Kampf gegen die
Unsterblichkeit
von
CLIFFORD D. SIMAK
Man starb nicht.
Es gab keinen normalen Tod.
Man lebte möglichst waghalsig und leichtsinnig und hoffte, daß man eines Tages durchweinen Unfall ums Leben kam.
Man lebte weiter, und das Leben hing einem zum Halse heraus.
»Mein Gott, wie satt man das Leben bekommen kann«, sagte Andrew Young.
John Riggs, der Vorsitzende der Unsterblichkeitskommission, räusperte sich.
»Sie sind sich doch im klaren darüber, daß die Bittschrift, die Sie uns da vorlegen, sehr ungewöhnlich ist«, sagte er zu Andrew Young.
Er nahm den Papierstoß von seinem Schreibtisch und blätterte ihn flüchtig durch.
»Es gibt keinen Präzedenzfall«, setzte er hinzu.
»Ich hoffte, einen Präzedenzfall zu schaffen«, erwiderte Andrew Young.
Kommissionsmitglied Stanford ergriff das Wort.
»Ich muß sagen, Ahnherr Young, daß uns Ihr Fall beeindruckt hat. Aber Sie dürfen nicht vergessen, daß die Kommission kein Recht über ein Menschenleben hat. Sie sorgt lediglich dafür, daß jedermann die Vorteile der Unsterblichkeit voll ausnutzen kann, und sie sorgt dafür, daß auftretende Schwierigkeiten beseitigt werden.«
»Ich weiß das sehr gut«, antwortete Young. »Und mir scheint, daß mein Fall eine der Schwierigkeiten darstellt.«
Er stand schweigend da und beobachtete die Gesichter der Vorstandsmitglieder. Sie haben Angst, dachte er. Jeder einzelne hat Angst. Angst vor dem Tag, an dem sie das gleiche durchmachen wie ich. Sie haben nach einer Antwort gesucht, und sie finden keine außer der einen armseligen, der einen brutalen Antwort, die ich ihnen gegeben habe.
»Ich verlange etwas Einfaches«, erklärte er ihnen ruhig. »Ich habe darum gebeten, mein Leben beenden zu dürfen. Und da Selbstmord psychologisch unmöglich gemacht worden ist, habe ich die Kommission darum ersucht, ein paar Freunde zu ernennen, die das Nötige für meinen Tod veranlassen.«
»Wenn wir es täten«, sagte Riggs, »würden wir alles zerstören, was wir besitzen. Ein Leben von nur fünftausend Jahren hat keinen Sinn. Ebensowenig wie ein Leben von nur hundert Jahren.«
»Und trotzdem«, sagte Young. »Alle meine Freunde sind tot.«
Er deutete auf die Blätter, die Riggs in den Händen hielt.
»Ich habe sie hier aufgeschrieben«, sagte er. »Ihre Namen und wann und wo und wie sie starben. Sehen Sie sich die Liste an. Mehr als zweihundert Namen. Leute meiner und nicht der darauffolgenden Generationen. Ihre Namen und die Fotokopien ihrer Totenscheine.«
Er legte die Hände auf den Tisch und stützte sich mit den Handflächen ab.
»Sehen Sie sich an, wie sie starben«, sagte er. »Jeder durch einen Unfall. Einige fuhren ihre Wagen zu schnell und vermutlich zu leichtsinnig. Einer fiel von einer Klippe, als er sich nach einer Blume bückte, die ganz am Rand wuchs. Sehr schlechtes Einschätzungsvermögen, würde ich sagen. Einer war stockbetrunken, nahm ein Bad und schlief in der Wanne ein. Er ertrank …«
»Ahnherr Young«, sagte Riggs scharf. »Sie wollen doch nicht andeuten, daß diese Leute Selbstmord begingen?«
»Nein«, sagte Andrew Young bitter. »Wir haben den Selbstmord vor dreitausend Jahren abgeschafft. Wir haben ihn aus unserem Gehirn gelöscht. Wie könnten sie Selbstmord begangen haben?«
Standorf sah den alten Mann an. »Sir«, sagte er. »Ich glaube, Sie waren im Aufsichtsrat, als diese Maßnahme beschlossen wurde.«
Andrew Young nickte.
»Es war nach der ersten Welle von Selbstmorden. Ich kann mich gut daran erinnern. Es war eine jahrelange Arbeit. Wir mußten die menschliche Perspektive ändern, gewisse Aspekte der menschlichen Natur verschieben. Wir mußten das Denken durch Erziehung und Propaganda umformen und eine neue Skala moralischer Werte ausgeben. Ich glaube, wir haben gute Arbeit geleistet. Vielleicht zu gute Arbeit.«
Er beugte sich über den Tisch und klopfte mit seinem harten, dünnen Finger auf die Papiere.
»Sie haben keinen Selbstmord begangen«, sagte er. »Ihr Leben war ihnen nur verdammt egal. Sie hatten es satt – wie ich. So lebten sie leichtsinnig. Vielleicht hegten sie insgeheim immer die Hoffnung, daß sie ertrinken würden, wenn sie nicht mehr nüchtern waren, daß ihr Wagen an einem Baum landen würde oder …«
Er richtete sich auf und sah sie an.
»Meine Herren«, sagte er. »Ich bin 5786 Jahre alt. Ich wurde am 21. September 1968 in Lancaster, Maine, auf dem Planeten Erde geboren. Ich habe siebenundfünfzig Jahrhunderte lang der Menschheit gedient. Sie können sich meinen Lebenslauf ansehen. Aufsichtsräte, Kommissionen, Präsidentenstellen, diplomatische Funktionen. Keiner kann sagen, daß ich meine Pflichten vernachlässigt hätte. Ich behaupte, daß ich jede Schuld bezahlt habe, die ich der Menschheit gegenüber haben könnte … selbst die gutgemeinte Sache mit der Unsterblichkeit.«
»Es wäre gut, wenn Sie es noch einmal überdenken würden«, sagte Riggs.
»Ich bin ein einsamer Mann«, erwiderte Young. »Ein müder, einsamer Mann. Ich habe keine Freunde. Es gibt nichts mehr, was mein Interesse fesseln könnte. Ich hoffe, daß ich Sie dazu bekehren kann, in Fällen wie dem meinen die Verantwortung zu übernehmen. Eines Tages finden Sie vielleicht eine Lösung dieses Problems, aber bis dahin bitte ich Sie im Namen der Barmherzigkeit, uns die Last unseres Lebens abzunehmen.«
»Unserer Meinung nach liegt das Problem darin, die geistige Perspektive auszulöschen«, sagte Riggs. »Wenn jemand wie Sie, Sir, mehr als fünf Jahrtausende gelebt hat, ist sein Gedächtnis überladen. Die Erinnerungen summieren sich und kämpfen gegen die Gegenwart und Zukunft an.«
»Ich weiß«, sagte Young. »Ich erinnere mich, daß wir in den frühen Tagen dieses Problem auch anschnitten. Es wurde erwähnt, als wir die Unsterblichkeit in die Praxis umsetzten. Aber wir dachten, daß die Erinnerungen von selbst verlöschen würden, daß das Gehirn nur eine bestimmte Anzahl von Erinnerungen behalten und den Rest abstoßen würde. Das hat sich als falsch erwiesen.«
»Erinnerungen werden im Innern vergraben«, sagte Riggs. »In den alten Tagen, als die Menschen im Höchstfall hundert Jahre alt wurden, glaubte man, daß sie für immer vergessen waren. So machte sich der Mensch keine allzugroßen Sorgen über die Erinnerungen, als er die Unsterblichkeit erlangte. Er dachte, er würde sie vergessen.«
»Er hätte es wissen müssen«, widersprach Young. »Ich kann mich an meinen Vater erinnern, und ich erinnere mich deutlicher an ihn als an Sie, meine Herren, sobald ich diesen Raum verlassen habe … Ich weiß, daß mein Vater als alter Mann sagte, er könne sich an Dinge erinnern, die in seiner Kindheit geschehen waren und die er in jüngeren Jahren vergessen hatte. Schon das hätte uns einen Hinweis geben sollen. Das Gehirn vergräbt die neueren Erinnerungen sehr tief – sie sind für uns nicht erreichbar. Sie beunruhigen uns nicht, weil sie ungeordnet und ohne Zusammenhang gesammelt wurden. Doch sobald sie einmal ordentlich eingereiht und verarbeitet sind, kommen sie alle zugleich hervor.«
Riggs nickte zustimmend.
»Das Gehirn braucht sehr lange, bis es die Daten verarbeitet. Mit der Zeit werden wir das abschaffen.«
»Wir haben es versucht«, sagte Stanford. »Wir haben es mit den gleichen Methoden wie bei der Selbstmordverhütung versucht. Aber hier versagten sie. Denn das Menschenleben baut auf den Erinnerungen auf. Es gibt bestimmte grundsätzliche Erinnerungen, die nicht zerstört werden dürfen. Mit unseren Methoden könnten wir keine Wahl zwischen wertlosen und lebenswichtigen Erinnerungen treffen.«
»Wir hatten eine Maschine, die es schaffte«, warf Riggs ein. »Sie vernichtete die Erinnerungen. Ich weiß nicht genau, wie sie arbeitete, aber sie löste ihre Aufgabe gut. Zu gut. Sie leerte das Gehirn gründlich. Sie ließ nichts zurück. Alle Erinnerungen wurden ausgelöscht – aber mit ihnen auch die Fähigkeit, neue zu sammeln. Wenn ein Mensch die Maschine verließ, war er nichts als ein wachsender Organismus – eine Pflanze.«
»Zeitweilige Bewußtseinsausschaltung wäre das Richtige«, sagte Stanford. »Wenn es das gäbe, dann könnten wir die Leute auf Eis legen, bis wir die richtige Antwort hätten, und sie dann wieder zum Leben erwecken.«
»Wie es auch sein mag«, erklärte Young, »ich bitte Sie, mein Anliegen ernsthaft zu betrachten. Ich glaube nicht, daß ich warten kann, bis Sie die endgültige Lösung gefunden haben.«
»Sie verlangen von uns, daß wir den Tod legalisieren«, sagte Riggs hart.
Young nickte.
»Meinetwegen, wenn Sie es so ausdrücken wollen. Ich appelliere dabei an Ihr Anstandsgefühl.«
»Wir können es uns kaum leisten, Sie zu verlieren, Ahnherr«, wandte Aufsichtsratsmitglied Stanford ein.
Young seufzte.
»Schon wieder diese verdammte Auffassung. Die Unsterblichkeit bezahlt alle Schulden. Weil der Mensch unsterblich gemacht wurde, hat er einen Ausgleich für alles, was er erleiden könnte. Ich habe länger gelebt, als man es von einem Menschen erwartete, und dennoch versagt man mir die Würden des Alters. Der Mensch hat wenig Wünsche, und sie sind schnell befriedigt, aber man will, daß er weiterlebt, wenn diese Wünsche ausgebrannt und zu Asche zerfallen sind. Er kommt zu einem Punkt, an dem nichts mehr Wert besitzt – sogar zu einem Punkt, an dem die persönlichen Werte nur noch Schatten sind. Meine Herren, es gab eine Zeit, zu der ich nicht morden konnte – zu der mich niemand hätte zwingen können, einen Menschen umzubringen. Aber heute könnte ich es, ohne noch einmal zu überlegen. Ich habe die Illusionen verloren und bin zynisch geworden – ich habe kein Gewissen mehr.«
»Es gibt doch noch andere Dinge«, sagte Riggs. »Ihre Familie …«
»Sie geht mir auf die Nerven«, sagte Young angewidert. »Tausende und Abertausende junger Spritzer, die mich Grandsire und Ahnherr nennen und mich um Rat bitten, den sie dann doch nicht befolgen. Ich kenne nur einen Bruchteil von ihnen, und ich langweile mich entsetzlich, wenn sie mir erklären möchten, um wie viele Ecken sie mit mir verwandt sind. Für sie ist es neu, aber für mich so alt, so verdammt alt …«
»Ahnherr Young«, sagte Stanford. »Sie haben gesehen, wie der Mensch sich von der Erde auf ferne Sonnensysteme ausbreitete. Sie haben gesehen, wie unsere Rasse von einem Planeten aus Tausende neuer Planeten beherrschte. Gibt Ihnen das nicht eine gewisse Befriedigung …«
»Sie sprechen von abstrakten Dingen«, unterbrach ihn Young. »Ich denke an mich persönlich – an eine ganz spezifische Protoplasma-Masse in Form eines Zweifüßlers, der die etwas ironische Bezeichnung ›Andrew Young‹ trägt. Ich dachte mein Leben lang kaum an mich. Ich verlangte wenig für mich. Aber jetzt bin ich ganz und gar egoistisch geworden, und ich fordere von Ihnen, daß Sie diese Angelegenheit als persönliches Problem und nicht als abstrakte Frage in bezug auf die Menschheit betrachten.«
»Ob Sie es nun zugeben oder nicht«, sagte Stanford, »es ist mehr als ein persönliches Problem. Es ist ein Problem, das eines Tages zum Wohl unserer ganzen Rasse gelöst werden muß.«
»Warten Sie noch etwas«, schlug Vorsitzender Riggs vor. »Wer weiß? Vielleicht gelingt es morgen. Oder übermorgen.«
»Oder in einer Million von Jahren«, sagte Young bitter und ging – ein großer Mann mit harten Augen, dessen langsamer und müder Schritt jetzt durch den Ärger schneller wurde.
Es gab natürlich noch eine Möglichkeit.
Aber sie bot wenig Hoffnung.
Wie kann ein Mensch fast sechstausend Jahre zurückgehen und etwas zu verstehen suchen, was er schon damals nicht verstand?
Und doch konnte sich Andrew Young daran erinnern. Er erinnerte sich so deutlich daran, als sei es erst heute morgen geschehen.
Er war ein Kind gewesen, und er hatte den Vogel gesehen, und er konnte nicht ausdrücken, was er fühlte, aber er hob den winzigen Finger und deutete nach oben und versuchte das Pfeifen nachzumachen.
Damals, dachte er, hatte ich es in der Hand, aber ich hatte nicht die Erfahrung, seinen Wert zu erkennen.
Er saß in seinem Stuhl in dem Patio mit den Steinfliesen und spürte die Sonne, die durch die eben erst aufgebrochenen Blätter der Bäume drang.
Etwas anderes, dachte Andrew Young. Etwas, das nicht menschlich war – noch nicht. Ein winziges Geschöpf, das noch zwischen vielen Wegen zu wählen hatte, das viele Straßen gehen konnte. Ich habe die falsche gewählt. Die Straße der Menschheit. Aber es gab einen anderen Weg. Ich weiß, daß es einen gegeben hatte. Ein Weg für Feen oder Zwerge oder Kobolde. Jetzt klingt es dumm und kindisch, aber es war nicht immer so.
Ich habe den menschlichen Weg gewählt, weil man mich zu ihm hinführte. Man schob und stieß mich wie ein Schaf in der Herde.
Ich wurde groß, und ich verlor das Ding, das ich in der Hand gehalten hatte.
Er saß da und strengte sein Gedächtnis an und versuchte das Ding zu analysieren, aber es gab keinen Namen dafür. Höchstens Glück. Und Glück war ein Zustand, nichts, das man mit Händen greifen konnte.
Aber an das Gefühl konnte er sich erinnern. Wenn er jetzt die Augen offenhielt, konnte er sich an die Helligkeit jenes Tages in der Vergangenheit erinnern, an die Reinheit, an die Farbenwunder, die er noch nie so bewußt erlebt hatte – als sei es die erste Sekunde nach der Schöpfung, und die Welt glänzte noch in all ihrer Frische.
Sie war natürlich so neu. Für ein Kind mußte sie so neu sein.
Aber das erklärte noch nicht alles.
Ich bin verrückt, sagte sich Andrew Young. Ich bin verrückt, oder ich werde es. Aber wenn mich der Wahnsinn dazu bringt, diese seltsamen Kindheitsbeobachtungen wiederzufinden, wähle ich ihn gern.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schloß die Augen und ließ seine Gedanken in die Vergangenheit wandern.
Er kauerte in einer Ecke des Gartens, und von den Walnußbäumen fielen die Blätter wie safrangelber Regen. Er hob eines der Blätter hoch, und es fiel ihm wieder aus der Hand, denn seine Finger waren noch pummelig und im Greifen ungeübt. Aber er versuchte es noch einmal, und diesmal umklammerte er den Stiel mit der kleinen Faust. Und er sah, daß es nicht nur ein gelber Fleck war, sondern ein zartes Ding mit vielen kleinen Adern. Als er es gegen die Sonne hielt, konnte er fast durchsehen, und es war fein wie Gold gesponnen.
Er kauerte da und hielt das Blatt ganz fest in der Hand, und einen Augenblick war alles so still, daß er sich nicht zu rühren wagte. Dann hörte er, wie um ihn die vom Frost gelösten Blätter zu Boden fielen und beim Fallen vor sich hin flüsterten, bis sie ein Bett neben ihren gelben Freunden fanden.
In diesem Augenblick wußte er, daß er eins mit den Blättern und ihrem Flüstern war, eins mit dem Gold und der Herbstsonne und dem fernen blauen Nebel auf dem Berg über den Apfelbäumen.
Hinter ihm knirschten Schritte über den Kies, und er öffnete die Augen, und die goldenen Blätter waren weg.
»Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe, Ahnherr«, sagte der Mann. »Ich sollte um diese Zeit zu Ihnen kommen, aber wenn ich gewußt hätte …«
Young sah ihn vorwurfsvoll an und antwortete nicht.
»Ich bin ein Verwandter«, erklärte ihm der Mann.
»Ich zweifle nicht daran«, erwiderte Andrew Young. »Die Galaxis ist voll von meinen Nachkommen.«
Der Mann war sehr bescheiden. »Natürlich, wir müssen Ihnen manchmal zur Last fallen. Aber wir sind stolz auf Sie, Sir. Ich möchte fast sagen, daß wir Sie verehren. Keine andere Familie …«
»Ich weiß«, unterbrach ihn Andrew Young. »Keine andere Familie hat ein solches Museumsstück, wie ich es bin.«
»Einen so weisen Verwandten«, sagte der Mann.
Andrew Young schnaufte. »Lassen Sie den Unsinn. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, damit ich es hinter mich bringe.«
Der Techniker war verlegen und beunruhigt und ganz deutlich verwundert. Aber er blieb respektvoll, denn man war einem Ahnherrn gegenüber respektvoll, ganz gleich, wie er hieß. Heutzutage gab es nur noch ganz wenige, die in einer sterblichen Welt geboren waren.
Nicht daß Andrew Young alt ausgesehen hätte. Er war, wie alle Erwachsenen, ein gutgewachsener Mann in den Zwanzigern.
Der Techniker wand sich vor Unsicherheit.
»Aber Sir – dieser …«
»Teddybär«, sagte Andrew Young.
»Eine ausgestorbene Tiergattung der Erde?«
»Ein Spielzeug«, erklärte ihm Andrew Young. »Ein sehr altes Spielzeug. Vor fünftausend Jahren hatten alle Kinder einen. Sie nahmen ihn mit ins Bett.«
Der Techniker schauderte. »Eine entsetzliche Angewohnheit. Primitiv.«
»Das kommt darauf an, wie man die Sache betrachtet«, sagte Andrew Young. »Ich habe oft mit einem Teddybären geschlafen. Ich kann Ihnen persönlich versichern, daß er eine ganze Welt voll Trost bedeutet.«
Der Techniker sah ein, daß es keinen Sinn hatte, mit dem Mann zu streiten. Er konnte das Ding ja konstruieren, damit er seine Ruhe hatte.
»Ich kann Ihnen ein ausgezeichnetes Modell herstellen«, sagte er und versuchte, etwas Begeisterung in seine Stimme zu legen. »Ich werde ihm einen Sprechmechanismus einbauen, so daß er auf bestimmte Fragen einfache Antworten geben kann. Und natürlich werde ich ihn so konstruieren, daß er gehen kann, entweder auf zwei oder auf vier Beinen …«
»Nein«, sagte Andrew Young.
Der Techniker sah überrascht und gekränkt aus. »Nein?«
»Nein«, wiederholte Andrew Young. »Er soll ganz ohne technische Raffinessen sein. Keine menschliche Kopie. Kein Wunder, daß die Kinder von heute keine Phantasie mehr haben. Das moderne Spielzeug unterhält sie mit so vielen Tricks, die eine Entfaltung der Phantasie unmöglich machen. Die komischen Einfälle, die diese neuen Spielsachen haben, könnten Kinder gar nicht verwirklichen. Eingebauter Sprechmechanismus und dieser ganze technische Kram …«
»Sie wollen einfach einen ausgestopften Stoff«, sagte der Techniker enttäuscht. »Mit gelenkigen Armen und Beinen.«
»Genau«, erklärte Young.
»Und es soll ganz bestimmt Stoff sein? Mit Kunststoff könnte ich ihn viel schöner modellieren.«
»Stoff«, sagte Young fest. »Und er muß haarig sein.«
»Haarig, Sir?«
»Natürlich. Sie wissen schon – rauh und kratzig. Damit man das Gesicht dagegen reiben kann.«
»Aber wer würde denn das Gesicht dagegen reiben wollen?«
»Ich«, sagte Andrew Young. »Ich habe es tatsächlich vor.«
»Wie Sie wollen, Sir«, sagte der Techniker. Er war geschlagen.
»Wenn Sie ihn fertig haben«, erklärte Young, »habe ich noch ein paar Aufträge für Sie.«
»Ja?« Der Techniker sah ängstlich um sich, als suche er nach einer Fluchtmöglichkeit.
»Einen hohen Stuhl«, sagte Young. »Und ein Gitterbett. Und einen Stoffhund. Dann noch Knöpfe …«
»Knöpfe?« fragte der Techniker. »Was sind Knöpfe?«
»Ich werde es Ihnen noch erklären«, sagte Young von oben herab. »Es ist ganz einfach.«
Als Andrew Young den Raum betrat, hatte er das Gefühl, daß Riggs und Stanford ihn erwartet hatten, daß sie gewußt hatten, er würde sie aufsuchen.
Sie wissen es, sagte er sich. Sie wissen es, oder sie haben es richtig erraten. Seit ich die Bittschrift eingereicht habe, beobachten sie mich. Sie versuchen meine Gedanken zu durchsuchen und herauszufinden, was ich als nächstes unternehmen werde. Ich brauche ihnen nichts zu erklären.
»Ich brauche Hilfe«, sagte er, und sie nickten ruhig, als wüßten sie, daß er Hilfe brauchte.
»Ich will ein Haus bauen«, erklärte er. »Ein großes Haus. Viel größer als die gewöhnlichen Häuser.«
»Wir werden es für Sie entwerfen«, sagte Riggs. »Auch alles andere …«
»Das Haus muß etwa viermal so groß wie ein normales Haus sein«, fuhr Young fort. »Die Türen acht bis zehn Meter hoch. Alles in den richtigen Proportionen.«
»Mit Nachbarn oder freistehend?« fragte Stanford.
»Freistehend«, erwiderte Young.
»Wir werden uns darum kümmern«, versprach Riggs. »Überlassen Sie die Angelegenheit mit dem Haus uns.«
Young stand eine Zeitlang da und sah die beiden an. Dann sagte er:
»Ich danke Ihnen, meine Herren. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfsbereitschaft und für Ihr Verständnis. Aber am meisten danke ich Ihnen dafür, daß Sie keine Fragen stellen.«
Er drehte sich langsam um und ging hinaus, und sie saßen minutenlang schweigend da, nachdem er gegangen war.
Schließlich bot Stanford eine Lösung an.
»Es muß ein Ort sein, an dem sich ein Junge wohl fühlen kann. Ein Wald, in den er laufen kann, und ein kleiner Bach mit Fischen und ein Feld, auf dem er seine Drachen steigen läßt. Was könnte es sonst sein?«
»Er hat Kindermöbel und Kinderspielzeug bestellt«, sagte Riggs zustimmend. »Sachen, die es vor fünftausend Jahren gab. Mit denen er als Kind spielte. Aber im Erwachsenenmaßstab.«
»Jetzt will er ein Haus in den gleichen Proportionen«, sagte Stanford. »Ein Haus, das ihm das Gefühl vermittelt, er sei ein Kind. Aber wird es funktionieren, Riggs? Sein Körper ändert sich nicht. Er kann ihn nicht ändern. Es wird nur in seiner Phantasie so sein.«
»Eine Illusion«, meinte Riggs. »Die Illusion der Größe in Beziehung zu ihm selbst. Einem Kind, das auf dem Fußboden herumkrabbelt, kommt eine Tür von zehn Meter hoch vor. Aber das Kind weiß es nicht. Andrew Young weiß es. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er das überwinden kann.«
»Anfangs wird er sich im klaren darüber sein, daß es eine Illusion ist«, sagte Stanford. »Aber könnte es nicht sein, daß es mit der Zeit Wirklichkeit für ihn wird? Deshalb braucht er unsere Hilfe. Er darf sich nicht daran erinnern, daß das Haus eigentlich ein disproportioniertes Ungetüm ist. Die Illusion wird leichter in die Wirklichkeit hinübergleiten.«
»Wir müssen im Hintergrund bleiben.« Riggs nickte verständnisvoll. »Niemand darf ihm dreinreden. Es ist etwas, das er ganz allein schaffen muß. Wenn wir ihm bei dem Haus helfen, dann ganz vorsichtig und hinter den Kulissen. Wie Zwerge – ich glaube, so hat er sie genannt. Niemand darf uns sehen. Wenn sich jemand einmischt, ginge die Illusion verloren, und das ist seine einzige Grundlage – die einfache, reine Illusion.«
»Andere haben es auch schon versucht.« Stanford war wieder pessimistisch geworden. »Viele andere. Mit Maschinen und allerhand Tricks …«
»Niemand hat es mit Hilfe der eigenen Phantasie versucht«, widersprach Riggs. »Mit dem festen Willen, fünftausend Jahre aus dem Gedächtnis zu löschen.«
»Und darüber wird er stolpern«, erklärte Stanford. »Er muß die alten, toten Erinnerungen besiegen. Er muß sie ganz loswerden – nicht nur vergraben. Sie dürfen nie wiederkommen.«
»Noch mehr als das«, sagte Riggs. »Er muß seine Erinnerungen durch seine Kindheitsempfindungen ersetzen. Sein Gehirn muß völlig reingewaschen und aufgefrischt werden – damit es von neuem die Erinnerungen von fünftausend Jahren aufnehmen kann.«
»Wir müssen ihm helfen, so gut es nur geht«, sagte Riggs. »Wir müssen ihn beobachten und uns bereithalten – aber Andrew Young darf nicht wissen, daß wir ihn beobachten oder daß wir ihm helfen. Wir müssen von selbst darauf kommen, was für Materialien und Werkzeug er brauchen könnte.«
Stanford wollte etwas sagen, doch dann zögerte er, als suche er nach den richtigen Worten.
»Ja?« fragte Riggs. »Was ist?«
»Später«, sagte Stanford schließlich, »später, wenn er es fast geschafft hat, müssen wir an einen gewissen Faktor denken. An das, was er am meisten brauchen wird, ohne daß er es selbst weiß. Alles übrige kann Theater sein. Wenn er es nur lange genug um sich hat, wird er es für Wirklichkeit halten. Alles kann Schein sein, aber das eine muß echt sein, sonst waren alle Bemühungen umsonst.«
Riggs nickte.
»Natürlich. Wir werden es ganz besonders gründlich ausarbeiten müssen.«
»Hoffentlich gelingt uns das«, meinte Stanford.
Den gelben Knopf hierher und den roten dort drüben hin, aber der grüne paßt nicht, deshalb werfe ich ihn auf den Boden. Und dann nehme ich zum Spaß den rosa Knopf in den Mund, und wenn jemand es sieht, gibt es eine herrliche Aufregung, weil alle Angst haben, ich könnte ihn verschlucken.
Und es gibt nichts, absolut nichts, was ich mehr liebe als eine richtige Aufregung. Besonders wenn ich dabei im Mittelpunkt stehe.
»Agag«, sagte Andrew Young und verschluckte den Knopf.
Er saß steif und gerade in seinem viel zu hohen Stuhl, und dann warf er plötzlich voller Wut die Keksdose mit den Knöpfen um. Sie landete krachend auf dem Boden.
Einen Augenblick hätte er vor Verzweiflung am liebsten geheult, doch dann überkam ihn ein Schamgefühl.
Großes Baby, sagte er zu sich selbst.
Einfach verrückt, sich in einen zu hohen Stuhl zu setzen, mit Knöpfen zu spielen und Kleinkinderlaute nachzuahmen. Und das alles nur, um die Erinnerungen eines fünf tausendjährigen Lebens abzuschütteln und die Gedanken zurück in die Kinderwelt zu leiten.
Sorgfältig öffnete er das Spieltischchen und rutschte an den langen Stuhlbeinen in die Tiefe.
Das Zimmer war riesengroß, und er mußte ganz weit nach oben sehen, um die Decke zu erkennen.
Die Nachbarn, sagte er sich, hielten ihn sicher für verrückt, obwohl es keiner gesagt hatte. Wenn er so darüber nachdachte, fiel ihm auf, daß er schon seit einiger Zeit keinen der Nachbarn gesehen hatte.
Ein Verdacht stieg in ihm auf. Vielleicht wußten sie, was er vorhatte, vielleicht blieben sie ihm absichtlich fern, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen.
Natürlich, aas würden sie tun, wenn sie merkten, was er sich vorgenommen hatte. Aber er hatte erwartet – er hatte erwartet –, daß dieser Kerl – wie hieß er nur? – bei der Kommission, überhaupt, wie hieß die Kommission?
Ich kann mich nicht erinnern, beklagte er sich bei sich selbst. Ich kann mich nicht an den Namen eines Mannes erinnern, den ich noch gestern kannte. Und der Name der Kommission ist mir auch entfallen, obwohl ich ihn so gut wie meinen eigenen Namen kannte. Ich werde vergeßlich. Ich werde richtiggehend kindisch.
Kindisch?
Kindisch!
Kindisch und vergeßlich.
Du liebe Güte, dachte Andrew Young. Das ist ja genau das, was ich will.
Auf Händen und Knien krabbelte er herum, hob Knöpfe auf und steckte sie in seine Tasche. Dann, mit der Keksdose unter dem Arm, kletterte er wieder in den hohen Stuhl, machte es sich bequem und sortierte die Knöpfe in den Deckel.
Den grünen hierher und den gelben – hoppla, da liegt er auch schon am Boden. Und den roten zu dem blauen, und den da – was für eine Farbe hat der eigentlich? Farbe? Was ist das?
Was ist was?
Was …
»Es ist fast Zeit«, sagte Stanford. »Und wir müssen uns wie bisher bereithalten. Wir greifen ein, wenn die Zeit gekommen ist, aber auf keinen Fall zu früh. Eher etwas zu spät als zu früh. Wir haben alles, was wir brauchen. Windeln in Spezialgrößen …«
»Du liebe Güte«, sagte Riggs. »Wird es tatsächlich so weit kommen?«
»Es wäre besser«, sagte Stanford. »Wenn der Zweck voll und ganz erfüllt werden soll, wäre es wirklich besser. Gestern verlief er sich. Einer unserer Männer fand ihn und führte ihn heim. Er hatte wirklich keine Ahnung, wo er war, und er fürchtete sich gewaltig. Er weinte sogar ein wenig. Er plapperte über Vögel und Blumen und wollte unbedingt, daß der Mann dablieb und mit ihm spielte.«
»Und hat er es getan?« Riggs lachte leise.
»Natürlich. Er kam völlig erledigt heim.«
»Wie steht es mit dem Essen?« fragte Riggs. »Kann er das allein?«
»Wir sorgen dafür, daß Kekse und ähnliches Zeug auf einem niedrigen Regal liegen, wo er sie erreichen kann. Eine der Roboterköchinnen kocht in regelmäßigen Abständen etwas Kräftigeres und stellt es so ab, daß er es findet. Wir müssen vorsichtig sein. Allzusehr dürfen wir uns nicht einmischen. Wir dürfen ihn nicht scheu machen. Ich habe das Gefühl, daß er den Wendepunkt bald erreicht hat. Wir können es uns nicht leisten, das Unternehmen jetzt zum Scheitern zu bringen.«
»Die Androidenfrau ist fertig?«
»So etwa«, erwiderte Stanford.
»Und die Spielkameraden?«
»Fertig. Sie boten weniger Schwierigkeiten.«
»Sonst können wir nichts tun?«
»Nichts«, sagte Stanford. »Wir müssen einfach abwarten. Young hat den Weg bisher ganz durch seine Willenskraft geschafft. Diese Kraft ist jetzt erschöpft. Er kann sich nicht mehr bewußt zurückzwingen. Er ist jetzt mehr Kind als Erwachsener. Die Bewegung nach rückwärts ist aufgebaut. Die einzige Frage dabei ist, ob der Schwung ausreichen wird, ihn ins Baby-Stadium zu befördern.«
»Muß er tatsächlich so weit zurück?« fragte Riggs traurig. Er dachte offenbar an seine eigene Zukunft. »Oder nehmen Sie das nur an?«
»Er muß zurück zum Anfang, sonst hat es keinen Sinn«, erklärte Stanford kategorisch. »Er muß noch einmal völlig von vorn anfangen.«
»Und wenn er irgendwo steckenbleibt? Ein halbes Kind, ein halber Mann. Was ist dann?«
»Darüber möchte ich lieber nicht nachdenken«, sagte Stanford.
Er hatte seinen Lieblings-Teddybären verloren und war in die Dämmerung hinausgegangen, um ihn zu suchen. Der Abend war erfüllt von nicht greifbaren Glühwürmchen. Die Welt bereitete sich zum Schlaf vor und war sehr still. Im Gras hing Tau, und er spürte, wie die kühle Nässe durch seine Schuhe drang, als er von den Büschen zur Hecke und von der Hecke zu den Blumenbeeten ging.
Eine Fledermaus flog mit nervösen Flügelschlägen niedrig durch den Garten, und als er den dunklen Fleck plötzlich in der Dämmerung auftauchen sah, duckte er sich erschreckt. Erst jetzt kam ihm der Gedanke, was hier draußen alles lauern konnte. Er begann ängstlich zu schluchzen. Der große Garten war plötzlich ein unbekannter Ort, in dem bedrohliche Schatten wuchsen.
Er kauerte immer noch dicht am Boden und versuchte die seltsame Angst zu bekämpfen. Hinter jedem Busch und in jeder dunklen Ecke knurrte etwas. Doch selbst während die Angst von ihm Besitz ergriff, wußte er tief im Innern, daß er keine Angst zu haben brauchte. Es war, als kämpfte ein Teil seines Gehirns gegen ihn, als wüßten ein paar Zellen, daß das Ding nichts als eine gewöhnliche Fledermaus war und daß die Schatten verschwinden würden, sobald er Licht machte.
Er wußte, daß er sich aus irgendeinem Grund nicht zu fürchten brauchte. Aber er kannte den Grund nicht. Er war mit dem übrigen Wissen verschwunden. Und es schien erstaunlich, daß er überhaupt etwas wußte – denn er war knapp zwei Jahre alt.
Er versuchte es zu sagen – zwei Jahre.
Irgend etwas stimmte nicht mit seiner Sprache, irgendwie gehorchten ihm Zunge und Lippen nicht so, wie er es wollte.
Er versuchte die Worte zu definieren, versuchte sich vorzustellen, was er mit zwei Jahren meinte. Einen Augenblick schien er es zu wissen, doch dann war es wieder fort.
Die Fledermaus kam zurück, und er duckte sich ganz tief. Er zitterte. Vorsichtig und ängstlich sah er sich um. Weiter hinten ragte dunkel das Haus auf, und er wußte, daß es ihm Sicherheit bot.
»Haus«, sagte er. Das Wort war falsch – nicht das Wort selbst, sondern die Art, in der er es aussprach.
Er lief auf zitternden, unsicheren Beinen weiter, und die große Tür tauchte vor ihm auf. Die Klinke war zu hoch für ihn. Aber es gab noch einen anderen Eingang – eine Klappe, die in die große Tür eingebaut war und durch die Hunde, Katzen und manchmal kleine Kinder ins Haus konnten. Er krabbelte durch und spürte die Sicherheit und Behaglichkeit des Hauses – und die Einsamkeit.
Er fand seinen zweitliebsten Teddybären, drückte ihn gegen die Brust und schluchzte aus reiner Erleichterung in das haarige Fell.
Irgend etwas stimmt nicht, dachte er. Etwas ist nicht so, wie es sein soll. Nicht der Garten oder die dunklen Büsche oder das geflügelte schwarze Ding, das aus der Nacht kam. Es fehlt etwas, es sollte etwas hier sein, und ich kann es nicht finden.
Den Teddybären fest an sich gedrückt, saß er im Dunkel und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, was ihm fehlte. Es gab eine Antwort, das wußte er genau. Irgendwo gab es eine Antwort, und er hatte sie schon einmal gekannt. Einmal hatte er gewußt, was ihm fehlte, und er hatte gewußt, daß er nichts dagegen tun konnte. Aber jetzt wußte er nicht mehr, was es war. Er spürte es nur, aber er wußte es nicht.
Er drückte den Bären noch fester an sich und saß in der Dunkelheit da. Er sah den Mondstrahl, der durch ein Fenster hoch über seinem Kopf hereindrang und auf dem Boden ein helles Viereck zeichnete.
Er hob das Gesicht und starrte hinauf in die Dunkelheit, und der weiße, runde Mond sah zu ihm herein und beobachtete ihn. Der Mond schien ihm zuzublinzeln, und Andrew lachte vor Vergnügen.
Hinter ihm ging eine Tür auf, und er drehte sich ungeschickt um.
Jemand stand im Eingang, ganz groß – eine wunderschöne Frau, die ihm zulächelte. Selbst in der Dunkelheit spürte er, wie sanft das Lächeln war und wie golden die Haare leuchteten.
»Du mußt jetzt essen, Andy«, sagte die Frau. »Essen, baden und ins Bett gehen.«
Andrew Young hopste freudig hin und her und streckte beide Arme aus. Er war glücklich, aufgeregt und zufrieden.
»Mammi!« rief er. »Mammi – Mond!«
Er deutete nach oben, und die Frau kam näher, bückte sich zu ihm herunter und drückte ihn an sich. Er hatte seine Wange an ihr Gesicht gelegt und sah zum Mond hinauf.
Auf der Straße standen Stanford und Riggs und blickten zu dem riesigen Haus hinüber, das die Bäume überragte.
»Sie ist jetzt drinnen«, sagte Stanford. »Alles ist still, also scheint die Sache gutzugehen.«
»Er weinte im Garten draußen«, meinte Riggs. »Er lief voller Angst zum Haus zurück. Etwa um die gleiche Zeit, als sie hineinging, hörte er zu weinen auf.«
Stanford nickte.
»Ich befürchtete schon, daß wir ihn zu sehr auf die Folter spannten, aber früher hätte es kaum geklappt. Jedes Einmischen von außen hätte seinen Versuch gestört. Wir mußten warten. Aber jetzt ist alles in Ordnung. Der Zeitpunkt war genau richtig.«
»Sind Sie sicher, Stanford?«
»Sicher? Aber selbstverständlich. Wir haben die Androidenfrau geschaffen und ausgebildet. Wir haben ihr einen starken mütterlichen Instinkt eingepflanzt. Sie weiß, was sie zu tun hat. Sie ist fast menschlich. Wir wissen zwar nicht, wie Youngs Mutter aussah, aber vermutlich weiß er es selbst nicht mehr. Über die Jahrtausende hinaus hat er sie sicher idealisiert. Und wir haben nichts anderes getan. Wir haben eine ideale Mutter geschaffen.«
»Wenn es nur klappt«, sagte Riggs.
»Es wird klappen.« Stanford war zuversichtlich. »Vielleicht stoßen wir auf kleinere Fehler, aber sonst muß es klappen. Er hat die ganze Zeit gegen sich angekämpft. Nun kann er die Verantwortung einem anderen übertragen. Das wird ihn über das letzte Hindernis hinwegbringen und ihm die zweite Kindheit geben, die er so notwendig hatte. Er kann zufrieden sein. Er hat jemand, der für ihn sorgt, für ihn denkt und ihn bemuttert. Vielleicht geht er noch einen kleinen Schritt zurück – bis zur Wiege. Und das ist gut – denn je weiter er zurückgeht, desto mehr Erinnerungen werden ausgemerzt.«
»Und dann?« fragte Riggs besorgt.
»Dann kann er wieder zu wachsen beginnen.«
Sie beobachteten schweigend das Haus.
In der Küche gingen die Lichter an, und die Fenster strahlten Gemütlichkeit aus.
Ich auch, dachte Stanford. Eines Tages. Young hat uns den Weg gezeigt. Er hat uns einen Pfad freigemacht. Wir alle hier auf der Erde und in der Galaxis wissen nun, wie man es schaffen kann. Für die nächsten ist es schon leichter. Denn wir können ihnen mehr helfen.
Jetzt haben wir einen Anfang.
Noch ein paar tausend Jahre, und ich gehe auch zurück. Zurück zur Wiege, zu den Kindheitsträumen und den schützenden Armen einer Mutter.
Stanford hatte keine Angst davor.