Den Finger am
Drücker
von
J. F. BONE
General Alastair French war in der Zeit von acht bis sechzehn Uhr wohl der wichtigste Mann der ganzen westlichen Hemisphäre. Dennoch bestand seine ganze Beschäftigung darin, tief unter der Erde in einem fensterlosen Raum zu sitzen und ein Pult an der Wand anzustarren.
In die Wand selbst waren eine Unmenge Armaturen eingebaut. Eine Reihe von Uhren knapp unter der Decke zeigten die verschiedenen Zeiten in allen Zeitzonen der Erde an. Darunter befanden sich zwei riesige Bildschirme, die zu beiden Seiten von Lautsprecheranlagen flankiert wurden.
Auf dem Pult selbst war nichts außer drei Telefonen in verschiedenen Farben – rot, blau und weiß – und einer blitzblanken Kunststoffplatte, aus der eine Reihe weißer Tasten ragten. Sie gruppierten sich um einen Knopf, dessen rote Farbe an frisches Blut erinnerte.
Ein dicker Teppich, ein eigenartig konstruierter Stuhl mit breiten Armlehnen und ein Aschenbecher vervollständigten die Einrichtung. Warme, mit Feuchtigkeit angereicherte Luft strömte aus verborgenen Gittern in Bodenhöhe. Die Wände waren in einem ruhigen, sanften Grau gehalten, das die indirekte Beleuchtung dämpfte. Die Tür bestand aus Stahl und war mit einem Zeitschloß versehen.
Der genaue Ort, an dem sich dieser Raum und seine Versorgungszentrale befanden, war das bestgehütete Geheimnis der westlichen Welt. Der Russe hätte einen guten Teil seiner Steuergelder ausgegeben, um mehr darüber zu erfahren, ebenso wie die westliche Welt alles daransetzte, die Lage des russischen Zentrums ausfindig zu machen.
Obwohl der Ort sehr abgelegen war, stand der Mann hinter dem Pult in enger Verbindung mit jedem militärischen Brennpunkt des Westens. Das rote Telefon stellte einen direkten Kontakt zum Weißen Haus her. Die blaue Leitung führte zum Hauptquartier des Generalstabs und zum Sitz der Ausweichregierung in den Bergen von West-Virginia. Und das weiße Telefon verband ihn mit jedem militärischen Punkt der Welt, der unter Alliierten-Kontrolle stand.
General French war der einsame Mann, über den Fernseh-Conférenciers oft ihre Witze rissen, weil sie nicht wußten, daß es ihn tatsächlich gab.
French kannte seine Verantwortung, und er nahm sie ernst. Er war von Natur aus ein ernster Mann, aber nachdem er drei Jahre lang mit dieser höchsten Verantwortung gelebt hatte, stellte sie nicht mehr die erdrückende Last dar wie damals, als die Psychologen ihn als einen der stabilsten Charaktere der Erde für diese Aufgabe ausgewählt hatten.
Er war sonst nicht gerade ein glücklicher Mensch. Dafür sorgten seine Aufgabe und die immer bedrohlicher werdende Weltlage. Aber dieser Tag bildete eine strahlende Ausnahme.
Der Wintermorgen war von besonderer Schönheit gewesen, und French liebte Schönheit mit der Leidenschaft eines Künstlers. Ein flammender Sonnenaufgang hatte den ganzen östlichen Himmel vergoldet, und die kalte, prickelnde Luft belebte seine Sinne. Es war viel zu schön, um an Krieg oder Tod zu denken.
Wie jeden Tag seit drei Jahren öffnete er die Tür um Punkt acht Uhr. Er sah, wie der rundliche Mann mit den rosigen Wangen sich von seinem Stuhl erhob. Ihm kam der Gedanke, daß Kleinmeister weder wie ein General noch wie der potentielle Vernichter der halben Welt aussah. Eher wie Sankt Nikolaus ohne Bart. Aber der Schein trog. Hans Kleinmeister konnte ohne Bedauern die halbe Welt töten, wenn er es für nötig hielt. Die beiden Männer gaben sich die Hand, eine allmorgendliche Zeremonie, die die Wachablösung begleitete. Dann ließ sich French in den Stuhl vor dem Pult gleiten.
»Es ist ein herrlicher Tag draußen, Hans«, sagte er, während sich der Stuhl automatisch auf seine Körperformen einstellte. »Ich beneide dich.«
»Ich dich nicht, AI«, sagte Kleinmeister. »Ich bin froh, daß es wieder für vierundzwanzig Stunden vorbei ist. Das Warten geht auf die Nerven.«
Kleinmeister grinste, als er den Raum verließ. Die Stahltür glitt zu, und das Zeitschloß rastete ein. Während der nächsten acht Stunden war French allein.
Er seufzte. Es war zu schade, daß er an einem Tag, wie es dieser zu werden versprach, hier eingesperrt war. Aber er konnte es nicht ändern. Er rekelte sich behaglich in seinem Stuhl. Es war der bequemste Stuhl, den ein menschliches Gehirn erfunden hatte. Er mußte es sein. Der Mann, der ihn benutzte, mußte jede Bequemlichkeit haben. Es dürfte ihm an nichts fehlen. Vor allem durfte er sich nicht aufregen oder ärgern. Sein Gehirn war einzig und allein dazu da, die Lage abzuschätzen und eine Entscheidung zu treffen. Nichts durfte dieses Gehirn ablenken. Die Grundlage dazu war physisches Wohlbefinden – und der Stuhl sorgte dafür. French spürte das weiche Anschmiegen der Polster.
Als er die Instrumente überprüfte, überkam ihn wieder dieses Gefühl des Losgelöstseins. Theoretisch war er dem Präsidenten und dem Generalstab verantwortlich, aber praktisch konnte er frei entscheiden. Nur seine Hand konnte die Vergeltungsmaschinerie in Gang setzen. Ohne seine Erlaubnis konnte weder eine Langstrecken- noch eine Mittelstreckenrakete die Abschußrampe verlassen. Er war die letzte Autorität, der höchste Richter und der Henker, wenn es sein mußte – eine Bürde, die man ihm nach jahrelanger, eingehender Prüfung auferlegt hatte. In diesem Raum war er einem Gott näher als jeder andere Mensch seit der Erschaffung der Welt.
French zuckte mit den Schultern und berührte eine der weißen Tasten auf dem Schaltbrett.
»Ja, Sir?« hörte man eine fragende Stimme aus einem der Lautsprecher.
»Eine Zeitschrift und eine Tasse Kaffee«, sagte General French.
»Was für eine Zeitschrift, Sir?«
»Etwas Leichtes – vielleicht eine Illustrierte. Ich verlasse mich auf Ihre Wahl.«
»Jawohl, Sir.«
French grinste. Jetzt würde man sich in der Zentrale erzählen, daß der Alte heute gut gelaunt sei. Eine Tasse Kaffee kam aus einem Schacht in der Armlehne, und die Zeitschrift schob sich in einen Schlitz seitlich des Stuhls.
French blätterte in der Illustrierten und schlürfte seinen Kaffee. General Craig würde ihn in weniger als acht Stunden ablösen. Dann konnte er den Rest des Tages genießen. Er hoffte, daß der Sonnenuntergang ebenso schön war wie der Aufgang.
Er warf einen Blick auf die Zentraluhr. Die Zeiger standen auf acht Uhr siebzehn …
Auf Station Zwei der Verteidigungslinie standen die Uhrzeiger auf zwölf Uhr siebzehn. Es war Mittag. Dennoch herrschte draußen Dunkelheit. Nur im Süden zeigte ein schwaches Leuchten den Kampf der Wintersonne gegen die Dunkelheit. Die Luft war klar, und die Sterne leuchteten aus dem blauschwarzen Himmel der Polargegend.
Ein Radartechniker beugte sich über seinen Schirm und versteifte sich. »Fremder Flugkörper!« bellte er. »Azimut 0200. Nähert sich sehr schnell.«
Der Flugkörper kam über den Nordpol herein und drang schräg durch die zähen Schichten der oberen Atmosphäre ein. Die Gase rieben an seinen metallischen Flanken und entzündeten sie. Flammen sprangen auf und bildeten einen leuchtenden Schweif. Er kam mit rasender Geschwindigkeit näher und war über die Station hinweggejagt, bevor der Radartechniker den allgemeinen Alarm auslösen konnte.
Radarsuchgeräte richteten sich auf das Ziel ein. Elektronenrechner bestimmten seine Größe, Geschwindigkeit und Flugbahn und gaben die Daten an die Abfangraketen weiter, die in diesem Sektor stationiert waren.
»Einstellung fertig«, rief einer der Schützen gelangweilt.
»Zweifacher Abschuß.« Er lächelte. Der Russe versuchte es wieder einmal. Dieses Hin und Her von Lenkwaffen war schon etwas Alltägliches geworden. Man testete das feindliche Abwehrnetz. Wenn es eine Rakete schaffte, folgten vielleicht weitere. Vielleicht auch nicht. Es war eine der vielen Taktiken des kalten Krieges.
Meilen entfernt jagten zwei Geschosse mit flammenden Antrieben von ihren Rampen. Der Schütze wartete einen Augenblick. Dann begann er zu fluchen.
»Daneben, verdammt! Sieht so aus, als hätte der Russe was Neues.« Er betätigte einen Schalter. »Reserve, Achtung! Flugkörper kommt vorbei. Kurs 0200.«
»Wir haben ihn im Schirm«, hörte man eine Stimme im Lautsprecher. »Alle Sektorstationen Feuer!«
»Mein Gott, was ist denn in dem Ding? Regierung verständigen! Weitergeben!«
»An alle Stationen der Äußeren Küstenverteidigung! Flugkörper in Sicht.«
»Alarm! An alle Stationen!« bellte ein Sprecher in ein Mikrophon. »Diesmal hat der Russe eine scharfe Sache! Allgemeine Evakuierung Boston-Richmond. Plan Eins. Weitergeben!«
»Äußerer Perimeter, Verteidigungssystem B!«
»Zentrale! Dringend, äußerst dringend! General, ein Flugkörper kommt herein, östlicher Küstensektor. Die vorgeschobenen Linien konnten ihn nicht treffen. Das war noch nie da. Er ist für unsere Abfangraketen zu schnell. Vermutliches Zielgebiet Boston-Richmond. Erwarten Befehle …«
»Sektorperimeter. Wir sehen ihn.«
»Verteidigungssystem C, zwanzig!«
Überall in Flugbahn des Körpers jagten Männer die Abfanggeschosse in den Himmel. Man sah sie vor dem Ding auftauchen, das jetzt grell im kühlen Licht des Nordens dahinraste. Geschosse trafen, detonierten. Aber die Flammen wurden von den Flammen des Flugkörpers verschluckt, und er kam mit rasender Geschwindigkeit näher.
»Mein Gott! Er kommt näher!« schrie eine angstvolle Stimme. »Ich sagte doch immer, daß wir auch für den Nahkampf atomare Sprengköpfe brauchen!«
Es wurden noch mehr Geschosse hinaufgeschickt, aber der Flugkörper war jetzt so niedrig, daß die elektronischen Daten zu langsam kamen. Das Ding jagte mit einem feurigen Schweif über das Land und versengte alles, was ihm in den Weg kam. Hunderte von winzigen Feuern brachen aus. Die meisten konnten schnell gelöscht werden, aber einige brannten um so heftiger. Eine Gasraffinerie in Utica explodierte. Kleinere Schäden entstanden in Scranton und Wilkes Barre. Die Berichte waren vermischt mit militärischen Befehlen, dem Aufzischen von Geschossen und dem Sperrfeuer der Bodenabwehr. Alles vergeblich. Das Ziel bewegte sich so schnell, daß man es kaum sah, und bis die Geschosse den Abfangpunkt erreicht hatten, war es längst weitergerast. Es entzog sich den schnellsten Abwehrwaffen mit geradezu verächtlicher Leichtigkeit.
General French hatte sich aufgerichtet. Die friedliche Miene war wie weggewischt. Während seine Blicke zwischen Pult und Fernsehschirmen hin und her gingen, wurde sein Gesichtsausdruck hart. Eine Station nach der anderen sandte ihre Berichte und Bilder in die Zentrale. Ihre Beobachtungen kamen in erschreckend kurzen Abständen.
French starrte auf den flammenden Punkt, der über die Schirme raste. Es konnte keine Waffe sein, wenn nicht – und er zuckte bei dem Gedanken zusammen – die Russen viel weiter waren, als jedermann angenommen hatte. Wissen konnte man es nicht. Schließlich hatten sie vor Jahren die Welt mit dem ersten Sputnik überrascht, und der Westen mußte alle Kräfte einsetzen, um mit ihnen gleichzuziehen.
»Zielgebiet berechnet«, ertönte eine Stimme aus dem Lautsprecher. Sie war unnatürlich ruhig. »Es ist Washington.«
Der Lautsprecher am linken Bildschirm begann zu knacken.
»Hier ist Conelrad«, hörte man eine Stimme. »Das ist keine Übung – wiederhole – das ist keine Übung!« Die Stimme wurde leiser. Eine andere Station meldete sich. »Transpolares Geschoß nach Süden unterwegs. Flugbahn entlang der Ostküste. Ziel Washington. Plan Eins. Evakuierungszeit dreißig Sekunden …«
Dreißig Sekunden! French zuckte zusammen. Washington war zum Untergang verurteilt. In dreißig Sekunden konnte man nicht fliehen. Seine Hand bewegte sich auf den roten Knopf zu. Das war es also.
Der Flugkörper flammte jetzt heller auf. Er wirkte wie eine Miniatursonne. Und er jagte mit Kreischen und Dröhnen durch die Atmosphäre.
»Er ist am Ende«, sagte French leise. »Er wird verglühen.«
»Staatsgebiet New York. Zwölf Uhr. Geschoß über uns. Mein Gott! Seht euch das an!«
Der ganze Schirm schien aufzuglühen.
Das blaue Telefon läutete.
»Zentrum«, sagte French.
Er wartete. Dann legte er den Hörer wieder auf. Die Leitung war verstummt.
»Blitzmeldung!« sagte Conelrad. »Das feindliche Geschoß hat im Süden New Yorks eingeschlagen. Vor fünfzehn Sekunden konnten Beobachter der zivilen Verteidigung ein gewaltiges Aufblitzen sehen. Bis jetzt keine Detonation. Weitere Nachricht – Schallmessungen ergeben, daß die Hauptstadt der Nation getroffen wurde. Unser Regierungssitz ist zerstört!« Eine kurze Pause. Dann hörte man eine leise Stimme. »Mein Gott – all die armen Teufel!«
Das rote Telefon klingelte. French nahm den Hörer ab.
»Zentrum«, sagte er.
Jemand brüllte in den Hörer.
»Wer sind Sie?« fragte French ruhig. Er wartete. Dann lief sein Gesicht rot an. »Hauptmann, für wen halten Sie sich eigentlich? Ich nehme vom Boß meine Befehle entgegen – von niemandem sonst. Und jetzt verschwinden Sie aus der Leitung. Ach so, ich verstehe. Dann habe ich also die Verantwortung? Gut, ich übernehme sie – und nun lassen Sie mich in Frieden.«
Er legte den Hörer vorsichtig auf. Kleine Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Das war eine Situation, wie er sie nie erträumt hatte. Der Präsident war tot. Die Leute des Generalstabs waren tot. Er war auf sich selbst angewiesen, bis eine Übergangsregierung gebildet war.
Sollte er warten und die Russen zuerst handeln lassen? Oder sollte er zuschlagen? Seltsamerweise kam ihm der Gedanke, was jetzt sein Gegenüber auf der russischen Seite machte. War er stolz auf seinen Schlag – oder hatte er Angst? French lächelte bitter. Wenn er in der Haut des Russen steckte, säße ihm die Angst in den Knochen! Er zitterte. Zum erstenmal seit Jahren fühlte er das ganze Gewicht seiner Verantwortung.
Das rote Telefon klingelte wieder.
»Zentrum – hier French. Wer ist am Apparat? Ja natürlich, Herr Präsident. Ja, Sir, es ist schrecklich. Was ich getan habe? Nichts, Sir. Eine einzige Rakete wie diese – ich weiß nicht. Ich warte noch, was nachkommt … Ja, Sir, ich weiß – aber möchten Sie die Verantwortung haben, wenn die ganze Welt vernichtet wird? Was ist, wenn die Russen unschuldig waren? Haben Sie daran schon gedacht? … Ja, Sir, meiner Meinung nach sollten wir noch warten … Nein, Sir, ich glaube nicht. Wenn es der Russe war, wird er weitermachen, und dann handle ich sofort. Nein, Sir, das nehme ich nicht auf mich … Ja, ich weiß, daß Washington zerstört ist, aber wir haben keinen Beweis von der Schuld der Russen. Unsere Langstreckenaufklärer haben nichts von einer russischen Aktivität gesehen. Tut mir leid, Sir, ich kann Ihnen nicht beipflichten – und Sie können mich erst um sechzehn Uhr ablösen. Ja, Sir, ich weiß genau, was ich tue. Gut, Sir, wenn Sie wollen, danke ich um sechzehn Uhr ab. Bis später.«
French ließ den Hörer auf die Gabel fallen und wischte sich über die Stirn. Er hatte soeben seine Karriere aus dem Fenster geworfen, aber auch das konnte man nicht ändern. Der Präsident war jetzt hysterisch. Vielleicht beruhigte er sich später.
»Blitzmeldung«, kam eine Stimme aus dem Lautsprecher. »Radio Moskau bestreitet, daß die Waffe, die Washington zerstörte, russischer Herkunft sei. Man behauptet, es sei ein Trick der Imperialisten, um Rußland für den dritten Weltkrieg verantwortlich zu machen. Der Staatschef beschuldigt die Vereinigten Staaten – hallo! Einen Augenblick – beschuldigt die Vereinigten Staaten der Kriegstreiberei, doch um den guten Willen der Sowjetunion zu beweisen, erklärt er sich bereit, eine Inspektionsgruppe der UNO ins Land zu lassen. Darüber hinaus schlägt er vor, daß der Schaden in Washington untersucht werden soll, um festzustellen, ob die Zerstörung wirklich durch ein Geschoß entstand. Verdammt, was soll es denn sonst gewesen sein?«
French lächelte dünn. Solche Worte hörte man bei Kommentatoren nicht oft. Die Leute mußten ziemlich aufgebracht sein. In jedem Bericht, der das Zentrum erreichte, spiegelte sich die Hysterie wider. Er hatte sich bis jetzt nicht davon anstecken lassen. Sein Finger hatte den roten Knopf noch nicht berührt.
Er nahm das weiße Telefon in die Hand.
»Geben Sie mir das Hauptquartier der ersten Verteidigungslinie«, sagte er.
»Hallo, hier ist French, Zentrum. Weitere Flugkörper? – Nein? – Das ist gut … Nein, wir warten noch … Weshalb? … Überlegt euch das selbst, ihr Narren!«
Er knallte den Hörer auf die Gabel. Verdammte Bande! Sie wollten Krieg. Wer sollte ihn ihrer Meinung nach gewinnen?
Gewiß, es war nicht schwer, die Sache ins Rollen zu bringen. Ein einfacher Druck auf den Knopf. Er sah den roten Punkt fasziniert an. Drei Milliarden Menschen konnten durch ihn ausgelöscht werden.
»Sir?« fragte eine Stimme im Lautsprecher. »Wie steht es – fangen wir an?«
»Noch nicht, Jimmy.«
»Gott sei Dank!« Die Stimme klang erleichtert. »Lassen Sie sich nicht kleinkriegen, Sir. Wir wissen, daß man Sie unter Druck setzt. Aber sie werden aufhören, nach Blut zu schreien, wenn sie erst mal zum Denken kommen.«
»Hoffentlich, Jimmy.«
French lachte trocken. Das Personal des Zentrums wußte, was ein Atomkrieg bedeutete. Die meisten hatten ihre Erfahrungen. Und sie wollten nicht schuld sein, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Er auch nicht.
Die Stunden zogen sich dahin. Die Telefone klingelten, und Conelrad berichtete weiter. Zumeist waren es Ratschläge und Anweisungen für die Evakuierung der Städte. Das Land erlebte die schlimmsten Verkehrsstockungen seiner Geschichte. Einiges sickerte natürlich trotz Zensur durch. Gefahren entstanden immer, wenn das Gleichgewicht der Kräfte nicht beachtet wurde. Und offensichtlich war das Land zu sehr industrialisiert.
Jetzt war French sicher, daß Rußland unschuldig war. Wenn nicht, hätte die Hauptmacht schon längst zugeschlagen. Er fragte sich, wie sein Partner in Rußland die Sache aufnahm. Saß der Mann über seinem Kontrollpult, und wartete er auf den Schwärm der gegnerischen Raketen? Oder sah er ebenfalls den roten Knopf an und überlegte, ob er ihn betätigen sollte, bevor es zu spät war?
»Blitzmeldung!« sagte der Rundfunksprecher. »Radio Moskau erklärt, daß jeder von der Generalversammlung ermächtigte Untersuchungsausschuß sofortige Einreisegenehmigung erhält. Das Präsidium ist zusammengetreten und erklärt, daß Rußland unter keinen Umständen angreifen wird. Man betont nochmals, daß das Geschoß nicht russischer Herkunft ist und erwägt, ob es von einer der Nationen stammen könnte, die einen Krieg zwischen den Großen gern sehen würden … So ein Unsinn!«
»Das kommt fast einer Kapitulation gleich«, sagte French leise. »Die haben vor Angst weiche Kniekehlen. Aber das ist verständlich.« Er sah auf die Uhr. Vierzehn Uhr zehn. Nicht einmal zwei Stunden, bis sich das Zeitschloß öffnet und der phantasielose Jim Craig ihn ablöste. Wenn der Präsident Craig anrief, hatte er wahrscheinlich mehr Erfolg. French nahm das weiße Telefon in die Hand.
»Ich brauche den Kommandierenden General der Zweiten Armee«, sagte er. Er wartete einen Augenblick. »Hallo, George, hier spricht AI vom Zentrum. Schlecht, was? Nein, wir warten – hör auf, George. Deshalb habe ich nicht angerufen. Ich brauche keine moralische Unterstützung, sondern eine Information. Haben deine Strahlungsexperten das Washington-Gebiet schon abgesucht? Noch nicht! Weshalb nicht? Bring sie mal in Schwung. Der Russe behauptet steif und fest, daß er nichts mit der Sache zu tun hat, und diesmal scheint er sogar die Wahrheit zu sagen. Aber wenn er es nicht beweisen kann, fliegt die gute Erde in die Luft. Ich brauche Angaben über die Stahlungsdosis in dem Gebiet – und zwar schnell! Wenn du keinen Befehl geben willst, rufe Freiwillige auf … Du meinst, es könnte tödlich sein? Und? Biete ihnen eine Medaille an. Es gibt immer ein paar, die für eine Medaille bis in die Hölle gehen. Und jetzt mach Dampf dahinter. Ja, das ist ein Befehl.«
Der Radiosprecher meldete sich wieder. »Erste Berichte über das Ausmaß des Schadens in Washington«, sagte er. »Ein abgeschirmter Aufklärer der Air Force hat das zerstörte Gebiet überflogen und Aufnahmen gemacht. Das Kapitol ist ein Trümmerhaufen. Der Einschlagsort war etwa in der Pennsylvania Avenue. Man sieht einen Krater von einer halben Meile Durchmesser. Im Umkreis von zwei Meilen ist nichts mehr übriggeblieben. Achtundneunzig Prozent der Stadt sind zerstört. In Alexandria und den Außenbezirken wüten riesige Feuer. Die Brücken des Potomac sind eingestürzt. Die Vernichtung ist unfaßbar. Das Wahrzeichen unserer …«
French griff nach dem weißen Telefon. »Bringen Sie heraus, wer den Aufklärer in die Luft geschickt hat«, bellte er. »Ich weiß nicht, wer es war – aber ich brauche ihn sofort!« Er wartete drei Minuten. »Sie waren es also, Willoughby! Ich dachte es mir fast. Hier spricht French vom Zentrum. Was hat der Aufklärer festgestellt? … Was? … Das ist ja wunderbar. Mensch, Sie reklamesüchtiger Idiot! Was denken Sie sich dabei, so wichtige Informationen zurückzuhalten? Wissen Sie, daß ich hier sitze und den Finger am Drücker habe, während Sie mit den Reportern schäkern? … Ach, Blödsinn, dafür gibt es keine Entschuldigung. Sie sollten sich auszahlen lassen – und wenn ich morgen noch irgendwelchen Einfluß besitze, werde ich dafür sorgen. Für den Augenblick sind Sie Ihrer Pflichten enthoben … Wieso kann ich das nicht? … Lesen Sie Ihre Satzungen noch einmal durch, und dann verschwinden Sie aus Ihrem Büro und begeben sich selbst in Militärhaft. Obergeben Sie das Kommando an den ranghöchsten Offizier. So eine Niete – aach!«
French knallte den Hörer auf die Gabel.
Es begann sofort wieder zu klingeln.
»Hier French – ja, George … Du hast tatsächlich? Nichts gefunden? Das dachte ich mir. Wir haben den falschen Baum angebellt. Es war ein Streich Gottes. … Ja, ich sagte Gott. Erinnerst du dich an den Krater in Arizona? Ja, es ist der gleiche Fall. Ein Meteor. Ja, die Russen halten sich immer noch still. Wie die Mäuschen. Von den vordersten Linien wird nichts berichtet.«
Das blaue Telefon klingelte. French sah es an. »Also gut, George, es soll vergessen sein. Ich kann mir deine Gefühle vorstellen.«
Er legte auf und hob den Hörer des blauen Apparats ab.
»Ja, Herr Präsident«, sagte er. »Ja, Sir. Sie haben es vermutlich schon gehört … Sie haben die Bestätigung vom Lick-Observatorium? … Ja, Sir, ich bleibe hier, wenn Sie wollen. Nein, Sir, ich würde im Notfall wirklich handeln. Nur sah mir die Sache von Anfang an verdächtig aus … Ein Glück, daß Sie etwas von Astronomie verstehen, Sir. Natürlich bleibe ich, bis die Krise vorüber ist, aber Sie müssen General Craig Bescheid sagen … Wer Craig ist? Meine Ablösung, Sir.« French sah auf die Uhr. »Er kommt in zwanzig Minuten … Vielen Dank, Sir. Ich hätte nie geglaubt, daß man für eine Befehlsverweigerung befördert wird.«
French seufzte und legte auf.
Allmählich siegte die Vernunft über den Schock. Die Menschen begannen wieder zu denken. Er seufzte. Es sollte eine Lehre sein. Wenn er in Zukunft etwas über den Aufbau des Zentrums zu sagen hatte, dann mußte ein Astronom in den Stab aufgenommen werden. Auch an den Außenposten konnten ein paar Astronomen nichts schaden.
Es stand jetzt praktisch fest, daß das Kapitol von einem Meteor getroffen worden war. Man konnte keine Radioaktivität feststellen.
Es war höhere Gewalt und keine Kriegshandlung. Die Zerstörung war schrecklich, aber sie hätte noch schlimmer sein können, wenn er oder sein Partner in Rußland die Nerven verloren und auf den Knopf gedrückt hätten. Er überlegte, daß es nett sein müßte, den Mann von der anderen Seite kennenzulernen.
Der Sprecher unterbrach ihn in seinen Gedanken.
»Die UN hat die Vorschläge der Sowjetunion akzeptiert. Ein Untersuchungsausschuß ist nach Rußland unterwegs. Ihm sollen so bald wie möglich andere folgen. Inzwischen hat die UN von den Vereinigten Staaten eine Waffenstillstandsversicherung gefordert. Sie beschwört, daß ein Atomkrieg der Anfang vom Ende wäre.« In der Stimme des Sprechers war ein grimmiger Humor. »Bis jetzt hat sich Washington noch nicht zu diesen Vorschlägen geäußert.«
French lachte vor sich hin. Es war vielleicht nicht sonderlich geschmackvoll, und man konnte es Galgenhumor nennen – aber es war ein gutes Zeichen.