Buchprüferin und Enzyklopädien-Vertreterin gearbeitet. Das ist ungefähr die Laufbahn, die zu einem Autor passt. Ich selbst war Kellnerin, Textilverkäuferin (an der Haustür), Gemüseverkäuferin, Trödlerin, Folksängerin, Telefonberaterin, Chorleiterin und Wahrsagerin, bevor ich das Schreiben zu meinem Hauptberuf machte. Manche Menschen fragen sich, warum Autoren so viele komische Teilzeitjobs haben. Es ist ganz einfach: Das Schreiben bringt im Anfangsstadium nicht viel ein. Aber man kann keiner Vollzeitbeschäftigung nachgehen, ohne dem Schreiben zu entsagen, deswegen macht man alles und jedes, um ein paar ehrliche Kröten zu verdienen, während man auf den großen Durchbruch wartet.
Sieht so aus, als hätte Jean sich qualifiziert. - MZB
Eingesperrt
von Jean Lamb
Larissa schrie, als ihre Eltern sie in den Schrank sperrten und die Tür zu warfen. Der Riegel war kaum vorgelegt, als das Mädchen auch schon dagegenschlug. Es riss an den muffigen Kleidern, die an den Pflöcken hingen und wie Raubtiere eingekerkert waren.
Schließlich sackte Larissa in der Finsternis auf dem Boden zusammen. Seit ihre Schwester Shazel - sie waren damals beide fünf gewesen - versehentlich den Deckel der Kleiderkiste zugemacht hatte, konnte sie Enge nicht mehr ausstehen. Warum tat man ihr dies an? Warum mochte man sie nicht so, wie sie war?
Die Tür ging einen Spalt breit auf, und ein Lichtstrahl schnitt ihr wie ein Schwert durchs Gesicht. Sie klammerte sich an den Türrand, aber er wollte nicht nachgeben. Eine zitternde, zierliche Hand kam zu ihr hinein. Sie hielt einen großen Becher. »Mama?«, fragte Larissa.
»Ich möchte, dass du dies hier trinkst, Chiya«, sagte ihre Mutter.
Larissa konnte das komische Zitronenaroma des Getränks fast schmecken. »Tu bitte, was dein Vater möchte, Liebling.«
»Es ist Kirian, nicht wahr? Beim letzten Mal ist mir davon schlecht geworden.« Ihr wurde schon übel, wenn sie nur daran dachte, aber sie war so durstig, dass sie fast bereit war, das Zeug trotzdem zu trinken.
»Etwas anderes kann ich dir nicht geben. Ach, es tut mir so Leid, Schätzchen. Du weißt doch, dass dein Vater nur möchte, dass es dir wieder gut geht. Wir sind doch nicht mit den Lanarts verwandt. Es ist nur zu deinem Besten.«
Larissa schloss die Augen vor den verlogenen, liebevollen Worten.
Wenn es Mama wirklich wichtig gewesen wäre, hätte es sie nicht interessiert, was ihr Vater wollte. Dann ging die schwere Tür wieder zu, und sie saß allein im Dunkeln und hatte nur den Becher als Gesellschaft.
Das Mädchen schüttelte sich in Panik. Der Geruch des widerlichen Zeugs verursachte ihr Kopfschmerzen, und dabei hatte sie noch keinen Tropfen getrunken. Ach, gnädige Avarra, wie trocken ihre Mundhöhle war. Selbst wenn es sie krank machte, das Kirian würde zumindest ihren Durst löschen. Vielleicht ließ es sie auch einschlafen, wie beim letzten Mal. Vielleicht sahen sie dann ein, dass es nichts nützte, und gaben die Folter auf. Sie glaubten nämlich fälschlicherweise, dass ihre Tochter sich nur vor einem fürchtete: dass ihr Laran ausschlug.
Natürlich wusste Larissa es inzwischen besser! Jeder andere in der großen Familie Sisberto verfügte über Laran, und niemand hatte mehr als ihre rothaarige Schwester Shazel, die nun in einem Turm ausgebildet wurde. Egal was Larissa auch machte, Shazel machte es immer zuerst und besser. Larissa neidete ihrer Schwester zwar nichts und schmollte auch nicht, weil ihr Haar nur ein dunkles Rotbraun zeigte, aber war es etwa zu viel, wenn sie von ihren Eltern verlangte, dass die beiden auch sie liebten? Doch als sie kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag zur Frau geworden war und noch immer kein Laran gehabt hatte, keine telepathischen Kräfte irgendwelcher Art, hatte sie gewusst, dass es hoffnungslos war.
Immerhin hatte Dom Moran den Ehrgeiz, durch Heirat und andere Mittel eine große Macht in diesem Land zu werden. Die Gabe der Vorausschau war in einem Krieg unbezahlbar. Deswegen hatten ihre anderen Schwestern, die über dieses Talent verfügten, problemlos edle Gatten gefunden. Shazel würde vielleicht sogar Bewahrerin werden. Nur sie blieb übrig, wertlos wie immer. Trotz der mit aller Sorgfalt und jahrelanger Erfahreng im Turm vorgenommenen Untersuchung und Beurteilung durch eine angereiste Leronis war Dom Moran überzeugt, dass Larissa ihre Kräfte aus purem Trotz nicht zeigen wollte, egal in welch liebevolle Lügen er sie auch einwickelte. Ihre Mutter Clarinna war zu erschöpft, um sich einzumischen. Larissa hatte wenig Grund, zukünftig auf bessere Behandlung zu hoffen. Ihr Vetter Robard, der ihr angeblich als Gatte versprochen war, hatte auf Grund ihrer offensichtlichen Mängel schon doppelt so viel Mitgift verlangt, wie ihre anderen Schwestern bekommen hatten.
Die Dunkelheit bedrückte sie. Hier drin konnte sie nicht nachdenken. Sie war nicht gern eingesperrt. Warum verstand ihr Vater nicht, wie sehr es sie nach Freiheit verlangte? Warum quälte er sie so? Sie bedeckte die Augen mit den Händen. Es half. Wenn sie es so machte, konnte sie tun, als spiele sie Verstecken.
Aber es half nur für eine Weile. Sie seufzte, dann trank sie das Kirian mit mehreren Schlucken. In ihrem Kopf drehte sich bald alles, wie schon zuvor, nur glaubte sie, diesmal würde es nie wieder aufhören. Die Dunkelheit rings um sie herum wurde noch dichter.
Der Sternenstein fühlte sich in ihren Händen kalt und leblos an, wie immer, doch diesmal erstrahlte er in eigenem Licht.
Obwohl er keine Macht hatte, stellte sie sich vor, er sei der Himmel und dass sie sich unter ihm befand, nicht hilflos von der eigenen Familie in einen Käfig gesperrt. Er war der Himmel, und sie war frei
…
Das Kirian hatte sie wahrscheinlich einschlafen und träumen lassen, denn nun sah es so aus, als schwebe sie durch die Mauern der kleinen Burg in den Bergen, die ihr Zuhause war. Alles wirkte irgendwie anders, aber was sich genau verändert hatte, konnte sie nicht sagen. Als sie an der Speisekammer vorbeikam, erblickte Larissa zwei Gestalten - die eine ein zerlumpter Adeliger, der an den Fingernägeln kaute und sich fragte, wie er die anderen im Winter ernähren sollte; die andere eine alte, kranke Frau, die ihm nach bestem Ermessen Trost spendete. Nein, das konnten doch nicht ihre Eltern sein! Ihre Eltern waren doch grausame, herzlose Menschen, denen nichts mehr Freude bereitete, als ihr wehzutun! Dieser Teil des Traums gefiel ihr ganz und gar nicht.
Sie floh durch ein Fenster. Solange sie sich einreden konnte, Schwingen zu haben, konnte sie auch dorthin gehen, wo es ihr gefiel. Ah, das war schon besser. Sie schwebte über dem schneebedeckten Land dahin und kicherte, denn die weich fallenden Flocken kitzelten ihre nackten Zehen. Dann folgte Larissa dem Verlauf des kleinen Flusses, der neben dem Lehen ihres Vaters zu einer geschäftigen kleinen Stadt strömte. Sie lag an seinem Ufer.
Soweit sie wusste, war es Nes’sky. Dann träumte Larissa, sie sähe Shazels Turm. Er war so hoch und schön, wie ihre Schwester ihn bei ihrem letzten Besuch zu Hause beschrieben hatte.
Larissas Phantasie beschwor sogar eine Reihe eigentümlich aussehender Frauen mit kurzem Haar herauf, die Schwerter trugen.
Die Fremden gingen so frei durch die Stadt, wie sie einst durch den Wald, bevor sie zu alt dazu geworden war. Aber sie wirkten trotzdem erwachsen. Einige waren sogar in Mamas Alter. Wenn Träume wahr würden, könnten Banshees fliegen, aber Larissa war der Meinung, es könne ihr nicht schaden, sich auszumalen, eine dieser Frauen zu sein. Warum sollte sie sich nicht vergnügen, solange der Traum dauerte? Die Wirkung des Kirian hielt schließlich nicht ewig an.
Und schon befand sie sich vor dem Tor, durch das die Frauen mit den Jacken und Reithosen ein und aus gingen. Hätte sie doch in Wirklichkeit dort sein können, statt in ihren sehnlichsten Träumen!
Dann spürte sie das kalte Gestein der Straße unter ihren Fußsohlen.
In ihrem wunderbaren Traum stolperte sie dem Tor entgegen. Ach, wie prächtig es doch war, wie freundlich man zu ihr sprach, wie hilfsbereit man sie aufrichtete, als sie zu wanken begann; wie man sich zu freuen schien, sie zu sehen … Es fühlte sich sogar so an, als lege man sie in ein Bett mit warmen Flickendecken.
Es spielte keine Rolle, dass nun alles verblasste. Sie wusste, dass es den Fluss wirklich gab. Wenn sie aufwachte, würden ihre Eltern sie irgendwann aus dem schrecklichen Schrank herauslassen. Dann würde sie bei Nacht auf einem Hirschpony entwischen und dem Verlauf des Flusses folgen. Vielleicht gab es den Ort wirklich. Doch nun gefiel es ihr, so zu tun, als legte sie sich hin und schliefe. Sie fürchtete sich nicht mehr davor, im Dunkeln aufzuwachen.
Einige Jahre später lagerten zwei Freie Amazonen in der Nähe der verfallenen Ruinen eines kleinen Lehens. Der Vertragskrieg war darüber hinweggezogen und hatte es leer zurückgelassen. Gwennis n’ha Ysabet äußerte sich ausführlich über die Torheit einiger Fürsten, die geglaubt hatten, sie hätten es nicht nötig, sich mit einer der sieben herrschenden Comyn-Familien zu verbünden. »Tja, das ist der fünfte Steinhaufen dieser Art, den ich sehe! Es spielt keine Rolle, wie mutig der Vai Dom dieser Gegend vielleicht war, wenn er die falsche Seite gewählt hat oder gar keine.«
»Ich weiß«, sagte Larissa n’ha Clarinna leise. Ach, sie wusste es nur allzu gut. Keine der ehrgeizigen Verbindungen ihres Vaters war ihm eine Hilfe gewesen, als es wirklich darauf angekommen war.
»Ich möchte nichts weiter dazu sagen«, erklärte sie und schluckte ihre Tränen herunter. »Ich habe einst hier gelebt.«
Über Vera Nazarian und ›Danilas Lied‹
Dies hier ist ein Story-Szenario, das auf Darkover oft passiert sein muss, wenn auch nur in Legenden. Vera Nazarian debütierte in Wolfsschwester und gehört ebenfalls zu den Autorinnen, die ich als Protegés betrachte, auch wenn sie nun nicht mehr ganz so jung ist und gut Mitte zwanzig sein dürfte. Sie ist an einem College irgendwo Südkalifornien angestellt und arbeitet an einem Roman.
Vera ist eine geborene Stilistin, weswegen die Erstfassungen ihrer Werke zur Überlegenheit neigen. Sie hat diese Erzählung vor einem Jahr eingesandt, aber der Text war zu lang und zu blumig. In diesem Jahr passt er jedoch hinein. Falls ihrem Roman ein ähnliches Schicksal bevorsteht, kann ich ihr nur empfehlen, ihn bis auf die Knochen abzuspecken und einen neuen Versuch zu starten. Das Schreiben ist eine Profession, bei der weniger manchmal mehr ist …
obwohl viele Zeitschriften früher nach der Wortanzahl honorierten.
Ich bin zu meinen ersten Veröffentlichungen gekommen, indem ich mich kurz und prägnant fasste - obwohl ich auch einen Roman geschrieben habe, der so lang ist, dass manche Menschen tatsächlich mehr Zeit benötigen, ihn zu lesen, als ich zum Schreiben brauchte. -
MZB
Danilas Lied
von Vera Nazarian
»Hältst du es überhaupt für möglich, dass jemand zwei Donas haben kann? Nicht eine, sondern zwei?«
Janisse Ridenow wusste, dass sie mal wieder hauptsächlich mit sich selbst redete. Ihr Bruder Erlend ritt mürrisch neben ihr her und schirmte sein Ich mit seinem Laran ab. Die meisten Worte, die sie in den letzten Minuten gesprochen hatte, waren völlig an seinem Gehör vorbeigegangen. Dies bereitete ihr noch mehr Kummer, denn er hatte einen guten Grund, sich so zu verhalten. Er wurde immer verbitterter und introvertierter. Und dieser Prozess, hatte die Leronis in Serrais gesagt, war mehr oder weniger unumkehrbar. Es war ein direktes Ergebnis dessen, was der junge Mann körperlich und seelisch bei der grauenhaften Feuersbrunst durchlitten hatte - jenem Brand, der ihre Familie ausgelöscht und Erlend trotz aller Fürsorge unwiderruflich zu einem lahmen Krüppel gemacht hatte.
Janisse hatte Dom Valentins Tod zwar besser verarbeitet als ihr Bruder, aber sie hatte ihren Vater deswegen nicht weniger geliebt.
Erlend hatte sich stets nach einem besonderen Verhältnis zu dem zurückhaltenden Fürsten von Serrais gesehnt. Noch wertvoller erschien dieses Verhältnis Erlend nun im Rückblick, denn er hatte sein Leben lang darum gekämpft, das zu erreichen und die schwierige und subtile Entfremdung seines Vaters zu durchbrechen.
Tatsächlich hatte es so ausgesehen, als sei es ihm in den letzten beiden Jahren gelungen. Dom Valentin hatte ihn schlussendlich als seinen Sohn akzeptiert und nicht mehr für den Grund des Todes seiner Gattin gehalten, die bei Erlends Geburt gestorben war. Wie kurz und schön waren die beiden Jahre gewesen … Doch dann war das Feuer gekommen, in dem sein Vater gestorben war. Und er war nun ein hilfloser, nutzloser Krüppel.
Ihre sechsköpfige Reisegruppe war seit drei Tagen unterwegs und näherte sich auf sehr umständlichen Wegen den Ländereien der Hasturs. Von dort aus sollte es zum Turm von Arilinn weitergehen.
Janisse-Lynn Serrais-Ridenow, ihr Bruder Erlend-Damon-Valentin Serrais-Ridenow und Bethan-Rhys Aillard hatten in Arilinn unterschiedliche Geschäfte zu erledigen. Betan, seit vielen Jahren Erlends Freund, hatte sich am Rand der Alton-Ländereien zu ihnen gesellt. Er kam aus Valeron und war nach Norden unterwegs. Arlin, Erlends Friedensmann, ritt neben ihm, um ihm als Lakai zu dienen, sollte die Lage es erfordern. Letztlich zählten auch die beiden Führerinnen dazu, die Janisse persönlich engagiert hatte. Sie gehörten den Freien Amazonen an, besser gesagt den Entsagenden.
Janisse wusste nicht genau, ob es schicklich gewesen war, das Gildenhaus persönlich aufzusuchen und um die Hilfe dieser eigenartigen Geschöpfe zu bitten, aber andererseits hatte sie sich nie sonderlich um Konventionen geschert.
Außerdem spielt es jetzt, da Vater tot ist, ohnehin keine Rolle mehr, dachte sie.
Eine der Entsagenden stimmte ein Lied an. Wie hieß sie doch gleich? Danila n’ha Liraya? Sie war eine eigentümlich weise, schöne Frau mit kantigen Zügen, etwa dreißig Jahre alt und dunkelhaarig.
Die Farbe ihrer Augen war so blass wie ein albinoider Verrin-Falke.
Sie war herzlich, sprühte vor Energie, war wahrscheinlich die Überlegenere der beiden und führte die Gruppe deswegen an. Ihre Bredhyia, oder was sie auch war, die Jüngere, Hellhaarige, die sich mit dem Namen Ysabet n’ha Alla vorgestellt hatte, kam ihren Befehlen schweigend und fehlerlos nach. Sie sprach nicht viel, doch ihr Lächeln war dann und wann synchron mit dem der Älteren zu beobachten und wirkte so vertraulich und geistig mit dem Danilas verbunden, dass Janisse argwöhnte, zwischen ihnen bestehe eine Laran-Verbindung. Egal, es hatte sie nichts anzugehen. Sie hatte den Eindruck, dass sie nicht die Hälfte dessen über die Entsagenden wusste, was sie hätte wissen müssen.
Danila sang:
In Valeron gab’s für mich, den Seefahrer, nur
ein Flüsschen, das mit dem Boot ich befuhr
Dah-rih-rah! La-ha-a-ah!
Es stand Lady Aillard wartend am Strand,
und lockte zur Burg mich mit winkender Hand,
Dah-rih-rah! La-ha-a-ah!
Erlend zuckte zusammen, schüttelte sein kupferrotes Haupt und murmelte mit der für ihn typisch leisen, melodiösen Stimme: »Schon wieder dieses verdammte Gesinge … Sie macht mich mit diesen Lauten noch wahnsinnig.«
»Was hast du gesagt?«, fragte Bethans freudiger und fester Bariton von der Seite her. Erlend krümmte sich fast, als er die gute Laune in den Worten seines Begleiters vernahm.
»Nichts.«
Bethan hatte mit seinem herzlichen, anziehenden Äußeren, dem kurz geschorenen strohigen Bart und dem ewigen Grinsen in Janisse den Eindruck erweckt, er könne ihren Bruder wieder auf den richtigen Weg bringen, wenn er nur lange genug in seiner Gesellschaft sei. Doch dann war ihr eingefallen, wie hoffnungslos diese Illusion war und dass eine so schlimme Depression nur von Laranzu-Spezialisten geheilt werden konnte. Dies war schließlich der Grund, aus dem sie nach Arilinn ritten.
»Gefällt dir das Lied nicht?«, fragte Bethan. »Ehrlich gesagt, ich mag es. Ich hab es schon mal gehört. Ist aber schon lange her.
Irgendwo …«
»Vielleicht in deinem Kopf, Bethan, zusammen mit all den anderen ärgerlichen Liedchen, die man irgendwo hört und die einem tagelang nicht aus dem Kopf gehen. Es ist ein richtiger Ohrwurm …«
»Also wirklich, mein Freund, das ist doch Unsinn. Mir gefällt das Lied. Und ich glaube, sie singt es sogar ganz gut. Hör doch mal zu
… dah-rih-rah …«
»Bitte«, sagte Janisse. »Merkt Ihr denn nicht, dass es ihm auf die Nerven geht?« Sie sagte es allerdings nur deswegen, weil sie vermutete, dass Erlend es von ihr erwartete.
Plötzlich verstummte das Lied. Die Frau, die auf einem kräftigen Pony vor ihnen herritt, schien sie irgendwie verstanden oder gehört zu haben. Das leichte Sinken ihrer Schultern sagte Janisse, was sie empfand. Es war eine Art Nonchalance, eine Ruhe, eine gewisse Verachtung der Comyn.
»Wie lange dauert’s noch zum nächsten Gasthof, Mestra?«, fragte Bethan die Führerin mit lauter Stimme, um das Thema zu wechseln.
»Mindestens bis Sonnenuntergang«, kam die knappe Antwort der Entsagenden. Zwar nicht unfreundlich, aber irgendwie zerstreut. Sie drehte sich auch nicht um. Janisse betrachtete ihren aufblitzenden Ohrring. Er hatte die Farbe von Blut, wie die Sonne.
Die viel befahrene Straße, der sie aus dem Tiefland folgten, führte nun ins Gebirge und war zu beiden Seiten unregelmäßig mit Bäumen bewachsen. Am violettfarbenen Himmel kreisten Falken.
Janisse beobachtete ihren Flug mit kurzer Wehmut. Das Pferd unter ihr war stark und möglicherweise in dieser Gegend gezüchtet worden. Sie konnte seine Gegenwart ebenso unterschwellig und deutlich spüren wie den blauen Matrixstein, der auf ihrem Brustbein lag.
Ich bin eine Comyn.
Selbst wenn Janisse Ridenow eine sanfte alte Stute ritt: die Empfindung, von Comyn umgeben zu sein, würde nie nachlassen.
Bethan unternahm einen Versuch, ihren Bruder in ein Gespräch zu verwickeln. »Hast du schon die Nachrichten aus Caer Donn gehört?«, fragte er. »Von diesen Fremden? Wie heißen sie gerade noch? Terraner?«
»Ja, habe ich, aber nur vage.« Erlends Antwort kam automatisch.
»Sie sollen angeblich von den Sternen herabgekommen sein.
Glaubst du das?«
»Das weiß nur Zandru. Könnte aber sein. Ich habe gehört, dass Sterne nur weit entfernte Sonnen sind, wie unsere eigene. Sie sehen nur so klein aus, weil sie so weit fort sind.«
»Pah … !« Bethan machte eine abfällige Geste mit der Hand. »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, mein Freund.«
»Ich glaube es«, sagte Janisse. »Mir fällt ein, dass Lerrys gesagt hat, dass es wirklich stimmt, also glaube ich es auch.«
Erlends schmerzerfüllte braune Augen maßen sie zwar mit einem durchdringenden Blick, aber er versuchte dabei ein Lächeln. »Du glaubst auch alles, was Lerrys Aillard dir erzählt, Breda.«
»Nicht alles!« Janisses Wangen wurden dunkelrot. »Ich weiß einfach, dass er in diesem Fall Recht hat.«
»Ach, Lerrys, Lerrys«, sagte Bethan seufzend. »Lerrys müsste es aber eigentlich wissen. Der Bewahrer von Neskaya würde doch einem Angehörigen seines Kreises keine Lügengeschichten erzählen.«
»Ich gehöre seinem Kreis nicht mehr an.«
Bethan musterte das plötzlich ernstlich bleiche Gesicht der jungen Frau und glaubte, den Grund dafür zu kennen.
»Wann seid Ihr ausgeschieden, Damisela?«, fragte er freundlich.
»Ich kann mich gar nicht daran erinnern, davon gehört zu haben …«
»Im vergangenen Frühjahr. Mein Vater … hat mich hier gebraucht, und ich …«
Erlend verfinsterte sich bei ihren Worten, und Janisse hätte wegen ihrer Sorglosigkeit beinahe aufgekeucht. Dom Valentin durfte nämlich nie erwähnt werden, es sei denn, man wollte Erlend für den Rest des Tages unbedingt in noch schlimmere Depressionen versetzen.
Und tatsächlich, als sie ihren Bruder erschreckt anschaute, trat ein feuchtes Glitzern in seine Augen. Sein Gesicht blieb jedoch stoisch und reglos. Er wandte sich wortlos von ihnen ab und gab seinem Reittier die Sporen. Geschmeidig und hager preschte er voraus, ohne dass man seine Behinderung bemerkte.
»Cassilda, unterstütze ihn …«, murmelte Bethan, der ebenfalls das Gefühl hatte, zu viel gesagt zu haben. Janisse und er verfielen in ein unbehagliches Schweigen.
Janisse hätte am liebsten mit ihrem Geist hinausgegriffen und ihren Bruder mit dem herzlichen Schutzschleier einer Empathin eingehüllt, doch irgendetwas an seinem kalten und groben Wesen hielt sie davon ab. Sie spürte am Rande die finstere Wolke seiner Verärgerung und erfasste blitzhaft seine Gefühle: rasender Wind, einen eigenartigen Schmerz in seinem kranken Bein und die Gewitterwolke aus Schmerz und Wahnsinn, die seine Präsenz ausmachte. Hinter der Finsternis, dies wusste sie, lag die undurchdringliche Barriere der Einsamkeit.
Vor ihnen brach Danila erneut in Gesang aus. Ihre klare und melodiöse Stimme ritt auf dem Wind. Sie wies eine eigenartige neutrale Eigenschaft auf, die so natürlich war wie ein Paradox.
Einerseits war sie erfüllt von Lebensfreude, andererseits schwang etwas Gespenstisches darin mit. In diesem Augenblick gab es für Janisse freilich nichts, das beruhigender gewesen wäre. Irgendwo weit vor ihnen spürte sie Erlends Präsenz, merkte, dass er bei dem Klang zusammenzuckte, doch diesmal war sie gemeinerweise glücklich darüber.
Soll er zuhören … Er brütet, wendet sich vom Leben ab. Ich kann nichts mehr für ihn tun. Deswegen … soll er zuhören!
Und dann, aus irgendeinem verrückten Gefühl heraus, trieb sie ihre Stute an und näherte sich ihrer allein reitenden Führerin, die eins der drei Packpferde an einer Leine hielt.
»Was singt Ihr da, Mestra?«, fragte Janisse, als sie Danila erreichte und im gleichen Tempo neben ihr herritt. »Darf ich Euch übrigens beim Vornamen ansprechen?«
Die Frau richtete den Blick weiterhin auf die Straße, lächelte kurz und zuckte einfach die Achseln. »Wie es Euch beliebt, Damisela.«
Die beiden ritten eine Weile schweigend nebeneinander her. Das sie umgebende Land wurde allmählich stärker bewaldet und zerklüfteter.
»Wart Ihr schon mal hier?«, fragte Danila plötzlich. Ihre Hand umfasste die Landschaft mit einer weit ausholenden Bewegung.
»Dies ist das Kilghard-Gebirge. Eigentlich sind wir noch im Vorgebirge. Es wird gleich steiler werden.«
»Es ist schön. Nein, ich war noch nie hier.«
Janisse hörte, dass Bethan sich mit Arlin unterhielt, der das zweite Packpferd führte. Noch ein Stück weiter zurück bildete die schweigende Ysabet mit dem dritten Packpferd die Nachhut. Die rote Sonne stand hoch über ihnen und blitzte durch die Wipfel der riesigen immergrünen Bäume, die den Weg säumten. Die Straße wurde nun schrittweise schmaler und ähnelte einem Pfad.
»In Wirklichkeit liebt Ihr diesen Dom Lerrys, nicht wahr?« Die plötzliche Aussage und ihre Verwegenheit trafen Janisse gänzlich unvorbereitet. Sie errötete, wollte eine schroffe Antwort geben, doch im Gesicht der älteren Frau war weder ein Lächeln noch Spott zu sehen. Ihre scharfen, albinoähnlichen Augen musterten Janisse mit Sympathie. Dann fügte sie hinzu: »Es geht mich vielleicht nichts an, Damisela,
aber
mir
ist
aufgefallen,
welchen
Stimmungsschwankungen Ihr in den letzten Tagen seit dem Aufbruch unterworfen seid. Erst wenn Ihr von Lerrys sprecht, glänzen Eure Augen.«
Aus irgendeinem Grund wollte Janisse nicht länger lügen. Sie ritt mit gesenktem Kopf neben Danila her. »Ich musste den Turm von Neskaya verlassen«, sagte sie. »Seinetwegen. Eigentlich meinetwegen - und wegen dem, was meine Gefühle dort angerichtet haben. Der Kreis war nicht mehr ausgeglichen. Meine Gefühle waren daran schuld. Bei Zandrus Höllen, warum erzähle ich Euch das überhaupt?«
Auch diesmal zuckte Danila die Achseln. Sie schien nicht beleidigt zu sein. »Tja, warum erzählt Ihr es mir? Ich weiß, warum. Ihr müsst es jemandem erzählen, Damisela, nicht wahr? Ich weiß es.«
Janisse konnte nur geradeaus starren.
Sie hat Laran. Sie muss mit den Comyn verwandt sein.
Im gleichen Moment bemerkte die junge Frau, wie sich in Danilas blassen Augen etwas Gefährliches regte - eine Erinnerung, die nicht an die Oberfläche kommen durfte. Entweder hatte sie ihre Gedanken gelesen, oder es lag am hellroten Sonnenlicht, das ihr in die Augen schien, denn Danilas rechtes Lid zuckte, und sie drehte sich um.
»Seit ich den Namen meiner Mutter als den meinen angenommen habe, ist all das für mich nicht mehr wichtig«, sagte Danila zurückhaltend. Nach einer Weile erhellte sich ihre Miene und sie schaute Janisse an. »Welche Rolle spielt heute die Vergangenheit?«
»Für meinen Bruder ist sie sein Leben … Die Vergangenheit plagt ihn mit Finsternis«, erwiderte Janisse leise und nachdenklich.
»Ja, für Euren Bruder. Ich würde sagen, er soll von ihr ablassen und die Finsternis und die Verbitterung aus seinem Herzen verbannen. Dann kann er wieder atmen … Aber Ihr, Damisela …
Glaubt Ihr, dass es Euch hilft, wenn Ihr fortlauft?«
»Beim Herrn des Lichts, was könnte ich tun? Er ist Bewahrer, unantastbar! Ich war im Begriff, mich, ihn und uns alle zu vernichten!«
Danila schwieg einen Moment, als denke sie über Janisses Worte nach. »Wisst Ihr es genau?«, fragte sie dann.
»Was?«
»Wisst Ihr genau, dass Ihr ihn, Euch und alle anderen vernichtet hättet, wenn Ihr geblieben wärt? Glaubt Ihr nicht, dass ein Bewahrer über genug innere Stärke verfügt, um zu wissen, was für ihn, Euch und die anderen Angehörigen des Kreises richtig ist? Ihr seid einfach fortgelaufen, statt Euch zu erlauben, einen Blick in Eure Seele zu werfen und Euch zu fragen: ›Liebt er mich?‹ Und dann weiterzufragen: ›Liebe ich ihn wirklich? Oder ist es nur so, dass ich die Liebe und meine persönlichen Bedürfnisse liebe?‹«
Janisses Augen sprühten Funken. »Was wollt Ihr damit sagen?
Wie könnt Ihr annehmen, auch nur das Geringste über diese Sache zu wissen? Wie könnt Ihr es wagen?«
Sanfte Trauer zeigte sich in Danilas Blick, doch sie blinzelte sie fort. Dann zuckte sie erneut die Achseln und sagte gelassen: »Tut mir Leid, Damisela. Ich bin wohl zu weit gegangen. Es ist natürlich Eure Sache, und es ist falsch, wenn ich glaube, dass Ihr vielleicht Wert auf ein mitfühlendes Ohr oder einen Ratschlag legt. Ich bin niemand - nur Eure Führerin nach Arilinn. Ich werde nun still sein.«
Und mit einer eigenartig stolzen Demut richtete sie den Blick wieder auf den Weg.
Janisse ritt eine ganze Weile schweigend neben ihr her, dann fiel sie an die Stelle zurück, an der Bethan und ihr inzwischen zurückgekehrter Bruder nebeneinander ritten.
Erst am späten Nachmittag legten die Reisenden auf dem schmalen, von Bäumen umsäumten Pfad eine Rast ein. Arlin und die beiden Entsagenden kümmerten sich um die Pferde, sammelten Holz und zündeten vorsichtig ein kleines Feuer an, während Janisse Bethan half, das Essgeschirr auszupacken. Bald brutzelte ihre Nahrung über dem Feuer.
Erlend, der mit nur geringen Schwierigkeiten abgesessen war, stand in sicherer Entfernung von dem kleinen Lagerfeuer und musterte den sie umgebenden Wald. Erst als er ein paar hinkende Schritte machte und der speziell angefertigten Stiefel an seinem rechten Bein sichtbar wurde, bemerkte man seine Behinderung.
Danila und Ysabet pfiffen bei der Arbeit vor sich hin. Sie trugen Lederjacken, wie sonst nur Männer, und bewegten sich sicher, geschickt und ruhig, ohne dass man auch nur ein einziges Stiefelknarren auf dem von Tannennadeln bedeckten Boden hörte.
Danila hatte das seltsam intime Zwischenspiel, das knapp eine Stunde hinter ihnen lag, wohl schon vergessen. Sie sprach Janisse fröhlich an, rührte die Nahrung im Topf und bot ihr eine Schale an.
»Esst, Damisela, sonst fallt Ihr noch vom Fleisch und werdet so dünn wie dieses Nädelchen hier.« Sie zwinkerte ihr zu.
Janisse konnte einfach nicht anders: Sie musste das Lächeln der eigenartigen Albinoaugen erwidern, nahm die angebotene Portion und stellte fest, dass sie hungrig war wie ein Wolf.
Irgendwie kam das Gespräch auf das Thema zurück, über das sie schon am Nachmittag geredet hatten. »Was glaubt Ihr, Bethan, können in einem Menschen zwei Donas sein?«, fragte Janisse.
Bethan wischte sich Mund und Bart mit dem Ärmel ab und machte sich bereit, ihr seine Meinung zu diesem Thema mitzuteilen.
Er hatte interessante Argumente, das mussten alle zugeben.
»Nehmen wir mal an, ein Mensch hat sowohl das Blut der Ridenows und der Altons. Dann müsste man davon ausgehen, dass er sowohl über empathische Fähigkeiten verfügt, als auch eine geistige Verbindung erzwingen kann. Er könnte sogar eine Menge von beidem haben. Wer weiß, Damisela? Auf jeden Fall kann ich mir vorstellen, dass es theoretisch möglich ist, dass Psi-Energie sich auf Grund einer eigenartigen genetischen Mutation verdoppelt und teilt
- obwohl ein solcher Fall noch nicht entdeckt wurde. Warum sollte es so was überhaupt geben?«
»Warum nicht?«, mischte sich Erlend mürrisch ein. »Ich kann dir einen guten Grund dafür nennen. Eine Dona ist eine geniale Sache.
Sie ist eine bestimmte Ebene der Psi-Kraft, und zwar eine hohe.
Jeder hat Psi-Energie, aber nur in den Comyn ist sie so konzentriert, dass sie von Bedeutung wird. Nun stell dir mal die Möglichkeit vor
… vorausgesetzt, die richtigen Gene sind vorhanden … dass diese hohe Ebene in einem einzigen Menschen doppelt vorhanden ist! Ist es überhaupt vorstellbar?«
»Ich weiß nicht«, sagte Bethan. »Aber ich kann dir ein Beispiel geben, das nichts mit Laran zu tun hat. Ein Mensch kann auf zwei verschiedenen Gebieten so begabt sein, dass er fast genial ist - ein großer Handwerker kann ebenso ein großer Musiker sein! Ich kenne selbst einen solchen Fall. Nimm zum Beispiel den Ridenow- Nedestro
… Wie heißt er doch gleich? Der eine, der sowohl Harfe spielt als auch Tänzer ist. Weißt du noch, wie er uns beim letzten Festabend beeindruckt hat?«
»Ist doch egal.« Erlend zuckte stur die Achseln. »Man kann ein Laran-Genie einfach nicht mit einem gewöhnlichen Genie vergleichen.« Seine Stimme wurde nun schriller.
»Moment mal! Wieso denn nicht? Meiner Meinung nach ist Laran eine Begabung wie jede andere. Man entwickelt es, und …«
Janisse erkannte die gefährliche Wendung seiner Argumentation.
»Lasst nur, Bethan«, sagte sie. »Wir wissen über diese Dinge gar nicht genug, um sie richtig zu diskutieren.«
»Ach, aber Lerrys versteht deiner Meinung nach genug davon?«, sagte Erlend schneidend.
Bethan erkannte, dass es tatsächlich an der Zeit war, das Thema zu wechseln. »Tja«, sagte er nur und zwinkerte Janisse zu, »ich glaube, ich bin wirklich kein Experte in diesen Dingen. Aber gerade was die Sache mit den zwei Donas angeht, gibt es Gerüchte, dass Carcosande Hastur sowohl die Hastur- als auch die Alton- Donas hat.«
Erlend zuckte erneut die Achseln. Der Schein des Feuers spiegelte sich auf seiner nun ausdruckslosen Miene, und sein Gesicht entspannte sich.
»Es drehen sich einfach zu viele Gerüchte um Carcosande«, sagte Janisse, die sich freute, nun ein Thema gefunden zu haben, mit dem sie die Auseinandersetzung beenden konnte. »Ich frage mich, ob ihr Bruder, der Regent, nur die Hälfte von dem vermutet, was zwischen ihr und der Familie Alton vor sich geht.«
»Ach, Zandru soll diese verdammten Gerüchte holen!« Erlends neurotische Miene flammte wieder auf, und sein Gesicht nahm einen leicht sarkastischen Ausdruck an. »Ich möchte sie gar nicht hören. Genug der Torheiten.« Er drehte sich um, stand vom Feuer auf, reckte sich, ging über den Pfad und verschwand im Wald.
»Ich glaube, das Feuer stört ihn«, sagte Janisse leise. »Seit dem …
Ihr wisst schon … verhält er sich immer so. Er gibt es zwar nie zu, aber er fühlt sich auch in der Nähe eines Herdfeuers unwohl. Ich will damit sagen … Man kann nicht mal mit ihm darüber reden.«
»Ach so.« Bethan nickte still. »Ich habe gehört, wie es damals war.
Dass er Dom Valentins verkohlte Leiche halten und tragen musste
…«
Danila war inzwischen damit beschäftigt, das Feuer auszutreten.
Ihre Gefährtin räumte die Reste und das Geschirr ab.
»Wir reiten gleich weiter«, verkündete sie mit ihrer kristallklaren Stimme. Dann fing sie an zu singen.
In Valeron gab’s für mich, den Seefahrer, nur …
Erlend wirbelte herum. »Hört auf!«, schrie er, und in der Luft war eine große psychische Störung zu spüren. »Hört auf zu singen, verdammt noch mal!«
Er stand starr wie ein Pfosten da und stierte sie an. Seine Augen weiteten sich vor Schmerz. Er war urplötzlich fuchsteufelswild geworden. Alle anderen verfielen in Schweigen.
Janisse trat einen Schritt vor. »Erlend …«
»Nein.« Danila hatte gesprochen. Dann schaute sie dem jungen Mann langsam in die Augen. Sie erblickte Hass in ihnen. Und irgendwo, in ihrem tiefsten Inneren, ein uraltes brennendes Feuer …
»Warum, Dom?«, sagte sie. »Warum?«
Erlend verharrte einen Augenblick. »Brauche ich einen Grund dafür?«, sagte er dann. »Es stört mich … Deswegen … Da Ihr für die Dauer dieser Reise in meinen … unseren … Diensten steht, Mestra
…« Er spuckte das letzte Wort förmlich aus, »… unterliegt Ihr auch unserem Kommando und habt Gehorsam zu zeigen … selbst wenn ich ein Krüppel bin. Ich befehle Euch, aufzuhören! Schweigt für den Rest dieser verfluchten Reise!«
Danilas Albinoaugen verengten sich kurz, als stünden sie davor, Funken zu sprühen, die gelöscht werden mussten, bevor sie ein Inferno anrichteten.
»Ihr seid kein Krüppel, Vai Dom«, sagte sie. »Für mich seid Ihr nur ein Jüngelchen. Ihr hättet mich darum bitten können. Aber nein, Ihr seid, bei Aldones, niemand, der über mich und meine Gildenschwestern befiehlt. Kein Mensch erteilt uns Befehle! Ich will Euch mal etwas sagen: Von diesem Moment an erlassen wir Euch den Preis für die vor uns liegende Tätigkeit und trennen uns von Euch, damit Ihr tun könnt, was Zandru Euch in seiner siebenten Hölle zugesteht!« Die letzten Sätze sprach sie so heftig aus, dass sie fast wie eine auf Laran basierende Kommandostimme wirkten.
Ohne ein weiteres Wort warf Danila n’ha Liraya einen Beutel mit Münzen vor Erlends Füße und machte sich mit ihrer Gefährtin zu den Pferden auf, um sie auf die Rückkehr vorzubereiten.
»Danila, bitte, wartet!«, rief Janisse und setzte sich in Bewegung, um ihr zu folgen. Doch die Frau warf ihr nur einen leeren Blick zu und fuhr in ihrer Tätigkeit fort.
»Lass sie«, sagte Erlend grob. Es war ein Befehl.
»Erlend! Wie kannst du nur so etwas sagen?«, rief Bethan kopfschüttelnd. »War es wirklich nötig, sie zu beleidigen? Wenn man einer Frau wie ihr - und dann auch noch auf eine solche Weise -
erklärt, dass sie unter einem Kommando steht, ist es das Gleiche, als würde man einem Wolf sagen, er sei dazu geboren, Schafe zu hüten.
Ich fürchte, jetzt sitzen wir in der Klemme Wahrscheinlich würde es nicht mal etwas nützen, wenn du dich entschuldigst. Nach allem, was ich weiß, sind die Entsagenden ziemlich stolz. Verdammt …«
»Was sollen wir jetzt tun?«, sagte Janisse, als die beiden Frauen auf ihre Pferde stiegen und schnell über den Pfad davonritten. »Wir kennen den Weg nicht! Bei Aldones, vielleicht kann ich versuchen
…«
»Dann reiten wir eben allein«, fiel Erlend ihr scharf ins Wort. Er war eindeutig wütend und fing an, ihre Sachen zu packen. Seine Miene wirkte wie eingefroren, und sein Hinken war nun noch deutlicher zu sehen.
Als sie endlich fertig waren und den Pfad entlangritten, sank die Sonne schon dem purpurnen Himmel entgegen. »Wir werden den Gasthof niemals erreichen«, sagte Janisse klagend. »Und falls doch, ist es bestimmt zu dunkel, um ihn zu erkennen! O Herr des Lichts!«
Erlend blickte so finster drein wie eine Gewitterwolke und ritt schweigend dahin. Seiner Ansicht nach war mit dem sie umgebenden Wald irgendetwas nicht in Ordnung, aber er wollte es nicht zugeben. Es stimmte zwar, dass er den Weg möglicherweise finden konnte, denn als Kind war er ein ausgezeichneter Aufspürer von Tieren gewesen und hatte Fährten lesen und seine Laran-
Fähigkeiten einsetzen können, doch nun war irgendetwas anders.
Irgendetwas stimmte nicht.
Im Wald, bemerkte Janisse, als sie mit müdem und nach unten gerichtetem Blick dahinritt, herrschte eine eigentümliche Stille. Kein Vogel sang. Über ihnen kreiste kein Falke. Nirgendwo sprang ein Rabbithorn vor den Hufen der Pferde her, um im Unterholz zu verschwinden. Alles war von Totenstille erfüllt.
Stille und irgendetwas im Wind. Plötzlich spürte Janisse mit einer Übelkeit erregenden Vorahnung, die ihr Laran gebar, dass sich ihnen aus der Ferne rasch etwas näherte. Ein Knistern und Brüllen. Und der Wind trieb den Geruch schwarzer Asche vor sich her …
Ein Waldbrand!
Bevor sie auch nur reagieren konnte, hörte sie Erlends gequälten psychischen Schrei und sah die Panik in seinen Augen.
Vater! Mein Vater!
Obwohl das Feuer mehrere Meilen von ihnen entfernt sein musste, gab Erlend seinem Ross plötzlich die Sporen und galoppierte den schmalen Pfad entlang. Sein hellrotes Haar war hinter den Bäumen sichtbar, als er dem Feuer entgegenpreschte.
Haltet ihn auf ihr Götter!, schrie Janisse geistig auf, bevor ihre Stimmbänder die Worte bilden konnten. Dann jagte sie wie ein Wirbelwind hinter ihrem Bruder her. Der kurze Augenblick geistigen Kontakts hatte ihr gereicht, um zu erfahren, was er vorhatte.
»Bethan!«, schrie sie nach hinten. »Bitte, helft mir! Er will sterben!«
Als sie hinter Erlend herraste, war die Welt nur noch ein aufblitzender Wald vor ihren Augen.
Der Kerl war tatsächlich durchgedreht. Sie konnte sein rotes Haar vor sich im Wind wehen sehen, während hinter ihr der Hufschlag von Bethans Pferd erklang.
Der Geruch wurde schlimmer. Und dann, aus einer Entfernung von etwa einer halben Meile, das brüllende Donnern … Erlend raste weiter, verließ den Pfad, jagte im Zickzack an den spärlichen Bäumen vorbei auf die näher kommende Feuersbrunst zu.
»Wartet, Damisela!«, kam Bethans Ruf von hinten. »Haltet an, Damisela! Er wird nicht weiterreiten. Dort sind Menschen, seht Ihr?«
Und tatsächlich … Als Janisse sich einen Blick in die Richtung erlaubte, in die Bethan deutete, entdeckte sie eine große Gruppe von Einheimischen, die eine Front bildeten, Gräben aushoben und alles unternahmen, um zu verhindern, dass die Feuersbrunst voranschritt. Außer Atem wischte sie über ihr verschmutztes Gesicht, verlangsamte die Stute zum Schritttempo und wartete, bis sie mit Bethan auf einer Höhe war.
Erlend, der sich vor ihnen befand, schien ebenfalls sein Tempo gedrosselt zu haben. Seine dünne Gestalt sackte jedoch nicht im Sattel zusammen, sondern war gerade aufgerichtet. Janisse wusste, dass er sich mit reiner Willenskraft in dieser Position hielt. Doch trotzdem war er unerreichbar, denn seine Abschirmung war so fest wie Granit.
Was hat er vor? Ihr Puls raste. O gesegnete Cassilda … Ich kann nichts tun! Er wird mich nicht hören. Er will nicht auf mich hören! Wenn doch Lerrys nur hier wäre … Ach, Lerrys …
Erlend erreichte die Feuerlinie. Er saß noch immer auf seinem Pferd. Es war eigenartig, seine einsame Gestalt zu sehen, die sich wie im Traum bewegte, während die Menschen um ihn herum hektisch beschäftigt waren.
»He, du da, komm her und hilf!«, rief jemand, der ihn erblickte.
Doch als sein Pferd anhielt, blieb Erlend wie benommen im Sattel sitzen. Dann saß er langsam und unter Schwierigkeiten ab und machte hinkend einen Schritt nach vorn.
In Janisses Geist drängte sich ein Übelkeit erzeugendes Bild, und dennoch war sie so weit entfernt! So weit! Hätte sie doch nur nicht auf Bethan gehört. Wäre sie doch einfach hinter Erlend her gejagt.
Dann wäre sie nahe genug gewesen, um ihn zu erreichen …
Sie sah, was er tat; sah jeden Moment, bevor das tatsächliche Ereignis passierte.
Lerrys hätte etwas unternommen … Dies war der einzige Gedanke, der ihr kam. Er hätte …
Erlends nur einige Schritte vom Feuer entfernter Körper stürzte nach vorn. Im gleichen Augenblick löste sich eine Gestalt von der Feuerlinie. Das vertraute Aufblitzen schwarzen Haars. Ein einzelner Ohrring. Blasse Albinoaugen. Während Erlend nach vorn fiel und wie eine Strohpuppe Feuer fing, warf Danila sich auf ihn und bedeckte ihn mit ihrem Körper. Dann rollten die beiden ein paar Schritte weiter über die Erde, in die Sicherheit des ausgehobenen Bodens. Und während einige verdutzte Zuschauer sie anstarrten, rangen sie miteinander.
Feuer … sengender Schmerz … Vater! Erlends Geist war ein irrsinniges Inferno aus Licht und Pein. Er sah sich selbst vorwärts stürzen, versuchte seinen Vater aus den flammenden Tiefen des Raumes zurückzuholen, in den er erst eine Sekunde zuvor gegangen war …
Ein hoch empfindliches neues Band aus Laran ließ ihn doppelt sehen. Er sah den brennenden Raum mit den Augen seines Vaters, und ebenso wie sein Vater wusste er im gleichen Moment, dass es kein Entkommen mehr gab, dass dies ein falscher Schritt war, den man nicht korrigieren konnte.
Der letzte Gedanke seines Vaters, an den er sich erinnerte: Erlend!
Wie eigenartig, dass er mich jetzt hier lässt … Hatte er nicht auch einen Anflug von Argwohn?
Doch Erlend hatte ihn nicht verlassen. In seinem Blut war sinnloser Zorn. Er stürmte in die Flammen hinein. Er sah sich durch Dom Valentins Augen, als käme er aus einem strahlenden Meer.
Und dann, in einer Umarmung auf Leben und Tod, bekam er seinen Vater zu fassen …
Er wusste nicht, was während dieser Momente der grauenhaften Ewigkeit aus Licht und Flammen geschehen war. Irgendetwas, das wusste er noch, war auf ihn gefallen und hatte seinen Vater und ihn am rechten Bein festgehalten … Er hatte daran gezerrt, hatte gespürt, dass er (oder Dom Valentin?) anfing zu brennen. Ein Schmerz, fast heilig, so stechend war er. Doch dann hatte sein Körper, sein Lebensinstinkt, ihn gesteuert. Er hatte in wahnsinnigem Schmerz aufgeschrien und losgelassen, sein Bein befreit, sich nach vorn und hinaus geworfen, während das Bein brannte und sein -
ebenso brennender - Geist danach verlangte, zurückzubleiben und zu sterben …
Nachdem Danila ihn am Boden unter Kontrolle gebracht hatte, schlug sie ihm fest ins Gesicht und rief seinen Namen. Rings um sie her versammelte sich eine kleine Menschenmenge. Auch Janisse und Bethan beugten sich über ihn. Seine Schwester schluchzte, aus ihren Augen strömten dicke Tränen über ihre verschmutzten Wangen. In Bethans Augen funkelte das Grauen.
Doch es war die blasse Farbe der Albinoaugen, der Erlend sich nun zuwandte, ihrem ruhigen, sanften Blick, als wüssten sie nicht mehr, was heute zwischen ihnen vorgefallen war.
»Endlich bist du wieder bei dir, Chiyu«, murmelte Danila mit einem eigentümlich undefinierbaren Blick, als vergesse sie sich selbst. Dann zog sie ihn fest an sich, in eine etwas grobe, fast unbehagliche Umarmung. Ihr in Leder gekleideter Körper war in dem Moment, in dem die beiden sich berührten, warm und kräftig, und er glaubte, Spuren ihrer Gedanken aufnehmen zu können, ebenso den Geruch von Rauch und Rohleder … ,
Sie ließ ihn los und trat zurück. Ein dünnes, nun wieder neutrales, doch freudiges Lächeln spielte um ihre Mundwinkel, und ihre blassen Augen waren klar. Er musterte sie ziemlich lange, während Janisse kam, um ihn laut weinend vertraulich zu umarmen, und Bethan ihm beim Aufstehen half.
»Ich bin nur ein verdammter, nutzloser Krüppel.« Seine ausgedörrten Lippen brachten die Worte kaum hervor. Und er schaute weiter zu, sein Geist halb benebelt, bis er gestützt von Bethan von der Feuerlinie forthinkte, während die Menschen und Danila ihre Arbeit wieder aufnahmen.
Später am Abend, als der Brand unter Kontrolle war, saß Janisse an einem sicheren kleinen Lagerfeuer und schaute ihrem sich heiser redenden Bruder zu, der einem ziemlich betretenen Publikum, das aus ihr, Bethan und Arlin bestand, von seinen monatelang unterdrückten Gefühlen berichtete. Ein paar Schritte weiter verschlangen Danila und Ysabet Suppe und Haferbrei. Sie waren nun wieder Teil der Reisegesellschaft. Danila hatte Janisse versichert, dass die meisten Vorkommnisse vergeben und eigenartigerweise vergessen waren und dass sie und ihre Gildenschwester es erneut in Erwägung zogen, für sie tätig zu sein.
»Ich hatte vergessen, wer ich war«, hatte Danila gesagt, als Erlend zu weit entfernt gewesen war, um sie zu hören. »Und was er, Euer Bruder, ist. Und wie belanglos und gemein es von mir war, die Worte eines kranken jungen Mannes ernst zu nehmen. Ich hätte wissen müssen, was er empfunden und welche Erfahrungen er gemacht hat.«
»Ich weiß nicht genau, ob ich das verstehe«, sagte Janisse leise.
Danila zuckte die Achseln. »Ach! Da gibt’s nichts zu verstehen.«
Und sie drehte sich um und nippte an ihrem Borkentee.
»Ihr seid …«, wagte Janisse plötzlich einen Vorstoß, »so außergewöhnlich empfindsam. Mir, Erlend und allen anderen gegenüber. Ihr hegt keinen Groll, obwohl Ihr jeden Grund dazu hättet.«
»Ihr Comyn«, sagte Ysabet, die neben Danila saß. »Normalerweise reden wir mit Menschen eurer Art weniger offen. Aber Danila …
gilt sogar in unseren Kreisen als außergewöhnlich. Sie weiß, was jemandem fehlt, wenn er Schmerzen empfindet. Und sie grollt nie einem Menschen. Sie kann mit Hastur persönlich reden, wenn’s sein muss, und seine Seele aufbrechen, ohne ihn zu beleidigen. Bloß …
das eine, das Euer Bruder anfangs gesagt hat, hat wirklich unguten Einfluss auf sie ausgeübt.«
»Was denn?«, fragte Janisse. »Wirklich, Mestra, ich verstehe es nicht.«
»Vielleicht erzählt sie es Euch irgendwann. Sie ist …«
»Ysabet.« Die Warnung in Danilas Stimme brachte die andere zum Schweigen. Sie wandte sich zu Janisse um und sagte einfach und der Wahrheit entsprechend: »Die Vergangenheit liegt hinter uns, Damisela. Brütet nie über sie nach. Doch eins will ich Euch sagen, wenn Ihr es unbedingt wissen wollt. Auch ich kenne den Schmerz, den Euer Bruder erfahren hat - und mit ihm die Selbsterniedrigung, das Gefühl, ein nutzloser Krüppel zu sein.«
Während sie dies sagte, schnürte sie mit flinken Fingern den hohen Lederstiefel an ihrem rechten Bein auf. Janisse schaute ihr im Schein des flackernden Feuers zu. Unter dem Leder und einer dünnen Socke sah Janisse das Bein einen Zoll unter dem Knie in einem Stumpf enden. Der Rest bestand aus einer von Meisterhand gefertigten Holzprothese, die in etwa einem menschlichen Unterschenkel und einem Fuß nachempfunden war. Sie war alt und von der Reibung am Stiefelleder abgeschabt.
Janisse stierte das Holz in langsam zunehmendem Schrecken an.
Ihr war fast so, als flackerten zusammen mit der heruntergezogenen Socke alte Erinnerungen in Danilas Albinoaugen auf. Erlends Schwester konnte sie kaum erfassen und berühren, als sie an ihr vorbeihuschten.
Die Socke und der Stiefel wurden verdeckt, dann sagte Danila mit neutraler, hölzerner Stimme: »Ich habe mein Bein bei einem Brand zusammen mit dem Leben meiner Tochter verloren, die ich … nicht retten konnte.«
Und dann verfiel sie ebenso spontan in Schweigen und nippte an ihrem Borkentee.
»Ihr Götter, Mestra, ich glaube, das sollte mein Bruder wirklich erfahren!«, stieß Janisse hervor. »Er sollte sehen, wie ungerecht er Euch behandelt hat, wo Ihr doch selbst …«
»Erlend weiß es schon«, sagte Danila. »Er weiß es schon lange, und es hat ihn verrückt gemacht, dass ich ihm so ähnlich und andererseits so unähnlich bin …«
Erst später, als er es erneut in meinen Augen las, nach der Konfrontation mit dem Feuer, in dem er sich weniger erfolgreich bestrafen konnte, hat er mich richtig kennen gelernt und verstanden. Und der Vergleich schmerzt ihn nun nicht mehr …
»Wer seid Ihr?«, fragte Janisse leise. »Wer seid Ihr wirklich, Mestra? Auch Ihr seid eine Comyn, ich weiß es! Ihr verfügt über Laran. Sonst hättet Ihr nicht …«
Statt einer Antwort umwölkte sich Danilas Blick, die Frau stand abrupt auf und entfernte sich um mehrere Schritte.
»Nein, Damisela! Vergesst die Vergangenheit. Sonst gibt es für uns kein neues Leben. Ich bin nur die Tochter meiner Mutter - Danila n’ha Liraya.«
Janisse starrte sie plötzlich an. »Soll das heißen, Ihr seid die Tochter von Liraya di Asturien? Und von Dom …«
Doch das Aufblitzen in Danilas Augen ließ sie verstummen und brachte sie mit der reinen Kraft ihrer blassen Tiefen zum Schweigen.
»Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir uns jetzt alle hinlegen«, sagte Danila, ohne die Lippen zu bewegen. Dann entspannte sich ihr Kiefer. »Es ist noch ein beträchtliches Stück nach Arilinn, und obwohl Erlend wahrscheinlich nicht mehr so sehr der Hilfe eines Turms bedarf, sollte er dennoch überprüft werden. Und der beste Schlaf ist noch immer der vor Mitternacht.« Sie fing an, ihren Schlafsack auszurollen.
Janisse, die in ihrer Nähe lag und noch immer unter dem starken Eindruck ihrer Gedanken stand, beobachtete die Flammen und dachte nach. Sie dachte an Lerrys und das, was sie für ihn empfand; an Erlend und seine Erlösung und an ihren Vater, der - vor Äonen, wie ihr schien - bei einem Brand ums Leben gekommen war …
Sie dachte an die Entsagenden und daran, wer sie waren, und an die seltsamen Terraner, an ferne Sterne, an Männer und Frauen, die über zwei Donas verfügten, und …
Das Feuerchen wurde gelöscht, und Janisse dachte plötzlich an Neskaya. Wenn der Kreis die tägliche Arbeit verrichtet hatte, waren alle nach unten gegangen, an die warme Feuerstelle, und … Lerrys Aillards warmer, unpersönlicher Blick war auf sie gefallen. Oder nicht? Spielte es eigentlich jetzt noch eine Rolle? Angenommen …
Nur mal angenommen, sie wäre jetzt wieder bei ihm und schaute ihm aufrichtig und tief in die Augen … Würde sie … ?
Im Zwielicht erklang Danilas klare, lebhafte Stimme.
In Valeron gab’s für mich, den Seefahrer, nur
ein Flüsschen, das mit dem Boot ich befuhr …
So sang sie in der Dunkelheit.
Über Elisabeth Waters und ›Passende Begleitung‹
Als ich die Herausgabe der Darkover-Anthologien in Angriff nahm, fiel mir auf, dass mehr als die Hälfte aller mir zugesandten Erzählungen in eine Kategorie gehörten, die ich Thema A nennen möchte: Eine Frau (allzu regelmäßig eine Freie Amazone) gibt für einen Mann, den sie liebt und dem sie vertraut, ihre Freiheit auf.
Von den nicht in diese Kategorie gehörenden Geschichten kann wiederum die Hälfte Thema B zugeordnet werden: Dyan Ardais trifft auf eine Frau, die er liebt und der er vertraut. Als dies ein paar Jahre so gegangen war, drohte meine Sekretärin Lisa mir an, eines Tages eine Geschichte zum Thema A/B zu schreiben: »Freie Amazone begegnet Dyan Ardais.« In diesem Jahr hat sie es endlich getan, doch bevor alle Welt aufschreit, möchte ich darauf hinweisen, dass dies der chronologisch erste Kurzgeschichtenauftritt Dyan Ardais’ ist: als zehnjähriger Knabe.
In den Kurzgeschichten, die seine ›inoffiziellen Abenteuer‹
schildern, ist Dyan eine so beständige Figur, dass ich einen Roman begonnen habe, in dem er als eine der Hauptfiguren auftritt. (Bisher taucht er nur als Nebendarsteller in Hasturs Erbe und Sharras Exil und als ›Erscheinung‹ in Die blutige Sonne auf.) Der Hintergrund des Romans wird sich wahrscheinlich mit den Ereignissen der Rebellion befassen, bei der Rafael Hastur ums Leben kam. Er läuft momentan unter dem Arbeitstitel Contraband.
Doch zuvor muss ich zwei andere Darkover-Romane beenden: Rediscovery, in dem Elizabeth Lorne und die sehr junge Leonie Hastur die tragenden Rollen spielen, und das dritte Regis-Hastur-Buch, dessen Arbeitstitel Return to Darkover lautet. Beide existieren in unvollendeter Form in meinen Ablagekörbchen und benötigen noch ein wenig Überarbeitung.
Elisabeth hat sich inzwischen als Romanautorin einen eigenen Platz erobert. Sie hat einen Roman mit dem Arbeitstitel Changing Fate geschrieben: Ihre Heldin debütierte in Windschwesterin der Erzählung ›Das Vorrecht einer Frau‹. Der Roman wurde 1989 mit dem Gryphon Award ausgezeichnet, den die Autorin Andre Norton stiftet. Außerdem wird mein amerikanischer Verlag ihn vermutlich in zwei Jahren publizieren, nachdem Lisa ihn noch einmal überarbeitet hat. Sie wäre nicht die erste Autorin, die aus meinen Anthologien ›aufsteigt‹: Mercedes Lackey, Diana Paxson und Jennifer Roberson haben es ebenso getan. (Wo kriege ich dann eigentlich eine neue Sekretärin her?) Doch ich ermutige Lisa weiterhin, eigene Themen zu bearbeiten. Was werde ich wohl lesen, wenn ich neunzig bin - und Lisa noch ein junger Hüpfer von siebzig? - MZB
Passende Begleitung
von Elisabeth Waters
Linnea n’ha Marilla saß unter dem geringschätzigen Blick des Portiers still im Torhaus von Nevarsin. Sie fragte sich, ob der Mönch nur Entsagende nicht leiden konnte oder Frauen im Allgemeinen.
Seit sie hier wartete, war die Sonne ein beträchtliches Stück nach Westen gezogen. Sie hoffte, dass der Abt inzwischen wenigstens die Botschaft kannte, die sie in großer Eile von Ardais hierher gebracht hatte.
Lady Rohana von Ardais hatte Linnea ausgesandt, um ihren Enkel Dyan Ardais von seinen Studien in Nevarsin nach Hause zu holen, denn sie wollte sich von ihm verabschieden, bevor sie starb. Und mit ihrem Ableben rechnete man innerhalb der nächsten zehn Tage.
Linnea war von Ardais aus drei Tage unterwegs gewesen. Sie hatte eine unkonventionelle Route eingeschlagen und wollte den Jungen schnell mitnehmen, um die Rückreise anzutreten, bevor es dunkel wurde und der drohende Schneesturm sie überraschte.
Sandalenschritte scharrten über den Steinweg, dann trat ein gebückter weißhaariger Mönch ein.
»Seid Ihr Domna Rohanas Kurier?«, fragte er freundlich. Linnea nickte.
»Ich bin Bruder Harrel, der Gästemeister«, fuhr der Mönch fort.
»Verzeiht mir, dass ich Euch nicht habe früher willkommen heißen können. Ich habe gerade erst erfahren, dass Ihr hier seid. Wenn Ihr mitkommen wollt, organisiere ich Euch etwas zu essen und ein Bett für die Nacht.«
»Das ist sehr freundlich von Euch, Bruder«, erwiderte Linnea und bemühte sich, ebenso herzlich zu klingen. »Aber ich fürchte, man hat Euch nicht über die Dringlichkeit meines Auftrags informiert.
Mit Lady Rohanas Gesundheit geht es drastisch bergab. Dyan und ich müssen so schnell wie möglich zurückkehren. Ich hatte gehofft«, fügte sie hinzu, »dass er inzwischen fertig wäre. Er hat doch bestimmt nicht sehr viel zu packen.«
Bruder Harrel schaute betrübt drein. »Aber in weniger als drei Stunden ist es dunkel, Mestra! Man kann doch einen Knaben dieses Alters so spät am Abend nicht mehr auf Reisen schicken. Offenbar ist Euch nicht bewusst, dass es heute Abend schneien wird.«
»Ich weiß durchaus, dass es heute Abend schneit, Bruder«, sagte Linnea grimmig. »Das ist ja auch der Grund, warum ich sofort aufbrechen will. Ich bin nicht fern von hier geboren worden; deswegen erkenne ich die Zeichen eines Sturms, der den Pass zweifellos für die nächsten drei Tage blockieren wird. Doch so viel Zeit haben wir nicht mehr. Wir müssen sofort aufbrechen.«
Da Bruder Harrel sie unschlüssig musterte, sagte sie: »Lady Rohanas Befehl lautet: Bringt Dyan mit größtmöglicher Geschwindigkeit zu mir.«
Bruder Harrel schaute noch unglücklicher drein. »Ich werde mit dem Pater Abt darüber sprechen«, sagte er und eilte davon, um das Problem dieser sturen Frau einem anderen aufzubürden.
»Ich habe keine Vorstellung davon, was der Vater des Jungen sich dabei denkt«, brummte der Portier halblaut. »Kann er nicht mal eine passende Begleitung für ihn schicken?«
Linnea ignorierte den Mann und unterdrückte den Impuls zu antworten, dass der einzige Dom Kyril beherrschende Gedanke die nächste Flasche Wein war. Hoffentlich war Dyan seinem Vater nicht allzu ähnlich. Falls doch, würde er sich als äußerst unerfreulicher Reisegefährte erweisen.
Bruder Harrel war offenbar den ganzen Weg zum Büro des Abtes gelaufen, denn nach überraschend kurzer Zeit vernahm Linnea seine Stimme in der Halle, die seinem Vorgesetzten protestierend mitteilte, dass es Wahnsinn sei, bei diesem Wetter eine Reise zu unternehmen. Die beiden Männer betraten das Torhaus zusammen.
Der Abt hielt Lady Rohanas schriftlichen Befehl in der Hand.
Obwohl er nicht glücklicher aussah als Bruder Harrel, wirkte er nicht bereit, ihn ohne weitere Diskussion abschlägig zu behandeln.
»Mestra«, sagte er mit einem kurzen höflichen Nicken. »Ist es wirklich nötig? Könnt Ihr nicht warten, bis der Sturm vorbei ist?«
Linnea schüttelte den Kopf. Sie war persönlich bei Lady Rohana gewesen, als diese den Befehl aufgesetzt hatte. Sie betete darum, dass die Frau überhaupt noch lebte. Ihre Anweisungen waren klar, und sie war entschlossen, diese auch zu befolgen.
»Die Herrin von Ardais hat nach Fürst Dyan geschickt und wünscht, dass er sich umgehend in Marsch setzt. Wenn wir drei oder vier Tage hier verbringen und warten, bis der Schneesturm vorbei ist, deckt sich dies nicht mit meiner Definition von umgehend.
Und je länger Ihr unsere Abreise verzögert, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir irgendwo auf dem Pass stecken bleiben. Ich bitte nicht um Euren Segen, Pater.
Ich muss einen Auftrag erledigen und habe die Absicht, ihn zu erfüllen. Mit oder ohne Euren Segen!«
»Und wenn die Herrin von Ardais nach mir schickt, ist es meine Pflicht, ihren Ruf zu befolgen.«
Linnea zuckte zusammen. Sie hatte den Knaben nicht durch den Torbogen kommen sehen. Anhand seiner Redeweise musste er Fürst Ardais sein, allerdings hatte er keine Ähnlichkeit mit dem Rest seiner Familie. Er glich nicht mal den meisten Comyn. Statt des in seiner Kaste üblichen roten Haars war sein Schopf dunkel. Seine Augen waren grau, und er war zierlich von Gestalt. Linnea wusste zwar, dass er zehn Jahre alt war, aber er kam ihr jünger vor, wenn man von der gelassen-kühlen Aura des geborenen Edelmannes einmal absah.
»Dyan, mein Junge«, sagte der Abt, »wir wissen dein Verlangen, deiner Großmutter in ihrer Krankheit beizustehen, zwar alle zu schätzen, aber du musst nicht unbedingt in den Schneesturm hinausrennen, der im Anmarsch ist.« Er deutete zum Fenster hinaus, das jetzt nur noch einen bedeckten Himmel zeigte, an dem die Position der Sonne kaum noch zu erkennen war. »Außerdem hast du nur eine einzelne Frau als Begleitung. Sobald der Sturm vorbei ist, können wir dir eine passende Eskorte aus Laienbrüdern und Wachen mitgeben.«
Dyan schaute den Abt mit ausdrucksloser Miene an. »Domna Rohana ist seit Monaten krank, Pater Abt«, sagte er freundlich.
»Wenn sie nun in aller Eile nach mir schickt, liegt sie im Sterben. Ich werde mit der Begleitung, die sie ausgewählt hat, sofort aufbrechen.«
Hinter Dyan tauchte ein anderer Knabe auf. Er hatte das rote Haar der Comyn und schleppte zwei Satteltaschen.
»Du solltest dich um diese Stunde mit deinen Studien beschäftigen, Kennard«, tadelte der Abt.
»Ja, Pater«, sagte der Knabe demütig. Er reichte seinem Freund die Satteltaschen und umarmte ihn. »Gute Reise, Bredu.« Dyan erwiderte wortlos die Umarmung, und Kennard verschwand wieder.
Der Abt seufzte. »Wenn der Sturm, wie Ihr gesagt habt, Euch im Nacken sitzt, Mestra, solltet Ihr am besten sofort aufbrechen. Und wenn Ihr entschlossen seid, mit oder ohne meinen Segen zu gehen, so geht lieber mit ihm.« Er legte seine Hand zuerst auf Dyans Kopf, dann auf den Linneas. »Möge der Heilige Lastenträger Euch auf Eurer Reise segnen und stärken.«
»Danke, Pater«, sagte Linnea formell. Dann wandte sie sich zu dem Knaben um. »Wenn Ihr fertig seid, Fürst Dyan … Die Chervines warten auf dem Hof.«
Der Junge nickte kurz, schulterte die Satteltaschen und verließ den Raum.
Sie saßen auf und ritten so schnell sie konnten über den Pass, doch der Boden war schon mit einer dicken Schneeschicht bedeckt, die den Weg blockierte, als sie ihn hinter sich gebracht hatten.
»Verfügt Ihr über Laran, Mestra?«, fragte Dyan jäh, als sie auf der anderen Seite des Passes abwärts ritten. Es war der erste Satz, den er mit ihr sprach, und Linnea wurde plötzlich bewusst, dass er wahrscheinlich nicht mal ihren Namen kannte - in der Eile ihres Aufbruchs war sie nicht dazu gekommen, sich ihm ordentlich vorzustellen.
»Ich heiße Linnea, Fürst Dyan«, sagte sie, »und wenn Ihr mögt, könnt Ihr mich auch so ansprechen. Nein, ich habe kein Laran. Wie kommt Ihr darauf?«
Dyan schaute leicht verlegen drein. Es gefiel ihm offenbar nicht, sich geirrt zu haben. »Ihr habt dem Pater Abt gesagt, der Pass wäre blockiert. Er hat es Euch geglaubt - und Ihr hattet Recht.«
»Das stimmt«, sagte Linnea und empfand ein irrationales Bedürfnis, die Gefühle des Knaben zu schonen und ihm zu helfen, seine Würde zu bewahren - als brauche dieser selbstbeherrschte kleine Comyn-Fürst überhaupt Hilfe in dieser Richtung. »Ich kann mir zwar vorstellen, dass Weitsicht dieser Art den Eindruck von Laran hervorrufen kann, aber in Wahrheit basiert meine Kenntnis auf der jahrelangen Beobachtung des Wetters in dieser Gegend. Ich bin hier aufgewachsen, und wenn der Himmel eine bestimmte Farbe annimmt, kann ich voraussagen, dass ein Sturm im Anmarsch ist und wann er hier ankommt. Und der Pater Abt ist zweifellos schon so lange in Nevarsin, dass er einige dieser Anzeichen von selbst erkennt. Deswegen hat er sich auf mein Wort verlassen.«
Dyan lächelte matt. »Außerdem«, sagte er dann, »wärt Ihr, wenn Ihr Laran hättet, keine Entsagende. Dann hättet Ihr stattdessen in einen Turm gehen können.«
»Meint Ihr, damit mir dort der gleiche Schutz vor den Männern in meinem Leben gewährt wird?«, fragte Linnea ironisch.
»Ihr bräuchtet gar keinen Schutz vor den Männern in Eurem Leben«, sagte Dyan steif. »Sie sind doch dazu da, Euch zu beschützen.«
Es wäre sicher grausam, dachte Linnea, in diesem Zusammenhang Dyans Vater zu erwähnen, aber allmählich entwickelte sie ein lebhaftes Interesse an den Gedankengängen des Knaben. Und da sie ohnehin während der Reise mehrere Tage miteinander verbringen würden, war es vielleicht wichtig, wenn sie erfuhr, wie weit sie ihm vertrauen konnte. Deswegen beschränkte sie ihre Antwort auf ein einfaches »Wieso?«
»Weil Männer stärker sind als Frauen.«
»Und Ihr seid der Meinung, dass es die Pflicht der Starken ist, die Schwachen zu beschützen?«
»Natürlich«, erwiderte Dyan sachlich. »Wozu nützt einem Kraft, wenn man sie nicht einsetzt?«
»Es soll aber einige Menschen geben, die der Meinung sind, dass ihre Kraft nur dazu da ist, sich das zu holen, was sie haben wollen«, sagte Linnea.
»Nein.« Dyan schüttelte trotzig den Kopf. »Ich bin zwar kein Cristoforo, aber mir ist aufgefallen, dass Kraft und Bürden zueinander gehören. Wenn man seine Kraft ausschließlich für ichbezogene Genugtuung verschwendet, statt jene Aufgaben zu erledigen, die einem seine Stellung im Leben auferlegt, wird man im besten Fall ein bemitleidenswertes Objekt, wenn nicht gar ein gering geschätztes.«
Allem Anschein nach, dachte Linnea, denkt er an seinen Vater, aber er könnte ebenso gut den meinen beschreiben. Tja, wenigstens wirkt er nicht so, als würde er den Geschmack und die Schwächen seines Vaters teilen, und er beschwert sich auch nicht über den Weg oder das Tempo, das wir vorlegen. Trotzdem glaube ich, ist es angebracht, dass wir über Nacht eine Rast einlegen.
In den nächsten eineinhalb Tag kamen sie gut voran. Die Reise blieb ereignislos, bis sie an die Brücke kamen, welche über die Kluft etwa eine halbe Meile von Burg Ardais entfernt führte. Denn dort endete ihr Glück. Die Brücke war verschwunden und offenbar unter zu viel Gewicht zusammengebrochen.
Linnea zerbiss einen Fluch zwischen den Lippen. Nicht deswegen, weil sie glaubte, Dyan kenne ihn nicht, sondern weil sie Skrupel hatte, junge und angeblich unschuldige Menschen zu verderben.
Dyan musterte die Kluft mit finsterer Miene. »Die verflixte Brücke bricht zweimal im Jahr zusammen«, knurrte er. »Aber muss es ausgerechnet heute sein?«
Er saß schweigend einige Minuten lang auf seinem Chervine, kaute auf seiner Unterlippe und wirkte blass. Dann seufzte er. »Habt Ihr Höhenangst, Mestra?«, fragte er.
Linnea, drauf und dran, ihm eine schnippische Antwort über den Widerspruch zu geben, in den Bergen zu leben und sich vor Höhen zu fürchten, warf einen zweiten Blick auf sein Gesicht. Höhen machten ihr zwar nicht viel aus, aber sie hatte den starken Verdacht, dass man von ihrem Gefährten nicht das Gleiche behaupten konnte.
»Wenn es sein muss, werde ich damit fertig«, erwiderte sie.
»Warum? Kennt Ihr eine andere Möglichkeit, die Kluft zu umgehen?«
»Dort drüben, ein Stückchen weiter rauf, liegt ein alter umgestürzter Baum.« Dyan deutete nach rechts. »Die Kinder des Pächters gehen über ihn nach drüben - als Mutprobe.« Seine Stimmlage deutete an, dass er dies nicht für einen Sport hielt, an dem er bereitwillig teilnahm.
»Tja, wir können ihn uns ja mal anschauen«, sagte Linnea. »Auch wenn niemand garantiert, dass er noch dort ist. Aber falls doch, könnte er uns mehrere Stunden Zeit sparen. Die nächste Brücke über die Kluft liegt mindestens zwei Meilen bergab, nicht wahr?«
»Ja«, bestätigte Dyan. Er wendete sein Chervine und ritt bergauf.
»Und wenn wir über den Baumstamm rüberkommen, sind wir gleich hinter der Burg. Er ist kein großes militärisches Risiko. Er kann einen Erwachsenen gerade so tragen, aber niemanden, der eine Rüstung trägt.« Der Junge musterte seine Begleiterin abschätzend.
»Wie gut, dass Ihr klein seid. Wir lassen die Chervines und das Gepäck auf dieser Seite stehen. Wenn wir rüberkommen, kann das Personal sich um die Tiere kümmern.«
Sie erreichten den Baumstamm, und Linnea beäugte ihn argwöhnisch. Er durchmaß etwa eine Elle und wirkte ziemlich stabil, doch die Oberseite war schneebedeckt, und darunter konnte sich Fäulnis ausgebreitet haben. Sie fragte sich, ob sie Dyan an sich binden sollte und entschied sich dagegen - sie wollte ihn nicht mit in die Tiefe reißen, wenn der Baum unter ihr nachgab. Sie wog bestimmt dreißig Pfund mehr als das Kind.
»Ihr solltet zuerst gehen, Fürst Dyan«, sagte sie. »Ihr seid leichter, deswegen ist die Chance größer, dass Ihr es schafft. Ich gehe natürlich davon aus«, fügte sie mit einem gezwungenen Lächeln hinzu, »dass Ihr ein Suchkommando schickt, falls ich in den Abgrund stürze.«
Dyans Antwortlächeln war noch gezwungener als das ihre, und seine Haut hatte eine deutlich gräuliche Färbung angenommen.
»Vergesst nicht«, sagte Linnea beruhigend, »dass wir keine Kinder sind, die sich beweisen wollen, wer waghalsiger ist. Stil und Eleganz zählen nicht. Das Ziel besteht darin, die andere Seite heil zu erreichen. Ich werde mich auf den Stamm setzen und über ihn hinwegkriechen. Auch wenn es vielleicht albern aussieht - aber so sind die Chancen größer, dass man nicht heruntergeweht wird oder das Gleichgewicht verliert.«
Dyan dachte über ihre Vorgehensweise nach, und seine Gesichtsfarbe wurde wieder normal. »Wir werden dabei natürlich nass«, sagte er, »aber bis zur Burg und trockenen Kleidern sind es nur ein paar Minuten Fußweg.« Er band sich die Enden seines Umhangs um die Taille, nahm breitbeinig auf dem Stamm Platz und robbte darüber hinweg. Dabei entfernte er gleichzeitig eine große Menge Schnee.
»Er scheint recht fest zu sein«, rief er von der anderen Seite herüber. »Ihr könnt jetzt kommen!«
Linnea zog ihre Jacke unter dem Gürtel etwas höher und kroch ebenfalls über den Stamm. Als sie die Hälfte der Strecke überwunden hatte, rutschte ihre Jacke herunter. Der Stoff blieb an etwas hängen, das sich genau hinter ihrer rechten Hüfte befand und hielt sie fest. Als die junge Frau sich drehte, um sich loszumachen, wäre sie beinahe in den Abgrund gestürzt.
»Was ist?«, rief Dyan von der anderen Seite herüber.
»Meine verfluchte Jacke hängt irgendwo fest«, sagte Linnea und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Geht schon mal zur Burg und schickt jemanden, der mich losmacht.«
»Etwa einen großen, schweren Erwachsenen?«, fragte Dyan skeptisch. Er holte tief Luft, dann robbte er mit entschlossener Miene zu ihr zurück. Kurz darauf saß er praktisch auf ihrem Schoß. »Presst Eure Unterschenkel an den Baum und haltet Euch an meiner Taille fest«, befahl er. »Wenn Ihr Euch an mich klammert, kann ich vielleicht dorthin greifen, wo die Jacke festhängt.«
Linnea presste die Beine fest an den Stamm und klammerte sich an Dyans zappelnden Körper, damit sie nicht abstürzten. Nach einer äußerst unbehaglichen Weile vernahm sie das Ratschen zerreißenden Stoffes und war frei. Dyan rutschte in eine stabile Position zurück und sagte vorsichtig: »Ich glaube, Ihr könnt mich jetzt loslassen.«
Linnea gab ihn vorsichtig frei, und der Junge kroch rückwärts zur anderen Seite der Kluft. Sobald er drüben war, folgte Linnea ihm langsam und achtete genau darauf, dass sie sich nicht noch einmal irgendwo verfing.
Als sie sich wieder auf festem Boden befand, klopfte sie den Schnee aus den Kleidern und prüfte den Schaden an ihrer Jacke.
Zum Glück war es nur ein Riss im Saum. »Welch ein Glück, dass ich keine langen Röcke trage«, sagte sie mit einem nervösen Lachen.
Dyan fing an zu kichern. »Und wie gut, dass ich keine ›passende Begleitung‹ bei mir hatte … Könnt Ihr Euch vorstellen, wie eine Eskorte über den Baumstamm rutscht und sich dabei bemüht, ihr Banner im vorschriftsmäßigen Winkel zu halten?«
Bei dieser Vorstellung prusteten beide vor Lachen.
»Kommt mit«, sagte Linnea, sobald sie wieder sprechen konnte.
»Wir gehen lieber hinein und ziehen etwas Trockenes an. Außerdem muss sich jemand um die Chervines kümmern.«
»Folgt mir«, sagte Dyan. »Es geht hier entlang.« Nach ein paar Schritten blieb er stehen und schaute sich nach ihr um. »Wenn ich nach Nevarsin zurückkehre, Linnea, werdet Ihr mich dann begleiten?«
»Mit Freuden, Fürst Dyan«, erwiderte die Frau. »Ihr seid wirklich ein guter Reisegefährte.«
Über Lynne Armstrong-Jones und ›Lektion im
Vorgebirge‹
Lynne Armstrong-Jones beweist höchstpersönlich, was ich immer über das Schreiben sage: Es besteht zu 10% aus Inspiration und zu etwa 90% aus Schweiß und Ausdauer. Manchmal muss man einen Herausgeber einfach fertig machen, indem man ihn mit Kurzgeschichten bombardiert, bis er es leid ist, einem mit Absagen zu antworten. Als ich mit der Zeitschrift begann, die sich Marion Zimmer Bradley’s Fantasy Magazine nennt, erhielt ich eine Zeit lang mit jeder Post eine Erzählung von Miss Armstrong-Jones (jedenfalls kam es mir so vor). Irgendwann war ich es wirklich leid, sie immer wieder zurückzuschicken. Glücklicherweise brauchte ich es nach einer Weile auch nicht mehr zu tun.
Lynne lebt im kanadischen Ontario und ist ›zum Glück arbeitslos‹.
Zum Glück deswegen, weil ihre finanzielle Lage ›die Gefahrenzone noch nicht erreicht hat‹ und ihr das Zeit zum Schreiben lässt. Tja, so geht es manchmal auch.
Einige ihrer Geschichten sind in Marion Zimmer Bradley’s Fantasy Magazine, Sword and Sorceress VI und VII sowie die Domänen erschienen. Außerdem hat sie in Weird Tales und verschiedenen Fan-Publikationen veröffentlicht. Sie ist ›Mutter eines vierjährigen Sohnes, dessen Vorstellungskraft und Fähigkeit zum Phantasieren intakt erscheinen‹. Wie die Mutter, so der Sohn, würden wir sagen. -
MZB
Lektion im Vorgebirge
von Lynne Armstrong-Jones
Jenna gab vor, die Fakten und Zahlen der Einnahmen und Ausgaben des Monats zu überprüfen. In Wirklichkeit jedoch war ihr Blick wieder mal zu Kali, Dorel und Gwynnis hinüber geschweift, die sich darauf vorbereiteten, in die Berge zu gehen.
Ein neuer Auftrag.
Wie aufregend musste es sein, als Söldnerin, Bergführerin oder etwas Ähnliches zu arbeiten!
Jenna seufzte und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Arbeit. Immerhin nahm sie ebenfalls eine hochwichtige Funktion im Gildenhaus ein. Wie übrigens auch alle anderen. Man musste sich nur mal vorstellen, wie das Leben wohl ohne Saris’ köstliches Backwerk aussähe!
Innerlich wusste Jenna, dass alle anderen von ihrer präzisen und detaillierten Buchhalterkunst abhängig waren, denn sie vermied, dass sich bei ihnen Schulden ansammelten. Trotzdem fragte sie sich manchmal, wie es wohl wäre, wenn …
Sie kicherte. Dann tadelte sie sich. Was brachte es schon, auch nur davon zu träumen? Ein winziges Persönchen wie sie, die eher einem kleinen Jungen glich statt einer Frau! Die Entsagenden, die
›körperliche Arbeit‹ verrichteten, waren alle groß und kräftig. Und sehr stark.
Ich sollte mit meinem Los zufrieden sein, redete Jenna sich ein.
Als sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandte, runzelte sie wie üblich die Stirn. Sie kam jedoch nicht weit, denn ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Als die junge Frau versuchte, sich zu konzentrieren, runzelte ihre Stirn sich noch mehr, und sie fragte sich, warum Saris nicht auf das Klopfen reagierte. Dann fiel ihr ein, dass sie ja zum Einkaufen hinausgegangen war.
Jenna schob den Stuhl mit einem Seufzer vom Tisch zurück, fuhr sich mit der Hand über das kurze, schwarze Haar und eilte zur Haustür.
»Ja?«
Sie hatte die Frau zwar schon mal in der Ortschaft gesehen, aber sie kannte ihren Namen nicht. Beurteilte man sie nach dem feinen, seidigen Stoff ihres Gewandes, schien sie einer Familie anzugehören, deren Geschäfte gut gingen. Aber sie war zweifellos völlig aufgelöst.
»Ach, bitte«, stieß die Frau hervor, »Ihr müsst mir helfen!« Ihre blauen Augen waren voller Tränen. »Es geht … um meine Tochter Innana. Sie ist weg! Jemand hat sie im Vorgebirge herumklettern sehen! Ihr kennt Euch doch in dieser Gegend aus … Ihr müsst sie für mich suchen! Dort oben nisten doch bestimmt Banshees! Bitte, bitte!«
So sehr Jenna sich auch bemühte, der Frau zu erklären, dass sie keine Bergführerin war - am Betteln und Schluchzen der Fremden änderte sich nichts.
Was soll ich nur tun? dachte Jenna. Diesmal hinterließ ihr Stirnrunzeln tiefe Falten zwischen ihren braunen Augen. Ich kann der armen Frau sagen, dass die Führerinnen fort sind und ihr die Tür vor der Nase zuschlagen - oder ihr allein helfen.
Sie seufzte und spürte, dass es ihr vor Angst kalt den Rücken hinablief. Dennoch sattelte sie das kleine Pony und packte Verbandszeug, Wasser und ein Seil ein. Dann griff sie noch einmal nach ihrem Messer, um sich zu vergewissern, dass es am Gürtel hing.
Sie schwang sich auf das kleine Reittier und schaute die Mutter noch einmal an. »Ich werde tun, was in meiner Macht steht.« Mehr konnte sie nicht sagen.
Es war zwar Frühling, aber ein Hauch von Winterkälte schien noch in der Luft zu liegen. In den Hügeln, die dem Gebirge vorgelagert waren, war es dunstig. Von irgendwoher ertönte der entsetzliche Schrei eines Banshee, und Jenna bemerkte, dass sie sich schon wieder schüttelte. Es lag aber nicht an der kühlen Temperatur.
Sie band das Pony in einer geschützten Ecke an, sicherte das Seil an ihrem Gürtel und schaute sich um. Von hier oben hatte sie stets einen Großteil des umliegenden Geländes und die Tiefen der Schlucht überschauen können.
Was soll ich bloß machen, wenn das arme Kind tot auf dem Grund der Klamm liegt?, fragte sie sich. Dann schalt sie sich aus. Es war wohl besser, wenn sie nachdachte statt sich Sorgen zu machen.
Jenna erblickte einen Felsvorsprung. Als sie ihn gerade besteigen wollte, um nach einem passenden Aussichtspunkt zu suchen, hielt sie inne und schnappte entsetzt nach Luft …
Ein Banshee-Nest! Gleich hinter dem aufragenden Felsvorsprung.
Die junge Frau konnte es zwar von hier aus nicht sehen, aber sie vernahm die Laute des schrecklichen Geschöpfs und hörte das Grunzen seiner Jungen. Schon ihre Lautstärke hörte sich abscheulich an.
Jenna wich langsam wieder auf sicheres Gelände zurück und dankte der Göttin, dass diese sie mit einem guten Gehör versehen hatte. Sie wollte es an einer anderen Stelle versuchen - und hoffte, dass sie dort nicht auch auf eins dieser Geschöpfe stieß.
Vorsichtig und leise begab sich die junge Frau an den Rand einer anderen Stelle der Schlucht - und stürzte bei einem erneuten Geräusch beinahe in den Abgrund.
Nein, diesmal war es kein Banshee. Aber etwas nicht weniger Gefährliches.
Ein Katzenmensch! Sie kannte das Fauchen. Mit dem Messer in der Hand fuhr sie herum.
Was kann mir diese kleine Waffe schon gegen ein so großes Ungeheuer nützen!, dachte sie verzweifelt.
Das Lebewesen strolchte am Waldrand herum, und als es Jenna anschaute, reflektierten seine Reißzähne die Sonne. Es war ein riesiges, Furcht einflößendes Exemplar, und seine Schnurrhaare sträubten sich, als es erneut knurrte.
»Ich bin kein Gegner für dich«, sagte die junge Frau leise, während ihr Herz heftig in ihrem flachen Brustkorb klopfte. Bei Zandrus Höllen! Warum bin ich nicht so groß und stark wie meine Schwestern?
Aber nein … Auch ich habe etwas aufzuweisen. Alle sagen, ich bin nicht auf den Kopf gefallen. Mehr habe ich allerdings nicht. Es wird Zeit, dass ich meinen Verstand einsetze!
Das bösartige Geschöpf beäugte Jenna noch immer. Es knurrte leise und schien auf eine Reaktion zu warten.
Die Frau wandte sich um und trat vom Rand der Schlucht zurück.
Sie ging weiter, bis ihr Rücken genau in die Richtung zeigte, aus der sie ursprünglich gekommen war. Und sie lief immer weiter …
Das Katzenwesen folgte ihr und nahm ihr Tempo auf. Schließlich drehte Jenna sich um, rannte los und betete darum, dass ihre Berechnungen stimmten. Mit der Katze auf den Fersen hastete sie über den Felsvorsprung, erreichte dessen Ende, sank schnell in die Knie, glitt behutsam über den Rand und klammerte sich an die felsige Unterseite.
Genau hinter ihr, doch zu schnell, um anhalten zu können, kam das Untier angeschossen. Jenna empfand Dankbarkeit, dass sie es von ihrem Aussichtspunkt aus nicht sah. Es reichte ihr schon, die Katze zu hören, als sie genau hinter dem Ende des Felsvorsprungs dem riesigen, klaffenden Schnabel entgegenfiel …
Die Laute waren abscheulich, als die Banshee-Mutter freudig kreischte und die Katze in Fetzen riss, um ihre hungrigen Nachkommen zu füttern.
Jenna, die sich wieder auf den Felsvorsprung hinaufgeschwungen hatte, war dankbar für die Ablenkung. Zwar wusste sie, dass die Banshees nun eine Weile beschäftigt waren, doch das Schmatzen und der widerliche Geruch der blutigen Mahlzeit waren für sie Anreiz genug, vorsichtig und leise aus dieser Umgebung fortzukriechen. Als sie an den Rand des Abgrundes kam, machte sie eine neue Entdeckung.
Das Mädchen! Da war ja die Kleine. Genau links unterhalb des Vorsprungs hockte sie auf einem kleinen Sims.
Da hat sie aber Glück gehabt, dachte Jenna, dass der Wind nicht in ihrem Rücken steht und dem Banshee ihren Standort verrät.
Sie knotete eine Schlinge ins Seil und ließ es zu dem Kind hinab.
Das Mädchen schlang es sich nach Jennas Anweisungen um den Körper, ohne den Blick von den noch immer schmatzenden Banshees abzuwenden, denn man konnte ja nie wissen. Schließlich war das Kind Jenna so nahe, dass sie es ergreifen und zu sich hinaufziehen konnte. Zusammen krochen sie auf den Rand der Schlucht …
Dann jagten sie so schnell sie konnten auf dem Rücken des kleinen Ponys nach Hause zurück.
Jenna zählte die bunten Münzen noch einmal. Sie konnte die Höhe des Betrags noch immer nicht fassen. Sie war so in den Umsatzzahlen - ihren Umsatzzahlen - des Hauptbuches versunken, dass sie es nicht einmal hörte, als Kali nach Hause kam.
Beim Klang von Kalis Stimme schaute sie auf. Doch diesmal bewunderte sie die hoch gewachsene, muskulöse Gestalt der brünetten Frau nicht.
»Hast du heute irgendwas Aufregendes erlebt, Jenna?«, fragte Kali mit einem Grinsen.
»Kaum«, kam die übliche Antwort, und Jenna wandte sich wieder ihrer Buchhaltung zu.
Obwohl sie auch diesmal konzentriert war, hatte ein kleines, doch zufriedenes Lächeln ihr übliches Stirnrunzeln ersetzt.
Über Emily Alward und ›Sommermarkt‹
Emily Alward, in West Lafayette, Indiana - ›der Heimstatt der Purdue University‹ - geboren und aufgewachsen, meint:
»Möglicherweise hat die dort herrschende naturwissenschaftlich-technische Atmosphäre schon in frühem Alter auf mich eingewirkt, denn ich mag Science Fiction, solange ich denken kann.«
Über sich selbst sagt sie, dass sie zwei Töchter und zwei kleine Enkel hat, die beide »zu meiner Freude verlangen, dass in ihren Lieblingsgeschichten Magier, Drachen und Zauberschwerter vorkommen.«
(Ich schätze, irgendwann muss ich mal eine Geschichte über den letzten Drachen Darkovers schreiben.)
Emily Alward hat bisher eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die in einer Science-Fiction-Welt spielt; außerdem wurden eine ganze Reihe ihrer Erzählungen in verschiedenen Fan-Zeitschriften abgedruckt. Sie stellt, wie ihre Heldin Maura, Stofftiere her, die sie auf SF-Tagungen und Handwerksmessen verkauft. Und wie die meisten Autoren hat sie sich in einer Reihe merkwürdiger Berufe umgetan: Sie war Sekretärin, Korrektorin, Kindermädchen usw.
Gegenwärtig arbeitet sie als Bibliothekarin. Das ist so das Übliche. -
MZB
Sommermarkt
von Emily Alward
An diesem Sommertag wärmte der Sonnenschein zwar das Pflastergestein der Handelsstadt, doch der Kummer ließ mein Herz erkalten.
Seit dem katastrophalen Jahr der Weltenzerstörer ging es nur noch abwärts. Die flauschigen Umhänge und drolligen handgenähten Tiere, die mir in besseren Zeiten ein Einkommen beschert hatten, verkauften sich nicht mehr. Selbst die Hali’imyn hatten zu sehr damit zu tun, ihre Felder und Wälder neu anzupflanzen, um Geld für Luxusgüter auszugeben. Zwar bewohnte ich noch meine gemütliche kleine Hütte, aber nur die Göttin wusste, wie ich die Miete für den nächsten Monat auftreiben sollte. Ich hatte finstere Vorahnungen hinsichtlich der Zukunft der Kräutertöpfe auf der Fensterbank. Falls ich wieder ins Gildenhaus ziehen musste, konnte ich die Hunde nicht mitnehmen. Die Schwestern hätten vielleicht erlaubt, dass sich einer auf dem Hof vor der Küche herumtrieb, aber bestimmt nicht alle drei. Wie hätte ich je die beiden aussuchen sollen, die ich abgeben musste?
An diesem Sommernachmittag hatte ich noch mit einer anderen -
schlimmeren - Bedrohung zu kämpfen.
Kind meines Herzens, Tochter meines Körpers, wie kann ich dich ohne Geld retten?
Ich hatte gehört, die Terraner würden meine Waren schon kaufen, da sie ständig handgefertigte ›Andenken‹ suchten, um zu zeigen, auf wie vielen Welten sie schon gewesen waren. Also bezahlte ich eine hohe Standgebühr und stellte auf einer Verkaufsmesse aus, die Werbung für das einheimische Handwerk machen sollte. Meine Waren kamen bei den Terranern ziemlich gut an. Ein ständiger Strom von Menschen schob sich an meinem Stand vorbei, lobte die Qualität meiner Produkte und ging dann weiter. Nun ist Bewunderung zwar erfreulich, zahlt aber nicht die Pacht.
Zwei schlaksige Heranwachsende kamen zu mir und blödelten mit vieren meiner zierlichen Regenvögel herum. Ich biss die Zähne zusammen und machte gute Miene zum bösen Spiel. Es zahlt sich nicht aus, wenn man potenzielle Kunden vergrault. Schließlich gingen auch sie weiter, und ich bemühte mich, nicht in Panik zu verfallen. Der Tag neigte sich dem Ende entgegen, und ich hatte noch immer nichts verkauft.
»Wie ich sehe, stellt Ihr gern schöne Dinge her«, sagte plötzlich jemand.
»Ja.« Ich blickte in zwei waldgrüne Augen. Die Frau, die mich angesprochen hatte, war keine Terranerin, sondern eine Einheimische. Ihr sicheres Auftreten deutete an, dass sie von hoher Geburt war. Ihr rotblondes Haar wurde von einer Schmetterlingsspange zusammengehalten und fiel in einer weichen Lockenmähne herab. Das Gewand, das sie trug, zeigte das Violett des Himmels in der Morgendämmerung und umschmiegte in unnachahmlicher Eleganz ihren Körper. Obwohl ich sie so alt wie mich schätzte - mit neununddreißig waren wir beide nicht mehr jung -, war irgendetwas Glänzendes an ihr. Ein neidisches Frösteln über das leichte Dasein einer Vai Domna durchfuhr mich. Ich schüttelte es ab. Ich war leicht verlegen, weil sie mir so tief ins Herz geschaut hatte. »Ja, so ist es.«
»Ich auch.« Sie lächelte mich an. »Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich hier bleibe und mich ein wenig ausruhe?«
»Ihr seid natürlich willkommen, Vai Domna.« Ich hob die Schachtel mit dem Garn von meinem zweiten Hocker und gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, sie solle hinter den Tisch treten. Sie ließ sich mit einem leisen Seufzer nieder, der wie ein Echo der Erleichterung nach einer langen Reise klang.
»Bitte, bleibt so lange, wie es Euch beliebt«, fügte ich hinzu. Auch wenn sie von Adel war und Vorrechte genoss: Der Eid erforderte, dass ich jeder Frau, die um Hilfe bat, Beistand gewährte. Und diesen kleinen Beistand konnte ich ihr leicht gewähren.
Wieder blieb eine Gruppe von Leuten vor meinem Tisch stehen.
Ich musterte sie sehnsüchtig. Die Dame beobachtete mich. Als die Gruppe sich abwandte, ohne etwas zu kaufen, sagte sie: »Alle schauen nur, aber sie kaufen nichts. War es den ganzen Tag lang so?«
»Mehr oder weniger«, erwiderte ich verbittert.
»Ich weiß, dass die Lage in diesem Jahr schwierig war«, sagte sie.
»Ist es denn so wichtig, dass Ihr etwas verkauft?«
»Bei der Göttin, ja!«, sagte ich. Es zeugt zwar nicht von gutem Benehmen, Verzweiflung offen einzugestehen, aber inzwischen war es mir egal. Schließlich gehörte meine Zuhörerin dem Adelsstand an und war keine mit dem Kodex vertraute Handwerkskollegin. Mir stiegen Tränen in die Augen, aber ich unterdrückte sie.
Ich weiß noch immer nicht genau, wie es passierte, aber plötzlich fing ich an, ihr von meinen Sorgen zu berichten. Nicht von den kleinen Sorgen, nicht von den Kräutern auf dem Fensterbrett oder meiner Furcht, mein gemütliches bescheidenes Heim zu verlieren.
Ich erzählte ihr die Geschichte meiner Tochter. Carlinna war gut verheiratet - wenigstens glaubten dies die Menschen. Ich hingegen, die ich schon vor langer Zeit vorsichtig geworden war, was die Ehe und die Versprechungen der Männer anbetraf, hatte mich unglaubwürdig gemacht, als ich sie gebeten hatte, noch eine Weile auf die Armreifen zu verzichten. Sie hatte einen kleinen Adeligen geheiratet und war hoch ins Kilghard-Gebirge gezogen, wo die Katzenmenschen auf der Lauer lagen und das Wort eines Vai Dom Gesetz war. Dort hatte sie sechs Monate Glückseligkeit erlebt und anschließend einen Ausblick in die Hölle. Denn als Dom Felix’
Grund und Boden sich in Gift verwandelt hatte, hatte er angefangen, seine Gattin zu prügeln.
Nun war Carlinna schwanger, und er schlug sie immer öfter. Man hatte das Ungeborene untersucht und wusste, dass es ein Mädchen war. Dom Felix’ Zorn kannte jedoch keine Grenzen.
»Kann sie nicht irgendwo anders Obdach finden? Vielleicht bei Euren Schwestern?«, fragte die Besucherin sanft.
»Ach, so hoch im Gebirge gibt es keine Entsagenden«, fauchte ich.
»Niemand will sie aufnehmen. Alle fürchten den Zorn des Vai Dom.
Ich …« Ich biss mir auf die Lippe und kämpfte gegen das schlechte Gewissen an, das mir unberechtigterweise zu schaffen machte. Ich wusste, dass jeder Rettungsversuch meinerseits bisher fruchtlos geblieben war. Aber welche Ehre hat eine Mutter, die ihre eigene Tochter nicht beschützen kann? »Ich würde ja selbst gehen, aber ich bin kein Gegner für Dom Felix’ Friedensmänner. Außerdem kann sie in ihrem Zustand keinen langen Ritt ertragen. Das Kind wird bald da sein. Ihre Schwangerschaft war von Anfang an schwierig. Sie könnte niemals weit genug über die Gebirgspfade reiten, um die Ländereien ihres Gatten zu verlassen.«
»Ach so.« Die Frau warf einen Blick auf den von Menschen wimmelnden Platz. Sie trug ihre Gelassenheit wie einen Schleier vor sich her. Sie wirkte wie jemand, der jedes Problem lösen kann, das sich ihm stellt. Meine Machtlosigkeit beschämte mich. Ich fühlte mich genötigt, ihr zu zeigen, dass ich mein Bestes gab.
»Es gibt nur eine Möglichkeit. In ihrer Nähe befindet sich ein terranisches Lager. Die Terraner bohren dort Eisenstangen in den Boden. Sie fliegen in Maschinen hin und her, die wie große flatternde Vögel aussehen. Carlinna schickt mir mit ihrer Unterstützung Botschaften. Die Terraner sind bereit, sie in einem ihrer Vögel von dort wegzubringen, wenn ich … wenn ich für den Flug bezahlen kann. Ich habe versucht, mir etwas zu borgen, aber niemand, der etwas gespart hat, will es einer Frau geben, deren Zukunft so ungewiss ist wie die meine. Ich habe sogar daran gedacht, das Geld zu stehlen … Es ist mir kalt über den Rücken gelaufen. Für mich enden solche Phantasien stets damit, dass ich erwischt und vor das Schiedsgericht gezerrt werde, weil ich die Ehre der Comhi-Letzii verraten habe … Deswegen muss ich unbedingt meine Waren verkaufen … um meine Tochter zu retten.«
»Die Terraner sind ein seltsames Volk«, sagte die Dame nachdenklich. »Wenn sie die Rettung einer Schwangeren von Geld abhängig machen …«
»Immerhin sind sie bereit, mir gegen Dom Felix zu helfen. Ein Terraner hat mir erzählt, sie müssten ein Nichteinmischungsgesetz befolgen, wenn es um einheimische Bräuche geht, aber wenn ein Passagier zahlt, nehmen sie einfach an, dass er es aus eigenem Willen tut.« Ich bemerkte überrascht, dass ich die Terraner verteidigte. Ich hatte im Laufe meines Lebens zwar nur wenig Kontakt mit ihnen gehabt, aber jene, die Carlinnas Botschaften brachten, agierten zurückhaltender als die Männer, die ich normalerweise traf. Als ich an diesem Morgen ins Büro ihres Projektleiters gegangen war, hatte er gesagt, Carlinna könne morgen ausfliegen, wenn ich ihren Flug - welch eigenartige Vorstellung! -
heute Abend bezahlte.
Die Rettung meiner Tochter war so nahe …
»Hmmm.« Die Vai Domna wirkte abgelenkt. Hatte sie mir überhaupt zugehört? »Wie heißt Ihr, Mestra?«
»Ich bin Maura n’ha Caillean.«
Sie nannte ihren Namen nicht. Die Adlige beugte sich vor. Ihr glänzendes Haar strich über die Tischplatte, und sie nahm einen wollenen Umhang in die Hand. Ich schaute ihr zu, als sie ihn schweigend streichelte. Ihre Finger schienen überall dort, wo sie ihn berührte, den Glanz der Farben auf dem warmen Schafsfell zu verstärken. Sämtliche hellen Farbtöne von Evandas Frühlingspalette leuchteten plötzlich in meinem eingewebten Muster. Der Stoff schien die Verspieltheit und Freude eines Lämmchens förmlich auszustrahlen.
Dann nahm sie eine wuschelige staubbraune Hirschponypuppe.
Sie war meiner Meinung nach recht hübsch anzusehen. Bei der Herstellung von Tieren gab ich mir immer besonders große Mühe.
Doch in den Händen der Frau wurde aus dem bloßen Spielzeug -
etwas anderes. Die Augen des scheuen Ponys funkelten voller Liebe; sein Körper strahlte Vertrauen und Stabilität aus. Dann richtete die Dame ihre Aufmerksamkeit auf ein kleines Rabbithorn. Sie drückte es an ihre Wange, und im gleichen Augenblick erkannte ich unter seinem flaumigen Fell wachsame Impulse und eine sanfte Seele.
Sie nahm sich einen Gegenstand nach dem anderen vor. Alles, was sie berührt hatte, schien auf einer neuen Ebene der Perfektion zu erblühen.
Bildete ich mir all dies nur ein, weil ich unter einer starken Anspannung stand? Nachdem ich den ganzen Tag verzweifelt hinter meinen Waren gestanden hatte, konnte ich nicht mehr klar denken. Nun trat die Dame zurück und musterte den Tisch mit einem abschätzenden Blick. Ich fragte mich, ob sie nur etwas gesucht hatte, das sie kaufen konnte. Das wollte ich nicht. Nicht aus Mitleid.
»Wie teuer ist das hier?«
Ein Knabe hob eine große, komisch aussehende Chervine-Puppe hoch. Eine meiner teuersten Kreationen. Ich nannte ihm den Preis.
Der Junge ließ die Kupfermünzen in meine Hand fallen und verschwand mit seinem Neuerwerb.
»Seht Ihr? Es ist nicht hoffnungslos.« Die Vai Domna lächelte mich an.
»Ja«, sagte ich erfreut, aber nicht optimistisch. Zwanzig Verkäufe dieser Art hätten Carlinnas Flug bezahlen können. Gerade eben.
Aber die Zeit reichte kaum noch, um darauf zu hoffen, ich könne zwanzig kleinere Verkäufe tätigen.
Ein Paar in terranischer Uniform blieb stehen und entfaltete meine Umhänge. Die Frau warf sich einen über die Schulter.
»Er steht dir ausgezeichnet, Margot«, sagte der Mann.
»Er fühlt sich auch wunderbar an«, murmelte die Terranerin. »Ich fühle mich in ihm - mmm - warm und beschützt. Als könnte der schreckliche Winter auf diesem Planeten mir nichts mehr anhaben.«
Ihr Gefährte zückte eine Lederbörse und warf mir einen großen Imperiumsgeldschein hin. Ich schaute ihn an und beeilte mich, das Wechselgeld auszurechnen, aber die beiden waren schon weg.
Ich wollte mich gerade mit einem triumphierenden Aufschrei zu der Vai Domna umdrehen, als eine weitere Kundin mich unterbrach.
»Das ist das schönste Stofftier, das ich in meinem Leben je gesehen habe«, sagte die junge Frau. Ihre rosigen Wangen und ihre offene Art erinnerten mich an meine Carlinna. Sie drückte den Bären an sich. »Er will, dass ich ihn mit nach Hause nehme. Ich spüre es ganz deutlich! Ach, ich muss ihn einfach haben.« Schon wieder ein Verkauf.
»Hier geschieht irgendwas«, flüsterte ich meiner Besucherin zu, als der Platz vor dem Verkaufstisch eine Minute leer blieb. »Seid Ihr dafür verantwortlich?«
»Ich? Wie sollte ich?« Ihre grünen Augen wurden schmaler, und ihr Blick tanzte vor Erheiterung. »Vielleicht bringe ich Glück, Mestra Maura. Einer meiner Liebhaber hat es jedenfalls einst behauptet.
Aber nun muss ich gehen, um mir den Rest der Messe anzusehen.
Vielen Dank für Eure Freundlichkeit.«
Ich verabschiedete mich von ihr, aber mir blieb keine Zeit, mich über mein Glück zu wundern. Laufend blieben neue Kunden an meinem Tisch stehen. Sie schmusten mit meinen Tierchen, gackerten sie an, kauften sie, trugen sie heim und sagten, meine Kreationen hätten ihr Herz verzaubert. Andere Leute rissen meine Umhänge an sich und erklärten sie zu den wärmsten und schönsten, die sie je gesehen hatten. Ich verkaufte pausenlos. Die beiden nächsten Stunden waren der Traum einer jeden Handwerkerin.
Erst als der Platz sich am Ende des Tages leerte, kam ich wieder zu Atem. Nur zwei Gegenstände waren unverkauft geblieben. In den zwanzig Jahren, die ich nun schon vom Verkauf meiner Schöpfungen lebte, hatte ich nie einen besseren Tag erlebt. Und ich hatte ihn noch nie verzweifelter gebraucht.
Hatte die geheimnisvolle Dame irgendeine Art von Laran eingesetzt, um meine Tiere und Umhänge zu verzaubern? Je länger ich darüber nachsinnierte, desto unerklärlicher wurde alles.
Comynara konnten zwar freundlich sein, doch sie würden ihre Zauberkraft niemals zum Nutzen einer armen Entsagenden und Handwerkerin einsetzen. Doch wenn - dies nahm ich allmählich auf Grund ihres ungewöhnlichen Verhaltens an - sie gar keine Comynara gewesen war? Ich kannte niemanden auf der Welt, der über derartige Kräfte verfügte.
Nein, ich hatte nur unglaubliches Glück gehabt. Vielleicht war meine Notlage der Göttin zu Ohren gekommen, und sie hatte sich in letzter Sekunde entschlossen, mir einen erfolgreichen Tag zu schenken. Als ich die Geldkassette öffnete, war sie voller Kupfermünzen und Scheine. Ich hatte genug, um Carlinna zu retten und die Pacht und die Nahrung für mehrere Monate zu bezahlen.
Das Geld reichte sogar, um einen Leckerbissen für meine Hunde zu erstehen …
Ich nahm das Geld an mich und lief los, um den Projektleiter zu suchen, bevor das Tor der terranischen Enklave sich schloss.
Als ich zurückkehrte, um meine sieben Sachen einzupacken, wartete sie an meinem Tisch. Noch immer pulsierte Fröhlichkeit in meinen Adern.
»Was hatte ich doch für einen guten Tag!«, platzte es aus mir heraus.
»Ich freue mich, Chiya«, sagte sie.
»Ach, und … Ihr seid müde, nicht wahr? Wisst Ihr schon, wo Ihr heute Nacht ruht?« Es kam mir zwar unwahrscheinlich vor, dass eine große Dame wie sie kein Stadthaus in Thendara hatte, in dem sie bleiben konnte, aber genau dies war der Fall. Warum hätte sie sonst an meinen Tisch zurückkehren sollen, wo wir uns doch erst heute kennen gelernt hatten?
Ich bot ihr die Gastfreundschaft meines Hauses an. Es fiel mir nicht schwer, dies für eine andere Frau zu tun. Ich hatte nur Bedenken, dass es ihr nicht fein genug sein könnte. Wir machten uns auf den Weg zu meinem Haus. Sie lieh sich meinen letzten Umhang aus und trug den Klapptisch, während ich die Hocker nahm.
Nächtlicher Eisregen fiel. Wir bahnten uns vorsichtig einen Weg durch die glatten Straßen.
Als ich die Tür aufschloss, sprang Callie freudig auf, um mich zu begrüßen. Callies Seele ist voller Liebe, doch in ihrem Fell verstecken sich oft Kletten und ihre riesigen Pranken können einen Menschen mehrere Schritte nach hinten werfen. Als der Hund meinen Gast ansprang, rief ich ihn zur Ordnung.
Die Vai Domna protestierte. »Bitte nicht. Auch ich mag schöne Tiere.« Sie kraulte die Ohren des Hundes, und Callie reckte sich wohlig. Ihre Jungen hüpften wie aufgeregte Stechmücken um die Füße der Dame herum. Bevor sie den geliehenen Umhang ablegen konnte, saß sie auf dem Boden und spielte mit den dreien.
Tja, ich hatte bisher keinen Gedanken daran verschwendet, wie sich vornehme Damen zu Hause aufführen. Ich nahm an, dass es ihr Vergnügen bereitete, mit den Hunden herumzutollen. Warum sollte ich mir also Sorgen machen? Einer Frau, die ein Herz für Tiere hat, kann man im Allgemeinen auch in solchen Dingen Vertrauen entgegenbringen, die mit Menschen zu tun haben.
Wir teilten Käse, Nussbrot und Kräutertee. Die Scheite im Kamin mussten gedreht und angestoßen werden, bis sie endlich brannten.
Als das Feuer fröhlich vor sich hin prasselte, nahmen wir am Kamin Platz. Mein Gast schien damit zufrieden zu sein, sich entspannen zu können, und stellte keine weiteren Fragen. Wir sind sicher wie Schwestern, dachte ich. Welch hohe Stellung sie auch für den Rest des Lebens einnimmt. Sie erzählte mir einen - sehr komischen - Witz über Durramans Esel, und bald darauf kicherten wir wie kleine Mädchen und dachten uns die haarsträubendsten Varianten aus, in denen das arme Vieh vorkam.
Schließlich wurde es spät, und ich machte mich auf, um mein Bett für sie herzurichten. Die Pritsche auf der hinteren Veranda reichte mir für die Nacht, und eine elegante Frau wie sie konnte ich wohl schlecht bitten, in einer so kalten Umgebung zu nächtigen.
Als ich zurückkam, stand sie am Kamin. Das Feuer ließ ihr Haar wie poliertes Kupfer glänzen. Es schimmerte nicht mehr rotblond, wie es mir zuvor aufgefallen war. Nun hatte es die Farbe der köstlichen Aprikosen aus den Gärten von Valeron in meiner Kindheit. Die kleinen Fältchen um ihre Augen, die das Leben einer Frau begleiten, waren in ihrem im Schatten liegenden Gesicht deutlich zu sehen. Sie wirkte sehr müde, doch in ihren Augen lagen die Geheimnisse von Waldlichtungen und smaragdener Tiefe.
»Breda«, sagte sie und streckte die Arme aus.
Ich sank an ihre Brust. Ihre Haut duftete nach Talglöckchen, die an verborgenen Orten blühen. Sie legte eine Hand auf meinen Busen, und ich küsste sie.
Dann gingen wir zusammen ins Bett.
Ich kuschelte mich eng an sie, wollte die Behaglichkeit ihrer Arme nicht verlassen. Es klappte nicht. Die rote Sonne war längst aufgegangen, und Callie, die sich irgendwann in der Nacht hereingeschlichen hatte, rührte sich am Fußende des Bettes. Ich seufzte und stand auf, um das Teewasser aufzusetzen.
Es dauerte ziemlich lange, bis die Dame zu mir kam. Als sie eintrat, hatte sie zwei Blüten aus dem eingezäunten Garten vor meinem Haus in der Hand.
»Blumen für die Schwester meines Herzens«, sagte sie.
Ich hatte vergessen, dass heute der Tag vor der Mittsommernacht war. »Danke«, sagte ich und empfand erneut Verlegenheit, da ich selbst nicht daran gedacht hatte. Ich schenkte den Tee ein, und wir nippten ihn schweigend. Dann nahm sie ihre Reisetasche.
»Ich würde mich freuen, wenn du bei mir bliebst, Breda«, sagte ich.
»Und zwar so lange du willst.«
»Das würde ich gern tun, aber ich kann nicht.«
»Nun …«, suchte ich nach den richtigen Worten, da der Schmerz ihrer frühen Abreise mich mit Trauer erfüllte. »Dann möchte ich dir eine gute Reise wünschen. Und danke noch einmal für alles. Auch für deine Hilfe bei den Stofftieren. Du hast doch etwas mit ihnen angestellt, oder?«
Sie lachte. »Ich hätte mehr tun können, aber …« Sie warf Callie und ihren Jungen, die geduldig darauf warteten, dass ein Bissen vom Tisch für sie abfiel, einen liebevollen Blick zu. »Ich bezweifle, dass du noch eine Ergänzung für deine Tierschau brauchst.«
Lange nachdem sie gegangen war, und lange nachdem das Lächeln meiner Enkelin mein Leben allmählich mit einer Freude anderer Art erfüllte, war der verhaltene Duft von Evandas Blumen noch in meinem kleinen Haus zu spüren.
Über Diann S. Partridge und ›Varzils Rächer‹
Eine weitere Figur, die ziemlich regelmäßig in den mir zugesandten Erzählungen auftaucht, ist Varzil, ein legendärer Bewahrer aus dem Zeitalter des Chaos, der in den Darkover-Romanen zwar oft erwähnt wird, aber, wie ich glaube, in der Serie selbst nur selten auftritt: in Die Zeit der hundert Königreiche und in Der verbotene Turm.
Es freut mich immer, wenn ich etwas Neues über meine Charaktere erfahre. Diann Partridge ist in Sachen Darkover-Erzählungen kein Neuling, da sie schon in meiner (inzwischen längst vergriffenen) Fanzeitschrift mit Darkover-Storys hervorgetreten ist und Siegerin eines von mir veranstalteten Wettbewerbs war. Für jene meiner Leser, die Darkover von Anfang an verfolgt haben, sollte ich erwähnen, dass sie in verschiedenen Fan-Publikationen auch unter dem Namen Patricia Partridge aufgetreten ist. Auf die erste Seite der folgenden Geschichte, die zu den ersten gehörte, die bei mir eintrafen, hatte ich eine kurze Notiz gekritzelt. Sie besagt, die Vorstellung einer Entsagenden, die über Laran verfügt, sei zwar grundsätzlich unhaltbar, doch andererseits sei diese Geschichte so gut, dass ich sie trotzdem verwenden möchte. Dies hatte ich geschrieben, bevor mir klar wurde, dass sich diesmal das genaue Gegenteil bei den besseren Autorinnen als populär erweisen würde. Miss Partridge lebt in Wyoming und hat drei Kinder, von denen zwei gerade im Teenageralter sind. Mein Beileid. - MZB
Varzils Rächer
von Diann S. Partridge
Aislinn Aillard hinkte die Gildenhaustreppe hinauf, indem sie sich auf das Geländer stützte, ihr steifes Bein eine Stufe weiter schwang und auf dem rechten hüpfte. Avarra, fluchte sie in sich hinein, alt zu werden ist schrecklich.
Wie zur Antwort ertönte ein dumpfes Grollen und ließ das ganze Gebäude erbeben. Aislinn stolperte der obersten Stufe entgegen. Sie hielt sich am Geländer fest und drehte sich, um sich hinzusetzen.
Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn das nächste Rucken fühlte sich an, als hätte Avarra das Haus persönlich mit beiden Händen gepackt, um es ordentlich durchzuschütteln. Rufe und Schreie ertönten, dazu das Geräusch zerbrechenden Geschirrs. Draußen auf der Straße schrie jemand Feuer! Dann ertönte das helle Ding-Ding-Ding der Brandglocke.
Plötzlich griffen Hände unter Aislinns Arme, zogen sie über die letzte Stufe nach oben und über den Treppenabsatz. Sie wurde nach hinten gerissen, bis sie im Türrahmen stand. Lucie Valeron, ihre Retterin und Base, hockte sich neben sie hin. Wieder bebte der Boden, und alles wackelte.
»Fast wie in den alten Zeiten, Cara, hm?«, sagte Lucie leise und schlang beide Arme um Aislinn. Die alte Frau stieß einen rüden Ton aus und schwang ihr steifes Bein in eine bequemere Position.
Sie warteten. Als ihr galoppierender Herzschlag sich wieder normalisierte und das letzte Beben verklungen war, erhob Aislinn sich allein auf die Beine. Nun riefen die restlichen Entsagenden sich gegenseitig beim Namen und schauten sich die Schäden an.
Aislinn hob den Umhang auf, der Lucie hingefallen war. Der winzige Metallsplitter, der ihr als Nadel diente, steckte ordentlich im Saum. Ihre letzte Schöpfung waren einige Pferdchen, die ein Gespann übersprangen. Aislinn gab ihn ihr zurück, und Lucie klemmte ihn unter ihren Gürtel.
Inmitten des Durcheinanders rief jemand nach ihnen, der am Fuße der Treppe stand.
»Lucie, hier ist jemand, der dich sprechen will. Er wartet draußen.«
Aislinn schaute ihre Base an. »Es muss Fergus sein. Kein anderer würde mitten in einem Erdbeben hier aufkreuzen.«
Lucie bot Aislinn die Schulter an, damit sie die Treppe hinabgehen konnte, aber die lehnte ab. »Geh ruhig vor. Warte nicht auf mich.«
Lucie trat mit untrüglicher Sicherheit ans Treppengeländer und marschierte nach unten. Aislinn biss sich auf die Unterlippe und beobachtete das bestickte Band, das um Lucies ordentliche graue Zöpfe gebunden war. Es verdeckte die gezackten Löcher, die einst ihre Augen gewesen waren. Im Laufe der Jahre hatte Lucie gelernt, ihr Laran so einzusetzen, dass es ihrem verlorenen Augenlicht entsprach.
Aislinn hüpfte so schnell wie möglich die Treppe hinunter und hielt sich dabei am Geländer fest. Die junge Entsagende, die sie gerufen hatte, stand noch an der Tür. Die Frau schaute neugierig zu, wie Lucie ins Freie trat und dem Mann, der auf der Straße wartete, den Kopf zudrehte.
Er kam ihr eilig vier Stufen entgegen und nahm sie in die Arme.
Die Umarmung war viel mehr als eine Umarmung unter Verwandten. Die junge Frau trat einen Schritt zurück, als hätte sie das Gefühl, jemanden bei einer äußerst privaten Angelegenheit zu beobachten. Aislinn schob sich an ihr vorbei und fand sich auf ähnliche Weise umarmt.
Die junge Frau wandte sich kopfschüttelnd ab. »Man könnte fast meinen«, murmelte sie vor sich hin, »dass er der Blinde ist. Er führt sich auf, als sähe er nicht, wie alt und vernarbt die beiden sind.«
Die beiden Frauen konnten nichts tun, um beim Aufräumen zu helfen. In den letzten Wochen hatte die Erde regelmäßig gebebt, so dass es inzwischen Routine war, sich davon zu erholen. Der Feueralarm war nicht ernst gewesen. Ein Straßenhändler war in Panik geraten, als sich der Inhalt eines Grills auf den Boden seines Karrens ergossen hatte.
Als sie der Burg Thendara entgegenritten, begutachtete Aislinn die Schäden an den Häusern und Geschäften. Je näher sie kamen, umso leichter erkannte man das gespenstische blaue Leuchten, das den Nordturm einhüllte. Es schien mit dem Schlag ihres Herzens zu pulsieren. Lucie streckte eine Hand aus und berührte Aislinn, damit sie das faszinierte Starren aufgab.
Es war so eiskalt auf den Straßen, dass sie den mit Pelz abgesetzten Umhang enger um ihre Schultern zog. Lucie saß vor Fergus auf seinem Pferd. Sein geflickter Lederumhang bedeckte beide. Die Plage, die für das Beben zuständig war, beeinflusste auch das Wetter. Angeblich herrschte in Thendara Hochsommer, doch noch immer schaufelte man jeden Morgen den Schnee von den Straßen.
Der junge Page schluckte erschreckt, als Aislinn verkündete, wer sie waren und dass sie Cavan Hastur sprechen wollten. Fürst Hastur stand nur eine Stufe unter dem König. Der Blick’ des Jungen huschte von Aislinns pockennarbigem Gesicht und ihrem kurzen grauen Haar zu Lucies verbundenen Augen und dann zu der tiefen, schartigen Narbe, die unter Fergus’ Auge bis zu seinem kahlen Schädel hinauflief.
»Nun mach schon!«, bellte Aislinn. Der Page ergriff die Flucht.
Fergus lachte leise. Lucie wandte sich kopfschüttelnd dem Feuer zu, um sich die Hände zu wärmen.
»Du hättest den Kleinen nicht so erschrecken sollen, Linn. Das ist ungerecht.«
»Der Bengel hätte uns nicht so anstarren sollen. Man könnte fast meinen, er hätte noch nie Kampfnarben gesehen.«
»Hat er wahrscheinlich auch nicht«, sagte Fergus. »Jedenfalls nicht bei Frauen.«
Aislinn schnaubte geringschätzig und baute sich neben Lucie auf.
Sie streckte die Hände aus, dann schob sie sie schnell wieder unter ihren Umhang. In ihrer Jugend war sie die beste Rryl- Spielerin Dalereuths gewesen, doch mit nur fünf Fingern an jeder Hand war das Instrument nicht mehr bedienbar. Lucies stark ausgeprägtes Laran fing die Erinnerung ihrer Base auf, und sie schlang einen Arm um Aislinns Taille.
Ein junger Mann betrat den Raum, und das Trio wandte sich zu ihm um. Lucies unterdrücktes Keuchen spürte Aislinn mehr, als dass sie es hörte. Der Mann trug geckenhafte Kleider, die so übertrieben waren wie die eines Prinzen. Doch nicht die Kleidung machte sie sprachlos, sondern das Metall an seinem Körper. Sein kurzer roter Umhang wurde am Hals von einer großen silbernen Spange mit einem stilisierten Falkenkopf zusammengehalten. An der einen Hand trug er zwei, an der anderen drei Ringe. Die Schnürlöcher seines Seidenwamses waren in Metall gefasst, sein Gürtelverschluss ebenso. Die Stiefel waren knapp unterhalb der Knie mit Schnallen versehen; die Sporenrädchen klingelten auf hässlich metallische Weise.
Er kam mit festem Schritt herein. »Fürst Hastur hat für euresgleichen heute keine Zeit«, verkündete er ohne jedes Zeremoniell. »Wenn ihr ihn sprechen wollt, müsst ihr bei meinem Sekretär um einen Termin mit mir ersuchen.«
Fergus hatte den Raum in einer Sekunde durchquert. Seine großen, derben Hände griffen in das Seidenhemd, und er schob den jungen Mann rücklings an die Wand.
»Ich bin Fergus MacAran, du frecher kleiner Zwerg«, fauchte er wutentbrannt. »Und dies hier sind Domna Aislinn Aillard und ihre Base, Domna Lucie Valeron. Sagen dir diese Namen überhaupt etwas, Jüngelchen? Wir sind auf den ausdrücklichen Befehl des Mannes im blauen Turm hier. Jetzt spute dich und mache Cavan für uns ausfindig, sonst werde ich mal nachsehen, ob du ‘n bisschen von dem kostbaren Metall verdauen kannst, das an dir hängt.«
Der junge Mann beherrschte seine Furcht. Seine Verärgerung hielt ihn aufrecht. Wie kann dieser alte Kerl es wagen, mich anzufassen!
Aislinn empfing seinen Gedanken deutlich durch ihre Verbindung mit Lucie. Automatisch baute sie einen Schutzschild um sich und die beiden anderen auf. Es ging so leicht wie damals, mitten in der Schlacht. Der laran förmige Energiebolzen des jungen Mannes prallte wirkungslos an Fergus ab. Hätte Lucie ihn nicht abgelenkt, hätte sein eigener Geist ihn zu spüren bekommen.
Er gehört zu den genetisch veränderten Altons, Lucie, informierte Aislinn rasch ihre Base. Du hättest ihn lieber spüren lassen sollen, wie seine Medizin schmeckt.
Bevor Lucie antworten konnte, füllte Cavan Hastur den Türrahmen aus. Schon seine Anwesenheit genügte, um die Spannung abzubauen. Fergus ließ den jungen Mann los und trat zurück.
»Ah, da seid ihr ja, Freunde«, sagte Cavan freundlich. Er sprach, als wäre alles in Ordnung. »Wie ich sehe, habt ihr meinen Berater Falan Alton schon kennen gelernt.« Er wandte sich an den jungen Mann. »Bringst du meinen Freunden bitte ein paar Erfrischungen, Falan?«
Der junge Alton glättete sein Hemd.
»Ja, Herr«, sagte er mit ziemlich belegter, doch beherrschter Stimme.
»Noch etwas, Falan«, fuhr Cavan in aller Ruhe fort. »Ich möchte, dass du dich persönlich darum kümmerst.«
Falan presste die Lippen aufeinander, aber er verbeugte sich vor dem Hastur-Fürsten. Dann dachte er offenbar noch einmal nach, denn er drehte sich um und verbeugte sich auch vor den anderen.
Schließlich verließ er den Raum.
»Du musst ihm sein bäuerisches Benehmen verzeihen, Fergus. Er ist neu bei Hofe und noch sehr jung.«
»Und ziemlich von sich eingenommen, Cavan«, erwiderte Fergus grimmig.
»Das auch. Außerdem ist er der einzige Enkel des alten Rimal Alton, der die Schwellenkrankheit überlebt hat.«
Cavan durchquerte den Raum und drückte Fergus fest an seine Brust. Dann war Lucie an der Reihe. Als er die Arme um Aislinn legte, drohten die seit Jahren fest abgeschirmten Emotionen beide zu überwältigen. Sie waren als Kinder zusammen in der niedrigen, ausgedehnten Burg bei Dalereuth aufgewachsen und hatten im dortigen Seeperlenturm gedient. Später hatten sie bis in die letzten Kriegstage Seite an Seite gefochten und miterlebt, wie der Vertrag von den Ebenen Valerons bis zum Gelben Forst durchgesetzt worden war.
Zwei Angehörige ihrer ursprünglichen Gruppe - man hatte sie unter der Bezeichnung Varzils Rächer gekannt - waren in den letzten Tagen vor der Durchsetzung des Vertrages gestorben. Nun hielt man ihren Anführer im Nordturm gefangen. Sie hatten sich noch einmal getroffen, um ihn zu befreien.
In der hektischen Zeit nach Vertragsabschluss hatte die Gruppe sich aufgelöst. Fergus MacAran war nach Norden gezogen, Varzil war in den Turm von Neskaya zurückgekehrt. Cavan hatte seinen Platz an der Seite des Königs eingenommen, und Aislinn und Lucie hatten sich der neu gegründeten Gilde der Entsagenden angeschlossen. Hunderte heimat- und sippenloser Frauen waren in die Stadt geströmt; Frauen, die gegen Männer gekämpft hatten und keine bloße lebendige Habe mehr sein wollten oder konnten. Die meisten waren vernarbt und abgehärtet und zu wenig damenhaft gewesen, um den Männern der nun friedlichen Sieben Domänen zu gefallen. Es war für beide Seiten eine Erleichterung gewesen, als der König ihre Charta unterzeichnet hatte.
Aislinn und Lucie hatten mit den anderen Entsagenden in Thendara gelebt, bis ihre Zahl für ein Haus zu groß geworden war.
Am Ende der ersten Dekade hatten sich zwei Gruppen abgespalten.
Eine Gruppe war nach Nordosten gezogen, nach Neskaya; Aislinns Gruppe hatte sich nach Südosten begeben, nach Dalereuth. Sie wollte im Alter an der See leben.
Und nun, fünfzehn Jahre später, waren sie nach Thendara zurückgekehrt. Die Kälte ließ das Bein der alten Frau schmerzen.
Doch Varzil brauchte ihre Hilfe. In Aislinns Erinnerung sah er genauso aus, wie sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte: Das blonde Haar seiner Ridenow-Mutter fiel ihm in die Stirn, in seinen blauen Alton-Augen funkelte der Schalk. Er war der größte Bewahrer seiner Zeit gewesen, sowohl in Neskaya als auch später in Dalereuth. Sie hatten die riesigen Matrixwaffenschirme zusammen vernichtet und den streitenden Sippen einen Frieden aufgezwungen, der vom Kilghard-Gebirge bis nach Nevarsin reichte.
Irgendein Überbleibsel dieses Schreckens war nun zurückgekehrt, um ihn zu quälen. Denn Varzil lag in dem blau eingehüllten Turm und war in seinem Körper gefangen - eingeschlossen in seinem Geist. Die Schlacht, die er allein führte, drohte die ganze Stadt zu vernichten.
»In den letzten vierzig Tagen sind über zweihundert Menschen ums Leben gekommen«, erläuterte Cavan, als Falan mit einem Holztablett voller ordentlich ausgelegtem Fleisch und Käse zurückkehrte. Es gab auch eine Flasche besten cathonischen Weins und vier mit aufwendigen Ornamenten verzierte Steintassen.
»Wie kannst du den nur ertragen, Cavan?«, fragte Aislinn, als Falan wieder gegangen war. Sie schüttelte sich. »Bei all dem Metall?«
»Ich bin daran gewöhnt, dass andere sich wieder mit Metall behängen, Cara. Ich kann es zwar selbst nicht tragen, aber ich habe Verständnis dafür, warum die jungen Leute meine Abneigung nicht nachvollziehen können.«
Auf seinem rechten Handrücken verlief eine tiefe, sich krümmende Narbe, die bis unter den Hemdsärmel reichte. Im ganzen Raum gab es kein Metall. Sogar der Kaminrost bestand aus Ornamentgestein. Kein Metall, das einen matrixgenerierten Blitz anziehen konnte. Kein Metall, das die spritzenden Haftfeuerstichflammen anziehen konnte, die der Feind versprühte.
Aislinns Gesicht war von Haftfeuernarben entstellt. Lucie hatte es das Augenlicht gekostet. Knochenwasserstaub hatte Fergus’ Bruder Angus getötet, und Cavans ältere Schwester war in seinen Armen gestorben, weil sie Lungenschleim eingeatmet hatte. Nach zwanzig Jahren waren ihre Kleider noch immer geschnürt, mit Leder gebunden oder mit Holzknöpfen verschlossen.
Lucie hatte sich erst in den letzten Jahren überwinden können, wieder eine Nadel anzufassen. Ihre laran verstärkte Sicht hatte zu einigen interessanten Variationen bei der Kreation neuer Stickmuster geführt.
Unter ihren Füßen zitterte es leicht. Alle erstarrten. Dann wurden sie von einem zweiten Beben durchgeschüttelt, das noch heftiger war. Cavan stand auf und bedeutete den anderen, ihm zu folgen.
Fergus leerte zuvor seinen Becher.
»Falls ihr nicht zu müde seid, Freunde, glaube ich, ist jetzt die Zeit, dass wir anfangen. Seit Varzil sich im Turm verbarrikadiert hat, ist es niemandem gelungen, zu ihm durchzudringen. Als mir nichts anderes mehr einfiel, habe ich nach euch schicken lassen.«
Sie gingen schnell durch den Korridor und stiegen mehr Treppenstufen hinauf, als Aislinn zu zählen wagte. Cavan führte Lucie, Fergus stützte Aislinn. Trotzdem pulsierte ihr Bein bald wieder vor Schmerz. Sie blieben dreimal stehen, um abzuwarten, dass sich ihr Zittern wieder legte. Von den Steinwänden wehte Staub wie weißer Regen herunter. Je näher sie Varzil kamen, desto heftiger wurde das Beben.
Die Turmtür war von dichtem, wirbelndem blauen Dunst blockiert. Die gleiche Farbe nahm die Luft im Freien an, kurz bevor ein Haftfeuertropfen explodierte. Aislinn schüttelte sich, als Cavan sie in einen kleinen Raum führte, der einige Türen von ihnen entfernt lag.
Nun übernahm ihr Instinkt. Sie war Varzils Unterbewahrerin gewesen, also geleitete sie die anderen zu den dick gepolsterten Sofas und auf ihre Plätze. Als alle bereit waren, nahm sie ihren Matrixstein heraus und konzentrierte sich auf ihn. Bei einem Angehörigen der Gruppe nach dem anderen verlangsamte sich die Atmung. Ihre Herzen begannen im selben Rhythmus zu schlagen.
Sie fassten sich in einem mentalen Kreis an den Händen, und Aislinn führte sie mit einem kaum hörbaren Klicken in die Überwelt.
Es war viele Jahre her, seit sie zum letzten Mal hier gewesen war.
Nach den schmerzhaften Jahren empfand sie ihren Überweltkörper als wahre Freude. Sie ragte gerade und groß auf und berührte ihr Gesicht verwundert mit den Händen. Ihre Haut war glatt und weich und hatte keine Ähnlichkeit mit der Grimasse, vor der die kleinen Kinder schreiend fortliefen.
Sie drehte sich leicht, und Lucie stand neben ihr. Das bestickte Band war weg, ihre Augen strahlten in weichem Grün. Ein glückliches Lächeln legte sich auf ihre Züge, als sie ihre Augen berührte. Auch Fergus war größer und schlanker. Auf seinem Kopf wuchs rotbraunes Haar. Nicht eine Narbe verunstaltete sein Gesicht.
Cavan streckte erfreut seine narbenlosen Hände aus. Aislinn musterte die ihren. Lächelnd bewegte sie ihre zwölf Finger.
Weit vor ihnen war das Übelkeit erzeugende blaue Leuchten zu sehen. In der Überwelt war es sogar noch heller und kräftiger. Sie gingen darauf zu. Je näher sie ihm kamen, desto schwerer fiel es ihnen, sich zu bewegen. Sie zogen die Füße hinter sich her, als gingen sie durch dicken, zähen Schlick. Avarra, betete Aislinn, wir brauchen Angus und Roa jetzt mehr als je zuvor.
Das Gefüge der Überwelt zitterte. In weiter Ferne wurde Hufschlag hörbar. Aislinn blieb stehen und schaute zurück. Am flackernden Horizont erblickte sie zwei Pferde. Sekunden später hatten sie die Strecke hinter sich gebracht, die beide Gruppen voneinander trennte. Es war eine freudige Überraschung, als sie erkannten, dass die beiden Reiter Angus MacAran und Roa Hastur waren.
Die Wiedervereinigung brachte ihnen die Kraft, die sie brauchten, um sich zum blauen Licht durchzuschlagen. Als sie es aus der Nähe sahen, pulsierte es in einem abgehackten Rhythmus. Sie blieben kurz vor dem Leuchten in einem Halbkreis stehen.
»Varzil!«, rief Aislinn. Der Äther erbebte. Sie rief seinen Namen noch einmal.
Aus den Tiefen im Inneren des Turmes kam Varzil Alton-Ridenows Antwort.
»Aislinn, meine Pflegeschwester, endlich bist du hier. Du musst den Ring vernichten, Chiya. Vernichte ihn, bevor das Böse sich befreit.«
»Wenn wir den Ring vernichten, Varzil, wirst auch du sterben. Es muss eine andere Möglichkeit geben.«
»Ich bin schon tot, Cara, egal was auch passiert. Es ist besser, durch deine Hand zu sterben, als zuzulassen, dass das Böse von meinem Körper Besitz ergreift. Ich bin zu schwach, um diese Kräfte noch länger in Schach zu halten. Wenn es zu einer Öffnung kommt, wird das Chaos wieder frei sein. Bitte, wenn du mich liebst, musst du …«
Er wurde mitten im Satz unterbrochen. Aislinn fauchte frustriert und stellte sich ein Fenster vor, das durch den Dunst den Blick nach innen ermöglichte. Sie kanalisierte ihre Energie, um es zu erschaffen.
Ein winziges Quadrat in der Mitte des stark wirkenden Blaus wurde durchsichtig, und sie sahen Varzil im Turm auf einem mit Kissen belegten Diwan liegen. Er hatte die Hände über dem Brustkorb gekreuzt, und der gewaltige blaue Matrixring flammte an seiner Hand. Es war sein persönlicher Stein; jener, den er vor vielen Jahren eingesetzt hatte, um die riesigen Matrixschirme zu vernichten. Erst jetzt erkannten sie, dass er sie nicht vernichtet, sondern vielmehr die mächtige Essenz eingefangen hatte, die alle Matrixsteine in diesem einen hatte aufgehen lassen. Er hatte die Macht darin eingeschlossen und hütete sie seit fünfundzwanzig Jahren. Doch allmählich verlor er die Schlacht.
Die Kraft wallte erneut auf, reckte ihre Schultern. Sie warf Varzils Rächer zurück, und die Anwesenden spürten, dass Cavan Hastur wankte.
»Wir müssen warten, Freunde. Ich halte es nicht mehr lange aus.«
Aislinn spürte, dass Cavan aus der Verbindung herausfiel und in die wahre Welt zurückglitt. Sein Herz war sehr schwach. Er hatte es ihnen irgendwie verheimlicht.
»Nein!«, schrie Lucie. Sie speiste Cavan mit Energie, stärkte ihn und stabilisierte sein Herz. Dadurch zog sie ihn buchstäblich in die geistige Verbindung mit den anderen zurück. Seine schattenhafte Gestalt festigte sich wieder neben ihnen.
Das ausgehungerte Böse brüllte erneut und unternahm einen weiteren Ausbruchsversuch. Varzils Kontrolle geriet ins Wanken.
Da Varzil die riesigen Schirme physisch vernichtet hatte, schickte die Kraft Ausläufer hinaus, damit sie einen neuen Ort suchten, den sie besetzen konnte. Es war dem kleinen Kreis nicht möglich, sie zu beherrschen. Die Kraft wurde von jedem einzelnen großen Gitterschirm in den Türmen von Dalereuth, Neskaya, dem neuen Turm in Arilinn, Corandolis, Hali, Ashara und schließlich dem verlassenen Turm in Tramontana angezogen. Sie sondierte jeden Einzelnen und sandte eine psychische Druckwelle aus, der die Bewahrer und ihre Kreise auseinander stieben ließ, um Schutz zu suchen.
In Tramontana gab es keinen Widerstand. Die Kraft lungerte dort herum und suchte gierig nach einem Zugang zu den geschlossenen Schirmen. Varzil schrie auf. Es war ein herzzerreißender, ängstlicher Ton, der besagte, dass er verlieren würde.
Lucie trat vor und nahm den winzigen Nadelsplitter aus der Tasche. Er glitzerte golden, als sie den Rand ihres Umhangs fasste, einen winzigen Energiefaden nahm, ihn in die Nadel einfädelte und anfing zu nähen.
Immer mehr von der alten Matrixschirmkraft wurde freigesetzt.
Varzils Schreie wurden zu einem Wehklagen. Die stummen Schirme in Tramontana erwachten vibrierend wieder zum Leben. Lucie nähte weiter. Die anderen konzentrierten all ihre Energie auf sie.
Ihre Konstruktion weitete sich spiralförmig aus. Sekunden später war sie riesengroß und legte sich gänzlich um den Umhang, bis Lucie ein gigantisches Netz aus reiner Energie in den Händen hielt.
Cavan wankte erneut, entglitt der Verbindung und kehrte in seinen sterbenden Körper zurück. Ein leises Ploppen ertönte, dann war er tot. Doch im nächsten Moment stand er neben seiner Schwester und Angus MacAran. Lucie reichte allen eine Seite des gewobenen Netzes, und sie wandten sich gemeinsam um, damit sie das entweichende Böse darin einfangen konnten.
Dann verteilten sie sich und zogen das Netz nach vorn. Als es das Blau berührte, stoben Funken, und sie wankten vor Schreck. Aislinn spürte, dass ihr echter Körper vor Schmerzen zuckte. Sie knirschte mit den Zähnen, griff mit ihrem Laran zu und tat alles, damit jedermann in Thendara, der auch nur mit der geringsten Spur dieser Kraft gesegnet war, mit der Überwelt und ihrem Kampf Verbindung aufnehmen konnte. Die Zeit in der Stadt stand still, als jung und alt, Comyn oder Gemeiner, dem Netz Energie zuführten.
Es wurde immer größer, bis es das Böse ganz einhüllte. Sie rissen es wie eine Decke hoch und warfen es über den pulsierenden Stein.
Als das hässliche Leuchten unter der Funken sprühenden Decke verborgen war, nahm Lucie erneut ihre Nadel und nähte das Netz so dicht, bis es eng um den Ring lag. Beim letzten Stich leuchtete es in einem hellen Silbergrün. In seiner jetzigen Form passte es in zwei zu Schalen geformte Hände. Es pulsierte im Rhythmus mit Varzils wankendem Herzschlag. Dann erlosch sowohl das eine wie das andere.
Aislinns Kontrolle über die Stadt brach im gleichen Moment zusammen, und sie wurden in ihre echten Körper in den Raum neben dem Turm zurückgeschleudert.
»Verdammter Mist!«, fluchte Aislinn. Sie ächzte und rappelte sich von ihrem Lager auf. Ihr ganzer Körper war von Schmerz erfüllt, und ihr Bein fühlte sich an, als sei es in einen Schraubstock geklemmt. Cavan Hastur lag gefasst da, als schliefe er. Auf seinem leblosen Gesicht war der Anflug eines Lächelns zu erkennen. Lucie richtete sich langsam auf. Fergus kam mit einem Schnauben zu sich.
Sie brauchten nicht hinzusehen. Sie wussten auch so, dass der Tramontana-Turm nur noch ein Schutthaufen war. In Hali und Corandolis hatte es mehrere Tote gegeben. Die junge Bewahrerin Neskayas litt an einem Schock. Aislinn wollte gar nicht wissen, wie viele Menschen während ihrer verzweifelten Aktion ums Leben gekommen waren.
Der Nordturm war sauber vom Rest der Burg abgetrennt. Mit seiner letzten Handlung hatte Varzil versucht, seine Freunde zu schützen. Als man seine Leiche aus den Trümmern barg, war der Stein seines massiven Rings stumpf und zerbrochen. Man brachte seine und Cavan Hasturs sterbliche Überreste in vollem Staat nach Hali. Der König geleitete sie persönlich hinter den Schleier und in den Tempel. Dort würden sie bis in alle Ewigkeit ruhen.
Die drei überlebenden Rächer verließen schweigend die Stadt.
Aislinn wünschte sich, sie wäre so mutig, noch einmal in die Überwelt zurückzukehren, um zu sehen, wie es Varzil dort erging.
Doch sie wusste, dass die Verlockung, dort zu bleiben, zu groß war.
Da war es schon besser, ins Gildenhaus am Meer zurückzukehren und darauf zu warten, bis die Götter sie abberiefen.
Mehrere junge Entsagende boten den alten Menschen an, sie nach Hause zu begleiten, was dazu führte, dass Fergus sich laut lachend in den Sattel schwang. Aislinn fluchte nur und schüttelte die helfenden Hände ab, als sie steif ihr Pferd bestieg.
»Avarra!«, knurrte sie, »alt zu werden ist schrecklich.«
Über Andrew Rey und ›Comyn berührt man nicht‹
Einmal im Jahr erhalten wir auch eine brauchbare Erzählung von einem Mann. Ich sehe sie allmählich als Quotenmänner. Die Autoren dieser Anthologienreihe sind in stark überwiegendem Maße weiblichen Geschlechts, obwohl ich in dieser Hinsicht keinerlei Vorurteile hege. Es ist nun mal so, dass ich die meisten lesbaren Texte von Frauen bekomme. In der folgenden Geschichte tritt Peter Haldane auf, den die Leser von Die zerbrochene Kette, Gildenhaus Thendara und Die schwarze Schwesternschaft schon kennen.
Wenn ich’s mir recht überlege, war auch Peter ein Quotenmann.
Andrew Rey ist 28 Jahre alt und hat an der Pomona High School in Südkalifornien einen Abschluss gemacht. Außerdem hat er ein Physik-Diplom von der University of California in Santa Cruz in der Tasche. Wie viele Schriftsteller hat auch er sich in einer ganzen Anzahl merkwürdiger Berufe herumgetrieben: Er war Elektronikmonteur (Hä? Wie montiert man Elektronik? Nein, ich will es lieber nicht wissen), Verfasser von Gebrauchsanweisungen und Produktionsleiter, ohne dass ich weiß, in welcher Branche. »Ich habe jetzt vor, Lehrer zu werden«, schreibt er, »doch dieses Vorhaben kann sich natürlich auch ganz flink ändern.« (Mein Sohn Patrick hat ein Physikstudium angefangen und abgebrochen, da er meint, in diesem Beruf könne man nur für die Regierung, in einem Atomkraftwerk oder als Lehrer arbeiten - was sich aber nicht mit seinen beruflichen Vorstellungen deckt.) Nach all diesen Tätigkeiten sieht es freilich so aus, als wolle Mr. Rey Schriftsteller werden. Wenn ich nach seinem guten Anfang urteile, ist er dazu qualifiziert. - MZB
Comyn berührt man nicht
von Andrew Rey
»Blöd wie ein Ktoller.« (Galaktische Redensart)
»Verrückt wie ein Ktoller.« (Darkovanische Variante)
»Verdammte Kompressorpumpe!« Mellis, der neue Mechanik-Techniker, sprang zur Seite, als die Pumpe aus der Reparaturluke des Sternenschiffes flog. Erschrocken verfolgte er, wie sie über den Beton rutschte und etwa zwanzig Meter weiter liegen blieb.
»Jetzt reiches mir!«, schrie Mellis durch die Luke. »Wenn du willst, dass dir jemand hilft, Rakk, hol dir einen von diesen dämlichen darkovanischen Eingeborenen! Du bist ja eine Gefahr für die Menschheit!«
»Leck mich doch am Ronga«, erwiderte eine Stimme auf der anderen Seite der Luke.
Mellis marschierte zu einem anderen Techniker hinüber, der gerade die Elektronik eines Motors austauschte. »Diese verrückte Ktollera … Eines Tages bringt sie noch jemanden um.« Dann sagte er spitz: »Was grinst du so, Davia?«
»Wir haben uns schon gefragt, wann du endlich kapierst, dass es gefährlich ist, mit Rakk zusammenzuarbeiten«, sagte Davia. »Du hast es länger ausgehalten als die meisten.«
»Was hat sie denn bloß?«
»Ach, Rakk war schon immer ein kleiner Hitzkopf. Hat sich schon an dem Tag, als sie hier ankam, nur rumgestritten. Aber seit sie vor einem Monat bei einer Schlägerei mit einem Einheimischen den Kürzeren gezogen hat, ist sie noch schwieriger zu ertragen. Ich persönlich glaube, sie hat Angst, wieder in den Ort zu gehen, und kriegt allmählich einen Lagerkoller. Die Einheimischen sind ihr zu zäh.«
»An dem Tag, an dem ich mich vor den schlappschwänzigen Eingeborenen fürchte, schlägst du mich beim Armdrücken«, sagte Rakk.
Mellis keuchte, als die große, muskulöse Frau Davia am Kragen packte und in die Luft hob. Ihr rundes Gesicht zeigte keinerlei Anstrengung. Sie holte gleichmäßig Luft durch ihre große Nase.
Nicht mal ihre kleinen Brüste blähten sich auf. »Wie wär’s, Davia, wenn du dich zur Abwechslung mal um deinen eigenen Kram kümmerst?«
Die Angesprochene quetschte mühsam ein Ja heraus.
»Gut«, sagte Rakk und ließ sie los. »Ich brauche eine neue Kompressorpumpe aus dem Lager. Kannst du dafür sorgen, dass das Schiff nicht zusammenfällt, solange ich fort bin?« Ohne eine Antwort abzuwarten, marschierte sie zu einem Bodenfahrzeug und raste zur anderen Seite des Raumhafens.
Während Rakk den kleinen Wagen steuerte, fiel ihr auf, dass sie allmählich den Lenker verbog. Reg dich ab, Rakk, sagte sie sich und wendete, um die Verwaltungsgebäude zu umfahren. Diese Suffköppe labern doch nur, weil sie Angst haben, ihr Kiefer könnte einrosten. Sie wissen doch gar nicht, was passiert ist. Und es geht sie auch gar nichts an.
Sie …
In ihrem Bewusstsein blitzte ein Bild auf. Ein rothaariger Mann saß an einem grob gezimmerten Tisch. Ein Bierkrug rutschte auf ihn zu.
Rakk lenkte ihr Fahrzeug mit kreischenden Reifen nach links und raste zwischen zwei Gebäuden dahin. Warum muss eigentlich immer ich um diese blöden Häuser herumkurven?, dachte sie, als sie an dem gewundenen Gehweg entlangmanövrierte. Wenn die Planer zu blöd waren, eine ordentliche Durchfahrtsstraße zu bauen …
Als sie auf den großen Hauptplatz kam, warf sie einen kurzen Blick auf das Haupttor. Zwei schwarz gekleidete Angehörige des Sicherheitspersonals starrten sie bereits an. Ach, wen interessiert es schon, wenn ihr die Stirn runzelt, dachte sie. Ihr Blick fiel erneut auf die Plaza. Sie hielt gerade nach einem Gehweg Ausschau, als ihr ein rothaariger Mann in darkovanischer Kleidung auffiel, der zum Haupttor unterwegs war.
Rakk trat auf die Bremse. Den Kopf würde ich überall wieder erkennen, dachte sie. Sie sprang mit einem breiten Lächeln aus dem Wagen und rief: »Sean!«
Der offenbar in Gedanken versunkene Mann drehte sich nicht um.
»He, Sean!«, schrie Rakk und nahm die Verfolgung auf. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du hier bist?« Sie packte ihn an der Schulter. »Sean …«
Der Mann machte mit einem lauten, überraschten Schrei einen Satz nach vorn und fuhr herum. Er hatte sein Schwert halb gezogen.
Sein dünnes, langes Gesicht verriet Verärgerung und Verblüffung.
Und es war Rakk völlig fremd.
Die Frau brauchte einen Moment, ehe sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. »He, tut mir Leid«, sagte sie. »Ich dachte, du wärst …«
»Seid Ihr verletzt, Vai Dom?«, rief ein anderer rothaariger Mann, der allerdings eine Föderationsuniform trug, und baute sich zwischen Rakk und dem anderen auf.
»Es geht mir gut«, sagte der Darkovaner und schob das Schwert in die Scheide zurück. »Er … Sie hat mich nur erschreckt.«
»Es tut mir sehr Leid, Fürst Gabriel. Ich hätte Euch nicht allein lassen sollen. Manche Angehörige unseres Volkes sind mit den darkovanischen Sitten nicht vertraut.«
»Macht nichts«, erwiderte Gabriel. Er gewann wieder Haltung und wandte sich erneut dem Haupttor zu. Der Mann in der Imperiumsuniform setzte dazu an, ihm zu folgen, doch dann wandte er sich zu Rakk um. »Ich möchte Sie in zehn Minuten in Zimmer 127 des Sicherheitsgebäudes sprechen«, sagte er. Bevor die Frau ihm eine Antwort geben konnte, drehte er sich um, um den Fürsten zu begleiten.
Rakk saß still im Büro und verbog mit den Händen langsam einen Kunststoffschreiber. Als sie im Begriff war, ihn wieder gerade zu biegen, trat der rothaarige Beamte ein.
»Bleiben Sie sitzen«, sagte er und nahm hinter dem Schreibtisch Platz. »Ich bin Peter Haldane, der Verbindungsoffizier zu den Darkovanern. Und wer sind Sie?«
»Rakkaloaliquadarose Olbidavaroulacu, Mechanikerin Erster Klasse. Die Leute nennen mich normalerweise Rakk.«
»Kann ich verstehen«, sagte Haldane. Er beugte sich über die Tischplatte. »Ich habe nicht vor, Sie zu fragen, warum Sie mitten über den Platz gefahren sind. Dafür sind andere zuständig. Und eigentlich interessiert es mich auch nicht. Ich möchte aber etwas anderes wissen. Warum haben Sie Fürst Gabriel angefasst?«
»Ich dachte, ich kenne ihn«, sagte Rakk.
»Wirklich? Kennen Sie viele rothaarige Darkovaner?« Rakk starrte ihn nur an.
»Na schön«, sagte Haldane und wischte die Frage mit einer Handbewegung beiseite. »Der Mann, den sie angefasst haben, gehört zu den Comyn - den Herrschern dieses Planeten. Und wie Sie auf Grund der Orientierungsvorträge wissen müssten, gibt es, was diese Herrscher angeht, gewisse Regeln. Eine davon besagt, dass man sich ihnen nicht einfach in den Weg stellt und sie anspricht. Die Oberen müssen einen zuerst ansprechen. Die zweite besagt, dass man einen Comyn niemals berührt. Aus irgendeinem Grund ist es oftmals schmerzhaft für sie, von anderen angefasst zu werden.«
Rakk lehnte sich auf dem Stuhl nach hinten. »Wirklich? Und woher haben Sie diese Informationen? Aus Fordis Galaktischem Reiseführer?«
In Haldanes Augen blitzte es zwar auf, aber seine Stimme wurde nicht lauter. »In dieser Basis bin ich der Experte für darkovanische Kultur. Ich bin hier aufgewachsen und habe es zu meinem Beruf gemacht, die hiesige Gesellschaft zu studieren.
Das Erste, was ein darkovanisches Kind lernt, ist normalerweise, dass es einen Comyn nie aufhalten und niemals berühren darf.«
»Wie sicher sind Sie sich da?«, fragte Rakk. »Ich war oft in der Handelsstadt. Ich habe mit den Leuten hier geredet und sie sogar angefasst …«
Haldane schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich habe sechs Monate bei den Comyn gelebt und weiß, wovon ich rede!
Niemand, nicht mal ihre Lakaien fassen sie an! Die Comyn berühren einander selbst kaum, und wenn doch, dann nur ganz kurz und leicht. Für sie ist es ein so intimer Akt wie … nun ja, wie für uns der Geschlechtsverkehr.«
»Sie wollen mich wohl verkohlen!«, sagte Rakk ungläubig.
»Sehe ich aus, als wollte ich das tun?«, fragte Haldane und schob ihr sein gerötetes Gesicht entgegen.
»Nein«, sagte sie leise.
»Gut.« Der Mann nahm wieder in seinem Sessel Platz und strich sich das Haar mit der Hand nach hinten. »Die Sache hätte viel ernster ausgehen können, als es den Anschein hatte. Doch da Fürst Gabriel sie nicht aufbauschen will, werde ich auch nichts gegen Sie unternehmen, wenn Sie mir versprechen, dieses halsbrecherische Kunststück nie zu wiederholen und die anderen Arbeiter daran zu erinnern, dass man einen Comyn nie anspricht oder berührt. Und um ganz sicher zu gehen, sollten Sie diese Regel auch auf alle anderen rothaarigen Darkovaner ausdehnen. Sind Sie damit einverstanden?«
»Yeah, klar«, sagte Rakk. Ihre Augen waren leicht glasig, als wäre sie mit den Gedanken ganz woanders.
»Gut. Danke, dass Sie hergekommen sind.« Haldane stand auf und gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie gehen könne.
Als Rakk draußen war, lehnte sie sich an die Korridorwand. Die Worte des Mannes warfen Echos in ihrem Geist. Es ist ein Akt, der für sie so intim ist wie für uns der Geschlechtsverkehr …
»Sean«, sagte sie leise vor sich hin. »O mein Gott, Sean …«
Tage später saß Rakk in einer Schenke in der Handelsstadt. Sie wollte gerade das nächste Getränk bestellen, als ihr klar wurde, dass es das fünfte war. Verdammt, dachte sie, ich brauch doch nur einen, um mutig zu werden. Na schön, vielleicht auch zwei. Aber vier? So viel Mut brauch ich nun auch nicht. Außerdem bin ich möglicherweise aus der Übung. Der Sitz neben ihr wiegte sich sanft in einer nichtexistenten Brise. Seit ich Sean kennen gelernt habe, habe ich nichts mehr getrunken
…
Ach, Sean!, dachte sie, und alles fiel ihr wieder ein.
Auch an dem Abend, an dem sie Sean begegnet war, dies wusste sie noch, hatte sie gerade den vierten Krug gekippt. Es war ein harter Tag gewesen, und sie hatte an zwei gelandeten Sternenschiffen gearbeitet. Sie hatte sich bemüht, die Ersatzteile schnell aufzutreiben, und ihrem Vorarbeiter einen Kinnhaken versetzt, als er sie aus irgendeinem Grund angeschrien hatte. Doch das war tagsüber gewesen, hatte sie gedacht, und jetzt ist Abend. Am Ersten hat Chucky die Sache wahrscheinlich wieder vergessen. Vorausgesetzt, ich hab ihm nicht den Kiefer gebrochen. So angefühlt hat es sich eigentlich nicht.
Rakk hatte ihren Krug geleert, einen neuen bestellt und sich in der Schenke umgesehen, ob jemand anwesend war, an dem sie ihr Mütchen kühlen konnte. Bisher ohne Glück. Sie sah nur Menschen von normaler Größe, die sich in kleinen Gruppen um Kerzen zusammendrängten oder sich allein in finstere Nischen duckten.
Ganz normale Terranertypen, dachte sie. Haut man ihnen eine rein, fallen sie gleich um. Das macht doch keinen Spaß.
Sie griff nach ihrem Krug und stellte fest, dass er nicht mehr da war. Verärgert schaute Rakk auf und bemerkte, dass er halb gefüllt unter dem Zapfhahn stand. Der Theker hatte den Tresen verlassen und beugte sich über einen Tisch, an dem gerade ein junger rothaariger Mann Platz genommen hatte. »Womit kann ich Euch dienen, Vai Dom?«, fragte er gerade.
»He, du da, was ist mit meinem Firi?«, rief Rakk.
Der Mann zuckte zusammen. »Einen Augenblick bitte, Mestra«, sagte er und wandte sich wieder dem neuen Gast zu. Rakk spürte, dass sich ihre Nackenhaare aufrichteten.
»Mein Getränk, Mister!«, sagte sie.
Der Theker schaute sich demonstrativ um. Als Rakk den Kopf wandte, sah sie, dass der Rausschmeißer aus der Finsternis am anderen Ende des Raumes trat. Er war über zwei Meter groß, hatte blondes Haar und wohltrainierte Muskeln. Rakk lächelte. Er hat ungefähr meine Größe und mein Gewicht, dachte sie. Es könnte vergnüglich werden. Aber ein paar Gläser mehr machen es noch vergnüglicher. Sie ignorierte den Rausschmeißer und regte sich ab.
Als der Theker dem jungen Mann ein Getränk serviert und auch sie mit einem Krug bedacht hatte, lächelte Rakk schon wieder. Ihr war ein noch besserer Plan eingefallen. Sie kippte noch einen Schluck - als Glücksbringer - und ging an den Tisch des jungen Mannes.
Er trank gerade, als Rakk ihm gegenüber Platz nahm. Der Mann war Anfang zwanzig, hatte eine schmale Nase und noch schmalere Lippen. Er trug einen kunstvoll bestickten Umhang, und um seinen Hals hing ein Beutel, von dem Rakk annahm, dass er Geld enthielt.
Ihr fiel auf, dass der Fremde sie über den Rand seines Kruges hinweg beobachtete und seine blattgrünen Augen größer wurden.
Soll er doch glotzen, dachte Rakk. Er soll ruhig sehen, wie Frauen von einem Hochgravitationsplaneten aussehen.
Der Mann stellte das Glas ab und leckte sich das Bier von den Lippen. »Auf die Magie«, sagte er und hob es wieder an.
Rakk prostete ihm zu, dann sagte sie provokativ: »Es gibt überhaupt keine Zauberei.«
Der Mann lächelte sie an. »Ich habe nicht über Terrani-Ma gie gesprochen«, lallte er leicht. »Ich rede von Matrixsteinen und Türmen, von darkovanischer Magie. Die hat’s nämlich in sich.«
Rakk fiel auf, dass er nun ironisch wurde.
»Magie besteht entweder aus blöden Tricks, mit denen man Dummköpfe reinlegt, oder aus Wissenschaften, die Narren unverständlich sind«, sagte die Frau. »Für euch Hinterwäldler ist alles übernatürlich, was ihr nicht versteht. Ich arbeite mit Sternenantrieben, Datenbanken und Steuersystemen. Damit kann man erstaunliche Dinge tun … zum Beispiel mit Überlichtgeschwindigkeit von einem winzigen Punkt zum anderen fliegen. Es sieht vielleicht wie Zauberei aus, aber wie es funktioniert, steht in jedem Reparaturhandbuch. Wäre ein Fünfjähriger von einer echten Welt wie Ktoll jetzt hier, bräuchte er sich eure so genannte Magie nur anzuschauen. Er wüsste sofort, worauf sie basiert und könnte sie innerhalb einer Woche verbessern.«
Die Augen des Mannes blitzten auf. Rakk sah, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte.
»Du bist dumm, arrogant und verstehst einen Reish davon«, erwiderte er.
Obwohl Rakk die Sprache der Darkovaner nicht fließend beherrschte, hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, zuerst ihre Flüche zu erlernen. Deswegen reagierte sie mit einer Cahuenga-
Redensart, laut derer der Karottenkopf ihres Gegenübers durch eine Vereinigung seiner Großmutter mit einem rotmähnigen Hengst zu Stande gekommen war.
Der Mann fuhr hoch und enthüllte knapp zwei Meter wohlgeformter, fester Muskeln. Was für ein Spaß!, dachte Rakk.
Außerdem enthüllte er über einen Meter scharfen, kalten Stahls, der an seiner Seite baumelte. Da das Fechten mit Schwertern - selbst wenn sie eins dabei gehabt hätte - nicht gerade zu Rakks Stärken zählte, nahm sie an, es sei am besten, wenn sie den ersten Schritt machte. Sie riss den Tisch hoch und warf ihn dem Mann entgegen.
Er sprang zurück und rutschte fast auf dem verschütteten Bier aus, doch er gewann das Gleichgewicht sofort wieder. Rakk grinste.
Schnell und beweglich - es wird wirklich ein guter Kampf werden. Dann rief der Theker irgendetwas, und der Rothaarige stürzte sich mit geballten Fäusten auf sie.
Danach gerieten Rakks Erinnerungen ordentlich durcheinander.
Sie wusste noch, dass sie ein paar heftige Hiebe des Rotschopfes eingesteckt hatte und selbst nur ein- oder zweimal richtig zum Zug gekommen war. Sie wusste auch, dass ein Krug sie seitlich am Schädel getroffen und anschließend den Rausschmeißer ausgeschaltet hatte, der sie mit einem Nackenhebel festhalten wollte.
Schließlich fiel ihr auch noch ein, dass sie sich vor der Schenke im Matsch gewälzt hatte. Sie hatte sich auf einen Arm gestützt und dem Rausschmeißer ein paar fröhliche Verwünschungen hinterhergerufen, als dieser mit dem Theker in die Schenke zurückwankte. Dann hatte sie sich umgeschaut und den jungen Mann mit ausgestreckten Gliedmaßen neben sich auf der verdreckten Straße liegen sehen. Er wollte sich erheben, aber es gelang ihm nicht ganz. Rakk stand auf und zog ihn mit einer Hand auf die Beine.
»Mann«, sagte sie, »das war eine der besten Kneipenschlägereien, an der ich je teilnehmen durfte.«
Der junge Mann stierte mit leerem Blick geradeaus, dann konzentrierte er sich auf sie.
»Man darf nicht zulassen, dass ein Rauschmeißer einen auf diese Weise gegen eine Wand knallt«, fuhr sie fort und wischte den gröbsten Teil des Schmutzes vom Hemd des Mannes ab. »Es kann verdammt wehtun. He, ich geb einen aus, in Ordnung?«
Der Mann nickte. »Die Schenke … da drüben …«, sagte er und deutete die Straße hinauf.
»Großartig.« Rakk half ihm bei den ersten Schritten, bis er wieder fest auf den Beinen stand. »Sag mal, hast du gesehen, wer der Schwachkopf war, der mich während der Schlägerei fortwährend mit Krügen beworfen hat? Immer wenn ich hingeschaut habe, war er wieder weg. Der Bursche muss schnell wie der Blitz gewesen sein.«
»Dasch war ich«, sagte der Mann.
»Was?« Sie fragte sich, wie fest er gegen die Mauer geknallt war.
»Ich, ich«, wiederholte er. »Ich bin … Ich heiße … Sean.«
»Freut mich, dich kennen schu lern’, Sean. Ich bin Rakk vom Planeten Ktoll.« Als sie die andere Schenke erreichten, sagte sie:
»Ach ja, hier war ich schon mal. Hier bin ich mindestens schon drei Wochen nicht mehr rausgeflogen. Wahrscheinlich erinnert sich keiner mehr an mich.«
Sean grinste schief und betastete behutsam seine Wange. »Ich glaube, ich werde mich noch sehr lange an dich erinnern, Mestra.«
An der Tür zögerte er, dann glättete er Umhang und Kragen und hielt ihr den Arm hin. »Sollen wir eintreten, Mestra?«
Rakk hängte sich stolz bei ihm ein, und sie wankten zusammen über die Schwelle, wobei sie sich mehr oder weniger gegenseitig stützten.
Die Frau hatte den Eindruck, dass sie Stunden in der Schenke verbrachten. Die beiden fläzten sich an einen großen Eichentisch, tranken Firi und tauschten Geschichten, Lieder und Gedichte aus.
Rakk erfuhr, dass Sean ein großer Freund von Gedichten aus der ganzen Galaxis war. Besonders mochte er die terranische Poesie. Sie wusste noch, dass er mehrere Verse rezitiert hatte. Einer davon endete mit den Worten: »… grenzenlos und kahl die Wüste sich erstreckt … in endlos weite Fernen.«
Sean lächelte glücklich und beugte sich über den Tisch. Auch Rakk lächelte. Es war ihm gelungen, die Rezitation zu beenden, ohne mehr als drei Zeilen zu vergessen. Und er hatte nur zweimal neu angefangen.
»Das war wun … nerbar«, sagte Rakk und versuchte sich an seine Worte zu erinnern. »Wer war dasch? Dieser Scheekschpier?«
»Percy Bysshe Shelley«, sagte Sean und sprach jedes einzelne Wort wie etwas Heiliges aus. »Noch ‘n uralter terranischer Barde. Ein Glanzlicht in der Geschichte der Menschheit.« Er versuchte, ihr das Glanzlicht zu erklären, doch seine Hand knallte gegen einen Krug auf dem Tisch und warf ihn zu Boden. Rakk zog den Schluss, dass auch seine Lichter bald erlöschen würden, deswegen schob sie seinen noch halb vollen Krug stillschweigend aus seiner Reichweite.
»Sag mal, Rakk, warum prügelst du dich so oft?«
Die Frage überraschte sie. »Teufel auch, Sean, weiß ich nicht.
Wahrscheinlich weil ich so gut prügeln kann wie saufen und Sternenschiffe reparieren. Manchmal, glaub ich, bin ich auch nur sauer auf was.«
»Das kann man wohl sagen«, erwiderte er und betastete vorsichtig sein geschwollenes Auge.
»Ich werd eben wütend, wenn ich seh, dass die Leute hinterrücks über mich grinsen. Oder mich ignorieren. Oder zu wissen glauben, wie ich bin. Teufel auch, die meinen alle, wir Ktoller sind blöd, weil wir so groß sind. Selbst meine Lehrer waren davon überzeugt. Sie haben mich immer härter rangenommen als die anderen. Und jetzt kann ich Probleme beseitigen, an denen sich Schiffsingenieure wochenlang die Zähne ausbeißen! Aber respektiert man mich? Nee!
Wenn ich also mitkriege, dass irgendein Blödmann mich veräppelt, lenke ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich und zeige ihnen, dass man so was lieber nicht tun sollte. Klappt auch ganz gut.«
»Glaub ich«, sagte Sean. »Aber warum bist du auf mich losgegangen? Ich hab doch nix Derartiges getan.«
»Ach, ich hab dich für irgend’n örtlichen Angeber gehalten, der sich nur aufspielen will. Ich dachte, erweis der Gemeinschaft mal
‘nen Dienst und hol ihn aus der Kreisbahn. War wohl falsch. Biste noch sauer, Sean?«
»Nein, nein. Nicht mehr. Du warst auch nicht viel schlimmer als mein Fechtlehrer. Außerdem hätte ich dich sonst nicht kennen gelernt. Du gefällst mir, Rakk. Du gehörst zu den wenigen Menschen, die mich wie einen Menschen behandeln und nicht wie einen Comyn. Wahrscheinlich komme ich deswegen immer wieder in die Schenken der Handelsstadt. Um Menschen wie dich zu treffen
- auch wenn ich ein paar Schrammen davontrage.«
»Ach, Sean, du bist lieb«, sagte Rakk. Sie beugte sich vor und küsste ihn schnell auf die Stirn.
Sean wich überrascht zurück, dann lächelte er. »Darauf, Mestra«, sagte er, »wollen wir noch einen heben.« Er beugte sich dem Krug entgegen.
»Ach, nein«, sagte Rakk und schob den Krug erneut aus seiner Reichweite. »Du hast genug, mein Freund.«
Sean lehnte sich in Richtung Krug über den Tisch. »Auch Robert Browning war ein großer alter Poet. Er hat gesagt: Die Reichweite eines Mannes sollte die seines Arms übertreffen, sonst … sonst …«
»Sonst ist es Zeit, nach Hause zu gehen«, sagte Rakk und zog den Krug noch dichter an sich.
»Sonst … Ah … Sonst ist der Himmel überflüssig!«, sagte Sean stolz und zwinkerte dem Krug zu.
Der Krug vibrierte. Als Rakk ihn anschaute, entglitt er ihren Händen und flitzte mit kleinen, ruckartigen Bewegungen über den Tisch. Sean musterte ihn, und sein Gesicht zeigte einen konzentrierten, beutegierigen Ausdruck. Plötzlich machte der Krug einen Satz und flog über die verbleibenden letzten Zentimeter hinweg in seine Hände.
Als Sean den Krug musterte, stand Rakk langsam auf. Ihre adrenalinschwangere Euphorie hatte sich in Nüchternheit verwandelt. Sie ging langsam zur Tür. Sean hob den Krug mit beiden Händen hoch, doch als er einen Schluck trinken wollte, kippte alles über sein Gesicht. Rakk glitt zur Tür hinaus und rannte durch die Straße.
Sie hörte erst auf zu rennen, als sie das terranische Hauptquartier erreichte. Danach wusste sie nur noch eins: Sie war in ihr Quartier gestolpert, hatte sich im Bad übergeben, war ins Bett gefallen und hatte sich wie ein kleines Kind in ihre Decken gewickelt.
Rakk trank einen Schluck des fünften Firi, den sie beim Nachdenken bestellt hatte. »Wenn man besoffen ist, fliegen keine Krüge«, murmelte sie vor sich hin. »Na ja, es spielt jetzt keine Rolle mehr.«