EINS

Die tief liegenden Wolken hüllten die Stadt in ein düsteres Grau. Wo sonst eine farbenfrohe Schaufenstergestaltung, ein blumengeschmückter Balkon oder das aufreizende Bunt der nachsommerlichen Frauenkleidung dem Auge einen Anhaltspunkt bot, deckte der kräftige Landregen heute alles zu. Kaum jemand hatte sich auf die Straße getraut. Wer konnte, blieb in den eigenen vier Wänden.

Stoßstange an Stoßstange tasteten sich die Fahrzeuge Richtung Innenstadt. Handwerker, gewerbliche Arbeitnehmer und ein paar unentwegte Büroangestellte hatten ihren Arbeitsplatz erreicht. Der Rest saß in seinem Wagen, plierte durch die regennasse Windschutzscheibe und erfuhr den ersten Stress des Tages, der die Menschen unweigerlich erfasste, wenn ein simpler Regen den Strom der Autos noch zäher fließen ließ, als es der morgendliche Berufsverkehr in Hannovers Innenstadt ohnehin nur zuließ.

Gerlinde Scharnowski zog die Nase kraus. Ihr graues Haar hatte sie mit einer durchsichtigen Regenhaube aus Plastik geschützt. Über den Schultern hing das leichte Regencape. Die dunkle Stoffhose wies an der Rückseite schmutzig graue Regenspritzer auf, während die Füße in Schuhen mit Gummisohlen steckten.

Der Regen war über Nacht gekommen. Noch am Vortag hatte sie mit ihrem Mann Hubert bis zum frühen Abend auf dem Balkon gesessen und die immer noch kräftige Septembersonne genossen. Auch der unangenehme Regen hielt sie nicht von ihrem allmorgendlichen Ritual ab. Beim Bäcker hatte sie die drei Brötchen gekauft, die sich die beiden alten Leute zum Frühstück teilten. Dann war sie zum kleinen Zeitungsladen gegangen, um die Hannoversche Allgemeine und die Bildzeitung zu kaufen. Seit beide vor vielen Jahren in den Ruhestand gegangen waren, gehörte das schweigsame Zeitunglesen, zu dem das Morgenmahl eingenommen wurde, zu ihren lieb gewonnenen Gewohnheiten.

»Bring ein paar Stumpen mit«, hatte ihr Hubert aus dem Badezimmer hinterhergerufen und dabei sein mit weißem Rasierschaum verziertes Gesicht durch den Türspalt gesteckt. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Hubert verwandte für Zigarillos immer noch den von seinem Vater übernommenen Begriff »Stumpen«.

Sie hatte ein paar Worte mit Hassan, dem Betreiber des Zeitungsladens gewechselt. Jahrzehnte hatte die Familie Schiller das Geschäft betrieben, zunächst die Alten, dann hatte die Tochter den Laden übernommen. Irgendwann hatte die an Hassan verkauft. Und mittlerweile hatten sich auch die älteren Menschen des Viertels an den stets gut gelaunten Mann aus Afrika gewöhnt.

»So ein Schietwetter«, schimpfte Gerlinde Scharnowski, als sie auf die Straße trat.

»Das bleibt nicht so«, sagte Hassan hinter ihrem Rücken. »Bis Mittag hört das auf. Bestimmt.«

»Bis morgen«, rief sie dem Zeitungshändler zu und erschrak, als eine Frau dicht an der Hauswand entlanglief und sie anrempelte.

»Was ist denn mit der los?«, schimpfte Gerlinde Scharnowski. »Die hat sie wohl nicht mehr alle beieinander.«

»Die kenne ich«, antwortete Hassan ungefragt. »Die Frau arbeitet gleich hier nebenan. Beim Italiener.«

»Der mit den Lebensmitteln?«

»Genau der.«

»Da habe ich noch nie eine Konservendose gesehen«, stellte Gerlinde Scharnowski energisch fest.

»Ist ein Großhändler«, erklärte Hassan. »Der muss sein Lager woanders haben. Die Frau ist seine Sekretärin.«

»Hat der noch mehr Leute?«

»Ich habe noch keinen weiteren gesehen.«

»Wirklich komisch. Was machen die denn nur, ich meine – so zu zweit?«

Hassan lachte. »Das dürfen Sie mich nicht fragen.«

»Warum rennt die durch den Regen? Ohne Jacke und ohne Schirm. Die flüchtet wohl vor ihrem heißblütigen Chef. Man hört ja so einiges von den Italienern. Das sollen ja alles Casanovas sein.«

»Ja, ja«, pflichtete Hassan ihr bei. Er hatte sich angewöhnt, zu vielen von seinen Kunden geäußerten Meinungen in dieser Weise zu antworten. Das entband ihn von einer ausführlichen Stellungnahme und verärgerte nicht die von Jahr zu Jahr weniger werdenden Stammkunden.

»Die habe ich schon ein paar Mal gesehen«, meldete sich ein älterer Mann aus dem Hintergrund des Zeitungsladens und trat zu Gerlinde Scharnowski und Hassan. Ein dunkler Schatten lag auf seinen eingefallenen Wangen. Eduard Scheer nuckelte vorsichtig an seinem Flachmann. Viele Bewohner des Viertels nannten den Frührentner, der nach einem Arbeitsunfall das linke Bein leicht hinterherzog, Schluck-Ede. »Ist eine ganz Flotte. Aber da kommt unsereiner nicht ran.« Er klopfte Hassan jovial auf die Schulter. »Nicht wahr, mein Freund?«

Der Ladenbesitzer nickte Schluck-Ede freundlich zu. »Ja, ja.«

»Ich will dann mal«, sagte Gerlinde Scharnowski und wollte den Heimweg antreten, als sie durch ein direkt vor der Tür haltendes Lieferfahrzeug eines Paketdienstes abgelenkt wurde. Sofort bildete sich hinter dem Fahrzeug ein Stau, und die ersten ohnehin durch den Regen im Fortkommen eingeschränkten Autofahrer begannen wütend zu hupen.

»Der blockiert ja den ganzen Verkehr«, stellte Gerlinde Scharnowski fest und blieb entgegen ihrer Absicht doch stehen, während der Fahrer des Lieferwagens heraussprang. Die zornigen Autofahrer schienen ihn nicht zu irritieren.

»Wie soll der arme Kerl sonst seine Sachen ausliefern?«, sagte Schluck-Ede.

»Doch nicht so. Wenn das jeder machen würde. Was sagen Sie dazu?«, wandte sich Gerlinde Scharnowski an Hassan.

»Ja, ja.«

Der Paketbote hatte die Tür seines Aufbaus geöffnet und sprang jetzt mit einem Paket unterm Arm behände von der Ladefläche. Mit einem lauten Krachen schlug er die Tür hinter sich ins Schloss und verschwand im benachbarten Hauseingang.

Schluck-Ede besah nachdenklich seinen Flachmann. »Wartet Hubert nicht auf seine Brötchen?«, fragte er in Richtung Gerlinde Scharnowski.

Die schüttelte erbost ihr graues Haupt, als sich der Stau hinter dem die Fahrbahn blockierenden Lieferfahrzeug weiter aufbaute und ein Golf beim Versuch, auszuscheren, fast mit einem Mercedes kollidiert wäre, der nicht bereit war, eine Lücke zu machen.

»Man sollte die Polizei rufen«, schimpfte die Frau.

»Die kommen doch nicht bei solchem Wetter«, sagte Schluck-Ede lachend. Dann war sein innerer Widerstand gebrochen, und er nahm den restlichen Schluck aus seinem Flachmann. Er reichte Hassan die leere Flasche und wollte sich am Ladenbesitzer vorbei hinaus auf die Straße zwängen. »Macht’s gut, Leute«, sagte er leise. »Morgen auf ein Neues.«

Der Regen war ein wenig heftiger geworden, sodass er entgegen seiner Absicht noch in der Eingangstür des Zeitungsladens verharrte. »So ein Schietwetter«, stellte er fest. Die drei standen eine Weile stumm da, bis der Paketbote aus der Haustür gerannt kam und sich gehetzt umsah. Er nahm die drei Leute im Eingang wahr und stürzte auf sie zu. Seine Haare hingen ihm in die Stirn und bedeckten fast die Augen, aus denen das tiefe Erschrecken sprach.

»Da liegt einer. Da oben. Da ist ganz viel Blut.«

Im ersten Augenblick herrschte Schweigen. Gerlinde Scharnowski sah den Zusteller mit großen Augen an. Schluck-Ede gewann als Erster die Fassung zurück. »Ehrlich?«, fragte er.

»Na klar. Ich wollte das Paket abgeben. Beim Italiener. Das Büro ist in einer ganz normalen Wohnung untergebracht. Weil niemand öffnete und die Tür nur angelehnt war, bin ich rein. ›Hallo‹, hab ich gerufen. Und im großen Zimmer lag er – der Mann. Rundherum alles voller Blut.«

»Ist ja ‘n Ding«, murmelte Schluck-Ede.

»Wir müssen die Polizei rufen«, sagte Gerlinde Scharnowski entschlossen.

»Das wollten Sie doch sowieso«, erwiderte Schluck-Ede. »Der da oben – das ist wenigstens ein triftiger Grund, dass die Brüder auch bei solchem Wetter raus müssen. Oder was meinst du, Hassan?« Er drehte sich dabei zum Ladenbesitzer um.

»Ja – ja«, antwortete der automatisch. Dann gab er sich einen Ruck und verschwand hinter seinem Verkaufstresen. »Ich bin schon unterwegs«, sagte er.

»Das ist Frauke Dobermann. Herzlich willkommen in Hannover.«

Kriminaloberrat Michael Ehlers lehnte sich zurück und wies mit der ausgestreckten Hand auf die Frau mit der etwas zu spitzen Nase, der Brille und dem nackenlangen mahagonirot gefärbten Haar.

Frauke nickte dem Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt zu, während sie von den anderen fünf Personen neugierig begutachtet wurde.

Es war ein karg wirkender Raum, in dem die Mitarbeiter dieser Schwerpunktabteilung ihre Dienstbesprechungen abhielten. Die Wände waren ein wenig abgestoßen und hätten einen neuen Anstrich gut vertragen können. Irgendjemand hatte einen Wandkalender angebracht, der einen Sportwagen mit einem rasanten Fotomodell zeigte und für einen Mineralölkonzern warb. An der Querwand hing ein Werbeplakat, das Nachwuchskräfte für den Eintritt in den Polizeidienst ansprechen sollte und von einer verantwortungsvollen Lebensaufgabe sprach und dabei in rosigen Farben die Vorzüge dieses Berufs ausmalte. Mit dickem Filzstift hatte jemand »Lügen ist die Vorstufe des Betruges« darunter gepinselt. Ein Whiteboard war der dritte Wandschmuck. Neben dem Tisch mit der Kunststoffplatte und acht Stühlen zierte lediglich ein einsames Flipchart den Raum, wenn man von den kümmerlichen Topfpflanzen absah, die auf der Fensterbank standen.

Ehlers nahm einen Schluck Kaffee und verzog leicht das Gesicht. Er griff zur Untertasse auf dem Tisch, nahm ein Stück Würfelzucker und rührte gedankenverloren in seiner Tasse, bevor er Frauke Dobermann anlächelte.

»Die neue Kollegin ist Erste Hauptkommissarin und war bisher als Leiterin des K1 in Flensburg tätig. Ihr eilt der Ruf voraus, die nördlichste Mordkommission Deutschlands mehr als erfolgreich geleitet zu haben.«

Sie wurden durch ein schlürfendes Geräusch unterbrochen. Alle sahen den älteren Mann mit dem zerfurchten Gesicht und den grauen Haaren an. Er stellte seine Kaffeetasse auf den Tisch zurück und fuhr sich mit der Hand durch den gepflegten Bart, der Oberlippe und Kinn zierte und in dem das Weiß dominierte.

»Wenn Sie so tüchtig sind, verstehe ich nicht, weshalb Sie unbedingt zu uns nach Hannover kommen wollen.« Er hielt einen Moment inne. »Na ja. Andererseits ergreift man wohl gern einen Strohhalm, um vom Nordkap in eine richtige Stadt zu flüchten.«

Bevor Ehlers antworten konnte, beugte sich Frauke in die Richtung und sagte mit betont spitzer Stimme: »Ich nehme an, dass Sie Flensburg nur als Versandadresse für Bestellungen bei Beate Uhse kennen.«

Schallendes Gelächter brach aus, bevor der Enddreißiger, der neben dem Kriminaloberrat saß, sich einmischte. »Na, Jakob, manchmal stößt auch ein alter Macho an seine Grenzen.«

Ehlers hob die Hand und bedeutete damit das Ende des kleinen Geplänkels. »Sie sehen, Frau Dobermann, das ist eine muntere Truppe, zu der Sie stoßen werden.« Er zeigte auf den Älteren. »Das ist der Kollege Jakob Putensenf, der Senior. Ein altgedienter Haudegen. Er war schon dabei, als manche von uns noch intensiv über die Berufswahl nachdachten.« Dann nickte der Kriminaloberrat in Richtung seines Nachbarn. »Das ist Bernd Richter. Kriminalhauptkommissar. Er leitet das Kommissariat und ist demzufolge auch Ihr fachlicher Vorgesetzter.«

Frauke öffnete den Mund zu einer Antwort, aber Ehlers kam ihr zuvor. »Auch wenn Sie Erste Hauptkommissarin sind, wird die Verantwortung bei Herrn Richter bleiben. Ich darf davon ausgehen, dass es Ihnen nichts ausmacht.«

»Frauen gehören nicht zur Polizei. Schon gar nicht zur Kripo«, mischte sich Jakob Putensenf ein. Dann sah er die zweite Frau in der Runde an. »Höchstens im Innendienst. Aber da haben wir ja schon unsere Uschi.«

Alle Augen wanderten zu der jungen Schreibkraft mit der stufig geschnittenen blonden Kurzhaarfrisur. Frauke bemerkte mit einem Seitenblick, dass Putensenf der hochgewachsenen Frau ungeniert auf den üppigen Busen starrte.

»Frau Westerwelle-Schönbuch«, stellte Ehlers vor. »Wir haben uns angewöhnt, die Kollegin nur mit dem ersten Namensteil zu rufen. Nicht wahr?« Er lächelte in Richtung der Schreibkraft, die mit ernster Miene nickte. Dann lehnte sich der Kriminaloberrat entspannt zurück. »Bleiben noch zwei Kollegen, die ich Ihnen vorstellen darf. Lars von Wedell ist der Jüngste im Team. Er ist seit einem Monat Kommissar.«

Der junge Mann mit dem offenen frischen Gesicht lächelte Frauke an. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit«, sagte er. »Im Übrigen nennen mich alle Lars.«

»Bleibt noch Nathan Madsack«. Ehlers zeigte mit der offenen Handfläche auf einen schwergewichtigen Mann mit Doppelkinn und Pausbacken im runden Gesicht. Neben der fleischigen Nase beeindruckten die dichten Augenbrauen. Der Mann trug einen sandfarbenen Anzug mit korrekt gebundener Krawatte. Ein sauber gezogener Scheitel im dunkelblonden Haar unterstrich das biedere Aussehen.

»Madsack – aber nicht verwandt und nicht verschwägert«, sagte der Korpulente. Es hatte den Anschein, als würde er allein beim Sprechen vor Anstrengung kurzatmig werden.

»Herr Madsack ist auch Hauptkommissar.«

»Danke für die Vorstellung, Herr Ehlers«, ergriff Frauke das Wort und ließ den Blick von einem zum anderen wandern, als wollte sie sich die Gesichter einprägen. »Dann freue ich mich auf die Zusammenarbeit. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich eine Frau bin.« Dabei warf sie einen giftigen Blick auf Jakob Putensenf.

»Ach was. Es wird sich schon irgendeine Arbeit am Schreibtisch für Sie finden«, erwiderte der.

»Ich denke, dass ich unseren Kunden im Zweifelsfall schneller hinterherlaufen kann als Sie.«

»Das ist ja eine lebhafte Vorstellungsrunde«, mischte sich der Kriminaloberrat ein. »Sie sehen, liebe Frau Dobermann, dass wir hier eine ausgesprochen dynamische Mannschaft haben.«

Unwillkürlich sah er dabei den schwergewichtigen Madsack an.

»Zumindest scheint hier sehr viel Erfahrung zusammenzukommen, wenn mit Ausnahme des jungen Kollegen nur Hauptkommissare in diesem Kommissariat tätig sind«, versuchte Frauke einen versöhnlichen Abschluss.

Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen, bis Ehlers sich räusperte. »Herr Putensenf ist ein altgedienter und verdienter Mitarbeiter. Sozusagen eine Recke von echtem Schrot und Korn.«

»Was wollen Sie damit andeuten?«, fragte Frauke.

»Nun ja. Damals gab es noch eine andere Struktur bei der Polizei«, wich der Kriminaloberrat aus. »Also – Herr Putensenf ist Kriminalhauptmeister.«

»Stört Sie das?«, fragte Putensenf in Fraukes Richtung.

»Lass gut sein, Jakob«, mischte sich Madsack ein.

Sie wurden durch das laute Klingeln eines Handys unterbrochen. Bernd Richter tauchte in die Tiefen seiner Jeans ein und angelte nach dem Mobiltelefon. »Richter.« Dann lauschte er in den Hörer. »Wo?«, fragte er kurz, nickte beiläufig und sagte: »Die Straße kenne ich. Gut. Wir sind schon unterwegs.«

Er steckte sein Handy wieder ein, stand auf und machte eine winkende Handbewegung. »Das war der Kriminaldauerdienst. Es gibt Arbeit, Leute. Man hat in der Sallstraße eine Leiche gefunden.«

»Das ist doch eine Sache für die Mordkommission«, warf Nathan Madsack ein.

»Man hat uns benachrichtigt, weil es sich um einen alten Bekannten handelt. Marcello Manfredi.« Hauptkommissar Richter stand auf. Putensenf, Madsack und von Wedell folgten ihm. Und mit einer Selbstverständlichkeit, als würde sie schon immer dazugehören, lief Frauke den Männern hinterher.

Die Beamten der Sonderkommission besetzten zwei Fahrzeuge, mit denen sie zum Tatort fuhren.

»Kommen Sie mit mir?«, hatte Madsack gefragt und einen Mercedes der A-Klasse angesteuert, während sich die drei anderen zu einem Ford Focus begaben.

Sie fuhren vom Landeskriminalamt in der Schützenstraße am Welfenplatz vorbei, der allerdings durch eine Schule verdeckt wurde. An der großen ARAL-Tankstelle mit dem futuristischen Design bog Madsack in die lebhafte Celler Straße ein, um kurz darauf an der Kreuzung Hamburger Allee in die vielspurige Straße abzuzweigen. Frauke hatte den Eindruck, dass hier Anarchie herrschte. Sie hätte den Hannoveranern kein südländisches Temperament zugesprochen, aber hinterm Steuer nahmen sie es mit jedem Römer auf. Zudem gehörte es in Hannover offenbar zur essenziellen Führerscheinausbildung, zu wissen, wo sich die Hupe des Fahrzeugs befand. Die Einheimischen machten jedenfalls vom Horn regen Gebrauch.

Über die Raschplatzhochstraße auf der Rückseite des Bahnhofs war es nur ein kurzes Stück bis zur Kreuzung Marienstraße.

»Dort ist das Henriettenstift, ein Krankenhaus der Allgemeinversorgung, das im Ursprung von Königin Marie von Hannover aus einer Erbschaft ihrer Großmutter Henriette gestiftet wurde.« Madsack streckte beim Passieren der Kreuzung seinen rechten Arm aus und kam Frauke dabei nahe.

»Verzeihung. Hier rechts die Marienstraße runter liegt die Unfallklinik. Ich sage es, weil Sie dort sicher irgendwann einmal zu tun haben werden. Hinter der Marienstraße beginnt die Südstadt.«

Frauke warf Madsack einen Seitenblick zu. »Höre ich aus Ihren Worten den Stolz eines Einheimischen über seine Stadt?«

Über Madsacks rundes Gesicht zog ein Strahlen. »Wenn es Sie nicht stört, erzähle ich Ihnen zwischendurch etwas über unsere schöne Stadt.«

An der nächsten Querstraße hatten sie ihr Ziel erreicht.

Der Tatort wäre auch ohne Adressangabe zu finden gewesen. Neben zwei Streifenwagen und drei Zivilfahrzeugen des Kriminaldauerdienstes hatte sich trotz des Regens bereits eine Ansammlung von Schaulustigen eingefunden.

Von Wedell hatte Mühe, das Fahrzeug auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig vor dem Penny-Markt zu parken. Nur widerwillig traten die Passanten beiseite.

Frauke ließ die Fassade des Gebäudes auf sich wirken. Der Architekt hatte dem Haus durch eine gut proportionierte Gliederung Lebendigkeit verliehen. Der rote Klinker und die weiß abgesetzten Flächen, die Rundbogenfenster und die durch zwei Erkerreihen eingefassten Balkone waren Ausdruck des Lebensgefühls aus der Zeit des Hausbaus. Trotzdem stand das Eckgeschäft leer, während der Kiosk auf der rechten Hausseite von Schaulustigen fast verdeckt wurde.

Am Hauseingang hielt ein uniformierter Polizist Wache. Er nickte den Beamten des Kommissariats zu. »Erster Stock«, erklärte er.

Auf dem Treppenabsatz und im engen Hausflur herrschte geschäftiges Treiben. Drei Mitarbeiter der Spurensicherung wuselten durch die Räume, der Fotograf schimpfte, weil ihm der Rechtsmediziner im Weg stand, die beiden Beamten des Kriminaldauerdienstes versuchten, das Chaos zu organisieren, und nun erschien auch noch Richters Truppe.

»Wollen Sie nicht lieber einen Kaffee trinken gehen?«, wandte sich Putensenf an Frauke. »Ich habe gehört, da liegt eine Leiche.«

»Von denen ich wahrscheinlich schon mehr gesehen habe als Sie, selbst wenn Sie alle Fernsehkrimis mitzählen, aus denen Sie Ihren Erfahrungsschatz schöpfen.«

»Ruhig, Leute«, mischte sich Madsack ein. Er war vor der Tür stehen geblieben und schnaufte hörbar vom Treppensteigen.

Frauke drängte sich ungeachtet des Protests der Spurensicherung hinter Richter in die als Büro genutzte Wohnung.

»Vorsicht. Hier waren wir noch nicht«, sagte ein Kriminaltechniker und fluchte.

»Dann dürfte auch sonst keiner hier sein«, antwortete sie ungerührt. »Jetzt ist sowieso alles versaut, nachdem hier ganze Horden durchgetrampelt sind.«

Der Spurensicherer wollte antworten, aber Putensenf kam ihm zuvor. »Lass. Die ist neu. Da, wo die herkommt, kennt man keine Tatortaufnahme.«

Frauke unterließ es, zu antworten, und dachte an den ständig niesenden Klaus Jürgensen, der in Flensburg Leiter der Spurensicherung war und seiner Arbeit mit einem fortwährenden Klagelied über die unsauberen Leichen aber doch besonnen nachging. Hier, in Hannover, schien dagegen alles wie ein Hühnerhaufen wild durcheinander zu agieren. Außerdem war sie es gewohnt, an einem Tatort den Ton anzugeben. Es fiel ihr schwer, sich zurückzuhalten und anderen das Kommando zu überlassen.

Im Türrahmen stieß sie mit Bernd Richter zusammen. Der Hauptkommissar warf einen Blick in den Raum. Schräg vor dem Fenster stand ein schwerer Schreibtisch aus dunklem Holz, dahinter ein schwarzer Ledersessel mit hoher Rückenlehne. Eine Schrankwand mit Ordnern und Büchern, unterbrochen durch ein beleuchtetes Barfach, eine Sitzgruppe und ein Sideboard vervollständigten die Einrichtung. Das große Hydrogewächs in der Ecke war ein Blickfang in der sonst nüchternen Büroatmosphäre, wenn man vom Plasmafernseher und der Stereoanlage absah. Neben dem Schreibtisch stand ein schwarzer Aktenkoffer aus Leder. Auf der Tischplatte lag die ungeöffnete Tragetasche eines Notebooks. Offenbar hatte das Opfer seine Arbeit noch nicht aufgenommen, denn der Schreibtisch war leer, abgesehen von den üblichen Utensilien.

»Das ist Marcello Manfredi?«, fragte Frauke Hauptkommissar Richter, der den Toten nachdenklich betrachtete.

»Ja.«

Die beiden Beamten sahen eine Weile auf den Mann, der seitlich vor dem Schreibtisch lag. Um seinen Kopf hatte sich eine große Blutlache auf dem hellen Teppichboden ausgebreitet. Der Besucherstuhl vor dem Schreibtisch war in Richtung Fenster verschoben.

»Der Mann ist vermutlich erschlagen worden«, sagte Frauke.

Richter warf ihr einen finsteren Blick zu. »Ist es nicht ein wenig früh, Ferndiagnosen zu stellen?«, fragte er.

»Du musst dich daran gewöhnen, dass die Dame Röntgenaugen hat. Den Weitblick hat sie wahrscheinlich da oben in der Flensburger Tundra gelernt«, lästerte Putensenf, der sich zu den beiden gesellt hatte.

»Ich sagte, vermutlich.« Frauke blieb bei ihrem Verdacht.

Der Mann, der neben dem Toten gekniet hatte, kam aus der Hocke hoch, wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und trat zu den drei Beamten an der Zimmertür.

»Er ist noch nicht lange tot. Vielleicht eine Stunde.«

»Sie sind der Arzt?«, fragte Frauke.

Der Mann sah sie ein wenig irritiert an, während Jakob Putensenf antwortete. »Na, klar doch. Bei uns sehen die Totengräber anders aus.«

Der Mediziner nickte. »Riehl«, stellte er sich vor.

»Wissen Sie schon etwas über die Todesursache?« Frauke musterte den hochgewachsenen Arzt. Obwohl er sehr lichtes Haupthaar hatte, mochte er nicht älter als Mitte dreißig sein.

»Ziemlich konkret«, sagte Dr. Riehl lächelnd und zeigte auf den Kopf des Toten. »Das sehen Sie von hier aus nicht. Da liegt ein Fleischklopfer. Der ist so blutverschmiert … Das muss das Tatwerkzeug sein.«

»Ein was?«, mischte sich Bernd Richter ein, der wenig Begeisterung darüber zeigte, dass Frauke den Arzt befragte.

»Ein Küchengerät, vermute ich, mit dem Steaks und Schnitzel weich geklopft werden«, erklärte Frauke.

»Das kennt er nicht. Kochen ist Frauensache«, erklärte Putensenf und fügte ein wenig leiser an: »Da gehören die auch hin – in die Küche. Und nicht zur Polizei.«

Frauke lächelte Putensenf an. »Die besten Köche sind Männer. Und deshalb müssen Frauen sich andere Gebiete suchen, zum Beispiel bei der Polizei. Aber, lieber Herr Putensenf, ich bekomme auch noch heraus, wo Ihre liebenswerten Seiten sind.« Sie sah sich im Raum um. »Ein außergewöhnliches Utensil in einem Büro. Es sieht nicht so aus, als würde hier gekocht werden.«

»Wir haben nichts dergleichen gefunden«, mischte sich einer der Beamten der Spurensicherung ein, der zu ihnen getreten war. Dann sah der in einem weißen Schutzanzug gekleidete Mann Frauke an. »Sind Sie neu? Leiten Sie die Ermittlungen?«

»Dobermann, Erste Hauptkommissarin«, antwortete sie, wurde aber von Bernd Richter unterbrochen. »Die Kollegin ist heute den ersten Tag hier. Sie kommt aus Flensburg. Ich bin der verantwortliche Leiter.«

Der Spurensicherer nickte verstehend in Richters Richtung, sah dann aber wieder Frauke an. »Das ist hier eigentlich eine Dreizimmerwohnung. Im Schlafzimmer, wenn ich es einmal so umschreiben darf, sind zwei Schreibtische untergebracht. Wahrscheinlich für die Sekretärinnen. Dann gibt es noch das Kinderzimmer. Dort stehen Aktenschränke und der Fotokopierer. Ich würde sagen, der Raum wurde als Archiv benutzt.«

»Und die Küche?«

Der Beamte machte eine entschuldigende Geste. »Da sind wir noch nicht fertig. Da gibt es aber nichts, was darauf schließen lässt, dass hier jemand gewohnt hat. Geschweige denn gekocht. Bürogeschirr. Kaffeemaschine. Ein wenig Besteck.«

»Was haben Sie im Kühlschrank gefunden?«

Ein leises Lächeln umspielte die Mundwinkel des Mannes. »Kaffeesahne, Joghurt, Butter, ein wenig Aufschnitt, zwei Äpfel und …«

»Und was noch?«

Das Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. »Kosmetik. Für Frauen.«

»Überrascht es Sie?«

Der Beamte der Spurensicherung unterließ es, zu antworten.

»Haben Sie Töpfe gefunden? Eine Bratpfanne? Küchenmesser? Pfannenwender? Kochlöffel?«

»Nichts von alledem. Es sieht nicht so aus, als hätte hier jemand Essen zubereitet. Dagegen spricht auch, dass wir die Filtermatte des Wrasenabzugs untersucht haben. Da gibt es keine Fettspuren. Der ist aber nicht ausgewechselt worden, sondern noch neu seit dem Einbau. Nein! Ich behaupte, hier ist nicht gekocht worden.«

»Dann ist es ungewöhnlich, dass das Opfer mit einem Fleischklopfer erschlagen wurde«, erklärte Hauptkommissar Richter.

Frauke nickte versonnen. »Wer läuft mit einem Fleischklopfer herum und erschlägt damit Menschen?« Sie legte den gestreckten Zeigefinger an den Nasenflügel. »So etwas hat man nicht zufällig dabei.«

»Sie glauben doch nicht, dass jemand einen Fleischklopfer mitbringt, um Manfredi damit gezielt zu erschlagen?« Richter klang skeptisch.

Frauke sah zur Zimmerdecke. »Es sieht nicht so aus, als wäre das Gerät von dort herabgefallen.«

»Könnte es ein Ritualmord sein?«, fragte Putensenf aus dem Hintergrund.

Frauke drehte sich zu ihm um. »Das überrascht mich aber, dass von Ihnen auch konstruktive Beiträge kommen.«

»Jetzt ist Schluss«, fuhr Richter dazwischen. »Wir haben hier einen ernsthaften Job zu erledigen. Da ist kein Platz für Sticheleien.« Er sah Putensenf an. »Das ist zumindest eine Idee, Jakob. Wir sollten darüber nachdenken.«

»Zunächst müssen aber der Tatort und die Räumlichkeiten untersucht werden«, beharrte Frauke.

»Wir wissen, wie wir unsere Arbeit zu machen haben.« Richters Stimme klang deutlich genervt.

»Ich verabschiede mich«, sagte der Arzt und wandte sich erneut an Frauke. »Sie erhalten den Bericht, sobald wir ihn da«, er zeigte mit dem Daumen über die Schulter, »obduziert haben. Wie war noch gleich Ihr Name?«

»Frauke Dobermann. LKA Hannover.«

Als der Arzt den Raum verlassen hatte, fuhr Richter sie mit scharfer Stimme an. »Das machen Sie nicht noch einmal. Sie haben es vorhin aus dem Mund von Kriminaloberrat Ehlers gehört. Noch bin ich der Leiter dieser Ermittlungsgruppe.«

Es lag ihr auf der Zunge, zu antworten. Noch! Sie verschluckte die Entgegnung aber. Bei all ihrer Erfahrung bei Mordermittlungen und an Tatorten fiel es ihr schwer, sich zurückzuhalten. Stattdessen fragte sie den Beamten von der Spurensicherung: »Können wir uns schon umsehen?«

Der Mann nickte und machte mit der Hand eine einladende Handbewegung.

»Haben Sie ein paar Handschuhe für mich?«, fragte Frauke.

»Kommen Sie mit. Unser Koffer steht im Treppenhaus.«

Sie folgte dem Mann, zog sich Einmalhandschuhe über und kehrte in die Wohnung zurück. In der Tür zum Büro des Toten blieb sie wie angewurzelt stehen. »Das glaube ich nicht«, sagte sie in scharfem Ton, als sie Richter und Putensenf sah, die sich beide interessiert über das Opfer beugten. »Sie können doch nicht alle Spuren zertrampeln!«

Richter bog sein Kreuz durch. Er machte einen Schritt auf Frauke zu. »Wenn Sie noch einmal in diesem Ton mit mir oder den Kollegen sprechen, wird Ihr erster Tag in Hannover auch der letzte sein«, drohte er. »Und nun machen Sie Ihre Arbeit. Aber bitte professionell.«

Sie sah ihn an und stemmte dabei ihre Fäuste in die Hüften. »Und? Was schlägt der Herr Hauptkommissar vor?«

»Ja … ähm.« Sie hatte Richter aus dem Konzept gebracht. »Sie könnten damit beginnen, Zeugen zu suchen.«

Kopfschüttelnd verließ Frauke den Raum. In Flensburg war sie es gewohnt gewesen, Anweisungen zu erteilen. Dort hatte ihr keiner widersprochen. Es würde sicher ein schwieriger Prozess der Umgewöhnung werden, sich ein-, vor allem aber unterordnen zu müssen. Nur ungern hatte sie ihre Position als eine von vier in Schleswig-Holstein ansässigen K1-Leitern aufgegeben. Das für schwere Straftaten zuständige K1 der Bezirkskriminalinspektion, im Volksmund auch Mordkommission genannt, war für alle gegen das Leben von Menschen gerichteten Gewalttaten im äußersten Norden Deutschlands zuständig. Und ob sie sich in Hannover jemals wohlfühlen würde, wagte sie im Augenblick zu bezweifeln. Aber es hatte sich ihr keine Alternative geboten.

Im Treppenhaus hatten sich die Bewohner des Hauses eingefunden. Sie befragte die Leute, aber niemand wollte etwas gesehen oder gehört haben.

»Haben Sie Besucher des Büros gesehen, die regelmäßig dort erschienen sind?«

»Nur die Angestellte. Ich glaube zumindest, dass es seine Sekretärin war«, erklärte eine grauhaarige ältere Frau. »Ich wohne nämlich gleich nebenan.«

»Haben Sie früher einmal Lärm oder Streit gehört? Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein. Nie. Immer nur ihn …«

»Sie meinen Herrn Manfredi?«

»Heißt er so, der Italiener? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, was die da gemacht haben.« Sie drehte abwägend ihre faltige Hand im Gelenk. »Wenn das man nicht so ein Liebesnest war. Man hört ja immer solche komischen Sachen von den Italienern. Die sind ja wohl ganz heißblütig. Und die junge Frau – also. Die war immer ganz chic angezogen.«

Es ließ sich nicht vermeiden, dass andere Mitbewohner dem Gespräch lauschten. Jetzt erhob sich beifälliges Stimmengemurmel.

»Na schön.« Frauke ließ sich die Namen der Leute geben und verließ das Treppenhaus. Es regnete immer noch in Strömen. Das hinderte aber nicht das Dutzend Schaulustige daran, vor der Tür auszuharren.

»Hat jemand von Ihnen etwas bemerkt?«, fragte sie in die Runde, erntete aber nur verständnisloses Glotzen. Ein wenig abseits gewahrte Frauke drei Leute, die vor der Tür eines Ladens standen. Sie steuerte die kleine Gruppe an.

»Ich bin von der Polizei. Ist Ihnen heute Morgen etwas aufgefallen?«

»Nee, nichts. Es war wie immer. Nur der blöde Regen«, erklärte eine ältere Frau mit einer Brötchentüte in der Hand. »Was ist denn da passiert? Stimmt es, dass da oben ein Toter liegt?«

Frauke ging nicht auf die Frage ein. »Und Sie?«, wandte sie sich an einen Mann, der einen Flachmann in der Hand hielt.

»Doch. Ich habe etwas gesehen.« Vorsichtig nippte der Mann an seiner Flasche. »Sonst trinke ich immer nur eine – zum Frühstück. Damit kommt mein Kreislauf in Schwung«, erklärte er ungefragt. »Heute ist das was anderes. Also – wenn da oben was passiert ist, ich meine, bei dem Italiener, dann haben wir was mitgekriegt.«

»Nun reden Sie schon«, forderte Frauke den Mann auf.

Der schüttelte den Kopf. »War das nun beim Italiener?«

Frauke nickte.

»Gut. Dann haben wir drei hier, Gerlinde«, er zeigte auf die ältere Frau mit der Brötchentüte, »Hassan«, dabei nickte er in Richtung eines dunkelhäutigen Mannes, »und ich, die Sekretärin gesehen.«

»Wann und wo war das? Und wie heißen Sie überhaupt?«

Der Mann spitzte die Lippen. »Scheer.«

»Haben Sie auch einen Vornamen?«

»Früher nannte man mich Eduard. Heute bin ich der Schluck-Ede.« Milde lächelnd hielt er Frauke den Flachmann hin. »Jeder hat etwas von Hartz abbekommen. Er selbst eine Riesenabfindung. Ich das hier. Aber zurück zu Ihrer Frage. Vom Ansehen her kannten wir die Sekretärin vom Italiener. Eine flotte Biene. Die ist vorhin hier entlanggerannt. Nach rechts. Wir haben uns gewundert, weil sie keine Jacke und keinen Schirm bei sich hatte. Und das bei diesem Wetter.« Um seine Worte zu unterstreichen, zog Schluck-Ede die Nase kraus.

»Ist Ihnen an der Frau etwas Außergewöhnliches aufgefallen?«

»Was verstehen Sie unter außergewöhnlich?«

»Wirkte sie gehetzt? War ihre Kleidung befleckt?«

»Eigentlich nicht.«

»Was heißt das?«

»Nuuun.« Schluck-Ede dehnte das Wort. »Neee. Sie trug dunkle Kleidung. Fast wie immer. Was genau – das weiß ich nicht. Wie gesagt. Besonders auffällig war nur, dass sie ohne Jacke und Schirm unterwegs war. Und – dass sie gelaufen ist. Ich glaube, die hat uns gar nicht gesehen.«

»Haben Sie sonst jemanden gesehen?«

»Jaaa.«

»Herrje. Nun lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen.«

Schluck-Ede lachte leise. »Den Paketboten. Aber das war auch alles. Wer geht bei solchem Wetter schon vor die Tür?

»Ja, ja«, pflichtete ihm der dunkelhäutige Hassan, offenbar der Ladenbesitzer, bei.

Frauke notierte sich die Namen und Anschriften der Zeugen und kehrte zum Tatort zurück. Dort herrschte immer noch ein heilloses Durcheinander von Spurensicherung, Kriminaldauerdienst und ihren neuen Kollegen. Es war eine völlig andere Arbeitsweise, als sie es aus Flensburg gewohnt war. Für einen kurzen Moment schloss Frauke die Augen und erinnerte sich an ihre Tätigkeit im äußersten Norden.

»Werden Frauen immer so schnell müde?«, vernahm sie die Stimme Jakob Putensenfs.

»Im Unterschied zur unkoordinierten Hektik, die Sie verbreiten, versuche ich mir ein Gesamtbild von der Lage zu machen«, entgegnete sie.

Putensenf lachte. »Ich bin gerade unterwegs, den Paketboten zu verhören. Kommen Sie mit?«

Frauke nickte und folgte die Treppe hinab. Der Mann in der braunen Uniform saß mit bleichem Gesicht in einem Polizei-Bulli.

Er hieß Simon Fröscher.

»Ich war schon öfter bei diesem Kunden«, erklärte er nach Aufforderung. »Die haben gelegentlich eine Lieferung erhalten.«

»Haben Sie auf die Absender geachtet?«, fragte Frauke dazwischen.

»Leider nicht. Dafür gehen zu viele Sendungen durch meine Hände«, entschuldigte er sich. »Ich bin also die Treppe hoch.«

»War die Haustür geöffnet?«, unterbrach Frauke ihn erneut.

Fröscher sah sie irritiert an. »Ja. Jetzt, wo Sie das sagen, erinnere ich mich. Das hat mich auch gewundert.«

»Wodurch wurde die Tür offen gehalten?«

Der Paketbote sah an Frauke und Putensenf vorbei in die Ferne. Dann schüttelte er bedauernd den Kopf. »Keine Ahnung. Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Sie sind also die Treppe hoch. Und dann?«

»Ich war so schnell durch die offene Haustür, dass ich unten gar nicht geklingelt habe. Oben war die Wohnungstür nur angelehnt. Ich habe trotzdem geläutet. Als sich niemand gemeldet hat, habe ich gegen die Tür gedrückt und ›Hallo‹ gerufen.«

»Und im Treppenhaus gewartet?«

»Nein, sondern gleich rein. Ich kenne mich ja aus. Ich bin in das Zimmer von der Frau, die sonst auch immer die Lieferungen entgegennimmt.«

»Sie meinen die Sekretärin?«

»Keine Ahnung, was die dort macht. Da war immer nur die Schwarzhaarige. Heute war aber keiner anwesend. Als ich in das nächste Zimmer gesehen habe, lag da einer.«

»Haben Sie sonst etwas bemerkt?«

»Um Gottes willen. Ich habe das Paket abgesetzt und bin sofort raus aus dem Haus. Zum Zeitungsladen. Da habe ich Bescheid gesagt.«

Frauke wandte sich an Putensenf. »Haben Sie noch eine Frage, Herr Kollege?« Der Kriminalhauptmeister schüttelte stumm den Kopf.

»Fühlen Sie sich in der Lage, zu fahren?«, fragte Frauke den Paketboten zum Abschluss.

Der fasste sich an den Kragen und schluckte einmal heftig. »Ich glaube, schon«, stammelte er.

Putensenf hüstelte. »Ich habe mich nach dem Hausmeister erkundigt«, erklärte er dann. »Der wurde nach Auskunft der Bewohner wegrationalisiert. Die Arbeit hat ein mobiler Service übernommen. Seitdem wurde hier schon lange niemand mehr gesehen. Dafür hat mir jemand aus dem Haus den Hintereingang gezeigt. Er führt durch den Keller in den Garten. Vor der Tür haben einige Mieter aber ihr Gerümpel abgestellt. Eine Kommode, Kartons, eine Teppichrolle. Dort ist mit Sicherheit keiner durchgekommen.«

»Also muss der Täter das Haus durch den Vordereingang betreten und auch wieder verlassen haben«, folgerte Frauke.

»Deshalb habe ich es Ihnen erzählt.«

Sie sah Putensenf an und lächelte dabei. »Es gibt noch eine andere Möglichkeit.«

»Welche?«

»Der Täter gehört zu den Hausbewohnern.«

»Das kann ich mir kaum vorstellen«, erwiderte Putensenf. »So wie der Tote zugerichtet war.«

Frauke schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln.

»Wir werden sicher noch häufig unterschiedlicher Auffassung sein«, schimpfte Putensenf und entfernte sich durch den Regen in Richtung Hauseingang.

Frauke folgte ihm einen Moment später. Im Hausflur traf sie Nathan Madsack. Der schwergewichtige Hauptkommissar kam schnaufend die Treppen herab und hielt sich dabei vorsichtig am Geländer fest. Frauke vermutete, dass sich die einzelnen Stufen vor ihm seinem Blick entzogen. »Da oben kommt allmählich Ordnung hinein«, erklärte er und ließ sie passieren.

Sie traf Hauptkommissar Richter im Büro der Sekretärin an. Er saß hinter dem Schreibtisch und blickte kurz auf, als sie eintrat. »Hallo. Haben Sie etwas Interessantes herausbekommen?«

Frauke berichtete kurz. Dann wies Richter auf das Paket, das der Bote angeliefert hatte. »Ich habe es durch die Technik öffnen lassen, nachdem die Kollegen es zuvor untersucht und mögliche Spuren gesichert hatten.«

Frauke besah sich den Inhalt. »Was ist das?«, sagte sie mehr zu sich selbst. »Das sind ja Steine. Die haben einen besonderen Schliff.«

»Ich hatte gehofft, eine Frau versteht mehr davon als wir Kerle«, sagte Richter. »Ich würde auf Halbedelsteine tippen. Kommt übrigens aus Italien, wenn man dem Absender glauben darf. Aber das wird unsere nächste Aufgabe sein.«

»Für Edelsteine scheint mir der Schliff zu rau«, sagte Frauke zweifelnd und strich vorsichtig mit der Fingerkuppe über die Oberfläche. Dann beugte sie sich herab und betrachte den Paketinhalt gegen das Licht. »Kein Schimmern, kein Glänzen. Alles wirkt so duff.«

»Wir werden einen Experten befragen«, sagte Richter und tippte mit dem Zeigefinger auf den Ordner, in dem er las. »Ich stöbere ein wenig in den Akten. Vielleicht finden wir darin etwas Aufschlussreiches.«

»Sie sagten, Sie würden das Opfer von früher kennen?«

Richter fuhr sich gedankenverloren mit der Hand über die Mundwinkel. »Kennen ist zu viel. Wir haben vor zwei Jahren gegen eine Gruppe von Fleischhändlern ermittelt, die im Verdacht standen, im großen Stil mit Gammelfleisch gehandelt zu haben. Dabei ging es auch um Steuerhinterziehung und unrechtmäßigen Bezug von Subventionen aus Brüssel. Marcello Manfredi war in dieses Netzwerk eingebunden. Wir konnten ihm allerdings nichts beweisen. Und so wurde die Anklage gegen ihn verworfen.«

»Gegen alle Beschuldigten?«

»Nein. Ein paar sind im Netz hängen geblieben. Gegen zwei werden noch Beweise zusammengetragen. Die Staatsanwaltschaft scheint sich sehr schwerzutun. Es ist ein nicht leicht zu durchschauendes Netzwerk zwischen den mafiösen Strukturen, den Interessen der örtlichen Politik, die Betriebe und Arbeitsplätze erhalten wollen, und Beteiligten, die nach außen ein sauberes Hemd vorweisen, aber dennoch von den Geschäften profitieren. Banken zum Beispiel.«

»Und das alles hat sich hier in Hannover abgespielt?«

»Nein«, wehrte Richter ab. »Schwerpunkt der Ermittlungen war Oldenburg. Dort sitzt die ›Schweine-Mafia‹, wie ich sie einmal genannt habe, was mir einen Verweis eingebracht hat.«

Unbemerkt war Jakob Putensenf hinzugetreten und hatte Richters letzte Worte gehört. »Wir waren uns zu guter Letzt nicht mehr sicher, wer die wirklichen Schweine waren«, sagte der Kriminalhauptmeister. »Es fiel schwer, zu unterscheiden, ob es die Tiere waren oder die Leute, die in diese ganze Geschichte verstrickt waren.«

Richter zeigte mit der Spitze seines Kugelschreibers auf Putensenf. »Jakob war dabei. Es war unser erster gemeinsamer Einsatz.«

»Und seither hatten Sie Kontakt zu Manfredi?«, fragte Frauke.

Richter straffte sich hinter dem Schreibtisch. »Wie soll ich das verstehen? Nachdem die Ermittlungen abgeschlossen waren und die Staatsanwaltschaft unsere Erkenntnisse nicht verwerten konnte …«

»Oder wollte«, warf Putensenf ein.

»Quatsch. Also – Manfredi war nichts nachzuweisen. Ich wusste nicht, dass er inzwischen sein Aktionsgebiet in die Landeshauptstadt verlagert hat. Das habe ich vorhin erfahren, als der Name genannt wurde. Und dann habe ich ihn erkannt, als ich ihn da drüben«, dabei zeigte er mit dem Kugelschreiber in Richtung des Nebenraums, »liegen sah.«

»Das ist eine interessante Konstellation«, sagte Frauke und musterte den Hauptkommissar. »Ist Ihnen das gar nicht aufgefallen?«

»Was meinen Sie?«

»Marcello Manfredi war in einen Fleischskandal verwickelt. Und jetzt ist er vermutlich mit einem Fleischklopfer erschlagen worden.«

»Mensch, Bernd, die Lady hat recht«, entfuhr es Putensenf.

»Nennen Sie mich gefälligst nicht Lady«, fauchte Frauke ihn an und warf ihm einen bösen Blick zu.

Putensenf zuckte die Schulter, verzog das Gesicht und öffnete die Hände zu einer Geste, die seine Unschuld ausdrücken sollte.

»Wir sollten auf jeden Fall noch prüfen, womit die Haustür offen gehalten wurde. Und der Gegenstand muss zur Kriminaltechnik.«

»Sie meinen die Tür zur Straße?«, fragte Putensenf.

»Wenn Sie möchten, können Sie ja alle Türen aushängen und zur KTU schicken«, entgegnete Frauke schnippisch.

Putensenf sah Richter an. »Bernd, immerhin bist du hier der Chef. Noch. Was ist nun?«

»Sieh dir die Haustür an, Jakob. Und falls du etwas findest, soll sich die Spurensicherung der Sache annehmen.«

»Jetzt begreife ich langsam, weshalb die da oben in Flensburg die Tante nicht behalten wollten«, fluchte Putensenf und verließ den Raum.

»Wissen wir etwas über die Sekretärin, abgesehen davon, dass sie offensichtlich panisch das Haus verlassen hat?«, fragte Frauke.

Richter wies auf eine Handtasche, die auf einem Sideboard neben dem Schreibtisch stand. Dann zeigte er auf eine dunkelblaue Popelinejacke, die über einen Bügel gezogen an der Wand hing. »Sie heißt vermutlich Tuchtenhagen. So weit konnte ich es den Akten entnehmen. Die Handtasche haben wir noch nicht untersucht. Dazu fand sich noch keine Zeit.«

Frauke streifte sich erneut Einmalhandschuhe über, die sie sich von einem Mitarbeiter der Spurensicherung besorgte. »Haben Sie die Tasche geöffnet?«, fragte sie und sah auf die sportliche Umhängetasche.

»Die war offen.«

Vorsichtig untersuchte Frauke die Handtasche. Es fanden sich die Accessoires, die man bei Frauen erwarten durfte. Ein wenig Kosmetik. Lippenstift. Puderdose. Augenbrauenstift. Lidschatten. Ein Stoffbehälter mit Papiertaschentüchern. Als sie die angebrochene Packung mit handelsüblichen Kopfschmerztabletten herausnahm, musste Frauke lächeln. Das Handy war eingeschaltet. Das Portemonnaie enthielt eine Handvoll Kleingeld und einhundertdreißig Euro in Scheinen. Eine Kreditkarte, die EC-Karte der Sparkasse Hannover, eine Paybackkarte, die Mitgliedskarte der Barmer sowie mehrere Kundenkarten steckten in den Kartenfächern der Geldbörse. Aus einem Plastikfenster der aufgeklappten Geldbörse lächelte auf einem Passfoto ein Mann mit deutlich sichtbaren Geheimratsecken. Neben einem Etui mit Nagelschere und Feile fand Frauke noch eine kleine lederne Hülle, in der der Personalausweis, Führerschein und die Zulassung für einen Mazda steckten.

»Manuela Tuchtenhagen«, las sie vor. »Zweiunddreißig. Wohnhaft am Froschkönigweg.« Sie sah Richter an.

»Kenne ich«, sagte der Hautkommissar. »Die Straße. Nicht die Frau. Das Märchenviertel mit Straßennamen wie Froschkönig, Drosselbart uns so weiter liegt nördlich des Mittellandkanals im Stadtteil Sahlkamp. Es ist eine ruhige und gutbürgerliche Gegend.«

»Da fehlt etwas«, stellte Frauke fest und wartete nicht auf Richters Antwort. »In der Handtasche sind weder Wohnungs- noch Autoschlüssel.«

»Hm«, sagte Richter.

»Das heißt, Manuela Tuchtenhagen hat überstürzt das Büro verlassen und dabei lediglich ihr Schlüsselbund mitgenommen. Sie muss sehr erregt gewesen sein, dass sie weder die Jacke übergezogen noch ihre Handtasche mitgenommen hat. Es muss schon viel geschehen, damit eine Frau ihre Handtasche liegen lässt.«

»Immerhin hat sie die Schlüssel mitgenommen.«

»Die benötigt sie für das Fortkommen«, sagte Frauke ein wenig geistesabwesend und zog die Luft ein. Dann sah sie Richter an. »Rauchen Sie?«

»Schon, aber nicht am Tatort.« Er zeigte auf einen Aschenbecher, der bisher von einem aufgeschlagenen Ordner verdeckt war. Darin lag eine inzwischen erloschene Zigarette, von der ein paar Züge geraucht worden waren, die zweite Hälfte aber im Aschenbecher verglommen war. Am Filteransatz waren Spuren von Lippenstift zu erkennen. Neben dem Aschenbecher lagen eine angebrochene Zigarettenpackung und ein Einwegfeuerzeug.

»Was ist hier geschehen?«, überlegte Frauke laut. »Manuela Tuchtenhagen ist zur Arbeit erschienen. Sie hat ihre Jacke ausgezogen, sich an den Schreibtisch gesetzt und sich eine Zigarette angezündet. Während des Rauchens ist sie unterbrochen worden. Irgendetwas hat sie veranlasst, ihren Schreibtisch zu verlassen und in Manfredis Büro zu gehen. Dort hat sie ihren Chef erschlagen aufgefunden. Dann ist sie geflüchtet.«

»Eine gewagte These«, erwiderte Richter. »Manfredi könnte sie auch zu sich gerufen haben. Dann kam es zum Streit, und sie hat ihn erschlagen.«

Frauke lächelte spöttisch. »Weil Frauen standardmäßig einen Fleischklopfer mit sich herumtragen. Wenn Manfredi sie zu sich gerufen hat, dann hätte sie entweder ihre brennende Zigarette mitgenommen oder, falls er das nicht mochte, den Stummel ausgedrückt. Nein. Das muss anders gewesen sein.«

»Wollen Sie sich nicht lieber auf die Fakten verlassen, anstatt sich als Hellseher zu produzieren?«, mahnte Richter.

»Moment.« Sie verließ den Raum und kehrte kurz darauf zurück. »Manfredi war auch Raucher. Seine Utensilien liegen auf seinem Schreibtisch. Außerdem hat er deutlich erkennbare Nikotinspuren an der linken Hand. Ihn hätte es folglich nicht gestört, wenn seine Mitarbeiterin ihn mit brennender Zigarette in seinem Büro aufgesucht hätte. Außerdem haben wir seine Leiche vor dem Schreibtisch gefunden. Es wäre doch wahrscheinlicher – wenn er sie zu sich gerufen hätte –, dass er hinter dem Schreibtisch gesessen hätte. Aber das sind alles nur Vermutungen. Da stimme ich Ihnen zu. Das Beste wird sein, wir befragen Frau Tuchtenhagen. Vielleicht erfahren wir dann, was hier vorgefallen ist.«

»Tun Sie das«, knurrte Richter. »Und nehmen Sie Madsack mit. Die beiden anderen brauche ich hier vor Ort.«

Auf der Treppe stieß sie mit Lars von Wedell zusammen. »Mein erstes Tötungsdelikt«, verkündete der junge Kommissar strahlend, und Frauke vermeinte, fast ein Glühen der Wangen zu erkennen.

Es regnete immer noch, und das trübe Wetter schien sich auf das Gemüt der Autofahrer niederzuschlagen.

»Wenn ein paar Tropfen vom Himmel fallen, bricht der Verkehr bei uns in Hannover häufig zusammen«, erklärte Nathan Madsack und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die deutlich spürbare Aggressivität der anderen Verkehrsteilnehmer färbte nicht auf ihn ab.

Frauke beobachtete ihren neuen Kollegen von der Seite. Madsack hatte sich hinter das Steuer des Mercedes der A-Klasse gezwängt.

Zwischendurch warf er Frauke einen Seitenblick zu. »Möchten Sie auch?«, fragte er und angelte aus der Seitenablage einen Schokoladenriegel hervor.

»Nein danke.«

Geschickt öffnete er die Verpackung mit einer Hand und den Zähnen und schob den mit Karamellcreme gefüllten Riegel stückchenweise aus der Umhüllung in den Mund. »Meine kleine Zwischenmahlzeit«, erklärte er. Es klang fast wie eine Entschuldigung.

Routiniert steuerte Madsack durch den dichten Verkehr. »Es ist interessant, wie Sie sich quasi aus dem Nichts in unsere Teamarbeit eingefügt haben«, sagte er nach einer Weile. »Lars von Wedell ist auch neu, während wir anderen seit zwei Jahren zusammenarbeiten.« Er unterbrach sich kurz, um sich auf die aktuelle Verkehrssituation zu konzentrieren. »Bernd Richter werden Beziehungen nach oben nachgesagt. Es wäre aber ungerecht, ihn als Protektionskind zu bezeichnen. Bisher hat er solide seine Arbeit erledigt. Ich habe den Eindruck, dass er darin aufgeht.«

»Hat er keine Familie? Keine Interessen?«

»Bernd ist geschieden. Eine Tochter lebt bei der Mutter, die wieder mit jemandem zusammen ist – wie man heute sagt.« Madsack überlegte einen Moment. »Von sonstigen Interessen weiß ich nichts.«

»Und Putensenf?«

Nathan Madsack lachte leise. »Der ist ein bellender Kettenhund. Ich glaube, er ist manchmal frustriert, weil ihm im Laufe seines Berufslebens immer wieder junge Leute vor die Nase gesetzt wurden. Jakob hat eine Berufsausbildung absolviert und sich bei der Polizei hochgedient. Durch die leidige Laufbahnordnung steigen junge Leute heute gleich nach dem Abitur als Kommissar ein, während er mit jahrzehntelanger Erfahrung immer noch im mittleren Dienst tätig ist.« Madsack warf Frauke einen Seitenblick zu. »Er ist noch von der alten Schule. Damals gab es keine Frauen im Polizeidienst. Damit hat Jakob immer noch seine Schwierigkeiten. Aber sonst ist er ein zuverlässiger Kollege. Sie sollten ihn im Kreise der Familie erleben. Das ist sein Ein und Alles. Und Jakob wird von seinen Enkelkindern abgöttisch geliebt.«

Sie fuhren eine Weile schweigend weiter.

»Und Sie?«, fragte Frauke.

»Ich? Ich bin zufrieden mit meinem Beruf und fühle mich wohl. Ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Die Arbeit ist vielseitig, macht Spaß, und ich darf viele Facetten des menschlichen Lebens kennenlernen.«

»Gibt es auch einen privaten Nathan Madsack?«

»Natürlich. Der fängt nach Dienstschluss an und fühlt sich wohl, wenn er mit seiner Frau die gemeinsame Zeit genießen kann.«

»Kinder?«

Madsack schüttelt knapp den Kopf. »Und wer sind Sie?«

»Frauke Dobermann. Verheiratet. Keine Kinder. Seit heute beim LKA in Hannover.«

Madsack schmunzelte. »Das war aber knapp. Es klingt fast wie eine Aussageverweigerung.«

Frauke unterließ es, zu antworten. Sie sah keine Notwendigkeit, dem neuen Kollegen mehr aus ihrem Leben zu berichten, von ihrem Werdegang bei der Landespolizei Schleswig-Holstein, von der Anerkennung, die man ihr als erfolgreiche Leiterin einer Mordkommission dort gezollt hatte, und vor allem nicht davon, weshalb sie jetzt in Hannover tätig war. Siebenundvierzig, dachte sie, und immer dem Beruf zugewandt. Darunter hatte ihr Privatleben erheblich gelitten. Welches Privatleben eigentlich?, schoss es ihr durch den Kopf. Mit Ausnahme von … Aber daran mochte sie nicht denken. Männer waren derzeit nicht ihr Thema.

Madsack bog vom Sahlkamp in eine stille Seitenstraße ein. Links lagen ein Tennisplatz und die Bezirkssportanlage. Dieses Wohnviertel unterschied sich deutlich von den Hochhäusern, die sich am vorderen Abschnitt des Sahlkamps entlangzogen.

»Gänselieselweg, Elfenweg, Drosselbartweg, Froschkönigweg. Da ist es.«

Madsack bog ab und ließ den Mercedes langsam durch die schmale Straße rollen, die nur an einer Seite einen Gehweg hatte. Links reichten die Grundstücke bis an die Fahrbahn heran und wurden durch hohe Hecken von der Straße abgeschirmt. Der Hauptkommissar hielt vor einem relativ neuen Einfamilienhaus aus Klinker.

»Da wären wir«, sagte Madsack und verließ mit einem Ächzen das Fahrzeug. Nachdem auch Frauke ausgestiegen war, sahen sie sich um. Niemand war zu sehen. Entweder waren die Bewohner dieser Straße berufstätig, oder sie hatten andere Dinge zu erledigen, als die Straße zu beobachten. Die beiden Polizisten durchquerten den kleinen sorgfältig gepflegten Vorgarten und klingelten an der Haustür. Ein schlichtes Messingschild »Tuchtenhagen« wies auf die Hausbesitzer hin. Nichts rührte sich. Alles blieb still. Frauke versuchte es erneut. Niemand schien anwesend zu sein.

»Wenn Manuela Tuchtenhagen fluchtartig den Tatort verlassen hat, ohne Handtasche und Papiere, dann muss sie doch irgendwo abgeblieben sein«, sagte Madsack mehr zu sich selbst.

»Vielleicht gibt es Gründe, weshalb sie nicht die Polizei oder den Rettungsdienst benachrichtigt hat«, erwiderte Frauke. »Dann wird sie kaum nach Hause gefahren sein. Wir müssen in Erfahrung bringen, wo ihr Ehemann beschäftigt ist.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zum Nachbarhaus und läutete. Aber auch dort war niemand zu Hause. Es schien wie verhext. Der ganze Straßenzug war ausgeflogen.

»Das ist das Revier, in dem sich die Langfinger tummeln«, merkte Madsack an, der Frauke nicht begleitet hatte, sondern am Dienstwagen stehen geblieben war. Er hatte sich gegen die Beifahrerseite des Mercedes gelehnt und telefonierte. Er zuckte trotz des Wetters nicht mit der Wimper. Es sah aus, als würde der feine Regen an ihm abperlen. Als Madsack das Gespräch beendet hatte, erklärte er: »Ich habe Lars von Wedell angerufen und gebeten, ob der Kollege herausfinden kann, wo der Ehemann beschäftigt ist.«

Frauke sah ihn fragend an.

»Internet«, erklärte Madsack. »Vielleicht ist Tuchtenhagen selbstständig. Oder er hat sich in sonst einer Weise irgendwo im Netz verewigt. Außerdem soll Lars prüfen, wie oft der Name in Hannover vorkommt. Möglicherweise gibt es Verwandte. Und dann möchten wir gern den Mädchennamen der Frau wissen. Dann können wir auch in deren Verwandtschaft herumhorchen.«

Frauke nickte anerkennend. Madsacks geistige Beweglichkeit schien nicht unter seiner Korpulenz zu leiden.

Aus dem Wageninneren plärrte der Funk. Madsack übte Funkdisziplin und meldete sich mit der Kennung des Fahrzeugs und schloss mit »Hört« ab. Er lauschte einen Moment, sagte: »Danke. Ende«, und sah Frauke an. Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf den gut gepolsterten Wangen. »Wir haben die Mobilnummer der beiden Tuchtenhagens.«

»Mit der Nummer der Frau können wir nichts anfangen. Der Apparat liegt in der Handtasche am Tatort.«

»Wir haben die Handynummer des Ehemannes.« Madsack nannte eine Zahlenfolge.

»Moment«, bat Frauke und holte ihr Telefon hervor. »Wiederholen Sie bitte.«

Während Nathan Madsack die Ziffern einzeln aufsagte, wählte Frauke die Rufnummer. Es war zunächst das elektronische Signal des Verbindungsaufbaus zu hören, dann dauerte es eine Weile. Frauke musste mehrere Freizeichen abwarten, bis sich eine entschlossene Männerstimme meldete.

»Ja bitte?«

»Herr Tuchtenhagen?«

»Wer möchte das wissen?«

»Sind Sie Herr Tuchtenhagen?«

»Wenn Sie mich angewählt haben, müssten Sie wissen, mit wem Sie sprechen möchten.«

»Dobermann. Kripo Flens…, Polizei Hannover«, korrigierte sie sich sofort. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass sie sich über diesen Fauxpas ärgerte. »Ich möchte mit Herrn Tuchtenhagen sprechen.«

»Am Apparat. Um was geht es?«

»Das würden wir gern persönlich mit Ihnen besprechen. Wo können wir Sie erreichen?«

»Ich bin sehr beschäftigt. Muss das sofort sein?« Es entstand eine kurze Pause. »Polizei, sagten Sie? Ist etwas mit meiner Frau?«

»Das Telefon ist ein ungeeignetes Medium. Wir sind schnell bei Ihnen. Nennen Sie uns bitte die Adresse.«

»Schön. Schröder-Fleisch in der Seligmannallee.«

»Das liegt am anderen Ende der Stadt«, stöhnte Madsack, umrundete den Mercedes und stieg ein, nachdem er sich einmal wie ein nasser Hund geschüttelt hatte.

Frauke nahm auf dem Beifahrersitz Platz, zog ein Papiertaschentuch hervor und rieb sich damit das Gesicht trocken. Dann putzte sie ihre Brillengläser. Madsack steuerte den Dienstwagen zurück zur Hauptstraße. »Bei dieser Gelegenheit lernen Sie unsere schöne Stadt kennen«, sagte er und tippte über das Display eine Telefonnummer ein. »Wir sollten den Kollegen Richter informieren, dass wir zu einer anderen Adresse unterwegs sind.«

»Wieso? Wir sind immer noch damit beschäftigt, Manuela Tuchtenhagen ausfindig zu machen.«

Madsack presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und nickte bedächtig. »Donnerwetter. Sie haben Ihren eigenen Kopf. Ich fürchte, das wird Bernd Richter nicht gefallen.«

»Ich bin nicht nach Hannover gekommen, um Männern zu gefallen.«

»Sondern?«

Frauke warf Madsack einen Seitenblick zu. »An Ihrer Verhörtechnik müssen Sie noch arbeiten.«

Sie hatte einen Blick auf den Mittellandkanal geworfen, den sie in der Zwischenzeit überquert hatten. Nach einem kleinen Gewerbegebiet, das Madsack kurz und bündig mit »List« vorgestellt hatte, fuhren sie durch ein größeres Waldgebiet.

»Unsere grüne Lunge – die Eilenriede«, erklärte er Frauke. »In diesem Naherholungsgebiet kann man wunderbar spazieren gehen. Man trifft dort auch viele Jogger.« Dann lachte er. »Ich bin allerdings nicht darunter.«

»Sie sind wohl begeisterter Hannoveraner?«, fragte Frauke zwischendurch.

Ein Strahlen überzog Madsacks Gesicht. »O ja. Das kann man sagen.« Dann erklärte er weiter. »Links ist der Zoologische Garten. Voraus sehen Sie das Congress Centrum, die Niedersachsenhalle, und dann folgt der Stadtpark.«

Madsacks Ortsbeschreibung endete, als sie eine Eisenbahnunterführung passierten und an einer stark befahrenen Straße vor einer roten Ampel halten mussten.

»Über die Hans-Böckler-Allee rollt ein Großteil des Verkehrs Richtung Osten.«

Sie überquerten die Hauptstraße und waren in der Zielstraße. Ein breiter, mit Bäumen bepflanzter Grünstreifen war noch der erfreulichste Anblick. Alles andere sah in seiner schlichten Funktionalität tot aus. Da halfen auch nicht die quer zur Straße stehenden Bürohäuser im uniformen Wellblechlook auf der Gegenseite.

»Merkwürdig«, stellte Frauke fest, als sie vor dem Arbeitsplatz Thomas Tuchtenhagens hielten.

Madsack runzelte die Stirn. Dann zog ein Leuchten über sein Antlitz. »Das ist aber ein sehr weiter Gedankensprung.«

»Immerhin sind Sie auch angekommen«, erwiderte Frauke und las das Firmenschild: »Schröder Fleischgroßhandel EG-Zerlegbetrieb«. »Wäre Manfredi mit einem Bleirohr erschlagen worden und wir würden vor einem Klempnerbetrieb stehen, hätten Sie sich nicht so gewundert. Das verstehe ich auch. Denn der Fleischklopfer ist sicher kein Standardwerkzeug in einem Großbetrieb der Fleisch verarbeitenden Industrie.«

»Wollte uns jemand einen Hinweis geben?«, fragte Madsack mehr zu sich selbst.

»Diese Frage können wir nicht beantworten. Noch nicht. Es ist aber vor dem Hintergrund des sonderbaren Mordwerkzeuges eigentümlich, dass Frau Tuchtenhagen panikartig geflüchtet und bisher nicht aufgetaucht ist und ihr Ehemann in einer Fleischfabrik tätig ist.«

Sie stiegen aus und gingen rasch zur Pförtnerloge, die den Zugang zum Firmengelände abschirmte. Madsack zeigte mit seinem wurstigen Zeigefinger zum Himmel, aus dem es immer noch regnete. »Sie müssen nicht glauben, dass wir in Hannover immer so ein Wetter haben. Normalerweise lacht die Sonne über unsere Stadt.«

»Und über die Hannoveraner auch?«, sagte Frauke mit einem Lächeln.

In dem kleinen Häuschen saß ein grauhaariger Mann im weißen Hemd und mit korrekt gebundener Krawatte. Über der Stuhllehne hing sein Jackett, die Uniformjacke eines Wach- und Sicherheitsdienstes.

Frauke beugte sich zu dem Mikrofon vor, das neben der Glasscheibe angebracht war. »Guten Tag. Wir sind mit Herrn Tuchtenhagen verabredet.«

»Wie war der Name?«, fragte der Grauhaarige durch die quakende Anlage zurück.

Frauke nannte den Namen erneut.

Sie sahen, wie der Mann einen zerfledderten Ordner mit Klarsichthüllen zur Hand nahm und mit seinem Finger die Liste abwärtsfuhr. Dabei bewegten sich seine Lippen unablässig, als er den Namen des Gesuchten wiederholte. Der Finger verharrte an einer Stelle. Dann griff der Pförtner zum Telefon, wählte eine Nummer, und die beiden Polizisten konnten gedämpft durch die Glasscheibe hören, wie er erklärte: »Da sind zwei Besucher für Herrn Tuchtenhagen.« Er lauschte in den Hörer, nickte beifällig und legte auf. Dann schaltete er die Gegensprechanlage wieder ein. »Tut mir leid. Herr Tuchtenhagen ist vor fünf Minuten weg.«

»Was soll das heißen?«, fragte Frauke barsch.

»Mehr kann ich nicht sagen«, bedauerte der Pförtner. »Ich bin hier nicht angestellt und kenne die Leute nicht.«

»Dann wissen Sie auch nicht, mit was für einem Fahrzeug Herr Tuchtenhagen weggefahren ist? Oder wurde er abgeholt?«

»Keine Ahnung.« Der Mann zuckte mit den Schultern. Es war sinnlos, ihm weitere Fragen zu stellen.

»Schön«, sagte Madsack, drehte sich um und stapfte zum Dienstwagen zurück, während er sein Handy ans Ohr hielt. »Dann werden wir nachfragen, was für ein Fahrzeug der Ehemann fährt. Vielleicht hat seine Frau ihn informiert, und nun treffen sich die beiden. Ich werde auch einen Streifenwagen zur Wohnung des Ehepaares schicken, falls die beiden sich dort verabredet haben.«

»Uns bleibt nur, zur Dienststelle zurückzukehren«, stellte Frauke fest.

Frauke und Madsack wurden im Landeskriminalamt bereits erwartet und sofort in den Besprechungsraum gebeten.

»Wo seid ihr gewesen?«, fragte Hauptkommissar Richter. Er musterte die beiden Beamten mit einem finsteren Blick.

»Wir haben die Spur der Frau verfolgt«, sagte Madsack.

»Und das dauert so lange?«

»In der Wohnung haben wir die Zeugin nicht angetroffen. Daraufhin haben wir Kontakt zum Ehemann aufgenommen und versucht, diesen zu befragen«, mischte sich Frauke ein.

»Was heißt versucht

Frauke erklärte es Richter.

»Das war unprofessionell«, maßregelte der Teamleiter die beiden Beamten. »Jetzt trifft sich Tuchtenhagen mit seiner Frau, stimmt womöglich deren Aussage ab, und wir haben eine wichtige Spur verloren. Außerdem möchte ich, dass solche Dinge mit mir abgestimmt werden. Ist das klar für die Zukunft?«

»Moment mal …«, begehrte Frauke auf, wurde aber durch Kriminaloberrat Ehlers unterbrochen, der energisch mit der flachen Hand auf den Tisch schlug.

»So geht das nicht, Herrschaften. Ich bitte Sie, an einem Strang zu ziehen. Wir suchen einen Mörder. Da ist Teamwork erforderlich. Halten Sie sich bitte daran. Alle!« Ehlers sah die Beteiligten der Reihe nach an. Richter erwiderte trotzig den Blick und zog die Nasenspitze in die Höhe. Putensenf konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken, während der junge von Wedell verlegen mit der Fingerspitze eine Figur auf der Tischplatte nachzeichnete. Madsack machte einen bekümmerten Eindruck. Ihm war anzumerken, dass ihn die Auseinandersetzung berührte.

»Das kommt nicht ins Protokoll, Frau Westerwelle«, sagte der Kriminaloberrat zur Schreibkraft. Dann zog er die linke Augenbraue in die Höhe, als er Fraukes Reaktion registrierte.

Sie lächelte.

Ehlers räusperte sich. »Fahren Sie bitte fort, Herr Richter.«

Dem Hauptkommissar war der Ärger deutlich anzumerken. »Wir haben die Akten sichergestellt«, erklärte er. »Sie befinden sich in unseren Diensträumen. Der Tote ist zur Rechtsmedizin verbracht worden. Mit dem Obduktionsergebnis können wir frühestens morgen rechnen.«

»Wir sollten davon ausgehen, dass er erstickt ist«, mischte sich Frauke ein.

Richter sah sie böse an. »Darf ich meine Ausführungen zunächst zu Ende bringen? Das Tatwerkzeug ist in der KTU. Der Bericht der Spurensicherung liegt noch nicht vor. Zeugen haben wir nicht ausmachen können, zumindest keine, die etwas Brauchbares sagen konnten.«

Frauke wollte antworten, aber Ehlers unterbrach sie und zeigte in Richtung Lars von Wedell.

»Das klingt vielleicht blöde«, warf der junge Kommissar ein. »Aber wieso ist das Opfer erstickt, wenn es mit einem Fleischklopfer erschlagen wurde?«

Plötzlich sahen alle Frauke an.

»Wir haben gesehen, dass vermutlich mehrfach auf Manfredi eingeschlagen wurde. Das Opfer hat sich möglicherweise über den Schreibtisch gebeugt, als der Täter oder die Täterin zuschlug. Durch den krummen Rücken musste der Mörder – ich spreche jetzt der Einfachheit halber nur in der männlichen Form – einen längeren Weg zurücklegen und hat Manfredi nicht oben auf dem Kopf, sondern am Hinterkopf getroffen, und zwar an einer sehr unglücklichen Stelle. Wenn Sie vom Hals die Wirbelsäule aufwärtstasten, spüren Sie am unteren Kopf eine Kuhle und kurz darauf einen Knubbel.«

Frauke sah in die Runde. Lars von Wedell war mit seiner linken Hand simultan Fraukes Erläuterungen gefolgt und nickte erkennend. Auch Putensenf hatte seinen Arm erhoben, fuhr aber fast erschrocken zusammen, als die Blicke auf ihn gerichtet wurden, und murmelte: »So ein Blödsinn. Wie im Kindergarten.«

»Dahinten sitzt die Medulla oblongata. Das ist das verlängerte Mark und Teil des Hirnstammes. Es gehört somit zum zentralen Nervensystem und steuert die wesentlichen vitalen Funktionen. Speziell finden wir dort das Atemzentrum. Wenn es durch die Compressio, die Gehirnquetschung, zu einer Ödembildung, also zu einer Gefäßschädigung im Hirn, kommt, drückt der Bluterguss auf das Atemzentrum, und binnen kurzer Zeit erstickt das Opfer.«

»Spannend«, murmelte Putensenf, während Madsack anerkennend nickte.

»Wir warten, bis der Bericht der Rechtsmedizin vorliegt«, sagte Richter. »Es ist nicht unsere Art, uns auf Vermutungen zu stützen.«

»Was ist mit der Türblockade?«, fragte Frauke in den Raum.

Der Kriminaloberrat sah sie an. »Was meinen Sie damit?«

»Die Tür zum Hausflur, das heißt zur Straße, war offen. Irgendjemand hat sie blockiert.«

Jakob Putensenf hob wie ein Grundschüler seinen Zeigefinger. »Darum habe ich mich gekümmert«, erklärte er, als Richter ihn ansah. »Das war ein Mitbewohner. Der hat die Angewohnheit, die Haustür mit einem kleinen selbst geschnitzten Keil offen zu halten, wenn er Dinge aus dem Keller auf die Straße trägt oder sein Auto auslädt.«

»Hat der etwas gesehen?«, fragte Frauke.

»Leider nicht. Er war eine ganze Weile in seinem Keller mit Umräumarbeiten beschäftigt und hat Leergut sortiert. Während dieser Zeit muss der Mord geschehen sein. Jedenfalls ist der Nachbar durch den Lärm, den der Polizeieinsatz ausgelöst hat, aus dem Keller gelockt worden.«

»Schade«, stellte Frauke fest. »Wenn der Täter die Tür blockiert hätte, wüssten wir, dass es eine geplante Tat war und der Mörder sich den Fluchtweg frei halten wollte. So bleiben wir im Ungewissen, ob es vorsätzlich war oder Manfredi als Folge eines Streits erschlagen wurde. Übrigens habe ich in Ihrer Zusammenfassung einen Punkt vermisst.« Sie wandte sich an Richter. »Was ist mit der Lieferung, die der Paketbote heute gebracht hat?«

Dem Hauptkommissar stieg die Zornesröte ins Gesicht. »Das hätte ich noch erklärt«, sagte er eine Spur zu hastig. »Die Steine sind ebenfalls im Labor. Die erste Vermutung lautet, dass es Marmorproben sind.«

»Marmor?«, fragten Putensenf und Lars von Wedell gleichzeitig.

Richter nickte.

»Wie wollen Sie weiter vorgehen?«, fragte Ehlers Richter.

»Wir müssen die Spuren auswerten«, sagte der Hauptkommissar ausweichend.

»Wir müssen jemanden finden, der die Verhältnisse in diesem Büro kannte«, schlug Frauke vor.

»Es sind alle verfügbaren Zeugen vernommen worden, von den Hausbewohnern bis zum Paketboten. Und Manuela Tuchtenhagen ist untergetaucht«, erklärte Richter.

»Weder Manfredi noch seine Sekretärin werden das Büro geputzt haben«, sagte Frauke. »Wir sollten in den Buchungsunterlagen nach dem Gehalt einer Putzfrau suchen. Dort muss es einen Namen geben. Dann hätten wir einen Anhaltspunkt.«

»Wir werden das feststellen und die Frau dann verhören«, sagte Richter mit Entschiedenheit. »Da kann sich Herr von Wedell hineinknien.«

»Wenn Sie einverstanden sind«, sagte Frauke in Richters Richtung, »werde ich mich weiter um die verschwundene Sekretärin und ihren Ehemann kümmern.«

»Das ist sicher ein guter Ansatz«, pflichtete Nathan Madsack bei, der sich bisher auffallend zurückgehalten hatte. »Es sind schon merkwürdige Zufälle, dass Manfredi mit einem Fleischklopfer erschlagen wurde und der Ehemann der untergetauchten Sekretärin in einer Fleischfabrik beschäftigt ist. Weiß jemand, welche Funktion er dort ausübt?«

Niemand antwortete.

»Noch eine Aufgabe für Lars von Wedell«, sagte Richter.

»Gut«, schloss Kriminaloberrat Ehlers die Besprechung. »Wir treffen uns wieder, wenn es neue Ergebnisse gibt.«

Alle Teammitglieder standen auf. Ehlers hielt Frauke zurück. »Einen kleinen Moment, bitte. Mit Ihnen möchte ich noch sprechen.«

Der Kriminaloberrat nahm seine Brille ab und ließ sie am Bügel kreisen, als alle anderen den Raum verlassen hatten. »Sie sind jetzt wenige Stunden hier«, begann er vorsichtig. »Deshalb erfüllt es mich ein wenig mit Sorge, dass es schon atmosphärische Störungen gibt. Ich kenne Ihre Personalakte und die Beurteilungen, die Sie als erfolgsorientierte und führungsstarke Frau auszeichnen. Mir ist auch bekannt, weshalb Sie von der dänischen Grenze zum LKA Niedersachsen gewechselt haben. Bei allem Respekt vor Ihrer Einsatzfreude sollten Sie aber auch ein wenig Teamgeist walten lassen. Hauptkommissar Richter ist ein erfahrener Kriminalbeamter und nicht zufällig mit der Teamleitung betraut. Haben Sie damit ein Problem?«

»Ich danke Ihnen für die offenen Worte. Nein, ich möchte niemandem die Rolle streitig machen. Mein Ehrgeiz gilt einzig der Aufklärung von Straftaten. Wir alle wissen, dass der erste Angriff namentlich bei Tötungsdelikten für die Ermittlungsarbeit von immenser Bedeutung ist. Was dort versäumt wird, lässt sich später nur schwer kompensieren. Deshalb liegt mir am Herzen, dass alle Aspekte bedacht werden.«

»Kollege Richter und die anderen arbeiten routiniert. Sie können sicher sein, dass den Kollegen nichts entgeht. Ich bitte Sie deshalb um ein wenig gebremsten Schaum, wenn hier bei uns in Hannover anders gearbeitet wird, als Sie es aus Flensburg gewohnt sind. Vielleicht liegt es auch an der personellen Ausstattung. Dort oben waren Sie ein einzelnes Kommissariat, dessen Arbeitsweise Sie allein bestimmt haben. Hier sind wir in das LKA eingebunden und legen sehr viel Wert auf Teamarbeit. Es wäre schön, wenn sich nach den ersten holprigen Schritten ein gedeihliches Miteinander entwickeln würde. Ich wünsche Ihnen und uns jedenfalls eine erfolgreiche Zusammenarbeit.«

Der Kriminaloberrat setzte seine Brille wieder auf, fuhr sich mit der Hand über den kahlen Streifen seines nur von einem Haarkranz umsäumten Kopfes und stand auf, ohne auf eine Antwort zu warten. An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Wenn Sie etwas bedrücken sollte, so gilt für Sie wie für jeden anderen Mitarbeiter: Der Kummerkasten der Abteilung heißt Michael Ehlers.«

Frauke blieb noch eine Weile sitzen. Es war nicht ihre Absicht, gleich in den ersten Stunden in der neuen Dienststelle für Unruhe zu sorgen. Sicher war es bis zur Ersten Hauptkommissarin ein langer Weg gewesen. Entgegen der Vielzahl von seichten weiblichen Ermittlern in Fernsehkrimis war der Frauenanteil in Polizeiführungspositionen immer noch verschwindend gering. Insbesondere in den »harten« Kommissariaten wie denen für Tötungsdelikte, dem Mobilen Einsatzkommando oder dem Sondereinsatzkommando stellten sie eine Minderheit dar. Und bei gleicher Qualifikation mussten sie stets eine Spur besser und härter als männliche Mitbewerber sein. In dieser von Männern dominierten Welt hatte sie es bis zur Leiterin der Mordkommission geschafft, des nördlichsten K1 Deutschlands. Und die Erfolge ihres Teams waren anerkannt.

Sie stützte für einen Moment die Ellenbogen auf die Tischplatte und versenkte ihren Kopf in die offenen Handflächen. Nein! Freiwillig hatte sie den Norden nicht verlassen. Trotz der mahnenden Worte ihres neuen Vorgesetzten fühlte sie sich nicht schuldig. Sie hatte lediglich ihre Erfahrung einfließen lassen, und wenn Richter kein Mannschaftsspieler war, dann stand für die Zukunft ein Problem zwischen ihnen. Andererseits hatte es der Kriminaloberrat nicht an mahnenden Worten missen lassen. Ehlers hatte zwar keine Drohungen ausgestoßen, aber wenn die Konflikte schon nach wenigen Stunden zu eskalieren drohten, dann bestand die Gefahr, dass man sie irgendwo in die Weite Niedersachsens schickte, auf eine Dienststelle in der Provinz, wo sie sich mit Kleinkriminalität und jugendlichen Straftätern auseinanderzusetzen hätte.

Sie stützte sich auf der Schreibtischplatte ab, stand auf und ging in Richters Büro. Im Unterschied zu den anderen Räumen hatte der Hauptkommissar seine Tür geschlossen.

»Hallo«, sagte sie.

Richter sah mürrisch auf. Er blätterte in den Akten, die sie aus dem Büro Manfredis mitgenommen hatten.

»Kann ich helfen?«, fragte Frauke.

»Man kann die Ordner schlecht teilen«, knurrte Richter.

»Ich könnte einen anderen durchsehen.«

»Es gibt nur wenige, die von Interesse sind. Es ist ohnehin erstaunlich, mit wie wenig Papier der Betrieb ausgekommen ist.«

»Heute wird vieles auf dem elektronischen Weg erledigt«, überlegte Frauke laut. »Allerdings sind wir in Deutschland. Da verlangt die Bürokratie jede Menge Nachweise in Papierform. Womit hat sich Manfredi eigentlich beschäftigt?«

Richter lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. Da er Frauke keinen Platz angeboten hatte, setzte sie sich unaufgefordert auf den Besucherstuhl.

»Früher war er in einen Gammelfleischskandal verwickelt. Aber das sagte ich bereits. Wir haben ihm nichts nachweisen können.«

»Können Sie das ein wenig ausführlicher erläutern?«, bat Frauke.

»Wozu? Das alte Thema ist abgeschlossen. Ich habe wenig Zeit, Sie in die Historie einzuweihen. Wenn es Sie interessiert, sollten Sie einen Blick in die Ermittlungsakten werfen.«

Frauke war nicht überrascht, dass Richter sich wenig kooperativ zeigte. Wie in vielen anderen Bereichen des Berufslebens baute auch in Behörden die Dominanz der Führungskräfte auf das auf, was man als »Herrschaftswissen« umschrieb. Sie nahm sich vor, dem alten Fall Aufmerksamkeit zu widmen. Vielleicht gab es Verbindungen in die Vergangenheit.

»Und welche Geschäfte hat Manfredi in seinem neuen Betrieb abgewickelt?«

»Das heißt nicht Betrieb, sondern Unternehmen«, korrigierte Richter. Dann tippte er mit dem Zeigefinger auf die vor ihm liegenden Papiere. »Er scheint sich mit Importen beschäftigt zu haben.«

»Fleisch?«

»Alles Mögliche. Viele Lieferpapiere sind in Italienisch. Da kann ich nur raten, was sich dahinter verbirgt. Ich vermute, Sie sind dieser Sprache auch nicht mächtig. Wahrscheinlich sprechen Sie nur Eskimoisch, wenn Sie von dort oben kommen.«

»Dänisch«, korrigierte Frauke ihn. »In Flensburg spricht man Dänisch. Und in Grönland auch. So kommen Sie mit dieser Sprache von Flensburg bis zum Nordpol.«

Richter brummte etwas Unverständliches. Dann machte er mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Tür. »Es wäre schön, wenn Sie mich jetzt weiterarbeiten ließen.«

Frauke verließ wortlos den Raum.

Auf dem Flur stieß sie mit Jakob Putensenf zusammen, der einen Kaffeebecher balancierte und im letzten Moment ausweichen konnte.

»Sie scheinen in allen Dingen stürmisch zu sein«, sagte er.

Frauke zog die Augenbraue in die Höhe. »Das kommt Ihnen nur so vor. Liegt es daran, dass hier bisher nur ein laues Lüftchen wehte?«

»Ich bin durchaus für die Emanzipation. Frauen sollten richtig herumwirbeln und alles im Beruf geben. Ich bin dafür, dass sie jede Menge Erfolg haben. Schließlich profitiere ich als Mann davon, wenn dieser Beruf der der Hausfrau ist.«

Sie musterte ihn bewusst vom Scheitel bis zur Sohle. »Ich glaube, bei Ihnen muss einiges upgedatet werden.«

Putensenf schluckte. »Sie sind ganz schön kess«, sagte er dann. »Aber das ist vielleicht die falsche Vokabel. So nennt man das Verhalten junger Mädchen.«

»Davon verstehen alte Männer aber nichts.« Sie ließ ihn stehen und suchte das Büro von Nathan Madsack. Der saß an seinem Schreibtisch und sah auf. Er hielt die Hand vor den Mund, kaute zu Ende und zeigte auf den Besucherstuhl. »Nehmen Sie bitte Platz. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Gern. Ich habe zuletzt heute Morgen im Hotel etwas getrunken.«

»Ich hole Ihnen eine Tasse.« Madsack stemmte sich in die Höhe. »Wissen Sie was?«, ergänzte er. »Kommen Sie am besten mit. Wir haben in der Abteilung zusammengelegt. Im Geschäftszimmer bei Frau Westerwelle steht die Kaffeemaschine. Dort liegt eine Strichliste aus, und jeder, der sich einen Kaffee holt, trägt sich dort ein. Sporadisch kassiert die Sekretärin dann.«

Madsack bewegt sich wie ein Teddybär, dachte Frauke, als sie dem korpulenten Mann über den Flur folgte.

»Wir müssen uns bei Ihnen entschuldigen«, sagte er über die Schulter. »Heute geht es recht turbulent bei uns zu. Sonst hätten wir Sie bei den anderen Kollegen vorgestellt und Ihnen die Örtlichkeiten erläutert. Wenn Sie möchten, nehme ich Sie mit in die Kantine. Es ist ja gleich Mittag. Dann kann ich Ihnen zeigen, wie es bei uns funktioniert.« Er bog vom Flur in das Geschäftszimmer ab.

»Hallo, Uschi«, sagte er zur Schreibkraft, die gerade ein Telefonat führte und beiläufig nickte. Madsack zeigte auf Frauke. »Die neue Kollegin möchte an unserer Kaffeerunde teilnehmen.«

Frauke fiel auf, dass es eine Feststellung und keine Frage war. Dann erklärte ihr Madsack das Prozedere. »Milch? Zucker?«, fragte er, nachdem er einen Becher gefüllt hatte.

»Danke. Schwarz.«

»Kommen Sie«, sagte er und trug ihren Becher zurück bis in sein Büro.

Sie ließ sich auf der anderen Schreibtischseite nieder.

»Es sieht aus, als wäre Ihr Start ein wenig holprig gewesen«, sagte Madsack. Die klare feste Stimme passte gar nicht zur äußerlichen Erscheinung. Wenn er sprach, wackelte das Doppelkinn, und die Wangen gerieten in Bewegung.

Frauke nahm einen Schluck Kaffee. Er war heiß und stark. Madsack hatte ihre Reaktion registriert.

»Schmeckt er Ihnen?«

Während Frauke nickte, hörte sie von der Tür her Putensenfs Stimme. »Das ist der Unterschied zwischen unserer Frau Westerwelle und der in Berlin. Unsere kann etwas.«

»Hast du nichts zu tun, Jakob?«, fragte Madsack.

»Das verstehst du nicht, Nathan. Frauen sind das Wunderbarste, was der liebe Gott aus unserer Rippe hat schaffen können. Ich könnte mir eine Welt ohne Frauen nicht vorstellen. Aber jeder hat seine Bestimmung. Wir können keine Kinder bekommen, und Frauen sollten sich nicht männlicher geben als wir Kerle selbst. Das ist schon alles.«

»Dann widme dich jetzt deinen maskulinen Aufgaben«, sagte Madsack und erklärte, als Putensenf verschwunden war: »Sie dürfen seine Verbalattacken nicht für bare Münze nehmen. Jakob ist so. Im Grunde seines Herzens ist er ein guter Kollege. Und Richter hat vielleicht ein Problem mit Ihrer Art. Ich freue mich jedenfalls, dass wir Verstärkung durch eine hervorragende Fachkraft bekommen haben.« Er hob seinen Kaffeebecher und hielt ihn Frauke hin. »Prost und willkommen.«

Nachdem Frauke ihren Kaffee abgestellt hatte, zeigte Madsack auf ein halb volles Glas mit Fruchtbonbons, das auf der Ecke seines Schreibtischs stand. »Sie dürfen sich gern bedienen. Es hat sich unter den Kollegen eingebürgert, dass gelegentlich einer zum Plausch vorbeikommt. Und Sie gehören ja nun auch zu uns.«

»Schön. Mich interessiert, in welcher Sache Sie schon einmal gegen Marcello Manfredi ermittelt haben.«

»Das ist jetzt zwei Jahre her. Wie Sie vielleicht wissen, hat Niedersachsen eine Einrichtung geschaffen, in der man den Behörden anonym Verdachtsfälle melden kann. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache und öffnet auch manchem Denunzianten Tür und Tor. Jedenfalls gab es einen Hinweis, dass drüben im Oldenburgischen im großen Stil mit Gammelfleisch gehandelt würde. Wir sind der Anzeige nachgegangen und haben mithilfe der örtlichen Behörden tatsächlich vereinzelt Schlachtereien und Großhändler gefunden, die mit für den menschlichen Verzehr nicht geeigneten Abfällen und auch mit verdorbenem Fleisch gehandelt haben. Es war aber nicht das große Ding, vor allem nicht die Fleischmafia, die angeblich im großen Stil dahinterstecken sollte. Manfredi war einer der Händler, die damals unter Verdacht standen. Wir konnten ihm aber nichts beweisen. Bernd Richter hat sich wie wild in die Sache hineingekniet. Als uns schon lange klar war, dass es außer einem kleinen Lebensmittelskandal nichts zu holen gab, hat er immer noch in den Akten gewühlt. Nächtelang. Aber leider vergeblich. Er ist sogar nach Dienstschluss nach Oldenburg rübergefahren. Aber das hat alles nichts gebracht. In einem Fall ist Anklage erhoben worden. Zwei oder drei Beteiligte sind mit einem Strafbefehl davongekommen. Dem Rest war nichts nachzuweisen. Trotzdem hat Richters Einsatz Eindruck auf die Führung gemacht, und seitdem ist er der Leiter unserer Einheit.«

»Warum hat Manfredi die Branche gewechselt, wenn er damals unschuldig war?«

Madsack sah Frauke lange an. »Da fragen Sie mich zu viel.«

»Kann man Einblick in die Ermittlungsakten nehmen?«

»Ich denke, ja. Da der Fall abgeschlossen ist, müssten die Unterlagen im Archiv liegen. Wenn Sie möchten, fordere ich die Akten für Sie an.«

»Vielen Dank. Das gilt auch für den Kaffee«, sagte Frauke und stand auf. Sie stand eine Weile unschlüssig auf dem Flur. Ein eigenes Büro war ihr noch nicht zugewiesen worden. Am Vortag war sie aus Flensburg eingetroffen. Zwei Koffer mit Kleidung, Schuhe und persönliche Utensilien in zwei weiteren Taschen verpackt, alles im Kofferraum ihres Audi A3 verstaut, so hatte sie das Hotel in Bahnhofsnähe aufgesucht. Sie würde noch ein, zwei Nächte dort verweilen und in der Zwischenzeit versuchen, eine kleine möblierte Wohnung zu finden.

»Ich habe etwas gefunden«, sprach sie Lars von Wedell von hinten an. Der junge Kommissar schwenkte ein Blatt Papier. »Ich bin gerade auf dem Weg zum Chef.«

»Zu Ehlers?«, fragte Frauke und heftete sich an seine Fersen. Doch von Wedell steuerte das Büro von Bernd Richter an.

»Was gibt’s?« Der Hauptkommissar sah auf.

»Ich hab etwas«, sagte der junge Kommissar strahlend und reichte Richter die Notiz.

»Das hilft uns im Moment nicht weiter«, sagte Richter, nachdem er den Zettel gelesen hatte. »Thomas Tuchtenhagen ist Tierarzt. Er war früher beim Veterinäramt beschäftigt und ist seit einem Jahr bei Schröder-Fleisch für die Qualitätssicherung zuständig.«

»Und jetzt ist er verschwunden«, merkte Frauke an.

»Was soll das heißen? Gegenwärtig wissen wir nur, dass er seinen Arbeitsplatz verlassen hat. Wir können davon ausgehen, dass er sich mit seiner Frau getroffen hat, die beim Anblick des Toten in Panik geraten war.«

»Üblicherweise erwartet man in einer solchen Situation, dass die Polizei verständigt wird«, sagte Frauke.

»Menschen reagieren im Schockzustand unterschiedlich. Da ist nicht alles rational nachvollziehbar.«

Frauke wandte sich an von Wedell. »War Tuchtenhagen in Oldenburg beim Veterinäramt tätigt?«

»Nein.« Der junge Kommissar nickte heftig. »Hier. Beim Landkreis Hannover.«

»Das wäre mir schon aufgefallen«, knurrte Richter. »Ich nehme an, Sie wollen immer noch eine Verbindung zum damaligen Fall konstruieren.«

»Da ist aber noch etwas.« Von Wedell streckte seine Hand nach der Notiz aus. »Name und Anschrift habe ich aus den Buchhaltungsunterlagen.«

»Die Putzfrau?«, fragte Frauke.

Von Wedell nickte. »Es ist allerdings keine Frau, sondern ein Mann. Er heißt Theophanis Mikolitis. Und wohnt in der Wagenerstraße.«

»Dann sollten wir mit ihm sprechen«, sagte Richter.

»Soll ich da allein hin?« Von Wedells Eifer war nicht zu übersehen. Sein Gesicht zeigte aber deutliche Spuren der Enttäuschung, als Richter anordnete: »Nein. Das kann Frau Dobermann machen. Die kann hier vor Ort im Moment nichts bewirken.« Er sah Frauke an. »Nehmen Sie Jakob Putensenf mit.«

Frauke unterdrückte die Frage, ob das eine Strafaktion werden sollte.

Putensenf hatte auf dem Weg zum Auto kein Wort mit Frauke gewechselt. Er öffnete die Türen per Fernbedienung und stieg in den Ford Focus ein. Frauke setzte sich auf den Beifahrersitz.

Während der Fahrt holte Putensenf eine Blechschachtel hervor, fingerte daran herum und schob sich ein Zigarillo zwischen die Lippen.

»Nein!«

Er sah Frauke von der Seite an. Sie stierte stur gerade aus und würdigte ihn keines Blickes.

Während er das kalte Zigarillo zwischen den Mundwinkeln wandern ließ, lispelte er: »Sie sind wohl in jeder Hinsicht militant.«

»Manches stinkt mir schon so genug. Da bedarf es keiner Verstärkung durch solche Knösel.«

»Knösel sind Pfeifen, nur um Ihre Bildungslücke zu schließen.«

»Es ist mir gleich, wie Sie Ihre zusammengerollte Matratze nennen.«

Immerhin unterließ er es, das Zigarillo in Brand zu setzen. Sie fuhren eine Weile schweigend weiter, bis er schließlich knurrte: »Das wundert mich.«

Frauke gab sich keine Blöße. Putensenf wollte sie zu einer Nachfrage verleiten. Sie war sich sicher, dass er die mit einem Kommentar wie »Frauen sind von Natur aus neugierig« beantwortet hätte. Eine Weile später brach Putensenf die Stille.

»Wollen Sie gar nicht wissen, was mich wundert?«

»Mich wundert bei Ihnen gar nichts mehr. Und Männer wie Sie sind von Natur aus sabbelig. Da werden Sie schon von sich aus reden.«

Frauke sah, wie Putensenf das Lenkrad fester umschloss und seine Knöchel weiß hervortraten.

»Das war dienstlich«, zischte er schließlich. »Ich bin erstaunt, dass ein Mann das Büro reinigt und Manfredi keine Putzfrau beschäftigt hat.«

»Vielleicht war das Opfer ein kluger Mensch und hat erkannt, wie die Rollen besser verteilt werden können.«

»Sie sind aber eine hartnäckige Emanze.«

»Emanze gegen Macho.«

Putensenf schlug mit beiden Händen gleichzeitig gegen das Lenkrad. »Freunde werden wir nie.«

Frauke lachte auf. »Das ist die erste positive Aussage, die ich aus Ihrem Mund gehört habe. Eine kluge Erkenntnis, dass Sie bei mir keine Chance haben.«

Putensenf missachtete sie für den Rest der Fahrt, bis sie vor einem Gelbklinkerhaus mit schwarzem Sockel hielten. Die Kindertagesstätte auf der anderen Straßenseite brachte ein wenig Leben in diese ruhige Straße, die parallel zur rührigen Calenberger Straße verlief, die den Mittelpunkt der Calenberger Neustadt bildete. Ein mit Gerümpel vollgestellter Hof in direkter Nachbarschaft war ebenso wenig idyllisch wie die beiden heruntergekommenen Fachwerkhäuser. Da schmeichelte auch das herausgeputzte Nebengebäude des Restaurants Backöfle nicht, das mit einem Schild selbstbewusst verkündete, über Hannovers kleinsten Biergarten im lauschigen Innenhof zu verfügen.

Auf der Fahrt waren sie auch am Neuen Rathaus vorbeigekommen, zu dem Madsack mit Sicherheit ein paar erklärende Worte gefunden hätte.

Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis der Türsummer erschallte, nachdem sie auf den Knopf mit der Aufschrift »Mikolitis/ Profanas« gedrückt hatten.

»Der Typ wohnt mit einer Landsmännin zusammen«, sagte Putensenf mehr zu sich selbst und ging voran.

In der zweiten Etage wurden sie von einem mittelgroßen schlanken Mann mit dunklen Augen und einem schwarzen Vollbart erwartet. Er sah wie ein klassischer Grieche aus. Dazu trugen auch die gelockten dunklen Haare bei, die ihm in die Stirn hingen und Ähnlichkeiten mit der Haartracht einer antiken Statue aufwiesen.

»Herr Mikolitis?«, fragte Putensenf.

Der Mann nickte.

»Putensenf, Polizei Hannover. Das ist eine Kollegin. Wir haben ein paar Fragen an Sie. Dürfen wir hereinkommen?«

Mikolitis starrte die beiden Beamten einen Moment erstaunt an. Putensenf kramte seinen Dienstausweis hervor und hielt ihn dem Griechen unter die Nase.

»Ja sicher«, antwortete Mikolitis erschrocken und gab die Tür frei. »Kommen Sie bitte mit.«

Er führte sie durch einen kleinen Flur, in dem keine Möbel standen. Lediglich ein paar Garderobenhaken waren an der Wand angebracht. Im Vorbeigehen konnten sie durch die geöffnete Tür einen Blick in das Schlafzimmer werfen, in dem ein großes Bett mit fein ziselierten metallenen Kopf- und Fußteilen stand. Das Bett war noch nicht hergerichtet. Aus dem Badezimmer drang das Plätschern der Dusche.

»Hier bitte«, bat Mikolitis und wies ihnen den Weg in den Wohnraum. Frauke sah sich erstaunt um. Knallbunte Stoffkuben dienten als Sitzmöbel, die sich um einen bunt lackierten kleinen Tisch gruppierten. Der altmodische Diwan in der Zimmerecke passte zwar nicht zur Einrichtung, aber die ebenso schrill lackierten Regale und die bunten Kunstdrucke. Da überraschten die poppigen Stofffiguren, die überall herumsaßen, schon nicht mehr.

»Nehmen Sie bitte Platz«, bat der Grieche und setzte sich auf einen der Schaumstoffwürfel.

Frauke versank fast in ihrem Sitz. So weich war das Material.

»Polizei?«, fragte Mikolitis und sah Putensenf an.

Der nickte. »Sie arbeiten für Marcello Manfredi?«

Mikolitis musterte Putensenf einen kurzen Moment mit einem fragenden Blick. »Ja. Ist etwas nicht in Ordnung? Wir haben unser Gewerbe ordnungsgemäß angemeldet.« Er wollte aufspringen. »Ich zeige Ihnen meine Papiere. Die Buchhaltung ist allerdings beim Steuerberater.«

»Bleiben Sie bitte sitzen«, bat Frauke. »Wir sind aus einem anderen Grund hier.«

Mikolitis hatte seine Nervosität immer noch nicht abgelegt. »Wirft man uns etwas vor?« Er hatte sich zu Putensenf gewandt. Es schien, als würde er Frauke ignorieren wollen.

»Es geht nicht um Sie, sondern um Manfredi«, sagte Frauke, bevor Putensenf antworten konnte.

Der Grieche warf ihr einen kurzen Blick zu, drehte sich aber wieder zu Putensenf und fragte: »Was hat er gesagt?«

»Der sagt nichts mehr«, brummte Putensenf. »Marcello Manfredi ist tot. Er wurde heute Morgen in seinem Büro ermordet.«

»O Gott.« Mikolitis hielt sich beide Hände vors Gesicht. »Das ist nicht wahr.«

Warum ist das sehr häufig eine Reaktion von Menschen, denen man eine schlechte Nachricht überbringt?, überlegte Frauke. Schließlich erscheint die Polizei nicht zum Spaß und klärt über ein böses Ereignis auf.

»Leider doch.« Putensenf hatte für Frauke überraschend einen einfühlsamen Ton angeschlagen. »Er ist heute Morgen in seinem Büro gefunden worden.«

Mikolitis hielt sein Gesicht immer noch hinter den Händen verborgen. Schließlich ließ er die Hände gefaltet auf die Knie sinken. »Von wem? Von Frau Tuchtenhagen?«

»Das wissen wir noch nicht«, sagte Putensenf voreilig.

»Sie kennen die Verhältnisse im Büro?«, mischte sich Frauke ein.

»Kennen ist zu viel gesagt«, erwiderte der Grieche, blickte kurz zu Frauke und wandte sich wieder an Putensenf. Sie wurden durch ein Geräusch auf dem Flur unterbrochen. Die Badezimmertür wurde geöffnet, und jemand schlurfte über den Korridor. Kurz darauf hörte man die Schiebetür des Kleiderschranks, die schwungvoll aufgezogen wurde.

»Sie machen im Büro von Herrn Manfredi sauber.« Frauke wollte sich die Gesprächsführung nicht entreißen lassen. »Sind Sie dort angestellt?«

Mikolitits schüttelte den Kopf. »Nein. Wir sind selbständig. Herr Manfredi ist einer unserer Kunden. Wir waren immer montags und donnerstags bei ihm. Von halb sieben bis halb neun.«

»Sie haben einen Schlüssel?«

Der Grieche stand auf und verließ wortlos den Raum. Kurz darauf kehrte er mit einem Schlüsselring wieder, an dem sich zwei Sicherheitsschlüssel und ein Anhänger aus rotem Kunststoff befanden. »Manfredi« stand in sauberer Handschrift auf der Markierung.

»Seit wann arbeiten Sie dort?«

»Seitdem das Büro besteht.«

»Wer hat Ihnen den Auftrag vermittelt?«

Mikolitits dachte einen Moment nach. Dann zuckte er die Schultern. »Ich weiß es nicht mehr. Tut mir leid.« Immer wieder wechselte sein Blick zwischen Frauke und Putensenf. Ihm schien es nicht zu gefallen, dass Frauke das Fragen übernommen hatte.

»Wenn Sie dort tätig waren, sind Sie auch Herrn Manfredi und seiner Sekretärin begegnet?«

»Frau Tuchtenhagen war immer früh da. So gegen acht. Ihren Chef haben wir manchmal getroffen. Meistens kam er aber erst, wenn wir wieder weg waren.«

»War Manuela Tuchtenhagen immer pünktlich?«

»Manchmal kam sie schon kurz vor acht. Aber nie später.«

»Sind Ihnen Fremde aufgefallen? Besucher?«

»Büros reinigen wir meistens vor Dienstbeginn. Zu solch früher Stunde trifft man nicht auf Besucher.«

»Danach reinigen wir Privathaushalte. Und abends Banken und Läden«, mischte sich eine tiefe Stimme von der Tür her ein. »Guten Tag.« Der hochgewachsene Mann, bartlos, aber ebenfalls mit schwarz gelocktem Haar, ging zu Frauke, reichte ihr die Hand und machte eine Art Verbeugung. »Georgios Profanas. Ich bin der Partner.« Dann begrüßte er Putensenf. Anschließend ließ er sich auf der Lehne von Mikolitis’ Sitzgelegenheit nieder. Der Schaumstoff gab nach, und Profanas rutschte dadurch direkt an den anderen Griechen heran. Er lächelte leicht, als er Putensenfs erstaunten Blick registrierte. Dann fuhr er Mikolitis einmal vorsichtig über den Kopf. »Das hat bei uns in Griechenland eine lange Tradition.«

»Wissen Sie, womit sich die Firma beschäftigt hat?«

»Das geht uns nichts an«, sagte Profanas. »Wir sehen nicht in die Schränke oder Unterlagen unserer Kunden. Dann hätten wir schnell das Vertrauen verspielt, das man uns entgegenbringt. Schließlich händigen uns die Leute ihre Schlüssel aus.«

»Trotzdem weiß man in der Regel, womit das Unternehmen handelt, in dem man putzt. Das ist kein großes Geheimnis«, erwiderte Frauke.

»Wir haben dort nie Ware gesehen. Wenn es ein Großhändler war, dann – so vermute ich – wurde alles nur auf dem Papierweg abgewickelt. Das ist bei Importgeschäften so üblich.«

Frauke zog leicht die linke Augenbraue in die Höhe. »Für jemanden, der sich nur mit Putzen beschäftigt, kennen Sie sich erstaunlich gut aus.«

Profanas verbeugte sich leicht. »Vielen Dank. Aber das ist zu viel der Ehre. Wir sind nur einfache Reinigungskräfte.« Plötzlich hob er den Zeigefinger, als würde er sich in der Schule melden wollen. »Ich weiß nicht, ob es Sie interessiert. Aber vielleicht handeln die mit Fleisch.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Das ist mir beim Saubermachen aufgefallen. Wenn ich Herrn Manfredis Schreibtisch gewischt habe, musste ich die Dinge, die dort herumlagen, zur Seite räumen. Der Schreibtisch war immer leer. Fast. Ich habe dort nie einen geschäftlichen Vorgang gefunden. Auch das Notebook hatte Herr Manfredi immer mitgenommen. Was mir aufgefallen war, war ein kleines Utensil. Vielleicht ein Talisman. Allerdings ein eigenartiger.«

»Nun reden Sie endlich. Was für ein merkwürdiges Ding lag dort?«, fuhr Putensenf ungeduldig dazwischen.

Profanas strafte ihn mit einem Seitenblick. Dann sah er wieder Frauke an. »Ein hölzerner Fleischklopfer. Ich kenne von anderen Büros, dass dort allerhand auf den Schreibtischen liegt. Bilder, Teddybären und jede Menge Figuren aus Überraschungseiern. Aber ein Fleischklopfer?«

Bevor Putensenf erneut dazwischenreden konnte, stand Frauke auf. »Vielen Dank. Sie haben uns sehr geholfen.« Sie gab Mikolitis die Hand, anschließend Profanas. »Sie sprechen sehr gut Deutsch. Leben Sie schon lange hier?«

Der Mann lächelte und zeigte dabei eine Reihe blendend weißer Zähne. »Griechisch ist bis heute die Sprache der Gebildeten. Das trifft auch auf Deutschland zu. Und wer bei Ihnen Griechisch spricht, kann häufig auch andere Sprachen«, antwortete er vieldeutig.

Schade, dachte Frauke, als sie die Wohnung verließen und sie immer noch den festen Händedruck Profanas spürte. Manchmal vergeudet die Natur die schönsten Dinge an falsche Adressen.

Als sie wieder im Auto saßen, steckte Putensenf den Schlüssel in das Zündschloss, startete aber nicht. Er sah Frauke mit puterrotem Kopf an. »Das machen Sie nicht noch einmal mit mir. Sie führen mich nicht noch einmal wie einen dummen Jungen vor.«

Sie spitzte die Lippen. »Ich habe Sie nur vor einer Dummheit bewahrt. Sie fingen an, Ermittlungsergebnisse auszuplaudern.«

»Das ist nicht wahr«, empörte sich Putensenf. »Sie unterstellen da etwas. So geht das nicht. Ich werde mich bei Richter beschweren.«

»Und ich bei Ehlers«, antwortete Frauke kühl.

»Die beiden Schwuchteln da oben sind doch harmlose Putzmänner.«

»Wie die beiden Herren ihr Leben gestalten, unterliegt nicht der Beurteilung durch die Polizei. Oder ist Ihnen in Ihrer zweifelsfrei langen Polizeilaufbahn entgangen, dass dieser diskriminierende Paragraph gestrichen ist? Fehlt Ihnen ein Update?«

Putensenf starrte minutenlang mit grimmigem Gesicht durch die Scheibe nach vorn.

»Ist Ihnen wenigstens etwas aufgefallen?«, fragte Frauke nach einer Weile eine Spur versöhnlicher.

»Halten Sie mich für blöde?«

»Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass ich Ihnen nicht alle Fragen beantworte.«

»Ich hätte nicht wenig Lust, Sie aus dem Wagen zu werfen«, giftete Putensenf.

»Das kann ich verstehen. Aber er gehört nicht Ihnen, sondern Peter Harry.«

Putensenf stutzte. »Wer ist Peter Harry?«

Dann fiel Frauke ein, dass Sie nicht mehr in Schleswig-Holstein war. »Schön. Dann eben Christian Wulff.«

»So ein Quark«, schimpfte Putensenf. Er trommelte einen Moment mit seinen Fingerspitzen auf das Lenkrad. »Natürlich habe ich registriert, dass der Mörder das Tatwerkzeug nicht mitgeschleppt hat, sondern es auf dem Schreibtisch des Opfers vorgefunden hat.«

»Und was folgern Sie daraus?«

»Dass die Annahme, es wäre ein Ritualmord, der sein Motiv irgendwo in den Untergründen der Fleischmafia hat, nicht mehr ohne Weiteres zutrifft. Es kann auch einen Streit gegeben haben, und der Täter hat im Affekt mit dem nächstbesten Gegenstand zugeschlagen. Und das war der Fleischklopfer, der in Reichweite lag.«

»Prima. Man muss Ihrem Verstand nur einen Anstoß geben. Dann funktioniert er auch.«

»Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie sind die unmöglichste Frau, die mir je begegnet ist.«

»Sicher«, bestätigte Frauke. »Aber das haben vor Ihnen schon viele andere festgestellt. Kommen wir aber zu unserer Befragung zurück.«

»Ich mag es nicht, wenn Sie mich wie einen dummen Schuljungen befragen. Natürlich ist mir aufgefallen, dass Manuela Tuchtenhagen heute erst nach acht Uhr gesehen wurde. Es war halb neun, als sie am Zeitungsladen vorbeigelaufen ist. Der Putzteufel hat aber gesagt, sie würde eher etwas vor acht, aber nie später kommen.«

»Wenn die Frau pünktlich zur Arbeit erschienen ist, muss sie Zeuge der Auseinandersetzung gewesen sein und kann uns auch den Namen des Mörders nennen. Oder sie ist später gekommen. Dann wäre interessant, zu erfahren, weshalb sie von ihrem gewohnten Rhythmus abgewichen ist.«

»Sie vergessen die dritte Möglichkeit«, sagte Putensenf.

Frauke schüttelte den Kopf. »Das wollte ich Ihnen überlassen. Schließlich sollen wir als Team operieren.«

»Sollen oder wollen?«, schob Putensenf zwischen den Zähnen hervor.

»Im Orient würde man von einer Zwangsehe sprechen.«

»Das heißt, wir sollten vorrangig Manuela Tuchtenhagen suchen. Oder ihren Mann, da anzunehmen ist, dass sie sich zu dem geflüchtet hat.«

Frauke lachte bissig. »Das ist das erste Mal, seit ich Sie kenne, dass wir Übereinstimmung erzielen.«

»Ich hoffe, das bleibt die einzige Gemeinsamkeit«, zischte Putensenf und startete den Motor.

Im Landeskriminalamt verschwand Putensenf wortlos in seinem Büro. Sie hatten während der ganzen Rückfahrt kein Wort mehr gewechselt. Frauke blieb einen Moment unschlüssig auf dem Flur stehen, bevor sie zu Richter ging. Der Teamleiter saß an seinem Schreibtisch. Er hatte sich in seinem Stuhl so weit zurückgelehnt, wie es die Wippautomatik zuließ, das linke Wadenbein auf das rechte Knie gelegt und einen Aktenordner auf diesem Dreieck abgelegt. Ihm war anzusehen, dass ihm das Durcharbeiten der Geschäftsordner wenig Vergnügen bereitete.

Frauke wartete nicht darauf, dass ihr Platz angeboten wurde. Sie setzte sich auf den Besucherstuhl.

»Haben Sie schon etwas entdeckt?«, fragte sie.

Richter las die Seite zu Ende, ohne aufzublicken, blätterte um und studierte auch noch seelenruhig das nächste Blatt, bevor er antwortete: »Nichts.«

»Womit hat Manfredi gehandelt?«

»Mit allem.«

»Geht es nicht präziser?«

»Soweit ich es erkennen kann, hat er Ware jeder Art quer durch Europa verkauft. Wein von Italien nach Polen. Tomatenpüree von Italien nach England. Einen alten Hafenkran von Triest nach Dakar. Textilien von Mailand nach Marokko.«

»Kein Fleisch?«

Richter sah Frauke an. »Wieso?«

»Wenn ich Sie richtig verstanden habe, war das sein früheres Metier.«

»Fleisch war auch darunter.«

»Aber nicht nach Deutschland?«

Richter horchte auf. »Wie kommen Sie darauf?«

»Sie haben einen bunten Strauß von Bestimmungsländern aufgezählt. Aber keine Lieferung führte in die Bundesrepublik.«

»Europa ist zusammengewachsen. Wir haben einen gemeinsamen Markt«, gab Richter zu bedenken.

»Wenn Manfredi eine Handelsagentur betreibt, die internationale Geschäfte tätigt, würde ich fast erwarten, dass er seinen Firmensitz in Hamburg hat. Oder Bremen. Hannover ist sicher nicht das internationale Zentrum für globales Business.«

»Was wollen Sie damit sagen?« Richter klang empört. »Sie sind ein paar Stunden hier und glauben, sich ein Urteil über unsere Stadt erlauben zu können.«

»Mir war nur aufgefallen, dass Manfredi seine Ware überallhin verkauft hat, nur nicht in die Bundesrepublik. Somit können wir nicht nachprüfen, ob die Ware wirklich verkauft wurde oder nur auf dem Papier existiert.«

»Ihre Phantasie in allen Ehren, aber wir sind hier nicht die Steuerfahndung.«

»Und wenn Manfredi sich nach dem Gammelfleisch in diesem Metier getummelt hat?«

»Falls wir Verdachtsmomente für Wirtschaftsstrafsachen ermitteln, werden wir die Kollegen vom zuständigen Fachkommissariat einschalten. Nun entschuldigen Sie mich. Ich muss weiterarbeiten.«

»Als Teamleiter können Sie mir sicher sagen, wo sich mein Arbeitsplatz befindet. Ich benötige dringend ein eigenes Büro mit der dazugehörigen Infrastruktur.«

»Das ist nicht meine Aufgabe. Wenden Sie sich an Herrn Ehlers«, brummte Richter.

»Wollen Sie gar nicht wissen, was Putensenf und ich bei unserem Besuch bei den griechischen Putzmännern herausgefunden haben?«

Richter sah auf die Uhr. »Jakob wird in zehn Minuten zu mir kommen und berichten.«

»Da wäre ich gern dabei.«

»Sie sollten sich zunächst um die Suche nach der Sekretärin kümmern. Das hat Vorrang.«

»Schön. Eine letzte Frage. Wo finde ich die Akten zu den früheren Ermittlungen gegen Manfredi, die Sie vor zwei Jahren durchgeführt haben?«

»Die habe ich angefordert«, knurrte Richter und ließ seinen Finger zeilenweise über das nächste Schriftstück in der Akte gleiten, ohne Frauke weitere Beachtung zu schenken.

Sie verließ den Raum und suchte das Büro des Kriminaloberrats auf. Doch Ehlers war in einer Dienstbesprechung.

»Das wird erfahrungsgemäß länger dauern«, erklärte ihr Uschi Westerwelle aus dem Geschäftszimmer.

Frauke stand eine Weile unschlüssig auf dem Flur. Die offene Ablehnung, die man ihr entgegenbrachte, machte sie erschrocken. Sie war sich nicht sicher, ob man sie ablehnte, weil sie in dieser von Männern dominierten Welt eine Frau war, oder ob sie gemobbt wurde, weil man befürchtete, sie würde Anspruch auf eine Führungsposition erheben. Schließlich war sie Erste Hauptkommissarin und hätte damit formell die Teamleitung übertragen bekommen müssen. Natürlich konnte Ehlers sie nicht am ersten Tag im neuen Umfeld mit der Leitung eines aktuellen Mordfalles betrauen. Sie war weder mit den internen Abläufen noch den informellen Nachrichtenwegen im Landeskriminalamt Hannover vertraut, kannte nicht die zuständigen Mitarbeiter und hatte bisher nicht einmal einen eigenen Schreibtisch. Und dass sie ihre Erfahrungen aus der Flensburger Mordkommission einfließen ließ, schien bei ihren neuen Kollegen auch auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Schließlich gab sie sich einen Ruck und ging zu Nathan Madsack.

Der korpulente Hauptkommissar thronte hinter seinem Schreibtisch und griff zu einer Serviette, die neben einem Teller auf seinem Schreibtisch lag. Er kaute den Bissen des solide belegten Mettbrötchens zu Ende, tupfte sich die Lippen ab und sagte: »Entschuldigung. Aber ich bin nicht zum Frühstücken gekommen.«

»Ich fühle mich ein wenig verloren«, sagte Frauke und ärgerte sich, dass in ihrer Stimme ein Hauch von Resignation mitschwebte. »Ich habe noch keinen Arbeitsplatz. Darf ich so lange bei Ihnen um Asyl bitten?«

Madsack sprang auf, was bei ihm eher ein mühsames In-die-Höhe-Hieven war. »Selbstverständlich«, sagte er. »Sie dürfen sich wie zu Hause fühlen.« Er sah sie aus seinen Schweinsäuglein an und versuchte ein freundliches Lächeln. »Möchten Sie an meinem Platz arbeiten? Ich ziehe auf die Besucherseite des Schreibtischs um.«

»Danke«, sagte Frauke. »Mir reicht es, wenn ich mich an der Schreibtischecke niederlassen darf und ein paar Notizen machen kann. Und vielleicht darf ich Ihr Telefon und den Computer mitbenutzen.«

»Aber gern. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. »Im Augenblick nicht.«

Madsack nahm wieder Platz. »Sie fühlen sich nicht wohl bei uns?«

Frauke unterließ es, ihm zu antworten. Sie wollte ihn nicht an ihrem aufkeimenden Ärger teilhaben lassen, dass Richter sie gern ins Abseits stellen und zur Untätigkeit verurteilen wollte.

»Es ist eine Frage der Gewöhnung«, versuchte Madsack sie zu trösten. »Ihre vorwärtsdrängende Art prallt auf die eher besonnene Arbeitsweise, die Bernd Richter in unserem Team etabliert hat.« Er sah Frauke nachdenklich an. Dann lächelte er. »Komisch. Wenn man Vorurteile hat, sollte man eher vermuten, dass Sie als Nordlicht den bedächtigen Part spielen. Aber in diesem Fall ist es anders.«

Dann griff er zu seinem Brötchen und nahm den nächsten herzhaften Bissen. Er war noch beim Kauen, als Lars von Wedell ins Zimmer kam.

»Ich will zu Herrn Richter. Ich habe den Mädchennamen von Frau Tuchtenhagen. Und eine Aufstellung aller weiteren Träger dieses Namens in Hannover.«

»Wie viele?«, fragte Madsack.

»Eine Menge.«

»Und wie heißt die Dame mit Mädchennamen?«

Die Begeisterung wich aus von Wedells Gesichtszügen. »Meyer«, sagte er kleinlaut.

Madsack sah Frauke an. Dann begannen beide lauthals zu lachen.

»Das ist nicht sehr ergiebig«, räumte von Wedell ein. »Aber ich kann schließlich nichts dafür.« Er drehte sich um und verließ das Büro wieder.

Frauke zeigte auf das Telefon. Madsack nickte stumm und reichte ihr den Apparat hinüber. Sie wählte die Handynummer Tuchtenhagens an.

»Ja«, meldete sich die Stimme, die sie vom ersten Telefonat erkannte.

»Dobermann. Polizei Hannover. Wir haben vorhin schon einmal miteinander gesprochen.«

»Ich habe keine Zeit für Sie«, sagte Tuchtenhagen barsch.

»Sie und Ihre Frau sollten unbedingt Kontakt mit uns aufnehmen. Und zwar sofort. Ihre Frau ist Zeugin in einem Mordfall.«

»Meine Frau hat nichts damit zu tun.«

»Das würden wir gern selbst von ihr hören. Ich verstehe, dass sie erschrocken war, als sie ihren Chef gefunden hat.«

»Gar nichts begreifen Sie«, erklärte Tuchtenhagen. Seine Stimme klang plötzlich gehetzt.

»Sagen Sie uns, wo wir mit Ihnen und Ihrer Frau sprechen können.«

Es blieb ein paar Sekunden still in der Leitung.

»Ich weiß nicht, wo meine Frau ist«, sagte Tuchtenhagen.

»Was soll das heißen?«

Doch der Mann hatte das Gespräch beendet.

Frauke starrte eine Weile auf den Telefonhörer, den sie immer noch in der Hand hielt. Dann legte sie ihn auf den Apparat zurück und berichtete Madsack von ihrem Gespräch mit dem Ehemann.

»Das müssen wir mit dem Kollegen Richter besprechen«, sagte Madsack und hievte sich in die Höhe. »Kommen Sie mit?«

Frauke winkte ab. »Der soll seine strategischen Entscheidungen allein treffen.« Sie nutzte die Abwesenheit des schwergewichtigen Hauptkommissars und suchte im Internet nach Adressen von möblierten Wohnungen. Ihr Aufenthalt im Hotel sollte nur von kurzer Dauer sein.

Nach einer halben Stunde kam Madsack mit Putensenf im Schlepptau zurück. »Wir haben die weitere Vorgehensweise diskutiert«, erklärte er. »Richter meint, wir müssen dringend nach der Frau suchen. Er hat sie zur Fahndung ausgeschrieben.«

»Es gibt keine Anhaltspunkte, dass sie die Täterin ist«, sagte Frauke.

»Aber hinreichend Verdachtsmomente. Warum ist sie flüchtig? Auch ihr Ehemann sucht sie.«

»Das behauptet Tuchtenhagen«, wandte Frauke ein. »Den Wahrheitsgehalt können wir nicht prüfen. Es ist auch denkbar, dass er seine Frau vor unseren Fragen schützen möchte.«

»Dann stimmen Sie doch unseren Überlegungen zu«, sagte Madsack.

»Ist meine Ansicht für irgendjemanden von Interesse?«, fragte Frauke.

Madsack und Putensenf tauschten einen schnellen Blick. »Für mich schon«, bestätigte der korpulente Hauptkommissar. »Wie würden Sie vorgehen?«

»Wir sollten noch einmal die Wohnung aufsuchen. Möglicherweise treffen wir die Eheleute dort an.«

»Da stimmen wir mit Ihnen überein. Richter bemüht sich um einen Durchsuchungsbeschluss.«

Frauke schüttelte leicht den Kopf.

»Sind Sie damit nicht einverstanden?«, fragte Madsack besorgt.

»Doch«, antwortete sie schnell. Der Reflex der Kopfbewegung resultierte aus ihrer Überraschung, dass man sie zwar nicht zur Lagebesprechung hinzugebeten hatte, sich aber dort offensichtlich Gedanken gemacht hatte, wie sie vorgehen würde.

Putensenf räusperte sich. »Wir sollten keine Zeit verlieren. Deshalb würde ich gern mit Ihnen zur Wohnung der Eheleute fahren. Von Wedell wird folgen, wenn wir den Durchsuchungsbeschluss haben.«

Frauke war überrascht. Vor einer knappen Stunde hatte Putensenf noch bekundet, nie wieder mit ihr zusammenarbeiten zu wollen. Jetzt trottete er wortlos vor ihr zum Parkplatz, nachdem sie sich mit einem »Bis später« von Madsack verabschiedet hatte. Obwohl sie Übung darin besaß, das Verhalten von Menschen und deren Reaktionen einzuschätzen, verstand sie die Hannoveraner nicht. Zumindest nicht die, denen sie auf dieser Dienststelle bisher begegnet war.

Putensenf sprach während der ganzen Fahrt keinen Ton. Lediglich als Frauke, die den Weg bereits kannte, ihm Hinweise geben wollte, knurrte er ungehalten: »Weiß ich.«

Die Straße lag noch genauso verlassen da wie bei ihrem ersten Besuch. Der Nieselregen hatte aufgehört, aber die dichte Wolkendecke hing immer noch über der Stadt und tauchte alles in ein unfreundliches Grau.

Frauke war nicht überrascht, als sich auf das Klingeln nichts im Haus rührte. Sie wollte um den Block herumgehen und versuchen, von der Gartenseite einen Blick ins Innere zu werfen, als aus dem Nebenhaus eine Frau heraustrat, hinter der sich ein Kind an der Hand versteckte.

»Wollen Sie zu Tuchtenhagens?«, fragte sie.

»Ja. Wissen Sie, wo wir die antreffen können?«

»Eigentlich arbeiten sie um diese Zeit. Beide. Wollen Sie etwas abgeben? Das könnte ich entgegennehmen.«

»Wir möchten mit Frau oder Herrn Tuchtenhagen sprechen«, sagte Frauke.

»Wie gesagt. Die kommen erst abends wieder. Nach Feierabend. Obwohl …« Die Frau hielt inne.

»Das wäre nett, wenn Sie uns einen Tipp geben könnten.« Frauke war die wenigen Schritte zum Nachbarhaus gegangen und stand der jungen Frau gegenüber.

»Das ist komisch. Thomas – also Herr Tuchtenhagen – war vorhin kurz hier. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber durchs Küchenfenster gesehen, wie er ins Haus geeilt ist. Nach wenigen Minuten ist er mit einer kleinen Reisetasche wieder herausgekommen und schnell weggefahren. Na, vielleicht musste er überraschend auf Geschäftsreise.«

»Kommt das öfter vor?«

»Eigentlich nicht«, sagte die hilfsbereite Nachbarin. »Seit er bei Schröder-Fleisch tätig ist, hat er regelmäßige Arbeitszeiten. Außerdem geht er morgens immer vor Manuela aus dem Haus. Etwa eine halbe Stunde früher. Und auf Dienstreise geht er sonst auch nicht.« Sie wurde kurz von dem Kind abgelenkt, das ungeduldig an ihrem Hosenbein zerrte. »Gleich, mein Schatz«, sagte die Frau und strich dem Mädchen über den Kopf. Dann wandte sie sich wieder an Frauke. »Sie müssen nicht glauben, dass ich neugierig bin. Aber hier leben viele in unserem Alter, und wir haben in dieser Straße eine gute Nachbarschaft.«

Die beiden Beamten bedankten sich und kehrten zu ihrem Fahrzeug zurück.

»Es hat den Anschein, als wäre Manuela Tuchtenhagen flüchtig, nachdem sie Marcello Manfredi heute früh – vielleicht im Streit – mit dem Fleischklopfer erschlagen hat. Sie hat ihren Ehemann angerufen und hält sich nun irgendwo verborgen, während Tuchtenhagen ihr ein paar Sachen aus der Wohnung geholt hat und diese in ihr Versteck bringt.« Putensenf grunzte zufrieden. »Die Bürger wundern sich häufig, dass es bei Tötungsdelikten eine so hohe Aufklärungsquote gibt und die Täter relativ schnell gefasst werden.« Er sah auf die Uhr. »Es sieht so aus, als hätten wir den Fall innerhalb weniger Stunden geklärt. Ich werde jetzt Richter informieren.«

Putensenf holte sein Handy hervor und berichtete dem Teamleiter, was sie von der Nachbarin erfahren hatten und welche Theorie »die beiden Beamten vor Ort« entwickelt hatten. Dann drehte er sich zufrieden zu Frauke um.

»Das war Ihre Theorie, nicht unsere«, belehrte sie Putensenf.

»Herrje noch mal«, antwortete er zornig. »Nun zeige ich kollegiale Züge und möchte Sie am Erfolg teilhaben lassen, aber das ist Ihnen auch nicht recht.« Er schlug sich leicht mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Da werde einer aus den Rockträgern schlau.«

»Wie Sie sehen, trage ich auch Hosen.«

Putensenf seufzte. »Damit hat das ganze Elend angefangen: Als die Frauen begannen, in Hosen zu schlüpfen. Die Überlegenheit des männlichen Geschlechts resultiert aber nicht allein aus der Tatsache, dass wir Hosen tragen.«

Frauke bemerkte amüsiert mit einem Seitenblick, dass Putensenf enttäuscht war, als sie ihm nicht widersprach.

»Was hat Ihr Chef nun geantwortet?«, kehrte sie zum Thema zurück.

»Unser Teamleiter schreibt die beiden Tuchtenhagens zur Fahndung aus. Außerdem gibt er eine Beschreibung der beiden Fahrzeuge durch. Sie werden dringend der Tötung zum Nachteil des Marcello Manfredi verdächtigt«, sagte Putensenf im gestelzten Behördendeutsch.

»Da bleibt noch eine Menge Arbeit«, stellte Frauke fest. »Uns fehlen Beweise und das Motiv.«

»Beides bekommen wir mit dem Geständnis.« Putensenf gab sich zuversichtlich. »Die Tuchtenhagens sind schließlich keine hartgesottenen Verbrecher. Solche Leute sind froh, wenn sie ihr Gewissen erleichtern können.«

»Optimist.«

»Donnerwetter«, fluchte Putensenf. »Wenn Gott wirklich schlau gewesen wäre, hätte er die Frau nicht mit Sprache ausgestattet.« Er drehte das Autoradio an, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Ein wenig später schloss er die Augen. Frauke war sich nicht sicher, ob Putensenf nicht in einen leichten Schlummer verfallen war. In ihrem Kommissariat in Flensburg hätte sie solche Mitarbeiter nicht geduldet. Die Beamten, für die sie die Personalverantwortung getragen hatte, wussten, dass man einer Frauke Dobermann nicht widersprechen durfte. Lediglich der Leiter der Kriminaltechnik, der ewig erkältete Klaus Jürgensen, nahm sich ihr gegenüber ein paar Freiheiten heraus. Und natürlich die selbstbewussten Husumer. Christoph Johannes, der es immer wieder fertigbrachte, außerhalb aller Dienstwege mit seinem Team Tötungsdelikte zu klären. Und schließlich Große Jäger, der ungepflegte, aber gutmütige Grantler. Mit der Entfernung zu Flensburg schwand ihr Missfallen gegenüber den Menschen, mit denen sie die letzten Jahre ihres Berufslebens zugebracht hatte. Besonders Große Jäger würde nicht auf den Durchsuchungsbeschluss gewartet haben, sondern mit Sicherheit »eine zufällig offene Tür entdeckt haben«. Nein! Freiwillig hatte sie dem Norden nicht den Rücken gekehrt.

Die nächste Stunde verstrich ereignislos. Nur wenige Anwohner zeigten sich auf der Straße, nahmen aber von den beiden Beamten, die stumm in ihrem Dienstwagen hockten, keine Notiz. Schließlich tauchte Lars von Wedell auf. Der junge Kommissar hatte den Schlüsseldienst gleich mitgebracht.

Geschickt öffnete der grauhaarige Handwerker in der blauen Jacke die Haustür. Obwohl es nur wenige Minuten dauerte, hatte sich eine Handvoll Kinder eingefunden, die mit offenem Mund der Aktion beiwohnten. Durch das Geschnatter angelockt, erschien auch die freundliche Nachbarin.

»Was machen Sie da?«, fragte sie laut, hielt aber sicherheitshalber Abstand zu den drei Beamten und dem Handwerker. »Was soll das?«

»Das hat seine Richtigkeit«, antwortete Frauke.

»Sie können doch nicht so einfach eine fremde Tür öffnen und dort eindringen«, protestierte die aufmerksame Frau. »Das geht doch nicht.«

Immerhin drohte sie nicht, die Polizei zu rufen, registrierte Frauke. Sie ging auf die Nachbarin zu. »Das hat seine Richtigkeit«, sagte sie. »Wir sind von der Behörde.«

»Das glaube ich nicht. Welches Amt darf in Häuser eindringen?«

Frauke wollte in die Tasche greifen, als ihr einfiel, dass sie noch gar keinen neuen Dienstausweis der niedersächsischen Landespolizei ausgehändigt bekommen hatte. Und das Flensburger Dokument hatte sie abgegeben. »Herr Kollege«, rief sie von Wedell, und als der junge Kommissar zu ihnen hinzutrat, sagte sie: »Können Sie sich der Dame gegenüber bitte mit Ihrem Dienstausweis legitimieren?«

»Selbstverständlich.« Von Wedell zeigte seinen Dienstausweis und wollte eilfertig auch noch den Durchsuchungsbeschluss präsentieren, aber Frauke legte vorsichtig ihre Hand auf seinen Oberarm, ohne eine Erklärung abzugeben.

»Was wollen Sie denn vom Ehepaar Tuchtenhagen?«, fragte die Nachbarin.

»Reine Routine. Es gibt keinen Anlass zur Beunruhigung.« Frauke war sich bewusst, dass dieses eine Situation war, in der die Polizei rasch handeln musste. Es war ein Abwägen zwischen der Notwendigkeit, das Verhalten der Hausbesitzer zu hinterfragen, und der Notwendigkeit, falls diese in keinem Zusammenhang mit dem Mord standen, keinen Anlass für Gerüchte in ihrem Umfeld zu streuen, die den Tuchtenhagens sonst zum Nachteil in ihrem sozialen Leben gereichen könnten.

»Ich weiß nicht recht.« Die Nachbarin blieb skeptisch und wurde durch eine andere Bewohnerin abgelenkt, die hinzugekommen war.

»Das ja unglaublich, Sabine«, hörte Frauke die Frau aufgeregt erklären. »Die Polizei dringt bei Manuela und Thomas ein. Was ist da bloß passiert?«

Frauke wandte sich ab und folgte Putensenf und von Wedell ins Haus, während der Mann vom Schlüsseldienst damit beschäftigt war, ein neues Schloss einzusetzen.

Es war ein typisches Einfamilienhaus. Der Flur war mit dunkelrotem Klinker gefliest und mit einer nüchternen Stahlrohrgarderobe möbliert, an der eine leichte Sommerjacke und ein Pullover hingen. Eine offene Treppe führte ins Obergeschoss. Gerahmte Drucke von René Magritte zierten die Wände des Aufgangs.

Links ging die Küche ab. Sie bestand aus weiß gebeiztem Holz mit dunkel abgesetzten Türknöpfen und Griffmulden. Mit einem raschen Blick registrierte Frauke, dass sich die Tuchtenhagens alle Annehmlichkeiten einer modernen Küchenausstattung gegönnt hatten. Vom Cerankochfeld über den Backofen mit dunkler Verglasung, Mikrowelle, Kühl-/Gefrierkombination inklusive Eiswürfelbereiter bis hin zum Geschirrspüler war alles vorhanden, was der Vereinfachung der Hausarbeit diente.

Die Küche sah aufgeräumt aus. In der Spüle standen zwei Saftgläser und ein Müslibecher. Die Hausfrau schien sehr nüchtern zu sein, denn Frauke sah nirgendwo kleinen überflüssigen Krimskrams, eine Tonfigur, einen Anhänger oder anderen Zierrat. Auf dem kleinen Tisch mit den zwei Stühlen standen nur Salz- und Pfefferstreuer. Nirgendwo war eine Zierpflanze zu sehen.

Auch der Kühlschrank gab nichts her. Es sah nicht so aus, als hätte jemand eine Abwesenheit geplant, sondern als wolle man nach einem normalen Arbeitstag wieder in seine Wohnung zurückkehren.

Frauke hörte Putensenf und von Wedell im Wohnzimmer rumoren. Sie folgte den beiden. Der Raum ging über die ganze Breite des Hauses und gab den Blick in einen kleinen gepflegten Garten frei. Auf der Terrasse standen sorgfältig abgedeckte Gartenmöbel. Das Zimmer gliederte sich in eine Essecke und den Wohnbereich und war mit hellen Buchenmöbeln aus einem einheitlichen Programm eingerichtet. Alles war hell und freundlich und machte einen sauberen Eindruck, obwohl Frauke auch hier die Spur Individualität vermisste. Alles, einschließlich der Drucke von Matisse an den Wänden, wirkte steril, ohne jede persönliche Note.

Ihre beiden Kollegen stöberten zwischen den Regalen und in den Schubladen und Schränken der Möbel. Frauke warf einen Blick auf die in die lockere Möblierung eingestreuten Fächer mit Büchern. Es schien, als wenn sich der Lesegeschmack der Hausbesitzer stringent an den Bestsellerlisten des »Spiegel« orientierte.

Sie ließ Putensenf und von Wedell allein. Es gab nichts Konkretes. Frauke war sich sicher, dass sie in diesem Haus keine Beweise finden würden. Vielmehr kam es ihr darauf an, sich einen Eindruck zu verschaffen, ob jemand geplant oder überhastet das Haus verlassen hatte. Im Obergeschoss stand die Tür zu einem Raum offen, der kombiniert als Arbeits- und Gästezimmer genutzt wurde. Sie warf einen kurzen Blick hinein und konzentrierte sich auf das Bad und das Schlafzimmer. Das Badezimmer machte einen ebenso gepflegten Eindruck wie die anderen Räume. Auf einem gefliesten Mauervorsprung über dem Doppelwaschbecken und dem die ganze Wand bedeckenden Kristallspiegel standen, sauber aufgereiht, die Toilettenartikel der Hausbewohner. Links war die Abteilung des Mannes. Frauke schmunzelte im Stillen, als sie registrierte, dass Manuela Tuchtenhagen gut zwei Drittel der Fläche für sich beanspruchte. Unübersehbar war aber die Lücke, die inmitten der Aneinanderreihung von Tiegeln, Töpfchen und Flakons entstanden war. Frauke zweifelte nicht daran, dass der Ehemann bei seinem kurzen Besuch im Hause mehr oder weniger wahllos Kosmetika und Pflegeartikel zusammengesucht hatte. Es passte auch nicht zur sonstigen Ordnung im Hause, dass die Tür des Schranks aus weißem Echtholz offen stand. Auch hier fehlten Toilettenartikel. Rasierschaum und der Nassrasierer lagen sauber auf dem Bord über dem rechten Waschtisch, aber im Ladegerät des Mundhygienecenters fehlte die elektrische Zahnbürste. Frauke suchte nach Zahnpasta, fand aber keine Tube. Wer nahm bei einer Abwesenheit eine elektrische Zahnbürste ohne das dazugehörige Ladegerät mit? Der Ehemann hatte bei der Zusammenstellung nicht sehr planvoll gehandelt.

Frauke ging ins Schlafzimmer. Auch hier sah es aufgeräumt aus. Sogar eine Tagesdecke lag auf dem Doppelbett. Dazu passte allerdings nicht der offene Kleiderschrank. Auch hier musste Thomas Tuchtenhagen wahllos Sachen seiner Frau zusammengerafft und in einem Koffer verstaut haben. Frauke besah sich die Fächer im Schrank genauer. Da Manuela Tuchtenhagen über ein umfangreiches Repertoire an Kleidung zu verfügen schien, war auf den ersten Blick nicht ersichtlich, wie viel fehlte. Auf der Tagesdecke zeichnete sich aber deutlich der rechteckige Abdruck eines gefüllten Koffers ab.

Für Frauke war es eindeutig, dass der Ehemann nach dem Anruf seiner Frau die angeforderten Gegenstände planlos und unüberlegt eingepackt hatte. Das hieß, sie musste ihn telefonisch davon in Kenntnis gesetzt haben, dass sie sich in einer Notsituation befand und dringend seiner Hilfe bedurfte.

Sie kehrte ins Erdgeschoss zurück, wo ihre beiden Kollegen immer noch mit der Sichtung der Inhalte von Schubladen und Regalfächern beschäftigt waren. Putensenf blickte kurz auf. »Haben Sie etwas gefunden?«, fragte er.

»Ich habe nichts berührt, bevor es fotografiert ist«, antwortete sie ausweichend. »Und Sie?«

»Nichts«, knurrte Putensenf kurz angebunden und wühlte sich weiter durch Tuchtenhagens Intimsphäre.

Frauke zog sich einen Esszimmerstuhl hervor und nahm darauf Platz. Schweigend sah sie den beiden Beamten zu, bis Putensenf sich aufrichtete.

»Ist das Durchsuchen nicht mehr Ihre Besoldungsklasse?«

Sie schenkte ihm ein Lächeln. »Wonach suchen Sie? Ich würde Ihnen gern behilflich sein.«

»Wir sind auf der …« Putensenf hielt mitten im Satz inne und winkte ab.

Frauke berichtete von ihrer Entdeckung, die sie im Obergeschoss gemacht hatte, und welche Vermutungen sie daraus ableitete.

»Hm«, war der ganze Kommentar Putensenfs dazu, als das Telefon klingelte. Er sah sich um, entdeckte den Apparat, beugte sich über das Display und murmelte: »Anrufer unbekannt.« Dann nahm er ab und meldete sich mit »Ja, hallo«.

Putensenf lauschte einen Moment und legte seine Hand über den Hörer. »Da würden mich Einzelheiten interessieren«, sagte er, nahm den Hörer vom Ohr und starrte ihn an. »Aufgelegt.«

»Hat sich der Anrufer gemeldet?«, fragte Frauke.

»Nicht mit Namen. Dafür aber mit einem italienischen Akzent. Er hielt mich offenbar für den Ehemann. ›Hör zu, Tuchtenhagen‹, hat er gesagt. ›Weißt du eigentlich, dass deine Alte mit Manfredi gebumst hat?‹ Als ich nachfragen wollte, wurde das Gespräch beendet.«

»Ist Ihnen noch etwas aufgefallen?«

Putensenf nickte und sah fast ein wenig zufrieden aus. »Ja. Ein Hintergrundgeräusch. Der Anruf kam von einer öffentlichen Telefonzelle am Kröpcke.«

»Wie kommen Sie darauf? Gibt es dort ein Glockenspiel?«

»Das nicht, aber vor dem Café treten oft zwei Straßenmusikanten auf. Die Südamerikaner spielen Schifferklavier und ein kleines mobiles Schlagzeug. Auch ist ihr Repertoire an weinseligen Melodien ganz typisch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Anruf von dort kam. Direkt am Platz finden sich vor dem U-Bahn-Niedergang an der Georgstraße vier offene Telefonsäulen. Da bekommen Sie alles mit, was rund um Sie geschieht.«

»Das bietet sich förmlich als Motiv an – um auf den Anruf zurückzukommen«, mischte sich von Wedell ein. »Manfredi hat ein Verhältnis mit seiner Sekretärin. Es kommt zum Streit. Aus welchem Grund auch immer. Vielleicht ist Manfredi handgreiflich geworden. Manuela Tuchtenhagen greift zum Fleischklopfer, der als Zierde auf dem Schreibtisch ihres Chefs liegt, und … Bum. Dann flüchtet sie in Panik und ruft ihren Mann an. Der eilt in die eheliche Wohnung, klaubt ein paar notwendige Sachen zusammen und fährt in das Versteck seiner Frau.«

»Das ist eine denkbare Variante«, stimmte Putensenf zu. »Es gibt aber noch eine andere Theorie.«

Frauke musterte ihn neugierig.

»Wenn Thomas Tuchtenhagen schon früher von dem Verhältnis seiner Frau erfahren hat, dann könnte er ebenso gut als Täter infrage kommen.«

»Gemeinschaftlich mit seiner Frau?«, fragte von Wedell.

Putensenf schüttelte den Kopf. »Nein. Dann wäre sie nicht panikartig geflüchtet, wie uns die Zeugen aus dem Zeitungsladen bestätigt haben. Zumindest nicht allein. Und da wir es nicht mit Profikillern zu tun haben, die sich aus taktischen Gründen gleich nach der Tat trennen, wären in diesem Fall beide gesehen worden.«

»Aber wenn Tuchtenhagen Manfredi bereits gestern Abend erschlagen hat?«

»Ich möchte der Obduktion nicht vorgreifen«, schaltete sich Frauke ein. »Aber der Tote sah nicht so aus, als hätte er schon die ganze Nacht dort gelegen. Der Gesamtzustand deutet auf einen Todeszeitpunkt von dreißig Minuten bis einer Stunde vor der Entdeckung hin.«

Immerhin widersprach Putensenf nicht. »Ich werde Richter informieren«, sagte er und wählte auf dem Handy die Kurzwahl. »Der ist nicht im Büro«, sagte er nach einer Weile. »Ich probiere es auf dem Handy.« Kurz darauf hatte er eine Verbindung. »Wo bist du, Bernd?«, fragte er. »Ich kann dich schlecht verstehen. Das ist so laut.« Er hörte kurz zu. »Wir haben auch Hunger. Also, hier hat sich Folgendes ergeben.« Dann berichtete er von den Ereignissen, bevor Richter länger antwortete.

»Ist gut«, verabschiedete sich Putensenf und griente. »Bernd war gerade in der Passerelle und wollte etwas essen. Er meint, die beiden Tuchtenhagens sind nun unsere Hauptverdächtigen, und wir sollten den Fahndungsdruck erhöhen. Bernd wird mit Ehlers sprechen und die Überwachung der Mobiltelefone beantragen.«

»Des Mobiltelefons. Den Apparat der Frau haben wir mit ihrer Handtasche an ihrem Arbeitsplatz sichergestellt«, korrigierte ihn Frauke.

»Es soll Leute geben, die mehr als ein Handy haben«, maulte Putensenf.

»Das wäre ein Punkt, den wir prüfen müssten. Die Nachbarin hat gesagt, Thomas Tuchtenhagen verlässt das Haus morgens in der Regel eine halbe Stunde vor seiner Frau. Herr von Wedell, das wäre doch eine Aufgabe für Sie. Stellen Sie fest, wie lange der Mann üblicherweise zur Arbeit braucht. Und dann fragen Sie in seiner Firma nach, ob er heute zur üblichen Zeit dort eingetroffen ist. Es wäre außerdem hilfreich, wenn wir einen Zeugen finden würden, der ihn heute Morgen irgendwo gesehen hat.«

Der junge Kommissar nickte beflissen.

»Gut. Dann sollten wir noch den Zustand in den oberen Räumen fotografieren und dokumentieren. Sicherheitshalber sollten wir noch Fingerabdrücke zu Vergleichszwecken aufnehmen und etwas, aus dem wir im Bedarfsfall eine DNA-Vergleichsanalyse ableiten können. Das wäre so weit alles, was wir hier verrichten können. Die Fingerabdrücke prüfen wir dann gegen die, die die Spurensicherung hoffentlich auf der Mordwaffe feststellen konnte.«

»Ich kümmere mich um die Fotos und die DNA-Spuren. Du machst die Fingerabdrücke, Lars«, sagte Putensenf, und Frauke wunderte sich insgeheim, dass er ihr nicht widersprochen hatte.

Es war erstaunlich still im Raum. Frauke genoss die Ruhe und ließ ihren Blick über die Wände wandern. Ein paar Poster, die von den Besonderheiten des Polizeiberufs schwärmten, ein altes Plakat für eine Polizeisportshow und ein mit Tesafilm an die Wand gehefteter Zettel, der mahnte, das Kaffeegeschirr selbst abzuräumen, waren der traurige Schmuck, der diesen Besprechungsraum zierte.

Als Erster kam Putensenf. Er warf Frauke einen kurzen Blick zu und setzte sich kommentarlos zwei Plätze weiter, legte seinen Spiralblock und einen Kugelschreiber mit abgebrochener Halterung geräuschvoll auf die Tischplatte und begann, sich hinter vorgehaltener Hand die Zähne von Speiseresten zu befreien.

Nathan Madsack betrat den Raum im typischen Watschelgang korpulenter Menschen. »Mahlzeit«, grüßte er und ließ sich mit einem Ächzen gegenüber Frauke nieder.

Uschi Westerwelle stürmte fast herein, platzierte sich neben Frauke und fragte in die Runde: »Dauert es lange? Ich habe noch eine Menge auf dem Schreibtisch.«

»Wie gut, dass wir nichts zu tun haben«, knurrte Putensenf, während Madsack in seine Sakkotasche griff und eine Handvoll Fruchtbonbons hervorzauberte.

Er bot sie in der Runde an. Als alle dankend abgelehnt hatten, schälte er sich selbst zwei Stück aus dem Papier.

»Warst du mit Bernd zu Tisch?«, fragte Putensenf und sah Madsack an.

»Heute nicht. Bernd wollte noch etwas besorgen und hat in der Pause das Haus verlassen. Ich habe in der Kantine gegessen.«

»Was gab es?« Als wollte er seine Frage besonders unterstreichen, knurrte Putensenfs Magen laut und vernehmlich.

»Ich habe Currywurst und Pommes gegessen.«

»Mit Ketchup und Mayo?«, mischte sich Frau Westerwelle ein.

»Blöde Frage. Doppelte Portion Mayo«, antwortete Putensenf für Madsack.

Alle drehten sich um, als Lars von Wedell in den Raum gestürmt kam.

»Wenn du so hereinpreschst, hast du etwas Wichtiges«, sagte Madsack und schien froh, dass sie das Thema Essen verlassen konnten.

»Das hat gut geklappt«, berichtete der junge Kommissar, noch bevor er sich neben Madsack setzte.

»Verrätst du uns auch, was?«

Frauke registrierte mit einem Hauch Genugtuung, dass Putensenf offenbar gegenüber jedermann sein mürrisches Verhalten zeigte.

»Die Auskunft des Telefonproviders. Thomas Tuchtenhagen hat einen Duplexanschluss. Das heißt zwei Nummern. Eine Chipkarte hat er in seinem tragbaren Handy, die zweite fest im Auto als Autotelefon installiert. Gleich, welche Nummer man wählt, meldet sich stets die zuletzt im Netz angemeldete Karte. Er kann sich also nicht selbst anrufen.«

»Das heißt, in der praktischen Anwendung läuft er nur mit einem Gerät herum. Folglich kann seine Frau nicht mit einem Zweithandy unterwegs sein«, warf Frauke ein.

»Richtig. Und Frau Tuchtenhagen hat nur das eine Mobiltelefon, das sie in der Handtasche am Tatort vergessen hat.«

»Also muss sie von irgendwoher telefoniert haben, da sie auch kein Bargeld hatte«, meldete sich Richter von der Tür, der unbemerkt eingetreten war.

»Du kannst heute kaum noch mit Bargeld telefonieren«, gab Putensenf zu bedenken. »Dazu benötigst du in der Regel eine Telefonkarte.«

»Die haben wir weder in der Handtasche noch im Portemonnaie gefunden«, sagte Richter und nahm am Kopfende Platz.

»Das würde auch keinen Sinn machen«, schaltete sich Frauke ein. »Kaum jemand, der ein Handy hat, führt zusätzlich eine Telefonkarte mit sich herum.«

Richter klopfte mit seinem Kugelschreiber auf die Tischplatte. »Nicht alle durcheinander. Wir sind uns einig, dass sie von irgendwoher ihren Mann angerufen hat. Nach diesem Anschluss müssen wir suchen. Vielleicht hält sie sich dort noch auf.«

Von Wedell hob vorsichtig seine Hand und erinnerte dabei an einen Pennäler, der sich zu Wort melden will. Madsack zeigte mit der Spitze des Kugelschreibers auf ihn.

»Da bin ich auch am Ball. Das dauert aber ein wenig länger. So schnell hat der Telefonprovider die Daten nicht zur Hand.«

»Sie beziehen sich auf die beiden Mobilfunknummern des Ehemannes?«, fragte Frauke.

»Ja. Ich habe an beide Rufnummern des Duplexanschlusses gedacht.«

»Und wenn Manuela Tuchtenhagen ihren Mann im Betrieb angerufen hat?«, gab Frauke zu bedenken.

Von Wedell griff zu seinem Handheld und tippte in Windeseile eine Kurznachricht ein. »Da bin ich auch hinterher«, sagte er, und jeder im Raum spürte, dass der junge Kommissar daran bisher nicht gedacht hatte. »Das erledige ich mit den Nachforschungen, wann der Mann heute Morgen zur Arbeit erschienen ist.«

Putensenf räusperte sich. »Wir haben es hier mit einem Mord zu tun, Bernd. Sollten wir den Fall nicht an die Mordkommission abgeben?«

»Das wäre zu überlegen«, stimmte Madsack ein.

Bevor Richter antworten konnte, sagte Frauke: »Das mag vielleicht der korrekte Dienstweg sein. Wir haben aber inzwischen eine Reihe von Punkten zusammengetragen und verfolgen einige Spuren. Wenn wir jetzt das Dezernat wechseln würden, entstünden Zeit- und Informationsverluste. Deshalb wäre es nicht klug, sich aus den Ermittlungen zurückzuziehen.«

Fraukes Gedanken schweiften zu Hauptkommissar Christoph Johannes und seinem Husumer Team ab. Genauso hatten die Nordfriesen stets argumentiert, wenn sie sich in Mordermittlungen eingemischt und nach Fraukes Ansicht ihre Kompetenzen überschritten hatten. Da die Bearbeitung ungeklärter Todesfälle in ihren Zuständigkeitsbereich fiel, hatte es oftmals heftige Auseinandersetzungen zwischen ihr und den Husumern gegeben. Und jetzt vertrat sie die gleiche Auffassung wie Christoph Johannes.

»Ich teile Frau Dobermanns Ansicht«, sagte Richter. »Wir sollten den Vorgang weiterverfolgen.«

»Ein Wunder ist geschehen«, sagte Putensenf und streckte seine Hände wie zum Gebet zur Zimmerdecke. Er zog damit alle Blicke auf sich. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ihr einmal gleicher Meinung seid«, erklärte er und sah abwechselnd Richter und Frauke an.

»Jakob!«, rügte ihn Richter. Dann fragte er in die Runde: »War’s das? Oder hat jemand noch etwas?«

»Ja«, sagte Frauke. »Sind Sie mit der Durchsicht der Geschäftsunterlagen weitergekommen?«

»Ich habe nichts gefunden, was uns weiterhilft. Manfredi scheint auf den ersten Blick saubere Geschäfte getätigt zu haben.«

»Wo finde ich die Akten des alten Falls, in dem Sie gegen Manfredi ermittelt haben?«

»Sind die noch nicht da?«, fragte Richter erstaunt. »Das ist eine Schlamperei. Wenn alle Stellen im Hause so arbeiten würden … Ich kümmere mich darum.«

»Und wie sieht es mit einem eigenen Arbeitsplatz aus? Dienstausweis? Waffe?«

»Sie sehen doch, dass wir im Augenblick viel um die Ohren haben. Die Ermittlungen müssen Vorrang haben.«

»Sie dürfen sich gern bei mir einrichten«, lud Madsack Frauke ein. »Sie stören mich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass es ein fruchtbarer Gedankenaustausch sein könnte.«

»Nathan, hör auf zu flirten. Bei dem Eisblock hast du keine Chance«, grunzte Putensenf.

»Wie wär’s, Jakob, wenn du deine Kräfte auf die Suche nach dem Ehepaar Tuchtenhagen konzentrierst?«, fuhr ihn Richter an.

»Das große Programm?«

»Natürlich.«

»Haben Sie alles notiert, Guido?«, fragte Putensenf.

Frau Westerwelle stöhnte leise und nickte dabei.

Frauke saß Madsack in dessen engem Büro gegenüber. Sie war ratlos. Derzeit waren ihr die Hände gebunden. Alle zu vergebenden Aktivitäten wurden durch andere Kollegen ausgeführt. In Flensburg hätte sie als Leiterin des Kommissariats weitere Maßnahmen eingeleitet, die Mitarbeiter gesteuert und die gesamten Ermittlungen koordiniert. Hier hatte sie nicht einmal einen eigenen Schreibtisch. Und Richters Arbeitsstil wich erheblich von ihrem ab. Der Hauptkommissar saß in seinem Zimmer und blätterte geduldig durch die bei Manfredi konfiszierten Geschäftsunterlagen. Ihren Vorschlag, ihm dabei behilflich zu sein, hatte er abgelehnt.

»Das sind nur wenige Vorgänge. Da würden wir unsere Ressourcen falsch einsetzen«, hatte Richter abgewehrt. »Außerdem bin ich mit der Materie durch unsere damaligen Ermittlungen besser vertraut als Sie. Hinzu kommt, dass viele Dokumente in italienischer Sprache abgefasst sind. Die müssen wir übersetzen lassen. Haben Sie inzwischen Italienisch gelernt?«

Diese rhetorische Frage Richters hatte sie natürlich verneinen müssen. Mit Mühe verstand sie die Unterschiede der italienischen Bezeichnungen für die Angebote in der Pizzeria. Sie hatte Madsack noch einmal gefragt, ob er nicht die Herbeischaffung der alten Akten beschleunigen könne. Der Hauptkommissar hatte mit dem Archiv gesprochen und ihr dann mitgeteilt, dass die Unterlagen unterwegs seien.

»Kann ich mir die Sachen nicht holen?«

»Ich fürchte, das geht nicht«, hatte Madsack bedauert. »Wir sind hier eine Behörde. Da muss alles nach einem vorgeschrieben Schema ablaufen. Außerdem – Sie sind neu. Ihnen würde man keine Akten aushändigen. Sie können sich nicht einmal legitimieren.«

»Und wenn Sie die Unterlagen holen?«

Madsack stöhnte. »Es liegt nicht an meiner mangelnden Hilfsbereitschaft. Aber wenn die im Hause unterwegs sind, finden Sie sie nicht. Selbst als Polizist haben Sie keine Chance, dieser Spur zu folgen.«

Er hatte ihr einen Schnellhefter ausgehändigt. »Das sind Informationen zur Infrastruktur des Landeskriminalamtes. Wenn Sie möchten, können Sie sich auf diesem Weg mit Ihrem neuen Umfeld vertraut machen.«

Lustlos blätterte sie in den Unterlagen. Zwischendurch versuchte sie, Kriminaloberrat Ehlers zu sprechen.

»Der ist heute Nachmittag außer Haus und wird auch nicht wieder reinkommen«, entschuldigte sich Uschi Westerwelle.

Eine Weile später beugte sich Madsack über seinen Bildschirm. Dann wandte er sich Frauke zu, während er mit seinem Wurstfinger in Richtung Monitor wies.

»Das vorläufige Ergebnis der Obduktion liegt vor. Sie hatten recht. Manfredi ist erstickt. Wie Sie es vermutet hatten. Kompliment.« Er nickte dazu.

Frauke hatte den Eindruck, dass Madsacks Anerkennung ehrlich gemeint war. Überhaupt schien der korpulente Hauptkommissar der Einzige zu sein, der sie nicht als unliebsame Konkurrenz betrachtete oder sich daran störte, dass sie eine Frau war. Abgesehen von Lars von Wedell, der am Beginn seiner Polizeilaufbahn stand und mit rührendem Eifer die ihm übertragenen Aufgaben zu erledigen suchte.

»Soll ich es ausdrucken? Möchten Sie es lesen?«

»Nein danke. Wir müssen das endgültige Ergebnis abwarten.«

»Schön. Außerdem hat sich die Spurensicherung gemeldet. Auf der Mordwaffe finden sich zahlreiche Fingerabdrücke. Der Fleischklopfer ist demnach durch viele Hände gegangen, wobei die Prints des Opfers deutlich in der Mehrzahl sind.«

»Wenn das Ding auf dem Schreibtisch lag, mag Manfredi damit gespielt haben. Zum Beispiel beim Telefonieren. Andere verbiegen Büroklammern oder malen Strichmännchen. Gibt es Abdrücke von Manuela Tuchtenhagen oder ihrem Mann?«

»Moment.« Madsack studierte den Bericht. »Ja. Von der Frau. Thomas Tuchtenhagens Fingerprints konnten nicht herausgefiltert werden. Nur noch die von Theophanis Mikolitis, dem griechischen Putzteufel.«

»Keine Fremdabdrücke?«

»Leider nicht.«

»Überlagerungen?«

Madsack las weiter und ließ dabei seinen ausgestreckten Zeigefinger über den Bildschirm wandern. »Ja. Leider. Im Bereich des Griffs. Da gibt es verwischte Spuren. Entweder hat der Täter Handschuhe benutzt oder den Fleischklopfer abgewischt.«

»Das ist merkwürdig.« Frauke legte den Zeigefinger an die Nasenspitze. »Wenn Manuela Tuchtenhagen im Affekt zugeschlagen hat, dann müsste sie schon sehr abgebrüht sein, wenn sie hinterher noch Zeit und Muße findet, das Tatwerkzeug zu reinigen. Dagegen spricht auch, dass sie panikartig das Büro verlassen und sich nicht einmal eine Jacke übergeworfen hat.«

»Und welche Frau lässt ihre Handtasche zurück?«, griente Madsack. »Damit könnte man auch ausschließen, dass Frau Tuchtenhagen sich zuvor Handschuhe übergestülpt hat, bevor sie ihren Chef erschlug. Auch dann hätte sie ihre Sachen mitgenommen«, fuhr Frauke fort.

»Und wenn sie es doch war und ihre hektische Reaktion daher rührte, dass sie überrascht wurde?«

Frauke schüttelte den Kopf. »Der Paketbote kam erst, als sie das Haus schon verlassen hatte. Und von den Hausbewohnern hat niemand etwas bemerkt. Nein. Ich glaube nicht, dass es so war.«

»Dann halten Sie Manuela Tuchtenhagen nicht für die Täterin?«, fragte Madsack.

»Zu solchem Schluss können wir erst kommen, wenn wir den Täter überführt haben. Im Augenblick fehlen uns aber noch viele Dinge. So haben wir noch kein schlüssiges Motiv.«

»Und der Anruf im Hause von Tuchtenhagen? Der Mann mit dem italienischen Akzent, der behauptet hat, die Frau hätte ein Verhältnis mit Manfredi gehabt?«

»Es gibt noch zu viele offene Fragen«, wich Frauke aus. Dann versuchte sie, das Mobiltelefon des Ehemannes zu erreichen. Erneut meldete sich die Mailbox. »Man sollte in Erwägung ziehen, das Haus zu überwachen.«

Madsack nickte zustimmend. »Das habe ich auch schon vorgeschlagen, aber Bernd Richter hat das abgelehnt. Er hält es in Anbetracht unserer Personalknappheit für nicht hinreichend effizient.«

»Na schön«, sagte Frauke. »Wenn man mich nicht arbeiten lässt, werde ich jetzt Feierabend machen und mich um meine Unterkunft in der nächsten Zeit bemühen.«

Sie packte ihre Sachen, wünschte Madsack einen schönen Abend und traf auf dem Flur Lars von Wedell.

»Sie wollen schon gehen?«, fragte der junge Kommissar.

»Für die ersten Stunden in Hannover reicht es«, antwortete sie.

Frauke kehrte in ihr Hotel zurück, amüsierte sich über den »Schädelspalter«, ein kleines Ladenlokal, in dem Hannovers alternative Stadtillustrierte produziert wurde, und steuerte kurz darauf am Fernmeldeturm und dem ZOB vorbei den Hauptbahnhof an.

Der Raschplatz, die seelenlose Seite des Bahnhofs, offenbarte sein hässliches Gesicht. Hier lagen die Gestrandeten der Großstadt, umgeben von einem Meer leerer Flaschen.

Im Bahnhof herrschte das übliche Gewusel, das auf jedem großen Eisenbahnknotenpunkt anzutreffen ist. Mit Reisegepäck beladene Menschen versuchten sich durch das Heer der Reisenden zu tasten und stießen dabei zwangsläufig mit den Leuten zusammen, für die die Passage des Bahnhofs zu ihrem täglichen Arbeitsweg gehörte und die auf dem kürzesten Weg den vertrauten Pfad zum Bahnsteig nutzten.

Frauke ging ruhigen Schrittes durch die »Promenade im Hauptbahnhof«, trat auf dem Ernst-August-Platz ins Freie und folgte der Bahnhofstraße, die die Verbindung zum Kröpcke darstellte.

Sie fand, dass die einfallslose Nachkriegsarchitektur in dieser Straße keine wirklichen städtebaulichen Akzente setzte. Frauke war vom pulsierenden Kern Hannovers, dem eigentlichen Zentrum, ebenso enttäuscht. Hannovers Charme offenbarte sich nicht in der City, sondern in den vielen ruhigen und überaus urbanen Wohnvierteln. Sie würde sich nach den ersten aufregenden Tagen eingehender mit den Schönheiten der Stadt auseinandersetzen, dem Maschsee, den idyllischen Ecken Hannovers, die entdeckt werden wollten, den Herrenhäuser Gärten, der Eilenriede, dem Zoo und den anderen Attraktionen der Stadt, die die ganze Welt zumeist nur als Messehauptstadt kannten. Seit der Expo, so hatte Frauke gelesen, habe sich Hannover grundsätzlich verändert. Sicher hatte Hannover auch ein umfassenderes kulturelles Angebot als Flensburg zu bieten, obwohl ihre Heimatstadt in dieser Hinsicht sehr rege war. Frauke nahm sich vor, das Angebot der Staatsoper Hannover und der anderen Theater und Museen in Augenschein zu nehmen. Vielleicht war Hannover auf den zweiten Blick wirklich so bunt, wie es Nathan Madsack ihr vorgeschwärmt hatte. Schließlich lockte die Stadt zu Messezeiten Besucher aus aller Welt, die das Leben in den pulsierenden Metropolen kannten und mit hohen Erwartungen an die Leine kamen.

Ein Lächeln huschte über ihr Antlitz, als ihr das Wortspiel einfiel, dass sie nun an der Leine war, aber sich nicht durch Bernd Richter oder Jakob Putensenf an die Leine legen lassen wollte.

Wie in allen großen Städten herrschte zu dieser Stunde lebhafter Verkehr in der Fußgängerzone. Müßiggänger und bummelnde Passanten stießen mit eilig das Zentrum durchquerenden Menschen zusammen, gelegentlich hatten sich kleine Grüppchen zum Plausch gefunden und blockierten den Weg, Kinder lärmten unzufrieden und verlangten lautstark nach den kleinen Genüssen des Alltags, seien es Eis, Pommes oder Hamburger.

Wie es sich verlagert hat, dachte Frauke. Man hört selten ein Kind in der Öffentlichkeit nach Süßigkeiten quengeln. Das war zu ihrer Kindheit anders.

Sie verlangsamte den Schritt und ließ sich in der Woge der Passanten treiben, bis sie den Kröpcke erreichte. Das wohl auch vielen Ortsfremden von Bildern und Plakaten vertraute Bild des Uhrengehäuses stand in angenehmem Kontrast zu dem Betonungetüm im Hintergrund. Das alte Traditionskaufhaus Magis, an das sie sich von einem früheren Besuch erinnerte, war einer schwedischen Textilkette gewichen. Über dem Dach des Cafés ragte das Opernhaus empor.

Das regnerische Wetter des Vormittags war warmem Sonnenschein gewichen, auch wenn sich gelegentlich noch eine Wolke vor die Sonne schob. Viele Leute nutzten das Wetter aus und hatten sich in den zahlreichen Straßencafés niedergelassen. Sie suchte sich ein freies Plätzchen und hatte Glück, dass zwei junge Mädchen in der ersten Reihe aufbrachen. Eine abgehetzt wirkende Kellnerin, der man die Studentin auch ungefragt ansah, stapelte das leere Geschirr zusammen, fuhr einmal mit der Speisekarte über die Tischdecke, um die Krümel zu beseitigen, und fragte nach ihren Wünschen. Sie bestellte einen Cappuccino.

Während ihres ziellosen Bummels durch die Stadt hatte sie das unbestimmte Gefühl gehabt, dass ihr jemand folgte. Wer schleicht dir am ersten Tag in einer neuen Stadt hinterher?, hatte sie sich eine Närrin gescholten und sich geweigert, dieses Kribbeln im Nacken zu akzeptieren. Sie rückte ihren Stuhl zurecht, damit sie das Treiben besser beobachten konnte. Dann entdeckte sie ihren Verfolger. Der sechste Sinn hatte also doch nicht getrogen.

Lars von Wedell kam mit gesenktem Haupt und schuldbewusster Miene an ihren Tisch.

»Darf ich?«, fragte er und nahm neben ihr Platz, ohne die Antwort abzuwarten.

Sie musterte den jungen Kommissar. Er hatte ein frisches, offenes Gesicht. Die Wangenknochen lagen etwas zu hoch und betonten dadurch im schmalen Gesicht das spitze Kinn. Die braunen Haare trug er in einem angedeuteten Scheitel. Dass er sie nicht streng gekämmt hat, steht ihm gut, dachte Frauke und sah einen Moment nachdenklich auf den glitzernden Sticker im linken Ohrläppchen.

»Das hätten Sie einfacher haben können«, lächelte sie. »Als wir uns vorhin auf dem Flur trafen, hätten Sie mich nur fragen müssen. Oder haben Sie befürchtet, ich hätte Nein gesagt?«

»Nun ja«, druckste von Wedell herum. »Um ehrlich zu sein – es war eine spontane Idee, als Sie schon an mir vorbei waren.«

»Und was verschafft mir das Vergnügen Ihrer Gegenwart?«

»Sie haben es heute Morgen gehört. Ich bin ganz neu. Polizist war schon mein Traumberuf, als ich ein kleines Kind war.«

»Da schwärmt jeder Junge von. Es gibt kaum einen Knaben, der sich nicht als eifriger und stahlharter Verfechter der guten Sache sieht.«

Lars von Wedell schüttelte den Kopf. »Mag sein. Natürlich habe auch ich eine solche Phase durchlebt.« Er zeigte ein jungendliches Lachen. »Das muss zwischen dem Lokomotivführer und dem Astronauten gewesen sein. Und Sie? Wollten Sie nicht auch irgendwann Friseurin werden?«

»Sie sind bei Ihrem Kindheitstraum geblieben«, ließ Frauke seine Frage unbeantwortet.

»Ja. Vielleicht werde ich irgendwann einmal vom Alltag überrollt und desillusioniert.«

»So wie Jakob Putensenf?«

Von Wedell schüttelte heftig den Kopf, dass seine Haare in Bewegung gerieten. »Das ist kein übler Bursche. Er ist nur mit dem Mund vorweg. Dahinter steckt aber ein guter Kern. Glaube ich jedenfalls«, schob er halblaut hinterher.

»Sie haben sich aber nicht an meine Fersen geheftet, um ein Plädoyer für den Poltergeist des Teams zu halten?«

»Nein, natürl…« Von Wedell wurde durch die Bedienung unterbrochen, die Fraukes Cappuccino brachte.

»Und? Was darf es für dich sein?«, fragte sie den jungen Kommissar.

»Auch so was.«

Frauke registrierte, dass die Kellnerin von Wedell wie selbstverständlich duzte. Das war unter jungen Leuten durchaus üblich. Insbesondere in einer Umgebung wie dieser. Da gehörst du nicht mehr zu, dachte sie. Auch wenn es dir nicht sympathisch wäre, dass man dich duzt, so musst du doch gelten lassen, dass man dich gar nicht mehr als dazugehörig wahrnimmt.

»Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja. Ich wollte aus einem anderen Grund mit Ihnen sprechen. Nicht offiziell. Also nicht auf der Dienststelle.«

»Sind Sie immer so vertrauensselig? Sie kennen mich erst ein paar Stunden.«

»Keine Sorge. Ich bin schon vorsichtig. Also. Ich wollte Polizist werden und habe mich riesig gefreut, als ich im Auswahlverfahren unter den zahlreichen anderen Bewerbern angenommen wurde. Dann kam die Ausbildung, und seit einem Monat bin ich dabei.«

»Normalerweise beginnt man auf einer kleinen Dienststelle in einem Kommissariat für Diebstahl, Betrug oder Ähnlichem. Es ist ungewöhnlich, dass ein – Verzeihung – Anfänger gleich zur organisierten Kriminalität kommt. Haben Sie Beziehungen?«

»Nein. Nichts. Mein Vater ist Lektor in einem landwirtschaftlichen Fachverlag. Und auch sonst gibt es keine Verwandten, die in einflussreichen Positionen sitzen. Ich habe einfach Glück gehabt.«

»Nun denn.« Frauke trank einen Schluck Cappuccino, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, griff zur Zuckerschütte und ließ eine größere Menge in ihre Tasse rieseln. Sie probierte erneut. Diesmal fand das Getränk ihre Zustimmung.

»Nathan Madsack ist ganz okay. Er ist hilfsbereit und weiß eine Menge. Ich glaube, da steckt ein kluger Kopf hinter dem Doppelkinn.«

Von Wedell wurde sich seiner Ausdrucksweise bewusst, als Frauke ihm einen durchdringenden Blick zuwarf.

»So war das nicht gemeint. Aber es ist schon ungewöhnlich, dass jemand mit solchem Übergewicht bei der Polizei tätig ist.«

»Wenn Sie schon die Kollegen Revue passieren lassen – wie denken Sie über Bernd Richter?«

»Der ist der Chef. Von allen akzeptiert.« Er zögerte einen Moment. »Auch wenn Sie ihm das Leben offenbar schwer machen. Ich habe ihn als eher schweigsamen Menschen kennengelernt und glaube, dass er ein tüchtiger Mann ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihm nicht behagt, wenn jemand neu ins Team kommt und an seiner Kompetenz zweifelt.«

»Haben Sie den Eindruck, dass es mir daran gelegen ist, seine Autorität zu untergraben?«

Von Wedell machte einen unsicheren Eindruck. »Nicht direkt. Aber mit Ihrem Know-how haben Sie ihn schon ein wenig vorgeführt. In dem einen Monat, in dem ich dabei bin, hat ihm nie jemand widersprochen. Ich glaube, das stört ihn mächtig.«

»Auf die Idee, dass es mir um die Verfolgung einer Straftat geht, ist wohl noch keiner gekommen?«

»Bei allem Idealismus gibt es aber auch Eifersüchteleien und Hahnenkämpfe. Richter ist nun einmal der Platzhirsch. Oder hält sich dafür. Aber deshalb bin ich Ihnen gefolgt und wollte mit Ihnen sprechen. Ich war fasziniert von der Art, wie Sie sich der Dinge angenommen haben, und bin der Überzeugung, dass man viel von Ihnen lernen kann.« Von Wedell wirkte für einen kurzen Moment wie ein eingeschüchterter Pennäler. »Das wollte ich Ihnen sagen. Und wenn Sie mich ein wenig an Ihren Erfahrungen partizipieren lassen, dann würde ich mich freuen.«

»Es hilft uns allen weiter, wenn erfahrene Kollegen den Nachwuchs mit auf die Jagd nehmen. Nur so lernt das Jungtier.«

Der junge Kommissar atmete tief durch. »Und heute Abend wollen Sie sich mit Hannover vertraut machen?«

»Dazu bleibt mir noch genügend Zeit.«

Von Wedell druckste ein wenig herum. »Meine Freundin und ich wollen nachher in eine kleine Pizzeria in unserer Nachbarschaft. Bei Giosino und Judith gibt es die beste Pizza nördlich der Alpen. Wenn Sie möchten … Wir würden uns freuen.«

»Möchten Sie nicht lieber mit Ihrer Freundin allein sein?«

Von Wedell schüttelte den Kopf. »Wir haben seit einem Vierteljahr eine gemeinsame Wohnung. Da tut es manchmal ganz gut, neue Leute kennenzulernen. Das soll aber nicht heißen, dass wir uns nicht mehr verstehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Gesa und ich später einmal Kinder haben werden. Also! Wir würden uns freuen. Pizzeria Italia. Das ist in der Gretchenstraße im Herzen der Oststadt.«

»Vielen Dank für die Einladung. Aber heute würde ich mich gern um meine Sachen kümmern. Vielleicht ein anderes Mal.«

»Darf’s noch was sein?«, fragte die Bedienung im Vorbeilaufen.

»Danke, nein«, sagte Frauke. »Ich möchte gern zahlen. Zusammen.«