Kampf gegen die Unsterblichkeit
von
CLIFFORD D. SIMAK

 

Man starb nicht.

Es gab kei­nen nor­ma­len Tod.

Man leb­te mög­lichst wag­hal­sig und leicht­sin­nig und hoff­te, daß man ei­nes Ta­ges durch­wei­nen Un­fall ums Le­ben kam.

Man leb­te wei­ter, und das Le­ben hing ei­nem zum Hal­se her­aus.

»Mein Gott, wie satt man das Le­ben be­kom­men kann«, sag­te An­drew Young.

John Riggs, der Vor­sit­zen­de der Un­s­terb­lich­keits­kom­mis­si­on, räus­per­te sich.

»Sie sind sich doch im kla­ren dar­über, daß die Bitt­schrift, die Sie uns da vor­le­gen, sehr un­ge­wöhn­lich ist«, sag­te er zu An­drew Young.

Er nahm den Pa­pier­stoß von sei­nem Schreib­tisch und blät­ter­te ihn flüch­tig durch.

»Es gibt kei­nen Prä­ze­denz­fall«, setz­te er hin­zu.

»Ich hoff­te, einen Prä­ze­denz­fall zu schaf­fen«, er­wi­der­te An­drew Young.

Kom­mis­si­ons­mit­glied St­an­ford er­griff das Wort.

»Ich muß sa­gen, Ahn­herr Young, daß uns Ihr Fall be­ein­druckt hat. Aber Sie dür­fen nicht ver­ges­sen, daß die Kom­mis­si­on kein Recht über ein Men­schen­le­ben hat. Sie sorgt le­dig­lich da­für, daß je­der­mann die Vor­tei­le der Un­s­terb­lich­keit voll aus­nut­zen kann, und sie sorgt da­für, daß auf­tre­ten­de Schwie­rig­kei­ten be­sei­tigt wer­den.«

»Ich weiß das sehr gut«, ant­wor­te­te Young. »Und mir scheint, daß mein Fall ei­ne der Schwie­rig­kei­ten dar­stellt.«

Er stand schwei­gend da und be­ob­ach­te­te die Ge­sich­ter der Vor­stands­mit­glie­der. Sie ha­ben Angst, dach­te er. Je­der ein­zel­ne hat Angst. Angst vor dem Tag, an dem sie das glei­che durch­ma­chen wie ich. Sie ha­ben nach ei­ner Ant­wort ge­sucht, und sie fin­den kei­ne au­ßer der einen arm­se­li­gen, der einen bru­ta­len Ant­wort, die ich ih­nen ge­ge­ben ha­be.

»Ich ver­lan­ge et­was Ein­fa­ches«, er­klär­te er ih­nen ru­hig. »Ich ha­be dar­um ge­be­ten, mein Le­ben be­en­den zu dür­fen. Und da Selbst­mord psy­cho­lo­gisch un­mög­lich ge­macht wor­den ist, ha­be ich die Kom­mis­si­on dar­um er­sucht, ein paar Freun­de zu er­nen­nen, die das Nö­ti­ge für mei­nen Tod ver­an­las­sen.«

»Wenn wir es tä­ten«, sag­te Riggs, »wür­den wir al­les zer­stö­ren, was wir be­sit­zen. Ein Le­ben von nur fünf­tau­send Jah­ren hat kei­nen Sinn. Eben­so­we­nig wie ein Le­ben von nur hun­dert Jah­ren.«

»Und trotz­dem«, sag­te Young. »Al­le mei­ne Freun­de sind tot.«

 

Er deu­te­te auf die Blät­ter, die Riggs in den Hän­den hielt.

»Ich ha­be sie hier auf­ge­schrie­ben«, sag­te er. »Ih­re Na­men und wann und wo und wie sie star­ben. Se­hen Sie sich die Lis­te an. Mehr als zwei­hun­dert Na­men. Leu­te mei­ner und nicht der dar­auf­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen. Ih­re Na­men und die Fo­to­ko­pi­en ih­rer To­ten­schei­ne.«

Er leg­te die Hän­de auf den Tisch und stütz­te sich mit den Hand­flä­chen ab.

»Se­hen Sie sich an, wie sie star­ben«, sag­te er. »Je­der durch einen Un­fall. Ei­ni­ge fuh­ren ih­re Wa­gen zu schnell und ver­mut­lich zu leicht­sin­nig. Ei­ner fiel von ei­ner Klip­pe, als er sich nach ei­ner Blu­me bück­te, die ganz am Rand wuchs. Sehr schlech­tes Ein­schät­zungs­ver­mö­gen, wür­de ich sa­gen. Ei­ner war stock­be­trun­ken, nahm ein Bad und schlief in der Wan­ne ein. Er er­trank …«

»Ahn­herr Young«, sag­te Riggs scharf. »Sie wol­len doch nicht an­deu­ten, daß die­se Leu­te Selbst­mord be­gin­gen?«

»Nein«, sag­te An­drew Young bit­ter. »Wir ha­ben den Selbst­mord vor drei­tau­send Jah­ren ab­ge­schafft. Wir ha­ben ihn aus un­se­rem Ge­hirn ge­löscht. Wie könn­ten sie Selbst­mord be­gan­gen ha­ben?«

Stan­dorf sah den al­ten Mann an. »Sir«, sag­te er. »Ich glau­be, Sie wa­ren im Auf­sichts­rat, als die­se Maß­nah­me be­schlos­sen wur­de.«

An­drew Young nick­te.

»Es war nach der ers­ten Wel­le von Selbst­mor­den. Ich kann mich gut dar­an er­in­nern. Es war ei­ne jah­re­lan­ge Ar­beit. Wir muß­ten die mensch­li­che Per­spek­ti­ve än­dern, ge­wis­se Aspek­te der mensch­li­chen Na­tur ver­schie­ben. Wir muß­ten das Den­ken durch Er­zie­hung und Pro­pa­gan­da um­for­men und ei­ne neue Ska­la mo­ra­li­scher Wer­te aus­ge­ben. Ich glau­be, wir ha­ben gu­te Ar­beit ge­leis­tet. Viel­leicht zu gu­te Ar­beit.«

Er beug­te sich über den Tisch und klopf­te mit sei­nem har­ten, dün­nen Fin­ger auf die Pa­pie­re.

»Sie ha­ben kei­nen Selbst­mord be­gan­gen«, sag­te er. »Ihr Le­ben war ih­nen nur ver­dammt egal. Sie hat­ten es satt – wie ich. So leb­ten sie leicht­sin­nig. Viel­leicht heg­ten sie ins­ge­heim im­mer die Hoff­nung, daß sie er­trin­ken wür­den, wenn sie nicht mehr nüch­tern wa­ren, daß ihr Wa­gen an ei­nem Baum lan­den wür­de oder …«

 

Er rich­te­te sich auf und sah sie an.

»Mei­ne Her­ren«, sag­te er. »Ich bin 5786 Jah­re alt. Ich wur­de am 21. Sep­tem­ber 1968 in Lan­cas­ter, Mai­ne, auf dem Pla­ne­ten Er­de ge­bo­ren. Ich ha­be sie­ben­und­fünf­zig Jahr­hun­der­te lang der Mensch­heit ge­dient. Sie kön­nen sich mei­nen Le­bens­lauf an­se­hen. Auf­sichts­rä­te, Kom­mis­sio­nen, Prä­si­den­ten­stel­len, di­plo­ma­ti­sche Funk­tio­nen. Kei­ner kann sa­gen, daß ich mei­ne Pflich­ten ver­nach­läs­sigt hät­te. Ich be­haup­te, daß ich je­de Schuld be­zahlt ha­be, die ich der Mensch­heit ge­gen­über ha­ben könn­te … selbst die gut­ge­mein­te Sa­che mit der Un­s­terb­lich­keit.«

»Es wä­re gut, wenn Sie es noch ein­mal über­den­ken wür­den«, sag­te Riggs.

»Ich bin ein ein­sa­mer Mann«, er­wi­der­te Young. »Ein mü­der, ein­sa­mer Mann. Ich ha­be kei­ne Freun­de. Es gibt nichts mehr, was mein In­ter­es­se fes­seln könn­te. Ich hof­fe, daß ich Sie da­zu be­keh­ren kann, in Fäl­len wie dem mei­nen die Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Ei­nes Ta­ges fin­den Sie viel­leicht ei­ne Lö­sung die­ses Pro­blems, aber bis da­hin bit­te ich Sie im Na­men der Barm­her­zig­keit, uns die Last un­se­res Le­bens ab­zu­neh­men.«

»Un­se­rer Mei­nung nach liegt das Pro­blem dar­in, die geis­ti­ge Per­spek­ti­ve aus­zu­lö­schen«, sag­te Riggs. »Wenn je­mand wie Sie, Sir, mehr als fünf Jahr­tau­sen­de ge­lebt hat, ist sein Ge­dächt­nis über­la­den. Die Er­in­ne­run­gen sum­mie­ren sich und kämp­fen ge­gen die Ge­gen­wart und Zu­kunft an.«

»Ich weiß«, sag­te Young. »Ich er­in­ne­re mich, daß wir in den frü­hen Ta­gen die­ses Pro­blem auch an­schnit­ten. Es wur­de er­wähnt, als wir die Un­s­terb­lich­keit in die Pra­xis um­setz­ten. Aber wir dach­ten, daß die Er­in­ne­run­gen von selbst ver­lö­schen wür­den, daß das Ge­hirn nur ei­ne be­stimm­te An­zahl von Er­in­ne­run­gen be­hal­ten und den Rest ab­sto­ßen wür­de. Das hat sich als falsch er­wie­sen.«

»Er­in­ne­run­gen wer­den im In­nern ver­gra­ben«, sag­te Riggs. »In den al­ten Ta­gen, als die Men­schen im Höchst­fall hun­dert Jah­re alt wur­den, glaub­te man, daß sie für im­mer ver­ges­sen wa­ren. So mach­te sich der Mensch kei­ne all­zu­großen Sor­gen über die Er­in­ne­run­gen, als er die Un­s­terb­lich­keit er­lang­te. Er dach­te, er wür­de sie ver­ges­sen.«

»Er hät­te es wis­sen müs­sen«, wi­der­sprach Young. »Ich kann mich an mei­nen Va­ter er­in­nern, und ich er­in­ne­re mich deut­li­cher an ihn als an Sie, mei­ne Her­ren, so­bald ich die­sen Raum ver­las­sen ha­be … Ich weiß, daß mein Va­ter als al­ter Mann sag­te, er kön­ne sich an Din­ge er­in­nern, die in sei­ner Kind­heit ge­sche­hen wa­ren und die er in jün­ge­ren Jah­ren ver­ges­sen hat­te. Schon das hät­te uns einen Hin­weis ge­ben sol­len. Das Ge­hirn ver­gräbt die neue­ren Er­in­ne­run­gen sehr tief – sie sind für uns nicht er­reich­bar. Sie be­un­ru­hi­gen uns nicht, weil sie un­ge­ord­net und oh­ne Zu­sam­men­hang ge­sam­melt wur­den. Doch so­bald sie ein­mal or­dent­lich ein­ge­reiht und ver­ar­bei­tet sind, kom­men sie al­le zu­gleich her­vor.«

 

Riggs nick­te zu­stim­mend.

»Das Ge­hirn braucht sehr lan­ge, bis es die Da­ten ver­ar­bei­tet. Mit der Zeit wer­den wir das ab­schaf­fen.«

»Wir ha­ben es ver­sucht«, sag­te St­an­ford. »Wir ha­ben es mit den glei­chen Me­tho­den wie bei der Selbst­mord­ver­hü­tung ver­sucht. Aber hier ver­sag­ten sie. Denn das Men­schen­le­ben baut auf den Er­in­ne­run­gen auf. Es gibt be­stimm­te grund­sätz­li­che Er­in­ne­run­gen, die nicht zer­stört wer­den dür­fen. Mit un­se­ren Me­tho­den könn­ten wir kei­ne Wahl zwi­schen wert­lo­sen und le­bens­wich­ti­gen Er­in­ne­run­gen tref­fen.«

»Wir hat­ten ei­ne Ma­schi­ne, die es schaff­te«, warf Riggs ein. »Sie ver­nich­te­te die Er­in­ne­run­gen. Ich weiß nicht ge­nau, wie sie ar­bei­te­te, aber sie lös­te ih­re Auf­ga­be gut. Zu gut. Sie leer­te das Ge­hirn gründ­lich. Sie ließ nichts zu­rück. Al­le Er­in­ne­run­gen wur­den aus­ge­löscht – aber mit ih­nen auch die Fä­hig­keit, neue zu sam­meln. Wenn ein Mensch die Ma­schi­ne ver­ließ, war er nichts als ein wach­sen­der Or­ga­nis­mus – ei­ne Pflan­ze.«

»Zeit­wei­li­ge Be­wußt­seins­aus­schal­tung wä­re das Rich­ti­ge«, sag­te St­an­ford. »Wenn es das gä­be, dann könn­ten wir die Leu­te auf Eis le­gen, bis wir die rich­ti­ge Ant­wort hät­ten, und sie dann wie­der zum Le­ben er­we­cken.«

»Wie es auch sein mag«, er­klär­te Young, »ich bit­te Sie, mein An­lie­gen ernst­haft zu be­trach­ten. Ich glau­be nicht, daß ich war­ten kann, bis Sie die end­gül­ti­ge Lö­sung ge­fun­den ha­ben.«

»Sie ver­lan­gen von uns, daß wir den Tod le­ga­li­sie­ren«, sag­te Riggs hart.

Young nick­te.

»Mei­net­we­gen, wenn Sie es so aus­drücken wol­len. Ich ap­pel­lie­re da­bei an Ihr An­stands­ge­fühl.«

»Wir kön­nen es uns kaum leis­ten, Sie zu ver­lie­ren, Ahn­herr«, wand­te Auf­sichts­rats­mit­glied St­an­ford ein.

Young seufz­te.

»Schon wie­der die­se ver­damm­te Auf­fas­sung. Die Un­s­terb­lich­keit be­zahlt al­le Schul­den. Weil der Mensch un­s­terb­lich ge­macht wur­de, hat er einen Aus­gleich für al­les, was er er­lei­den könn­te. Ich ha­be län­ger ge­lebt, als man es von ei­nem Men­schen er­war­te­te, und den­noch ver­sagt man mir die Wür­den des Al­ters. Der Mensch hat we­nig Wün­sche, und sie sind schnell be­frie­digt, aber man will, daß er wei­ter­lebt, wenn die­se Wün­sche aus­ge­brannt und zu Asche zer­fal­len sind. Er kommt zu ei­nem Punkt, an dem nichts mehr Wert be­sitzt – so­gar zu ei­nem Punkt, an dem die per­sön­li­chen Wer­te nur noch Schat­ten sind. Mei­ne Her­ren, es gab ei­ne Zeit, zu der ich nicht mor­den konn­te – zu der mich nie­mand hät­te zwin­gen kön­nen, einen Men­schen um­zu­brin­gen. Aber heu­te könn­te ich es, oh­ne noch ein­mal zu über­le­gen. Ich ha­be die Il­lu­sio­nen ver­lo­ren und bin zy­nisch ge­wor­den – ich ha­be kein Ge­wis­sen mehr.«

 

»Es gibt doch noch an­de­re Din­ge«, sag­te Riggs. »Ih­re Fa­mi­lie …«

»Sie geht mir auf die Ner­ven«, sag­te Young an­ge­wi­dert. »Tau­sen­de und Aber­tau­sen­de jun­ger Sprit­zer, die mich Grand­si­re und Ahn­herr nen­nen und mich um Rat bit­ten, den sie dann doch nicht be­fol­gen. Ich ken­ne nur einen Bruch­teil von ih­nen, und ich lang­wei­le mich ent­setz­lich, wenn sie mir er­klä­ren möch­ten, um wie vie­le Ecken sie mit mir ver­wandt sind. Für sie ist es neu, aber für mich so alt, so ver­dammt alt …«

»Ahn­herr Young«, sag­te St­an­ford. »Sie ha­ben ge­se­hen, wie der Mensch sich von der Er­de auf fer­ne Son­nen­sys­te­me aus­brei­te­te. Sie ha­ben ge­se­hen, wie un­se­re Ras­se von ei­nem Pla­ne­ten aus Tau­sen­de neu­er Pla­ne­ten be­herrsch­te. Gibt Ih­nen das nicht ei­ne ge­wis­se Be­frie­di­gung …«

»Sie spre­chen von ab­strak­ten Din­gen«, un­ter­brach ihn Young. »Ich den­ke an mich per­sön­lich – an ei­ne ganz spe­zi­fi­sche Pro­to­plas­ma-Mas­se in Form ei­nes Zwei­füß­lers, der die et­was iro­ni­sche Be­zeich­nung ›An­drew Young‹ trägt. Ich dach­te mein Le­ben lang kaum an mich. Ich ver­lang­te we­nig für mich. Aber jetzt bin ich ganz und gar egois­tisch ge­wor­den, und ich for­de­re von Ih­nen, daß Sie die­se An­ge­le­gen­heit als per­sön­li­ches Pro­blem und nicht als ab­strak­te Fra­ge in be­zug auf die Mensch­heit be­trach­ten.«

»Ob Sie es nun zu­ge­ben oder nicht«, sag­te St­an­ford, »es ist mehr als ein per­sön­li­ches Pro­blem. Es ist ein Pro­blem, das ei­nes Ta­ges zum Wohl un­se­rer gan­zen Ras­se ge­löst wer­den muß.«

»War­ten Sie noch et­was«, schlug Vor­sit­zen­der Riggs vor. »Wer weiß? Viel­leicht ge­lingt es mor­gen. Oder über­mor­gen.«

»Oder in ei­ner Mil­li­on von Jah­ren«, sag­te Young bit­ter und ging – ein großer Mann mit har­ten Au­gen, des­sen lang­sa­mer und mü­der Schritt jetzt durch den Är­ger schnel­ler wur­de.

 

Es gab na­tür­lich noch ei­ne Mög­lich­keit.

Aber sie bot we­nig Hoff­nung.

Wie kann ein Mensch fast sechs­tau­send Jah­re zu­rück­ge­hen und et­was zu ver­ste­hen su­chen, was er schon da­mals nicht ver­stand?

Und doch konn­te sich An­drew Young dar­an er­in­nern. Er er­in­ner­te sich so deut­lich dar­an, als sei es erst heu­te mor­gen ge­sche­hen.

Er war ein Kind ge­we­sen, und er hat­te den Vo­gel ge­se­hen, und er konn­te nicht aus­drücken, was er fühl­te, aber er hob den win­zi­gen Fin­ger und deu­te­te nach oben und ver­such­te das Pfei­fen nach­zu­ma­chen.

Da­mals, dach­te er, hat­te ich es in der Hand, aber ich hat­te nicht die Er­fah­rung, sei­nen Wert zu er­ken­nen.

Er saß in sei­nem Stuhl in dem Pa­tio mit den Stein­flie­sen und spür­te die Son­ne, die durch die eben erst auf­ge­bro­che­nen Blät­ter der Bäu­me drang.

Et­was an­de­res, dach­te An­drew Young. Et­was, das nicht mensch­lich war – noch nicht. Ein win­zi­ges Ge­schöpf, das noch zwi­schen vie­len We­gen zu wäh­len hat­te, das vie­le Stra­ßen ge­hen konn­te. Ich ha­be die falsche ge­wählt. Die Stra­ße der Mensch­heit. Aber es gab einen an­de­ren Weg. Ich weiß, daß es einen ge­ge­ben hat­te. Ein Weg für Feen oder Zwer­ge oder Ko­bol­de. Jetzt klingt es dumm und kin­disch, aber es war nicht im­mer so.

Ich ha­be den mensch­li­chen Weg ge­wählt, weil man mich zu ihm hin­führ­te. Man schob und stieß mich wie ein Schaf in der Her­de.

Ich wur­de groß, und ich ver­lor das Ding, das ich in der Hand ge­hal­ten hat­te.

Er saß da und streng­te sein Ge­dächt­nis an und ver­such­te das Ding zu ana­ly­sie­ren, aber es gab kei­nen Na­men da­für. Höchs­tens Glück. Und Glück war ein Zu­stand, nichts, das man mit Hän­den grei­fen konn­te.

 

Aber an das Ge­fühl konn­te er sich er­in­nern. Wenn er jetzt die Au­gen of­fen­hielt, konn­te er sich an die Hel­lig­keit je­nes Ta­ges in der Ver­gan­gen­heit er­in­nern, an die Rein­heit, an die Far­ben­wun­der, die er noch nie so be­wußt er­lebt hat­te – als sei es die ers­te Se­kun­de nach der Schöp­fung, und die Welt glänz­te noch in all ih­rer Fri­sche.

Sie war na­tür­lich so neu. Für ein Kind muß­te sie so neu sein.

Aber das er­klär­te noch nicht al­les.

Ich bin ver­rückt, sag­te sich An­drew Young. Ich bin ver­rückt, oder ich wer­de es. Aber wenn mich der Wahn­sinn da­zu bringt, die­se selt­sa­men Kind­heits­be­ob­ach­tun­gen wie­der­zu­fin­den, wäh­le ich ihn gern.

Er lehn­te sich in sei­nem Stuhl zu­rück, schloß die Au­gen und ließ sei­ne Ge­dan­ken in die Ver­gan­gen­heit wan­dern.

Er kau­er­te in ei­ner Ecke des Gar­tens, und von den Wal­nuß­bäu­men fie­len die Blät­ter wie sa­fran­gel­ber Re­gen. Er hob ei­nes der Blät­ter hoch, und es fiel ihm wie­der aus der Hand, denn sei­ne Fin­ger wa­ren noch pum­me­lig und im Grei­fen un­ge­übt. Aber er ver­such­te es noch ein­mal, und dies­mal um­klam­mer­te er den Stiel mit der klei­nen Faust. Und er sah, daß es nicht nur ein gel­ber Fleck war, son­dern ein zar­tes Ding mit vie­len klei­nen Adern. Als er es ge­gen die Son­ne hielt, konn­te er fast durch­se­hen, und es war fein wie Gold ge­spon­nen.

Er kau­er­te da und hielt das Blatt ganz fest in der Hand, und einen Au­gen­blick war al­les so still, daß er sich nicht zu rüh­ren wag­te. Dann hör­te er, wie um ihn die vom Frost ge­lös­ten Blät­ter zu Bo­den fie­len und beim Fal­len vor sich hin flüs­ter­ten, bis sie ein Bett ne­ben ih­ren gel­ben Freun­den fan­den.

In die­sem Au­gen­blick wuß­te er, daß er eins mit den Blät­tern und ih­rem Flüs­tern war, eins mit dem Gold und der Herbst­son­ne und dem fer­nen blau­en Ne­bel auf dem Berg über den Ap­fel­bäu­men.

Hin­ter ihm knirsch­ten Schrit­te über den Kies, und er öff­ne­te die Au­gen, und die gol­de­nen Blät­ter wa­ren weg.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie ge­stört ha­be, Ahn­herr«, sag­te der Mann. »Ich soll­te um die­se Zeit zu Ih­nen kom­men, aber wenn ich ge­wußt hät­te …«

Young sah ihn vor­wurfs­voll an und ant­wor­te­te nicht.

»Ich bin ein Ver­wand­ter«, er­klär­te ihm der Mann.

»Ich zweifle nicht dar­an«, er­wi­der­te An­drew Young. »Die Ga­la­xis ist voll von mei­nen Nach­kom­men.«

Der Mann war sehr be­schei­den. »Na­tür­lich, wir müs­sen Ih­nen manch­mal zur Last fal­len. Aber wir sind stolz auf Sie, Sir. Ich möch­te fast sa­gen, daß wir Sie ver­eh­ren. Kei­ne an­de­re Fa­mi­lie …«

»Ich weiß«, un­ter­brach ihn An­drew Young. »Kei­ne an­de­re Fa­mi­lie hat ein sol­ches Mu­se­ums­stück, wie ich es bin.«

»Einen so wei­sen Ver­wand­ten«, sag­te der Mann.

An­drew Young schnauf­te. »Las­sen Sie den Un­sinn. Sa­gen Sie, was Sie zu sa­gen ha­ben, da­mit ich es hin­ter mich brin­ge.«

 

Der Tech­ni­ker war ver­le­gen und be­un­ru­higt und ganz deut­lich ver­wun­dert. Aber er blieb re­spekt­voll, denn man war ei­nem Ahn­herrn ge­gen­über re­spekt­voll, ganz gleich, wie er hieß. Heut­zu­ta­ge gab es nur noch ganz we­ni­ge, die in ei­ner sterb­li­chen Welt ge­bo­ren wa­ren.

Nicht daß An­drew Young alt aus­ge­se­hen hät­te. Er war, wie al­le Er­wach­se­nen, ein gut­ge­wach­se­ner Mann in den Zwan­zi­gern.

Der Tech­ni­ker wand sich vor Un­si­cher­heit.

»Aber Sir – die­ser …«

»Ted­dy­bär«, sag­te An­drew Young.

»Ei­ne aus­ge­stor­be­ne Tier­gat­tung der Er­de?«

»Ein Spiel­zeug«, er­klär­te ihm An­drew Young. »Ein sehr al­tes Spiel­zeug. Vor fünf­tau­send Jah­ren hat­ten al­le Kin­der einen. Sie nah­men ihn mit ins Bett.«

 

Der Tech­ni­ker schau­der­te. »Ei­ne ent­setz­li­che An­ge­wohn­heit. Pri­mi­tiv.«

»Das kommt dar­auf an, wie man die Sa­che be­trach­tet«, sag­te An­drew Young. »Ich ha­be oft mit ei­nem Ted­dy­bä­ren ge­schla­fen. Ich kann Ih­nen per­sön­lich ver­si­chern, daß er ei­ne gan­ze Welt voll Trost be­deu­tet.«

Der Tech­ni­ker sah ein, daß es kei­nen Sinn hat­te, mit dem Mann zu strei­ten. Er konn­te das Ding ja kon­stru­ie­ren, da­mit er sei­ne Ru­he hat­te.

»Ich kann Ih­nen ein aus­ge­zeich­ne­tes Mo­dell her­stel­len«, sag­te er und ver­such­te, et­was Be­geis­te­rung in sei­ne Stim­me zu le­gen. »Ich wer­de ihm einen Sprech­me­cha­nis­mus ein­bau­en, so daß er auf be­stimm­te Fra­gen ein­fa­che Ant­wor­ten ge­ben kann. Und na­tür­lich wer­de ich ihn so kon­stru­ie­ren, daß er ge­hen kann, ent­we­der auf zwei oder auf vier Bei­nen …«

»Nein«, sag­te An­drew Young.

Der Tech­ni­ker sah über­rascht und ge­kränkt aus. »Nein?«

»Nein«, wie­der­hol­te An­drew Young. »Er soll ganz oh­ne tech­ni­sche Raf­fi­nes­sen sein. Kei­ne mensch­li­che Ko­pie. Kein Wun­der, daß die Kin­der von heu­te kei­ne Phan­ta­sie mehr ha­ben. Das mo­der­ne Spiel­zeug un­ter­hält sie mit so vie­len Tricks, die ei­ne Ent­fal­tung der Phan­ta­sie un­mög­lich ma­chen. Die ko­mi­schen Ein­fäl­le, die die­se neu­en Spiel­sa­chen ha­ben, könn­ten Kin­der gar nicht ver­wirk­li­chen. Ein­ge­bau­ter Sprech­me­cha­nis­mus und die­ser gan­ze tech­ni­sche Kram …«

»Sie wol­len ein­fach einen aus­ge­stopf­ten Stoff«, sag­te der Tech­ni­ker ent­täuscht. »Mit ge­len­ki­gen Ar­men und Bei­nen.«

»Ge­nau«, er­klär­te Young.

»Und es soll ganz be­stimmt Stoff sein? Mit Kunst­stoff könn­te ich ihn viel schö­ner mo­del­lie­ren.«

»Stoff«, sag­te Young fest. »Und er muß haa­rig sein.«

»Haa­rig, Sir?«

»Na­tür­lich. Sie wis­sen schon – rauh und krat­zig. Da­mit man das Ge­sicht da­ge­gen rei­ben kann.«

»Aber wer wür­de denn das Ge­sicht da­ge­gen rei­ben wol­len?«

»Ich«, sag­te An­drew Young. »Ich ha­be es tat­säch­lich vor.«

»Wie Sie wol­len, Sir«, sag­te der Tech­ni­ker. Er war ge­schla­gen.

»Wenn Sie ihn fer­tig ha­ben«, er­klär­te Young, »ha­be ich noch ein paar Auf­trä­ge für Sie.«

»Ja?« Der Tech­ni­ker sah ängst­lich um sich, als su­che er nach ei­ner Flucht­mög­lich­keit.

»Einen ho­hen Stuhl«, sag­te Young. »Und ein Git­ter­bett. Und einen Stoff­hund. Dann noch Knöp­fe …«

»Knöp­fe?« frag­te der Tech­ni­ker. »Was sind Knöp­fe?«

»Ich wer­de es Ih­nen noch er­klä­ren«, sag­te Young von oben her­ab. »Es ist ganz ein­fach.«

 

Als An­drew Young den Raum be­trat, hat­te er das Ge­fühl, daß Riggs und St­an­ford ihn er­war­tet hat­ten, daß sie ge­wußt hat­ten, er wür­de sie auf­su­chen.

Sie wis­sen es, sag­te er sich. Sie wis­sen es, oder sie ha­ben es rich­tig er­ra­ten. Seit ich die Bitt­schrift ein­ge­reicht ha­be, be­ob­ach­ten sie mich. Sie ver­su­chen mei­ne Ge­dan­ken zu durch­su­chen und her­aus­zu­fin­den, was ich als nächs­tes un­ter­neh­men wer­de. Ich brau­che ih­nen nichts zu er­klä­ren.

»Ich brau­che Hil­fe«, sag­te er, und sie nick­ten ru­hig, als wüß­ten sie, daß er Hil­fe brauch­te.

»Ich will ein Haus bau­en«, er­klär­te er. »Ein großes Haus. Viel grö­ßer als die ge­wöhn­li­chen Häu­ser.«

»Wir wer­den es für Sie ent­wer­fen«, sag­te Riggs. »Auch al­les an­de­re …«

»Das Haus muß et­wa vier­mal so groß wie ein nor­ma­les Haus sein«, fuhr Young fort. »Die Tü­ren acht bis zehn Me­ter hoch. Al­les in den rich­ti­gen Pro­por­tio­nen.«

»Mit Nach­barn oder frei­ste­hend?« frag­te St­an­ford.

»Frei­ste­hend«, er­wi­der­te Young.

»Wir wer­den uns dar­um küm­mern«, ver­sprach Riggs. »Über­las­sen Sie die An­ge­le­gen­heit mit dem Haus uns.«

Young stand ei­ne Zeit­lang da und sah die bei­den an. Dann sag­te er:

»Ich dan­ke Ih­nen, mei­ne Her­ren. Ich dan­ke Ih­nen für Ih­re Hilfs­be­reit­schaft und für Ihr Ver­ständ­nis. Aber am meis­ten dan­ke ich Ih­nen da­für, daß Sie kei­ne Fra­gen stel­len.«

Er dreh­te sich lang­sam um und ging hin­aus, und sie sa­ßen mi­nu­ten­lang schwei­gend da, nach­dem er ge­gan­gen war.

Schließ­lich bot St­an­ford ei­ne Lö­sung an.

»Es muß ein Ort sein, an dem sich ein Jun­ge wohl füh­len kann. Ein Wald, in den er lau­fen kann, und ein klei­ner Bach mit Fi­schen und ein Feld, auf dem er sei­ne Dra­chen stei­gen läßt. Was könn­te es sonst sein?«

»Er hat Kin­der­mö­bel und Kin­der­spiel­zeug be­stellt«, sag­te Riggs zu­stim­mend. »Sa­chen, die es vor fünf­tau­send Jah­ren gab. Mit de­nen er als Kind spiel­te. Aber im Er­wach­se­nen­maß­stab.«

»Jetzt will er ein Haus in den glei­chen Pro­por­tio­nen«, sag­te St­an­ford. »Ein Haus, das ihm das Ge­fühl ver­mit­telt, er sei ein Kind. Aber wird es funk­tio­nie­ren, Riggs? Sein Kör­per än­dert sich nicht. Er kann ihn nicht än­dern. Es wird nur in sei­ner Phan­ta­sie so sein.«

»Ei­ne Il­lu­si­on«, mein­te Riggs. »Die Il­lu­si­on der Grö­ße in Be­zie­hung zu ihm selbst. Ei­nem Kind, das auf dem Fuß­bo­den her­um­krab­belt, kommt ei­ne Tür von zehn Me­ter hoch vor. Aber das Kind weiß es nicht. An­drew Young weiß es. Ich kann mir nicht vor­stel­len, daß er das über­win­den kann.«

»An­fangs wird er sich im kla­ren dar­über sein, daß es ei­ne Il­lu­si­on ist«, sag­te St­an­ford. »Aber könn­te es nicht sein, daß es mit der Zeit Wirk­lich­keit für ihn wird? Des­halb braucht er un­se­re Hil­fe. Er darf sich nicht dar­an er­in­nern, daß das Haus ei­gent­lich ein dis­pro­por­tio­nier­tes Un­ge­tüm ist. Die Il­lu­si­on wird leich­ter in die Wirk­lich­keit hin­über­glei­ten.«

»Wir müs­sen im Hin­ter­grund blei­ben.« Riggs nick­te ver­ständ­nis­voll. »Nie­mand darf ihm drein­re­den. Es ist et­was, das er ganz al­lein schaf­fen muß. Wenn wir ihm bei dem Haus hel­fen, dann ganz vor­sich­tig und hin­ter den Ku­lis­sen. Wie Zwer­ge – ich glau­be, so hat er sie ge­nannt. Nie­mand darf uns se­hen. Wenn sich je­mand ein­mischt, gin­ge die Il­lu­si­on ver­lo­ren, und das ist sei­ne ein­zi­ge Grund­la­ge – die ein­fa­che, rei­ne Il­lu­si­on.«

»An­de­re ha­ben es auch schon ver­sucht.« St­an­ford war wie­der pes­si­mis­tisch ge­wor­den. »Vie­le an­de­re. Mit Ma­schi­nen und al­ler­hand Tricks …«

»Nie­mand hat es mit Hil­fe der ei­ge­nen Phan­ta­sie ver­sucht«, wi­der­sprach Riggs. »Mit dem fes­ten Wil­len, fünf­tau­send Jah­re aus dem Ge­dächt­nis zu lö­schen.«

»Und dar­über wird er stol­pern«, er­klär­te St­an­ford. »Er muß die al­ten, to­ten Er­in­ne­run­gen be­sie­gen. Er muß sie ganz los­wer­den – nicht nur ver­gra­ben. Sie dür­fen nie wie­der­kom­men.«

»Noch mehr als das«, sag­te Riggs. »Er muß sei­ne Er­in­ne­run­gen durch sei­ne Kind­heits­emp­fin­dun­gen er­set­zen. Sein Ge­hirn muß völ­lig rein­ge­wa­schen und auf­ge­frischt wer­den – da­mit es von neu­em die Er­in­ne­run­gen von fünf­tau­send Jah­ren auf­neh­men kann.«

»Wir müs­sen ihm hel­fen, so gut es nur geht«, sag­te Riggs. »Wir müs­sen ihn be­ob­ach­ten und uns be­reit­hal­ten – aber An­drew Young darf nicht wis­sen, daß wir ihn be­ob­ach­ten oder daß wir ihm hel­fen. Wir müs­sen von selbst dar­auf kom­men, was für Ma­te­ria­li­en und Werk­zeug er brau­chen könn­te.«

 

St­an­ford woll­te et­was sa­gen, doch dann zö­ger­te er, als su­che er nach den rich­ti­gen Wor­ten.

»Ja?« frag­te Riggs. »Was ist?«

»Spä­ter«, sag­te St­an­ford schließ­lich, »spä­ter, wenn er es fast ge­schafft hat, müs­sen wir an einen ge­wis­sen Fak­tor den­ken. An das, was er am meis­ten brau­chen wird, oh­ne daß er es selbst weiß. Al­les üb­ri­ge kann Thea­ter sein. Wenn er es nur lan­ge ge­nug um sich hat, wird er es für Wirk­lich­keit hal­ten. Al­les kann Schein sein, aber das ei­ne muß echt sein, sonst wa­ren al­le Be­mü­hun­gen um­sonst.«

Riggs nick­te.

»Na­tür­lich. Wir wer­den es ganz be­son­ders gründ­lich aus­ar­bei­ten müs­sen.«

»Hof­fent­lich ge­lingt uns das«, mein­te St­an­ford.

 

Den gel­ben Knopf hier­her und den ro­ten dort drü­ben hin, aber der grü­ne paßt nicht, des­halb wer­fe ich ihn auf den Bo­den. Und dann neh­me ich zum Spaß den ro­sa Knopf in den Mund, und wenn je­mand es sieht, gibt es ei­ne herr­li­che Auf­re­gung, weil al­le Angst ha­ben, ich könn­te ihn ver­schlu­cken.

Und es gibt nichts, ab­so­lut nichts, was ich mehr lie­be als ei­ne rich­ti­ge Auf­re­gung. Be­son­ders wenn ich da­bei im Mit­tel­punkt ste­he.

»Agag«, sag­te An­drew Young und ver­schluck­te den Knopf.

Er saß steif und ge­ra­de in sei­nem viel zu ho­hen Stuhl, und dann warf er plötz­lich vol­ler Wut die Keks­do­se mit den Knöp­fen um. Sie lan­de­te kra­chend auf dem Bo­den.

Einen Au­gen­blick hät­te er vor Ver­zweif­lung am liebs­ten ge­heult, doch dann über­kam ihn ein Scham­ge­fühl.

Großes Ba­by, sag­te er zu sich selbst.

Ein­fach ver­rückt, sich in einen zu ho­hen Stuhl zu set­zen, mit Knöp­fen zu spie­len und Klein­kin­der­lau­te nach­zuah­men. Und das al­les nur, um die Er­in­ne­run­gen ei­nes fünf tau­send­jäh­ri­gen Le­bens ab­zu­schüt­teln und die Ge­dan­ken zu­rück in die Kin­der­welt zu lei­ten.

Sorg­fäl­tig öff­ne­te er das Spiel­tisch­chen und rutsch­te an den lan­gen Stuhl­bei­nen in die Tie­fe.

Das Zim­mer war rie­sen­groß, und er muß­te ganz weit nach oben se­hen, um die De­cke zu er­ken­nen.

Die Nach­barn, sag­te er sich, hiel­ten ihn si­cher für ver­rückt, ob­wohl es kei­ner ge­sagt hat­te. Wenn er so dar­über nach­dach­te, fiel ihm auf, daß er schon seit ei­ni­ger Zeit kei­nen der Nach­barn ge­se­hen hat­te.

Ein Ver­dacht stieg in ihm auf. Viel­leicht wuß­ten sie, was er vor­hat­te, viel­leicht blie­ben sie ihm ab­sicht­lich fern, um ihn nicht in Ver­le­gen­heit zu brin­gen.

Na­tür­lich, aas wür­den sie tun, wenn sie merk­ten, was er sich vor­ge­nom­men hat­te. Aber er hat­te er­war­tet – er hat­te er­war­tet –, daß die­ser Kerl – wie hieß er nur? – bei der Kom­mis­si­on, über­haupt, wie hieß die Kom­mis­si­on?

Ich kann mich nicht er­in­nern, be­klag­te er sich bei sich selbst. Ich kann mich nicht an den Na­men ei­nes Man­nes er­in­nern, den ich noch ges­tern kann­te. Und der Na­me der Kom­mis­si­on ist mir auch ent­fal­len, ob­wohl ich ihn so gut wie mei­nen ei­ge­nen Na­men kann­te. Ich wer­de ver­geß­lich. Ich wer­de rich­tig­ge­hend kin­disch.

Kin­disch?

Kin­disch!

Kin­disch und ver­geß­lich.

Du lie­be Gü­te, dach­te An­drew Young. Das ist ja ge­nau das, was ich will.

Auf Hän­den und Kni­en krab­bel­te er her­um, hob Knöp­fe auf und steck­te sie in sei­ne Ta­sche. Dann, mit der Keks­do­se un­ter dem Arm, klet­ter­te er wie­der in den ho­hen Stuhl, mach­te es sich be­quem und sor­tier­te die Knöp­fe in den De­ckel.

Den grü­nen hier­her und den gel­ben – hopp­la, da liegt er auch schon am Bo­den. Und den ro­ten zu dem blau­en, und den da – was für ei­ne Far­be hat der ei­gent­lich? Far­be? Was ist das?

Was ist was?

Was …

 

»Es ist fast Zeit«, sag­te St­an­ford. »Und wir müs­sen uns wie bis­her be­reit­hal­ten. Wir grei­fen ein, wenn die Zeit ge­kom­men ist, aber auf kei­nen Fall zu früh. Eher et­was zu spät als zu früh. Wir ha­ben al­les, was wir brau­chen. Win­deln in Spe­zi­al­grö­ßen …«

»Du lie­be Gü­te«, sag­te Riggs. »Wird es tat­säch­lich so weit kom­men?«

»Es wä­re bes­ser«, sag­te St­an­ford. »Wenn der Zweck voll und ganz er­füllt wer­den soll, wä­re es wirk­lich bes­ser. Ges­tern ver­lief er sich. Ei­ner un­se­rer Män­ner fand ihn und führ­te ihn heim. Er hat­te wirk­lich kei­ne Ah­nung, wo er war, und er fürch­te­te sich ge­wal­tig. Er wein­te so­gar ein we­nig. Er plap­per­te über Vö­gel und Blu­men und woll­te un­be­dingt, daß der Mann da­b­lieb und mit ihm spiel­te.«

»Und hat er es ge­tan?« Riggs lach­te lei­se.

»Na­tür­lich. Er kam völ­lig er­le­digt heim.«

»Wie steht es mit dem Es­sen?« frag­te Riggs. »Kann er das al­lein?«

»Wir sor­gen da­für, daß Kek­se und ähn­li­ches Zeug auf ei­nem nied­ri­gen Re­gal lie­gen, wo er sie er­rei­chen kann. Ei­ne der Ro­bo­ter­kö­chin­nen kocht in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den et­was Kräf­ti­ge­res und stellt es so ab, daß er es fin­det. Wir müs­sen vor­sich­tig sein. All­zu­sehr dür­fen wir uns nicht ein­mi­schen. Wir dür­fen ihn nicht scheu ma­chen. Ich ha­be das Ge­fühl, daß er den Wen­de­punkt bald er­reicht hat. Wir kön­nen es uns nicht leis­ten, das Un­ter­neh­men jetzt zum Schei­tern zu brin­gen.«

»Die An­dro­iden­frau ist fer­tig?«

»So et­wa«, er­wi­der­te St­an­ford.

»Und die Spiel­ka­me­ra­den?«

»Fer­tig. Sie bo­ten we­ni­ger Schwie­rig­kei­ten.«

»Sonst kön­nen wir nichts tun?«

»Nichts«, sag­te St­an­ford. »Wir müs­sen ein­fach ab­war­ten. Young hat den Weg bis­her ganz durch sei­ne Wil­lens­kraft ge­schafft. Die­se Kraft ist jetzt er­schöpft. Er kann sich nicht mehr be­wußt zu­rück­zwin­gen. Er ist jetzt mehr Kind als Er­wach­se­ner. Die Be­we­gung nach rück­wärts ist auf­ge­baut. Die ein­zi­ge Fra­ge da­bei ist, ob der Schwung aus­rei­chen wird, ihn ins Ba­by-Sta­di­um zu be­för­dern.«

»Muß er tat­säch­lich so weit zu­rück?« frag­te Riggs trau­rig. Er dach­te of­fen­bar an sei­ne ei­ge­ne Zu­kunft. »Oder neh­men Sie das nur an?«

»Er muß zu­rück zum An­fang, sonst hat es kei­nen Sinn«, er­klär­te St­an­ford ka­te­go­risch. »Er muß noch ein­mal völ­lig von vorn an­fan­gen.«

»Und wenn er ir­gend­wo ste­cken­bleibt? Ein hal­b­es Kind, ein hal­ber Mann. Was ist dann?«

»Dar­über möch­te ich lie­ber nicht nach­den­ken«, sag­te St­an­ford.

 

Er hat­te sei­nen Lieb­lings-Ted­dy­bä­ren ver­lo­ren und war in die Däm­me­rung hin­aus­ge­gan­gen, um ihn zu su­chen. Der Abend war er­füllt von nicht greif­ba­ren Glüh­würm­chen. Die Welt be­rei­te­te sich zum Schlaf vor und war sehr still. Im Gras hing Tau, und er spür­te, wie die küh­le Näs­se durch sei­ne Schu­he drang, als er von den Bü­schen zur He­cke und von der He­cke zu den Blu­men­bee­ten ging.

Ei­ne Fle­der­maus flog mit ner­vö­sen Flü­gel­schlä­gen nied­rig durch den Gar­ten, und als er den dunklen Fleck plötz­lich in der Däm­me­rung auf­tau­chen sah, duck­te er sich er­schreckt. Erst jetzt kam ihm der Ge­dan­ke, was hier drau­ßen al­les lau­ern konn­te. Er be­gann ängst­lich zu schluch­zen. Der große Gar­ten war plötz­lich ein un­be­kann­ter Ort, in dem be­droh­li­che Schat­ten wuch­sen.

Er kau­er­te im­mer noch dicht am Bo­den und ver­such­te die selt­sa­me Angst zu be­kämp­fen. Hin­ter je­dem Busch und in je­der dunklen Ecke knurr­te et­was. Doch selbst wäh­rend die Angst von ihm Be­sitz er­griff, wuß­te er tief im In­nern, daß er kei­ne Angst zu ha­ben brauch­te. Es war, als kämpf­te ein Teil sei­nes Ge­hirns ge­gen ihn, als wüß­ten ein paar Zel­len, daß das Ding nichts als ei­ne ge­wöhn­li­che Fle­der­maus war und daß die Schat­ten ver­schwin­den wür­den, so­bald er Licht mach­te.

Er wuß­te, daß er sich aus ir­gend­ei­nem Grund nicht zu fürch­ten brauch­te. Aber er kann­te den Grund nicht. Er war mit dem üb­ri­gen Wis­sen ver­schwun­den. Und es schi­en er­staun­lich, daß er über­haupt et­was wuß­te – denn er war knapp zwei Jah­re alt.

 

Er ver­such­te es zu sa­gen – zwei Jah­re.

Ir­gend et­was stimm­te nicht mit sei­ner Spra­che, ir­gend­wie ge­horch­ten ihm Zun­ge und Lip­pen nicht so, wie er es woll­te.

Er ver­such­te die Wor­te zu de­fi­nie­ren, ver­such­te sich vor­zu­stel­len, was er mit zwei Jah­ren mein­te. Einen Au­gen­blick schi­en er es zu wis­sen, doch dann war es wie­der fort.

Die Fle­der­maus kam zu­rück, und er duck­te sich ganz tief. Er zit­ter­te. Vor­sich­tig und ängst­lich sah er sich um. Wei­ter hin­ten rag­te dun­kel das Haus auf, und er wuß­te, daß es ihm Si­cher­heit bot.

»Haus«, sag­te er. Das Wort war falsch – nicht das Wort selbst, son­dern die Art, in der er es aus­sprach.

Er lief auf zit­tern­den, un­si­che­ren Bei­nen wei­ter, und die große Tür tauch­te vor ihm auf. Die Klin­ke war zu hoch für ihn. Aber es gab noch einen an­de­ren Ein­gang – ei­ne Klap­pe, die in die große Tür ein­ge­baut war und durch die Hun­de, Kat­zen und manch­mal klei­ne Kin­der ins Haus konn­ten. Er krab­bel­te durch und spür­te die Si­cher­heit und Be­hag­lich­keit des Hau­ses – und die Ein­sam­keit.

Er fand sei­nen zweit­liebs­ten Ted­dy­bä­ren, drück­te ihn ge­gen die Brust und schluchz­te aus rei­ner Er­leich­te­rung in das haa­ri­ge Fell.

Ir­gend et­was stimmt nicht, dach­te er. Et­was ist nicht so, wie es sein soll. Nicht der Gar­ten oder die dunklen Bü­sche oder das ge­flü­gel­te schwar­ze Ding, das aus der Nacht kam. Es fehlt et­was, es soll­te et­was hier sein, und ich kann es nicht fin­den.

Den Ted­dy­bä­ren fest an sich ge­drückt, saß er im Dun­kel und ver­such­te sich krampf­haft zu er­in­nern, was ihm fehl­te. Es gab ei­ne Ant­wort, das wuß­te er ge­nau. Ir­gend­wo gab es ei­ne Ant­wort, und er hat­te sie schon ein­mal ge­kannt. Ein­mal hat­te er ge­wußt, was ihm fehl­te, und er hat­te ge­wußt, daß er nichts da­ge­gen tun konn­te. Aber jetzt wuß­te er nicht mehr, was es war. Er spür­te es nur, aber er wuß­te es nicht.

Er drück­te den Bä­ren noch fes­ter an sich und saß in der Dun­kel­heit da. Er sah den Mond­strahl, der durch ein Fens­ter hoch über sei­nem Kopf her­ein­drang und auf dem Bo­den ein hel­les Vier­eck zeich­ne­te.

Er hob das Ge­sicht und starr­te hin­auf in die Dun­kel­heit, und der wei­ße, run­de Mond sah zu ihm her­ein und be­ob­ach­te­te ihn. Der Mond schi­en ihm zu­zu­blin­zeln, und An­drew lach­te vor Ver­gnü­gen.

Hin­ter ihm ging ei­ne Tür auf, und er dreh­te sich un­ge­schickt um.

Je­mand stand im Ein­gang, ganz groß – ei­ne wun­der­schö­ne Frau, die ihm zu­lä­chel­te. Selbst in der Dun­kel­heit spür­te er, wie sanft das Lä­cheln war und wie gol­den die Haa­re leuch­te­ten.

»Du mußt jetzt es­sen, An­dy«, sag­te die Frau. »Es­sen, ba­den und ins Bett ge­hen.«

An­drew Young hops­te freu­dig hin und her und streck­te bei­de Ar­me aus. Er war glück­lich, auf­ge­regt und zu­frie­den.

»Mam­mi!« rief er. »Mam­mi – Mond!«

Er deu­te­te nach oben, und die Frau kam nä­her, bück­te sich zu ihm her­un­ter und drück­te ihn an sich. Er hat­te sei­ne Wan­ge an ihr Ge­sicht ge­legt und sah zum Mond hin­auf.

 

Auf der Stra­ße stan­den St­an­ford und Riggs und blick­ten zu dem rie­si­gen Haus hin­über, das die Bäu­me über­rag­te.

»Sie ist jetzt drin­nen«, sag­te St­an­ford. »Al­les ist still, al­so scheint die Sa­che gut­zu­ge­hen.«

»Er wein­te im Gar­ten drau­ßen«, mein­te Riggs. »Er lief vol­ler Angst zum Haus zu­rück. Et­wa um die glei­che Zeit, als sie hin­ein­ging, hör­te er zu wei­nen auf.«

St­an­ford nick­te.

»Ich be­fürch­te­te schon, daß wir ihn zu sehr auf die Fol­ter spann­ten, aber frü­her hät­te es kaum ge­klappt. Je­des Ein­mi­schen von au­ßen hät­te sei­nen Ver­such ge­stört. Wir muß­ten war­ten. Aber jetzt ist al­les in Ord­nung. Der Zeit­punkt war ge­nau rich­tig.«

»Sind Sie si­cher, St­an­ford?«

»Si­cher? Aber selbst­ver­ständ­lich. Wir ha­ben die An­dro­iden­frau ge­schaf­fen und aus­ge­bil­det. Wir ha­ben ihr einen star­ken müt­ter­li­chen In­stinkt ein­ge­pflanzt. Sie weiß, was sie zu tun hat. Sie ist fast mensch­lich. Wir wis­sen zwar nicht, wie Youngs Mut­ter aus­sah, aber ver­mut­lich weiß er es selbst nicht mehr. Über die Jahr­tau­sen­de hin­aus hat er sie si­cher idea­li­siert. Und wir ha­ben nichts an­de­res ge­tan. Wir ha­ben ei­ne idea­le Mut­ter ge­schaf­fen.«

»Wenn es nur klappt«, sag­te Riggs.

»Es wird klap­pen.« St­an­ford war zu­ver­sicht­lich. »Viel­leicht sto­ßen wir auf klei­ne­re Feh­ler, aber sonst muß es klap­pen. Er hat die gan­ze Zeit ge­gen sich an­ge­kämpft. Nun kann er die Ver­ant­wor­tung ei­nem an­de­ren über­tra­gen. Das wird ihn über das letz­te Hin­der­nis hin­weg­brin­gen und ihm die zwei­te Kind­heit ge­ben, die er so not­wen­dig hat­te. Er kann zu­frie­den sein. Er hat je­mand, der für ihn sorgt, für ihn denkt und ihn be­mut­tert. Viel­leicht geht er noch einen klei­nen Schritt zu­rück – bis zur Wie­ge. Und das ist gut – denn je wei­ter er zu­rück­geht, de­sto mehr Er­in­ne­run­gen wer­den aus­ge­merzt.«

»Und dann?« frag­te Riggs be­sorgt.

»Dann kann er wie­der zu wach­sen be­gin­nen.«

Sie be­ob­ach­te­ten schwei­gend das Haus.

In der Kü­che gin­gen die Lich­ter an, und die Fens­ter strahl­ten Ge­müt­lich­keit aus.

Ich auch, dach­te St­an­ford. Ei­nes Ta­ges. Young hat uns den Weg ge­zeigt. Er hat uns einen Pfad frei­ge­macht. Wir al­le hier auf der Er­de und in der Ga­la­xis wis­sen nun, wie man es schaf­fen kann. Für die nächs­ten ist es schon leich­ter. Denn wir kön­nen ih­nen mehr hel­fen.

Jetzt ha­ben wir einen An­fang.

Noch ein paar tau­send Jah­re, und ich ge­he auch zu­rück. Zu­rück zur Wie­ge, zu den Kind­heits­träu­men und den schüt­zen­den Ar­men ei­ner Mut­ter.

St­an­ford hat­te kei­ne Angst da­vor.