FÜNF

Frauke hasste die Tristesse von Besprechungsräumen. Überall war es das Gleiche. Weiße Wände, durch Kalender oder Poster verziert, mehrere kalt wirkende Tische mit Stahlrohrgestellen, aneinandergereihte Stühle – an der Wand ein Whiteboard und das früher übliche Flipchart durch einen PC-gesteuerten Beamer ersetzt.

Sie hatte am frühen Morgen den Kriminaloberrat informiert. Michael Ehlers hatte umgehend eine Dienstbesprechung anberaumt und Frauke vortragen lassen.

Hauptkommissar Richter hatte zunächst mit offenem Mund zugehört, sich dann vom Tisch zurückgesetzt, die Beine übereinandergeschlagen und demonstrativ mit dem Kugelschreiber einen Takt auf die Tischplatte geklopft.

Frauke hasste auch Zusammenkünfte dieser Art. In ihren Augen war die oft gepflegte Kultur des »Lasst uns drüber reden« Zeitverschwendung. In Flensburg hatte sie ihr Team informiert, war auch offen gegenüber Anregungen und Vorschlägen ihrer Mitarbeiter, aber diese endlosen Gesprächsrunden …

Madsack und Putensenf lauschten angeregt ihrem Bericht, während Richter dazu übergegangen war, unentwegt den Kopf zu schütteln.

»Bernd, hast du etwas mit deiner Nackenmuskulatur?«, fragte Putensenf schließlich.

Richter straffte sich. »Von dir hätte ich einen solchen Kommentar zuletzt erwartet.« Dann zeigte er mit der Spitze des Kugelschreibers auf Frauke. »Das ist hochgradig unprofessionell, was Sie sich da geleistet haben, Frau Dobermann. Sie werden auch da oben in Dingsbums kaum so gearbeitet haben, wie Sie es hier praktizieren. Abgesehen davon, dass ich durchaus nicht Ihre Annahmen hinsichtlich Thomas Tuchtenhagen teile, stellt sich mir die Frage, ob Sie sich nicht der Begünstigung im Amt zu verantworten haben, weil Sie einen dringend der Tat Verdächtigen haben laufen lassen.«

»Es gibt gute Gründe, die Version der Kollegin Dobermann zu bedenken«, versuchte Ehlers den Leiter der Ermittlungsgruppe zu beschwichtigen.

»Nein«, fuhr Richter den Kriminaloberrat an. »Ein solches Gebaren wie das, was sie da«, dabei zeigte er erneut auf Frauke, »an den Tag legt, deckt sich nicht mit dem, was wir unter solider Ermittlungsarbeit verstehen. Seitdem Frau Dobermann bei uns ist, stört sie unsere Arbeit und die Harmonie im Team.«

»Das sind starke Worte, Bernd«, mischte sich Madsack ein. »Die Kollegin tut nur ihr Bestes.«

»Wenn das das Beste ist, dann will ich das andere gar nicht kennenlernen«, fauchte Richter. »Ich lehne es ab, weiterhin mit Frau Dobermann zusammenzuarbeiten. Du bist zu gutmütig, Nathan. In deinem ewigen Konsensstreben übersiehst du die Fehlentwicklung. Und du, Jakob«, sagte Richter zu Putensenf, »hast auch erkannt, das mit ihr da einiges aus dem Ruder läuft.«

»Ja, also, ähm …«, wand sich Putensenf und verfiel in ein hilfloses Schweigen, als ihn alle ansahen.

»Sind Sie alle von allen guten Geistern verlassen?« Ehlers hatte die Stimme erhoben, was selten bei ihm vorkam. »Darf ich Sie daran erinnern, dass einer aus unserer Runde ermordet wurde? Wir haben Wichtigeres zu erledigen, als uns gegenseitig Schuld zuzuweisen. Ich werde die Konsequenzen aus dem ziehen, wie dieses Team sich derzeit präsentiert. Das garantiere ich Ihnen. Doch jetzt ist genug mit dem Gequengel.« Er sah Frauke an. »Ich ermahne Sie hiermit förmlich. Ihre Vorgehensweise kann man durchaus kritisieren. Andererseits haben mich Ihre Argumente überzeugt. Ich werde veranlassen, dass wir eine weitere Sonderkommission bilden, die der Frage nachgeht, ob Manuela Tuchtenhagen tatsächlich entführt wurde. Zunächst werden wir aber Simone Bassetti noch einmal verhören. Ich erwarte dazu keine Wortmeldungen. Nehmen Sie dies als gegeben hin. Frau Dobermann und Herr Madsack werden sich Bassetti vornehmen.«

Ehlers stand ohne weitere Worte auf und verließ den Raum.

»Wo sind wir hier nur gelandet?«, schimpfte Richter und folgte dem Kriminaloberrat, ohne die anderen am Tisch eines Blickes zu würdigen. Putensenf schlich dem Teamleiter mit gesenktem Haupt wie ein geprügelter Hund hinterher.

»Was soll man dazu sagen?«, fragte Madsack zu sich selbst gewandt und warf Frauke ein Lächeln zu. »Mögen Sie auch einen Kaffee?« Er wartete ihre Antwort nicht ab und watschelte davon.

Wenig später trafen sie sich in dem gemeinsam genutzten Büro. Madsack setzte sich hinter seinen Bildschirm, und sie wechselten kein Wort miteinander. Frauke griff zum Telefon und nutzte die Zeit, um ein paar Erkundigungen einzuziehen. Sie hatte richtig vermutet. Bassetti hatte sich zunächst im Raum Goslar aufgehalten, bevor er nach Hannover übergesiedelt war. Er hatte unter anderem zwei Wochen in einer Landschlachterei in Othfresen gearbeitet, jenem Ort, in dem Frauke gestern Thomas Tuchtenhagen aufgestöbert hatte.

»Klar, der war hier. Den haben wir aber umgehend wieder an die Luft gesetzt«, erklärte ihr der Geschäftsführer unumwunden bei ihrer Rückfrage in dem Betrieb. »Der hat hier nur Unfrieden gebracht. Solche Typen brauchen wir nicht. Wir leisten hier gute und solide Qualitätsarbeit.«

»Hat man versucht, Sie unter Druck zu setzen, oder merkwürdige Forderungen an Sie herangetragen?«

»Das soll man einer versuchen«, dröhnte es lachend aus dem Lautsprecher. »Bei mir nicht!«

Dann saßen sich Madsack und Frauke wieder schweigend gegenüber, bis ihnen gemeldet wurde, dass Bassetti in den Verhörraum gebracht worden war.

Kurz darauf betraten Frauke und Madsack den kahlen Raum. Der uniformierte Beamte nahm dem Italiener die Handschellen ab und bewegte dabei drohend seinen Zeigefinger.

»Schön ruhig bleiben, Freundchen«, mahnte er.

Bassetti warf ihm einen giftigen Blick zu.

»Gab es Probleme?«, fragte Frauke.

»Ein lebhafter Zeitgenosse«, erwiderte der Beamte.

»Auch Sie werden noch von mir hören«, drohte Bassetti Frauke. Er gab einen wütenden Blick in Richtung des uniformierten Polizisten ab, der sich in eine Ecke zurückgezogen hatte und bei Bassettis Wutausbruch geräuschvoll mit den Handschellen geklimpert hatte.

Frauke wiederholte noch einmal die Tatvorwürfe, die sie bereits am Vortag vorgetragen hatte.

»Tsssch«, war Bassettis ganzer Kommentar.

»Sie haben auch Manuela Tuchtenhagen entführt«, sagte Frauke.

Bassetti fuhr in die Höhe, dass sich der Tisch zwischen ihm und den Beamten verschob.

»Wer erzählt so einen Scheiß?«

»Es gibt Zeugen.« Madsack hatte Frauke die Gesprächsführung überlassen.

»Ihr spinnt doch.«

»Frau Tuchtenhagen hat Sie überrascht, als Sie Manfredi erschlagen haben.«

Es sah aus, als wollte Bassetti erneut in die Höhe springen.

»Wenn Sie sich nicht beherrschen können, lasse ich Sie fesseln«, schnauzte Frauke ihn an.

»Du blödes Weib wirst dich noch wundern«, giftete Bassetti zurück und machte mit der rechten Hand eine Geste des Halsabschneidens.

»Wir haben unsere Informationen aus erster Hand.«

»Pah. Das ist doch gelogen. Die Tuchtenhagen kann doch nichts mehr sagen.«

Während Frauke den Verdächtigen aus schmalen Augen musterte, gewahrte sie aus den Augenwinkeln, wie Madsack sie erschrocken ansah.

Hoffentlich sagt er jetzt nichts, dachte sie. Gleichzeitig durchfuhr sie ein eisiger Schreck. Was hatte das zu bedeuten? War Manuela Tuchtenhagen auch ermordet worden, und jagte ihr Ehemann einer falschen Hoffnung hinterher?

»Othfresen!«, sagte Frauke und ließ diesen Ortsnamen auf Bassetti wirken.

Der nagte an der Unterlippe. Erstmals schien er nervös zu wirken.

»Was ist damit? Was soll das sein?«

»Da haben Sie gearbeitet. Und sind rausgeflogen. Sie taugen zu nichts, Bassetti.«

»Das muss mir ausgerechnet so eine wie du sagen, hä?«, schrie der Italiener.

»Sie kennen die Gegend um Goslar sehr gut. Deshalb haben Sie Thomas Tuchtenhagen dorthin gelockt. Und seine Frau.«

»Lüge!«

»Wir haben sie gefunden.« Frauke lehnte sich entspannt zurück. Plötzlich schnellte sie nach vorn und schrie Bassetti an: »Was glaubt ein Versager wie Sie eigentlich, wie dumm wir sind? Othfresen!«

Bassetti war blass geworden. »Ihr könnt sie unmöglich gefunden haben«, sagte er leise.

»Doch. Das Spiel ist aus. Sie haben verloren. Sie und Ihre Familie

Der Italiener zuckte zusammen. Dann schlug er die Hände vors Gesicht.

»Ich sage nichts mehr«, kam es stoßweise zwischen seinen Zähnen hervor. »Ich will sofort Dottore Carretta sprechen.«

Frauke nickte dem uniformierten Beamten zu, der dem Verhör schweigend beigewohnt hatte.

Dann verließen sie und Madsack den Raum.

»Das ist stümperhaft«, empfing sie Richter laut schimpfend. »Aus dem, was an Material gegen den Mann vorliegt, hätten Sie viel mehr herausholen müssen. Den Verdächtigen mit unbewiesenen Behauptungen zu irritieren, hält keinem Gerichtsverfahren stand.« Der Hauptkommissar schüttelte heftig den Kopf. »Mit solchen Methoden versaut man den ganzen Fahndungserfolg.«

Frauke winkte nur ab und ließ Richter stehen.

»Ich rede mit Ihnen«, rief er ihr hinterher.

»Ich aber nicht mit Ihnen«, gab sie über die Schulter zurück.

»Immerhin haben wir jetzt die Vermutung, dass Manuela Tuchtenhagen tot sein könnte«, hörte sie Madsack sagen.

»Hannover liegt doch nicht an der deutschen Märchenstraße«, ließ sich Putensenf vernehmen. Dann war Frauke außer Hörweite. Sie kehrte zu ihrem notdürftigen Arbeitsplatz in Madsacks Büro zurück und setzte sich.

Fünf Minuten später erschien Richter im offenen Türrahmen.

»Madsack nicht da?«, fragte er kurz angebunden.

»Hier bin ich«, vernahm Frauke die Stimme des schwergewichtigen Hauptkommissars hinter Richters Rücken.

»Komm mit«, sagte Richter. »Wir haben etwas zu besprechen.«

»Bei dir?«

»Teamraum. Sag Putensenf Bescheid.«

Man hatte Frauke nicht aufgefordert, an diesem Gespräch teilzunehmen. Jetzt reichte es ihr. Es war verständlich, dass man in Hannover wenig Begeisterung zeigte, dass eine Frau in die Männerdomäne einbrach und andere Ermittlungsmethoden mitbrachte. Sie war Erste Hauptkommissarin, Richter hingegen »nur« Hauptkommissar. Der Ermittlungsgruppenleiter sah seine Felle davonschwimmen, obwohl Frauke es weder auf seine Position abgesehen hatte noch seine Autorität hatte untergraben wollen. Ihr kam es auf den gemeinsamen Erfolg an. Sie musste ein ernsthaftes Wort mit Ehlers reden.

Sie stand auf und suchte das Büro des Kriminaloberrats auf. Es war verwaist. Ob Ehlers mit den anderen unter einer Decke steckte? Warum hatte man sie von der Besprechung ausgeschlossen? Es konnte nur sein, dass man über sie sprach.

Unschlüssig stand sie einen Moment auf dem Flur. Dann fasste sie einen Entschluss. Sie ging nacheinander in die Büros der Mitglieder der Ermittlungsgruppe und ließ dabei auch nicht den Raum des Vorgesetzten sowie Madsacks Büro aus.

Nach einer Viertelstunde saß sie wieder auf dem Besucherstuhl an Madsacks Schreibtisch, ohne dass jemand ihre Aktion bemerkt hatte.

Sie nutzte die Zeit, um mit verschiedenen Wohnungsmaklern zu telefonieren. Es störte sie, dass sie immer noch im Hotel hauste. Hier, in Hannover, war alles auf »vorläufig« ausgerichtet: der Arbeitsplatz, die Unterkunft, die Zusammenarbeit mit den Kollegen. Und auch der kurze Kontakt zu Lars von Wedell war nur »vorläufig« gewesen, ging ihr voller Bitternis durch den Kopf, als sie an den ermordeten Kollegen denken musste.

Es verging eine weitere Stunde, bis Madsack erschien.

»Es geht weiter«, sagte er atemlos. »Bassetti und sein Anwalt wollen mit uns sprechen.«

»Mit uns?«

Frauke ärgerte sich im selben Moment über ihre Frage, weil sie damit zu erkennen gab, dass es ihr etwas ausmachte, nicht mehr in das Team eingebunden zu sein.

»Wieso?«, fragte Madsack erstaunt zurück. »Der Chef hat es doch selbst angeordnet.«

Im Verhörraum warteten bereits Bassetti und sein Anwalt. Der Verdächtigte spielte nervös mit den Fingern und sah kaum auf, als die beiden Beamten eintraten. Dottore Carretta beschränkte sich auf ein kurzes Nicken.

»Mein Mandant möchte eine Erklärung abgeben«, begann der Advokat und legte eine lange Kunstpause ein, in der er seinen Blick über den oberen Brillenrand zwischen Frauke und Madsack hin und her wandern ließ. Dann tat er, als würde er in seinen Unterlagen kramen.

Frauke registrierte, dass Carretta mit dem Zeigefinger seiner faltigen Hand am Rand von Papieren entlangfuhr, dabei die Bögen aber so hielt, dass die beiden Beamten keinen Einblick nehmen konnten. Der Mann war ein erfahrener Anwalt und wusste, dass man durch solche Mätzchen sein Gegenüber nervös machen konnte. Sie hielt ihren Blick starr auf Carretta gerichtet und schenkte ihm die Andeutung eines Lächelns.

Schließlich räusperte sich der Advokat.

»Mein Mandant hat einen Fehler gemacht.« Dabei warf er einen fast väterlich wirkenden Seitenblick auf Bassetti. »Er hat ein Techtelmechtel mit Manuela Tuchtenhagen gehabt. Das hat Marcello Manfredi nicht gepasst, der bereits seit der Oldenburger Zeit ein Verhältnis mit Manuela hatte.«

Carretta schlug die Augen nieder, klopfte sich theatralisch mit der Faust gegen die Brust und neigte sein Haupt. »Wir Italiener und amore«, sagte er und zeigte sein gelbes Gebiss, als er zu lächeln versuchte.

Bassetti nickte eifrig, als müsse er durch eine solche Geste die Worte seines Anwalts unterstreichen.

»Was soll ich sagen?«, fuhr Carretta fort. »Die beiden haben sich gestritten. Welcher italienische Mann möchte schon freiwillig auf eine schöne Frau verzichten?«

»Sie wollen doch nicht behaupten, Bassetti und Manfredi hätten sich ernsthaft um die Ehefrau eines anderen gestritten?«, fragte Madsack ungläubig.

»Si«, antwortete Carretta. »Doch.«

Frauke maß die beiden Männer mit einem misstrauischen Blick. »Weiter«, forderte sie den Anwalt auf.

»Alles ist aufgeklärt.« Carretta zeigte Frauke die beiden offenen Handflächen. Es sah wie die Einladung zu einer Umarmung aus.

»Überlassen Sie solche Feststellungen uns«, sagte sie unwirsch. »Und warum hat Ihr Mandant Frau Tuchtenhagen ermordet?«

»Das war ein Unfall. Ein ganz bedauerlicher.« Es sah aus, als würde Carretta mitleiden und kurz vor einem Tränenausbruch stehen. »Manuela und mein Mandant haben sich danach getroffen. Natürlich hat die Frau Simone Vorhaltungen gemacht, weil er sein Temperament nicht zügeln konnte. Jede Frau mag es, wenn ein Mann um sie kämpft. Aber wenn es dabei zu hitzig wird und jemand unglücklich mit einem Fleischhammer zuschlägt, weil er sich gegen einen Angriff gewehrt hat – ja, es war Notwehr.«

Carretta konnte trotz aller Professionalität nicht verbergen, dass ihm dieser Gedanke gerade eingefallen war.

»Soso«, sagte Frauke spöttisch.

»Si. Notwehr.«

»Wir haben aber keine Kampfspuren feststellen können.«

»Da kann ich nichts zu sagen. Ich bin nur ein kleiner Rechtsanwalt, kein Kriminalwissenschaftler. Vielleicht sollten Sie noch einmal suchen lassen. Es müssen Kampfspuren vorhanden sein. Mein Mandant bezichtigt sich doch nicht freiwillig dieser unglücklichen Tat.«

»Und warum hat er Manuela Tuchtenhagen getötet?«

Carretta verzog das Gesicht, sodass es nur noch aus Falten bestand. Der Anwalt war ein hervorragender Schauspieler, befand Frauke.

»Ich bin seit vielen Jahrzehnten im Dienste der Gerechtigkeit tätig. Aber von so einem unglücklichen Zufall habe ich in meinem ganzen langen Leben noch nicht gehört. Als Manuela und Simone sich trafen, nach dem Unglück mit Manfredi, hat die Frau ihm Vorwürfe gemacht.«

Carretta begleitete jede seiner Ausführungen mit einer lebhaften Gestik, nur die durch die schmalen Augenschlitze kaum sichtbaren Augen waren starr auf Frauke gerichtet. Jetzt legte er die Fingerspitzen beider Hände gegen seine Brust.

»Ich verstehe die Frau. Sie hat ja recht gehabt. Auch wenn man sehr liebt, darf man nicht so zornig werden wie mein Mandant. Wie soll ich es erklären – es kam zu einem kleinen unbedeutenden Handgemenge zwischen den beiden. Statistisch ist das nicht erklärbar, aber mein Mandant hatte das Pech, innerhalb weniger Stunden in zwei Unfälle verwickelt zu sein.«

Bassetti nickte heftig zu den Ausführungen seines Anwalts.

»Eine solche phantastische Lügengeschichte ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht vorgetragen worden«, sagte Frauke. »Sie beleidigen unsere Intelligenz, wenn Sie uns solche Märchen weismachen wollen.«

Jetzt hob Carretta beide Hände in Kopfhöhe, als wolle er sich ergeben.

»Ich würde genauso reagieren wie Sie, Signorina

»›Frau‹ bitte!«

»Die deutsche Justiz ist eine der gründlichsten und fairsten der Welt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass in dem Prozess alles aufgeklärt wird. Und mein Mandant wird alles tun, um zur Klarheit beizutragen.«

»Und wie erklärt er die Entführung Manuela Tuchtenhagens?«

»Es gab nie eine Entführung. Das sind Hirngespinste des gehörnten Ehemanns. Mir tut der Mann leid. Erst verliert er seine Frau an zwei andere Männer, und dann kommt sie auch noch bei einem Unglücksfall ums Leben. Da kann es vorkommen, dass er ein wenig wirr im Kopf wird.«

»Warum haben Sie den Polizisten ermordet?«, wandte sich Frauke überraschend an Bassetti.

Der zuckte zusammen. »Ich habe keinen Polizisten ermordet. Ehrlich«, stammelte er und sah hilfesuchend seinen Anwalt an.

»Da wäre noch etwas«, versuchte Carretta abzulenken. »Damit Sie sehen, dass wir offen mit der Polizei kooperieren wollen. Die Sache mit den Rauschgiftbriefchen im Schinken … Das war eine Dummheit. Dafür übernimmt Simone Bassetti die volle Verantwortung.«

»Und der falsch etikettierte Schinken?«

»Mein Mandant ist doch nur ein kleines Licht. Er war froh, Arbeit gefunden zu haben. Diesen Job hätte er doch sofort wieder verloren, wenn er nicht das getan hätte, was man von ihm verlangte. Hinter diesem Schwindel stecken Thomas Tuchtenhagen und der Geschäftsführer.«

»Alexander Steinhövel.«

Carretta nickte heftig.

»Si. Genau der. Ich bin es gewohnt als Vertreter der kleinen Leute«, dabei zeigte er auf Bassetti, »dass man den Großen nur schwer beikommt. Ich fürchte, es wird Ihre Aufgabe sein, die Beweise gegen die beiden sauberen Herren zu sammeln. Ich meine, wegen des Betrugs mit dem falschen Schinken.«

»Wo ist Manuela Tuchtenhagens Leiche?«

Carretta bekreuzigt sich rasch. »Die hat mein Mandant in großer Panik in einem Waldstück bei Goslar vergaben. Gibt es mehr Beweise für die Kurzschlussreaktion? Natürlich wird er die Polizei dorthin führen.«

Der Anwalt sah Bassetti mit einem fast väterlichen Blick an. Dann legte er seine Hand auf die Bassettis.

»Wir sollten das Verhör an dieser Stelle abbrechen. Mein Mandant ist fix und fertig. Und auch mich hat es sehr mitgenommen.«

Frauke und Madsack hatten den Raum kaum verlassen, als Bernd Richter auf sie zugestürmt kam, Jakob Putensenf im Schlepptau.

»Ich kann es nicht fassen, wie dilettantisch Sie Ihre Verhöre leit…«, brüllte er sie an.

Frauke trat ganz dicht an Richter heran, dass sich die Fußspitzen fast berührten.

»Kommen Sie sich nicht allmählich lächerlich vor, Richter, ständig wie der Seppl aus der Box an die Luft zu springen, anstatt konstruktiv an der Aufklärung des Falls mitzuwirken? Ich habe von Ihnen noch nicht viel gesehen, abgesehen davon, dass Sie auf dem Messegelände erfolglos in der Luft herumgeballert haben.«

Sie drehte sich zu Madsack um. »Kümmern Sie sich um das Protokoll, Madsack. Und darum, dass eine Hundertschaft zur Bergung der Leiche Manuela Tuchtenhagens bereitgestellt wird«, sagte sie in barschem Ton. Der schwergewichtige Hauptkommissar nickte und war ebenso verblüfft wie Richter.

Frauke hatte sich seit ihrem Dienstantritt in Hannover bemüht, die Tonart und die Umgangsformen zu unterdrücken, mit denen sie in Flensburg erfolgreich war. Dort oben hatte es sie nicht gestört, dass man ihr burschikoses Verhalten und unfreundlich wirkendes Auftreten vorwarf. Offenbar war es in einer von Männern dominierten Welt, in der es auch noch »Futterneid« gab, nicht möglich, ruhig und sachlich miteinander zu kommunizieren. Um endlich die Fronten zu klären, schnauzte sie auch noch in Putensenfs Richtung: »Und Sie können sich Ihre frauenfeindlichen Kommentare sparen, Putensenf.«

Ohne die Reaktion der drei sie mit offenem Mund anstarrenden Männer abzuwarten, drehte sie sich um und ging in Richtung ihres provisorischen Arbeitsplatzes. Sie spürte förmlich die Blicke, die sich in ihren Rücken bohrten. Trotzdem hatte sie das erste Mal in Hannover ein Gefühl der inneren Befreiung, nachdem man sie in Flensburg mit den Vorwürfen ihres ehemaligen Vorgesetzten so tief verletzt hatte.

Nach einer Viertelstunde erschien Hauptkommissar Madsack in der offenen Bürotür und klopfte sogar in seinem eigenen Büro an den Türrahmen.

»Wir könnten ausrücken, Frau Dobermann. Ich habe alles arrangiert. Bassetti wird durch die Bereitschaft an den Ort gebracht. Sein Anwalt möchte auch dabei sein. Wie ist es mit Ihnen?«

»Natürlich fahre ich. Nehmen Sie mich mit?«

Madsack nickte stumm.

Wenig später saßen sie im Auto und fuhren Richtung Harz. Jakob Putensenf hatte sich hinters Lenkrad geklemmt, Madsack war wie selbstverständlich auf die Rückbank ausgewichen. Gern hätte Frauke gefragt, wo Bernd Richter geblieben war und wie er nach ihrem Abwenden auf dem Flur reagiert hatte. Aber diese Blöße wollte sie sich nicht geben.

»Glauben Sie, was der Anwalt erzählt hat?«, fragte Madsack unterwegs.

»Natürlich nicht. Das ist ein Fuchs. Der hat uns eine tolle Story aufgetischt. Bassetti wird uns als Täter präsentiert. Ich glaube schon, dass er der Mörder von Manfredi und Manuela Tuchtenhagen ist. Natürlich steckt da kein Eifersuchtsdrama dahinter, sondern etwas ganz anderes. Bassetti wird geopfert, um von der Organisation abzulenken.«

»Den Verdacht hatte ich auch«, sagte Madsack. »Nur wird es schwerfallen, die dahinterstehenden Strukturen aufzubrechen.«

»Gut, Madsack.«

»Setzen, Eins«, meldete sich Putensenf zu Wort.

»Haben Sie auch einen qualifizierten Kommentar?«, fragte Frauke in seine Richtung. Dann sprach sie über die Schulter zu Madsack:»Es wird ein hartes Stück Arbeit werden, Bassetti die Mitwirkung am organisierten Verbrechen und den vorsätzlichen Mord nachzuweisen. Das sogenannte freiwillige Geständnis macht auf das Gericht bestimmt Eindruck. Das hat der italienische Advokat gerissen eingefädelt. Wir wissen noch nichts von der gesamten Organisation, die vom manipulierten Fleischexport bis zum Rauschgifthandel alles fest im Griff hat. Bassetti, da bin ich mir sicher, ist nur ein kleines Licht.«

»Und wer zieht die Fäden?«, fragte Madsack.

»Keine Ahnung«, antwortete Frauke.

Putensenf räusperte sich. »Haben Sie eine Vermutung, wer Lars von Wedell ermordet hat? Könnte das nicht doch Thomas Tuchtenhagen gewesen sein?«

»Bassetti war es nicht«, stellte Frauke klar.

»Und Tuchtenhagen?«, bohrte Putensenf noch einmal nach.

Frauke zeigte nach vorn. »An der nächsten Abfahrt müssen wir von der Autobahn.«

»Dann nicht«, brummte Putensenf und zog sich beleidigt zurück.

Nach einer Weile wandte sich Frauke erneut an Madsack.

»Wir haben uns gefragt, wie Tuchtenhagen von seiner Frau informiert worden ist, als wir noch davon ausgingen, dass er ihr bei der vermeintlichen Flucht behilflich war. Dabei wurde auch Tuchtenhagens Handy überwacht.«

»Richtig.«

»Weshalb hat man bei dieser Gelegenheit nicht festgestellt, dass er von Bassetti angerufen wurde? Wären diese Gespräche zurückverfolgt worden, hätten wir die Verbindung zu Bassetti früher aufgedeckt.«

Madsack schwieg eine Weile betreten. »Ich fürchte, da ist eine Panne geschehen. Die Telefonüberwachung konzentrierte sich auf die Ehefrau. Anderen Anrufern hat man keine Beachtung geschenkt.«

»So etwas darf nicht passieren«, schimpfte Frauke.

»Wir sind eben alle nur Menschen«, sagte Madsack kleinlaut.

Putensenf grunzte etwas Unverständliches. Dann räusperte er sich.

»Das können wir so nicht stehen lassen«, sagte er leise. »Wir wissen beispielsweise, dass Tuchtenhagen am Montagmorgen, als Manfredi ermordet wurde, tatsächlich während des Regens im Stau gesteckt und dort Zeit verloren hat. Es gab zur fraglichen Zeit einen Unfall auf der Bernadotte-Allee kurz vor der Kreuzung Fritz-Behrens-Allee. Das liegt auf Tuchtenhagens Arbeitsweg. Das haben wir recherchiert.«

»Und warum erfahre ich das erst jetzt?«

»Die Ermittlungsergebnisse werden bei Bernd Richter konsolidiert«, sagte Putensenf kleinlaut.

»Das nennen Sie Teamarbeit?«

»Ich bin nicht der Ermittlungsgruppenleiter«, murmelte Putensenf, ohne Frauke dabei anzusehen. Er bremste ab und hielt an der Ampel, um links in den Ort abzubiegen. An dieser Ecke lag das Restaurant, in dem Frauke am Vorabend Thomas Tuchtenhagen ausfindig gemacht hatte. Beim Vorbeifahren registrierte sie, dass der Leihwagen des Mannes verschwunden war.

Bei Tageslicht sah Othfresen ein wenig freundlicher aus. Die alten, zum Teil restaurierten Fachwerkhäuschen strahlten sogar einen gewissen Charme aus.

Am Ortsende wies Frauke Putensenf an, abzubiegen. Sie fuhren über einen Feldweg, der zunächst parallel zur Hauptstraße lief, dann links abbog, am Rande der Neubausiedlung entlangging und auf einen anderen Wirtschaftsweg stieß, der Richtung Wald führte.

»Und wo soll das sein?« Putensenf wirkte immer noch unzufrieden.

»Das sollten Sie wissen. Aufgabe der Polizei ist das stete Suchen.«

»Blöde Phrase«, grummelte Putensenf und sah gleichzeitig mit den beiden anderen die Polizeifahrzeuge, die weiter oben am Waldrand standen.

Neugierige Blicke von gut zwanzig uniformierten Polizeibeamten und ein paar Zivilisten empfingen sie. Der rötliche Haarschopf des Goslarer Kripobeamten Eder leuchtete deutlich sichtbar aus der kleinen Ansammlung hervor.

»Hallo, Sie beschäftigen uns aber ganz gut in der letzten Zeit«, sagte Eder und reichte zunächst Frauke, dann den beiden anderen die Hand. »Wir haben schon einmal gesucht, aber nichts gefunden. Wann soll der Verdächtige eintreffen?«

»Der ist unterwegs«, erwiderte Frauke und setzte Eder in dem Maße ins Bild, wie es ihr für diese Aktion notwendig erschien.

»Meistens ist unsere Arbeit weniger spektakulär«, sagte Eder. »Da ist so was eine kleine Abwechslung. Ob das aber immer so willkommen ist, wenn es dabei um Menschenleben geht, wage ich zu bezweifeln. Gottlob haben wir hier selten vergrabene Leichen.«

»Der Mensch an sich ist böse«, antwortete Frauke mit einer Phrase.

»Besonders, wenn er weiblich ist«, murmelte Putensenf, allerdings nicht leise genug.

»Sie können die Zeit nutzen, um in Hannover anzufragen, ob es schon eine Auswertung der DNA-Proben gibt.«

»Welche?«

»Auf dem Fleischhammer. Finden sich dort Spuren von Bassetti?«

»Das sind Labormäuse und keine Hexer«, erwiderte Putensenf.

»Machen Sie«, sagte Frauke barsch und folgte Eder zum Einsatzleiter des Zuges der Bereitschaftspolizei, um Putensenf keine Möglichkeit der Widerrede zu geben.

Es dauerte noch eine weitere Stunde, bis Bassetti in einem zivilen Fahrzeug, begleitet von zwei Frauke nicht bekannten Kripobeamten, eintraf.

Der Italiener sah bleich aus. Er sah sich nervös um und hielt demonstrativ seine gefesselten Hände hoch, aber niemand reagierte darauf.

»Gehen Sie voran«, forderte Frauke ihn auf. Sie folgte Bassetti, der von zwei Streifenbeamten eskortiert wurde. Zunächst gingen sie noch ein Stück am Waldrand entlang, bis der Mann unschlüssig stehen blieb.

»Ich glaube, hier war es«, sagte er leise und bog in einen kleinen Trampelpfad ab, der leicht bergan führte. Nach zweihundert Metern hielt er an und kratzte sich den Haaransatz an der Stirn.

»Ich bin mir nicht sicher. Es ging alles so schnell.« Er zeigte mit beiden Händen in Richtung einer kleinen Tannenschonung. »Da drüben.« Sie brachen durch das dichte Unterholz, bis Bassetti stehen blieb. »Hier, hinter diesem Gestrüpp.«

Der Hauptkommissar des Bereitschaftszuges ging voraus und sah sich die Stelle an.

»Das sieht nicht aus, als wäre dort vor Kurzem gegraben worden«, sagte er von Weitem.

Frauke sah Bassetti an.

»Das sieht hier alles gleich aus. Aber hier war es. Ehrlich.«

»Lassen Sie Ihre Männer den Umkreis absuchen«, bat Frauke den Führer des Bereitschaftszuges.

Der erteilte ein paar Anweisungen, und nach wenigen Minuten rief ein junger Polizist von einer nahen Stelle: »Ich glaube, hier könnte es sein.«

Der gesamte Tross wechselte den Standort, und Bassetti nickte stumm, als Frauke ihn ansah.

Der Hauptkommissar sagte: »Dann man los«, und zwei Polizisten stießen ihre Spatenblätter ins lockere Erdreich.

Stumm beobachteten die Anwesenden, wie sich Schippe um Schippe Erde neben der Fundstelle anhäufelte. Die beiden Beamten kratzten mehr die Erde ab, als dass sie tief gruben. Sie waren erst zwei Handbreit tief eingedrungen, als einer stoppte, sich niederbeugte und rief: »Hier ist was!«

Er wischte mit der Hand eine dünne Erdschicht beiseite und hielt erschrocken inne, als ein Stofffetzen sichtbar wurde.

»Stopp«, sagte sein Vorgesetzter.

Sichtlich erleichtert zog sich der junge Polizist zurück.

»Den Rest überlassen wir der Spurensicherung«, entschied Frauke und wandte sich ab. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Madsack bereits zum Telefon gegriffen hatte.

Da eindeutig feststand, dass Fundort und Tatort nicht identisch waren, gab es hier nichts, was für eine erfahrene Mordermittlerin hätte von Interesse sein können. Und Bassetti hatte den Mord gestanden. Sollte er nicht allein hier gewesen sein, so wären alle weiteren Spuren eines Komplizen ohnehin zertrampelt.

Frauke ging auf Bassetti zu, der mit grauem Gesicht dem Ganzen gefolgt war.

»Ist das ein tolles Gefühl, wenn die sterblichen Überreste des Menschen ausgegraben werden, den man ermordet hat?«

Der Italiener sah sie aus tief liegenden Augen an. Dann schüttelte er sich, als hätte er Fieber.

»Was sagen Sie dazu?«, forderte ihn Frauke zum Sprechen auf.

Aber Bassetti schwieg eisern.

»Wollen Sie uns immer noch das Märchen von der Eifersucht, der verschmähten Liebe auftischen? Mensch. Sagen Sie endlich die Wahrheit. Wer hat Sie beauftragt, Manfredi zu ermorden? Und Manuela Tuchtenhagen musste sterben, weil sie zufällig Zeugin des ersten Mordes wurde.«

»Sie haben ja keine Ahnung!«, schrie Bassetti sie in einem plötzlichen Wutanfall an. Nur die fest zupackenden Beamten an seiner Seite hinderten ihn daran, auf Frauke loszustürmen. »Ich habe alles gesagt. So war es. Und nicht anders.«

»Wir werden Ihnen und Ihren Hintermännern schon auf die Schliche kommen«, sagte Frauke.

»Blöde Kuh. Wie oft soll ich es noch sagen: Es gibt keine Hintermänner. Das sind alles Hirngespinste.«

Frauke nickte den beiden Kripobeamten zu, die Bassetti hergebracht hatten. »Zurück nach Hannover«, sagte sie und wunderte sich nicht, dass ihre eigene Stimme müde klang.

Frauke saß auf dem Besucherstuhl, Madsack hatte hinter seinem Schreibtisch Platz genommen. Putensenf hatte sich ohne ein Wort in den Feierabend verabschiedet.

»Das haben Sie gut gemacht«, sagte der korpulente Hauptkommissar leise.

Frauke schüttelte den Kopf. »Wir sind noch lange nicht am Ziel. Bassetti dürfte als überführt gelten. Wir haben nicht nur sein Geständnis, das ich immer noch für falsch halte. Zumindest die Tatmotive betreffend. Falls er sich es anders überlegen sollte, gibt es drückende Beweise gegen ihn. Er kannte den Fundort der Leiche. Und seine DNA-Spuren haben wir auf dem Fleischhammer gefunden. Er hat folglich die Tatwaffe in Händen gehalten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit als Letzter.«

»Das ist doch ein guter Ansatz«, sagte Madsack.

»Nein.« Fraukes Antwort fiel schroffer aus als gewollt. »Wir werden doch an der Nase herumgeführt. Bassetti mag der Täter sein. Aber alles, was dahintersteckt, blüht noch im Verborgenen. Und das ist so gewaltig, mein lieber Madsack, dass Bassetti sich freiwillig ans Messer liefert. Und dann bliebe noch die größte unbeantwortete Frage.«

»Lars von Wedell.« Madsacks Stimme klang fast tonlos.

Frauke gab sich einen Ruck. »Es gibt noch eine traurige Pflicht zu erfüllen. Thomas Tuchtenhagen glaubt immer noch, dass seine Frau nur entführt wurde.«

»›Nur‹ klingt fast ein wenig zynisch«, gab Madsack zu bedenken.

»So schlimm eine Entführung für die Angehörigen auch sein mag, bleibt doch immer noch ein Funke Hoffnung. Jetzt muss jemand Tuchtenhagen informieren.«

»Der ist doch flüchtig. Wir können ihn gar nicht benachrichtigen«, warf Madsack ein.

Möglicherweise hatte der Kollege recht, dachte Frauke. Trotzdem war es eine menschliche Verpflichtung, den Mann zu suchen.

»Ich übernehme das«, sagte sie.

»Danke«, sagte Madsack. Ihm war die Erleichterung deutlich anzusehen.

»Wo steckt eigentlich Bernd Richter?«

Madsack schüttelte den Kopf, dass das Doppelkinn in Bewegung geriet.

»Das weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit wir aus dem Verhörraum gekommen sind.«

»Ich denke, wir kommen auch ohne ihn aus.« Frauke sah Madsack dabei fest an.

Der wich ihrem Blick aus und sah auf seinen Bildschirm. »Ich werde dann auch Feierabend machen«, sagte er.

Sie gingen gemeinsam zum Parkplatz hinter dem Haus und stiegen in ihre Fahrzeuge.

Frauke hatte keine Mühe, das Haus des Ehepaars Tuchtenhagen zu finden. Die Straße lag trotz der frühen Stunde verlassen da. Niemand war zu sehen, kein Kindergeschrei oder Hundegebell zu hören. Anhand der vielen Autos war aber ersichtlich, dass die Mehrheit der Bewohner zu Hause sein musste. Sie fand erst ein Stück die Straße hinab einen Parkplatz und ging gemächlich zum Haus zurück.

Der Vorgarten, der bei ihrem ersten Besuch am Montag noch gepflegt ausgesehen hatte, wirkte vernachlässigt. Jemand hatte eine der kostenlosen Werbezeitschriften vor die Tür gelegt. Das Blättchen hatte sich durch den Wind aufgeblättert und lag nun auf der kleinen Grünfläche vor dem Haus.

Frauke klingelte. Nichts rührte sich. Sie versuchte es erneut. Doch niemand nahm von ihrer Anwesenheit Notiz. Sie legte ihren Finger auf den Knopf und ließ es fortwährend läuten. Nach ein paar Minuten hörte sie, wie ein Schlüssel gedreht wurde. Thomas Tuchtenhagens rotes Gesicht erschien im Türspalt.

»Was soll das, verdammt!«, fluchte er. Dann erkannte er Frauke. »Sie schon wieder. Ich habe keine Lust auf Unterhaltung.«

Deutlich roch Frauke den Alkohol, den Tuchtenhagen getrunken haben musste. Seine Augen waren glasig, seine Sprechweise schwerfällig.

Vorsichtig drückte sie gegen die Tür. »Ich muss mit Ihnen reden.«

Er ließ es geschehen und trottete mit unsicheren Schritten ins Wohnzimmer. Mit einem »Hups« auf den Lippen ließ sich Tuchtenhagen in einen Sessel fallen. Auf dem Tisch standen eine halb volle Cognacflasche und ein Wasserglas. Der Mann hatte sich nicht einmal der Mühe unterzogen, einen Cognacschwenker hervorzuholen.

»Auch einen?«, brachte er mit schwerer Zunge hervor.

Es tat Frauke leid, aber Tuchtenhagen schien einer behutsamen Erklärung nicht mehr zugänglich.

»Wir haben Ihre Frau gefunden.«

Tuchtenhagen, der erneut zur Flasche greifen wollte, hielt mitten in der Bewegung inne.

»Was?«, schrie er.

»Manuela.«

Er stemmte sich mit beiden Händen auf den Sessellehnen auf und versuchte, sich in die Höhe zu drücken, ließ aber wieder von seinem Vorhaben ab.

»Ihre Frau ist einem Unfall zum Opfer gefallen.«

»So ein Blödsinn.« Tuchtenhagen tippte sich gegen die Stirn. »Sie ist doch gar nicht Auto gefahren.«

»Ich spreche nicht von einem Verkehrsunfall.«

Der Mann lachte hektisch auf. »Dann kann sie ja gar keinem Unfall zum – wie sagten Sie? – Opfer gefallen sein.« Erneut unternahm er einen Versuch, zur Flasche zu greifen. Doch Frauke war schneller. Sie stellte den Cognac außer Reichweite von Tuchtenhagen neben sich auf den Tisch.

»Sie hören jetzt auf mit dem Saufen. Ihre Frau ist ermordet worden.«

Tuchtenhagen winkte lässig ab. »Kann nicht sein«, lallte er und schien im ersten Moment erleichtert, dass es doch kein Unfall war.

Dann erstarrte er. Es erschien Frauke eine Ewigkeit, die ihr Gegenüber damit zubrachte, irgendwohin zu starren. Schließlich drehte er den Kopf in Fraukes Richtung.

»Aber wieso denn?«, fragte er. »Warum sollte Manuela ermordet worden sein? Und von wem?«

»Wir haben den vermutlichen Täter gefasst. Simone Bassetti.«

»Der hat doch keinen Grund.« Tuchtenhagens Stimme klang jetzt weinerlich.

»Er behauptet, er und Marcello Manfredi hätten gleichzeitig ein Verhältnis mit Ihrer Frau gehabt.«

»Der ist …«, begann Tuchtenhagen und brach ab. Er schluckte mehrfach, bis er erneut sprach. »Der ist nicht ganz dicht. Manuela hatte mit niemandem ein Verhältnis. Ganz bestimmt nicht. Weder sie noch ich.«

»Es gibt ein mögliches anderes Motiv. Wir glauben, dass Ihre Frau zufällig Zeugin des Mordes an Manfredi geworden ist.«

Und der Mord an Manfredi war nicht geplant, fiel Frauke in diesem Moment ein. Bassetti wäre bestimmt nicht in das Büro gegangen und hätte Manfredi gezielt getötet, wenn dessen Sekretärin anwesend war. Die beiden mussten eine handfeste Auseinandersetzung gehabt haben, in deren Verlauf es zu den tödlichen Verletzungen gekommen war. Das war Totschlag. Im Unterschied dazu war die Tötung Manuela Tuchtenhagens kaltblütiger Mord, um die erste Straftat zu vertuschen.

»Und deshalb musste Manuela sterben?« Tuchtenhagen schüttelte sich. »Das ist doch nicht fassbar.«

»Bei dem Streit zwischen Manfredi und Bassetti ging es vermutlich um die manipulierten Schinken, die als Original Parmaschinken in den Nahen Osten verkauft wurden.«

»Das ist doch eine Lappalie. Dafür muss doch niemand sterben.«

Frauke hatte den Eindruck, dass Tuchtenhagen zunehmend aufnahmefähiger wurde.

»Sie wussten davon?«

»Von dem Schwindel mit dem Schinken? Ich habe es mir gedacht. Natürlich habe ich die falsche Etikettierung entdeckt und Steinhövel gefragt, was das soll. ›Halten Sie sich da raus‹, hat er geantwortet. Er hatte damit gedroht, dass mein Job auf dem Spiel steht.«

»Und das wäre unschön gewesen, nachdem Sie schon einmal nicht genau hingesehen haben – damals in Oldenburg.«

»Das war dumm von mir. Aber ich habe bei Schröder-Fleisch eine zweite Chance bekommen.«

»War das eine Belohnung dafür, dass Sie in Oldenburg nicht ausgepackt haben?«

Tuchtenhagen hob beide Hände. »Sie wissen es ja doch.«

Frauke schob sich auf ihrem Sessel ein wenig nach vorn.

»Morgen werden sich die Kollegen bei Ihnen melden. Es gibt noch eine Reihe von Formalitäten zu klären. Kann ich noch etwas für Sie tun? Brauchen Sie einen Arzt?«

Tuchtenhagen lachte bitter auf und zeigte auf die Schnapsflasche. »Der hilft mir.«

»Trotz der Dinge, die Sie jetzt überrollt haben – das ist keine Lösung.«

»Was wissen Sie denn schon? So jemand hat doch keine Sorgen. Einen sicheren Beamtenjob, keinen Stress, keinen Druck von oben. Nein!« Er griff zur Schnapsflasche. »Ich brauche keine Hilfe. Ich werde künftig auch allein zurechtkommen müssen.« Dann brachen die Tränen hervor. »Es ist besser, Sie gehen jetzt«, sagte er schluchzend.