VIER
»Wie bitte?« Ich hielt entsetzt den Hörer von mir und starrte ihn so hasserfüllt an, als ob er für die schlechten Nachrichten, die ich eben erhalten hatte, verantwortlich war. »Damit kann ich nicht allein fertig werden. Ich habe Kinder. Und Fahrverpflichtungen. Ich trage Verantwortung.«
»Du hast schon immer Verantwortung gehabt«,
entgegnete der Padre.
»Oh, nein. So nicht. Nicht mit mir.« Ich bemühte mich, leise zu
sprechen, um meine schlafende Familie nicht zu wecken. Ob er wohl
verstand, wie wenig mir das Ganze gefiel? Zeter und Mordio zu
schreien wäre vermutlich wesentlich wirkungsvoller gewesen. »Ich
bin schon lange draußen – haben Sie das vergessen? Mein Leben wird
nicht mehr von der Forza bestimmt. Ich bin jetzt dämonenlos, und
das gefällt mir so.«
»Ganz offensichtlich stimmt das aber leider nicht, mein
Kind.«
Ich dachte an den Dämon in meiner Speisekammer und musste zugeben,
dass der Padre nicht ganz unrecht hatte. Trotzdem schwieg ich
lieber und wartete darauf, dass er noch etwas hinzufügen, etwas
erklären würde. Als ich von seiner Seite nichts hörte, blieb ich
erst recht still, weil ich törichterweise annahm, ihn zur
Abwechslung einmal in unserem Schweigespielchen schlagen zu
können.
Nichts.
»Verdammt«, sagte ich, als ich es nicht länger aushielt. »Warum ist
es auf einmal wieder mein Problem?«
»Weil der Dämon zu dir kam. Das macht es zu deinem Problem,
no?«
»No«, erwiderte ich nicht sehr überzeugend. Ich merkte, wie ich
nachgab. Und er merkte das auch.
Wieder sagte er nichts.
Ich seufzte. Die Wut in mir gab allmählich dem wesentlich stärkeren
Gefühl der Erschöpfung nach. Ich hatte einen höllischen Tag hinter
mir. Und wenn ich mir das Ganze so überlegte, braute sich da gerade
ein noch höllischeres Wochenende zusammen.
»Also gut, einverstanden.« Als ich schließlich sprach, tat ich das
zum Teil auch, um die Stille, die aus Rom zu mir herüberdrang,
endlich zu durchbrechen. »Aber dann sagen Sie mir wenigstens, warum
gerade ich, warum gerade hier und warum gerade jetzt?« Ich stellte
diese Fragen, obwohl ich keine Antwort brauchte. Was auch immer der
Grund sein mochte, war eigentlich nicht wichtig. Das Einzige, was
zählte, wusste ich bereits: Niemand würde kommen, um mir zu helfen.
Ich fand mich auf einmal, ohne große Fanfarenstöße, in meinem Beruf
wieder. Das Warum stellte in diesem Fall eine rein akademische
Frage dar.
Trotzdem war ich neugierig und lauschte mit perverser Faszination
seiner Erklärung. Er erzählte mir in deprimierenden Details von den
Einsparungen, unter denen die Forza Scura zu leiden hatte, und den
sich daraus ergebenden, beunruhigenden Folgen.
»Die jungen Leute heutzutage«, sagte er, »sind mehr am Fernsehen
und – wie nennt man das doch gleich? – an Nintendo interessiert.
Das Leben als Jäger scheint keinen Reiz mehr auf sie auszuüben, und
die Mitarbeiter der Forza werden immer weniger.«
»Sie machen wohl Witze«, entgegnete ich. »Haben Sie jemals
ferngesehen oder diese Spiele gespielt?«
Soweit ich das beurteilen konnte, gab es kaum einen Jugendlichen,
der nicht willig war, sich vor den Fernseher oder den Computer zu
setzen und dort in Spielform die Dreckarbeit zu machen, die wir als
Jäger in der Wirklichkeit erledigt hatten.
»Vielen jungen Leuten mag vielleicht die Idee gefallen«, gab
Corletti zu, nachdem ich ihm meine Theorie dargelegt hatte. »Aber
die wenigsten besitzen das Durchhaltevermögen, das für einen guten
Jäger nötig ist.«
Das leuchtete mir ein. Die Aufmerksamkeitsspanne meiner Tochter
nahm rapide ab oder zu, je nachdem wie viele Jungs sich in ihrer
Nähe befanden. Ich hatte schon oft einen direkten Zusammenhang
zwischen diesen beiden Dingen feststellen können. »Also gut«, gab
ich nach. »Jetzt kann ich vielleicht verstehen, dass Sie
Schwierigkeiten mit dem Nachwuchs haben. Aber ich kann immer noch
nicht glauben, dass es hier in der Gegend überhaupt keine Jäger
geben soll. Schließlich besteht doch immer noch ein Bedarf, oder
etwa nicht?«
Auf diese nicht gerade sehr kunstvolle Weise wollte ich erfahren,
ob sich die Dämonen in den letzten Jahren weniger aktiv gezeigt
hatten, auch wenn ich mir das nicht vorstellen konnte. Ich mochte
mich vielleicht zur Ruhe gesetzt haben, aber ich sah noch immer die
Nachrichten. Und Sie können mir glauben – unter uns gibt es
Dämonen.
»Numquam opus maius«, antwortete der Padre. Meine Lateinkenntnisse
halten sich in Grenzen, aber ich verstand in etwa, worum es ging:
Der Bedarf war größer denn je. »Und natürlich gibt es noch Jäger,
aber eben nicht mehr genügend. Wie du weißt, ist die
Sterblichkeitsrate in dieser Berufssparte recht hoch. Wir haben
heutzutage weniger Jäger als zu jener Zeit, als du noch für uns
gearbeitet hast.«
»Aha.« Obwohl mich diese Nachricht nicht überraschte, so war sie
doch ernüchternd. »Und die Jäger, die es noch gibt«, drang ich
weiter in ihn, »sind wahrscheinlich anderweitig beschäftigt,
oder?«
»Si.«
»Scheiße.« Und dann: »Verzeihung, Padre.«
Sein leises Lachen erwärmte mir das Herz, und auf einmal tauchte
eine Erinnerung aus weiter Ferne vor meinem inneren Auge auf: Ich
lag mit Grippe in meinem Bett im Schlafsaal, neben mir eine
Schachtel Papiertaschentücher und einen Hustensaft. Padre Corletti
saß bei mir auf dem wackligen Kinderbett, das sogar unter seinem
geringen Gewicht zusammenzubrechen drohte. Er erzählte mir eine
Geschichte nach der anderen über das Leben in der Forza Scura. Eine
ernste Angelegenheit hatte er es genannt. Das Werk Gottes. Aber
trotzdem war es ihm gelungen, das Ganze stets mit einem gewissen
Humor darzustellen. Als die Grippe vorüber war, drängte es mich
mehr denn je, mit meiner Ausbildung fortzufahren.
Padre Corletti war stets wie ein Vater für mich gewesen, und bis
ich Eric traf, hatte die Forza die einzige Art von Familie
dargestellt, die ich kannte. Wenn Corletti also von mir verlangte,
alles stehen und liegen zu lassen, um Dämonen zu töten, dann würde
ich das tun. Mir gefiel es vielleicht nicht, aber tun würde ich
es.
»Du wirst nicht völlig auf dich allein gestellt sein«, erklärte
Corletti, und ich musste lächeln. Er hatte schon immer eine
geradezu unheimliche Fähigkeit besessen, meine Gedanken zu lesen.
»Gut«, sagte ich. »Wer?«
»Ein alimentatore«, sagte er.
»Sie haben einen alimentatore für diesen Fall, aber keinen Jäger?
Klingt ganz so, als ob die Personalabteilung des Vatikans nicht
gerade ihr Bestes gibt, um das richtige Gleichgewicht unter den
Mitarbeitern zu halten.«
»Katherine …«
»Sorry.«
»Er wird dich morgen Mittag um zwölf vor der Kathedrale
treffen.«
»Gut«, erwiderte ich, denn ich wusste, dass es keinen Sinn hatte,
mich weiter über den Vatikan und seine Methoden auszulassen.
»Einverstanden.« Ich dachte noch einen Moment nach. »Morgen? Hier
ist es mitten in der Nacht. Sie meinen also schon heute?« Ich
wusste eigentlich, dass er genau das meinte. »Wie wollen Sie ihn
denn so schnell hierherbringen lassen?«
»Er ist schon da.«
»Wirklich?«
»Du wirst alles, was wir wissen, morgen erfahren. Bis dahin ruhe
dich aus und sammle deine Kräfte. Ich befürchte, du wirst sie
brauchen.«
Wieder hielt ich den Hörer auf Armeslänge von mir und starrte ihn
an, wenn auch nicht mit finsterer Miene. Diesmal war ich nur noch
verwirrt. »Sie wussten davon? Sie wissen also bereits, was hier los
ist? Verdammt noch mal, Padre. Wagen Sie es ja nicht, mich bis
morgen warten zu lassen!«
»Mein Kind, dies ist weder die richtige Zeit noch der richtige Ort,
um darüber zu sprechen.« Er machte eine Pause und ich hielt den
Atem an, weil ich dummerweise hoffte, er könnte seine Meinung noch
ändern. »Du hast natürlich deine Fähigkeiten nicht einrosten
lassen?«
Im letzten Moment verwandelte er den Satz in eine Frage. Obwohl
sein Tonfall locker klang, war mir klar, dass er wissen wollte, wie
es um mich stand.
»Natürlich nicht«, log ich. »Wie könnte ich?« In Wahrheit hatte ich
mich überhaupt nicht mehr darum gekümmert. Das einzige körperliche
Training, dem ich heutzutage nachging, war, meinen zweijährigen
Sohn nicht aus den Augen zu lassen, während meine mentalen Übungen
darin bestanden, Allie von dem schrecklichen Outfit abzubringen,
das sie unbedingt wie alle ihre Klassenkameradinnen haben
wollte.
Man konnte also nicht gerade behaupten, dass ich in Topform
war.
»Gut.«
Dieses Wort machte mir mehr Angst als alles andere, was er sonst
hätte sagen können. »Padre, ich weiß, dass Sie mir nichts sagen
wollen, also will ich Sie auch nicht bedrängen, aber –«
»Goramesh«, unterbrach er mich, und der Name des Dämons ließ mir
das Blut in den Adern gefrieren. »Wir glauben, dass er vielleicht
in San Diablo ist.«
Wieder starrte ich den Hörer an. Meine Hand zitterte. Goramesh. Der
Dezimator. Einer der Dämonen der höheren Kategorie.
Die Stimme des Dämons im Körper des alten Mannes hallte in meinem
Kopf wider: Wenn die Armee meines Herrn und Meisters sich erhebt
…
Ich hatte keine Angst mehr. Ich war vor Panik wie
erstarrt.
Im Dunklen bekreuzigte ich mich und verabschiedete mich von Padre
Corletti. Doch ich kehrte nicht zu Stuart ins Schlafzimmer zurück.
Stattdessen setzte ich mich auf das Gästebett, zog die Knie hoch,
legte mein Kinn darauf und schlang die Arme um die Beine. Und als
die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen, schloss ich die
Augen und schickte ein verzweifeltes Stoßgebet gen Himmel.
»Hier bist du! Mann, Mami, Mindy ist gerade weg, und Stuart und ich haben dich überall gesucht!« Allies Stimme riss mich aus meinem sowieso leichten Schlaf, der voller Träume von Dämonen, Tod und Eric gewesen war. Eric hatte mich so lange unterstützt, er hatte für mich Kraft und Stärke bedeutet. Aber bei diesem Kampf konnte er mir nicht mehr helfen, und so wachte ich mit Tränen in den Augen und der quälenden Angst auf, die man empfindet, wenn man ganz und gar allein ist.
»Mami?«Allies Stimme klang besorgt, und das Gefühl, das mich nun erfüllte, war nicht mehr so sehr von Furcht bestimmt, sondern vielmehr von Schuld. Ich streckte die Hand aus, und sie trat mit einem Ausdruck von Besorgnis zu mir. Langsam setzte sie sich neben mich aufs Bett, und ich zog sie in meine Arme, schloss die Augen und atmete den Duft von Kokosseife und Apfelshampoo ein. Ich war nicht allein, und ich hatte absolut keinen Grund, in Selbstmitleid zu zerfließen. Ich hatte Allie und Timmy und Stuart, und ich liebte sie alle von ganzem Herzen.
»Hast du an Papa gedacht?«Ihre Frage traf mich unvorbereitet, und ich
hörte, wie ich nach Luft schnappte.
»Es ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Es ist in Ordnung, dass er
dir fehlt.«
Sie wiederholte das, was ich ihr schon oft gesagt hatte. Meine
kleine Tochter. Erics kleine Tochter. Sie war so groß geworden,
seit er gestorben war. Er hatte so viel verpasst. Ich streckte die
Hand aus und strich ihr über die Wange, entschlossen, nicht zu
weinen.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie, wobei sich winzig kleine
Sorgenfalten auf ihrer Stirn zeigten.
Ich nahm ihre Hand und drückte sie. »Alles in Ordnung«, erwiderte
ich. »Aber wann bist du eigentlich erwachsen geworden?«
Die Sorgenfalten verschwanden sogleich und wurden von einem Lächeln
überstrahlt, das beinahe schüchtern wirkte.
»Bedeutet das, dass ich jetzt eine Stunde länger wegbleiben
kann?«
Sie sprach wieder mit einer fröhlichen Stimme, und das freche
Grinsen auf ihrem Gesicht kam mir von mir selbst bekannt vor. Auch
ich blitzte sie frech an und merkte, dass ich bereits wieder
wesentlich besserer Stimmung war. »Ich werde darüber nachdenken«,
sagte ich.
»Das heißt dann wohl ›Nein‹.«
»Du bist nicht nur erwachsen geworden, sondern auch
weise.«
»Wenn ich so klug bin, wieso muss ich dann schon so früh zu Hause
sein?«
Ich setzte mich auf. »Das gehört zu den großen Geheimnissen des
Universums, mein Schatz«, sagte ich. »Ich könnte es dir erklären,
aber dann müsste ich dich danach leider umbringen.«
»Maaami.« Sie rollte mit den Augen, und das Leben schien wieder
normal zu sein. Zumindest so normal, wie es unter diesen Umständen
möglich war. Schließlich gab es einen Dämon zu erlegen und einen
Leichnam zu beseitigen. Ich hatte bereits verschlafen. Jetzt musste
ich mich aber wirklich an die Arbeit machen.
Das Bild, das sich mir in der Küche bot, war beinahe so unheimlich
wie mein Treffen mit Larson am Abend zuvor. Stuart stand vor dem
Herd, hatte einen Holzlöffel in der Hand und betrachtete die Armen
Ritter, die vor ihm in einer Grillpfanne brutzelten. Die
Speisekammertür hinter ihm stand weit offen. Das durfte doch nicht
wahr sein!
Ich schaffte es gerade noch, nicht über einen Spielzeuglaster und
ein halbes Dutzend Duplosteine zu fallen, als ich durch die Küche
rannte. Mit einem lauten Knall schloss ich die Speisekammer. Dann
lehnte ich mich gegen die Tür und atmete tief ein.
»Warte!«, sagte Stuart und kam mit dem Kochlöffel in der Hand auf
mich zu.
Mein Herz setzte einen Moment lang aus.
»Ich brauche noch eine Packung Toast.«
Mein Herz hämmerte. Gut. Ich würde also doch überleben. »Im
Brotkasten ist noch Toast«, sagte ich.
»Jetzt nicht mehr.«
Ich schnitt eine Grimasse. Wie konnte er bereits eine ganze Packung
Toast verbraucht und damit noch immer nicht genügend Arme Ritter
für zwei Erwachsene, einen Teenager und ein Kleinkind gemacht
haben? Selbst mir gelang so etwas.
»Ich hole ihn schon«, meinte ich betont heiter. »Schließlich stehe
ich schon hier.«
Er sah mich etwas misstrauisch an. »Das sehe ich. Deshalb habe ich
dich ja auch gefragt.«
»Ach so.« Ich strahlte ihn zufrieden an und hoffte, ihn so davon zu
überzeugen, dass ich noch alle Tassen im Schrank hatte.
»MamiMamiMami.« Trotz seiner zarten Stimme schaffte Timmy es, im
ganzen Erdgeschoss gehört zu werden. »Wo bist du, Mami?« Das Tapsen
nackter Füßchen ertönte, und dann erschien mein kleiner Mann in der
Küche, eine Schnabeltasse in der einen und Boo Bear in der anderen
Hand. »Topf gehen, Mami. Topf gehen.«
Scheiße. Nicht der passendste Fluch in diesem Zusammenhang, denn
Timmy hatte im Grunde noch kein Interesse daran, selbst auf den
Topf zu gehen. Er saß nur gern völlig angekleidet darauf, während
er irgendwelche Dinge in die Badewanne warf. Leider benötigte er
für diese Beschäftigung die Anwesenheit einer bewundernden Mami, um
sie so richtig genießen zu können.
»Geh schon«, sagte Stuart. »Ich kann den Toast schon selbst
holen.«
»Allie, kannst du ihn ins Badezimmer bringen?«
»Ach, Mami, muss ich wirklich?« Allie hatte sich am Küchentisch
niedergelassen und blätterte gerade interessiert in irgendeiner
Zeitschrift.
»Ja, musst du«, erwiderte ich streng, obwohl Timmy wieder mit
seinem immer lauter werdenden Geschrei nach »MamiMamiMami«
eingesetzt hatte, ohne auch nur einmal zwischendurch Luft zu
holen.
»Timmy, Liebling – geh mit Allie.«
»Nein!«
»Allie …«
»Er will nicht.«
»Kate, nimm einfach den Jungen. Mit einer Packung Toast werde ich
schon allein fertig.«
Diesmal bestimmt nicht. Ich gab Stuart zu verstehen, er solle sich
nicht von der Stelle rühren, warf Allie einen finsteren Blick zu,
der ihr sagte, dass sie die Extrastunde am Abend nun getrost
vergessen konnte, und ging in die Speisekammer. Ich nahm eine
Packung Toast aus dem Regal und kehrte in die Küche zurück. In der
Kammer blieb ich gerade lang genug, um feststellen zu können, dass
mein Dämon noch immer zugedeckt und zum Glück auch weiterhin
mausetot war. Schon mal ein Pluspunkt.
Ich warf Stuart die Toastpackung entgegen, und er sah mich etwas
verwirrt an. Offensichtlich verstand er nicht so ganz, was die
Aufregung eigentlich sollte. »Hier. Jetzt koch.« Dann nahm ich
Timmy an der Hand. »Na los, mein Junge. Wohin gehen wir?«
»Badezimmer! Topf!«
»Dann zeig mir mal das Badezimmer«, ermutigte ich ihn. Timmy nahm
sogleich die Gelegenheit wahr, mich zu entführen. Wie immer gefiel
es ihm ausgezeichnet, endlich einmal Mamis ungeteilte
Aufmerksamkeit genießen zu können.
Im Bad angekommen, das er mit Allie teilte, setzte ich mich
erschöpft auf die geschlossene Toilette, und Timmy platzierte
seinen Boo Bear sofort strategisch auf dem kleinen Plastiktopf, den
wir zur Vollendung seines achtzehnten Lebensmonats voller
Optimismus erworben hatten. Sieben Monate später war das gute Stück
von unserem Sohn noch immer nicht eingeweiht worden.
Aus der Küche konnte ich das Brutzeln der in Ei getunkten
Brotscheiben und das gelegentliche Kratzen des Kochlöffels in der
Grillpfanne hören. Ich atmete tief durch und gratulierte mir dazu,
wie gut es mir bisher doch gelungen war, die Angelegenheit vor
meinem Mann geheim zu halten.
Gleichzeitig fragte ich mich allerdings, ob es wirklich so
schrecklich wäre, wenn Stuart mein Geheimnis erfahren würde. Auch
Allie wollte ich schließlich irgendwann einmal in die Wahrheit
einweihen, wenn das auch noch ein Weilchen dauern sollte. Sie hat
schließlich das gute Recht, zu wissen, wer ihr Vater eigentlich
war. Und das würde sie nie begreifen, wenn sie nichts von der Forza
Scura erfuhr. Bei Stuart allerdings …
Stuart war mein Mann. Ich liebte ihn. Ich wollte keine Geheimnisse
vor ihm haben. Gleichzeitig verspürte ich jedoch auch keinerlei
Bedürfnis, ihm davon zu erzählen. Ich beruhigte mein Gewissen,
indem ich mich der Grundregeln der Forza besann: Meine Identität
als Jägerin hatte vollständigem Stillschweigen zu unterliegen.
Daran mussten sich alle Beteiligten halten – es war ein Geheimnis,
das sie mit sich ins Grab nehmen sollten. Aber im Innersten wusste
ich natürlich, dass ich das nur als Ausrede benutzte. Ich wollte
ganz einfach nicht, dass Stuart mich als Dämonenjägerin sah. Sobald
er die Wahrheit erfuhr, würde er nie mehr nur seine Kate vor sich
sehen. Und das wollte ich einfach nicht. Zwar quälte mich die leise
Vermutung, dass ein Paartherapeut in dieser Art der Argumentation
gewisse logische Schwächen entdecken würde, aber das konnte mir im
Moment egal sein.
Während Timmy höchst zufrieden alle frischen Waschlappen, die wir
besaßen, in die noch feuchte Badewanne warf, stützte ich meine
Ellenbogen auf meine Knie und betrachtete ihn
nachdenklich.
Padre Corletti hatte recht. Ich hätte wirklich mein körperliches
Training nicht vernachlässigen dürfen. Physisch und mental war ich
einfach nicht mehr auf der Höhe. Kein guter Anfang – vor allem,
wenn man daran dachte, dass ich die Kraft und die Zeit finden
musste, nicht nur einen toten Dämon loszuwerden, sondern noch einen
wesentlich bösartigeren davon abzuhalten, San Diablo in seine Macht
zu bekommen, von dem Rest der Welt ganz zu schweigen.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Kurz nach neun.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ein sehr langer Tag vor mir
lag.
Das musste man Stuart lassen: Er schaffte es, verdammt leckere Arme Ritter auf unsere Teller zu zaubern. Dem Ei hatte er die richtige Menge an Zimt und Puderzucker beigefügt (eine kulinarische Delikatesse, von der ich gar nicht wusste, dass wir sie im Haus hatten und er sie zudem entdeckt hatte, ohne dabei über Mr. Dämon zu stolpern). Wir saßen zu viert um den Küchentisch aus den fünfziger Jahren und verschlangen eine wahre Unmenge dieser Toasts. Dazu tranken wir eisgekühlten Apfelsaft, der in unserem Haus zu den Grundnahrungsmitteln gehört, da er eine so beruhigende Wirkung auf Kleinkinder zu haben scheint.
Allie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Wenn wir gleich nach dem Frühstück losfahren, sind wir rechtzeitig da, wenn das Einkaufszentrum öffnet.«
Ich beobachtete sie entsetzt, wie sie den Notizblock aufschlug, der geschlossen und so unschuldig während des Frühstücks neben ihrem Teller auf seinen Einsatz gewartet hatte. In der ganzen Aufregung hatte ich total vergessen, dass sie für den heutigen Tag eine ausführliche Einkaufstour mit mir geplant hatte.
»Ich habe eine Liste gemacht«, erklärte sie und klopfte mit dem Füller auf die aufgeschlagene Seite. »Wir könnten erst einmal zu GAP und nachsehen, ob es da vielleicht gerade irgendwelche Sonderangebote gibt. Danach zu Limited und Banana Republic. Ich werde mich vor allem auf die Schnäppchen konzentrieren und das, was ich dann noch brauche, bei Old Navy holen. Dann können wir in die großen Kaufhäuser und schauen, ob es da vielleicht noch was Tolles gibt. Ich würde vorschlagen, wir beginnen mit Nordstrom und arbeiten uns dann bis zu Robinsons-May vor.«
»Vergiss dabei nicht das Karussell«, warf ich ein, während ich innerlich so schnell wie möglich umdisponierte. »Timmy liebt das doch.« Allie sah mich an, als ob ich zwei Köpfe hätte.
»Wir nehmen ihn mit? Ich dachte, er bleibt zu Hause beiStuart!«
»Kate«, meldete sich nun Stuart zu Wort. »Du weißt, dass
ich
ziemlich viel im Haus zu erledigen habe.« Er hatte sich bisher
hinter dem Lokalteil des San Diablo Herold versteckt, doch jetzt
faltete er die Zeitung zusammen und sah mich beinahe genauso
finster an wie Allie. »Zum Beispiel das Fenster. Ich werde das nie
schaffen, wenn Timmy ständig zwischen meinen Beine hin
und her läuft.«
Dieser meldete sich jetzt auch. Ihm war anscheinend aufgefallen,
dass er eine ganze Unterhaltung lang überhaupt nichts
von sich gegeben hatte. Entschlossen, diesem Missstand
sogleich Abhilfe zu verschaffen, begann er in höchster Lautstärke
»Backe, backe Kuchen« zu singen.
»Ich kümmere mich um das Fenster«, verkündete ich, während ich
pflichtbewusst zusammen mit Timmy in die Hände
klatschte. Natürlich musste man die Scheibe ersetzen, aber
zum
Glück hatte meine Panik nach einer Nacht ohne
Zwischenfälle
deutlich nachgelassen, sodass das Fenster nicht mehr ganz
oben
auf meiner Prioritätenliste stand. »Ich dachte eigentlich, dass
du
mit Allie und Timmy zum Einkaufen gehen könntest.« Jetzt war es an
ihm, mich so anzustarren, als ob ich des
Wahnsinns wäre. Meine Tochter schien das sowieso zu
glauben.
Für zwei Menschen, die biologisch überhaupt nicht
miteinander
verwandt waren, schafften sie es erstaunlich gut, auf einmal
wie
Vater und Tochter zu wirken.
Allie fand als Erste ihre Stimme wieder. »Das geht nicht,
Mami. Mit Stuart shoppen? Er ist ein Mann.«
»Ja, stimmt«, gab ich notgedrungenermaßen zu. »Und er hat
wirklich einen sehr, sehr guten Geschmack – nicht wahr,
Schatz?«
»Nein«, erklärte er. »Ich meine – ja, schon. Mein
Geschmack
ist nicht schlecht.« Seine Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen
zusammengezogen. »Bist du sauer auf mich? Habe ich
vielleicht etwas falsch gemacht?«
Ich unterdrückte das kurz aufflammende Bedürfnis, meinen
Kopf gegen die Wand zu schlagen, und stand stattdessen
vom
Tisch auf.
»MamiMamiMami! Wohin gehst du, Mami?«
»Nur nach nebenan, mein Süßer«, erklärte ich und zeigte
auf
die Wand, die unsere Frühstücksecke vom Wohnzimmer
trennt. »Iss bitte deinen Teller leer.«
Ich gab Stuart ein Zeichen, mir zu folgen. Er tat es zwar
widerwillig, aber er tat es. Sobald wir uns außer Hörweite
der
Kinder befanden, legte er los. »Bist du verrückt
geworden?«,
zischte er mich in einem lauten Flüsterton an. »Ins
Einkaufszentrum? Du willst, dass ich ins Einkaufszentrum fahre?
Was
habe ich falsch gemacht? Ich schwöre dir, dass ich alles
wiedergutmache. Zum Beispiel mit einer Reise nach Paris. Mit
einem
Tag in einem Wellnesshotel. Alles. Nur nicht ins
Einkaufszentrum!«
Zugegebenermaßen ließ mich sein Flehen nicht völlig kalt.
Falls Stuart es in der Politik nicht schaffen sollte, konnte ich
ihn
mir auch ausgezeichnet als Schauspieler vorstellen. Der
Mann
wusste wirklich, was melodramatisch bedeutet. »Jetzt
einmal
ernst«, sagte ich. »Ich habe darüber nachgedacht und ich
halte
es für eine ausgezeichnete Idee.« Das entsprach tatsächlich
der
Wahrheit, auch wenn ich die Gründe für meine Überlegungen
mit ihm nicht teilen konnte. Also sann ich darüber nach,
was
Stuart wohl überzeugen würde. »Ihr – du und die Kinder –
müsst endlich einmal mehr Zeit allein miteinander
verbringen.
Vor allem für Allie erscheint mir das gerade sehr wichtig.« »Was
ist mit Allie? Wir verstehen uns doch super.« Er sah
mich verunsichert an. »Oder etwa nicht?«
»Doch, doch, klar«, meinte ich. »Jetzt schon noch. Aber
sie
ist vierzehn. Erinnerst du dich noch daran, als du
vierzehn
warst?«
»Eigentlich nicht.«
»Nun gut – ich als Frau erinnere mich allerdings noch
sehr
gut an diese Zeit. Vierzehn ist ein schwieriges Alter.«
Auch
wenn mein Leben im Alter von vierzehn völlig anders ausgesehen
hatte als das von Allie. Mit vierzehn hatte ich meinen
ersten
Dämon gepfählt. Das ist ein Erlebnis, das man nicht so
schnell
vergisst. »Sie sollte mehr Zeit mit ihrem Vater verbringen.« »Aber
muss das wirklich in Form von Shoppen sein?« Allein
die Vorstellung trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn.
»Könnte
ich sie nicht einfach zum Essen ausführen?«
Ich warf ihm einen mahnenden Blick zu. »Stuart, wirklich
…«
»Na gut. Dann muss es wohl oder übel das Einkaufszentrum
sein. Aber du kannst nicht von mir erwarten, dass ich
auch
noch Timmy mitnehme.«
Die Sache mit Timmy war wahrhaftig schwieriger an den
Mann zu bringen. Ich mochte es zwar geschafft haben, psychologisch
plausible Gründe aus dem Ärmel zu schütteln, warum
Stuart Allie zum Einkaufen begleiten sollte; aber es gab eigentlich
keinen triftigen Anlass, auch noch einen Zweijährigen
mitzunehmen.
Ich entschloss mich also, die Indignierte zu markieren.
Dies
war der einzige Ausweg, der mir blieb und den jede
Hausfrau
und Mutter als letzte Möglichkeit aus dem Hut zieht, um ihren Kopf
durchzusetzen. »Stuart Connor«, tönte ich streng, stemmte die Arme
in die Hüften und sah ihn so strafend wie nur irgend möglich an.
»Willst du etwa behaupten, du seist nicht in der Lage, einige
wenige Stunden mit denselben Kindern zu verbringen, mit denen ich
mich jeden Tag herumschlage? Dass du nicht die Zeit oder die Nerven
hast, deinen eigenen Sohn
mitzunehmen? Dass du –«
»Okay, okay. Habe schon verstanden. Es ist also mal der
liebe
Papi an der Reihe, sich um die kleinen Racker zu kümmern.« Meine
finstere Miene verflog, und mit einem Schlag war ich
wieder zu einem strahlenden Lächeln fähig. Ich stellte mich
auf
die Zehen und küsste ihn zärtlich. »Du bist wirklich der Beste.«
Stuart wirkte zwar nicht gerade ekstatisch, aber er war zumindest
wieder ansprechbar. Ein Punkt für mich. Wir kehrten
in die Küche zurück, wo Allie bereits die Teller und die
Gläser
in die Spülmaschine geräumt hatte und gerade Timmys
Gesicht,
seine Haare, Hände und Kleidung mit einem Lappen
abwischte,
um alle Anzeichen von Puderzucker und Sirup zu entfernen.
Selbst an einem schlechten Tag ist Allie ziemlich gut, wenn
es
darum geht, mit Timmy zu helfen. Wenn es dann noch die
Aussicht auf neue Klamotten gibt, verwandelt sich das Kind
in
eine Heilige.
Zehn Minuten später saßen die drei in unserem Wagen. Stuart war mit
seinen Kreditkarten, Allie mit ihrer Einkaufsliste
und Timmy mit Boo Bear bewaffnet. Als das Auto auf die
Straße hinausfuhr, stand ich auf der Veranda, lehnte mich
gegen einen der Holzpfosten und winkte ihnen fröhlich hinterher.
Dabei hoffte ich inbrünstig, dass ihnen nicht auffiel,
wie
erleichtert ich wirkte. Ich liebe meine Familie – wirklich, das tue
ich. Aber während ich zusah, wie der Minivan davonfuhr, musste ich
zugeben, dass es wirklich angenehm war, zur Ab
wechslung auch einmal ein wenig allein für mich zu sein. Selbst
wenn ich mit einem toten Dämon das Haus teilen
musste.
FÜNF
Eine Viertelstunde später stand eine frisch aufgebrühte Kanne Kaffee in der Küche, und das kräftige Aroma der SumatraBohnen gab mir das beruhigende Gefühl, eine Koffeinbelohnung würde auf mich warten, wenn ich meine Aufgabe erledigt hatte. Momentan hockte ich gerade vor der Leiche des Dämons. Ich hatte sie aus der Speisekammer in die Küche gezerrt und wollte sie jetzt durch die Verandatür hinter das Haus schleppen.
Das Treffen mit meinem alimentatore war für zwölf Uhr angesetzt, und ich konnte es kaum erwarten, ihn kennenzulernen. Seit Stuart und die Kinder weg waren, quälte mich das unheimliche Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden. Zuerst war ich zu dem kaputten Fenster gegangen und hatte dort nachgesehen, doch glücklicherweise weder einen Dämon noch einen Spanner entdeckt. Die Mülltüten waren an einigen Stellen inzwischen lose, aber das lastete ich dem billigen Kreppband und nicht irgendwelchen bösen Kräften an, die da am Werk gewesen sein konnten.
Ich versuchte also, meine Nervosität – so gut es ging – nicht zu beachten, und konzentrierte mich stattdessen auf das Nächstliegende. Ehrlich gesagt, wäre es mir lieber gewesen, den Dämon einfach in der Speisekammer aufzubewahren und dann von meinem Mentor zu erfahren, wie ich ihn am besten und effektivsten loswerden konnte. Aber da ich mich weder auf Timmys gute Laune noch auf Stuarts Shoppingausdauer verlassen mochte, musste ich den toten Körper aus dem Haus und in unseren Schuppen befördern. In meinem früheren Leben hatte ein einfacher Anruf bei der Forza genügt. Sogleich war ein Sammelteam eingetroffen, das den von mir erledigten Dämon fachgerecht entsorgte. Auf diese Weise hatte ich mich nie mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Vielleicht sollte ich mich also glücklich schätzen, endlich einmal auch diesen faszinierenden Aspekt meiner Arbeit kennenlernen zu dürfen. (So etwas nennt man übrigens, falls es Ihnen nicht aufgefallen sein sollte, Sarkasmus.)
Obwohl der alte Mann recht zierlich gewesen war, besaß er doch ein ziemliches Gewicht. Auch Tote verlieren nicht so schnell ihre Pfunde, und als ich endlich die Verandatür erreicht hatte, war ich ziemlich außer Atem. Vorsichtshalber hatte ich die Vorhänge zugezogen. Ich öffnete sie ein wenig, um hinauszusehen. Fast kam ich mir vor wie auf der Flucht. Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich zu sehen erwartete. Vielleicht eine Dämonenarmee? Oder die Polizei? Oder meinen Mann, der anklagend mit dem Finger auf mich zeigte und mich der Geheimniskrämerei bezichtigte?
Jedenfalls konnte ich niemanden entdecken und atmete erleichtert auf. Meine Nervosität hatte inzwischen wieder zugenommen, sodass mich bereits das Geräusch, das die Spülmaschine von sich gab, als sie ihr Waschprogramm änderte, zusammenzucken ließ.
Ich zerrte den Leichnam noch etwas weiter und rannte dann, zwei Stufen auf einmal nehmend, ins obere Stockwerk. Im Geiste ging ich den Inhalt unseres Wäscheschranks durch. Ich brauchte etwas, was groß genug war, um den Mann darin einzuwickeln, was mir aber nicht fehlen würde, wenn ich es wegwarf. Es war egal, wie gut unsere Reinigung sein mochte. Für mich kam es einfach nicht infrage, auf dem Leichentuch eines Dämons zu schlafen, auch wenn dieses noch so sauber gewaschen und gemangelt sein mochte.
Ich holte ein Spannlaken heraus (eines von der
billigen Sorte
– also kein großer Verlust) und rannte wieder nach unten. Perfekt.
Die mit Gummizug versehenen Ecken halfen, das Leichentuch mit
Blümchenmuster um den Körper gewickelt zu halten, während ich
diesen so lange drehte, bis er in einem festen Kokon steckte. Ich
bezweifelte zwar, dass meine Bemühungen jemanden, der mir heimlich
dabei zusah, täuschen würden (ein Körper in einem Spannbetttuch
sieht ganz einfach wie ein Körper in einem Spannbetttuch aus), aber
das Ganze gab mir irgendwie ein besseres Gefühl. Außerdem glaubte
ich trotz meiner Panik eigentlich nicht daran, dass jemand zufällig
in meinen Garten schauen würde, während ich die Leiche im Schuppen
verstaute.
Wie sich herausstellte, dauerte das Ganze länger als erwartet. Den Körper aus dem Haus zum Schuppen zu bringen, gestaltete sich überraschend einfach (mir fiel ein, dass Timmy einen kleinen Schubkarren besaß, der sich in diesem Fall als sehr nützlich erwies). Aber die Leiche in den Schuppen zu befördern war weniger leicht. Das kleine Häuschen war nämlich randvoll gestopft mit irgendwelchem Krimskrams, sodass ich nicht
einmal einen Toaster hineingebracht hätte – von einem Toten ganz zu schweigen.Zum Glück blieb mir noch genügend Zeit, um nicht in Panik ausbrechen zu müssen. Noch nicht.
Während ich alle möglichen Kartons, Möbel und Gerümpel herauszerrte, pumpte das Adrenalin durch meine Adern. Ich stapelte die Dinge draußen vor dem Schuppen auf. Sobald es mir gelungen war, im Inneren des Häuschens etwas Platz zu schaffen, kletterte ich hinein und zerrte die Leiche hinter mir her. Zu meiner Erleichterung passte sie genau unter Allies altes Kinderbett. Nun begann ich wieder alles in dem Schuppen aufzustapeln, was ich zuvor im Garten verteilt hatte. Nietzsche wäre wahrscheinlich irgendeine Sentenz über die absolute Sinnlosigkeit bestimmter Tätigkeiten eingefallen, aber damit wollte ich mich jetzt nicht aufhalten. Ich wollte das Ganze rasch hinter mich bringen. Und weil ich mich so sehr darauf konzentrierte, hörte ich nicht, wie jemand hinter mir auftauchte – bis es zu spät war.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter, und ich schrie auf. Ohne nachzudenken, ging ich in leicht die Hocke, wirbelte herum und versetzte meinem Angreifer einen Tritt genau unter sein Knie, ehe ich mich wieder aufrichtete. Mir gelang instinktiv eine wunderbar fließende Bewegung. (Wer hätte gedacht, dass ich es noch immer in mir hatte?)
Meine Verteidigung wäre sogar geradezu perfekt gewesen, wenn ich dadurch einen Dämon außer Gefecht gesetzt hätte. Stattdessen musste ich jedoch zu meinem ziemlichen Entsetzen feststellen, dass Laura vor mir lag. Ich beugte mich über sie, die Hände zu Fäusten geballt. Das Blut rauschte in meinen Ohren, und ich verspürte noch immer das dringende Bedürfnis zuzuschlagen.
Zum Glück gelang es mir, mich zusammenzunehmen. Meine beste Freundin mit einem Kinnhaken zu begrüßen, konnte selbst ich nicht einfach so wegerklären – vor allem nicht in meiner momentanen Verfassung. Ich beugte mich stattdessen über sie und atmete tief durch. Laura lag regungslos auf dem Boden, die Hände in den Kies gekrallt, der den Schuppen und Timmys Spielplatz umgab. Dem Blick nach zu urteilen, mit dem sie mich bedachte, war sie ebenso überrascht wie ich selbst. Einen Moment lang wussten wir nicht, was wir sagen sollten. Ich erholte mich als Erste.
»Verdammt, Laura. Schleich dich bitte nicht so
an mich heran!«
Sie blinzelte. »Ich werde es mir merken«, sagte sie und stand
mühsam auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich ihr
Schienbein. »Wo hast du das denn gelernt?«
»Bei einem Selbstverteidigungskurs«, schwindelte ich. »Die Polizei
hat uns wirklich einige wirkungsvolle Tricks beigebracht, findest
du nicht?« Eine absurde Antwort, ich weiß, aber es schien ihr gar
nicht aufzufallen. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihre
Beinmuskeln anzuspannen und vorsichtig ihren Fuß kreisen zu
lassen.
»Was tust du hier eigentlich? Das Familienerbe
verstecken?«
Ich ignorierte ihre Frage und legte ihr stattdessen meine Hand auf
das Schienbein. »Ist es sehr schlimm?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich werde es überleben«, meinte sie. Ich
half ihr, sich ganz aufzurichten, und sie verlagerte vorsichtig ihr
Gewicht auf das Bein. »Aber was hast du gerade gemacht? Ich glaube,
ich habe dich noch nie so angespannt gesehen.«
»Ja, also …« Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte, und
entschloss mich deshalb, sie am besten mit einer Antwort
abzuspeisen, die keine weiteren Fragen nach sich zog. »Ich habe
letzte Nacht wieder von Eric geträumt. Und da Stuart und die Kinder
gerade beim Einkaufen sind …« Ich beendete den Satz nicht, da ich
annahm (zu Recht), dass sie schon verstand, was ich
meinte.
»Du siehst dir also Sachen von früher an.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Manchmal fehlt er mir
einfach.«
Laura sah mich an. Ihre Augen blickten besorgt. Es entsprach
durchaus der Wahrheit, dass ich von Eric träumte, und zwar öfter,
als mir eigentlich lieb war. Laura war von mir mehr als einmal
darüber ins Vertrauen gezogen worden. Heute jedoch konnte ich meine
wahren Probleme nicht mit ihr teilen, auch wenn ich das gern getan
hätte. »Möchtest du darüber sprechen?«
»Nein.« Ich blickte auf den Boden, da ich mich davor fürchtete, was
sie sonst in meinen Augen lesen würde. »Es geht schon. Ich muss
mich sowieso zusammenreißen, ich habe um zwölf Uhr einen
Termin.«
Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und dann einen auf die
Kartons, die noch immer in meinem Garten herumstanden. Schließlich
betrachtete sie mich in meiner Jogginghose und einem T-Shirt, mit
ungewaschenen Haaren und ohne Make-up. »Ich helfe dir schnell, das
wieder einzuräumen.«
Am liebsten hätte ich ihr Angebot abgelehnt, aber ich war bereits
spät dran. Außerdem wusste ich, dass mich Laura auf diese Weise
unterstützen und mir zeigen wollte, dass sie für mich da war, auch
wenn ich nicht über Eric sprechen konnte. Zudem war es nicht sehr
wahrscheinlich, dass sie das Bündel unter dem alten Kinderbett für
etwas anderes hielt als einen zusammengerollten Teppich (wenn sie
überhaupt einen Gedanken daran verlor). Also nahm ich dankend
an.
»Wen triffst du denn um zwölf?«, fragte sie mich, während sie mir
einen Karton reichte.
»Ach, niemand Wichtigen«, erwiderte ich und versuchte so unschuldig
wie möglich zu klingen, wobei ich wahrscheinlich eher wie ein
Bankräuber klang, der hoch und heilig schwört, keine Ahnung zu
haben, wo das Geld versteckt ist. »Ein alter Bekannter von mir hält
sich gerade in der Stadt auf. Ich möchte wissen, wie es ihm
ergangen ist, seit wir uns das letzte Mal trafen. Mal wieder
Familienfotos ansehen und so. Du weißt schon.«
»Das klingt aber sehr nett. Woher kennst du diesen Mann
denn?«
»Noch aus Erics Zeiten«, erwiderte ich. Diese Antwort war die
erste, die mir in den Sinn kam.
Laura seufzte. »Ach, mein armer Liebling. Dich erwischt es momentan
wohl ziemlich, nicht wahr?«
»Ja, könnte man so sagen.« Ich vermochte ihr erneut nicht in die
Augen zu sehen, als ich ihr einen weiteren Karton abnahm.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Schön wäre es«, sagte ich. »Aber das ist eben meine Vergangenheit.
Manchmal schleicht sich dein altes Leben von hinten an dich heran,
und du musst dich damit auseinandersetzen – ob du willst oder
nicht.«
Sie nickte, und wir räumten schweigend die restlichen Kartons weg.
Ich schloss die Tür zum Schuppen und verriegelte sie, klopfte mir
den Staub aus der Kleidung und sah demonstrativ auf die Uhr. »Danke
für die Hilfe«, sagte ich. »Aber ich sollte jetzt wohl besser unter
die Dusche.«
»Klar, mach das. Ich muss auch weg. Ich habe nämlich Mindy
versprochen, mit ihr heute zum Einkaufszentrum zu fahren, um neue
Klamotten zu kaufen. Ich habe es den ganzen Sommer über geschafft,
es hinauszuschieben …«
Ich musste lachen. »Ich habe heute Stuart dazu
verdonnert.«
»Du hast einen richtigen Tausendsassa geheiratet«, meinte sie mit
einem leichten Stirnrunzeln. Dann suchte sie in ihren Taschen nach
ihrem Schlüsselbund und begann mit dem Schlüsselring zu spielen.
»Ich weiß jetzt schon, dass ich fix und fertig bin, wenn ich heute
Abend nach Hause komme. Wollen wir uns später vielleicht auf ein
Glas Wein treffen und uns gemeinsam entspannen?«
Mir war klar, was sie damit bezweckte: Sie wollte mir ihr Ohr
leihen, nachdem ich einen emotional schwierigen Nachmittag mit
meinem lieben alten Freund verbracht hatte.
Laura mochte vielleicht nicht den wahren Grund wissen, aber sie lag
nicht falsch, was das Ergebnis betraf. Wenn dieser Tag vorbei sein
würde, brauchte ich garantiert ein Glas Wein. Oder auch
zwei.
»Klingt gut. Außerdem bin ich mir sicher, dass die Mädchen ihre
neuen Klamotten vergleichen wollen. Wahrscheinlich müssen sie sich
absprechen, was sie am ersten Schultag tragen.«
»Stimmt. Und wir brauchen etwas Stärkung, um die
Teenager-Modenschau zu überstehen.« Ihr Blick wanderte in die
Ferne, und ich vermutete, dass sie in Gedanken bereits ihr
Weinregal durchging. »Ich habe noch einen ganz guten Moscato zu
Hause. Den werde ich kühl stellen und mitbringen, wenn ich nachher
mit Mindy und einem Umzugswagen voller Klamotten wiederkomme.« (Als
CEO einer sehr erfolgreichen Schnellrestaurantkette verdiente Paul
wesentlich mehr als Stuart. Seine Tochter würde sich bestimmt nicht
nach Schnäppchen umsehen.)
Lauras Blick richtete sich auf die Verandatür unseres Hauses. »Hast
du vielleicht noch Zeit, um mir rasch eine Tasse Kaffee zu
spendieren? Außer koffeinfreiem habe ich nämlich keinen im Haus und
lechze schon den ganzen Morgen nach einem Schluck.«
»Da bist du bei mir genau richtig.« Der Gedanke an den frisch
gekochten Kaffee in meiner Küche ließ mich wieder munter
werden.
Wir gingen ins Haus, und ich reichte Laura eine von Stuarts
zahlreichen Thermotassen. Sie ging zum Kühlschrank, um etwas Sahne
zu holen. In demselben Augenblick, in dem sie die Tür öffnete,
hörte ich es auf einmal – ein leises Kratzen an der Plastikplane.
Mein Herz begann doppelt so schnell wie sonst zu schlagen.
Adrenalin pumpte durch meine Adern, und mein Körper bereitete sich
darauf vor, jeden Moment in Aktion zu treten. Was war das? Ein
Dämon, der die Aufgabe zu Ende bringen sollte, der dieser Opa
gestern nicht gewachsen gewesen war? Oder vielleicht ein
Höllenhund, der noch kurz draußen herumschnüffelte, ehe er
hereinsprang und sich in meinen Hals verbiss?
»Könnte ich mir auch einen Schuss von eurem HaselnussSirup
nehmen?«, erkundigte sich Laura mit dem Kopf im
Kühlschrank.
Ich antwortete nicht, denn ich war zu sehr damit beschäftigt, die
Plastikplane zu beobachten. Nicht jetzt … noch nicht. Ich wollte
nicht, dass Laura hier war, wenn ich angegriffen wurde. Ich wollte
nicht, dass sie irgendetwas damit zu tun hatte. Ich wollte nicht
–
»JIEEE-AUUUUUU«
»Was … Scheiße!«, rief Laura.
Etwas Kleines und Geschmeidiges sprang durch das Fenster herein. Es
wurde großenteils von einer lose hängenden Mülltüte verdeckt,
schrie aber auf so unheimliche Weise auf, dass mir die Haare zu
Berge standen. Ich machte einen Satz nach vorn, um das Unwesen zu
fangen. Meine Hände griffen in etwas Weiches, Flauschiges und
–
»MIEEEE-AUUUUUU.«
Ich hielt abrupt inne, während mein Gehirn allmählich verstand, was
meine Hände bereits begriffen hatten. Es war kein Dämon. Und auch
kein Höllenhund. Es war überhaupt nichts Schlimmes. Es war nur
Kabit, unser übergewichtiger, meist mies gelaunter und extrem
eigensinniger Kater.
Kabit starrte mich einen Moment lang wild an. Seine Haare hatte er
aufgestellt, und sein Schwanz war dreimal so dick wie sonst. Als
ich ihn auf den Boden setzte, stolzierte er jedoch bereits wieder
erhobenen Hauptes zu seinem Fressnapf und widmete sich wichtigeren
Dingen – ein Bild würdevollen Hochmuts. Ich hätte am liebsten
gelacht, aber irgendwie gelang es mir nicht.
»Tut mir leid«, sagte Laura und hob die Flasche mit dem
Haselnuss-Sirup auf, die sie vor Schreck hatte fallen lassen. »Er
hat mir einen ganz schönen Schock versetzt.«
Ich betrachtete die braune Soße auf dem Boden, und plötzlich
übermannte mich doch das Bedürfnis, so richtig loszulachen.
»Verstehe«, sagte ich prustend. »Kann ich mir
vorstellen.«
Lauras belämmerte Miene löste sich in Luft auf, als sie in mein
Gelächter einstimmte. Wir sanken beide auf den Boden, den Rücken
gegen die Küchenschränke gelehnt, und es schüttelte uns vor
Lachen.
Im Grunde war die Situation allerdings gar nicht so lustig, und ich
wusste, dass ich vor allem wegen meiner blank liegenden Nerven so
hysterisch prustete. Heute war Laura nur durch meine Katze
erschreckt worden. Wenn ich jedoch daran dachte, welche Wendung
mein Leben auf einmal genommen hatte, fragte ich mich, ob sie nicht
bald etwas wirklich Beängstigendes sehen würde.
Und würde ich dann in der Lage sein, meine Freundin zu
beschützen?
Die Kathedrale St. Mary wurde vor vielen Jahrhunderten als Teil der missionarischen Stützpunkte des Camino Real erbaut. Das ursprüngliche Gebäude existiert noch heute, doch nur an hohen Feiertagen wird darin die Messe zelebriert, denn meist ist die Kirche wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Bis diese Arbeiten abgeschlossen sind, dient der Bischofssaal als Gebetsstätte. Ich persönlich werde froh sein, wenn die Renovierung endlich vorbei ist. Das Innere der Kathedrale ist atemberaubend schön, während der neuere Bischofssaal etwas von dem heiligen Wow-Effekt vermissen lässt. Und falls Sie es wissen wollen – ja, ich gehe regelmäßig zur Messe (mehr oder weniger). Ich war bei Teufelsaustreibungen anwesend, habe gepfählte Vampire gesehen und Dämonen mit einem winzigen Cocktailspieß erlegt – all das hat meinen Glauben nicht erschüttert. Vor einigen Monaten ließ ich mich sogar dazu breitschlagen, in irgendeinem Kirchenkomitee mitzuarbeiten. Natürlich zieht sich das Projekt, das Mitte des Sommers abgeschlossen sein sollte, nach wie vor hin. Das hat man davon, wenn man mal etwas Gutes tun will.
Die Kathedrale steht an San Diablos höchstem Punkt und blickt auf den Pazifik und die Kanalinseln hinaus. Wie bei jeder Kirche befindet man sich mit dem Betreten des Gebäudes auf heiligem Boden. Aber St. Mary hat noch ein kleines Extra. Alles, was sich im und unter dem Altarraum befindet – der Altar, der Hostienschrein, die Krypta und die Decke –, ist mit einem Mörtel verputzt, dem die Gebeine Heiliger beigemischt wurden. Es ist nicht ungewöhnlich, Reliquien eines Heiligen in den Altar einzulassen (zugegebenermaßen geschieht das heute nicht mehr so häufig). Aber so viel Heiligkeit an einem einzigen Ort dürfte selbst vor Jahrhunderten ziemlich einmalig gewesen sein.
Eric und ich hatten stets geglaubt, dass ein
solch heiliger Altarraum Erklärung genug war, weshalb es in San
Diablo keine Dämonen gab. Natürlich konnten Dämonen noch immer frei
und ungestört durch die Stadt wandern – oder sich auch auf dem
ungeweihten Grundstück um die Kirche herum aufhalten
–, aber wir vermuteten, die Kathedrale besäße eine starke
antidämonische Ausstrahlung. Anscheinend war das jedoch kompletter
Blödsinn gewesen.
Wie auch immer. Jedenfalls hatte ich keine Ahnung, wer mein neuer alimentatore sein konnte. Üblicherweise kennt ein Jäger seinen Mentor nicht, bis er ihn für eine gemeinsame Aufgabe zum ersten Mal trifft. Ich persönlich finde diese Tradition nicht nur veraltet, sondern ausgesprochen idiotisch. Leider gehöre ich jedoch nicht zum Komitee der Forza Scura, das solche Regeln festlegt, und bisher wurde ich auch noch nicht nach meiner Meinung gefragt.
Obwohl ich also nicht wissen konnte, wer auf mich wartete, wünschte ich mir jetzt doch, Padre Corletti wenigstens genauer befragt zu haben, wo wir uns treffen würden. Mein Mentor konnte in diesem Moment bereits bei Father Ben im Pfarrbüro sitzen und Däumchen drehen, während er sich fragte, wo ich steckte.
Diese Überlegung brachte mich auf einen Gedanken: Konnte es sich bei meinem Mentor nicht vielleicht sogar um Father Ben handeln?
Irgendwie gefiel mir diese Vorstellung. Obwohl Father Ben erst vor einigen Jahren das Priesterseminar abgeschlossen hatte, wusste er bereits ziemlich genau, was er wollte. Während seiner Predigten ist noch nie jemand eingeschlafen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er als mein alimentatore fungieren würde, war leider gering. Corletti mochte sich insgesamt zwar vage ausgedrückt haben, aber er hatte eindeutig erklärt, die Forza habe einen alimentatore geschickt. Nachdem Father Ben aber bereits seit einigen Jahren bei uns als Priester tätig war und die Forza wohl erst vor Kurzem von Gorameshs Interesse an San Diablo erfuhr – es sei denn, Padre Corletti geizte wirklich mit seinen Informationen –, konnte Father Ben nicht mein Mentor sein.
Ich hielt es für das Wahrscheinlichste, dass wir uns in der Kathedrale trafen, und parkte deshalb meinen kleinen Flitzer auf einem der Plätze davor. Zugegebenermaßen genoss ich es ganz besonders, Stuart zur Abwechslung einmal den kinderfreundlichen Minivan aufs Auge gedrückt zu haben, während ich mir unseren Zweitwagen geschnappt hatte. Im Grunde hätte ich am liebsten ein Weilchen mit laufendem Motor einfach nur gesessen, um die Luft im Wageninneren zu genießen, die einmal nicht nach vergorener Milch oder verschüttetem Traubensaft roch. Leider blieb mir nicht viel Zeit, diesen inneren Frieden auszukosten. Ich schaltete also Motor und Klimaanlage ab und stieg aus. Zum Glück umfing mich die angenehm milde Luft eines südkalifornischen Sommertages.
Ich folgte dem gepflasterten Weg zur Kathedrale und strich dabei mit der Hand über die Strelitzien, die wie Wachmänner den schmalen Weg säumten. Die große beschlagene Kirchentür aus schwerem Holz war geschlossen, aber nicht verriegelt. Ich stieß sie auf und ging ins Innere, wobei ich zuerst einen kleinen Vorraum durchschritt, der mich zur Schwelle der eigentlichen Kathedrale brachte. Die Steinbecken, in denen normalerweise das Weihwasser am Eingang aufbewahrt wird, waren für die Renovierung entfernt und durch schlichte Holzständer ersetzt worden, auf denen sich goldene Schalen befanden. Der Boden war feucht – vermutlich von dem Platzregen, der vor einigen Stunden niedergegangen war –, und ich gab acht, nicht auszurutschen. Dann tauchte ich den Finger in das Weihwasserbecken, bekreuzigte mich und verneigte mich in Richtung Tabernakel.
Die Bänke waren leer, und ich überlegte mir, ob ich nicht vielleicht doch zum Bischofssaal schauen sollte, falls sich mein alimentatore dort aufhielt. Da ich jedoch einige Minuten zu früh dran war, wäre es dumm gewesen, nicht ein wenig zu warten.
Ich hatte ein leeres Fläschchen mitgebracht, das ich nun mit Weihwasser füllte, um wieder für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Danach stand ich ein wenig verloren da, blätterte gelangweilt im ausliegenden Kirchenbrief und warf etwa alle vierundzwanzig Sekunden einen Blick auf meine Armbanduhr. Um elf Uhr siebenundfünfzig hörte ich, wie eine Tür knarrte, und gleich darauf vernahm ich Schritte. Da die Akustik im Kirchenraum eher für Hymnen als für das Orten einzelner Geräusche konzipiert worden ist, hatte ich keine Ahnung, woher die Schritte kamen. Ich drehte mich einmal im Kreis und ging dann auf den Altarraum zu, als sich das Geheimnis lüftete: Father Ben trat hinter einem Samtvorhang hervor ins Sanktuarium und somit genau in mein Blickfeld.
In der Hand hielt er ein Klemmbrett und einen
Stift und schien meine Anwesenheit gar nicht zu bemerken.
Ich räusperte mich, und er blickte überrascht auf. Als er mich sah,
erhellte sich seine Miene. Er lächelte. »Kate Connor – was führt
Sie heute hierher?«
Okay Er war also garantiert nicht mein alimentatore. Nun kam mir
meine bereits zurechtgelegte Ausrede zugute. »Ich soll hier
irgendwelche Bestandslisten zum Abtippen abholen. Aber leider war
die Nachricht auf meinem Handy so schlecht zu verstehen, dass ich
nicht weiß, wer mich eigentlich angerufen hat.«
Da unsere Kirchenarbeitsgruppe die zahlreichen Gaben und Geschenke
für die sowieso schon große Sammlung der Kathedrale katalogisiert,
nahm ich an, dass es bestimmt irgendwo eine Liste geben musste, die
nur darauf wartete, abgetippt zu werden. Ich machte mich also im
Grunde keiner Lüge einem Priester gegenüber schuldig –
oder?
Father Ben rieb sich das Kinn. »Leider kann ich Ihnen da nicht
weiterhelfen. Delores würde sicher Bescheid wissen, aber sie ist
heute nicht hier«, fügte er hinzu. Delores leitet unsere
Gruppe.
»Oh. Das ist aber schade.« Ich runzelte die Stirn und versuchte,
der Situation angemessen, ein wenig ratlos dreinzuschauen. »Ich
hatte eigentlich gehofft, schon heute Abend mit dem Tippen beginnen
zu können.« Ich ließ meinen Blick durch das Kirchenschiff wandern,
als würde ich erwarten, dass plötzlich jemand in einer der Bänke
saß. »Sie haben sonst niemand anderen gesehen, oder?«
»Nein, leider nicht.«
»Dann sehe ich mal im Bischofssaal nach. Falls jemand nach mir
fragt, könnten Sie so nett sein und denjenigen wissen lassen, dass
ich dort bin?«
»Natürlich.«
Ich verabschiedete mich und verließ die Kirche. Doch auch im
Bischofssaal fand ich nur den Mesner, der gerade den Boden wischte.
Um nicht unnötige Fußabdrücke zu hinterlassen, ging ich wieder
hinaus.
Der Adrenalinschub, der mich bei dem Gedanken, meinen neuen Mentor
kennenzulernen, bisher begleitet hatte, wich allmählich einer
leisen Verärgerung. Zu Hause warteten mindestens drei Ladungen
Wäsche auf mich! Ganz zu schweigen von einer Leiche, die allmählich
wohl ziemlich reif wurde, wenn sie noch viel länger in meinem
Schuppen lag. Ich beschloss, zur Kathedrale zurückzukehren, falls
wir uns doch verpasst haben sollten. In Filmkomödien wirkt so etwas
ja immer recht lustig, aber im wirklichen Leben gibt es kaum etwas,
was ich mehr hasse. Ich befand mich gerade erneut auf dem
gepflasterten Weg zur Kirche, als ich hinter mir Schritte vernahm.
Als ich mich umdrehte, war niemand zu entdecken. Ich rief, aber
keiner antwortete.
Gleichzeitig mit Father Ben, der aus einer anderen Richtung kam,
erreichte ich die Kirchentür. Seine Miene erhellte sich erneut, als
er mich sah; ganz offensichtlich hatte er mir etwas
mitzuteilen.
»Oh, gut, dass ich Sie sehe, Kate. Ich habe Sie schon gesucht. Auf
dem Parkplatz traf ich einen Mann, der nach Ihnen gefragt
hat.«
»Wirklich?« Ich warf einen Blick zu den geparkten Autos, konnte
dort allerdings nur fünf Wagen, aber keine Menschen erkennen. »Wer
war das?«
»Leider weiß ich nicht, wie er heißt«, meinte der Priester. »Er hat
Sie wohl im Bischofssaal gesucht, aber dort wird anscheinend gerade
gewischt.«
»Ja, stimmt. Ich komme gerade von dort.«
»Er hat mich gebeten, Ihnen ausrichten zu lassen, dass er im Hof
auf Sie wartet.«
»Super. Vielen Dank.«
Der Priester kehrte in die Kirche zurück, und ich ging um die
Kathedrale zum sogenannten Hof. Das ist ein kleiner Platz mit
einigen Sitzbänken und Blumentöpfen, der von der Kathedrale, dem
Pfarrhof und dem Bischofssaal gesäumt wird. Meist sitzen hier die
Pfarreiangestellten in ihrer Mittagspause. Ein geschmiedetes
Eisengitter dient als Eingangstor. Dieses stand nun offen, doch im
Hof war niemand zu sehen. Die Betonbänke waren durch die tägliche
kalifornische Sonne fast weiß gebrannt. Ich musste bei ihrem
Anblick auf einmal an Knochen denken, die auf einem Feld von Geiern
abgefressen und zurückgelassen worden waren. Allein diese
Vorstellung jagte mir einen Schauder über den Rücken, und ich
wandte mich der Statue der Jungfrau Maria zu, die in der Mitte des
Hofes stand, um mich wieder zu beruhigen.
Diese Mantel-und-Degen-Aktion nervte mich allmählich gewaltig. Ich
besaß ein Handy, ein Faxgerät, einen Minicomputer und einen
High-Speed-lnternet-Anschluss. War es wirklich nötig, sinnlos im
Kreis um die Kirche herumzuschleichen, wenn es eine schlichte
E-Mail mit genauer Zeit- und Ortsangabe auch getan hätte? Ein
weiterer Blick auf meine Armbanduhr zeigte mir, dass es inzwischen
bereits zehn nach zwölf war. Father Ben hatte den Mann doch gerade
noch gesehen. Wo zum Teufel steckte der Kerl?
»Hallo?«, rief ich, wobei ich mir ziemlich blöd vorkam, da ganz
offenbar niemand da war. Ich fluchte leise, was man im Hof einer
Kirche ja eigentlich nicht tun sollte, und drehte mich wieder dem
Tor zu, um zur Kathedrale zurückzukehren. Inzwischen war ich
wirklich wütend und mein ganzer Körper vor Frust angespannt. Am
liebsten hätte ich auf etwas eingeschlagen und meinem Ärger so
Erleichterung verschafft. Eigentlich kannte ich solche Reaktionen
von mir gar nicht mehr. Fast fünfzehn Jahre lang hatte ich
derartige Regungen aus meinem Leben verbannt und war anderen Regeln
gefolgt, und zwar ziemlich erfolgreich. Das Kleinstadtleben hatte
es mir leicht gemacht, meine Vergangenheit zu begraben. Immer
wieder erklärte ich Timmy, dass er nicht schlagen, beißen, treten
oder schreien darf. Schlagen ist nicht nett, Schlagen löst keine
Probleme.
Manchmal jedoch ist es die beste Alternative, die du
hast.
Manchmal rettet Zuschlagen Leben.
Ich mochte die vielen Jahre Drill in mir vergraben haben, aber das
hieß anscheinend keineswegs, dass ich sie vergessen hatte. Jetzt
spürte ich deutlich, wie meine alten Instinkte wieder an die
Oberfläche drängten, wie mein Blut in Wallung geriet und meine
Kraft zurückkehrte. Und was noch wichtiger war – ich verspürte das
Verlangen. Das Verlangen zu kämpfen. Zu gewinnen. Zu
leben.
Hinter mir knackte ein Ast. Das leise Geräusch hallte im ganzen Hof
wider. Ich wirbelte herum, ballte die Fäuste und spannte die
Muskeln an. In Wahrheit erwartete ich niemand anderen als meinen
verspäteten alimentatore, aber innerlich hatte ich bereits eine
Grenze überschritten. Es war mir nicht mehr möglich, mich einfach
nur umzudrehen und die Person freundlich zu begrüßen.
Und das war mein Glück.
Er stand nämlich hinter mir. Larson. Nicht einmal zwei Schritte von
mir entfernt.
»Sie verdammtes Schwein!«, knurrte ich und stürzte mich auf ihn.
Ich dachte nicht mehr nach, sondern wollte nur noch zuschlagen. Ich
hatte also doch recht gehabt! Er war ein Dämon. Irgendwie musste er
von diesem Treffen erfahren und meinen alimentatore dazu gebracht
haben, sich zu verspäten. Oder hatte er ihn vielleicht schon
getötet?
Außerdem war mir dieser Mann wirklich zuwider – Dämon hin oder her.
Seine Bemerkung über Allie hatte mich zutiefst aufgebracht, und mit
einem absurden Gefühl der Rache stürzte ich mich nun auf
ihn.
Er riss verblüfft die Augen auf und streckte in letzter Sekunde die
Hände aus, als ob er so meinen Angriff abzuwehren gedachte. Aber
seine Reaktion war nicht schnell genug. Ich prallte mit der vollen
Wucht meines Körpers gegen ihn, und wir gingen zu Boden.
Zugegebenermaßen nicht die ausgefeilteste Angriffsmethode der Welt,
aber es ging mir in diesem Moment vor allem darum, ihn zu
erwischen, ehe er selbst in die Offensive gehen konnte.
Seine erste Überraschung verflog rasch. Er wand sich mit einer
heftigen Bewegung nach links und schüttelte mich auf diese Weise
ab. Er war wesentlich stärker, als ich bei einem Juristen um die
sechzig angenommen hatte, was mich in meiner Vermutung, er sei in
Wirklichkeit gar kein Mensch, nur noch bestärkte.
Durch seine Gegenwehr fiel ich auf den kalten Steinboden, und die
Handtasche wurde mir von der Schulter gerissen. Alles, was sich
darin befand, verstreute sich nun mit der Wucht einer Bombe. Ich
schaffte es, auf die Knie zu kommen, und versuchte, irgendetwas,
was sich in meiner Reichweite befand, in die Hand zu bekommen.
Zufälligerweise erwischte ich eine Actionfigur mit einem kleinen
Plastikschwert, die Timmy irgendwo geschenkt bekommen hatte. Nicht
das beste Verteidigungsmittel, aber das einzige, das ich momentan
zur Verfügung hatte.
Ich sprang auf. Larson war ebenfalls gerade im Begriff, sich zu
erheben. Noch war er jedoch leicht vornübergebeugt, und ich nutzte
die Gelegenheit zu einer neuen Attacke. Entschlossen holte ich mit
dem Fuß aus und platzierte ihn irgendwo in der Nähe seiner
Nieren.
Der Kerl hatte keine Chance. Er fiel zu Boden, und ich stürzte mich
erneut auf ihn. Sekunden später hatte ich ihn im Würgegriff, und
wir wussten beide, wer der Sieger war. In seinen Augen spiegelten
sich Angst und Verzweiflung wider, während mir die Ohren vor
Siegessicherheit dröhnten. Ich machte mich bereit, ihn umzubringen,
und hielt die Actionfigur vor sein linkes Auge.
»Um Himmels willen, Kate. Hören Sie doch auf! Ich bin Ihr
alimentatore!«
SECHS
»Der Teufel sind Sie«, sagte ich, ohne das Plastikschwert von seinem Augapfel zu entfernen. Wir lagen auf dem Boden. Ich hatte meinen Arm um Larsons Hals gelegt und hielt seinen Kopf gegen meinen Brustkasten gedrückt. Wenn er sich bewegte, würde meine improvisierte Waffe durch seine Netzhaut eindringen und wie ein heißes Messer sein Auge durchstoßen. War er ein Dämon, würde ihn das töten. War er doch ein Mensch, bedeutete das ein blindes Auge.
Das war ein Risiko, das ich in diesem Moment
gern einzugehen gewillt war.
»Kate, drehen Sie jetzt bitte nicht durch. Die Forza hat mich
geschickt, um Ihnen zu helfen.« Er versuchte, dem bedrohlichen
Schwert auszuweichen, indem er den Kopf fester gegen mich presste.
Sein Körper war vor Angst ganz kalt, und er zitterte.
Ich legte meinen Arm noch fester um seinen Hals. »Dann erklären Sie
mal«, sagte ich. »Erklären Sie mir, was das gestern Abend
sollte.«
Er schwieg. Ich schüttelte ihn, um ihn dazu zu bewegen, endlich mit
der Wahrheit herauszurücken.
»Das war ein Test«, brachte er schließlich mühsam hervor. Seine
Stimme klang so leise und heiser, dass ich ihn kaum verstehen
konnte.
Ich lockerte meinen Griff um seinen Hals, hielt dafür aber die
Spielzeugfigur noch fester als zuvor zwischen meinen Fingern.
»Quatsch.«
Er hustete und versuchte zu sprechen, wurde aber von einem erneuten
Hustenanfall davon abgehalten. Ich hatte jedoch nicht vor, mich von
seinem schlechten Zustand irgendwie beeindrucken zu
lassen.
»Jetzt reden Sie endlich«, forderte ich ihn von Neuem
auf.
»Sie standen schon längere Zeit nicht mehr in Kontakt mit der
Forza. Ich musste doch wissen, mit wem wir es zu tun haben. Wie
viel Training Sie noch benötigen, auf welchem Level Sie sich
befinden und so weiter.«
»Und deshalb sind Sie in mein Haus gekommen und haben vorgegeben,
ein Dämon zu sein? Ich hätte Sie umbringen können.«
»Haben Sie aber nicht.« Er räusperte sich und holte mühsam Luft.
Dabei fiel mir auf, dass sich mein Griff wohl ungewollt noch einmal
gelockert hatte. »Jedenfalls haben Sie den Test bestanden.« Er
versuchte sich aufzurichten, aber ich riss ihn grob zurück.
Schmerzerfüllt zuckte er zusammen. »Wobei ich Sie vielleicht doch
anders einstufen sollte, als ich das getan habe.«
»Sie haben mich absichtlich in die Irre geführt. Mit Ihrem Atem und
diesen blöden Bemerkungen.«
»Das mit dem Atem gebe ich gern zu«, sagte er. »Ich habe eine Woche
lang Knoblauch gegessen und meine Zähne nicht geputzt. Was jedoch
die Bemerkungen betrifft …«
Er brach ab.
»Was ist damit?«
»Ich habe nichts gesagt, was Sie absichtlich auf eine falsche
Fährte locken sollte. Sie nahmen einfach an, dass ich ein Dämon
bin, und hörten dann nur noch das, was Sie hören
wollten.«
Ich versuchte mich an den gestrigen Abend zu erinnern. Sagte er die
Wahrheit? Aber augenblicklich verschwammen mir die letzten
vierundzwanzig Stunden. Ich wusste nur noch, was er über Allie
gesagt hatte: dass es ihm leidtat, sie nicht kennengelernt zu
haben, und dass sie mir wahrscheinlich wie aus dem Gesicht
geschnitten war.
Verdammt.
Er hatte recht. Wenn er nicht zu der Gefolgschaft des Satans
gehörte, dann war das eigentlich ein ziemlich unschuldiger
Kommentar gewesen.
Ohne meinen Griff zu lockern, beugte ich mich über ihn und atmete
tief ein. Hilfreich öffnete er den Mund. Sein Atem roch nach
frischer Minze.
Ich ließ ihn ein wenig los, sodass er sich mühsam aufsetzen konnte.
Bedächtig rieb er sich den Nacken und ließ den Kopf
kreisen.
»Entschuldigung angenommen«, erklärte er.
»Ich habe mich aber nicht entschuldigt.« Ich hielt noch immer die
Spielfigur auf der Höhe seines Gesichts. Obwohl ich mir jetzt
eigentlich sicher war, dass sich in ihm kein Dämon versteckte,
fühlte ich mich doch weiterhin nervös und angespannt.
Er stöhnte entweder aus Frustration oder vor Schmerz auf und
verlagerte sein Gewicht etwas nach links. »Wieder
aufgestockt?«
Ich wusste zuerst nicht, wovon er sprach. Als ich in die Richtung
blickte, in die seine Augen gewandert waren, verstand ich. Mein
Scheckbuch lag offen unter einer der Bänke, und darunter befand
sich, kaum sichtbar, das Fläschchen mit Weihwasser. Ich konnte es
nicht erreichen, ohne Larson ganz loszulassen, und überlegte
hastig, was ich machen sollte. Vielleicht war das ein Trick.
Vielleicht hatte er vor, mich im selben Moment, in dem ich ihn
freigab, anzugreifen (oder davonzurennen). Aber da ich nicht ewig
sitzen bleiben konnte, musste ich dieses Risiko notgedrungenermaßen
wohl in Kauf nehmen.
»Rühren Sie sich nicht von der Stelle«, drohte ich, als ob ich
hoffte, ihn allein durch meinen Willen festhalten zu
können.
»Würde nicht mal im Traum daran denken.«
Ich lehnte mich zurück und griff nach dem Fläschchen. Die
Actionfigur hielt ich noch immer fest in meinen Fingern, wenn auch
nicht mehr mit dem gleichen Enthusiasmus wie zuvor. Während ich das
Weihwasser nahm, bewegte Larson keinen Muskel. Er sah mich nur
regungslos an und beobachtete, wie ich den kleinen
Schraubverschluss öffnete. »Jetzt wird sich zeigen, ob Sie die
Wahrheit gesagt haben«, verkündete ich und schüttete ihm ohne
Vorwarnung das Wasser mitten ins Gesicht.
Er zuckte nicht einmal zusammen, und ich wusste bereits da, dass
nichts weiter geschehen würde. Es würden sich weder Blasen noch
verbrannte Haut zeigen. Auch keine Schreie aus der Tiefe der Hölle
würden ertönen. Nicht einmal ein leises Brutzeln wäre zu vernehmen.
Mein ganzer Körper entspannte sich auf einen Schlag.
Kein echter Dämon hätte es ertragen, eine volle Ladung Weihwasser
ins Gesicht geschüttet zu bekommen.
Larson war also kein Dämon. Er war nur ein Mann, der augenblicklich
etwas belustigt wirkte und dabei ziemlich nass war.
Ich seufzte und reichte ihm mein zerknittertes Taschentuch, das ich
aus der Tasche meiner Jeans zog. Mit dankbarer Miene trocknete er
sich das Gesicht. »Also gut«, sagte ich. »Ich glaube
Ihnen.«
»Das will ich doch hoffen.« Er stand auf, und ich nutzte die
Gelegenheit, die restlichen Dinge, die mir aus der Tasche gefallen
waren, rasch einzusammeln.
»Sie haben mich also getestet«, sagte ich nebenbei, um unser
Gespräch wieder aufzunehmen. »Gestern Abend, meine ich.«
»Ja, das habe ich.«
Ich steckte das Scheckbuch in meine Tasche und sammelte das
Kleingeld auf, das ebenfalls herausgerollt war. »Und? Habe ich
bestanden?«
Er warf mir einen nachdenklichen Blick zu. »Sagen wir es so: Es
gibt einiges zu tun.«
»Verstehe. Natürlich.« Verdammt.
Ich muss leider zugeben, dass ich es ganz und gar nicht schätze, wenn ich einmal nicht recht habe. Denn eigentlich habe ich meistens recht. Ich bin eine Mutter, und eine Mutter hat bis zu einem gewissen Alter fast immer recht. Es wäre also geschwindelt, wenn ich behaupten würde, dass ich den Irrtum, der mir mit Richter Larson unterlaufen war, auf die leichte Schulter nahm.
Zum Glück schien er meine Reaktion zu verstehen. Während ich vor mich hin schmollte, fuhr er mit dem Dämonenleichnam im Kofferraum und mir auf dem Beifahrersitz ohne viel Aufhebens zur Müllhalde. Ich schwieg die Fahrt über, auch wenn ich gar nicht mehr so sehr mit mir haderte wie zuerst. Nach einigen heftigen Mea-culpa-Bezichtigungen meinerseits (à la »Ich kann es nicht fassen, dass ich meinen alimentatore mit Weihwasser bespritzt habe!«), waren wir zu mir nach Hause gebraust. Ich hatte meinen Wagen auf dem Vorplatz geparkt, während Larson seinen in die Garage steuerte. Wir schleppten die Leiche aus dem Schuppen durch die Küche in die Garage und hievten dort den geriatrischen Dämon in den lupenrein sauberen Kofferraum des Richters.
Es kostete fünfundzwanzig Dollar, die Müllhalde zu benutzen, ohne dass jemand unseren Namen oder unser Nummernschild notiert hätte oder auch nur wissen wollte, was wir zu entsorgen hatten. Ein grauhaariger alter Mann bewachte zwar das Eingangstor, aber er war deutlich stärker daran interessiert, auf seinem unscharfen Schwarz-Weiß-Fernseher eine Quizshow zu verfolgen, als uns genauer zu begutachten. Mir wurde ganz anders, als ich mir vorstellte, wie leicht es war, einen Toten auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Wie viele Mörder und Verbrecher mochten wohl schon vor uns hier gewesen sein? Irgendwie keine angenehme Vorstellung.
Larson parkte hinter einem großen Berg Müll, sodass man uns von der Straße aus nicht sehen konnte. Allerdings drängelten sich die Zuschauer auch nicht gerade vor dem Gitterzaun; es war also höchst unwahrscheinlich, dass man uns beobachten würde. Gemeinsam hievten wir den Leichnam aus dem Kofferraum und legten ihn in eine Kuhle, die wir zuvor freigeräumt hatten. Die Luft stank gewaltig, aber dank der Erfahrung mit zwei Kindern (von denen das eine noch Windeln trug) hatte ich meinen Würgereflex ziemlich gut im Griff.
Sorgfältig verteilten wir den Müll über der Leiche, klopften uns den Staub und Schmutz aus den Kleidern und fuhren dann denselben Weg zurück, den wir gekommen waren. Wenn wir Glück hatten, würde man den Toten niemals finden. Und falls es doch passieren sollte, ließe sich hoffentlich die Spur nicht bis zu uns zurückverfolgen.
»Sind Sie noch sauer auf mich?«, fragte Larson nach einerWeile.
»Ja, eigentlich schon«, sagte ich. »Aber ich werde es
über
winden.«
»Es war nötig«, erklärte er.
»Ich verstehe schon«, erwiderte ich, denn ich verstand inzwischen
tatsächlich. »Es ärgert mich nur, dass Sie meine Fähigkeiten testen
wollten, obwohl ich diese jahrelang nicht einsetzen
konnte. Was würden Sie davon halten, wenn plötzlich Ihr
alter
Jura-Professor bei Ihnen auftauchen und Sie zum Erbrecht
ausfragen würde?« Natürlich kenne ich mich mit Erbrecht
nicht
aus, aber wenn Stuart seine Jura-Freunde zu uns einlädt, kommen sie
in regelmäßigen Abständen auf dieses Spezialgebiet zu
sprechen, nur um zu betonen, wie grauenvoll kompliziert
das
amerikanische Erbrecht doch sei und wie froh sie wären,
nicht
damit ihr Geld verdienen zu müssen.
Larson sah mich mit einem scharfen Blick an, der mich
etwas
an Paul Newman erinnerte. »Ich verstehe«, sagte er. »Das
würde
mir zugegebenermaßen auch nicht gefallen.« Er blieb an
einer
roten Ampel stehen und streckte mir die Hand entgegen.
»Freunde?«
Ich nahm sie. »Einverstanden.« Die Ampel schaltete auf
Grün, und wir fuhren weiter. Einige Minuten später bog er
auf
den Rialto Boulevard ein, eine von Zypressen gesäumte Straße, die
in unser Viertel führt. Ich sah ihn an. »Wie schlecht war
ich?«
»Unter den Umständen waren Sie überraschend erfindungsreich.
Allerdings hatte ich auch nicht weniger erwartet. Ich
habe
Ihre Akte gelesen und weiß, dass Wilson ein
ausgezeichneter
Lehrer war.«
Falls er versucht hatte, mein Interesse zu wecken, so war
ihm
das damit gelungen. »Sie kennen Wilson?«
Wilson Andeycott war mein erster und einziger
alimentatore
gewesen. Als ältester Sohn eines hohen Tiers in England hatte
er
sogar sein Erbe ausgeschlagen, nur um der Forza beitreten
zu
können. War Padre Corletti wie ein Vater für mich gewesen,
so
stellte Wilson garantiert den älteren Bruder dar, den ich
nie
gehabt hatte. Ich hatte ihm hundertprozentig vertraut,
ihn
bewundert, und er fehlte mir sehr.
Ein Schatten huschte über Larsons Gesicht. »Er war ein
ausgezeichneter alimentatore und ein guter Freund. Sein Tod
war
ein großer Verlust.«
»Er wäre wahrscheinlich im Boden versunken, wenn er gesehen hätte,
wie ich auf Sie reagierte.«
Larson schüttelte sanft den Kopf und berührte mich dann
leicht an der Hand. »Im Gegenteil. Ich glaube, er wäre sehr
stolz
auf Sie gewesen.«
Ich betrachtete meine Fingernägel. »Danke.«
»Ich werde einen positiven Bericht an die Forza schicken,
Kate. Sie haben sich gut geschlagen. Ehrlich.«
»Oh.« Ich setzte mich aufrechter hin und bemühte mich,
nicht erneut die Fassung zu verlieren. »Das freut mich.
Und
warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«
Er warf mir einen raschen Blick zu, und ich bemerkte,
dass
seine Augen erneut belustigt funkelten. »Wenn ich mich
recht
erinnere, bedrohten Sie mich vor Kurzem noch mit einem
Miniaturritter.«
»Stimmt. Tut mir leid.«
»Schon vergessen«, sagte Larson. Er klappte seinen Sonnenschutz
herunter und holte dahinter eine Packung mit Nikotinersatzkaugummis
hervor. Nachdem er einen ausgewickelt und
sich in den Mund gesteckt hatte, sah er mich finster an. »Es
ist
viel schwerer aufzuhören, als ich gedacht hatte«, erklärte er. »Wie
haben Sie vor, Goramesh zu finden?«, fragte ich, um
endlich zum Grund unseres Treffens zu kommen. »Das ist
doch
Ihre Absicht, oder? Sie finden ihn, ich schalte ihn aus,
und
danach geht das Leben weiter wie zuvor.« Ich blickte ihn
aus
schmalen Augen an. »Sind Sie eigentlich wirklich ein
Richter?
Stuart würde einen Anfall bekommen, wenn er herausfindet,
dass Sie seiner Kandidatur gar nicht Ihren offiziellen
Segen
geben können.«
Er lachte. »Keine Sorge, meine Stellung am Gericht ist
sicher.«
»Und wie schaffen Sie das mit dem Vatikan? Arbeiten Sie
etwa schwarz?«
Das meinte ich natürlich ironisch, aber zu meiner Überraschung
nickte er. »So in etwa.«
»Machen Sie Witze?« Als ich noch arbeitete, waren sowohl
Jäger als auch alimentatori ausschließlich rund um die Uhr
für
die Forza tätig; sie alle hatten dort auch ihre Ausbildung
erhalten. Ein anderer Arbeitgeber wäre niemals infrage gekommen.
»Ich hatte mein Jura-Studium samt Abschluss bereits zwölf Jahre
hinter mir, als ich Padre Corletti kontaktierte, um mich
als alimentatore ausbilden zu lassen«, erklärte Richter Larson.
»Wirklich?« Ich konnte den ungläubigen Ton in meiner
Stimme nicht unterdrücken. Die Forza war eine
Organisation
höchster Geheimhaltungsstufe. Noch nie zuvor hatte ich
von
jemandem gehört, der sie einfach so kontaktierte.
»Corletti fand das wohl auch ungewöhnlich«, fuhr er fort,
»aber ich hatte mich privat intensiv mit Dämonen und der
Unterwanderung unserer Massengesellschaft durch schwarze
Magie auseinandergesetzt und war dabei in einem alten
Buch
über einen vagen Hinweis auf die Forza gestolpert. Ich
war
fasziniert, und je mehr ich nachforschte, desto
entschlossener
wurde ich, herauszufinden, ob es diese Organisation
wirklich
gab oder ob sie nur ein Hirngespinst des Autors war.« »Ich bin
beeindruckt.«
»Ich brauchte insgesamt fünf Jahre, aber es gelang mir.«
Er
lächelte. »Es waren ziemlich interessante Jahre. Man trifft
die
erstaunlichsten Charaktere, wenn man über eine
Elitetruppe
von Dämonenjägern Nachforschungen anstellt.«
»Padre Corletti hat Sie also an Bord genommen, und von da
an waren Sie mit dabei?«
»So in etwa. Ich habe von Rom aus gearbeitet, bis vor
etwa
zehn Jahren neue Vorschriften in Kraft traten. Sobald es
uns
erlaubt war, neben unseren Pflichten für die Forza auch
noch
einen zweiten Beruf auszuüben, kehrte ich nach Los
Angeles
zurück und begann dort wieder als Jurist.«
Eric und ich waren auf ähnliche Weise wieder in den USA
gelandet. Wir hatten uns nach unserer Hochzeit in Los
Angeles
niedergelassen und waren dann weiter die Küste hoch nach San Diablo
gezogen, als ich schwanger wurde. »Und dann berief
man Sie an den Gerichtshof?«
»Ja. Drei Jahre später wurde ich an den Obersten
Gerichtshof
von Kalifornien berufen.«
Wir waren inzwischen in meiner Straße angekommen, und
Larson parkte vor unserem Haus. Er schaltete den Motor ab
und wandte sich mir zu. »Wie Sie sich wahrscheinlich
vorstellen
können, war meine neue Position für die Forza ziemlich nützlich.
Das Strafjustizsystem bietet einen faszinierenden
Einblick
in alle möglichen Dämonenaktivitäten.«
»Das kann ich mir gut vorstellen«, sagte ich. Sein
Tonfall
klang sachlich – ganz so, als ob ein Meteorologe über das Wetter
oder ein Arzt über Laborergebnisse sprechen würde. Für
ihn
mochte es das normale Einerlei seiner Arbeitswelt sein, aber
ich
spürte, wie sich erneut mein Magen zusammenkrampfte. Für
mich war das alles nicht mehr normal. Schon seit langer,
langer
Zeit nicht mehr.
Und doch fand ich mich auf einmal in dieser Situation wieder. Der
Mann, der neben mir saß, verfolgte in seinem Zweitberuf Dämonen und
setzte sich dabei mit den verschiedensten
Methoden auseinander, wie man sie besiegen konnte. Ich war
in
die Welt des Dämonentötens zurückgekehrt.
Mir lief es kalt den Rücken hinunter, und auf einmal
sehnte
ich mich danach, die Stimmen meiner Kinder zu hören. Mit
einer Gänsehaut auf den Armen begann ich in meiner Handtasche nach
dem Handy zu suchen. Während Larson zusah,
wählte ich Stuarts Mobilfunknummer. Es klingelte einmal,
und
noch einmal und dann vernahm ich seine Stimme: »Bitte sag
mir, dass du mich retten willst.«
Ich war sofort beunruhigt. »Wieso? Was ist los?«
Larson schaute mich aufmerksam an, und auch in seiner
Miene spiegelte sich eine gewisse Beunruhigung wider. Ich
hatte
die Hand bereits an der Autoverriegelung und spielte
nervös
damit.
Stuart lachte. »Nichts ist los. Ich wollte dir keine Angst
einjagen, Schatz. Hast du etwa angenommen, dass ich die
Kinder
irgendwo zwischen dem Parkplatz und den Restaurants verloren
hätte?«
»So in etwa«, erwiderte ich erleichtert. »Kann ich mit
ihnen
sprechen?«
»Klar, wenn du willst, dass Tim einen Brüllanfall
bekommt.
Er sitzt gerade mit Allie auf dem Karussell. Es geht ihm
gut.
Aber wenn er jetzt Mamis Stimme hört …«
»Okay Schon verstanden.« Das Letzte, was ich brauchte,
war
ein heulender Timmy und ein entnervter Stuart, der die
Kinder
vorzeitig nach Hause brachte. »Wann meinst du, dass ihr wieder hier
seid?«
»Keine Ahnung. Timmy ist momentan ganz zufrieden, und
da bin ich gern gewillt, so lange durchzuhalten, wie Allie
das
will.«
Ich zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe. »Meinst
du
das ernst?«
»Klar. Warum nicht? Ich habe Allie bereits gesagt, dass
wir
hier in irgendeiner dieser Restaurantketten zu Mittag essen.«
»Wirklich?« Stuart mochte Restaurantketten normalerweise
überhaupt nicht, aber Allie liebte sie, und es ist auch
recht
einfach, in diesen Lokalen etwas für Timmy zu finden. »Dadurch
steigst du in Allies Hochachtung bestimmt gewaltig.« »Das will ich
hoffen«, sagte er, und ich meinte fast, ihn grinsen sehen zu
können. »Außerdem ist es besser, als dieses verdammte Fenster zu
richten. Wie läuft es denn damit eigent
lich?«
»Ganz gut«, log ich. Ich hatte das Fenster in dem ganzen
Trubel völlig vergessen.
Wir verabschiedeten uns, und ich steckte das Mobiltelefon
wieder ein, allerdings mit einem seltsam unbefriedigenden
Gefühl.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Larson.
»Ja, alles in Ordnung«, erwiderte ich. Aber das stimmte
nicht. Ich wusste nicht, was ich eigentlich erwartet hatte.
Hätte
Stuart etwa riechen sollen, dass ich angespannt war, und
mir
versichern, ich müsse mir keine Sorgen machen? Wäre es
mir
lieber gewesen, wenn mir meine Kinder hoch und heilig versprochen
hätten, niemals mit Fremden oder Dämonen zu
reden? Was immer es war – ich hatte es jedenfalls nicht bekommen.
Unzufrieden stieg ich aus dem Auto und ging zur
Haustür. Larson folgte mir. »Sie haben noch nicht meine
Frage
beantwortet, wie Sie Goramesh eigentlich zu finden
gedenken«,
sagte ich, als wir ins Haus traten.
»Sie haben mir auch noch keine Gelegenheit dazu gegeben«,
entgegnete er.
Da hatte er wohl recht. »Ich will ihn tot wissen. Ich will
das
Ganze so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich will,
dass
meine Kinder nicht mehr in Gefahr sind.«
»Wir werden es schnell hinter uns bringen«, versicherte
er
mir. »Deshalb bin ich ja hier. Um Ihnen zu helfen und
diese
Situation zu einem raschen Ende zu bringen.«
»Gut.« Ich dachte darüber nach, was er gesagt hatte. ›Situation‹
war zwar nicht ganz das Wort, das ich gewählt hätte, aber mit ›zu
einem raschen Ende‹ konnte ich leben. Je rascher ich in die
Normalität zurückkehren durfte, desto besser. »Ja, das
wäre
toll«, fügte ich hinzu.
Wir gingen in die Küche, und ein Blick auf die Digitaluhr
zeigte mir, dass es bereits nach zwei war. Ich hatte
vergessen,
Stuart zu fragen, ob Tim im Kinderwagen ein Nickerchen
gehalten hatte, aber ich nahm es nicht an. Timmy ist nie
in
bester Laune, wenn er weniger als zwei Stunden Nachmittagsschlaf
bekommt. Stuart würde garantiert mit der ganzen Mannschaft nach
Hause zurückkehren, sobald unser Sohn auch nur
das erste Anzeichen übler Laune zeigte. »Wir sollten uns
lieber
sputen«, sagte ich. »Wenn Sie noch hier sind, wenn Stuart
zurückkommt, weiß ich nicht, wie ich das erklären soll.«
Ich
öffnete den Kühlschrank, holte zwei Flaschen Wasser
heraus,
reichte ihm eine und ging dann ins Wohnzimmer. Dort
öffnete
ich die Verandatür und stellte fest, dass Larson mir nicht
gefolgt
war. »Kommen Sie?«
»Wohin?«
»Trainieren wir jetzt nicht?«, fragte ich und täuschte
einen
Karatehieb à la Bruce Lee vor. »Ohne Waffen? Mit Waffen?
Vielleicht einige Fechtübungen?« Ich tat so, als ob ich
einen
Degen aus einer Scheide ziehen würde, musste jedoch feststellen,
dass er meine Pantomime-Einlagen nicht lustig fand. Ich
seufzte. »Ich habe fast fünfzehn Jahre lang nicht mehr
trainiert,
Larson. Ich muss trainieren, sonst werde ich das nicht
überleben.«
»Vor der Kirche haben Sie sich aber ganz gut geschlagen«,
meinte er.
»Ganz gut wird aber nicht reichen.«
Er räusperte sich, sagte aber nichts.
Ich lehnte mich gegen den Türrahmen. »Sie verschweigen
mir doch etwas, oder?«
»Die Forza interessiert sich weniger für Goramesh,
sondern
dafür, was er eigentlich sucht.«
»Wenn wir Goramesh aufhalten, ist es doch ganz unwichtig,
was er sucht – oder etwa nicht?«
»Und wie wollen Sie das anstellen?«
»Durch Kampf.« Ich winkte ungeduldig in Richtung unseres
Gartens. »Durch die Manöver, die mir die Forza über viele
Jahre hinweg beigebracht hat. Das erwartet doch der
Padre,
oder nicht? Er will, dass ich dieses Problem löse, dass ich
Goramesh aufhalte.« Ich war diesmal gar nicht wütend,
sondern
nur noch verängstigt. Ich befürchtete, dass das Leben, das
ich
mir aufgebaut hatte und das ich liebte, wie ein Kartenhaus
in
sich zusammenfallen könnte und ich mich auf einmal in
einer
Welt düsterer Bedrohungen wiederfinden würde. »Ich will
ihn
einfach nur ausschalten, Larson. Ich will es hinter mich
bringen
– sonst nichts.«
»Sie haben noch immer nicht gesagt, wie Sie das machen
wollen.«
»Anscheinend nicht mit Ihrer Hilfe.« Jetzt wurde ich doch
wütend. »Warum sind Sie hier, wenn Sie mir überhaupt
nicht
helfen wollen? Ich muss üben. Ich bin in einer schlechten
Verfassung, und ich –«
Oh. Ich klappte meinen Mund zu.
Auf einmal verstand ich, worum es hier ging. »Goramesh
hat
noch gar keine Gestalt angenommen, oder?«
»Soweit die Forza weiß – nein, noch nicht.«
»Das macht meinen hübschen kleinen Plan natürlich zunichte«, musste
ich zugeben. Wenn der Dämon noch keinen
menschlichen Körper in Besitz genommen hatte, konnte ich
ihn
schlecht töten.
Larson gab ein leises »Hm« von sich, und ich schnitt eine
missmutige Grimasse.
»Was schlagen Sie also vor?«, wollte ich griesgrämig wissen. »In
diesem Fall werden wir durch unsere grauen Zellen und
nicht durch unsere Muskeln den Sieg davontragen. Wir
müssen
herausfinden, was Goramesh sucht, und es dann vor ihm
sicherstellen.«
»Gut. Sobald Sie herausgefunden haben, worum es sich handelt und wo
es ist, kann ich Ihnen gern helfen, es zu holen.« So
wie ich die Sache sah, bedeutete die Tatsache, dass
Goramesh
noch ein körperloser Dämon war, eigentlich eine gute Nachricht –
zumindest für mich. Ohne einen Körper gab es für mich
nichts zu jagen. Und das Recherchieren gehörte eindeutig
zu
den Aufgaben eines alimentatore. »Zeigen Sie mir den
Dämon,
und ich bringe ihn zur Strecke«, sagte ich. »Aber außer
dem,
den wir gerade begraben haben, habe ich hier noch keinen
gesehen.« Ich fühlte mich auf einmal wieder viel besser
und
grinste. »Wie man so schön sagt: Meine Aufgabe hier
scheint
erledigt zu sein.«
Larson wollte meine Freude offenbar nicht teilen. »Und Goramesh?«,
wollte er wissen. »Wir müssen herausfinden, was er
will.«
Leise meldete sich mein altbekanntes Schuldbewusstsein zu Wort,
aber ich blieb vorerst stark. »Nein, Sie müssen das he
rausfinden.«
»Kate –«
»Was?« Ich verschränkte trotzig die Arme. »Kommen Sie
schon, Larson. Jeder Dämon will etwas. Aber solange er
keinen
Handlanger in San Diablo hat, der für ihn die Arbeit erledigt
–
ob nun Sterblicher oder Dämon –, kann man nicht
behaupten,
dass wir bereits Alarmstufe Rot haben. Oder sehen Sie das
anders?«
»Diese Einstellung ist aber nicht sehr
verantwortungsbewusst.«
»Verantwortungsbewusst?« Ich hatte gerade höllische vierundzwanzig
Stunden hinter mir, und das Letzte, was ich jetzt
brauchen konnte, war ein Vortrag über Verantwortungsbewusstsein.
»Ich kann mich vor Verantwortungsbewusstsein
kaum retten.« Zornig begann ich ihm aufzuzählen: »Da
wären
allein schon mal die Verpflichtungen für die
Elternfahrgemeinschaft, die Spielgruppen und den Elternbeirat. Ganz
zu schweigen davon, dass ich täglich meine Familie versorgen muss
und
mich darum kümmere, dass alle zu essen haben und eingekleidet sind.
Das«, erklärte ich zornig, »das ist meine Verantwortung.«
Er wollte den Mund öffnen, aber ich war noch nicht am
Ende.
»Und Ihre Verantwortung ist es, die nötigen Recherchen in
diesem Fall anzustellen«, sagte ich mit Nachdruck. »Oder
hat
die Forza auch diese Regeln geändert?«
»Schon verstanden.« Er nickte bedächtig. »Sie haben sich
klar
ausgedrückt. Aber meine Möglichkeiten, all das herauszufinden, sind
durch meinen Beruf als Richter erheblich eingeschränkt. Ich würde
gern im Archiv der Kathedrale herumstöbern, aber meistens arbeite
ich den ganzen Tag über am Gericht
und habe dazu keine Zeit.«
Wieder meldete sich mein Schuldbewusstsein zu Wort. Ich
seufzte, da ich merkte, dass ich nicht mehr lange
durchhalten
würde.»Recherchieren ist eigentlich nicht meine Sache.
Ich
habe nicht einmal die Highschool abgeschlossen.« Genauer
gesagt, hatte ich nie eine Highschool besucht. Die Kirche
hatte
natürlich Lehrer angestellt, die uns unterrichten sollten,
aber
das war nur sehr sporadisch geschehen. Ich hatte meine
Jugend
damit verbracht, anzunehmen, dass ich den nächsten Sonnenaufgang
vielleicht nicht erleben würde. »Das ist nicht ganz
meine Liga.«
»Ich bitte Sie doch nicht, irgendwelche alten Texte aus
einer
obskuren Sprache zu übersetzen, Kate. Ich möchte nur, dass
Sie
sich die Dinge, die im Archiv liegen, einmal genauer
ansehen.
Ich habe schon einiges selbst recherchiert und möchte da
ein
paar Sachen klären. Mit Ihrer Hilfe würde das wesentlich
schneller gehen.«
Es stellte für mich keine Schwierigkeit dar, ins
Kirchenarchiv
zu gelangen. Ich musste einfach Delores gegenüber
behaupten,
dass ich gern noch mehr ehrenamtlich übernehmen würde.
Solange ich dadurch nicht weniger Bürodienst machte,
würde
sie wahrscheinlich nichts dagegen einzuwenden haben. Die
Kirche hatte bereits einen Archivar eingestellt, der sich mit
den
seltenen und wertvollen Stücken befasste. Aber dort unten
gab
es noch Unmengen von Zeugs, das durchgesehen werden
musste. Wenn ich diese Aufgabe übernahm, konnte ich wahrscheinlich
auch ungehindert einen Blick auf die Sachen werfen,
an denen Larson interessiert sein mochte. »Also gut,
einverstanden«, sagte ich.
»Ausgezeichnet.«
Ich erhob den Finger, um ihn davon abzuhalten, weiterzusprechen,
bis ich geklärt hatte, ob wir uns auch wirklich richtig
verstanden. »Ich werde Ihnen bei dieser Art der Suche
helfen.
Aber solange wir keine handfesten Beweise dafür haben,
dass
Goramesh bereits Dämonen für sich arbeiten lässt, weigere
ich
mich, mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. Es
könnte
doch auch sein, dass wir seinen einzigen Gefolgsmann in
einem
menschlichen Körper vorhin begraben haben. Mein Angebot
ist
doch nur fair, oder?«
Er sah mich zwar stirnrunzelnd an, nickte dann aber. »Natürlich.
Ich kann Sie gut verstehen. Bis sich zeigt, dass es dringend
geboten ist zu handeln, sollte es auch nicht nötig sein,
die
Arbeit im Archiv besonders schnell zu erledigen.«
Ich musste zugeben, dass Larson wirklich ein angenehmer
Zeitgenosse sein konnte, wenn er wollte. Ich hingegen
fühlte
mich momentan wie eine unverträgliche Zicke. »Gut.
Ausgezeichnet.«
Es war allerdings weder gut noch ausgezeichnet. Ich
konnte
mir nicht sicher sein, dass ich San Diablos einzigen
Dämon
getötet hatte, der die Straßen unsicher machte, und kein stinkender
Unhold sollte es wagen, meine Kinder in Gefahr zu
bringen. Solange ich irgendetwas in dieser Sache zu sagen
hatte,
würde das nicht geschehen. »Warten Sie hier«, sagte ich.
Ich
ging in meine Speisekammer, holte zwei Schrubber heraus
und
trug die beiden Putzutensilien ins Wohnzimmer. Den einen
reichte ich Larson.
Seiner Miene nach zu urteilen, nahm er wohl an, dass ich
nun doch allmählich die Kontrolle verlor.
»Ich habe zwei Kinder und einen Mann, die nicht die
leiseste
Ahnung haben, was hier vor sich geht. Falls es noch
weitere
Dämonen in San Diablo geben sollte, möchte ich
vorbereitet
sein.«
Ich hatte noch nie zuvor mit zwei Schrubbern gekämpft, und ich bin mir sicher, dass es Larson ähnlich erging. Aber er widersprach nicht (zumindest nicht sehr), als ich ihn in den Garten hinausführte. Um der lieben Wahrheit willen muss ich zugeben, dass ich auch eine richtige Fechtausrüstung besitze. Leider hatte ich sie jedoch schon vor vielen Jahren in der hintersten Ecke des Schuppens vergraben und hegte nicht die Absicht, mich nun auch noch damit auseinanderzusetzen. Die Stiele der Schrubber funktionierten sowieso einwandfrei und reichten auf jeden Fall für das rasche Training, das ich für diesmal geplant hatte.
Ich trat also im Garten auf den Kies, brachte mich in Stellung und wartete auf Larson. »Halten Sie sich nicht zurück«, sagte ich, als er ebenfalls Position bezog. »Und während wir fechten, können Sie mir alles erzählen, was ich über Goramesh wissen muss.«
Wie sich herausstellte, war er verdammt gut und jagte mich quer durch unseren Garten. Ich war derart damit beschäftigt, mich zu verteidigen, dass wir kaum zum Sprechen kamen. Wir waren etwa zehn Minuten dabei – mit den Füßen hinterließ ich geometrische Figuren im Kies, während die Schrubberstiele gerade noch unseren Hieben standzuhalten vermochten und in ihren Fassungen blieben –, als ich unseren Minivan vor dem Haus hörte. Kurz darauf ertönte das verräterische Ächzen des Garagentors.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Wieso war meine Familie bereits zu Hause? Es irritierte mich ein wenig, dass Larson kein bisschen beunruhigt wirkte.
»Was sollen wir ihnen denn jetzt sagen?«,
wollte ich wissen. »Jedenfalls nicht die Wahrheit«, erwiderte
er.
»Echt, meinen Sie?«
»Diese Art von Sarkasmus ist momentan nicht angebracht,
Kate.«
»Ganz im Gegenteil – ich finde, er ist geradezu notwendig.« »Wir
behaupten einfach, dass ich Stuart besuchen wollte. Um
seine Wahlkampagne zu besprechen. Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird schon nicht so schlimm sein, wie Sie befürchten.«
SIEBEN
Man musste es ihm lassen – Richter Larson hätte es locker mit den besten Trickbetrügern dieser Welt aufnehmen können. Wir eilten ins Haus, und er setzte sich gerade an den Küchentisch, als Allie durch die Tür hereingestürmt kam. Vor Begeisterung riss sie mich beinahe zu Boden.
»Mami! Mami! Das musst du dir ansehen!« Sie wedelte mit einer Einkaufstüte vor meiner Nase hin und her, während ich den Kaffee, den ich am Morgen gemacht hatte, weggoss und Wasser für einen neuen aufsetzte. Ich hoffte, dass ich so aussah, als hätte ich den ganzen Vormittag über nichts anderes getan, als mich um das Haus zu kümmern. »Ich habe fünf T-Shirts bekommen. Der ganze Wühltisch war voller Klamotten, die um fünfundsiebzig Prozent reduziert waren, und Stuart meinte, dass ich von jeder Sorte eines haben könnte. Ich habe auch Mindy zwei mitgebracht und –« Sie klappte ihren Mund zu, als sie auf einmal den Mann bemerkte, der am Küchentisch saß. »Oh. Hi.«
Man sah ihr an, dass sie sich darum bemühte, höflich zu sein und nicht zu fragen, wer er sei. Ich wollte Larson gerade vorstellen, als dieser mir zuvorkam.
»Du musst Allie sein«, sagte er und erhob sich.
»Ich habe schon viel von dir gehört. Ich bin Mark
Larson.«
»Oh.« Allie warf mir einen Blick zu, und ich schenkte ihr eines
meiner ermutigenden Mami-Lächeln. Sie zögerte und streckte dann
ihre Hand aus. »Freut mich, Sie kennenzulernen.« »Katie?« Stuarts
Stimme drang aus der Garage zu uns herüber. Ich hörte, wie die Tür
des Minivans zugeschlagen wurde. »Wem gehört denn der Wagen? Hast
du Besuch – Richter Larson!«
Stuart stand in der Tür, und Timmy klammerte sich wie ein
Babyäffchen an ihn. Mein Mann erholte sich in Sekundenschnelle von
dem Schock, den es für ihn bedeuten musste, den Richter so
unerwartet in unserer Küche vorzufinden, und kam strahlend auf ihn
zu. »Richter Larson. Entschuldigen Sie bitte. Ich hatte nicht
erwartet, Sie hier anzutreffen.« Er gab mir einen Kuss, doch seine
Begrüßung für mich war nur flüchtig. Ich verstand natürlich, warum.
Auch ich hielt den Atem an. Wie schafften es Leute nur, ihren Mann
oder ihre Frau zu betrügen? Eine winzig kleine Indiskretion, und
ich schwitzte bereits so, dass Rutschgefahr drohte. (Okay,
vielleicht war diese Indiskretion ja auch nicht ganz so winzig
klein … Aber trotzdem.)
Ich streckte meine Arme nach Timmy aus und Stuart reichte mir den
kleinen Mann, um dem Richter die Hand zu schütteln. »Seit wann sind
Sie hier? Warten Sie schon lange? Es tut mir leid, dass ich nicht
da war. Mir war gar nicht klar, dass Sie vorbeischauen wollten.«
Seine Sätze klangen abgehackt und gehetzt, und unter anderen
Umständen hätte ich das vielleicht ganz lustig gefunden. Heute
jedoch entlockte es mir nicht einmal ein schwaches
Lächeln.
Noch ehe Larson antworten konnte, runzelte Stuart die Stirn und
warf mir einen fragenden Blick zu. Ich tat so, als wäre ich auf
einmal wild damit beschäftigt, Timmy von oben bis unten abzuküssen
(er hatte leise nach Keksen gebettelt, würde nun aber bestimmt jede
Minute anfangen, laut loszubrüllen). »Ich sollte wohl erst einmal
fragen«, fuhr Stuart fort und wandte sich wieder dem Richter zu,
»weshalb Sie eigentlich hier sind.«
Larson lachte und klang dabei ganz natürlich und liebenswürdig. »Es
tut mir wirklich leid, dass ich Sie einfach so überfallen habe. Ich
war gerade in der Gegend, um mir ein paar Häuser anzusehen. Und da
bemerkte ich, dass Ihr Auto vor dem Haus geparkt ist.« Er nickte in
meine Richtung. »Kate hat mir inzwischen erklärt, dass Sie die
Autos getauscht hätten, aber sie war so freundlich, mir eine Tasse
Kaffee anzubieten, während ich auf Sie warte.«
Stuart-mein-Ehemann mochte sich vielleicht wundern, Larson während
seiner Abwesenheit in unserer Küche zu wissen, aber
Stuart-der-Politiker hatte mit dieser Vorstellung überhaupt kein
Problem. »Das ist in mehrfacher Hinsicht ein gutes Zeichen«,
erklärte Stuart-der-Politiker und zog den Stuhl Larson gegenüber
heraus, um sich zu setzen. »Gestern Abend hatten wir nicht genügend
Zeit, um uns in Ruhe zu unterhalten. Und ich hatte sowieso geplant,
Sie am Montagvormittag anzurufen. Ich dachte mir, wir könnten uns
vielleicht auf ein Mittagessen oder einen Drink treffen.«
»Mit dem größten Vergnügen«, entgegnete Larson. »Clark schwärmt ja
geradezu von Ihnen.«
Sie tauschten einige politische Floskeln miteinander aus, die mir
inzwischen vertraut waren. Währenddessen setzte ich Timmy ab,
dessen ganze zweiunddreißig Pfund Leibesfülle allmählich zu viel
wurden. Er begann sogleich die Küchenschränke aufzureißen, um die
neuen Kindersicherungen auszuprobieren. Seit wir sie angeschafft
hatten, war das für ihn zu einer Routine geworden. Als er
schließlich einen Schrank erwischte, den ich unverschlossen
gelassen hatte, zog er zwei Pfannen und einen Kochlöffel heraus und
ließ sich zufrieden nieder, um mit seinem Nachmittagskonzert zu
beginnen.
»Scha-atz?« Stuarts Stimme war gerade noch über das Schlaggeräusch
hinweg zu vernehmen.
»Sorry.« Ich beugte mich über Timmy »Komm schon, kleiner Mann.
Gehen wir woanders hin.«
»Nein. Meins! Meins!« Er hielt die Pfannen fest und wollte nicht
loslassen. Die Stärke, die die Hand eines entschlossenen
Zweijährigen entwickeln kann, verblüfft mich immer wieder aufs
Neue. Ich warf Stuart einen Er-ist-auch-dein-Sohn-Blick zu, während
ich mich dazu durchrang, wieder einmal einen altbewährten
Muttertrick anzuwenden – Bestechung. »Wir können uns Elmo
anschauen.«
Das brachte ihn mit einem Schlag zum Verstummen. Der kleine Strolch
ließ sein improvisiertes Musikstudio stehen und trottete glücklich
ins Wohnzimmer.
Ich sah mich nach Allie um, da ich hoffte, sie als Babysitter
engagieren zu können, aber es war ihr gelungen, sich unbemerkt aus
dem Staub zu machen. Wahrscheinlich war sie schon am Telefon mit
Mindy. Kein Problem. Mit Elmo brauchte man im Grunde keinen
Babysitter.
Ich schob Tims Lieblingsvideo in den Rekorder und wartete, bis er
verzaubert war. Sobald er sich beruhigt hatte, wollte ich ihn nach
oben bringen und versuchen, ihn zu einem späten
Nachmittagsschläfchen zu bewegen. Bis dahin ließ ich Elmo die
Arbeit übernehmen und kehrte zu den Männern in die Küche zurück.
Nicht gerade die gewissenhafteste Art und Weise der Erziehung, ich
weiß, aber es handelte sich schließlich um einen Notfall. Und wenn
ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich den Jungen meist aus
weniger triftigen Gründen vor dem Fernseher parke. Soweit ich das
einschätzen kann, hat er bisher noch keinen Knacks
davongetragen.
Ehrlich gesagt, wollte ich so schnell wie möglich in die Küche
zurück. Larson und Stuart allein zu lassen gefiel mir so ganz und
gar nicht. Blöd, ich weiß. Larson würde bestimmt nicht plötzlich
aus Versehen erwähnen, dass Dämonen in der Stadt waren, und noch
weniger, dass ich vor meiner Hochzeit locker ein Dutzend Ungeheuer
vor dem Frühstück um die Ecke bringen konnte.
Nein, es gab nichts, was mich beunruhigen musste. Aber ich war
trotzdem entschlossen, dabei zu sein. (Schließlich war das meine
Krise. Selbst wenn ich am Ende bloß einem todlangweiligen
politischen Gerede zuhören und mir dabei einreden musste, ich würde
auf diese Weise eine Katastrophe vermeiden.)
Fünf Minuten später bereits bereute ich meine Entscheidung. Die
beiden sprachen über Gallup-Umfragen, Wahlbezirke und ähnlichen
Unsinn, der mich so gar nicht interessierte. Ich schaltete also ab.
Ich weiß nicht einmal mehr, worüber ich nachdachte –
höchstwahrscheinlich ging es mal wieder um Dämonen –, als Stuart
plötzlich vor mir auffordernd auf den Tisch klopfte.
»Liebling?«
Ich zuckte zusammen und riss automatisch die Hand hoch, um mich vor
einem Angriff zu schützen. »Ist was mit Timmy?« Nein, es ging ihm
gut. Er stand im Wohnzimmer auf der Couch und blickte in den Garten
hinaus, während er fröhlich auf und ab hüpfte und »K steht für
Keks« mehr oder weniger gemeinsam im Chor mit dem Krümelmonster
sang.
»Nein, entschuldige. Es hat nur hinten an der Verandatür geklopft.
Wahrscheinlich ist es Mindy.«
»Oh, ach so. Klar.«
Von unserer Frühstücksecke aus kann man den größten Teil des
Wohnzimmers überblicken, aber nicht die Verandatür. (Daher auch das
hüpfende Kind, das ganz offensichtlich, nachdem ich nun die nötigen
Informationen besaß, auf seine unbefangene Weise Mindy begrüßte.)
Der Schnitt unseres Hauses ist sein größtes Manko. So muss ich mich
zum Beispiel im Wohnzimmer aufhalten, wenn Timmy auf der hinteren
Veranda spielt, denn sonst habe ich ihn nicht im Blick. Was
bedeutet, dass ich auch den Garten als Spielplatz im Grunde
abschreiben kann, wenn ich etwa die Spülmaschine ausräume – es sei
denn, ich möchte, dass mein Kind ein kleiner Tarzan wird.
Es stellte sich heraus, dass Stuart recht hatte. Ich öffnete Mindy
und Laura die Tür. »Hi«, sagte ich. »Nur hereinspaziert.« Mindy
trug nicht nur drei Tüten von drei verschiedenen Klamottenläden,
sondern sie hatte auch ihren üblichen Seesack über der Schulter.
Anscheinend hatte das gute Kind vor, mal wieder etwas länger zu
bleiben.
»Du hast doch nichts dagegen, oder?«, fragte Laura, die meinen
Blick bemerkt hatte.
Ich winkte ab. »Natürlich nicht«, schwindelte ich. Normalerweise
hatte ich tatsächlich nichts dagegen, wenn Mindy bei uns
übernachtete. Doch heute sehnte ich mich nach etwas Ruhe und
Frieden, denn irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass es
lange dauern würde, ehe ich wieder dazu kam, mich zu entspannen.
»Allie ist oben«, erklärte ich Mindy »Ich hatte eigentlich
angenommen, dass sie gerade mit dir telefoniert.«
»Sie hat mich auch angerufen«, erwiderte Mindy. »Aber wir
beschlossen, dass ich besser gleich herüberkomme. Können wir uns
wirklich einen Film ansehen und Pizza essen, sobald wir unsere
Klamotten gezeigt haben?«
»Na klar«, sagte ich und hoffte, dass niemand bemerkte, dass ich in
Wahrheit ganz vergessen hatte, was Laura und ich für diesen Abend
geplant hatten.
Also gut, was konnte ich machen? Ruhe und Frieden sind sowieso
überschätzte Werte.
Während Mindy mit einer beneidenswerten Energie die Treppe
hinaufsprang, blickte mich Laura neugierig an. Automatisch rieb ich
mir über die Oberlippe, als ob ich dort einen Klecks verschmierter
Schokolade befürchtete. »Was?«
Sie schüttelte den Kopf und sah mich etwas merkwürdig an, was mich
beunruhigte. Warum, wusste ich nicht. Aber seit Neuestem vertraute
ich wieder meinem Instinkt. Und der sagte mir, dass irgendetwas mit
meiner Freundin nicht stimmte. Etwas, was – wie ich verzweifelt
hoffte – zur Abwechslung einmal nichts mit Dämonen zu tun hatte.
»Komm schon, Laura«, forderte ich sie auf. »Spuck es
aus.«
Wir standen noch immer an der Verandatür, und ich wollte sie gerade
verriegeln – ein Ritual, das mir seit den Ereignissen des Vortags
besonders wichtig geworden war.
»Es ist nichts. Wirklich nicht. Oder zumindest geht es mich nichts
an.«
»Was ist nichts?« Ihre Bemerkung war zwar ziemlich unverständlich,
aber sie ließ mich innerlich doch erleichtert aufatmen. Mit Neugier
konnte ich fertig werden. Sie lehnte sich an die Wand mir
gegenüber, sodass sie mit dem Rücken zur Küche stand. Hinter ihr
war hin und wieder das Kratzen von Stühlen auf Fliesenboden zu
hören, während Larson und Stuart ihre Unterhaltung
fortsetzten.
»Ich komme mir wie eine Idiotin vor, überhaupt etwas zu
sagen.«
Nachdem meine Angst verflogen war, hielten sich nun Neugierde und
Belustigung die Waage. »Na los«, meinte ich erneut. »Jetzt sag es
doch endlich.«
»Es ist echt dumm von mir.« Sie fuchtelte unsicher mit den Händen
in der Luft herum, und ihre Wangen waren errötet. Ich runzelte die
Stirn. Allmählich kam mir das Ganze doch etwas seltsam vor. Endlich
trat sie einen Schritt auf mich zu und blickte mich mit roten
Backen an. »Ist bei dir und Stuart alles in Ordnung? Ich meine, du
hast doch nicht … Äh … Du hast doch nicht eine …« Sie brach ab und
nickte bedeutsam, als wollte sie sagen »Du weißt schon, was ich
meine«.
In Gedanken spielte ich alle Möglichkeiten durch, bis mir klar
wurde, worauf sie hinauswollte. Nun war es an mir, knallrot zu
werden. »Natürlich nicht!«, sagte ich. »Stuart und mir geht es
ausgezeichnet. Also wirklich ausgezeichnet!« Selbst in meinen Ohren
klang ich übertrieben begeistert. Unser Leben war ja tatsächlich in
Ordnung. Aber ich verspürte trotzdem dieses ständig nagende
Schuldgefühl. Denn obwohl nichts in der Hinsicht falsch lief, die
Laura anscheinend annahm (eine Affäre!), so hatte ich doch einige
gewaltige Geheimnisse vor meinem Mann. Die Sorte Geheimnisse, die
kaum größer und geheimer sein könnten. »Warum um alles in der Welt
fragst du mich so etwas?«
Eine wahnsinnige Erleichterung spiegelte sich nun in ihrem Gesicht
wider. »Gott sei Dank. Ich wusste ja, dass das eine idiotische
Frage ist. Ich habe nur …« Sie zuckte mit den Achseln, schüttelte
den Kopf und hob hilflos die Hände. Auf einmal erinnerte sie mich
fast an eine Marionette, die von einem Puppenspieler mit nervös
bedingten Zuckungen geführt wurde.
»Laura …«
»Na ja. Ich wusste einfach nicht, was ich denken sollte. Ich sah
dich zusammen mit diesem älteren Mann im Garten fechten, und ihr
beide habt irgendwie so vertraut miteinander gewirkt, dass ich mir
dachte, da muss irgendetwas im Busch sein.«
Etwas war im Busch, da hatte sie recht. Allerdings etwas ganz
anderes. »Wenn du mich auf allen vieren unter dem Haus
herumkriechen sehen würdest, nähmst du dann etwa an, ich hätte
etwas mit dem Klempner am Hut?«
»Wohl kaum. Aber dein Fechtpartner wirkt nicht gerade wie ein Bier
saufender Bauarbeiter im Unterhemd.«
»Mach mir nicht die Klempner schlecht«, sagte ich. »Schließlich
sind sie es, die dein verstopftes Waschbecken am Weihnachtsabend
reparieren – oder etwa nicht?«
»Ich nehme alles zurück«, entgegnete Laura und streckte drei Finger
in typischer Pfadfindermanier in die Höhe. »Aber was war nun
eigentlich los? Ich meine, wieso fichst du plötzlich mit diesem
Mann in eurem Garten? Ich wusste gar nicht, dass du überhaupt
fechten kannst. Noch dazu habt ihr keine Degen
verwendet.«
»Fechten?« Stuarts Stimme. Gefolgt von dem Mann selbst, der in
diesem Moment mit Richter Larson an seiner Seite das Wohnzimmer
betrat.
Ich unterdrückte das dringende Bedürfnis, einen lauten Fluch
auszustoßen, und setzte stattdessen ein glückliches
Hausfrauen-Lächeln auf, während ich rasch darüber nachsann, welche
Lüge ich nun auftischen konnte. Keine klang so richtig
überzeugend.
Laura blickte mich noch immer an, die Männer im Rücken. Nur die
Lippen bewegend, gab sie mir zu verstehen, wie leid es ihr tat, ehe
sie sich strahlend zu Stuart umdrehte. Die Art und Weise, wie eine
halbe Sekunde später ihre Schultern angespannt erstarrten, zeigte
mir, dass sie Larson nicht erwartet hatte, und ich konnte es ihr
nicht wirklich vorwerfen, als die Worte »Oh, Sie« ihr
entwischten.
Ich räusperte mich. »Laura, das ist Richter Mark Larson. Richter
Larson, meine Freundin Laura Dupont.«
Da Laura gut erzogen war, trat sie mit ausgestreckter Hand auf ihn
zu, um ihn zu begrüßen. Wenn ich kurz die Hoffnung gehegt hatte,
dass ein solcher Austausch von Höflichkeiten Stuart ablenken
könnte, hatte ich mich leider gründlich getäuscht.
»Das mag vielleicht etwas naiv klingen«, sagte er, »aber warum um
alles in der Welt habt ihr beide miteinander gefochten? Habt ihr
gefochten?«
»Äh«, murmelte ich und schloss den Mund, als ich bemerkte, dass ich
nichts zu sagen hatte. Ich wand mich ein wenig und warf dabei Laura
einen Hilfe suchenden Blick zu. Aber sie hatte bereits Larsons Hand
losgelassen und huschte nun Richtung Treppe. »Ich schau mal kurz
nach, was die Mädchen machen«, erklärte sie. Großartig, Laura.
Einfach super. Herzlichen Dank.
Ich konzentrierte mich also wieder auf das vor mir liegende Problem
einer Erklärung, konnte aber noch immer nicht wesentlich mehr als
ein lahmes »Äh« von mir geben. Nicht gerade der eleganteste
Schwindel aller Zeiten. Larson legte eine Hand auf Stuarts Schulter
und drückte sie sanft. Er zog offenbar nun seine ganzen
Großvater-Register, und ich war ihm für den ersten Moment wirklich
dankbar dafür.
»Selbstverteidigung«, erklärte Larson und machte damit meine
Dankbarkeit zunichte. Ich applaudierte ihm innerlich höhnisch. Mit
einer solchen Antwort hätte ich auch aufwarten können.
»Selbstverteidigung«, wiederholte Stuart.
»Genau«, meldete ich mich zu Wort, denn jetzt blieb mir nichts
anderes mehr übrig, als mitzuspielen.»Und … äh …
Training.«
Stuart starrte mich mit einer perplexen, wenn auch interessierten
Miene an. Zum Glück fand ich keinerlei Anzeichen dafür, dass er
sich bereits überlegte, mich einliefern zu lassen oder – was
wesentlich schlimmer gewesen wäre – ob ich eine Affäre mit Larson
habe (wie zum Teufel kam Laura nur auf diese Idee!).
Eine Weile herrschte Schweigen, und ich wartete darauf, dass Larson
etwas sagen würde. Als er das nicht tat, sprang ich in die Bresche.
»Die Welt da draußen ist wirklich gefährlich geworden, und ich … äh
… Ich muss wissen, wie ich mich im Notfall verteidigen kann.« Da
Stuart nichts erwiderte, plapperte ich weiter und redete mich
allmählich so richtig warm. »Du arbeitest ja oft bis spät in die
Nacht, hast dann noch irgendwelche Sitzungen mit Clark, und ich bin
währenddessen mit den Kindern allein zu Hause.« Ich zählte ihm
eines nach dem anderen auf: »Allie wird im nächsten Schuljahr
ständig irgendwelche Extrakurse nach der Schule besuchen. Ich muss
sie also sicher des Öfteren spät irgendwo abholen – mit Tim im
Auto. Da fand ich es einfach nur vernünftig, auf alle
Eventualitäten vorbereitet zu sein.«
»Und deshalb hast du mit Richter Larson eine Runde
gefochten?«
Stuart meinte das nicht einmal sarkastischer war einfach nur
verwirrt, was ich ihm schlecht zum Vorwurf machen konnte.
»Äh … nein. Es geht um einen Selbstverteidigungskurs. Ich wollte
mich und Allie dafür anmelden.«
»Wow, geil!« Allies Stimme ertönte aus dem ersten Stock. Einen
Moment später tauchte meine eigene kleine Britney Spears auf. Sie
trug ein viel zu enges T-Shirt, das so tief ausgeschnitten und so
kurz war, dass ich am einen Ende die Spitze ihres BHs und am
anderen ihren Bauchnabel sehen konnte. Dazu hatte sie eine eng
anliegende Lycra-Hose an, die mit ihren Hüften zu verschmelzen
schien, und weiße Keds mit Spitzensöckchen. Zum Glück konnte ich
keinerlei Anzeichen von irgendwelchen Tattoos oder Piercings
entdecken.
Ich blickte Stuart finster an, während sie, gefolgt von Mindy und
Laura, auf uns zustolzierte. »Das verstehst du also unter einer
passenden Kleidung für die Schule?«
Er hielt abwehrend die Hände in die Höhe und trat einen Schritt
zurück. Ein kluger Mann. »Ich war nur Chauffeur und
Kreditkartenbesitzer.«
»Wir wollen also wirklich einen Selbstverteidigungskurs machen?«,
erkundigte sich Allie und blieb vor mir stehen. »Kein
Witz?«
»Kein Witz«, antwortete ich und fragte mich, wann ich die Zeit
finden würde, ein ernstes Wörtchen über diese total unpassenden
Klamotten mit ihr zu wechseln.
»Das ist ja voll krass«, erklärte sie. »Und du willst da auch
mitmachen, Mami? So mit Tritten und Schlägen und allem Drum und
Dran?«
Ich beschloss, ihr auf der Stelle das ungläubige Staunen
auszutreiben.
»Ja, genau das habe ich vor. Du scheinst wohl anzunehmen, dass ich
für so etwas zu schlapp bin?«
»Na ja, weißt du … Du und Stuart – ihr seid einfach schon alt.« Sie
zuckte mit den Achseln. »Ist nicht beleidigend gemeint oder
so.«
»Schon verstanden.« Ich warf Stuart einen heimlichen Blick zu und
stellte zufrieden fest, dass seine perplexe Miene einer amüsierten
gewichen war.
»Offenbar leidet deine Mutter noch nicht unter Muskelschwund oder
Verkalkung«, meinte er. »Sie und Richter Larson haben nämlich
vorhin vor Mrs. Duponts Augen eine kleine Fechtpartie
eingelegt.«
»Sehr witzig«, erwiderte ich trocken, während Allie »Kein Scheiß?«
rief, um dann hastig die Hand auf den Mund zu pressen. »Huch!
Sorry!«
»Allie!«, tadelte ich sie, wobei ich über die Ablenkung froh
war.
»Ihr habt also wirklich miteinander gefochten?« Jegliche Reue über
ihre Ausdrucksweise war wieder der Neugier gewichen.
»Ja, haben wir.« Ich konnte es schließlich kaum leugnen, auch wenn
ich es am liebsten getan hätte.
»Das ist so cool.«
Nun strahlte ich. Meine vierzehnjährige Tochter hielt mich also für
cool. Für alt und hinfällig, aber doch auch für cool.
»Warum?«, wollte sie nun wissen.
Die Freude über die Bewunderung der Frucht meiner Lenden
verschwand. Ich seufzte frustriert auf. Ich hasste nichts mehr auf
der Welt, als ausgefragt zu werden. »Ich habe es bereits Stuart
erklärt. Du weißt schon: Frau. Allein mit Kindern. Es schien
einfach –«
»Nein, nein. Das habe ich alles vorhin gehört. Ich meine, warum
fechten? Und warum mit dem da?« Sie vermied es, den da anzusehen.
Ihrem Tonfall nach zu urteilen, konnte man allerdings den Eindruck
gewinnen, sie hielte Larson für Satan persönlich.
»Allie.« Da war sie wieder – meine Geschockte-MutterStimme. Zum
zweiten Mal innerhalb nur weniger Minuten. Ich wandte mich an
Larson. »Sie ist vierzehn«, sagte ich, um ihr Verhalten zu
erklären, während ich mich fragte, ob sie irgendetwas von Lauras
Vermutung, ich hätte eine Affäre mit dem Richter, aufgeschnappt
haben konnte.
»Mutter.«
»Allison Elizabeth Crowe«, sagte ich.»Hast du deine Manieren im
Einkaufszentrum liegen gelassen?«
»Tut mir leid«, murmelte sie.
»Bei mir musst du dich nicht entschuldigen.«
Sie holte tief Luft und legte dann den Kopf zurück, um Larson
anzusehen. »Es tut mir leid. Ich wollte nicht beleidigend sein.
Ehrlich. Ich … Ich meine … Na ja, warum ficht meine Mutter
überhaupt mit jemand?«
»Eine sehr gute Frage«, meinte auch Stuart. Allie trat daraufhin
zwei Schritte näher an ihn heran, da sie nun offenbar einen
Verbündeten in ihm sah. Laura und Mindy hatten sich währenddessen
unbemerkt vor den Fernseher gestellt und taten so, als ob sie von
Elmo und seiner Bande genauso fasziniert wären wie mein Sohn.
Feiglinge!
»Ich verstehe wirklich nicht, was ihr alle wollt. Es ging doch nur
um ein bisschen Fechten«, sagte ich.
»Kate hat mir erzählt, dass sie einen Selbstverteidigungskurs
belegen will«, sprang mir Larson endlich bei. Seine Stimme klang
vernünftig und souverän und so ganz anders als meine schrillen
Proteste. »Ich habe früher einmal viel gefochten, und sie fragte
mich, ob es sich wohl für sie lohnen würde, damit zu beginnen. Wir
kamen ins Gespräch, und dann beschlossen wir eben, es einfach
gleich mal mit den Schrubbern auszuprobieren.«
Stuart runzelte die Stirn. »Mit Schrubbern?«
»Mit Schrubberstielen.« Laura lieferte diese Information aus der
anderen Ecke des Zimmers; offensichtlich war sie doch nicht so
absorbiert von der Sesamstraße, wie ich angenommen hatte.
»Wieso –«
Ich hielt die Hand hoch, um Allie zu unterbrechen. »Das ist jetzt
völlig egal. Wichtig ist nur, dass Richter Larson so liebenswürdig
war, mir ein paar Bewegungen beizubringen. Es scheint Spaß zu
machen, aber es ist nicht wirklich praktisch, ständig mit einem
Degen durch die Gegend zu laufen.«
Auch wenn ich mich gerade um Kopf und Kragen schwindelte, so
stimmte etwas doch unzweifelhaft: Die Welt ist voller Gefahren –
und zwar sowohl aus menschlicher als auch aus dämonischer Richtung.
Mein kleines Mädchen wurde groß (viel zu schnell, wenn ich mir ihre
Klamotten so betrachtete), und wenn sie einmal allein dort draußen
in der Welt sein würde, wollte ich sie zumindest so selbstbewusst
wie möglich wissen. Warum sollte sie also nicht lernen, wie man
einem Gegner ein paar Tritte versetzt? Ich finde, das ist das
wenigste, was eine besorgte Mutter tun kann.
Ich blickte Stuart und Allie mit ernster Miene an. »Wir beginnen
nächste Woche mit dem Kurs«, verkündete ich. »Entweder Kickboxen
oder Aikido oder so etwas. Ich mache mich erst einmal kundig, was
es so gibt.« Am liebsten hätte ich einen Lehrer gehabt, der meiner
Tochter die Grundregeln der Selbstverteidigung beibrachte und mich
gleichzeitig auf einem höheren Niveau trainierte, während Allie in
der Schule war. Es war zwar höchst unwahrscheinlich, so jemanden zu
finden, aber hoffen durfte ich es ja schließlich.
»Meinst du das wirklich ernst?«, bohrte Allie nach. »Ich will auch
zum Cheerleader-Training. Wir müssen also aufpassen, dass sich die
Termine nicht überschneiden. Aber das ist so cool!«
»Das freut mich.« Wer hätte ahnen können, dass das Versprechen, so
richtig ins Schwitzen zu kommen, eine solche Begeisterung auslösen
würde?
»Da hast du aber verdammt viel vor«, mischte sich Stuart ein. Dabei
sah er nicht Allie, sondern mich an. Ich unterdrückte das
Bedürfnis, ihm zu erklären, dass ich mir wesentlich mehr Gedanken
machte, wie meine Tochter in einer solchen Welt wie der diesen am
Leben bleiben würde, als dass ich mir über ihre Noten Sorgen
machte. Allerdings musste ich zugeben, dass er nicht unrecht hatte.
Teilweise war mein Wunsch, ihm einen wütenden Tritt zu versetzen,
darauf zurückzuführen, dass ich es hasste, als
verantwortungsbewusste Mutter möglicherweise einen Fehler gemacht
zu haben. (Ja, ich weiß: Das ist einer der Gründe ist, warum es gut
ist, zwei Elternteile zu haben. Aber wenn ich Stuart auch sehr
liebe – Zeit für ein schmutziges kleines Geheimnis –, so gehört
Allie doch Eric und mir. So einfach ist das. Deshalb reagiere ich
stets gereizt, wenn Stuart Allie gegenüber den Vater herauskehrt.
Total unfair, ich weiß, aber so ist es nun einmal. Wenn Allie das
eines Tages in der Jerry-Springer-Show enthüllen sollte, dann kann
ich auch nichts dagegen tun.)
»Mami?« Ich wurde mit einem bettelnden Hundeblick
bedacht.
»Stuart hat recht«, sagte ich. »Wenn deine Noten schlechter werden,
wirst du irgendetwas aufgeben müssen. Und da ich diesen
Selbstverteidigungskurs für wichtig halte, wird entweder das
Cheerleader-Training oder Ballett daran glauben müssen oder was
auch immer dir gerade besonders aufregend erscheint.
Verstanden?«
Sie nickte eifrig. »Ja, klar. Verstanden.«
Ich versuchte, streng dreinzublicken. »Solange wir uns darüber im
Klaren sind, kannst du diese ganzen Extrastunden nehmen. Aber jetzt
kommst du auf die Highschool, Kind. Das ist etwas ganz anderes als
bisher – das darfst du nicht vergessen.«
»Ich weiß.« Sie legte die Hand aufs Herz. »Ehrlich. Ich werde total
fleißig sein. Du wirst schon sehen.« Dann nickte sie in Richtung
ihrer Freundin. »Kann Mindy auch mitmachen?«
Mindy hatte die ganze Zeit über Tim gekitzelt, blickte jetzt
allerdings interessiert hoch, während mein scheinbar knochenloses
Kind wie eine Gummipuppe über ihrem Schoß hing und quäkte: »Mehr
Kitzel! Mehr Kitzel!«
»Darf ich, Mama?«, fragte sie und wandte sich nun mit ihrer Version
eines bettelnden Hundeblicks an Laura.»Bitte.«
»Du könntest ja auch mitmachen«, schlug ich Laura vor, denn mir
gefiel auf einmal die Vorstellung, so etwas zu viert zu
unternehmen. Wenn ich schon einmal entschlossen war, meiner Tochter
Kampfgeist einzuimpfen, konnte ich genauso gut unseren Freunden
helfen, ebenfalls besser für den Fall der Fälle gerüstet zu
sein.
»Nein danke«, erklärte Laura. »Aber wenn du nichts dagegen hast,
zwei Kinder mitzuschleppen, bin ich gern gewillt, Mindys
Kursgebühren zu zahlen.«
»Juhu!« Mindy stürzte sich auf Tim, um ihn erneut zu kitzeln, riss
sich dann aber los und kam halb hüpfend und halb rennend auf Allie
zu.
»Bist du dir sicher?«, fragte ich Laura.
»Ich schaffe es doch kaum, die zwanzig Minuten Pilates
durchzuhalten. Da wäre Kickboxen oder so etwas bestimmt nicht das
Richtige.«
Ich bin schon öfter mit Lauras Vorstellungen von körperlichem
Training konfrontiert worden. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie
hält es bereits für eine grausame Aerobic-Übung, den Einkaufswagen
zur Kasse zu schieben. Ich wusste also, dass es keinen Sinn hatte,
sie zu drängen. »Okay, Mädels«, sagte ich. »Sieht ganz so aus, als
ob ihr schon bald die Jungs aufmischen werdet.«
Während Allie und Mindy daraufhin durchs Zimmer jagten, kickten und
einander spielerisch boxten, als ob sie vorhätten, als Statisten
für das nächste Remake von Drei Engel für Charlie vorzusprechen,
warf ich einen raschen Blick auf Larson. Sein Mund zuckte
belustigt. Ich schnitt eine Grimasse. Wirklich nett, dass er sich
amüsierte.
Er und ich hatten an diesem Nachmittag etwas begonnen, was ich zu
Ende bringen musste. Ich freute mich darauf, mehr Zeit mit Allie zu
verbringen (und dabei etwas zu tun, was mich in ihren Augen cool
wirken ließ). Ich wünschte mir nur, dass dieser Plan aus anderen
Gründen entstanden wäre als aus meiner Angst, einer von Gorameshs
Gefolgsleuten könnte ihr eines Tages einen Besuch abstatten. Für
den Moment wollte ich jedoch nicht weiter an diese Möglichkeit
denken und mich stattdessen ganz auf das Positive konzentrieren.
Der Kurs würde mich und mein Kind näher zusammenbringen und
außerdem auch noch Sport bedeuten. Es gab doch nichts Besseres als
ein wenig dämonische Bedrohung, um ein altes Mädchen wieder in Form
zu bringen! Nach einigen anstrengenden Stunden sollte ich dann auch
wieder in der Lage sein, mich in meine Jeans Größe sechsunddreißig
zu zwängen. Das ist doch auch ein Ansporn, oder nicht?
Ich meine – wirklich. Wer braucht Pilates, wenn man eine ganze
Stadt voller Dämonen hat?
Nachdem die Mädchen eine Zeit lang begeistert durch das Wohnzimmer
getollt waren, machten sie es sich schließlich auf dem Sofa bequem,
und der Nachmittag schien endlich seinen normalen Gang zu gehen.
Stuart und Larson zogen sich in die Küche zurück, und ich
unterdrückte meinen Wunsch, ihnen zu folgen und ihr Gespräch zu
belauschen. Wenn sich die Dinge so weiterentwickelten, musste ich
Larson mein Leben anvertrauen. Dann konnte ich mich doch
hoffentlich auch jetzt darauf verlassen, dass er nichts
ausplauderte?
Außerdem hatte sich hinter Lauras Vorschlag, uns noch
zusammenzusetzen, sowieso nur die Absicht verborgen, zu erfahren,
wie es mir nach meinen Eric-Träumen und meinem Treffen mit Erics
›Freund‹ so ging. Ich konnte sie also kaum allein sitzen lassen, um
dem politischen Gelaber in meiner Küche zu folgen.
»Ist er das?«, fragte sie, als die Mädchen nach oben gegangen
waren, um den ersten Auftritt der Galamodenschau
vorzubereiten.
»Wer?«
»Erics Freund. Ist Richter Larson der Mann, mit dem du dich heute
Mittag getroffen hast?«
»Oh.« Ich überlegte rasch, was wohl die beste Lüge wäre, um sie
ruhig zu stellen. Dabei fiel mir auf, dass sich während der letzten
vierundzwanzig Stunden meine Fähigkeit zu schwindeln drastisch
verbessert hatte. »Ja, ist er.«
»Du hast mir gar nicht gesagt, dass er auch Stuart
kennt.«
»Manchmal gibt es Zufälle, die gibt es gar nicht! Als er mit Eric
befreundet war, arbeitete er als normaler Anwalt, und jetzt ist er
am Bundesbezirksgericht.«
»Das ist für Stuart ja toll«, sagte sie und sah mich von der Seite
an.
»Das kann man wohl sagen«, stimmte ich zu. »Momentan geht es Stuart
ja vor allem um den Aufbau seiner politischen Karriere.«
»Für dich ist das alles aber wohl nicht ganz so toll –
oder?«
Ich wusste natürlich ganz genau, was sie meinte. »Ich werde schon
damit zurechtkommen. Es ist ja nicht so, als ob ich nicht sowieso
immer wieder an Eric denken würde. Schließlich sehe ich jedes Mal
sein Gesicht vor mir, wenn ich Allie anschaue.« Das stimmte. Die
Ähnlichkeit zwischen den beiden war frappierend. Was ich Laura
allerdings nicht erzählen konnte, war, dass Larsons Gegenwart (also
Larson und die Goramesh-und-dasEnde-der-Welt-Sache) mehr als bloße
Erinnerungen an meinen ersten Mann heraufbeschwor. Das Ganze hatte
mir schmerzlich gezeigt, was in meiner Beziehung zu Stuart fehlte.
Eric und ich waren in jeder Hinsicht Partner gewesen. Er kannte
mich wie kein Zweiter. Und ich ihn. In der Beziehung zu Stuart gab
es dunkle Punkte zwischen uns – meine Vergangenheit (die plötzlich
zur Gegenwart geworden war) und die alltäglichen Details seines
Juristendaseins. Ich verstand nicht wirklich, was er eigentlich
tat, wenn er im Büro war. Und auch wenn ich mich darum bemühte –
das tat ich wirklich –, mich für die Geschichten, die er mir aus
seinem Arbeitsleben erzählte, zu interessieren, so konnte ich es
doch nicht vermeiden, meine Ohren innerhalb kürzester Zeit auf
Durchzug zu stellen.
Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen,
das Laura zu erzählen. Zum Glück wurde ich davor bewahrt,
weiterreden zu müssen, denn unsere beiden Töchter kamen nun die
Treppe heruntergerast.
Laura und ich tauschten belustigte Blicke aus, als die zwei abrupt
stehen blieben, noch ehe sie in unser Blickfeld kamen. Ich hatte
Tim etwa zehn Minuten zuvor ins Bett gebracht, da er dringend
seinen Nachmittagsschlaf brauchte, und hoffte nun inbrünstig, der
Lärm würde ihn nicht wieder aufwecken.
Die Modenschau dauerte eine Dreiviertelstunde. Die Mädchen führten
uns ihre Klamotten vor, und Laura und ich klatschten ihnen Beifall
(allerdings so leise wie möglich, um den kleinen Mann nicht zu
wecken). Am Schluss musste ich zugeben, dass Allie tatsächlich
Kleidungsstücke ausgewählt hatte (wenn man einmal von ihrem ersten
Outfit absah), die meinen mütterlichen Segen erhielten.
»Ihr zwei werdet bestimmt die modischsten Neuzugänge der ganzen
Coronado-Highschool sein«, erklärte ich zuversichtlich, als sie
sich zum letzten Mal vor uns verbeugten.
Sie warfen sich einen Blick zu, der nicht besonders glücklich
wirkte.
»Was ist los?«, wollten Laura und ich gleichzeitig
wissen.
»Neuzugänge«, stöhnte Allie.
»Wir müssen wieder ganz von vorn anfangen.«
»Wir waren in der Junior-High in der obersten Klasse! Jetzt sind
wieder ganz unten – echte Kriechtiere.«
Wenn ich daran dachte, dass es einmal eine Zeit gegeben hatte, in
der ich es bedauerte, nicht in eine öffentliche Schule gegangen zu
sein … Erstaunlich. Es war einer dieser Momente, wo man sich als
Mutter zurückhalten musste, um nicht zu sagen: »Vergiss das Ganze.
In zwanzig Jahren kräht kein Hahn mehr danach.« Denn in diesem
Moment war es für meine vierzehnjährige Tochter mehr als bedeutsam.
Es gab nichts Wichtigeres in ihrem Leben, als morgen zum ersten Mal
in die Highschool zu gehen.
»Ihr werdet das ganz toll machen«, sagte ich. »Und bereits in drei
kurzen Jahren gehört ihr schon wieder zu den Ältesten.«
»In drei Jahren«, wiederholte Allie missmutig. Sie wandte sich an
Mindy. »Wir müssen es schaffen, Cheerleader zu werden,
unbedingt.«
Mindy nickte. Auch ihre Miene wirkte ernst. »Ja,
unbedingt.«
Ich sah absichtlich Laura nicht an, da ich befürchtete, sonst in
Lachen auszubrechen. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte
mein Mädchen in die Arme genommen. (Wann war sie eigentlich
vierzehn geworden? Ich hätte schwören können, dass es erst letzten
Mittwoch gewesen war, dass sie Laufen lernte.) Ich unterdrückte
jedoch das Bedürfnis, ihr meine Liebe zu zeigen, da es bestimmt mit
einem steifen Ach-MutterBlick belohnt worden wäre.
»Okay, Mädels«, sagte ich. »Wie wäre es, wenn ihr die Klamotten
jetzt in Allies Zimmer zurückbringt? Habt ihr euch schon mittags
den Bauch vollgeschlagen, oder wollen wir bald das Abendessen
bestellen?«
»Ich habe einen Riesenhunger«, erklärte Allie. »Kann ich eine Pizza
mit extra viel Käse und ein Knoblauchbrot dazu bekommen?«
»Klar. Warum nicht?« Ich wandte mich an Laura. »Sollen wir auch
etwas für Paul mitbestellen?«
Ich glaubte für einen Moment, einen Schatten über ihr Gesicht
huschen zu sehen, doch er verschwand so schnell, dass ich nicht
wusste, ob ich mich nicht vielleicht doch getäuscht
hatte.
»Daddy arbeitet heute mal wieder bis spätabends«, erklärte
Mindy
»Dann wird es eben ein Frauenabend – auch gut«, meinte ich. »Es sei
denn, Stuart überrascht mich. In letzter Zeit hat er den Abend
nämlich meist an seinem Schreibtisch verbracht. Sobald er und
Larson aufgehört haben, sich gegenseitig Honig um den Bart zu
schmieren, wird er wahrscheinlich auch heute dorthin zurückkehren.«
Ich hatte das deutliche Gefühl, dass diese Art von Routine noch
selbstverständlicher werden würde, falls Stuart die Wahl
tatsächlich gewann. Vermutlich saß er dann nur noch in seinem
Arbeitszimmer und kam höchstens einmal heraus, um sich einen Kaffee
zu gönnen oder Timmy Gute Nacht zu sagen. Mir gefiel diese
Vorstellung zwar gar nicht, aber ich wollte Stuart auch nicht die
Pistole auf die Brust setzen und ihn dazu zwingen, etwas anderes zu
machen. Schließlich ging es um den größten Traum dieses Mannes, den
ich geheiratet hatte.
Es stellte sich heraus, dass ich recht hatte. Sobald Larson
gegangen war (er warf mir zum Abschied bloß einen verstohlenen
Blick zu), gab Stuart Allie einen Gute-Nacht-Kuss und verschwand im
hinteren Teil des Hauses. Als Timmy aufwachte, veränderte sich zwar
die Gruppendynamik, aber keine von uns hielt einen vorpubertären
Jungen für eine Gefahr für unsere weiblichen Hormone. Außerdem war
Tim ein guter Unterhalter. Er tanzte bis zum Abwinken mit den
Mädchen durchs Wohnzimmer, sodass schließlich sowohl Mindy als auch
Allie ihn anbettelten, endlich aufzuhören. Zum Schluss gelang es
uns, ihn mit einer Handvoll Kekse ruhig zu stellen.
Sobald er mehr oder weniger flachlag, überlegten sich die Mädchen,
in welcher Reihenfolge wir uns die DVDs ansehen sollten. Dabei
mussten sie vor allem in Betracht ziehen, dass der erste Film auf
jeden Fall für ein Kleinkind geeignet sein sollte. Während sie wie
die zwei alten Männer in der Muppet-Show debattierten, sammelte ich
die Pizzaschachteln zusammen und machte mich auf den Weg zur
Verandatür.
»Soll ich dir helfen?«, wollte Laura wissen.
»Nein, nicht damit. Aber du kannst schon einmal Wasser für einen
Kaffee aufstellen. Das wäre wirklich irrsinnig lieb von
dir.«
Ich hatte zu meiner Pizza zwei Gläser Rotwein getrunken und fühlte
mich jetzt dementsprechend ein wenig beschwipst und
benebelt.
»Weiß Stuart eigentlich, wie leicht du zufriedenzustellen
bist?«
»Was glaubst du, warum er mich wohl geheiratet hat?«
Während sie in die Küche ging, trat ich in den Garten hinaus und
folgte dem kleinen Weg entlang des Hauses bis zu den Mülltonnen.
San Diablo ist eine der letzten Bastionen, wo es noch nicht die
hässlichen Plastiktonnen mit den kleinen Rädchen gibt, die man in
so vielen amerikanischen Städten sieht. Wir haben noch die
altmodischen Mülleimer aus Metall, wie man sie manchmal in
Eisenwarenläden aus vergangenen Zeiten erspäht. Dort glänzen sie so
sehr, dass man sich kaum vorstellen kann, sie einmal mit
Kartoffelschalen und stinkenden Windeln zu füllen. Sie können mich
gern für verrückt erklären, aber meiner Meinung nach tragen die
Mülltonnen zum Charme unserer Stadt bei.
Ich hatte gerade den Deckel hochgeklappt, als ich es roch – jenen
durchdringenden Gestank, der bestimmt nicht vom Müll stammte.
Blitzschnell wirbelte ich herum, um einem neuen Dämon (diesmal
einem im Teenageralter) gegenüberzustehen. Er hatte meine Reaktion
wohl erwartet, denn er schaffte es problemlos, meinen Schlag
abzuwehren und mir seinerseits einen Hieb zu versetzen. Mit einem
Aufschrei stürzte ich, wobei mein Noch-nicht-ganz-Größe-36-Hintern
meinen Sturz ein wenig abfederte. Der Tonnendeckel fiel scheppernd
auf den Boden.
Sofort stützte ich mich mit den Händen ab, um wieder nach oben zu
schnellen, doch der Dämon warf sich bereits auf mich. Er presste
sein Knie auf meinen Brustkorb und hielt mir ein Jagdmesser an die
Kehle.
Die eiskalte Klinge passte zum Gefrieren des Blutes in meinen
Adern. Gestern war dieses Gefühl noch von Angst durchzogen gewesen.
Heute nicht mehr. Kate Connor, Level-vierDämonenjägerin, war zurück
– und sie war verdammt wütend. Das Eis in den Adern bedeutete
Adrenalin und wildeste Entschlossenheit. Ich spürte, wie sich das
jahrelange Training wieder zu Wort meldete (hoffentlich!). Ich war
bereit, diesen Jüngling, der noch gar nicht ganz trocken hinter den
Ohren war, zur Hölle und zurückzuprügeln. Daran bestand kein
Zweifel. Er würde untergehen.
Ich musste nur noch herausfinden, wie.
ACHT
»Es ist vorbei, Jägerin«, knurrte er und schenkte mir ein bösartiges Lächeln. »Mein Herr und Meister ist auf dem Weg hierher, und diese Stadt ist nicht groß genug für euch beide.«
Wenn die Situation nicht so verdammt ernst gewesen wäre, hätte ich über diese Äußerung lachen müssen. Mit seinen roten Haaren und dem Gesicht voller Sommersprossen erinnerte mich der Dämonenjunge an den jungen Schauspieler Ron Howard in seiner Rolle als Richie Cunningham in der Sitcom Happy Days. Ich hatte allerdings erhebliche Schwierigkeiten, diese harmlose Rolle mit der Tötungsmaschine vor meiner Nase in Einklang zu bringen. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig, als ein gewisses Risiko einzugehen und mit ihm zu sprechen. »Was willst du?«, fragte ich.
»Ich will, was mein Meister will.« Er grinste und wirkte dabei ganz wie der freundliche Junge von nebenan – allerdings mit einem gewaltigen Messer in der Hand. Als er sich meinem Gesicht näherte, hätte ich beinahe gewürgt, denn wie immer stank sein dämonischer Atem bestialisch. »Er wird es finden. Wenn es in San Diablo ist, wird er es finden, und die Knochen werden ihm gehören.«
»Die Knochen?«Er gab mir zu verstehen, dass ich nicht weitersprechen sollte, und presste mir das Messer flach auf die Lippen. Ich kämpfte gegen ein Zittern an und verlor. Er bemerkte meine Bewegung. Seine Augen funkelten siegessicher. »So ist es brav, Jägerin. Du solltest auch Angst haben. Denn wenn sich die Armee meines Meisters erhebt, wirst du unter den Ersten sein, die fallen. Und wenn er erst einmal vor dir steht, wirst du dir nichts mehr wünschen, als bereits früher gestorben zu sein.«
»Ich wünsche mir schon jetzt nichts mehr, als dass du das hier rasch hinter dich bringst«, zischte ich wütend unter der kalten Klinge hervor.
Sein Gesicht verzerrte sich zornig, und ich wagte kaum zu atmen. Hatte ich einen Fehler begangen? Ich war mir eigentlich zu neunundneunzig Prozent sicher, dass er den Befehl erhalten hatte, mich nicht zu töten. Es war jedoch das restliche eine Prozent, das mich ins Schwitzen brachte.
Doch das Messer rührte sich nicht von der
Stelle; mein Gesicht und mein Hals blieben unverletzt. Ich hielt
das für kein schlechtes Zeichen. Dieser Junge diente als Bote, der
mich einschüchtern sollte. Er sollte mich wissen lassen, dass
Goramesh hier war und vorhatte, sich das zu holen, was er
begehrte
– und dass er es nicht auf die leichte Schulter nahm, wenn ich
versuchen sollte, seine Pläne zu durchkreuzen.
Natürlich bestand zwischen Töten und Verstümmeln ein großer Unterschied. Die Art und Weise, wie mich der Dämonenjunge nun anstarrte, ließ mich befürchten, dass er das Gleiche dachte. Da ich meine Gliedmaßen eigentlich recht gern habe und sie am liebsten intakt und ohne Kratzer weiß, entschloss ich mich zu einer unterwürfigen Entschuldigung. Was blieb mir anderes übrig? Doch in diesem Moment hörte ich, wie die Verandatür aufgemacht wurde und Allie rief: »Mami? Findest du nicht mehr zurück, oder was ist los?«
Ich sah dem Dämon in die Augen, und er nickte. Er hob die Klinge nur wenige Millimeter von meinen Lippen. Ich räusperte mich, aber meine Stimme klang trotzdem unnatürlich hoch. »Alles in Ordnung!«, rief ich. »Ich bin nur ein bisschen abgelenkt worden.«
»Durch den Müll?«»Ja, da war Glas mit Plastik vermischt. Ich
muss es noch kurz trennen.«
Sie antwortete nicht, aber ich hörte, wie die Tür wieder
geschlossen wurde. Außerdem meinte ich ein entnervtes »Mütter!« aus
dem Inneren des Hauses zu vernehmen.
»Sie wird gleich zurück sein«, sagte ich. »Wahrscheinlich holt sie
nur eine Taschenlampe, um mir zu helfen.« Die größte Lüge, die je
aufgetischt wurde, aber sie schien zu funktionieren. Der
Dämonenjunge ließ von mir ab und stand auf. Das Messer hielt er
noch immer so, dass er mich jederzeit aufspießen konnte, wenn ich
auch nur eine einzige falsche Bewegung machte. Doch das war nicht
sehr wahrscheinlich. Er hatte viel zu lange auf meinem Brustkorb
gesessen, und ich war mir gar nicht sicher, ob meine inneren Organe
noch alle ordnungsgemäß funktionierten. Mit diesem Dämon würde ich
heute Abend wohl nicht mehr zur Hölle und zurück rennen, aber er
stand auf meiner Liste – und zwar recht weit oben.
Er drehte sich um und verschwand im Garten. Wenige Sekunden später
war er nicht mehr zu sehen. Ich setzte mich auf. Ich fühlte mich
wirklich idiotisch. Es gibt gute Gründe, warum so viele Jäger
relativ jung ihre Arbeit niederlegen. Ich spürte einen dieser
Gründe in diesem Moment in meinem Hintern Größe 38. Noch vor
wenigen Tagen kam ich mir so jung vor. Ich meine, ich habe noch
kaum Fältchen um die Augen. »Alt und hinfällig« mochte vielleicht
beleidigend sein, aber irgendwie befürchtete ich auch, dass es
allmählich immer mehr der Wahrheit entsprach.
Mühsam stand ich auf und klopfte mir den Staub aus den Klamotten.
Dann legte ich den Deckel wieder auf die Mülltonne. Mein Auftritt
heute Abend würde mir garantiert keine Auszeichnung bei der Forza
Scura bescheren, aber zumindest war ich nicht tot. Und ich hatte
einen Plan. Eigentlich sogar zwei. Erstens: wie eine Wahnsinnige
trainieren und meine Muskeln in Hochform bringen. Zweitens:
zugeben, dass Larson in der Dämonen-in-San-Diablo-Frage recht
gehabt hatte, und sogleich meine ganze Zeit darauf verwenden, ihm
zu helfen, herauszufinden, wonach Goramesh tatsächlich suchte.
Wäscheberge, schmutziges Geschirr und Windeln konnten erst einmal
warten.
Als ich langsam zum Haus zurückging, rieb ich meinen sicher mit
blauen Flecken übersäten Po und dachte darüber nach, was der
Dämonenjunge gesagt hatte. Er hatte Knochen erwähnt. Aber wessen
Knochen?
Ich hoffte, dass Larson wusste, wovon er sprach. Denn ich hatte
keine Ahnung.
»Vielleicht Reliquien?«, überlegte ich. »Von einem der Heiligen aus der Kathedrale?« Manchmal geben Dämonen ihren Gefolgsleuten den Auftrag, erstklassige Reliquien zu stehlen (wie die Knochen oder Haare eines Heiligen). Solche Reliquien stellen für Dämonen eine große Bedrohung dar, und oftmals befehlen sie ihren menschlichen Anhängern, diese Reliquien in grauenvollen Ritualen zu zerstören.
»Möglicherweise«, meinte Larson.»Lassen Sie
mich einen Moment nachdenken.«
Ich schlug die Beine übereinander und zupfte an dem Kissen des
Gästebetts, auf dem ich gerade saß. Dieses Nachdenken konnte bei
einem alimentatore recht lange dauern, denn es gehörte zu seinen
Aufgaben, sich auch intellektuell mit den jeweiligen Dämonen
auseinanderzusetzen. Hoffentlich würde das Ganze nicht allzu viel
Zeit in Anspruch nehmen, denn es war bereits drei Uhr
morgens.
Stuart war bis zwei Uhr wach geblieben und hatte gearbeitet, und
ich hatte es ihm nachgetan. Nach außen hin tat ich so, als ob ich
dringend das Haus putzen müsste (eine dümmere Ausrede war mir nicht
eingefallen), aber in Wahrheit wollte ich einfach länger aufbleiben
als er. Als er endlich so müde war, dass er es nicht mehr aushielt,
schleppte er sich zu Bett, während ich vorgab, noch eine Ladung
Wäsche zusammenfalten zu müssen, damit wir nicht in die peinliche
Lage gerieten, mit zerknitterten T-Shirts und Jeans herumlaufen zu
müssen. Zum Glück war Stuart entweder so müde oder so sehr mit
seinen eigenen Dingen beschäftigt, dass ihm diese
Persönlichkeitswandlung meinerseits nicht weiter auffiel. (Ich
möchte hier nur klarstellen, dass mich normalerweise die Hausarbeit
genauso wenig die ganze Nacht über wach hält wie meine Sorgen über
das Haushaltsloch der Nation. Ich sage mir vielmehr, dass beides
auch noch am nächsten Morgen da sein wird und es sich deshalb gar
nicht lohnt, darüber Schlaf zu verlieren.) Sobald ich mir sicher
war, dass Stuart tief schlief, schloss ich die Schlafzimmertür
hinter mir und schlich ins Gästezimmer, dessen Tür ich ebenfalls
zumachte. Dann wählte ich die Nummer, die mir Larson gegeben hatte.
Überraschenderweise hob er bereits nach dem ersten Klingeln ab. Um
drei Uhr morgens hatte ich eigentlich seinen Anrufbeantworter
erwartet und nicht eine hellwache, wie immer höflich klingende
Stimme.
Nachdem wir einander begrüßt hatten, erzählte ich ihm, was am Abend
passiert war. Ich bemühte mich besonders, wortwörtlich alles
wiederzugeben, was mir der Dämon gesagt hatte.
Nun hörte ich, wie Larson ins Telefon atmete. »Knochen«,
wiederholte er. »Sind Sie sich sicher?«
Ich war mir sicher gewesen, aber inzwischen verlor ich ein wenig an
Selbstvertrauen. »Ich glaube eigentlich schon. Er sprach nicht
laut, aber ich denke, dass ich ihn richtig verstanden habe. Ich
meine, ich könnte natürlich auch falsch liegen …«
Er schnaubte in den Hörer. »Nehmen wir einmal an, dass Sie ihn
richtig verstanden haben. Das ist bisher das Beste, was wir
haben.«
Ich spielte weiter mit dem Kissen, während ich den Hörer an mein
Ohr presste. »Was haben wir eigentlich? Padre Corletti wollte mir
nichts sagen, und heute Nachmittag wurden wir ja von Stuart und den
Kindern unterbrochen, ehe Sie mir Genaueres erzählen
konnten.«
»Vor zwei Jahren wurde der Altar einer Kirche in Larnaca mit
satanischen Symbolen verunziert. Die herausstechendsten waren drei
sich überschneidende Sechsen.«
»Oh.« Ich presste die Lippen zusammen, da ich eigentlich nicht
gleich damit herausrücken wollte, dass ich keine Ahnung hatte,
wovon er sprach. Leider blieb mir allerdings nichts anderes übrig,
als meine Unwissenheit zuzugeben. »Sagen Sie doch gleich – wo genau
liegt eigentlich Larnaca?«
»Auf Zypern, Kate.«
»Natürlich. Fahren Sie fort. Verunziert …«
»Mit Spraydosen«, sagte er. »Die Polizei nahm an, dass es
irgendwelche randalierenden Teenager sein konnten.«
»Aber der Vatikan wusste es besser?«
»Ganz und gar nicht. Der Vatikan nahm dasselbe an. Aber dann begann
das gleiche Symbol an anderen Orten aufzutauchen. Und der Schaden
war jedes Mal größer.«
»Was soll das heißen?«
»Das Pfarrbüro einer Kathedrale in Mexiko wurde
verwüstet.«
»Das Pfarrbüro?«
»Genau«, sagte er ernst. »Der Altar wurde ebenfalls vollgesprüht,
aber es war das Pfarrbüro, das so richtig zerstört wurde. Alle
Akten und Urkunden waren entweder verschwunden oder unleserlich
geworden.«
»Um welche Akten und Urkunden hat es sich denn
gehandelt?«
»Der Priester und einige Kirchenangestellte wurden ermordet«, sagte
Larson, »weshalb wir nicht sehr viel wissen. Aber wir können wohl
vom Üblichen ausgehen.«
Ich nickte, auch wenn er mich nicht sehen konnte. Dämonen oder ihre
menschlichen Gefolgsleute haben bereits des Öfteren Akten von
Pfarreien durchsucht, um auf diese Weise vom Glauben Abgefallene
ausfindig zu machen.
Es gibt wohl kaum etwas, was einem Dämon besser gefällt, als eine
ehemals gläubige Seele zu korrumpieren. Und wer würde sich besser
als Opfer eignen als ein Mensch, der stark an seinem Glauben
zweifelt oder ihn bereits hinter sich gelassen hat?
Ich dachte einen Augenblick nach. »Also nur Akten und Urkunden?«,
fragte ich. »Keine Reliquien?«
»Nicht, dass wir wüssten.«
»Wirklich?« Das war seltsam. Allgemein kann man nämlich sagen, dass
ein Dämon wesentlich mehr an Action (also an der Zerstörung von
Reliquien) als an Recherchearbeit (also am Aktenlesen) interessiert
ist. »Höchst merkwürdig.«
»Das kann man wohl behaupten«, antwortete Larson. »Und da ist noch
etwas. Vor etwas vier Monaten wurde ein kleines Benediktinerkloster
in der Toskana überfallen. Es wurde stellenweise kaum ein Stein auf
dem anderen gelassen. Allerdings fielen nur die Mönchszellen der
Zerstörungswut zum Opfer. Die Kapelle wurde kaum
angerührt.«
»Gütiger Himmel«, sagte ich. »Und die Mönche?«
»Tot. Alle außer einem ermordet.«
Ich horchte auf. »Und der eine?«
»Hat sich selbst umgebracht«, erwiderte Larson.
Diese Antwort überraschte mich. »Sie machen wohl
Scherze?«
»Leider nicht. Er stürzte sich aus dem Fenster.«
Ich schluckte und versuchte mich zu konzentrieren. Im konservativ
katholischen Glauben bedeutet der Freitod eine moralische Sünde.
Was um alles in der Welt konnte einen Mönch dazu bringen, sich das
Leben zu nehmen? »Und wir wissen, dass Goramesh
dahintersteckt?«
»Zu jenem Zeitpunkt wussten wir noch gar nichts«, meinte der
Richter. »Die örtliche Polizei wurde gerufen, aber die Gegend ist
sehr ländlich, und so erfolgte keine groß angelegte Untersuchung.
Man ging davon aus, dass irgendeine umherziehende Bande dafür
verantwortlich war, und der Fall wurde zu den Akten
gelegt.«
»Aber er ist noch nicht abgeschlossen.«
»Nein. Eine Woche später tauchte eine junge Frau in einem
Krankenhaus in Florenz auf. Der Polizei erzählte sie, dass sie im
Stall des Klosters übernachtet hatte, während sie durch Europa
reiste. Sie bekam zwar den eigentlichen Angriff nicht mit, doch am
frühen Morgen ging sie zur Kapelle, um dort am Frühgottesdienst
teilzunehmen. Da wurde sie attackiert. Es gelang ihr, das
Krankenhaus zu erreichen, aber leider bekam die Polizei von ihr
keine wichtigen Informationen, die sie irgendwie
weiterbrachte.«
»Und?« Ich wusste, dass es damit nicht beendet sein
konnte.
»Der Vatikan erfuhr von der Frau und schickte Inspektoren zu ihr
ins Krankenhaus.«
Ich zupfte eine Feder aus dem Kissen. Eigentlich war ich mir
ziemlich sicher, wie die Geschichte weiterging. »Sie war eine
Jägerin.«
»Gut kombiniert«, erklärte er, als ob er eine Einser-Schülerin
lobte. »Als sie dort auftauchte, waren die Mönche bereits tot. Sie
entdeckte einen Dämon, der die Kapelle durchsuchte –«
»Die Kapelle?« Wie gesagt – Dämonen können sich zwar auf heiligem
Boden bewegen, aber es tut ihnen höllisch weh. Das gehört zu den
ersten Dingen, die man in der Forza lernt: Wenn ein Dämon eine
Kirche betritt, offenbart sich sein eigentlicher Charakter. Der
Schmerz ist einfach unerträglich. Deshalb ist heiliger Boden auch
ein ausgesprochen wirkungsvoller Dämonentest.
»Offenbar ist sie der Grund, warum die Kapelle intakt blieb. Sie
erzählte, dass der Dämon in blindem Zorn um sich schlug,
wahrscheinlich durch seinen Aufenthalt in der Kirche bis aufs Blut
gequält. Ihrer Meinung nach hat er nach etwas gesucht. Offenbar war
er nicht darauf vorbereitet gewesen, noch einen Menschen dort
anzutreffen, geschweige denn eine Jägerin.«
»Er hat sie angegriffen?«
»Das hat er. Und sie kämpften miteinander. Da er bereits geschwächt
war, gelang es ihr problemlos, ihn zu besiegen. Sie war klug genug,
ihn dazu zu zwingen, den Grund für seine Anwesenheit preiszugeben,
ehe sie den Körper befreite, den er sich angeeignet hatte.
Zumindest hat er den Namen seines Meisters genannt.«
»Goramesh.«
»Genau. Die letzten Worte des Dämons waren fast unverständlich,
aber die Jägerin glaubte gehört zu haben, dass er San Diablo als
sein nächstes Ziel nannte. Natürlich hielt sie ihn davon ab, noch
mehr Unheil anzurichten.«
»Gute Arbeit«, sagte ich und applaudierte innerlich der Frau an der
Front. »Aber fand sie auch heraus, wonach Goramesh
suchte?«
»Nein, leider nicht.«
»Oh.« Ich kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe herum. »Besteht
irgendeine Verbindung zwischen den einzelnen Orten? Natürlich außer
der Tatsache, dass sie angegriffen wurden, meine ich?«
»Bisher ist es mir noch nicht gelungen, eine solche Verbindung
herzustellen. Aber ich habe vor, mich noch heute Abend eingehender
damit zu beschäftigen. Was Ihre Durchsicht des Kirchenarchivs
betrifft, wäre es hilfreich, wenn Sie herausfinden könnten, ob
irgendwelche der dort befindlichen Reliquien von einem dieser Orte
stammen.«
»Okay. Das kann ich gern tun.« Ich runzelte die Stirn und hoffte,
dass es einfach sein würde. Meine Runzeln vertieften sich, als mir
ein weiterer Gedanke kam. »Was ist mit der jungen Frau passiert?
Der Jägerin? Es klingt so, als ob sie an dem Fall dran gewesen
wäre. Warum hat die Forza nicht sie hierhergeschickt? Sie hatte
doch bereits wichtige Informationen einholen können. Warum wartete
man ab, bis ein Dämon bei mir durchs Küchenfenster flog? Und warum
hat sie nichts mehr damit zu tun?«
»Sie ist tot. Es gelang ihr zwar, Gorameshs Gefolgsmann zu
vernichten, aber in diesem Kampf wurde sie selbst tödlich
verwundet. Sie starb sechs Stunden nachdem sie ihrem alimentatore
ihre Geschichte erzählt hatte.«
Er sprach ohne jede Gefühlsregung, aber seine Stimme klang zu
beherrscht und gepresst, als dass ich es nicht geahnt hätte. »Sie
war Ihre Schülerin, nicht wahr?«, flüsterte ich. Die Geschichte
traf mich bis ins Mark.
»Ja, das war sie.«
»Wie alt ist sie geworden?«
»Achtzehn.« Ich schloss die Augen und spürte, wie mir die Tränen
kamen, als ich um ein Mädchen trauerte, das ich nie kennengelernt
hatte. Ein Mädchen, das einmal vor langer Zeit ich selbst hätte
sein können.
Ich dachte an Timmy, Allie und Stuart, und wieder übermannte mich
die Angst – eiskalt und messerscharf. Es konnte mich noch immer
treffen.
Mit achtzehn hatte mir der Tod noch nicht viel bedeutet. Aber
jetzt? Nun würde ich meine Kinder allein zurücklassen und nicht da
sein, wenn sie mich am dringendsten brauchten. Ich vergrub mein
Gesicht im Kissen und weinte.
Es ist erstaunlich, was ein paar Dämonen für die eigene Frömmigkeit bewirken können. Ich gebe zu, dass ich meist nicht besonders darauf achte, ob wir am Sonntag in die Kirche gehen oder nicht, doch an diesem Morgen weckte ich meine Familie rechtzeitig auf, und wir schafften es noch in die Elf-Uhr-Messe.
Zu meiner Verblüffung protestierte Allie gar nicht so sehr, als ich sie und Mindy um neun aus dem Bett holte. Mindy hatte keine Lust, uns zu begleiten, und obwohl Allies Miene recht wehmütig wurde, als sie hörte, dass Mindy am letzten Tag vor dem Schulbeginn nur abhängen wollte, kam sie doch willig mit (willig ist zugegebenermaßen ein dehnbarer Begriff, wenn es sich um Vierzehnjährige handelt). Sogar Stuart wehrte sich nicht allzu sehr, wobei er darauf bestand, dass wir mit zwei Wagen zur Kirche fuhren, damit er sofort nach der Messe ins Büro konnte. Nachdem die Kirche vorüber war, gab ich ihm zum Abschied einen Kuss und schickte dann Allie los, um Tim aus der Kindergruppe abzuholen, während ich darauf wartete, mit Father Ben zu sprechen.
Ich hatte Delores am Morgen angerufen. Sie war hellauf begeistert, als ich ihr erklärte, ich wolle in den Archiven etwas Ordnung schaffen. Eigentlich war ich mir sicher, dass sie vor lauter Enthusiasmus bereits Father Ben davon in Kenntnis gesetzt hatte.
Ich wartete im Vorraum der Kirche, während er sich von seinen Schäfchen verabschiedete. Als die meisten gegangen waren, entdeckte er mich. Sein bereits freundliches Lächeln wurde noch herzlicher. Nichts macht Father Ben glücklicher als jemand, der gern ehrenamtlich arbeitet.
»Kate, ich habe gehofft, dass wir uns heute sehen. Delores hat mir erzählt, dass Sie sich die Gaben und Spenden im Archiv vornehmen wollen.«
»Stimmt«, erwiderte ich. Ganz ehrlich – ich hätte ihm gern die Wahrheit gesagt, aber die mir jahrelang eingetrichterten strengen Regeln der Forza machten das unmöglich.
»Ich wollte etwas mehr tun, als nur die Listen abtippen. Schließlich weiß ich, dass es dort unten ziemlich viel Arbeit gibt.«
»Das ist milde ausgedrückt«, erklärte
er.
»Ich helfe immer gern.« Eigentlich klang ich viel zu eifrig für
jemand, der sich freiwillig in einen dunklen Raum setzen und
verstaubte Kartons voller Spinnweben durchschauen wollte. Doch es
gelang mir nicht, mein Interesse zu unterdrücken.
Zum Glück bemerkte Father Ben meinen Enthusiasmus entweder nicht,
oder er fand ihn nicht seltsam. Und selbst wenn er es getan hätte –
warum hätte er etwas sagen sollen? Schließlich hatte er in mir
einen willigen Sklaven vor sich stehen. Warum sollte er so jemanden
beleidigen, indem er ihn für verrückt erklärte?
Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und waren gerade dabei,
uns zu verabschieden, als Allie und Timmy hüpfend auftauchten. (Der
Fairness halber muss gesagt werden, dass Timmy hüpfte. Allie lief
hinter ihm her, und ihr Gesicht zeigte wieder einmal die mir so
vertraute Mischung aus Entnervtsein und Belustigung. Ich kannte
diese Miene nur allzu gut; schließlich hatte ich sie früher selbst
weit mehr als einmal aufgesetzt.)
»Mami! Fang ihn!«
Ich breitete die Arme aus und schaffte es, meinen hüpfenden Racker
zu fangen und hochzuheben. »Hab dich!«
Er kicherte und machte sich absichtlich so schwer wie möglich. Ich
setzte ihn auf den Boden, und er quietschte vergnügt: »Nicht
kitzeln, Mami!« Ganz offensichtlich wollte er nichts dringender als
das. Ich tat ihm den Gefallen und schaffte es dabei, seinen
strampelnden Beinen auszuweichen. Während er quietschte und
kreischte, hob ich ihn erneut hoch und ließ ihn mit dem Kopf nach
unten baumeln, um mich von Father Ben zu verabschieden und ihm noch
einmal zu versichern, dass wir uns am nächsten Vormittag sehen
würden.
Erst als Allie und ich zum Wagen gingen – ich mit einem schweren
Bündel unter dem Arm –, wurde mir auf einmal klar, was ich da
vereinbart hatte. Ich konnte wohl kaum einen ganzen Tag damit
verbringen, Akten zu wälzen, während ein quengelndes Kleinkind an
mir hing. Es gelang mir kaum jemals, mich hinzusetzen, um meine
E-Mails durchzusehen, ohne dass Timmy einen Tobsuchtsanfall bekam.
Mehrere Stunden in einem Kellergewölbe mit ihm zu verbringen und
dabei zu erwarten, dass er sich benahm, war ganz einfach
unrealistisch.
Stirnrunzelnd dachte ich nach. Ich konnte zwar auf Laura zählen,
dass sie manchmal auf ihn aufpasste, aber wenn ich nicht großes
Glück hatte (was ziemlich unwahrscheinlich war, wenn ich bedachte,
wie sehr mich das Glück in letzter Zeit vernachlässigt hatte),
würde ich wahrscheinlich nicht vor Mitte der Woche erfahren, ob sie
überhaupt Zeit hatte.
Was bedeutete das also? Ich musste eine Tagesbetreuung für Timmy
finden. Ein solcher Aufwand ließ sich schlecht vor Stuart geheim
halten. Doch allein die Vorstellung, mit ihm darüber diskutieren zu
müssen, löste bei mir Magenkrämpfe aus – wie übrigens auch die
Idee, meinen Kleinen während des Tages einer wildfremden Person
überlassen zu müssen.
Allie musste meine Miene aufgefallen sein, als ich Tim in seinem
Kindersitz festschnallte. Sie sah mich aufmerksam an und machte den
Mund auf, um etwas zu sagen, entschied sich dann aber dagegen. Doch
da sie erst vierzehn war, änderte sie gleich darauf wieder ihre
Meinung. »Mami?«
»Ja, Schatz?«
»Ach, nichts. Nicht so wichtig.«
Ihre Stimme sagte mir etwas anderes. Aber in diesem besonders
schlechten Mami-Moment gab ich vor, viel zu sehr mit meinem Sohn
beschäftigt zu sein. Ich zog ein letztes Mal an Tims Gurt und
reichte ihm seine Schnabeltasse und Boo Bear. Dann ging ich um den
Minivan herum zur Fahrertür. Als ich hinter dem Steuer saß, hatte
sich Allie ebenfalls angeschnallt. Es schien ihr gut zu gehen, aber
sie zupfte an ihren Fingernägeln und löste dabei den lilafarbenen
Glitzerlack ab, den sie gemeinsam mit Mindy am Abend zuvor so
umständlich aufgetragen hatte.
Verdammt.
Mir graute es davor, Fragen beantworten zu müssen, die ich nicht
hören wollte; aber gleichzeitig durfte ich nicht immer automatisch
davon ausgehen, dass es nur um mich ging. Soweit ich wusste, war
Allie in einen der Ministranten verknallt.
Ich wartete, bis ich die kurvenreiche Straße, die von der
Kathedrale zum Pacific Coast Highway führte, hinuntergefahren war.
Dort bog ich nach Norden zu unserem Haus ab. Der Pazifik befand
sich zu meiner Linken und meine Tochter – in seltsam stiller Laune
– zu meiner Rechten.
»Gibt es etwas, worüber du sprechen möchtest, mein
Schatz?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Keinahnung.« Ich dachte einen Moment
lang nach und legte dieses Genuschel dann als »Keine Ahnung« aus.
Aha! Schon mal ein kleiner Schritt in die richtige
Richtung.
»Machst du dir wegen morgen und der Schule Sorgen?«
Wieder Achselzucken, diesmal gemeinsam mit einem
»‘scheinlich«.
Das war doch schon etwas. Ich war mir zwar ziemlich sicher, dass
sie momentan nicht an die Schule dachte, aber da ich sonst nichts
hatte, woran ich mich halten konnte, packte ich die Gelegenheit
beim Schopf. »Das wird bestimmt super. Du und Mindy – ihr habt doch
zusammen drei Fächer, oder nicht? Außerdem gehen die meisten deiner
Freunde aus der JuniorHigh nach Coronado. Du wirst sehen – in
weniger als einem Monat hast du bereits vergessen, dass du dir
jemals Sorgen gemacht hast.«
Hinter uns war Timmy in eine ernste Unterhaltung mit Boo Bear
vertieft. Ich warf einen Blick auf den Rücksitz. Er schenkte mir
ein schläfriges Lächeln, um dann den zerzausten Bären noch fester
an sich zu drücken. Diesmal brauchte ich keinen Blick auf die Uhr
zu werfen, um zu wissen, dass es Zeit für sein Schläfchen
war.
»Ich weiß«, sagte Allie, die noch immer an ihren Fingernägeln
zupfte. »Das ist es auch gar nicht.«
»Geht es um Jungs?«
»Mutter!« Sie setzte sich aufrecht hin, warf den Kopf in den Nacken
und seufzte genervt auf. Na also – das war das Mädchen, das ich
kannte. »Ich denke doch nicht ständig an Jungs.«
»Gut zu wissen«, entgegnete ich. Um ihr nicht zu zeigen, dass ich
lächeln musste, hielt ich den Blick auf die Straße gerichtet.
»Freut mich, zu hören.«
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie nun völlig genervt den Kopf
schüttelte.
Nun wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Also schwieg ich
während der nächsten Kilometer. Zumindest brütete sie nicht mehr
vor sich hin, was ich als kleinen Sieg verbuchte. Wenn sie sich
tatsächlich keine Sorgen um die Schule oder Gedanken über Jungs
machte, dann blieb leider allerdings nur noch die Familie übrig.
Oder irgendein Problem, von dem ich bisher nichts wusste.
Keine der beiden Möglichkeiten gefiel mir.
Timmys leises Schnarchen drang an mein Ohr, und ich bemerkte erst
jetzt, dass ich mein Zeitfenster verpasst hatte. Eigentlich hätte
ich im Affenzahn nach Hause rasen müssen, um ihn so schnell wie
möglich in sein Bettchen zu legen. Jetzt war er bereits im Auto
eingeschlafen. Bisher hatte ich es noch nie geschafft, ihn ins Haus
zu tragen, ohne ihn dabei aufzuwecken. Und sobald er einmal wach
war, blieb er das auch für den restlichen Tag.
Ich liebe meinen kleinen Mann, aber ich liebe ihn noch mehr, wenn
er mittags zwei Stunden geschlafen hat. Sie können mir glauben:
Fünfzehnminütige Nickerchen führen zu einer grauenvollen
Gereiztheit. Und zwar sowohl beim Kleinkind als auch bei seiner
Mami.
Ich dachte kurz nach und trat dann auf das Bremspedal, als wir die
California Avenue erreichten; diese Hauptdurchgangsstraße teilt San
Diablo in den Ost- und den Westteil. Ich bog rechts ein und fuhr in
Richtung Osten geradeaus, bis wir schließlich ins Zentrum der Stadt
kamen.
»Wohin fahren wir?«, wollte Allie wissen.
»Was hältst du vom Einkaufszentrum?«
Sie warf mir einen misstrauischen Blick zu. »Wieso? Was willst du
da?«
»Tim schläft. Wenn wir jetzt nach Hause fahren, müssen wir uns mit
einem mies gelaunten Jungen herumschlagen.«
»Du lässt mich also shoppen gehen, während du bei Tim im Wagen
bleibst?« Ihrem Tonfall nach zu urteilen, vermutete sie, dass noch
irgendein Haken an der Sache sein musste.
»Entweder das, oder wir bleiben gemeinsam im Auto, und du kannst
auf dem Parkplatz herumfahren, bis er aufwacht.«
Jetzt hatte ich ihr Interesse geweckt. »Echt? Wahnsinn! Du erlaubst
mir, mit dem Auto zu fahren?«
»Ganz langsam, nur auf dem Parkplatz und mit mir auf dem
Beifahrersitz. Unter diesen Bedingungen kannst du es gern einmal
versuchen.«
In Kalifornien darf man bereits mit sechzehn Jahren Auto fahren
(allerdings nur, wenn ein Erwachsener daneben sitzt), aber man kann
mit fünfzehn eine Lernlizenz beantragen. Uns blieben also noch elf
Monate. Ich hatte Stuart erklärt, dass ich Allie so früh wie
gesetzlich möglich hinter dem Steuer sehen wollte. Auch wenn mir
die Vorstellung, dass meine Tochter eine Tonne Metall bewegte,
während sie mit 80 km/h dahinfuhr, nicht sonderlich gefiel, so
wusste ich doch: Nur Übung macht den Meister.
Mein jetziger Plan, auf dem halb leeren Parkplatz des
Einkaufszentrums herumzufahren, war zwar nicht legal, aber das
kümmerte mich wenig. Auf diese Weise würde Timmy genügend Schlaf
bekommen, und Allie hatte ihren Spaß. Außerdem war ich bereits mit
vierzehn durch ganz Rom gekurvt. Allie führte zum Glück ein anderes
Leben, aber sie sollte trotzdem eine selbstsichere und
verantwortungsbewusste Frau werden.
Momentan starrte mich diese zukünftige Frau mit offenem Mund an.
»Wer bist du? Und was hast du mit meiner Mutter gemacht?«
»Sehr lustig«, erwiderte ich. »Sehr originell.«
»Du meinst es also ernst?«
»Nein, in Wahrheit lüge ich dich an, um dich so richtig zu quälen,
damit du später einmal ein Buch über deine schreckliche Kindheit
und Jugend schreiben, Millionen verdienen und dich frühzeitig aus
dem Berufsleben zurückziehen kannst. Das alles tue ich nur aus
Liebe zu dir, mein Schatz.«
»Du bist echt krass, Mami.«
»Habe ich schon öfter gehört.«
Wir erreichten den Eingang zum Parkplatz, und ich bog nach rechts
ab, vorbei an den griechischen Säulen, die meiner Ansicht nach in
der kalifornischen Küstenlandschaft lächerlich wirken. Die
Architekten hatten sich jedoch leider nicht die Mühe gemacht, mich
nach meiner Meinung zu fragen, und so war das ganze Einkaufszentrum
unter einem absurden olympischen Thema erbaut worden.
Wie erwartet, war der Parkplatz in der Nähe des Restaurantkomplexes
voll. Aber dort, wo die meisten Geschäfte lagen, stand kaum ein
Wagen.
Ich parkte, ließ den Motor an und stieg aus. Während ich um das
Auto zur Beifahrertür herumging, klappte Allie die Armlehne hoch
und kletterte auf den Fahrersitz. Sichtlich zufrieden machte sie es
sich hinter dem Lenkrad bequem. Als ich mich neben sie setzte, war
sie bereits damit beschäftigt, die Spiegel einzustellen.
»Fertig?«, fragte ich.
»Ja, das ist wirklich super. Mindy wird sicher ganz blass vor Neid
werden.«
»Jetzt wollen wir uns erst einmal auf dieses extrem schwere Gefährt
konzentrieren und später darüber nachdenken, wie du damit angeben
kannst. Okay?«
»Klar, Mami«, erwiderte sie überglücklich.
Ich machte meinen Gurt los, den ich schon geschlossen hatte, um
mich noch einmal umzudrehen und nachzusehen, was Timmy so trieb.
Dann lehnte ich mich, so weit es ging, zurück und kontrollierte
seinen Gurt, indem ich vorsichtig daran zog. Er war sicher
angeschnallt und schlief tief und fest. Also setzte ich mich wieder
gerade hin und schnallte mich ebenfalls an. Allie neben mir rollte
mit den Augen.
»Das Vorrecht der Eltern«, erklärte ich. »Selbst wenn du die beste
Fahrerin auf der Welt wärst, dürfte ich mir immer noch Sorgen
machen.«
Sie machte sich nicht einmal die Mühe, mir zu antworten, sondern
beugte sich nur vor, um den Wagen anzulassen. Da dieser aber
bereits fröhlich vor sich hin schnurrte, gefiel ihm diese
Misshandlung gar nicht. Er knurrte laut auf, was meine Tochter
erschreckt zusammenzucken ließ.
»Ist nicht schlimm«, meinte ich. »Mir passiert das auch immer
wieder.«
Der zweite Versuch lief glatter, und sie fuhr ein wenig zögerlich
vorwärts. Schon bald fühlte sie sich sichtlich wohler.
»Nicht schlecht«, lobte ich sie. »Du scheinst keine Anfängerin zu
sein.«
Sie grinste mich zufrieden an, und ich spürte, wie stolz sie war.
»Nicht mehr ganz«, sagte sie. »Aber den Van durfte ich bisher noch
nie fahren.«
Das stimmte. Ehe wir den Van kauften, erlaubten Stuart und ich
meiner Tochter manchmal, mit unserem alten Corolla über den
Parkplatz der Highschool zu kurven. Mit Stuarts neuem Flitzer würde
das wohl erst möglich sein, wenn der ganze Stolz meines Mannes
seinen Neuwagen-Geruch verloren hatte.
Ich wies auf eine freie Fläche, und Allie kurvte eine Weile dort
herum. Sie fuhr ein paar Achten und schaltete schließlich in den
Rückwärtsgang, um dann eine schnurgerade Rückwärtslinie
hinzulegen.
»Angeberin«, sagte ich, aber sie konnte hören, dass ich stolz auf
sie war.
Allie hielt an, wechselte den Gang und fuhr dann so lange immer
schneller, bis sie gute dreißig Kilometer pro Stunde erreicht
hatte. Ihre Augen waren auf die Straße gerichtet, und sie sprach
zuerst so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. »Papa hat mich
manchmal fahren lassen.«
»Was?« Ich hatte die Worte zwar wahrgenommen, aber nicht begriffen,
was sie bedeuteten.
»Papa hat mich fahren lassen«, wiederholte sie – diesmal lauter.
Sie klang beinahe trotzig, so als ob sie mir bedeuten wollte, dass
ich ihr ja nicht widersprechen sollte.
Ich zog an meinem Gurt, damit er nicht mehr so stark in meine
Schulter schnitt, und drehte mich zu ihr. »Wann war das?« Meine
Stimme klang ruhig, doch mein Herz pochte heftig. Und das nicht
nur, weil Eric erwähnt worden war. Mir war nicht klar, woher ich es
wusste – vielleicht durch ihren Tonfall oder ihr Benehmen –,
jedenfalls war mir klar, dass wir nun das Thema berührt hatten, das
sie zuvor so beschäftigt hatte. Darum war es also gegangen – um
Eric. Jetzt musste ich verdammt aufpassen, nicht das Falsche zu
sagen.
»Als ich noch klein war. Ich glaube, ich war so sechs oder sieben.
Er nahm mich auf den Schoß. Während er die Pedale bediente, die ich
ja nicht erreichen konnte, durfte ich lenken. Er hat mir immer
gesagt, das wäre unser kleines Geheimnis.«
»Eric«, flüsterte ich und schüttelte den Kopf. »Du Verrückter.«
Eric liebte es, solche Geheimnisse zu teilen, kleine Dinge, von
denen nur er und ein anderer wussten. Auch unsere Ehe hatte so
begonnen. Drei Monate vor unserem offiziellen Abschied hatten wir
in einer kleinen Kirche in Cluny geheiratet. Wir hatten niemandem
davon erzählt, und diese Monate vor unserer offiziellen Hochzeit
waren für uns etwas ganz Besonderes gewesen.
Er hinterließ manchmal auch geheimnisvolle Notizen oder Geschenke,
auf denen kein Name stand. Die Erinnerungen daran waren mir stets
wichtig gewesen, aber nach Erics Tod gewannen diese Gesten einen
neuen Stellenwert. Ich hatte es oft bedauert, dass er gestorben
war, ehe er solche Geheimnisse mit seiner Tochter teilen
konnte.
Doch das war er gar nicht. Ich hätte es eigentlich wissen müssen:
Eric wäre nie gestorben, ohne ein oder zwei besondere Erinnerungen
für Allie zu hinterlassen. Das hätte nicht zu ihm
gepasst.
»Mami?« Sie trat vorsichtig auf die Bremse und hielt den Wagen
an.
Da fiel mir erst auf, dass ich weinte. Hastig wischte ich die
Tränen weg. »Entschuldige, Schätzchen. Ich habe die Geheimnisse
deines Vaters immer geliebt und bin so froh, dass auch ihr welche
hattet.«
Sie presste die Lippen zusammen, und für einen Moment glaubte ich,
dass auch sie weinen würde. Das tat sie jedoch nicht. Stattdessen
zuckte ihr Mundwinkel ein wenig, und ihre Wangen röteten sich. Ich
verstand, dass das Fahren nur eines ihrer gemeinsamen Geheimnisse
gewesen war, und innerlich dankte ich Eric dafür. Er hatte uns zwar
unerwartet früh verlassen, doch es war ihm gelungen, seiner Tochter
ein kleines Erbe mit auf den Weg zu geben.
Ich streckte die Hand aus und drückte Allies Finger. Sie erwiderte
meinen Druck und zog dann ihre Hand weg. Als sie wieder begann, an
ihrem Nagellack zu kratzen, wurde mir klar, dass wir bis zum Kern
des Problems noch nicht vorgestoßen waren. Ich schwieg. Früher oder
später würde sie mir davon erzählen – da war ich mir
sicher.
Als sie den ersten Gang einlegen wollte, wurde mir klar, dass es
wohl eher später sein würde. Doch da ließ sie die Gangschaltung los
und zog bei laufendem Motor die Handbremse. »Hat er irgendetwas
damit zu tun? Ich meine – Papa?«
Das war eigentlich nicht die Frage, die ich erwartet hatte. Zum
Glück betrachtete sie das Lenkrad und nicht mich. »Womit? Was
meinst du?«
»Du weißt schon. Mit dieser Selbstverteidigung. Und heute mit der
Kirche. Du hast mich schon lange nicht mehr mitgenommen. Und jetzt
plötzlich …«
Nicht gerade auf den Kopf gefallen, die Kleine. »Warum glaubst du,
dass das etwas mit deinem Vater zu tun haben könnte?«
»Weiß nicht«, erwiderte sie, auch wenn das offensichtlich nicht
stimmte. »Ich meine, ich finde das ganze Kickboxen echt cool, aber
…« Sie zuckte mit den Achseln.
Ich schaute sie aus schmalen Augen an und bemühte mich, zu
verstehen, was gerade in meiner Tochter vorging. »Aber –
was?«
»Diese ganzen Sachen hast du doch immer mit Papa gemacht«,
erwiderte sie. »Und gestern fingst du plötzlich mit dem Typen
an.«
Mein Herz zog sich zusammen. »Daran erinnerst du dich noch?« Meine
Stimme war kaum zu hören. Eric und ich fochten manchmal, als Allie
etwa in Timmys Alter war, vielleicht auch ein bisschen älter.
Später jedoch – als wir ein zufriedenes, dämonenloses Dasein
führten – trainierten wir nicht mehr. Es war anstrengend genug
gewesen, einem Kleinkind hinterherzurennen, und wir hatten es viel
zu sehr genossen, Eltern zu sein, als dass wir uns noch mit so
etwas Nebensächlichem wie Sport aufhalten wollten.
»Vage«, antwortete sie. »Ich erinnere mich noch daran, dass ich
manchmal mitspielen durfte. Ich hatte meinen eigenen Degen und
so.«
Ich wusste zwar, dass meine Stimme zittern würde, aber ich musste
ihr antworten. »Den gibt es immer noch.« Es war eigentlich ein
kleiner Plastiksäbel, den Eric einmal in einem Spielzeugladen
entdeckt hatte. »Ich habe ihn zusammen mit meiner Ausrüstung
weggepackt. Er ist irgendwo im Schuppen verstaut.«
Sie verschränkte die Arme und sah mich an. »Und warum willst du
jetzt wieder damit anfangen? Und weshalb mit ihm?«
»Er ist ein Freund und er ist ganz gut. Nur deshalb.« Wenigstens
wusste ich jetzt, warum Allie Larson gegenüber so abweisend gewirkt
hatte. Ich strich ihr über den Arm. »Was jedoch das Kickboxen mit
dir betrifft, so hielt ich es einfach für eine gute Idee, etwas
gemeinsam zu machen. Außerdem hätte es deinem Vater bestimmt
gefallen, wenn du dich im Notfall verteidigen kannst.« Ich vermied
es, ihre Frage nach dem Warum zu beantworten. Schließlich wollte
ich meine Tochter nicht mehr als nötig belügen. »Du kannst mir
glauben, Kleines, ich würde nie etwas tun, was deine Erinnerungen
an deinen Vater kaputt macht.« »Ich weiß.« Sie schniefte. »Er fehlt
mir einfach. Das ist alles.« »Ich weiß, mein Liebes«, erwiderte
ich. »Mir fehlt er auch.«
Der Nachmittag verlief so wie die meisten unserer Sonntagnachmittage, obwohl ich zugeben muss, dass sowohl Allie als auch ich uns mehr als gewöhnlich um Stuart kümmerten. Es ist schon erstaunlich, was ein schlechtes Gewissen so alles bewirken kann.
Nach dem Essen klimperte Tim eine Weile auf seinem Xylophon, und Allie begleitete ihn auf der Bongo-Trommel. Stuart und ich rundeten das Ganze ab, indem wir auf Tims Mundharmonika spielten und sangen. (Wir hatten versucht, zur Abwechslung einmal nicht mit zu musizieren, aber Timmys »Du auch spielen, Mami« ist nicht leicht zu widerstehen.) Nach dem Konzert, einem Bad und verschiedenen Büchern wie Die kleine Raupe Nimmersatt (zweimal), Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab (einmal) und Gute Nacht, kleiner Bär (dreimal), gelang es uns schließlich, Tim davon zu überzeugen, dass er Super-Pyjama-Mann sei und es Zeit für ihn, seinen Pyjama und Boo Bear wäre, ins Bett zu gehen, wo sie zu dritt für Frieden, Gerechtigkeit und so weiter kämpfen konnten.
Blödeleien funktionieren bei uns eigentlich
immer. Allie blieb noch ein Weilchen wach, wobei sie längere Zeit
zwischen ihrem Zimmer und dem Wohnzimmer hin- und herlief, um mir
die verschiedenen Kleider-Kombinationen vorzuführen, die für den
nächsten Tag infrage kamen. Obwohl sie tütenweise neue Klamotten
mit nach Hause gebracht hatte, entschloss sie sich am Ende doch,
ihre Lieblingsjeans, ein schlichtes weißes T-Shirt und einen neuen
pinken Pulli (um fünfundsiebzig Prozent reduziert) zu tragen. Der
innere Kampf, ehe sie diese wichtige Entscheidung traf, dauerte
alles in allem zweieinhalb Stunden.
Nachdem sie ins Bett gegangen war – und mir vorher halbherzig
versprochen hatte, Mindy diesmal nicht mehr anzurufen und die ganze
Nacht am Telefon zu verbringen –, öffneten Stuart und ich eine
Flasche Merlot, schoben Patton – Rebell in Uniform in den
DVD-Spieler und machten es uns auf der Couch bequem. (Er wählte den
Film, ich stimmte aus schlechtem Gewissen zu. Das hatte ich nun
davon.)
Er legte zärtlich den Arm um mich, und ich schmiegte mich an ihn.
»Es tut mir leid, dass ich in letzter Zeit so beschäftigt war«,
sagte er. »Und es wird wahrscheinlich noch schlimmer.«
»Ich weiß. Ist schon in Ordnung.« Es war sogar mehr als in Ordnung.
Ich zählte darauf, dass Stuart beschäftigt genug war, um die neuen
außerplanmäßigen Aktivitäten seiner Frau nicht zu bemerken. Ich hob
den Kopf, um ihm einen Kuss zu geben. »Das ist sehr wichtig für
dich, Liebling.«
Er streichelte mir über das Haar. »Du bist wirklich die Beste. Das
weißt du doch, nicht wahr?«
Ich lachte ein wenig gezwungen. »Ich bin nicht die Beste, aber ich
verspreche dir, dass ich versuche, es zu werden. Ich werde zwar
sicher nie den ersten Preis bei einem Hausfrauenwettbewerb
gewinnen, aber wenn wir Glück haben, vermassle ich dir auch nicht
deine Chance, gewählt zu werden.«
»Das wird bestimmt nicht passieren«, sagte er. »Schließlich ist es
dir gelungen, Larson in weniger als vierundzwanzig Stunden für dich
zu gewinnen.«
»Ja, stimmt. Wir haben uns eben auf Anhieb verstanden.«
»Wer würde sich nicht auf Anhieb mit dir verstehen?«
Ich antwortete nicht, sondern tat so, als ob ich plötzlich davon
fasziniert wäre, wie Patton eine Pistole zog und auf ein deutsches
Flugzeug schoss. Stuart folgte meinem Beispiel, und danach schauten
wir uns in Ruhe den Rest des Films an.
Ich fühlte mich zwar sehr wohl bei Stuart und genoss sogar den Film
(kaum zu glauben!), aber mich so ganz zu entspannen gelang mir
nicht. Da draußen brauten sich unheimliche Dinge zusammen, und ich
wusste nicht, was. Es lag außerhalb meiner Reichweite. Wenn ich
doch nur die Hand ein wenig weiter ausstrecken und danach hätte
greifen können –
»He.« Stuarts Stimme klang weich, als er mir erneut über das Haar
streichelte. »Du wirkst heute Abend irgendwie so
abwesend.«
»Tut mir leid, ich habe nur an etwas gedacht. An Allie. Und die
Highschool. Dass meine Kleine allmählich erwachsen wird.« Eine
weitere Lüge. Wie viele waren das inzwischen? Ich hatte die
Übersicht verloren und fragte mich, wie viele wohl noch folgen
würden.
Meine zwei Welten rasten mit beängstigender Geschwindigkeit
aufeinander zu. Ich wollte nichts anderes, als meine Welt mit
Stuart und den Kindern in Sicherheit zu wissen. Sicher verstaut in
einer kleinen Schachtel wie ein wertvoller Weihnachtsschmuck. Aber
mein altes Leben hatte begonnen, wieder aufzuerstehen, und ich
hatte Angst, dass Stuart eines Morgens aufwachen, mich ansehen und
mein Geheimnis erkennen würde. Oder – was noch schlimmer gewesen
wäre – dass er eines Morgens aufwachen und neben sich einen Dämon
im Bett vorfinden würde.
Ich schlang meine Arme um ihn und küsste ihn – zuerst heftig und
dann immer sanfter, bis ich spürte, wie er sich entspannte und
seinen Mund öffnete. Er hielt mich fest und zog mich ganz nahe an
sich. Ich wollte ihm noch näher sein, wollte mich an ihn schmiegen,
mich in diesem Mann verlieren. Ich wollte, dass er sich um mich
sorgte. Zumindest wollte ich meine Verantwortung, meine Versprechen
und meine Vergangenheit einen Moment lang vergessen.
»Womit habe ich das verdient?«, fragte er in einem Tonfall, der
suggerierte, dass er gern noch mehr davon hätte.
»Darf ich denn nicht meinen eigenen Mann verführen?«
»Jederzeit.«
»Gut, dann sofort«, erwiderte ich.
Ein vertrautes Blitzen schimmerte in seinen Augen auf – das
Funkeln, das jeder Mann bekommt, wenn ihm klar wird, dass er mal
wieder Glück hat. Als er mich an sich zog, war Patton schon
vergessen.
Ich bin nicht dumm. Ich wusste natürlich, dass dies meine Probleme
nicht lösen würde, dass weder meine Sorgen noch die Bedrohung durch
Goramesh verschwinden würden. Dadurch würde ich nicht einmal meine
Erinnerungen an Eric vertreiben.
Aber ich wollte es. Ich wollte Stuart. Diesen Mann. Dieses
Leben.
Ich musste mein gegenwärtiges Dasein ganz nahe um mich spüren, es
so weich und warm wie eine Wolldecke um mich gelegt wissen. Denn
meine Vergangenheit hatte begonnen, an den Fäden dieser Decke zu
zupfen und zu zerren, und ich hatte schreckliche Angst, dass sich
das perfekte Leben, das Stuart und ich uns gemeinsam aufgebaut
hatten, in einem einzigen Moment auflösen könnte, wenn ich nicht
aufpasste.
Und wo würde ich dann sein?
Oder vielmehr – wer würde ich dann sein?
NEUN
Guter Sex vernebelt einer Frau die Sinne. Das ist mir inzwischen klar geworden. Aber als Stuart mich bat, eine weitere Cocktailparty aus dem Boden zu stampfen, befand ich mich noch immer in diesem Zustand absoluter Glückseligkeit. Anscheinend sollte ursprünglich eine seiner Mitarbeiterinnen die Party geben, aber sie hatte sich krankgemeldet. Ich murmelte leise meine Zustimmung und vergrub dann meinen Kopf wieder glücklich, zufrieden und voller Zuversicht (ausgelöst durch den Orgasmus) in den Kissen.
Erst als der Wecker fünf Minuten später schrill
klingelte, wurde mir bewusst, was ich da gerade getan
hatte.
Zu diesem Zeitpunkt verließ Stuart allerdings bereits mit dem Wagen
unsere Einfahrt. Wahrscheinlich übte er seinen Cocktail-Small Talk,
während er ins Fitnessstudio fuhr, um dort früh am Tag ein paar
Runden auf dem Laufband zu drehen. Für einen kurzen Moment
überlegte ich, ob ich ihn nicht auf dem Handy anrufen und absagen
wollte, doch dann ließ ich die Idee fallen. Es war eigentlich keine
große Sache. Nur fünf Paare. Und das war schließlich, wozu ich mich
in meiner Ehe mit Stuart bereit erklärt hatte: Ich wollte meinem
Mann helfen, ihm in Krisen zur Seite stehen, eine gute Frau und
Mutter sein. Er mochte vielleicht ein wenig die Situation
ausgenutzt haben, als er mich um einen Gefallen bat, während mein
Körper noch glückselig prickelte. Aber ich hatte zugesagt, und
jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als auch dabei zu bleiben.
Zudem blieb mir keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Ich musste
die Kinder wecken, alles fertig machen und dann Allie und drei
ihrer Freundinnen zur Schule fahren, ehe dort um Viertel vor acht
die Glocke läutete. Meine Entscheidung jetzt zu bereuen war völlig
sinnlos.
Ich schlüpfte rasch in Jogginghose und T-Shirt und band mein Haar
mit einem Gummi zusammen, ohne es vorher noch lange zu bürsten.
Allie wird vor sieben schrecklich schwer wach, sodass ich zuerst an
ihrem Zimmer an die Tür klopfte. »Aufstehen!«
Ein müdes »Ja!« drang schwach durch die Tür hindurch, und dann
murmelte sie etwas, was ich nicht verstand. So wie ich sie kannte,
brummelte sie gerade etwas wie: »Geh weg, Mami, du
nervst.«
»Heute ist der erste Schultag, Allie! Schon vergessen? Komm schon,
es ist spät!« Das stimmte zwar nicht, aber ich hoffte, dass sie das
etwas in Gang bringen würde.
Als Nächstes ging ich zu Timmys Zimmer. Um diese Zeit – um Viertel
nach sechs – wachte er normalerweise auf, und ich hörte, wie er
tatsächlich bereits leise mit sich selbst sprach. Also öffnete ich
die Tür und begrüßte ihn mit einem fröhlichen »Guten Morgen, Mr.
Tim.«
»MAMI, MAMI, MAMI!«
(Das war doch mal eine nette Begrüßung.) Ich ging zu seinem
Bettchen und freute mich, sein zahnlückiges Strahlen zu sehen. Er
streckte mir Boo Bear entgegen. »Noch müde«, erklärte er.
»Ich auch.« Ich nahm den Bären, gab ihm einen Kuss und sprach dann
mit ernster Miene mit dem Stofftier. »Boo Bear, Timmy muss jetzt
aufstehen. Was meinst du? Zeit für eine frische Windel?«
Ich gab weder dem Bären noch dem Jungen die Möglichkeit zu
antworten. Stattdessen schleppte ich sie beide den kurzen Weg zur
Wickelkommode. Weniger als zwei Minuten später (ich habe einige
Jahre Übung hinter mir) hatte Timmy eine frische Windel und saubere
Kleidung an, und wir gingen gemeinsam hinunter ins Wohnzimmer. Dort
setzte ich ihn auf das Sofa, legte einen Kinderfilm ein, schaltete
den Fernseher an und ging in die Küche, um ihm seine Schnabeltasse
mit Milch warm zu machen.
Fünfundvierzig Sekunden später hielt Timmy die Tasse in seinen
molligen kleinen Händen, und ich eilte erneut nach oben, um noch
einmal an Allies Tür zu hämmern. Währenddessen hielt ich das
schnurlose Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und wartete
darauf, dass Laura abhob.
»Nervenheilanstalt Dupont«, meldete sich meine Freundin, die
offenbar gesehen hatte, wer anrief.
»Wie läuft es?«
»Die Insassen sind ziemlich ruhelos«, sagte sie.
»Wenigstens sind sie schon auf.« Ich hämmerte erneut an Allies Tür.
»Steh endlich auf, Allie! Auf der Stelle! Wenn du bis zwanzig nach
sieben nicht fertig bist, fahre ich ohne dich.« Der erste Tag eines
Fahrdienstes stellt immer eine Herausforderung dar, und ich wusste
noch nicht, wie sich Karen und Emily verhalten würden. Falls sie zu
denjenigen gehörten, die ebenfalls herumtrödelten und auf die man
mit laufendem Motor und regelmäßigem Hupen warten musste, wollte
ich eine gewisse Pufferzeit haben.
Ich konzentrierte mich wieder auf mein Telefongespräch. »Was hast
du heute Vormittag vor?«
»Wäsche waschen«, erwiderte sie und klang dabei so begeistert, als
läge eine Wurzelbehandlung vor ihr. »Carla weigert sich nämlich,
sich darum zu kümmern.« Carla kommt zweimal im Monat, um Laura bei
den großen Dingen im Haushalt zu helfen. Darum beneide ich sie
sehr. Eines Tages kann man Carla hoffentlich klonen, denn ich will
auch eine. »Und Rechnungen begleichen. Ich könnte mich allerdings
überreden lassen, das Ganze zu verschieben«, fügte Laura hinzu.
»Falls du eine bessere Idee hast, meine ich.«
»Das nicht gerade«, sagte ich, während ich wieder nach unten ging.
»Ich habe eigentlich gehofft, dass du mir einen Gefallen tun
könntest.«
»Oje.«
»Da Mindy jetzt ein Teenie ist, vermisst du doch sicher das Tapsen
kleiner Füße.«
»Du machst wohl Scherze«, erwiderte sie gespielt empört, doch ich
konnte die Belustigung in ihrer Stimme hören. Innerlich schickte
ich ein stilles Dankeschön gen Himmel. »Rück schon damit heraus,
was du willst.«
»Ich brauche einen Babysitter.«
»Oh, wirklich?« Sie klang interessiert. »Und welches aufregende
Rendezvous erwartet dich?«
»Leider überhaupt nichts Aufregendes.« Ich erzählte ihr rasch eine
kurze, wenn auch nicht vollständige Version der Wahrheit, und zwar
behauptete ich, etwas für die Kirche erledigen zu müssen.
Laura wirkte neugierig, hakte aber nicht nach, und ich lieferte
auch keine Erklärung. Als sie zusagte, sich um den kleinen Racker
zu kümmern, schwor ich ihr für den Rest meines Lebens ewige Treue
und Dankbarkeit.
»Du könntest mich auch einfach auf einen Käsekuchen in das neue
Café einladen«, schlug sie vor, »und dann sind wir quitt.« Für
einen Moment überlegte sie. »Oder handelt es sich hier um eine
länger andauernde Krise?«
»Hoffentlich nur um ein oder zwei Tage«, meinte ich und zog eines
dieser
Ich-weiß-ich-bin-böse-aber-ich-brauchetrotzdem-deine-Hilfe-Gesichter,
das sie natürlich am anderen Ende der Leitung nicht sehen konnte.
»Ich hoffe, bald eine Tagesstätte gefunden zu haben.«
»Wirklich?« Ihre Verblüffung überraschte mich nicht. Ich hatte ihr
schon oft erklärt, wie gern ich als Mutter und Hausfrau zu Hause
blieb (was ich auch tue). »Zwei Tage, zwei Stück Käsekuchen«,
erklärte sie, um einen auf knallharten Babysitter zu
machen.
»Einverstanden. Ich bringe Timmy vorbei, sobald ich die Mädchen in
der Schule abgeliefert habe.« Wir legten auf, und ich blieb einen
Moment lang stehen, um zu lauschen, ob Allie endlich auf war. Die
Dusche lief. Ein gutes Zeichen. Wenigstens musste ich nicht noch
einmal hinauf und sie persönlich im Badezimmer abliefern.
»Mehr Milch«, sagte Timmy, als ich an ihm vorbei in die Küche ging.
»Schokoladenmilch, Mami. Schokolade.«
»Nein, jetzt noch nicht, Schätzchen.« Ich füllte die Schnabeltasse
noch einmal mit langweiliger weißer Milch und öffnete ein Päckchen
Haferflocken, das ich zusammen mit etwas Wasser in eine Schüssel
schüttete. Diese stellte ich in die Mikrowelle und schaltete sie
an. Laura tat mir einen großen Gefallen. Da konnte ich nicht auch
noch erwarten, dass sie dem Kind Frühstück gab.
Zwei Minuten später saß Tim glücklich auf seinem Kinderstuhl und
stocherte mit einem Löffel in dem lauwarmen, klumpigen Haferbrei
herum. Hoffentlich würden es zumindest ein oder zwei Löffel in
seinen Mund schaffen.
Allie stürzte die Treppe hinunter in die Küche, sah das Päckchen
mit Haferflocken auf der Arbeitsplatte und warf mir einen
verächtlichen Blick zu. »Ich möchte nur einen Kaffee«, sagte
sie.
»Du isst Frühstück, junge Dame«, sagte ich und hielt meine
Kaffeetasse besitzergreifend fest. Wir hatten im Laufe des Sommers
einen Kompromiss hinsichtlich des Kaffees gefunden (damals hatte
sich Allie zum ersten Mal so richtig erwachsen gefühlt). Ich fand
es nicht weiter tragisch, dass Allie nun Kaffee trank, vor allem
nachdem ich festgestellt hatte, wie viel Milch und wie wenig Kaffee
in ihrer Tasse landete. Am Frühstück hielt ich jedoch
fest.
»Okay. Wie du meinst.« Sie nahm sich einen Müsli-Riegel aus einer
Schachtel auf dem Kühlschrank und verschwand wieder nach oben, um
sich ganz fertig zu machen. »Make-up?«, rief sie nach
unten.
»Wimperntusche und Lipgloss«, antwortete ich.
»Ma-ami!«
»Wir fangen nicht wieder damit an, Allie. Bis du sechzehn bist,
will ich nichts davon hören.« War das nicht schon wieder eine
Schwindelei? Ich wusste, dass sie mich weiterhin damit nerven und
ich irgendwann nachgeben würde. Aber zumindest wollte ich es
schaffen, einen weiteren Monat durchzuhalten.
Sie antwortete nicht, aber ich konnte hören, wie sie empört über
meinem Kopf herumtrampelte.
»Make-up, Mami!«, kreischte Timmy. »Ich will Make-up
haben!«
»Wohl kaum, Schatz. Am besten auch nicht, wenn du sechzehn
bist.«
Anstatt zu schmollen, schleuderte er einen Löffel voll Haferbrei
durch die Küche. Ich sah zu, wie er mit einem leisen Plopp neben
der noch immer fehlenden Scheibe landete, verschob das Wegputzen
aber auf später. Außerdem musste ich endlich einen Glaser anrufen,
der das verdammte Ding ersetzen konnte. Doch erst einmal trank ich
meinen Kaffee und goss mir dann eine weitere Tasse ein.
Verzögerungstaktiken waren mir zur zweiten Natur
geworden.
Allie schaffte es gerade noch nach unten, ehe Mindy an der
Verandatür klopfte. Ich scheuchte die beiden Mädchen zum Auto. Sie
trugen ihre brandneuen Schulrucksäcke, während ich ein Kleinkind,
einen Packen Windeln und eine Handtasche unter dem Arm
schleppte.
Zum Glück blieben wir in keinem Stau stehen. Auch Karen und Emily
waren bereits so weit, als ich vor ihren Häusern hupte. Als Letzte
holte ich Emily ab. Sobald sie eingestiegen war, fuhr ich zur
Highschool, wo ich mich in eine Schlange hinter einem Dutzend
anderer Minivans und Geländewagen einreihte. Ich warf einen Blick
auf einige der Mütter (und ein paar Väter). Soweit ich sehen
konnte, war ich die Einzige, die ungeduscht und mehr oder weniger
unfrisiert ihre Kinder zur Schule brachte. Ich war auch die Einzige
weit und breit, die ein zerknittertes T-Shirt und eine nicht mehr
ganz frische Jogginghose trug. Erschöpft sank ich hinter dem Steuer
ein wenig in mich zusammen und nahm mir vor, das nächste Mal, wenn
ich mit dem Fahren an der Reihe war, eine Viertelstunde früher
aufzustehen.
Als die Wagen sich so weit voranbewegt hatten, dass wir uns in der
Schulauffahrt befanden, öffnete Emily die Tür, und die Mädchen
stiegen aus. Ich erinnerte sie noch rasch daran, dass sie von
Karens Mutter abgeholt würden, um dann wieder eilig nach Hause zu
fahren. Schließlich hatte ich heute nicht viel Zeit.
»Aber sie holt nicht mich und Mindy ab«, erklärte Allie jedoch beim
Aussteigen. »Schon vergessen? Wir wollten nach der Schule noch mit
Ms. Carlson wegen der Cheerleadersache sprechen.«
»Ach ja«, sagte ich. »Hätte ich fast vergessen.« Das hätte ich
auch. (Wieso wurde ein Cheerleader-Treffen eigentlich bereits für
den ersten Schultag angesetzt?) In Gedanken verschob ich meinen
Zeitplan ein wenig, wobei ich sowieso das Gefühl hatte, dass das
alles nicht zu bewältigen war. Aber irgendwie würde ich es schon
schaffen. »Ruft mich doch am besten auf dem Handy an, ehe das
Treffen anfängt, und lasst mich wissen, wann es in etwa vorbei ist.
Heute Abend kommen einige von Stuarts Politiker-Kollegen zu uns,
vielleicht holt euch also Mrs. Dupont ab.«
»Wie auch immer«, erwiderte Allie leicht gelangweilt. Das war
wirklich unfair! Ich bekam fast ein Magengeschwür, weil ich
versuchte, alles unter einen Hut zu bekommen, und sie wusste darauf
nur mit einem lässigen ›Wie auch immer‹ zu antworten.
Ich seufzte. Wie auch immer.
Zehn Minuten später saß ich bei Laura am Küchentisch, vor mir eine
weitere Tasse Kaffee. Ich nickte in Richtung Timmy, der mir
gegenüber platziert und dessen Nase auf Höhe der Tischplatte war.
Laura hatte schon vor langer Zeit den alten Kindersitz weggeräumt.
»Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht?«
»Ganz sicher. Ist schon in Ordnung.« Sie war bereits perfekt
gekleidet und hergerichtet, sodass ich mich noch ungepflegter als
zuvor fühlte.
Ich zeigte auf ihre Kleidung. »Du siehst so aus, als ob du andere
Pläne gehabt hättest.«
Sie winkte ab. »Nein, eigentlich nicht. Paul arbeitet heute Abend
nur schon wieder bis spät in die Nacht hinein, und deshalb dachte
ich, dass es ihn freuen könnte, wenn ich besonders hübsch aussehe,
wenn er mich schon mal zu Gesicht bekommt.«
Ich dachte daran, wie ich heute Morgen ausgesehen hatte, als Stuart
das Haus verließ, und wie ich jetzt aussah. Ich zuckte mit den
Achseln. »Ich bin mir sicher, dass ihn die Geste gefreut hat«,
meinte ich.
Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie eine ironische Bemerkung
machen würde, doch stattdessen wirkte sie nur peinlich berührt und
begann die Spülmaschine auszuräumen. Wahrscheinlich war es das
Beste, das Thema zu wechseln. »Wenn dir Tim irgendwelche Probleme
macht, kannst du mich jederzeit über Handy erreichen. Was seinen
Nachmittagsschlaf betrifft, so leg ihn am besten einfach in die
Mitte deines Bettes und baue ein paar Kissen um ihn herum auf. Dann
kullert er nicht heraus.« Ich überlegte, was sie noch wissen
musste. »In der Tasche hier habe ich Windeln und seine
Schnabeltasse eingepackt, aber falls du noch etwas brauchst
–«
Sie hielt die Hand hoch und lachte. »Kate, du fährst nicht nach
Australien. Und ich habe außerdem einen Schlüssel zu eurem Haus.
Wir werden viel Spaß miteinander haben – keine Angst.«
Ich sah Timmy an, der gerade zufrieden eine Papierserviette in
kleine Stückchen zerfetzte. »Freust du dich darauf, bei Tante Laura
zu sein? Mami muss einige Sachen erledigen, weißt du.«
Er blickte weder auf, noch hielt er im Zerfetzen der Serviette
inne. »Tschüss, Mami, tschüss.«
Laura und ich sahen einander an, und sie unterdrückte ein Lachen.
So viel zu meinem schlechten Gewissen, ihn allein zu
lassen!
Als ich jedoch zur Tür ging, änderte sich Timmys Tonfall. Er bekam
zwar keinen Heulanfall, wimmerte aber genügend, um mein Mutter-Ego
zufriedenzustellen. Ich ging also noch mal zu ihm, umarmte ihn, gab
ihm einige schmatzende Küsse und versprach, bald wieder zurück zu
sein.
Das Auto hatte ich vor Lauras Haus geparkt. Während sie Tim in die
Küche zurückbrachte, setzte ich mich hinter das Steuer und
überlegte für einen Moment, was ich alles zu erledigen hatte:
Duschen, eine Kindertagesstätte finden, Lebensmittel einkaufen, das
Abholen der Mädchen organisieren, tanken fahren – das Übliche also.
Nur zwei Dinge stachen heraus. Ich wollte Allie und mich für einen
Kurs im Kickboxen anmelden und im Archiv der Kathedrale nach etwas
stöbern, was auf Dämonentätigkeit hinwies. Bisher war es mir stets
gelungen, alles auf meinen Listen abzuarbeiten, und auch dieser Tag
würde keine Ausnahme darstellen – da war ich mir sicher. Es waren
einfach nur Aufgaben, die ich – die Super-Mama – ohne
Schwierigkeiten bewältigen würde. No problemo.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Zehn vor neun. Mir
blieben noch neuneinhalb Stunden, bis die CocktailHorden in meinem
Haus einfallen würden.
Ich schaltete den Motor an. Keine Zeit mehr zu vertrödeln. Jetzt
musste ich loslegen. Goramesh mochte vielleicht in San Diablo
eingedrungen sein, aber er würde es bitter bereuen. Ich war
schließlich Kate Connor – Dämonen jagende Super-Mama! Und ich war
mehr als wild entschlossen, ihm das Spiel gründlich zu
verderben.
Zwei Stunden später war ich Kate Connor, entmutigte Mutter eines Kleinkindes. Offenbar brauchte man eine Vollmacht vom amerikanischen Kongress, um sein Kind in einer Krippe oder bei einer Tagesstätte anzumelden. Die drei Einrichtungen, die mir in unserem Viertel aufgefallen waren, hatten ihre maximale Auslastung bereits erreicht. KidSpace, das unbequemerweise auf der anderen Seite der Stadt lag, hatte zwar einen Platz in der Gruppe der Zweijährigen, verlangte dafür aber so viel, dass mir der Atem stockte. Ich wollte mein Kind nur einige Stunden am Tag dort parken, weshalb ich nicht vorhatte, so viel zu zahlen. Die Frau am Telefon gab ein leicht verächtliches Schnalzgeräusch von sich, als ob sie mir damit zeigen wollte, dass ich einen großen Fehler beging. Sie bot mir großmütigerweise an, den Platz für mich bis zum nächsten Tag freizuhalten, wenn ich sogleich eine Kaution von fünfzig Dollar mit meiner Kreditkarte hinterlegte.
Ich lehnte ab.
Ein Dutzend Telefonate später wurde mir klar, welchen Fehler ich
begangen hatte. Wahrscheinlich war es leichter, den Jungen in
Harvard anzumelden. Ich begriff, dass ich Timmy nur in einer Krippe
unterbringen konnte, wenn ich die einzige Gelegenheit, die sich mir
geboten hatte, am Schopf packte – ganz egal, wie unbequem oder
teuer sie auch sein mochte. Bisher hatte ich ja nur die eine
Kindertagesstätte gefunden, die noch einen Platz frei hatte und
zufälligerweise sowohl unbequem weit weg als auch teuer war –
nämlich KidSpace. Es fiel mir verdammt schwer, die Dame ein zweites
Mal anzurufen.
Zum Glück gab es den freien Platz noch, auch wenn in der
Zwischenzeit drei weitere Anfragen eingegangen waren. Diese Mütter
wollten vorbeikommen, um das Ganze in Augenschein zu nehmen. Aber
sie hatten noch keine Kaution hinterlegt, und so könnte sie den
Platz für mich freihalten, wenn ich das wollte …
Diesmal wollte ich. Stuart wäre es wahrscheinlich schwindlig
geworden, wenn er gesehen hätte, wie schnell ich meine Kreditkarte
zückte. War doch egal, dass ich den Kindergarten noch gar nicht
gesehen hatte! Er war voll und offenbar beliebt – oder etwa nicht?
Das musste doch etwas heißen. Falls er sich doch noch als
heruntergekommene Klitsche herausstellte, konnten sie die fünfzig
Dollar behalten. Ein geringer Preis dafür, dass ich nun auf der
Liste ganz oben stand.
Ich erklärte Nadine (der stellvertretenden Leiterin von KidSpace,
die mir auf einmal sehr sympathisch und außerordentlich
liebenswürdig erschien), dass Timmy und ich am nächsten Tag
vorbeikommen würden, um uns alles anzusehen und seine
Kindergärtnerin kennenzulernen. Am Mittwoch sollte Timmy anfangen.
Sie erklärte, dass wir jederzeit willkommen wären, was ich für ein
weiteres gutes Zeichen hielt, denn ein Tollhaus für Kleinkinder
hätte es sicher nicht geschätzt, jederzeit Besuch zu
bekommen.
Inzwischen war es beinahe Mittag, sodass mir nicht mehr viel Zeit
blieb. Trotz meiner noch immer kaum abgearbeiteten Liste hatte ich
das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Im Grunde absurd, wenn man
bedachte, dass ich nur einige Telefonanrufe gemacht und fünfzig
Dollar für das Versprechen ausgegeben hatte, jeden Monat weitere
achthundertfünfundzwanzig Dollar bezahlen zu dürfen.
Stuart würde mich umbringen.
Ich entschloss mich, mir erst einmal nicht allzu viele Gedanken
über derartig Unwichtiges wie Geld zu machen und mich stattdessen
auf meine nächste Aufgabe zu konzentrieren – mich anzuziehen. Ich
hatte auch noch nichts gegessen und wühlte deshalb im hinteren Teil
unseres Gefrierschranks herum, bis ich eine Schachtel mit Keksen
vom letzten Weihnachtsfest entdeckte. Da ich weder gefrühstückt
noch zu Mittag gegessen hatte, nahm ich mir eine Handvoll davon
heraus und ging damit und mit einer Dose Cola Light ins
Badezimmer.
Die Kekse tauten etwas an, während ich duschte. Ich stopfte mir
sechs in den Mund und spülte die süßen Krümel mit einem Schluck
Cola hinunter. Um meine Haare kümmerte ich mich nicht weiter,
sondern kämmte sie nur kurz durch und tat etwas Gel darauf, damit
sie nicht allzu sehr vom Kopf abstanden, wenn sie trocken waren.
(Abgesehen von dem gelegentlichen Pferdeschwanz, gebe ich mir mit
meinen Haaren eigentlich keine große Mühe. Es ist auch sinnlos.
Meine Haare sind dunkelblond und hängen gerade herunter. Ich kann
Lockenwickler oder Haarspray benutzen, alle möglichen Frisuren
ausprobieren; bereits zwei Stunden später sind sie einfach wieder
dunkelblond, schnurgerade und hängen über die Schulter. Zu
besonderen Gelegenheiten stecke ich sie mit einer glitzernden
Spange hoch. Nichts Besonderes, aber meiner Meinung nach reicht das
völlig aus.)
Ich zog eine Jeans und ein Twinset an, das aus einem ärmellosen
Oberteil und einem Jäckchen bestand. Dann schlüpfte ich in meine
bequemen Loafers. Nach einem Moment des Nachdenkens entschloss ich
mich jedoch, sie wieder auszuziehen und stattdessen ein altes Paar
Turnschuhe zu wählen. Es war zwar recht unwahrscheinlich, heute
schon wieder einem Dämon zu begegnen, da ich vorhatte, die meiste
Zeit im Archiv der Kathedrale zu verbringen. Aber es ist immer
besser, sich nicht kalt erwischen zu lassen. Wenn ich die nächste
von Gorameshs Marionetten traf, wollte ich gute Bodenhaftung haben
– und zwar eine verdammt gute.
Auf dem Weg nach unten fiel mir das Fenster ein (das riesige Loch
in der Küche half). Ich warf einen Blick auf meine Uhr, gab ein
unzufriedenes Seufzen von mir und setzte mich dann
notgedrungenermaßen an den Küchentisch, wo noch die Gelben Seiten
aufgeschlagen dalagen.
Ich suchte den Buchstaben G und ließ meinen Finger über das dünne
gelbe Papier wandern, bis ich eine Anzeige entdeckte, die
ansprechend und nicht so aufdringlich wirkte. Nicht gerade die
beste Art und Weise, einen guten Glaser zu finden – das gebe ich
gern zu. Aber ich befand mich in großer Eile. Bereits nach dem
ersten Klingeln wurde abgehoben, und eine freundlich klingende
Stimme schien sogleich zu verstehen, worum es ging, als ich das
übergroße Fenster beschrieb. Von ihrer Professionalität schwer
beeindruckt, fragte ich, ob sie heute noch jemanden vorbeischicken
könnten, um eine neue Scheibe einzusetzen.
Ich hörte, wie die Frau etwas in ihren Computer eingab. Kurz darauf
erklärte sie mir, dass es möglich wäre, wenn ich um vier zu Hause
sei. Außerdem musste ich einen Eil-Aufschlag in Kauf nehmen. Klar,
erwiderte ich, warum nicht? Wir vereinbarten alles Nötige, und erst
danach kam ich auf die Idee, sie zu fragen, wie viel es in etwa
kosten würde.
Sie wich einer klaren Antwort aus, indem sie erklärte, dass man die
Kosten nur vor Ort feststellen könnte, nannte mir dann aber eine
Zahl, die mir den Atem verschlug. Zwei Sekunden lang überlegte ich
mir, ob ich einfach auflegen sollte, während ich meine Fingernägel
betrachtete. Doch ich hatte eigentlich keine Zeit, mir verschiedene
Kostenvoranschläge nennen zu lassen, und außerdem wollte Stewart
das Fenster repariert haben, ehe die Cocktailparty stieg (die für
halb sieben geplant war, wie ich einer Notiz neben der
Kaffeemaschine entnehmen konnte). Falls Stuart sich über den Preis
beschwerte, würde ich eben wieder einen Mea-Culpa-Akt aufs Parkett
legen. Zumindest wäre dann das Fenster wieder heil.
Ich gab der Dame am Telefon also die nötigen Informationen,
versprach, um vier zu Hause zu sein, und legte auf. Innerlich
gratulierte ich mir dazu, eine weitere Aufgabe erledigt zu
haben.
Wenn das so weiterging, würde ich Goramesh gefunden und besiegt
haben, ehe der erste Gast hier auftauchte. Ich war wirklich in
Fahrt.
Voller Optimismus und bester Dinge erreichte ich die Kathedrale. Ich wollte sofort loslegen. Father Ben befand sich im Pfarrbüro und ging gerade seine Notizen für die Abendmesse durch. Nach dem üblichen Small Talk über das Wetter, meine Familie und den Fortschritt der Restaurierungsarbeiten gingen wir gemeinsam zur Kirche. Dort füllte ich noch einmal mein Fläschchen Weihwasser auf und folgte dem Priester dann durch den Altarraum in die Sakristei, von wo aus eine Treppe ins Archiv im Untergeschoss führt. Von außen sieht die Kathedrale alt, aber gut erhalten aus. Doch hier unten wurde mir klar, wie sehr der Zahn der Zeit doch an diesem Gebäude genagt hatte.
Der Priester drehte einen großen schmiedeeisernen Schlüssel im Schloss um, und eine schwere Tür sprang ächzend auf. Es gab keine Klinke und auch keinen Knauf, aber allein die Spannung des Holzes führte dazu, dass sich die Tür wie von Geisterhand nach innen öffnete. »Stolpern Sie nicht«, sagte der Priester und trat über die Schwelle.
Als ich ihm folgte, legte er einen Schalter um, der rechts in die Wand eingelassen war, sodass einige Glühbirnen von etwa fünf Watt unseren Weg erleuchteten. Die Birnen hingen an einem uralten Kabel, das an der steinernen Wand befestigt war, und führten die Treppe nach unten. Ich blickte auf und entdeckte einen schwachen Rußfleck an der Decke über mir. Father Ben drehte sich zu mir um, wohl um sicherzugehen, dass ich ihm noch folgen wollte, und bemerkte meinen Blick.
»Das kommt vom Rauch«, erklärte er. »Bevor es
Strom gab, gingen die Priester hier mit Fackeln
hinunter.«
»Cool«, erwiderte ich und bemerkte, dass ich wie meine Tochter
klang. Das Ganze machte mir Spaß. Dieser Ort erinnerte mich an die
Kirchen und Gruften, die Eric und ich oft gemeinsam aufgesucht
hatten.
Die Treppe machte weiter unten eine scharfe Biegung nach rechts,
und die Temperatur schien um mindestens zehn Grad zu fallen. Mir
fiel auf einmal die Möglichkeit eines Erdbebens ein, und ich hoffte
inbrünstig, dass sich Kalifornien nicht gerade in diesem Moment
dazu entschließen würde, mal wieder ins Wanken zu
geraten.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr sich die Kirche über
Freiwillige wie Sie freut, Kate. Wir haben einen Archivar
angestellt, um die Sachen professionell zu archivieren, die es wert
sind. Aber es sind die Freiwilligen, die uns helfen, unser Budget
nicht übermäßig zu strapazieren.«
»Die Kathedrale ist doch für ihre Reliquien berühmt«, meinte ich.
»Sind da nicht bereits viele davon archiviert und katalogisiert
worden?«
»Natürlich«, bestätigte der Geistliche. »Trotzdem sind die meisten
Reliquien bis zur vollständigen Restaurierung der Kirche in den
Kellergewölben untergebracht.«
»Wirklich? Ist es denn nicht schade, sie einfach so wegzuräumen?«
An diese wichtigen Informationen so leicht zu gelangen stachelte
meinen Ehrgeiz an. Ich war ziemlich zufrieden. Ich würde einfach
eine Liste der Reliquien verlangen, nach allem suchen, was
irgendwie mit Knochen zu tun hatte oder aus einem der zerstörten
Sakralbauten stammte. Und wumms – alles erledigt!
»Ja, das ist wirklich ein Jammer«, stimmte er mir zu, ohne zu mir
aufzusehen. Denn die schmale Treppe, die wir hinunterstiegen, war
nicht gerade ungefährlich, sodass wir höllisch aufpassen mussten,
nicht zu stolpern und mit gebrochenen Knochen unten anzukommen.
»Natürlich befinden sie sich großenteils noch in ihren
Glasvitrinen, sodass man sie zu bestimmten Zeiten und nach
Vereinbarung jederzeit besichtigen kann. Wir haben die Vitrinen nur
ins Kellergewölbe gestellt, um sie nicht in Gefahr zu bringen.« Er
schüttelte den Kopf. »So viele Jahre wurde die Sammlung im Vorraum
der Kirche ausgestellt. Ich war zwar erst kurz da, als man sie hier
hinunterbrachte, doch selbst mir kam es so vor, als ob damit das
Ende einer Ära eingeläutet werden würde.«
Meine Zufriedenheit wich einer leisen Verunsicherung. »Wie lange
waren die Stücke eigentlich ausgestellt?« Wenn sich die Knochen,
die Goramesh suchte, bekanntermaßen in San Diablo befanden, gab es
für den Dämon überhaupt keinen Grund, erst einen Zerstörungsfeldzug
durch Italien, Zypern und Mexiko zu unternehmen, um sie dort zu
suchen.
»Das hängt von der jeweiligen Reliquie ab«, erklärte der Priester.
»Einige stammen noch von Pater Aceveda, als er die Kirche vor
vielen Hundert Jahren gründete. Andere kamen als Geschenke über die
Jahrhunderte zu uns. Der Bischof war maßgeblich daran beteiligt,
sicherzustellen, dass der vorübergehende Umzug der Reliquien nicht
zu schmerzvoll für die Gläubigen ist. Sobald die Restaurierung
fertig ist, kommen die Stücke wieder nach oben. In der Zwischenzeit
kann man einige von ihnen in wöchentlich wechselnden Ausstellungen
im Bischofssaal bewundern. Und außerdem ist die ganze Sammlung auch
im Internet zu besichtigen.«
Ich war mir jetzt sicher, dass ich nichts finden würde, was
Goramesh interessierte. Aber es konnte auch nicht schaden, die
bestehende Liste durchzuarbeiten. Ich nahm eigentlich an, dass die
Knochen, um die es ging, erst vor Kurzem hierhergebracht worden
waren. Das würde auch Gorameshs plötzliches Interesse an San Diablo
erklären. Es musste etwas sein, was in jüngster Zeit gestiftet
worden war und eine Verbindung zu Mexiko, Zypern oder Italien
aufwies oder auch zu allen drei Ländern.
Father Ben war am Fuß der Treppe angekommen und betrat nun
knarrende Holzdielen. Er blieb stehen und wartete auf mich. Sobald
auch ich die ausgetretenen Stufen hinter mir gelassen hatte und
neben ihm stand, sah ich die schwach erleuchteten Glasvitrinen, die
an zwei Wänden des Kellergewölbes aufgereiht waren. Ich ging zu
einer der Vitrinen und begutachtete eine Reihe von sechs
Stoffsäckchen, die etwa für ein halbes Pfund Kaffee groß genug
waren. In einer altmodischen Schnörkelschrift war etwas darauf
geschrieben, was ich nicht entziffern konnte. In der nächsten
Vitrine lagen zwei Goldkruzifixe und eine Bibel, die so aussah, als
ob sie zu Staub zerfallen würde, wenn sie auch nur mit dem Finger
berührt würde. Weitere Reliquien und Artefakte füllten die Vitrine,
und ich drehte mich begeistert zu Father Ben um.
»Beeindruckend, nicht wahr?«, meinte er.
Ich stimmte zu. »Das ganze Gewölbe ist höchst beeindruckend.« Der
Raum war von groben Steinmauern umgeben, in die Metallhalterungen
eingelassen waren. Dort hatte man früher wohl Fackeln
hineingesteckt. Jetzt hingen schwache Glühbirnen daran, die das
Ganze in ein gedämpftes Licht tauchten, das kaum in die Ecken
reichte.
Der Priester lachte. »Ja, hier herrscht eine ganz besondere
Atmosphäre.« Er wies auf eine weitere Holztür, die mit einem
schweren Schloss verriegelt war. »Natürlich sind alle Reliquien von
Bedeutung, aber die wirklich kostbaren Stücke werden dort drinnen
verwahrt.«
Ich runzelte die Stirn. Eine alte Tür und ein bei näherer
Betrachtung doch recht rostig wirkendes Schloss würden wohl kaum
einen entschlossenen Dieb abhalten.
Father Ben musste meine Miene richtig gedeutet haben, denn er
lachte erneut. »Wir haben versucht, das Gewölbe äußerlich nicht
allzu sehr zu verändern. Aber hinter dieser Tür befindet sich ein
von Stahl ummantelter Tresorraum mit einem ausgeklügelten
Alarmsystem. Sie müssen sich also keine Sorgen machen. Unsere
Schätze liegen hier so sicher wie in der besten Bank.«
»Gut zu wissen«, erwiderte ich. Für mich war es allerdings
möglicherweise nicht ganz so gut. Ich hoffte inbrünstig, dass die
Knochen, um die es mir ging, nicht da im Tresorraum aufbewahrt
wurden. Ein Schloss konnte ich relativ problemlos knacken (oder
zumindest gehörte das früher einmal zu meinen Spezialitäten), aber
in einen Tresorraum einzubrechen war etwas ganz anderes. Das war
wohl dann doch eine Nummer zu groß für mich.
Ich blickte Father Ben an. Mir war auf einmal ein Gedanke gekommen.
»Warum wird die Sammlung eigentlich hier und nicht im Vatikan
aufbewahrt?«
Der Priester grinste, und er wirkte dabei noch jünger als sonst.
»Möchten Sie wissen, was man mir als Erklärung gab, als ich nach
St. Mary kam? Oder würden Sie lieber meine Theorie
hören?«
»Natürlich die Ihre«, sagte ich. Father Ben gefiel mir immer
besser.
»Es geht ganz einfach um PR«, erklärte er und sah mich an, als ob
er erwarten würde, dass ich vor Begeisterung über seine Einsicht in
die Hände klatschen müsste. Ich zuckte aber nur lässig mit den
Achseln, was er wahrscheinlich ziemlich enttäuschend
fand.
Er seufzte. »Leider geht es mal wieder um Geld. Sogar für die
Kirche. Und das bedeutet, dass wir auf Spenden angewiesen
sind.«
»Die natürlich um ein vieles üppiger fließen, wenn die Kirche einen
solchen Schatz beherbergt«, fügte ich hinzu.
»Genau. Während es in den meisten Pfarreien irgendwelche Reliquien
gibt, so ist doch die Sammlung von St. Mary etwas ganz
Besonderes.«
»Und das funktioniert? Als PR – meine ich?«
»Wohl schon«, meinte er. »Darum sind zum Beispiel ja auch Sie heute
hier.«
Ich verstand. »Natürlich! Die ganzen noch unkatalogisierten
Schenkungen und Nachlässe.«
»Hier gibt es Kisten voll von Reliquien, Familienerbstücken und
alten Taufurkunden. Außerdem Unmengen von Briefen, die sich Paare
schrieben, die in unserer Kirche heirateten. Es ist ein riesiges
Durcheinander. Alles natürlich sehr interessant, aber nur einige
Dinge davon lohnen aufgehoben zu werden. Und kaum etwas befindet
sich in irgendeiner Art von erkennbarer Ordnung.«
Mir wurde ganz anders. »Wie viel ist es denn?«
»Etwa dreihundert Kisten voller Dokumente und zweihundert weitere,
in denen alle möglichen Sachen lagern.«
Ich schluckte.
Ich glaubte, einen Anflug von Belustigung im Gesicht des Priesters
zu erkennen, aber vielleicht irrte ich mich auch. Das Licht im
Keller war nicht sehr gut.
»Wie viel Zeit haben Sie?«, erkundigte er sich.
»Heute?« Ich warf einen Blick auf meine Uhr. »Bis um zwei. Da muss
ich meinen Babysitter erlösen.« Ich hatte natürlich noch wesentlich
mehr zu tun, aber ich nahm nicht an, dass sich Father Ben dafür
interessierte.
»Dann haben Sie eineinhalb Stunden Zeit, sich einen ersten
Überblick zu verschaffen«, sagte er. Mir fiel auf, dass er gar
nicht auf die Uhr gesehen hatte, um diese genaue Zeitangabe zu
machen. »Das dürfte fürs Erste reichen, vermute ich.« Er sah mich
an, und diesmal war ich mir sicher, ein Lächeln über sein Gesicht
huschen zu sehen. »In Wahrheit ist es nicht so schlimm, wie es sich
anhört. Da mögen zwar dreihundert Kisten mit Dokumenten sein, aber
dabei handelt es sich eigentlich nur um die Spenden von etwa
fünfunddreißig Wohltätern. Und von denen haben nur etwa zehn
herausragende Erbschaften hinterlassen.«
»Okay …« Ich war mir nicht sicher, was er sagen wollte. Zehn war
natürlich eine wesentlich kleinere Anzahl, aber diese dreihundert
Kisten standen hier noch immer irgendwie im Keller herum und
warteten darauf, von mir durchsucht zu werden – und zwar in der
vagen Hoffnung, irgendeinen Bezug zu Goramesh und seinen Absichten
herstellen zu können.
Der Priester schien Mitleid mit mir zu haben und erklärte, was er
meinte. »Die Hauptspender möchten natürlich ihre Spenden steuerlich
absetzen, weshalb jede Gesamtspende mit einer kurzen Beschreibung
der einzelnen Gegenstände versehen ist.« Er hielt die Hand hoch,
als ob er meinen (überhaupt nicht vorhandenen) Protest abblocken
wollte. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Das waren alles fromme
Leute. Die Sachen wurden gespendet, weil sie der Kirche zugute
kommen sollen. Aber selbst wenn man Richtung Himmel blickt, so
befinden sich unsere Füße doch noch auf dieser Erde.«
»Dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt«, erwiderte ich
lächelnd.
»Genau.«
Das alles verstand ich nur allzu gut. Momentan hatte ich auch ganz
und gar nichts gegen die Pingeligkeit des Finanzamts einzuwenden.
Dieses Wohlwollen würde sich wahrscheinlich bei der nächsten
Steuererklärung ändern; aber bis dahin würde ich mich mit dem
größten Vergnügen mit den Listen der Spender auseinandersetzen, um
herauszufinden, ob sich darauf eine Reliquie befand, die etwas mit
meinem Fall zu tun hatte. Man konnte nie wissen. Vielleicht würde
ja gleich der erste Eintrag eine große Kiste mit Knochen
betreffen.
Father Ben erklärte mir, dass sich die besagten Kisten bereits in
einer gewissen Ordnung befanden. Alles, was einen Wert besaß –
einschließlich erstklassiger Reliquien wie zum Beispiel Knochen –,
war zur Seite geräumt und im Tresorraum verstaut worden, damit sich
der Archivar zu gegebener Zeit damit auseinandersetzen konnte. Die
restlichen Kisten voller Dokumente, unter denen sich vermutlich
auch eine Liste all der Dinge befand, die bereits herausgenommen
worden waren, wurden im Keller gelagert, wo sie darauf warteten,
begutachtet, aussortiert und schließlich in ein für Papier
freundlicheres Klima gebracht zu werden. Eine Moment lang quälte
mich ein schlechtes Gewissen. Schließlich handelte es sich um ein
wichtiges Projekt, und ich hatte vor, es auf der Stelle links
liegen zu lassen, sobald ich gefunden hatte, wonach ich
suchte.
Die Kisten waren an der hinteren Wand des Gewölbes aufgereiht. An
den anderen Wänden standen Glasvitrinen und ein relativ moderner
Karteikastenapparat. Dazwischen konnte ich Holzregale ausmachen, in
denen übergroße, in Leder gebundene Bücher standen, die etwa zehn
Zentimeter dick waren. Vielleicht stammten sie noch aus dem
Mittelalter, wobei ich keine Historikerin bin und mich also
gewaltig irren konnte. Grobe Holzplanken bildeten den Boden, auf
dem fünf lange Holztische standen. Ich malte mir aus, wie hier
früher einmal Mönche gesessen hatten, in braune Kutten gekleidet
und von einer Suppe schlürfend, die in kleinen Holzschalen neben
ihnen stand. Heute sollte ich nun hier in Jeans sitzen und Kisten
von Papieren durchsuchen in der Hoffnung, einen Hinweis auf etwas
zu finden, was irgendwie mit Zypern, Mexiko oder Italien zu tun
hatte.
Die Kisten waren mit Ziffern und Buchstaben versehen. Die
Buchstaben bezogen sich auf den Spender, während die Ziffern
anzeigten, welche Gegenstände aus der Gesamtspende darin lagen. Die
Dokumente für jede Spende sollten sich (und Father Ben betonte das
›sollte‹) in der ersten Kiste jedes Buchstabens befinden.
Er schleppte eine Kiste mit einem großen »A1« auf einen Tisch,
wollte wissen, ob ich nichts weiter brauchte, und ging dann die
Treppe hinauf. Ohne den Priester wirkte das Kellergewölbe noch
düsterer und unheimlicher. Hätte es sich nicht um einen Teil der
Kirche gehandelt und wäre ich keine Dämonenjägerin gewesen, so wäre
es mir jetzt bestimmt kalt den Rücken hinuntergelaufen. Stattdessen
gab ich mir Mühe, mich nicht einschüchtern zu lassen, und öffnete
die erste Kiste. Als ich feststellte, dass sich darin unglaublich
viele braune Briefumschläge befanden, in denen zahlreiche Papiere
steckten, seufzte ich auf.
Ich holte den ersten Umschlag heraus, legte ihn vor mir auf den
Tisch und öffnete ihn. Ein Dutzend Kellerasseln und Tausendfüßler
krabbelten heraus, und ich stieß einen Schrei aus. Wie von der
Tarantel gestochen, sprang ich auf und klopfte angewidert meine
Hose aus. Igitt! Mit Dämonen, schmutzigen Windeln und
Essenseinladungen in letzter Sekunde konnte ich fertig werden. Aber
mit Ungeziefer? Niemals!
Ich klopfte den Umschlag einige Male gegen den Schreibblock, den
mir Father Ben dagelassen hatte. Als kein weiteres Tierchen
herausgekrochen kam, setzte ich mich wieder, um das erste Dokument
zu überfliegen. Es handelte sich um den Letzten Willen eines
gewissen Cecil Curtis. Sorgfältig blätterte ich alles durch und
blies immer wieder Staub beiseite, doch nirgends konnte ich eine
Liste der Spenden an die Kirche entdecken.
Meine Augen juckten, und ich musste mehrmals niesen. Wow! Das
machte echt Spaß.
Ich steckte den Umschlag samt Papieren in die Kiste zurück, nieste
erneut und holte das nächste staubige Exemplar heraus. Diesmal
hielt ich den Umschlag auf Armeslänge von mir entfernt und
schüttelte ihn erst einmal aus. Kein Ungeziefer. Ich legte ihn vor
mich auf den Tisch. Ein rascher Blick auf die Uhr zeigte mir, dass
erst sieben Minuten vergangen waren, seit mich Father Ben allein
gelassen hatte.
Mit einem resignierten Seufzer öffnete ich den Umschlag. Zahlreiche
Durchschlagpapiere steckten darin, auf denen die getippten
Buchstaben schlecht leserlich waren – ganz so, als ob es sich um
den dritten Durchschlag eines Schriftstücks handelte, das auf einer
alten Schreibmaschine geschrieben worden war. Jede der Seiten war
dicht beschrieben. Ich beugte mich tief über das Dokument, um
keinen Hinweis zu übersehen. Larson hätte mich sonst bestimmt
geköpft. Nach zehn Seiten brannten mir die Augen, und ich hatte
Kopfschmerzen. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir,
eine Lesebrille zu besitzen.
Es machte keinen Spaß. Das Ganze war zwar wichtig, aber Spaß machte
es überhaupt keinen.
Es gab einen Grund, warum ich Jägerin und nicht alimentatore
geworden bin. Für diese Sachen habe ich einfach keine Geduld. Ich
bin keine Detektivin und will auch keine sein. Momentan ärgerte ich
mich mehr als angebracht über Larson, der bestimmt in seinem
staubfreien Gericht saß und es sich gut gehen ließ, während ich in
den Eingeweiden der Kirche über irgendwelche Papiere gebeugt war
und mich vor Ungeziefer ekeln musste.
Ich hatte keine Lust, etwas zu suchen. Ich wollte etwas
zusammenschlagen.
Leider ist nie ein Dämon zur Hand, wenn man gerade mal einen
braucht.