15

Der Schuppen des Rollschuhverleihs ist ein dunkelgrüner Stand gleich hinter einem Parkplatz in der Nähe des Kais. Für drei Dollar kann man sich eine Stunde lang ein Paar Rollschuhe leihen. Knieschoner, Ellbogenschoner und Gelenkstützen bekommt man umsonst dazu, damit niemand hinterher den Verleih verklagen kann, wenn er sich verletzt.

Bobbys Geschmack in bezug auf Freunde war schwer einzuschätzen. Gus sah aus wie einer der Typen, bei denen man, wenn man sie an der Straßenecke sieht, automatisch kontrolliert, ob die Wagentüren verschlossen sind. Er mußte in Bobbys Alter sein, doch er wirkte zart und hatte einen eingefallenen Brustkorb und eine kranke Gesichtsfarbe. Seine Haare waren dunkelbraun, und er bemühte sich um einen Schnurrbart, der ihn allerdings nur noch mehr wie einen Ausbrecher aussehen ließ. Ich hatte in der Kartei Fotos von Verbrechern gesehen, denen ich eher getraut hätte als ihm.

Ich hatte mich vorgestellt und vergewissert, daß er tatsächlich Bobbys Freund gewesen ist, als eine Blondine mit flatternden Haaren und langen, braungebrannten Beinen hereinkam, um ein Paar Rollschuhe zurückzugeben. Ich beobachtete den Austausch. Im Gegensatz zu meinem ersten Eindruck hatte Gus etwas Nettes an sich. Er gab sich ein wenig schäkernd und blickte ab und zu in meine Richtung, vermutlich, um anzugeben. Ich wartete und sah zu, wie er ausrechnete, wieviel sie ihm schuldig war. Er gab ihr die Straßenschuhe und ihre Papiere zurück, und sie hüpfte zu einer Bank, um sich die Turnschuhe anzuziehen. Gus wartete, bis sie gegangen war, bevor er weitersprach.

»Ich habe Sie auf der Beerdigung gesehen«, begann er schüchtern, als er sich mir wieder zuwandte. »Sie saßen in der Nähe von Mrs. Callahan.«

»Ich erinnere mich gar nicht an Sie«, erwiderte ich. »Waren Sie anschließend noch bei der Feier?«

Er schüttelte den Kopf und wurde etwas rot. »Ich fühlte mich nicht allzu gut.«

»Ich glaube kaum, daß man sich dabei überhaupt gut fühlen kann.«

»Nicht, wenn einem der Kumpel gestorben ist«, bestätigte er. Seine Stimme verriet ein kaum wahrnehmbares Zittern. Er drehte sich um und machte ein großes Theater mit den Rollschuhen, die er wieder an ihren richtigen Platz im Regal zurückstellte.

»Waren Sie krank?« fragte ich.

Einen winzigen Moment lang schien er mit sich zu kämpfen, dann sagte er: »Ich habe die Crohn’sche Krankheit. Wissen Sie, was das ist?«

»Nein.«

»Eine infektiöse Darmkrankheit. Alles geht sofort durch. Ich kann kein Gewicht halten. Hab die meiste Zeit Fieber. Magenschmerzen. >Ätiologie unbekannt<, das heißt, sie wissen nicht, wodurch das hervorgerufen wird oder woher es kommt. Ich habe das jetzt seit fast zwei Jahren, und es macht mich fertig. Ich kann keinen richtigen Job behalten, also mache ich das hier.«

»Ist es heilbar?«

»Ich glaube ja. Irgendwann. Das sagen zumindest die Ärzte.«

»Nun, tut mir leid, daß Sie so leiden müssen. Hört sich schrecklich an.«

»Und das ist noch lange nicht alles. Egal, jedenfalls munterte Bobby mich immer auf. Er war selbst in einer solch schlechten Verfassung, daß wir manchmal lachen mußten. Ich vermisse ihn. Als ich hörte, daß er gestorben war, hätte ich fast aufgegeben, aber dann sagte so eine leise Stimme: >Komm Gus, erhebe dich von deinem müden Arsch und mach weiter... dies ist kein Weltuntergang, also sei kein Narr.<« Er schüttelte den Kopf. »Das war Bobby, ich schwör’s. Hörte sich genauso an. Also erhob ich mich von meinem müden Arsch. Untersuchen Sie seinen Tod?«

Ich nickte und sah auf, weil ein paar Kinder näherkamen, um Rollschuhe auszuleihen.

Gus erledigte seine Aufgabe und kam wieder zu mir. Er entschuldigte sich für die Unterbrechung. Es war Sommer, und ungeachtet des ungewöhnlich kühlen Wetters überschwemmten die Touristen die Strände. Ich fragte ihn, ob er eine Ahnung davon habe, worin Bobby verwickelt war. Er bewegte sich unbehaglich und sah die Straße hinunter.

»Ich habe eine Ahnung, aber ich weiß nicht, ob ich sie Ihnen mitteilen soll. Ich meine, wenn Bobby Ihnen nichts erzählt hat, warum sollte ich es tun?«

»Er konnte sich nicht erinnern. Deshalb hat er mich engagiert. Er glaubte, er sei in Gefahr, und er wollte, daß ich herausfinde, was los ist.«

»Also ist es vielleicht das Beste, alles auf sich beruhen zu lassen.«

»Was auf sich beruhen zu lassen?«

»Hören Sie, ich weiß überhaupt nichts Genaues. Nur, was Bobby mir erzählt hat.«

»Wovor haben Sie Angst?«

Er blickte zur Seite. »Ich weiß nicht. Lassen Sie mich ein wenig darüber nachdenken. Ehrlich, ich weiß nicht viel, aber ich will nicht darüber reden, ehe ich nicht das Gefühl habe, daß es richtig ist. Verstehen Sie, wie ich das meine?«

Ich gab in diesem Punkt nach. Man kann die Leute immer schikanieren, aber es ist nicht die beste Methode. Besser ist es, sie die Informationen freiwillig preisgeben zu lassen, aus eigenen Beweggründen. Auf diese Art bekommt man mehr.

»Ich hoffe, Sie rufen mich an«, lenkte ich ein. »Wenn ich nichts von Ihnen höre, könnte ich wiederkommen und zur Nervensäge werden.« Ich zog eine Karte hervor und legte sie auf die Theke.

Er lächelte und fühlte sich offensichtlich schuldig, weil er mich hinhielt. »Sie können umsonst Rollschuh laufen, wenn Sie möchten. Es ist ein gutes Training.«

»Ein anderes Mal«, lächelte ich. »Danke.«

Er beobachtete mich, bis ich vom Parkplatz heruntergefahren und links abgebogen war. Im Rückspiegel sah ich, wie er sich mit der Ecke meiner Visitenkarte seinen Schnurrbart kratzte. Hoffentlich ließ er von sich hören.

In der Zwischenzeit, so beschloß ich, würde ich versuchen, den Pappkarton in die Finger zu bekommen, den das Labor nach Bobbys Unfall zusammengepackt hatte. Ich fuhr zum Haus. Glen war offensichtlich für einen Tag nach San Francisco geflogen, aber Derek war zu Hause, und ich teilte ihm mit, was ich haben wollte.

Sein Blick war skeptisch. »Ich erinnere mich an den Karton, aber ich bin nicht sicher, wo er gelandet ist. Vielleicht draußen in der Garage, wenn Sie da mal schauen wollen.«

Er schloß die Eingangstür hinter sich, und wir beide gingen über den Hof zu der Garage, die sich an einem Ende des Hauses erstreckte und drei Wagen Platz bot. An der hinteren Wand befanden sich einige Verschlage. Keiner von ihnen war verschlossen, aber die meisten waren bis obenhin vollgepackt mit Kisten, die aussahen, als seien sie seit Ewigkeiten an Ort und Stelle.

Ich erspähte einen Karton, der mir lohnenswert zu sein schien. Er war unter einer Werkbank gegen die hintere Wand geschoben. »Einwegspritzen« stand darauf und der Name des Lieferanten für medizinischen Bedarf. Außerdem hing ein zerrissenes Adressenetikett mit der Anschrift der Pathologischen Abteilung des Santa-Teresa-Krankenhauses dran. Wir zogen ihn hervor und öffneten ihn. Der Inhalt sah aus wie von Bobby, bestand jedoch aus enttäuschenden Nichtigkeiten. Kein kleines rotes Buch, kein Bezug zu jemandem namens Blackman, keine Zeitungsausschnitte, keine mysteriösen Notizen, keine persönliche Korrespondenz. Statt dessen ein paar medizinische Bücher, zwei Gebrauchsanleitungen für Röntgengeräte und Büroartikel der harmlosesten Art. Was sollte ich mit einer Schachtel Büroklammern und zwei Filzschreibern anfangen?

»Scheint nicht sehr viel zu sein«, bemerkte Derek.

»Scheint überhaupt nichts zu sein«, entgegnete ich. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich die Kiste trotzdem mitnehme? Möglicherweise sehe ich sie noch mal genauer durch.«

»Nein, bedienen Sie sich. Warten Sie, ich mach das schon.« Zuvorkommend trat ich zurück und ließ ihn die Kiste vom Boden hochwuchten und zu meinem Wagen tragen. Ich hätte das auch machen können, aber es schien ihm wichtig zu sein. Warum sollte ich mich also darum schlagen? Er schob ein paar Klamotten zur Seite, und wir schafften die Kiste mühsam auf den Rücksitz. Ich sagte ihm, ich würde mich wieder mal melden, und machte mich auf den Weg.

Ich fuhr nach Hause und zog mich zum Joggen um. Als ich gerade dabei war, meine Tür abzuschließen, kam Henry mit Lila Sams um die Ecke. Sie gingen Hüfte an Hüfte mit umeinandergeschlungenen Armen. Er war gut einen Kopf größer als sie und an all den Stellen schlank, an denen sie mollig war. Er wirkte geradezu liebestrunken mit dieser besonderen Ausstrahlung von Menschen, die frisch verknallt sind. Er trug eine hellblau verwaschene Baumwollhose und ein hellblaues Hemd, das seine blauen Augen beinahe strahlend wirken ließ. Seine Haare sahen frisch geschnitten aus, und meiner Vermutung nach hatte er sie dieses Mal tatsächlich »stylen« lassen. Lilas Lächeln gefror leicht, als sie mich sah, aber sie gewann schnell ihre Haltung zurück und lachte mädchenhaft.

»Oh, Kinsey, nun schau bloß, was er wieder angestellt hat«, zwitscherte sie und streckte ihre Hand aus. Dort prunkte ein großer, viereckig geschliffener Diamant, der hoffentlich eine geschmacklose Imitation war.

»Mein Gott, ist der wunderbar. Was ist der Anlaß dafür?« fragte ich mit verzagendem Herzen. Sie hatten sich doch bestimmt nicht verlobt. Sie paßte so gar nicht zu ihm, albern und falsch wie sie war, während er doch ein so aufrichtiger Mensch war.

»Nur um die Tatsache zu feiern, daß wir uns begegnet sind«, erwiderte Henry mit einem Blick auf sie. »Wann war das, vor einem Monat? Sechs Wochen?«

»Ach, du böser Junge«, schimpfte sie und stampfte spielerisch mit ihrem kleinen Fuß auf. »Ich bin fast gewillt, dich das hier gleich zurückbringen zu lassen. Wir haben uns am zwölften Juni kennengelernt. Das war Mozas Geburtstag, und ich war gerade eingezogen. Du hast die Teegesellschaft ausgestattet, die sie gegeben hat, und mir seitdem den Kopf verdreht.« Dann senkte sie ihre Stimme zu einem höchst vertraulichen Ton. »Ist er nicht schrecklich?«

Ich kann so nicht mit Leuten reden, nicht solch sinnlose Albernheiten austauschen. Ich fühlte, wie mein Lächeln unsicher wurde, aber ich konnte nichts dagegen tun. »Ich finde, daß er großartig ist«, entgegnete ich, was irgendwie lahm und unpassend klang.

»Nun, selbstverständlich ist er großartig«, kam es prompt. »Warum sollte er es nicht sein? Er ist so ein unschuldiger Mensch, jeder kann ihn ausnutzen.«

Ihre Stimme war plötzlich zänkisch, als hätte ich ihn beleidigt. Ich hörte die Warnsignale wie irre klingeln, doch ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, was nun kommen würde. Sie drohte mir mit einem Finger. Rote Fingernägel durchschnitten vor meinem Gesicht die Luft. »Sie zum Beispiel, Sie böses Mädchen. Ich habe es Henry gesagt, und ich werde es Ihnen ins Gesicht sagen, daß die Miete, die Sie zahlen, ein Skandal ist. Und Sie wissen nur zu gut, wie sehr Sie ihn ausnehmen.«

»Was?«

Ihre Augen verengten sich, und sie schob ihr Gesicht näher an meines. »Spielen Sie jetzt bloß nicht die Ahnungslose. Zweihundert Dollar im Monat! Meine Güte. Wissen Sie, für wieviel die Studio-Appartements hier in der Gegend vermietet werden? Dreihundert. Das sind hundert Dollar, die Sie ihm jedesmal wegnehmen, wenn Sie ihm einen Scheck ausstellen. Das ist eine Schande. Es ist einfach eine Schande!«

»Ach bitte, Lila«, unterbrach Henry. Er schien zwar verlegen darüber, daß sie das Thema angeschnitten hatte, doch war es eindeutig etwas, das sie bereits besprochen hatten. »Laß uns jetzt nicht damit anfangen. Sie wollte gerade gehen.«

»Sie kann ein paar Minuten erübrigen, da bin ich sicher«, funkelte sie mich an.

»Sicher«, stimmte ich schwach zu und sah ihn dann an. »Warst du unzufrieden mit mir?« Ich fühlte, wie mir heiß und kalt und übel wurde. Hatte er wirklich das Gefühl, von mir betrogen zu werden?

Lila fiel wieder ein und antwortete, bevor er auch nur den Mund öffnen konnte. »Wir wollen Henry nicht in Verlegenheit bringen«, meinte sie. »Er hält so große Stücke auf Sie, deshalb hat er es ja bisher nicht übers Herz gebracht, sich zu beschweren. Sie sind diejenige, der ich am liebsten den Hintern versohlen möchte. Wie konnten Sie nur einen alten Softie wie Henry dermaßen um den Finger wickeln? Sie sollten sich schämen!«

»Ich würde Henry nicht ausnutzen!«

»Aber das haben Sie schon. Seit wann wohnen Sie hier für diese lächerliche Miete? Ein Jahr? Fünfzehn Monate? Erzählen Sie mir nicht, es ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, daß Sie diese Wohnung für einen Spottpreis bekommen! Denn wenn Sie das behaupten, muß ich Sie offen eine Lügnerin nennen und uns beide in eine peinliche Lage bringen.«

Ich fühlte, wie sich mein Mund öffnete, aber ich konnte keinen Ton herausbringen.

»Wir können das später besprechen«, murmelte Henry und faßte sie am Arm. Er steuerte sie um mich herum, doch ihre Augen waren immer noch auf meine geheftet, und ihr Nacken und die Wangen waren inzwischen fleckig vor Wut. Ich drehte mich um und sah ihnen nach, während Henry sie in Richtung Hintertreppe brachte. Sie begann bereits im gleichen unwirklichen Tonfall zu protestieren, wie ich ihn neulich abends gehört hatte. War diese Frau verrückt?

Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, fing mein Herz an zu klopfen, und ich spürte, daß ich schweißgebadet war. Ich band den Schlüssel an meine Schnürsenkel und lief los. Lange bevor ich Gelegenheit hatte, mich aufzuwärmen, verfiel ich bereits in Trab. Ich rannte, um mich von ihr zu entfernen.

Ich lief drei Meilen, ging dann zu meiner Wohnung zurück und schloß auf. Henrys Jalousien waren heruntergelassen und die Fenster geschlossen. Die Rückseite seines Hauses wirkte leer und abweisend wie ein geschlossenes Strandbad.

Ich duschte, warf mir ein paar Sachen über und ging dann hinaus, um diesem Ort zu entfliehen. Ich fühlte mich immer noch getroffen, doch langsam stieg auch eine gewisse Wut in mir auf. Was ging sie das überhaupt an? Und warum war Henry mir nicht zu Hilfe gekommen?

Als ich Rosies Restaurant betrat, war es Nachmittag und keine Menschenseele in Sicht. Das Lokal war düster und stank nach dem Zigarettenrauch des vergangenen Abends. Der Fernsehapparat auf der Theke war ausgeschaltet, und die Stühle standen noch umgedreht auf den Tischflächen wie eine Artistentruppe, die ihre Kunststückchen vorführt. Ich ging nach hinten und öffnete die Schwingtür zur Küche. Überrascht sah Rosie auf. Sie saß auf einem hohen Holzhocker und hatte ein Hackmesser in der Hand, mit dem sie Lauch hackte. Sie haßte es, wenn jemand in ihre Küche eindrang, wahrscheinlich weil sie gesetzliche Hygienevorschriften verletzte.

»Was ist passiert?« fragte sie nach einem Blick auf mich.

»Ich hatte eine Begegnung mit Henrys Freundin«, erwiderte ich.

»Aha«, nickte sie. Sie hackte eine Stange Lauch mit dem Hackmesser, daß die Stücke nur so flogen. »Sie kommt nicht hierher. Sie weiß, warum.«

»Rosie, diese Frau ist reif fürs Irrenhaus. Sie hätten sie hören sollen, neulich abends, nachdem sie sich mit Ihnen angelegt hatte. Stundenlang hat sie getobt und geschäumt. Jetzt beschuldigt sie mich, Henry mit der Miete zu betrügen.«

»Setz dich. Ich hab hier irgendwo Wodka.« Sie ging an den Schrank über dem Spülbecken und zog auf Zehenspitzen eine Wodkaflasche heraus. Dann brach sie das Siegel auf und goß mir einen Schluck in eine Kaffeetasse. Nach einem Achselzucken goß sie sich selbst auch einen ein. Als wir ihn getrunken hatten, konnte ich das Blut in mein Gesicht zurückschießen spüren.

Unwillkürlich entfuhr mir ein »Puh!«. Meine Speiseröhre brannte, und ich fühlte, wie sich die Konturen meines Magens mit Hilfe des Alkohols abzeichneten. Ich hatte mir meinen Magen immer viel weiter unten vorgestellt. Verrückt. Rosie gab die geschnittenen Lauchstücke in eine Schüssel und spülte das Hackmesser unter Wasser ab, bevor sie sich wieder mir zuwandte.

»Hast du zwanzig Cents? Gib mir zwei Zehner«, forderte sie mit ausgestreckter Hand. Ich suchte in meiner Handtasche herum und förderte etwas Kleingeld zutage. Rosie nahm es und ging zum Münztelefon an der Wand. Jeder mußte dieses Münztelefon benutzen, sogar sie selbst.

»Wen rufen Sie an? Doch nicht etwa Henry«, rief ich erschrocken.

»Schsch!« Sie hielt eine Hand hoch, um mich zum Schweigen zu bringen. Ihr Blick war konzentriert, wie man es macht, wenn jemand am anderen Ende den Hörer abnimmt. Ihre Stimme wurde säuselnd und klebrig.

»Hallo Liebes. Hier ist Rosie. Was machst du gerade? Nein, nein, aber ich glaube, du solltest besser mal rüberkommen. Wir haben da eine Kleinigkeit zu besprechen.«

Sie warf den Hörer auf die Gabel, ohne eine Antwort abzuwarten, und starrte mich dann befriedigt an. »Mrs. Lo-wenstein kommt auf einen Plausch rüber.«

Moza Lowenstein saß auf dem Stuhl aus Chrom und Plastik, den ich ihr von der Theke geholt hatte. Sie ist eine große Frau, deren Haare die Farbe einer gußeisernen Bratpfanne haben. Sie trägt sie in Zöpfen, die um den Kopf gewunden sind, und Silbersträhnen durchziehen sie wie Lametta. Ihr Gesicht mit dem blassen Puder hat das weiche Aussehen eines Marshmallow. Normalerweise hält sie sich gern an etwas fest, wenn sie mit Rosie spricht: einen Bund Bleistifte, einen Holzlöffel — irgendeinen Talisman, um sich vor Angriffen zu schützen. Heute war es das Geschirrtuch, das sie mitgebracht hatte. Offensichtlich hatte Rosie sie mitten in der Hausarbeit unterbrochen, und sie war, wie befohlen, gleich herübergeeilt. Sie fürchtete Rosie, wie jeder mit ein bißchen gesundem Menschenverstand. Rosie schoß sofort los und verzichtete auf Höflichkeiten jeder Art.

»Wer ist diese Lila Sams?« fragte sie. Dabei nahm sie das Hackmesser und begann auf ein Stück Kalbfleisch zu klopfen, worauf Moza zurückschreckte.

Als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte, war sie ängstlich und weich. »Ich weiß nicht genau. Sie stand vor meiner Tür und sagte, sie komme auf die Anzeige in der Zeitung hin, aber das war alles ein Irrtum. Ich hatte gar kein Zimmer zu vermieten, und das sagte ich ihr auch. Nun, die Arme brach in Tränen aus — was sollte ich tun? Ich mußte sie auf eine Tasse Tee hereinbitten.«

Rosie hielt inne, um sie ungläubig anzustarren. »Und dann hast du ihr ein Zimmer vermietet?«

Moza faltete das Geschirrtuch und formte eine Figur damit, wie bei den Servietten in schicken Restaurants. »Eigentlich nicht. Ich sagte ihr, sie könne bei mir wohnen, bis sie etwas gefunden hätte, aber sie bestand darauf, dafür zu bezahlen. Sie wollte niemandem etwas schuldig bleiben, sagte sie.«

»So was nennt man Zimmervermietung. Das ist es nämlich«, schnauzte Rosie.

»Tja, sicher. Wenn du es so ausdrücken willst.«

»Wo kommt diese Frau her?«

Moza schlug das Handtuch wieder auf und tupfte es an ihre Oberlippe, um sich den Schweiß abzuwischen. Dann breitete sie es im Schoß aus und bügelte es mit der Hand, wobei sie die Finger keilförmig wie ein Bügeleisen zusammenpreßte. Ich sah, wie Rosies harter Blick jeder ihrer Bewegungen folgte, und dachte, gleich würde sie Mozas Hand einen Schlag mit dem Hackmesser versetzen. Moza mußte das gleiche gedacht haben, denn sie hörte auf, mit dem Handtuch herumzuspielen, und sah schuldbewußt zu Rosie auf. »Was?«

Langsam und deutlich, als spräche sie mit einem Ausländer, fragte Rosie: »Wo kommt Lila Sams her?«

»Aus einer kleinen Stadt in Idaho.«

»Welcher kleinen Stadt?«

»Nun, ich weiß nicht«, wehrte Moza ab.

»Du läßt eine Frau in deinem Haus wohnen, und du weißt nicht, aus welcher Stadt sie stammt?«

»Was macht das schon?«

»Und du weißt nicht, was das ausmacht?« Rosie starrte sie mit übertriebenem Erstaunen an. Moza sah weg und faltete das Handtuch zu einer Bischofsmütze.

»Du wirst mir einen Gefallen tun und es herausfinden«, bestimmte Rosie. »Bringst du das fertig?«

»Ich werd’s versuchen«, erwiderte Moza. »Aber sie hat es nicht gern, wenn man sich in ihre Angelegenheiten mischt. Das hat sie mir gesagt, und es war ihr ziemlich ernst.«

»Mir ist es auch sehr ernst. Mir ist es ernst damit, daß ich diese Lady nicht leiden kann, und ich will wissen, was sie vorhat. Du findest heraus, wo sie herkommt, und Kinsey kann sich um den Rest kümmern.

Und ich brauche dir wohl nicht zu sagen, Moza, daß ich nicht will, daß Lila Sams davon erfährt. Verstanden?«

Moza wirkte in die Ecke getrieben. Ich konnte sie mit sich kämpfen sehen. Sie versuchte zu entscheiden, was schlimmer war: Rosie in Wut zu bringen oder von Lila Sams beim Schnüffeln erwischt zu werden. Es sah nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus, doch ich wußte bereits, auf wen ich setzte.