»Und es bestand kein Grund, ihn zu töten, sagt Ihr?«

»Nee, nee, kein Grund. Er war nur draußen auf’m Feld und hat sich ums Getreide gekümmert.« Nervös wandte die Witwe den Blick von Janna ab und musterte einen anderen Anwesenden. Er hieß Ruyvil und schien unter den Männern des armen Dorfes zu den prominenteren zu gehören.

»Wenn ihr mich fragt, sind alle Entsagenden verrückt«, stieß Ruyvil hervor. »Der Rat der Comyn sollte die Charta kündigen und euch an Männer verheiraten, die euch so lange auspeitschen, bis ihr wieder vernünftig werdet. Die Trockenstädter machen es schon richtig - sie legen ihre Frauen in Ketten!«

Janna ignorierte ihn. »Euer Verlust tut mir Leid«, sagte sie zu der Witwe. »Auch ich habe einen Freipartner, und er bedeutet mir sehr viel …«

»Er ist fraglos ein Sandalenträger«, murmelte Ruyvil.

»Falls Eure Familie Hilfe bei der Ernte braucht, werden meine Gildenschwestern und ich tun, was wir können.«

»Nee, danke, Mestra«, sagte die Witwe und trat ein Stück zurück, was es für Janna noch schwieriger machte, ihre Gesichtszüge zu erkennen. »Ich hab drei erwachs’ne Söhne, die mir helfen könn’n.

Zwei sind Junggesellen.«

Janna streckte die Arme aus, um die Witwe tröstend zu umfangen, aber die kleine Frau zuckte zurück. Also murmelte die Entsagende nur einen freundlichen Spruch und ging hinaus.

Draußen, fern der stickigen Hüttenluft und der vielen Trauernden

- Janna zweifelte nicht daran, dass sich die gesamte Einwohnerschaft des Dörfchens darin versammelt hatte -, inhalierte sie tief die kühle, frische Luft. Das Dorf war auf dem Land der Ridenows und fast ebenso weit von den Herrenhäusern der Serrais, Altons und den Trockenstädten entfernt. Mit anderen Worten: völlig abgelegen.

Normalerweise gab es in Ortschaften dieser Größe kein Gildenhaus, aber eine bescheiden wohlhabende Matrone aus dieser Gegend hatte sich als Witwe den Entsagenden angeschlossen. Da sie kinderlos war, hatte sie der Gemeinschaft ein Gestüt vererbt, das nun als Gildenhaus und Hauptquartier dieser Gegend diente. Das Gestüt versorgte die anderen Gilden mit Reittieren. Einige Schwestern halfen den Frauen in den verstreuten Dörfern als Hebammen, bereisten regelmäßig die Umgebung und besuchten ihre Kundschaft. Es gab auch einen kleinen Stall und ein Stück Land, auf dem die Entsagenden Futter für die Reittiere und das Milchvieh anbauten und Gemüse anpflanzten, um die Unabhängigkeit der Gilde zu gewährleisten.

Janna war weder hier geboren, noch lebte sie in diesem Ort. Als älteste Tochter der Familie Hastur hatte sie eine gewisse Zeit in einem Turm verbracht, eine Comyn-Ehe jedoch abgelehnt und sich den Entsagenden angeschlossen. Sie wollte selbständig sein und war es auch. In Thendara hatte sie einen Stellmacher als Freipartner genommen, von dem sie Kinder hatte. Inzwischen hatte sie auch Enkel. Sie war in ihrem Leben als Begleiterin und Leibwächterin vieler reisender Comyn-Frauen geritten. Man hatte sie als Fährtensucherin angeheuert. Wenn nötig, hatte sie auch bei der Brandbekämpfung mitgewirkt und mit Angehörigen des Rat der Comyn über Dinge diskutiert, welche die Entsagenden betrafen. Als Mutter Rayna, die örtliche Gildenmutter, die Botschaft nach Thendara gesandt hatte, eine Entsagende habe einen Mord begangen und man benötige Hilfe, hatte das Gildenhaus Janna geschickt.

»Die Witwe ist von ihrem Gatten verprügelt worden, nicht wahr?«, sagte Janna zu Rayna, als sie im Gildenhaus ihren Umhang aufhängte.

»Und zwar sehr oft«, bestätigte Rayna. Sie ging mit Janna aus dem Umkleideraum in ihr eigenes Zimmer. Die Gildenmutter war ebenso gekleidet wie Janna; sie trug Hosen, ein dickes Hemd, eine Weste und Stiefel. »Sie hat sich nicht getraut, ihn zu verlassen, und ich bezweifle, dass sie allzu sehr über sein Ableben trauert. Aber es ist die zweite Leiche in zwanzig Tagen, und ich fürchte, der Rat der Comyn wird sich der Sache annehmen, wenn wir sie nicht bald schnappen. Außerdem sehe ich in allen sieben Domänen Gefahren für den Bestand unserer Charta.« Sie nahm auf einem Stuhl an der Feuerstelle Platz und bedeutete Janna, es ihr gleichzutun.

Die Frau setzte sich. Dabei bemerkte sie, wie müde und wund ihre Muskeln von dem langen Ritt, dem kurzen Aufenthalt im Gildenhaus und dem Fußmarsch vom Haus der Witwe bis hierher geworden waren. Sie hatte weder ihre Reisekleidung abgelegt, noch wusste sie, wo die anderen Gildenschwestern ihr Gepäck und ihr Pferd hingebracht hatten.

»Du hast gesagt, du hättest Liriel nach dem ersten Todesfall angewiesen, im Gildenhaus zu bleiben, und dass sie entwischt ist.

Damit hat sie sich zur Gesetzlosen gemacht. Man könnte sie auf gesetzlicher Grundlage zur Strecke bringen.«

Rayna breitete die Arme aus. »Versuch doch, sie zu erwischen.«

Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Es war, wie das kupferrote Haar Jannas, von grauen Strähnen durchzogen, allerdings war es schwarz. »Liriel war schon eigensinnig und stur, als sie zu uns kam.

Sie ist eine Nedestra der Familie Ridenow und in einem Dorf nördlich von hier aufgewachsen. Eines Tages stand sie vor der Tür.

Normalerweise erscheinen über kurz oder lang die Verwandten hier, um sich nach den Frauen zu erkundigen, die sich uns angeschlossen haben - entweder wütend, wenn die jungen Dinger fortgelaufen sind, oder um sich von ihrem Wohlergehen zu überzeugen, falls sie mit dem Wissen der Ausreißerinnen kommen.

Doch nach Liriel hat sich niemand erkundigt.«

»Warum habt ihr sie aufgenommen, wenn sie so rebellisch war?«

»Sie war eben nicht schwierig - jedenfalls nicht am Anfang. Sie wollte unbedingt zu uns gehören und hat ihr Haushaltsjahr mit der gleichen Zielstrebigkeit absolviert wie jede andere Aufgabe.

Niemand hat sich über sie beschwert. Sie hat alles fleißig angenommen, was wir sie gelehrt haben - besonders den Fechtunterricht. Als das Jahr abgeschlossen war, hat sie dem Haus gut gedient. Doch dann hat sich langsam alles geändert. Sie hat behauptet, eine Gildenschwester hätte mit ihr gesprochen. Aber die Frau hat es abgestritten. Dann sagte sie, sie höre Stimmen, die aus dem Brunnen kommen. Die Hebammen erzählten, Liriel hätte im Wald behauptet, dass die Bäume und der Himmel zu ihr sprechen.«

»Was habt ihr unternommen?«

Rayna zuckte die Achseln. »Was hätten wir schon unternehmen können? Wir haben versucht, sie zu beschäftigen. Es hat ein wenig geholfen, aber ihr fortwährendes Gerede über Stimmen ging den anderen Schwestern allmählich auf die Nerven. Ich entwickelte den Plan, sie in einen Turm zu schicken, um zu sehen, ob die Leroni ihr helfen können, wie sie es manchmal bei schwierigen Krankheiten machen. Aber bevor ich einen Brief abschicken konnte, ging Liriel eines Abends hinaus und brachte Alaric um.«

Janna verlagerte ihr Gewicht auf dem Stuhl. »Wer war Alaric?«

»Er war ein Tunichtgut und hatte in allen Dörfern in der Umgebung einen schlechten Ruf. Die meisten Eltern haben ihre Töchter versteckt, wenn sie ihn sahen. Einige Mädchen - Alaric war immer nur hinter heranwachsenden Frauen her - haben ausgesagt, er hätte sie gegen ihren Willen genommen. Aber er blieb nie lange genug an einem Ort, dass jemand ihn hätte schnappen können.

Liriel stand am nächsten Morgen mit blutigen Kleidern vor der Tür und verkündete, Zandru sei ihr erschienen und habe sie angewiesen, Alaric zu ihm zu schicken. Sie war ziemlich ruhig - sie zog sich um, nahm ein Bad und verzehrte ihr Frühstück, während die anderen am Tisch saßen und kein Wort über die Lippen bringen konnten.«

Janna seufzte.

»Es gibt nicht viele, die Alaric vermissen«, fuhr Rayna fort. »Einige Väter der Mädchen, die er vergewaltigt hat, haben gesagt, Liriel hätte nur das getan, was sie am liebsten auch getan hätten. Dabei habe ich ihr befohlen, das Haus nicht zu verlassen, bis ich an die Leroni geschrieben hatte. Doch bevor ich den Brief aufgesetzt hatte, ist sie entwischt. Deswegen habe ich eine Schwester zu den Leroni und eine andere nach Thendara geschickt. Du warst als Erste hier, doch inzwischen hat Liriel schon wieder getötet.«

Janna rieb sich die Stirn. »Ich habe eine Periode in einem Turm verbracht. Fälle wie dieser wurden den Leuten dort schon früher geschickt. Ich glaube, man wird dir antworten, dass man nichts dagegen tun kann. Es ist vielleicht besser, wenn sie im Wald irgendwelche giftigen Kräuter isst und die Götter sie zu sich holen.

Sonst wird sie ein leidvolles Leben führen - entweder angekettet, damit sie nicht wieder tötet, oder draußen in der Wildnis, wo sie sinnlos weiter Menschen umbringt, bis sie selbst einem Mörder zum Opfer fällt.«

Lange Zeit sagte niemand etwas. Schließlich ergriff Rayna das Wort: »Es tut mir Leid. Ich will ganz ehrlich sein: Liriel war mir zwar keine Freundin, aber ich habe in all den Jahren noch nie bei einer Gildenschwester versagt, so schwierig sie vielleicht auch war.

Doch jetzt habe ich das Gefühl, mein Soll nicht erfüllt zu haben.«

»Es wäre schlimmer«, erwiderte Janna, »wenn wir gar nichts täten.

Es gibt viele Menschen, für die wir Entsagenden Perverse und Rabauken sind. Ein einziger Mordfall in unseren Kreisen könnte den Ruf der Gilde in allen sieben Domänen ruinieren. Arbeitgeber werden uns nicht mehr beschäftigen; die Menschen werden uns noch mehr fürchten, und man wird an den Rat der Comyn appellieren, die Charta für ungültig zu erklären. Wir müssen den Fall selbst lösen, und zwar schnell.«

Rayna lächelte. »Aber nach der Reise kannst du dir doch gewiss die Zeit nehmen, dich auszuruhen und etwas zu essen, oder?«

»Essen … ja, ein wenig. Dann muss ich hinaus, um sie zu finden, bevor ihre Spur verwischt ist.«

»Ich glaube nicht, dass sie weit gekommen ist.«

»Umso leichter kann ich sie erwischen.«

Janna fing auf dem Feld hinter dem Bauernhof der Witwe an.

Obwohl die Abdrücke schon einen Tag alt waren, machte sie die Spuren in dem getrockneten Morast schnell aus. Die dicken Sohlen der Stiefel, welche die Entsagenden herstellten, waren auf eine bestimmte Weise geriffelt, damit sie besser in die Erde griffen. Das Muster war eindeutig. Janna schaute auf und schätzte, dass die Mittagsstunde gerade vorbei war. Falls Liriel sich noch in dieser Gegend aufhielt, musste sie die Flüchtige bei Einbruch der Dunkelheit finden. Sie stand auf und wischte sich den Staub von den Händen. Wenn sie die Abtrünnige aufgespürt hatte, wollte sie die Frau nach Hause bringen und in einen Raum einsperren, bis Mutter Rayna entschieden hatte, wie mit ihr zu verfahren war. Vor ihr lag eine Menge Arbeit.

Die Fußabdrücke führten in den das Land umgebenden Wald.

Nach der Spur zu urteilen, die Liriel hinterließ, unternahm sie keinen Versuch, eine Verfolgung zu erschweren. Janna vermutete, dass es an dem Tag vor dem Tod des zweiten Opfers geregnet haben musste, denn jetzt war der Boden trocken und die Abdrücke gut zu erkennen. Sie führten an einen Platz am Fluss, der vom Dorf aus nicht einsehbar war. Dort brannte ein Lagerfeuer. Janna erblickte ein primitives Schutzdach, das aus drei Ästen und langen Gräsern bestand.

Liriel ging neben dem Lagerfeuer auf und ab. Sie hatte Janna noch nicht erspäht. Die Fährtensucherin kroch vorwärts und schirmte sich von ihrem Opfer ab, indem sie es, hinter Bäumen versteckt, umkreiste. Als sie näher kam, hörte sie Liriel vor sich hinreden.

Janna lugte hinter dem Baumstamm hervor und bemühte sich, die Worte zu verstehen.

Liriel verstummte abrupt. Janna zog den Kopf zurück. Sie zückte ihr Schwert und erkannte anhand der raschelnden Geräusche von Liriels Stiefeln, dass die Frau sich ihr näherte. Als sie glaubte, die Abtrünnige stünde genau hinter dem Baum, fuhr sie mit erhobener Klinge herum.

Liriel schaute sie an. Über ihren großen braunen Augen hingen einige rote Locken in die Stirn. Ihr Gesicht war glatt und faltenlos, in ihrem Haar zeigte sich noch keine Spur von Grau. Sie überragte Janna um einen halben Kopf. Ihr Körper war stämmig, ihr Gesichtsausdruck ernst.

»Man könnte dich eine Gesetzlose nennen, wenn du angesichts einer Schwester das Schwert ziehst«, sagte Liriel warnend.

»Du bist die Gesetzlose, denn du bist nicht bereit, dich der Disziplin deiner Gildenmutter zu unterwerfen.«

Liriel richtete sich stolz auf. »Zuerst gehorche ich den Gesetzen der Götter, erst dann denen der Gilde. Das habe ich geschworen, als ich den Eid abgelegt habe.«

Janna veränderte ihre Stellung, hielt den Griff des gezückten Schwertes jedoch sehr fest. Liriel tobte nicht. Vielleicht, dachte Janna, gab es in ihr noch ein Quäntchen Vernunft, das man ansprechen kann. »Dann hast du die beiden Männer also auf Anweisung der Götter getötet?«

»Natürlich.« Liriels Ton war anzumerken, dass sie nur etwas aussprach, was jeder wusste. »Ich gebe zu, es war ein Fehler, dass ich den ersten mit dem Schwert getötet habe. Zandru hat nicht erwähnt, dass es auch eine andere Möglichkeit gibt. Avarra hat mir gesagt, wie man tötet, ohne dass Blut fließt. Ohne Waffe - nur mit dem Geist.« Sie berührte ihre Stirn. »Sie hat mir den Fehler vergeben. Als Entsagende hätte ich sowieso nicht auf Zandru hören sollen. Sie hat mir eine neue Aufgabe gestellt. Möge Avarra selbst mich verurteilen, wenn ich versage.«

Janna bemühte sich noch immer, in Erfahrung zu bringen, was Liriel mit ihrem Laran angestellt hatte. Ein Telepath mit der Alton-Gabe konnte kraft seiner Gedanken töten. Verfügte Liriel über die Alton-Gabe? Janna wusste es nicht. Man brauchte einen Alton, um einen Alton zu prüfen. Sie selbst hatte die Hastur-Gabe. Wenn Liriel wirklich eine Nedestra der Familie Alton war, musste sie über die Ridenow-Gabe verfügen, die sich entweder bei empathischem Kontakt oder der Verständigung mit fremden Lebewesen zeigte.

Aber das bedeutete nicht, dass sie ihre Behauptung nicht hätte in die Tat umsetzen können. Das Laran war an sich schon eine mächtige Waffe.

Janna leckte sich nachdenklich die Lippen. »Wenn du wirklich Anweisungen von den Göttern erhältst, Schwester, wird Mutter Rayna einsehen, dass sie dich falsch beurteilt hat. Darf ich auch zu ihnen sprechen? Dann wirst du frei sein. Wenn nicht, werden dich deine Gildenschwestern ein Leben lang für eine Gesetzlose halten

…«

»Du … ?« Liriel hatte diese Bitte eindeutig nicht erwartet. Bevor Janna noch irgendetwas sagen konnte, drehte Liriel jäh den Kopf und schaute ihr Gegenüber wieder an. »Da du eine Hastur von den Hasturs bist, sagen sie, dass du sie vielleicht auch sehen kannst.

Steck dein Schwert ein und komm.« Sie ging zum Lagerfeuer zurück.

Janna tat, worum die andere sie gebeten hatte, doch nicht, weil sie Liriel traute, sondern weil die junge Frau nur ein Messer hatte und sie zuversichtlich war, dass sie die Flüchtige überwältigen konnte, falls es zu einem Kampf kam.

Liriel blieb am Feuer stehen und deutete hinein. »Schau in die Flamme.«

Janna sah nur ein Feuer. Aber sie spürte ein Kitzeln in ihrer Kehle.

Ohne dass Liriel sie dazu drängte, packte sie ihre Matrix aus und bündelte ihr Laran durch den Stein, um in die Flamme zu blicken.

Es blendete. Sie ließ die Matrix fallen. Der Stein am Ende des Bandes um ihren Hals prallte gegen ihr Brustbein. Sie hob den Arm, um ihre Augen zu schützen, doch das Licht war in ihrem Geist. Es ließ sich nicht vortreiben. Es wollte auch nicht weichen, wenn sie den Kopf drehte oder die Lider schloss. Es war überall in ihrem Kopf und in ihren Ohren, Der Geruch strömte ihr in die Nase. Ihre Zunge konnte es schmecken. Es drang in ihr gesamtes Ich vor und entließ sie dann in die Dunkelheit.

Janna öffnete die Augen. Sie schaute zu den Sternen auf. Das Licht wurde von einem Kreis aus Baumwipfeln eingefasst. Sie lag auf dem Rücken. Sie drehte sich. Das Lagerfeuer bestand nur noch aus Glut.

Liriel war weg.

Janna stöhnte und setzte sich auf. Sie tastete ihre Arme und Beine ab. Es schien alles in Ordnung zu sein. Ihr Kopf wies keine Schramme auf, und er dröhnte auch nicht. Sie verspürte einen dumpfen Kopfschmerz, als hätte sie Fieber gehabt, doch es war nicht mal störend. Sie atmete die Nachtluft ein und stieß sie mit einem Seufzer wieder aus. Liriel zu schnappen war wohl schwieriger, als sie sich vorgestellt hatte.

Dann kehrte sie zum Dorf zurück. Bevor sie das erste Haus erreichte, hörte sie einen Schrei. Als sie in Richtung des Geräuschs rannte, sah sie einen Mann, der tot auf einer Türschwelle lag. Eine Frau ragte über ihm auf; sie hatte sich die Hand in den Mund geschoben, um ihren eigenen Schrei zu ersticken. Der Tote war Ruyvil. Und wie das Opfer, das die Entsagende zuvor gesehen hatte, war er äußerlich unverletzt.

Janna blieb stehen und erblickte die sich schnell nähernde Mutter Rayna. »Hast du gesehen, wer es war, Gwynnis?«, fragte Rayna die Frau auf der Türschwelle.

Gwynnis nahm die Hand aus dem Mund. »Nee, nee. Ich hab ‘n Poltern auf der Treppe gehört und gedacht, Ruyvil ist wieder betrunken. Ich hab die Tür aufgemacht, und da lag er hier.«

Ein paar Neugierige versammelten sich um sie. »Ich kümmere mich um meinen Vetter«, sagte ein Mann, der die Entsagenden finster anschaute.

Rayna und Janna tauschten einen Blick und gingen zum Gildenhaus zurück. »Es war zweifellos Liriel«, sagte Rayna, als sie im Haus waren. Sie führte Janna in die Küche, holte ein paar Äpfel und eine kalte Fleischpastete hervor und legte alles mit einem Teller und einer Gabel vor Janna ab. »Hier, iss, du siehst aus, als kämst du gerade aus Zandrus siebenter Hölle.«

»Ich war vielleicht wirklich dort.« Während Janna aß, berichtete sie, was sich an diesem Nachmittag zugetragen hatte. Als sie ihre Mahlzeit beendet hatte, fügte sie hinzu: »Entweder hat Liriel die Alton-Gabe, die sie auf mich projiziert hat, oder die Gabe der Ridenows und steht in Verbindung mit irgendetwas, das nicht von dieser Welt ist. Sie glaubt, es sind die Götter.«

»Vielleicht ist sie wirklich wahnsinnig und setzt ihr Laran ein, um dich an ihren Wahnvorstellungen teilhaben zu lassen.«

»Gut möglich«, sagte Janna nachdenklich. »Als ich im Turm an der Reihe war, wurde jemand mit Laran zu uns gebracht, der seine Kraft nicht steuern konnte. Die Bewahrerin hat dem Opfer die Laran-

Zentren aus dem Hirn gebrannt, ohne dass ihm sonst etwas passiert ist. Es wäre wohl das Beste, Liriel einzufangen und in einen Turm zu bringen.«

»Aber kann man sie fangen, ohne dass weitere Menschen sterben müssen?«, sagte Rayna. »Vielleicht setzt sie sich gegen dich zur Wehr. Dann musst du sie töten. Nach den Regeln der Gilde ist sie schon jetzt eine Gesetzlose.«

Janna rieb sich die Augen. »Ich weiß nicht. Am liebsten würde ich jetzt hinausgehen und sie suchen …«

»Nein«, sagte Rayna und schlug auf den Tisch, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

Janna lächelte. »… aber ich bin nicht mehr so jung wie früher. Ich muss mich eine Nacht ausruhen und darüber nachdenken. Vielleicht finden wir morgen eine Lösung.«

»Gut«, sagte Rayna. »Bis du einen Entschluss gefasst hast, habe ich eine andere Neuigkeit für dich: Als du Liriel heute Nachmittag suchtest, habe ich von deinem Bruder in Thendara eine Nachricht erhalten. Die Geschehnisse sind dem Fürsten Serrais zu Ohren gekommen. Er ist mit mehreren Gardisten auf dem Weg zu uns.

Außerdem gibt es Gerüchte, laut denen der Rat uns die Entsagenden-Charta entziehen will. Dein Bruder blockiert zwar den Rat, aber er konnte Fürst Serrais nicht im Zaum halten. Wenn wir Liriel nicht bald schnappen, wird sich zweifellos jemand anders um sie kümmern.«

Janna nickte. »Wenn er dir eine Botschaft geschickt hat, hat er bestimmt auch Mutter Margali im Gildenhaus von Thendara unterrichtet.«

»Es ist schön, einen Bruder zu haben, der die Entsagenden unterstützt.«

Janna lächelte. »Nicht alle Männer sind gegen uns. Ich habe zufällig einen geheiratet, der ebenfalls auf unserer Seite steht.«

Als Janna am nächsten Morgen ihre Stiefel anzog, hatte sie einen Plan ausgetüftelt. Sie nahm das Frühstück mit den anderen Gildenschwestern im Haus ein. Einige Frauen boten ihr an, sie zu begleiten, doch Janna war der Ansicht, dass eine Suchgruppe Liriel entweder zur Flucht verleiten oder zu einem weiteren Mord treiben würde, so dass man auch sie würde töten müssen. Deswegen lehnte sie das Angebot dankend ab.

Die Schwestern in der Küche packten einen Rucksack mit Proviant für sie. Janna ließ ihr Pferd im Stall und ging erneut zu Fuß los. In einer bestimmten Entfernung von Liriels Lager - die Abtrünnige befand sich am gleichen Ort wie am Tag zuvor - nahm Janna unter einem Baum Platz. Ein Gebüsch schirmte sie vor Liriels Blicken ab, aber sie konnte die Frau durch die dünnen Zweige sehen. Janna drehte sich um, lehnte sich an den Baumstamm und aß ein wenig von dem Proviant. Dann warf sie einen zweiten Blick durch das Gebüsch. Liriel war noch da, sie saß am Lagerfeuer und murmelte vor sich hin.

Behutsam, als könne das Rascheln der Seide Lärm erzeugen, packte Janna ihre Matrix aus. Im Turm hatte sie als Überwacherin gearbeitet. Sie wusste, wie man die Körperfunktionen eines anderen aus der Ferne regulierte. Man hatte sie auch das Heilen gelehrt, daher kannte sie alle inneren Mechanismen des Körpers. Doch das Wichtigste war: Sie wusste, wo die Laran-Zentren des Gehirns lagen.

Wenn es ihr gelang, irgendwie darauf einzuwirken, konnte sie Liriel vielleicht von den Dämonen befreien, von denen die Frau besessen war. Es war nicht einfach, und es bestand durchaus die Gefahr, dass Liriel dabei starb, doch Janna hatte keine Alternativen mehr. Wenn sie in Sachen Liriel nichts unternahm, würden sich die Dorfbewohner oder Fürst Serrais und seine Gardisten ihrer annehmen.

In den Domänen betrachtete man einen Mord - wenigstens im abstrakten Sinn - mehr oder weniger als Privatangelegenheit, doch Janna hatte oft festgestellt, dass die Leute allgemein geäußerte Ansichten in der Praxis nicht befolgten. Sie nahm an, dass die Hinterbliebenen der drei Männer, die Liriel getötet hatte, ihre Peiniger nicht allzu sehr vermissten. Doch da sie nicht durch eines empörten Vaters oder Vetters Hand gestorben waren, sondern durch die einer Entsagenden, war die öffentliche Entrüstung sogar bis nach Thendara gedrungen. Dies bestätigte, was Janna aus Erfahrung längst wusste: Eine Tötung rief auch dann, wenn das Opfer ein böser Mensch war, oft mehr Probleme hervor, als sie löste.

Die Entsagende wollte die Angelegenheit nicht noch weiter verkomplizieren, indem sie Liriel umbrachte, solange es in ihrer Macht stand, etwas anderes zu tun. Abgesehen davon hatte Janna noch nie eine Gildenschwester auch nur verletzt, nicht mal eine Abtrünnige. Sie hatte das Gefühl, dass Liriels Tod in etwa so war, als würde man einen Arm amputieren, um ein Muttermal loszuwerden.

Sie nahm die Überwacherhaltung ein, damit ihre Muskeln sich nicht verkrampften, wenn sie bis zum Sonnenuntergang hier sitzen musste. Dann konzentrierte sie sich auf die Matrix und suchte das Energonennetz, aus dem Liriels Körper bestand. Vorsichtig, damit die Flüchtige nichts bemerkte, sondierte Janna ihr Gehirn, erreichte das Laran-Zentrum und isolierte die Zellen.

Nein.

Janna zog sich zurück. Als sie sich zur Seite lehnte, erspähte sie Liriel wieder am Feuer. Nichts an der jungen Frau deutete an, dass sie die psychische Sondierung bemerkte. Janna musste es sich eingebildet haben. Wahrscheinlich war sie zu nervös. Sie verlagerte ihr Gewicht und machte einige Atemübungen, um sich zu beruhigen. Dann unternahm sie einen neuen Versuch.

Da.

Sie hatte die richtige Zellgruppierung gefunden. Nun konnte sie diesen Teil des Gehirns Zelle für Zelle lahm legen.

Irgendetwas packte sie. Nein, es packte Liriel. Nein, es war wieder das Licht, das gleißende Licht in Liriels Psyche. Janna warf ihre Entschlossenheit wie einen Haken aus und zog. Sie kam sich vor wie ein Banshee, der sich mit einem anderen um ein Stück Fleisch stritt.

Nur bestand das Fleisch aus Liriels Laran. Ihr Gegenspieler riss und zerrte. Janna erblickte, wie durch ihre Augen, die Gestalten, die Liriel sah. Es waren helle Wesen, die aussahen wie Menschen.

Lasst sie los!, befahl Janna in Liriels Geist.

Nein, kam die Antwort. Wir brauchen sie für unsere Rache.

Für welche Rache?

Wir sind hier in einem Krieg gestorben. Wir haben ständig gerufen, damit sich jemand bei uns meldet. Die hier hat uns geantwortet. Wir werden sie benutzen, damit sie jene sucht, die uns hierher geschickt haben.

Es hat seit Generationen keinen Krieg mehr gegeben. Jene, die euch getötet haben, sind nicht mehr unter uns. Die Toten haben keinen Anspruch auf die Lebenden.

Dann töten wir eben ihre Söhne und die Söhne ihrer Söhne … Ihre Wut brannte wie Säure.

Janna zuckte zusammen, blieb aber standhaft. Die Altons waren mächtig, die Ridenows empfindlich, aber die Hasturs der Legende hatten sogar die Götter gebunden und gebannt.

Janna enthüllte ihre Gabe, die der Stärke und Brillanz ihrer Widersacher ebenbürtig war. Sie droschen auf die Abschirmung der Entsagenden ein. Janna wankte zwar, gab ihre Stellung aber nicht auf.

Irgendetwas … Nein, irgendjemand stärkte ihr den Rücken. Liriel.

Mit steigender Zuversicht richtete Janna sich vor den Übeltätern auf, umstellte sie, erstickte sie und schickte sie zurück in die Vergessenheit der Toten.

Als sie in ihren Körper zurückkehrte, keuchte sie auf. Liriel war neben ihr und legte den Kopf auf ihre Schulter. Janna nahm sie schwach in die Arme.

»Es tut mir Leid, Schwester«, sagte Liriel. »Ich werde mich allem unterwerfen, was die Gilde in meiner Sache beschließt.«

Janna setzte den letzten Rest ihrer psychischen Kräfte ein, um Liriels Hirn zu untersuchen. Ein Teil ihres Laran-Zentrums war verschwunden, aber nicht alles. »Hörst du noch immer Stimmen?«

»Nein. Mir ist, als wäre ich aus einem Alptraum erwacht.«

Janna lächelte. »Ich glaube, du hattest die Ridenow-Gabe, aber sie war weitaus empfindlicher als die jedes anderen Ridenow. Dein Geist hat eine Präsenz berührt, die niemand je zu Gesicht bekommen sollte.« Sie küsste Liriels Kopf. »Mach dir keine Sorgen.

Jetzt ist es vorbei.«

»Was glaubst du, wird Mutter Rayna machen?«, fragte Liriel besorgt.

Janna drückte sie an sich. »So schlimm, wie du es dir vorstellst, wird es wohl nicht werden, dessen bin ich mir sicher. Ich glaube, man wird es dir hoch anrechnen, wenn du mich dabei unterstützt, zum Gildenhaus zurückzukehren.«

Als Liriel ihr auf die Beine half, stöhnte sie leise. Nun, da die junge Frau wieder geistig gesund war, zweifelte sie nicht mehr daran, dass die Gilde mit den betroffenen Familien ins Reine käme. Außerdem könnte sie, Janna, Fürst Serrais und den Rat der Comyn gewiss überzeugen, dass die Entsagenden mit den ihren schon fertig wurden. Der Ehre der Gilde war gedient worden.

Über Diana L Paxson und ›Die Zeit der

Schmetterlinge‹

Diana L Paxson ist den Darkover-Fans natürlich nicht unbekannt.

Von mir abgesehen treibt sie sich am längsten auf Darkover herum und gehört zu jenen Fans, bei deren Geschichten ich weiß, dass sie hundertprozentig professionell geschrieben sind. In meinen Einführungen habe ich des Öfteren geschrieben, dass es einige Dinge gibt, nach denen ich in diesen Erzählungen suche: zum Beispiel ein faszinierender oder ungewöhnlicher Laran-Einsatz.

Diana L. Paxson ist meine Schwägerin und gehört zu den erfolgreicheren Autorinnen, die es so gemacht haben wie ich. Sie ist seit meiner ersten Anthologie dabei, und da ihre Vorstellungen hinsichtlich Darkover den meinen ziemlich ähnlich sind, könnte ich ihre Geschichten auch ungelesen veröffentlichen, denn bei ihr weiß ich (wie auch bei Mercedes Lackey) von vornherein, dass sie keinen Ausschuss produziert. (Mir werden so viele unaufgefordert eingesandte Manuskripte zugeschickt, dass ich eine große Erleichterung verspüre, wenn ich etwas bekomme, von dem ich weiß, dass es druckreif ist.) Doch ›Die Zeit der Schmetterlinge‹ ist mehr als das. Die Erzählung berichtet von den faszinierendsten Fremdlingen, die mir je untergekommen sind, inklusive jener, die der verstorbene A. Merritt (1884-1943) erfunden hat - ein großes Lob für eine große Wahrheit.

Diana hat zudem eine Reihe von Büchern geschrieben, die meiner Meinung nach mehr als lesbar sind. Dazu gehören auch Der Erdstein und Der Meerstern. Außerdem hat sie einige schöne ›Großstadt‹-Fantasy-Romane verfasst, von denen mir Brisingamen am besten gefällt. Es ist das einzige Buch, von dem ich je spontan gesagt habe, ich hätte es selbst gern geschrieben. Mit Der Zauber von Erin hat sie einen ausgezeichneten historischen Roman über die Legende von Tristan und Isolde vorgelegt, den man schon deswegen nicht genug empfehlen kann, da mir dazu nicht genügend Superlative einfallen.

Ich sage nur: Lesen Sie ihn. Wenn Sie meine Bücher mögen, werden Ihnen auch die meiner Schwägerin gefallen.

Diana lebt zwar (wie ich) in Berkeley, aber wir sind beide so beschäftigt, dass wir uns nur auf Tagungen begegnen. Sie hat zwei heranwachsende Söhne, Robin und lan. Der jüngere der beiden ist jetzt 18; sie müssen also (wie mein eigener) herangewachsen sein, als ich mich gerade umgedreht habe. (Es ist erschreckend, wenn ich daran denke, dass unser jüngstes Kind nun 24 Jahre alt ist; mein

›Baby‹ Moira studiert nun Musik im kalifornischen Long Beach. In Kürze debütiert sie wahrscheinlich als Tosca oder so was … ) - MZB

Die Zeit der Schmetterlinge

von Diana L. Paxson

Die Winterabende auf Darkover sind lang und bitterkalt, so dass sich selbst in Thendara die Menschen gern um ein wärmendes Feuer versammeln. Auch im Gildenhaus ist es im Winter nicht anders.

Abgesehen von jenen Amazonen, die eventuell irgendwo im Schnee festsitzen oder zur Ausbildung bei den Terranern weilen, kommen dann alle nach Hause. Wir sitzen an den langen Abenden im Musikzimmer, besticken oder flicken Harnischleder und lassen uns berichten, was eine jede an Neuigkeiten mitgebracht hat. Doch beim Lirielfest, wenn die Mittwinterfeier nur noch Erinnerung ist und die alten und neuen Geschichten so knapp werden, wie die Schränke im Vorratsraum leer, beginnt die Zeit der unheimlichen Geschichten.

Wir erzählen sie uns, um die Langeweile zu vertreiben oder der aufkeimenden Furcht zu begegnen, dies könne möglicherweise der Winter sein, nach dem der Frühling nie wieder zurückkehrt.

Nach zwanzig Jahren als Entsagende hatte ich geglaubt, all diese Geschichten längst zu kennen, und nach vierzehn Jahren als Caitrin n’ha Laurians Freipartnerin hätte ich behauptet, ich würde auch ihr Leben wie mein eigenes kennen. Doch an diesem Abend überraschte sie mich.

Es hatte zwei Wochen lang gestürmt. Thendara war von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Der Wind raste gegen die Fensterläden an, und sogar im Musikzimmer spürten wir die Kälte trotz der getäfelten Wände und der auf dem Boden liegenden dicken Teppiche. Aus irgendeinem Grund wandte sich das Gespräch den Schrullen unserer Arbeitgeber zu. Kyla n’ha Rainéach war zu einem seltenen Besuch nach Hause gekommen, und alle wollten von ihren Abenteuern bei den Terranern erfahren. Doria hatte uns eine lange, vertrackte Geschichte über die Handelsrechtsverhandlungen in Caer Donn erzählt, und Gilda n’ha Camilla beendete gerade eine unerhörte Anekdote über einen Trockenstädter und einen Oudrakhi, als Caitrin sich plötzlich in unserem Kreis umsah und sagte: »Ich muss euch eine Frage stellen

…«

In ihrer Stimme war etwas, das mich von dem terranischen Genetikbuch aufschauen ließ, das ich mich gerade zu lesen bemühte, und Kiera, die ihrer Comyn-Familie endlich entkommen war und sich zu uns gesellt hatte, schaute ihre Eidmutter erwartungsvoll an.

»Dann stell sie, Schwester«, sagte Kyla mit kühler Stimme. »Wir werden unser Bestes tun, um sie zu beantworten.«

Caitrin bedachte sie mit einem schnellen Blick. Ihr sandfarbenes Haar glitzerte im Schein des Feuers. »In unserem Eid begrenzen wir die Loyalität für unsere Arbeitgeber auf die Zeit unserer Beschäftigung

…«

Alle nickten. Man vergisst eben keinen abgelegten Eid, auch nicht nach zwanzig Jahren. Bei jedem Eid, den ein Neuling ablegte, schworen auch wir innerlich einen neuen.

»Welche Bedeutung gewinnt dieser Eid«, fuhr Caitrin fort, »wenn die Zeit der Beschäftigung nie endet?«

»Was meinst du damit?«, fragte Gilda spitz. »Ich dachte, die letzte Gruppe, die du angeführt hast, sei im letzten Herbst nach Vainwal zurückgekehrt …«

»Die meine ich nicht«, fiel Caitrin ihr ins Wort. »Sie sind zwar weg, aber sie haben mich an die erste Expedition erinnert, die ich je allein geführt habe. Es war vor langer Zeit … in dem Jahr, in dem ich dich kennen lernte, Stelle …« Sie schenkte mir ein schnelles Lächeln, als wolle sie mich für etwas um Vergebung bitten, das sie mir nie erzählt hatte.

Ich schaute sie an, und mir fiel die Zeit des Wahnsinns ein, in der ich nicht mehr gewusst hatte, ob ich mir ihrer oder meiner eigenen Gefühle sicher sein konnte. Doch ich hatte den Sommer ohne sie verbracht und gemerkt, wie sehr ich sie brauchte. Ich hatte nie richtig gewagt, mich zu fragen, was sie daraus gelernt hatte.

»Wer waren die Leute, Caitrin?«, fragte Kiera zurückhaltend.

»Außenweltler«, kam die Antwort. »Hastur hatte den lizenzierten Führern gerade die Erlaubnis erteilt, Besucher von Außenwelten durch die Domänen zu geleiten, und für eine Weile sah alles so aus, als wollte sich jeder gelangweilte Aristokrat des Imperiums hier umschauen. Wir hatten alle Hände voll zu tun, selbst die noch nicht flüggen Amazonen, auf deren Eidpapier das Wachs noch nicht erkaltet war, wurden eingespannt. Die Freien Amazonen hatten als Führer von Reisegruppen schon einen gewissen Ruf …« Sie grinste Kyla an. »Und ich wollte unbedingt zeigen, was in mir steckte. Der Veranstalter, der mich anheuerte, war ein schnell redender Kerl vom Planeten Vainwall und hieß Genyi Coramne. Damals glaubte ich, alle Besucher aus dem Imperium kämen von Terra. Er hatte mir nur mitgeteilt, wie groß meine Gruppe sei und wo sie hinwollte. Ich erkundigte mich nach den ernährungstechnischen Erfordernissen, um den Proviant zu bestellen, aber ich vergaß ihn zu fragen, wer die Leute waren, die zu der Gruppe gehörten.«

»Hat die Proviantliste dir denn nichts über sie verraten?«, fragte die alte Irmelin.

»Über Terraner?« Gilda schüttelte angewidert den Kopf. »Sie essen Dinge, die ich keinem Chervine vorsetzen würde, und rümpfen die Nase, wenn sie etwas wirklich Nahrhaftes kriegen.«

»Gedünstete Kaldaunen …«, sagte jemand leise hinter mir. Ich nahm an, dass es eine der Frauen von der Brückengesellschaft war, die in diesem Jahr bei uns ausgebildet wurden.

»Als erfahrene Fremdenführerin wäre ich vielleicht auch argwöhnischer gewesen«, sagte Caitrin, »denn sie bestellten nur Trockenobst und Honig. Laut Coramne wollten sie sich den Rest ihres Proviants selbst besorgen.«

»Wen interessiert es, was sie gegessen haben?«, fragte Doria gespannt. »Ich möchte wissen, wer sie waren!«

»Es waren xerasische Schmetterlinge«, sagte Caitrin. Sie lächelte, als sie sah, wie die anderen ihre Worte aufnahmen.

Ich hörte das überraschte Murmeln der Terranerinnen hinter mir und sah, dass Kyla die Stirn runzelte. In dem Buch, das ich gerade las, hatte etwas über Xerasus gestanden. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was es gewesen war.

»Wie diejenigen, die im Mittsommer rauskommen?«, fragte Kiera in die einsetzende Stille hinein. Der Wind veränderte seinen Rhythmus. Zwischen dem Rauschen und Heulen rutschte der Schnee vom abgeschrägten Dach unseres Hauses in den Garten.

Kiera schüttelte sich. »Aber sie leben nur bis zum ersten Schneefall

…«

»Die Terraner, nennen diese Wesen xerasische Schmetterlinge, weil sie geflügelte Metamorphen sind«, erklärte ich flink. »Erst im zweiten Stadium entwickeln sie Bewusstsein. Dann wachsen ihnen Flugmembrane. Aber wenn sie ihre Gene ausgetauscht und für ihre Nachkommenschaft gesorgt haben, sterben sie.« In dem Buch hatte noch mehr gestanden, doch es fiel mir jetzt nicht ein.

Kiera machte runde Augen.

»Aber eins steht nicht in deinen Büchern«, sagte Caitrin und streckte die Hände nach dem Feuer aus. »Dass sie nämlich wunderschön sind.«

Genyi Coramne brachte seine Kunden an einen Kreuzweg vor Thendara, um sie ihrer Führerin vorzustellen. Als er Caitrin von diesem Treffpunkt berichtet hatte, hatte sie sich gefragt, ob sie im Begriff war, irgendetwas Ungesetzliches zu tun. Doch da war sie durch den Vertrag schon gebunden. Und da sie darauf aus war, den Auftrag zu übernehmen, hatte sie es vermieden, ihn zu fragen.

Als ich ihrer Geschichte zuhörte, dachte ich: Vielleicht wollte sie außerdem fern von mir sein. Caitrin war als Cristoforo erzogen worden; sie hatte stets die Vorstellung bekämpft, dass das, was wir füreinander empfanden, Liebe war.

»Ich kam im Morgengrauen dort an«, sagte Caitrin. »Es war ein Frühsommertag, an dem der Sonnenaufgang den Nebel mit amethystfarbenen und rosa Farbtönen durchsetzte und die untergehenden Monde glitzerten wie die Edelsteine in Avarras Schleier. Obwohl ich eine ganze Reihe von Ponys im Zaum halten musste, schüttelte ich mich angesichts dieser Schönheit. Aber ich war fest entschlossen, professionell zu handeln und trödelte nicht, um diesen Anblick zu genießen. Ich erreichte den Kreuzweg früher als abgemacht, aber die Gruppe wartete schon auf mich. Coramne ging auf und ab. Er war in Felle gekleidet. Hinter ihm standen drei mit Umhängen verhüllte Silhouetten, bei deren Anblick es mir kalt den Rücken herunterlief

›Was ist hier los, Coramne?‹, sagte ich und packte seinen gepolsterten Arm. ›Wer sind diese Leute?‹

›Eure Kunden …‹ Er grinste zu mir hinauf.

›Aber es sind doch gar keine Menschen‹, setzte ich an. Er grinste noch einmal und deutete auf den Vertrag, den er in der Hand hielt.

›Es sind intelligente Lebewesen, Mestra, und Ihr habt geschworen, ihnen zu dienen.‹ Er reichte mir den Vertrag. ›Ich möchte Euch Xitenith nai’Dorn vorstellen, der die weite Reise von Xerasus auf sich genommen hat, um eure Berge zu sehen. Ich bin ganz sicher, ihr werdet eine wunderbare Zeit miteinander verbringen!‹

Der größte der Fremdlinge drehte sich um, und ich sah, dass die Regenbogenmonde sich in seinen Facettenaugen spiegelten. Einen Moment lang war all dies ein Teil der Schönheit des Morgens, doch dann glaubte ich, mir würde übel. Allerdings hatte mein Eid mich gebunden, und so verbeugte ich mich und sagte, ich wäre ihre Führerin.

Die Gefährten des Großen hießen Kalsith und Ansth. Ihre Spezies kennt keine Geschlechter und keine Verwandtschaft, da jedes Individuum sich nur einmal reproduziert. Aber sie sind sehr langlebig, und die Erwachsenen sind zu Hohen Häusern vereint, was mich sehr an unsere Gildenhäuser erinnert hat. Ihre Familien entstehen nicht durch Geburt, sondern durch Wahl und einvernehmliche Bedürfnisse.«

»Wie hast du dich mit ihnen verständigt?«, fragte Doria. »Ich habe mal einen Katzenmann gesehen, und wir alle kennen Cralmacs. Sie sind zwar fremdartig, aber man kann sie mehr oder weniger verstehen.«

»Manche Leute in den Hellers glauben noch heute, dass die Terraner Hörner und einen Schwanz haben«, sagte eine leise Stimme hinter mir. Alle lachten.

»Sie sprachen ein ausgezeichnetes Casta«, sagte Caitrin, »und obwohl sie auf Sätteln saßen, konnten sie einwandfrei reiten. In ihren kapuzenbewehrten Umhängen sahen sie aus der Ferne sehr gut aus. Nach einigen Tagen konnte ich sie voneinander unterscheiden. Ansth und Kalstith waren kleiner. Der eine war schnell und zielstrebig, der andere ruhig und langsam. Xitenith war der größte, er ragte auf wie ein Hastur. Aus der Nähe betrachtet konnte ich mir, auch wenn sie die Umhänge nie ablegten, ungefähr ausmalen, wie ihre Gliedmaßen aussahen. Es dauerte eine Woche, bis es mir gelang, beim Frühstück nicht zu würgen. Andererseits war mir unablässig nach Singen zu Mute, wenn ich Xiteniths Augen sah. Es war schon sehr eigenartig.«

»Und wohin seid ihr gegangen?«, fragte Kiera. »Was wollten diese merkwürdigen Geschöpfe überhaupt auf unserer Welt?«

»Sie hatten mich angestellt, damit ich sie ins Kilghard-Gebirge brachte. Sie lebten wohl von Honig und Pollen, und ich nahm an, irgendein Reiseveranstalter aus Vainwall hätte sie mit dem Versprechen auf unsere Sommerblüten hergelockt. In diesem Jahr hatte die Saison spät und rasch eingesetzt, so dass alles, was blühen konnte, auch in voller Blüte stand. Ihr wisst ja, wie es manchmal ist, wenn die Luft duftet und jede Veränderung des Windes plötzlich einen anderen Geruch mit sich bringt.

Wir rasteten in den Bergen oberhalb von Armida. In der ersten Nacht drehte sich der Wind nach Norden, und es schneite ein wenig. Ich nahm zwar an, dass die Xerasier froren, aber keiner beklagte sich. Ich habe ein ordentliches Feuer entfacht und bemühte mich, die eigenartigen Konturen zu übersehen, welche die tanzenden Flammen enthüllten. In der Finsternis hätten die eingehüllten Gestalten neben mir alles Mögliche sein können.

›Ich bin so alt, dass ich weiß, dass mit der Zeit alle Dinge vergehen müssen‹, sagte Xitenith. ›Dies gilt auch für Unbehagen.‹

›Wie alt seid Ihr?‹, fragte ich.

›Ich habe mehr als fünfhundert Umdrehungen Xerasus’ um seine Sonne erlebt. Haltet Ihr mich für uralt? Selbst für mein Volk bin ich uralt. Alles vergeht - außer unserem Leben. Wir reifen über Jahrhunderte hinweg. Selbst unsere Nachfahren sind hundert Umdrehungen lang Kinder, die sich beim Aufwachsen von ihren Eltern ernähren. Allerdings fürchten wir allzu viel Betreuung, da diese nur Anziehungskraft erzeugt, und wenn man Leben spendet, endet das Leben. Nun nimmt unsere Zahl jedoch ab, da manche zwangsläufig Unfällen zum Opfer fallen. Früher haben wir darauf reagiert, indem wir mehr als einen Nachfahren ansetzten. Aber wir haben zu gut gelernt, den Tod zu bekämpfen. Jetzt erkennen viele derjenigen, die ihr Leben geben wollen, um die Spezies zu erneuern, dass sie es nicht mehr können.‹

Ich schüttelte mich, allerdings nicht wegen der Kälte. Xiteniths Stimme war zu ruhig. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, ich sähe die Ewigkeit, die sich vor mir ausstreckte. Sie war so karg wie die Wüste, welche die Trockenstädte umgibt, und so kalt wie die Mauer, die die Welt umschließt. Nun verstand ich, warum die Xerasier einander mit so unvoreingenommener Höflichkeit begegneten. Selbst jene, die sich in Hohen Häusern zusammengefunden hatten, waren nicht durch Liebe miteinander verbunden, sondern auf Grund von Pflichtgefühl, Logik und Loyalität. Wie würde das Leben wohl aussehen, wenn wir uns in den Gildenhäusern so behandeln würden?« Caitrin hielt inne und schaute sich im Raum um.

»Viel, viel friedlicher!«, rief eine jüngere Frau, die gerade eine schmerzliche Liebesaffäre hinter sich hatte. Mir fiel ein, wie ich damals gelitten hatte. Ich hatte befürchtet, Caitrin würde mich niemals lieben, und ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen oder traurig sein sollte, weil mein Leben nun so ruhig geworden war.

»Aber sicher auch langweiliger!«, erwiderte Doria, und sogar Kyla grinste.

»Ich war damals so jung wie Kiera und nicht annähernd so klug.«

Caitrin lächelte ihre Eidtochter an, dann bedachte sie mich mit einem unsicheren Blick. »Aber als ich Xitenith lauschte, wäre ich am liebsten nach Thendara zurückgelaufen, um mit euch zu lachen oder mich mit euch zu streiten! Doch ich blieb und sicherte die Zeltseile gegen den wechselhaften Wind. Wir wickelten uns in Decken und schliefen, und als wir am nächsten Morgen erwachten, hatte die Welt sich verändert.

Als ich aus meinen Decken kroch, erwärmte sich schon die Luft.

Das Morgenlicht schimmerte auf den Bergen, und auf jedem Fels glitzerte schmelzender Schnee. Als der Sonnenschein den feuchten Boden erwärmte, stieg in langsamen Wirbeln Dunst auf. Die Luft war schwer, feucht und vom Lärm gurgelnder Bäche und singender Vögel erfüllt. Ich stellte den Kessel aufs Feuer und schaute nach den Pferden. Ich nahm an, wenn das Wetter so blieb, wollten die Xerasier vielleicht gern auf einen Gipfel, hinaufreiten und die Aussicht genießen.

Nach einiger Zeit fragte ich mich, ob sie etwas kochten, denn als der Wind zunahm, wehte ein üppiger, süßer Duft zu mir heran, der mich an frisch gebackenes Brot erinnerte. Ich schnupperte genüsslich und spürte, dass mir schwindlig wurde. Die Sonne stand nun hoch am Himmel, und der silberne Nebel hatte sich in Gold verwandelt. Also legte ich meinen Umhang ab und zupfte an den Schnürbändern meines Hemdes. Als ich zum Lager zurückkehrte, sah ich, dass in den goldenen Wirbeln blaue Schmetterlinge flatterten, und ich begriff, dass der Dunst gar keine Dunst war, sondern treibende Pollenschleier, in denen die Schmetterlinge flogen.

Ich blieb auf der Stelle stehen und suchte nach den Filterstöpseln, die ich für den Fall mitgenommen hatte, dass wir zufällig auf ein verborgenes Feld gerieten, auf dem noch Kireseth-Blüten wuchsen.

Ich hatte auch Filter für meine Kunden mitgenommen, aber die Xerasier hatten leider keine Nasenlöcher, in die sie gepasst hätten.

Vielleicht hatten die Halluzinogene, welche die Pollen mit sich trugen, keine Auswirkungen auf die fremdartige Biochemie, aber ich hatte schon genug davon abgekriegt, so dass ich nur noch kicherte, während ich mich fragte, was wohl geschähe, wenn es nicht so war.

Die drei Xerasier beobachteten die Schmetterlinge. Ich lief zu ihnen hin und brabbelte etwas in der Art, sie sollten die Spültücher als Filter verwenden. Dann drehte Xitenith sich um. Ich war sprachlos. Ich wusste nicht, ob die Pollen auf ihn oder auf mich eingewirkt hatten. Seine Facettenaugen leuchteten. Mir fiel mein Eid ein, dass ich sie beschützen musste. Ich setzte nochmals zu einer Erklärung an.

›Es ist unnötig Xiteniths Umhang fiel zur Seite, als er ein Vorderglied hob und ich dass Glitzern der darunter befindlichen Flugmembrane sah. Zum ersten Mal hatte ich bei ihrem Anblick keine Angst.

›Wir hoffen, dass die Substanz auf uns einwirkt‹, sagte Ansth. ›Wir sind ihretwegen hier. Die Droge, die man Kirian nennt, stimuliert uns zwar ein wenig, aber am liebsten verspeisen wir Pollen.

Vielleicht werden wir durch die Rohessenz der Blume erlöst.‹

Der andere Xerasier drehte sich um, und ich musste blinzeln, denn plötzlich pulsierte die ledrige Haut unter dem Umhang in schneller Buntheit. Nun standen sie einander gegenüber, und ich wusste, sie hatten mich vergessen. Doch Xiteniths Regenbogenaugen waren noch immer auf mich gerichtet.

›Passt auf Euch auf, Kleines. Ihr könnt jetzt nichts für sie tun.‹

›Ich habe geschworen, euch zu beschützen‹, erwiderte ich. ›Ihr wisst nicht, wozu das Kireseth fähig ist!‹

Der Körper des Xerasiers wankte. ›Wir wissen es. Es kann den Tod oder den Wahnsinn bringen, den die Menschen Liebe nennen.

Wartet ab und bezeugt es gemeinsam mit mir.‹

Ich ging einen Schritt zurück, dann noch einen. Dann stand ich mit dem Rücken an einem Baum. Ein Teil meines Bewusstseins plapperte noch immer, ich müsse etwas unternehmen, doch mir war schon so schwindlig, dass ich kaum noch stehen konnte. Ansth und Kalstith traten ebenfalls ein Stück zurück; ihre Umhänge sanken zu Boden. Zum ersten Mal sah ich ihre ganze Gestalt: leicht spitze Köpfe, die auf einem schlanken Hals thronten, einen dreiteiligen Leib mit langen, mit Gelenken ausgestatteten Beinen, geschickte dreifingrige Hände und ein drittes Gliedmaßenpaar, an dem sich Schwingen befanden.

Aber ich hatte keine Zeit mehr, mich über die Einzelheiten zu wundern. Als der Wind zunahm, tanzten die Farben noch heftiger über ihre blasse Haut. Die mittleren Gliedmaßen ragten auf.

Plötzlich spreizten sich ihre verkümmerten Flugmembranen, bauschten sich, wurden straff, breiteten sich aus und schillerten in einem Ton, der aus ihnen selbst kam. Die beiden Körper bebten, dann wurden sie plötzlich vom Wind ergriffen und stiegen in die Luft. Sie schwebten in großen Kreisen wie Riesenschmetterlinge über die Wiese.

Mein Hals war wie zugeschnürt, denn als sie flogen, war ihre Schwerfälligkeit wie weggeblasen. Diese Geschöpfe hatten mehr Jahrhunderte gelebt, als ich mir vorstellen konnte. Sie waren auf Grund ihrer ungelenken Körper ebenso an den Boden gebunden, wie ihr Geist vom Mangel an Liebe gebunden war. Doch nun umarmte sie der Wind - der goldene, pollenreiche Geisterwind, den alle Menschen fürchteten. Der Luftstrom rauschte leise in den uns umgebenden Bäumen, doch von den kreisenden Gestalten über mir ertönte ein lieblicheres Lied.

Xitenith wankte. Sein dünner Hals zuckte, als er nach oben schaute. Ich sah, dass seine Fluggliedmaßen bebten und das düstere bunte Farbgeflacker auf seiner faltigen Haut kam und ging. Er - oder es - hatte sich einen Zeugen genannt, doch das Kireseth wirkte auch auf ihn. Nur gab es für ihn keinen Partner, keinen Gefährten, der die Metamorphose stimulierte und ihm die Freiheit des Himmels gab.

Das werbende Lied der beiden anderen wehte süß und traumhaft wie das Gold der Pollen durch die verzauberte Luft. Stimmen wie Doppelflöten verflochten sich in aufsteigenden Harmonien. Doch aus dem langen Hals des einen, den die Schwerkraft am Boden hielt, kam nur ein qualvolles Klagen.

Ich musste vor Mitgefühl weinen. Aber ich jämmerlich viergliedriges Lebewesen hätte nichts tun können, um sein Bedürfnis zu befriedigen. Ich empfand den ekstatischen Flug der beiden Geschöpfe über mir mit jedem Nerv und schlug mit den Fäusten auf das weiche Gras ein. Die Muskeln in meiner Brust und meinen Armen zuckten voller Mitgefühl, als würden auch mir gleich Schwingen wachsen. Mir fiel ein, wie es ist, wenn man liebt, und ich bedauerte jeden Tag, an dem ich die Tröstungen der Liebe zurückgewiesen und einem anderen, der dieses Bedürfnis empfand, Schmerz zugefügt hatte.

Doch immerhin wusste ich, was Erfüllung ist, so schwer es manchmal auch gewesen war. Für Xitenith gab es keine Erfüllung, es konnte keine geben. Erneut übertönte seine Agonie das triumphierende Lied seiner Gefährten. Dann wurde es still. Ich schaute furchtsam zu Boden und keuchte, denn sein gequälter Ruf hatte unglaublicherweise eine Antwort erfahren.

Zuerst wirkte die sich reckende Gestalt, die dem Xerasier gegenüberstand, menschlich, doch sobald ich mich bemühte, sie zu erkennen, veränderte sie sich. Ihr heller Körper spiegelte die Umwandlung, die Xiteniths Metamorphose nun endlich vollendete.

Von oben erstrahlte Musik. Ansth und Kalstith schraubten sich zum Himmel hinauf. Ihre blassen Gestalten leuchteten, als das Licht durch sie hindurchbrannte. Dann endlich vereinigten sie sich.

Als sie allmählich der Erde entgegenflatterten, stiegen Xitenith und der andere in den amethystfarbenen Himmel hinauf. Sie schwebten. Ihr Glanz war zu stark für meine Augen. Sie sangen, doch meine Ohren konnten den Gesang nicht ertragen. Vielleicht waren meine Filter auch nicht so gut, wie der Ausstatter mir versprochen hatte. Vielleicht war es das Kireseth, das mir diesen Anblick zeigte, denn meinem Bewusstsein fehlte die Kraft menschlicher Worte, ihn zu begrenzen, und ich wurde auf einem Sturm von Regenbogenschwingen davongetragen …«

Caitrins Stimme versagte. In der Stille hörte ich deutlich das Geräusch fallenden Wassers. Ich nahm an, es hatte damit zu tun, dass meine Wangen tränennass waren. Schnell wischte ich mir mit dem Ärmel über die Augen. Ich hätte Caitrin am liebsten fest in die Arme geschlossen, bis ich wieder anfing zu weinen. Ihre Lider waren noch geschlossen, ihr Gesichtsausdruck leer, als sei ihr Geist noch immer Meilen und Jahre entfernt.

Schließlich fand Kiera eine Möglichkeit, die Stille zu durchbrechen. Eine leichte Berührung brachte Caitrin zu uns zurück. Die Turmausbildung war ihr in manchen Dingen eindeutig von Nutzen, doch ich hätte am liebsten wie Xitenith geheult. Ich zwang mich, tief Luft zu holen und zu verstehen, warum ich so reagierte. Caitrin war seit vierzehn Jahren meine Geliebte. Was wollte ich sonst noch von ihr? Hast du mehr getan, als in den vergangenen paar Jahren mit ihr das Lager zu teilen?, erwiderte eine innere Stimme. Du wirst älter und befürchtest, dass die Liebe eingeschlafen ist.

»Es war ein Chieri, nicht wahr?«, fragte Kiera dann. »Ein Chieri, der sich verwandelt hat, damit auch Xitenith fliegen konnte.«

»Ich glaube, ja«, sagte Caitrin leise. »Falls es nicht doch ein Kireseth-Traum war.«

»Aber was ist aus ihnen geworden?«, fragte Kyla. »Sind sie nach der Paarung gestorben?«

Caitrin schüttelte sich kurz und schaute sich dann im Raum um.

»Ich nehme an, es hängt davon ab, was man unter Sterben versteht

… Als der Geisterwind abflaute und ich wieder bei Sinnen war, lagen die drei Xerasier regungslos im Gras. Ich konnte weder Ansth noch Kalstith wecken, doch als ich zu Xitenith kam, glomm noch ein wenig Licht in seinen Regenbogenaugen.

›Sucht eine Höhle für uns‹, hauchte er mir zu. ›Hier in den Bergen.

Legt uns in eine Höhle und verschließt sie. Lasst mein Volk wissen, was Ihr getan habt. Wenn die Zeit reif ist, werden sie kommen.‹

›Was soll das heißen?‹ Ich griff ohne Ekel in das fremdartige Fleisch und spürte den knorpeligen Rückenschild unter seiner Haut.

›Ich kann euch nicht hier lassen …‹

›Mein Nachfahre knospt schon in mir‹, lautete seine Antwort.

›Nun wird bald alles, was ich bin, in den Schlaf überwechseln.

Wenn das Junge wächst, werden Körper und Geist zerstört. Bei den Menschen ist es anders. Wenn mein Nachfahre bereit ist zu erscheinen, ist der Körper, den Ihr tragt, Staub. Ich weiß nicht, ob ihr Menschen wieder geboren werdet. Doch für uns ist dies die letzte Metamorphose. Wenn Ihr mir dienen wollt, erfüllt meinen Willen

…‹

Seine Regenbogenaugen wurden langsam stumpf und er hat kein Wort mehr gesprochen.« Caitrin seufzte.

»Die Geschichte erinnert mich an die Märchen, die die Kinderfrauen den Kindern im Zeitalter des Chaos erzählten, damit sie einschlafen«, sagte eine der Frauen. In ihrer Stimme widerstritten Unglaube und Verwunderung.

»In der Schule der Alpha-Kolonie habe ich schon seltsamere Geschichten gehört«, erwiderte eine Terranerin.

»Ich glaube dir!«, sagte Kiera beherzt. »Denn ich weiß, dass du die Wahrheit sagst.«

Die anderen musterten ihr mittelblondes Haar, und ihnen fiel ein, dass sie eine Ridenow war. Die Fähigkeiten einer Comyn verlangten nun zwar weniger Ehrfurcht als früher, doch auch jetzt hätten die Anwesenden nicht gewagt, an ihren Worten zu zweifeln.

Aber niemand versteht, worum es wirklich geht, dachte ich und schaute mich in unserem Kreis um. Caitrin hatte die Erzählung mit einer Frage begonnen. Und man konnte sie erst beantworten, wenn man das Ende der Geschichte kannte.

»Was ist dann passiert, Breda?«, fragte ich heiser. »Was hast du gemacht?«

»Ohne Hilfe konnte ich sie nicht nach Thendara zurückbringen«, sagte Caitrin. »Selbst wenn es mir gelungen wäre … Wie hätte ich ihren Tod erklären sollen? Es erschien mir besser, das zu tun, worum Xitenith mich gebeten hatte. Und im Kilghard-Gebirge gibt es bekanntlich genug Höhlen.

Ich war stark genug, um die Leichen zu tragen. Sie waren zwar eine schwere Last, aber leichter als angenommen. Und sie wurden bereits steif, so dass sie leichter zu bewegen waren. Ich nehme an, erst nachdem ich sie in die Höhle gebracht hatte, fing ich wirklich an, Xiteniths Worten zu glauben. Sie wurden längst nicht so steif wie menschliche Leichen. Ich spürte, das sich ihr Gewebe noch immer veränderte. Als ich am nächsten Tag zurückkam, um den Höhleneingang zu verschließen, waren alle drei in einen weißen Schleier eingehüllt, der wie ein Kokon aussah …«

»Und so hast du sie dort gelassen«, sagte Kyla schließlich.

»Ich habe sie dort gelassen«, sagte Caitrin nickend. »Aber ich habe noch immer den Vertrag, mit dem sie mich an sich gebunden haben.

Vielleicht könnte Genyi Coramne ihn als erfüllt erklären, aber er hat Darkover nach der Ablieferung der Xerasier verlassen und ist, soweit ich weiß, nie zurückgekehrt. Ich habe eine Nachricht an Xiteniths Hohes Haus auf Xerasus geschickt. Irgendwann kam in der Imperialen Bank eine Überweisung für mich an, aber keine Antwort.«

»Tja, dann bist du alle Sorgen los«, sagte Gilda forsch. »Hättest du deinen Auftrag nicht erfüllt, hätten sie dich nicht bezahlt.«

»Das habe ich mir auch gesagt.« Caitrin grinste schief. »Aber manchmal stelle ich mir doch Fragen. Der Vertrag verpflichtet mich, sie sicher ins Kilghard-Gebirge und zurück zu bringen, aber Xitenith schläft noch immer dort. Deswegen meine Frage: Bin ich noch an den Vertrag gebunden oder frei?«

»Ach, Caitrin …« Doria schüttelte gähnend den Kopf. »Du hast uns bestimmt eine der merkwürdigsten Geschichten erzählt, die man in diesen Mauern je gehört hat. Was sollen wir antworten? Da musst du schon eine Schlichterin oder einen Hastur fragen! Ich danke dir für deine Geschichte, aber ich bin jetzt zu müde, die Sache zu entscheiden.«

»Schaut mal, die alte Irmelin ist schon eingeschlafen«, fügte Gilda hinzu. »Es ist an der Zeit, dass auch wir jetzt zu Bett gehen.« Dann lachten alle, standen auf und reckten sich, um ihre von der Faszination der Geschichte steifen Muskeln zu entkrampfen.

Auch ich wollte aufstehen, doch mir war ein Fuß eingeschlafen, so dass ich stolperte und dabei Bücher und Notizpapier über den Boden verstreute. Caitrin kniete sich hin, um mir beim Aufsammeln zu helfen. Da streckte ich den Arm aus und packte den ihren.

»Ist was, Breda?« Sie hob eine Hand, um mir die Tränen abzuwischen.

»Nein, ich bin nur dumm …«, erwiderte ich. Doch ihre grauen Augen schauten in die meinen, und ich hatte sie noch nie belügen können. »Caitrin …«, sagte ich schließlich. »Als du den Xerasier beschrieben hast, der nach Liebe schrie, habe ich gespürt, dass ich es war! Ich bin nicht mehr jung, und ich war auch nie schön, aber ich bin noch immer an dich gebunden, und ich beneide das Geschöpf, das in seiner Höhle schläft!«

»Sei nicht albern, Stelle …« Sanft wischte sie mir die Tränen ab.

»Verstehst du denn nicht? Ich bin nur zu dir zurückgekehrt, weil ich vor vierzehn Jahren etwas von Xitenith gelernt habe!«

Als ich sie an mich drückte, fielen die Bücher erneut zu Boden. In der Stille konnte ich ihren Herzschlag und ein anderes Geräusch hören - den melodiösen Klang fallenden Wassers, als draußen der schmelzende Schnee vom Dachgesims tropfte.

Über Kelly B. Jaggers und ›Missverstandene

Situationen‹

Kelly Jaggers sagt über sich: »Ich kann mich eigentlich nicht sehr gut selbst beschreiben, da ich ständig das Gefühl habe, dass es weitaus interessantere Dinge gibt, über die man sich unterhalten kann.« Sie ist allerdings der Meinung, dass es ihr Vergnügen bereitet, »zu reisen, etwas über Völker und ihre unterschiedlichen vergangenen und gegenwärtigen Kulturen zu erfahren. Dies hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass ich einen Bachelor-Abschluss in Anthropologie und Archäologie habe und momentan an der University of Kansas an einer archäologischen Magisterarbeit sitze.«

Ihren Worten zufolge wohnt sie mit einem ausgestopften Äffchen namens Murray und einer Zimmergenossin zusammen, die ›ganz anders‹ heißt. So hat eben jeder seinen eigenen Geschmack. - MZB

Missverstandene Situationen

von Kelly B. Jaggers

Mutter Mori musterte die vor ihr stehende Frau. Ihre klugen alten Augen schienen sich vor Trauer zu verdunkeln.

»Dies ist ein ungewöhnlicher Umstand, Glynis. Wir haben nicht die geringsten Anhaltspunkte. Morde kommen zwar vor, aber bisher noch nie in einem Gildenhaus.«

Glynis regte sich unbehaglich unter den Blicken der Frauen.

»Wir wissen auch, dass es Trunkenheit gibt. Wenn wir sie auch nicht schätzen, müssen wir doch akzeptieren, dass sie existiert. Es ist jedoch unentschuldbar, wenn jemand unter Alkoholeinfluss eine Schwester angreift und tötet.«

Ein Murmeln ging durch den Raum. Glynis konnte den Zorn der Entsagenden spüren. Er trommelte gegen ihren Rücken, bis ihr Herz im gleichen Rhythmus zu klopfen schien. Mutter Mori hob eine Hand, damit Ruhe eintrat.

»Du tust mir Leid, Glynis, denn du musst nun für immer mit dieser Tat leben. Ich habe über den Fall nachgedacht und bin schließlich zu folgendem Urteil gekommen.«

Glynis spürte, dass ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Mutter Mori stand auf und gab Keithea ein Zeichen, dass sie vortreten möge. Die Fechterin ging zu Glynis und packte sie am Arm. Die Frau versuchte entsetzt, sich dem Griff zu entziehen.

»Glynis n’ha Mori …« Die Angesprochene drehte sich wieder um.

»Ich ordne an, dass du aus diesem und allen anderen Gildenhäusern verbannt bist. Vom heutigen Tag an gehörst du nicht mehr zu den Entsagenden.«

Die Verurteilte keuchte entsetzt auf. Ihre Beine fingen an zu zittern und sie sank langsam zu Boden. Auf ein Zeichen von Mutter Mori traten zwei Frauen an ihre Seite und hoben sie hoch. Keithea packte den kleinen goldenen Reif, der an Glynis’ Ohr baumelte, und riss ihn ab. Die Frau unterdrückte einen schmerzhaften Aufschrei und schaute zu, als Keithea das lange Messer nahm, das Glynis seit der Initiation bei sich trug, und die Klinge mit einem festen Fußtritt brach. Erst als ihre Welt mit der Klinge zermalmt wurde, schrie sie auf.

Glynis wanderte tagelang durch die Täler von Thendara. Sie schlief in Hauseingängen und suchte Nahrung in Müllkübeln. Nach und nach löste sich der Schreck auf, der ihr Gehirn lähmte, und sie wurde schwächer und wankte. So wie die Träne in ihrem Ohr, heilte auch ihr Verstand. Sie wusste, dass in der Mordnacht mehr passiert war, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, so sehr sie sich auch bemühte.

Die Verstoßene hockte sich vor das Feuer, das fortwährend in der Mitte des Marktes brannte, und schaute den über den Platz strömenden Menschen zu. Erst als ihr ein bestimmter Mann auffiel, achtete sie auf einzelne Personen. Er bewegte sich durch die Menge und blieb hin und wieder stehen, sobald jemand ihn anhielt. Glynis schaute zu, als ein junger Bursche in einer Kadettenuniform auf den Mann zuging. Sie wollte wegsehen. Dann erstarrte sie, denn der Bursche gab dem Mann ein paar Münzen und erhielt dafür ein kleines Päckchen. Sie fuhr hoch. Ihr Götter! Sie wusste es wieder.

Kireseth!

Sie hatten eine Sauftour gemacht. Moira hatte das Päckchen aus ihrer Jacke gezogen und es Glynis hingehalten. Doch sie hatte sich geweigert. Moira war streitlustig geworden. Als die Wirkung des Kireseth einsetzte, war sie gewalttätig geworden. Sie hatte sich ohne Warnung auf die ältere Frau gestürzt. Völlig unvorbereitet, den Geist vom Alkohol benebelt, war es ihr nur schwer gelungen, Moira abzuwehren. Dann hatte Moira sich vor die Tür gestellt und geschworen, nur eine von ihnen werde lebend hinausgehen.

Plötzlich hatte Glynis um ihr Leben gekämpft.

Die Garde war in dem Moment gekommen, als Moira zum letzten Mal angegriffen und Glynis verzweifelt versucht hatte, ihr Messer abzuwehren. Auf einmal hatte jemand geschrien. Moira war überrascht nach vorn gestolpert und hatte sich auf Glynis’ Klinge gespießt. Die Angegriffene wusste anschließend nur noch, dass Moira in einer Blutlache gelegen hatte.

Sie schaute auf, als der junge Mann in Kadettenuniform den Arm des Burschen festhielt. Während der Bursche sich verbal zur Wehr setzte, verschwand der Mann in der Menge. Ein Schatten folgte ihm.

Beide schlichen durch die Straßen von Thendara. Der Mann verhökerte seine Art von Alpträumen an jedermann und hielt in Hauseingängen und an Straßenecken inne. Glynis schlich ihm gnadenlos nach. Als sie an eine Gasse kamen, war ihr fast übel.

Schließlich bog der Mann in die Gasse ab und näherte sich einem kleinen Tor, das in eine Mauer eingelassen war.

»Traummacher.«

Der Mann drehte sich langsam um und schaute sie an. »Ah … die Entsagende. Braucht deine Freundin wieder Traumpulver?« Er setzte eine höhnische Miene auf, zückte ein kleines Päckchen und wog es locker in der Hand.

»Dort, wo Moira jetzt ist, braucht sie deine dreckigen Tränke nicht mehr.«

»Ach, wirklich?« Der Mann lächelte flüchtig. »Hast du vielleicht Interesse?« Er wich zurück, als sie in die Gasse eintrat.

»Im Moment bin ich nur an einem interessiert, Traummacher.« Sie zog ihren Dolch und tauchte in die Finsternis ein.

Halbherzig zupfte Glynis an ihrer zerfetzten Jacke, dann gab sie auf.

Es war ohnehin sinnlos. Sie lehnte sich an die Mauer, die wenigstens ein gewisses Maß an Schutz gegen den nun fallenden Regen bot. Ihr Kinn schmerzte. Der Mann hatte fraglos zu kämpfen verstanden.

Glynis hob den Kopf und spürte, dass ihr die Tropfen aufs Gesicht fielen. Sie schloss die Augen und dachte an Moira. Dann verabschiedete sie sich geistig von ihr.

»He!«

Sie riss jäh die Augen auf.

»Du kannst hier nicht schlafen.«

Glynis hätte den jungen Burschen beinahe ausgelacht. Er war viel jünger, als er auf dem Marktplatz gewirkt hatte.

»Wie lange bist du schon bei den Kadetten, Bürschlein?« Sie sah, dass er ihre zerlumpte Gestalt von oben bis unten musterte.

Unweigerlich glättete er seine Uniform. Dann gab er sich einen Ruck und hob stolz den Kopf.

»Seit zwei Jahren.« Seine Hand suchte nach dem Griff seines Schwertes, denn nun fiel ihm ein, wer er war. »Ich muss dich bitten, weiterzugehen. In der Innenstadt gibt es genug Schlafplätze.«

Glynis grinste ihn an und entspannte ihren verkrampften Körper.

Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und grinste erneut.

»Sag mal, Bürschlein, geht ihr immer so sorglos mit potenziell gefährlichen Leuten um?«

Er wich zurück und starrte sie an. Ihr Grinsen wurde breiter.

Glynis wusste genau, was er nun sah: eine Frau, die ihre besten Jahre hinter sich hatte und die Lumpen irgendeines Gildenhauses trug.

»Ich bin wohl kein toller Anblick, was, Bürschlein?«

Von der Frage völlig überrascht, antwortete der Junge ehrlich.

»Nein, eigentlich nicht«, gestand er. Dann fügte er hinzu: »Ich kann aber auf mich selbst aufpassen.«

Ihre Augen wurden zu Schlitzen. »Hat man dir etwa beigebracht, herumzustehen und zu tratschen?« Sie lehnte noch immer an der Mauer, im Schneidersitz, die Arme verschränkt, doch ihr Lächeln war verschwunden. »Wo ist dein Kollege?«, fauchte sie.

Der Bursche zuckte ängstlich zusammen. Er war sich seiner plötzlich nicht mehr ganz sicher. Der Regen klatschte nun gegen die Wände der Gasse. Und Glynis machte gnadenlos weiter.

»Du hast den Dienst ohne ihn angefangen, nicht wahr? Er kann wohl nicht arbeiten?«

In seinen Augen zeigte sich allmählich Unsicherheit.

»Er träumt ein wenig, was?« Ohne Warnung streckte sie einen Arm aus, packte den seinen und drehte ihn dem Jungen auf den Rücken. Der Bursche versuchte, die Bewegung abzublocken, aber Glynis hatte ihn an die Mauer gedrängt, bevor er auch nur wusste, was sie vorhatte.

Ein leises Stöhnen entwich ihm, als er die Spitze ihres Dolches an seinem Hals spürte.

»Was machst du jetzt, Bürschlein?« Sie konnte seine Angst riechen, die gegen ihre Sinne anstürmte. Tränen mischten sich auf ihrem Gesicht mit dem Regen. Glynis blinzelte sie wütend fort.

»Ist dies nicht genau der Grund, aus dem man euch lehrt, nie allein hinauszugehen?«

Er winselte und wehrte sich zaghaft gegen die ihn haltende Hand.

»Ist es nicht so?« Glynis riss ihn von der Mauer zurück. Sie legte ihm den Arm um den Hals und senkte ihre Klinge. »Bei zweien wäre es nicht so einfach gewesen, nicht wahr?«, fragte sie. Ihre Stimme war vor Trauer belegt. »Indem du das Problem ignorierst, hilfst du deinem Kumpanen nicht.«

Glynis schob den Dolch in die Scheide und trat zurück. Ihre Hand griff an den kleinen Riss an ihrem Ohrläppchen. »Er wird sich jetzt einen anderen Händler suchen müssen«, fügte sie leise hinzu.

Sobald sie den Burschen losgelassen hatte, wirbelte er herum und zog sein Schwert. Erst dann bemerkte er die Leiche, die nur wenige Schritte entfernt am Boden lag. Er schaute Glynis an. Sein Schwert sackte herab.

Die Frau zuckte die Achseln. »Er hat die Situation missverstanden.« Sie schenkte dem Jungen ein kurzes Grinsen, dann zuckte sie noch einmal die Achseln und ging davon.

Über Mary Fenoglio und ›Erwachen‹

Mary Fenoglio lebt in Texas und hat schon zwei Geschichten in meinen Anthologien veröffentlicht. In ihrer aktualisierten Biografie schreibt sie, sie sei zwar älter geworden, ›ob klüger, ist dagegen fraglich; aber ganz eindeutig grauer‹.

Tja, werden wir das nicht alle? - älter, meine ich. Grauer zu werden ist nicht einfach, wenn man so blond ist wie ich. (Wenn ich also in einem Darkover-Buch sage, dass der alte Danvan Hastur nicht grau wirkt, weil er so blond ist, weiß ich, wovon ich spreche -

aus persönlicher Erfahrung.) - MZB

Erwachen

von Mary Fenoglio

Am Morgengrauen am Tag ihrer Eheschließung ritt Linzel zum letzten Mal allein aus. Nun, da sie kurz davor stand, alles aufzugeben, empfand sie die Dinge mit besonderer Intensität: den Geruch der nachtfeuchten Wiese, den satten Duft des Laubes, den die Hufe aufwirbelten, den Gesang der erwachenden Vögel, das Gefühl des zuverlässigen Pferdes, auf dem sie saß. So konnte sie vergessen, dass die Zeit verging, und nur ihre Erkenntnis, dass das Pferd ermüdete, würde sie wieder nach Hause bringen.

Heute zögerte sie den Rückweg besonders lange hinaus, aber da sie um die Aufregung ihrer Mutter wusste, verlief der Ausritt wesentlich kürzer als üblich. Als sie in den Stallhof kam, sah sie, dass die Zofe ihrer Mutter sie bereits erwartete. Die junge Frau hatte die Arme in die Seiten gestemmt, und ihr Gesicht war vor Verzweiflung ganz zerfurcht. Als Linzel absaß, ergriff sie ihre Herrin an der Hand, zog sie zum Haus und schimpfte sie aus. Linzel seufzte und warf einen sehnsuchtsvollen Blick zu ihrem Pferd zurück, das gerade weggeführt wurde.

»Selbst am Tag Eurer Hochzeit muss man Euch von einem Pferd herunterziehen und ins Haus jagen!«, sagte die Frau tadelnd. »Eure Mutter ist aufgeregt, und wer weiß, was Euer zukünftiger Ehemann nun denkt!«

Wen kümmert es?, dachte Linzel rebellisch. Ich habe nicht um diese Heirat gebeten. Mir ist es bisher ganz gut gegangen. Mahlon ne Royhann mag ja eine großartige Partie sein, wie Mutter zu sagen beliebt, und vielleicht lässt es sich in Rihannon wunderbar leben, aber ich habe mir weder ihn noch seinen Besitz ausgesucht.

Natürlich sprach sie ihre Gedanken in diesem Moment nicht aus, ebenso wenig während der langwierigen Vorbereitungen für die große Feier. Und schon mal gar nicht, als die endlose Zeremonie ablief. Sie lächelte zwar, so oft sie konnte, doch das Lächeln erreichte nie ihre grünen Augen. Sie war eitel genug, um das bewundernde Gemurmel zu genießen, das ihr folgte, weil sie wusste, welches Bild sie in ihrem wunderschönen Gewand, mit dem kunstvoll frisierten rotbraunen Haar und ihren umwerfend grünen Augen abgab. Ihrem Ehemann, der so steif neben ihr stand, brachte sie kaum mehr als leichte Neugier entgegen. Nach dem ersten anerkennenden Blick hatte er sie kaum noch einmal angesehen.

Doch ihr war in erster Linie absolut jämmerlich zu Mute. Es verlangte sie nicht danach, ihr Heim und ihre bisher genossene relative Freiheit gegen die eingeschränkte und reglementierte Existenz der Ehefrau und Geliebten eines Herrn einzutauschen. Sie hatte ihre Mutter stets genau beobachtet und wusste, dass sie nicht so leben wollte. Und doch stand sie jetzt hier, ob es ihr nun gefiel oder nicht, und man erwartete von ihr, dass sie das Beste daraus machte.

Nachdem die Trauungszeremonie beendet war, feierte man ein riesiges Fest. Es gab reichlich zu essen, und selbst die Dienerschaft und die Leute von den Bauernhöfen saßen an langen, reich gedeckten Tischen. Der scharlachrote Wein floss in Strömen, und Musikanten schlenderten zwischen den Massen umher und spielten die beliebtesten Weisen. Linzel hatte ihre Mutter noch nie so glücklich gesehen. Und das verstand sie nicht.

Ich komme mir vor, als hätte man mich in Knechtschaft gegeben, dachte sie. Und meine eigene Mutter freut sich darüber! Ich nehme an, sie sieht es von einem anderen Standpunkt aus. Immerhin bin ich neunzehn.

Wahrscheinlich hat sie geglaubt, ich kriege keinen mehr ab.

Dieser Gedanke ließ sie nach dem Mann Ausschau halten, an den man sie gerade verheiratet hatte. Er hatte den Platz an ihrer Seite schon nach wenigen freundlich gemurmelten Worten freigegeben.

Sie entdeckte ihn in einer kleinen Gruppe von Männern, die vor einem Weinfass standen. Vorsichtig hob sie den Saum ihres Gewandes und ging zu der Gruppe hin. Doch ihre Mutter, die ihr eine Hand auf den Arm legte, hielt sie zurück.

»Du darfst dich den Männern nicht aufdrängen«, sagte die ältere Frau warnend. »Sie besprechen zweifellos wichtige Dinge, von denen wir nichts verstehen. Komm jetzt, es ist Zeit, dass du dich für die Reise in dein neues Zuhause umkleidest. Ach, Schätzchen, es wäre mir lieber, du würdest nicht reiten. Hättest du doch nur einer Kutsche zugestimmt! Dann hättest du ein wunderbares Reisekleid bekommen! So ist es nur ein Reitkleid. Nun ja, die Näherin hat getan, was sie konnte, aber …«

Linzel ließ sich fortführen, ohne auf das nervöse Getratsche ihrer Mutter zu achten. Man durfte sich den Männern nicht aufdrängen?

Ihr Vater hatte ihre Gesellschaft immer willkommen geheißen. Die Männer besprachen wichtige Dinge, die sie nicht verstand, weil sie eine Frau war? Sie schaute zu ihnen zurück und sah, dass sie lachten. Einige von ihnen wirkten ziemlich betrunken. Wichtige Dinge?

Als sie später mit dem Hochzeitsgefolge durch das Tor ihres Vaterhauses ritt, drehte sie sich nicht um und warf keinen Blick zurück. Sie ritt im Damensattel, wie es für eine junge Frau ihres Standes schicklich war, und hielt den Rücken so gerade, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt. Ihr Kopf saß steif aufgerichtet auf dem schlanken Hals, und sie reckte die Schultern. Ihr dunkles, rotbraunes Haar rutschte in kleinen, widerspenstigen Strähnen unter der Krempe des Reisehutes hervor, aber das war das einzig Undisziplinierte an ihr. Der Blick ihrer ausdrucksvollen grünen Augen war leer und unergründlich, als er sich auf den breiten Rücken ihres Ehemannes richtete, der genau vor ihr dahinritt. Sie hatte dummerweise erwartet, er würde neben ihr reiten, wie sie es von ihrem Vater und ihren Brüdern gewohnt war, aber Mahlon ne Royhann, der Herr von Rihannon, hatte sie wegen dieses Vorhabens schnell und energisch ausgeschimpft. Die unerwartete Zurechtweisung ließ ihr die Röte in die Wangen steigen, allerdings mehr aus Überraschung und Erheiterung denn aus Verärgerung, und sie zügelte ihr Pferd in die Reihe hinter ihm. Ihre erste Lektion als Ehefrau hatte sie also soeben erhalten. Es gefiel ihr nicht sehr, wie ein unartiges Kind vor der gesamten Hochzeitsgesellschaft zurechtgewiesen zu werden. Linzel erstickte fast an ihrem Zorn, doch aus Gründen des Respekts vor ihren Eltern hatte sie sich vorgenommen, Mahlon später zu erzählen, was sie von seinem Benehmen hielt. Auf der Reise nach Rihannon würde es schon eine Gelegenheit geben, bei der sie allein waren.

Leider waren sie während des gesamten zweitägigen Rittes niemals für sich - nicht einmal, um ein Gespräch zu führen. Er hielt sich stets bei seinen Männern auf, während sie zwei Damen zur Gesellschaft und Unterstützung begleiteten. Die beiden waren freundlich und respektvoll, aber sie waren nur da, um die junge Ehefrau zu bedienen, nicht um mit ihr Freundschaft zu schließen.

Als Linzel sah, dass die Damen miteinander tratschten und lachten, wenn sie bei der Rast ihre Aufgaben verrichteten, empfand sie eine abscheuliche Einsamkeit, die einen großen, dunklen Stein in ihrer Magengrube formte. Die beiden machten es ihrer Herrin für die Nacht bequem und zogen sich zurück, um einander Gesellschaft zu leisten. Etwas anderes wäre nicht passend gewesen. Linzel wollte sie nicht in Verlegenheit bringen, indem sie die Gesellschafterinnen bat, bei ihr zu bleiben. Ihre Kehle schmerzte so sehr, dass sie nichts essen konnte, aber weinen wollte sie auch nicht. Als sie sich zum Schlafen hinlegte, erschien ihr das Gesicht ihrer Mutter, und sie dachte sehnsuchtsvoll an ihr luftiges Schlafzimmer zu Hause.

Nur war ihr Zuhause jetzt nicht mehr ihr Zuhause. Sie gehörte jetzt nach Rihannon, und als Linzel von der anderen Seite des Tales auf die großen Steinmauern blickte, war ihr, als strecke sich über die sonnenbeschienene Route eine kalte Hand aus und umklammere ihre Kehle. Sie hatte das irrationale Empfinden, dass sie nie ankommen würde, wenn sie durch das Tor ritt, doch sie folgte ihrem Gatten durch riesige eiserne Stangen in den Innenhof. Hinter ihr knallte das Tor mit einem hohlen Knall zu, sie drehte sich im Sattel und blickte deprimiert zu den grauen Mauern ihres neuen Heims hinauf. An einigen Fenstern in den oberen Etagen waren Farbtupfer zu sehen. Linzel lächelte trotz ihres Elends vor sich hin.

Bedienstete! Sie waren überall gleich, zweifellos alle aufgeregt über die neue Frau des Herrn, denn sie würde ihr Leben verändern.

Linzel ließ sich von ihrem Gatten aus dem Sattel helfen und wankte leicht, als sie den Boden berührte. Doch sie erholte sich sofort, als sie den Blick von Mahlons dunklen Augen auf sich spürte. Er hielt ihr die Hand hin, und sie legte die ihre leicht auf sein Gelenk, als sie die breite Steintreppe hinaufschritten. Ihr leichter Schritt war ein Echo seines schwereren. Zwischen ihnen war es noch immer nicht zu einem privaten Gespräch gekommen. Allmählich graute ihr vor dem Augenblick, in dem sie miteinander allein waren.

Dann endlich kam der Moment. Gleich nach dem Abendessen -

das Linzel zwar nicht herunterbekam, ihr Ehemann jedoch sichtlich genoss - streckte er ihr erneut die Hand entgegen, und sie gingen zusammen die Treppe hinauf. Als Linzel nach unten schaute, überraschten sie die Gesichtsausdrücke jener, die ihnen von unten zuschauten. Sie hatten Mienen aufgesetzt, die Linzel noch nie gesehen hatte und nicht deuten konnte, aber sie verstand den guten Willen, mit dem sie ihre Krüge hoben, als Mahlon am oberen Treppenabsatz stehen blieb und nach unten blickte. Sie musterte ihren Gatten eingehend. Er war groß, breitschultrig, hatte dunkles Haar und dunkle Augen. Sein Gesicht war glatt, wenn man von seinem schwarzen Schnauzbart absah, seine Nase gerade und elegant, die Stirn hoch, das Kinn fest. Sein Auftritt zeigte mehr Arroganz, als Linzel mochte, und sie fand sein Schweigen ihr gegenüber, um es vornehm auszudrücken, mehr als irritierend.

Aber sie hatte noch nie einen Mann getroffen, der sich allzu viel mit Frauen unterhielt.

Als sie durch den Korridor schritten, wurde der jungen Frau noch unbehaglicher zu Mute. Die Finsternis wurde von immer schwächer flackernden Fackeln unterbrochen. Sie waren in gewissen Abständen an den Wänden befestigt, doch dazwischen tanzten seltsame Schatten und streckten lange, wabernde Finger aus, die ihr Haar zerzausten. Vor einer großen, handgeschnitzten Tür blieb das Paar stehen. Das Licht der Fackeln flackerte auf dem Holz, doch bevor Linzel Gelegenheit erhielt, es sich anzusehen, hatte Mahlon die Tür aufgestoßen und hob seine Frau auf seine Arme. Sie keuchte überrascht auf, und ihre Wangen röteten sich angesichts dieser ungewohnten Vertrautheit und der Nähe seines Gesichts zu ihrem.

Er schritt über die Schwelle, trat die Tür mit dem Stiefel zu und bedeckte ihre Lippen mit den seinen. Seine dunklen Augen waren geschlossen; sie sah seine Wimpern in unglaublichen Einzelheiten, als der Geschmack von Wein sich mit einem scharfen, kupfernen Aroma mischte, das ihre Sinne betörte. Sein Mund war hart und fordernd. Sie versuchte, das Gesicht wegzudrehen, doch es gelang ihr nicht, und sie geriet plötzlich in Panik. Linzel wusste nicht, was er tat, was er wollte, was er von ihr erwartete, dieser dunkelhaarige, schweigende Mann, der sie mit einem schmerzenden und erniedrigenden Griff festhielt, doch sie konnte sich nicht dazu bringen, ihn zu fragen. Mit drei Schritten erreichte er das große, mit einem Baldachin versehene Bett, das mit schneeweißen Laken und getrockneten Rosenblüten bedeckt war, und legte Linzel auf den riesigen Polstern ab. Sie zog sich auf der Stelle an die Wand zurück und saß, die Knie ans Kinn gezogen, reglos da und musterte ihn mit dem Blick eines in die Enge getriebenen Tiers, als er anfing, sich zu entkleiden. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen. Sie konnte nur ganz flach atmen, und der Raum verschwamm vor ihren Augen. Ani liebsten hätte sie laut geschrien, aber sie wusste, dass niemand kommen würde. An diesem Abend gab es niemanden außer ihr und dem großen, finsteren, schweigenden Mann, der sich ohne Eile seiner Stiefel und Reithosen entledigte und schließlich ein weißes Leinenhemd auszog. Sein breiter Brustkorb war von dichtem, krausem, schwarzem Haar bedeckt, das sich in einer dünnen Linie bis zu seinem flachen, harten Bauch hinunterzog, um sich dort wieder zu verbreitern.

Linzel hatte ihre Brüder oft nackt gesehen, besonders die jüngeren, und sich wenig dabei gedacht, doch ein erwachsener Mann im Zustand der Erregung war eine völlig neue Erfahrung für sie.

Entsetzt schloss sie die Augen, als sie spürte, dass seine Hand sich auf ihr Gelenk legte und sie über das Bett zu ihm hinzog. Sie spürte, dass seine Hände an ihren Kleidern zerrten, bemerkte plötzlich kalte Luft an ihrem Körper, hörte ihn jäh Luft holen, doch sie blieb distanziert und starr und verweigerte jegliche Reaktion. Stumm ertrug sie seine Zärtlichkeiten, nahm sein heiseres Geflüster kaum wahr, und als der Schmerz kam, erblühte er wie eine blutende Blume tief in ihrem Inneren. Sie schrie nicht einmal auf; sie hatte sich längst ein Stück des Bettlakens in den Mund gestopft, um es zu verhindern. Sie weinte auch später nicht. Sie legte sich so weit wie möglich von dem schwer atmenden Mann hin und fürchtete, dass die geringste Bewegung ihn wecken und dazu ermutigen könnte, die gesamte schmerzhafte und grauenvolle Episode zu wiederholen.

Während die Nacht verging, jagte ein verwirrter Gedanke nach dem anderen durch ihren Kopf. Sie dachte sehnsuchtsvoll daran, ein Pferd zu satteln und von diesem Alptraumort fortzureiten. Doch dicht auf den Fersen dieser Vorstellung kam ein Bild, in dem man sie als Ungnädige nach Rihannon zurückschleppte, damit ihre Familie nicht in Schmach und Schande fiel, weil sie ihren Eid gebrochen hatte. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander, bis sie erschöpft war und eindöste. Sie erwachte, als die Sonne über die Gebirgskette trat und ihr Gatte sich ihr erwartungsvoll zuwandte.

Noch einmal ertrug sie ihn, und die erste kleine Narbe des Hasses weitete sich in ihrem Herzen zu einer festen Verkalkung aus.

Als sie, nachdem er von ihr abgelassen hatte und nach unten gegangen war, am Kamin stand, seifte sie sich mit der weichen, duftenden Seife ein, die sie von zu Hause mitgenommen hatte, und schrubbte sich ab, bis ihre Haut schmerzte. Das Zimmermädchen brachte warmes Wasser. Linzel schüttete es über ihren Körper und versuchte, den stumpfen Schmerz zu lindern, das Gefühl der Schändung, das sie noch immer empfand. In ihrem Bauch brannte ein kleiner heißer Kern. Auch wenn sie sein lebhaftes Erforschen ihres Körpers ertragen, seine Kinder gebären, ihm den Haushalt führen und ihr Leben neu gestalten musste, um dem Bild seiner Ehefrau zu entsprechen - es musste ihr deswegen nicht gefallen. Sie musste nicht plötzlich widerstandslos und unterwürfig werden. Sie war diejenige, die sie immer schon gewesen war, und Mahlon ne Royhann sollte es am besten von Anfang an wissen! Als sie nach unten kam, war ihr dichtes, glänzendes Haar zusammengebunden und im Nacken unter einem Netz verborgen. Ihr Kleid war dementsprechend bescheiden, und ihr langer, blattgrüner Unterrock ließ ihre Augen noch intensiver als Smaragde glänzen. Linzel scherte sich nicht um die Bewunderung, die sie unter jenen fand, die am Tisch saßen. Mit einem leeren Gesichtsausdruck, den Blick nach unten gerichtet, doch mit aufgewühltem Magen, nahm sie den Platz neben ihrem Gatten ein.

»Guten Morgen«, sagte er in einem amtlichen Tonfall, und Linzel wunderte sich, dass er so mit ihr sprach, nachdem er ihr dies angetan hatte. Als hätte sich zwischen ihnen nicht das Geringste verändert. Männer waren wirklich seltsame und fremdartige Geschöpfe! Der Blick ihrer Smaragdaugen traf den seinen, als sie den Gruß kalt erwiderte, und abgesehen von der Vorstellung der Dienerschaft und einigen Männern, die ebenso dunkelhaarig waren wie er und die sie als seine Hauptmänner identifizierte, sprach ihr Gatte kein weiteres Wort mit ihr.

Linzel konnte nichts von dem Stolz wissen, den er angesichts ihrer Schönheit und Haltung gegenüber seinen Leuten empfand, oder wie gespannt er erwartet hatte, dass sie an diesem ersten Morgen die Treppe herunterkam. Dass ihre Hochzeit arrangiert worden war, war völlig natürlich. Sie hatte ihm auf den ersten Blick gefallen, doch hatte dies weder etwas mit ihrem Geist noch mit ihrer Schlagfertigkeit zu tun. Es ging nur darum, dass man sich aneinander gewöhnte, und dies erforderte Zeit. Er hatte sich im Ehebett nicht unangebracht gefühlt. Er hatte gewusst, dass sie Jungfrau war. Ihre Furcht würde sich mit der Zeit in Lust verwandeln. Damit hatte er nicht die geringsten Schwierigkeiten.

Und so hatte er gespannt ihr erstes Frühstück erwartet und es für den Beginn des Lebens gehalten, das er sich ersehnte.

Da nur wenige Worte gewechselt wurden, konnte Mahlon nicht ahnen, dass Linzel ihre Heirat in völlig anderem Licht sah. Nach ihrem Wissen wurden Ehen zwar zum Nutzen aller Beteiligten arrangiert, aber es gab offensichtlich viele Dinge, die man ihr über das Zusammenleben mit einem Mann verschwiegen hatte. Bisher hatte sie über nichts dieser Art nachgedacht: öffentliche Schelte, langes Schweigen und die Dinge, die sich im Bett abspielten. Das Zusammenleben mit einem arroganten Fremden war nicht das, was sie sich unter einem schönen Dasein vorstellte. Sie hatte, indem sie hierher gekommen war, ein angenehmeres Leben hinter sich gelassen und nicht die Absicht, sich an ihrem neuen zu erfreuen.

Deswegen wurde zu seiner Verwunderung und ihrer Irritation bei Tisch kaum gesprochen, und daran änderte sich auch später nichts.

Mit der Zeit nahmen die Missverständnisse zwischen den Eheleuten zu, und ihr Leben lief in schweigsamen Stunden an ihnen vorbei. Sie besprachen nur Dinge, die den Landsitz betrafen. Er hielt sie für scharfsinnig und geschickt in Dingen, die das Haus und die Bewirtschaftung betrafen, und hätte manchmal gern ihren Rat eingeholt, da er die landwirtschaftliche Seite ihrer Existenz als langweilig empfand. Er brachte es nie über sich, ihr zu zeigen, wie wertvoll ihre Meinung für ihn war, denn sie erweckte nicht den Eindruck, dass sie sich darüber freuen würde, und ihre Geringschätzung wollte er nicht auf sich laden. Was sie anging, so wünschte sie sich oft, ihre Gedanken und Ideen mit ihm teilen zu können, denn sie fand Rihannon und den dazu gehörenden Grundbesitz wunderschön und faszinierend und die Möglichkeiten endlos. Aber sie konnte es nicht als ihr Eigentum betrachten und wusste, dass man auf die Ansichten von Ehefrauen allgemein keinen Wert legte. Sie hörte genug Gerede in der Küche und unter den anderen Frauen des Haushalts, um zu wissen, dass alle großes Mitgefühl für Mahlon empfanden, da er mit einer ›gefühlskalten und scharfzüngigen Xanthippe‹ verheiratet war.

Aber so bin ich doch gar nicht, dachte sie oft, wenn sie die letzten Worte eines Gesprächs vernahm, das sofort verstummte, sobald sie den Raum betrat. Ihre Beherrschung ließ nach, ihre Zunge wurde noch spitzer. Das Personal fürchtete sich vor ihr, und die anderen Frauen im Haus gingen ihr aus dem Weg. Sie lebte inmitten eines großen Landsitzes praktisch allein und war verzweifelt und einsam.

In ihrem Geist wurde Mahlon zu einem Feind, zur Ursache ihres Elends, und je mehr sie ihn verabscheute, desto tiefer wurde das Schweigen zwischen ihnen. Manchmal überraschte sie seine Miene, wenn er sie anschaute. In seinen Augen lag echte Verwirrung, als wolle er sie gleich fragen, wie sich die Dinge so entwickeln konnten.

Er kam zwar noch immer zu ihr ins Bett, aber den Raum hatte er ihr überlassen. Er war in einen anderen gezogen. Wütend ertrug sie das, was für sie Angriffe waren, und sie betete darum, obwohl sie es früher kaum getan hatte, dass er sie nicht schwängerte.

Nach drei Jahren Ehe war sie noch immer nicht schwanger geworden. Das Paar hatte sich inzwischen auf eine Routine erbitterten Konflikts geeinigt. Wenn die Belastung unerträglich wurde, ritt Mahlon mit seinen Männern aus und ging jagen. Nur dann senkte Linzel ihre Abschirmung und entspannte sich, doch es gab niemanden, mit dem sie reden konnte. Manchmal lag sie in der Nacht wach, kalter Schweiß perlte über ihr Gesicht, ihr Herz klopfte, ihr Atem raste, ihr Geist kreiste hin und her und her und hin, und sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg, obwohl sie wusste, dass es keinen gab.

Nach einer solchen Nacht - Mahlon war mehrere Tage fort und die Illusion des Friedens hatte sie übermannt - ging sie die Treppe hinunter und fand den Großen Saal in Aufruhr vor. Ein offenbar müder und hungriger Besucher war eingetroffen, doch der Hauptmann, der in Mahlons Abwesenheit das Kommando führte, wollte den Reisenden nicht in den Saal lassen. Linzel war entsetzt. In diesem schroffen Land war Gastfreundschaft gegenüber Reisenden Pflicht. Sie war zudem neugierig auf Nachrichten von außen; ein Reisender würde sich wenigstens mit ihr unterhalten. Daher schritt sie zur Tür und stieß sie fest auf. Ihre grünen Augen blitzten, als sie den Mund öffnete, um den Hauptmann zurechtzuweisen. Und er blieb in sprachloser Überraschung offen, denn auf der breiten Steintreppe stand die von der Reise völlig verwahrloste Gestalt einer Frau. Die Fremde war groß und knochig und trug Reithosen und Stiefel wie ein Mann. Sie hatte den Umhang nach hinten geworfen, und ihr kurz geschnittenes Haar fing den Sonnenschein wie eine goldene Kappe ein. Sie hatte ein Bein vor das andere auf die Stufen gestellt, ihr Unterarm ruhte auf dem Oberschenkel, in der einen Hand hielt sie ihre Reithandschuhe. In der anderen hingen die Zügel eines sehr müden Pferdes, das mit einem erhobenen Lauf und hängendem Kopf dastand. Das Pferd schien ihr wichtiger zu sein als sie selbst, doch der Hauptmann war stur, und seine Stimme grob und wütend.

»Solche wie dich wollen wir hier nicht haben!«, fauchte er.

»Anständige Frauen und deren Schutz sind uns wichtiger!«

»Ich bin keine Bedrohung für Eure Frauen«, sagte die Fremde ruhig. »Ich bitte nur um ein paar Stunden Ruhe für mein Pferd und etwas Nahrung für uns beide. Wenn Ihr wollt, nehme ich auch gern mit dem Stall vorlieb.«

»Ich will, dass du sofort von hier verschwindest. Wenn du nicht gleich abhaust, hetze ich die Hunde auf dich.«

Die Reisende schien gerade wieder das Wort ergreifen zu wollen, als Linzel wieder zu sich kam und in das Getümmel hinaustrat.

»Ihr vergesst Euch, Hauptmann«, fauchte sie. Die Frau auf der Treppe schaute Linzel an. »Hier bin ich die Herrin, und so lange wird an dieser Tür niemand abgewiesen! Sorgt auf der Stelle dafür, dass sich jemand um das Pferd kümmert!« Dann sprach sie die Frau an. »Bitte, tretet ein und teilt mit uns, was wir haben.«

»Danke, meine Dame, aber ich werde mich zuerst um mein Reittier kümmern. Könnte mir vielleicht jemand den Stall zeigen?«

»Natürlich«, sagte Linzel freundlich. »Der Hauptmann zeigt ihn Euch.« Sie schaute in seine wütenden Augen. Endlich zog er den Kopf ein und lief, je drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter. Linzel grinste. Als die Blicke der beiden Frauen sich trafen, lächelten sie. Linzel spürte eine plötzliche Wärme in der Magengrube. Ihre Gedanken waren identisch, dessen war sie sicher, aber das Gefühl war neu für sie.

Als sie darauf wartete, dass die Frau erwachte, konnte sie es vor Spannung kaum aushalten. Nachdem man die Fremde gebadet, verköstigt und in einen Schlafraum geführt hatte, hatte sie in ihrer Erschöpfung den ganzen Tag verschlafen. Linzel hatte sich inzwischen leichtfüßig ihrer Aufgaben angenommen und dabei völlig ihre spitze Zunge vergessen, denn nun konzentrierte sie sich auf etwas, das nichts mit ihrem privaten Elend zu tun hatte. Später hatte sie sich in die kleine Kammer zurückgezogen, die sie ihren

›Nachmittagsraum‹ nannte. Dort stieß die Fremde auf sie.

»Ich entschuldige mich für mein ungehöriges Benehmen, meine Dame«, sagte die Frau. »Aber seit ich vor drei Monaten mein Gildenhaus verlassen habe, habe ich in keinem Bett mehr geschlafen. Man empfängt mich nicht überall, wo ich auftauche, mit offenen Armen.«

»Der Hauptmann hatte eindeutig Angst vor Euch«, sagte Linzel.

»Ich sehe in Euch zwar nichts, das mich persönlich bedroht, aber er war regelrecht erschreckt.«

»Er - und einige andere auch - fürchten etwas, das sie nicht verstehen«, sagte die Fremde gut gelaunt. »Und Frauen, die lieber allein sind und für sich selbst sorgen, statt sich unter den durchaus fragwürdigen ›Schutz‹ eines Mannes zu begeben, verstehen sie schon gar nicht.«

»Frauen?«, fragte Linzel verwundert. »Gibt es noch andere Eurer Art?« Sie errötete, als sie den ungehörigen Klang ihrer Worte vernahm, doch ihr Gast lächelte nur.

»Ich fürchte, ich habe völlig vergessen, wie man sich benimmt. Ich heiße Alane. Ich gehöre zu den Entsagenden. Möglicherweise habt Ihr nie von uns gehört.«

»Natürlich habe ich von euch gehört!«, sagte Linzel laut und beugte sich in ihrem Eifer leicht vor. »Als ich noch zu Hause und ein kleines Mädchen war, hat man viel von euch gesprochen!«

»Diese Geschichten kenne ich wahrscheinlich schon«, sagte Alane ironisch. »Wir lieben Frauen, sind abartig und verführen naive kleine Mädchen, damit sie nicht dem natürlichen Trieb folgen und Gattinnen von Männern werden, sondern unseren Gelüsten dienen.«

»Das hat man auch erwähnt«, sagte Linzel nickend. »Liebt ihr Frauen?«

»Manche lieben Frauen«, sagte Alane gelassen. »Manche lieben nur ihre Selbstachtung und bemühen sich, diese zu erhalten -

zusammen mit einem Maß an innerem Frieden und einem Gefühl für ihre Richtigkeit in der Welt. Und nein, wir locken niemanden von irgendwo fort. Jede Art von Loyalität wird freimütig gegeben.

Wozu wären wir sonst nütze?«

Linzels grüne Augen glitzerten, ihre Wangen röteten sich vor Aufregung, und in den nächsten Stunden aß, unterhielt und lachte sie mit Alane. Es war so, als werde nach und nach ein großes Gewicht von ihrem Brustkorb genommen, und irgendwann fühlte sie sich fast so wie als Mädchen. Ihr Gesicht leuchtete vor Freude und wandte sich um, als sie hörte, wie eine Tür geöffnet wurde. Ihr Haar hatte sich gelöst und floss über ihren Rücken, ihre Wangen waren rosig, und ihre smaragdfarbenen Augen leuchteten wie große Edelsteine zwischen dichten schwarzen Wimpern. Die grimmige Linie ihres Mundes hatte sich entspannt und in jenen Liebreiz aufgeweicht, den er früher gezeigt hatte. Ihr gesamter Körper verriet Freude und Entspanntheit.

Mahlon stand im Türrahmen und sah Linzel so, wie er sie nur aus seinen Phantasien kannte: gebadet ins Feuerglühen, begehrenswerter als je zuvor - und sein Herz tat einen heftigen Sprung. Seine dunklen Augen waren plötzlich lebendig, und ein Lächeln, das Linzel unbekannt war, umspielte sanftmütig seinen ernsten Mund. Als ihr Lächeln, in Verwirrung erstickt, erstarb, sah er Alane seiner Gemahlin gegenübersitzen, einen Weinkelch in der Hand und einen gelassenen Ausdruck im Gesicht. Sie schien sich wohl zu fühlen und wirkte wie zu Hause, und noch weit mehr, als gehöre sie mehr zu seiner Gattin, als er es je selbst empfunden hatte.

Eine mörderische Wut befiel ihn.

Er sprang Alane mit einem heiseren Schrei und all seiner soldatenhaften Stärke und Hitzigkeit an. Ihr Stuhl kippte nach hinten. Mahlon krachte schwer auf die überraschte Frau und legte seine großen Hände um ihre Kehle. Sie wehrte sich heftig, aber er hatte sie überrumpelt und drückte schnell das Leben aus ihr heraus.

Alane griff nach dem Messer an ihrem Gürtel, doch sie hatte Linzels Kammer unbewaffnet betreten. Die Welt wurde unscharf und grau, und sie hörte, wie sich ihre Lunge gegen den Druck seiner Hände abmühte, die sich unerbittlich um ihre Kehle verengten, bis sie das Bewusstsein verlor …

Die letzte Sauerstoffexplosion war willkommene Agonie. Sie füllte ihre Lunge immer wieder. Der Mann war ein totes Gewicht auf ihrem Körper, verengte den Luftstrom in ihre verhungernde Lunge.

Alane rollte sich schwach unter ihm hervor und setzte sich benommen hin. Ihre Kehle fühlte sich verbrannt an, und sie wusste, dass sie dem Tod nicht fern gewesen war.

Als ihr Blick sich klärte, schaute sie zu Linzel auf, die mit einem Schürhaken in der Hand vor ihr und dem Mann stand. Rasch fühlte Alane Mahlons Puls und schob sein dichtes Haar dort beiseite, wo das Blut auf seinem Gesicht eine klebrige Lache bildete. Sein Herz schlug fest und gleichmäßig. Die Wunde war zwar tief, aber nicht tödlich.

»Er hätte dich umgebracht«, sagte Linzel tonlos. »Ich konnte nicht zulassen, dass er dich tötet. Eher hätte ich ihn umgebracht.«

»Ist schon in Ordnung«, erwiderte Alane und rappelte sich auf.

Mit Linzels Hilfe schaffte sie es auf den Stuhl und sackte darauf zusammen. In ihrem Kopf pulsierte es gewaltig. »Ich verschwinde lieber, bevor er zu sich kommt. Wenn ich hier bleibe, macht es die Sache nur noch schlimmer.«

»Lass mich mit dir gehen!«, rief Linzel. »Ich halte es hier nicht aus!

Ich kann ihn nicht ausstehen! Ich habe mich so elend, so einsam gefühlt …«

»Und doch liebt er dich, Kleine«, sagte Alane leise. Linzel wich ein, zwei Schritte zurück. Ungläubigkeit erfüllte ihren Blick.

»Es ist wahr«, fuhr Alane fort. »Ich habe es in seinen Augen gesehen. Würde ein Mann das, was er getan hat, für eine Frau tun, die ihm gleichgültig ist? Er würde niemals zulassen, dass du mit mir gehst.«

»Ich hatte nicht vor, ihn darum zu bitten!«, sagte Linzel scharf. »Er liebt mich nicht! Du weißt doch gar nicht … Du kannst doch gar nicht wissen, was …«

»Ich kann es erraten. Hör zu, Linzel, es geht nicht nur um ihn, sondern auch um dich. Du bist noch nicht bereit, mit mir zu gehen; noch nicht bereit, dich uns anzuschließen. Vielleicht wirst du es eines Tages sein, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für dich.

In deinem Leben gibt es einiges, das du nicht verstehst. Hier existiert zu viel Unerledigtes für dich, um ohne ein Wort zu gehen.

Eine gute Entscheidung will wohl überlegt sein, und das kannst du jetzt noch nicht.«

Alane stand schwerfällig auf. Linzel war sofort neben ihr, und sie gingen nach unten in den Großen Saal. Die Herrin setzte rasch einen Hauptmann in Bewegung, der sich um Mahlon kümmern sollte, dann ordnete sie an, dass man für Alanes Reise Nahrung bereitstellte und dass ihr Pferd gesattelt und geholt wurde.

Während all dieser Zeit wurde das Herz in ihrer Brust kleiner und kälter, denn es erwartete die schweigenden, einsamen Stunden nach Alanes Abreise. Auf der Steintreppe drehte die Entsagende sich um und schaute in Linzels Augen. Sie wirkten groß und elend, doch Alane lächelte.

»Komm, Breda«, sagte sie, und um ihre Bestürzung zu übertünchen, zog sie schnell die Handschuhe an und legte ihren Umhang um. »Wir werden uns wieder sehen. Irgendetwas hat uns zusammengeführt, hat mich aus irgendeinem Grund zu dir geschickt. Eines Tages werden wir den Grund dafür kennen. Bis dahin müssen wir unser Leben Tag für Tag leben. So gut wir können. Falls du mich je brauchst, schick nach mir. Ich bin im Gildenhaus von Galmannorr und verspreche dir, dass ich antworte, wenn ich es kann.«

Linzel konnte nur nicken, als sie sah, wie Alane sich mit Leichtigkeit in den Sattel schwang. Sie stand auf der Treppe und schaute zu, wie das Pferd und seine Reiterin mit zunehmender Entfernung kleiner wurden und verschwanden. Dann drehte sie sich langsam um, schloss die Tür und ging mit müden, schlurfenden Schritten in das große Haus zurück.

Vor den Folgen von Alanes Besuch konnte sie die Tür jedoch nicht verschließen. Mahlon ersetzte sein Schweigen durch Grausamkeit und Linzel durch eine hübsche junge Dirne aus dem Untergeschoss.

Es kümmerte sie nicht im Geringsten, dass er eine andere Frau in sein Bett holte. Sie war sogar erleichtert. Doch dass er sie eines Tages an der Tafel im Großen Saal durch die affektierte Dirne ersetzte, war mehr, als Linzel ertrug. Ihr Stolz stand auf dem Spiel, um ihre Gefühle ging es nicht.

Eines Abends, als er mit der jungen Frau zusammensaß, sie mit Häppchen von seinem Teller fütterte und wie ein heranwachsender Tölpel an ihrem Hals herumschmuste, strafte sie ihn mit verächtlichen Blicken. Und als sie vor den beiden stand, brachte sie ihre grenzenlose Wut unverhohlen zum Ausdruck.

»Ich habe die Würde deiner Stellung in allen Dingen aufrechterhalten«, sagte sie kalt, »und habe es nicht nötig, mich von dir mit solchen wie der da beschämen zu lassen. Nimm sie ganz, wenn du willst, aber behalte sie da, wo sie hingehört - außer Sichtweite.«

Mahlon wandte nicht einmal den Kopf, um seine Gattin anzuschauen, doch seine Stimme war leise und gefährlich. »Du hast alles verdient, was ich dir zuteil werden lasse, und du hast bisher großes Glück gehabt, dass es kein tödlicher Schlag war!« Er hob den Kopf, schaute ihr direkt in die Augen, und Linzel empfand widerwillig Erschrecken. Seine Augen brannten in innerem Feuer, das Weiß war rot geädert, die Lider geschwollen und gerötet. Da er sich kaum mehr beherrschen konnte, war er Argumenten nicht zugänglich. »Dein gerissener Erzeuger hat mich von Anfang an getäuscht. Hat er gewusst dass du eine von denen bist?«

»Von denen?«, wiederholte Linzel. Der Hass in Mahlons Stimme verwirrte sie. »Von denen? Ich verstehe nicht, was du damit meinst.«

»Natürlich verstehst du es nicht«, zischte er und stand halb auf.

Die junge Frau hatte er in seiner Wut völlig vergessen. »Du hast nie geplant, dass diese Hexe hierher kommt, was? Ist sie deine Geliebte, oder hast du nur gehofft, du könntest sie während meiner Abwesenheit dazu machen? Wie oft war sie schon hier, wenn ich fort war?«

»Meine Geliebte?«, fragte Linzel. »Was soll das bedeuten?« Sie traute ihren Ohren nicht. »Alane war mir fremd. Sie kam her und hat um Obdach und Brot gebeten. Du hast selbst angeordnet, dass an unserer Tür niemand abgewiesen wird. Glaubst du, sie hätte ohne dein Wissen herkommen können? Deine Offiziere würden sich doch gegenseitig für das Privileg umbringen, mich als Erster bei dir anzuschwärzen!«

Trotz seiner Wut leuchteten Mahlon ihre Worte ein. Er sackte plötzlich auf seinen Stuhl zurück und schwenkte in einer lahmen Geste die Hand. Es bedeutete, dass sie gehen sollte. Linzel drehte sich auf dem Absatz um.

»Solange du nicht bei Sinnen bist, Gatte, werde ich meine Mahlzeiten allein oben einnehmen«, sagte sie und ging. Als sie mit so viel Würde, wie sie nur aufbringen konnte, die Treppe hinaufschritt, hörte sie ihn etwas sagen, das wie »Na, endlich«

klang. Oben angekommen, blieb sie stehen, drehte sich um und warf einen Blick über das Geländer. Doch zu ihrer Überraschung sah sie, dass er sich auf dem Stuhl vorbeugte, die Ellbogen auf die Knie und den Kopf auf die Hände stützte. Sie war sich fast sicher, dass seine Schultern zitterten, als weine er, und das alberne junge Gör schaute sich unbehaglich um, als wisse es, dass es nicht hierhin gehörte; als frage es sich, wie es von hier verschwinden könne. Mahlon und weinen? Unmöglich!

»Und doch liebt er dich«, vernahm sie Alanes Stimme, während sie den Korridor zu ihrem Zimmer entlangeilte. Als sie es betreten hatte, lehnte sie sich an die Tür und überdachte das gerade Geschehene. Selbst wenn er sie liebte und nur eine eigenartige Art hatte, es ihr zu zeigen, spielte es jedenfalls keine Rolle. Sie wollte nur frei sein.

In den nun folgenden langen unausgefüllten Tagen und Nächten hoffte sie sogar, dass er sie freigab. Dass er ihren Anblick hasste, stand außer Frage. Er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, es ihr zu zeigen. Sie studierte Reden ein, in denen sie ihn bat, sie freizugeben, und in denen sie ihre Freiheit verlangte. Sie diskutierte, flehte, bedrohte ihn - doch nur in der Einsamkeit ihres Schlafzimmers.

Sobald sie ihm gegenüberstand, wurde ihr klar, dass er keines dieser Worte je hören und sie niemals aus freien Stücken gehen lassen würde.

Und schon bald sollte sie nicht mehr gehen können, denn Rihannon wurde von einem Fürsten aus den Bergen im Westen belagert. Sein Söldnerheer schnitt das Anwesen von der Außenwelt ab. Jeder Kurier, den Mahlon aussandte, wurde gefangen genommen, umgebracht und auf sein Pferd gebunden zurückgeschickt. Die Kämpfe dauerten tagelang, die Verletzten lagen überall im Großen Saal und in der Küche, wo alle zur Verfügung stehenden Frauen sie pflegten. Hin und wieder ließen die Kämpfe nach, so dass sie wenigstens schlafen konnten, doch dann begann der Terror von neuem. Es gab Nächte, in denen niemand schlief und das Wimmern der erschreckten Frauen und Kinder im Verein mit dem Schreien und Stöhnen der Verwundeten Linzel fast in den Wahnsinn trieb.

In dieser Umgebung bewegte sie sich wie im Traum, pflegte Verwundete, fütterte Kinder, tröstete ängstliche Frauen und folgte Mahlons Anweisungen. Sie glaubte fortwährend, dies sei ein abscheulicher Alptraum, der alle gefangenhielt, jedoch bald enden würde. Die Lebensmittel waren rationiert. Wasser war zum Glück ausreichend vorhanden, da es auf dem großen, ummauerten Gelände mehrere Brunnen gab. Doch wenn ihnen die Nahrung ausging … Linzel war sicher, dass bis dahin Hilfe eintraf. Sie klammerte sich selbst angesichts der unbestreitbaren Tatsachen an diesen Glauben.

Mahlon persönlich war ein Nervenbündel. Ihn hielt nur noch das Wissen um das aufrecht, was ihnen blühte, wenn sie aufgaben. Trotz der zwischen den Eheleuten herrschenden Verbitterung bewunderte Linzel seine Hingabe an seine Männer und die Entschlossenheit, mit der er an einen Sieg glaubte. Sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ihn von dieser Seite kennen zu lernen, und endlich verstand sie, warum seine Hauptmänner ihm so treu ergeben waren.

Schließlich standen sie am Rand der Verzweiflung. Tagelang hatten heftige Kämpfe getobt. Die Verluste waren hoch.

Hungernde und erschöpfte Männer haben wenig Reserven, mit denen sie kämpfen können, und das Haus hatte sich an die Stille der Verzweiflung gewöhnt. Linzel war in ihrer Kammer und gönnte sich einige Minuten des Alleinseins. Ein winziges Feuer brannte im Kamin und verlieh ihr in der nächtlichen Kälte die Illusion von Wärme. Sie saß fast in der Asche, hatte einen wollenen Umhang um sich geschlungen und gestattete sich endlich den Luxus, sich aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt zurückzuziehen. Sie ritt breitbeinig auf einem wackeren Pferd mit ihren Brüdern in den hellen, frühen Morgen hinein und balancierte ihren Turmfalken auf dem Handschuh. Der Traum löste sich auf, als Mahlon eintrat und die Tür fest hinter sich zumachte, als wolle er die Welt eine Zeit lang ausschließen.

Linzel bemerkte seine Müdigkeit, als er auf einen Stuhl zuging, der bisher noch nicht zu Feuerholz geworden war. Er ließ sich schwer darauf nieder, lehnte den Kopf zurück und schloss die dunklen Augen. Dann streckte er die langen Beine in den abgeschabten Stiefeln vor sich aus und legte die Arme mit den großen Händen auf die Lehnen, so dass sie vorn herabhingen. Er war verrußt und dreckig, sein Haar verschwitzt, und er hatte Blut im Gesicht. Ein halbes Dutzend Wunden und Schnitte an Hals und Brustkorb befleckten sein Wams. Linzel wusste, dass es nicht nur sein Blut war. Einiges stammte von gefallenen Kameraden, anderes vom Feind, der die Mauer bereits zweimal an ungeschützten Stellen durchbrochen hatte. Die Angreifer waren zwar zurückgeschlagen worden, aber sie wusste, dass die Männer den Sieg gerochen hatten und die Ruhepause nicht lange währen würde. Mahlon tat ihr schrecklich Leid, da sie wusste, wie verzweifelt er sich bemüht und wie viel er von sich selbst gegeben hatte, damit es anders ausging.

Zwar konnte sie jetzt nur wenig für ihn tun, doch sie war bereit zu geben, was sie konnte.

»Wie ist die Lage?«, fragte sie, warf den Umhang ab, zog den kleinen Topf an sich, der über dem Kamin hing, und goss heiße, dünne Brühe in einen Becher.

»Jämmerlich.« Seine Stimme war belegt und heiser. Sie merkte, wie wund seine Kehle vom Schmutz, vom Rauch und vom Brüllen war. »Ich habe nie daran gezweifelt, dass wir sie zurückwerfen, und es ist uns auch gelungen. Aber wir haben zu viele Männer verloren, und es gibt niemanden, der sie ersetzen kann. Die Männer haben mehr geleistet, als ich von ihnen erwarten kann, aber noch länger stehen sie es nicht durch. Wir sind am Ende. Es tut mir Leid, Linzel.

Ich habe nicht nur bei den Männern versagt, sondern auch bei dir.«

Seine dunklen Augen schauten sie fest an, und sie wusste, dass er nicht nur die Belagerung meinte. Zum ersten Mal gestattete sie es sich, die Liebe in seinem Blick wahrzunehmen. Sie schob den dampfenden Becher in seine Hände, und das gleiche einfache Mitgefühl, das ihr das Zittern seiner Hände gezeigt hatte, gestattete ihr, eine flache Schüssel mit Wasser auf den niedrigen Tisch zu stellen und sein Gesicht vom blutigen Schmutz zu säubern. Dankbar und müde wie ein Kind hob er den Kopf, und ihre Berührung war so freundlich und sanft, als wäre er ein erschöpfter kleiner Junge. Er vergrub sein Gesicht in dem Becher und trank einen großen Schluck.

Als sie ihm die Stiefel ausgezogen hatte, war der Becher leer. Er entfiel seiner Hand und rollte über den Boden. Mahlon war schon eingeschlafen.

Linzel deckte ihn mit einem Stück Bettdecke zu und nahm wieder Platz, um ein paar kleine Äste in das schwache Feuer zu werfen.

Ihre Gedanken waren nun nicht mehr auf die Vergangenheit gerichtet. Sie konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt, und ihr agiler Geist dachte über die Umstände nach. Alane trat so heftig in ihr Bewusstsein ein, dass sie sich im gleichen Raum zu befinden schien, und ihre Stimme sagte deutlich: »Ich verspreche es, wenn ich kann, werde ich antworten.«

Linzel stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf. Ein Adrenalinstoß ließ sie Erschöpfung und Verzweiflung vergessen. Sie warf einen Blick auf Mahlon, doch er war in einen so tiefen Schlaf gesunken, dass sie befürchtete, man könne ihn nicht mal wecken, wenn man ihn brauchte. Sie entnahm ihrer Kleiderpresse ein zerknittertes Bündel, streifte ihr Gewand ab und zog die Reitkleidung an, die sie nie fortgeworfen hatte. Dann verließ sie leise den Raum und eilte nach unten. Im Schatten der Mauer des großen Raumes schlüpfte sie durch eine Tür in die Finsternis hinaus.

Auf dem Burghof rief niemand sie an, und auch im Stall blieb sie unbehelligt. Sie ging an den Boxen vorbei bis ans Ende, wo Mahlons schnellstes Pferd - sein ganzer Stolz - stand und den hellen Kopf über die niedrige Tür schob. Das Tier wandte sich zu ihr um. Seine Nüstern blähten sich auf, als es die Frau witterte. Dann schnaubte es kurz und scharrte mit dem Vorderhuf.

»Lust zu einem Ausritt, was?«, sagte Linzel fast fröhlich, als sie den Hengst hinausführte und zäumte. »Ich glaube, ich kann dir den Gefallen tun, aber dann musst du auch schneller laufen als je zuvor, sonst bin ich bald nicht mehr in dieser Welt und du hast einen neuen Herrn.« Kurz darauf hatte sie das Pferd gesattelt und band es los. Mit einem leichtfüßigen Schnauben trat es zur Seite, und sie nutzte die Bewegung, um ihr Leichtgewicht auf seinen Rücken zu schwingen. Das Pferd schritt leicht über das Pflaster, überließ sich ihren Händen an den Zügeln und war überrascht über ihr geringes Gewicht. Als es sich dem Haupttor zuwenden wollte, lenkte Linzel es zu einem kleinen Nebentor, das am anderen Ende des Hofes in die Mauer eingelassen war. Sie wollte auf diesem Weg entwischen und sich so leise wie möglich durch die feindlichen Linien schleichen. Sie rechnete mit der Ermüdung und der hochnäsigen Zuversicht der Belagerer, die glaubten, sie hätten die Schlacht schon gewonnen. Vielleicht entspannten die Männer sich gerade, so dass sie unbehelligt durchkam. Wenn sie einen kleinen Vorsprung gewann, würde man sie auf diesem Pferd nie einholen!

Es ging glatter als erwartet. Natürlich stand ein Wächter am Seitentor, doch als er kopfschüttelnd nach den Zügeln des Pferdes griff, um Linzel zu zeigen, dass er sie nicht gehen lassen wollte, drückte sie ihre Schenkel so fest in die Seiten des Pferdes, dass es grunzend einen Satz nach vorn machte und den Mann an die Mauer drückte. Linzel beugte sich vor, zog den Riegel zurück und schwang das Tor auf. Sie war wie der Blitz im Freien und schon in der unfreundlichen Dunkelheit verschwunden. Als das Pferd die frische Luft witterte, zog es ungeduldig an den stramm gehaltenen Zügeln, doch sie blieb dicht im Schatten der großen Granitklippe. Sie kamen so dicht an den gegnerischen Wachfeuern vorbei, dass Linzel die Männer riechen konnte, die um sie herum saßen. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie den herrlichen Duft des Essens wahrnahm, das die Kerle kochten. Das Pferd wollte losstürmen. Es mochte die unvertraute Witterung der Fremden, ihrer Pferde und der rauchenden Feuer nicht. Linzel hielt es mit reiner Willenskraft still, bis sie fast vorbei waren. Dann blieb es plötzlich stehen und riss den Kopf hoch.

Linzel spürte, dass ihr Pferd erstarrte. Seine Nüstern sogen den Wind ein, sein gewölbter Brustkorb blähte sich auf, als es einatmete.

Dann wusste sie, was ihr bevorstand, und sie beugte sich vor, um seine Schnauze zu packen. Zu spät. Das laute, singende Wiehern begann an seinen Flanken, drängte nach außen und zerriss die stille Nacht. Es rief die Stute, deren Witterung von der Brise herangetragen wurde.

»Jetzt hast du es verpatzt, du elender Mistbock!«, zischte Linzel und schaute sich hektisch um. Die Stute hatte geantwortet - im Chor mit etwa sechzig anderen, die mit ihr angebunden waren. Sofort befand sich das gesamte Lager in hektischem Aufruhr. »Dabei hat es so gut angefangen!«, schimpfte Linzel aufgebracht. Sie riss das Pferd herum und lenkte es den Abhang hinunter. »Jetzt wissen sie, dass wir hier sind«, sagte sie, als die beiden dem Lager entgegenrasten.

»Da können wir auch gleich den einfachsten Weg nehmen.« Sie gab dem Pferd die Sporen und stieß einen wilden Schrei aus. »Auf!«, rief sie fast überglücklich. Das Pferd raste los. Sein großer Leib zog sich zusammen und dehnte sich unter ihr, während seine gewaltige Hinterläufe es bei jedem Sprung unglaublich weit nach vorn fliegen ließen. Die junge Frau donnerte in einem chaotischen Durcheinander bergab und ritt quer durch das Lager. Sie lenkte mit ihrer Stimme und den Händen das Rennpferd auf das mittlere Lagerfeuer zu und ließ es darüber springen. Als sie über die brüllenden roten Flammen hinwegflogen, erschien es ihr wie eine Ewigkeit. Dann landeten sie so leicht wie ein Herbstblatt, und Linzels Herz platzte fast vor Liebe und Stolz. Die Finsternis hieß sie willkommen, verschluckte sie und verbarg sie vor den Verfolgern, als Ross und Reiterin über die festgetretene Straße in Richtung Galmannorr und Alane stoben.

Gegen Mittag des nächsten Tages erblickten die Beobachter auf den Mauern eine in der Ferne aufgewirbelte Staubwolke. Ihr Alarmgeschrei ließ Mahlon herbeieilen. Er war auf einer Mauer auf und ab gegangen und hatte sich wegen seines Schlafes und Linzel wegen ihrer Sturheit verwünscht. Doch gleichzeitig hatte er auch einen eigenartigen Stolz für sie empfunden. Als er die Staubwolke sah, nahm sein Mut ab. Es konnte nicht Linzel sein. Dafür war sie viel zu groß. Wahrscheinlich bekamen die Belagerer Verstärkung. Er setzte eine grimmige Miene auf und dachte über seine Möglichkeiten nach. Es waren nur wenige, und keine war erfreulich.

Der Schrei eines Hauptmanns ließ ihn erneut zur Staubwolke hinblicken. Zwei Reiter hatten sich aus ihr gelöst und jagten dem Haupttor entgegen. Sie lagen flach auf dem Hals ihrer Pferde und wurden von wehenden Mähnen verdeckt. Mahlon erkannte sein Rennpferd. Er lief die Treppe hinunter, nahm jeweils drei Stufen auf einmal und schrie nach der Torwache, damit sie öffnete. In einer dichten Staubwolke donnerten die beiden Reiter durch das Tor. Die Pferde bockten und schlugen leicht und steifbeinig aus.

Linzel grinste übers ganze Gesicht und beugte sich vor, um den verschwitzten Hals des Rennpferdes zu streicheln. Ihre Smaragdaugen leuchteten vor Aufregung und suchten Mahlon zwischen den Männern. Er trat vor und packte die Zügel, als sie agil wie ein Junge absprang und mit schmutzverkrustetem Gesicht neben dem Pferd stehen blieb. Ihre Zöpfe hatten sich gelöst, ihr zerzaustes Haar war verschwitzt. Sie umfasste Mahlons Arm mit beiden Händen und schüttelte ihn sanft.

»Sie kommen, Mahlon! Deine und meine Verwandten! Sie sind morgen Abend hier! Bis dahin müssen wir nur durch halten!«

»Und die Staubwolke? So was können zwei Reiter doch nicht erzeugen! Wir haben geglaubt, die Belagerer kriegen Verstärkung.«

»Ach, das«, sagte Linzel mit einer lockeren Geste. »Es sind nur ein paar Söldner, die wir in der Stadt angeworben haben. Sie reiten auf und ab und ziehen Äste hinter sich her. Sieht beeindruckend aus, nicht wahr? Es könnten fünfhundert Mann sein. Wer kann das schon genau sagen?«

»Linzel, dein Einfallsreichtum beeindruckt mich, aber wozu sind ein paar Söldner und eine Staubwolke gut?«

»Hast du nicht zugehört, Mahlon? Knapp zehn Minuten, nachdem ich das Gildenhaus erreicht hatte, ist ein Kurier von dort aufgebrochen, der zuerst zu deinen und dann zu meinen Verwandten reitet. Sie sind frühestens morgen Abend hier, aber übermorgen ganz bestimmt. So lange können wir aushalten!«

»Du hast Recht«, sagte Mahlon, und neue Hoffnung glomm in seinen Augen auf. »Wir haben geglaubt, dass uns niemand hilft.

Damit haben wir das Schlimmste hinter uns. Jetzt, da wir wissen, dass jemand kommt, kämpfen wir eben doppelt so hart!« Er schaute Linzel an und hätte gern mehr gesagt, aber sie hob eine Hand und brachte ihn zum Schweigen.

»Wir unterhalten uns später«, sagte sie leise. »Wenn die Gefahr wirklich vorüber ist und wir wieder klar denken können.«

Und so kam es, dass die beiden einige Abende später sauber, wohl genährt und entspannt in ihrer Kammer saßen. Die Belagerer waren verjagt worden. Viele waren umgekommen, doch Rihannon war wieder sicher. Linzel hatte sich ausführlich mit Alane unterhalten, und das Einverständnis, zu dem die beiden Frauen gekommen waren, erfüllte sie mit solchem Frieden und solcher Freude, dass alle Verbitterung von ihr abgefallen war. In Wahrheit hatte es einige Zeit gedauert, doch ihre Gespräche mit Alane hatten die letzten Spuren fortgewischt. Nun saß sie Mahlon wegen dem, was sie ihm zu sagen hatte, fast mit einem Anflug von Bedauern gegenüber.

Er hörte ihr schweigend zu, als sie die Hoffnungen zunichte machte, die in seinem Herzen gerade ein neues Leben begonnen hatten. Sie wollte außer seinem guten Willen, seinen guten Wünschen und ihrer Freiheit nichts von ihm. Sie bat darum, dass er sie von sich aus freigab, damit sie auch weiterhin gute Freunde blieben, aber sie machte ihm auch klar, dass sie selbst dann gehen würde, wenn er es nicht tat. Dass es falsch sei, wenn sie blieb; falsch für sie und ihn.

»Du bist ein guter Mensch, Mahlon«, sagte sie und umfasste seine Hand mit den ihren. »Ich habe es nie bemerkt, und es tut mir Leid.

Wir haben uns einfach nicht verstanden.«

»Und wenn ich dir verspreche …«

Linzel schüttelte langsam den Kopf, und er verstummte. »Ich möchte es nicht, Mahlon. Ich wollte mich stets frei in der Welt bewegen. Ich wusste nur nicht, dass es auch möglich ist. Jetzt weiß ich es, und deswegen muss ich gehen. Bitte, Mahlon, lass uns die Sache in Frieden beenden.«

Seine dunklen Augen blickten lange und eingehend in ihre grünen. Beide hatten Tränen in den Augen. Endlich nickte er.

»Dann gehe in Frieden«, sagte er. »Das verdammte Pferd kannst du gleich mitnehmen. Außer dir kann es jetzt ohnehin niemand mehr reiten.«

»O Mahlon, was für ein herrliches Geschenk!«, rief Linzel, die nicht wusste, ob sie lachen oder weinen sollte.

»Schneidest du dir auch das Haar ab?«, fragte er. Er nahm eine glänzende Strähne zwischen seine Finger, so dass der Feuerschein darauf spielte. »Ich habe dein schönes Haar immer geliebt.«

»Ich weiß nicht«, sagte Linzel sanft. »Jedenfalls nicht hier.« Sie verfielen in Schweigen, saßen da, hielten sich an den Händen und schauten lange Zeit in die Flammen.

Als sie durch das Tor ins Freie ritten, hielt Mahlon sich nicht auf dem Burghof auf. Linzel saß wie ein Mann auf dem großen Rennpferd. Alane ritt neben ihr. Die junge Frau wusste, dass ihr Gemahl sie vom Schlafzimmer hoch oben beobachtete. Ihr rotbraunes Haar wehte frei in der Brise des frühen Morgens und strahlte in den ersten Sonnenstrahlen wie schimmerndes Kupfergold. Linzel ritt hoch aufgerichtet, mit geraden Schultern und erhobenem Kopf, in die wartende Welt hinein. Und sie warf keinen Blick zurück.

Über Patricia D. Novak und ›Carlinas Berufung‹

Wenn ich für meine Anthologien Geschichten begutachte, suche ich unter anderem immer nach einem Aspekt: Enthält sie einen beliebten Charakter aus meinen Büchern und wird dessen Geschichte weitererzählt? (Ich sollte vielleicht darauf hinweisen, dass ich jedes Jahr doppelt so viele gute Geschichten erhalte, wie ich verwenden kann, und die Auswahl auf einer immer gleichen Grundlage treffen muss - doch auch nachdem ich die allzu amateurhaften zurückgeschickt habe, bleiben noch genug übrig, aus denen man wahrscheinlich ein ebenso gutes Buch machen könnte.) Jene unter Ihnen, die mit den Darkover-Romanen vertraut sind, erinnern sich vielleicht an Carlina aus dem Roman Die Zeit der hundert Königreiche.

Pat sagt, sie sei bei ihrer Geschichte von der Annahme ausgegangen, dass der in ihrem Werk auftauchende König Carolin der gleiche ist, der in Die Zeit der hundert Königreiche erwähnt wird und vielleicht noch lebt.

Pat Novak ist Assistenzprofessorin für Landwirtschaft an der Auburn University, 33 Jahre alt und lebt mit ihrem Ehemann Jim, drei Katzen und zwei Hunden in Opelika, Alabama. Bevor dieses Buch erscheint, wird ihr erstes Kind geboren sein. (Ja, Anthologien haben eine längere Tragezeit als Menschen.) Ihre erste veröffentlichte Kurzgeschichte hieß ›Haftfeuer‹ und wurde in Die Domänen abgedruckt. - MZB

Carlinas Berufung

von Patricia D. Novak

Mutter Liriel - in weltlichen Kreisen hatte man sie Carlina di Asturien genannt - schlief und träumte. In einer Vision erschien ihr ein Busch voller blühend roter Vallaria-Blumen, um die sich die Ranke einer dunklen Robinie schlang. Die schwarzen Blätter umliefen die scharlachroten Blüten; ihre Farben vermischten sich zu einer einzigartigen Pracht.

Die junge Priesterin lächelte im Schlaf. Das Miteinander war gut.

Natürlich und richtig. Die Göttin Avarra würde sich freuen.

Mit einer gnadenlosen Plötzlichkeit zerbrach das erfreuliche Bild, und Carlina zuckte hoch und saß kerzengerade in ihrem Bett. Ihr Herz schlug heftig, ihr Geist wurde von einem Entsetzen überspült, das nicht aus ihr selbst heraus kommen konnte. Sie lag im Sterben, sie spürte es, das Schwangerschaftsfieber hatte sie niedergestreckt.

Sie presste die Hände auf ihren schlanken, unbefruchteten Leib und weinte um das Kind, das seine Geburt nicht erleben würde.

»Jandria, hilf mir!«, stöhnte sie laut, obwohl sie wusste, dass sie kein Recht hatte, eine Angehörige der Schwesternschaft des Schwertes zu rufen. Sie hatte ihnen abgeschworen.

Der Alptraum hielt Carlina so fest im Griff, dass sie Anya, die ihr auf Grund ihrer Schreie zu Hilfe kam, zuerst gar nicht sah.

Die Herbeigeeilte stellte die Lampe auf den einzigen Tisch, umfasste Carlinas schmale Schultern fest mit ihren großen Händen und schüttelte sie sanft. »Wach auf, Liriel, wach auf! Du träumst nur, Schwester, das ist alles.«

Carlina starrte Anya mit leerem Blick an, dann erwachte sie und schüttelte sich. »Es war so real«, sagte sie leise. »So unheimlich real.«

Sie schwang ihre dünnen Beine über den Bettrand, wies Anyas Hilfe sanft zurück und trat an das Fenster ihres kleinen Hauses. Mit nackten Füßen lief sie über den kalten Boden. Im Herbstnebel war nur der bleiche Mond Marmallor über dem Horizont sichtbar; die anderen waren untergegangen.

»Es war kein Traum«, sagte sie schließlich. »Es war ein Ruf, und ich muss ihn beantworten.«

Sie wischte sich die letzten Spuren des Schlafes aus den Augen, wandte sich vom Fenster ab und nahm ein schwarzes Gewand von einem Haken an der Wand. »Zuerst muss ich eine gewisse Jandria finden, die bei der Schwesternschaft des Schwertes in Serrais lebt.

Mit ihrer Hilfe werde ich jene treffen, die ich suche.«

»Du kannst doch jetzt nicht fortgehen«, protestierte Anya. »Wenn du bis zum Sonnenaufgang wartest, kann eine Eskorte dich begleiten.«

Carlina schüttelte den Kopf. »So viel Zeit habe ich nicht.«

»Dann muss ich mitgehen.«

»Du bist großzügig, Schwester, aber der Ruf gilt nur mir allein.

Mir wird schon nichts passieren, ich verspreche es dir.« Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, als sie auch schon wusste, dass sie der Wahrheit entsprachen. Allerdings hatte sie keine Ahnung, woher sie es wusste.

Carlina knöpfte ihr Gewand zu und gab Anya einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Sag Mutter Luciella, dass ich gegangen bin.«

Sie legte sich einen Umhang um die Schultern, nahm ihren Tornister und ging allein in die Nacht hinaus.

Das Feuer war heruntergebrannt, und Mirelli Lindir fror. Es war entsetzlich kalt, aber ihr fehlte die Kraft, aufzustehen und die Flammen neu zu entfachen. Sie zupfte schwach an der fadenscheinigen Decke und bemühte sich, ihre Schultern zu bedecken. Aber der Stoffrest war zu klein. Sie rollte sich so eng zusammen, wie ihr aufgeblähter Bauch es zuließ, dennoch war die Erleichterung nur gering.

Sie glaubte nicht daran, dass sie noch einmal zehn Tage überleben würde. Ihre Fuß- und Handgelenke waren dreimal so dick angeschwollen wie üblich, und heute Morgen war ihr Blick irgendwie grau und verschwommen. Sie war zwar keine Hebamme, aber die Symptome des Schwangerschaftsfiebers waren ihr nicht unbekannt. Ohne eine fachkundige Heilerin würde sie sterben. Doch es gab niemanden, der ihr helfen konnte.

Ihr flammend rotes Haar war nun stumpf und spröde und hing ihr strähnig ins Gesicht. Mit zitternden Fingern zupfte sie kurz an den schlimmsten Verfilzungen, dann gab sie angeekelt auf. Spielte es noch eine Rolle, wie sie aussah? Es war doch niemand da, der sie anschaute. Rafael war tot. Eine Million Tränen würden ihn nicht wieder zum Leben erwecken.

Sie hatte ihre Ehre und ihren Platz in der Schwesternschaft des Schwertes für die Liebe eines Laranzu aus dem Turm von Neskaya aufgegeben, ebenso hatte er seinen Platz für seine Liebe geopfert. Sie hatten diese Hütte entdeckt, diesen erbärmlichen Fleck im Nichts, und sie waren eine Zeit lang glücklich gewesen.

Doch die Liebe, fiel ihr ein, hatte ihn nicht aus den endlosen Streitigkeiten der winzigen Königreiche herausgehalten. Als der Herzog von Hammerfell, sein Vetter, einen Laranzu gebraucht hatte, um den Angriff Aldarans von Scathfell abzuschmettern, war Rafael bereitwillig gegangen - um nie mehr zurückzukehren.

Er hatte ihr nichts hinterlassen. Sie hatte sich im Alter von fünfzehn Jahren von ihrer Familie und ihrem adeligen Erbe losgesagt, um sich der Schwesternschaft anzuschließen. Für Rafael hatte sie ihre Eide aufgegeben. Nun hatte sie nichts mehr, keine Sippe, keine Familie, keinen Treueeid. Vor einigen Monaten, als sie gemerkt hatte, dass sie schwanger war, hätte sie vielleicht zu Rafaels Familie nach Hammerfell gehen können, doch nun war sie nicht mehr reisefähig.

Sie wälzte sich stöhnend hin und her und fiel schließlich in einen fiebrigen Schlaf. Und in ihren Träumen rief sie nach Jandria von der Schwesternschaft, die ihre Eidmutter gewesen war.

Ein Dutzend - wenn nicht mehr - Augenpaare konzentrierten sich fragend auf Carlina, als sie den Speisesaal des Gildenhauses von Serrais betrat. Alle Gespräche erstarben, nicht ein einziger Löffel klapperte gegen eine Holzschale.

Carlina zuckte innerlich zusammen. Sie fand es abscheulich, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Doch äußerlich bewahrte sie die Würde, die dem dunklen Gewand einer Priesterin Avarras entsprach. »Ich suche jemanden namens Jandria, die Gildenmutter des Hauses.«

Eine Frau, die schon älter war, sich aber einen geraden Rücken und einen klaren Blick bewahrt hatte, erhob sich von ihrem Platz und schaute die Fremde an. »Und was willst du von ihr?«, fragte sie mit einem Landakzent, der so breit war, dass Carlina ihn kaum verstand.

»Ich habe eine Botschaft von Mirelli Lindir«, erwiderte die Angesprochene, »die ich ihr persönlich überbringen muss.«

Das Gesicht der älteren Frau verzog sich kurz zu einer schmerzverzerrten Grimasse. Dann verließ sie ihren Platz an der Tafel und kam auf Carlina zu. »Du hast mich gefunden«, sagte sie.

Dann wandte sie sich zu ihren scharlachrot gekleideten Kriegerinnen um. »Esst eure Suppe, Töchter. Ich kümmere mich um die Angelegenheit.«

Carlina folgte Jandria mit einem Gefühl der Erleichterung aus dem von Menschen wimmelnden Raum, weg von den zahlreichen starrenden Augen. »Mirelli ist für uns tot«, sagte Jandria, als die beiden sich in der Privatsphäre eines leeren Raumes befanden. »Sie hat uns abgeschworen.«

»Sie stirbt tatsächlich«, erwiderte Carlina. »Sie hat in ihren Träumen zwar mich erreicht, doch eigentlich ruft sie nach dir. Ohne Hilfe wird sie das Ende der Mondspanne nicht überleben.«

»Ah, das ist schlimm.« Jandria zog den Kopf ein. »Aber trotzdem

… Das Mädel ist aus freiem Willen gegangen. Die Kleine ist eine Eidbrecherin. Sie hat kein Anrecht auf unsere Unterstützung.«

Carlina, ansonsten recht leidenschaftslos, fauchte: »Sprich nicht von Rechten, wenn jemand im Sterben liegt, der dich liebt. Zu was ist Ehre ohne Mitgefühl gut? Sind wir nicht alle Avarras Töchter?«

Jandria schwieg eine Weile. Ihre dunklen Augen waren unergründlich. »Deine Stimme ist grob, Tochter, doch dein Herz ist sanft«, sagte sie schließlich. »Und du bist den ganzen Weg von der Insel des Schweigens gekommen, um an mich zu appellieren. Ich kann mich dir nicht verweigern. Sag mir, was du brauchst, und du wirst es bekommen.«

Carlina lächelte. Ihr schmales Gesicht wurde für einen Moment fast schön. »Ich brauche eine Hebamme aus dem Dorf, die mir hilft«, sagte sie.

Jandria errötete. »Bedeutet das etwa …«, setzte sie an.

Doch Carlina fiel ihr ins Wort. »Du musst ebenfalls mitkommen.

Das heißt, wenn du zum Reiten noch nicht zu alt bist.«

Jandria fluchte. »Ich bin jedenfalls noch nicht so alt, dass ich nicht länger sitzen könnte als eine Priesterin Avarras! Ich werde erst in der Mittwinternacht achtzig!«

»Nun denn«, erwiderte Carlina, und erneut spielte ein seltenes Lächeln über ihre Züge. »Dann brechen wir morgen früh auf. Bis dahin müsste mein Pferd wieder bei Kräften sein.« Und sie dachte mit unvoreingenommener Erheiterung, dass sie endlich einen Grund gefunden hatte, ihrem Pflegebruder Bard di Asturien dankbar zu sein. Denn er hatte den Priesterinnen ein Dutzend guter Pferde geschenkt, ihr eigenes Reittier eingeschlossen.

Mirelli hörte das Geräusch von Pferdehufen auf dem groben Steinweg, der zu ihrer Hütte führte. Ihr Herz klopfte voller Angst.

Gnädige Avarra! Es sind Banditen, die mich ausrauben und töten wollen, denn um diese Zeit treibt sich niemand sonst in dieser Gegend herum. Mit einer Verzweiflung, die sie überraschte - sie war davon ausgegangen, dass der Tod ihr gewiss war -, erhob sie sich zitternd von ihrem Lager und suchte aufgeregt nach einer Waffe. Sie erspähte Rafaels Kurzschwert, den einzigen Gegenstand, den er ihr hinterlassen hatte, und versuchte es aufzuheben. In ihrem geschwächten Zustand war das kleine Schwert fast zu schwer für sie. Sie balancierte es unsicher über ihrem geschwollenen Bauch und hielt es mit einer Hand fest. Mit der anderen stützte sie sich an der Wand ab, damit sie nicht umfiel.

»Mirelli«, vernahm sie eine vertraute Stimme von der Tür her. »Ich bin hier, Chiya.«

Eine Woge der Erleichterung, so stark, dass sie in die Knie ging, durchflutete sie. Das Schwert fiel mit einem dumpfen Scheppern auf den festgetretenen Erdboden der Hütte. »Oh, möge die Göttin gepriesen sein«, sagte sie leise. »Oder träume ich?«

Wenn es ein Traum war, hoffte Mirelli, dass er nie endete. Drei Frauen - die alte Jandria, eine ihr unbekannte junge Bäuerin und eine dunkel gekleidete Priesterin - kamen rasch durch die Tür. Sie hoben die gestürzte Mirelli und trugen sie vorsichtig zu ihrem Lager. Sie schlugen die Frau in warme Decken ein, und die Priesterin entfachte das Feuer, indem sie mit der Hand wedelte.

»Ach, Jandria, Jandria«, sagte Mirelli leise, wobei Tränen über ihre Wangen strömten. »Wie habe ich gebetet, dass du kommst.«

Jandria legte eine faltige Hand auf die heiße Stirn der jungen Frau.

»Sei jetzt still, Chiya. Ich bin hier. Bleib still liegen und lass die Priesterin ihre Arbeit tun.«

Carlina trat vor und beugte sich über Mirelli. »Man nennt mich Mutter Liriel«, sagte sie freundlich. Sie nahm einen Sternenstein aus dem Beutel, der an einem seidenen Band um ihren Hals hing. »Du hast Laran, Schwesterchen, du kannst mir helfen. Konzentriere dich auf dein Kind.«

Mirelli schloss die Augen.

»Ich kann dir auch helfen«, sagte Jandria leise. »Ich habe zwar keine starken Kräfte, aber ich bin nicht völlig kopfblind.«

Carlina schaute die Frau in stiller Überraschung an. Jetzt, da sie genauer hinschaute, entdeckte sie die roten Spuren in ihrem verblichenen Haar und spürte die Aura der mentalen Präsenz, die nur ein Mensch mit Laran haben konnte.

Die Hebamme, die Maura hieß, lachte leise, als sie den Wasserkessel aufs Feuer stellte. »Ihr seid zu bescheiden, Jandria. In Serrais weiß doch jeder, dass Ihr König Carolins Pflegeschwester seid!«

»Ich habe diesen Dingen entsagt, als ich zur Schwesternschaft ging«, widersprach Jandria mit fester Stimme. »Aber ein wenig Laran habe ich schon, ja. Wenn du willst, Mutter Liriel, werde ich dich überwachen.«

Carlina nickte, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Mirelli. »Es ist zwar noch etwas zu früh«, sagte sie, »aber das Kleine muss jetzt auf die Welt, sonst werdet ihr beide sterben.«

Mirelli nickte schwach.

»Dann fange ich jetzt an«, sagte Carlina und gab Maura mit einem Wink zu verstehen, dass sie sich bereitmachen sollte.

Bevor das Kind auf die Welt kam, graute der Morgen. Als die blutrote Sonne hoch am grauen Himmel stand, war das Kind endlich da, gesund und munter, und tat den ersten Atemzug. »Ein hübsches Mädel«, murmelte Jandria, als sie Maura half, die Kleine zu säubern. »Möge es kräftig und gut werden.«

Carlina wischte sich mit einem sauberen Handtuch die Stirn ab.

»Schlaf nun, Schwesterchen«, sagte sie zu Mirelli. »Maura kümmert sich um deine Tochter.«

Mirelli, über alle Maßen erschöpft, fiel sofort in einen tiefen Schlaf.

»Das wäre geschafft«, sagte Jandria und gesellte sich zu Carlina an die Feuerstelle. »Wenn du mit mir zum Gildenhaus zurückkehren willst, sorge ich für eine Eskorte, die dich zur Insel bringt.«

»Es ist geschafft?« Carlinas Stimme verriet ihre eigene Erschöpfung. »Und was wird aus den beiden?« Sie deutete mit dem Kopf auf Mutter und Kind. »Es wird Mittwinter werden, bevor Mirelli gesund genug ist, um für sich selbst zu sorgen. Man kann sie nicht allein lassen.«

Jandria zuckte die Achseln. »Vielleicht hat sie eine Familie, zu der sie gehen kann. Vielleicht könnte sie auch dich zur Insel begleiten.«

Carlina seufzte. »Sie hat niemanden. Ich würde sie zwar gern zur Insel mitnehmen, aber unsere Regeln erlauben es nicht.«

»Dann haben wir ihr Leben umsonst gerettet«, sagte Jandria verbittert. »Dies hier ist kein Ort, an dem man einen Säugling aufziehen kann. Wir sind Kriegerinnen, keine Kinderschwestern.«

Carlinas Miene umwölkte sich. »Unsere Regeln. Eure Regeln. Wir sind in einer Falle, die wir uns selbst gestellt haben, wie irgendwelche Jungfern, die man gegen ihren Willen verheiratet.« Sie schaute schlecht gelaunt ins Feuer, und einen Moment lang sah es so aus, als hätte sie in den flackernden Flammen eine Vision, eine scharlachrote Vallaria, umschlungen von dunklen Robinia-Blättern.

Carlina keuchte auf und legte eine bebende Hand auf Jandrias Arm, denn die Bedeutung der eigenartigen Vision wurde ihr schlagartig klar. »Du und ich können die Regeln ändern.«

Jandria schüttelte den Kopf; sie sah aus, als wolle sie etwas sagen, doch Carlina redete weiter und berichtete von ihren Zukunftsträumen. »Vor einigen Jahren wollte ich Priesterinnen weltlicher machen, aber die älteren Mütter wollten nichts von Veränderung wissen. Ich bin sicher, dass es in deiner Schwesternschaft viele gibt, die ebenfalls etwas dagegen hätten, von alten Dingen abzulassen.«

Jandria nickte. »Sehr viele würden laut aufschreien, würde man auch nur die kleinste Vorschrift übertreten.«

Carlina schaute der anderen Frau tief in die Augen. »Du bist Gildenmutter. Du kannst genügend Schwestern in Serrais überzeugen. Jene, die keine Veränderung wollen, können in ein anderes Gildenhaus umziehen. Und ich werde von der Insel des Schweigens diejenigen Priesterinnen herbringen, die mir folgen wollen. Zusammen können wir einen neuen Orden gründen, mit menschlichen Regeln, damit keine Frau gezwungen wird, eine unmögliche Wahl zu treffen.«

Es dauerte eine Weile, ehe Jandria antwortete. Sie maß die noch immer fest schlafende Mirelli mit einem besorgten Blick und schaute dann das Kind an, das sich zufrieden in Mauras Arme kuschelte.

»Aye«, sagte sie leise. »Wir haben Mirelli verloren, weil sie sich verliebt hat und die Schwesternschaft keinen Platz für die Liebe zu einem Mann hat.« Sie schüttelte den Kopf. »Frauen, die Frauen lieben, werden nicht gezwungen, gegen ihre Natur zu handeln, doch von den anderen verlangen wir, dass sie zu viel aufgeben.«

»Dann wirst du es also tun? Nimmst du Mirelli mit nach Serrais und heißt die Priesterinnen willkommen, die ich überzeugen kann, mir zu folgen?«

Jandria zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, ob es durchführbar ist.« Sie seufzte und fuhr dann leiser fort: »Aber auch ich würde gern um einen Zufluchtsort wissen, an dem jede Frau ungeachtet ihres Könnens und ihrer Neigungen ein Heim findet - eine echte Alternative.«

Nach diesen Worten trat Maura mit dem Kind auf den Armen vor.

»Entschuldigt, meine Damen. Ich habe mitgehört, was Ihr gesagt habt. Ihr wisst nicht, was ein solcher Zufluchtsort für jemanden wie mich bedeuten würde.« Sie richtete einen flehentlichen Blick auf Jandria. »Ich bin keine Kriegerin wie Ihr, Mestra.« Ihr ernster Blick wandte sich nun Carlina zu. »Ich habe auch nicht den Wunsch, mich von den Dörflern zu trennen, die mein Können brauchen. Aber …

Ach, wie sehr habe ich mich danach gesehnt, der Herrschaft meines Stiefvaters zu entkommen. So, wie es jetzt ist, muss ich mich, um einem Tyrannen zu entkommen, an einen anderen Mann binden und kann nur hoffen, dass er nicht zu grob ist … Bitte, Mestra …«

Sie wandte sich wieder Jandria zu. »Bitte, versucht, was Mutter Liriel vorgeschlagen hat. Ich würde hart arbeiten, um das Vorrecht zu genießen, Eurem Orden anzugehören. Ich würde mein ganzes Einkommen dem Haus übergeben.«

Jandrias altes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Nein, alles bestimmt nicht, mein Kind. Vielleicht einen Anteil.« Sie warf resigniert die Hände in die Luft. »Tja, ich bin zwar alt, aber in meinen Methoden noch nicht festgefahren. Und ich kann Mirelli nicht dem Tod überlassen. Wir werden einen neuen Orden gründen, Mutter Liriel, aber wenn man uns beide mit vorgehaltenem Schwert aus Serrais verjagt, behaupte nicht, du wärst nicht gewarnt worden.«

Maura quietschte vor Entzücken und weckte das Kind, das leise anfing zu weinen. Sie lächelte entschuldigend, überließ die beiden anderen Frauen ihrem Gespräch und entfernte sich, um die Kleine zu beruhigen.

»Wir werden eine neue Charta brauchen«, sagte Carlina langsam.

Ihre anfängliche Begeisterung über Jandrias Einlenken wurde nun zu einer besorgten Bewertung der äußerst realen, vor ihnen liegenden Schwierigkeiten. »Vielleicht ist der König nicht damit einverstanden.«

Jandria kicherte. »Nein, Mädel. Carolin ist kein Hindernis. Ich bin wirklich mit ihm verwandt, und er schuldet der Schwesternschaft des Schwertes eine Menge. Er wird mir keine vernünftige Bitte abschlagen.«

Carlina nahm Jandrias Hände in die ihren und drückte sie kurz.

Doch geistig war sie schon meilenweit entfernt und zählte die Priesterinnen, die sich ihr anschließen würden. Anya natürlich und Buartha, vielleicht noch ein Dutzend andere. Es waren vielleicht nicht viele, aber es war ein Anfang. Und mit einer Gewissheit, die aus der Stärke ihrer Entschlossenheit geboren wurde, wusste sie, dass es genug sein würden.

Über Judith Kobylecky und ›Ein Anfang‹

Da Judith Kobylecky wieder ein Kind bekommen hat, weist nicht nur der Titel dieser Geschichte auf einen neuen Anfang hin.

Herzlichen Glückwunsch; mein Enkel ehrenhalber ist schon sieben.

Sie wachsen schnell, nicht wahr? Auch wenn man es nicht glaubt, wenn sie klein und laut sind und einen in den Wahnsinn treiben.

Man braucht sich nur zweimal umzudrehen, dann sind sie schon einsachtzig!

Judith zufolge wurde diese Geschichte »gleich nach Emmas Geburt geschrieben, deswegen ist sie auch so kurz. Sie schrie zwar danach, verlängert zu werden, aber Neugeborene sind so wunderbar, dass man sich nicht von ihnen lösen kann.« Wie anständig sie doch sind. »Außerdem war ich müde.« Dafür sorgen Säuglinge schon - besonders, wenn man noch andere Kinder hat, wie Judith, die neben ihrem Ehemann John Orr noch lan (3) und Anna (6) versorgen muss. Meine ersten 30 Bücher entstanden, als die Kinder im ganzen Haus herumschrien, doch leider war nichts davon zur Veröffentlichung geeignet. Über schreibende Mütter braucht man wohl nichts zu sagen - es sei denn: Schöpft Mut! Sie werden schneller groß, als man glaubt. Meine Jüngste ist nun fast 25

- und ich bin überzeugt, dass ich sie eigentlich jetzt noch auf dem Arm herumtragen müsste.

Ich könnte über die Freuden des Daseins als Vollzeithausfrau und Mutter sowie darüber, wie man sich beim Schreiben abrackert, um eine Familie mit zwei kleinen Kindern über die Runden zu bringen, eine Seite nach der anderen füllen - aber solche bösen Wörter spreche ich in der Öffentlichkeit nicht aus. - MZB

Ein Anfang

von Judith Kobylecky

Als Ailain sich einen Weg durch das schwelende Holz bahnte, brannte die Siedlung noch. Fast versteckt im rauchenden Dunst konnte sie drei Gestalten ausmachen, welche die Ruinen langsam durchsuchten. Ailain war zu benommen, um sich zu fragen, wer sie waren oder wen sie suchten; sie hatte ihre Toten längst gefunden.

Fest umklammert hielt sie das Schwert ihres Geliebten. Es war in das Banner eingeschlagen, das er so stolz in die Schlacht getragen hatte. Der Ehre der Sippe wegen hatten Generationen eine Blutfehde ausgetragen, deren Ursache längst vergessen war. In dieser Schlacht hatten schließlich beide Seiten verloren. Nun waren alle tot, außer Ailain und den anderen, die ihre Suche nicht aufgeben wollten und sich wie Gespenster durch den Rauch bewegten. Ein klagendes Weinen sagte der Erschöpften, dass eine der anderen Frauen gefunden hatte, wonach sie suchte. Das Schluchzen durchbrach die Mauer, die sie um ihren eigenen Schmerz errichtet hatte, und trieb sie ans Ufer des Flusses.

Als sie sich hinkniete, um den Ruß und das Blut von ihren Händen abzuwaschen, achtete sie sorgfältig darauf, ihre Last nicht fallen zu lassen. Einzig das Schwert war noch übrig, um die Sippenehre aufrechtzuerhalten. Die Frau fürchtete sich davor, es auch nur einen Moment loszulassen.

Beim Geräusch der leisen Schritte wandte sie sich um und sah, dass auch die anderen Überlebenden ans Ufer gekommen waren.

Ailain wusste, wer sie waren. Die in ihre langen Haare eingeflochtenen Sippensymbole identifizierten sie so deutlich, als hätten sie sich einander vorgestellt. Die Frau mit der verbundenen Hand trug die Symbole ihrer Erzfeinde; sie war so schmutzig und müde wie Ailain selbst. Die beiden anderen gehörten zu den Familien der reisenden Händler, die in die Kämpfe verstrickt worden waren. Sie hatten zwar nicht daran teilgenommen, aber ihre Angehörigen ebenfalls verloren.

Als Ailain aufstand, schauten die anderen sie müde an. »Heute kämpfe ich nicht mehr.« Ihre Stimme klang in den Ohren der anderen Frauen schwer und schwach zugleich.

Die ältere Händlerin sagte leise, als führe sie ein Selbstgespräch:

»Wir haben uns nie für den Kampf interessiert, aber es hat keine Rolle gespielt. Wie soll ich ohne Familie und ohne Sippe leben? Der Winter steht vor der Tür und sämtliche Häuser und alle Vorräte sind vernichtet.«

Das Mädchen fing an zu weinen. Zu Ailains Überraschung legte die Frau einen Arm um das Kind und murmelte tröstende Worte.

Ihre Sippensymbole waren die rivalisierender Familien, die einander noch nie Trost zugesprochen hatten. Zum ersten Mal stellte Ailain den Kodex in Frage, der bisher jede Handlung ihres Lebens bestimmt hatte. Es war Recht in dem, was die Frau getan hatte, sie konnte es nicht leugnen, selbst wenn es gegen alles sprach, was man sie gelehrt hatte.

Zu ihrer Überraschung hörte sie sich sagen: »Die Fehde ist beendet. Nur wenn wir uns zur Zusammenarbeit entschließen, können wir überleben.«

Die Frau von der Rivalensippe warf einen skeptischen Blick auf das Banner und das Schwert, das Ailain so sorgsam in den Armen hielt.

»Wie kann du das sagen, wo wir doch alle Abzeichen unserer Sippen tragen? Unsere Familien waren schon vor der Geburt unserer Eltern verfeindet. Wie sollte es uns je gelingen, uns gegenseitig zu trauen? Die Familienehre besteht, solange auch nur ein Angehöriger der Familie lebt.«

Ailain schaute das Schwert und das Banner ihres Anverlobten eine geraume Weile an, dann warf sie beides ins Wasser. Als sie ihr eigenes Schwert aus der Scheide zog, sah sie, dass die anderen besorgt zurücktraten, während das Kind einen Schrei unterdrückte und das Gesicht in den Armen der anderen Frau verbarg. Main hob ihren langen Zopf mit einer Hand hoch. Die Symbole ihrer Sippe waren darin eingeflochten. Erst heute Morgen hatte ihr Geliebter ihr eine Kette mit Perlen in den Sippenfarben geschenkt. Er hatte ihr zugeschaut, als sie den Schmuck in ihr Haar geflochten hatte. Sie schnitt den Zopf ab und warf ihn ebenfalls ins Wasser.

»Ich entsage meiner Sippe und meinen alten Loyalitäten. Wir sind eine Schwesternschaft, und nun seid ihr, das schwöre ich, mein Volk.«

Sie schaute mit zunehmender Hoffnung zu, wie eine ihrer neuen Schwestern nach der anderen ihr langes Haar mit den Symbolen abschnitt und es in das schnell fließende Wasser warf.

Über Mercedes Lackey und ›Um einem Dieb eine

Falle zu stellen … ‹

Ich hatte die einmalige Freude - nun, sie war nicht gänzlich einmalig, da es mir inzwischen mehrfach passiert ist -, die erste Geschichte einer Autorin vorstellen zu dürfen, die sich in meinem Genre auch weiterhin einen Namen gemacht hat. Mercedes Lackey publizierte erstmals in Die Freien Amazonen und anschließend in den Schwestern-Anthologien. Ihre Geschichten drehen sich um zwei Frauen, die eine Zauberin, die andere Fechterin, die Freie Amazonen sind, auch wenn sie nicht so genannt werden. Außerdem erschien eine ihrer Geschichten in Die Domänen. Aber sie hat mit ihren ausgezeichneten ›Herald‹-Büchern - die mir paradoxerweise gefallen, obwohl sie sich mit Leuten befassen, die mit intelligenten Pferden kommunizieren - eine unabhängige Laufbahn eingeschlagen. Als alte Bauersfrau habe ich, was Pferde angeht, zwar keine romantischen Illusionen, doch mir gefällt Lackeys Werk, obwohl es von Pferden handelt. Mir sind Drachen allgemein lieber, auch wenn sie ein zu Tode gerittenes Fantasy-Klischee sind.

Mercedes Lackey hat auch einige sehr schöne Großstadt-Fantasy-Romane geschrieben, deswegen sehe ich sie nicht mehr als Protektionskind, sondern als selbständige und unabhängige Autorin. Was mich an die Zeit denken lässt, in der die liebenswerte, inzwischen verstorbene Autorin C. L. Moore (1911-1985) im letzten Jahr ihres bewussten Lebens vor einer Gruppe von Autorinnen sprach. (Als Opfer der Alzheimer-Krankheit lebte sie zwar noch sehr lange, wusste aber nicht mehr, wer sie war, und erkannte keinen anderen mehr.) Als sie uns junge Autorinnen (einige waren um die 40 und älter) sah, murmelte sie verdutzt: »Ihr seid so jung, dass ihr nicht mal meine Töchter sein könntet.« Woraufhin sämtliche im Raum anwesenden Frauen - nicht nur ich, der es sofort einfiel -

spontan riefen: »Wir sind aber deine Töchter, Catherine!«

Deswegen neige ich dazu, viele junge Autorinnen - nicht nur diejenigen, die ich persönlich gefördert habe - für meine Töchter zu halten. Meine Freundin Sandi hat mir einst während einer unserer zahlreichen Auseinandersetzungen vorgeworfen: »Ach, Marion, du möchtest am liebsten jedermanns Mutter sein!« Woraufhin ich erwiderte: »Es fällt einem eben schwer, es nicht zu sein, wenn die ganze Welt auf deinem Schoß Platz nimmt!«

Aber - ich gestehe es - ich bin so stolz auf Mercedes Lackey, als wäre sie meine Tochter. In der folgenden Erzählung behandelt sie ein Problem, über das ich mir schon oft Gedanken gemacht habe.

Bedenkt man den Vertrag, der alle Waffen verbietet, die ›länger sind als die Reichweite des Arms, der sie, einsetzt‹ - entspricht dann die Verwendung von Pfeilen dem Gesetz? Und wenn ja, warum? - MZB

Um einem Dieb eine Falle zu stellen …

von Mercedes Lackey

Es hätte Spaß machen können. Tayksa arbeitete gern mit Leder, selbst wenn sie es flicken musste. Der Gemeinschaftsraum des nagelneuen Gildenhauses war endlich warm - zum ersten Mal seit Wintereinbruch. Praktisch alle Angehörigen der neu gegründeten Gilde der Entsagenden hatten einen Grund gefunden, hier zu sein, doch im Gegensatz zu ihrer Partnerin Deena hielt Tayksa sich gern in einem Menschengewimmel auf. Sie war schließlich ein Stadtkind.

Mauern und Menschen waren ihr Element.

Doch die gemütliche Atmosphäre war mit einem Mal zerschlagen, als eine andere Ex-Schwester des Schwertes das Thema Politik zur Sprache brachte …

Tayksa seufzte, dann beugte sie sich wieder über ihre Lederarbeit und hoffte verzweifelt, dass man sie nicht gerade in diese Auseinandersetzung ihrer entsagenden Schwestern hineinzog.

»Pfeil und Bogen töten keine Menschen«, sagte Leanna stur und schob ihr Kinn so weit vor, dass jedem, der ihr widersprach, offensichtlich Ärger bevorstand. »Menschen töten Menschen.«

Wenn ich je eine grobe Vereinfachung gehört habe, dann jetzt, dachte Tayksa, aber ihr fiel auch ein, dass Leanna den Eid erst vor kurzem abgelegt hatte und zudem eine knochige Schäferin aus dem Vorgebirge der Hellers war, die sehr darauf achtete, nicht das Risiko einzugehen, ihre Haut bei einer Rauferei mit einem Wolf oder einem Katzenmenschen aufs Spiel zu setzen. Ihr Volk kannte nicht mal einen Bruchteil der Kriegsführung, die Land und Leute zerrissen hatte, bevor der Comyn-Fürst Varzil - der nun ›der Gute‹ hieß -

angefangen hatte, dies zu ändern, indem er die streitenden Parteien persönlich unterworfen hatte.

Sie hat - Avarra, steh uns bei - noch kein Haftfeuer gesehen, dachte Tayksa verbittert. Sie erinnerte sich nur allzu gut an den Anblick jener Angehörigen der Schwesternschaft, die einen Vorgeschmack des bösen Zeugs auf einem Schlachtfeld erlebt hatten, und zwar aus allernächster Nähe. Und Todesstaub noch weniger. Andererseits hat sie nicht ganz Unrecht. Wie, bei der siebenten Hölle, sollen Schäfer ihre Herden verteidigen - oder Bauern ihre Familien? Sie haben keine Zeit, Fechten zu lernen. Sie müssen sich um das Getreide kümmern. Hm. Wenn ich so darüber nachdenke, haben eigentlich nur die Reichen und Hochwohlgeborenen die Zeit zu lernen, wie man mit Schwert und Messer umgeht. Und Leute wie wir, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten.

Außerdem …

»Nimmt man den normalen Menschen den Bogen weg, können sie sich nicht mehr verteidigen«, fuhr Leanna fort und sprach damit die Worte aus, die Tayksa gerade durch den Kopf gingen. »Wenn es ein Verbrechen sein soll, einen Bogen zu besitzen, werden nur Verbrecher einen haben. Könnt ihr mir vielleicht sagen, wozu das dienlich sein könnte?«

Sie schaute sich um, als erwarte sie Zustimmung. Ihr Blick richtete sich auf Tayksa. Die junge Frau stöhnte innerlich auf, denn sie wusste genau, was nun kam. Man würde sie in die verfluchte Diskussion hineinziehen, ob es ihr passte oder nicht …

Um die Wahrheit zu sagen: Sie hatte, was die ganze verdammte Sache anging, gemischte Gefühle. Natürlich verstand sie die Weisheit hinter Varzils Vertrag. Er besagte, dass niemand eine Waffe einsetzen oder besitzen durfte, die aus der Ferne zuschlagen konnte. Dies war gewiss jeden Preis wert - ebenso wie das Bestreben der Türme, zu verhindern, dass jemand für irgendeinen Zweck Haftfeuer oder Todesstaub erzeugte.

Aber wo blieben in diesem Fall die Schäfer - wie Leannas Verwandte?

Oder anders gefragt: Wo blieb dann sie?

»Schwester«, unterbrach sie eine leise Stimme von der Feuerstelle her, bevor Leanna Tayksa in die Schlägerei einbeziehen konnte.

»Schwester, du siehst nur die Begrenzungen des Vertrags. Du lässt jedoch die Freiheiten außer Acht, die er uns allen bringt.«

Tayksa seufzte dankbar. Maira n’ha Joyse war aus den Reihen der anderen Schwesternschaft in das neu gegründete Gildenhaus gekommen - denen der grau gewandeten Damen der Avarra. Zwar war sie in ihr staubgraues Gewand gekleidet, doch es endete nun knapp oberhalb der Knie und hing über der gleichfarbenen Reithose. Außerdem trug sie stolz das lange Messer der Entsagenden, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie man es benutzte.

Leanna gab widerstandslos nach. Tayksa wusste nicht genau, ob sie es aus Respekt vor dem grauen Gewand oder dem roten Haar der Comyn-Frau tat, das über Mairas blassem Gesicht aufflammte.

Spielt auch keine große Rolle, dachte sie. Bevor es hier losgeht, bin ich draußen. Das Ärgerliche ist, dass noch zu viele Schwestern wissen, was ich war, und darüber vergessen, was ich bin … Außerdem ist alles, was ich sage, suspekt. Andererseits kann ich nicht aufhören, das zu sein, was ich war, denn es ist ein Teil meines Ichs. Und um ganz ehrlich zu sein, ich schäme mich dessen nicht. Evanda und Avarra wissen, dass ich dem alten Kupferhaupt mehr als einmal das Leben gerettet habe. Man braucht nun mal einen Dieb, um einem anderen Dieb eine Falle zu stellen. Und wenn man einem Mörder eine Falle stellen will …

Maira streckte ihre verstümmelte, klauenartige linke Hand aus.

Leanne zuckte zurück. »Dies, Breda, ist die Auswirkung eines Haftfeuertropfens, der nicht größer war als ein Stecknadelkopf«, sagte sie mit der gleichen leisen und freundlichen Stimme. Der Feuerschein ließ die Hand übler aussehen, als sie eigentlich war, und Tayksa hatte den scharfsinnigen Eindruck, dass Maira dies auch wusste. »Stell dir vor, das Zeug regnet vom Himmel herunter, nicht nur auf die Kämpfenden, sondern auch auf hilflose Bauern und Hirten, auf Frauen und Kinder - davor will der Vertrag uns bewahren. Ist dies das Opfer einiger Bogen nicht wert?«

Leanna sah zwar aus, als sei ihr übel, aber sie war aus härterem Holz geschnitzt, als Tayksa angenommen hatte. »Mag sein«, sagte sie, »aber …«

Im Türrahmen nahm Tayksa aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Sie schaute automatisch auf und erkannte ebenso automatisch, wer dort stand - die schlanke, dunkelhaarige Gestalt ihrer Partnerin Deena. Tayksa nickte, um ihr zu zeigen, dass sie ihre Freundin bemerkt hatte. Deena riss den Kopf ruckartig zur Seite, deutete in Richtung Treppenhaus und verschwand.

Tayksa suchte ihre Sachen zusammen und schob sie in den Nähkorb. Es gefiel ihr zwar nicht, der Wärme zu entsagen, aber sie entzog sich liebend gern der Gefahr, in die Diskussion verwickelt zu werden. Dann will die Gildenmutter mich also sprechen. Hm. Ich frage mich, aus welchem Grund.

Deena erwartete sie auf halbem Weg die Treppe hinauf. »Jemand sollte der Kleinen die Lippen zusammennähen, bis sie ein wenig Vernunft gelernt hat«, sagte die hagere Brünette kurz angebunden.

»Bei Zandrus Höllen! Ich würde für den Rest meines Lebens freiwillig Ställe ausmisten, wenn es die einzige Möglichkeit wäre, uns den Todesstaub vom Hals zu schaffen!«

Tayksa schüttelte nur den Kopf und übersprang auf der Treppe jeweils eine Stufe. »Sie hat es nie erlebt, deswegen kann sie es sich nicht vorstellen, Deena. Das arme Mädchen hat nicht mehr Phantasie als ein Schafsfladen …«

Deena erstickte mit ihrem Handrücken ein Kichern.

»Und was will die Gildenmutter von uns?«, fuhr Tayksa fort, als sie nach der Tür ihres Zimmers griff und sie öffnete, damit ihre Partnerin eintreten konnte.

»Nicht die Gildenmutter will etwas von Euch, Ihr Nerven zersägende junge Frau«, sagte eine herzliche erheiterte Stimme, die um zwei Oktaven tiefer war als die der Gildenmutter.

Tayksa machte schnell die Tür hinter sich zu.

Bei Zandrus verfluchten Höllen! Was macht der denn hier?

Fürst Varzil lächelte ihr aus den Tiefen des zweitbesten Sessels der Gildenmutter entgegen. Er lächelte - doch Tayksa brauchte kein Laran, um zu wissen, dass irgendetwas nicht stimmte. Dass er hier war, war ihr schon Beweis genug. Aber er sah aus wie ein Mann, dem zu viel im Kopf herumging und der für seine Probleme keine Lösung wusste. Das sich auf seinem kupferfarbenen Schädel spiegelnde Kerzenlicht reichte aus, um ihr die Sorgenfalten zu zeigen, die sein Lächeln und seine Augen umgaben. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit dem Rücken an die Tür.

»Und warum zersäge ich Eure Nerven, Fürst Kupferhaupt?«, fragte sie. Die Gildenmutter zuckte angesichts dieser Respektlosigkeit zusammen.

»Weil Ihr entweder mit einem Laran gesegnet seid, das sich jeder Prüfung entzieht oder es fertig bringt, Konsequenzen zu sehen, die ich nicht erkennen kann«, erwiderte Varzil leicht kläglich.

Ah, das also ist es. Ich habe ihm geraten, auf das zu achten, was sich hinter ihm tut. Klingt so, als hätte jemand versucht, ihn von hinten zu erdolchen.

»Hat schon jemand versucht, Euch zu entleiben?«, fragte sie.

Varzil schüttelte langsam den Kopf. »Noch nicht. Aber eine meiner Kolleginnen hat es mir prophezeit. Oder sagen wir lieber, sie hat ein Bild gesehen, auf dem ich höchstwahrscheinlich tot bin. Und viel zu viele Zukünfte enthalten meinen Tod. Leider hat sie nicht den Auftraggeber erblickt, sondern nur das Ergebnis - der Mörder ist irgendwie verwischt, so dass sie nicht zu ihm durchdringt. Und was noch beunruhigender ist: Wir können im Hier und Jetzt weder den Auftraggeber noch denjenigen ausmachen, der hinter ihm steht.«

Tayksa spitzte die Lippen und trommelte mit den Fingern auf ihren Oberarm. »Euch kann also jemand abblocken?«, fragte sie.

Dann zuckte sie die Achseln. »Macht nichts. Sie können uns nicht daran hindern zu sehen, dass es nicht passiert.«

»Uns?«, wiederholte Varzil mit gerunzelter Stirn.

»Uns«, erwiderte Tayksa fest. Deena kam etwas näher, um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen. »Wir kommen zu zweit. Deena ist Fährtensucherin. Sie kümmert sich um das Äußere der Orte, die wir bewachen. Ich bearbeite das Innere. Sie wird Dinge sehen, die Euren Wachen niemals auffallen. So was kann ich nicht. Was außerhalb von Mauern stattfindet, ist nicht meine Sache. Ich brauche Deena.

Ich bin auf ihre Fähigkeiten angewiesen. Ich habe Euch schon beim letzten Mal gesagt, Ihr sollt die Dinge auf meine Weise tun, weil ich sonst nicht mitspiele.«

»So sei es.« Eins musste man Varzil lassen: Er war ein guter Verlierer. »Dann lasst mich das wenige erzählen, das ich weiß …«

Als Tayksa und Deena eintraten, verstummte das geschäftige Gemurmel im großen Saal einen Moment lang und wurde dann mit deutlicher Schärfe wieder aufgenommen. Tayksa klammerte sich an Varzils Arm und ließ als das hilflose kleine Geschöpf, das sie nach außen hin verkörperte, ihre langen Wimpern klimpern. Sie hatte diese Rolle sehr oft gespielt, bevor sie zur Schwesternschaft gestoßen war, doch niemals in der Position, jemanden vor anderen Meuchelmördern zu beschützen.

Männer aller Dienstgrade und Stellungen grinsten oder zwinkerten sich listig zu, als sie vorbeikam. Die Frauen musterten sie mit einem Stirnrunzeln. Einige schenkten ihr kalte, andere verärgerte Blicke. Varzils junge, freundliche Braut - nun ebenfalls schwanger - war bei den Frauen seines Hauses beliebt. Es gab nicht wenige, welche die ›Unterhalterin‹ verabscheuten, von der sie annahmen, sie ersetze die junge Ambria in Varzils Bett.

Die Götter seien gepriesen, dass Ambria ebenso intelligent wie schön ist, dachte Tayksa und zupfte ihre Röcke so elegant zurecht wie jede Dame aus den Kreisen der Comyn. Sie spielt die Rolle der vernachlässigten Ehefrau wunderbar. Bei Zandrus Höllen, sie hätte auch eine gute Meuchlerin abgegeben! Bevor diese Sache zu Ende ist, werde ich ihr noch einiges beibringen. Wer weiß, wann sie den einen oder anderen Winkelzug brauchen kann.

Tayksa sah kein bisschen wie die zähe kleine Kämpferin aus, mit der Varzil sich im Gildenhaus unterhalten hatte. Ihr langes blondes Haar - im Gegensatz zu den meisten Schwestern flocht sie es zu Zöpfen, statt es abzuschneiden - wurde von einer teuren Kupferklammer gehalten, die zu dem Kupfergegenstück an ihrem Hals passte. Ihr schweres Wollkleid war in einem üppigen und teuren Rot gefärbt und bestand aus dem weichsten und feinsten Stoff, den man bekam. Außerdem war es so geschnitten, dass man es fast für obszön halten konnte. Körperlich wirkte sie, als könne ein grobes Wort sie umwerfen; zerbrechlich und einnehmend und nicht sonderlich klug, nur gerissen.

Aber es steckten zwei Messer in ihren Ärmeln, und ein drittes war an ihrem Schenkel befestigt, wo sie es durch einen Schlitz in der Rocktasche erreichen konnte. Wenn alle Stricke rissen, klappte sich die teure kupferne Haarspange in zwei bedrohlich aussehende Waffen auseinander, die Tayksa bei mehr als einer Gelegenheit eingesetzt hatte.

Draußen patrouillierte Deena in ständig wechselnder Routine durch den Garten und das Grundstück und hielt die Augen nach allem auf, was ungewöhnlich war. Sie hatte zwar noch nichts gefunden, doch Tayksa wurde das unbehagliche Gefühl nicht los, dass man Varzil und sie seit eineinhalb Tagen beobachtete. Was bedeutete, dass man sie wahrscheinlich auch jetzt im Blickfeld hatte.

Dies wiederum hieß, dass der Meuchelmörder sich irgendwo in diesem Gebäude aufhielt und im Begriff war, seine - oder ihre -

letzten Vorbereitungen zu treffen.

Deswegen hatte Tayksa darauf bestanden, die Täuschung aufrechtzuerhalten, dass sie Varzils Barragana sei und sogar sein Bett teile, auch wenn der dort stattfindende ›Verkehr‹ sich nur auf die rein verbale Ebene beschränkte … Sie hatte ihre Zielpersonen oft in den intimsten Momenten beobachtet; riesige Landsitze wie dieser waren nicht selten mit Gängen und Verstecken ausgestattet, von denen ihre Besitzer nichts wussten. Es wäre unglaublich enthüllend gewesen, wenn sie in der Öffentlichkeit als Liebhaber und im Privaten als Verschwörer aufgetreten wären.

Tayksa hängte sich auf dem ganzen Weg zur Tafel an Varzils Arm und löste sich erst von ihm, als sie den Platz an seiner linken Seite eingenommen hatte. Ambrias Stuhl, rechts von ihm, blieb leer.

Tayksa ließ sich mit geschmeidiger Eleganz auf ihren Sitzplatz sinken und zog weitere stirnrunzelnde Blicke von den Frauen in ihrer Nähe auf sich. Wie gut, dass ich nicht wirklich Varzils Barragana bin. Die Atmosphäre hier ist so eisig, dass sie auch die heißeste Leidenschaft abkühlen würde. Sie lächelte die Frauen an; es war ein absichtlich überlegenes Grinsen, das nur besagte: »Ihr könnt mich wahrscheinlich nicht ausstehen, aber jetzt habe ich die Macht, und das solltet ihr lieber nicht vergessen.«

Denn genau das, dies wusste sie, würde man von einer teuren Hure erwarten.

Die Tische füllten sich, der Raum erwärmte sich mit dem Gemurmel der Gespräche und dem Duft des Essens. An der Luke reihte sich das Personal auf, um dampfende Teller und Schalen aus dem Speiseaufzug zu holen. Als die Gerichte an den Tisch kamen, behielt Tayksa sämtliche Lakaien im Auge und suchte nach Anzeichen verstohlener Bewegungen, die vielleicht ein Ausrutschen der Hand anzeigten. Seit Kriegsende war kein Neuling mehr in der Küche angestellt worden - und außerdem hatten sich die dort tätigen Menschen nach der ersten Drohung bereitwillig Varzils Laran geöffnet. Doch das Personal unterlag einer großen Fluktuation, es wäre sehr leicht gewesen, jemanden in ihre Reihen einzuschleusen und wieder verschwinden zu lassen, bevor auch nur irgendwem ein zusätzliches Händepaar auffiel. Auf dem Höhepunkt des Abendessens richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Teller, nicht auf die fleißigen Hände.

Die meisten verdächtigen Bewegungen erwiesen sich als folgenlos.

Tayksa war nicht darauf aus, ein Giftattentat zu verhindern. Sie speicherte alles in ihrer Erinnerung, für ein späteres Ereignis, falls es zu einem solchen kam. Wenn sie wusste, woher ein Gericht stammte, wusste sie auch, wer es serviert hatte und ob es irgendeine Stelle gab, an der man es hätte ›veredeln‹ können.

Dies ging nun ergebnislos seit mehreren Tagen so, doch Tayksa wusste genau, dass ihre Wachsamkeit nicht nachlassen durfte.

Schließlich hatte sie dieses Spiel einst selbst gespielt …

Weswegen Varzil seine Mahlzeiten auch kalt einnahm.

Er musste mit den anderen speisen; alles andere wäre für den Meuchelmörder ein Signal gewesen. Doch auch dafür hatte Tayksa eine Lösung: Varzil ließ zwar zu, dass man ihm eine Portion eines Gerichts vorsetzte, er aß sie jedoch erst, wenn alle anderen den Gang beendet hatten. Einschließlich Tayksa, die wenigstens teilweise immun gegen alle Gifte war, mit denen sie einst hantiert hatte. War ein Gericht vergiftet, würde sie die Wirkung des Stoffes - hoffentlich in abgemilderter Form - wahrnehmen, bevor Varzil es auch nur gekostet hatte.

Natürlich bedeutete dies, dass der Fürst mehrheitlich kalte und gefrorene Nahrung zu sich nahm.

»Ich fürchte, Eure Schutzmethoden sind so unerfreulich wie jedes Gift«, sagte Varzil leise zu seiner Beschützerin, während sie mit dem tauben alten Krieger tratschte, der neben ihr saß. Sie fuhr mit einem beständigen Strom dümmlicher Unterhaltung weiter, damit sie auf die Lakaien aufpassen konnte, ohne den Eindruck zu erwecken, dass sie sie beobachtete.

»Kaum, mein Fürst«, flüsterte sie trocken zurück. »Ihr habt keine Ahnung von diesem Thema, wenn Ihr glaubt …«

Ihre Kehle zuckte und verschluckte die letzten Worte. Ein Stück weiter am Tisch stand jemand jäh auf und brach ebenso plötzlich zusammen

Garbenasamen, erkannte sie geistesabwesend und zwang ihre Kehle, sich zu entspannen, als sie sich erneut verengte. Ruft eine Lähmung der Schweißdrüsen hervor … Im gleichen Moment, in dem sie die Substanz identifizierte, fegte sie Varzils Teller mit einer Hand zu Boden, bevor er auch nur einen Bissen zu sich nehmen konnte. Mit der anderen Hand zückte sie ein Messer.

Der Aufprall von Varzils Teller auf den Steinboden blieb im allgemeinen Pandämonium unbemerkt.

Die Wirkung des Giftes auf jene, die es verzehrt hatten, wie auch auf jene, die es nicht verzehrt hatten, breitete sich aus. Schon brachen andere Speisende keuchend und mit blau angelaufenen Gesichtern zusammen Der Rest der Anwesenden befand sich in einem Zustand der Panik. Einige bemühten sich tatsächlich, irgendetwas zu tun, doch die meisten führten sich auf wie verängstigte Schafe.

Es muss im Rabbithorn gewesen sein; vermutlich in der Fennelkornsoße.

Tayksa blieb genau dort, wo sie war, beobachtete die Menge und suchte nach irgendetwas Ungewöhnlichem. Es war das Mädchen mit den breiten Hüften und dem nichts sagenden Gesicht. Aber ich sehe sie nicht mehr … Sie ist … Ha!

Varzil war von ihrer Seite gewichen und kniete neben dem nächsten Opfer. Er hielt einen Sternenstein in der linken Hand, seine Rechte lag auf der Stirn des Mannes. Das Gesicht des Fürsten war angespannt. Genau hinter ihm sah Tayksa die fragliche junge Frau, die sich an der Wand entlang zu einer Tür bewegte. Sie fiel weder in Ohnmacht, noch schrie sie, wie etwa die Hälfte der sonstigen Bediensteten. Sie bemühte sich auch nicht, wie die anderen, den Gestürzten zu helfen. Sie machte sich vielmehr zielgerichtet und still davon.

Diesmal nicht. Das Messer befand sich schon in Tayksas Hand. Eine Sekunde später flog es durch den Raum.

Und verfehlte die Flüchtende.

Die junge Frau hatte es irgendwie gesehen und war ihm ausgewichen. Nun duckte sie sich mit einer Geschmeidigkeit, die Tayksa bisher nur bei zwei Menschen - bei sich selbst und dem Meisterdieb, der sie ausgebildet hatte - gesehen hatte, in den Türrahmen.

Egal. Als das Messer gegen die Wand knallte, war Tayksa längst von ihrem Stuhl herunter und fegte mit wehenden Röcken durch den Raum. Als sie den Türrahmen erreichte, hörte sie vor sich das leiser werdende Geräusch rennender Füße. Sie folgte ihm, wobei ihre lederbesohlten Pelzstiefel auf dem Gestein nicht den geringsten Laut erzeugten.

Der Gang bog vor ihr jäh nach rechts ab. Tayksa hielt genau vor der Biegung an. Der vor ihr liegende Korridor war finster - die junge Frau musste die Lichter gelöscht haben, um die Verfolger zu behindern.

Genau das hätte ich auch getan.

Vermutlich war sie sogar noch hier und wartete darauf, dass ihr jemand folgte. Wenn man um die Ecke trat, musste man einen Schatten werfen.

Tayksas Brustmuskeln zuckten einen Moment lang schmerzhaft und krümmten sich in dem Bedürfnis zu atmen. Dann entspannten sie sich zwar, doch sie begradigten sich nicht.

Soll ich sie rufen? Den Versuch machen, sie zum Aufgeben zu bewegen?

Tayksa wünschte sich, sie hätte um die Ecke blicken können. Sie bildete sich ein, jemanden in der Dunkelheit leise keuchen zu hören.

Ich war einst in der gleichen Situation … doch die Schwesternschaft hat mich aufgenommen. Soll ich ihr diese Chance anbieten?

Dann fiel ihr der Augenblick ihrer eigenen Gefangennahme ein.

Sie hatte damals jede Menge Möglichkeiten gehabt, ihre Zielperson zu erledigen - sie hätte ihn töten und Tage zuvor verschwinden können. Doch jede Gelegenheit hatte bedeutet, ihr Opfer zusammen mit einem anderen umzubringen; mit einem Unschuldigen, der nur wenig oder gar nichts mit dem Streit zu tun hatte, auf dessen Grundlage sie angeheuert worden war. Sie hatte außer ihren Zielpersonen nie jemanden umgebracht. Das hatte sie sich geschworen.

Doch die junge Frau war dazu bereit gewesen. Wer konnte vorhersagen, wie viele Menschen heute Abend an dem für Varzil bestimmten Gift starben?

Sie verdient es nicht, dass ich mir ihretwegen Gedanken mache, schoss es Tayksa durch den Kopf. Kalte Wut ließ sie die Zähne zusammenbeißen. Sie ist ein tollwütiger Hund und muss vernichtet werden.

Sie stürzte sich in den dunklen Gang und rutschte über den Steinboden. Sobald sie sich bewegte, blitzte ein Messer aus der Finsternis hervor und prallte an einer Steinwand ab.

Dies sagte ihr etwas über die Richtung. Tayksa glaubte, etwas Weißes zu sehen; wahrscheinlich eine Schürze. Sie sammelte sich und sprang blindlings darauf zu.

Sie kam um den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Eine ihrer ausgestreckten Hände erwischte das schleifende Ende eines Rockes, als die andere Frau ihre Flucht wieder aufnahm. Tayksa warf sich so schnell sie konnte zur Seite, zog die Täterin von den Beinen und stürzte sich auf sie.

Sie musste feststellen, dass sie ihr nicht gewachsen war.

Tayksa landete auf ihr und versuchte, die Arme und Beine der Meuchelmörderin auf den Boden zu pressen. Die junge Frau war größer, schwerer und möglicherweise kräftiger als sie - und obwohl beide von langen Röcken behindert wurden, bestanden die ihrer Gegnerin aus leichterem Stoff. Sie drosch mit festen Handkantenhieben um sich. Tayksa sah zu wenig, um sie abzublocken. Sie musste es schaffen, ihre Gegnerin irgendwie am Boden zu halten. Doch selbst dies war leichter gesagt als getan. Die junge Frau riss sich einfach von ihr los. Während Tayksa ohne etwas zu sehen in der Dunkelheit kämpfte und bemerkte, dass sie verlieren würde, wurde ihr klar, dass sie nur eins tun konnte.

Sie schrie aus vollem Hals um Hilfe.

Ihre Gegnerin verwünschte sie gehässig und wollte eine Hand auf ihren Mund legen, doch Tayksa biss zu, so fest sie konnte, woraufhin die andere ebenso laut fluchte wie Tayksa schrie.

Dann hatte die Attentäterin beide Hände frei und legte sie um Tayksas Hals. Eine Sekunde später war es ihr gelungen, die ehemalige Entsagende auf den Rücken zu werfen und sich auf sie zu schwingen. Und sie fing an zu drücken …

Tayksa versuchte dreimal, die Hände von ihrem Hals zu entfernen, doch es gelang ihr nicht, den Griff zu lösen. Dann zuckte es wieder in ihrem Brustkorb, und vor ihren Augen fingen Sterne an zu tanzen …

Keine Sterne. Licht. Fackeln. Blinzelnd tastete Tayksa nach ihrer Kehle. Sie war wund, aber es hätte schlimmer kommen können.

Klar. Ich könnte tot sein.

Sie blinzelte erneut. Der Mann mit der Fackel war Cemoc, Varzils Friedensmann. Varzil selbst kniete neben ihr und löste ihre Hände von ihrem Brustkorb.

Bei Zandrus Höllen. Vielleicht war ich sogar tot.

Sie versuchte sich hinzusetzen. Statt sie daran zu hindern, reichte Varzil ihr die Hand. »Sie ist entkommen«, krächzte Tayksa. »Es war eins der Serviermädchen, und …«

Varzil schüttelte den Kopf. »Sie ist nicht entkommen«, erwiderte er verbittert. »Aber es hätte nicht viel gefehlt. Deine Partnerin Deena hat sie erwischt, als sie über eine Mauer klettern wollte, und sie mit ihrem verdammten Bogen erledigt. Jetzt haben wir zwar den Meuchelmord vereitelt, aber wir wissen noch immer nicht …«

»Vielleicht doch.« Als Tayksa aufstand, ignorierte sie die tanzenden Lichter vor ihren Augen und dass sich um sie alles drehte. Das Kleid war hin; an beiden Schultern war es eingerissen, im Rock befand sich ein langer Riss. Sie übersah den Schaden. »Ich möchte mir die Leiche ansehen.«

»Da gibt’s nichts zu sehen«, sagte Cemoc protestierend.

»Ist mir egal. Ich will sie trotzdem sehen.«

Varzil zuckte die Achseln. »Von mir aus. Sie ist in der Kapelle.«

Tayksa drehte sich um und schaute ihn erschreckt an. »Dieses …

Luder hat heute Abend über ein dutzend Menschen vergiftet. Sie hat versucht, Euch umzubringen! Und Ihr habt sie in Eurer Kapelle aufgebahrt?«

Auch diesmal zuckte Varzil nur die Achseln. Er schien wohl nicht zu erwarten, dass sie seine Motive vollkommen nachvollziehen konnte.

Das kann ich auch nicht, dachte Tayksa ergrimmt und folgte Cemoc in die Kapelle.

Sie verstand sogar noch weniger, als sie die Leiche in einem Zustand vorfand, als sei sie ein ehrenwertes Mitglied von Varzils Haushalt. Doch Verständnis spielte keine Rolle. Jetzt zählte nur die Frage, ob die Tote eine bestimmte kleine Tätowierung aufwies.

Und siehe da, dem war so. Die Zeichnung sah genauso aus wie Tayksas eigene. Das, was sie zu erkennen geglaubt hatte, stimmte wirklich. Die Meuchelmörderin hatte sich tatsächlich der Technik ihres alten Meisters bedient. Sie und die Tote trugen eine identische dreizackige Tätowierung auf der Innenseite des Handgelenks.

Beide hatten sie Benno Macarter gehört, dem ehrgeizigen Meisterdieb.

»Wie kommt Ihr darauf, dass er dort ist?«, fragte Rafael leise. Er war der Anführer von Varzils Leibgarde.

Tayksa lächelte in das Dunkel, dann fiel ihr ein, dass der Mann gar nicht in der Lage war, es zu sehen. Sie behielt den Blick auf die Tür und die beiden Fenster an dieser Seite der Schenke gerichtet und wartete auf das Zeichen, sie zu betreten.

»Weil Benno wie ich ist. Er ist ein Stadtmensch. Er ist nicht ans Landleben oder große Landsitze wie Varzils gewöhnt. Es würde ihm nie einfallen, sich auf dem Land zu verstecken. Seiner Meinung nach muss man solche Orte meiden.« Sie verlagerte leicht ihr Gewicht. Ihr ganzer Körper war mit Schrammen übersät, die sie erst seit kurzem spürte. Ihre Kehle schmerzte bei jedem Schlucken. »In der näheren Umgebung gibt es nur eine Schenke, also wird er sich dort aufhalten. Deswegen habe ich Varzil vorgeschlagen, zu packen und sich auf den Landsitz zu verziehen, bis die Gefahr vorüber ist.

In einem solchen Fall hat kein Verbündeter oder Meuchelmörder einen Ort, an dem er sich verstecken kann.«

Und in Thendara könnte man hundert Jahre suchen, ohne je eine von diesen Ratten zu finden, wenn sie sich unter der Erde verkriechen.

»Hm.« Rafael musterte nachdenklich die Tür der Schenke. »Selbst wenn er vorhat, sich herauszureden, hat er keine Ahnung, dass Ihr bei uns seid.«

»Genau.« Da trotteten fünf Hirschponys über den Weg zur Schenke: Varzil und seine Gruppe. Dies war das Zeichen für die Beobachter, dass die Luft rein war. Die Reiter saßen ab. Tayksa bewegte sich von Rafael fort und bezog Position im Gefolge neben Deena. Sie trugen nun beide die Kleider der Schwesternschaft: rote Hemden, Lederjacken und weite Reithosen. Beide waren mit Klingen bewaffnet, an denen nur ein Millimeter fehlte, um sie als Schwerter zu qualifizieren. Tayksa war fest entschlossen, Benno und Varzil daran zu erinnern, wer für das Erwischen der Meuchelmörderin und ihres Herrn verantwortlich gewesen war.

Sie erwartete eine Menge Schwierigkeiten, aber Benno war im Alter sorglos, verweichlicht und dick geworden. Als sie eintraten, saß er tatsächlich an der Feuerstelle und hielt einen Bierkrug in der Hand. Tayksa empfand irgendwie Enttäuschung. Es war so gut wie keine Herausforderung für sie.

Als Benno Varzil erblickte, riss er die Augen auf. Sein Gesicht war aufgeschwemmt. Doch seine Augen wurden noch größer, als Tayksa hinter dem Comyn-Fürsten sichtbar wurde, mit einem Finger auf ihn deutete und sagte: »Der da.«

»Weißt du«, sagte Tayksa, als sie ihre Sachen packte und Deena sich auf dem großen Bett in Varzils Gemächern herumfläzte, »all dies erinnert mich an den Knaben, der den Katzenmann am Schwanz erwischte.«

»Ihr fragt Euch, was er mit ihm macht, sobald er ihn hat?«, fragte eine Stimme von der Tür hinter ihr.

Da Tayksa niemanden hatte eintreten hören, ließ das tiefe Organ sie vor Schreck zusammenzucken. Ihr Herz raste einen Moment, und sie maß Varzil mit einem vorwurfsvollen Blick. »Ich glaube, Ihr macht es mit Absicht, Kupferhaupt«, sagte sie säuerlich. »Ihr wollt mich wohl an einem Herzschlag sterben sehen, damit ich nicht mehr in der Gegend bin, um Euch in Verlegenheit zu bringen.«

Deena erhob sich schüchtern vom Bett und stand stramm. Varzil beachtete sie nicht. »Das hier ist meine Unterkunft«, tadelte er sie milde. »Ich bin neugierig. Was an dieser Situation erinnert Euch daran, einen Katzenmann am Schwanz zu haben?«

»Ihr wisst, warum Aldaran einen Meuchelmörder engagiert hat, um Euch zu erledigen.« Tayksa faltete ein Hemd zusammen, nachdem sie es von allen verborgen angebrachten Wurfnadeln befreit hatte, und verstaute es in ihrer Satteltasche. Sie warf Varzil einen Blick zu. Er hatte sich den bequemsten Sessel im Raum ausgesucht, und obwohl er sich nicht in ihm räkelte, war seine Haltung wenig fürstlich zu nennen.

»Der Vertrag«, erwiderte er.

Tayksa nickte. »Ich sage Euch, Kupferhaupt, es wird nicht klappen. Wo wollt Ihr die Grenze ziehen? Bei Haftfeuer und Todesstaub? Wenn Ihr das macht, wird jemand bessere Projektilwaffen erfinden. Bei Pfeil und Bogen? In dem Fall werden die Hirten und Bauern glauben, Ihr hättet sie allein zur Bestrafung ausgesucht. Eine Schwester hat kurz vor unserer Abreise etwas sehr Banales, aber Wahres gesagt: Pfeil und Bogen töten keine Menschen.

Menschen töten Menschen.« Sie legte eine Reithose zusammen und drehte sich zu Varzil um. »Vergesst es nicht, Mann. Das Mädchen war ebenso wie jeder Bogen eine Waffe, die aus der Ferne tötet!

Musste Benno etwa mit ihr im gleichen Raum sein? Oder Aldaran?«

Varzil runzelte die Stirn. »Der Vertrag hat weiterhin Gültigkeit.

Wenn es sein muss, kann ich den Begriff ›Waffe‹ auch neu definieren …«

»Darum geht es doch gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass man das Verhalten der Menschen ändern muss. Solange es kein Makel ist, seinen Gegner aus der Ferne zu erledigen, wird ein intelligenter Mensch genau das tun.« Sie wandte sich wieder ihrem Gepäck zu, legte die Waffen ganz obenauf und verschloss die Tasche mit den Bändern.

Dann warf sie das Bündel über ihre Schulter und machte sich abmarschbereit. Varzil streckte die Hand aus und erwischte sie am Ärmel. »Ich stehe tief in Eurer Schuld, Vai Domna«, sagte er leise.

»Nicht nur, weil Ihr mich nachdenklich gemacht habt, sondern auch wegen allem anderen.«

»Unterstützt die Gilde«, erwiderte Tayksa, während einige ihrer Sorgen verblassten. »Mehr wünschen die Gildenmutter und ich nicht. Aber ich möchte noch um etwas anderes bitten. Es geht um eine Schwester, der zu ihrer Zeit zu viele Wölfe begegnet sind …«

»Sprecht.«

»Bevor Ihr das Verhalten der Menschen ändert, lasst Eure Leute ein wenig mehr Vernunft einsetzen, wenn es um die armen Bauern und Schäfer geht.« Sie seufzte.

Varzil schaute sie nachdenklich an. »Vielleicht wäre es am besten, wenn man zu einem Einverständnis käme … dass eine Waffe, wenn sie nicht dazu verwendet wird, einen Menschen zu verletzen …«

Tayksa nickte eifrig.

Ein listiges Grinsen legte sich auf Varzils Gesichtszüge. »Und falls die nächste Generation beschließt, dass die Verwendung eines Bogens ehrlos ist …«

»Und ihr Laranzu beschließt, dass der Schutz der Bauern vor den Ya-Männern und den Katzenmenschen ebenso ehrenvoll ist wie jede andere Tätigkeit …«, fauchte sie zurück.

Varzil wirkte ernüchtert. »Ihr hättet es wirklich gern, wenn ich meines Bruders Hüter wäre, nicht wahr?«

Tayksa blieb im Türrahmen stehen. »So ist es. Wenn Ihr jemandem die Mittel nehmen wollt, mit denen er sich verteidigt, habt Ihr, so meine ich, die Pflicht, diese Mittel durch etwas anderes zu ersetzen.«

Deena schob sich mit einem sauren Blick an ihr vorbei.

»Dann ist es also so weit gekommen: Ich lasse mich von einer Meuchlerin über meine moralischen Pflichten belehren.«

»Fürst Varzil, ich, die niedrigste Eurer Untertanen, würde mir niemals erlauben, Euch auf irgendeine Weise zu belehren. Ich gebe nur Denkanstöße.«

»Ach, wirklich?« Varzil runzelte die Stirn. »In welcher Richtung?«

»Wenn Ihr die Bauern nicht beschützt, wird niemand mehr übrig bleiben, der uns - die Stadtbewohner und Comyn - ernährt«, sagte sie und ging hinaus. »Vergesst nicht, mein Fürst, die Hand, die den Schöpflöffel hält, regiert die Welt.«

Über Jean Lamb und ›Eingesperrt‹

Jean Lamb ist in Fanzinekreisen wohl bekannt, da sie dort viele Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Sie lebt ›mit einem Ehemann, der Naturwissenschaften unterrichtet, zwei Kindern, einer Katze und einem Computer‹ in Oregon. Sie ist aktiv bei den Jaycees, in ihrer Kirche und im Vorstand der National Fantasy Fan Federation.

Sie hat einen Roman verfasst, der in ihrem eigenen Universum spielt und gegenwärtig seine Runde bei den Verlagen dreht. Doch sie hat Fan-Geschichten nicht nur im Darkover-Universum geschrieben, sondern auch für Fanzines, die sich mit den Fernsehserien ›Star Trek‹ und ›Blake’s Seven‹ befassen. Jean hat als Erdbeerpflückerin, Hilfskrankenschwester,

Luftwaffenoffizierin,

freiberufliche