Nein, lass ihn auf«, sagte Sharyl und gähnte. »Vielleicht brauchen wir den Sonnenschein, um aufzuwachen.«
»Aber selbst wenn wir aufwachen«, sagte Octavia mit einem Lächeln. »Wollen wir nach der ersten Nacht in einem richtigen Bett auch aufstehen?«
»Morgen können wir wieder in einem Bett schlafen«, erwiderte Sharyl und erfreute sich an der Vorstellung, dass ihr Ziel nicht mehr weit entfernt war. Sie reckte sich leicht und legte sich hin. Sie knuffelte ihren eingerollten Umhang so zurecht, dass er die Form eines Kissens annahm, und schlief in dem Moment ein, in dem die anderen die Kerzen ausbliesen und es ihr gleichtaten. Mehrere Stunden lang bestand die einzige Bewegung im Raum nur aus dem wandernden Licht der Monde über dem dunklen Bodenholz.
Das Klopfen klang wie ein Gewitter, und Sharyls Traum verharrte verwirrt zwischen Regen und umstürzenden Bäumen, bevor sie erkannte, dass jemand genau neben ihrem Kopf an die Tür klopfte.
»Häh? Hmm?«
»Octavia!«, zischte eine Stimme durch die dicke Holztür. »Was’n los?«, murmelte eine brummige Stimme unter der Decke neben Sharyl hervor.
Sharyls Instinkte waren nun voll erwacht. Irgendetwas an der absoluten Dunkelheit und dem fernen Gemurmel aufgebrachter Stimmen führte dazu, dass sie die Beine im gleichen Moment über den Bettrand schwang, in dem Delaa und Octavia zu sich kamen.
»Octavia!«, flehte die Stimme auf der anderen Seite der Tür.
»Jayla? Es ist mitten in der Nacht …« Octavias Stimme erstarb.
Wie Sharyl fiel auch ihr die unnatürliche Dunkelheit der Nacht vor dem nicht abgeschirmten Fenster auf.
»Ihr müsst sofort verschwinden! Sie sagen, ihr seid Hexen! Schnell, bevor sie wieder in die Schenke kommen!«
»Großartig«, murmelte Sharyl und schob das Bett von der Tür weg. Delaa half ihr dabei.
Octavia hechtete zur Wand gegenüber und machte die Tornister zu, wobei sie Delaa stumm dankte, dass sie bereit lagen und in der Finsternis leicht zu finden waren. Wo war der Mond Liriel? Idriel war auch nicht zu erblicken!
Die Tür ging auf. Jayla machte hektische Bewegungen. »Schnell.
Wir können über die Hintertreppe runtergehen.«
Octavia, Delaa und Sharyl ergriffen ihr Gepäck, dann nahmen sie -
nicht nur Octavia allein - die Griffe ihrer Kurzschwerter in die Hand.
Als die drei in den Gang hinaustraten, deutete ein plötzlicher Anstieg des Lärms an, dass die Meute den Fuß der Treppe erreicht hatte.
»Da sind sie!«, rief jemand und lief die Treppe hinauf.
Sharyl sprang zurück und stieß gegen Jayla, Octavia und Delaa, die hinter ihr standen. Schnell schlossen sie die Tür und schoben das Bett erneut davor.
Dann eilten sie wie auf ein Kommando ans Fenster. »Es ist zu hoch!«, sagte Jayla protestierend.
Statt einer Antwort schob Delaa ihre Klinge durch eine Schlaufe ihres Tornisters und entrollte eins der von Octavia erstandenen Seile. Sharyl stieß das Fenster auf. Als hätten sie es geübt, sprang Octavia aufs Fensterbrett, duckte sich wie ein Frosch und warf das Seilende hinunter, das Delaa ihr reichte. Dann verschwand sie in der Tiefe. Delaa stöhnte auf, als das Seil sich unter Octavias Gewicht spannte.
»Jayla!«, zischte Sharyl.
Die junge Frau sprang mit raschelnden Röcken vor, und Sharyl half ihr aus dem Fenster. Das Klopfen an der Tür wurde nun heftiger.
»Du gehst als Nächste!«, sagte Delaa zu Sharyl. Die Hebamme sprang, packte das Seil und glitt nach unten.
Auf dem Hof des dunklen Gasthofes lugten die drei Frauen nach oben und versuchten zu erspähen, ob Delaa aus dem Fenster kam
»Beeil dich!«, zischte Octavia leise.
Doch das Fenster blieb ein finsteres Loch. Endlich tauchte Delaa auf. Sie rutschte nickend nach unten, als das Seil plötzlich einen Satz machte, als sei es lebendig. Ein quietschendes, gleitendes Geräusch ertönte, als das Bett, an welches das Seil gebunden war, sich von der Tür löste. Aus dem Raum über ihnen kamen wütende Rufe, aber Delaa war schon unten angelangt.
Sobald ihre Füße den Boden berührten, rannten die vier Frauen los.
»Hier entlang«, zischte Jayla und fegte um den Schweinestall herum. Sie liefen unter einer Wäscheleine her und eilten über einen Pfad, der zu den Stallungen führte. Dann bog die junge Frau ab und eilte auf den Wald zu.
»Unsere Chervines!«, protestierte Delaa.
»Die werden bewacht«, zischte Jayla kurz angebunden. »Seid leise!«
Die drei Frauen folgten der unscharfen grauen Gestalt, stolperten und liefen in der unnatürlichen Dunkelheit gegen Bäume. Sharyl schaute gelegentlich kurz hoch und fragte sich, was mit den Monden passiert war. Heute Nacht hätte man alle vier sehen müssen, aber sie erblickte nur Marmallor. Dennoch war der Himmel nicht bedeckt; sie konnte zwischen den dünnen Ästen die Sterne deutlich sehen. Sie schüttelte sich abergläubisch und dachte an eine der Erzählungen aus ihrer Kindheit; an einen verzauberten Ort, an dem der Schlaf einer Nacht einem Monate oder gar Jahre des Lebens stahl.
Sie prallte gegen einen weichen Körper und keuchte auf.
»Ich muss zurück«, sagte Jayla leise. Sie stand neben einem großen Findling. »Klettert einfach an diesem Felsen hoch und folgt der Spalte bis dorthin, wo sie auf den Hochpfad trifft. Es ist der längere und gefährlichere Weg, aber er bringt euch nach Derin. Ihr habt doch noch mehr Seile, oder?«
»Ja … dank Octavia haben wir eine ganze Menge«, sagte Delaa leicht gereizt, weil das Organisationstalent der anderen sie diesmal gerettet hatte. Sie war froh, dass Octavia sich jetzt nicht damit brüstete, sie hätte es nämlich getan. Sie schämte sich, denn sie wusste, dass Sharyl mit ihrer Bemerkung über ihre voreilige Kritik Recht hatte. Sie war nicht im Geringsten vollkommen, und …
vielleicht brauchte sie es auch gar nicht zu sein. Vielleicht war dies ein Erbe der Forderung ihres Vaters, dessen sie sich zusammen mit ihrem langen Haar hätte entledigen sollen.
»Verzeihung, Octavia«, sagte sie so leise, dass die anderen sie nicht hören konnten. Und Verzeihung, Delaa, entschuldigte sie sich stumm bei sich selbst.
»Viel Glück«, sagte Jayla.
»Aber du kannst doch jetzt nicht zurückgehen«, protestierte Sharyl. »Sie werden dich bestrafen, weil du uns geholfen hast.«
»Falls mich jemand gesehen hat, werde ich sagen, ihr hättet mich verhext.«
»Aber wieso halten die Leute uns überhaupt für Hexen?«, fragte Octavia verdutzt. »Bloß weil wir Entsagende sind?«
»Nein. Tja, doch … Es ist wegen der Monde.«
»Ja, wo sind die Monde?«, fragte Sharyl leise.
»Im Planetenschatten«, erwiderte Jayla kurz.
»Alle drei auf einmal?«, fragte Sharyl bestürzt. Wenigstens ein Mond verschwand ungefähr alle sechs Monate im Schatten. Dort blieb er ein paar Stunden und kam dann Stück für Stück wieder hervor. Man hatte schon davon gehört, dass einmal in einer Nacht zwei Monde gleichzeitig verschwunden waren, Sharyl hatte es allerdings noch nie erlebt. Aber drei? Kein Wunder, dass die Bewohner der abgelegenen Ortschaft sie für Hexen hielten. Wäre sie noch ein Mädchen aus den Bergen gewesen, hätte auch sie eher an einen Fluch geglaubt als eine bloße natürliche Bewegung der Darkover-Monde in den Schatten des Planeten.
»Ja. So ist es eben. Ihr seid Fremde. Es hätte zwar jedem passieren können, aber da ihr nun mal Entsagende seid … Ich glaube, nicht mal ich hätte euch geholfen, wenn ich nicht vorher mit Octavia gesprochen hätte … Wenn Fremde auftauchen und dann passiert so was …«
»Du hast für uns Fremde eine Menge riskiert«, sagte Delaa.
»Warum?«
»Nun, ich wusste, dass Octavia keine Hexe ist, und da ihr beide ihre eingeschworenen Schwestern seid … Es muss wunderbar sein, dass ihr euch immer habt und die anderen Entsagenden auch noch.«
Eine verlegene Pause entstand, die Delaa schließlich beendete. »Es ist wirklich wunderbar«, sagte sie. »Aber nicht alle von uns verdienen es.«
Octavia hob die Hand, legte sie auf Delaas und drückte sie in der traditionellen Kameradschaftsgeste. Die beiden lächelten sich im matten Leuchten Marmallors an.
»Ich muss jetzt zurück«, sagte Jayla eilig.
»Ja, natürlich«, sagte Sharyl. »Wir danken dir.«
Octavia umarmte Jayla kurz. Man konnte sie in der Finsternis kaum sehen. Auch Delaa murmelte ein Dankeschön. Dann waren die drei Entsagenden allein.
»Nun?«, sagte Sharyl nach einer Pause und beäugte das, was sie von dem Findling erkennen konnte.
»Du zuerst«, sagte Octavia mit einem Grinsen in der Stimme.
»Ja«, sagte Delaa zustimmend, und die beiden griffen zu, um Sharyl auf den steilen, knöchelbreiten ›Pfad‹ neben dem Findling hinaufzuhelfen.
»Ein schrecklicher Weg«, ächzte sie zu den beiden herab.
»Wir schaffen es schon«, sagte Octavia.
»Zusammen«, sagte Delaa zustimmend.
Sechs Tage später klopften drei zerzaust aussehende Entsagende an die Tür des Gildenhauses von Derin. Eine hatte ihren Tornister verloren; keine führte ein Reittier am Zügel. Sie hatten ausnahmslos Risse in der Kleidung, die für Eingeweihte von Kratzern und Schrammen auf dem darunter befindlichen Fleisch kündeten. Trotz ihres Aussehens wirkten sie weder wütend noch verärgert.
Eigentlich wirkten sie sogar siegreich. Die größte der drei Frauen riss Witze und tat so, als wolle sie die Brünette mit einer Seilrolle krönen, während die Älteste ihre müden Knochen an der Gebäudewand ausruhte und vor sich hin lächelte.
Trotzdem hatte die junge Entsagende, die zur Tür kam, angesichts solch guter Laune nicht damit gerechnet, dass gleich drei Kehlen ihren leisen Tadel über die Verspätung des Trios mit hemmungslosem Gelächter beantworteten.
»Aber wir hatten einen verdammt guten Grund!«, übertönte die Große namens Delaa keuchend das Gelächter, als das Trio Arm in Arm eintrat.
Über Margaret L Carter und ›Zu Besuch bei der
Familie‹
Margaret Carter schreibt, sie habe eine Geschichte ›über Phänomene geschrieben, mit denen ich einigermaßen vertraut bin: das der Midlife-Crisis, die Frage, was zuerst kommt - Familie oder Beruf -
und über den Zusammenstoß von männlichen und weiblichen Verhaltensweisen‹. Sie muss es wissen, denn sie hat vier Söhne zwischen 8 und 23 Jahren und außerdem sechs Bücher veröffentlicht, von denen das neueste A Study of the Vampire in Literature heißt. Trotzdem wartet sie, obwohl sie schon in vieren meiner Anthologien vertreten war, noch auf ihre erste Romanpublikation. Ihr Agent bemüht sich derzeit, einen (Vampir)-
Roman mit dem Titel Sealed in Blood unterzubringen. Klingt ganz vergnüglich, denn ich mag Vampire … wenn sie gut sind. (Was für ein semantischer Konflikt! Was kann an einem Vampir gut sein? Die Mitherausgeberin meiner Zeitschrift sagt: ›Wie ekelhaft!‹) Margaret Carter lebte lange Zeit in Annapolis, kehrte aber mit ihrem Mann, einem Berufssoldaten bei der Marine, nach Kalifornien zurück. - MZB
Zu Besuch bei der Familie
von Margaret L. Carter
Trotz des Kapuzenumhangs tropfte Wasser aus Renata n’ha Jamillas graumeliertem braunem Haar. Ihr Muskeln entspannten sich erleichtert, als sie aus dem pausenlosen Frühlingsnachtregen in die Trockenheit des Gildenhauses trat. Doch als die Frau den Ausdruck auf dem Gesicht der Gangwache sah, spannten sie sich wieder an.
Renata stellte den Hebammenbeutel ab und sagte: »Was ist los, Tani?«
Tani, eine pummelige Blondine, die nur halb so alt war wie sie, erwiderte: »Ein Kurier hat nach dir gefragt, Schwester. Er wartet im Besucherzimmer.
»In Avarras Namen - soll ich schon wieder einem Kind auf die Welt helfen? Eins pro Nacht reicht doch nun wirklich!« Doch als Renata die Furcht in Tanis Augen sah, schwante ihr ein ernsteres Problem.
»Nein, es ist ein Diener deines … des Mannes, der dein Gatte war.«
Die Hebamme spürte, dass sich ihre Kehle bei diesen Worten verengte.
»Wenn du nicht mit ihm sprechen willst, kann ich mir die Botschaft geben lassen und ihn fortschicken.«
Renata zwang sich zu einem Lächeln. »Warum sollte ich ihn nicht sprechen wollen? Ich habe keinen Grund, Geremy oder jemanden aus seinem Haushalt zu fürchten.«
»Ich dachte … da du ihn verlassen hast …« Tani errötete.
»Ich habe auch keine Angst, darüber zu reden, aber die Geschichte ist sehr langweilig. Auf mich trifft die alte Redensart nicht zu, dass die Geschichte jeder einzelnen Entsagenden eine Tragödie ist.«
Tatsächlich hatte Renata mit einem Leben gebrochen, das viele Frauen für ideal gehalten hätten. Ihr fiel eine Unterrichtsstunde von damals ein, als sie sich ausschließlich im Haus bewegt hatte, in der ein von einem prügelnden Vater übel zugerichtetes Mädchen sie mit eben dieser Wahrheit aufgezogen hatte. Trotzdem hatte sie bei der Vorstellung, mit Geremy reden zu müssen, ein Gefühl, als würde sie innerlich erkalten. Sie hatte ihn und ihr ehemaliges Zuhause seit dem Tag ihrer Abreise vor über vier Jahren nicht mehr gesehen.
Tja, je eher sie erfuhr, was der Kurier wollte, desto besser. Eins unserer Kinder muss krank sein. Warum sollte Geremy sich sonst die Mühe machen, mich über irgendetwas zu informieren? Sie marschierte festen Schrittes ins Besucherzimmer.
Als sie den Raum betrat, stand der drahtige, lederhäutige Mann auf, der auf einem Stuhl mit gerader Rückenlehne gesessen hatte.
»Guten Abend, Dame Renata. Kann ich bei den Göttern hoffen, dass Ihr gesund seid?«
Aus der Nähe besehen erkannte sie in ihm einen leitenden Bediensteten aus der florierende Pferdezucht ihres Ex-Gatten. »Mir geht es sehr gut, Davin.« Sie reichte ihm ihre Fingerspitzen.
»Welches Problem führt Euch hierher?«
Davin schluckte und wandte den Blick ab. »Mein Herr bittet Euch, mit mir zurückzureiten, und schickt Euch dies hier.« Er schob ihr eine Nachrichtenröhre in die Hand.
Renata nahm den Brief heraus, entrollte ihn und trat einige Schritte zurück, um ihn zu lesen. In der ungelenken Handschrift ihres ehemaligen Mannes stand da: ›Unsere Tochter Lanilla wird im Mittsommer Zwillinge gebären und hat mit Komplikationen zu rechnen. Sie ist nach Hause gekommen, um sich bis zur Geburt auszuruhen, und bittet dich, sie zu besuchen. Auch wenn du alle anderen Pflichten vergessen hast, wirst du dich doch den Ansprüchen deines jüngsten Kindes bestimmt nicht verweigern.‹
Renata rollte das Pergament mit einem Seufzer zusammen Ihre Versuche, sich ohne Verbitterung von Geremy zu trennen, hatten schon damals nicht viel genützt, und seine Ansichten hatten sich eindeutig nicht geändert. Ängstlich schaute sie in Davins Gesicht.
»Ist Lanilla sehr krank?«
»Im Moment nicht, Dame Renata. Aber die Kinder machen ihr schwer zu schaffen, und die Hebamme hat sie angewiesen, in ihrer Kammer zu bleiben. Sie hat alle anderen verloren …« Davin riss sich zusammen. »Dies sind keine Dinge, über die ich leichten Herzens spreche.«
Renata wusste, dass Lanilla im ersten Jahr ihrer Ehe zwei Fehlgeburten erlitten hatte. Die Frau hatte ihre Tochter seit drei Mittwintern nicht mehr gesehen. Damals hatte sie das neue Heim des Mädchens zum Fest besucht. Der in kalter Förmlichkeit begonnene Feiertag hatte mit einer Auseinandersetzung geendet.
Lanilla hatte der Auszug ihrer Mutter ebenso sehr verärgert wie Geremy. Und was Renata anging, so war es ihr nicht gelungen, ihre Irritation darüber zu verbergen, dass Lanilla sich allem Anschein nach mit der gleichen eingeschränkten Existenz zufrieden gab, vor der sie geflohen war. »Dann haben wir also genug Zeit, um Euch mit einem heißen Getränk zu erfrischen«, sagte Renata. »Ich muss noch packen. Wir können in einer knappen Stunde losreiten.«
Während sie ein passendes Kleidersortiment einpackte, versuchte sie, ihre Furcht vor der ersten Rückkehr in ihr altes Zuhause seit dem Ablegen des Eides in Schach zu halten. Der Ritt dauerte zwar nur drei Tage, aber ebenso hätte er auf die andere Seite der Hellem führen können. Lanilla, die jüngste und als letzte verheiratete ihrer fünf Töchter - Renata und Geremy hatten keine Söhne bekommen -, war nicht nur die Einzige, die in der Nähe ihres Vaters lebte, sondern auch die Einzige, die ihre Mutter je eingeladen hatte. Und das eine Mal hat ihr auch gereicht! Zweifellos halten mich alle anderen noch immer für verrückt.
Renata sah Lanilla im Alter von sechzehn Jahren vor sich, am Tag ihrer Eheschließung: Die Tochter hatte mit Sprachlosigkeit auf ihre Ankündigung reagiert, am nächsten Tag ins Gildenhaus von Arilinn zu ziehen. Das Mädchen hatte die Ankündigung als Verrat an ihm aufgefasst. Wie hätte Renata erklären sollen, dass nur das Warten auf ihren Hochzeitstag sie so lange bei Geremy hatte bleiben lassen?
Nun, da Lanilla sicher an den jüngeren Sohn eines unbedeuteten Edelmannes verheiratet war - ein stolzer Triumph für einen Pferdezüchter -, hatte Renata keine Verpflichtungen mehr empfunden, ihre eigene Freiheit einzuschränken.
Sie schloss die Reisetasche und warf einen Blick auf den in der Ecke liegenden Hebammenbeutel. Darin befanden sich die Instrumente ihres Fachs und Drogen - sowohl traditionelle Kräuterheilmittel als auch Tränke, die sie von den Terranern bekommen hatte. Sie beschloss, ihn zurückzulassen. Warum sollte sie die unausweichliche Spannung noch verschlimmern, indem sie ihre Wahl so zur Schau stellte? Da Lanilla nicht akut krank war und über eine Hebamme verfügte, brauchte sie ihre Sachen nicht. Die typische Kleidung der Entsagenden würde im Haushalt ihres Gatten schon genug Aufruhr erzeugen.
Soll ich vielleicht lieber einen Rock anziehen? Nein. Es war zwar ganz in Ordnung, keine Auseinandersetzung zu provozieren, aber der Schwesternschaft brauchte sie sich nicht zu schämen. Außerdem kann ich in drei Tagen mein Haar ohnehin nicht wieder bis in den Nacken wachsen lassen, dachte sie mit einem ironischen Lächeln.
Falls Lanilla noch immer Verbitterung empfand, nutzten ihr auch äußerliche Veränderungen nichts. Doch andererseits, meinte Renata, konnte diese Einladung nur bedeuten, dass ihr Kind wieder eine liebevolle Beziehung zu ihr aufnehmen wollte. Als sie wieder zu Davin hinunterging, beflügelte der Gedanke ihren Schritt. Da kein Notfall vorlag, hätte sie zwar mit der Abreise bis zum nächsten Morgen warten können, aber ihr war danach, den Weg so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Davin dachte offenbar ebenso, denn er hatte keine Einwände, aufzusitzen und in den Regen hinauszureiten. Sie konnten noch mehrere Meilen hinter sich bringen, bevor die Müdigkeit sie für den Rest der Nacht zum Ausruhen zwang. Renata stellte mit wehmütiger Erheiterung fest, dass Geremy ihr eine seiner besten Stuten geschickt hatte. Ihr Mann war stets höflich zu ihr gewesen, auch dann noch, als seine milde Zuneigung sich in Zorn verwandelt hatte. Davin jedoch war es offenbar noch immer peinlich, Renata in die Augen zu schauen oder mit ihr zu reden. Er fühlte sich, zwischen seinem Herrn und seiner früheren Herrin eingezwängt, zweifellos unbehaglich.
»Könnt Ihr mir etwas mehr über Lanillas Zustand sagen?«, fragte sie, als die beiden über die leere Straße vom Gildenhaus fortritten.
»Sie hat mir gefehlt.« Renata spürte einen Anflug von Trauer bei der Erinnerung daran, wie ihre Letztgeborene als Säugling an ihrer Brust gelegen hatte. Dann ein Aufblitzen: Lanilla mit zwölf half ihr beim Gebären und der Pflege kranker Ehefrauen der Gestütarbeiter.
Hör damit auf, ermahnte sie sich. Du bist noch nicht alt genug, um in einer sentimentalen Pfütze zu versinken. »Warum ist sie denn nach Hause gekommen, statt die Geburt auf ihrem eigenen Landsitz durchzustehen?«
»Laut dem, was ich die Damisela habe sagen hören«, erwiderte Davin, »war sie einsam. Sie wollte das Kind in Anwesenheit ihrer alten Kinderfrau bekommen.« Annelys hatte sich um alle Säuglinge Renatas gekümmert. »Ich glaube, sie hat Angst … sie hatte so viele Frühgeburten, und diese Schwangerschaft ist die erste, die so lange gehalten hat …« Davins Stimme versagte, es war ihm eindeutig peinlich, dass er über Dinge sprechen musste, die nicht seine Welt waren. Er würde nichts mehr sagen. Er würde auf weitere Fragen nur noch mit freundlichen Nichtigkeiten antworten.
Als Renata dem Tor des respektablen Steingebäudes entgegenritt, in dem sie den größten Teil ihres Erwachsenenlebens verbracht hatte, empfand sie angesichts der Aussicht, der regnerischen Nacht zu entgehen und unter ein trockenes Dach zu kommen, kaum mehr als Erleichterung. Abwechselnd schwacher oder heftiger Regen hatte sie den ganzen Weg von Arilinn bis hierher begleitet, und wenn sie nach den grauen Wolkenbergen urteilte, die am dritten Tag der Reise dem Sonnenaufgang vorausgegangen waren, würde es noch vor dem Morgengrauen gewittern. Davin brachte sie in den großen Saal und zog sich schnell zurück, um die Pferde zu versorgen.
Vor Renata stand eine schlanke junge Frau mit Haaren von blassgoldener Farbe. Es war Dori, die Barragana, die Geremy sich im Jahr vor Lanillas Eheschließung genommen hatte. Falls sein Verhalten in Renatas Bett während der letzten paar Jahre irgendein Hinweis war, hatte er sich nur aus Statusgründen eine Geliebte gesucht und weniger aus sexuellen.
Und aus einem anderen Grund. Als die junge Frau schüchtern auf die beiden Reisenden zuschlich - Na so was, sie ist angesichts unserer Begegnung weitaus gehemmter als ich! -, fiel Renata die absurde Schwere ihres Busens auf, die gar nicht zu ihrer ansonsten schlanken Gestalt passte. Davin hatte versehentlich ausgeplaudert, dass Dori Geremy kürzlich einen Sohn geboren hatte. Nun hat er endlich den männlichen Erben, den er sich immer gewünscht hat.
Dori zog den Kopf ein. Es war eine Art Verbeugung.
»Willkommen in … Eurem Haus, Dame Renata.«
Einiges von Renatas Anspannung löste sich in dem Impuls auf, die Angst der jungen Frau zu lindern. Sie trat näher und nahm Doris Hand. »Es ist jetzt Euer Zuhause. Ich habe nicht vor, zurückzukehren und es an mich zu reißen. Ich habe nichts gegen Euch.«
Dori begegnete dieser Aussage mit einem scheuen Lächeln.
Warum hatte Geremy sie nicht geheiratet? Wahrscheinlich, weil er damit verkündete, dass Renata nicht mehr seine Gattin war. Er hätte ein solches Eingeständnis als Niederlage empfunden.
Bevor die Hebamme protestieren konnte, nahm Dori ihr den Umhang ab. »Ich werde jemanden beauftragen, Euch ein heißes Getränk zu bringen. Nach einer solchen Reise müsst Ihr doch erschöpft sein.«
Geremy nahm sie also nicht in Empfang. Nun ja, sie hatte es auch kaum erwartet. Ob es ihr gelang, ihm während ihres gesamten Aufenthalts aus dem Weg zu gehen? Wie lange sollte die Einladung überhaupt dauern? »Vielleicht später … Ich möchte jetzt gern Lanilla sehen. Ist sie wach?«
Kurz darauf stand Renata vor der Tür von Lanillas Kammer. Es war die gleiche, die sie schon als Kind bewohnt hatte. Auf ihr Klopfen hin öffnete die alte Annelys - eine kleine Frau, ihr Rücken war noch gerade, doch ihr schwarzes Haar war von silbergrauen Strähnen durchzogen. Renata unterbrach Annelys’ Knicks mit einer Umarmung.
»Ihr habt uns gefehlt, Dame Renata. Seid Ihr möglicherweise für immer zurückgekommen … ?«
Die ehemalige Hausherrin unterbrach sie. »Nur um Lanilla zu besuchen.« Es wäre ihr nicht eingefallen, ihren Entschluss auch nur ansatzweise zu erklären. Annelys hätte ohnehin reagiert wie schon vier Jahre zuvor: Sie hätte den Kopf geschüttelt und gegackert, als hätte ihre Herrin den Verstand verloren.
Renata hörte nur mit halbem Ohr, wie hinter der Kinderfrau die Tür ins Schloss fiel. Lanilla saß in einem mit dicken Kissen gepolsterten Sessel neben dem Bett und machte Anstalten, sich zu erheben. Eilig durchquerte Renata den Raum und ergriff die Hände ihrer Tochter. »Bleib sitzen, Chiya.« Sie beugte sich über Lanilla, um sie zu küssen.
Die junge Frau drehte den Kopf, so dass der Kuss ihre Wange traf.
»Du bist also gekommen, Mutter. Ich wusste nicht genau, ob du die Zeit erübrigen konntest.«
Ein Anflug von Verletztheit und Verärgerung durchfuhr Renata.
Sie schluckte den Impuls herunter, anzumerken, dass Lanilla und nicht sie die letzte Begegnung in einem Streit hatte enden lassen. Sie wollte mich in ihrer Nähe haben, damit ich ihr helfe, meine Enkel aufzuziehen. Junge Leute glauben immer, ihre Eltern seien nur dazu da, es ihnen bequem zu machen. »Auch wenn ich mein eigenes Leben führe, bedeutet es nicht, dass ich dich verlassen habe«, sagte sie so sanft wie nur möglich.
»Was war falsch an deinem Leben hier? Ach, fangen wir nicht wieder damit an.« Lanilla rutschte rastlos hin und her. Renata zog einen kleinen Sessel heran und registrierte bestürzt die Veränderungen ihrer Tochter. Ihr rotbraunes Haar wirkte trocken und leblos, ihre Haut war bleich wie Lehm. Renatas ausgebildetes Auge konzentrierte sich auf Lanillas geschwollene Fußgelenke. Ihr aufgedunsenes Gesicht bot einen heftigen Kontrast zu ihren schlanken Armen.
»Ich habe gehört, dir geht es nicht gut. Was sagt die Hebamme?«
Lanilla legte die Hände auf ihren dicken Bauch. »Sie beharrt darauf, dass ich die nächsten zweieinhalb Monde in dieser Kammer bleibe und mich nur vom Bett zum Sessel und zurück bewege.
Gnädige Göttin, ich kann es jetzt schon nicht mehr ertragen!«
»Wenn es für deine und die Gesundheit deiner Kinder hilfreich ist, musst du es tun«, sagte Renata. Innerlich empfand sie Wut über die unnötigen Schmerzen und die Gefahr. Die Terraner besaßen Arzneien, welche die Gifte neutralisierten, die der Körper einer Schwangeren produzierte. Doch der eh wie je konservative Geremy würde nie zulassen, dass man seine Tochter mit derlei neuen Methoden behandelte. Gareth, Lanillas Mann, war wahrscheinlich ebenso traditionsverbunden.
Als Renata sah, dass Lanilla sich die Stirn rieb, fing ihr rudimentär entwickeltes Laran ein Aufblitzen der chronischen Kopfschmerzen auf, an denen ihre Tochter litt. »Ich werde alles tun, damit diese Schwangerschaft gut verläuft. Ich habe so viele …« Lanilla wischte über ihre feuchten Augen und schluckte ein Aufschluchzen herunter. »Es ist das erste Mal, dass ich es über den dritten Mond hinaus schaffe. Aber ich bin so müde.«
Renata tätschelte ihr die Schulter. »Dann ist es ein gutes Zeichen.
Vielleicht klappt es diesmal wirklich. Aber du darfst dich nicht aufregen. Für Säuglinge ist es schädlich.« Wie konnte Lanilla sich nur Jahr für Jahr dieser Tortur unterziehen? Und warum blieb sie bei einem Mann, der sie zu diesen Leiden zwang? Es gab doch bestimmt genügend elternlose Kinder, die jemanden brauchten und die man adoptieren konnte. Doch da Renata diese Gedanken nicht laut aussprechen konnte, sagte sie: »Jetzt bin ich hier. Ich freue mich, dass du nach mir geschickt hast.«
In Lanillas Augen schwelte Groll. »Es ist schwer zu glauben, wenn man bedenkt, wie eilig du es hattest, uns zu verlassen. Du hättest mich wenigstens warnen können, statt einen Tag nach meiner Hochzeit einfach zu verschwinden.«
Da Renata ihren Entschluss so noch nie gesehen hatte, erwiderte sie überrascht: »Ich hielt es für besser, nicht im Voraus darüber zu sprechen, Chiya. Ich wollte deine Hochzeitsvorbereitungen nicht durcheinander bringen.«
Das Funkeln verschwand aus Lanillas Augen. »Tja, so habe ich es nicht gesehen«, sagte sie. »Auf mich wirkte es vielmehr, als könntest du es kaum erwarten, mich los zu sein, um dein eigenes Leben zu leben.«
»Ach, meine Liebe!« Renata wollte ihre Tochter in den Arm nehmen, doch sie unterließ es, als Lanilla sich versteifte. »Deswegen bist du doch nicht weniger ein Bestandteil meines Lebens. Nach all diesen Jahren wurde mir eben klar, dass Geremy mir nicht erlaubte, ein selbständiger Mensch zu sein. Wie kann ich es dir nur erklären?«
Sie konnte es nicht. Sie hatte es schon einmal versucht, doch ihre Argumente waren auf taube Ohren gestoßen. Kein Angehöriger ihrer Familie hatte Renatas Unzufriedenheit verstanden, Geremys Zuchtstute und Haushaltsleiterin zu sein. Hatten Frauen nach der Ehe etwas anderes zu erwarten? Sie genoss schließlich das Vertrauen ihres Gatten und den Respekt ihres Personals. Warum wollte sie also unbedingt nach Arilinn gehen, um den Beruf einer Hebamme zu erlernen - obwohl das Laran, das sie als Bürgerliche besaß, so skandalös gering war - und sich selbst ein paar Münzen zu verdienen, statt damit zufrieden zu sein, Fohlen und Kinder von Bediensteten zur Welt zu bringen? Warum wollte sie ihre Zeit damit vergeuden, Bücher über wissenschaftliche Pferdezuchtmethoden zu lesen und ihren Gatten dazu drängen, diese fremdartigen Ansichten anzunehmen, wenn solche Dinge außerhalb der rechtmäßigen Sphäre einer Dame lagen? Zu viele Gelegenheiten, bei denen man ihre Vorschläge mit einem vagen Lächeln abgetan hatte, hatten sie überzeugt, dass Geremy ihr nie einen eigenen Kopf zugestehen würde. Doch Lanilla empfand diese Vorwürfe so, wie auch ihre anderen Töchter: als frivol und unbegreiflich.
Lanilla drängte ihre Mutter nicht zu einer Erklärung. »Mein Rücken tut weh. Ich möchte ins Bett. Schickst du Annelys bitte herein?«
Als Renata das Schlafzimmer verließ, unterdrückte sie ein Seufzen.
Am nächsten Morgen, wenn Lanilla sich ausgeruht hatte, war sie Zuneigung gegenüber vielleicht offener.
Renata schritt mit festem Schritt durch den großen Saal und fing die Zofe ab, die mit einem Topf voller dampfendem Kräutertee zur Treppe unterwegs war. »Ich trinke ihn im kleinen Salon. Und ich möchte den Herrn sprechen - jetzt gleich.«
Einige Minuten später saß sie auf dem vertrauten abgewetzten Sofa vor dem Kamin im kleinen Salon und nippte ihren Tee. Durch die Steinmauern hörte sie das leise Heulen des herannahenden Gewitters. Als Geremy hereinmarschierte und ihr gegenüber Platz nahm, zwang sie sich, ihn möglichst kühl zu begrüßen.
»Renata …«, sagte er und räusperte sich. »Ich danke dir, dass du gekommen bist. Du bist zweifellos … ziemlich beschäftigt.«
Ihre unterdrückte Verärgerung kochte über. »Herr im Himmel, glaubt ihr denn alle, mein Eid hat mich zu einem Ungeheuer gemacht? Hast du wirklich gedacht, ich würde das Leiden meines Kindes ignorieren?« Sie stellte den Becher so fest auf den Tisch, dass der Tee überschwappte.
»Gareth und Lanilla haben bei ihrem Versuch, ein Kind zu bekommen, eine Menge Kummer erlebt«, sagte er. »Dank der Göttin sieht es diesmal so aus, als würde sie wirklich gebären.«
»Gareth!« Renata hielt sich zurück. Sie wusste, dass es ihr nichts einbrachte, wenn sie jetzt über männliche Grobschlächtigkeit philosophierte. »Wie kannst du das nur zulassen, Geremy? Siehst du denn nicht, wie schlecht es Lanilla geht? Sie braucht mehr Hilfe, als eine Landhebamme ihr geben kann.«
Geremy setzte sich aufrecht hin und sagte in frostigem Ton: »Hilfe dieser Art hat dir doch auch genügt.«
Renata schüttelte verärgert den Kopf. »Ich habe meine Kinder wie ein stämmiger Ackergaul bekommen. Lanilla ist anders. Sie braucht besondere Nahrungszusätze und Medizin, um die Gifte aus ihrem Kreislauf zu vertreiben. Wenn die Zwillinge kommen, benötigen wir vielleicht Instrumente, um sie sicher auf die Welt zu bringen - gar nicht zu reden von Gerätschaften, die sie am Leben erhalten, wenn sie zu früh geboren werden.«
»Das reicht! Du weißt, was ich von den Sitten der Terraner halte!«
»Bedeutet das Bewahren von Tradition etwa, dass man dem gesunden Menschenverstand gegenüber blind ist?« Renata schluckte ihre Wut herunter. Na schön, auch Geremy hatte ein Körnchen gesunden Menschenverstandes auf seiner Seite; sogar einige ihrer Lehrerinnen bezweifelten die Weisheit des Einsatzes komplizierter Techniken, um Kinder zu retten, denen die Göttin zu sterben erlaubt hatte. Aber doch nicht die Kinder meiner Tochter! Renata sagte etwas leiser: »Hättest du mich darüber informiert, wie schlecht es ihr geht, hätte ich wenigstens meine Instrumente mitgebracht. Einige der Arzneien in meinem Beutel könnten …«
Geremy errötete. »Sie braucht keinen der Tricks, die du von dem Weiberpack gelernt hast, das Ehefrauen dazu verführt, ihre Männer sitzen zu lassen!«
Geremy glaubte also noch immer an diesen Unfug. Er hätte es nachvollziehen können, wenn seine Gattin ihn wegen eines jüngeren und reicheren Mannes verlassen hätte - aber wegen Weiberpack? Er hatte Renatas Beweggründe nie verstanden.
»Es ist mir egal, was du von mir hältst, aber deine Gefühle sollten deine Tochter nicht daran hindern, die bestmögliche Behandlung zu bekommen.«
Geremy stand auf. »Ich möchte nicht mehr darüber sprechen. Du kannst so lange bleiben, wie Lanilla es möchte, aber infiziere sie nicht mit deinen verrückten Ideen.«
Renata knirschte mit den Zähnen, um ihn nicht anzuschreien.
»Glaub mir, Geremy, es würde mir nie einfallen, in deinem Haus Ideen zu verbreiten.«
In den Tiefen der Nacht wurde Renata von einem Donnerschlag geweckt. Von dem dreitägigen Ritt wundgescheuert, tastete sie sich zum Fenster und schaute hinaus. Im Licht eines Blitzes erkannte sie eine Regenwand und den überfluteten Stallhof.
Hatte nur das Donnern sie geweckt? Aus irgendeinem Grund kroch trotz des schweren Nachthemdes Kälte in ihre Glieder, und ihr Herz raste wie ein panisches Rabbithorn. War es bloße Nervosität nach einem harten Tag oder eine echte Warnung ihres geringen Larans?
Lanilla!, dachte sie. Etwas stimmt nicht mit ihr!
Im gleichen Augenblick zerriss ein Schrei die Luft. Renata griff nach einem Hausgewand, warf es über ihr Nachtkleid und eilte durch den Korridor. Erneut ertönte ein Schrei.
Sie jagte in Lanillas Zimmer, wo Annelys den Rücken der jungen Frau massierte und sich bemühte, sie zu beruhigen. Geremy ging neben der Tür auf und ab. »Es ist zu früh … Viel zu früh. Ich habe einen meiner Männer zur Hebamme geschickt …«
»Hast du das Gewitter draußen gesehen?«, rief Renata. »Glaubst du im Ernst, die Frau kann pünktlich hier sein? Wer weiß, ob dein Kurier sie bei diesem Wetter überhaupt findet?« Sie eilte an Lanillas Bett und nahm das Gesicht ihrer Tochter zwischen die Hände.
»Pssst, Chiya. Du musst ruhig bleiben. Hole tief und regelmäßig Luft. So ist es gut … Und atme langsam aus. Braves Mädchen.« Sie schaute der Schwangeren in die Augen und zwang ihren Atem dazu, langsamer und tiefer zu werden. Mit einem kurzen Blick auf Geremy sagte sie: »Ich kümmere mich um sie. Ich bin dazu ausgebildet worden.«
Mit geballten Fäusten erwiderte der Mann: »Glaubst du etwa, ich lasse zu, dass du an ihr herumpfuschst … ?«
»Welche Wahl hast du denn, du Narr?«, wütete Renata. »Sind dir deine Vorurteile wichtiger als das Leben deiner Tochter? Geh jetzt raus und lass mich meine Arbeit tun.«
Lanilla krallte sich in Renatas Schulter. »Ja, Mutter … Ich möchte, dass du es tust … Bitte, lass meine Kinder nicht sterben!«
»Arbeite mit mir zusammen, Liebling, dann tue ich mein Bestes.«
Zu Geremy sagte sie: »Falls die Hebamme je herkommt, schick sie nach oben.«
Der Angesprochene stolzierte hinaus.
Während der nächsten zwei Stunden dirigierte Renata Lanillas Atmung, während Annelys ihr den aufgeblähten Bauch streichelte.
Die Hebamme spürte das Echo von Lanillas Pressen als reißenden Schmerz in ihrem eigenen Körper. Sie drängte ihn in die untersten Schichten ihres Bewusstseins zurück, da sie wusste, dass es ihrer Tochter nicht half, wenn die Kontraktionen auch noch sie auslaugten. Als die Fruchtblase geplatzt war, hatte Lanilla wie ein waidwundes Tier gewinselt. Annelys entfernte vorsichtig mehrere Schichten durchnässter Laken und ersetzte sie durch trockene.
Renata streichelte Lanillas Finger, die sich immer wieder in den Saum der Schlafdecke krallten. »Du musst dich entspannen, Chiya, und deine Kraft fürs Pressen aufsparen.«
»Ich kann nicht mehr, ich bin zu müde«, stöhnte Lanilla. »Mutter, sorg dafür, dass es aufhört!«
»Ich habe Angst um sie«, flüsterte Annelys Renata ins Ohr. »So heftige Schmerzen dürfen nicht lange andauern.« Lanilla, von den Kontraktionen völlig benommen, schenkte ihr keine Beachtung.
»Du hast Recht«, erwiderte Renata murmelnd. Wie sehr sie sich nach ihrem kleinen Vorrat terranischer Arzneien sehnte. Sie hätten die Wehen gelindert und verkürzt und die Blutung kontrolliert. Die Mutter massierte Lanillas Bauch mit sanften Bewegungen. »Für die Kinder ist es zu früh; sie haben sich noch nicht gedreht. Sie liegen beide noch mit dem Kopf nach oben.« Im Gildenhaus hätte sie in einer solchen Situation chirurgisch eingegriffen statt Mutter und Kind mit einer Vaginalgeburt auszulaugen. Oder sie hätte wenigstens die Zange einsetzen können, um die Geburt zu erleichtern. Doch jetzt verfügte sie nur über ihre Hände und ihre Erfahrung. »Ich versuche, sie zu drehen. Lanilla, Liebling, atme tief ein … Annelys wird dir helfen … Ich muss ihre Köpfe in die richtige Position bringen.«
Renata fuhr mit den Fingern über den Bauch ihrer Tochter.
Während Lanilla zwischen ihren Schreien nach Luft schnappte, drehte die Hebamme den Kopf des ersten Kindes - bei jedem Zufassen um einen Zentimeter. Ihre Gelenke schmerzten vor Anspannung, als der Säugling endlich in der richtigen Position lag und sein Kopf in der Beckenwiege ruhte. Keine Sekunde zu früh -
Lanillas Schreie wurden zu einem heiseren Ächzen. Sie umklammerte Renatas Arm mit einem festen Griff.
»Annelys, halt sie hoch!«
Die Kinderfrau kniete sich neben Lanilla hin und stützte ihren gekrümmten Nacken. Renata befreite sich und schob den Saum der Bettdecke in Lanillas Hände. »Genau, Chiya, jetzt kannst du pressen!
Aufhören … einatmen … so ist es richtig … Jetzt tief Luft holen, und das Ganze wieder von vorn …« Sie setzte ihre Litanei fort. Es ging so automatisch wie ihr Herzschlag, nebenbei überwachte sie den Fortschritt des Kindes per Berührung und Laran.
Kurz darauf erblickte sie den feuchten Umriss des Schädels. Mit einem Triumphschrei packte sie den winzigen Leib, der in ihre Hände glitt.
»Ein Mädchen«, murmelte Annelys. »Aber so klein!«
»Dank Avarra hast du ein wunderschönes Mädchen geboren«, sagte Renata zu ihrer Tochter. Die bläuliche Hautfarbe des Kindes ließ sie unerwähnt. Sie reichte Annelys die Kleine. »Blase in ihren Mund, damit sie Luft kriegt.« Sie schob Rollen von sauberem Leinen unter Lanillas Schenkel, um den Blutstrom aufzufangen, der auf die Nachgeburt folgte. »Und jetzt das andere Kind. Hol wieder tief Luft.«
Erneut erforschten ihre Hände die Umrisse eines Kinderkörpers.
Es war zu spät, um es zu drehen. Die Kontraktionen wurden wieder schneller. Mehr Blut, danach ein heller Schrei Lanillas.
Renatas tastende Finger berührten einen kleinen Fuß und ein Bein.
Sie schob die Hand in den Geburtskanal und blieb bei ihrem besänftigenden Instruktionsgemurmel. »Nicht pressen - atme schnell und flach …« Es gelang ihr schrittweise, das andere Bein herauszuziehen. »Jetzt wieder pressen.« Als die Kontraktion nachließ, zog Renata vorsichtig weiter. Lanilla gebar mit einem letzten Schrei einen blutüberströmten Knaben und sank mit geschlossenen Augen auf das Kissen.
Die Hebamme hob den Säugling hoch und beatmete ihn. Keine Reaktion. Sie drückte auf das zerbrechliche Brustbein und blies weiterhin Luft zwischen die blauen Lippen. Noch immer nichts. Die winzigen Gliedmaßen hingen schlaff über ihren Arm. Sie spürte keinen Herzschlag. Sie wickelte das Kind in eine Windel ein und legte es auf den Sessel neben dem Bett.
Als sie sich umdrehte, um sich um die Nachgeburt zu kümmern, stellte sie fest, dass zwischen Lanillas Schenkeln noch immer Blut strömte. Sie legte die flache Hand auf die nasse Stirn ihrer Tochter.
»Hör zu, Lanilla! Die Blutung ist sehr stark. Wir müssen sie aufhalten. Hilf mir … Hör mir zu, konzentrier dich!«
Lanilla öffnete die Augen und maß ihre Mutter mit einem stumpfen Blick. Renate schaute die junge Frau an, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, stellte sich vor, am Blutfluss entlang zu seiner Quelle zu schwimmen und sie mit der Kraft ihres Willens einzudämmen. Die Hebamme holte tief Luft und dirigierte Lanilla dazu, in einem gleichmäßigen Rhythmus zu atmen. Die nun beruhigte Frau überließ sich dem Willen ihrer Mutter, und die Blutung hörte auf.
»Meine Kinder«, sagte Lanilla heiser.
Renata umfasste ihre Hand. »Du hast eine Tochter. Doch der Junge ist eine Totgeburt.« Sie schaute Annelys an, die noch immer in den Mund des Mädchens blies. In diesem Moment stieß die Kleine einen leisen Schrei aus. Zu Renatas Erleichterung ging die blaue Hautfärbung zurück. Sie streckte die Arme aus und nahm das in eine Decke geschlagene Kind an sich. »Annelys, besorg mehr Decken und lass Steine anheizen. Wir müssen einen Brutkasten für die Kleine machen. Beeil dich!«
Schnell durchtrennte und verknotete Renata die Nabelschnur, dann legte sie die Kleine auf Lanillas Brust. Das Gesicht der Gebärenden war tränenfeucht, doch sie drückte das Kind fest an sich. »Der Göttin sei Dank! Wäre Gareth doch nur hier!«
Renata registrierte dankbar, dass Lanilla zu beschäftigt war, um ihre empörte Miene zu bemerken, die sie nicht ganz unterdrücken konnte. Gareth wünschte sich zweifellos einen Sohn - wie alle Männer. Lanilla würde ihm wahrscheinlich den Gefallen tun, wieder schwanger zu werden, sobald sie keine Milch mehr hatte.
Renata glättete das Haar des Neugeborenen, dann streichelte sie die Hand ihrer Tochter. »Ich freue mich sehr, dass du endlich ein Kind hast. Du brauchst es aber nicht noch einmal durchzumachen, arme Kleine. Falls Gareth will, dass du dich Jahr für Jahr durch Schwangerschaften auslaugst - und dein Leben aufs Spiel setzt -, brauchst du nicht bei ihm zu bleiben. Er kann dich nicht zwingen, dieses Opfer zu bringen.«
Lanillas Augen flammten trotz ihrer Erschöpfung auf. »Kannst du es denn nicht verstehen, Mutter? Hör endlich auf, mich in dein Ebenbild zu verwandeln! Ich liebe Gareth. Ich möchte Kinder von ihm haben.«
Renata starrte ihre Tochter wie benommen an. Sie meint es ernst!
Verstehe ich sie wirklich ebenso wenig wie sie mich? »Verzeih mir, Chiya.
Es liegt natürlich in deinem Ermessen. Sei glücklich damit.« Sie küsste Tochter und Enkelin.
Die Tür ging auf, und Annelys kam mit dem Brutkasten herein.
Geremy folgte ihr. Er trat fast zaghaft an das Bett.
Renata richtete sich auf und schaute ihn an. »Da hast du dein Enkelkind, Geremy.«
Er küsste Lanillas Hand und fuhr vorsichtig mit einem Finger über die Wange der Kleinen. Als er Renatas Blick bemerkte, schaute er schnell weg und sagte barsch: »Die Götter seien gepriesen.« Dann schluckte er heftig. »Ich hoffe, du kommst zurück, wenn wir dem Kind einen Namen geben.«
Trotz der Schmerzen in ihrem Kreuz und ihren Armen musste Renata lächeln. »Es würde mir nicht einfallen, das Ereignis zu verpassen.«
Über Priscilla W. Armstrong und ›Das Gildenhaus von Dalereuth‹
Priscilla Armstrong sagt zu ihrer Geschichte, sie habe sich oft gefragt, was aus der Gemeinschaft in Dalereuth wurde, nachdem der Vertrag die Herstellung von Waffen verbot. Die Einstellung der Haftfeuer-Produktion muss beträchtliche wirtschaftliche Probleme zur Folge gehabt haben. Da der Ort mit Rohana und Kindra zwei grundverschiedene Charaktere hervorgebracht hat, die ihn als ihre Heimat bezeichnen - die eine ging in einen Turm, die andere in ein Gildenhaus -, muss er sehr ungewöhnlich gewesen sein.
Über sich selbst sagt Priscilla, dass sie eine Tochter und zwei Enkel hat. Ihr Ehemann berät Senioren und Seniorenwohnheime in Unterbringungsfragen. Ihr Sohn ist Heilpädagoge in San Francisco.
Zu Priscillas professionellen schriftstellerischen Erfolgen zählen eine Erzählung in Ellery Queen’s Mystery Magazine sowie Artikel in den Zeitschriften The Gerontologist und Activity Directors Guide.
Bei diesem Hintergrund rechnet man geradezu mit einer Geschichte, die sich mit den Realitäten der Sozialarbeit auseinander setzt. Eine solche hat sie auch geschrieben. - MZB
Das Gildenhaus von Dalereuth
von Priscilla W. Armstrong
Ginevra n’ha Rina und Rina n’ha Rina ritten schweigend über die alte Hochstraße von Thendara nach Dalereuth.
Da sie nur selten genutzt und auch nicht regelmäßig in Stand gehalten wurde, war sie nur noch ein grasbewachsener Pfad. Die beiden Frauen waren seit fast zwei Tagen unterwegs, ohne dass das Geringste passiert war.
Ginevra beobachtete wachsam den Wald, der den Weg umsäumte, und hielt nach Anzeichen von Banditen Ausschau. Es hieß, dass es hier von ihnen nur so wimmelte. Sie erblickte jedoch nur den Knospen treibenden Frühling, und selbst dieser entging ihr mehrheitlich. Seufzend prüfte sie noch einmal ihr langes Messer, um sich zu vergewissern, dass es griffbereit und leicht zu handhaben war. Ihr hübsches Gesicht wirkte grimmig, ihre grauen Augen waren zusammengekniffen, und sogar ihr kurzes rotbraunes Haar schien wachsam zu sein.
Im Gegensatz zu ihr ritt Rina entspannt und lächelnd dahin und kommentierte die sie umgebende Schönheit. Außer ihrem Messer trug Rina noch eine kleine Rryl bei sich, in deren Saiten sie beim Reiten schlug. Statt mit einem Angriff zu rechnen und sich darauf vorzubereiten, genoss sie lieber den Augenblick.
Hatte sie ihrer kleinen Schwester zu viel zugemutet? Sie hatte Rina und sich rücksichtslos aus den Händen der Trockenstädter-Händler befreit, allerdings hatte es die Not geboten. Der Winter in den Wäldern von Darkover war schlimm, doch in den Seidengewändern, die sie zum Vergnügen ihrer Käufer anlegen mussten, hatten sie auf der Flucht über Gebühr gelitten. Hätte sie Rina nicht angetrieben, wären sie den Aasgeiern zum Opfer gefallen und hätten das Gildenhaus von Thendara nie erreicht.
Ginevra war mit ihrem jetzigen Auftrag von Anfang an nicht glücklich gewesen. Sie hatte nur in der Hoffnung zugestimmt, dass es für ihre Klinge unterwegs etwas zu tun gab. Es war viel zu lange her, seit sie das Gildenhaus verlassen hatte, um sich auf eine Reise zu begeben - und es war noch viel länger her, seit ihr Schwert sich hatte bewähren dürfen. Natürlich verließ Mutter Carla sich auf dieser Reise hauptsächlich auf ihr Schwert, aber man erwartete auch, dass sie sich diplomatisch verhielt, wenn die beiden Schwestern erst angekommen waren.
Die junge Frau dachte an das Gespräch mit Carla zurück. »Es ist an der Zeit, dass wir über die Neueröffnung des Gildenhauses von Dalereuth nachdenken. Das Haus in Thendara ist zu voll. Wir müssen uns schon stapeln wie Brennholz. Fast jede Woche kommen Frauen zu uns, die Schutz und Obdach suchen, und fortschicken können wir sie nicht. Ich möchte, dass ihr nach Dalereuth reitet, um zu prüfen, ob unser dortiges Haus renovierbar ist und die dort lebenden Menschen etwas dagegen haben, wenn wir es wieder beziehen.«
»Warum gerade wir?«, fragte Ginevra. »Es gibt doch bestimmt andere, die besser dafür geeignet sind.«
»Die Reise ist gefährlich. Ihr wisst, was Marla Hastur vor einigen Wochen passiert ist. Dein Können als Kämpferin ist bei einer solchen Reise unabdingbar, Ginevra. Es hat keinen Sinn, jemanden zu schicken, der vielleicht nicht mal dort ankommt. Eine solche Reise ist nichts für unsere Hebammen oder Kaufleute.«
»Rina und ich könnten sie beschützen«, sagte Ginevra.
»Nein. Ich möchte nicht mehr als zwei Personen schicken. Ich habe keine Ahnung, wie die Bewohner von Dalereuth nach all diesen Jahren auf uns zu sprechen sind. Zusammen könnt ihr es schaffen.
Ihr könnt mit der Klinge umgehen, und wenn Ginevra sich nicht gern mit den Leuten unterhält - besonders mit den Leuten aus dem Turm -, kann Rina das Reden übernehmen.« Sie lächelte die schweigsame Rina freundlich an.
So hatte man es arrangiert, und deswegen befand Ginevra sich auf einer diplomatischen Mission. Carla hatte natürlich Recht. Rina konnte fast ebenso gut wie sie mit dem Schwert umgehen.
»Was tun wir, wenn wir dort sind, Rina?« Ginevra betastete ihre Klinge.
»Solange wir nicht wissen, wie es dort aussieht, können wir auch nicht planen, wie wir vorgehen.«
»Du brauchst immer irgendwelche Informationen.«
»Ja, und du willst immer gleich handeln. Du musst zugeben, das wir eine ausgeglichene Einsatztruppe sind, Breda.«
Ginevra lächelte endlich und klopfte ihrer Schwester auf den Rücken. »Stimmt. Ich behalte das Schwert in der Scheide, und du redest. Wann sollen wir deiner Meinung nach mit dieser Helena im Turm reden? Es war Carla wohl sehr wichtig, dass wir uns an sie wenden. Wie kriegen wir es hin? Gehen wir einfach zu ihnen, ziehen an der Türglocke und sagen ›He, ihr Blaublüter, hört Euren niederen Untertanen mal zu?‹«
»Ginny, Ginny! Domna Helena wird längst wissen, wann wir eintreffen. In einem Turm weiß man so was. Wahrscheinlich wird sie nach uns schicken. Wir können aber auch zu ihr hinreiten und an der Tür klingeln.«
Ginevra brummte irgendetwas. Rina spürte, dass sie heimlich verärgert war, und seufzte.
Bin ich neidisch auf die Comyn?, dachte Ginevra. Oder kann ich sie nur nicht leiden, weil sie das sind, was sie uns nicht sein lassen wollen?
Wenn Rina und ich über Laran verfügen, wie Carla sagt, muss unsere Mutter etwas mit einem Comyn-Fürsten gehabt haben statt mit unserem Vater. Möge Zandru ihn holen. Wenn Rina es glauben möchte, soll sie es glauben. Doch ich weiß, dass es zwar rechtschaffen, aber auch närrisch war, ihn in all diesen brutalen Jahren zu lieben.
Als die beiden Dalereuth erreichten, versank die Sonne gerade im Westen und warf dunkle Purpurschatten. In einigen Häusern wurde Licht angezündet, und sie musterten überrascht eine Anzahl stabiler Steinhäuser verschiedener Größe, die allem Anschein nach unbewohnt waren. Rechts von ihnen ertönte das stetige Schlagen der Wellen gegen das Ufer.
»Morgen schauen wir uns mal das Meer an«, sagte Rina. »Ich kann es kaum erwarten.«
»Lass es uns jetzt tun«, sagte Ginevra zu ihrer und Rinas Überraschung. Sie war normalerweise nicht der Typ, der sich Naturwunder und sonstige Sehenswürdigkeiten anschaute.
Die beiden folgten dem Geräusch und fanden sich bald darauf auf einer Küstenstraße wieder, die sich an einem Deich entlangzog.
Dahinter breitete sich das Meer aus.
Sie saßen ab und nahmen voller Bewunderung auf dem Deich Platz. Da war es. Das Meer. Eine Welle nach der anderen rollte an den Strand, schlug gegen lange hölzerne Anlegestellen und ließ Fischerboote an ihrer Vertäuung dümpeln. Die Luft roch frisch und salzig. Je tiefer die Sonne sank, desto roter wurde der Schaum, und so weit das Auge reichte, schwappte und bewegte sich das Wasser blau, purpurn, rosa und rastlos im schwindenden Tageslicht.
»Suchen wir uns einen Schlafplatz«, sagte Rina, als der letzte Strahl der roten Sonne verschwand und ein rosafarbenes Glühen am Himmel zurückließ.
»Wir können hier lagern«, sagte Ginevra. »Der Sand wirkt bequem.«
»Lieber nicht«, sagte Rina. »Schau dir die Markierungen auf dem Deich und unten am Strand an. Manchmal steigt das Wasser offenbar bis hier hinauf. Ich möchte nicht gerne nass werden.«
Also kehrten sie in den Ortskern zurück und suchten sich eine Herberge am Rand des Marktplatzes.
Sie waren freudig überrascht, einen guten Stall für ihre Pferde und das Packtier und - Wunder über Wunder - sogar ein Stallmädchen zu finden, das sich um sie kümmerte. Im Inneren der Herberge fanden sie keine primitive Schenke oder Raststätte vor, wie sie es gewohnt waren, sondern einen ordentlichen, sauberen Gemeinschaftsraum mit polierter Theke, frisch geschrubbten Tischen und bequemen Stühlen. An den Tischen saßen sowohl Familien als auch einzelne Gäste. Es war ein friedlicher und angenehmer Anblick. Als die beiden eintraten, schauten die Gäste sie an, wandten sich wieder ihren Gefährten zu und sprachen über die fremden Frauen.
Ein dicker Mann, der sich die Hände an einer weißen Schürze abtrocknete, kam mit fröhlicher Miene auf sie zu.
»Tretet ein, tretet ein, ruhmreiche Fremdlinge!«, sagte er mit einer dröhnenden Stimme, welche an die sich brechenden Wellen erinnerte. Seine blauen Augen verschwanden in den Wülsten seiner Wangen und seine Mundwinkel erreichten fast seine Ohren, als er Rina und Ginerva willkommen hieß.
»Wir brauchen ein Obdach für eine Nacht«, sagte Ginevra.
»Vielleicht auch für länger.«
»Ihr verleiht meiner Hütte Glanz, Mestras«, sagte der Wirt. »Wir richten zwei Zimmer im oberen Stockwerk für Euch her. Habt Ihr Pferde? Hat man sich ihrer schon angenommen?«
Sie versicherten ihm, dass das Stallmädchen sich in der Tat schon um ihre Pferde gekümmert habe, und folgten ihm zu einer Treppe am anderen Ende des Raumes. Wie der Alte erzählte, war er hier seit Anbeginn der Zeiten Wirt. Ohne eine Sekunde den Mund zu schließen, führte er die Frauen die Treppe hinauf zu zwei nebeneinander liegenden Zimmern, in denen eine große dünne Frau damit beschäftigt war, die Betten mit frischen Laken zu beziehen.
»Du redest zu viel, mein lieber Jock«, sagte sie und lächelte ebenso breit wie er. »Ich heiße Judy. Ich scheuche jetzt meinen braven Gatten zu seinen Pflichten am Tresen, dann zeige ich Euch den Baderaum. Ihr wart unterwegs, da möchtet Ihr Euch doch zum Abendessen gewiss frisch machen.«
Die beiden stellten sich vor und folgten Judy zu den Bädern am anderen Ende der Herberge. Judy stieß die Türen auf und zeigte ihnen nicht nur ein Bad, sondern gleich vier, und falls man ihren Beschriftungen glauben konnte, waren sie alle für Frauen reserviert.
Als Judy die Überraschung ihrer Gäste bemerkte, sagte sie lächelnd:
»Die Bäder für die Männer befinden sich auf der anderen Seite, ein Stockwerk höher.« Geschäftig nahm sie einen Stapel benutzter Handtücher an sich und holte neue aus einem Schrank, die sie den Frauen gab.
»Es ist einfach wunderbar hier!«, sagte Rina.
»Tatsächlich? Wir sind die einzige Herberge im Ort, deswegen haben wir keine Vergleichsmöglichkeiten. Gefällt es Euch wirklich?«
»Aber ja«, sagte Ginevra. »Eure Herberge gehört zu den besten, die wir je gesehen haben. Aber ich dachte, es wären noch andere Reisende hier.«
»Ach, Ihr meint die Leute unten? Das sind keine Reisenden, sondern Leute aus dem Ort. Die meisten sind Fischer, und wenn sie ihre Arbeit getan haben, kommen sie vorbei, um bei uns zu baden.
Wir haben nämlich heiße Quellen, und die meisten Fischer haben kein Bad zu Hause. Anschließend bleiben sie meist zum Essen hier.
Es erspart ihren Frauen die Kocherei, und nach einem harten Tag können sie etwas Ruhe brauchen. Sie müssen nämlich bei Tagesanbruch wieder raus, und jetzt, im Frühling, graut der Morgen ziemlich früh.«
Nachdem sie sich gebadet, entspannt und umgezogen hatten, gingen Ginevra und Rina in den Speisesaal, wo man einen Tisch mit Obst und Brot für sie hergerichtet hatte. Ein junges Mädchen, die wie eine kleinere Judy aussah, servierte ihnen einheimisches Bier, frisches Wasser und brachte das Hauptgericht - gebackenen frischen Fisch mit Soße und Gemüse.
»Sind wir gestorben und auf den Gesegneten Inseln wieder erwacht?«, fragte Rina.
»Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll. Dalereuth ist ganz und gar nicht das, was ich erwartet habe. Jedenfalls jetzt noch nicht.
Morgen wissen wir bestimmt mehr.«
Die beiden Frauen bemerkten, dass die anderen Gäste sie beobachteten und so lange mit ihrer Mahlzeit herumtrödelten, bis Ginevra und Rina fertig waren. Sobald sie die Teller von sich geschoben hatten und sich auf den Stühlen nach hinten lehnten, ertönte das Scharren von Stühlen, und die Leute - Männer sowie Frauen - kamen näher. Zwei kleine Mädchen eilten den Erwachsenen voraus und blieben an ihrem Tisch stehen.
»Ich heiße Elena. Seid ihr wirklich Freie Amazonen?«, fragte das Mädchen mit dem kurz geschnittenen roten Haar.
»Kämpft ihr wirklich mit Schwertern?«, fragte die kleine Blonde.
»Oh, verzeiht, Mestra. Ich heiße Jess.«
»Ich heiße Rina. Und das ist Ginevra. Wir sind Schwestern, aber auch Gildenschwestern. Wir kommen aus dem Gildenhaus in Thendara. Das bedeutet, dass wir zur Gilde der Entsagenden gehören. Ihr nennt sie Freie Amazonen.«
»Ahhh, dann seid ihr also wirklich welche«, sagte Elena. Ihr sommersprossiges Gesicht widerspiegelte deutlich eine Art Heldenverehrung. »Ihr seid tatsächlich echte Freie Amazonen?«
»Ja, wirklich echte. Was wisst ihr denn über uns?«
»Dass ihr mit Schwertern kämpft und keinem Mann gehorcht, dass ihr richtige Dinge tut und über euch selbst bestimmt. Meine Mutter Molly MacAran wurde im Gildenhaus von Arilinn als Hebamme ausgebildet. Sie hat es mir erzählt. Dies sind meine Mutter und mein Vater Dikon.« Elena sprach voller Stolz, als sie ihre Eltern vorstellte. »Und dies ist meine Freundin Jess MacArthur und ihre Eltern - Kate und Arthur.« Nachdem Elena ihre Pflicht getan hatte, ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und rutschte an den Tisch.
Auf Rinas Einladung hin zogen auch die anderen Stühle heran und nahmen an dem Tisch Platz.
»Wenn deine Mutter in Arilinn ausgebildet wurde, gehört sie zu den Besten ihres Standes, Elena«, sagte Rina. »Das dortige Gildenhaus ist nämlich berühmt für seine Hebammenausbildung.«
Rina lächelte Molly an.
»Wenn Ihr dort gelernt habt, warum habt Ihr keinen Eid abgelegt?« Ginevra konnte sich keine Frau vorstellen, die bei den Gildenschwestern gelebt hatte, ohne sich den Entsagenden anzuschließen.
»Ich mag Dikon und die Kinder zu sehr, um von ihnen getrennt zu sein«, sagte Molly.
»Und das ist auch gut so«, sagte Dikon und zerzauste Mollys dunkles Haar. »Ich wüsste nämlich nicht, was ich ohne meine Molly anfangen sollte. Und Dalereuth ebenso wenig. Sie ist nicht nur Hebamme; sie heilt auch. Man hat die junge Leronis, die von den Banditen beinahe getötet wurde, in unser Haus gebracht.«
»Wir haben alles gesehen«, sagte Jess mit großen blauen Augen.
»Wie kam es dazu, dass ihr den Überfall der Banditen auf der Straße verfolgt habt?«, fragte Ginevra.
»Wir wollten nach Thendara spazieren, um Amazonen zu werden«, sagte Elena. »Wir haben uns das Haar abgeschnitten und sind den ganzen Tag gelaufen. Zum Schlafen haben wir uns hinter einem Findling versteckt, damit uns niemand entdeckt. Es hat uns auch niemand gefunden. Wir möchten Fechten lernen. Hätten wir es schon gekonnt, hätten wir ihr helfen können.«
»Ja, und dann hätte man euch getötet oder noch Schlimmeres mit euch angestellt«, brummte Dikon.
»Wisst ihr denn nicht, dass man den Eid der Entsagenden erst ablegen kann, wenn man mindestens fünfzehn Jahre alt ist?«, fragte Ginevra ernst.
Die beiden Kinder schauten sie mit großen Augen an.
»Hört zu, ihr beiden. Auch wenn ihr den Weg nach Thendara geschafft hättet - Mutter Carla hätte euch nach Hause zurückschicken müssen. Ihr seid noch zu jung. Wenn es in ein paar Jahren noch immer euer fester Wunsch ist, könnt ihr noch mal mit uns reden, aber nicht jetzt.«
»Uns ist aber etwas eingefallen«, sagte Jess. »Wir wollen noch mal hingehen und als Pflegekinder im Gildenhaus leben, bis wir alt genug sind, um den Eid zu sprechen.«
»Unmöglich«, sagte Ginevra. »Wir ziehen nicht herum und holen die Kinder anderer Leute ins Gildenhaus. Es sei denn, es gibt einen sehr gewichtigen Grund dafür: Wenn die Eltern nicht gut zu ihnen sind. So etwas tun wir nicht.«
»Denn eure Eltern möchten euch bei sich zu Hause in Dalereuth haben«, sagte Kate.
»Damit wäre die Sache erledigt«, sagte Ginevra. Die beiden kleinen Mädchen schauten sie traurig und schmollend an.
»Ihr müsst es verstehen, Kinder. Ihr seid noch viel zu jung, und hier habt ihr es gut. Gehorsam gegenüber den Hausregeln ist bei uns sehr wichtig, und wer nicht lernt, seinen Eltern zu gehorchen, wird unter keinen Umständen in die Gilde aufgenommen. Schmollt also nicht. Hört auf eure Eltern und lernt alles, was ihr lernen könnt.
Wenn ihr in ein paar Jahren noch der gleichen Meinung seid, könnt ihr noch mal bei uns vorsprechen. Aber jetzt nicht.«
Nach einer erneuten Versicherung, dass niemand ihre kleinen Mädchen ergreifen und fortbringen würde, gingen die beiden Familien: die Eltern erleichtert, die Kinder leicht eingeschnappt.
Es war spät, als die beiden Frauen die Treppe zu ihren Zimmern hinaufgingen. Sie waren müde, verwirrt und durcheinander.
»Es ist zu einfach, Rina. Wenn etwas zu einfach und zu luxuriös ist, ist es mir nicht ganz geheuer. Für einen Ort, der angeblich arm ist, geht es den Menschen hier zu gut.«
»Vielleicht sind wir morgen klüger.«
Der Morgen dämmerte klar und kühl heran. Ginevra erkannte, dass das Geräusch, das ihre besorgten Träume gequält hatte, die konstante Bewegung des Meeres war. Sie fragte sich, wie man sich an diese Rastlosigkeit gewöhnen konnte. Wie sollten sie und Rina mit diesen lächelnden Menschen fertig werden? Ablehnung und Feindseligkeit verstand sie. Sie verstand auch die Gesellschaft in einem Gildenhaus. Aber diese Nettigkeit überstieg ihren Horizont.
Hatten die Bewohner Dalereuths gewusst, dass sie kommen würden? Hatten sie sich zusammengesetzt und ihnen ein Theaterstück vorgespielt, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen? Und wenn ja, warum?
Nach dem kräftigen Frühstück, das sie allein im Gemeinschaftsraum einnahmen, begaben sie sich zum Gildenhaus.
Wie Judy erzählt hatte, konnte man es nicht verfehlen. Es stand der Herberge ziemlich genau gegenüber, und die massive Eichentür öffnete sich zur gepflasterten Straße hin. Ein breites Tor führte an der Gebäudeseite auf das Grundstück. Die beiden Frauen betraten es und kamen auf ein weitläufiges Gelände, zu dem Stallungen, ein gepflasterter Stallhof und eine große Koppel gehörten. Früher hatten hier Pferde gegrast. Hinter dem Haus lag ein kleiner, von einer Mauer umsäumter Garten. Ein Beet wurde als Kräutergarten verwendet.
»Ob er wohl Molly gehört?«, sagte Rina. »Hier wachsen alle möglichen Kräuter. Manche kenne ich gar nicht.«
»Kann schon sein. Vielleicht sind die Leute deswegen so nett zu uns. Sie möchten nicht, dass wir ihnen ihr Kräutergärtchen wegnehmen.«
Der Rest des Grundstücks war überwuchert. Um den Obstgarten musste sich auch jemand dringend kümmern. Der Teil, der hinter dem Haus lag, war ebenfalls von einer Mauer umgeben. Durch das dortige Tor konnte man die Küstenstraße und den Deich sehen. Das Meeresrauschen war hier noch deutlicher hörbar.
Die beiden Frauen schauten sich das Haus von innen an und stellten fest, dass es sich in relativ gutem Zustand befand. Es war jedoch nur spärlich möbliert, denn man hatte alle beweglichen Gegenstände mitgenommen. »Wir müssen fast alles neu erwerben«, sagte Ginevra. »Sie haben jeden Teller, jeden Fetzen Stoff und die meisten Möbel mitgenommen.«
»Außer den Sesseln im Aufenthaltsraum«, sagte Rina. »Wer den Raum wohl benutzt?«
Der Marktplatz erwies sich als trist und nahezu verlassen. Lediglich ein paar dutzend Frauen und Kinder kauften ein. Die meisten Läden waren mit Brettern vernagelt. In der Bäckerei war nur wenig Betrieb.
Glaser, Töpfer und der Weber waren gut beschäftigt. An einem Stand wurden Frischprodukte der Höfe verkauft, und es gab auch eine Molkerei mit einem guten Käsesortiment. Rina und Ginevra erkannten die Mutter der kleinen Jess. Sie arbeitete in der Bäckerei.
Die beiden Frauen kauften einige ihrer Honigkuchen.
Dann spazierten sie um den Marktplatz herum, betraten die wenigen geöffneten Läden, unterhielten sich mit den Besitzern und erkundigten sich, wo man jene Dinge erstehen konnte, die sie für das Gildenhaus brauchten. Die Entsagenden erfuhren, dass sie das meiste davon in Thendara würden besorgen müssen. Eventuell mussten sie es sogar selbst herstellen. »So etwas gibt es hier nicht mehr«, berichtete der Weber. »Und der letzte Händler ist vor mindestens fünf Jahren hier vorbeigekommen.«
Sie schlenderten zu Kates Laden zurück und leckten ihre noch klebrigen Honigfinger ab. Dort hatte sich eine kleine Gruppe von Frauen versammelt. Ginevra hörte, dass Kate ihnen gerade von ihrer Begegnung am vergangenen Abend erzählte. Als die Gildenschwester Rina davon berichten wollte, vernahm sie Hufschlag und sah, dass sich ihnen eine Kutsche näherte. Als das Gefährt an ihnen vorbeijagte, sprangen die beiden Frauen zur Seite.
»Wer war das?«, fragte Rina.
Eine Frau in der Menge drehte sich zu ihr um. »Ihr müsst wirklich fremd hier sein, Mestra, wenn ihr die Kutsche Domna Helenas nicht erkennt. Sie ist die Bewahrerin des Turms von Dalereuth. Sie ist zu Molly der Hebamme unterwegs, um nach der Leronis zu sehen, die von den Banditen beinahe umgebracht wurde.«
»Ja, wir haben gehört, dass Marla Hastur verletzt wurde, aber wir wussten nicht, dass der Turm ihr jemanden schickt. Man hilft ihr zweifellos, weil sie eine der ihren ist. Sonst wäre es diesen Leuten bestimmt egal.«
Die Frau runzelte überrascht die Stirn, als sie den Hohn in Ginevras Stimme vernahm.
»Domna Helena war jeden Tag bei ihr, und andere aus dem Turm haben Molly bei der Pflege geholfen«, sagte sie. Eine kleine Gruppe von Frauen und Kindern hatte sich um die drei versammelt und lauschte ihrem Gespräch.
»Die Leute aus dem Turm kommen immer, wenn wir sie brauchen«, fuhr die Frau steif fort. »Unter anderem sind sie auch deswegen hier.«
»Das sagt Ihr, und vielleicht stimmt das auch für diesen Ort. Was mich betrifft, so können mir diese Leute gestohlen bleiben«, sagte Ginevra grob. »Aristokraten, Eliten! Sie verbringen ihre Zeit über Meilen hinweg mit bedeutungslosem Gewäsch und behalten ihr Wissen nur für sich. Und wir können sehen, wo wir bleiben.«
Rina versuchte, ihr mit den Augen ein Zeichen zu geben. Das Verhalten ihrer Schwester war nicht gerade sehr diplomatisch.
»Ihr versteht unseren Turm nicht, Mestra«, sagte eine große, ältere Frau. »Vor Jahren, vor dem Vertrag, hat jedermann in Dalereuth für den Turm gearbeitet. Jedes Kind wurde auf Laran überprüft, und jeder, der diese Kraft hatte, wurde ausgebildet. Wir haben in den Hütten vor dem Turm gearbeitet und Haftfeuer und Knochenwasserstaub verpackt, was dann für Kriegszwecke an sämtliche Domänenfürsten versandt wurde. Damals hat Dalereuth floriert, wie Ihr an unseren Häusern seht. Wenn Ihr Euch auf dem Land umschaut, könnt Ihr die schönen Herrensitze erkennen, die jetzt nur noch Bauernhöfe sind. Nach dem Vertrag hatten wir keine Arbeit mehr und wurden wieder zu einem armen Fischerdorf.
Manche geben dem Turm die Schuld daran, da der Vertrag aus der Turmarbeit im fernen Norden entstand. Aber auch der Turm wurde arm. Doch dessen Bewohner, die Leroni, haben uns ebenso wenig vergessen wie wir sie. Sie bringen noch immer Heilung für jede ernste Verletzung. Sie wollen all unsere Kinder und jeden, der es möchte, in den Künsten des Laran unterweisen.«
Die alte Frau holte Luft und verfiel nach dieser langen Rede in Schweigen.
»Du hast die Leute aus dem Turm schon immer verteidigt, Margali«, sagte eine jüngere Frau, die sich auf eine Krücke stützte.
»Aber nicht alle sind deiner Meinung. Hätten sie keine Waffen hergestellt, wäre ich nicht so auf die Welt gekommen. Das alles tun sie doch nur, um das an uns wieder gutzumachen, was sie in Jahrhunderten während der Ausübung ihrer Wissenschaft kaputtgemacht haben.«
»Im Vergleich zu dem, was es früher gab, ist dein Bein gar nichts, Lori«, sagte die alte Margali. »Schon zu meiner Zeit kamen oft Missgeburten zur Welt und mussten entsorgt werden. Vor dem Vertrag war es sogar noch schlimmer. Das Material, das sie für Waffen und manche Wissenschaften verwendet haben, hat bei unseren Frauen Fehlgeburten und deformierte Kinder hervorgerufen. In den Bergen gibt es ein Tal voller Kinderknochen.
Man hat die Kleinen nach der Geburt dort hingebracht, damit sie sterben. Ich muss es wissen. Vor vielen Jahren sind auch einige der meinen dort hingekommen. Bevor die Hebamme Molly ausgebildet wurde und zu uns kam «
Ginevra hörte all dies durch den roten Zornesschleier, der sie gelegentlich einhüllte. Waren alle Menschen in diesem Ort Comyn?
Überprüfte man sie deswegen auf Laran? War es so, dann war die Turmbesatzung natürlich freundlich, schließlich gehörten alle zu ihnen, zur Elite, die über dem Rest der Welt stand.
»Dann hattet ihr mit eurem Turm großes Glück, wenn diese Leute noch Interesse an eurem Dorf haben«, hörte sie Rina sagen. »Sagt mal, wie ist es in Dalereuth heute?«
Ginevra spürte, dass Rina bemüht war, sie zum Schweigen zu bringen, damit sie sich abregte. Ihre Schwester wollte den Stimmen lauschen, die von der Fischerei und der Landwirtschaft erzählten und von neuen Industrien wie der Glaserei, der Töpferei und der Ausbildung der Frauen sprachen. Sie schaute sich alarmiert um.
»Frauen? Hier werden Frauen ausgebildet?«
»O ja, Mestra«, sagte Margali. »Jede Frau erlernt ein nützliches Handwerk. Die Männer sind nämlich den ganzen Tag beim Fischen, auf dem Feld oder bei der Garde. Es gab zu viele Witwen und Kinder, die ernährt werden mussten, deswegen wollen die Frauen jetzt Berufe erlernen, wenn sie noch jung sind. Damit sie, falls ihre Männer der See zum Opfer fallen oder im Kampf mit in den Bergen umherstrolchenden Banditen ums Leben kommen, sich und ihre Kinder selbst ernähren können, statt zur Hure oder zum Dienstmädchen eines Mannes zu werden.« Die alte Margali schüttelte stolz ihr graues Haar. »Ich selbst bin nun Schreiberin.
Heutzutage lernen fast alle lesen und schreiben. Ich bringe den Kleinen die ersten Buchstaben bei. Außerdem stelle ich mit meinen Arbeiterinnen auch aus Holz Papier her. Ich gelte in der Gemeinde als begüterte Frau. Dem Rat gehöre ich auch an.«
»Wenn es hier viel mehr Frauen als Männer gibt, wie heiratet man dann?«, fragte Rina.
»Viele von uns heiraten gar nicht. Anfangs waren wir den Männern egal. Sie glaubten, wenn die eine nicht zu ihnen passte, suchen sie sich eben eine andere. Aber sie erfuhren bald, dass andere sie nicht haben wollten, wenn sie schon nicht zu ihrer ersten Frau gepasst hatten. Deswegen verhalten sie sich uns gegenüber anständig. Wenn eine Frau arbeiten muss, braucht sie keinen Mann, der für sie sorgt. Gerade Ihr müsstet so etwas doch wissen!«
Ginevra konnte ihre Überraschung nicht für sich behalten. »So etwas habe ich ja noch nie gehört! Wir hätten nie geglaubt, so etwas je außerhalb eines Gildenhauses zu erleben!«
»Dann seht ihr also, dass wir euch hier nicht brauchen«, sagte Kate mit fester Stimme.
»Ihr braucht gar kein Gildenhaus?«, fragte Rina.
»Das alte Gildenhaus steht noch, und wir halten es in Stand«, erwiderte Lori. »Möchtet Ihr mit Eurer Schwester dort leben?«
»Unser Gildenhaus in Thendara platzt aus allen Nähten«, erklärte Rina. »Es kommen viele misshandelte Frauen zu uns, denen wir uns nicht verweigern können. Wir wollten das Gildenhaus von Dalereuth für einige unserer Schwestern in Thendara neu eröffnen.«
»Wir brauchen euch hier nicht«, wiederholte Kate.
»Wenn ihr jedoch nützliche Arbeit verrichtet und zur Gemeinschaft beitragt, seid ihr willkommen«, sagte die alte Margali.
»Es sei denn, ihr macht uns unser Gewerbe streitig«, sagte Kate.
»Ich möchte keine neue Bäckerei hier sehen, Lori braucht keine zweite Weberin und Molly keine zweite Hebamme oder Heilerin.«
»Ich werde mit dem Rat sprechen«, sagte Margali. Sie schritt davon, und ihre langen Röcke wirbelten um ihre Fußgelenke.
Die Leute hier brauchen uns vielleicht nicht, aber wir brauchen das Gildenhaus für unsere Schwestern in Thendara. Vielleicht wäre es besser, wenn wir ein zweites Haus in Thendara bauen. In Dalereuth ausgebildete Entsagende können in anderen Gegenden Darkovers vielleicht nicht funktionieren. Der Ort ist zu nachgiebig, zu kompliziert, zu … einfach.
Die hiesige Kultur ist von Thendara so verschieden wie die der Trockenstädter.
Es wäre mir lieber, wenn es hier etwas zu bekämpfen gäbe; etwas, gegen das man sich erheben kann. Dieses Gerede bringt uns nirgendwo hin.
»Wozu soll das alles nütze gewesen sein?«, fragte Ginevra. »Wir haben eine Menge Informationen erhalten, Ginevra«, sagte Rina friedlich.
»Du und deine Informationen! Getan haben wir aber noch nichts.
Wir haben nur eine Menge zuckeriges Gesülze darüber gehört, dass ganz Dalereuth eine riesengroße Gilde ist. Nur hat man dieser Gemeinschaft aus Gründen des Vergnügens die Männer hinzugefügt. Glaubst du das etwa alles?«
»Du übertreibst, Ginevra. Tu doch nicht so. Ich glaube, Dalereuth ist genau so, wie es sich darstellt. Wir müssen heute Nachmittag zum Turm, um zu erfahren, was die Bewahrerin zu sagen hat. Es kann doch sein, dass man uns hier nicht braucht und dass es Ärger gibt, wenn wir versuchen, das Haus wieder zu eröffnen.«
Die beiden Entsagenden hatten gerade ihr Mittagsmahl verzehrt, als der Ruf sie erreichte. Ein Kurier informierte sie, Domna Helena aus dem Turm wünsche sie zu sprechen.
»Sollen wir etwa springen, bloß weil eine Leronis der Comyn uns sprechen will?«, murmelte Ginevra.
»Carla möchte, dass wir mit ihr reden«, sagte Rina, die sich der schlechten Laune Ginevras durchaus bewusst war. »Hätte sie nicht nach uns geschickt, wären wir gegangen. Das weißt du doch. Wenn der Turm nicht will, dass wir das Gildenhaus wieder aufmachen, wird es alles verändern.«
Nachdem man sie in den Besucherraum des Turms von Dalereuth gebracht hatte, wurden sie von einer Frau mit ergrauendem rotem Haar begrüßt.
»Nehmt doch Platz«, sagte sie. »Ich bin Helena, die Bewahrerin des Turms von Dalereuth.«
»Ich bin Ginevra n’ha Rina, und dies ist meine Schwester, Rina n’ha Rina.«
»Dann seid ihr also sowohl Blutschwestern als auch Schwestern der Gilde?«
»Ja. Was möchtet Ihr von uns?«
»Ich möchte darum bitten, dass ihr die junge Marla Hastur mit nach Thendara nehmt, wenn ihr abreist. In ein bis zwei Tagen dürfte sie dazu in der Lage sein. Sie wurde vergewaltigt. Deswegen kann sie keine Bewahrerin sein, wir sind nämlich jungfräulich. Der Turm von Arilinn, in dem sie ihre Grundausbildung erhalten hat, will sie nicht mehr aufnehmen. Hier ist kein Platz für sie. Auch ihre Familie will sie nicht in die Comyn-Burg aufnehmen. Sie hat nur noch eine Alternative: die Gilde der Entsagenden. Sie muss zu den Freien Amazonen gehen.«
Ginevra war sprachlos und schwieg. Sie schaute Rina an. Rinas Mund stand offen. Dann schloss sie ihn jäh und schaute ihre Schwester an. Die atmete tief ein. Sie wusste, wenn sie zu früh das Wort ergriff, würde ihre Stimme vor Zorn beben.
»In Ordnung«, sagte die Bewahrerin. »Ihr braucht einen Moment Bedenkzeit. Mir ist klar, dass meine Bitte euch überrascht. Aber ihr werdet morgen oder übermorgen abreisen, und ich möchte, dass ihr Marla mitnehmt.«
»Vai Leronis …« Ginevra hatte sich wieder unter Kontrolle. »Es sieht so aus, als hättet Ihr eine Entscheidung für Marla gefällt.«
»Es stimmt. Dazu bin ich da.« Die Bewahrerin klang gelassen, fast eisig.
»Domna, Ihr müsst verstehen, dass wir auf Bitten anderer hin keine Frauen in die Gilde der Entsagenden aufnehmen. Wir gewähren nur Frauen Obdach, die aus eigenem Antrieb zu uns kommen und um Aufnahme ersuchen. Wir können Marla Hastur auf Eure Bitte hin nicht aufnehmen. Diese Entscheidung kann nur Marla Hastur selbst treffen.«
»Ihr wagt es, mein Urteil in Frage zu stellen?« Helena von Dalereuth war sichtlich verärgert. Sie betastete den Beutel, den sie an einer Kordel um den Hals trug.
»Domna Helena, soweit ich weiß, sind jene, die in einem Turm leben und arbeiten, Eiden unterworfen. Jemand in Eurer Position muss Jungfräulichkeit schwören. Ihr müsst also verstehen, dass auch wir einen ernsten Eid sprechen, wenn wir Entsagende werden.
Unser Orden hat feste Regeln. Ich bin sicher, dass auch Ihr Regeln habt, die sämtliche Mitglieder binden, nicht nur die Anführer.
Würden wir Eurer Bitte entsprechen, müssten wir unseren Eid und die Regeln unseres Hauses brechen. Deswegen können wir nicht festlegen, dass wir diese Frau zum Gildenhaus von Thendara mitnehmen. Wenn sie mit uns gehen möchte, kann sie uns nach Thendara begleiten, und wir werden sie beschützen. Mehr können wir Euch nicht versprechen.« Ginevra spürte, dass sie innerlich bebte, doch sie sah, dass ihre Hände relativ ruhig wirkten und entspannt auf ihren Knien lagen.
Helena wandte sich an Rina. »Und Ihr? Stimmt Ihr Eurer Schwester zu, hm?«
Rina richtete den Blick ihrer braunen Augen auf die Bewahrerin.
»Ja, Domna, ich stimme ihr zu. Was sie über unsere Regeln und Eide sagt, entspricht der Wahrheit. Wir weigern uns, Eidbrecher zu werden. Eure Regeln und Eide müssen Euch dies doch verständlich machen. Solange diese Frau nicht darum ersucht, unseren Eid ablegen zu dürfen, können wir sie als Mitglied nicht mit zum Gildenhaus nehmen. Wir können sie nur nach Thendara begleiten.«
»Und wenn sie Thendara erreicht … Darf ich fragen, was sie dann machen soll? Ihre Familie will sie nicht mehr beherbergen. Kein respektierter Mann wird sie als Ehefrau akzeptieren. Was soll sie tun?«
Ginevra spürte zum ersten Mal die Verzweiflung und die tiefe Besorgnis, welche die Bewahrerin für Marla empfand. Sie möchte ihr nur Gutes tun, dachte sie mit einem mentalen Seufzer.
»Vielleicht sollten wir selbst mit Marla sprechen?«, schlug Rina vor.
»Wenn ihr sie seht, empfindet ihr vielleicht Mitgefühl für sie«, sagte die Bewahrerin.
Mehr Mitgefühl als du? Wer will denn, dass sie von hier fortgeht? Eine Bewahrerin muss zwar Jungfrau bleiben, aber nicht unbedingt jede Leronis oder jeder Laranzu. Wo ist das Mitgefühl deines Turms, Arilinns und ihrer Familie? Verlangst du, dass wir mehr Mitgefühl aufbringen als ihr alle zusammen? Du schmeichelst uns. Du in deinem sicheren Turm, Marla Hastur mit ihrem Reichtum und ihrer Familie: Nichts kann ihr Comyn-Blut verändern. Mancher Mann würde sich freuen, sich mit der größten Familie auf Darkover zu verbinden.
»Wir werden mit Marla Hastur darüber reden, Domna«, sagte Rina. »Doch Mutter Carla aus unserem Gildenhaus möchte, dass wir Euch eine Frage stellen.« Als Helena zustimmend nickte, fuhr Rina fort: »Unser Orden zieht in Betracht, das Gildenhaus von Dalereuth nach vielen Jahren neu zu eröffnen, da unser Haus in Thendara und die anderen überfüllt sind. Wir möchten Frauen aus Thendara in diesen Ort holen, um das Haus zu renovieren und erneut zu beziehen. Wie stehen der Ort und der Turm dazu?«
»Wenn ihr die Gilde hierher verlagert, bringt ihr dann auch Meinungsverschiedenheiten mit? Oder haben diese Frauen nützliche Eigenschaften anzubieten?«
»All unsere Frauen haben nützliche Eigenschaften, die sie in der Gemeinde auf jede gesetzlich erlaubte Weise einsetzen. Wie Ihr wisst, rekrutieren wir niemanden. Wir locken auch keine Kinder wie Elena und Jess in unser Haus. Frauen, die zu uns kommen, müssen schon einen besseren Grund haben, unseren Eid abzulegen. Man sagt, dass jede der unseren eine tragische Geschichte zu erzählen hat. Wir werben keine Mitglieder.«
»Dann braucht ihr euch wahrscheinlich wegen der hier lebenden Menschen keine Sorgen zu machen. Die Bewohner Dalereuths unterscheiden sich meiner Ansicht nach von denen Thendaras und jeder anderen Domänenstadt. Der Vertrag hat ihnen ihre Haupteinnahmequelle genommen, und das haben sie uns nicht verziehen. Doch der Ort wird wieder florieren. Wenn ihr den ansässigen Handwerkern keine Konkurrenz macht, akzeptieren sie euch vielleicht.« Helena zeigte erneut ihr eisiges Lächeln.
»Womöglich schreiben sie es der Gilde sogar zugute, dass sie wieder zu Vermögen kommen. Wer weiß?«
»Ich glaube, hier kriegen wir kein Bein auf den Boden«, sagte Rina.
»Wie sollen wir, ohne den Einheimischen Konkurrenz zu machen, Kaufleute, Bäcker und Facharbeiter hier ansiedeln? Ich weiß nicht, ob wir dagegen ankommen. Es wird für Carla schwierig werden.«
»Ankommen? Das wäre ja so, als würde man gegen einen Stapel Federn in einem Tümpel aus Honig kämpfen. Süß, weich, klebrig.
Ob unsere Frauen verweichlichen, wenn sie hier ausgebildet werden? Vielleicht wollen wir gar nicht hierher.«
Sie fanden Marla Hastur vor Mollys Tür, wo sie in der Sonne saß.
»Seid Ihr Marla Hastur?«
»Ja. Seid ihr die Freien Amazonen, die die Herrin von Dalereuth mir angekündigt hat?«
»Sie hat gesagt, Ihr wollt nach Thendara zurück.«
»Hat sie auch gesagt, ich soll zur Freien Amazone werden, weil ich nun, da ich keine Jungfrau mehr bin, für ein anderes Leben nicht mehr tauge?« Ihre Stimme klang bitter.
»Sie hat es zwar nicht so ausgedrückt, aber sie hat uns gebeten, Euch in unsere Gilde aufzunehmen.«
»Und was habt ihr geantwortet?«
Es fiel Ginevra schwer, die kühle Art der jungen Frau ernst zu nehmen, denn sie war kaum mehr als ein Mädchen. Von einer Frau, die man kürzlich verprügelt, vergewaltigt und als vermeintlich Tote hatte liegen lassen, hatte sie einen stürmischeren Empfang erwartet.
»Die Wahrheit. Wenn wir Euch auf Grund ihrer Bitte als Gildenschwester aufnehmen, wären wir Eidbrecher. Unsere Regeln verbieten es, Neumitglieder anzuwerben. Sie verbieten auch eindeutig, jemanden in die Schwesternschaft aufzunehmen, der dies gar nicht will.«
Marla zeigte ein schiefes Lächeln. »Gut. Ich habe noch nicht zu mir selbst gefunden. Ich bin eine fertig ausgebildete Leronis und nur hergekommen, um Helena so lange als Bewahrerin zu unterstützen, bis sie abtreten muss. Dann hätte ich ihre Stelle eingenommen. Ich habe seit meinem zehnten Lebensjahr im Turm von Arilinn gelebt und bin dort ausgebildet worden. Ich weiß nur wenig von der Welt.
Molly und Dikon haben mich aufgenommen, und die kleine Elena war besonders gut zu mir.«
»Wollt Ihr mit uns nach Thendara zurückkehren, wenn wir morgen aufbrechen?«
»Was sollte ich wohl in Thendara tun? Meine Familie will mich nicht mehr haben. Für sie ist das Ganze nämlich eine große Tragödie. Als ich in Arilinn war, war sie stolz auf mich, denn ich verfüge über die Große Gabe. Doch nun … Ich weiß nicht, was ich in Thendara tun sollte. Als Freie Amazone leben? Wie ein Mann bei den Kopfblinden? Hier hat wenigstens jede Familie ein wenig Laran, und die kleine Elena ist sehr talentiert. Ich kann sie etwas lehren und ihr Laran ausbilden, damit sie die Schwellenkrankheit übersteht. Hier schätzt mich niemand wegen meines Unglücks gering ein. Molly lehrt mich nützliche Tätigkeiten. Und ihr … Ihr wollt wie Männer leben und eure Schwerter und Dolche in den Schenken und Kaschemmen von Thendara schwingen. Warum sollte ich mir derlei wünschen?«
»Ich glaube«, sagte Rina und warf der eindeutig wütenden Ginevra einen Blick zu, »dass Ihr nicht alles über unsere Gilde und unsere Leute wisst. Doch solange Ihr mit Eurem hiesigen Leben bei Molly zufrieden seid und man Euch nicht loswerden will, sehe ich keinen Grund, Euch zu ermutigen, nach Thendara zurückzukehren.«
»Wir nehmen nur Frauen auf, die Entsagende werden wollen«, fauchte Ginevra. »Wir nehmen keine Comyn-Damen, die einmal im Leben Pech hatten. Und dann auch noch in einem Turm Ausgebildete! Wir kennen keine Eliten und keine Aristokratie. Bei uns sind alle gleich. Wir alle tun nützliche Arbeit, und viele von uns tragen Röcke an Stelle von Hosen. Wenn wir auf Reisen sind, tragen wir Hosen, weil sie bequemer sind. Vielleicht hört Ihr Euch mal ein paar der Geschichten an, die unsere Frauen zu erzählen haben. Was Euch passiert ist, würde neben ihren Tragödien verblassen! Pah! Wir würden Euch nicht mal aufnehmen, wenn Ihr auf den Knien darum bettelt!« Ginevra wandte sich ab.
»Vergebt meiner Schwester, Mestra. Sie hatte keine sehr glückliche Kindheit und kann Menschen nicht leiden, denen es besser ergangen ist.«
»Halt’s Maul, Rina.«
Die drei Frauen schwiegen einen Augenblick. Dann ergriff Marla schließlich das Wort. »Ich habe nicht darum ersucht, eine der euren zu werden, vergesst das nicht. Ich glaube, jeder macht seine Erfahrungen auf seine Weise. In Sachen Tragödien gibt es keinen Wettstreit. Eure Erfahrung ist die eure. Sie ist anders als die meine.
Sollte die Zeit kommen und ich körperlich wieder genesen sein, was nicht mehr lange dauern wird … und sollte ich den Wunsch haben, Entsagende zu werden und bei euch Kopfblinden zu leben …« Sie hielt inne. »Ihr seid nicht kopfblind, nicht wahr? Ihr habt beide Laran … Ihr, Ginevra, seid zwar sehr begabt, doch Ihr leugnet es und übt Eure Begabung nicht aus. Das ist ein Teil Eurer Tragödie.
Sollte ich den Wunsch verspüren, diesen Ort zu verlassen und ein Teil eurer Gilde zu werden, komme ich nach Thendara und bewerbe mich wie jede andere Frau. Doch bis dahin bleibe ich hier, lerne, was Molly mir beibringen kann, und unterrichte die kleine Elena darin, Leronis und Schriftgelehrte zu werden.«
Auf dem Rückweg zur Herberge verrauchte Ginevras Wut allmählich. Zum ersten Mal musste sie auf dieser Reise über etwas Neues nachdenken.
Wettbewerb. Niemand will ihn. Marla Hastur sagt, man kann Tragödien nicht miteinander vergleichen, und Carla hat es fast genauso ausgedrückt.
Die hiesigen Frauen wollen nicht, dass ihnen Konkurrenz gemacht wird.
Das kann ich verstehen. Noch eine Hebamme, und Molly würde verhungern. Es gibt keine Möglichkeit, uns hier niederzulassen. Außerdem würde die sanfte Lebensart dieser Leute uns im Nu verweichlichen.
Ginevra grinste plötzlich. Dann lachte sie laut auf.
Rina schaute ihre ältere Schwester überrascht an. Sie war nicht daran gewöhnt, dass Ginevra offen ihre Freude zeigte, geschweige denn, dass sie lachte.
»Wie viel Geld hast du noch, wenn wir unser Quartier bezahlt haben, Rina?«
Rina griff in ihren Beutel und zeigte ihr eine Hand voll Münzen.
»Gut. Geh zurück und bereite alles vor, damit wir morgen in aller Frühe aufbrechen können. Ich kaufe solange ein.«
Rina drehte sich vor der Herberge verdutzt um, als Ginevra zum Marktplatz hinüberging. Es erleichterte sie, ihre federnden und zielgerichteten Schritte zu sehen. Ihre Schwester hatte eine Aufgabe gefunden, aber welche?
Eine Stunde später wankte Ginevra mit einer riesigen Ladung von Paketen in ihr Zimmer und warf sie aufs Bett. »Puh! Ich hätte das Packtier mitnehmen sollen.«
»Was hast du gemacht? Um all das nach Thendara mitzunehmen, brauchen wir ein zweites Packtier!«
»Ich habe eins gekauft.«
»Was? Noch ein Packtier? Was wird Carla dazu sagen? Dann hast du alles unter die Leute gebracht, was sie uns mitgegeben hat …
Extravaganzen dieser Art kann sich die Gilde nicht leisten!«
»Schau mal«, sagte Ginevra.
Sie packte die Pakete aus: Glas, Töpfe, Ballen feinen Leinens aus der Weberei. »Dies hier ist Trockenfisch. Ich wickle ihn aber nicht aus, weil er stinkt. Aber für unser Haus reicht es.«
»Bei Zandrus Höllen, Ginevra! Was soll das bedeuten? Warst du auf Andenkenjagd? Obwohl uns eine dreitägige Reise durch das Banditenland bevorsteht?«
»Nein. Rina, wir … das Gildenhaus von Dalereuth übt ein neues Gewerbe aus. Wir importieren und exportieren.«
»Wir arbeiten als Händler?«
»Genau. An Warenaustausch fehlt es hier nämlich. Wir sind absolut konkurrenzlos. Wir werden als Verkaufsstelle für einheimische Produkte tätig. Ich sehe Karawanen vor mir, die kommen und gehen. Die alles, was hier gebraucht wird, aus Thendara bringen. Alles. Wohlstand.« Mit auf die Hüften gestützten Händen begutachtete sie in selbstgefälliger Zufriedenheit ihre Einkäufe.
Rina fing an zu lächeln. Dann lachte sie. »Wir sind vielleicht eine Einsatzgruppe … Hat etwa jemand gesagt, wir sollen diplomatisch sein? Nötig waren Informationen und Taten. Lass uns jetzt packen und heimkehren.«
Darkover bei Knaur
Eine Liste aller Darkover-Romane
in chronologischer Reihenfolge
Die Entdeckung des Planeten: Ein terranisches Siedlerschiff muss auf dem Planeten Cottman IV notlanden; die Besatzung nennt ihre neue Heimat Darkover.
Die Landung
Das Zeitalter des Chaos: 1000 Jahre sind seit der Landung auf dem Planeten vergangen. Die Nachfahren der Siedler haben jedes Wissen über ihre Herkunft verloren und leben in einer mittelalterlichen Welt.
Herrin der Stürme
Herrin der Falken
Die Zeit der hundert Königreiche: Das Land ist in Königreiche geteilt, deren Herrscher sich erbittert bekämpfen. Furchtbare Waffen verwüsten den Planeten - und nur ein Mann kann Darkover den Frieden bringen …
Die Zeit der hundert Königreiche
Die Erben von Hammerfell
Die Entsagenden: Frauen haben auf Darkover nur wenig Rechte - es sei denn, sie werden Entsagende, Frauen, die bewusst auf den Schutz durch einen Mann verzichten und selbstbewusst ihr eigenes Leben führen.
Die zerbrochene Kette
Gildenhaus Thendara
Die schwarze Schwesternschaft
Die Wiederentdeckung: Das Terranische Imperium entdeckt den Planeten Darkover wieder und meldet Rechte auf ihn als ehemalige Kolonie an. Gleichzeitig wächst auf Darkover aber auch die Unzufriedenheit mit den althergebrachten Traditionen. Ein Bürgerkrieg scheint unausweichlich, als sich eine der Domänen mit den Terranern verbünden will …
An den Feuern von Hastur
Das Zauberschwert
Der verbotene Turm
Die Kräfte der Comyn
Sturmwind
Nach den Comyn: Obwohl die Terraner mittlerweile einen Raumhafen auf dem Planeten eingerichtet haben, bleibt Darkover weitestgehend vom restlichen Universum abgeschnitten. Der Kampf zwischen Tradition und Aufbruch führt zu immer neuen Kämpfen und Auseinandersetzungen …
Die blutige Sonne
Hasturs Erbe
Retter des Planeten
Sharras Exil
Die Weltenzerstörer
Der Marguerida-Alton-Zyklus: Margaret Alton denkt, sie würde den Planeten ihrer Eltern zum ersten Mal betreten, als sie nach Darkover kommt. Bald schon aber häufen sich die Beweise dafür, dass ihre Erinnerungen manipuliert wurden …
Asharas Rückkehr
Die Schattenmatrix
Der Sohn des Verräters
Anthologien: Die Darkover-Anthologien wurden von Marion Zimmer Bradley gemeinsam mit dem amerikanischen Fanclub, den
›Friends of Darkover‹, herausgegeben. Die Kurzgeschichten beschäftigen sich mit neuen oder auch bekannten (Neben-)Figuren des Zyklus, schlagen Brücken zwischen den einzelnen Romanen oder vertiefen die große Geschichte des Planeten und seiner Bewohner weiter.
Der Preis des Bewahrers
Schwert des Chaos
Rote Sonne
Die vier Monde
Die Freien Amazonen
Die Schwesternschaft des Schwertes
Planet der blutigen Sonne
Die Domänen
Die andere Seite des Spiegels
Die Türme