VIER

»Wie bitte?« Ich hielt entsetzt den Hörer von mir und starrte ihn so hasserfüllt an, als ob er für die schlechten Nachrichten, die ich eben erhalten hatte, verantwortlich war. »Damit kann ich nicht allein fertig werden. Ich habe Kinder. Und Fahrverpflichtungen. Ich trage Verantwortung.«

»Du hast schon immer Verantwortung gehabt«, entgegnete der Padre.
»Oh, nein. So nicht. Nicht mit mir.« Ich bemühte mich, leise zu sprechen, um meine schlafende Familie nicht zu wecken. Ob er wohl verstand, wie wenig mir das Ganze gefiel? Zeter und Mordio zu schreien wäre vermutlich wesentlich wirkungsvoller gewesen. »Ich bin schon lange draußen – haben Sie das vergessen? Mein Leben wird nicht mehr von der Forza bestimmt. Ich bin jetzt dämonenlos, und das gefällt mir so.«
»Ganz offensichtlich stimmt das aber leider nicht, mein Kind.«
Ich dachte an den Dämon in meiner Speisekammer und musste zugeben, dass der Padre nicht ganz unrecht hatte. Trotzdem schwieg ich lieber und wartete darauf, dass er noch etwas hinzufügen, etwas erklären würde. Als ich von seiner Seite nichts hörte, blieb ich erst recht still, weil ich törichterweise annahm, ihn zur Abwechslung einmal in unserem Schweigespielchen schlagen zu können.
Nichts.
»Verdammt«, sagte ich, als ich es nicht länger aushielt. »Warum ist es auf einmal wieder mein Problem?«
»Weil der Dämon zu dir kam. Das macht es zu deinem Problem, no?«
»No«, erwiderte ich nicht sehr überzeugend. Ich merkte, wie ich nachgab. Und er merkte das auch.
Wieder sagte er nichts.
Ich seufzte. Die Wut in mir gab allmählich dem wesentlich stärkeren Gefühl der Erschöpfung nach. Ich hatte einen höllischen Tag hinter mir. Und wenn ich mir das Ganze so überlegte, braute sich da gerade ein noch höllischeres Wochenende zusammen.
»Also gut, einverstanden.« Als ich schließlich sprach, tat ich das zum Teil auch, um die Stille, die aus Rom zu mir herüberdrang, endlich zu durchbrechen. »Aber dann sagen Sie mir wenigstens, warum gerade ich, warum gerade hier und warum gerade jetzt?« Ich stellte diese Fragen, obwohl ich keine Antwort brauchte. Was auch immer der Grund sein mochte, war eigentlich nicht wichtig. Das Einzige, was zählte, wusste ich bereits: Niemand würde kommen, um mir zu helfen. Ich fand mich auf einmal, ohne große Fanfarenstöße, in meinem Beruf wieder. Das Warum stellte in diesem Fall eine rein akademische Frage dar.
Trotzdem war ich neugierig und lauschte mit perverser Faszination seiner Erklärung. Er erzählte mir in deprimierenden Details von den Einsparungen, unter denen die Forza Scura zu leiden hatte, und den sich daraus ergebenden, beunruhigenden Folgen.
»Die jungen Leute heutzutage«, sagte er, »sind mehr am Fernsehen und – wie nennt man das doch gleich? – an Nintendo interessiert. Das Leben als Jäger scheint keinen Reiz mehr auf sie auszuüben, und die Mitarbeiter der Forza werden immer weniger.«
»Sie machen wohl Witze«, entgegnete ich. »Haben Sie jemals ferngesehen oder diese Spiele gespielt?«
Soweit ich das beurteilen konnte, gab es kaum einen Jugendlichen, der nicht willig war, sich vor den Fernseher oder den Computer zu setzen und dort in Spielform die Dreckarbeit zu machen, die wir als Jäger in der Wirklichkeit erledigt hatten.
»Vielen jungen Leuten mag vielleicht die Idee gefallen«, gab Corletti zu, nachdem ich ihm meine Theorie dargelegt hatte. »Aber die wenigsten besitzen das Durchhaltevermögen, das für einen guten Jäger nötig ist.«
Das leuchtete mir ein. Die Aufmerksamkeitsspanne meiner Tochter nahm rapide ab oder zu, je nachdem wie viele Jungs sich in ihrer Nähe befanden. Ich hatte schon oft einen direkten Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen feststellen können. »Also gut«, gab ich nach. »Jetzt kann ich vielleicht verstehen, dass Sie Schwierigkeiten mit dem Nachwuchs haben. Aber ich kann immer noch nicht glauben, dass es hier in der Gegend überhaupt keine Jäger geben soll. Schließlich besteht doch immer noch ein Bedarf, oder etwa nicht?«
Auf diese nicht gerade sehr kunstvolle Weise wollte ich erfahren, ob sich die Dämonen in den letzten Jahren weniger aktiv gezeigt hatten, auch wenn ich mir das nicht vorstellen konnte. Ich mochte mich vielleicht zur Ruhe gesetzt haben, aber ich sah noch immer die Nachrichten. Und Sie können mir glauben – unter uns gibt es Dämonen.
»Numquam opus maius«, antwortete der Padre. Meine Lateinkenntnisse halten sich in Grenzen, aber ich verstand in etwa, worum es ging: Der Bedarf war größer denn je. »Und natürlich gibt es noch Jäger, aber eben nicht mehr genügend. Wie du weißt, ist die Sterblichkeitsrate in dieser Berufssparte recht hoch. Wir haben heutzutage weniger Jäger als zu jener Zeit, als du noch für uns gearbeitet hast.«
»Aha.« Obwohl mich diese Nachricht nicht überraschte, so war sie doch ernüchternd. »Und die Jäger, die es noch gibt«, drang ich weiter in ihn, »sind wahrscheinlich anderweitig beschäftigt, oder?«
»Si.«
»Scheiße.« Und dann: »Verzeihung, Padre.«
Sein leises Lachen erwärmte mir das Herz, und auf einmal tauchte eine Erinnerung aus weiter Ferne vor meinem inneren Auge auf: Ich lag mit Grippe in meinem Bett im Schlafsaal, neben mir eine Schachtel Papiertaschentücher und einen Hustensaft. Padre Corletti saß bei mir auf dem wackligen Kinderbett, das sogar unter seinem geringen Gewicht zusammenzubrechen drohte. Er erzählte mir eine Geschichte nach der anderen über das Leben in der Forza Scura. Eine ernste Angelegenheit hatte er es genannt. Das Werk Gottes. Aber trotzdem war es ihm gelungen, das Ganze stets mit einem gewissen Humor darzustellen. Als die Grippe vorüber war, drängte es mich mehr denn je, mit meiner Ausbildung fortzufahren.
Padre Corletti war stets wie ein Vater für mich gewesen, und bis ich Eric traf, hatte die Forza die einzige Art von Familie dargestellt, die ich kannte. Wenn Corletti also von mir verlangte, alles stehen und liegen zu lassen, um Dämonen zu töten, dann würde ich das tun. Mir gefiel es vielleicht nicht, aber tun würde ich es.
»Du wirst nicht völlig auf dich allein gestellt sein«, erklärte Corletti, und ich musste lächeln. Er hatte schon immer eine geradezu unheimliche Fähigkeit besessen, meine Gedanken zu lesen. »Gut«, sagte ich. »Wer?«
»Ein alimentatore«, sagte er.
»Sie haben einen alimentatore für diesen Fall, aber keinen Jäger? Klingt ganz so, als ob die Personalabteilung des Vatikans nicht gerade ihr Bestes gibt, um das richtige Gleichgewicht unter den Mitarbeitern zu halten.«
»Katherine …«
»Sorry.«
»Er wird dich morgen Mittag um zwölf vor der Kathedrale treffen.«
»Gut«, erwiderte ich, denn ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, mich weiter über den Vatikan und seine Methoden auszulassen. »Einverstanden.« Ich dachte noch einen Moment nach. »Morgen? Hier ist es mitten in der Nacht. Sie meinen also schon heute?« Ich wusste eigentlich, dass er genau das meinte. »Wie wollen Sie ihn denn so schnell hierherbringen lassen?«
»Er ist schon da.«
»Wirklich?«
»Du wirst alles, was wir wissen, morgen erfahren. Bis dahin ruhe dich aus und sammle deine Kräfte. Ich befürchte, du wirst sie brauchen.«
Wieder hielt ich den Hörer auf Armeslänge von mir und starrte ihn an, wenn auch nicht mit finsterer Miene. Diesmal war ich nur noch verwirrt. »Sie wussten davon? Sie wissen also bereits, was hier los ist? Verdammt noch mal, Padre. Wagen Sie es ja nicht, mich bis morgen warten zu lassen!«
»Mein Kind, dies ist weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, um darüber zu sprechen.« Er machte eine Pause und ich hielt den Atem an, weil ich dummerweise hoffte, er könnte seine Meinung noch ändern. »Du hast natürlich deine Fähigkeiten nicht einrosten lassen?«
Im letzten Moment verwandelte er den Satz in eine Frage. Obwohl sein Tonfall locker klang, war mir klar, dass er wissen wollte, wie es um mich stand.
»Natürlich nicht«, log ich. »Wie könnte ich?« In Wahrheit hatte ich mich überhaupt nicht mehr darum gekümmert. Das einzige körperliche Training, dem ich heutzutage nachging, war, meinen zweijährigen Sohn nicht aus den Augen zu lassen, während meine mentalen Übungen darin bestanden, Allie von dem schrecklichen Outfit abzubringen, das sie unbedingt wie alle ihre Klassenkameradinnen haben wollte.
Man konnte also nicht gerade behaupten, dass ich in Topform war.
»Gut.«
Dieses Wort machte mir mehr Angst als alles andere, was er sonst hätte sagen können. »Padre, ich weiß, dass Sie mir nichts sagen wollen, also will ich Sie auch nicht bedrängen, aber –«
»Goramesh«, unterbrach er mich, und der Name des Dämons ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. »Wir glauben, dass er vielleicht in San Diablo ist.«
Wieder starrte ich den Hörer an. Meine Hand zitterte. Goramesh. Der Dezimator. Einer der Dämonen der höheren Kategorie.
Die Stimme des Dämons im Körper des alten Mannes hallte in meinem Kopf wider: Wenn die Armee meines Herrn und Meisters sich erhebt …
Ich hatte keine Angst mehr. Ich war vor Panik wie erstarrt.
Im Dunklen bekreuzigte ich mich und verabschiedete mich von Padre Corletti. Doch ich kehrte nicht zu Stuart ins Schlafzimmer zurück. Stattdessen setzte ich mich auf das Gästebett, zog die Knie hoch, legte mein Kinn darauf und schlang die Arme um die Beine. Und als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen, schloss ich die Augen und schickte ein verzweifeltes Stoßgebet gen Himmel.

»Hier bist du! Mann, Mami, Mindy ist gerade weg, und Stuart und ich haben dich überall gesucht!« Allies Stimme riss mich aus meinem sowieso leichten Schlaf, der voller Träume von Dämonen, Tod und Eric gewesen war. Eric hatte mich so lange unterstützt, er hatte für mich Kraft und Stärke bedeutet. Aber bei diesem Kampf konnte er mir nicht mehr helfen, und so wachte ich mit Tränen in den Augen und der quälenden Angst auf, die man empfindet, wenn man ganz und gar allein ist.

»Mami?«

Allies Stimme klang besorgt, und das Gefühl, das mich nun erfüllte, war nicht mehr so sehr von Furcht bestimmt, sondern vielmehr von Schuld. Ich streckte die Hand aus, und sie trat mit einem Ausdruck von Besorgnis zu mir. Langsam setzte sie sich neben mich aufs Bett, und ich zog sie in meine Arme, schloss die Augen und atmete den Duft von Kokosseife und Apfelshampoo ein. Ich war nicht allein, und ich hatte absolut keinen Grund, in Selbstmitleid zu zerfließen. Ich hatte Allie und Timmy und Stuart, und ich liebte sie alle von ganzem Herzen.

»Hast du an Papa gedacht?«

Ihre Frage traf mich unvorbereitet, und ich hörte, wie ich nach Luft schnappte.
»Es ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Es ist in Ordnung, dass er dir fehlt.«
Sie wiederholte das, was ich ihr schon oft gesagt hatte. Meine kleine Tochter. Erics kleine Tochter. Sie war so groß geworden, seit er gestorben war. Er hatte so viel verpasst. Ich streckte die Hand aus und strich ihr über die Wange, entschlossen, nicht zu weinen.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie, wobei sich winzig kleine Sorgenfalten auf ihrer Stirn zeigten.
Ich nahm ihre Hand und drückte sie. »Alles in Ordnung«, erwiderte ich. »Aber wann bist du eigentlich erwachsen geworden?«
Die Sorgenfalten verschwanden sogleich und wurden von einem Lächeln überstrahlt, das beinahe schüchtern wirkte.
»Bedeutet das, dass ich jetzt eine Stunde länger wegbleiben kann?«
Sie sprach wieder mit einer fröhlichen Stimme, und das freche Grinsen auf ihrem Gesicht kam mir von mir selbst bekannt vor. Auch ich blitzte sie frech an und merkte, dass ich bereits wieder wesentlich besserer Stimmung war. »Ich werde darüber nachdenken«, sagte ich.
»Das heißt dann wohl ›Nein‹.«
»Du bist nicht nur erwachsen geworden, sondern auch weise.«
»Wenn ich so klug bin, wieso muss ich dann schon so früh zu Hause sein?«
Ich setzte mich auf. »Das gehört zu den großen Geheimnissen des Universums, mein Schatz«, sagte ich. »Ich könnte es dir erklären, aber dann müsste ich dich danach leider umbringen.«
»Maaami.« Sie rollte mit den Augen, und das Leben schien wieder normal zu sein. Zumindest so normal, wie es unter diesen Umständen möglich war. Schließlich gab es einen Dämon zu erlegen und einen Leichnam zu beseitigen. Ich hatte bereits verschlafen. Jetzt musste ich mich aber wirklich an die Arbeit machen.
Das Bild, das sich mir in der Küche bot, war beinahe so unheimlich wie mein Treffen mit Larson am Abend zuvor. Stuart stand vor dem Herd, hatte einen Holzlöffel in der Hand und betrachtete die Armen Ritter, die vor ihm in einer Grillpfanne brutzelten. Die Speisekammertür hinter ihm stand weit offen. Das durfte doch nicht wahr sein!
Ich schaffte es gerade noch, nicht über einen Spielzeuglaster und ein halbes Dutzend Duplosteine zu fallen, als ich durch die Küche rannte. Mit einem lauten Knall schloss ich die Speisekammer. Dann lehnte ich mich gegen die Tür und atmete tief ein.
»Warte!«, sagte Stuart und kam mit dem Kochlöffel in der Hand auf mich zu.
Mein Herz setzte einen Moment lang aus.
»Ich brauche noch eine Packung Toast.«
Mein Herz hämmerte. Gut. Ich würde also doch überleben. »Im Brotkasten ist noch Toast«, sagte ich.
»Jetzt nicht mehr.«
Ich schnitt eine Grimasse. Wie konnte er bereits eine ganze Packung Toast verbraucht und damit noch immer nicht genügend Arme Ritter für zwei Erwachsene, einen Teenager und ein Kleinkind gemacht haben? Selbst mir gelang so etwas.
»Ich hole ihn schon«, meinte ich betont heiter. »Schließlich stehe ich schon hier.«
Er sah mich etwas misstrauisch an. »Das sehe ich. Deshalb habe ich dich ja auch gefragt.«
»Ach so.« Ich strahlte ihn zufrieden an und hoffte, ihn so davon zu überzeugen, dass ich noch alle Tassen im Schrank hatte.
»MamiMamiMami.« Trotz seiner zarten Stimme schaffte Timmy es, im ganzen Erdgeschoss gehört zu werden. »Wo bist du, Mami?« Das Tapsen nackter Füßchen ertönte, und dann erschien mein kleiner Mann in der Küche, eine Schnabeltasse in der einen und Boo Bear in der anderen Hand. »Topf gehen, Mami. Topf gehen.«
Scheiße. Nicht der passendste Fluch in diesem Zusammenhang, denn Timmy hatte im Grunde noch kein Interesse daran, selbst auf den Topf zu gehen. Er saß nur gern völlig angekleidet darauf, während er irgendwelche Dinge in die Badewanne warf. Leider benötigte er für diese Beschäftigung die Anwesenheit einer bewundernden Mami, um sie so richtig genießen zu können.
»Geh schon«, sagte Stuart. »Ich kann den Toast schon selbst holen.«
»Allie, kannst du ihn ins Badezimmer bringen?«
»Ach, Mami, muss ich wirklich?« Allie hatte sich am Küchentisch niedergelassen und blätterte gerade interessiert in irgendeiner Zeitschrift.
»Ja, musst du«, erwiderte ich streng, obwohl Timmy wieder mit seinem immer lauter werdenden Geschrei nach »MamiMamiMami« eingesetzt hatte, ohne auch nur einmal zwischendurch Luft zu holen.
»Timmy, Liebling – geh mit Allie.«
»Nein!«
»Allie …«
»Er will nicht.«
»Kate, nimm einfach den Jungen. Mit einer Packung Toast werde ich schon allein fertig.«
Diesmal bestimmt nicht. Ich gab Stuart zu verstehen, er solle sich nicht von der Stelle rühren, warf Allie einen finsteren Blick zu, der ihr sagte, dass sie die Extrastunde am Abend nun getrost vergessen konnte, und ging in die Speisekammer. Ich nahm eine Packung Toast aus dem Regal und kehrte in die Küche zurück. In der Kammer blieb ich gerade lang genug, um feststellen zu können, dass mein Dämon noch immer zugedeckt und zum Glück auch weiterhin mausetot war. Schon mal ein Pluspunkt.
Ich warf Stuart die Toastpackung entgegen, und er sah mich etwas verwirrt an. Offensichtlich verstand er nicht so ganz, was die Aufregung eigentlich sollte. »Hier. Jetzt koch.« Dann nahm ich Timmy an der Hand. »Na los, mein Junge. Wohin gehen wir?«
»Badezimmer! Topf!«
»Dann zeig mir mal das Badezimmer«, ermutigte ich ihn. Timmy nahm sogleich die Gelegenheit wahr, mich zu entführen. Wie immer gefiel es ihm ausgezeichnet, endlich einmal Mamis ungeteilte Aufmerksamkeit genießen zu können.
Im Bad angekommen, das er mit Allie teilte, setzte ich mich erschöpft auf die geschlossene Toilette, und Timmy platzierte seinen Boo Bear sofort strategisch auf dem kleinen Plastiktopf, den wir zur Vollendung seines achtzehnten Lebensmonats voller Optimismus erworben hatten. Sieben Monate später war das gute Stück von unserem Sohn noch immer nicht eingeweiht worden.
Aus der Küche konnte ich das Brutzeln der in Ei getunkten Brotscheiben und das gelegentliche Kratzen des Kochlöffels in der Grillpfanne hören. Ich atmete tief durch und gratulierte mir dazu, wie gut es mir bisher doch gelungen war, die Angelegenheit vor meinem Mann geheim zu halten.
Gleichzeitig fragte ich mich allerdings, ob es wirklich so schrecklich wäre, wenn Stuart mein Geheimnis erfahren würde. Auch Allie wollte ich schließlich irgendwann einmal in die Wahrheit einweihen, wenn das auch noch ein Weilchen dauern sollte. Sie hat schließlich das gute Recht, zu wissen, wer ihr Vater eigentlich war. Und das würde sie nie begreifen, wenn sie nichts von der Forza Scura erfuhr. Bei Stuart allerdings …
Stuart war mein Mann. Ich liebte ihn. Ich wollte keine Geheimnisse vor ihm haben. Gleichzeitig verspürte ich jedoch auch keinerlei Bedürfnis, ihm davon zu erzählen. Ich beruhigte mein Gewissen, indem ich mich der Grundregeln der Forza besann: Meine Identität als Jägerin hatte vollständigem Stillschweigen zu unterliegen. Daran mussten sich alle Beteiligten halten – es war ein Geheimnis, das sie mit sich ins Grab nehmen sollten. Aber im Innersten wusste ich natürlich, dass ich das nur als Ausrede benutzte. Ich wollte ganz einfach nicht, dass Stuart mich als Dämonenjägerin sah. Sobald er die Wahrheit erfuhr, würde er nie mehr nur seine Kate vor sich sehen. Und das wollte ich einfach nicht. Zwar quälte mich die leise Vermutung, dass ein Paartherapeut in dieser Art der Argumentation gewisse logische Schwächen entdecken würde, aber das konnte mir im Moment egal sein.
Während Timmy höchst zufrieden alle frischen Waschlappen, die wir besaßen, in die noch feuchte Badewanne warf, stützte ich meine Ellenbogen auf meine Knie und betrachtete ihn nachdenklich.
Padre Corletti hatte recht. Ich hätte wirklich mein körperliches Training nicht vernachlässigen dürfen. Physisch und mental war ich einfach nicht mehr auf der Höhe. Kein guter Anfang – vor allem, wenn man daran dachte, dass ich die Kraft und die Zeit finden musste, nicht nur einen toten Dämon loszuwerden, sondern noch einen wesentlich bösartigeren davon abzuhalten, San Diablo in seine Macht zu bekommen, von dem Rest der Welt ganz zu schweigen.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Kurz nach neun. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ein sehr langer Tag vor mir lag.

Das musste man Stuart lassen: Er schaffte es, verdammt leckere Arme Ritter auf unsere Teller zu zaubern. Dem Ei hatte er die richtige Menge an Zimt und Puderzucker beigefügt (eine kulinarische Delikatesse, von der ich gar nicht wusste, dass wir sie im Haus hatten und er sie zudem entdeckt hatte, ohne dabei über Mr. Dämon zu stolpern). Wir saßen zu viert um den Küchentisch aus den fünfziger Jahren und verschlangen eine wahre Unmenge dieser Toasts. Dazu tranken wir eisgekühlten Apfelsaft, der in unserem Haus zu den Grundnahrungsmitteln gehört, da er eine so beruhigende Wirkung auf Kleinkinder zu haben scheint.

Allie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Wenn wir gleich nach dem Frühstück losfahren, sind wir rechtzeitig da, wenn das Einkaufszentrum öffnet.«

Ich beobachtete sie entsetzt, wie sie den Notizblock aufschlug, der geschlossen und so unschuldig während des Frühstücks neben ihrem Teller auf seinen Einsatz gewartet hatte. In der ganzen Aufregung hatte ich total vergessen, dass sie für den heutigen Tag eine ausführliche Einkaufstour mit mir geplant hatte.

»Ich habe eine Liste gemacht«, erklärte sie und klopfte mit dem Füller auf die aufgeschlagene Seite. »Wir könnten erst einmal zu GAP und nachsehen, ob es da vielleicht gerade irgendwelche Sonderangebote gibt. Danach zu Limited und Banana Republic. Ich werde mich vor allem auf die Schnäppchen konzentrieren und das, was ich dann noch brauche, bei Old Navy holen. Dann können wir in die großen Kaufhäuser und schauen, ob es da vielleicht noch was Tolles gibt. Ich würde vorschlagen, wir beginnen mit Nordstrom und arbeiten uns dann bis zu Robinsons-May vor.«

»Vergiss dabei nicht das Karussell«, warf ich ein, während ich innerlich so schnell wie möglich umdisponierte. »Timmy liebt das doch.« Allie sah mich an, als ob ich zwei Köpfe hätte.

»Wir nehmen ihn mit? Ich dachte, er bleibt zu Hause bei

Stuart!«
»Kate«, meldete sich nun Stuart zu Wort. »Du weißt, dass ich
ziemlich viel im Haus zu erledigen habe.« Er hatte sich bisher hinter dem Lokalteil des San Diablo Herold versteckt, doch jetzt faltete er die Zeitung zusammen und sah mich beinahe genauso finster an wie Allie. »Zum Beispiel das Fenster. Ich werde das nie schaffen, wenn Timmy ständig zwischen meinen Beine hin
und her läuft.«
Dieser meldete sich jetzt auch. Ihm war anscheinend aufgefallen, dass er eine ganze Unterhaltung lang überhaupt nichts
von sich gegeben hatte. Entschlossen, diesem Missstand
sogleich Abhilfe zu verschaffen, begann er in höchster Lautstärke »Backe, backe Kuchen« zu singen.
»Ich kümmere mich um das Fenster«, verkündete ich, während ich pflichtbewusst zusammen mit Timmy in die Hände
klatschte. Natürlich musste man die Scheibe ersetzen, aber zum
Glück hatte meine Panik nach einer Nacht ohne Zwischenfälle
deutlich nachgelassen, sodass das Fenster nicht mehr ganz oben
auf meiner Prioritätenliste stand. »Ich dachte eigentlich, dass du
mit Allie und Timmy zum Einkaufen gehen könntest.« Jetzt war es an ihm, mich so anzustarren, als ob ich des
Wahnsinns wäre. Meine Tochter schien das sowieso zu glauben.
Für zwei Menschen, die biologisch überhaupt nicht miteinander
verwandt waren, schafften sie es erstaunlich gut, auf einmal wie
Vater und Tochter zu wirken.
Allie fand als Erste ihre Stimme wieder. »Das geht nicht,
Mami. Mit Stuart shoppen? Er ist ein Mann.«
»Ja, stimmt«, gab ich notgedrungenermaßen zu. »Und er hat
wirklich einen sehr, sehr guten Geschmack – nicht wahr,
Schatz?«
»Nein«, erklärte er. »Ich meine – ja, schon. Mein Geschmack
ist nicht schlecht.« Seine Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. »Bist du sauer auf mich? Habe ich
vielleicht etwas falsch gemacht?«
Ich unterdrückte das kurz aufflammende Bedürfnis, meinen
Kopf gegen die Wand zu schlagen, und stand stattdessen vom
Tisch auf.
»MamiMamiMami! Wohin gehst du, Mami?«
»Nur nach nebenan, mein Süßer«, erklärte ich und zeigte auf
die Wand, die unsere Frühstücksecke vom Wohnzimmer
trennt. »Iss bitte deinen Teller leer.«
Ich gab Stuart ein Zeichen, mir zu folgen. Er tat es zwar widerwillig, aber er tat es. Sobald wir uns außer Hörweite der
Kinder befanden, legte er los. »Bist du verrückt geworden?«,
zischte er mich in einem lauten Flüsterton an. »Ins Einkaufszentrum? Du willst, dass ich ins Einkaufszentrum fahre? Was
habe ich falsch gemacht? Ich schwöre dir, dass ich alles wiedergutmache. Zum Beispiel mit einer Reise nach Paris. Mit einem
Tag in einem Wellnesshotel. Alles. Nur nicht ins Einkaufszentrum!«
Zugegebenermaßen ließ mich sein Flehen nicht völlig kalt.
Falls Stuart es in der Politik nicht schaffen sollte, konnte ich ihn
mir auch ausgezeichnet als Schauspieler vorstellen. Der Mann
wusste wirklich, was melodramatisch bedeutet. »Jetzt einmal
ernst«, sagte ich. »Ich habe darüber nachgedacht und ich halte
es für eine ausgezeichnete Idee.« Das entsprach tatsächlich der
Wahrheit, auch wenn ich die Gründe für meine Überlegungen
mit ihm nicht teilen konnte. Also sann ich darüber nach, was
Stuart wohl überzeugen würde. »Ihr – du und die Kinder –
müsst endlich einmal mehr Zeit allein miteinander verbringen.
Vor allem für Allie erscheint mir das gerade sehr wichtig.« »Was ist mit Allie? Wir verstehen uns doch super.« Er sah
mich verunsichert an. »Oder etwa nicht?«
»Doch, doch, klar«, meinte ich. »Jetzt schon noch. Aber sie
ist vierzehn. Erinnerst du dich noch daran, als du vierzehn
warst?«
»Eigentlich nicht.«
»Nun gut – ich als Frau erinnere mich allerdings noch sehr
gut an diese Zeit. Vierzehn ist ein schwieriges Alter.« Auch
wenn mein Leben im Alter von vierzehn völlig anders ausgesehen hatte als das von Allie. Mit vierzehn hatte ich meinen ersten
Dämon gepfählt. Das ist ein Erlebnis, das man nicht so schnell
vergisst. »Sie sollte mehr Zeit mit ihrem Vater verbringen.« »Aber muss das wirklich in Form von Shoppen sein?« Allein
die Vorstellung trieb ihm Schweißperlen auf die Stirn. »Könnte
ich sie nicht einfach zum Essen ausführen?«
Ich warf ihm einen mahnenden Blick zu. »Stuart, wirklich
…«
»Na gut. Dann muss es wohl oder übel das Einkaufszentrum
sein. Aber du kannst nicht von mir erwarten, dass ich auch
noch Timmy mitnehme.«
Die Sache mit Timmy war wahrhaftig schwieriger an den
Mann zu bringen. Ich mochte es zwar geschafft haben, psychologisch plausible Gründe aus dem Ärmel zu schütteln, warum
Stuart Allie zum Einkaufen begleiten sollte; aber es gab eigentlich keinen triftigen Anlass, auch noch einen Zweijährigen
mitzunehmen.
Ich entschloss mich also, die Indignierte zu markieren. Dies
war der einzige Ausweg, der mir blieb und den jede Hausfrau
und Mutter als letzte Möglichkeit aus dem Hut zieht, um ihren Kopf durchzusetzen. »Stuart Connor«, tönte ich streng, stemmte die Arme in die Hüften und sah ihn so strafend wie nur irgend möglich an. »Willst du etwa behaupten, du seist nicht in der Lage, einige wenige Stunden mit denselben Kindern zu verbringen, mit denen ich mich jeden Tag herumschlage? Dass du nicht die Zeit oder die Nerven hast, deinen eigenen Sohn
mitzunehmen? Dass du –«
»Okay, okay. Habe schon verstanden. Es ist also mal der liebe
Papi an der Reihe, sich um die kleinen Racker zu kümmern.« Meine finstere Miene verflog, und mit einem Schlag war ich
wieder zu einem strahlenden Lächeln fähig. Ich stellte mich auf
die Zehen und küsste ihn zärtlich. »Du bist wirklich der Beste.« Stuart wirkte zwar nicht gerade ekstatisch, aber er war zumindest wieder ansprechbar. Ein Punkt für mich. Wir kehrten
in die Küche zurück, wo Allie bereits die Teller und die Gläser
in die Spülmaschine geräumt hatte und gerade Timmys Gesicht,
seine Haare, Hände und Kleidung mit einem Lappen abwischte,
um alle Anzeichen von Puderzucker und Sirup zu entfernen.
Selbst an einem schlechten Tag ist Allie ziemlich gut, wenn es
darum geht, mit Timmy zu helfen. Wenn es dann noch die
Aussicht auf neue Klamotten gibt, verwandelt sich das Kind in
eine Heilige.
Zehn Minuten später saßen die drei in unserem Wagen. Stuart war mit seinen Kreditkarten, Allie mit ihrer Einkaufsliste
und Timmy mit Boo Bear bewaffnet. Als das Auto auf die
Straße hinausfuhr, stand ich auf der Veranda, lehnte mich
gegen einen der Holzpfosten und winkte ihnen fröhlich hinterher. Dabei hoffte ich inbrünstig, dass ihnen nicht auffiel, wie
erleichtert ich wirkte. Ich liebe meine Familie – wirklich, das tue ich. Aber während ich zusah, wie der Minivan davonfuhr, musste ich zugeben, dass es wirklich angenehm war, zur Ab
wechslung auch einmal ein wenig allein für mich zu sein. Selbst wenn ich mit einem toten Dämon das Haus teilen
musste.

FÜNF

Eine Viertelstunde später stand eine frisch aufgebrühte Kanne Kaffee in der Küche, und das kräftige Aroma der SumatraBohnen gab mir das beruhigende Gefühl, eine Koffeinbelohnung würde auf mich warten, wenn ich meine Aufgabe erledigt hatte. Momentan hockte ich gerade vor der Leiche des Dämons. Ich hatte sie aus der Speisekammer in die Küche gezerrt und wollte sie jetzt durch die Verandatür hinter das Haus schleppen.

Das Treffen mit meinem alimentatore war für zwölf Uhr angesetzt, und ich konnte es kaum erwarten, ihn kennenzulernen. Seit Stuart und die Kinder weg waren, quälte mich das unheimliche Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden. Zuerst war ich zu dem kaputten Fenster gegangen und hatte dort nachgesehen, doch glücklicherweise weder einen Dämon noch einen Spanner entdeckt. Die Mülltüten waren an einigen Stellen inzwischen lose, aber das lastete ich dem billigen Kreppband und nicht irgendwelchen bösen Kräften an, die da am Werk gewesen sein konnten.

Ich versuchte also, meine Nervosität – so gut es ging – nicht zu beachten, und konzentrierte mich stattdessen auf das Nächstliegende. Ehrlich gesagt, wäre es mir lieber gewesen, den Dämon einfach in der Speisekammer aufzubewahren und dann von meinem Mentor zu erfahren, wie ich ihn am besten und effektivsten loswerden konnte. Aber da ich mich weder auf Timmys gute Laune noch auf Stuarts Shoppingausdauer verlassen mochte, musste ich den toten Körper aus dem Haus und in unseren Schuppen befördern. In meinem früheren Leben hatte ein einfacher Anruf bei der Forza genügt. Sogleich war ein Sammelteam eingetroffen, das den von mir erledigten Dämon fachgerecht entsorgte. Auf diese Weise hatte ich mich nie mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Vielleicht sollte ich mich also glücklich schätzen, endlich einmal auch diesen faszinierenden Aspekt meiner Arbeit kennenlernen zu dürfen. (So etwas nennt man übrigens, falls es Ihnen nicht aufgefallen sein sollte, Sarkasmus.)

Obwohl der alte Mann recht zierlich gewesen war, besaß er doch ein ziemliches Gewicht. Auch Tote verlieren nicht so schnell ihre Pfunde, und als ich endlich die Verandatür erreicht hatte, war ich ziemlich außer Atem. Vorsichtshalber hatte ich die Vorhänge zugezogen. Ich öffnete sie ein wenig, um hinauszusehen. Fast kam ich mir vor wie auf der Flucht. Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich zu sehen erwartete. Vielleicht eine Dämonenarmee? Oder die Polizei? Oder meinen Mann, der anklagend mit dem Finger auf mich zeigte und mich der Geheimniskrämerei bezichtigte?

Jedenfalls konnte ich niemanden entdecken und atmete erleichtert auf. Meine Nervosität hatte inzwischen wieder zugenommen, sodass mich bereits das Geräusch, das die Spülmaschine von sich gab, als sie ihr Waschprogramm änderte, zusammenzucken ließ.

Ich zerrte den Leichnam noch etwas weiter und rannte dann, zwei Stufen auf einmal nehmend, ins obere Stockwerk. Im Geiste ging ich den Inhalt unseres Wäscheschranks durch. Ich brauchte etwas, was groß genug war, um den Mann darin einzuwickeln, was mir aber nicht fehlen würde, wenn ich es wegwarf. Es war egal, wie gut unsere Reinigung sein mochte. Für mich kam es einfach nicht infrage, auf dem Leichentuch eines Dämons zu schlafen, auch wenn dieses noch so sauber gewaschen und gemangelt sein mochte.

Ich holte ein Spannlaken heraus (eines von der billigen Sorte
– also kein großer Verlust) und rannte wieder nach unten. Perfekt. Die mit Gummizug versehenen Ecken halfen, das Leichentuch mit Blümchenmuster um den Körper gewickelt zu halten, während ich diesen so lange drehte, bis er in einem festen Kokon steckte. Ich bezweifelte zwar, dass meine Bemühungen jemanden, der mir heimlich dabei zusah, täuschen würden (ein Körper in einem Spannbetttuch sieht ganz einfach wie ein Körper in einem Spannbetttuch aus), aber das Ganze gab mir irgendwie ein besseres Gefühl. Außerdem glaubte ich trotz meiner Panik eigentlich nicht daran, dass jemand zufällig in meinen Garten schauen würde, während ich die Leiche im Schuppen verstaute.

Wie sich herausstellte, dauerte das Ganze länger als erwartet. Den Körper aus dem Haus zum Schuppen zu bringen, gestaltete sich überraschend einfach (mir fiel ein, dass Timmy einen kleinen Schubkarren besaß, der sich in diesem Fall als sehr nützlich erwies). Aber die Leiche in den Schuppen zu befördern war weniger leicht. Das kleine Häuschen war nämlich randvoll gestopft mit irgendwelchem Krimskrams, sodass ich nicht

einmal einen Toaster hineingebracht hätte – von einem Toten ganz zu schweigen.

 

Zum Glück blieb mir noch genügend Zeit, um nicht in Panik ausbrechen zu müssen. Noch nicht.

Während ich alle möglichen Kartons, Möbel und Gerümpel herauszerrte, pumpte das Adrenalin durch meine Adern. Ich stapelte die Dinge draußen vor dem Schuppen auf. Sobald es mir gelungen war, im Inneren des Häuschens etwas Platz zu schaffen, kletterte ich hinein und zerrte die Leiche hinter mir her. Zu meiner Erleichterung passte sie genau unter Allies altes Kinderbett. Nun begann ich wieder alles in dem Schuppen aufzustapeln, was ich zuvor im Garten verteilt hatte. Nietzsche wäre wahrscheinlich irgendeine Sentenz über die absolute Sinnlosigkeit bestimmter Tätigkeiten eingefallen, aber damit wollte ich mich jetzt nicht aufhalten. Ich wollte das Ganze rasch hinter mich bringen. Und weil ich mich so sehr darauf konzentrierte, hörte ich nicht, wie jemand hinter mir auftauchte – bis es zu spät war.

Eine Hand legte sich auf meine Schulter, und ich schrie auf. Ohne nachzudenken, ging ich in leicht die Hocke, wirbelte herum und versetzte meinem Angreifer einen Tritt genau unter sein Knie, ehe ich mich wieder aufrichtete. Mir gelang instinktiv eine wunderbar fließende Bewegung. (Wer hätte gedacht, dass ich es noch immer in mir hatte?)

Meine Verteidigung wäre sogar geradezu perfekt gewesen, wenn ich dadurch einen Dämon außer Gefecht gesetzt hätte. Stattdessen musste ich jedoch zu meinem ziemlichen Entsetzen feststellen, dass Laura vor mir lag. Ich beugte mich über sie, die Hände zu Fäusten geballt. Das Blut rauschte in meinen Ohren, und ich verspürte noch immer das dringende Bedürfnis zuzuschlagen.

Zum Glück gelang es mir, mich zusammenzunehmen. Meine beste Freundin mit einem Kinnhaken zu begrüßen, konnte selbst ich nicht einfach so wegerklären – vor allem nicht in meiner momentanen Verfassung. Ich beugte mich stattdessen über sie und atmete tief durch. Laura lag regungslos auf dem Boden, die Hände in den Kies gekrallt, der den Schuppen und Timmys Spielplatz umgab. Dem Blick nach zu urteilen, mit dem sie mich bedachte, war sie ebenso überrascht wie ich selbst. Einen Moment lang wussten wir nicht, was wir sagen sollten. Ich erholte mich als Erste.

»Verdammt, Laura. Schleich dich bitte nicht so an mich heran!«
Sie blinzelte. »Ich werde es mir merken«, sagte sie und stand mühsam auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich ihr Schienbein. »Wo hast du das denn gelernt?«
»Bei einem Selbstverteidigungskurs«, schwindelte ich. »Die Polizei hat uns wirklich einige wirkungsvolle Tricks beigebracht, findest du nicht?« Eine absurde Antwort, ich weiß, aber es schien ihr gar nicht aufzufallen. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Beinmuskeln anzuspannen und vorsichtig ihren Fuß kreisen zu lassen.
»Was tust du hier eigentlich? Das Familienerbe verstecken?«
Ich ignorierte ihre Frage und legte ihr stattdessen meine Hand auf das Schienbein. »Ist es sehr schlimm?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich werde es überleben«, meinte sie. Ich half ihr, sich ganz aufzurichten, und sie verlagerte vorsichtig ihr Gewicht auf das Bein. »Aber was hast du gerade gemacht? Ich glaube, ich habe dich noch nie so angespannt gesehen.«
»Ja, also …« Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte, und entschloss mich deshalb, sie am besten mit einer Antwort abzuspeisen, die keine weiteren Fragen nach sich zog. »Ich habe letzte Nacht wieder von Eric geträumt. Und da Stuart und die Kinder gerade beim Einkaufen sind …« Ich beendete den Satz nicht, da ich annahm (zu Recht), dass sie schon verstand, was ich meinte.
»Du siehst dir also Sachen von früher an.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Manchmal fehlt er mir einfach.«
Laura sah mich an. Ihre Augen blickten besorgt. Es entsprach durchaus der Wahrheit, dass ich von Eric träumte, und zwar öfter, als mir eigentlich lieb war. Laura war von mir mehr als einmal darüber ins Vertrauen gezogen worden. Heute jedoch konnte ich meine wahren Probleme nicht mit ihr teilen, auch wenn ich das gern getan hätte. »Möchtest du darüber sprechen?«
»Nein.« Ich blickte auf den Boden, da ich mich davor fürchtete, was sie sonst in meinen Augen lesen würde. »Es geht schon. Ich muss mich sowieso zusammenreißen, ich habe um zwölf Uhr einen Termin.«
Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und dann einen auf die Kartons, die noch immer in meinem Garten herumstanden. Schließlich betrachtete sie mich in meiner Jogginghose und einem T-Shirt, mit ungewaschenen Haaren und ohne Make-up. »Ich helfe dir schnell, das wieder einzuräumen.«
Am liebsten hätte ich ihr Angebot abgelehnt, aber ich war bereits spät dran. Außerdem wusste ich, dass mich Laura auf diese Weise unterstützen und mir zeigen wollte, dass sie für mich da war, auch wenn ich nicht über Eric sprechen konnte. Zudem war es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie das Bündel unter dem alten Kinderbett für etwas anderes hielt als einen zusammengerollten Teppich (wenn sie überhaupt einen Gedanken daran verlor). Also nahm ich dankend an.
»Wen triffst du denn um zwölf?«, fragte sie mich, während sie mir einen Karton reichte.
»Ach, niemand Wichtigen«, erwiderte ich und versuchte so unschuldig wie möglich zu klingen, wobei ich wahrscheinlich eher wie ein Bankräuber klang, der hoch und heilig schwört, keine Ahnung zu haben, wo das Geld versteckt ist. »Ein alter Bekannter von mir hält sich gerade in der Stadt auf. Ich möchte wissen, wie es ihm ergangen ist, seit wir uns das letzte Mal trafen. Mal wieder Familienfotos ansehen und so. Du weißt schon.«
»Das klingt aber sehr nett. Woher kennst du diesen Mann denn?«
»Noch aus Erics Zeiten«, erwiderte ich. Diese Antwort war die erste, die mir in den Sinn kam.
Laura seufzte. »Ach, mein armer Liebling. Dich erwischt es momentan wohl ziemlich, nicht wahr?«
»Ja, könnte man so sagen.« Ich vermochte ihr erneut nicht in die Augen zu sehen, als ich ihr einen weiteren Karton abnahm.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Schön wäre es«, sagte ich. »Aber das ist eben meine Vergangenheit. Manchmal schleicht sich dein altes Leben von hinten an dich heran, und du musst dich damit auseinandersetzen – ob du willst oder nicht.«
Sie nickte, und wir räumten schweigend die restlichen Kartons weg. Ich schloss die Tür zum Schuppen und verriegelte sie, klopfte mir den Staub aus der Kleidung und sah demonstrativ auf die Uhr. »Danke für die Hilfe«, sagte ich. »Aber ich sollte jetzt wohl besser unter die Dusche.«
»Klar, mach das. Ich muss auch weg. Ich habe nämlich Mindy versprochen, mit ihr heute zum Einkaufszentrum zu fahren, um neue Klamotten zu kaufen. Ich habe es den ganzen Sommer über geschafft, es hinauszuschieben …«
Ich musste lachen. »Ich habe heute Stuart dazu verdonnert.«
»Du hast einen richtigen Tausendsassa geheiratet«, meinte sie mit einem leichten Stirnrunzeln. Dann suchte sie in ihren Taschen nach ihrem Schlüsselbund und begann mit dem Schlüsselring zu spielen. »Ich weiß jetzt schon, dass ich fix und fertig bin, wenn ich heute Abend nach Hause komme. Wollen wir uns später vielleicht auf ein Glas Wein treffen und uns gemeinsam entspannen?«
Mir war klar, was sie damit bezweckte: Sie wollte mir ihr Ohr leihen, nachdem ich einen emotional schwierigen Nachmittag mit meinem lieben alten Freund verbracht hatte.
Laura mochte vielleicht nicht den wahren Grund wissen, aber sie lag nicht falsch, was das Ergebnis betraf. Wenn dieser Tag vorbei sein würde, brauchte ich garantiert ein Glas Wein. Oder auch zwei.
»Klingt gut. Außerdem bin ich mir sicher, dass die Mädchen ihre neuen Klamotten vergleichen wollen. Wahrscheinlich müssen sie sich absprechen, was sie am ersten Schultag tragen.«
»Stimmt. Und wir brauchen etwas Stärkung, um die Teenager-Modenschau zu überstehen.« Ihr Blick wanderte in die Ferne, und ich vermutete, dass sie in Gedanken bereits ihr Weinregal durchging. »Ich habe noch einen ganz guten Moscato zu Hause. Den werde ich kühl stellen und mitbringen, wenn ich nachher mit Mindy und einem Umzugswagen voller Klamotten wiederkomme.« (Als CEO einer sehr erfolgreichen Schnellrestaurantkette verdiente Paul wesentlich mehr als Stuart. Seine Tochter würde sich bestimmt nicht nach Schnäppchen umsehen.)
Lauras Blick richtete sich auf die Verandatür unseres Hauses. »Hast du vielleicht noch Zeit, um mir rasch eine Tasse Kaffee zu spendieren? Außer koffeinfreiem habe ich nämlich keinen im Haus und lechze schon den ganzen Morgen nach einem Schluck.«
»Da bist du bei mir genau richtig.« Der Gedanke an den frisch gekochten Kaffee in meiner Küche ließ mich wieder munter werden.
Wir gingen ins Haus, und ich reichte Laura eine von Stuarts zahlreichen Thermotassen. Sie ging zum Kühlschrank, um etwas Sahne zu holen. In demselben Augenblick, in dem sie die Tür öffnete, hörte ich es auf einmal – ein leises Kratzen an der Plastikplane. Mein Herz begann doppelt so schnell wie sonst zu schlagen. Adrenalin pumpte durch meine Adern, und mein Körper bereitete sich darauf vor, jeden Moment in Aktion zu treten. Was war das? Ein Dämon, der die Aufgabe zu Ende bringen sollte, der dieser Opa gestern nicht gewachsen gewesen war? Oder vielleicht ein Höllenhund, der noch kurz draußen herumschnüffelte, ehe er hereinsprang und sich in meinen Hals verbiss?
»Könnte ich mir auch einen Schuss von eurem HaselnussSirup nehmen?«, erkundigte sich Laura mit dem Kopf im Kühlschrank.
Ich antwortete nicht, denn ich war zu sehr damit beschäftigt, die Plastikplane zu beobachten. Nicht jetzt … noch nicht. Ich wollte nicht, dass Laura hier war, wenn ich angegriffen wurde. Ich wollte nicht, dass sie irgendetwas damit zu tun hatte. Ich wollte nicht –
»JIEEE-AUUUUUU«
»Was … Scheiße!«, rief Laura.
Etwas Kleines und Geschmeidiges sprang durch das Fenster herein. Es wurde großenteils von einer lose hängenden Mülltüte verdeckt, schrie aber auf so unheimliche Weise auf, dass mir die Haare zu Berge standen. Ich machte einen Satz nach vorn, um das Unwesen zu fangen. Meine Hände griffen in etwas Weiches, Flauschiges und –
»MIEEEE-AUUUUUU.«
Ich hielt abrupt inne, während mein Gehirn allmählich verstand, was meine Hände bereits begriffen hatten. Es war kein Dämon. Und auch kein Höllenhund. Es war überhaupt nichts Schlimmes. Es war nur Kabit, unser übergewichtiger, meist mies gelaunter und extrem eigensinniger Kater.
Kabit starrte mich einen Moment lang wild an. Seine Haare hatte er aufgestellt, und sein Schwanz war dreimal so dick wie sonst. Als ich ihn auf den Boden setzte, stolzierte er jedoch bereits wieder erhobenen Hauptes zu seinem Fressnapf und widmete sich wichtigeren Dingen – ein Bild würdevollen Hochmuts. Ich hätte am liebsten gelacht, aber irgendwie gelang es mir nicht.
»Tut mir leid«, sagte Laura und hob die Flasche mit dem Haselnuss-Sirup auf, die sie vor Schreck hatte fallen lassen. »Er hat mir einen ganz schönen Schock versetzt.«
Ich betrachtete die braune Soße auf dem Boden, und plötzlich übermannte mich doch das Bedürfnis, so richtig loszulachen. »Verstehe«, sagte ich prustend. »Kann ich mir vorstellen.«
Lauras belämmerte Miene löste sich in Luft auf, als sie in mein Gelächter einstimmte. Wir sanken beide auf den Boden, den Rücken gegen die Küchenschränke gelehnt, und es schüttelte uns vor Lachen.
Im Grunde war die Situation allerdings gar nicht so lustig, und ich wusste, dass ich vor allem wegen meiner blank liegenden Nerven so hysterisch prustete. Heute war Laura nur durch meine Katze erschreckt worden. Wenn ich jedoch daran dachte, welche Wendung mein Leben auf einmal genommen hatte, fragte ich mich, ob sie nicht bald etwas wirklich Beängstigendes sehen würde.
Und würde ich dann in der Lage sein, meine Freundin zu beschützen?

Die Kathedrale St. Mary wurde vor vielen Jahrhunderten als Teil der missionarischen Stützpunkte des Camino Real erbaut. Das ursprüngliche Gebäude existiert noch heute, doch nur an hohen Feiertagen wird darin die Messe zelebriert, denn meist ist die Kirche wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Bis diese Arbeiten abgeschlossen sind, dient der Bischofssaal als Gebetsstätte. Ich persönlich werde froh sein, wenn die Renovierung endlich vorbei ist. Das Innere der Kathedrale ist atemberaubend schön, während der neuere Bischofssaal etwas von dem heiligen Wow-Effekt vermissen lässt. Und falls Sie es wissen wollen – ja, ich gehe regelmäßig zur Messe (mehr oder weniger). Ich war bei Teufelsaustreibungen anwesend, habe gepfählte Vampire gesehen und Dämonen mit einem winzigen Cocktailspieß erlegt – all das hat meinen Glauben nicht erschüttert. Vor einigen Monaten ließ ich mich sogar dazu breitschlagen, in irgendeinem Kirchenkomitee mitzuarbeiten. Natürlich zieht sich das Projekt, das Mitte des Sommers abgeschlossen sein sollte, nach wie vor hin. Das hat man davon, wenn man mal etwas Gutes tun will.

Die Kathedrale steht an San Diablos höchstem Punkt und blickt auf den Pazifik und die Kanalinseln hinaus. Wie bei jeder Kirche befindet man sich mit dem Betreten des Gebäudes auf heiligem Boden. Aber St. Mary hat noch ein kleines Extra. Alles, was sich im und unter dem Altarraum befindet – der Altar, der Hostienschrein, die Krypta und die Decke –, ist mit einem Mörtel verputzt, dem die Gebeine Heiliger beigemischt wurden. Es ist nicht ungewöhnlich, Reliquien eines Heiligen in den Altar einzulassen (zugegebenermaßen geschieht das heute nicht mehr so häufig). Aber so viel Heiligkeit an einem einzigen Ort dürfte selbst vor Jahrhunderten ziemlich einmalig gewesen sein.

Eric und ich hatten stets geglaubt, dass ein solch heiliger Altarraum Erklärung genug war, weshalb es in San Diablo keine Dämonen gab. Natürlich konnten Dämonen noch immer frei und ungestört durch die Stadt wandern – oder sich auch auf dem ungeweihten Grundstück um die Kirche herum aufhalten
–, aber wir vermuteten, die Kathedrale besäße eine starke antidämonische Ausstrahlung. Anscheinend war das jedoch kompletter Blödsinn gewesen.

Wie auch immer. Jedenfalls hatte ich keine Ahnung, wer mein neuer alimentatore sein konnte. Üblicherweise kennt ein Jäger seinen Mentor nicht, bis er ihn für eine gemeinsame Aufgabe zum ersten Mal trifft. Ich persönlich finde diese Tradition nicht nur veraltet, sondern ausgesprochen idiotisch. Leider gehöre ich jedoch nicht zum Komitee der Forza Scura, das solche Regeln festlegt, und bisher wurde ich auch noch nicht nach meiner Meinung gefragt.

Obwohl ich also nicht wissen konnte, wer auf mich wartete, wünschte ich mir jetzt doch, Padre Corletti wenigstens genauer befragt zu haben, wo wir uns treffen würden. Mein Mentor konnte in diesem Moment bereits bei Father Ben im Pfarrbüro sitzen und Däumchen drehen, während er sich fragte, wo ich steckte.

Diese Überlegung brachte mich auf einen Gedanken: Konnte es sich bei meinem Mentor nicht vielleicht sogar um Father Ben handeln?

Irgendwie gefiel mir diese Vorstellung. Obwohl Father Ben erst vor einigen Jahren das Priesterseminar abgeschlossen hatte, wusste er bereits ziemlich genau, was er wollte. Während seiner Predigten ist noch nie jemand eingeschlafen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er als mein alimentatore fungieren würde, war leider gering. Corletti mochte sich insgesamt zwar vage ausgedrückt haben, aber er hatte eindeutig erklärt, die Forza habe einen alimentatore geschickt. Nachdem Father Ben aber bereits seit einigen Jahren bei uns als Priester tätig war und die Forza wohl erst vor Kurzem von Gorameshs Interesse an San Diablo erfuhr – es sei denn, Padre Corletti geizte wirklich mit seinen Informationen –, konnte Father Ben nicht mein Mentor sein.

Ich hielt es für das Wahrscheinlichste, dass wir uns in der Kathedrale trafen, und parkte deshalb meinen kleinen Flitzer auf einem der Plätze davor. Zugegebenermaßen genoss ich es ganz besonders, Stuart zur Abwechslung einmal den kinderfreundlichen Minivan aufs Auge gedrückt zu haben, während ich mir unseren Zweitwagen geschnappt hatte. Im Grunde hätte ich am liebsten ein Weilchen mit laufendem Motor einfach nur gesessen, um die Luft im Wageninneren zu genießen, die einmal nicht nach vergorener Milch oder verschüttetem Traubensaft roch. Leider blieb mir nicht viel Zeit, diesen inneren Frieden auszukosten. Ich schaltete also Motor und Klimaanlage ab und stieg aus. Zum Glück umfing mich die angenehm milde Luft eines südkalifornischen Sommertages.

Ich folgte dem gepflasterten Weg zur Kathedrale und strich dabei mit der Hand über die Strelitzien, die wie Wachmänner den schmalen Weg säumten. Die große beschlagene Kirchentür aus schwerem Holz war geschlossen, aber nicht verriegelt. Ich stieß sie auf und ging ins Innere, wobei ich zuerst einen kleinen Vorraum durchschritt, der mich zur Schwelle der eigentlichen Kathedrale brachte. Die Steinbecken, in denen normalerweise das Weihwasser am Eingang aufbewahrt wird, waren für die Renovierung entfernt und durch schlichte Holzständer ersetzt worden, auf denen sich goldene Schalen befanden. Der Boden war feucht – vermutlich von dem Platzregen, der vor einigen Stunden niedergegangen war –, und ich gab acht, nicht auszurutschen. Dann tauchte ich den Finger in das Weihwasserbecken, bekreuzigte mich und verneigte mich in Richtung Tabernakel.

Die Bänke waren leer, und ich überlegte mir, ob ich nicht vielleicht doch zum Bischofssaal schauen sollte, falls sich mein alimentatore dort aufhielt. Da ich jedoch einige Minuten zu früh dran war, wäre es dumm gewesen, nicht ein wenig zu warten.

Ich hatte ein leeres Fläschchen mitgebracht, das ich nun mit Weihwasser füllte, um wieder für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Danach stand ich ein wenig verloren da, blätterte gelangweilt im ausliegenden Kirchenbrief und warf etwa alle vierundzwanzig Sekunden einen Blick auf meine Armbanduhr. Um elf Uhr siebenundfünfzig hörte ich, wie eine Tür knarrte, und gleich darauf vernahm ich Schritte. Da die Akustik im Kirchenraum eher für Hymnen als für das Orten einzelner Geräusche konzipiert worden ist, hatte ich keine Ahnung, woher die Schritte kamen. Ich drehte mich einmal im Kreis und ging dann auf den Altarraum zu, als sich das Geheimnis lüftete: Father Ben trat hinter einem Samtvorhang hervor ins Sanktuarium und somit genau in mein Blickfeld.

In der Hand hielt er ein Klemmbrett und einen Stift und schien meine Anwesenheit gar nicht zu bemerken.
Ich räusperte mich, und er blickte überrascht auf. Als er mich sah, erhellte sich seine Miene. Er lächelte. »Kate Connor – was führt Sie heute hierher?«
Okay Er war also garantiert nicht mein alimentatore. Nun kam mir meine bereits zurechtgelegte Ausrede zugute. »Ich soll hier irgendwelche Bestandslisten zum Abtippen abholen. Aber leider war die Nachricht auf meinem Handy so schlecht zu verstehen, dass ich nicht weiß, wer mich eigentlich angerufen hat.«
Da unsere Kirchenarbeitsgruppe die zahlreichen Gaben und Geschenke für die sowieso schon große Sammlung der Kathedrale katalogisiert, nahm ich an, dass es bestimmt irgendwo eine Liste geben musste, die nur darauf wartete, abgetippt zu werden. Ich machte mich also im Grunde keiner Lüge einem Priester gegenüber schuldig – oder?
Father Ben rieb sich das Kinn. »Leider kann ich Ihnen da nicht weiterhelfen. Delores würde sicher Bescheid wissen, aber sie ist heute nicht hier«, fügte er hinzu. Delores leitet unsere Gruppe.
»Oh. Das ist aber schade.« Ich runzelte die Stirn und versuchte, der Situation angemessen, ein wenig ratlos dreinzuschauen. »Ich hatte eigentlich gehofft, schon heute Abend mit dem Tippen beginnen zu können.« Ich ließ meinen Blick durch das Kirchenschiff wandern, als würde ich erwarten, dass plötzlich jemand in einer der Bänke saß. »Sie haben sonst niemand anderen gesehen, oder?«
»Nein, leider nicht.«
»Dann sehe ich mal im Bischofssaal nach. Falls jemand nach mir fragt, könnten Sie so nett sein und denjenigen wissen lassen, dass ich dort bin?«
»Natürlich.«
Ich verabschiedete mich und verließ die Kirche. Doch auch im Bischofssaal fand ich nur den Mesner, der gerade den Boden wischte. Um nicht unnötige Fußabdrücke zu hinterlassen, ging ich wieder hinaus.
Der Adrenalinschub, der mich bei dem Gedanken, meinen neuen Mentor kennenzulernen, bisher begleitet hatte, wich allmählich einer leisen Verärgerung. Zu Hause warteten mindestens drei Ladungen Wäsche auf mich! Ganz zu schweigen von einer Leiche, die allmählich wohl ziemlich reif wurde, wenn sie noch viel länger in meinem Schuppen lag. Ich beschloss, zur Kathedrale zurückzukehren, falls wir uns doch verpasst haben sollten. In Filmkomödien wirkt so etwas ja immer recht lustig, aber im wirklichen Leben gibt es kaum etwas, was ich mehr hasse. Ich befand mich gerade erneut auf dem gepflasterten Weg zur Kirche, als ich hinter mir Schritte vernahm. Als ich mich umdrehte, war niemand zu entdecken. Ich rief, aber keiner antwortete.
Gleichzeitig mit Father Ben, der aus einer anderen Richtung kam, erreichte ich die Kirchentür. Seine Miene erhellte sich erneut, als er mich sah; ganz offensichtlich hatte er mir etwas mitzuteilen.
»Oh, gut, dass ich Sie sehe, Kate. Ich habe Sie schon gesucht. Auf dem Parkplatz traf ich einen Mann, der nach Ihnen gefragt hat.«
»Wirklich?« Ich warf einen Blick zu den geparkten Autos, konnte dort allerdings nur fünf Wagen, aber keine Menschen erkennen. »Wer war das?«
»Leider weiß ich nicht, wie er heißt«, meinte der Priester. »Er hat Sie wohl im Bischofssaal gesucht, aber dort wird anscheinend gerade gewischt.«
»Ja, stimmt. Ich komme gerade von dort.«
»Er hat mich gebeten, Ihnen ausrichten zu lassen, dass er im Hof auf Sie wartet.«
»Super. Vielen Dank.«
Der Priester kehrte in die Kirche zurück, und ich ging um die Kathedrale zum sogenannten Hof. Das ist ein kleiner Platz mit einigen Sitzbänken und Blumentöpfen, der von der Kathedrale, dem Pfarrhof und dem Bischofssaal gesäumt wird. Meist sitzen hier die Pfarreiangestellten in ihrer Mittagspause. Ein geschmiedetes Eisengitter dient als Eingangstor. Dieses stand nun offen, doch im Hof war niemand zu sehen. Die Betonbänke waren durch die tägliche kalifornische Sonne fast weiß gebrannt. Ich musste bei ihrem Anblick auf einmal an Knochen denken, die auf einem Feld von Geiern abgefressen und zurückgelassen worden waren. Allein diese Vorstellung jagte mir einen Schauder über den Rücken, und ich wandte mich der Statue der Jungfrau Maria zu, die in der Mitte des Hofes stand, um mich wieder zu beruhigen.
Diese Mantel-und-Degen-Aktion nervte mich allmählich gewaltig. Ich besaß ein Handy, ein Faxgerät, einen Minicomputer und einen High-Speed-lnternet-Anschluss. War es wirklich nötig, sinnlos im Kreis um die Kirche herumzuschleichen, wenn es eine schlichte E-Mail mit genauer Zeit- und Ortsangabe auch getan hätte? Ein weiterer Blick auf meine Armbanduhr zeigte mir, dass es inzwischen bereits zehn nach zwölf war. Father Ben hatte den Mann doch gerade noch gesehen. Wo zum Teufel steckte der Kerl?
»Hallo?«, rief ich, wobei ich mir ziemlich blöd vorkam, da ganz offenbar niemand da war. Ich fluchte leise, was man im Hof einer Kirche ja eigentlich nicht tun sollte, und drehte mich wieder dem Tor zu, um zur Kathedrale zurückzukehren. Inzwischen war ich wirklich wütend und mein ganzer Körper vor Frust angespannt. Am liebsten hätte ich auf etwas eingeschlagen und meinem Ärger so Erleichterung verschafft. Eigentlich kannte ich solche Reaktionen von mir gar nicht mehr. Fast fünfzehn Jahre lang hatte ich derartige Regungen aus meinem Leben verbannt und war anderen Regeln gefolgt, und zwar ziemlich erfolgreich. Das Kleinstadtleben hatte es mir leicht gemacht, meine Vergangenheit zu begraben. Immer wieder erklärte ich Timmy, dass er nicht schlagen, beißen, treten oder schreien darf. Schlagen ist nicht nett, Schlagen löst keine Probleme.
Manchmal jedoch ist es die beste Alternative, die du hast.
Manchmal rettet Zuschlagen Leben.
Ich mochte die vielen Jahre Drill in mir vergraben haben, aber das hieß anscheinend keineswegs, dass ich sie vergessen hatte. Jetzt spürte ich deutlich, wie meine alten Instinkte wieder an die Oberfläche drängten, wie mein Blut in Wallung geriet und meine Kraft zurückkehrte. Und was noch wichtiger war – ich verspürte das Verlangen. Das Verlangen zu kämpfen. Zu gewinnen. Zu leben.
Hinter mir knackte ein Ast. Das leise Geräusch hallte im ganzen Hof wider. Ich wirbelte herum, ballte die Fäuste und spannte die Muskeln an. In Wahrheit erwartete ich niemand anderen als meinen verspäteten alimentatore, aber innerlich hatte ich bereits eine Grenze überschritten. Es war mir nicht mehr möglich, mich einfach nur umzudrehen und die Person freundlich zu begrüßen.
Und das war mein Glück.
Er stand nämlich hinter mir. Larson. Nicht einmal zwei Schritte von mir entfernt.
»Sie verdammtes Schwein!«, knurrte ich und stürzte mich auf ihn. Ich dachte nicht mehr nach, sondern wollte nur noch zuschlagen. Ich hatte also doch recht gehabt! Er war ein Dämon. Irgendwie musste er von diesem Treffen erfahren und meinen alimentatore dazu gebracht haben, sich zu verspäten. Oder hatte er ihn vielleicht schon getötet?
Außerdem war mir dieser Mann wirklich zuwider – Dämon hin oder her. Seine Bemerkung über Allie hatte mich zutiefst aufgebracht, und mit einem absurden Gefühl der Rache stürzte ich mich nun auf ihn.
Er riss verblüfft die Augen auf und streckte in letzter Sekunde die Hände aus, als ob er so meinen Angriff abzuwehren gedachte. Aber seine Reaktion war nicht schnell genug. Ich prallte mit der vollen Wucht meines Körpers gegen ihn, und wir gingen zu Boden. Zugegebenermaßen nicht die ausgefeilteste Angriffsmethode der Welt, aber es ging mir in diesem Moment vor allem darum, ihn zu erwischen, ehe er selbst in die Offensive gehen konnte.
Seine erste Überraschung verflog rasch. Er wand sich mit einer heftigen Bewegung nach links und schüttelte mich auf diese Weise ab. Er war wesentlich stärker, als ich bei einem Juristen um die sechzig angenommen hatte, was mich in meiner Vermutung, er sei in Wirklichkeit gar kein Mensch, nur noch bestärkte.
Durch seine Gegenwehr fiel ich auf den kalten Steinboden, und die Handtasche wurde mir von der Schulter gerissen. Alles, was sich darin befand, verstreute sich nun mit der Wucht einer Bombe. Ich schaffte es, auf die Knie zu kommen, und versuchte, irgendetwas, was sich in meiner Reichweite befand, in die Hand zu bekommen. Zufälligerweise erwischte ich eine Actionfigur mit einem kleinen Plastikschwert, die Timmy irgendwo geschenkt bekommen hatte. Nicht das beste Verteidigungsmittel, aber das einzige, das ich momentan zur Verfügung hatte.
Ich sprang auf. Larson war ebenfalls gerade im Begriff, sich zu erheben. Noch war er jedoch leicht vornübergebeugt, und ich nutzte die Gelegenheit zu einer neuen Attacke. Entschlossen holte ich mit dem Fuß aus und platzierte ihn irgendwo in der Nähe seiner Nieren.
Der Kerl hatte keine Chance. Er fiel zu Boden, und ich stürzte mich erneut auf ihn. Sekunden später hatte ich ihn im Würgegriff, und wir wussten beide, wer der Sieger war. In seinen Augen spiegelten sich Angst und Verzweiflung wider, während mir die Ohren vor Siegessicherheit dröhnten. Ich machte mich bereit, ihn umzubringen, und hielt die Actionfigur vor sein linkes Auge.
»Um Himmels willen, Kate. Hören Sie doch auf! Ich bin Ihr alimentatore!«

SECHS

»Der Teufel sind Sie«, sagte ich, ohne das Plastikschwert von seinem Augapfel zu entfernen. Wir lagen auf dem Boden. Ich hatte meinen Arm um Larsons Hals gelegt und hielt seinen Kopf gegen meinen Brustkasten gedrückt. Wenn er sich bewegte, würde meine improvisierte Waffe durch seine Netzhaut eindringen und wie ein heißes Messer sein Auge durchstoßen. War er ein Dämon, würde ihn das töten. War er doch ein Mensch, bedeutete das ein blindes Auge.

Das war ein Risiko, das ich in diesem Moment gern einzugehen gewillt war.
»Kate, drehen Sie jetzt bitte nicht durch. Die Forza hat mich geschickt, um Ihnen zu helfen.« Er versuchte, dem bedrohlichen Schwert auszuweichen, indem er den Kopf fester gegen mich presste. Sein Körper war vor Angst ganz kalt, und er zitterte.
Ich legte meinen Arm noch fester um seinen Hals. »Dann erklären Sie mal«, sagte ich. »Erklären Sie mir, was das gestern Abend sollte.«
Er schwieg. Ich schüttelte ihn, um ihn dazu zu bewegen, endlich mit der Wahrheit herauszurücken.
»Das war ein Test«, brachte er schließlich mühsam hervor. Seine Stimme klang so leise und heiser, dass ich ihn kaum verstehen konnte.
Ich lockerte meinen Griff um seinen Hals, hielt dafür aber die Spielzeugfigur noch fester als zuvor zwischen meinen Fingern. »Quatsch.«
Er hustete und versuchte zu sprechen, wurde aber von einem erneuten Hustenanfall davon abgehalten. Ich hatte jedoch nicht vor, mich von seinem schlechten Zustand irgendwie beeindrucken zu lassen.
»Jetzt reden Sie endlich«, forderte ich ihn von Neuem auf.
»Sie standen schon längere Zeit nicht mehr in Kontakt mit der Forza. Ich musste doch wissen, mit wem wir es zu tun haben. Wie viel Training Sie noch benötigen, auf welchem Level Sie sich befinden und so weiter.«
»Und deshalb sind Sie in mein Haus gekommen und haben vorgegeben, ein Dämon zu sein? Ich hätte Sie umbringen können.«
»Haben Sie aber nicht.« Er räusperte sich und holte mühsam Luft. Dabei fiel mir auf, dass sich mein Griff wohl ungewollt noch einmal gelockert hatte. »Jedenfalls haben Sie den Test bestanden.« Er versuchte sich aufzurichten, aber ich riss ihn grob zurück. Schmerzerfüllt zuckte er zusammen. »Wobei ich Sie vielleicht doch anders einstufen sollte, als ich das getan habe.«
»Sie haben mich absichtlich in die Irre geführt. Mit Ihrem Atem und diesen blöden Bemerkungen.«
»Das mit dem Atem gebe ich gern zu«, sagte er. »Ich habe eine Woche lang Knoblauch gegessen und meine Zähne nicht geputzt. Was jedoch die Bemerkungen betrifft …«
Er brach ab.
»Was ist damit?«
»Ich habe nichts gesagt, was Sie absichtlich auf eine falsche Fährte locken sollte. Sie nahmen einfach an, dass ich ein Dämon bin, und hörten dann nur noch das, was Sie hören wollten.«
Ich versuchte mich an den gestrigen Abend zu erinnern. Sagte er die Wahrheit? Aber augenblicklich verschwammen mir die letzten vierundzwanzig Stunden. Ich wusste nur noch, was er über Allie gesagt hatte: dass es ihm leidtat, sie nicht kennengelernt zu haben, und dass sie mir wahrscheinlich wie aus dem Gesicht geschnitten war.
Verdammt.
Er hatte recht. Wenn er nicht zu der Gefolgschaft des Satans gehörte, dann war das eigentlich ein ziemlich unschuldiger Kommentar gewesen.
Ohne meinen Griff zu lockern, beugte ich mich über ihn und atmete tief ein. Hilfreich öffnete er den Mund. Sein Atem roch nach frischer Minze.
Ich ließ ihn ein wenig los, sodass er sich mühsam aufsetzen konnte. Bedächtig rieb er sich den Nacken und ließ den Kopf kreisen.
»Entschuldigung angenommen«, erklärte er.
»Ich habe mich aber nicht entschuldigt.« Ich hielt noch immer die Spielfigur auf der Höhe seines Gesichts. Obwohl ich mir jetzt eigentlich sicher war, dass sich in ihm kein Dämon versteckte, fühlte ich mich doch weiterhin nervös und angespannt.
Er stöhnte entweder aus Frustration oder vor Schmerz auf und verlagerte sein Gewicht etwas nach links. »Wieder aufgestockt?«
Ich wusste zuerst nicht, wovon er sprach. Als ich in die Richtung blickte, in die seine Augen gewandert waren, verstand ich. Mein Scheckbuch lag offen unter einer der Bänke, und darunter befand sich, kaum sichtbar, das Fläschchen mit Weihwasser. Ich konnte es nicht erreichen, ohne Larson ganz loszulassen, und überlegte hastig, was ich machen sollte. Vielleicht war das ein Trick. Vielleicht hatte er vor, mich im selben Moment, in dem ich ihn freigab, anzugreifen (oder davonzurennen). Aber da ich nicht ewig sitzen bleiben konnte, musste ich dieses Risiko notgedrungenermaßen wohl in Kauf nehmen.
»Rühren Sie sich nicht von der Stelle«, drohte ich, als ob ich hoffte, ihn allein durch meinen Willen festhalten zu können.
»Würde nicht mal im Traum daran denken.«
Ich lehnte mich zurück und griff nach dem Fläschchen. Die Actionfigur hielt ich noch immer fest in meinen Fingern, wenn auch nicht mehr mit dem gleichen Enthusiasmus wie zuvor. Während ich das Weihwasser nahm, bewegte Larson keinen Muskel. Er sah mich nur regungslos an und beobachtete, wie ich den kleinen Schraubverschluss öffnete. »Jetzt wird sich zeigen, ob Sie die Wahrheit gesagt haben«, verkündete ich und schüttete ihm ohne Vorwarnung das Wasser mitten ins Gesicht.
Er zuckte nicht einmal zusammen, und ich wusste bereits da, dass nichts weiter geschehen würde. Es würden sich weder Blasen noch verbrannte Haut zeigen. Auch keine Schreie aus der Tiefe der Hölle würden ertönen. Nicht einmal ein leises Brutzeln wäre zu vernehmen. Mein ganzer Körper entspannte sich auf einen Schlag.
Kein echter Dämon hätte es ertragen, eine volle Ladung Weihwasser ins Gesicht geschüttet zu bekommen.
Larson war also kein Dämon. Er war nur ein Mann, der augenblicklich etwas belustigt wirkte und dabei ziemlich nass war.
Ich seufzte und reichte ihm mein zerknittertes Taschentuch, das ich aus der Tasche meiner Jeans zog. Mit dankbarer Miene trocknete er sich das Gesicht. »Also gut«, sagte ich. »Ich glaube Ihnen.«
»Das will ich doch hoffen.« Er stand auf, und ich nutzte die Gelegenheit, die restlichen Dinge, die mir aus der Tasche gefallen waren, rasch einzusammeln.
»Sie haben mich also getestet«, sagte ich nebenbei, um unser Gespräch wieder aufzunehmen. »Gestern Abend, meine ich.«
»Ja, das habe ich.«
Ich steckte das Scheckbuch in meine Tasche und sammelte das Kleingeld auf, das ebenfalls herausgerollt war. »Und? Habe ich bestanden?«
Er warf mir einen nachdenklichen Blick zu. »Sagen wir es so: Es gibt einiges zu tun.«
»Verstehe. Natürlich.« Verdammt.

Ich muss leider zugeben, dass ich es ganz und gar nicht schätze, wenn ich einmal nicht recht habe. Denn eigentlich habe ich meistens recht. Ich bin eine Mutter, und eine Mutter hat bis zu einem gewissen Alter fast immer recht. Es wäre also geschwindelt, wenn ich behaupten würde, dass ich den Irrtum, der mir mit Richter Larson unterlaufen war, auf die leichte Schulter nahm.

Zum Glück schien er meine Reaktion zu verstehen. Während ich vor mich hin schmollte, fuhr er mit dem Dämonenleichnam im Kofferraum und mir auf dem Beifahrersitz ohne viel Aufhebens zur Müllhalde. Ich schwieg die Fahrt über, auch wenn ich gar nicht mehr so sehr mit mir haderte wie zuerst. Nach einigen heftigen Mea-culpa-Bezichtigungen meinerseits (à la »Ich kann es nicht fassen, dass ich meinen alimentatore mit Weihwasser bespritzt habe!«), waren wir zu mir nach Hause gebraust. Ich hatte meinen Wagen auf dem Vorplatz geparkt, während Larson seinen in die Garage steuerte. Wir schleppten die Leiche aus dem Schuppen durch die Küche in die Garage und hievten dort den geriatrischen Dämon in den lupenrein sauberen Kofferraum des Richters.

Es kostete fünfundzwanzig Dollar, die Müllhalde zu benutzen, ohne dass jemand unseren Namen oder unser Nummernschild notiert hätte oder auch nur wissen wollte, was wir zu entsorgen hatten. Ein grauhaariger alter Mann bewachte zwar das Eingangstor, aber er war deutlich stärker daran interessiert, auf seinem unscharfen Schwarz-Weiß-Fernseher eine Quizshow zu verfolgen, als uns genauer zu begutachten. Mir wurde ganz anders, als ich mir vorstellte, wie leicht es war, einen Toten auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Wie viele Mörder und Verbrecher mochten wohl schon vor uns hier gewesen sein? Irgendwie keine angenehme Vorstellung.

Larson parkte hinter einem großen Berg Müll, sodass man uns von der Straße aus nicht sehen konnte. Allerdings drängelten sich die Zuschauer auch nicht gerade vor dem Gitterzaun; es war also höchst unwahrscheinlich, dass man uns beobachten würde. Gemeinsam hievten wir den Leichnam aus dem Kofferraum und legten ihn in eine Kuhle, die wir zuvor freigeräumt hatten. Die Luft stank gewaltig, aber dank der Erfahrung mit zwei Kindern (von denen das eine noch Windeln trug) hatte ich meinen Würgereflex ziemlich gut im Griff.

Sorgfältig verteilten wir den Müll über der Leiche, klopften uns den Staub und Schmutz aus den Kleidern und fuhren dann denselben Weg zurück, den wir gekommen waren. Wenn wir Glück hatten, würde man den Toten niemals finden. Und falls es doch passieren sollte, ließe sich hoffentlich die Spur nicht bis zu uns zurückverfolgen.

»Sind Sie noch sauer auf mich?«, fragte Larson nach einer

Weile.
»Ja, eigentlich schon«, sagte ich. »Aber ich werde es über
winden.«
»Es war nötig«, erklärte er.
»Ich verstehe schon«, erwiderte ich, denn ich verstand inzwischen tatsächlich. »Es ärgert mich nur, dass Sie meine Fähigkeiten testen wollten, obwohl ich diese jahrelang nicht einsetzen
konnte. Was würden Sie davon halten, wenn plötzlich Ihr alter
Jura-Professor bei Ihnen auftauchen und Sie zum Erbrecht
ausfragen würde?« Natürlich kenne ich mich mit Erbrecht nicht
aus, aber wenn Stuart seine Jura-Freunde zu uns einlädt, kommen sie in regelmäßigen Abständen auf dieses Spezialgebiet zu
sprechen, nur um zu betonen, wie grauenvoll kompliziert das
amerikanische Erbrecht doch sei und wie froh sie wären, nicht
damit ihr Geld verdienen zu müssen.
Larson sah mich mit einem scharfen Blick an, der mich etwas
an Paul Newman erinnerte. »Ich verstehe«, sagte er. »Das würde
mir zugegebenermaßen auch nicht gefallen.« Er blieb an einer
roten Ampel stehen und streckte mir die Hand entgegen.
»Freunde?«
Ich nahm sie. »Einverstanden.« Die Ampel schaltete auf
Grün, und wir fuhren weiter. Einige Minuten später bog er auf
den Rialto Boulevard ein, eine von Zypressen gesäumte Straße, die in unser Viertel führt. Ich sah ihn an. »Wie schlecht war
ich?«
»Unter den Umständen waren Sie überraschend erfindungsreich. Allerdings hatte ich auch nicht weniger erwartet. Ich habe
Ihre Akte gelesen und weiß, dass Wilson ein ausgezeichneter
Lehrer war.«
Falls er versucht hatte, mein Interesse zu wecken, so war ihm
das damit gelungen. »Sie kennen Wilson?«
Wilson Andeycott war mein erster und einziger alimentatore
gewesen. Als ältester Sohn eines hohen Tiers in England hatte er
sogar sein Erbe ausgeschlagen, nur um der Forza beitreten zu
können. War Padre Corletti wie ein Vater für mich gewesen, so
stellte Wilson garantiert den älteren Bruder dar, den ich nie
gehabt hatte. Ich hatte ihm hundertprozentig vertraut, ihn
bewundert, und er fehlte mir sehr.
Ein Schatten huschte über Larsons Gesicht. »Er war ein ausgezeichneter alimentatore und ein guter Freund. Sein Tod war
ein großer Verlust.«
»Er wäre wahrscheinlich im Boden versunken, wenn er gesehen hätte, wie ich auf Sie reagierte.«
Larson schüttelte sanft den Kopf und berührte mich dann
leicht an der Hand. »Im Gegenteil. Ich glaube, er wäre sehr stolz
auf Sie gewesen.«
Ich betrachtete meine Fingernägel. »Danke.«
»Ich werde einen positiven Bericht an die Forza schicken,
Kate. Sie haben sich gut geschlagen. Ehrlich.«
»Oh.« Ich setzte mich aufrechter hin und bemühte mich,
nicht erneut die Fassung zu verlieren. »Das freut mich. Und
warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«
Er warf mir einen raschen Blick zu, und ich bemerkte, dass
seine Augen erneut belustigt funkelten. »Wenn ich mich recht
erinnere, bedrohten Sie mich vor Kurzem noch mit einem
Miniaturritter.«
»Stimmt. Tut mir leid.«
»Schon vergessen«, sagte Larson. Er klappte seinen Sonnenschutz herunter und holte dahinter eine Packung mit Nikotinersatzkaugummis hervor. Nachdem er einen ausgewickelt und
sich in den Mund gesteckt hatte, sah er mich finster an. »Es ist
viel schwerer aufzuhören, als ich gedacht hatte«, erklärte er. »Wie haben Sie vor, Goramesh zu finden?«, fragte ich, um
endlich zum Grund unseres Treffens zu kommen. »Das ist doch
Ihre Absicht, oder? Sie finden ihn, ich schalte ihn aus, und
danach geht das Leben weiter wie zuvor.« Ich blickte ihn aus
schmalen Augen an. »Sind Sie eigentlich wirklich ein Richter?
Stuart würde einen Anfall bekommen, wenn er herausfindet,
dass Sie seiner Kandidatur gar nicht Ihren offiziellen Segen
geben können.«
Er lachte. »Keine Sorge, meine Stellung am Gericht ist sicher.«
»Und wie schaffen Sie das mit dem Vatikan? Arbeiten Sie
etwa schwarz?«
Das meinte ich natürlich ironisch, aber zu meiner Überraschung nickte er. »So in etwa.«
»Machen Sie Witze?« Als ich noch arbeitete, waren sowohl
Jäger als auch alimentatori ausschließlich rund um die Uhr für
die Forza tätig; sie alle hatten dort auch ihre Ausbildung erhalten. Ein anderer Arbeitgeber wäre niemals infrage gekommen. »Ich hatte mein Jura-Studium samt Abschluss bereits zwölf Jahre hinter mir, als ich Padre Corletti kontaktierte, um mich
als alimentatore ausbilden zu lassen«, erklärte Richter Larson. »Wirklich?« Ich konnte den ungläubigen Ton in meiner
Stimme nicht unterdrücken. Die Forza war eine Organisation
höchster Geheimhaltungsstufe. Noch nie zuvor hatte ich von
jemandem gehört, der sie einfach so kontaktierte.
»Corletti fand das wohl auch ungewöhnlich«, fuhr er fort,
»aber ich hatte mich privat intensiv mit Dämonen und der
Unterwanderung unserer Massengesellschaft durch schwarze
Magie auseinandergesetzt und war dabei in einem alten Buch
über einen vagen Hinweis auf die Forza gestolpert. Ich war
fasziniert, und je mehr ich nachforschte, desto entschlossener
wurde ich, herauszufinden, ob es diese Organisation wirklich
gab oder ob sie nur ein Hirngespinst des Autors war.« »Ich bin beeindruckt.«
»Ich brauchte insgesamt fünf Jahre, aber es gelang mir.« Er
lächelte. »Es waren ziemlich interessante Jahre. Man trifft die
erstaunlichsten Charaktere, wenn man über eine Elitetruppe
von Dämonenjägern Nachforschungen anstellt.«
»Padre Corletti hat Sie also an Bord genommen, und von da
an waren Sie mit dabei?«
»So in etwa. Ich habe von Rom aus gearbeitet, bis vor etwa
zehn Jahren neue Vorschriften in Kraft traten. Sobald es uns
erlaubt war, neben unseren Pflichten für die Forza auch noch
einen zweiten Beruf auszuüben, kehrte ich nach Los Angeles
zurück und begann dort wieder als Jurist.«
Eric und ich waren auf ähnliche Weise wieder in den USA
gelandet. Wir hatten uns nach unserer Hochzeit in Los Angeles
niedergelassen und waren dann weiter die Küste hoch nach San Diablo gezogen, als ich schwanger wurde. »Und dann berief
man Sie an den Gerichtshof?«
»Ja. Drei Jahre später wurde ich an den Obersten Gerichtshof
von Kalifornien berufen.«
Wir waren inzwischen in meiner Straße angekommen, und
Larson parkte vor unserem Haus. Er schaltete den Motor ab
und wandte sich mir zu. »Wie Sie sich wahrscheinlich vorstellen
können, war meine neue Position für die Forza ziemlich nützlich. Das Strafjustizsystem bietet einen faszinierenden Einblick
in alle möglichen Dämonenaktivitäten.«
»Das kann ich mir gut vorstellen«, sagte ich. Sein Tonfall
klang sachlich – ganz so, als ob ein Meteorologe über das Wetter oder ein Arzt über Laborergebnisse sprechen würde. Für ihn
mochte es das normale Einerlei seiner Arbeitswelt sein, aber ich
spürte, wie sich erneut mein Magen zusammenkrampfte. Für
mich war das alles nicht mehr normal. Schon seit langer, langer
Zeit nicht mehr.
Und doch fand ich mich auf einmal in dieser Situation wieder. Der Mann, der neben mir saß, verfolgte in seinem Zweitberuf Dämonen und setzte sich dabei mit den verschiedensten
Methoden auseinander, wie man sie besiegen konnte. Ich war in
die Welt des Dämonentötens zurückgekehrt.
Mir lief es kalt den Rücken hinunter, und auf einmal sehnte
ich mich danach, die Stimmen meiner Kinder zu hören. Mit
einer Gänsehaut auf den Armen begann ich in meiner Handtasche nach dem Handy zu suchen. Während Larson zusah,
wählte ich Stuarts Mobilfunknummer. Es klingelte einmal, und
noch einmal und dann vernahm ich seine Stimme: »Bitte sag
mir, dass du mich retten willst.«
Ich war sofort beunruhigt. »Wieso? Was ist los?«
Larson schaute mich aufmerksam an, und auch in seiner
Miene spiegelte sich eine gewisse Beunruhigung wider. Ich hatte
die Hand bereits an der Autoverriegelung und spielte nervös
damit.
Stuart lachte. »Nichts ist los. Ich wollte dir keine Angst einjagen, Schatz. Hast du etwa angenommen, dass ich die Kinder
irgendwo zwischen dem Parkplatz und den Restaurants verloren hätte?«
»So in etwa«, erwiderte ich erleichtert. »Kann ich mit ihnen
sprechen?«
»Klar, wenn du willst, dass Tim einen Brüllanfall bekommt.
Er sitzt gerade mit Allie auf dem Karussell. Es geht ihm gut.
Aber wenn er jetzt Mamis Stimme hört …«
»Okay Schon verstanden.« Das Letzte, was ich brauchte, war
ein heulender Timmy und ein entnervter Stuart, der die Kinder
vorzeitig nach Hause brachte. »Wann meinst du, dass ihr wieder hier seid?«
»Keine Ahnung. Timmy ist momentan ganz zufrieden, und
da bin ich gern gewillt, so lange durchzuhalten, wie Allie das
will.«
Ich zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe. »Meinst du
das ernst?«
»Klar. Warum nicht? Ich habe Allie bereits gesagt, dass wir
hier in irgendeiner dieser Restaurantketten zu Mittag essen.« »Wirklich?« Stuart mochte Restaurantketten normalerweise
überhaupt nicht, aber Allie liebte sie, und es ist auch recht
einfach, in diesen Lokalen etwas für Timmy zu finden. »Dadurch steigst du in Allies Hochachtung bestimmt gewaltig.« »Das will ich hoffen«, sagte er, und ich meinte fast, ihn grinsen sehen zu können. »Außerdem ist es besser, als dieses verdammte Fenster zu richten. Wie läuft es denn damit eigent
lich?«
»Ganz gut«, log ich. Ich hatte das Fenster in dem ganzen
Trubel völlig vergessen.
Wir verabschiedeten uns, und ich steckte das Mobiltelefon
wieder ein, allerdings mit einem seltsam unbefriedigenden
Gefühl.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Larson.
»Ja, alles in Ordnung«, erwiderte ich. Aber das stimmte
nicht. Ich wusste nicht, was ich eigentlich erwartet hatte. Hätte
Stuart etwa riechen sollen, dass ich angespannt war, und mir
versichern, ich müsse mir keine Sorgen machen? Wäre es mir
lieber gewesen, wenn mir meine Kinder hoch und heilig versprochen hätten, niemals mit Fremden oder Dämonen zu
reden? Was immer es war – ich hatte es jedenfalls nicht bekommen. Unzufrieden stieg ich aus dem Auto und ging zur
Haustür. Larson folgte mir. »Sie haben noch nicht meine Frage
beantwortet, wie Sie Goramesh eigentlich zu finden gedenken«,
sagte ich, als wir ins Haus traten.
»Sie haben mir auch noch keine Gelegenheit dazu gegeben«,
entgegnete er.
Da hatte er wohl recht. »Ich will ihn tot wissen. Ich will das
Ganze so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich will, dass
meine Kinder nicht mehr in Gefahr sind.«
»Wir werden es schnell hinter uns bringen«, versicherte er
mir. »Deshalb bin ich ja hier. Um Ihnen zu helfen und diese
Situation zu einem raschen Ende zu bringen.«
»Gut.« Ich dachte darüber nach, was er gesagt hatte. ›Situation‹ war zwar nicht ganz das Wort, das ich gewählt hätte, aber mit ›zu einem raschen Ende‹ konnte ich leben. Je rascher ich in die Normalität zurückkehren durfte, desto besser. »Ja, das wäre
toll«, fügte ich hinzu.
Wir gingen in die Küche, und ein Blick auf die Digitaluhr
zeigte mir, dass es bereits nach zwei war. Ich hatte vergessen,
Stuart zu fragen, ob Tim im Kinderwagen ein Nickerchen
gehalten hatte, aber ich nahm es nicht an. Timmy ist nie in
bester Laune, wenn er weniger als zwei Stunden Nachmittagsschlaf bekommt. Stuart würde garantiert mit der ganzen Mannschaft nach Hause zurückkehren, sobald unser Sohn auch nur
das erste Anzeichen übler Laune zeigte. »Wir sollten uns lieber
sputen«, sagte ich. »Wenn Sie noch hier sind, wenn Stuart
zurückkommt, weiß ich nicht, wie ich das erklären soll.« Ich
öffnete den Kühlschrank, holte zwei Flaschen Wasser heraus,
reichte ihm eine und ging dann ins Wohnzimmer. Dort öffnete
ich die Verandatür und stellte fest, dass Larson mir nicht gefolgt
war. »Kommen Sie?«
»Wohin?«
»Trainieren wir jetzt nicht?«, fragte ich und täuschte einen
Karatehieb à la Bruce Lee vor. »Ohne Waffen? Mit Waffen?
Vielleicht einige Fechtübungen?« Ich tat so, als ob ich einen
Degen aus einer Scheide ziehen würde, musste jedoch feststellen, dass er meine Pantomime-Einlagen nicht lustig fand. Ich
seufzte. »Ich habe fast fünfzehn Jahre lang nicht mehr trainiert,
Larson. Ich muss trainieren, sonst werde ich das nicht überleben.«
»Vor der Kirche haben Sie sich aber ganz gut geschlagen«,
meinte er.
»Ganz gut wird aber nicht reichen.«
Er räusperte sich, sagte aber nichts.
Ich lehnte mich gegen den Türrahmen. »Sie verschweigen
mir doch etwas, oder?«
»Die Forza interessiert sich weniger für Goramesh, sondern
dafür, was er eigentlich sucht.«
»Wenn wir Goramesh aufhalten, ist es doch ganz unwichtig,
was er sucht – oder etwa nicht?«
»Und wie wollen Sie das anstellen?«
»Durch Kampf.« Ich winkte ungeduldig in Richtung unseres
Gartens. »Durch die Manöver, die mir die Forza über viele
Jahre hinweg beigebracht hat. Das erwartet doch der Padre,
oder nicht? Er will, dass ich dieses Problem löse, dass ich Goramesh aufhalte.« Ich war diesmal gar nicht wütend, sondern
nur noch verängstigt. Ich befürchtete, dass das Leben, das ich
mir aufgebaut hatte und das ich liebte, wie ein Kartenhaus in
sich zusammenfallen könnte und ich mich auf einmal in einer
Welt düsterer Bedrohungen wiederfinden würde. »Ich will ihn
einfach nur ausschalten, Larson. Ich will es hinter mich bringen
– sonst nichts.«
»Sie haben noch immer nicht gesagt, wie Sie das machen
wollen.«
»Anscheinend nicht mit Ihrer Hilfe.« Jetzt wurde ich doch
wütend. »Warum sind Sie hier, wenn Sie mir überhaupt nicht
helfen wollen? Ich muss üben. Ich bin in einer schlechten
Verfassung, und ich –«
Oh. Ich klappte meinen Mund zu.
Auf einmal verstand ich, worum es hier ging. »Goramesh hat
noch gar keine Gestalt angenommen, oder?«
»Soweit die Forza weiß – nein, noch nicht.«
»Das macht meinen hübschen kleinen Plan natürlich zunichte«, musste ich zugeben. Wenn der Dämon noch keinen
menschlichen Körper in Besitz genommen hatte, konnte ich ihn
schlecht töten.
Larson gab ein leises »Hm« von sich, und ich schnitt eine
missmutige Grimasse.
»Was schlagen Sie also vor?«, wollte ich griesgrämig wissen. »In diesem Fall werden wir durch unsere grauen Zellen und
nicht durch unsere Muskeln den Sieg davontragen. Wir müssen
herausfinden, was Goramesh sucht, und es dann vor ihm sicherstellen.«
»Gut. Sobald Sie herausgefunden haben, worum es sich handelt und wo es ist, kann ich Ihnen gern helfen, es zu holen.« So
wie ich die Sache sah, bedeutete die Tatsache, dass Goramesh
noch ein körperloser Dämon war, eigentlich eine gute Nachricht – zumindest für mich. Ohne einen Körper gab es für mich
nichts zu jagen. Und das Recherchieren gehörte eindeutig zu
den Aufgaben eines alimentatore. »Zeigen Sie mir den Dämon,
und ich bringe ihn zur Strecke«, sagte ich. »Aber außer dem,
den wir gerade begraben haben, habe ich hier noch keinen
gesehen.« Ich fühlte mich auf einmal wieder viel besser und
grinste. »Wie man so schön sagt: Meine Aufgabe hier scheint
erledigt zu sein.«
Larson wollte meine Freude offenbar nicht teilen. »Und Goramesh?«, wollte er wissen. »Wir müssen herausfinden, was er
will.«
Leise meldete sich mein altbekanntes Schuldbewusstsein zu Wort, aber ich blieb vorerst stark. »Nein, Sie müssen das he
rausfinden.«
»Kate –«
»Was?« Ich verschränkte trotzig die Arme. »Kommen Sie
schon, Larson. Jeder Dämon will etwas. Aber solange er keinen
Handlanger in San Diablo hat, der für ihn die Arbeit erledigt –
ob nun Sterblicher oder Dämon –, kann man nicht behaupten,
dass wir bereits Alarmstufe Rot haben. Oder sehen Sie das
anders?«
»Diese Einstellung ist aber nicht sehr verantwortungsbewusst.«
»Verantwortungsbewusst?« Ich hatte gerade höllische vierundzwanzig Stunden hinter mir, und das Letzte, was ich jetzt
brauchen konnte, war ein Vortrag über Verantwortungsbewusstsein. »Ich kann mich vor Verantwortungsbewusstsein
kaum retten.« Zornig begann ich ihm aufzuzählen: »Da wären
allein schon mal die Verpflichtungen für die Elternfahrgemeinschaft, die Spielgruppen und den Elternbeirat. Ganz zu schweigen davon, dass ich täglich meine Familie versorgen muss und
mich darum kümmere, dass alle zu essen haben und eingekleidet sind. Das«, erklärte ich zornig, »das ist meine Verantwortung.«
Er wollte den Mund öffnen, aber ich war noch nicht am Ende.
»Und Ihre Verantwortung ist es, die nötigen Recherchen in
diesem Fall anzustellen«, sagte ich mit Nachdruck. »Oder hat
die Forza auch diese Regeln geändert?«
»Schon verstanden.« Er nickte bedächtig. »Sie haben sich klar
ausgedrückt. Aber meine Möglichkeiten, all das herauszufinden, sind durch meinen Beruf als Richter erheblich eingeschränkt. Ich würde gern im Archiv der Kathedrale herumstöbern, aber meistens arbeite ich den ganzen Tag über am Gericht
und habe dazu keine Zeit.«
Wieder meldete sich mein Schuldbewusstsein zu Wort. Ich
seufzte, da ich merkte, dass ich nicht mehr lange durchhalten
würde.»Recherchieren ist eigentlich nicht meine Sache. Ich
habe nicht einmal die Highschool abgeschlossen.« Genauer
gesagt, hatte ich nie eine Highschool besucht. Die Kirche hatte
natürlich Lehrer angestellt, die uns unterrichten sollten, aber
das war nur sehr sporadisch geschehen. Ich hatte meine Jugend
damit verbracht, anzunehmen, dass ich den nächsten Sonnenaufgang vielleicht nicht erleben würde. »Das ist nicht ganz
meine Liga.«
»Ich bitte Sie doch nicht, irgendwelche alten Texte aus einer
obskuren Sprache zu übersetzen, Kate. Ich möchte nur, dass Sie
sich die Dinge, die im Archiv liegen, einmal genauer ansehen.
Ich habe schon einiges selbst recherchiert und möchte da ein
paar Sachen klären. Mit Ihrer Hilfe würde das wesentlich
schneller gehen.«
Es stellte für mich keine Schwierigkeit dar, ins Kirchenarchiv
zu gelangen. Ich musste einfach Delores gegenüber behaupten,
dass ich gern noch mehr ehrenamtlich übernehmen würde.
Solange ich dadurch nicht weniger Bürodienst machte, würde
sie wahrscheinlich nichts dagegen einzuwenden haben. Die
Kirche hatte bereits einen Archivar eingestellt, der sich mit den
seltenen und wertvollen Stücken befasste. Aber dort unten gab
es noch Unmengen von Zeugs, das durchgesehen werden
musste. Wenn ich diese Aufgabe übernahm, konnte ich wahrscheinlich auch ungehindert einen Blick auf die Sachen werfen,
an denen Larson interessiert sein mochte. »Also gut, einverstanden«, sagte ich.
»Ausgezeichnet.«
Ich erhob den Finger, um ihn davon abzuhalten, weiterzusprechen, bis ich geklärt hatte, ob wir uns auch wirklich richtig
verstanden. »Ich werde Ihnen bei dieser Art der Suche helfen.
Aber solange wir keine handfesten Beweise dafür haben, dass
Goramesh bereits Dämonen für sich arbeiten lässt, weigere ich
mich, mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. Es könnte
doch auch sein, dass wir seinen einzigen Gefolgsmann in einem
menschlichen Körper vorhin begraben haben. Mein Angebot ist
doch nur fair, oder?«
Er sah mich zwar stirnrunzelnd an, nickte dann aber. »Natürlich. Ich kann Sie gut verstehen. Bis sich zeigt, dass es dringend geboten ist zu handeln, sollte es auch nicht nötig sein, die
Arbeit im Archiv besonders schnell zu erledigen.«
Ich musste zugeben, dass Larson wirklich ein angenehmer
Zeitgenosse sein konnte, wenn er wollte. Ich hingegen fühlte
mich momentan wie eine unverträgliche Zicke. »Gut. Ausgezeichnet.«
Es war allerdings weder gut noch ausgezeichnet. Ich konnte
mir nicht sicher sein, dass ich San Diablos einzigen Dämon
getötet hatte, der die Straßen unsicher machte, und kein stinkender Unhold sollte es wagen, meine Kinder in Gefahr zu
bringen. Solange ich irgendetwas in dieser Sache zu sagen hatte,
würde das nicht geschehen. »Warten Sie hier«, sagte ich. Ich
ging in meine Speisekammer, holte zwei Schrubber heraus und
trug die beiden Putzutensilien ins Wohnzimmer. Den einen
reichte ich Larson.
Seiner Miene nach zu urteilen, nahm er wohl an, dass ich
nun doch allmählich die Kontrolle verlor.
»Ich habe zwei Kinder und einen Mann, die nicht die leiseste
Ahnung haben, was hier vor sich geht. Falls es noch weitere
Dämonen in San Diablo geben sollte, möchte ich vorbereitet
sein.«

Ich hatte noch nie zuvor mit zwei Schrubbern gekämpft, und ich bin mir sicher, dass es Larson ähnlich erging. Aber er widersprach nicht (zumindest nicht sehr), als ich ihn in den Garten hinausführte. Um der lieben Wahrheit willen muss ich zugeben, dass ich auch eine richtige Fechtausrüstung besitze. Leider hatte ich sie jedoch schon vor vielen Jahren in der hintersten Ecke des Schuppens vergraben und hegte nicht die Absicht, mich nun auch noch damit auseinanderzusetzen. Die Stiele der Schrubber funktionierten sowieso einwandfrei und reichten auf jeden Fall für das rasche Training, das ich für diesmal geplant hatte.

Ich trat also im Garten auf den Kies, brachte mich in Stellung und wartete auf Larson. »Halten Sie sich nicht zurück«, sagte ich, als er ebenfalls Position bezog. »Und während wir fechten, können Sie mir alles erzählen, was ich über Goramesh wissen muss.«

Wie sich herausstellte, war er verdammt gut und jagte mich quer durch unseren Garten. Ich war derart damit beschäftigt, mich zu verteidigen, dass wir kaum zum Sprechen kamen. Wir waren etwa zehn Minuten dabei – mit den Füßen hinterließ ich geometrische Figuren im Kies, während die Schrubberstiele gerade noch unseren Hieben standzuhalten vermochten und in ihren Fassungen blieben –, als ich unseren Minivan vor dem Haus hörte. Kurz darauf ertönte das verräterische Ächzen des Garagentors.

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Wieso war meine Familie bereits zu Hause? Es irritierte mich ein wenig, dass Larson kein bisschen beunruhigt wirkte.

»Was sollen wir ihnen denn jetzt sagen?«, wollte ich wissen. »Jedenfalls nicht die Wahrheit«, erwiderte er.
»Echt, meinen Sie?«
»Diese Art von Sarkasmus ist momentan nicht angebracht,

Kate.«
»Ganz im Gegenteil – ich finde, er ist geradezu notwendig.« »Wir behaupten einfach, dass ich Stuart besuchen wollte. Um

seine Wahlkampagne zu besprechen. Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird schon nicht so schlimm sein, wie Sie befürchten.«

SIEBEN

Man musste es ihm lassen – Richter Larson hätte es locker mit den besten Trickbetrügern dieser Welt aufnehmen können. Wir eilten ins Haus, und er setzte sich gerade an den Küchentisch, als Allie durch die Tür hereingestürmt kam. Vor Begeisterung riss sie mich beinahe zu Boden.

»Mami! Mami! Das musst du dir ansehen!« Sie wedelte mit einer Einkaufstüte vor meiner Nase hin und her, während ich den Kaffee, den ich am Morgen gemacht hatte, weggoss und Wasser für einen neuen aufsetzte. Ich hoffte, dass ich so aussah, als hätte ich den ganzen Vormittag über nichts anderes getan, als mich um das Haus zu kümmern. »Ich habe fünf T-Shirts bekommen. Der ganze Wühltisch war voller Klamotten, die um fünfundsiebzig Prozent reduziert waren, und Stuart meinte, dass ich von jeder Sorte eines haben könnte. Ich habe auch Mindy zwei mitgebracht und –« Sie klappte ihren Mund zu, als sie auf einmal den Mann bemerkte, der am Küchentisch saß. »Oh. Hi.«

Man sah ihr an, dass sie sich darum bemühte, höflich zu sein und nicht zu fragen, wer er sei. Ich wollte Larson gerade vorstellen, als dieser mir zuvorkam.

»Du musst Allie sein«, sagte er und erhob sich. »Ich habe schon viel von dir gehört. Ich bin Mark Larson.«
»Oh.« Allie warf mir einen Blick zu, und ich schenkte ihr eines meiner ermutigenden Mami-Lächeln. Sie zögerte und streckte dann ihre Hand aus. »Freut mich, Sie kennenzulernen.« »Katie?« Stuarts Stimme drang aus der Garage zu uns herüber. Ich hörte, wie die Tür des Minivans zugeschlagen wurde. »Wem gehört denn der Wagen? Hast du Besuch – Richter Larson!«
Stuart stand in der Tür, und Timmy klammerte sich wie ein Babyäffchen an ihn. Mein Mann erholte sich in Sekundenschnelle von dem Schock, den es für ihn bedeuten musste, den Richter so unerwartet in unserer Küche vorzufinden, und kam strahlend auf ihn zu. »Richter Larson. Entschuldigen Sie bitte. Ich hatte nicht erwartet, Sie hier anzutreffen.« Er gab mir einen Kuss, doch seine Begrüßung für mich war nur flüchtig. Ich verstand natürlich, warum. Auch ich hielt den Atem an. Wie schafften es Leute nur, ihren Mann oder ihre Frau zu betrügen? Eine winzig kleine Indiskretion, und ich schwitzte bereits so, dass Rutschgefahr drohte. (Okay, vielleicht war diese Indiskretion ja auch nicht ganz so winzig klein … Aber trotzdem.)
Ich streckte meine Arme nach Timmy aus und Stuart reichte mir den kleinen Mann, um dem Richter die Hand zu schütteln. »Seit wann sind Sie hier? Warten Sie schon lange? Es tut mir leid, dass ich nicht da war. Mir war gar nicht klar, dass Sie vorbeischauen wollten.« Seine Sätze klangen abgehackt und gehetzt, und unter anderen Umständen hätte ich das vielleicht ganz lustig gefunden. Heute jedoch entlockte es mir nicht einmal ein schwaches Lächeln.
Noch ehe Larson antworten konnte, runzelte Stuart die Stirn und warf mir einen fragenden Blick zu. Ich tat so, als wäre ich auf einmal wild damit beschäftigt, Timmy von oben bis unten abzuküssen (er hatte leise nach Keksen gebettelt, würde nun aber bestimmt jede Minute anfangen, laut loszubrüllen). »Ich sollte wohl erst einmal fragen«, fuhr Stuart fort und wandte sich wieder dem Richter zu, »weshalb Sie eigentlich hier sind.«
Larson lachte und klang dabei ganz natürlich und liebenswürdig. »Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie einfach so überfallen habe. Ich war gerade in der Gegend, um mir ein paar Häuser anzusehen. Und da bemerkte ich, dass Ihr Auto vor dem Haus geparkt ist.« Er nickte in meine Richtung. »Kate hat mir inzwischen erklärt, dass Sie die Autos getauscht hätten, aber sie war so freundlich, mir eine Tasse Kaffee anzubieten, während ich auf Sie warte.«
Stuart-mein-Ehemann mochte sich vielleicht wundern, Larson während seiner Abwesenheit in unserer Küche zu wissen, aber Stuart-der-Politiker hatte mit dieser Vorstellung überhaupt kein Problem. »Das ist in mehrfacher Hinsicht ein gutes Zeichen«, erklärte Stuart-der-Politiker und zog den Stuhl Larson gegenüber heraus, um sich zu setzen. »Gestern Abend hatten wir nicht genügend Zeit, um uns in Ruhe zu unterhalten. Und ich hatte sowieso geplant, Sie am Montagvormittag anzurufen. Ich dachte mir, wir könnten uns vielleicht auf ein Mittagessen oder einen Drink treffen.«
»Mit dem größten Vergnügen«, entgegnete Larson. »Clark schwärmt ja geradezu von Ihnen.«
Sie tauschten einige politische Floskeln miteinander aus, die mir inzwischen vertraut waren. Währenddessen setzte ich Timmy ab, dessen ganze zweiunddreißig Pfund Leibesfülle allmählich zu viel wurden. Er begann sogleich die Küchenschränke aufzureißen, um die neuen Kindersicherungen auszuprobieren. Seit wir sie angeschafft hatten, war das für ihn zu einer Routine geworden. Als er schließlich einen Schrank erwischte, den ich unverschlossen gelassen hatte, zog er zwei Pfannen und einen Kochlöffel heraus und ließ sich zufrieden nieder, um mit seinem Nachmittagskonzert zu beginnen.
»Scha-atz?« Stuarts Stimme war gerade noch über das Schlaggeräusch hinweg zu vernehmen.
»Sorry.« Ich beugte mich über Timmy »Komm schon, kleiner Mann. Gehen wir woanders hin.«
»Nein. Meins! Meins!« Er hielt die Pfannen fest und wollte nicht loslassen. Die Stärke, die die Hand eines entschlossenen Zweijährigen entwickeln kann, verblüfft mich immer wieder aufs Neue. Ich warf Stuart einen Er-ist-auch-dein-Sohn-Blick zu, während ich mich dazu durchrang, wieder einmal einen altbewährten Muttertrick anzuwenden – Bestechung. »Wir können uns Elmo anschauen.«
Das brachte ihn mit einem Schlag zum Verstummen. Der kleine Strolch ließ sein improvisiertes Musikstudio stehen und trottete glücklich ins Wohnzimmer.
Ich sah mich nach Allie um, da ich hoffte, sie als Babysitter engagieren zu können, aber es war ihr gelungen, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Wahrscheinlich war sie schon am Telefon mit Mindy. Kein Problem. Mit Elmo brauchte man im Grunde keinen Babysitter.
Ich schob Tims Lieblingsvideo in den Rekorder und wartete, bis er verzaubert war. Sobald er sich beruhigt hatte, wollte ich ihn nach oben bringen und versuchen, ihn zu einem späten Nachmittagsschläfchen zu bewegen. Bis dahin ließ ich Elmo die Arbeit übernehmen und kehrte zu den Männern in die Küche zurück. Nicht gerade die gewissenhafteste Art und Weise der Erziehung, ich weiß, aber es handelte sich schließlich um einen Notfall. Und wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich den Jungen meist aus weniger triftigen Gründen vor dem Fernseher parke. Soweit ich das einschätzen kann, hat er bisher noch keinen Knacks davongetragen.
Ehrlich gesagt, wollte ich so schnell wie möglich in die Küche zurück. Larson und Stuart allein zu lassen gefiel mir so ganz und gar nicht. Blöd, ich weiß. Larson würde bestimmt nicht plötzlich aus Versehen erwähnen, dass Dämonen in der Stadt waren, und noch weniger, dass ich vor meiner Hochzeit locker ein Dutzend Ungeheuer vor dem Frühstück um die Ecke bringen konnte.
Nein, es gab nichts, was mich beunruhigen musste. Aber ich war trotzdem entschlossen, dabei zu sein. (Schließlich war das meine Krise. Selbst wenn ich am Ende bloß einem todlangweiligen politischen Gerede zuhören und mir dabei einreden musste, ich würde auf diese Weise eine Katastrophe vermeiden.)
Fünf Minuten später bereits bereute ich meine Entscheidung. Die beiden sprachen über Gallup-Umfragen, Wahlbezirke und ähnlichen Unsinn, der mich so gar nicht interessierte. Ich schaltete also ab. Ich weiß nicht einmal mehr, worüber ich nachdachte – höchstwahrscheinlich ging es mal wieder um Dämonen –, als Stuart plötzlich vor mir auffordernd auf den Tisch klopfte.
»Liebling?«
Ich zuckte zusammen und riss automatisch die Hand hoch, um mich vor einem Angriff zu schützen. »Ist was mit Timmy?« Nein, es ging ihm gut. Er stand im Wohnzimmer auf der Couch und blickte in den Garten hinaus, während er fröhlich auf und ab hüpfte und »K steht für Keks« mehr oder weniger gemeinsam im Chor mit dem Krümelmonster sang.
»Nein, entschuldige. Es hat nur hinten an der Verandatür geklopft. Wahrscheinlich ist es Mindy.«
»Oh, ach so. Klar.«
Von unserer Frühstücksecke aus kann man den größten Teil des Wohnzimmers überblicken, aber nicht die Verandatür. (Daher auch das hüpfende Kind, das ganz offensichtlich, nachdem ich nun die nötigen Informationen besaß, auf seine unbefangene Weise Mindy begrüßte.) Der Schnitt unseres Hauses ist sein größtes Manko. So muss ich mich zum Beispiel im Wohnzimmer aufhalten, wenn Timmy auf der hinteren Veranda spielt, denn sonst habe ich ihn nicht im Blick. Was bedeutet, dass ich auch den Garten als Spielplatz im Grunde abschreiben kann, wenn ich etwa die Spülmaschine ausräume – es sei denn, ich möchte, dass mein Kind ein kleiner Tarzan wird.
Es stellte sich heraus, dass Stuart recht hatte. Ich öffnete Mindy und Laura die Tür. »Hi«, sagte ich. »Nur hereinspaziert.« Mindy trug nicht nur drei Tüten von drei verschiedenen Klamottenläden, sondern sie hatte auch ihren üblichen Seesack über der Schulter. Anscheinend hatte das gute Kind vor, mal wieder etwas länger zu bleiben.
»Du hast doch nichts dagegen, oder?«, fragte Laura, die meinen Blick bemerkt hatte.
Ich winkte ab. »Natürlich nicht«, schwindelte ich. Normalerweise hatte ich tatsächlich nichts dagegen, wenn Mindy bei uns übernachtete. Doch heute sehnte ich mich nach etwas Ruhe und Frieden, denn irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass es lange dauern würde, ehe ich wieder dazu kam, mich zu entspannen. »Allie ist oben«, erklärte ich Mindy »Ich hatte eigentlich angenommen, dass sie gerade mit dir telefoniert.«
»Sie hat mich auch angerufen«, erwiderte Mindy. »Aber wir beschlossen, dass ich besser gleich herüberkomme. Können wir uns wirklich einen Film ansehen und Pizza essen, sobald wir unsere Klamotten gezeigt haben?«
»Na klar«, sagte ich und hoffte, dass niemand bemerkte, dass ich in Wahrheit ganz vergessen hatte, was Laura und ich für diesen Abend geplant hatten.
Also gut, was konnte ich machen? Ruhe und Frieden sind sowieso überschätzte Werte.
Während Mindy mit einer beneidenswerten Energie die Treppe hinaufsprang, blickte mich Laura neugierig an. Automatisch rieb ich mir über die Oberlippe, als ob ich dort einen Klecks verschmierter Schokolade befürchtete. »Was?«
Sie schüttelte den Kopf und sah mich etwas merkwürdig an, was mich beunruhigte. Warum, wusste ich nicht. Aber seit Neuestem vertraute ich wieder meinem Instinkt. Und der sagte mir, dass irgendetwas mit meiner Freundin nicht stimmte. Etwas, was – wie ich verzweifelt hoffte – zur Abwechslung einmal nichts mit Dämonen zu tun hatte. »Komm schon, Laura«, forderte ich sie auf. »Spuck es aus.«
Wir standen noch immer an der Verandatür, und ich wollte sie gerade verriegeln – ein Ritual, das mir seit den Ereignissen des Vortags besonders wichtig geworden war.
»Es ist nichts. Wirklich nicht. Oder zumindest geht es mich nichts an.«
»Was ist nichts?« Ihre Bemerkung war zwar ziemlich unverständlich, aber sie ließ mich innerlich doch erleichtert aufatmen. Mit Neugier konnte ich fertig werden. Sie lehnte sich an die Wand mir gegenüber, sodass sie mit dem Rücken zur Küche stand. Hinter ihr war hin und wieder das Kratzen von Stühlen auf Fliesenboden zu hören, während Larson und Stuart ihre Unterhaltung fortsetzten.
»Ich komme mir wie eine Idiotin vor, überhaupt etwas zu sagen.«
Nachdem meine Angst verflogen war, hielten sich nun Neugierde und Belustigung die Waage. »Na los«, meinte ich erneut. »Jetzt sag es doch endlich.«
»Es ist echt dumm von mir.« Sie fuchtelte unsicher mit den Händen in der Luft herum, und ihre Wangen waren errötet. Ich runzelte die Stirn. Allmählich kam mir das Ganze doch etwas seltsam vor. Endlich trat sie einen Schritt auf mich zu und blickte mich mit roten Backen an. »Ist bei dir und Stuart alles in Ordnung? Ich meine, du hast doch nicht … Äh … Du hast doch nicht eine …« Sie brach ab und nickte bedeutsam, als wollte sie sagen »Du weißt schon, was ich meine«.
In Gedanken spielte ich alle Möglichkeiten durch, bis mir klar wurde, worauf sie hinauswollte. Nun war es an mir, knallrot zu werden. »Natürlich nicht!«, sagte ich. »Stuart und mir geht es ausgezeichnet. Also wirklich ausgezeichnet!« Selbst in meinen Ohren klang ich übertrieben begeistert. Unser Leben war ja tatsächlich in Ordnung. Aber ich verspürte trotzdem dieses ständig nagende Schuldgefühl. Denn obwohl nichts in der Hinsicht falsch lief, die Laura anscheinend annahm (eine Affäre!), so hatte ich doch einige gewaltige Geheimnisse vor meinem Mann. Die Sorte Geheimnisse, die kaum größer und geheimer sein könnten. »Warum um alles in der Welt fragst du mich so etwas?«
Eine wahnsinnige Erleichterung spiegelte sich nun in ihrem Gesicht wider. »Gott sei Dank. Ich wusste ja, dass das eine idiotische Frage ist. Ich habe nur …« Sie zuckte mit den Achseln, schüttelte den Kopf und hob hilflos die Hände. Auf einmal erinnerte sie mich fast an eine Marionette, die von einem Puppenspieler mit nervös bedingten Zuckungen geführt wurde.
»Laura …«
»Na ja. Ich wusste einfach nicht, was ich denken sollte. Ich sah dich zusammen mit diesem älteren Mann im Garten fechten, und ihr beide habt irgendwie so vertraut miteinander gewirkt, dass ich mir dachte, da muss irgendetwas im Busch sein.«
Etwas war im Busch, da hatte sie recht. Allerdings etwas ganz anderes. »Wenn du mich auf allen vieren unter dem Haus herumkriechen sehen würdest, nähmst du dann etwa an, ich hätte etwas mit dem Klempner am Hut?«
»Wohl kaum. Aber dein Fechtpartner wirkt nicht gerade wie ein Bier saufender Bauarbeiter im Unterhemd.«
»Mach mir nicht die Klempner schlecht«, sagte ich. »Schließlich sind sie es, die dein verstopftes Waschbecken am Weihnachtsabend reparieren – oder etwa nicht?«
»Ich nehme alles zurück«, entgegnete Laura und streckte drei Finger in typischer Pfadfindermanier in die Höhe. »Aber was war nun eigentlich los? Ich meine, wieso fichst du plötzlich mit diesem Mann in eurem Garten? Ich wusste gar nicht, dass du überhaupt fechten kannst. Noch dazu habt ihr keine Degen verwendet.«
»Fechten?« Stuarts Stimme. Gefolgt von dem Mann selbst, der in diesem Moment mit Richter Larson an seiner Seite das Wohnzimmer betrat.
Ich unterdrückte das dringende Bedürfnis, einen lauten Fluch auszustoßen, und setzte stattdessen ein glückliches Hausfrauen-Lächeln auf, während ich rasch darüber nachsann, welche Lüge ich nun auftischen konnte. Keine klang so richtig überzeugend.
Laura blickte mich noch immer an, die Männer im Rücken. Nur die Lippen bewegend, gab sie mir zu verstehen, wie leid es ihr tat, ehe sie sich strahlend zu Stuart umdrehte. Die Art und Weise, wie eine halbe Sekunde später ihre Schultern angespannt erstarrten, zeigte mir, dass sie Larson nicht erwartet hatte, und ich konnte es ihr nicht wirklich vorwerfen, als die Worte »Oh, Sie« ihr entwischten.
Ich räusperte mich. »Laura, das ist Richter Mark Larson. Richter Larson, meine Freundin Laura Dupont.«
Da Laura gut erzogen war, trat sie mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Wenn ich kurz die Hoffnung gehegt hatte, dass ein solcher Austausch von Höflichkeiten Stuart ablenken könnte, hatte ich mich leider gründlich getäuscht.
»Das mag vielleicht etwas naiv klingen«, sagte er, »aber warum um alles in der Welt habt ihr beide miteinander gefochten? Habt ihr gefochten?«
»Äh«, murmelte ich und schloss den Mund, als ich bemerkte, dass ich nichts zu sagen hatte. Ich wand mich ein wenig und warf dabei Laura einen Hilfe suchenden Blick zu. Aber sie hatte bereits Larsons Hand losgelassen und huschte nun Richtung Treppe. »Ich schau mal kurz nach, was die Mädchen machen«, erklärte sie. Großartig, Laura. Einfach super. Herzlichen Dank.
Ich konzentrierte mich also wieder auf das vor mir liegende Problem einer Erklärung, konnte aber noch immer nicht wesentlich mehr als ein lahmes »Äh« von mir geben. Nicht gerade der eleganteste Schwindel aller Zeiten. Larson legte eine Hand auf Stuarts Schulter und drückte sie sanft. Er zog offenbar nun seine ganzen Großvater-Register, und ich war ihm für den ersten Moment wirklich dankbar dafür.
»Selbstverteidigung«, erklärte Larson und machte damit meine Dankbarkeit zunichte. Ich applaudierte ihm innerlich höhnisch. Mit einer solchen Antwort hätte ich auch aufwarten können.
»Selbstverteidigung«, wiederholte Stuart.
»Genau«, meldete ich mich zu Wort, denn jetzt blieb mir nichts anderes mehr übrig, als mitzuspielen.»Und … äh … Training.«
Stuart starrte mich mit einer perplexen, wenn auch interessierten Miene an. Zum Glück fand ich keinerlei Anzeichen dafür, dass er sich bereits überlegte, mich einliefern zu lassen oder – was wesentlich schlimmer gewesen wäre – ob ich eine Affäre mit Larson habe (wie zum Teufel kam Laura nur auf diese Idee!).
Eine Weile herrschte Schweigen, und ich wartete darauf, dass Larson etwas sagen würde. Als er das nicht tat, sprang ich in die Bresche. »Die Welt da draußen ist wirklich gefährlich geworden, und ich … äh … Ich muss wissen, wie ich mich im Notfall verteidigen kann.« Da Stuart nichts erwiderte, plapperte ich weiter und redete mich allmählich so richtig warm. »Du arbeitest ja oft bis spät in die Nacht, hast dann noch irgendwelche Sitzungen mit Clark, und ich bin währenddessen mit den Kindern allein zu Hause.« Ich zählte ihm eines nach dem anderen auf: »Allie wird im nächsten Schuljahr ständig irgendwelche Extrakurse nach der Schule besuchen. Ich muss sie also sicher des Öfteren spät irgendwo abholen – mit Tim im Auto. Da fand ich es einfach nur vernünftig, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.«
»Und deshalb hast du mit Richter Larson eine Runde gefochten?«
Stuart meinte das nicht einmal sarkastischer war einfach nur verwirrt, was ich ihm schlecht zum Vorwurf machen konnte.
»Äh … nein. Es geht um einen Selbstverteidigungskurs. Ich wollte mich und Allie dafür anmelden.«
»Wow, geil!« Allies Stimme ertönte aus dem ersten Stock. Einen Moment später tauchte meine eigene kleine Britney Spears auf. Sie trug ein viel zu enges T-Shirt, das so tief ausgeschnitten und so kurz war, dass ich am einen Ende die Spitze ihres BHs und am anderen ihren Bauchnabel sehen konnte. Dazu hatte sie eine eng anliegende Lycra-Hose an, die mit ihren Hüften zu verschmelzen schien, und weiße Keds mit Spitzensöckchen. Zum Glück konnte ich keinerlei Anzeichen von irgendwelchen Tattoos oder Piercings entdecken.
Ich blickte Stuart finster an, während sie, gefolgt von Mindy und Laura, auf uns zustolzierte. »Das verstehst du also unter einer passenden Kleidung für die Schule?«
Er hielt abwehrend die Hände in die Höhe und trat einen Schritt zurück. Ein kluger Mann. »Ich war nur Chauffeur und Kreditkartenbesitzer.«
»Wir wollen also wirklich einen Selbstverteidigungskurs machen?«, erkundigte sich Allie und blieb vor mir stehen. »Kein Witz?«
»Kein Witz«, antwortete ich und fragte mich, wann ich die Zeit finden würde, ein ernstes Wörtchen über diese total unpassenden Klamotten mit ihr zu wechseln.
»Das ist ja voll krass«, erklärte sie. »Und du willst da auch mitmachen, Mami? So mit Tritten und Schlägen und allem Drum und Dran?«
Ich beschloss, ihr auf der Stelle das ungläubige Staunen auszutreiben.
»Ja, genau das habe ich vor. Du scheinst wohl anzunehmen, dass ich für so etwas zu schlapp bin?«
»Na ja, weißt du … Du und Stuart – ihr seid einfach schon alt.« Sie zuckte mit den Achseln. »Ist nicht beleidigend gemeint oder so.«
»Schon verstanden.« Ich warf Stuart einen heimlichen Blick zu und stellte zufrieden fest, dass seine perplexe Miene einer amüsierten gewichen war.
»Offenbar leidet deine Mutter noch nicht unter Muskelschwund oder Verkalkung«, meinte er. »Sie und Richter Larson haben nämlich vorhin vor Mrs. Duponts Augen eine kleine Fechtpartie eingelegt.«
»Sehr witzig«, erwiderte ich trocken, während Allie »Kein Scheiß?« rief, um dann hastig die Hand auf den Mund zu pressen. »Huch! Sorry!«
»Allie!«, tadelte ich sie, wobei ich über die Ablenkung froh war.
»Ihr habt also wirklich miteinander gefochten?« Jegliche Reue über ihre Ausdrucksweise war wieder der Neugier gewichen.
»Ja, haben wir.« Ich konnte es schließlich kaum leugnen, auch wenn ich es am liebsten getan hätte.
»Das ist so cool.«
Nun strahlte ich. Meine vierzehnjährige Tochter hielt mich also für cool. Für alt und hinfällig, aber doch auch für cool.
»Warum?«, wollte sie nun wissen.
Die Freude über die Bewunderung der Frucht meiner Lenden verschwand. Ich seufzte frustriert auf. Ich hasste nichts mehr auf der Welt, als ausgefragt zu werden. »Ich habe es bereits Stuart erklärt. Du weißt schon: Frau. Allein mit Kindern. Es schien einfach –«
»Nein, nein. Das habe ich alles vorhin gehört. Ich meine, warum fechten? Und warum mit dem da?« Sie vermied es, den da anzusehen. Ihrem Tonfall nach zu urteilen, konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, sie hielte Larson für Satan persönlich.
»Allie.« Da war sie wieder – meine Geschockte-MutterStimme. Zum zweiten Mal innerhalb nur weniger Minuten. Ich wandte mich an Larson. »Sie ist vierzehn«, sagte ich, um ihr Verhalten zu erklären, während ich mich fragte, ob sie irgendetwas von Lauras Vermutung, ich hätte eine Affäre mit dem Richter, aufgeschnappt haben konnte.
»Mutter.«
»Allison Elizabeth Crowe«, sagte ich.»Hast du deine Manieren im Einkaufszentrum liegen gelassen?«
»Tut mir leid«, murmelte sie.
»Bei mir musst du dich nicht entschuldigen.«
Sie holte tief Luft und legte dann den Kopf zurück, um Larson anzusehen. »Es tut mir leid. Ich wollte nicht beleidigend sein. Ehrlich. Ich … Ich meine … Na ja, warum ficht meine Mutter überhaupt mit jemand?«
»Eine sehr gute Frage«, meinte auch Stuart. Allie trat daraufhin zwei Schritte näher an ihn heran, da sie nun offenbar einen Verbündeten in ihm sah. Laura und Mindy hatten sich währenddessen unbemerkt vor den Fernseher gestellt und taten so, als ob sie von Elmo und seiner Bande genauso fasziniert wären wie mein Sohn. Feiglinge!
»Ich verstehe wirklich nicht, was ihr alle wollt. Es ging doch nur um ein bisschen Fechten«, sagte ich.
»Kate hat mir erzählt, dass sie einen Selbstverteidigungskurs belegen will«, sprang mir Larson endlich bei. Seine Stimme klang vernünftig und souverän und so ganz anders als meine schrillen Proteste. »Ich habe früher einmal viel gefochten, und sie fragte mich, ob es sich wohl für sie lohnen würde, damit zu beginnen. Wir kamen ins Gespräch, und dann beschlossen wir eben, es einfach gleich mal mit den Schrubbern auszuprobieren.«
Stuart runzelte die Stirn. »Mit Schrubbern?«
»Mit Schrubberstielen.« Laura lieferte diese Information aus der anderen Ecke des Zimmers; offensichtlich war sie doch nicht so absorbiert von der Sesamstraße, wie ich angenommen hatte.
»Wieso –«
Ich hielt die Hand hoch, um Allie zu unterbrechen. »Das ist jetzt völlig egal. Wichtig ist nur, dass Richter Larson so liebenswürdig war, mir ein paar Bewegungen beizubringen. Es scheint Spaß zu machen, aber es ist nicht wirklich praktisch, ständig mit einem Degen durch die Gegend zu laufen.«
Auch wenn ich mich gerade um Kopf und Kragen schwindelte, so stimmte etwas doch unzweifelhaft: Die Welt ist voller Gefahren – und zwar sowohl aus menschlicher als auch aus dämonischer Richtung. Mein kleines Mädchen wurde groß (viel zu schnell, wenn ich mir ihre Klamotten so betrachtete), und wenn sie einmal allein dort draußen in der Welt sein würde, wollte ich sie zumindest so selbstbewusst wie möglich wissen. Warum sollte sie also nicht lernen, wie man einem Gegner ein paar Tritte versetzt? Ich finde, das ist das wenigste, was eine besorgte Mutter tun kann.
Ich blickte Stuart und Allie mit ernster Miene an. »Wir beginnen nächste Woche mit dem Kurs«, verkündete ich. »Entweder Kickboxen oder Aikido oder so etwas. Ich mache mich erst einmal kundig, was es so gibt.« Am liebsten hätte ich einen Lehrer gehabt, der meiner Tochter die Grundregeln der Selbstverteidigung beibrachte und mich gleichzeitig auf einem höheren Niveau trainierte, während Allie in der Schule war. Es war zwar höchst unwahrscheinlich, so jemanden zu finden, aber hoffen durfte ich es ja schließlich.
»Meinst du das wirklich ernst?«, bohrte Allie nach. »Ich will auch zum Cheerleader-Training. Wir müssen also aufpassen, dass sich die Termine nicht überschneiden. Aber das ist so cool!«
»Das freut mich.« Wer hätte ahnen können, dass das Versprechen, so richtig ins Schwitzen zu kommen, eine solche Begeisterung auslösen würde?
»Da hast du aber verdammt viel vor«, mischte sich Stuart ein. Dabei sah er nicht Allie, sondern mich an. Ich unterdrückte das Bedürfnis, ihm zu erklären, dass ich mir wesentlich mehr Gedanken machte, wie meine Tochter in einer solchen Welt wie der diesen am Leben bleiben würde, als dass ich mir über ihre Noten Sorgen machte. Allerdings musste ich zugeben, dass er nicht unrecht hatte. Teilweise war mein Wunsch, ihm einen wütenden Tritt zu versetzen, darauf zurückzuführen, dass ich es hasste, als verantwortungsbewusste Mutter möglicherweise einen Fehler gemacht zu haben. (Ja, ich weiß: Das ist einer der Gründe ist, warum es gut ist, zwei Elternteile zu haben. Aber wenn ich Stuart auch sehr liebe – Zeit für ein schmutziges kleines Geheimnis –, so gehört Allie doch Eric und mir. So einfach ist das. Deshalb reagiere ich stets gereizt, wenn Stuart Allie gegenüber den Vater herauskehrt. Total unfair, ich weiß, aber so ist es nun einmal. Wenn Allie das eines Tages in der Jerry-Springer-Show enthüllen sollte, dann kann ich auch nichts dagegen tun.)
»Mami?« Ich wurde mit einem bettelnden Hundeblick bedacht.
»Stuart hat recht«, sagte ich. »Wenn deine Noten schlechter werden, wirst du irgendetwas aufgeben müssen. Und da ich diesen Selbstverteidigungskurs für wichtig halte, wird entweder das Cheerleader-Training oder Ballett daran glauben müssen oder was auch immer dir gerade besonders aufregend erscheint. Verstanden?«
Sie nickte eifrig. »Ja, klar. Verstanden.«
Ich versuchte, streng dreinzublicken. »Solange wir uns darüber im Klaren sind, kannst du diese ganzen Extrastunden nehmen. Aber jetzt kommst du auf die Highschool, Kind. Das ist etwas ganz anderes als bisher – das darfst du nicht vergessen.«
»Ich weiß.« Sie legte die Hand aufs Herz. »Ehrlich. Ich werde total fleißig sein. Du wirst schon sehen.« Dann nickte sie in Richtung ihrer Freundin. »Kann Mindy auch mitmachen?«
Mindy hatte die ganze Zeit über Tim gekitzelt, blickte jetzt allerdings interessiert hoch, während mein scheinbar knochenloses Kind wie eine Gummipuppe über ihrem Schoß hing und quäkte: »Mehr Kitzel! Mehr Kitzel!«
»Darf ich, Mama?«, fragte sie und wandte sich nun mit ihrer Version eines bettelnden Hundeblicks an Laura.»Bitte.«
»Du könntest ja auch mitmachen«, schlug ich Laura vor, denn mir gefiel auf einmal die Vorstellung, so etwas zu viert zu unternehmen. Wenn ich schon einmal entschlossen war, meiner Tochter Kampfgeist einzuimpfen, konnte ich genauso gut unseren Freunden helfen, ebenfalls besser für den Fall der Fälle gerüstet zu sein.
»Nein danke«, erklärte Laura. »Aber wenn du nichts dagegen hast, zwei Kinder mitzuschleppen, bin ich gern gewillt, Mindys Kursgebühren zu zahlen.«
»Juhu!« Mindy stürzte sich auf Tim, um ihn erneut zu kitzeln, riss sich dann aber los und kam halb hüpfend und halb rennend auf Allie zu.
»Bist du dir sicher?«, fragte ich Laura.
»Ich schaffe es doch kaum, die zwanzig Minuten Pilates durchzuhalten. Da wäre Kickboxen oder so etwas bestimmt nicht das Richtige.«
Ich bin schon öfter mit Lauras Vorstellungen von körperlichem Training konfrontiert worden. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie hält es bereits für eine grausame Aerobic-Übung, den Einkaufswagen zur Kasse zu schieben. Ich wusste also, dass es keinen Sinn hatte, sie zu drängen. »Okay, Mädels«, sagte ich. »Sieht ganz so aus, als ob ihr schon bald die Jungs aufmischen werdet.«
Während Allie und Mindy daraufhin durchs Zimmer jagten, kickten und einander spielerisch boxten, als ob sie vorhätten, als Statisten für das nächste Remake von Drei Engel für Charlie vorzusprechen, warf ich einen raschen Blick auf Larson. Sein Mund zuckte belustigt. Ich schnitt eine Grimasse. Wirklich nett, dass er sich amüsierte.
Er und ich hatten an diesem Nachmittag etwas begonnen, was ich zu Ende bringen musste. Ich freute mich darauf, mehr Zeit mit Allie zu verbringen (und dabei etwas zu tun, was mich in ihren Augen cool wirken ließ). Ich wünschte mir nur, dass dieser Plan aus anderen Gründen entstanden wäre als aus meiner Angst, einer von Gorameshs Gefolgsleuten könnte ihr eines Tages einen Besuch abstatten. Für den Moment wollte ich jedoch nicht weiter an diese Möglichkeit denken und mich stattdessen ganz auf das Positive konzentrieren. Der Kurs würde mich und mein Kind näher zusammenbringen und außerdem auch noch Sport bedeuten. Es gab doch nichts Besseres als ein wenig dämonische Bedrohung, um ein altes Mädchen wieder in Form zu bringen! Nach einigen anstrengenden Stunden sollte ich dann auch wieder in der Lage sein, mich in meine Jeans Größe sechsunddreißig zu zwängen. Das ist doch auch ein Ansporn, oder nicht?
Ich meine – wirklich. Wer braucht Pilates, wenn man eine ganze Stadt voller Dämonen hat?
Nachdem die Mädchen eine Zeit lang begeistert durch das Wohnzimmer getollt waren, machten sie es sich schließlich auf dem Sofa bequem, und der Nachmittag schien endlich seinen normalen Gang zu gehen. Stuart und Larson zogen sich in die Küche zurück, und ich unterdrückte meinen Wunsch, ihnen zu folgen und ihr Gespräch zu belauschen. Wenn sich die Dinge so weiterentwickelten, musste ich Larson mein Leben anvertrauen. Dann konnte ich mich doch hoffentlich auch jetzt darauf verlassen, dass er nichts ausplauderte?
Außerdem hatte sich hinter Lauras Vorschlag, uns noch zusammenzusetzen, sowieso nur die Absicht verborgen, zu erfahren, wie es mir nach meinen Eric-Träumen und meinem Treffen mit Erics ›Freund‹ so ging. Ich konnte sie also kaum allein sitzen lassen, um dem politischen Gelaber in meiner Küche zu folgen.
»Ist er das?«, fragte sie, als die Mädchen nach oben gegangen waren, um den ersten Auftritt der Galamodenschau vorzubereiten.
»Wer?«
»Erics Freund. Ist Richter Larson der Mann, mit dem du dich heute Mittag getroffen hast?«
»Oh.« Ich überlegte rasch, was wohl die beste Lüge wäre, um sie ruhig zu stellen. Dabei fiel mir auf, dass sich während der letzten vierundzwanzig Stunden meine Fähigkeit zu schwindeln drastisch verbessert hatte. »Ja, ist er.«
»Du hast mir gar nicht gesagt, dass er auch Stuart kennt.«
»Manchmal gibt es Zufälle, die gibt es gar nicht! Als er mit Eric befreundet war, arbeitete er als normaler Anwalt, und jetzt ist er am Bundesbezirksgericht.«
»Das ist für Stuart ja toll«, sagte sie und sah mich von der Seite an.
»Das kann man wohl sagen«, stimmte ich zu. »Momentan geht es Stuart ja vor allem um den Aufbau seiner politischen Karriere.«
»Für dich ist das alles aber wohl nicht ganz so toll – oder?«
Ich wusste natürlich ganz genau, was sie meinte. »Ich werde schon damit zurechtkommen. Es ist ja nicht so, als ob ich nicht sowieso immer wieder an Eric denken würde. Schließlich sehe ich jedes Mal sein Gesicht vor mir, wenn ich Allie anschaue.« Das stimmte. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war frappierend. Was ich Laura allerdings nicht erzählen konnte, war, dass Larsons Gegenwart (also Larson und die Goramesh-und-dasEnde-der-Welt-Sache) mehr als bloße Erinnerungen an meinen ersten Mann heraufbeschwor. Das Ganze hatte mir schmerzlich gezeigt, was in meiner Beziehung zu Stuart fehlte. Eric und ich waren in jeder Hinsicht Partner gewesen. Er kannte mich wie kein Zweiter. Und ich ihn. In der Beziehung zu Stuart gab es dunkle Punkte zwischen uns – meine Vergangenheit (die plötzlich zur Gegenwart geworden war) und die alltäglichen Details seines Juristendaseins. Ich verstand nicht wirklich, was er eigentlich tat, wenn er im Büro war. Und auch wenn ich mich darum bemühte – das tat ich wirklich –, mich für die Geschichten, die er mir aus seinem Arbeitsleben erzählte, zu interessieren, so konnte ich es doch nicht vermeiden, meine Ohren innerhalb kürzester Zeit auf Durchzug zu stellen.
Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, das Laura zu erzählen. Zum Glück wurde ich davor bewahrt, weiterreden zu müssen, denn unsere beiden Töchter kamen nun die Treppe heruntergerast.
Laura und ich tauschten belustigte Blicke aus, als die zwei abrupt stehen blieben, noch ehe sie in unser Blickfeld kamen. Ich hatte Tim etwa zehn Minuten zuvor ins Bett gebracht, da er dringend seinen Nachmittagsschlaf brauchte, und hoffte nun inbrünstig, der Lärm würde ihn nicht wieder aufwecken.
Die Modenschau dauerte eine Dreiviertelstunde. Die Mädchen führten uns ihre Klamotten vor, und Laura und ich klatschten ihnen Beifall (allerdings so leise wie möglich, um den kleinen Mann nicht zu wecken). Am Schluss musste ich zugeben, dass Allie tatsächlich Kleidungsstücke ausgewählt hatte (wenn man einmal von ihrem ersten Outfit absah), die meinen mütterlichen Segen erhielten.
»Ihr zwei werdet bestimmt die modischsten Neuzugänge der ganzen Coronado-Highschool sein«, erklärte ich zuversichtlich, als sie sich zum letzten Mal vor uns verbeugten.
Sie warfen sich einen Blick zu, der nicht besonders glücklich wirkte.
»Was ist los?«, wollten Laura und ich gleichzeitig wissen.
»Neuzugänge«, stöhnte Allie.
»Wir müssen wieder ganz von vorn anfangen.«
»Wir waren in der Junior-High in der obersten Klasse! Jetzt sind wieder ganz unten – echte Kriechtiere.«
Wenn ich daran dachte, dass es einmal eine Zeit gegeben hatte, in der ich es bedauerte, nicht in eine öffentliche Schule gegangen zu sein … Erstaunlich. Es war einer dieser Momente, wo man sich als Mutter zurückhalten musste, um nicht zu sagen: »Vergiss das Ganze. In zwanzig Jahren kräht kein Hahn mehr danach.« Denn in diesem Moment war es für meine vierzehnjährige Tochter mehr als bedeutsam. Es gab nichts Wichtigeres in ihrem Leben, als morgen zum ersten Mal in die Highschool zu gehen.
»Ihr werdet das ganz toll machen«, sagte ich. »Und bereits in drei kurzen Jahren gehört ihr schon wieder zu den Ältesten.«
»In drei Jahren«, wiederholte Allie missmutig. Sie wandte sich an Mindy. »Wir müssen es schaffen, Cheerleader zu werden, unbedingt.«
Mindy nickte. Auch ihre Miene wirkte ernst. »Ja, unbedingt.«
Ich sah absichtlich Laura nicht an, da ich befürchtete, sonst in Lachen auszubrechen. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte mein Mädchen in die Arme genommen. (Wann war sie eigentlich vierzehn geworden? Ich hätte schwören können, dass es erst letzten Mittwoch gewesen war, dass sie Laufen lernte.) Ich unterdrückte jedoch das Bedürfnis, ihr meine Liebe zu zeigen, da es bestimmt mit einem steifen Ach-MutterBlick belohnt worden wäre.
»Okay, Mädels«, sagte ich. »Wie wäre es, wenn ihr die Klamotten jetzt in Allies Zimmer zurückbringt? Habt ihr euch schon mittags den Bauch vollgeschlagen, oder wollen wir bald das Abendessen bestellen?«
»Ich habe einen Riesenhunger«, erklärte Allie. »Kann ich eine Pizza mit extra viel Käse und ein Knoblauchbrot dazu bekommen?«
»Klar. Warum nicht?« Ich wandte mich an Laura. »Sollen wir auch etwas für Paul mitbestellen?«
Ich glaubte für einen Moment, einen Schatten über ihr Gesicht huschen zu sehen, doch er verschwand so schnell, dass ich nicht wusste, ob ich mich nicht vielleicht doch getäuscht hatte.
»Daddy arbeitet heute mal wieder bis spätabends«, erklärte Mindy
»Dann wird es eben ein Frauenabend – auch gut«, meinte ich. »Es sei denn, Stuart überrascht mich. In letzter Zeit hat er den Abend nämlich meist an seinem Schreibtisch verbracht. Sobald er und Larson aufgehört haben, sich gegenseitig Honig um den Bart zu schmieren, wird er wahrscheinlich auch heute dorthin zurückkehren.« Ich hatte das deutliche Gefühl, dass diese Art von Routine noch selbstverständlicher werden würde, falls Stuart die Wahl tatsächlich gewann. Vermutlich saß er dann nur noch in seinem Arbeitszimmer und kam höchstens einmal heraus, um sich einen Kaffee zu gönnen oder Timmy Gute Nacht zu sagen. Mir gefiel diese Vorstellung zwar gar nicht, aber ich wollte Stuart auch nicht die Pistole auf die Brust setzen und ihn dazu zwingen, etwas anderes zu machen. Schließlich ging es um den größten Traum dieses Mannes, den ich geheiratet hatte.
Es stellte sich heraus, dass ich recht hatte. Sobald Larson gegangen war (er warf mir zum Abschied bloß einen verstohlenen Blick zu), gab Stuart Allie einen Gute-Nacht-Kuss und verschwand im hinteren Teil des Hauses. Als Timmy aufwachte, veränderte sich zwar die Gruppendynamik, aber keine von uns hielt einen vorpubertären Jungen für eine Gefahr für unsere weiblichen Hormone. Außerdem war Tim ein guter Unterhalter. Er tanzte bis zum Abwinken mit den Mädchen durchs Wohnzimmer, sodass schließlich sowohl Mindy als auch Allie ihn anbettelten, endlich aufzuhören. Zum Schluss gelang es uns, ihn mit einer Handvoll Kekse ruhig zu stellen.
Sobald er mehr oder weniger flachlag, überlegten sich die Mädchen, in welcher Reihenfolge wir uns die DVDs ansehen sollten. Dabei mussten sie vor allem in Betracht ziehen, dass der erste Film auf jeden Fall für ein Kleinkind geeignet sein sollte. Während sie wie die zwei alten Männer in der Muppet-Show debattierten, sammelte ich die Pizzaschachteln zusammen und machte mich auf den Weg zur Verandatür.
»Soll ich dir helfen?«, wollte Laura wissen.
»Nein, nicht damit. Aber du kannst schon einmal Wasser für einen Kaffee aufstellen. Das wäre wirklich irrsinnig lieb von dir.«
Ich hatte zu meiner Pizza zwei Gläser Rotwein getrunken und fühlte mich jetzt dementsprechend ein wenig beschwipst und benebelt.
»Weiß Stuart eigentlich, wie leicht du zufriedenzustellen bist?«
»Was glaubst du, warum er mich wohl geheiratet hat?«
Während sie in die Küche ging, trat ich in den Garten hinaus und folgte dem kleinen Weg entlang des Hauses bis zu den Mülltonnen. San Diablo ist eine der letzten Bastionen, wo es noch nicht die hässlichen Plastiktonnen mit den kleinen Rädchen gibt, die man in so vielen amerikanischen Städten sieht. Wir haben noch die altmodischen Mülleimer aus Metall, wie man sie manchmal in Eisenwarenläden aus vergangenen Zeiten erspäht. Dort glänzen sie so sehr, dass man sich kaum vorstellen kann, sie einmal mit Kartoffelschalen und stinkenden Windeln zu füllen. Sie können mich gern für verrückt erklären, aber meiner Meinung nach tragen die Mülltonnen zum Charme unserer Stadt bei.
Ich hatte gerade den Deckel hochgeklappt, als ich es roch – jenen durchdringenden Gestank, der bestimmt nicht vom Müll stammte. Blitzschnell wirbelte ich herum, um einem neuen Dämon (diesmal einem im Teenageralter) gegenüberzustehen. Er hatte meine Reaktion wohl erwartet, denn er schaffte es problemlos, meinen Schlag abzuwehren und mir seinerseits einen Hieb zu versetzen. Mit einem Aufschrei stürzte ich, wobei mein Noch-nicht-ganz-Größe-36-Hintern meinen Sturz ein wenig abfederte. Der Tonnendeckel fiel scheppernd auf den Boden.
Sofort stützte ich mich mit den Händen ab, um wieder nach oben zu schnellen, doch der Dämon warf sich bereits auf mich. Er presste sein Knie auf meinen Brustkorb und hielt mir ein Jagdmesser an die Kehle.
Die eiskalte Klinge passte zum Gefrieren des Blutes in meinen Adern. Gestern war dieses Gefühl noch von Angst durchzogen gewesen. Heute nicht mehr. Kate Connor, Level-vierDämonenjägerin, war zurück – und sie war verdammt wütend. Das Eis in den Adern bedeutete Adrenalin und wildeste Entschlossenheit. Ich spürte, wie sich das jahrelange Training wieder zu Wort meldete (hoffentlich!). Ich war bereit, diesen Jüngling, der noch gar nicht ganz trocken hinter den Ohren war, zur Hölle und zurückzuprügeln. Daran bestand kein Zweifel. Er würde untergehen.
Ich musste nur noch herausfinden, wie.

ACHT

»Es ist vorbei, Jägerin«, knurrte er und schenkte mir ein bösartiges Lächeln. »Mein Herr und Meister ist auf dem Weg hierher, und diese Stadt ist nicht groß genug für euch beide.«

Wenn die Situation nicht so verdammt ernst gewesen wäre, hätte ich über diese Äußerung lachen müssen. Mit seinen roten Haaren und dem Gesicht voller Sommersprossen erinnerte mich der Dämonenjunge an den jungen Schauspieler Ron Howard in seiner Rolle als Richie Cunningham in der Sitcom Happy Days. Ich hatte allerdings erhebliche Schwierigkeiten, diese harmlose Rolle mit der Tötungsmaschine vor meiner Nase in Einklang zu bringen. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig, als ein gewisses Risiko einzugehen und mit ihm zu sprechen. »Was willst du?«, fragte ich.

»Ich will, was mein Meister will.« Er grinste und wirkte dabei ganz wie der freundliche Junge von nebenan – allerdings mit einem gewaltigen Messer in der Hand. Als er sich meinem Gesicht näherte, hätte ich beinahe gewürgt, denn wie immer stank sein dämonischer Atem bestialisch. »Er wird es finden. Wenn es in San Diablo ist, wird er es finden, und die Knochen werden ihm gehören.«

»Die Knochen?«

Er gab mir zu verstehen, dass ich nicht weitersprechen sollte, und presste mir das Messer flach auf die Lippen. Ich kämpfte gegen ein Zittern an und verlor. Er bemerkte meine Bewegung. Seine Augen funkelten siegessicher. »So ist es brav, Jägerin. Du solltest auch Angst haben. Denn wenn sich die Armee meines Meisters erhebt, wirst du unter den Ersten sein, die fallen. Und wenn er erst einmal vor dir steht, wirst du dir nichts mehr wünschen, als bereits früher gestorben zu sein.«

»Ich wünsche mir schon jetzt nichts mehr, als dass du das hier rasch hinter dich bringst«, zischte ich wütend unter der kalten Klinge hervor.

Sein Gesicht verzerrte sich zornig, und ich wagte kaum zu atmen. Hatte ich einen Fehler begangen? Ich war mir eigentlich zu neunundneunzig Prozent sicher, dass er den Befehl erhalten hatte, mich nicht zu töten. Es war jedoch das restliche eine Prozent, das mich ins Schwitzen brachte.

Doch das Messer rührte sich nicht von der Stelle; mein Gesicht und mein Hals blieben unverletzt. Ich hielt das für kein schlechtes Zeichen. Dieser Junge diente als Bote, der mich einschüchtern sollte. Er sollte mich wissen lassen, dass Goramesh hier war und vorhatte, sich das zu holen, was er begehrte
– und dass er es nicht auf die leichte Schulter nahm, wenn ich versuchen sollte, seine Pläne zu durchkreuzen.

Natürlich bestand zwischen Töten und Verstümmeln ein großer Unterschied. Die Art und Weise, wie mich der Dämonenjunge nun anstarrte, ließ mich befürchten, dass er das Gleiche dachte. Da ich meine Gliedmaßen eigentlich recht gern habe und sie am liebsten intakt und ohne Kratzer weiß, entschloss ich mich zu einer unterwürfigen Entschuldigung. Was blieb mir anderes übrig? Doch in diesem Moment hörte ich, wie die Verandatür aufgemacht wurde und Allie rief: »Mami? Findest du nicht mehr zurück, oder was ist los?«

Ich sah dem Dämon in die Augen, und er nickte. Er hob die Klinge nur wenige Millimeter von meinen Lippen. Ich räusperte mich, aber meine Stimme klang trotzdem unnatürlich hoch. »Alles in Ordnung!«, rief ich. »Ich bin nur ein bisschen abgelenkt worden.«

»Durch den Müll?«

»Ja, da war Glas mit Plastik vermischt. Ich muss es noch kurz trennen.«
Sie antwortete nicht, aber ich hörte, wie die Tür wieder geschlossen wurde. Außerdem meinte ich ein entnervtes »Mütter!« aus dem Inneren des Hauses zu vernehmen.
»Sie wird gleich zurück sein«, sagte ich. »Wahrscheinlich holt sie nur eine Taschenlampe, um mir zu helfen.« Die größte Lüge, die je aufgetischt wurde, aber sie schien zu funktionieren. Der Dämonenjunge ließ von mir ab und stand auf. Das Messer hielt er noch immer so, dass er mich jederzeit aufspießen konnte, wenn ich auch nur eine einzige falsche Bewegung machte. Doch das war nicht sehr wahrscheinlich. Er hatte viel zu lange auf meinem Brustkorb gesessen, und ich war mir gar nicht sicher, ob meine inneren Organe noch alle ordnungsgemäß funktionierten. Mit diesem Dämon würde ich heute Abend wohl nicht mehr zur Hölle und zurück rennen, aber er stand auf meiner Liste – und zwar recht weit oben.
Er drehte sich um und verschwand im Garten. Wenige Sekunden später war er nicht mehr zu sehen. Ich setzte mich auf. Ich fühlte mich wirklich idiotisch. Es gibt gute Gründe, warum so viele Jäger relativ jung ihre Arbeit niederlegen. Ich spürte einen dieser Gründe in diesem Moment in meinem Hintern Größe 38. Noch vor wenigen Tagen kam ich mir so jung vor. Ich meine, ich habe noch kaum Fältchen um die Augen. »Alt und hinfällig« mochte vielleicht beleidigend sein, aber irgendwie befürchtete ich auch, dass es allmählich immer mehr der Wahrheit entsprach.
Mühsam stand ich auf und klopfte mir den Staub aus den Klamotten. Dann legte ich den Deckel wieder auf die Mülltonne. Mein Auftritt heute Abend würde mir garantiert keine Auszeichnung bei der Forza Scura bescheren, aber zumindest war ich nicht tot. Und ich hatte einen Plan. Eigentlich sogar zwei. Erstens: wie eine Wahnsinnige trainieren und meine Muskeln in Hochform bringen. Zweitens: zugeben, dass Larson in der Dämonen-in-San-Diablo-Frage recht gehabt hatte, und sogleich meine ganze Zeit darauf verwenden, ihm zu helfen, herauszufinden, wonach Goramesh tatsächlich suchte. Wäscheberge, schmutziges Geschirr und Windeln konnten erst einmal warten.
Als ich langsam zum Haus zurückging, rieb ich meinen sicher mit blauen Flecken übersäten Po und dachte darüber nach, was der Dämonenjunge gesagt hatte. Er hatte Knochen erwähnt. Aber wessen Knochen?
Ich hoffte, dass Larson wusste, wovon er sprach. Denn ich hatte keine Ahnung.

»Knochen«, wiederholte Larson, dessen Stimme am Telefon seltsam blechern klang.

»Vielleicht Reliquien?«, überlegte ich. »Von einem der Heiligen aus der Kathedrale?« Manchmal geben Dämonen ihren Gefolgsleuten den Auftrag, erstklassige Reliquien zu stehlen (wie die Knochen oder Haare eines Heiligen). Solche Reliquien stellen für Dämonen eine große Bedrohung dar, und oftmals befehlen sie ihren menschlichen Anhängern, diese Reliquien in grauenvollen Ritualen zu zerstören.

»Möglicherweise«, meinte Larson.»Lassen Sie mich einen Moment nachdenken.«
Ich schlug die Beine übereinander und zupfte an dem Kissen des Gästebetts, auf dem ich gerade saß. Dieses Nachdenken konnte bei einem alimentatore recht lange dauern, denn es gehörte zu seinen Aufgaben, sich auch intellektuell mit den jeweiligen Dämonen auseinanderzusetzen. Hoffentlich würde das Ganze nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen, denn es war bereits drei Uhr morgens.
Stuart war bis zwei Uhr wach geblieben und hatte gearbeitet, und ich hatte es ihm nachgetan. Nach außen hin tat ich so, als ob ich dringend das Haus putzen müsste (eine dümmere Ausrede war mir nicht eingefallen), aber in Wahrheit wollte ich einfach länger aufbleiben als er. Als er endlich so müde war, dass er es nicht mehr aushielt, schleppte er sich zu Bett, während ich vorgab, noch eine Ladung Wäsche zusammenfalten zu müssen, damit wir nicht in die peinliche Lage gerieten, mit zerknitterten T-Shirts und Jeans herumlaufen zu müssen. Zum Glück war Stuart entweder so müde oder so sehr mit seinen eigenen Dingen beschäftigt, dass ihm diese Persönlichkeitswandlung meinerseits nicht weiter auffiel. (Ich möchte hier nur klarstellen, dass mich normalerweise die Hausarbeit genauso wenig die ganze Nacht über wach hält wie meine Sorgen über das Haushaltsloch der Nation. Ich sage mir vielmehr, dass beides auch noch am nächsten Morgen da sein wird und es sich deshalb gar nicht lohnt, darüber Schlaf zu verlieren.) Sobald ich mir sicher war, dass Stuart tief schlief, schloss ich die Schlafzimmertür hinter mir und schlich ins Gästezimmer, dessen Tür ich ebenfalls zumachte. Dann wählte ich die Nummer, die mir Larson gegeben hatte. Überraschenderweise hob er bereits nach dem ersten Klingeln ab. Um drei Uhr morgens hatte ich eigentlich seinen Anrufbeantworter erwartet und nicht eine hellwache, wie immer höflich klingende Stimme.
Nachdem wir einander begrüßt hatten, erzählte ich ihm, was am Abend passiert war. Ich bemühte mich besonders, wortwörtlich alles wiederzugeben, was mir der Dämon gesagt hatte.
Nun hörte ich, wie Larson ins Telefon atmete. »Knochen«, wiederholte er. »Sind Sie sich sicher?«
Ich war mir sicher gewesen, aber inzwischen verlor ich ein wenig an Selbstvertrauen. »Ich glaube eigentlich schon. Er sprach nicht laut, aber ich denke, dass ich ihn richtig verstanden habe. Ich meine, ich könnte natürlich auch falsch liegen …«
Er schnaubte in den Hörer. »Nehmen wir einmal an, dass Sie ihn richtig verstanden haben. Das ist bisher das Beste, was wir haben.«
Ich spielte weiter mit dem Kissen, während ich den Hörer an mein Ohr presste. »Was haben wir eigentlich? Padre Corletti wollte mir nichts sagen, und heute Nachmittag wurden wir ja von Stuart und den Kindern unterbrochen, ehe Sie mir Genaueres erzählen konnten.«
»Vor zwei Jahren wurde der Altar einer Kirche in Larnaca mit satanischen Symbolen verunziert. Die herausstechendsten waren drei sich überschneidende Sechsen.«
»Oh.« Ich presste die Lippen zusammen, da ich eigentlich nicht gleich damit herausrücken wollte, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach. Leider blieb mir allerdings nichts anderes übrig, als meine Unwissenheit zuzugeben. »Sagen Sie doch gleich – wo genau liegt eigentlich Larnaca?«
»Auf Zypern, Kate.«
»Natürlich. Fahren Sie fort. Verunziert …«
»Mit Spraydosen«, sagte er. »Die Polizei nahm an, dass es irgendwelche randalierenden Teenager sein konnten.«
»Aber der Vatikan wusste es besser?«
»Ganz und gar nicht. Der Vatikan nahm dasselbe an. Aber dann begann das gleiche Symbol an anderen Orten aufzutauchen. Und der Schaden war jedes Mal größer.«
»Was soll das heißen?«
»Das Pfarrbüro einer Kathedrale in Mexiko wurde verwüstet.«
»Das Pfarrbüro?«
»Genau«, sagte er ernst. »Der Altar wurde ebenfalls vollgesprüht, aber es war das Pfarrbüro, das so richtig zerstört wurde. Alle Akten und Urkunden waren entweder verschwunden oder unleserlich geworden.«
»Um welche Akten und Urkunden hat es sich denn gehandelt?«
»Der Priester und einige Kirchenangestellte wurden ermordet«, sagte Larson, »weshalb wir nicht sehr viel wissen. Aber wir können wohl vom Üblichen ausgehen.«
Ich nickte, auch wenn er mich nicht sehen konnte. Dämonen oder ihre menschlichen Gefolgsleute haben bereits des Öfteren Akten von Pfarreien durchsucht, um auf diese Weise vom Glauben Abgefallene ausfindig zu machen.
Es gibt wohl kaum etwas, was einem Dämon besser gefällt, als eine ehemals gläubige Seele zu korrumpieren. Und wer würde sich besser als Opfer eignen als ein Mensch, der stark an seinem Glauben zweifelt oder ihn bereits hinter sich gelassen hat?
Ich dachte einen Augenblick nach. »Also nur Akten und Urkunden?«, fragte ich. »Keine Reliquien?«
»Nicht, dass wir wüssten.«
»Wirklich?« Das war seltsam. Allgemein kann man nämlich sagen, dass ein Dämon wesentlich mehr an Action (also an der Zerstörung von Reliquien) als an Recherchearbeit (also am Aktenlesen) interessiert ist. »Höchst merkwürdig.«
»Das kann man wohl behaupten«, antwortete Larson. »Und da ist noch etwas. Vor etwas vier Monaten wurde ein kleines Benediktinerkloster in der Toskana überfallen. Es wurde stellenweise kaum ein Stein auf dem anderen gelassen. Allerdings fielen nur die Mönchszellen der Zerstörungswut zum Opfer. Die Kapelle wurde kaum angerührt.«
»Gütiger Himmel«, sagte ich. »Und die Mönche?«
»Tot. Alle außer einem ermordet.«
Ich horchte auf. »Und der eine?«
»Hat sich selbst umgebracht«, erwiderte Larson.
Diese Antwort überraschte mich. »Sie machen wohl Scherze?«
»Leider nicht. Er stürzte sich aus dem Fenster.«
Ich schluckte und versuchte mich zu konzentrieren. Im konservativ katholischen Glauben bedeutet der Freitod eine moralische Sünde. Was um alles in der Welt konnte einen Mönch dazu bringen, sich das Leben zu nehmen? »Und wir wissen, dass Goramesh dahintersteckt?«
»Zu jenem Zeitpunkt wussten wir noch gar nichts«, meinte der Richter. »Die örtliche Polizei wurde gerufen, aber die Gegend ist sehr ländlich, und so erfolgte keine groß angelegte Untersuchung. Man ging davon aus, dass irgendeine umherziehende Bande dafür verantwortlich war, und der Fall wurde zu den Akten gelegt.«
»Aber er ist noch nicht abgeschlossen.«
»Nein. Eine Woche später tauchte eine junge Frau in einem Krankenhaus in Florenz auf. Der Polizei erzählte sie, dass sie im Stall des Klosters übernachtet hatte, während sie durch Europa reiste. Sie bekam zwar den eigentlichen Angriff nicht mit, doch am frühen Morgen ging sie zur Kapelle, um dort am Frühgottesdienst teilzunehmen. Da wurde sie attackiert. Es gelang ihr, das Krankenhaus zu erreichen, aber leider bekam die Polizei von ihr keine wichtigen Informationen, die sie irgendwie weiterbrachte.«
»Und?« Ich wusste, dass es damit nicht beendet sein konnte.
»Der Vatikan erfuhr von der Frau und schickte Inspektoren zu ihr ins Krankenhaus.«
Ich zupfte eine Feder aus dem Kissen. Eigentlich war ich mir ziemlich sicher, wie die Geschichte weiterging. »Sie war eine Jägerin.«
»Gut kombiniert«, erklärte er, als ob er eine Einser-Schülerin lobte. »Als sie dort auftauchte, waren die Mönche bereits tot. Sie entdeckte einen Dämon, der die Kapelle durchsuchte –«
»Die Kapelle?« Wie gesagt – Dämonen können sich zwar auf heiligem Boden bewegen, aber es tut ihnen höllisch weh. Das gehört zu den ersten Dingen, die man in der Forza lernt: Wenn ein Dämon eine Kirche betritt, offenbart sich sein eigentlicher Charakter. Der Schmerz ist einfach unerträglich. Deshalb ist heiliger Boden auch ein ausgesprochen wirkungsvoller Dämonentest.
»Offenbar ist sie der Grund, warum die Kapelle intakt blieb. Sie erzählte, dass der Dämon in blindem Zorn um sich schlug, wahrscheinlich durch seinen Aufenthalt in der Kirche bis aufs Blut gequält. Ihrer Meinung nach hat er nach etwas gesucht. Offenbar war er nicht darauf vorbereitet gewesen, noch einen Menschen dort anzutreffen, geschweige denn eine Jägerin.«
»Er hat sie angegriffen?«
»Das hat er. Und sie kämpften miteinander. Da er bereits geschwächt war, gelang es ihr problemlos, ihn zu besiegen. Sie war klug genug, ihn dazu zu zwingen, den Grund für seine Anwesenheit preiszugeben, ehe sie den Körper befreite, den er sich angeeignet hatte. Zumindest hat er den Namen seines Meisters genannt.«
»Goramesh.«
»Genau. Die letzten Worte des Dämons waren fast unverständlich, aber die Jägerin glaubte gehört zu haben, dass er San Diablo als sein nächstes Ziel nannte. Natürlich hielt sie ihn davon ab, noch mehr Unheil anzurichten.«
»Gute Arbeit«, sagte ich und applaudierte innerlich der Frau an der Front. »Aber fand sie auch heraus, wonach Goramesh suchte?«
»Nein, leider nicht.«
»Oh.« Ich kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe herum. »Besteht irgendeine Verbindung zwischen den einzelnen Orten? Natürlich außer der Tatsache, dass sie angegriffen wurden, meine ich?«
»Bisher ist es mir noch nicht gelungen, eine solche Verbindung herzustellen. Aber ich habe vor, mich noch heute Abend eingehender damit zu beschäftigen. Was Ihre Durchsicht des Kirchenarchivs betrifft, wäre es hilfreich, wenn Sie herausfinden könnten, ob irgendwelche der dort befindlichen Reliquien von einem dieser Orte stammen.«
»Okay. Das kann ich gern tun.« Ich runzelte die Stirn und hoffte, dass es einfach sein würde. Meine Runzeln vertieften sich, als mir ein weiterer Gedanke kam. »Was ist mit der jungen Frau passiert? Der Jägerin? Es klingt so, als ob sie an dem Fall dran gewesen wäre. Warum hat die Forza nicht sie hierhergeschickt? Sie hatte doch bereits wichtige Informationen einholen können. Warum wartete man ab, bis ein Dämon bei mir durchs Küchenfenster flog? Und warum hat sie nichts mehr damit zu tun?«
»Sie ist tot. Es gelang ihr zwar, Gorameshs Gefolgsmann zu vernichten, aber in diesem Kampf wurde sie selbst tödlich verwundet. Sie starb sechs Stunden nachdem sie ihrem alimentatore ihre Geschichte erzählt hatte.«
Er sprach ohne jede Gefühlsregung, aber seine Stimme klang zu beherrscht und gepresst, als dass ich es nicht geahnt hätte. »Sie war Ihre Schülerin, nicht wahr?«, flüsterte ich. Die Geschichte traf mich bis ins Mark.
»Ja, das war sie.«
»Wie alt ist sie geworden?«
»Achtzehn.« Ich schloss die Augen und spürte, wie mir die Tränen kamen, als ich um ein Mädchen trauerte, das ich nie kennengelernt hatte. Ein Mädchen, das einmal vor langer Zeit ich selbst hätte sein können.
Ich dachte an Timmy, Allie und Stuart, und wieder übermannte mich die Angst – eiskalt und messerscharf. Es konnte mich noch immer treffen.
Mit achtzehn hatte mir der Tod noch nicht viel bedeutet. Aber jetzt? Nun würde ich meine Kinder allein zurücklassen und nicht da sein, wenn sie mich am dringendsten brauchten. Ich vergrub mein Gesicht im Kissen und weinte.

Es ist erstaunlich, was ein paar Dämonen für die eigene Frömmigkeit bewirken können. Ich gebe zu, dass ich meist nicht besonders darauf achte, ob wir am Sonntag in die Kirche gehen oder nicht, doch an diesem Morgen weckte ich meine Familie rechtzeitig auf, und wir schafften es noch in die Elf-Uhr-Messe.

Zu meiner Verblüffung protestierte Allie gar nicht so sehr, als ich sie und Mindy um neun aus dem Bett holte. Mindy hatte keine Lust, uns zu begleiten, und obwohl Allies Miene recht wehmütig wurde, als sie hörte, dass Mindy am letzten Tag vor dem Schulbeginn nur abhängen wollte, kam sie doch willig mit (willig ist zugegebenermaßen ein dehnbarer Begriff, wenn es sich um Vierzehnjährige handelt). Sogar Stuart wehrte sich nicht allzu sehr, wobei er darauf bestand, dass wir mit zwei Wagen zur Kirche fuhren, damit er sofort nach der Messe ins Büro konnte. Nachdem die Kirche vorüber war, gab ich ihm zum Abschied einen Kuss und schickte dann Allie los, um Tim aus der Kindergruppe abzuholen, während ich darauf wartete, mit Father Ben zu sprechen.

Ich hatte Delores am Morgen angerufen. Sie war hellauf begeistert, als ich ihr erklärte, ich wolle in den Archiven etwas Ordnung schaffen. Eigentlich war ich mir sicher, dass sie vor lauter Enthusiasmus bereits Father Ben davon in Kenntnis gesetzt hatte.

Ich wartete im Vorraum der Kirche, während er sich von seinen Schäfchen verabschiedete. Als die meisten gegangen waren, entdeckte er mich. Sein bereits freundliches Lächeln wurde noch herzlicher. Nichts macht Father Ben glücklicher als jemand, der gern ehrenamtlich arbeitet.

»Kate, ich habe gehofft, dass wir uns heute sehen. Delores hat mir erzählt, dass Sie sich die Gaben und Spenden im Archiv vornehmen wollen.«

»Stimmt«, erwiderte ich. Ganz ehrlich – ich hätte ihm gern die Wahrheit gesagt, aber die mir jahrelang eingetrichterten strengen Regeln der Forza machten das unmöglich.

»Ich wollte etwas mehr tun, als nur die Listen abtippen. Schließlich weiß ich, dass es dort unten ziemlich viel Arbeit gibt.«

»Das ist milde ausgedrückt«, erklärte er.
»Ich helfe immer gern.« Eigentlich klang ich viel zu eifrig für jemand, der sich freiwillig in einen dunklen Raum setzen und verstaubte Kartons voller Spinnweben durchschauen wollte. Doch es gelang mir nicht, mein Interesse zu unterdrücken.
Zum Glück bemerkte Father Ben meinen Enthusiasmus entweder nicht, oder er fand ihn nicht seltsam. Und selbst wenn er es getan hätte – warum hätte er etwas sagen sollen? Schließlich hatte er in mir einen willigen Sklaven vor sich stehen. Warum sollte er so jemanden beleidigen, indem er ihn für verrückt erklärte?
Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und waren gerade dabei, uns zu verabschieden, als Allie und Timmy hüpfend auftauchten. (Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Timmy hüpfte. Allie lief hinter ihm her, und ihr Gesicht zeigte wieder einmal die mir so vertraute Mischung aus Entnervtsein und Belustigung. Ich kannte diese Miene nur allzu gut; schließlich hatte ich sie früher selbst weit mehr als einmal aufgesetzt.)
»Mami! Fang ihn!«
Ich breitete die Arme aus und schaffte es, meinen hüpfenden Racker zu fangen und hochzuheben. »Hab dich!«
Er kicherte und machte sich absichtlich so schwer wie möglich. Ich setzte ihn auf den Boden, und er quietschte vergnügt: »Nicht kitzeln, Mami!« Ganz offensichtlich wollte er nichts dringender als das. Ich tat ihm den Gefallen und schaffte es dabei, seinen strampelnden Beinen auszuweichen. Während er quietschte und kreischte, hob ich ihn erneut hoch und ließ ihn mit dem Kopf nach unten baumeln, um mich von Father Ben zu verabschieden und ihm noch einmal zu versichern, dass wir uns am nächsten Vormittag sehen würden.
Erst als Allie und ich zum Wagen gingen – ich mit einem schweren Bündel unter dem Arm –, wurde mir auf einmal klar, was ich da vereinbart hatte. Ich konnte wohl kaum einen ganzen Tag damit verbringen, Akten zu wälzen, während ein quengelndes Kleinkind an mir hing. Es gelang mir kaum jemals, mich hinzusetzen, um meine E-Mails durchzusehen, ohne dass Timmy einen Tobsuchtsanfall bekam. Mehrere Stunden in einem Kellergewölbe mit ihm zu verbringen und dabei zu erwarten, dass er sich benahm, war ganz einfach unrealistisch.
Stirnrunzelnd dachte ich nach. Ich konnte zwar auf Laura zählen, dass sie manchmal auf ihn aufpasste, aber wenn ich nicht großes Glück hatte (was ziemlich unwahrscheinlich war, wenn ich bedachte, wie sehr mich das Glück in letzter Zeit vernachlässigt hatte), würde ich wahrscheinlich nicht vor Mitte der Woche erfahren, ob sie überhaupt Zeit hatte.
Was bedeutete das also? Ich musste eine Tagesbetreuung für Timmy finden. Ein solcher Aufwand ließ sich schlecht vor Stuart geheim halten. Doch allein die Vorstellung, mit ihm darüber diskutieren zu müssen, löste bei mir Magenkrämpfe aus – wie übrigens auch die Idee, meinen Kleinen während des Tages einer wildfremden Person überlassen zu müssen.
Allie musste meine Miene aufgefallen sein, als ich Tim in seinem Kindersitz festschnallte. Sie sah mich aufmerksam an und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, entschied sich dann aber dagegen. Doch da sie erst vierzehn war, änderte sie gleich darauf wieder ihre Meinung. »Mami?«
»Ja, Schatz?«
»Ach, nichts. Nicht so wichtig.«
Ihre Stimme sagte mir etwas anderes. Aber in diesem besonders schlechten Mami-Moment gab ich vor, viel zu sehr mit meinem Sohn beschäftigt zu sein. Ich zog ein letztes Mal an Tims Gurt und reichte ihm seine Schnabeltasse und Boo Bear. Dann ging ich um den Minivan herum zur Fahrertür. Als ich hinter dem Steuer saß, hatte sich Allie ebenfalls angeschnallt. Es schien ihr gut zu gehen, aber sie zupfte an ihren Fingernägeln und löste dabei den lilafarbenen Glitzerlack ab, den sie gemeinsam mit Mindy am Abend zuvor so umständlich aufgetragen hatte.
Verdammt.
Mir graute es davor, Fragen beantworten zu müssen, die ich nicht hören wollte; aber gleichzeitig durfte ich nicht immer automatisch davon ausgehen, dass es nur um mich ging. Soweit ich wusste, war Allie in einen der Ministranten verknallt.
Ich wartete, bis ich die kurvenreiche Straße, die von der Kathedrale zum Pacific Coast Highway führte, hinuntergefahren war. Dort bog ich nach Norden zu unserem Haus ab. Der Pazifik befand sich zu meiner Linken und meine Tochter – in seltsam stiller Laune – zu meiner Rechten.
»Gibt es etwas, worüber du sprechen möchtest, mein Schatz?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Keinahnung.« Ich dachte einen Moment lang nach und legte dieses Genuschel dann als »Keine Ahnung« aus. Aha! Schon mal ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.
»Machst du dir wegen morgen und der Schule Sorgen?«
Wieder Achselzucken, diesmal gemeinsam mit einem »‘scheinlich«.
Das war doch schon etwas. Ich war mir zwar ziemlich sicher, dass sie momentan nicht an die Schule dachte, aber da ich sonst nichts hatte, woran ich mich halten konnte, packte ich die Gelegenheit beim Schopf. »Das wird bestimmt super. Du und Mindy – ihr habt doch zusammen drei Fächer, oder nicht? Außerdem gehen die meisten deiner Freunde aus der JuniorHigh nach Coronado. Du wirst sehen – in weniger als einem Monat hast du bereits vergessen, dass du dir jemals Sorgen gemacht hast.«
Hinter uns war Timmy in eine ernste Unterhaltung mit Boo Bear vertieft. Ich warf einen Blick auf den Rücksitz. Er schenkte mir ein schläfriges Lächeln, um dann den zerzausten Bären noch fester an sich zu drücken. Diesmal brauchte ich keinen Blick auf die Uhr zu werfen, um zu wissen, dass es Zeit für sein Schläfchen war.
»Ich weiß«, sagte Allie, die noch immer an ihren Fingernägeln zupfte. »Das ist es auch gar nicht.«
»Geht es um Jungs?«
»Mutter!« Sie setzte sich aufrecht hin, warf den Kopf in den Nacken und seufzte genervt auf. Na also – das war das Mädchen, das ich kannte. »Ich denke doch nicht ständig an Jungs.«
»Gut zu wissen«, entgegnete ich. Um ihr nicht zu zeigen, dass ich lächeln musste, hielt ich den Blick auf die Straße gerichtet. »Freut mich, zu hören.«
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie nun völlig genervt den Kopf schüttelte.
Nun wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Also schwieg ich während der nächsten Kilometer. Zumindest brütete sie nicht mehr vor sich hin, was ich als kleinen Sieg verbuchte. Wenn sie sich tatsächlich keine Sorgen um die Schule oder Gedanken über Jungs machte, dann blieb leider allerdings nur noch die Familie übrig. Oder irgendein Problem, von dem ich bisher nichts wusste.
Keine der beiden Möglichkeiten gefiel mir.
Timmys leises Schnarchen drang an mein Ohr, und ich bemerkte erst jetzt, dass ich mein Zeitfenster verpasst hatte. Eigentlich hätte ich im Affenzahn nach Hause rasen müssen, um ihn so schnell wie möglich in sein Bettchen zu legen. Jetzt war er bereits im Auto eingeschlafen. Bisher hatte ich es noch nie geschafft, ihn ins Haus zu tragen, ohne ihn dabei aufzuwecken. Und sobald er einmal wach war, blieb er das auch für den restlichen Tag.
Ich liebe meinen kleinen Mann, aber ich liebe ihn noch mehr, wenn er mittags zwei Stunden geschlafen hat. Sie können mir glauben: Fünfzehnminütige Nickerchen führen zu einer grauenvollen Gereiztheit. Und zwar sowohl beim Kleinkind als auch bei seiner Mami.
Ich dachte kurz nach und trat dann auf das Bremspedal, als wir die California Avenue erreichten; diese Hauptdurchgangsstraße teilt San Diablo in den Ost- und den Westteil. Ich bog rechts ein und fuhr in Richtung Osten geradeaus, bis wir schließlich ins Zentrum der Stadt kamen.
»Wohin fahren wir?«, wollte Allie wissen.
»Was hältst du vom Einkaufszentrum?«
Sie warf mir einen misstrauischen Blick zu. »Wieso? Was willst du da?«
»Tim schläft. Wenn wir jetzt nach Hause fahren, müssen wir uns mit einem mies gelaunten Jungen herumschlagen.«
»Du lässt mich also shoppen gehen, während du bei Tim im Wagen bleibst?« Ihrem Tonfall nach zu urteilen, vermutete sie, dass noch irgendein Haken an der Sache sein musste.
»Entweder das, oder wir bleiben gemeinsam im Auto, und du kannst auf dem Parkplatz herumfahren, bis er aufwacht.«
Jetzt hatte ich ihr Interesse geweckt. »Echt? Wahnsinn! Du erlaubst mir, mit dem Auto zu fahren?«
»Ganz langsam, nur auf dem Parkplatz und mit mir auf dem Beifahrersitz. Unter diesen Bedingungen kannst du es gern einmal versuchen.«
In Kalifornien darf man bereits mit sechzehn Jahren Auto fahren (allerdings nur, wenn ein Erwachsener daneben sitzt), aber man kann mit fünfzehn eine Lernlizenz beantragen. Uns blieben also noch elf Monate. Ich hatte Stuart erklärt, dass ich Allie so früh wie gesetzlich möglich hinter dem Steuer sehen wollte. Auch wenn mir die Vorstellung, dass meine Tochter eine Tonne Metall bewegte, während sie mit 80 km/h dahinfuhr, nicht sonderlich gefiel, so wusste ich doch: Nur Übung macht den Meister.
Mein jetziger Plan, auf dem halb leeren Parkplatz des Einkaufszentrums herumzufahren, war zwar nicht legal, aber das kümmerte mich wenig. Auf diese Weise würde Timmy genügend Schlaf bekommen, und Allie hatte ihren Spaß. Außerdem war ich bereits mit vierzehn durch ganz Rom gekurvt. Allie führte zum Glück ein anderes Leben, aber sie sollte trotzdem eine selbstsichere und verantwortungsbewusste Frau werden.
Momentan starrte mich diese zukünftige Frau mit offenem Mund an. »Wer bist du? Und was hast du mit meiner Mutter gemacht?«
»Sehr lustig«, erwiderte ich. »Sehr originell.«
»Du meinst es also ernst?«
»Nein, in Wahrheit lüge ich dich an, um dich so richtig zu quälen, damit du später einmal ein Buch über deine schreckliche Kindheit und Jugend schreiben, Millionen verdienen und dich frühzeitig aus dem Berufsleben zurückziehen kannst. Das alles tue ich nur aus Liebe zu dir, mein Schatz.«
»Du bist echt krass, Mami.«
»Habe ich schon öfter gehört.«
Wir erreichten den Eingang zum Parkplatz, und ich bog nach rechts ab, vorbei an den griechischen Säulen, die meiner Ansicht nach in der kalifornischen Küstenlandschaft lächerlich wirken. Die Architekten hatten sich jedoch leider nicht die Mühe gemacht, mich nach meiner Meinung zu fragen, und so war das ganze Einkaufszentrum unter einem absurden olympischen Thema erbaut worden.
Wie erwartet, war der Parkplatz in der Nähe des Restaurantkomplexes voll. Aber dort, wo die meisten Geschäfte lagen, stand kaum ein Wagen.
Ich parkte, ließ den Motor an und stieg aus. Während ich um das Auto zur Beifahrertür herumging, klappte Allie die Armlehne hoch und kletterte auf den Fahrersitz. Sichtlich zufrieden machte sie es sich hinter dem Lenkrad bequem. Als ich mich neben sie setzte, war sie bereits damit beschäftigt, die Spiegel einzustellen.
»Fertig?«, fragte ich.
»Ja, das ist wirklich super. Mindy wird sicher ganz blass vor Neid werden.«
»Jetzt wollen wir uns erst einmal auf dieses extrem schwere Gefährt konzentrieren und später darüber nachdenken, wie du damit angeben kannst. Okay?«
»Klar, Mami«, erwiderte sie überglücklich.
Ich machte meinen Gurt los, den ich schon geschlossen hatte, um mich noch einmal umzudrehen und nachzusehen, was Timmy so trieb. Dann lehnte ich mich, so weit es ging, zurück und kontrollierte seinen Gurt, indem ich vorsichtig daran zog. Er war sicher angeschnallt und schlief tief und fest. Also setzte ich mich wieder gerade hin und schnallte mich ebenfalls an. Allie neben mir rollte mit den Augen.
»Das Vorrecht der Eltern«, erklärte ich. »Selbst wenn du die beste Fahrerin auf der Welt wärst, dürfte ich mir immer noch Sorgen machen.«
Sie machte sich nicht einmal die Mühe, mir zu antworten, sondern beugte sich nur vor, um den Wagen anzulassen. Da dieser aber bereits fröhlich vor sich hin schnurrte, gefiel ihm diese Misshandlung gar nicht. Er knurrte laut auf, was meine Tochter erschreckt zusammenzucken ließ.
»Ist nicht schlimm«, meinte ich. »Mir passiert das auch immer wieder.«
Der zweite Versuch lief glatter, und sie fuhr ein wenig zögerlich vorwärts. Schon bald fühlte sie sich sichtlich wohler.
»Nicht schlecht«, lobte ich sie. »Du scheinst keine Anfängerin zu sein.«
Sie grinste mich zufrieden an, und ich spürte, wie stolz sie war. »Nicht mehr ganz«, sagte sie. »Aber den Van durfte ich bisher noch nie fahren.«
Das stimmte. Ehe wir den Van kauften, erlaubten Stuart und ich meiner Tochter manchmal, mit unserem alten Corolla über den Parkplatz der Highschool zu kurven. Mit Stuarts neuem Flitzer würde das wohl erst möglich sein, wenn der ganze Stolz meines Mannes seinen Neuwagen-Geruch verloren hatte.
Ich wies auf eine freie Fläche, und Allie kurvte eine Weile dort herum. Sie fuhr ein paar Achten und schaltete schließlich in den Rückwärtsgang, um dann eine schnurgerade Rückwärtslinie hinzulegen.
»Angeberin«, sagte ich, aber sie konnte hören, dass ich stolz auf sie war.
Allie hielt an, wechselte den Gang und fuhr dann so lange immer schneller, bis sie gute dreißig Kilometer pro Stunde erreicht hatte. Ihre Augen waren auf die Straße gerichtet, und sie sprach zuerst so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. »Papa hat mich manchmal fahren lassen.«
»Was?« Ich hatte die Worte zwar wahrgenommen, aber nicht begriffen, was sie bedeuteten.
»Papa hat mich fahren lassen«, wiederholte sie – diesmal lauter. Sie klang beinahe trotzig, so als ob sie mir bedeuten wollte, dass ich ihr ja nicht widersprechen sollte.
Ich zog an meinem Gurt, damit er nicht mehr so stark in meine Schulter schnitt, und drehte mich zu ihr. »Wann war das?« Meine Stimme klang ruhig, doch mein Herz pochte heftig. Und das nicht nur, weil Eric erwähnt worden war. Mir war nicht klar, woher ich es wusste – vielleicht durch ihren Tonfall oder ihr Benehmen –, jedenfalls war mir klar, dass wir nun das Thema berührt hatten, das sie zuvor so beschäftigt hatte. Darum war es also gegangen – um Eric. Jetzt musste ich verdammt aufpassen, nicht das Falsche zu sagen.
»Als ich noch klein war. Ich glaube, ich war so sechs oder sieben. Er nahm mich auf den Schoß. Während er die Pedale bediente, die ich ja nicht erreichen konnte, durfte ich lenken. Er hat mir immer gesagt, das wäre unser kleines Geheimnis.«
»Eric«, flüsterte ich und schüttelte den Kopf. »Du Verrückter.« Eric liebte es, solche Geheimnisse zu teilen, kleine Dinge, von denen nur er und ein anderer wussten. Auch unsere Ehe hatte so begonnen. Drei Monate vor unserem offiziellen Abschied hatten wir in einer kleinen Kirche in Cluny geheiratet. Wir hatten niemandem davon erzählt, und diese Monate vor unserer offiziellen Hochzeit waren für uns etwas ganz Besonderes gewesen.
Er hinterließ manchmal auch geheimnisvolle Notizen oder Geschenke, auf denen kein Name stand. Die Erinnerungen daran waren mir stets wichtig gewesen, aber nach Erics Tod gewannen diese Gesten einen neuen Stellenwert. Ich hatte es oft bedauert, dass er gestorben war, ehe er solche Geheimnisse mit seiner Tochter teilen konnte.
Doch das war er gar nicht. Ich hätte es eigentlich wissen müssen: Eric wäre nie gestorben, ohne ein oder zwei besondere Erinnerungen für Allie zu hinterlassen. Das hätte nicht zu ihm gepasst.
»Mami?« Sie trat vorsichtig auf die Bremse und hielt den Wagen an.
Da fiel mir erst auf, dass ich weinte. Hastig wischte ich die Tränen weg. »Entschuldige, Schätzchen. Ich habe die Geheimnisse deines Vaters immer geliebt und bin so froh, dass auch ihr welche hattet.«
Sie presste die Lippen zusammen, und für einen Moment glaubte ich, dass auch sie weinen würde. Das tat sie jedoch nicht. Stattdessen zuckte ihr Mundwinkel ein wenig, und ihre Wangen röteten sich. Ich verstand, dass das Fahren nur eines ihrer gemeinsamen Geheimnisse gewesen war, und innerlich dankte ich Eric dafür. Er hatte uns zwar unerwartet früh verlassen, doch es war ihm gelungen, seiner Tochter ein kleines Erbe mit auf den Weg zu geben.
Ich streckte die Hand aus und drückte Allies Finger. Sie erwiderte meinen Druck und zog dann ihre Hand weg. Als sie wieder begann, an ihrem Nagellack zu kratzen, wurde mir klar, dass wir bis zum Kern des Problems noch nicht vorgestoßen waren. Ich schwieg. Früher oder später würde sie mir davon erzählen – da war ich mir sicher.
Als sie den ersten Gang einlegen wollte, wurde mir klar, dass es wohl eher später sein würde. Doch da ließ sie die Gangschaltung los und zog bei laufendem Motor die Handbremse. »Hat er irgendetwas damit zu tun? Ich meine – Papa?«
Das war eigentlich nicht die Frage, die ich erwartet hatte. Zum Glück betrachtete sie das Lenkrad und nicht mich. »Womit? Was meinst du?«
»Du weißt schon. Mit dieser Selbstverteidigung. Und heute mit der Kirche. Du hast mich schon lange nicht mehr mitgenommen. Und jetzt plötzlich …«
Nicht gerade auf den Kopf gefallen, die Kleine. »Warum glaubst du, dass das etwas mit deinem Vater zu tun haben könnte?«
»Weiß nicht«, erwiderte sie, auch wenn das offensichtlich nicht stimmte. »Ich meine, ich finde das ganze Kickboxen echt cool, aber …« Sie zuckte mit den Achseln.
Ich schaute sie aus schmalen Augen an und bemühte mich, zu verstehen, was gerade in meiner Tochter vorging. »Aber – was?«
»Diese ganzen Sachen hast du doch immer mit Papa gemacht«, erwiderte sie. »Und gestern fingst du plötzlich mit dem Typen an.«
Mein Herz zog sich zusammen. »Daran erinnerst du dich noch?« Meine Stimme war kaum zu hören. Eric und ich fochten manchmal, als Allie etwa in Timmys Alter war, vielleicht auch ein bisschen älter. Später jedoch – als wir ein zufriedenes, dämonenloses Dasein führten – trainierten wir nicht mehr. Es war anstrengend genug gewesen, einem Kleinkind hinterherzurennen, und wir hatten es viel zu sehr genossen, Eltern zu sein, als dass wir uns noch mit so etwas Nebensächlichem wie Sport aufhalten wollten.
»Vage«, antwortete sie. »Ich erinnere mich noch daran, dass ich manchmal mitspielen durfte. Ich hatte meinen eigenen Degen und so.«
Ich wusste zwar, dass meine Stimme zittern würde, aber ich musste ihr antworten. »Den gibt es immer noch.« Es war eigentlich ein kleiner Plastiksäbel, den Eric einmal in einem Spielzeugladen entdeckt hatte. »Ich habe ihn zusammen mit meiner Ausrüstung weggepackt. Er ist irgendwo im Schuppen verstaut.«
Sie verschränkte die Arme und sah mich an. »Und warum willst du jetzt wieder damit anfangen? Und weshalb mit ihm?«
»Er ist ein Freund und er ist ganz gut. Nur deshalb.« Wenigstens wusste ich jetzt, warum Allie Larson gegenüber so abweisend gewirkt hatte. Ich strich ihr über den Arm. »Was jedoch das Kickboxen mit dir betrifft, so hielt ich es einfach für eine gute Idee, etwas gemeinsam zu machen. Außerdem hätte es deinem Vater bestimmt gefallen, wenn du dich im Notfall verteidigen kannst.« Ich vermied es, ihre Frage nach dem Warum zu beantworten. Schließlich wollte ich meine Tochter nicht mehr als nötig belügen. »Du kannst mir glauben, Kleines, ich würde nie etwas tun, was deine Erinnerungen an deinen Vater kaputt macht.« »Ich weiß.« Sie schniefte. »Er fehlt mir einfach. Das ist alles.« »Ich weiß, mein Liebes«, erwiderte ich. »Mir fehlt er auch.«

Der Nachmittag verlief so wie die meisten unserer Sonntagnachmittage, obwohl ich zugeben muss, dass sowohl Allie als auch ich uns mehr als gewöhnlich um Stuart kümmerten. Es ist schon erstaunlich, was ein schlechtes Gewissen so alles bewirken kann.

Nach dem Essen klimperte Tim eine Weile auf seinem Xylophon, und Allie begleitete ihn auf der Bongo-Trommel. Stuart und ich rundeten das Ganze ab, indem wir auf Tims Mundharmonika spielten und sangen. (Wir hatten versucht, zur Abwechslung einmal nicht mit zu musizieren, aber Timmys »Du auch spielen, Mami« ist nicht leicht zu widerstehen.) Nach dem Konzert, einem Bad und verschiedenen Büchern wie Die kleine Raupe Nimmersatt (zweimal), Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab (einmal) und Gute Nacht, kleiner Bär (dreimal), gelang es uns schließlich, Tim davon zu überzeugen, dass er Super-Pyjama-Mann sei und es Zeit für ihn, seinen Pyjama und Boo Bear wäre, ins Bett zu gehen, wo sie zu dritt für Frieden, Gerechtigkeit und so weiter kämpfen konnten.

Blödeleien funktionieren bei uns eigentlich immer. Allie blieb noch ein Weilchen wach, wobei sie längere Zeit zwischen ihrem Zimmer und dem Wohnzimmer hin- und herlief, um mir die verschiedenen Kleider-Kombinationen vorzuführen, die für den nächsten Tag infrage kamen. Obwohl sie tütenweise neue Klamotten mit nach Hause gebracht hatte, entschloss sie sich am Ende doch, ihre Lieblingsjeans, ein schlichtes weißes T-Shirt und einen neuen pinken Pulli (um fünfundsiebzig Prozent reduziert) zu tragen. Der innere Kampf, ehe sie diese wichtige Entscheidung traf, dauerte alles in allem zweieinhalb Stunden.
Nachdem sie ins Bett gegangen war – und mir vorher halbherzig versprochen hatte, Mindy diesmal nicht mehr anzurufen und die ganze Nacht am Telefon zu verbringen –, öffneten Stuart und ich eine Flasche Merlot, schoben Patton – Rebell in Uniform in den DVD-Spieler und machten es uns auf der Couch bequem. (Er wählte den Film, ich stimmte aus schlechtem Gewissen zu. Das hatte ich nun davon.)
Er legte zärtlich den Arm um mich, und ich schmiegte mich an ihn. »Es tut mir leid, dass ich in letzter Zeit so beschäftigt war«, sagte er. »Und es wird wahrscheinlich noch schlimmer.«
»Ich weiß. Ist schon in Ordnung.« Es war sogar mehr als in Ordnung. Ich zählte darauf, dass Stuart beschäftigt genug war, um die neuen außerplanmäßigen Aktivitäten seiner Frau nicht zu bemerken. Ich hob den Kopf, um ihm einen Kuss zu geben. »Das ist sehr wichtig für dich, Liebling.«
Er streichelte mir über das Haar. »Du bist wirklich die Beste. Das weißt du doch, nicht wahr?«
Ich lachte ein wenig gezwungen. »Ich bin nicht die Beste, aber ich verspreche dir, dass ich versuche, es zu werden. Ich werde zwar sicher nie den ersten Preis bei einem Hausfrauenwettbewerb gewinnen, aber wenn wir Glück haben, vermassle ich dir auch nicht deine Chance, gewählt zu werden.«
»Das wird bestimmt nicht passieren«, sagte er. »Schließlich ist es dir gelungen, Larson in weniger als vierundzwanzig Stunden für dich zu gewinnen.«
»Ja, stimmt. Wir haben uns eben auf Anhieb verstanden.«
»Wer würde sich nicht auf Anhieb mit dir verstehen?«
Ich antwortete nicht, sondern tat so, als ob ich plötzlich davon fasziniert wäre, wie Patton eine Pistole zog und auf ein deutsches Flugzeug schoss. Stuart folgte meinem Beispiel, und danach schauten wir uns in Ruhe den Rest des Films an.
Ich fühlte mich zwar sehr wohl bei Stuart und genoss sogar den Film (kaum zu glauben!), aber mich so ganz zu entspannen gelang mir nicht. Da draußen brauten sich unheimliche Dinge zusammen, und ich wusste nicht, was. Es lag außerhalb meiner Reichweite. Wenn ich doch nur die Hand ein wenig weiter ausstrecken und danach hätte greifen können –
»He.« Stuarts Stimme klang weich, als er mir erneut über das Haar streichelte. »Du wirkst heute Abend irgendwie so abwesend.«
»Tut mir leid, ich habe nur an etwas gedacht. An Allie. Und die Highschool. Dass meine Kleine allmählich erwachsen wird.« Eine weitere Lüge. Wie viele waren das inzwischen? Ich hatte die Übersicht verloren und fragte mich, wie viele wohl noch folgen würden.
Meine zwei Welten rasten mit beängstigender Geschwindigkeit aufeinander zu. Ich wollte nichts anderes, als meine Welt mit Stuart und den Kindern in Sicherheit zu wissen. Sicher verstaut in einer kleinen Schachtel wie ein wertvoller Weihnachtsschmuck. Aber mein altes Leben hatte begonnen, wieder aufzuerstehen, und ich hatte Angst, dass Stuart eines Morgens aufwachen, mich ansehen und mein Geheimnis erkennen würde. Oder – was noch schlimmer gewesen wäre – dass er eines Morgens aufwachen und neben sich einen Dämon im Bett vorfinden würde.
Ich schlang meine Arme um ihn und küsste ihn – zuerst heftig und dann immer sanfter, bis ich spürte, wie er sich entspannte und seinen Mund öffnete. Er hielt mich fest und zog mich ganz nahe an sich. Ich wollte ihm noch näher sein, wollte mich an ihn schmiegen, mich in diesem Mann verlieren. Ich wollte, dass er sich um mich sorgte. Zumindest wollte ich meine Verantwortung, meine Versprechen und meine Vergangenheit einen Moment lang vergessen.
»Womit habe ich das verdient?«, fragte er in einem Tonfall, der suggerierte, dass er gern noch mehr davon hätte.
»Darf ich denn nicht meinen eigenen Mann verführen?«
»Jederzeit.«
»Gut, dann sofort«, erwiderte ich.
Ein vertrautes Blitzen schimmerte in seinen Augen auf – das Funkeln, das jeder Mann bekommt, wenn ihm klar wird, dass er mal wieder Glück hat. Als er mich an sich zog, war Patton schon vergessen.
Ich bin nicht dumm. Ich wusste natürlich, dass dies meine Probleme nicht lösen würde, dass weder meine Sorgen noch die Bedrohung durch Goramesh verschwinden würden. Dadurch würde ich nicht einmal meine Erinnerungen an Eric vertreiben.
Aber ich wollte es. Ich wollte Stuart. Diesen Mann. Dieses Leben.
Ich musste mein gegenwärtiges Dasein ganz nahe um mich spüren, es so weich und warm wie eine Wolldecke um mich gelegt wissen. Denn meine Vergangenheit hatte begonnen, an den Fäden dieser Decke zu zupfen und zu zerren, und ich hatte schreckliche Angst, dass sich das perfekte Leben, das Stuart und ich uns gemeinsam aufgebaut hatten, in einem einzigen Moment auflösen könnte, wenn ich nicht aufpasste.
Und wo würde ich dann sein?
Oder vielmehr – wer würde ich dann sein?

NEUN

Guter Sex vernebelt einer Frau die Sinne. Das ist mir inzwischen klar geworden. Aber als Stuart mich bat, eine weitere Cocktailparty aus dem Boden zu stampfen, befand ich mich noch immer in diesem Zustand absoluter Glückseligkeit. Anscheinend sollte ursprünglich eine seiner Mitarbeiterinnen die Party geben, aber sie hatte sich krankgemeldet. Ich murmelte leise meine Zustimmung und vergrub dann meinen Kopf wieder glücklich, zufrieden und voller Zuversicht (ausgelöst durch den Orgasmus) in den Kissen.

Erst als der Wecker fünf Minuten später schrill klingelte, wurde mir bewusst, was ich da gerade getan hatte.
Zu diesem Zeitpunkt verließ Stuart allerdings bereits mit dem Wagen unsere Einfahrt. Wahrscheinlich übte er seinen Cocktail-Small Talk, während er ins Fitnessstudio fuhr, um dort früh am Tag ein paar Runden auf dem Laufband zu drehen. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich ihn nicht auf dem Handy anrufen und absagen wollte, doch dann ließ ich die Idee fallen. Es war eigentlich keine große Sache. Nur fünf Paare. Und das war schließlich, wozu ich mich in meiner Ehe mit Stuart bereit erklärt hatte: Ich wollte meinem Mann helfen, ihm in Krisen zur Seite stehen, eine gute Frau und Mutter sein. Er mochte vielleicht ein wenig die Situation ausgenutzt haben, als er mich um einen Gefallen bat, während mein Körper noch glückselig prickelte. Aber ich hatte zugesagt, und jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als auch dabei zu bleiben. Zudem blieb mir keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Ich musste die Kinder wecken, alles fertig machen und dann Allie und drei ihrer Freundinnen zur Schule fahren, ehe dort um Viertel vor acht die Glocke läutete. Meine Entscheidung jetzt zu bereuen war völlig sinnlos.
Ich schlüpfte rasch in Jogginghose und T-Shirt und band mein Haar mit einem Gummi zusammen, ohne es vorher noch lange zu bürsten. Allie wird vor sieben schrecklich schwer wach, sodass ich zuerst an ihrem Zimmer an die Tür klopfte. »Aufstehen!«
Ein müdes »Ja!« drang schwach durch die Tür hindurch, und dann murmelte sie etwas, was ich nicht verstand. So wie ich sie kannte, brummelte sie gerade etwas wie: »Geh weg, Mami, du nervst.«
»Heute ist der erste Schultag, Allie! Schon vergessen? Komm schon, es ist spät!« Das stimmte zwar nicht, aber ich hoffte, dass sie das etwas in Gang bringen würde.
Als Nächstes ging ich zu Timmys Zimmer. Um diese Zeit – um Viertel nach sechs – wachte er normalerweise auf, und ich hörte, wie er tatsächlich bereits leise mit sich selbst sprach. Also öffnete ich die Tür und begrüßte ihn mit einem fröhlichen »Guten Morgen, Mr. Tim.«
»MAMI, MAMI, MAMI!«
(Das war doch mal eine nette Begrüßung.) Ich ging zu seinem Bettchen und freute mich, sein zahnlückiges Strahlen zu sehen. Er streckte mir Boo Bear entgegen. »Noch müde«, erklärte er.
»Ich auch.« Ich nahm den Bären, gab ihm einen Kuss und sprach dann mit ernster Miene mit dem Stofftier. »Boo Bear, Timmy muss jetzt aufstehen. Was meinst du? Zeit für eine frische Windel?«
Ich gab weder dem Bären noch dem Jungen die Möglichkeit zu antworten. Stattdessen schleppte ich sie beide den kurzen Weg zur Wickelkommode. Weniger als zwei Minuten später (ich habe einige Jahre Übung hinter mir) hatte Timmy eine frische Windel und saubere Kleidung an, und wir gingen gemeinsam hinunter ins Wohnzimmer. Dort setzte ich ihn auf das Sofa, legte einen Kinderfilm ein, schaltete den Fernseher an und ging in die Küche, um ihm seine Schnabeltasse mit Milch warm zu machen.
Fünfundvierzig Sekunden später hielt Timmy die Tasse in seinen molligen kleinen Händen, und ich eilte erneut nach oben, um noch einmal an Allies Tür zu hämmern. Währenddessen hielt ich das schnurlose Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und wartete darauf, dass Laura abhob.
»Nervenheilanstalt Dupont«, meldete sich meine Freundin, die offenbar gesehen hatte, wer anrief.
»Wie läuft es?«
»Die Insassen sind ziemlich ruhelos«, sagte sie.
»Wenigstens sind sie schon auf.« Ich hämmerte erneut an Allies Tür. »Steh endlich auf, Allie! Auf der Stelle! Wenn du bis zwanzig nach sieben nicht fertig bist, fahre ich ohne dich.« Der erste Tag eines Fahrdienstes stellt immer eine Herausforderung dar, und ich wusste noch nicht, wie sich Karen und Emily verhalten würden. Falls sie zu denjenigen gehörten, die ebenfalls herumtrödelten und auf die man mit laufendem Motor und regelmäßigem Hupen warten musste, wollte ich eine gewisse Pufferzeit haben.
Ich konzentrierte mich wieder auf mein Telefongespräch. »Was hast du heute Vormittag vor?«
»Wäsche waschen«, erwiderte sie und klang dabei so begeistert, als läge eine Wurzelbehandlung vor ihr. »Carla weigert sich nämlich, sich darum zu kümmern.« Carla kommt zweimal im Monat, um Laura bei den großen Dingen im Haushalt zu helfen. Darum beneide ich sie sehr. Eines Tages kann man Carla hoffentlich klonen, denn ich will auch eine. »Und Rechnungen begleichen. Ich könnte mich allerdings überreden lassen, das Ganze zu verschieben«, fügte Laura hinzu. »Falls du eine bessere Idee hast, meine ich.«
»Das nicht gerade«, sagte ich, während ich wieder nach unten ging. »Ich habe eigentlich gehofft, dass du mir einen Gefallen tun könntest.«
»Oje.«
»Da Mindy jetzt ein Teenie ist, vermisst du doch sicher das Tapsen kleiner Füße.«
»Du machst wohl Scherze«, erwiderte sie gespielt empört, doch ich konnte die Belustigung in ihrer Stimme hören. Innerlich schickte ich ein stilles Dankeschön gen Himmel. »Rück schon damit heraus, was du willst.«
»Ich brauche einen Babysitter.«
»Oh, wirklich?« Sie klang interessiert. »Und welches aufregende Rendezvous erwartet dich?«
»Leider überhaupt nichts Aufregendes.« Ich erzählte ihr rasch eine kurze, wenn auch nicht vollständige Version der Wahrheit, und zwar behauptete ich, etwas für die Kirche erledigen zu müssen.
Laura wirkte neugierig, hakte aber nicht nach, und ich lieferte auch keine Erklärung. Als sie zusagte, sich um den kleinen Racker zu kümmern, schwor ich ihr für den Rest meines Lebens ewige Treue und Dankbarkeit.
»Du könntest mich auch einfach auf einen Käsekuchen in das neue Café einladen«, schlug sie vor, »und dann sind wir quitt.« Für einen Moment überlegte sie. »Oder handelt es sich hier um eine länger andauernde Krise?«
»Hoffentlich nur um ein oder zwei Tage«, meinte ich und zog eines dieser Ich-weiß-ich-bin-böse-aber-ich-brauchetrotzdem-deine-Hilfe-Gesichter, das sie natürlich am anderen Ende der Leitung nicht sehen konnte. »Ich hoffe, bald eine Tagesstätte gefunden zu haben.«
»Wirklich?« Ihre Verblüffung überraschte mich nicht. Ich hatte ihr schon oft erklärt, wie gern ich als Mutter und Hausfrau zu Hause blieb (was ich auch tue). »Zwei Tage, zwei Stück Käsekuchen«, erklärte sie, um einen auf knallharten Babysitter zu machen.
»Einverstanden. Ich bringe Timmy vorbei, sobald ich die Mädchen in der Schule abgeliefert habe.« Wir legten auf, und ich blieb einen Moment lang stehen, um zu lauschen, ob Allie endlich auf war. Die Dusche lief. Ein gutes Zeichen. Wenigstens musste ich nicht noch einmal hinauf und sie persönlich im Badezimmer abliefern.
»Mehr Milch«, sagte Timmy, als ich an ihm vorbei in die Küche ging. »Schokoladenmilch, Mami. Schokolade.«
»Nein, jetzt noch nicht, Schätzchen.« Ich füllte die Schnabeltasse noch einmal mit langweiliger weißer Milch und öffnete ein Päckchen Haferflocken, das ich zusammen mit etwas Wasser in eine Schüssel schüttete. Diese stellte ich in die Mikrowelle und schaltete sie an. Laura tat mir einen großen Gefallen. Da konnte ich nicht auch noch erwarten, dass sie dem Kind Frühstück gab.
Zwei Minuten später saß Tim glücklich auf seinem Kinderstuhl und stocherte mit einem Löffel in dem lauwarmen, klumpigen Haferbrei herum. Hoffentlich würden es zumindest ein oder zwei Löffel in seinen Mund schaffen.
Allie stürzte die Treppe hinunter in die Küche, sah das Päckchen mit Haferflocken auf der Arbeitsplatte und warf mir einen verächtlichen Blick zu. »Ich möchte nur einen Kaffee«, sagte sie.
»Du isst Frühstück, junge Dame«, sagte ich und hielt meine Kaffeetasse besitzergreifend fest. Wir hatten im Laufe des Sommers einen Kompromiss hinsichtlich des Kaffees gefunden (damals hatte sich Allie zum ersten Mal so richtig erwachsen gefühlt). Ich fand es nicht weiter tragisch, dass Allie nun Kaffee trank, vor allem nachdem ich festgestellt hatte, wie viel Milch und wie wenig Kaffee in ihrer Tasse landete. Am Frühstück hielt ich jedoch fest.
»Okay. Wie du meinst.« Sie nahm sich einen Müsli-Riegel aus einer Schachtel auf dem Kühlschrank und verschwand wieder nach oben, um sich ganz fertig zu machen. »Make-up?«, rief sie nach unten.
»Wimperntusche und Lipgloss«, antwortete ich.
»Ma-ami!«
»Wir fangen nicht wieder damit an, Allie. Bis du sechzehn bist, will ich nichts davon hören.« War das nicht schon wieder eine Schwindelei? Ich wusste, dass sie mich weiterhin damit nerven und ich irgendwann nachgeben würde. Aber zumindest wollte ich es schaffen, einen weiteren Monat durchzuhalten.
Sie antwortete nicht, aber ich konnte hören, wie sie empört über meinem Kopf herumtrampelte.
»Make-up, Mami!«, kreischte Timmy. »Ich will Make-up haben!«
»Wohl kaum, Schatz. Am besten auch nicht, wenn du sechzehn bist.«
Anstatt zu schmollen, schleuderte er einen Löffel voll Haferbrei durch die Küche. Ich sah zu, wie er mit einem leisen Plopp neben der noch immer fehlenden Scheibe landete, verschob das Wegputzen aber auf später. Außerdem musste ich endlich einen Glaser anrufen, der das verdammte Ding ersetzen konnte. Doch erst einmal trank ich meinen Kaffee und goss mir dann eine weitere Tasse ein. Verzögerungstaktiken waren mir zur zweiten Natur geworden.
Allie schaffte es gerade noch nach unten, ehe Mindy an der Verandatür klopfte. Ich scheuchte die beiden Mädchen zum Auto. Sie trugen ihre brandneuen Schulrucksäcke, während ich ein Kleinkind, einen Packen Windeln und eine Handtasche unter dem Arm schleppte.
Zum Glück blieben wir in keinem Stau stehen. Auch Karen und Emily waren bereits so weit, als ich vor ihren Häusern hupte. Als Letzte holte ich Emily ab. Sobald sie eingestiegen war, fuhr ich zur Highschool, wo ich mich in eine Schlange hinter einem Dutzend anderer Minivans und Geländewagen einreihte. Ich warf einen Blick auf einige der Mütter (und ein paar Väter). Soweit ich sehen konnte, war ich die Einzige, die ungeduscht und mehr oder weniger unfrisiert ihre Kinder zur Schule brachte. Ich war auch die Einzige weit und breit, die ein zerknittertes T-Shirt und eine nicht mehr ganz frische Jogginghose trug. Erschöpft sank ich hinter dem Steuer ein wenig in mich zusammen und nahm mir vor, das nächste Mal, wenn ich mit dem Fahren an der Reihe war, eine Viertelstunde früher aufzustehen.
Als die Wagen sich so weit voranbewegt hatten, dass wir uns in der Schulauffahrt befanden, öffnete Emily die Tür, und die Mädchen stiegen aus. Ich erinnerte sie noch rasch daran, dass sie von Karens Mutter abgeholt würden, um dann wieder eilig nach Hause zu fahren. Schließlich hatte ich heute nicht viel Zeit.
»Aber sie holt nicht mich und Mindy ab«, erklärte Allie jedoch beim Aussteigen. »Schon vergessen? Wir wollten nach der Schule noch mit Ms. Carlson wegen der Cheerleadersache sprechen.«
»Ach ja«, sagte ich. »Hätte ich fast vergessen.« Das hätte ich auch. (Wieso wurde ein Cheerleader-Treffen eigentlich bereits für den ersten Schultag angesetzt?) In Gedanken verschob ich meinen Zeitplan ein wenig, wobei ich sowieso das Gefühl hatte, dass das alles nicht zu bewältigen war. Aber irgendwie würde ich es schon schaffen. »Ruft mich doch am besten auf dem Handy an, ehe das Treffen anfängt, und lasst mich wissen, wann es in etwa vorbei ist. Heute Abend kommen einige von Stuarts Politiker-Kollegen zu uns, vielleicht holt euch also Mrs. Dupont ab.«
»Wie auch immer«, erwiderte Allie leicht gelangweilt. Das war wirklich unfair! Ich bekam fast ein Magengeschwür, weil ich versuchte, alles unter einen Hut zu bekommen, und sie wusste darauf nur mit einem lässigen ›Wie auch immer‹ zu antworten.
Ich seufzte. Wie auch immer.
Zehn Minuten später saß ich bei Laura am Küchentisch, vor mir eine weitere Tasse Kaffee. Ich nickte in Richtung Timmy, der mir gegenüber platziert und dessen Nase auf Höhe der Tischplatte war. Laura hatte schon vor langer Zeit den alten Kindersitz weggeräumt. »Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht?«
»Ganz sicher. Ist schon in Ordnung.« Sie war bereits perfekt gekleidet und hergerichtet, sodass ich mich noch ungepflegter als zuvor fühlte.
Ich zeigte auf ihre Kleidung. »Du siehst so aus, als ob du andere Pläne gehabt hättest.«
Sie winkte ab. »Nein, eigentlich nicht. Paul arbeitet heute Abend nur schon wieder bis spät in die Nacht hinein, und deshalb dachte ich, dass es ihn freuen könnte, wenn ich besonders hübsch aussehe, wenn er mich schon mal zu Gesicht bekommt.«
Ich dachte daran, wie ich heute Morgen ausgesehen hatte, als Stuart das Haus verließ, und wie ich jetzt aussah. Ich zuckte mit den Achseln. »Ich bin mir sicher, dass ihn die Geste gefreut hat«, meinte ich.
Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie eine ironische Bemerkung machen würde, doch stattdessen wirkte sie nur peinlich berührt und begann die Spülmaschine auszuräumen. Wahrscheinlich war es das Beste, das Thema zu wechseln. »Wenn dir Tim irgendwelche Probleme macht, kannst du mich jederzeit über Handy erreichen. Was seinen Nachmittagsschlaf betrifft, so leg ihn am besten einfach in die Mitte deines Bettes und baue ein paar Kissen um ihn herum auf. Dann kullert er nicht heraus.« Ich überlegte, was sie noch wissen musste. »In der Tasche hier habe ich Windeln und seine Schnabeltasse eingepackt, aber falls du noch etwas brauchst –«
Sie hielt die Hand hoch und lachte. »Kate, du fährst nicht nach Australien. Und ich habe außerdem einen Schlüssel zu eurem Haus. Wir werden viel Spaß miteinander haben – keine Angst.«
Ich sah Timmy an, der gerade zufrieden eine Papierserviette in kleine Stückchen zerfetzte. »Freust du dich darauf, bei Tante Laura zu sein? Mami muss einige Sachen erledigen, weißt du.«
Er blickte weder auf, noch hielt er im Zerfetzen der Serviette inne. »Tschüss, Mami, tschüss.«
Laura und ich sahen einander an, und sie unterdrückte ein Lachen. So viel zu meinem schlechten Gewissen, ihn allein zu lassen!
Als ich jedoch zur Tür ging, änderte sich Timmys Tonfall. Er bekam zwar keinen Heulanfall, wimmerte aber genügend, um mein Mutter-Ego zufriedenzustellen. Ich ging also noch mal zu ihm, umarmte ihn, gab ihm einige schmatzende Küsse und versprach, bald wieder zurück zu sein.
Das Auto hatte ich vor Lauras Haus geparkt. Während sie Tim in die Küche zurückbrachte, setzte ich mich hinter das Steuer und überlegte für einen Moment, was ich alles zu erledigen hatte: Duschen, eine Kindertagesstätte finden, Lebensmittel einkaufen, das Abholen der Mädchen organisieren, tanken fahren – das Übliche also. Nur zwei Dinge stachen heraus. Ich wollte Allie und mich für einen Kurs im Kickboxen anmelden und im Archiv der Kathedrale nach etwas stöbern, was auf Dämonentätigkeit hinwies. Bisher war es mir stets gelungen, alles auf meinen Listen abzuarbeiten, und auch dieser Tag würde keine Ausnahme darstellen – da war ich mir sicher. Es waren einfach nur Aufgaben, die ich – die Super-Mama – ohne Schwierigkeiten bewältigen würde. No problemo.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Zehn vor neun. Mir blieben noch neuneinhalb Stunden, bis die CocktailHorden in meinem Haus einfallen würden.
Ich schaltete den Motor an. Keine Zeit mehr zu vertrödeln. Jetzt musste ich loslegen. Goramesh mochte vielleicht in San Diablo eingedrungen sein, aber er würde es bitter bereuen. Ich war schließlich Kate Connor – Dämonen jagende Super-Mama! Und ich war mehr als wild entschlossen, ihm das Spiel gründlich zu verderben.

Zwei Stunden später war ich Kate Connor, entmutigte Mutter eines Kleinkindes. Offenbar brauchte man eine Vollmacht vom amerikanischen Kongress, um sein Kind in einer Krippe oder bei einer Tagesstätte anzumelden. Die drei Einrichtungen, die mir in unserem Viertel aufgefallen waren, hatten ihre maximale Auslastung bereits erreicht. KidSpace, das unbequemerweise auf der anderen Seite der Stadt lag, hatte zwar einen Platz in der Gruppe der Zweijährigen, verlangte dafür aber so viel, dass mir der Atem stockte. Ich wollte mein Kind nur einige Stunden am Tag dort parken, weshalb ich nicht vorhatte, so viel zu zahlen. Die Frau am Telefon gab ein leicht verächtliches Schnalzgeräusch von sich, als ob sie mir damit zeigen wollte, dass ich einen großen Fehler beging. Sie bot mir großmütigerweise an, den Platz für mich bis zum nächsten Tag freizuhalten, wenn ich sogleich eine Kaution von fünfzig Dollar mit meiner Kreditkarte hinterlegte.

Ich lehnte ab.
Ein Dutzend Telefonate später wurde mir klar, welchen Fehler ich begangen hatte. Wahrscheinlich war es leichter, den Jungen in Harvard anzumelden. Ich begriff, dass ich Timmy nur in einer Krippe unterbringen konnte, wenn ich die einzige Gelegenheit, die sich mir geboten hatte, am Schopf packte – ganz egal, wie unbequem oder teuer sie auch sein mochte. Bisher hatte ich ja nur die eine Kindertagesstätte gefunden, die noch einen Platz frei hatte und zufälligerweise sowohl unbequem weit weg als auch teuer war – nämlich KidSpace. Es fiel mir verdammt schwer, die Dame ein zweites Mal anzurufen.
Zum Glück gab es den freien Platz noch, auch wenn in der Zwischenzeit drei weitere Anfragen eingegangen waren. Diese Mütter wollten vorbeikommen, um das Ganze in Augenschein zu nehmen. Aber sie hatten noch keine Kaution hinterlegt, und so könnte sie den Platz für mich freihalten, wenn ich das wollte …
Diesmal wollte ich. Stuart wäre es wahrscheinlich schwindlig geworden, wenn er gesehen hätte, wie schnell ich meine Kreditkarte zückte. War doch egal, dass ich den Kindergarten noch gar nicht gesehen hatte! Er war voll und offenbar beliebt – oder etwa nicht? Das musste doch etwas heißen. Falls er sich doch noch als heruntergekommene Klitsche herausstellte, konnten sie die fünfzig Dollar behalten. Ein geringer Preis dafür, dass ich nun auf der Liste ganz oben stand.
Ich erklärte Nadine (der stellvertretenden Leiterin von KidSpace, die mir auf einmal sehr sympathisch und außerordentlich liebenswürdig erschien), dass Timmy und ich am nächsten Tag vorbeikommen würden, um uns alles anzusehen und seine Kindergärtnerin kennenzulernen. Am Mittwoch sollte Timmy anfangen. Sie erklärte, dass wir jederzeit willkommen wären, was ich für ein weiteres gutes Zeichen hielt, denn ein Tollhaus für Kleinkinder hätte es sicher nicht geschätzt, jederzeit Besuch zu bekommen.
Inzwischen war es beinahe Mittag, sodass mir nicht mehr viel Zeit blieb. Trotz meiner noch immer kaum abgearbeiteten Liste hatte ich das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Im Grunde absurd, wenn man bedachte, dass ich nur einige Telefonanrufe gemacht und fünfzig Dollar für das Versprechen ausgegeben hatte, jeden Monat weitere achthundertfünfundzwanzig Dollar bezahlen zu dürfen.
Stuart würde mich umbringen.
Ich entschloss mich, mir erst einmal nicht allzu viele Gedanken über derartig Unwichtiges wie Geld zu machen und mich stattdessen auf meine nächste Aufgabe zu konzentrieren – mich anzuziehen. Ich hatte auch noch nichts gegessen und wühlte deshalb im hinteren Teil unseres Gefrierschranks herum, bis ich eine Schachtel mit Keksen vom letzten Weihnachtsfest entdeckte. Da ich weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen hatte, nahm ich mir eine Handvoll davon heraus und ging damit und mit einer Dose Cola Light ins Badezimmer.
Die Kekse tauten etwas an, während ich duschte. Ich stopfte mir sechs in den Mund und spülte die süßen Krümel mit einem Schluck Cola hinunter. Um meine Haare kümmerte ich mich nicht weiter, sondern kämmte sie nur kurz durch und tat etwas Gel darauf, damit sie nicht allzu sehr vom Kopf abstanden, wenn sie trocken waren. (Abgesehen von dem gelegentlichen Pferdeschwanz, gebe ich mir mit meinen Haaren eigentlich keine große Mühe. Es ist auch sinnlos. Meine Haare sind dunkelblond und hängen gerade herunter. Ich kann Lockenwickler oder Haarspray benutzen, alle möglichen Frisuren ausprobieren; bereits zwei Stunden später sind sie einfach wieder dunkelblond, schnurgerade und hängen über die Schulter. Zu besonderen Gelegenheiten stecke ich sie mit einer glitzernden Spange hoch. Nichts Besonderes, aber meiner Meinung nach reicht das völlig aus.)
Ich zog eine Jeans und ein Twinset an, das aus einem ärmellosen Oberteil und einem Jäckchen bestand. Dann schlüpfte ich in meine bequemen Loafers. Nach einem Moment des Nachdenkens entschloss ich mich jedoch, sie wieder auszuziehen und stattdessen ein altes Paar Turnschuhe zu wählen. Es war zwar recht unwahrscheinlich, heute schon wieder einem Dämon zu begegnen, da ich vorhatte, die meiste Zeit im Archiv der Kathedrale zu verbringen. Aber es ist immer besser, sich nicht kalt erwischen zu lassen. Wenn ich die nächste von Gorameshs Marionetten traf, wollte ich gute Bodenhaftung haben – und zwar eine verdammt gute.
Auf dem Weg nach unten fiel mir das Fenster ein (das riesige Loch in der Küche half). Ich warf einen Blick auf meine Uhr, gab ein unzufriedenes Seufzen von mir und setzte mich dann notgedrungenermaßen an den Küchentisch, wo noch die Gelben Seiten aufgeschlagen dalagen.
Ich suchte den Buchstaben G und ließ meinen Finger über das dünne gelbe Papier wandern, bis ich eine Anzeige entdeckte, die ansprechend und nicht so aufdringlich wirkte. Nicht gerade die beste Art und Weise, einen guten Glaser zu finden – das gebe ich gern zu. Aber ich befand mich in großer Eile. Bereits nach dem ersten Klingeln wurde abgehoben, und eine freundlich klingende Stimme schien sogleich zu verstehen, worum es ging, als ich das übergroße Fenster beschrieb. Von ihrer Professionalität schwer beeindruckt, fragte ich, ob sie heute noch jemanden vorbeischicken könnten, um eine neue Scheibe einzusetzen.
Ich hörte, wie die Frau etwas in ihren Computer eingab. Kurz darauf erklärte sie mir, dass es möglich wäre, wenn ich um vier zu Hause sei. Außerdem musste ich einen Eil-Aufschlag in Kauf nehmen. Klar, erwiderte ich, warum nicht? Wir vereinbarten alles Nötige, und erst danach kam ich auf die Idee, sie zu fragen, wie viel es in etwa kosten würde.
Sie wich einer klaren Antwort aus, indem sie erklärte, dass man die Kosten nur vor Ort feststellen könnte, nannte mir dann aber eine Zahl, die mir den Atem verschlug. Zwei Sekunden lang überlegte ich mir, ob ich einfach auflegen sollte, während ich meine Fingernägel betrachtete. Doch ich hatte eigentlich keine Zeit, mir verschiedene Kostenvoranschläge nennen zu lassen, und außerdem wollte Stewart das Fenster repariert haben, ehe die Cocktailparty stieg (die für halb sieben geplant war, wie ich einer Notiz neben der Kaffeemaschine entnehmen konnte). Falls Stuart sich über den Preis beschwerte, würde ich eben wieder einen Mea-Culpa-Akt aufs Parkett legen. Zumindest wäre dann das Fenster wieder heil.
Ich gab der Dame am Telefon also die nötigen Informationen, versprach, um vier zu Hause zu sein, und legte auf. Innerlich gratulierte ich mir dazu, eine weitere Aufgabe erledigt zu haben.
Wenn das so weiterging, würde ich Goramesh gefunden und besiegt haben, ehe der erste Gast hier auftauchte. Ich war wirklich in Fahrt.

Voller Optimismus und bester Dinge erreichte ich die Kathedrale. Ich wollte sofort loslegen. Father Ben befand sich im Pfarrbüro und ging gerade seine Notizen für die Abendmesse durch. Nach dem üblichen Small Talk über das Wetter, meine Familie und den Fortschritt der Restaurierungsarbeiten gingen wir gemeinsam zur Kirche. Dort füllte ich noch einmal mein Fläschchen Weihwasser auf und folgte dem Priester dann durch den Altarraum in die Sakristei, von wo aus eine Treppe ins Archiv im Untergeschoss führt. Von außen sieht die Kathedrale alt, aber gut erhalten aus. Doch hier unten wurde mir klar, wie sehr der Zahn der Zeit doch an diesem Gebäude genagt hatte.

Der Priester drehte einen großen schmiedeeisernen Schlüssel im Schloss um, und eine schwere Tür sprang ächzend auf. Es gab keine Klinke und auch keinen Knauf, aber allein die Spannung des Holzes führte dazu, dass sich die Tür wie von Geisterhand nach innen öffnete. »Stolpern Sie nicht«, sagte der Priester und trat über die Schwelle.

Als ich ihm folgte, legte er einen Schalter um, der rechts in die Wand eingelassen war, sodass einige Glühbirnen von etwa fünf Watt unseren Weg erleuchteten. Die Birnen hingen an einem uralten Kabel, das an der steinernen Wand befestigt war, und führten die Treppe nach unten. Ich blickte auf und entdeckte einen schwachen Rußfleck an der Decke über mir. Father Ben drehte sich zu mir um, wohl um sicherzugehen, dass ich ihm noch folgen wollte, und bemerkte meinen Blick.

»Das kommt vom Rauch«, erklärte er. »Bevor es Strom gab, gingen die Priester hier mit Fackeln hinunter.«
»Cool«, erwiderte ich und bemerkte, dass ich wie meine Tochter klang. Das Ganze machte mir Spaß. Dieser Ort erinnerte mich an die Kirchen und Gruften, die Eric und ich oft gemeinsam aufgesucht hatten.
Die Treppe machte weiter unten eine scharfe Biegung nach rechts, und die Temperatur schien um mindestens zehn Grad zu fallen. Mir fiel auf einmal die Möglichkeit eines Erdbebens ein, und ich hoffte inbrünstig, dass sich Kalifornien nicht gerade in diesem Moment dazu entschließen würde, mal wieder ins Wanken zu geraten.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr sich die Kirche über Freiwillige wie Sie freut, Kate. Wir haben einen Archivar angestellt, um die Sachen professionell zu archivieren, die es wert sind. Aber es sind die Freiwilligen, die uns helfen, unser Budget nicht übermäßig zu strapazieren.«
»Die Kathedrale ist doch für ihre Reliquien berühmt«, meinte ich. »Sind da nicht bereits viele davon archiviert und katalogisiert worden?«
»Natürlich«, bestätigte der Geistliche. »Trotzdem sind die meisten Reliquien bis zur vollständigen Restaurierung der Kirche in den Kellergewölben untergebracht.«
»Wirklich? Ist es denn nicht schade, sie einfach so wegzuräumen?« An diese wichtigen Informationen so leicht zu gelangen stachelte meinen Ehrgeiz an. Ich war ziemlich zufrieden. Ich würde einfach eine Liste der Reliquien verlangen, nach allem suchen, was irgendwie mit Knochen zu tun hatte oder aus einem der zerstörten Sakralbauten stammte. Und wumms – alles erledigt!
»Ja, das ist wirklich ein Jammer«, stimmte er mir zu, ohne zu mir aufzusehen. Denn die schmale Treppe, die wir hinunterstiegen, war nicht gerade ungefährlich, sodass wir höllisch aufpassen mussten, nicht zu stolpern und mit gebrochenen Knochen unten anzukommen. »Natürlich befinden sie sich großenteils noch in ihren Glasvitrinen, sodass man sie zu bestimmten Zeiten und nach Vereinbarung jederzeit besichtigen kann. Wir haben die Vitrinen nur ins Kellergewölbe gestellt, um sie nicht in Gefahr zu bringen.« Er schüttelte den Kopf. »So viele Jahre wurde die Sammlung im Vorraum der Kirche ausgestellt. Ich war zwar erst kurz da, als man sie hier hinunterbrachte, doch selbst mir kam es so vor, als ob damit das Ende einer Ära eingeläutet werden würde.«
Meine Zufriedenheit wich einer leisen Verunsicherung. »Wie lange waren die Stücke eigentlich ausgestellt?« Wenn sich die Knochen, die Goramesh suchte, bekanntermaßen in San Diablo befanden, gab es für den Dämon überhaupt keinen Grund, erst einen Zerstörungsfeldzug durch Italien, Zypern und Mexiko zu unternehmen, um sie dort zu suchen.
»Das hängt von der jeweiligen Reliquie ab«, erklärte der Priester. »Einige stammen noch von Pater Aceveda, als er die Kirche vor vielen Hundert Jahren gründete. Andere kamen als Geschenke über die Jahrhunderte zu uns. Der Bischof war maßgeblich daran beteiligt, sicherzustellen, dass der vorübergehende Umzug der Reliquien nicht zu schmerzvoll für die Gläubigen ist. Sobald die Restaurierung fertig ist, kommen die Stücke wieder nach oben. In der Zwischenzeit kann man einige von ihnen in wöchentlich wechselnden Ausstellungen im Bischofssaal bewundern. Und außerdem ist die ganze Sammlung auch im Internet zu besichtigen.«
Ich war mir jetzt sicher, dass ich nichts finden würde, was Goramesh interessierte. Aber es konnte auch nicht schaden, die bestehende Liste durchzuarbeiten. Ich nahm eigentlich an, dass die Knochen, um die es ging, erst vor Kurzem hierhergebracht worden waren. Das würde auch Gorameshs plötzliches Interesse an San Diablo erklären. Es musste etwas sein, was in jüngster Zeit gestiftet worden war und eine Verbindung zu Mexiko, Zypern oder Italien aufwies oder auch zu allen drei Ländern.
Father Ben war am Fuß der Treppe angekommen und betrat nun knarrende Holzdielen. Er blieb stehen und wartete auf mich. Sobald auch ich die ausgetretenen Stufen hinter mir gelassen hatte und neben ihm stand, sah ich die schwach erleuchteten Glasvitrinen, die an zwei Wänden des Kellergewölbes aufgereiht waren. Ich ging zu einer der Vitrinen und begutachtete eine Reihe von sechs Stoffsäckchen, die etwa für ein halbes Pfund Kaffee groß genug waren. In einer altmodischen Schnörkelschrift war etwas darauf geschrieben, was ich nicht entziffern konnte. In der nächsten Vitrine lagen zwei Goldkruzifixe und eine Bibel, die so aussah, als ob sie zu Staub zerfallen würde, wenn sie auch nur mit dem Finger berührt würde. Weitere Reliquien und Artefakte füllten die Vitrine, und ich drehte mich begeistert zu Father Ben um.
»Beeindruckend, nicht wahr?«, meinte er.
Ich stimmte zu. »Das ganze Gewölbe ist höchst beeindruckend.« Der Raum war von groben Steinmauern umgeben, in die Metallhalterungen eingelassen waren. Dort hatte man früher wohl Fackeln hineingesteckt. Jetzt hingen schwache Glühbirnen daran, die das Ganze in ein gedämpftes Licht tauchten, das kaum in die Ecken reichte.
Der Priester lachte. »Ja, hier herrscht eine ganz besondere Atmosphäre.« Er wies auf eine weitere Holztür, die mit einem schweren Schloss verriegelt war. »Natürlich sind alle Reliquien von Bedeutung, aber die wirklich kostbaren Stücke werden dort drinnen verwahrt.«
Ich runzelte die Stirn. Eine alte Tür und ein bei näherer Betrachtung doch recht rostig wirkendes Schloss würden wohl kaum einen entschlossenen Dieb abhalten.
Father Ben musste meine Miene richtig gedeutet haben, denn er lachte erneut. »Wir haben versucht, das Gewölbe äußerlich nicht allzu sehr zu verändern. Aber hinter dieser Tür befindet sich ein von Stahl ummantelter Tresorraum mit einem ausgeklügelten Alarmsystem. Sie müssen sich also keine Sorgen machen. Unsere Schätze liegen hier so sicher wie in der besten Bank.«
»Gut zu wissen«, erwiderte ich. Für mich war es allerdings möglicherweise nicht ganz so gut. Ich hoffte inbrünstig, dass die Knochen, um die es mir ging, nicht da im Tresorraum aufbewahrt wurden. Ein Schloss konnte ich relativ problemlos knacken (oder zumindest gehörte das früher einmal zu meinen Spezialitäten), aber in einen Tresorraum einzubrechen war etwas ganz anderes. Das war wohl dann doch eine Nummer zu groß für mich.
Ich blickte Father Ben an. Mir war auf einmal ein Gedanke gekommen. »Warum wird die Sammlung eigentlich hier und nicht im Vatikan aufbewahrt?«
Der Priester grinste, und er wirkte dabei noch jünger als sonst. »Möchten Sie wissen, was man mir als Erklärung gab, als ich nach St. Mary kam? Oder würden Sie lieber meine Theorie hören?«
»Natürlich die Ihre«, sagte ich. Father Ben gefiel mir immer besser.
»Es geht ganz einfach um PR«, erklärte er und sah mich an, als ob er erwarten würde, dass ich vor Begeisterung über seine Einsicht in die Hände klatschen müsste. Ich zuckte aber nur lässig mit den Achseln, was er wahrscheinlich ziemlich enttäuschend fand.
Er seufzte. »Leider geht es mal wieder um Geld. Sogar für die Kirche. Und das bedeutet, dass wir auf Spenden angewiesen sind.«
»Die natürlich um ein vieles üppiger fließen, wenn die Kirche einen solchen Schatz beherbergt«, fügte ich hinzu.
»Genau. Während es in den meisten Pfarreien irgendwelche Reliquien gibt, so ist doch die Sammlung von St. Mary etwas ganz Besonderes.«
»Und das funktioniert? Als PR – meine ich?«
»Wohl schon«, meinte er. »Darum sind zum Beispiel ja auch Sie heute hier.«
Ich verstand. »Natürlich! Die ganzen noch unkatalogisierten Schenkungen und Nachlässe.«
»Hier gibt es Kisten voll von Reliquien, Familienerbstücken und alten Taufurkunden. Außerdem Unmengen von Briefen, die sich Paare schrieben, die in unserer Kirche heirateten. Es ist ein riesiges Durcheinander. Alles natürlich sehr interessant, aber nur einige Dinge davon lohnen aufgehoben zu werden. Und kaum etwas befindet sich in irgendeiner Art von erkennbarer Ordnung.«
Mir wurde ganz anders. »Wie viel ist es denn?«
»Etwa dreihundert Kisten voller Dokumente und zweihundert weitere, in denen alle möglichen Sachen lagern.«
Ich schluckte.
Ich glaubte, einen Anflug von Belustigung im Gesicht des Priesters zu erkennen, aber vielleicht irrte ich mich auch. Das Licht im Keller war nicht sehr gut.
»Wie viel Zeit haben Sie?«, erkundigte er sich.
»Heute?« Ich warf einen Blick auf meine Uhr. »Bis um zwei. Da muss ich meinen Babysitter erlösen.« Ich hatte natürlich noch wesentlich mehr zu tun, aber ich nahm nicht an, dass sich Father Ben dafür interessierte.
»Dann haben Sie eineinhalb Stunden Zeit, sich einen ersten Überblick zu verschaffen«, sagte er. Mir fiel auf, dass er gar nicht auf die Uhr gesehen hatte, um diese genaue Zeitangabe zu machen. »Das dürfte fürs Erste reichen, vermute ich.« Er sah mich an, und diesmal war ich mir sicher, ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen. »In Wahrheit ist es nicht so schlimm, wie es sich anhört. Da mögen zwar dreihundert Kisten mit Dokumenten sein, aber dabei handelt es sich eigentlich nur um die Spenden von etwa fünfunddreißig Wohltätern. Und von denen haben nur etwa zehn herausragende Erbschaften hinterlassen.«
»Okay …« Ich war mir nicht sicher, was er sagen wollte. Zehn war natürlich eine wesentlich kleinere Anzahl, aber diese dreihundert Kisten standen hier noch immer irgendwie im Keller herum und warteten darauf, von mir durchsucht zu werden – und zwar in der vagen Hoffnung, irgendeinen Bezug zu Goramesh und seinen Absichten herstellen zu können.
Der Priester schien Mitleid mit mir zu haben und erklärte, was er meinte. »Die Hauptspender möchten natürlich ihre Spenden steuerlich absetzen, weshalb jede Gesamtspende mit einer kurzen Beschreibung der einzelnen Gegenstände versehen ist.« Er hielt die Hand hoch, als ob er meinen (überhaupt nicht vorhandenen) Protest abblocken wollte. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Das waren alles fromme Leute. Die Sachen wurden gespendet, weil sie der Kirche zugute kommen sollen. Aber selbst wenn man Richtung Himmel blickt, so befinden sich unsere Füße doch noch auf dieser Erde.«
»Dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt«, erwiderte ich lächelnd.
»Genau.«
Das alles verstand ich nur allzu gut. Momentan hatte ich auch ganz und gar nichts gegen die Pingeligkeit des Finanzamts einzuwenden. Dieses Wohlwollen würde sich wahrscheinlich bei der nächsten Steuererklärung ändern; aber bis dahin würde ich mich mit dem größten Vergnügen mit den Listen der Spender auseinandersetzen, um herauszufinden, ob sich darauf eine Reliquie befand, die etwas mit meinem Fall zu tun hatte. Man konnte nie wissen. Vielleicht würde ja gleich der erste Eintrag eine große Kiste mit Knochen betreffen.
Father Ben erklärte mir, dass sich die besagten Kisten bereits in einer gewissen Ordnung befanden. Alles, was einen Wert besaß – einschließlich erstklassiger Reliquien wie zum Beispiel Knochen –, war zur Seite geräumt und im Tresorraum verstaut worden, damit sich der Archivar zu gegebener Zeit damit auseinandersetzen konnte. Die restlichen Kisten voller Dokumente, unter denen sich vermutlich auch eine Liste all der Dinge befand, die bereits herausgenommen worden waren, wurden im Keller gelagert, wo sie darauf warteten, begutachtet, aussortiert und schließlich in ein für Papier freundlicheres Klima gebracht zu werden. Eine Moment lang quälte mich ein schlechtes Gewissen. Schließlich handelte es sich um ein wichtiges Projekt, und ich hatte vor, es auf der Stelle links liegen zu lassen, sobald ich gefunden hatte, wonach ich suchte.
Die Kisten waren an der hinteren Wand des Gewölbes aufgereiht. An den anderen Wänden standen Glasvitrinen und ein relativ moderner Karteikastenapparat. Dazwischen konnte ich Holzregale ausmachen, in denen übergroße, in Leder gebundene Bücher standen, die etwa zehn Zentimeter dick waren. Vielleicht stammten sie noch aus dem Mittelalter, wobei ich keine Historikerin bin und mich also gewaltig irren konnte. Grobe Holzplanken bildeten den Boden, auf dem fünf lange Holztische standen. Ich malte mir aus, wie hier früher einmal Mönche gesessen hatten, in braune Kutten gekleidet und von einer Suppe schlürfend, die in kleinen Holzschalen neben ihnen stand. Heute sollte ich nun hier in Jeans sitzen und Kisten von Papieren durchsuchen in der Hoffnung, einen Hinweis auf etwas zu finden, was irgendwie mit Zypern, Mexiko oder Italien zu tun hatte.
Die Kisten waren mit Ziffern und Buchstaben versehen. Die Buchstaben bezogen sich auf den Spender, während die Ziffern anzeigten, welche Gegenstände aus der Gesamtspende darin lagen. Die Dokumente für jede Spende sollten sich (und Father Ben betonte das ›sollte‹) in der ersten Kiste jedes Buchstabens befinden.
Er schleppte eine Kiste mit einem großen »A1« auf einen Tisch, wollte wissen, ob ich nichts weiter brauchte, und ging dann die Treppe hinauf. Ohne den Priester wirkte das Kellergewölbe noch düsterer und unheimlicher. Hätte es sich nicht um einen Teil der Kirche gehandelt und wäre ich keine Dämonenjägerin gewesen, so wäre es mir jetzt bestimmt kalt den Rücken hinuntergelaufen. Stattdessen gab ich mir Mühe, mich nicht einschüchtern zu lassen, und öffnete die erste Kiste. Als ich feststellte, dass sich darin unglaublich viele braune Briefumschläge befanden, in denen zahlreiche Papiere steckten, seufzte ich auf.
Ich holte den ersten Umschlag heraus, legte ihn vor mir auf den Tisch und öffnete ihn. Ein Dutzend Kellerasseln und Tausendfüßler krabbelten heraus, und ich stieß einen Schrei aus. Wie von der Tarantel gestochen, sprang ich auf und klopfte angewidert meine Hose aus. Igitt! Mit Dämonen, schmutzigen Windeln und Essenseinladungen in letzter Sekunde konnte ich fertig werden. Aber mit Ungeziefer? Niemals!
Ich klopfte den Umschlag einige Male gegen den Schreibblock, den mir Father Ben dagelassen hatte. Als kein weiteres Tierchen herausgekrochen kam, setzte ich mich wieder, um das erste Dokument zu überfliegen. Es handelte sich um den Letzten Willen eines gewissen Cecil Curtis. Sorgfältig blätterte ich alles durch und blies immer wieder Staub beiseite, doch nirgends konnte ich eine Liste der Spenden an die Kirche entdecken.
Meine Augen juckten, und ich musste mehrmals niesen. Wow! Das machte echt Spaß.
Ich steckte den Umschlag samt Papieren in die Kiste zurück, nieste erneut und holte das nächste staubige Exemplar heraus. Diesmal hielt ich den Umschlag auf Armeslänge von mir entfernt und schüttelte ihn erst einmal aus. Kein Ungeziefer. Ich legte ihn vor mich auf den Tisch. Ein rascher Blick auf die Uhr zeigte mir, dass erst sieben Minuten vergangen waren, seit mich Father Ben allein gelassen hatte.
Mit einem resignierten Seufzer öffnete ich den Umschlag. Zahlreiche Durchschlagpapiere steckten darin, auf denen die getippten Buchstaben schlecht leserlich waren – ganz so, als ob es sich um den dritten Durchschlag eines Schriftstücks handelte, das auf einer alten Schreibmaschine geschrieben worden war. Jede der Seiten war dicht beschrieben. Ich beugte mich tief über das Dokument, um keinen Hinweis zu übersehen. Larson hätte mich sonst bestimmt geköpft. Nach zehn Seiten brannten mir die Augen, und ich hatte Kopfschmerzen. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir, eine Lesebrille zu besitzen.
Es machte keinen Spaß. Das Ganze war zwar wichtig, aber Spaß machte es überhaupt keinen.
Es gab einen Grund, warum ich Jägerin und nicht alimentatore geworden bin. Für diese Sachen habe ich einfach keine Geduld. Ich bin keine Detektivin und will auch keine sein. Momentan ärgerte ich mich mehr als angebracht über Larson, der bestimmt in seinem staubfreien Gericht saß und es sich gut gehen ließ, während ich in den Eingeweiden der Kirche über irgendwelche Papiere gebeugt war und mich vor Ungeziefer ekeln musste.
Ich hatte keine Lust, etwas zu suchen. Ich wollte etwas zusammenschlagen.
Leider ist nie ein Dämon zur Hand, wenn man gerade mal einen braucht.