DRITTER TEIL

40

Hayes beobachtete Oleg und Hängelid, als sie aus dem Haupttor des Zoos traten und zum Wagen eilten. Er selbst und Chruschtschow hatten die letzten zehn Minuten geduldig auf dem Parkplatz gewartet. Der Sender, den Hayes an Lord angebracht hatte, ein winziges, kaum erbsengroßes Teil, hatte funktioniert. Das Konsulat besaß noch einiges an derartiger technischer Ausrüstung, Überreste des Kalten Krieges, als San Francisco dem sowjetischen Geheimdienst, der sich auf die strategisch wichtige kalifornische Region mit ihren bedeutenden Computerfirmen konzentriert hatte, eine Basis bot.

Sie hatten Lord entkommen lassen, um mit seiner Hilfe Akilina Petrowa zu finden, die nach Hayes’ Meinung im Besitz jener geheimnisvollen Dinge war, die Lord in Kolja Maks’ Grab und im Bankschließfach gefunden haben musste. Da sie den Flüchtigen nun ungesehen verfolgen konnten, hatten sie einen unverdächtigen Abstand gehalten, als Lord sich durch den abendlichen Stoßverkehr quälte. Der Treffpunkt erschien Hayes merkwürdig, doch er kam zu dem Schluss, dass Lord ganz bewusst einen öffentlichen Ort gewählt hatte. Das Letzte, was Hayes gebrauchen konnte, war nämlich öffentliche Aufmerksamkeit.

»Das gefällt mir nicht, wie die aus der Wäsche schauen«, bemerkte Chruschtschow.

Hayes gefiel es ebenso wenig, aber er sagte nichts. Er fühlte sich durch die Tatsache beruhigt, dass es auf der LCD-Anzeige des Empfängers vor ihnen blinkte, was hieß, dass sie Lord noch immer im Visier hatten. Er betätigte einen Schalter, und das Rückfenster des Lincoln öffnete sich summend. Oleg und Hängelid blieben draußen stehen. – »Er ist ins Gorillagehege hinuntergesprungen«, berichtete Oleg. »Wir wollten ihm nach, aber eines dieser verdammten Riesenviecher hat uns aufgehalten. Ich nahm an, dass Sie lieber kein Aufsehen erregen wollten, und so kamen wir raus. Wir nehmen die Fährte halt wieder neu auf.«

»Das war klug«, stimmte Hayes ihm zu. »Wir haben hier noch immer ein starkes Signal.« Er wandte sich an Zubarew. »Gehen wir?« Er öffnete die Tür, und sie traten in die Nacht hinaus. Oleg schnappte sich den tragbaren Empfänger und sie marschierten zu viert los. Aus der Ferne hörte man das lauter werdende Jaulen von Polizeisirenen.

»Jemand hat die Polizei gerufen, deshalb müssen wir das schnell zu Ende bringen«, sagte Hayes. »Wir sind hier nicht in Moskau. Hier stellt die Polizei eine Menge Fragen.«

Das Haupttor des Zoos war gerade unbewacht, und sie schlüpften rasch hinein. Vor dem Gorillagehege hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Der Empfänger, den Oleg trug, zeigte noch immer an, dass Lord sich ganz in der Nähe aufhielt. »Steck das Ding unter die Jacke«, wies Hayes Oleg an, da er neugierige Fragen vermeiden wollte.

Sie näherten sich dem Primatenzentrum, und Hayes erkundigte sich, was vorgefallen sei. Eine Frau berichtete, ein Schwarzer und eine Weiße seien über den Graben gesprungen, worauf die Gorillas sie verfolgt hätten. Schließlich seien die beiden Eindringlinge durch eine offene Tür in der Felswand geschlüpft und verschwunden. Hayes trat wieder zu Oleg und stellte fest, dass das Signal noch immer blinkte. Doch als er den Blick auf das erleuchtete Affengehege richtete, erkannte er sofort, was einer der Gorillas, ein großes Silberrückenmännchen, in der Pfote hielt.

Einen dunkelgrünen Pullover.

Denselben Pullover, in den er den Sender hatte einnähen lassen! Kopfschüttelnd fiel ihm plötzlich ein, was Rasputin Alexandra vorhergesagt hatte: Tiere in ihrer Unschuld werden den Weg hüten und weisen. Ihr Urteilsspruch wird über den Erfolg entscheiden.

»Der Affe hat den Pullover«, sagte Zubarew, der zur Betonmauer getreten war und es nun ebenfalls sah.

Der Ausdruck im Gesicht des drahtigen Russen ließ deutlich erkennen, dass auch er an die Vorhersage des Starez dachte. »Das Tier hat zweifellos den Weg gehütet. Ich frage mich, ob es ihn auch gewiesen hat.«

»Gute Frage«, gab Hayes zurück.

 

Lord drückte die Ränder der goldenen Hülle auseinander. Diamanten sprangen heraus wie Saftspritzer, wenn man das Innere einer Orange spaltet. Ein kleiner Goldbrocken fiel ins feuchte Gras. Akilina bückte sich und hob das kleine Objekt auf.

Ein Glöckchen.

Das Äußere glänzte hell im Licht der Parklampe, und es war gewiss das erste Mal seit Jahrzehnten, dass das Gold mit frischer Luft in Berührung kam. Akilina trat näher ins Licht, noch immer die Trümmer des Eis in der Hand, und Lord erspähte winzige Worte, die außen in die Glocke eingraviert waren.

»Es sind kyrillische Buchstaben«, sagte sie und hielt sich die Glocke dicht vor die Augen.

»Kannst du es lesen?«

»Dort, wo der Blauglockenbaum wächst und Genesis, dort wartet ein Dorn. Verwendet die Worte, die euch herführten. Spricht man eure Namen und erhält die Glocke ihre eigentliche Gestalt, wird es gelingen.«

Er hatte die Rätselspiele satt. »Was bedeutet das?«

Neugierig nahm er die Glocke in die Hand und betrachtete sie genau. Sie war vielleicht sieben Zentimeter hoch und vier Zentimeter breit; ein Klöppel fehlte. Das Gewicht der Glocke ließ auf reines Gold schließen. Außer den außen eingravierten Buchstaben waren keine weiteren Worte oder Symbole zu finden. Offensichtlich war dies Jussupows letzte Botschaft.

Lord ging zur Bank zurück und setzte sich.

Akilina folgte.

Lange betrachtete Lord das zerstörte Fabergé-Ei. Nachfahren Nikolaus’ II. mussten die Katastrophe im zwanzigsten Jahrhundert überstanden haben und bis zum heutigen Tage leben. Während in Russland kommunistische Ministerpräsidenten das Volk regierten, lebten Erben des Romanow-Throns im Verborgenen weiter, dort, wo der Blauglockenbaum wächst – wo auch immer das sein mochte. Er wollte diese Nachfahren finden. Tatsächlich musste er sie sogar finden. Stefan Baklanow war nicht der rechtmäßige Erbe des russischen Throns, und vielleicht würde das Auftauchen eines direkten Nachfahren der Romanows dem russischen Volk mehr als alles andere zu einer Aufbruchsstimmung verhelfen. Doch im Moment war er zu müde, noch irgendetwas zu tun. Ursprünglich hatte er vorgehabt, San Francisco noch am selben Abend zu verlassen, doch nun entschied er sich dagegen. »Gehen wir in das Hotel, das du uns gesucht hast, und schlafen wir erst einmal. Vielleicht sehen wir die Dinge morgen klarer.«

»Können wir unterwegs etwas zu essen besorgen? Ich hab seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.«

Er sah sie an, streckte die Hand aus und strich ihr sanft über die Wange. »Du hast deine Sache heute gut gemacht«, sagte er auf Russisch.

»Du auch. Ich hatte Angst, dass ich dich niemals Wiedersehen würde.«

»Da warst du nicht die Einzige.«

Sie hob die Hand und legte sie auf die seine. »Der Gedanke gefiel mir gar nicht.«

Ihm ebenso wenig.

Lord küsste sie sanft auf den Mund und nahm sie in die Arme. Ein paar Minuten saßen sie so im Dunkeln und genossen ihre Zweisamkeit. Dann steckte Lord die Überreste des Eis zusammen mit dem Glöckchen in den Samtbeutel zurück. Er schulterte die Reisetasche, und sie verließen den Park.

Zehn Minuten später hielt ein Taxi, und er nannte dem Fahrer den Namen des Hotels. Auf der Fahrt in die Stadt saßen sie nebeneinander auf dem Rücksitz. Lord dachte über die Inschrift auf der Höllenglocke nach.

Dort, wo der Blauglockenbaum wächst und Genesis, dort wartet ein Dorn. Verwendet die Worte, die euch herführten. Spricht man eure Namen und erhält die Glocke ihre eigentliche Gestalt, wird es gelingen.

Offensichtlich noch so eine kryptische Anweisung – sie reichte als Hinweis aus, wenn man wusste, wonach man suchen musste, genügte aber nicht als Wünschelrute für Eindringlinge. Das Problem war nur, dass er nicht wusste, wonach er suchte. Diese Worte waren irgendwann zwischen 1918, dem Zeitpunkt des Mordes an der Zarenfamilie, und 1924, dem Todesjahr Fabergés, eingraviert worden. Vielleicht war ihre Bedeutung damals klarer gewesen, und die Zeit hatte die einst eindeutige Botschaft verschleiert. Durch das schmuddelige Taxifenster betrachtete er die zahlreichen Cafés und Restaurants, an denen sie vorbeirollten. Ihm fiel wieder ein, dass Akilina etwas zu essen brauchte, und obgleich er sich nicht gerne in der Öffentlichkeit sehen lassen wollte, war auch er hungrig.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

Mit wenigen Worten erklärte er dem Fahrer, was er suchte. Dieser nickte und hielt ein paar Minuten später vor einem Lokal.

Lord führte Akilina in ein Gebäude mit der Aufschrift INTERNETCAFÉ, einem der vielen Lokale, wo man sowohl Zugang zum Internet hatte als auch Essen und Getränke bekam. Im Moment brauchte Lord beides.

Im Inneren herrschte mäßiger Betrieb. Das Interieur bestand aus glänzenden Edelstahlwänden mit Milchglasscheiben, in die dekorative Szenen aus San Francisco eingraviert waren. In der einen Ecke stand ein Breitwandfernseher, vor dem mehrere Zuschauer versammelt waren. Große Krüge mit Fassbier und dick belegte Sandwiches schienen hier die Spezialität zu sein.

Rasch schlüpfte er in die Toilette, klatschte sich kaltes Wasser auf Stirn und Wangen und versuchte, sich so herzurichten, dass sein zerschlagenes Gesicht nicht mehr ganz so erschreckend aussah.

Dann belegten er und Akilina eine Nische mit einem PC und bestellten, nachdem die Kellnerin ihnen die notwendigen Informationen und ein Passwort gegeben hatte. Während sie auf das Essen warteten, öffnete Lord eine Suchmaschine und tippte Blauglockenbaum ein. Die Seite zeigte dreitausend Einträge an. Einige bezogen sich auf eine Schmuckkollektion, die den gesuchten Namen trug. Andere hatten mit dem Regenwald, Forstwirtschaft, Gartenkultur und medizinischen Kräutern zu tun. Eine Seite erregte jedoch sofort seine Aufmerksamkeit mit der Zusammenfassung:

 

Paulownia Tomentosa – Chinesischer Blauglockenbaum, Princess Tree. Duftende lavendelblaue Blüten. Aug./Sept.

 

Er klickte die Seite an, und auf dem Bildschirm erschien ein Text, in dem erklärt wurde, der Blauglockenbaum stamme ursprünglich aus dem Fernen Osten, sei aber in den Dreißigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts nach Amerika gelangt. Da die Chinesen seine Samenhülsen als Verpackungsmaterial in Transportkisten verwendeten, habe der Baum sich an der Ostküste der Vereinigten Staaten ausgebreitet. Das Holz sei leicht, aber wasserfest, und es werde von den Japanern für Reisschalen, Gebrauchsgegenstände und Särge verwendet. Der Baum sei schnellwüchsig – in fünf bis sieben Jahren ausgewachsen – und seine leicht duftenden, großen, lavendelblauen Blüten ausgesprochen schön. Eine Anmerkung verwies auf Möglichkeiten der Verwendung dieses Baumes in der Bauholz- und Papierindustrie, da er aufgrund des schnellen Wachstums eine kostengünstige Alternative darstelle. Besonders häufig treffe man ihn im westlichen North Carolina an, wo es seit langem immer wieder Bemühungen gegeben habe, ihn industriell zu nutzen. Es war jedoch die Erklärung des Namens, die Lords Aufmerksamkeit auf sich zog. Nach den Ausführungen war der Baum nach Prinzessin Anna Paulownia benannt worden, der Tochter des Zaren Paul I. der Russland von 1797 bis 1801 regiert hatte. Paul I. war Nikolaus’ II. Ururgroßvater.

Lord berichtete Akilina von seiner Lektüre.

Sie war verblüfft: »So viel hast du in so kurzer Zeit in Erfahrung gebracht.«

Der gewiefte Anwalt musste sich in Erinnerung rufen, dass der Zugang zum Internet in Russland noch immer in den Kinderschuhen steckte. Einige der Klienten von Pridgen & Woodworth bemühten sich fieberhaft darum, das Land besser an das World Wide Web anzubinden. Das Problem bestand allerdings darin, dass ein Computer mehr kostete als zwei durchschnittliche Jahresgehälter eines Russen.

Er scrollte nach unten und sah sich noch ein paar weitere Seiten an, denen jedoch nichts Wissenswertes mehr zu entnehmen war. Die Kellnerin kam mit dem Essen und zwei Gläsern Pepsi-Cola. Sie aßen, und ein paar Minuten lang dachte er nicht mehr an ihre Lage. Als er gerade die letzte Fritte in den Mund steckte, kam ihm ein neuer Gedanke. Er ging wieder zur Suchmaschine zurück, gab das Suchwort North Carolina ein und fand eine Seite mit einer detaillierten Karte des Staates. Dann klickte er den bergigen Westen des Staates an und rief einen vergrößerten Ausschnitt auf.

»Was ist das?«, fragte Akilina fasziniert.

»Mir ist eine Idee gekommen«, antwortete er, ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen.

Im Mittelpunkt des Ausschnitts lag Asheville, wo sich zwei rote Linien kreuzten: die Interstate 40 und die Interstate 26. Im Norden lagen Städte wie Boone, Green Mountain und Bald Creek. Hinter Hendersonville im Süden begegneten sich die Nachbarstaaten South Carolina und Georgia. Maggie Valley und Tennessee begrenzten das Gebiet im Westen und ganz im Osten des Ausschnitts tauchte die Stadt Charlotte auf. Er betrachtete den Blue Ridge Parkway, der sich von Asheville aus nordöstlich bis hinein nach Virginia schlängelte. Die Städtchen an dieser Straße hatten interessante Namen. Sioux, Bay Book, Chimney Rock, Cedar Mountain. Dann, unmittelbar nördlich von Asheville und südlich von Boone, nahe Grandfather Mountain, fand er es.

Genesis. Ein Städtchen an der State Route 81.

Dort, wo der Blauglockenbaum wächst und Genesis, dort wartet ein Dorn.

Lächelnd drehte er sich zu Akilina um.

41

Mittwoch, 20. Oktober

 

Lord und Akilina standen früh auf und verließen das Hotel. In den letzten Tagen hatte er zum ersten Mal seit Jahren sein Bett mit einer Frau geteilt. Sie hatten keinen Sex gehabt, da beide zu erschöpft und verängstigt waren, aber sie hatten einander in den Armen gehalten, wobei er mehrmals eingenickt, aber immer wieder aufgewacht war, da er jeden Moment erwartete, Hängelid und Oleg ins Zimmer stürmen zu sehen.

Sie waren unmittelbar nach Sonnenaufgang aufgewacht und hatten sich zu einer Avis-Mietwagenagentur im Bankenviertel begeben. Dann waren sie in der Hoffnung, dort am Flughafen nicht überwacht zu werden, die neunzig Meilen nach Sacramento gefahren. Nachdem sie den Wagen abgegeben hatten, nahmen sie einen Direktflug der American Airlines nach Dallas. Im Flugzeug hatte Lord Zeit, die Zeitung USA Today zu lesen. Auf der Titelseite berichtete ein Artikel, dass die Zarenkommission ihre Arbeit inzwischen nahezu abgeschlossen habe. Gegen alle Erwartungen habe die Kommission ihre Befragungen beendet und das Feld auf drei Endkandidaten eingeengt, von denen einer Stefan Baklanow sei. Die ursprünglich auf den nächsten Tag angesetzte Entscheidungswahl habe wegen eines Todesfalles in der Familie eines Kommissionsmitglieds auf Freitag verschoben werden müssen. Da die abschließende Wahl einstimmig erfolgen müsse, sei die Verschiebung um einen Tag unvermeidlich gewesen. Analysten sagten bereits Baklanows Wahl voraus und priesen diese Entscheidung als den besten Weg für Russland an. Ein Historiker wurde mit dem Satz zitiert: »Er ist der nächste Verwandte, den wir von Nikolaus II. haben. Der Romanow, der unter den Romanows am meisten Romanow ist.«

Lord starrte das Telefon an, dessen Hörer in die Kopflehne des Vordersitzes eingeklinkt war. Sollte er einen Mitarbeiter des Außenministeriums oder Taylor Hayes anrufen und ihnen sagen, was er wusste? Die Information, die derzeit nur er und Akilina besaßen, würde den Ausgang der Kommissionsabstimmung mit Sicherheit beeinflussen. Zumindest aber würde man die Endabstimmung vertagen, bis man überprüft hatte, was von der Neuigkeit zu halten war. Doch die Prophezeiung verlangte, dass er und Akilina die Aufgabe allein durchführten. Noch vor drei Tagen hätte er sie als das Phantasiegespinst eines machthungrigen trunkenen Bauern abgetan, der sich in Russlands Zarenfamilie eingeschmeichelt hatte. Aber da war der Affe. Das Tier. Das Tier hatte das Ei zerschmettert. Und außerdem Hängelid daran gehindert, über den Graben zu springen.

Tiere in ihrer Unschuld werden den Weg hüten und weisen. Ihr Urteilsspruch wird über den Erfolg entscheiden.

Wie hatte Rasputin wissen können, dass etwas Derartiges geschehen würde? War das Zufall? Falls ja, war das allerdings ein im höchsten Maße unwahrscheinlicher, ein geradezu unglaubwürdiger Zufall. Lebte der russische Thronerbe bei bester Gesundheit ganz friedlich in Amerika? Genesis, North Carolina, 6356 Einwohner, wie der im Flughafen gekaufte Atlas festhielt. Sitz der Bezirksverwaltung von Dillsboro County. Ein winziges Städtchen in einem winzigen Bezirk, der sich in eine Gebirgsfalte der Appalachen schmiegte. Falls der Thronerbe oder die Thronerbin wirklich dort lebten, mochte das den Lauf der Geschichte ändern. Er fragte sich, was das russische Volk wohl denken würde, wenn es erfuhr, dass zwei Thronerben aus Jekaterinburg entkommen waren und in Amerika lebten, einem Land also, gegen das man in Russland seit Jahrzehnten Misstrauen schürte. Außerdem fragte er sich, wie dieser Erbe wohl sein würde – ein Kind oder Enkel Alexejs oder Anastasias, aber in Amerika aufgewachsen. Was für eine Beziehung würde er oder sie zu dem Mutterland haben, das sie nun nach Hause zurückrief, um ein vollkommen destabilisiertes Land zu regieren?

Die Sache schien unglaublich. Er aber war ein Teil davon, ein unverzichtbarer Bestandteil des Ganzen. Der Rabe, während Akilina der Adler war. Seine Aufgabe war eindeutig. Die Suche beenden und diesen Dorn finden, was auch immer es sein mochte. Aber nach diesem Dorn suchten auch noch andere. Menschen, die alles daran setzten, die Entscheidung der Kommission zu beeinflussen. Leute, die Geld und Macht dazu missbraucht hatten, einen Prozess zu beeinflussen, der neutral bleiben musste. Oder waren diese Bestechungsvorwürfe nur ein Vorwand, mit dem die Drahtzieher, die hinter Filip Witenka standen, ihn ins russische Konsulat hatten locken wollen? Das erschien ihm unwahrscheinlich. Maxim Zubarew hatte eine Mitleidlosigkeit an den Tag gelegt, die seine Worte glaubhaft machte. Stefan Baklanow war korrumpiert worden. Er war einfach nur eine willige Marionette. Und seine Hintermänner waren, wie Zubarew es ausgedrückt hatte, intelligente Marionettenspieler. Was hatte Zubarew sonst noch gesagt? Das Einzige, was eine Wahl Stefan Baklanows jetzt noch verhindern könnte, wäre das Auftauchen eines direkten Nachfahren Nikolaus’ II. Aber wer waren diese Marionettenspieler? Und war es ihnen wirklich gelungen, die Kommissionsmitglieder zu kaufen? Allerdings war Stefan Baklanow doch der Mann, zu dessen Unterstützung Lord die Reise nach Moskau unternommen hatte. Spielten diese Korruptionsvorwürfe da überhaupt eine Rolle? Genau dieses Ergebnis wollten seine Klienten doch. Taylor Hayes wünschte sich genau das. Es wäre für alle das Beste.

Tatsächlich?

Offensichtlich kontrollierten exakt jene politischen und verbrecherischen Gruppierungen, die Russland zugrunde gewirtschaftet hatten, nun auch den voraussichtlichen absoluten Monarchen. Hier aber handelte es sich nicht um einen Regenten des achtzehnten Jahrhunderts, der nur über Gewehre und Kanonen verfügte. Dieser Autokrat würde vielmehr Zugang zu Nuklearwaffen haben, von denen manche so klein waren, dass sie in einen Koffer passten. Keine Einzelperson sollte jemals über eine solche Herrschaftsmacht verfügen, aber mit weniger würden die Russen sich niemals arrangieren. In ihren Augen war der Zar heilig, ein Verbindungsglied zu Gott und einer glorreichen Vergangenheit, die ihnen ein Jahrhundert lang vorenthalten worden war. Sie wollten eine Rückkehr zu dieser Zeit, und diese Rückkehr würden sie bekommen. Aber würde das ihre Lage verbessern? Oder trieben sie nur den Teufel mit Beelzebub aus? Plötzlich fiel ihm noch etwas ein, was Rasputin vorhergesagt hatte.

Zwölf müssen sterben, bevor die Erneuerung vollendet ist.

Im Geist zählte er die Toten nach. Vier am ersten Tag, einschließlich Artemy Bely. Der Wächter am Roten Platz. Paschkows Mitverschworener. Josif und Wassili Maks. Bisher war alles, was der Starez vorhergesagt hatte, eingetreten.

Würden drei weitere Menschen sterben?

 

Hayes beobachtete, wie Chruschtschow unruhig auf seinem Stuhl herumrutschte. Der ehemalige Kommunist und langjährige Regierungsminister, dieser bedeutende Mann mit Beziehungen in die allerhöchsten Ebenen, war nervös. Hayes fiel auf, dass die Russen kein Hehl aus ihren Gefühlen machten. Wenn sie glücklich waren, konnte ihr Überschwang einem manchmal geradezu Angst machen. Waren sie traurig, ging die Verzweiflung tief. Das Schwanken zwischen den Extremen gehörte zu ihrer Natur, nur selten richteten sie sich in der Mitte ein, und nachdem er seit beinahe zwei Jahrzehnten Erfahrung im Umgang mit ihnen sammelte, hatte er begriffen, dass Vertrauen und Loyalität ihnen äußerst wichtig waren. Das Problem dabei war, dass es Jahre dauern konnte, bevor ein Russe einem anderen Russen tatsächlich vertraute; und bis er einen Fremden wirklich akzeptiert hatte, dauerte es noch viel länger.

Chruschtschow verhielt sich im Moment typisch russisch. Um dieselbe Zeit des Vortags war er in der Annahme, Lord bald in Händen zu haben, optimistisch und selbstbewusst gewesen. Heute dagegen wirkte er still und distanziert, und seit dem vergangenen Abend im Zoo, als ihm klar wurde, dass sie die Fährte der Verfolgten verloren hatten und er den anderen Mitgliedern der Geheimkanzlei nun erklären musste, dass er dem Vorschlag, Lord entkommen zu lassen, zugestimmt hatte, hatte er kaum ein Wort gesagt.

Sie befanden sich hinter verschlossener Tür in Witenkas Büro im Obergeschoss des Konsulats. Am anderen Ende der Leitung waren die Mitglieder der Geheimkanzlei, die sich alle an ihrem üblichen Moskauer Treffpunkt versammelt hatten. Keiner war glücklich über die missliche Entwicklung, aber keiner kritisierte Hayes’ und Chruschtschows Vorgehen offen.

»Es ist kein Problem«, ertönte Lenins Stimme aus dem Lautsprecher der Telefonanlage. »Wer hätte auch das Eingreifen eines Gorillas vorhersehen können?«

»Rasputin«, sagte Hayes.

»Ach, Mr. Lincoln, jetzt verstehen Sie unsere Sorge also allmählich«, bemerkte Breschnew.

»Ich bin inzwischen überzeugt, dass Lord hinter einem Nachfahren der entkommenen Romanows her ist. Er will den russischen Thronerben finden.«

»Offensichtlich«, merkte Stalin an, »sind unsere schlimmsten Befürchtungen wahr geworden.«

»Hat jemand eine Idee, wohin er sich wenden könnte?«, fragte Lenin.

Genau über diese Frage hatte Hayes in den letzten Stunden nachgedacht. »Ich lasse seine Wohnung in Atlanta von einer Privatdetektei beobachten, ebenso wie seinen Wagen, den man am Flughafen von Atlanta gefunden hat. Wenn er dorthin zurückkehrt, haben wir ihn, und diesmal lassen wir ihn nicht entkommen.«

»Das ist ja alles schön und gut«, wandte Breschnew ein. »Aber was, wenn er sich auf direktem Wege dorthin begibt, wo dieser vermutete Thronerbe ihn erwartet?«

Das war die andere Möglichkeit, über die Hayes nachgedacht hatte. Er hatte Beziehungen zu den unterschiedlichsten Kontrollbehörden der Exekutive. Dem FBI, dem Grenzschutz und der Drogenermittlungsbehörde. Mittels dieser Kontakte wäre es möglich, Lord ausfindig zu machen, vor allem wenn er seine Reise mit Hilfe von Kreditkarten finanzierte. Diese Behörden verfügten über Informationszugänge, an die Hayes sonst nicht herankam. Aber wenn er sie ins Spiel brachte, mischten plötzlich Leute mit, die er gerne so weit wie möglich auf Abstand halten wollte. Seine Millionen hatte er sicher unter der Gebirgslandschaft des Schweizer Bankgeheimnisses versteckt, und er hatte vor, diese Dollars – und mehrere Millionen, die er noch dazugewinnen wollte – in den kommenden Jahren zu genießen. Ja, er würde sich aus der Kanzlei zurückziehen und die siebenstellige Abfindung mitnehmen, die ihm laut Partnerschaftsvertrag zustand. Die anderen Seniorpartner würden ihn gewiss bitten, noch eine Funktion in der Kanzlei beizubehalten, irgendetwas, damit sein Name weiter mit auf dem Briefkopf prangte und jene Klienten bei der Stange hielt, die zu seinem persönlichen Kundenstamm gehörten. Damit würde er sich natürlich einverstanden erklären. Eine angemessene monatliche Entschädigung vorausgesetzt – gerade so viel, um den bescheidenen Lebensunterhalt eines Mannes zu decken, der in einem europäischen Château residierte. Alles war perfekt geplant. Er würde einen Teufel tun und irgendjemandem die Chance einräumen, ihm die Sache zu vermasseln. Daher war seine Antwort auf Breschnews Frage eine Lüge.

»Ich habe einige Kanäle, derer ich mich bedienen kann. Es gibt hier ebensolche Personen wie die, die Sie mir in Russland zur Verfügung stellten.« Bisher hatte er niemals solcher Leute bedurft und er hatte auch keine Ahnung, wie er welche finden sollte, doch das brauchten seine russischen Freunde nicht zu wissen. »Es wird kein Problem sein.«

Chruschtschows Blick begegnete dem seinen. Im Lautsprecher war es still; offensichtlich warteten seine Gesprächspartner in Moskau auf mehr.

»Ich glaube, dass Lord mich kontaktieren wird«, erklärte Hayes.

»Warum glauben Sie das?«, fragte Zubarew.

»Er hat keinen Grund, mir nicht zu vertrauen. Ich bin sein Arbeitgeber und verfüge über Beziehungen zur russischen Regierung. Gerade wenn er den Gesuchten findet, muss er Kontakt zu mir aufnehmen. Ich wäre der Erste, den er davon in Kenntnis setzen würde. Er weiß, was für unsere Klienten auf dem Spiel steht und was das für sie und für ihn selbst bedeuten würde. Er wird sich bei mir melden.«

»Bisher hat er das nicht getan«, bemerkte Lenin.

»Aber er war ständig auf der Flucht. Und bisher hat er offensichtlich nichts Greifbares vorzuweisen. Er ist noch auf der Suche. Lassen wir ihn suchen. Wenn er Erfolg hat, wird er mich anrufen. Da bin ich mir vollkommen sicher.«

»Wir müssen die Sache nur noch zwei Tage unter Kontrolle halten«, erklärte Stalin. »Nach Baklanows Wahl wird es zum Glück schwer sein, seinen Aufstieg zum Zaren rückgängig zu machen, wenn wir mit der öffentlichen Meinung nur vorsichtig genug umgehen. Falls danach irgendetwas ans Licht kommt, können wir die Sache einfach als eine weitere dieser Verschwörungstheorien darstellen. Keiner wird dann noch ernsthaft daran glauben.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete Hayes. »Aufgrund der Tatsache, dass der genetische Code der Romanows inzwischen aufgezeichnet ist, könnte man mit Hilfe von DNA-Tests eine Verwandtschaft mit Nikolaus und Alexandra eindeutig beweisen. Auch ich bin der Meinung, dass wir die Lage unter Kontrolle halten können, doch wir müssen dafür sorgen, dass von den Romanow-Nachfahren nur noch Leichen übrig bleiben und dass diese Leichen niemals gefunden werden. Sie müssen vollständig verbrannt werden.«

»Lässt sich das durchführen?«, wollte Chruschtschow wissen.

Hayes wusste nicht recht, wie er es anstellen sollte, war sich aber völlig klar, was sowohl für ihn als auch für seine Bundesgenossen auf dem Spiel stand. Daher gab er die erwünschte Antwort:

»Selbstverständlich.«

42

Genesis, North Carolina

16.15 Uhr

 

Lord sah durch die Windschutzscheibe und bewunderte interessiert den dichten Bestand hoher Bäume, die zu beiden Seiten des ansteigenden Highways die Hänge bedeckten. Die Rinde zeigte ein scheckiges Dunkelgrau, die länglichen Blätter ein üppiges Grün. Er hatte hier mehrmals ein verlängertes Wochenende verbracht und erkannte Platanen, Birken und Eichen, die recht häufig vorkamen. Aber nun konnte er noch eine weitere Baumart richtig bestimmen.

»Das dort sind Blauglockenbäume«, sagte er und zeigte darauf. »Gestern Abend habe ich gelesen, dass sie um diese Jahreszeit ihre Samen freigeben. Ein einziger Baum verstreut zwanzig Millionen Samen. Kein Wunder, dass die Bäume überall wachsen.«

»Warst du früher schon mal hier?«, fragte Akilina.

»Ich war schon in Asheville, das wir vor einer Weile durchfahren haben, und in Boone, das weiter nördlich liegt. Die Gegend hier ist im Winter ein riesiges Skigebiet und im Sommer einfach wunderschön zur Erholung.«

»Die Landschaft erinnert mich an Sibirien. An die Gegend, in der meine Großmutter lebte. Da gab es auch niedrige Bergketten und Wälder, genau wie hier. Auch die Luft war dort so kühl und frisch. Ich war schrecklich gerne dort.«

Rundum machte sich der Herbst bemerkbar, und die Berghänge und Täler leuchteten rot, golden und orangefarben, während Nebel wie Rauch aus den tiefsten Talgründen aufstieg. Nur die Nadelbäume und die Blauglockenbäume behielten eine lebhaft grüne, scheinbar sommerliche Färbung bei.

Sie hatten in Dallas einen Flug nach Nashville erwischt. Von dort hatte ein halb volles Pendelflugzeug sie vor etwa einer Stunde nach Asheville gebracht. In Nashville war ihm das Bargeld ausgegangen, und er war gezwungen gewesen, seine Kreditkarte zu benutzen, wobei er nur hoffen konnte, dass sie diese Maßnahme nicht noch bereuen würden. Er wusste genau, wie gut die Spuren von Kreditkarten sich verfolgen ließen. Aber auch der Kauf von Flugscheinen war kontrollierbar. Lord konnte nur hoffen, dass Maxim Zubarews prahlerische Behauptung, sich des Beistands des FBI und des Grenzschutzes versichert zu haben, nur leeres Gerede war. Er konnte sich zwar nicht sicher sein, vermutete aber, dass die Russen unabhängig von den US-Behörden arbeiteten – es mochte vielleicht ein paar Kontakte geben, doch die Unterstützung war gewiss begrenzt und reichte nicht aus, einen amerikanischen Rechtsanwalt und eine russische Akrobatin aufzuspüren. Denn dazu hätten die Russen die Situation wohl doch recht ausführlich erklären müssen! Zudem war das Risiko, dass Lord den Amerikanern alles erzählte, bevor die Russen die Lage in den Griff bekamen, gewiss zu groß. Nein. Lord war überzeugt, dass die Russen allein arbeiteten – zumindest vorläufig.

Sie hatten eine schöne Fahrt hinter sich, von Asheville über den Blue Ridge Parkway nach Norden und dann auf der State Route 81 den letzten Abschnitt durch die sanft hügelige Berglandschaft. Genesis selbst wirkte wie aus dem Bilderbuch, eine Stadt aus Backstein-, Holz- und Bruchsteinhäusern voller malerischer Kunstgalerien, Geschenk- und Antiquitätenläden. Unter den ausladenden Platanen, die die Hauptstraße säumten, standen Bänke. An der Hauptkreuzung des Städtchens gab es eine Eisdiele, zwei Banken und einen Drogeriemarkt. Franchising-Unternehmen, Wohnblocks und Ferienhäuser lagen am Rand des Städtchens. Als sie in das Städtchen einfuhren, stand die Sonne schon tief am Himmel und überzog den zuvor strahlend blauen Himmel mit einem bleichen Lachsrosa, während die Bäume und Berge einen tiefen Violettton annahmen. Der Abend kam hier offensichtlich früh.

»Wir sind da«, erklärte er Akilina. »Jetzt müssen wir herausfinden, wer oder was dieser Dorn ist.«

Er wollte gerade in einem Gemischtwarenladen um das Telefonbuch bitten, da fiel ihm eine Aufschrift ins Auge. Ein schmiedeeisernes Aushängeschild ragte aus einem zweigeschossigen Backsteinhaus heraus. Hinter der nächsten Kreuzung erblickte man einen baumbestandenen Platz mit dem Bezirksgericht. Auf dem Aushängeschild stand in schwarzen Buchstaben: Michael Thorn, Rechtsanwaltsbüro. Thorn heißt Dorn, übersetzte Lord für Akilina.

»Genau wie in Starodug«, erwiderte sie.

Das Gleiche hatte er auch schon gedacht.

Er parkte einen Block weiter am Straßenrand, dann gingen sie rasch zurück in das Rechtsanwaltsbüro, wo eine Sekretärin sie informierte, dass Mr. Thorn derzeit noch bei Gericht mit Vertragsdokumenten beschäftigt sei, aber bald zurückerwartet werde. Lord sagte, er müsse sofort mit Thorn reden, und die Frau erklärte ihm, wo er zu finden sei.

Sie gingen zum Bezirksgericht von Dillsboro, einem klassizistischen Backsteingebäude mit einem Ziergiebel vor dem Portal und einer hohen Kuppel, die typisch war für die Gerichtsgebäude des Südens. Ein Bronzeschild beim Hauptportal ließ wissen, dass das Gebäude 1898 fertig gestellt worden sei. Lord hatte bisher nur äußerst selten in kleinen Provinzgerichten zu tun gehabt, da seine Kanzlei sich auf die Sitzungssäle und Finanzinstitutionen der US-amerikanischen Großstädte und osteuropäischen Hauptstädte beschränkte. Tatsächlich war er noch niemals in einem Gerichtssaal aufgetreten. Für diese Aufgabe beschäftigte Pridgen & Woodworth Hunderte von Prozessanwälten. Lord dagegen kümmerte sich um Verträge. Er arbeitete hinter den Kulissen. Zumindest bis vor einer Woche, als er in den Vordergrund katapultiert worden war.

Sie trafen Michael Thorn im Urkundenraum an, wo er über einen riesigen Band gebeugt an einem Pult stand. Im grellen Neonlicht sah Lord einen Mann mittleren Alters mit beginnender Glatze. Klein und untersetzt, aber nicht übergewichtig, mit ausgeprägter, aber schmaler Nase, hohen Wangenknochen und einem Gesicht, das sicherlich jünger wirkte, als er war.

»Michael Thorn?«, fragte Lord.

Der Angesprochene blickte lächelnd auf. »Derselbe.«

Lord stellte sich und Akilina vor. Außer ihnen war niemand in dem fensterlosen Raum.

»Wir sind gerade aus Atlanta eingetroffen.« Lord zeigte ihm seine Anwaltslizenz des Staates Georgia und fuhr dann dieselbe Schiene wie damals in der Bank in San Francisco. »Ich bin in einer Grundstücksangelegenheit hier, es geht um den Nachlass einer Verwandten von Miss Petrowa hier.«

»Sieht so aus, als würden Sie sich nicht nur mit dem Gesetz befassen«, meinte Thorn in Anspielung auf Lords lädiertes Gesicht.

Lord dachte sich eilig eine Ausrede aus: »Am Wochenende boxe ich manchmal hobbymäßig. Letztes Mal hab ich ein bisschen mehr eingesteckt als ausgeteilt.«

Thorn lächelte: »Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. Lord?«

»Sind Sie schon lange als Anwalt hier tätig?«

»Mein ganzes Leben«, antwortete Thorn mit einem gewissen Stolz in der Stimme.

»Das hier ist ein wunderschönes Städtchen. Ich bin zum ersten Mal hier. Dann kommen Sie also aus einer alteingesessenen Familie?«

Ein merkwürdiger Ausdruck trat in Thorns Gesicht. »Warum diese Fragen, Mr. Lord? Ich dachte, es ginge um eine Grundstücksangelegenheit. Wer ist denn die Verstorbene? Ich kenne sie bestimmt.«

Lord griff in seine Hosentasche und holte die Höllenglocke heraus. Er reichte sie Thorn und beobachtete die Reaktion des Anwalts dabei aufmerksam.

Thorn studierte das Glöckchen gelassen von innen und außen. »Beeindruckend. Ist das massives Gold?«

»Ich denke schon. Können Sie die Inschrift lesen?«

Thorn nahm seine Lesebrille vom brusthohen Lesetisch und studierte den Mantel des Glöckchens aufmerksam. »Sind ziemlich klein, die Buchstaben, oder?«

Lord erwiderte nichts, sondern warf einen Blick auf Akilina, die Thorn aufmerksam beobachtete.

»Tut mir Leid, Mr. Lord. Das ist irgendeine Fremdsprache. Ich weiß nicht genau welche. Jedenfalls kann ich sie nicht lesen. Leider beherrsche ich nur Englisch, wobei manche Leute behaupten, ich könne noch nicht einmal das richtig gut.«

»Wer aber bis ans Ende beharret, der wird selig«, sagte Akilina auf Russisch.

Thorn sah sie einen Moment lang an. Lord wusste nicht recht, ob seine Reaktion Überraschung bedeutete oder einfach daher kam, dass er sie nicht verstand. Nun begegnete er selbst Thorns Blick.

»Was hat sie gesagt?«, fragte Thorn.

»Wer aber bis ans Ende beharret, der wird selig.«

»Aus dem Matthäusevangelium«, bemerkte Thorn. »Aber worauf wollen Sie damit hinaus?«

»Bedeuten diese Worte Ihnen irgendetwas?«, fragte Lord.

Thorn reichte ihm das Glöckchen zurück. »Mr. Lord, was wollen Sie eigentlich?«

»Sie werden das gewiss merkwürdig finden, aber ich muss Ihnen noch ein paar weitere Fragen stellen. Würden Sie mir den Gefallen tun?«

Thorn nahm die Brille wieder ab. »Schießen Sie los.«

»Gibt es noch andere Thorns in Genesis?«

»Ich habe zwei Schwestern, die aber nicht mehr hier leben. Es gibt noch einige weitere Familien dieses Namens, und eine davon ist recht groß, aber wir sind nicht verwandt.«

»Kann man die leicht finden?«

»Schauen Sie einfach ins Telefonbuch. Hat Ihre Grundstücksangelegenheit mit einem Thorn zu tun?«

»In gewisser Weise.«

Lord bemühte sich, sein Gegenüber nicht anzustarren, wollte aber andererseits unbedingt sehen, ob irgendeine Familienähnlichkeit mit Nikolaus II. zu entdecken war. Was Blödsinn war, wie ihm schnell klar wurde. Er hatte die Romanows nur in grobkörnigen Schwarzweißfilmen und auf ebensolchen Fotos gesehen. Wie konnte er da eine Familienähnlichkeit feststellen? Mit Sicherheit konnte er nur sagen, dass Thorn, genau wie Nikolaus, eher klein war, doch alles andere war reine Spekulation. Was hatte er denn erwartet? Dass der vermutete Erbe die Worte las und sich plötzlich in den Zaren von Russland verwandelte? Schließlich befand Lord sich nicht in einem Märchen. Hier ging es um Leben und Tod. Falls übrigens irgendein vermuteter Thronerbe über Lords Hintergrundwissen verfügte, würde der arme Trottel den Mund halten und sich unauffällig ins Holzgebälk zurückziehen, das ihm all diese Jahre Zuflucht geboten hatte.

Er steckte das Glöckchen wieder ein. »Bitte entschuldigen Sie die Störung, Mr. Thorn. Sie müssen uns für ein wenig sonderbar halten, und das kann ich Ihnen nicht verdenken.«

Thorns Miene wurde versöhnlicher, und ein verhaltenes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. »Keineswegs, Mr. Lord. Sie haben ganz offensichtlich einen Auftrag, bei dem es um vertrauliche Klientenbelange geht. Das verstehe ich. Es ist vollkommen in Ordnung. Aber wenn das alles war, würde ich jetzt gerne hier meine Suche nach einem verbrieften Anspruch fortsetzen, bevor der Aufsichtsführende mich rausscheucht.«

Sie gaben sich die Hand.

»Hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen«, sagte Lord.

»Falls Sie Hilfe bei der Suche nach diesen anderen Thorns brauchen, kommen Sie einfach in mein Büro. Es liegt ganz in der Nähe in derselben Straße. Ich bin morgen den ganzen Tag da.«

Lord lächelte. »Vielen Dank. Vielleicht kommen wir darauf zurück. Aber könnten Sie uns vielleicht eine Unterkunft für die Nacht empfehlen?«

»Das könnte ein bisschen schwierig werden. Im Moment ist Hochsaison, und alles ist ausgebucht. Aber heute ist Mittwoch, da sollte für ein oder zwei Nächte ein Zimmer aufzutreiben sein. Richtig schwierig wird es am Wochenende. Lassen Sie mich einmal jemanden anrufen.«

Thorn zog ein Handy aus der Jacketttasche und wählte. Nach einem kurzen Wortwechsel beendete er das Gespräch. »Ich kenne den Inhaber einer Pension, der mir heute Morgen sagte, das Geschäft laufe derzeit ein bisschen schleppend. Die Pension heißt Azalea Inn. Ich mache Ihnen eine Wegskizze. Es ist nicht weit von hier.«

 

Das Azalea Inn war ein hübsches Gebäude im Queen-Anne-Stil und lag am Rand des Städtchens. Auf dem Grundstück, das mit einem weißen Lattenzaun eingefasst war, wuchsen mächtige Buchen. Die Vorderveranda bot einer Reihe grüner Schaukelstühle Platz. Drinnen wies das Haus uralte Balkendecken, offene Kamine und altmodische Quiltdeckchen auf.

Lord buchte ein Doppelzimmer, was ihm einen sonderbaren Blick der ältlichen Frau an der Rezeption eintrug. Er rief sich den Mann im Hotel in Starodug in Erinnerung, der ihm, dem Ausländer, ein Zimmer hatte verweigern wollen. Doch die Haltung dieser Dame hier war nochmals anders. Ein Schwarzer mit einer weißen Frau. Kaum zu glauben, dass die Hautfarbe noch immer eine so große Rolle spielte, aber es war offensichtlich so.

»Was war denn eben das Problem?«, fragte Akilina, nachdem sie das Zimmer bezogen hatten.

Das Zimmer im zweiten Geschoss war hell und luftig, mit frischen Blumen und einer flauschigen Steppdecke auf dem altmodischen Bett. Im Bad stand eine Badewanne mit Füßen, und das Fenster war mit weißen Spitzenvorhängen verhängt.

»Hier sind immer noch einige Leute der Meinung, dass die Rassen sich nicht vermischen sollten.«

Er warf ihre Reisetaschen aufs Bett, dieselben beiden Taschen, die Semjon Paschkow ihnen damals vor einer Ewigkeit, wie es ihm schien, mitgegeben hatte. Die Goldbarren hatte er in einem Schließfach im Flughafen von Sacramento zurückgelassen. Nun warteten schon drei Stücke Zarengold darauf, von ihm wieder eingesammelt zu werden.

»Gesetze können Menschen dazu bringen, sich anders zu verhalten«, bemerkte Lord, »aber sie verändern nicht ihre Einstellung. Du solltest das nicht übel nehmen.«

Sie zuckte die Schultern. »In Russland gibt es auch Vorurteile. Ausländer, Dunkelhäutige, Mongolen. Alle werden schlecht behandelt.«

»Man wird sich dort sicherlich an einen Zaren gewöhnen müssen, der in Amerika zur Welt kam und aufgewachsen ist. Ich denke, eine solche Möglichkeit hat niemand jemals in Erwägung gezogen.« Er setzte sich auf die Bettkante. »Es ist erstaunlich, dass wir es so weit geschafft haben.«

»Der Anwalt wirkte ehrlich. Er wusste wirklich nicht, wovon wir redeten.«

Lord stimmte ihr zu. »Ich behielt ihn genau im Auge, als er die Glocke studierte und du den Text auf Russisch zitiert hast.«

»Er meinte, es gäbe noch andere Thorns?«

Lord stand auf, ging zum Telefon und nahm das darunter liegende Telefonbuch zur Hand. Er schlug es bei T auf und fand sechs Thorns und zwei Thornes. »Morgen schauen wir uns diese Leute näher an. Notfalls besuchen wir jeden Einzelnen von ihnen. Vielleicht können wir Thorn ja beim Wort nehmen und ihn um seine Mithilfe bitten. Es könnte einfacher sein, wenn wir von einem Einheimischen vorgestellt werden.« Er sah Akilina an. »Bis dahin sollten wir erst einmal etwas essen und dann schlafen.«

 

Sie aßen in einem ruhigen Restaurant um die Ecke, das witzigerweise unmittelbar neben einem Kürbisfeld lag. Lord machte Akilina mit gebratenen Hähnchen, Kartoffelbrei, gekochten Maiskolben und Eistee bekannt. Erst wunderte er sich, wie fremd ihr das war, aber andererseits hatte er ja vor seinen Reisen nach Russland Buchweizenpfannkuchen, Rote-Bete-Suppe oder sibirische Fleischklöße ebenso wenig gekannt.

Die Abendluft war mild und klar. Keine einzige Wolke verhängte den Himmel, und über ihnen war die Milchstraße zu sehen.

Genesis war eindeutig ein Ort, an dem nur tagsüber Leben herrschte – abgesehen von einigen Restaurants war jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, kein einziges Geschäft mehr offen. Nach einem kurzen Spaziergang kehrten sie in ihre Pension zurück und betraten die Eingangshalle.

Auf einer kleinen Couch neben der Treppe saß Michael Thorn.

Der Anwalt trug jetzt lässige Kleidung, einen hellbraunen Pullover und blaue Hosen. Als Lord die Eingangstür schloss, stand er auf und fragte ruhig: »Haben Sie dieses Glöckchen noch?«

Lord griff in die Hosentasche und reichte es Thorn. Der befestigte einen goldenen Klöppel im Inneren des Glöckchens und versuchte, es mit einem leichten Schlenkern des Handgelenks zu läuten. Doch wo man einen Glockenton erwartet hätte, war nur ein dumpfer Pochlaut zu hören.

»Gold ist wohl zu weich«, meinte Thorn. »Ich nehme an, Sie brauchen noch einen anderen Beweis für meine Identität.«

Lord schwieg.

Thorn sah ihn an. »Dort, wo der Blauglockenbaum wächst und Genesis, dort wartet ein Dorn. Verwendet die Worte, die euch herführten. Spricht man eure Namen, und erhält die Glocke ihre eigentliche Gestalt, wird es gelingen.« Er machte eine kurze Pause. »Ihr seid der Rabe und der Adler. Und ich bin der, den ihr sucht.«

Thorns Worte waren nur ein Flüstern, doch er sprach sie in perfektem Russisch.

43

Lord starrte ihn ungläubig an.

»Könnten wir in Ihr Zimmer gehen?«, fragte Thorn.

Schweigend gingen sie nach oben. Als sie die Tür hinter sich verschlossen hatten, sagte Thorn auf Russisch: »Ich hatte niemals erwartet, diese Glocke zu sehen oder diese Worte zu hören. Ich habe den Klöppel jahrzehntelang aufbewahrt und wusste stets, was zu tun war, sollte es jemals so weit sein. Mein Vater ermahnte mich, dass dieser Tag kommen würde. Er wartete sechzig Jahre lang darauf, kam aber nicht mehr zum Zug. Vor seinem Tod sagte er mir voraus, dass ich es noch selbst erleben würde. Ich habe ihm nicht geglaubt.«

Lord war noch immer erschüttert, nahm sich aber zusammen, zeigte auf die Glocke und fragte: »Warum heißt sie Höllenglocke?«

Thorn trat ans Fenster und blickte hinaus. »Das ist von Radischtschew.«

Lord erinnerte sich an den Namen. »Radischtschew wurde auch auf einem Goldplättchen zitiert, das in der Bank in San Francisco lag.«

»Jussupow verehrte Radischtschew. Er war ein großer Liebhaber der russischen Dichtkunst. Einer von Radischtschews Versen lautet: ›Gottes Engel werden den Triumph des Himmels mit dreimaligem Geläut der Höllenglocke verkünden: einmal für den Vater, einmal für den Sohn und einmal für die Heilige Jungfrau.‹ Die passenden Worte, würde ich sagen.«

Lord gewann allmählich seine Fassung zurück und fragte nach einem Moment des Schweigens: »Haben Sie die Ereignisse in Russland verfolgt? Warum haben Sie sich nicht von sich aus gemeldet?«

»Mein Vater und ich haben oft über diesen Punkt diskutiert«, erwiderte Thorn. »Er war ein glühender Imperialist, ein echter Vertreter der alten Schule. Er kannte Felix Jussupow persönlich. Hat sich oft mit ihm unterhalten. Ich war immer der Meinung, die Zeiten für eine Monarchie seien längst vorüber. In der modernen Gesellschaft gäbe es keinen Raum für ein derart antiquiertes Konzept. Er war jedoch überzeugt, dass das Blut der Romanows wieder auferstehen werde. Und genau das passiert jetzt. Dennoch hatte ich immer den Auftrag, mich nur zu erkennen zu geben, wenn der Rabe und der Adler auftauchten und die Worte sprachen. Alles andere sei eine von unseren Feinden gestellte Falle.«

»Das russische Volk wünscht sich Ihre Rückkehr«, erklärte Akilina.

»Stefan Baklanow wird enttäuscht sein«, bemerkte Thorn.

Lord meinte eine leise Ironie aus Thorns Worten zu hören. Er erzählte Thorn von seinem Interesse an der Zarenkommission und von allem, was in der vergangenen Woche vorgefallen war.

»Genau deshalb hat Jussupow darauf bestanden, dass wir verborgen bleiben. Lenin wollte das Blut der Romanows vollkommen auslöschen. Er wollte jede Restauration ausschließen. Erst später, als er merkte, dass Stalin schrecklicher sein würde als jeder Zar, erkannte er den Fehler, den er mit der Ermordung der Zarenfamilie begangen hatte.«

»Mr. Thorn …«, begann Lord.

»Michael, bitte.«

»Vielleicht wäre Ihre Kaiserliche Hoheit ja angebrachter?«

Thorn runzelte die Stirn. »Das ist ein Titel, an den ich mich definitiv nur schwer werde gewöhnen können.«

»Ihr Leben ist ernsthaft in Gefahr. Ich nehme an, Sie haben Familie?«

»Eine Frau und zwei Söhne, die beide aufs College gehen. Ich habe nie mit ihnen über diese Angelegenheit gesprochen. Das war eine Bedingung, auf der Jussupow bestand. Vollkommene Anonymität.«

»Sie müssen es ihnen sagen, und ebenfalls Ihren beiden Schwestern, die Sie vorhin erwähnten.«

»Das habe ich vor. Aber ich weiß nicht, wie meine Frau auf ihre Erhebung zur Zarin reagieren wird. Mein ältester Sohn wird einiges an Anpassung leisten müssen. Er ist jetzt der Zarewitsch und sein Bruder ein Großfürst.«

Lord hatte zahllose Fragen, aber eine lag ihm mehr als alle anderen auf dem Herzen. »Können Sie uns berichten, wie Alexej und Anastasia nach North Carolina gelangt sind?«

Und Thorn erzählte eine Geschichte, bei der es Lord und Akilina kalt den Rücken hinunterlief.

 

Es begann am Abend des 16. Dezember 1916, als Felix Jussupow Grigori Rasputin mit Zyankali versetzten Kuchen zum Wein servierte. Nachdem das Gift das Opfer nicht tötete, schoss Jussupow den Starez einmal in den Rücken. Als auch diese Kugel die Aufgabe nicht vollendete, verfolgten andere Adlige den fliehenden Heiligen in einen verschneiten Hof und töteten ihn mit mehreren Schüssen. Dann warfen sie seine Leiche in die gefrorene Newa, sehr zufrieden mit ihrer Tat.

Nach dem Mord sonnte Jussupow sich offen in seinem Ruhm. Er sah eine politische Zukunft vor sich, die vielleicht sogar einen Wechsel der Herrscherfamilie von den Romanows zu den Jussupows mit sich bringen würde. In ganz Russland wurde von Revolution geredet. Der Sturz Nikolaus’ II. schien nur noch eine Frage der Zeit. Schon jetzt war Jussupow der reichste Mann Russlands. Er besaß riesige Landgüter, die mit beträchtlichem politischem Einfluss verbunden waren. Doch ein Mann namens Lenin ließ sich von einer Welle der Erbitterung zur absoluten Macht tragen, und kein Adliger, wie auch immer er hieß, sollte diesen Machtwechsel unangetastet überstehen.

Die Ermordung Rasputins hatte eine ungeheure Wirkung auf die Zarenfamilie. Nikolaus und Alexandra zogen sich noch stärker zurück, und Alexandra gewann einen noch größeren Einfluss auf ihren Mann. Der Zar stand einer riesigen Sippschaft vor, der ihr öffentliches Ansehen schlichtweg gleichgültig war. Dort sprach man besser Französisch als Russisch. Man hielt sich mehr im Ausland als zu Hause auf. Man wachte zwar eifersüchtig über Namen und Rang, nahm aber die Verpflichtungen gegenüber der Öffentlichkeit nicht sonderlich ernst. Scheidungen und zerrüttete Ehen verschlechterten das Bild, das die Romanows abgaben.

Alle Verwandten des Zaren verabscheuten Rasputin. Keiner beklagte seinen Tod, und einige waren sogar so unverfroren, dies dem Zaren ins Gesicht zu sagen. Der Mord schuf eine Spaltung im Haus des Zaren. Einige der Großfürsten und Großfürstinnen begannen sogar, offen über einen Herrscherwechsel zu reden. Schließlich nutzten die Bolschewiken diese Spaltung aus, entmachteten die provisorische Regierung, die Nikolaus II. folgte, ergriffen gewaltsam die Macht und ermordeten alle Romanows, derer sie habhaft werden konnten.

Jussupow beharrte allerdings öffentlich darauf, dass die Ermordung Rasputins richtig gewesen sei. Da der Zar ihn zur Strafe für den Mord auf eines seiner Landgüter in Zentralrussland verbannt hatte, war er während der Februar- und Oktoberrevolution von 1917 zu seinem Glück außer Reichweite. Zunächst hatte er einen Herrschaftswechsel unterstützt und sogar seine Hilfe angeboten, doch nachdem die Sowjets sein Familienvermögen beschlagnahmt und ihm mit der Verhaftung gedroht hatten, wurde ihm klar, was für einen Fehler er begangen hatte. Rasputins Tod war viel zu spät erfolgt, um noch etwas am Gang der Ereignisse zu ändern. Durch seinen fehlgeleiteten Versuch, das Zarenreich zu retten, hatte Jussupow der russischen Monarchie tatsächlich einen tödlichen Stoß versetzt.

Kurz nach der Oktoberrevolution von 1917 und Lenins Aufstieg zur Macht traf Jussupow dann eine Entscheidung über sein künftiges Vorgehen. Als einer der wenigen Adligen, die noch über finanzielle Mittel verfügten, gelang es ihm, einige ehemalige Leibwächter des Zaren zu rekrutieren. Sie erhielten die Aufgabe, die Zarenfamilie aus der Gefangenschaft zu befreien, um die Wiederherstellung der Monarchie zu ermöglichen. Er hoffte, dass Nikolaus seinen Sinneswandel akzeptieren und ihm die Ermordung Rasputins vergeben würde, Jussupow betrachtete seine Bemühungen als eine Möglichkeit, sein schlechtes Gewissen reinzuwaschen – wobei nicht die Ermordung Rasputins ihm Schuldgefühle bereitete, sondern die kurz darauf erfolgte Gefangensetzung des Zaren.

Als die kaiserliche Familie Anfang 1918 von Zarskoje Selo nach Sibirien abtransportiert wurde, wusste Jussupow, dass die Zeit zum Handeln gekommen war. Dreimal wurden Rettungsversuche geplant, doch keiner kam über das Planungsstadium hinaus. Die Bolschewiken bewachten ihre kaiserlichen Gefangenen streng. Man bat George V, König von England und Vetter Nikolaus’ II. den Romanows Asyl zu gewähren. Zunächst stimmte er zu, geriet deswegen aber unter Druck und beugte sich. Die Einwanderungserlaubnis wurde verweigert.

In diesem Moment verstand Jussupow, was das Schicksal beschlossen hatte.

Er rief sich Rasputins Vorhersage in Erinnerung, wenn Rasputin von einem Adligen ermordet werde, würden Nikolaus und seine Familie die nächsten zwei Jahre nicht überleben. Unter den Adligen, die nicht zum Geschlecht der Romanows gehörten, hatte Jussupow den höchsten Rang, und seine Frau war eine Nichte des Kaisers. Anscheinend hatte der Starez Recht gehabt.

Doch Jussupow war entschlossen, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

Er schickte Kolja Maks und weitere Männer mit dem Auftrag nach Jekaterinburg, um jeden Preis eine Rettung zu versuchen. Als Maks Zugang zur Wachmannschaft der Zarenfamilie bekam, war Jussupow begeistert. Doch dass Maks dann tatsächlich bei der Hinrichtung zugegen war und Alexej und Anastasia retten, vom Lastwagen schmuggeln und hinterher lebendig im Wald auffinden konnte, war ein Wunder zu nennen. Erstaunlicherweise war Alexej weder von einer Kugel noch von einem Bajonett verletzt worden. Anastasia hatte einen Schädelbruch von dem Gewehrkolbenhieb, den Maks ihr während der Exekutionsprozedur eigenhändig verpasst hatte, war aber ansonsten kaum verletzt, da ihr mit Diamanten und Juwelen bestücktes Korsett sie vor den Schüssen beschützt hatte. Sie hatte Schusswunden im Bein, die aber behandelt werden konnten, sodass sie sich davon erholte und nur ein Hinken zurückbehielt, das ihr für den Rest ihres Lebens blieb.

Maks brachte beide Kinder in eine Hütte westlich von Jekaterinburg. Dort erwarteten ihn schon drei weitere der von Jussupow angeheuerten Männer, Jussupows Befehle waren eindeutig: Bringt die Familie nach Osten. Aber es gab keine Familie mehr. Nur zwei zu Tode geängstigte Halbwüchsige.

In den Tagen nach dem Massaker sprach Alexej kein einziges Wort. Der Junge hockte in einer Ecke der Hütte. Er aß und trank zwar ein wenig, hatte sich aber ansonsten vollkommen in sich zurückgezogen. Später berichtete er, der Anblick, wie seine Eltern erschossen wurden und seine geliebte Mutter an ihrem eigenen Blut erstickte, während man seine Schwestern mit Bajonetten durchbohrte, habe einen Zustand geistiger Lähmung verursacht, und die Kraft, danach weiterzumachen, habe er nur einem Satz zu verdanken, den Rasputin einmal an ihn gerichtet habe:

Du bist die Zukunft Russlands und musst am Leben bleiben.

Er hatte Maks sofort als Wächter am Zarenhof wiedererkannt. Der stämmige Russe hatte Dienst als Träger des Zarewitschs getan, als einer von mehreren Männern, deren Aufgabe darin bestand, den Thronerben auf den Armen zu tragen, wenn seine Beine ihm nach einer Blutung den Dienst versagten. Alexej erinnerte sich daran, wie freundlich Maks mit ihm umgegangen war, und gehorchte widerspruchslos, als dieser ihm auftrug, still liegen zu bleiben.

Es dauerte beinahe zwei Monate, bis die Überlebenden Wladiwostok erreichten. Die Saat der Revolution war auch dort schon aufgekeimt, doch so weit im Osten hatte niemand eine Vorstellung, wie die Romanow-Kinder aussahen. Glücklicherweise hatte der Zarewitsch zu der Zeit nur einen einzigen kleinen Krankheitsanfall.

Jussupow hatte schon Leute losgeschickt, die die Kinder an der russischen Pazifikküste erwarteten. Ursprünglich hatte er vorgehabt, die Zarenfamilie in Wladiwostok zu lassen, bis die Zeit reif war, doch der Sieg im Bürgerkrieg neigte sich immer stärker den Roten zu. Bald würden die Kommunisten das ganze Land beherrschen, Jussupow wusste, was zu tun war.

Ganze Schiffsladungen von Russen wanderten an die amerikanische Westküste aus, wobei San Francisco den wichtigsten Zugangshafen darstellte. Zusammen mit einem russischen Ehepaar, das zu diesem Zweck angeworben worden war, gingen Alexej und Anastasia im Dezember 1918 an Bord eines solchen Schiffes.

Jussupow selbst floh im April 1919 mit seiner Frau und der vierjährigen Tochter aus Russland. In den nächsten achtundvierzig Jahren bereiste er Europa und Amerika. Er schrieb ein Buch und schützte gelegentlich seinen Ruf mit Beleidigungs- und Verleumdungsklagen, wenn er sich in einem Film oder Manuskript als ungerecht dargestellt empfand. Öffentlich blieb er ein stolzer, trotziger Rebell, der darauf beharrte, mit der Ermordung Rasputins die den Umständen angemessene Maßnahme ergriffen zu haben. Er lehnte alle Schuld an dem, was danach geschehen war, ab und akzeptierte keinerlei Mitverantwortung für Russlands Schicksal. Privat sah die Sache jedoch anders aus. Er schäumte, als Lenin und später Stalin an die Macht kamen. Zwar hatte er Rasputins Tod und Nikolaus’ Befreiung von Alexandras deutschem Joch gewünscht, doch ebenso das Weiterbestehen des zaristischen Russlands. Stattdessen hatte sich die Newa, genau wie von Rasputin vorhergesagt, mit dem Blut der Adligen rot gefärbt. Die Romanows waren dahingemetzelt worden.

Russland war am Ende.

Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken erblickte das Licht der Welt.

 

»Und was geschah nach Alexejs und Anastasias Ankunft in den Vereinigten Staaten?«, fragte Lord.

Thorn saß vor dem Fenster auf der Couch. Akilina hockte auf dem Bett. Sie hatte mit unverhohlenem Staunen zugehört, als Thorn die Lücken der ihnen bekannten Geschichte füllte. Auch Lord war verblüfft.

»Zwei weitere Russen erwarteten sie schon hier. Jussupow hatte sie vorausgeschickt, um einen sicheren Ort zu suchen. Einer von ihnen war im Osten der USA gewesen und hatte die Appalachen bereist. Er kannte die Paulownia, den so genannten Blauglockenbaum, und diese Namensverbindung schien ihm ein Zeichen zu sein. Daher wurden die beiden Kinder erst nach Asheville gebracht und dann ein Stück weiter nördlich nach Genesis. Sie lebten bei dem russischen Paar, mit dem sie schon die Schiffsreise unternommen hatten. Der Name Thorn wurde gewählt, weil er hier recht verbreitet ist. So wurden sie Paul und Anna Thorn, die einzigen Kinder von Karel und Ilka Thorn, einem slawischen Ehepaar aus Litauen. Damals immigrierten Millionen von Menschen in dieses Land. Keiner schenkte diesen vieren irgendwelche Aufmerksamkeit. In Boone gibt es eine große slawische Gemeinde. Und damals wusste niemand im ganzen Land auch nur das Geringste über die Zarenfamilie.«

»Waren sie hier glücklich?«, fragte Akilina.

»O ja. Jussupow stieg groß in den amerikanischen Aktienmarkt ein und finanzierte mit der Dividende die Ansiedlung der Thorns. Dabei wurden allerdings alle Anstrengungen unternommen, den Wohlstand verborgen zu halten. Die Thorns lebten schlicht und hatten nur über Mittelsmänner Kontakt zu Jussupow. Erst Jahrzehnte später unterhielt Jussupow sich auch persönlich mit meinem Vater.«

»Wie lange lebten Alexej und Anastasia denn?«

»Anastasia ist 1922 gestorben. An einer Lungenentzündung. Sehr traurig, und nur zwei Wochen vor ihrer geplanten Hochzeit. Jussupow fand einen geeigneten Ehemann, der den Kriterien des Zarenreichs entsprach, nur dass das Adelsblut in seinen Adern sehr verdünnt war. Alexej hatte schon ein Jahr früher geheiratet. Er war achtzehn, und man zeigte sich besorgt, dass er angesichts seiner Krankheit vielleicht nicht mehr lange leben würde. Damals konnte man wenig für Bluterkranke tun. Man arrangierte eine Ehe mit der Tochter eines der Männer, die für Jussupow arbeiteten. Das Mädchen, meine Großmutter, war damals erst sechzehn, aber sie erfüllte die gesetzlichen Ansprüche an eine Zarin. Man sorgte für ihre Emigration, und die beiden wurden in einer Hütte hier in der Nähe von einem orthodoxen Priester getraut. Das Grundstück gehört mir noch immer.«

»Wie lange hat er noch gelebt?«, fragte Lord.

»Nur noch drei Jahre. Doch in dieser Zeit zeugte er meinen Vater. Das Kind war gesund. Die Bluterkrankheit wird über die weibliche Linie vererbt, niemals von einem Mann. Später hat Jussupow oft gesagt, selbst darin sei die Hand des Schicksals zu spüren. Hätte Anastasia überlebt und schließlich einen Sohn geboren, hätte der Fluch sich vielleicht fortgesetzt. Doch es endete mit ihrem Tod, und meine Großmutter brachte einen Sohn zur Welt.«

In Lord stieg eine sonderbare Traurigkeit auf. Das Gefühl erinnerte ihn an damals, als er vom Tod seines eigenen Vaters erfahren hatte. Eine seltsame Mischung aus Bedauern, Erleichterung und Sehnsucht. Er schob das Gefühl beiseite und fragte: »Wo liegen sie begraben?«

»Ein wunderschönes Plätzchen, mit Blauglockenbäumen bewachsen. Ich kann es Ihnen morgen zeigen.«

»Warum haben Sie uns vorhin belogen?«, fragte Akilina.

Thorn schwieg einen Moment lang. »Ich bin halb krank vor Angst. Dienstags gehe ich zum Rotary-Club und am Samstag angeln. Die Leute kommen mit Adoptionen zu mir, mit den Kaufverträgen für Häuser oder mit Scheidungen, und ich helfe ihnen. Jetzt aber fordert man mich auf, eine Nation zu regieren.«

Lord hatte Mitgefühl mit dem Mann, der ihm gegenübersaß. Er beneidete ihn nicht um seine Aufgabe. »Aber Sie könnten der Katalysator sein, der dieser Nation Ruhe und Stabilität bringt. Heute erinnert man sich des Zaren mit Zuneigung.«

»Aber mir bereitet das Sorgen. Mein Urgroßvater war ein schwieriger Mensch. Ich habe mich ausführlich mit ihm beschäftigt, und die Historiker sind ihm nicht wohlgesonnen. Ganz besonders hart aber urteilen sie über meine Urgroßmutter. Ich frage mich, welche Lehre man aus dem Sturz des Zarenhauses ziehen sollte. Ist Russland wirklich schon wieder bereit, die Herrschaft einem Autokraten zu übergeben?«

»Ich bezweifle, dass Russland jemals anders regiert wurde«, bemerkte Akilina.

Thorns Blick schweifte in die Ferne. »Da haben Sie vermutlich Recht.«

Lord fiel auf, wie ernst der Tonfall des Anwalts war. Thorn schien jedes Wort und jede Silbe auf die Waagschale zu legen.

»Ich habe über die Männer nachgedacht, die hinter Ihnen her sind«, sagte Thorn. »Meine Frau. Ich muss sichergehen, dass ihr nichts zustößt. Sie hat so etwas nicht verdient.«

»War es eine arrangierte Ehe?«, fragte Lord.

Thorn nickte. »Mein Vater und Jussupow haben sie gefunden. Sie kommt aus einer frommen orthodoxen Familie mit einer winzigen Spur von Zarenblut. Unter den gegebenen Umständen genug, um allen Einwänden zu begegnen. Ihre Familie ist in den Fünfzigerjahren aus Deutschland eingewandert. Sie war nach der Revolution aus Russland geflohen. Ich liebe meine Frau sehr. Wir hatten ein gutes Leben bis jetzt.«

Lord brannte noch eine andere Frage auf der Zunge. »Hat Jussupow berichtet, was mit den Leichen geschehen ist? Josif Maks hat uns alles bis zu dem Punkt erzählt, als sein Vater Alexej und Anastasia am Tag nach den Morden morgens im Wald fand. Doch Kolja brach noch am selben Tag auf …«

»Das stimmt nicht.«

»Sein Sohn hat es so berichtet.«

»Er brach auf, aber nicht sofort nachdem er Alexej und Anastasia gefunden hatte. Er kehrte zum Haus für Sonderzwecke zurück. Erst drei Tage später machte er sich mit den beiden Kindern auf den Weg.«

»War er an der endgültigen Bestattung der Leichen beteiligt?«

Thorn nickte.

»Ich habe viel über Gerüchte und gefälschte Augenzeugenberichte gelesen. Hat Jussupow erzählt, wie es wirklich war?«

Thorn nickte. »O ja. Er hat alles erzählt.«

44

Kolja Maks traf gegen Mittag wieder in Jekaterinburg ein. Er hatte Alexej und Anastasia in die sichere Hütte außerhalb der Stadt gebracht und zurückkehren können, ohne dass irgendjemand mitbekam, wo er gewesen war. Er erfuhr, dass Jurowski ebenfalls nach Jekaterinburg zurückgekehrt war und dem Sowjet des Ural pflichtgemäß mitgeteilt hatte, dass die Exekutionen vollzogen seien. Der Sowjet war erfreut und schickte eine Erfolgsnachricht nach Moskau.

Doch die Männer unter Peter Jermakows Kommando, die Jurowski in der vorangegangenen Nacht vom Vier-Brüder-Bergwerk vertrieben hatte, erzählten jedem, der zuhören wollte, wo der Zar und seine Familie lagen. Es gab Gerüchte über schmuckbehängte Leichen und Männer, die zurückwandern und ihr Glück dort in der Grube versuchen wollten. Was keineswegs überraschend kam. Zu viele Menschen waren mit dem Fortschaffen der Leichen beschäftigt gewesen, deshalb war es nicht zu erwarten, dass das Geheimnis gewahrt würde.

Es war später Nachmittag, als Maks auf Jurowski traf. Er hatte zusammen mit drei weiteren Männern den Befehl erhalten, sich in die Stadt zu begeben, um dem Kommandanten zu helfen.

»Die gehen wieder da raus«, berichtete Jurowski. »Jermakow ist fest entschlossen, seinen Kampf zu gewinnen.«

In der Ferne hörte man das Donnern von Artilleriegeschützen.

»Die Weißen werden in wenigen Tagen hier sein. Vielleicht sind es sogar nur noch Stunden. Wir müssen diese Leichen aus dem Bergwerk fortschaffen.« Jurowskis schwarze Augen verengten sich zu Schlitzen. »Vor allem in Anbetracht unseres kleinen Problems mit den Zahlen.«

Maks und die anderen wussten, wovon er sprach: Es waren ja nur neun Leichen statt der erforderlichen elf.

Jurowski schickte zwei Leute los, um Kerosin und Schwefelsäure aufzutreiben, wo auch immer ein Händler noch einen Vorrat davon besaß. Maks erhielt den Befehl einzusteigen, und gemeinsam mit Jurowski verließ er die Stadt auf der Fernstraße nach Moskau. Der Nachmittag war inzwischen kalt und trübe geworden, und die Vormittagssonne hatte sich hinter einer dichten, metallgrauen Wolkenbank verkrochen.

»Wie ich hörte, gibt es westlich von hier tiefe, mit Wasser voll gelaufene Minen«, erklärte Jurowski unterwegs. »Wir beschweren die Leichen mit Steinen und werfen sie da hinein. Aber erst werden sie verbrannt und die Gesichter mit Schwefelsäure behandelt. Damit sie unkenntlich sind, falls sie doch noch gefunden werden. Hier liegen doch in jedem Loch ein oder zwei Leichen.«

Maks war nicht erpicht darauf, neun blutgetränkte Leichen aus der Tiefe des Vier-Brüder-Bergwerks zu bergen. Ihm fiel ein, dass Jurowski Handgranaten den Schacht hinuntergeworfen hatte, und beim Gedanken an das, was ihm vielleicht bevorstand, lief ihm ein Schauer über den Rücken.

Fünfzehn Meilen westlich von Jekaterinburg hatten sie eine Panne. Jurowski fluchte, und sie gingen zu Fuß weiter. In etwa fünf Meilen Entfernung entdeckten sie drei tiefe, mit Wasser gefüllte Minen. Als sie endlich in die Stadt zurückkehrten, war es bereits zwanzig Uhr. Den Rückweg hatten sie teilweise zu Fuß zurückgelegt und den Rest auf dem Rücken eines Pferdes, das sie einem Bauern abgenommen und beschlagnahmt hatten. Kurz nach Mitternacht am 18. Juli – das Debakel der letzten Nacht lag 24 Stunden zurück – kehrten sie zum Vier-Brüder-Bergwerk zurück.

Sie brauchten mehrere Stunden, um den tiefen Schacht auszuleuchten und den Abstieg vorzubereiten. Maks hörte zu, wie die anderen drei Männer in Jurowskis Begleitung sich darüber unterhielten, hoffentlich nicht derjenige zu sein, dem das Los des Hinuntersteigens in die Mine zufiel. Als alle Vorbereitungen getroffen waren, sagte Jurowski: »Kolja, steig hinunter und suche sie.«

Maks dachte daran sich zu weigern, doch damit hätte er Schwäche gezeigt, und das war das Letzte, was er diesen Männern von sich zu erkennen geben wollte. Er besaß ihr Vertrauen. Das Wichtigste war, dass er Jurowskis Vertrauen besaß, er würde es brauchen in den Tagen, die vor ihm lagen. Ohne ein Wort zu verlieren, band er sich ein Seil um die Taille, und zwei Männer ließen ihn langsam in den Schacht hinunter. Der schwarze Lehm fühlte sich ölig an. Die kalte Luft roch scharf nach Bitumen, vermischt mit Moder und Flechten. Doch noch eine weitere Ausdünstung mischte sich darunter, ein ekelhaft süßlicher Gestank. Er kannte ihn schon. Es war Verwesungsgeruch.

Zwanzig Meter weiter unten fiel der Schein seiner Fackel auf einen Tümpel. Im flackernden Licht erblickte er einen Arm, ein Bein und einen Hinterkopf. Er rief nach oben, man solle ihn nicht weiter herunterlassen. Er schwebte unmittelbar über der Wasseroberfläche.

»Runter. Langsam«, rief er.

Sein rechter Stiefel berührte das Wasser und tauchte hinein. Das Wasser war eisig. Seine Beine wurden nass, und er begann zu frösteln. Zum Glück war der Tümpel nur hüfthoch. Zitternd stand er da und rief zu seinen Kameraden hinauf, ihn nicht weiter hinunterzulassen.

Dann fiel plötzlich ein weiteres Seil von oben herunter. Er wusste, wozu es dienen sollte, und griff sich das Seilende, Jurowskis Granaten hatten offensichtlich wenig Schaden angerichtet. Maks griff nach dem erstbesten Körperteil und zerrte die nackte Leiche zu sich herüber. Es war Nikolaus. Maks sah auf den entstellten Zaren hinunter, dessen Gesicht kaum mehr kenntlich war. Er erinnerte sich an den Mann, der er gewesen war. Schlank von Gestalt, das Gesicht kantig und offen, mit einem beeindruckenden Bart und ausdrucksvollen Augen.

Er band das Seil um die Leiche und gab ein Signal, sie hochzuziehen. Doch es war, als wolle die Erde ihren Schutzbefohlenen nicht freigeben. Von der leblosen Hülle strömte das Wasser herunter. Die schlaffen Muskeln des aufgeweichten Leibes gaben nach, und Nikolaus II. fiel platschend in den Tümpel zurück.

Maks’ Gesicht und Haar wurden von eiskaltem Wasser durchnässt.

Das Seil kam wieder nach unten. Er watete zu der Leiche und band diesmal die Schlinge so fest, dass sie ins Fleisch des Oberkörpers einschnitt.

Erst nach drei weiteren Versuchen gelang es, den Zaren aus dem Schacht zu heben.

Gegen Ekel und Übelkeit ankämpfend, musste Maks diese Prozedur noch achtmal wiederholen. Da Kälte, Dunkelheit und die beginnende Verwesung alles schwieriger machten, brauchte er Stunden. Dreimal ließ er sich wieder nach oben ziehen, um sich beim Feuer aufzuwärmen, da er von der Arbeit im hüfthohen Wasser völlig durchgefroren war. Als man ihn zum letzten Mal nach oben zog, stand die Sonne schon hoch am Himmel und neun entstellte Leichen lagen auf dem feuchten Gras.

Jemand holte eine Decke für Maks. Die trockene Wolle roch nach Ochse, wärmte ihn aber angenehm.

»Am besten begraben wir sie einfach hier«, sagte einer der Männer.

Jurowski schüttelte den Kopf. »Nein, nicht hier in diesem Schlamm. Das Grab wäre leicht zu entdecken. Wir müssen sie zu einer neuen Stelle schaffen. Diese Teufel müssen auf immer unter der Erde verschwinden. Ich habe es satt, ihre verfluchten Gesichter zu sehen. Holt die Karren her. Wir schaffen sie an einen anderen Ort.«

Vom Wagenplatz wurden drei dürftige Karren herbeigerollt. Die Räder holperten über die unebene, verschlammte Fahrspur. Maks stand neben Jurowski, die Decke umgelegt, und wartete darauf, dass Männer und Wagen näher kamen.

Jurowski stand hoch aufgerichtet da und starrte auf die aufgedunsenen Leichen hinunter. »Wo mögen die anderen beiden sein?«

»Hier jedenfalls nicht«, antwortete Maks.

Der Blick des stämmigen Juden durchbohrte ihn. »Ich frage mich, ob das eines Tages ein Problem werden könnte.«

Maks fragte sich, ob der stiernackige Mann, der in einer schwarzen Lederjacke vor ihm stand, vielleicht mehr wusste, als gut war. Dann verwarf er den Gedanken. Die beiden fehlenden Leichen konnten Jurowski das Leben kosten. Deswegen würde er dichthalten.

»Wie denn?«, fragte Maks. »Die beiden sind tot. Das allein ist doch entscheidend, oder? Die Leiche ist nur die Bestätigung dafür.«

Der Kommandant trat an eine der weiblichen Leichen heran. »Ich fürchte, wir haben noch nicht zum letzten Mal von diesen Romanows gehört.«

Maks erwiderte nichts. Der Kommandant hatte ihn nicht um seine Meinung gebeten.

Die neun Leichen wurden je drei und drei auf die Karren geworfen und jeweils mit einer Decke zugedeckt, die man unten gut feststeckte. Dann ruhten sich die Männer ein paar Stunden aus und aßen Schwarzbrot mit Knoblauchschinken. Erst gegen Ende des Nachmittags brachen sie zu der vorgesehenen Begräbnisstätte auf. Der Weg war tief ausgefahren, aufgeweicht und verschlammt. Am Tag zuvor hatte man die Nachricht verbreitet, dass Weißgardisten in den Wäldern lauerten und dementsprechend rote Suchtrupps unterwegs seien. Man würde jeden Dorfbewohner erschießen, der in einem Sperrgebiet ertappt wurde. Nach dieser Warnung bestand Hoffnung, dass sie ihre Aufgabe unbeobachtet zu Ende führen konnten.

Keine zwei Meilen später brach die Achse eines der Karren, Furowski, der in einem Auto hinterherfuhr, befahl anzuhalten.

Die beiden anderen Karren waren keineswegs in einem besseren Zustand.

»Bleibt hier und haltet Wache«, befahl Jurowski. »Ich fahre in die Stadt und suche einen Lastwagen.«

Als ihr Kommandant zurückkehrte, war es schon dunkel. Die Leichen wurden auf die Lastwagenpritsche umgeladen und die Fahrt ging weiter. Einer der Lastwagenscheinwerfer leuchtete nicht und der andere war in der kohlrabenschwarzen Nacht kaum zu sehen. Die Räder schienen jede Pfütze und jedes Schlagloch des aufgeweichten Wegs zu finden. Immer wieder mussten sie völlig verschlammte Stellen mit Brettern überbrücken, was die Fahrt noch verlangsamte. Viermal hingen sie fest, und der Lastwagen musste unter großer Anstrengung freigeschoben werden.

Noch einmal legten sie eine Stunde Rast ein.

Aus dem 18. wurde der 19. Juli.

Gegen fünf Uhr früh fuhr sich der Lastwagen ein weiteres Mal fest, und diesmal trotz aller Anstrengungen hoffnungslos. Die Erschöpfung der Männer, die nach zwei harten Tagen ihren Zoll forderte, machte die Sache nicht einfacher.

»Dieser Lastwagen fährt nirgendwo mehr hin«, sagte schließlich einer der Männer.

Jurowski blickte zum Himmel. Bald würde die Morgendämmerung hereinbrechen. »Jetzt ertrage ich die Leichen dieser stinkenden Zarenfamilie schon den dritten Tag. Mir reicht’s. Wir begraben sie hier an Ort und Stelle.«

»Hier unter dem Weg?«, fragte einer der Männer.

»Ganz genau. Das ist die perfekte Stelle. Hier wird man niemals ein Grab finden. Der Weg ist ohnehin die reinste Schlammgrube. Da wird kein Mensch merken, dass hier gegraben wurde.«

Man holte Schaufeln und hob eine gewöhnliche Leichengrube aus, etwa drei Meter lang und zwei Meter breit. Nachdem sie die Gesichtszüge mit Schwefelsäure weggeätzt hatten, um eine Identifizierung unmöglich zu machen, wurden die Leichen hineingeworfen. Das Loch wurde aufgefüllt und mit Zweigen, Kalk und Brettern zugedeckt. Schließlich gelang es ihnen, den Lastwagen frei zu bekommen, und sie fuhren mehrmals über der Stelle hin und her. Als sie fertig waren, war von der Grube nicht mehr das Geringste zu sehen.

»Wir befinden uns zwölf Meilen nordwestlich von Jekaterinburg«, sagte Jurowski. »Das Grab liegt etwa zweihundertfünfzig Meter hinter der Eisenbahnkreuzung in Richtung der Isetzk-Fabrik. Merkt euch diese Stelle. Dort wird unser ruhmreicher Zar ruhen. Für immer.«

 

Lord sah die Bewegung in Thorns Gesicht.

»Dort ließen sie sie zurück. Dort im Schlamm. Und dort blieben sie bis 1979. Als man damals nach ihnen suchte und endlich auf die Bretter stieß, wurde einer der Ausgräber mit dem Ausspruch zitiert: ›Hoffentlich finde ich nichts darunter.‹ Aber sie fanden etwas. Neun Skelette. Meine Familie.« Lord starrte auf den Dielenboden. Unten auf der Straße fuhr ein Wagen vorüber. Schließlich sprach der Anwalt weiter: »Ich habe Fotos der Skelette gesehen, wie sie auf Labortischen lagen. Ich empfinde es als eine Schande, dass sie wie Museumsstücke zum Begaffen freigegeben wurden.«

»Man konnte sich nicht einmal darauf einigen, wo man ihnen ihre letzte Ruhestätte geben sollte«, bemerkte Akilina.

Lord rief sich in Erinnerung, dass um diese Frage ein jahrelanger Streit getobt hatte. Jekaterinburg verlangte, man solle die Familie dort beerdigen, wo sie gestorben sei. St. Petersburg drängte hingegen darauf, dass die Toten in der Peter-und-Paul-Kathedrale beigesetzt würden, wo alle vorherigen Zaren ruhten. Es ging bei dieser Debatte jedoch keineswegs um Pietät oder die Achtung vor den Toten, nein, die Verantwortlichen in Jekaterinburg erhofften sich durch die Begräbnisstätte des letzten Zaren eine Einnahmequelle. Ebenso Sankt Petersburg. Und genau wie Thorn schon sagte, lagen die sterblichen Überreste der Zarenfamilie während der gesamten Dauer der Auseinandersetzung, nämlich beinahe acht Jahre lang, auf einem Metallregal in einem sibirischen Laboratorium. Schließlich gewann Sankt Petersburg den Streit, nachdem eine Regierungskommission entschieden hatte, dass alle neun Skelette dort bestattet werden sollten, wo die anderen Romanows lagen. Die ganze Angelegenheit war ein Fiasko und typisch für Jelzins Art, keinem auf die Füße treten zu wollen und damit jeden gegen sich aufzubringen.

Thorn presste die Lippen zusammen. »So viele Sachen meines Großvaters wurden von Stalin verkauft, um sie zu Geld zu machen. Vor Jahren besuchten mein Vater und ich das Virginia Museum of Fine Arts, um uns eine Ikone des heiligen Pantalemion anzuschauen, die mein Großvater als Kind von Mönchen geschenkt bekommen hatte, als er sehr krank war. Sie hing immer in seinem Zimmer im Alexanderpalast. Kürzlich habe ich gelesen, dass ein Paar Ski von ihm bei einer Auktion in New York versteigert wurde.« Er schüttelte den Kopf. »Die verdammten Sowjets hassten alles, was mit dem Zaren zu tun hatte, aber es bereitete ihnen nicht das geringste Problem, ihre Gemeinheiten mit seinem Erbe zu finanzieren.«

»War es die Rettung der Zarenkinder, die Jussupow veranlasste, Kolja Maks das erste Puzzlestück anzuvertrauen?«, fragte Lord.

»Er war die perfekte Wahl und hat das Geheimnis offensichtlich sogar noch im Grab gehütet. Auch sein Sohn und sein Neffe haben ihre Sache gut gemacht. Ihre Seele ruhe in Frieden.«

»Die Welt muss davon erfahren«, erklärte Lord.

Thorn seufzte tief auf. »Glauben Sie denn, dass die Russen einen in Amerika geborenen Zaren akzeptieren werden?«

»Was spielt das für eine Rolle?«, fragte Akilina sofort zurück. »Sie sind ein Romanow. Durch und durch.«

»Russland ist ein kompliziertes Land«, bemerkte Thorn.

»Die Leute wollen nur Sie«, stellte Akilina klar.

Thorn lächelte schwach. »Wollen wir hoffen, dass Ihre Zuversicht ansteckend ist.«

»Sie werden schon sehen«, gab Akilina zurück. »Die Leute werden Sie anerkennen. Und die Welt wird Sie anerkennen.«

Lord trat zum Telefon, das neben dem Bett stand. »Ich rufe jetzt meinen Arbeitgeber an. Er muss Bescheid wissen. Der letzte Wahlgang der Kommission muss verschoben werden.«

Keiner sagte etwas, als er die Nummer von Pridgen & Woodworth in Atlanta wählte. Es war beinahe neunzehn Uhr, aber die Kanzlei war vierundzwanzig Stunden am Tag besetzt. Sekretärinnen, Rechtsberater und Anwälte arbeiteten auch nachts, um die in allen Zeitzonen verstreuten Tochterfirmen und Klienten zu betreuen.

In der Zentrale leitete man Lords Anruf an Hayes’ Nachtsekretärin weiter, die Lord noch aus den Zeiten bestens kannte, in denen er selbst halbe Nächte durchgearbeitet hatte.

»Fran, ich muss mit Taylor sprechen. Wenn er aus Russland anruft …«

»Er ist schon am Apparat, Miles. Er bat mich, ihn in der Leitung zu lassen, als man Ihren Anruf durchstellte.«

»Machen Sie bitte eine Konferenzschaltung daraus.«

»Ich drücke gerade die Schalter.«

Ein paar Sekunden später war er mit Hayes verbunden. »Miles, wo sind Sie?«

Lord brauchte ein paar Minuten, um alles zu erklären. Hayes hörte ihm schweigend zu und sagte dann: »Sie erzählen mir gerade, dass der Thronerbe der Romanows neben Ihnen sitzt?«

»Haargenau.«

»Haben Sie keine Zweifel?«

»Ich persönlich nicht. Aber mit einem DNA-Test kann man die Sache abschließend klären.«

»Miles. Hören Sie mir gut zu. Ich möchte, dass Sie an Ort und Stelle bleiben. Verlassen Sie die Stadt nicht. Und jetzt sagen Sie mir genau, wo Sie im Moment sind.«

Hayes gab ihm die Adresse.

»Bleiben Sie in Ihrer Pension. Ich bin morgen Nachmittag da. Ich nehme den ersten Flug von Moskau nach New York. Wir müssen hier vorsichtig vorgehen. Sobald ich vor Ort bin, kontaktieren wir das Außenministerium und wen wir sonst noch so brauchen. Ich nehme unterwegs schon einmal Verbindung mit den richtigen Leuten auf. Von jetzt an kümmere ich mich um die Sache. Haben Sie das verstanden?«

»Jawohl.«

»Das hoffe ich sehr. Ich bin stinksauer, dass Sie mich erst jetzt anrufen.«

»Die Telefone werden vielleicht abgehört. Selbst jetzt habe ich Bedenken.«

»Dieses Telefon hier ist sauber. Das garantiere ich Ihnen.«

»Tut mir Leid, dass ich mich nicht gemeldet habe, Taylor. Aber ich hatte keine Wahl. Ich erkläre es Ihnen, wenn Sie hier sind.«

»Ich kann es kaum erwarten. Und gehen Sie jetzt erst einmal schlafen. Wir sehen uns morgen.«

45

Donnerstag, 21. Oktober

9.40 Uhr

 

Lord fuhr den Weg, den Michael Thorn ihm wies. Der Anwalt saß auf dem Rücksitz des Jeep Cherokee, den Lord gestern am Flughafen von Asheville gemietet hatte. Akilina saß neben Lord auf dem Beifahrersitz.

Lord und Akilina hatten eine schlaflose Nacht im Azalea Inn verbracht, nachdem das Zusammentreffen mit Thorn sie zutiefst aufgewühlt hatte. Lord hegte nicht den geringsten Zweifel, dass der Mann mittleren Alters mit der beginnenden Glatze, der mit seinen sanften, grauen Augen hinter ihm saß, der Erbe des Romanow-Throns war. Wer sonst hätte die genaue Antwort auf Jussupows Rätsel kennen können? Ganz davon abgesehen, dass er den goldenen Klöppel besaß, der die Glocke erst zu einer solchen machte. Er hatte alle Bedingungen erfüllt, die Jussupow als Beweis seiner Identität verlangt hatte. Heutzutage konnte die Wissenschaft zudem einen zweifelsfreien Beweis in Form eines DNA-Tests liefern, den die Zarenkommission mit Sicherheit anordnen würde.

»Bieg hier ein, Miles«, sagte Thorn.

Nach einem zweistündigen Gespräch und dem Anruf bei Taylor Hayes waren sie am Vorabend zum vertraulichen Du übergegangen. Beim Frühstück hatte Thorn sie gefragt, ob sie gerne die Gräber sehen wollten. Lord dachte zwar an Hayes’ Anweisung, die Pension nicht zu verlassen, hielt einen kurzen Ausflug aber für unproblematisch, und so waren sie von Genesis aus ein paar Meilen nach Süden gefahren und in eine wunderschöne Talmulde gelangt, die mit golden und kupferfarben leuchtenden Bäumen bewachsen war. Der Tag war sonnig und klar. Wie ein himmlisches Vorzeichen, dass alles sich fügen werde, dachte Lord.

Aber war das zu erwarten?

Hier, in diesem abgelegenen Winkel der Appalachen, die vor allem für den gesunden Menschenverstand ihrer Bewohner und nebelverhangene, blaue Bergketten bekannt waren, lebte der »Zar von ganz Russland«. Ein Provinzrechtsanwalt, der an der University of North Carolina das College besucht und im nahe gelegenen Duke Jura studiert hatte. Sein Studium hatte er mit einem Studentendarlehen und Teilzeitjobs finanziert, die auch halfen, seine Frau und zwei Kinder zu ernähren.

Thorn hatte ihnen seine ganze Lebensgeschichte erzählt. Sie hatten ein Anrecht darauf. Nach dem Examen war er nach Genesis zurückgekehrt und hatte hier die letzten vierundzwanzig Jahre als Rechtsanwalt gearbeitet, nachdem er ein Büro eröffnet und auch das Schild vor der Tür nicht vergessen hatte, damit jeder seinen Namen sah. Das hatte zu Jussupows Anweisungen gehört, um die richtige Spur zu legen. Natürlich hatte der merkwürdige kleine Russe sich nicht träumen lassen, dass es Computer, Satellitenkommunikation und das Internet geben würde, sodass man jemanden in einer Welt, die so klein geworden war, dass es kaum noch versteckte Orte gab, mit einem Mausklick finden konnte. Und doch hatten Kolja Maks und Thorns Vater sich, genau wie Thorn selbst, an Jussupows Anweisungen gehalten, und diese entschlossene Zielstrebigkeit hatte sich ausgezahlt.

»Du kannst da drüben parken«, sagte Thorn.

Lord lenkte den vorderen Stoßdämpfer bis dicht an den Stamm einer riesigen Eiche. Ein leises Lüftchen raschelte im Gebüsch und wirbelte lose Blätter in die Luft.

Anders als die vereiste Grabstätte in Starodug war der baumbestandene Friedhof hier tadellos gepflegt. Jedes Grab war ordentlich gemäht und viele waren mit frischen Blumen und Kränzen geschmückt. Obwohl weder Moos noch Pilze die Grabinschriften überzogen, wiesen viele doch deutliche Spuren des Alters auf. Ein Kiespfad führte mitten durch den Friedhof und verzweigte sich zu Querpfaden, die bis in die hintersten Winkel des hügeligen Geländes reichten.

»Der Friedhof wird von unserem örtlichen Geschichtsverein gepflegt. Die Leute machen ihre Sache ausgezeichnet. Die ersten Gräber gehen bis zum Bürgerkrieg zurück.«

Thorn führte sie zum Rand der Friedhofswiese. Fünfzehn Meter entfernt wuchs eine Reihe von Paulownias, deren Zweige voller kräftig gefärbter Samenkapseln hingen.

Lord betrachtete die beiden Grabsteine, in die oben jeweils ein Kreuz eingemeißelt war:

 

ANNA THORN

geboren 18.06.1901 – gestorben 07.10.1922

 

PAUL THORN

geboren 12.08.1904 – gestorben 26.05.1925

 

»Das sind ja die korrekten Geburtsdaten«, bemerkte Lord. »War das nicht ein bisschen gewagt?«

»Eigentlich nicht. Es wusste ja keiner, wer sie wirklich waren.«

Auf beiden Grabsteinen stand unter den Namen derselbe Grabspruch: Wer aber bis ans Ende beharret, der wird selig.

Lord zeigte auf die Inschrift. »Eine letzte Botschaft Jussupows?«

»Mir erschienen die Worte immer passend. Nach allem, was ich hörte, waren beide ganz besondere Menschen. Wären sie weiter Zarewitsch und Großfürstin geblieben, hätte das vielleicht ihren Charakter verdorben. Aber hier waren sie einfach nur Paul und Anna.«

»Wie war Anna denn?«, fragte Akilina.

Ein Lächeln umspielte Thorns Mundwinkel. »Sie ist zu einer wunderbaren Frau herangewachsen. Als Teenager war Anastasia pummelig und arrogant. Hier aber nahm sie ab und soll eine recht schöne Frau geworden sein, genau wie ihre Mutter in jenem Alter. Sie hinkte leicht beim Gehen und trug Narben am Körper, aber ihr Gesicht war unversehrt. Es war meinem Vater wichtig, mir alles zu erzählen, was Jussupow über sie gesagt hatte.«

Thorn ging zu einer Steinbank und setzte sich. In der Ferne erklang das heisere Gekrächze von Krähen.

»Sie war die Hoffnungsträgerin, trotz der Bedenken, dass sie einem männlichen Kind die Bluterkrankheit vererben könnte. Keiner glaubte ernstlich, dass Alexej lange genug am Leben bleiben würde, um eine Frau für ihn zu finden, mit der er Kinder zeugen könnte. Es war ein Wunder, dass er es ohne schlimme Blutungen aus Jekaterinburg herausgeschafft hatte. Hier hatte er oft Anfälle. Es gab jedoch in der Stadt einen Arzt, der einen gewissen Erfolg bei ihm hatte. Alexej lernte, ihm zu vertrauen, wie er zuvor Rasputin vertraut hatte, und schließlich starb er an einer ganz normalen Grippe und nicht an seiner Bluterkrankheit. Auch darin hat Rasputin Recht behalten. Er sagte voraus, der Thronerbe werde nicht an seiner Hämophilie sterben.« Thorns Blick wanderte zu den Bergen in der Ferne. »Mein Vater war ein Jahr alt, als Alexej starb. Meine Großmutter lebte bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Ich habe sie kennen gelernt. Sie war eine großartige Frau.«

»Wusste sie über Alexej Bescheid?«, fragte Lord.

Thorn nickte. »Sie stammte aus einem russischen Adelshaus. Ihre Familie flüchtete bei Lenins Machtergreifung. Sie wusste alles. Alexejs körperliches Leiden war nicht zu verbergen. Sie hatten nur drei gemeinsame Jahre, aber wenn man sie reden hörte, hätte man das nie geglaubt. Sie liebte Alexej Nikolajewitsch.«

Akilina näherte sich den Grabsteinen und kniete sich ins Gras. Lord sah zu, wie sie sich bekreuzigte und ein Gebet sprach. Sie hatte ihm von ihrer Begegnung in der San Franciscoer Kirche erzählt, und jetzt merkte er, dass diese Russin gläubiger war, als sie zugeben wollte. Auch er war von dieser friedlichen Szene gerührt, deren Stille nur vom Geraschel der Eichhörnchen in den Blauglockenbäumen gestört wurde.

»Ich komme oft hierher«, erzählte Thorn. Er zeigte auf drei weitere Grabsteine, die ihnen die Rückseite zukehrten. »Mein Vater, meine Mutter und meine Großmutter liegen alle dort drüben begraben.«

»Warum liegt deine Großmutter denn nicht hier, an der Seite ihres Mannes?«, fragte Akilina.

»Sie wollte das nicht. Sie sagte, Schwester und Bruder sollten nebeneinander begraben sein. Sie seien göttlich, von königlichem Stamm, und sollten allein dort ruhen. Sie ließ sich nicht davon abbringen.«

 

Sie fuhren schweigend nach Genesis zurück, und Lord machte sich sofort auf den Weg in Thorns Büro. Dort fiel ihm das Foto einer Frau mit zwei jungen Männern auf, das auf einem staubigen Regalschränkchen stand. Die Frau war attraktiv; sie hatte dunkles Haar und ein warmherziges Lächeln. Thorns Söhne sahen ebenfalls gut aus mit ihrem dunklen Teint, den ausgeprägten Gesichtszügen und den hohen slawischen Wangenknochen. Sie waren Romanows. Jeder zu einem Viertel. Direkte Nachfahren Nikolaus’ II. Er fragte sich, wie Thorns Söhne wohl reagieren würden, wenn sie erfuhren, dass sie Adlige waren.

Er hatte die Reisetasche aus San Francisco dabei und legte sie auf den Holztisch. Gestern Abend war er vor lauter Aufregung gar nicht dazu gekommen, Thorn das Fabergé-Ei zu zeigen. Jetzt räumte er die Bruchstücke des zerbrochenen Kleinods vorsichtig beiseite und fand die beiden winzigen Porträts Alexejs und Anastasias. Thorn betrachtete sie aufmerksam.

»Ich habe nie Bilder von ihnen gesehen, die sie nach ihrer Ankunft in Amerika zeigen. Es gibt keine anderen Aufnahmen aus der amerikanischen Zeit von ihnen. Meine Großmutter hat mir von diesen Fotos erzählt. Sie wurden in der Hütte – hier ganz in der Nähe – aufgenommen.«

Lords Blick kehrte zu den Fotos von Thorns Familie auf dem Regalschränkchen zurück. »Was ist mit deiner Frau?«

»Ich habe ihr gestern Abend noch nichts erzählt. Wenn dein Chef hier ist und wir unser Vorgehen gemeinsam besprochen haben, rede ich mit ihr. Sie ist heute unterwegs. Besucht ihre Schwester in Asheville. Das gibt mir Zeit zum Nachdenken.«

»Aus was für einer Familie stammt sie?«

»Du meinst damit, ob sie die Bedingungen für eine Zarin erfüllt?«

»Man muss das bedenken. Das Thronfolgegesetz ist noch immer in Kraft, und die Kommission beabsichtigt, es möglichst getreu zu befolgen.«

»Margaret ist von Haus aus orthodox und hatte etwas russisches Blut, so viel, wie sich vor fünfundzwanzig Jahren hier in den Vereinigten Staaten auftreiben ließ. Mein Vater hat persönlich nach Kandidatinnen gesucht.«

»Das klingt so unpersönlich«, bemerkte Akilina.

»Oh, das sollte es nicht. Aber er war sich der Größe unserer Verantwortung bewusst. Es wurde jede Anstrengung unternommen, um die Tradition fortzuführen.«

»Sie ist Amerikanerin?«, fragte Lord.

»Aus Virginia. Das macht schon zwei Amerikaner, die Russland wird akzeptieren müssen.«

Lord hatte noch eine weitere Frage. »Der Mann, der uns hierher schickte, erzählte uns, dass möglicherweise noch immer Zarengold auf amerikanischen Banken liegt. Wusstest du davon?«

Thorn legte die Fotos seiner Vorfahren neben den Scherbenhaufen, der einmal das Fabergé-Ei gewesen war. »Ich erhielt den Schlüssel zu einem Banksafe und den Auftrag, es zu öffnen, wenn die Zeit reif sei. Das ist jetzt wohl der Fall. Vermutlich werden die Informationen in jenem Banksafe liegen. Man trug mir auf, mir auf keinen Fall vor eurer Ankunft Zugang zu verschaffen. Vermutlich wird unser nächstes Zwischenziel New York heißen.«

»Weißt du denn sicher, dass das Bankschließfach noch existiert?«

»Ich bezahle jedes Jahr die Gebühr.«

»Hast du auch die Gebühr für die Bank in San Francisco bezahlt?«

Thorn nickte. »Beide werden per Bankeinzug von Konten abgebucht, die vor Jahrzehnten unter fiktivem Namen eröffnet wurden. Ich gebe gerne zu, dass wir vor einigen Jahren, als das Gesetz geändert wurde und man für jedes Bankkonto eine Sozialversicherungsnummer angeben musste, ein Problem hatten. Aber es gelang mir, die Namen und Versicherungsnummern einiger verstorbener Klienten zu verwenden. Ich vermied alles, was als Spur hätte zu mir führen können, obgleich ich meine Lage niemals als gefährlich empfand. Zumindest nicht bis gestern.«

»Ich kann dir versichern, Michael, dass die Gefahr echt ist. Aber Taylor Hayes wird für unseren Schutz sorgen. Dann kann dir nichts geschehen. Nur er weiß, wo wir uns aufhalten. Das wenigstens kann ich dir versichern.«

 

Hayes stieg aus dem Wagen und bedankte sich bei dem Mitarbeiter von Pridgen & Woodworth, der ihn am Flughafen von Atlanta abgeholt hatte. Er hatte seine Sekretärin telefonisch von seiner Ankunft informiert und sie gebeten, ihm jemanden zu schicken, was angesichts der drei Dutzend Anwälte in seiner Abteilung und weiteren Dutzenden von Rechtsberatern keine schwierige Aufgabe gewesen sein sollte.

Hängelid und Oleg hatten ihn von Kalifornien aus begleitet und traten nun gleichfalls in den nebligen Vormittag hinaus. Keiner der beiden Russen hatte seit ihrer Ankunft ein Wort gesagt.

Hayes’ Haus war ein Monstrum aus Naturstein und Ziegelstein, im Neo-Tudorstil gebaut; es lag auf einem 1,2 Hektar großen Grundstück im Norden Atlantas. Hayes war nicht mehr verheiratet, seine Scheidung lag ein Jahrzehnt zurück. Und ein zweites Mal würde er gewiss nicht heiraten. Er hegte nicht den geringsten Wunsch, irgendetwas von seinem Besitz – zum Glück gab’s auch keine Kinder – mit einem anderen Menschen zu teilen, und schon gar nicht mit einer habgierigen Frau, die irgendwann für das Privileg, mit ihm zusammengelebt zu haben, einen beträchtlichen Teil seines Vermögens verlangen würde.

Unterwegs hatte er vom Wagen aus angerufen und seiner Haushälterin aufgetragen, Essen zuzubereiten. Er wollte sich frisch machen, eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen und wieder losfahren. Ein paar Fahrtstunden weiter nördlich in den Bergen North Carolinas erwarteten ihn Geschäfte. Geschäfte, die über seine Zukunft bestimmen würden. Wichtige Männer hingen von ihm ab. Männer, die er nicht enttäuschen wollte. Chruschtschow hatte ihn begleiten wollen, doch das hatte Hayes abgelehnt. Schlimm genug, dass er die beiden russischen Muskelpakete mit sich herumschleppen musste, denen ein Training zur Persönlichkeitsentwicklung gewiss nicht schaden würde.

Er führte Hängelid und Oleg durch ein schmiedeeisernes Tor. Ein feuchtkalter Morgenwind wehte Blätter über das Backsteinpflaster. Im Haus angekommen, stellte er zu seiner Zufriedenheit fest, dass die Haushälterin seiner Anweisung gefolgt war und ein zeitiges Frühstück aus kaltem Aufschnitt, Käse und Brot zubereitet hatte.

Während seine russischen Verbündeten sich in der Küche den Bauch voll schlugen, ging er ins Jagdzimmer und schloss einen von mehreren Gewehrschränken auf, die an den getäfelten Wänden standen. Er wählte zwei erstklassige Gewehre und drei Handfeuerwaffen aus. Beide Gewehre waren mit Schalldämpfern ausgerüstet – eine Vorsichtsmaßnahme, um bei der Jagd in tiefem Schnee keine Lawinen auszulösen. Er entriegelte die Verschlüsse und warf einen Blick in die Läufe. Dann prüfte er die optischen Zielgeräte. Alles schien in bester Ordnung. Die Handfeuerwaffen – Glock 17L-Sportpistolen – waren mit jeweils zehn Schuss bestückt; er hatte sie vor ein paar Jahren bei einem Jagdausflug nach Österreich gekauft. Hängelid und Oleg hatten vermutlich noch nie das Privileg genossen, mit Waffen dieser Qualität umzugehen.

Er holte Ersatzmunition aus der abgeschlossenen Kammer auf der anderen Seite des Raums und ging wieder in die Küche zurück. Die beiden Russen aßen noch. Er bemerkte geöffnete Bierdosen. »Wir brechen in einer Stunde auf. Maßhalten beim Alkohol. Hier gibt es Promillegrenzen.«

»Wie weit müssen wir fahren?«, fragte Oleg mit vollem Mund.

»Etwa vier Stunden. Dann sind wir am frühen Nachmittag da. Lassen Sie mich eines klarstellen. Wir sind hier nicht in Moskau. Hier läuft es so, wie ich es sage. Kapiert?«

Keiner der Russen erwiderte etwas.

»Muss ich in Moskau anrufen? Vielleicht bekommen Sie dann zusätzliche telefonische Anweisungen.«

Oleg schluckte seinen Bissen Sandwich herunter. »Wir haben verstanden, Anwalt. Bringen Sie uns einfach hin und sagen Sie uns, was wir tun sollen.«

46

Genesis, North Carolina

16.25 Uhr

 

Lord war beeindruckt von Michael Thorns Haus. Es lag in einem hübschen älteren Viertel mit baumbestandenen Grundstücken und großen Rasenflächen. Lord erinnerte sich, dass man die Bauweise dieser Backsteinbungalows mit ihren Giebeldächern und Schornsteinen Ranch-Stil nannte.

Weil er seine Hunde versorgen musste, waren sie noch zu Thorn nach Hause gefahren. Hinter dem Haus, im eingezäunten Garten des Anwalts, gab es mehrere Zwinger. Lord erkannte die Rasse auf Anhieb. Die Rüden waren erkennbar größer, und die Zeichnung aller Tiere variierte von sandrot über lohfarben bis zu schwarz. Die Köpfe waren lang und schmal, der Schädelbereich leicht hochgewölbt, die Schultern steil, die Brust tief. Die Schulterhöhe betrug an die achtzig Zentimeter und jedes der muskulösen Tiere mochte um die vierzig Kilo wiegen. Das Fell war seidig und lang.

Sie gehörten zu den Hunderassen, die auf Sicht jagen, und ihr Name Borzoi bedeutete »schnell«. Lächelnd nahm Lord zur Kenntnis, für welche Rasse Thorn sich entschieden hatte. Es waren russische Windhunde, die vom russischen Adel für die Treibjagd in offenem Gelände gezüchtet worden waren. Seit 1650 beschäftigten sich die Zaren mit ihrer Zucht.

»Ich habe mich jahrelang für diese Hunde begeistert«, erzählte Thorn, während er durch die Zwinger ging und die Wassernäpfe per Wasserschlauch auffüllte. »Ich habe vor Jahren von ihnen gelesen und mir schließlich einen gekauft. Aber dann war es wie bei Schokokeksen. Es bleibt nie bei einem. Schließlich begann ich, sie zu züchten.«

»Sie sind wunderschön«, bemerkte Akilina. Sie stand dicht vor den Zwingern. Die Barsois sahen aus schräg gestellten, schwarz umrandeten Augen zu ihr zurück. »Meine Großmutter hatte einen. Sie hat ihn irgendwann im Wald aufgelesen. Er war ein liebes Tier.«

Thorn öffnete einen der Zwinger und füllte mit einer Schöpfkelle Trockenfutter in einen der Näpfe. Die Hunde rührten sich nicht und hatten auch noch nicht gebellt. Sie verfolgten Thorns Bewegungen mit den Augen, näherten sich aber dem Futter nicht. Dann zeigte der Anwalt mit dem Zeigefinger auf die Näpfe.

Die Hunde schossen darauf zu.

»Gut erzogen«, bemerkte Lord.

»Es bringt nichts, Tiere zu haben, die nicht gehorchen. Diese Rasse ist leicht erziehbar.«

Lord beobachtete, wie sich dieselbe Szene in den anderen Zwingern wiederholte. Keiner der Hunde forderte Thorn heraus oder verweigerte einem seiner Befehle den Gehorsam. Lord kniete sich vor einem der Zwinger hin. »Verkaufst du die Hunde?«

»Bis zum Frühjahr ist dieser Wurf hier aus dem Haus, und es gibt neue Welpen. Ich verwende jedes Mal die besten Hunde eines Wurfs für die Zucht. Nur die beiden dort gebe ich nicht weg.«

Lord sah auf zwei Hunde in dem Zwinger, der der Hinterveranda am nächsten stand. Ein Rüde und eine Hündin, beide mit rötlicher Zeichnung und seidenweichem Fell. Ihr Zwinger war größer als die anderen, und im Inneren war ein Teil mit Holz eingefasst.

»Die besten Hunde eines Wurfs, den ich vor sechs Jahren hatte«, erklärte Thorn mit Stolz in der Stimme. »Alexej und Anastasia.«

»Interessante Namen«, meinte Lord lächelnd.

»Sie sind meine reinrassigen Vorzeigehunde. Und meine Freunde.«

Thorn trat zum Zwinger, entriegelte das Tor und machte ein Zeichen. Sofort überhäuften ihn die Tiere mit Zärtlichkeiten.

Lord beobachtete seinen Gastgeber. Thorn wirkte vernünftig und schien seine ererbte Verantwortung mit echter Ehrfurcht zu betrachten. Ganz anders als Stefan Baklanow. Er hatte Hayes über Baklanows Arroganz und die allgemein gehegte Befürchtung sprechen hören, Baklanow sei weit stärker am Titel interessiert als am Geschäft des Regierens. Michael Thorn wirkte da ganz anders.

Sie traten wieder ins Haus, und Lord studierte Thorns Bibliothek. Die Regale standen voller Abhandlungen über die russische Geschichte. Darunter befanden sich Biografien verschiedener Romanows, viele von Historikern des neunzehnten Jahrhunderts verfasst. Die meisten Titel kannte Lord schon von seiner eigenen Lektüre.

»Da hast du ja eine ganz schöne Sammlung«, bemerkte er.

»Du würdest dich wundern, was man in Antiquariaten und auf Bibliotheksbasaren so alles findet.«

»Hat sich hier keiner je über dieses Interesse gewundert?«

Thorn schüttelte den Kopf. »Ich bin seit Jahrzehnten Mitglied im hiesigen Geschichtsverein, und mein Interesse für die russische Geschichte ist kein Geheimnis.«

Auf einem der Regale erblickte Lord ein Buch, das er selber gut kannte. Felix Jussupows Rasputin: His Malignant Influence and Assassination. Jussupow hatte diesen Bericht 1927 veröffentlicht; es war eine bitterböse Kritik an Rasputin, verbunden mit dem wiederholten Bemühen, seine Ermordung zu rechtfertigen. Neben dem Buch standen die beiden Bände mit seinen Memoiren, die Jussupow 1950 veröffentlicht hatte, Lost Splendour und En Exil. Vergebliche Versuche, zu Geld zu kommen, rief Lord sich die Schlussfolgerung seiner späteren Biografen in Erinnerung. Er zeigte auf das Regalfach. »Jussupow ging in seinen Schriften mit der Zarenfamilie und Rasputin alles andere als glimpflich um. Wenn ich mich recht entsinne, hat er insbesondere Alexandra heftig angegriffen.«

»Das gehörte alles zur Tarnung. Er wusste, dass Stalin sich für ihn interessierte, und wollte alles vermeiden, was Verdacht hätte erregen können. Daher wahrte er bis zu seinem Tod eine Fassade der Empörung.«

Lord entdeckte ein paar Bände über Anna Anderson, die Frau, die bis zu ihrem Tod darauf beharrt hatte, sie sei wirklich Anastasia. Er zeigte auf die Bücher. »Die waren bestimmt amüsant.«

Thorn lächelte. »Ihr eigentlicher Name ist Franziska Schanzkowska. Sie kam in Preußen zur Welt und war ein Stammgast in den Sanatorien, bis Jussupow von ihrer Ähnlichkeit mit Anastasia erfuhr. Er brachte ihr alles bei, was sie wissen musste, und sie war eine eifrige Schülerin. Zum Zeitpunkt ihres Todes hat sie sich wahrscheinlich selbst für Anastasia gehalten.«

»Ich habe über sie gelesen«, erzählte Lord. »Alle sprachen nur aufs Liebevollste von ihr. Sie muss eine außergewöhnliche Dame gewesen sein.«

»Eine würdige Stellvertreterin«, bemerkte Thorn. »Ich hatte eigentlich nie etwas gegen sie einzuwenden.«

Durch die Vorderfenster gedämpft, hörte man das leise Schlagen von Wagentüren. Thorn trat näher und spähte durch die Lamellen des Fensterladens. »Der Sheriff ist da«, sagte er auf Englisch.

Lord war sofort angespannt, und Thorn schien die Lage zu verstehen. Er ging zur Doppeltür, die in die Diele führte. »Bleibt hier. Ich schau mal nach.«

»Was ist los?«, fragte Akilina auf Russisch.

»Es gibt Ärger.«

»Ab wann können wir Ihren Arbeitgeber erwarten?«, fragte Thorn von der Tür her.

Lord warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Jeden Moment. Wir müssen jetzt wirklich zur Pension zurück.«

Thorn schloss die Doppeltür, doch Lord ging quer durch den Raum und öffnete sie einen Spalt weit, als es an der Tür klingelte.

»Guten Abend, Mr. Thorn«, sagte ein Deputy. »Der Sheriff hat mich gebeten, herzufahren und mit Ihnen zu reden. Ich habe es in Ihrem Büro versucht, und Ihre Sekretärin sagte, Sie seien zu Hause.«

»Worum geht es, Lee?«

»Hatten Sie gestern oder heute Besuch von einem gewissen Miles Lord und einer Russin?«

»Wer ist dieser Miles Lord?«

»Wie wäre es, wenn Sie zuerst meine Frage beantworten?«

»Nein, ich hatte keinen Besuch. Und russischen schon gar nicht.«

»Ich wundere mich ein wenig über Ihre Antwort. Ihre Sekretärin sagte, ein schwarzer Anwalt namens Lord und eine russische Frau seien gestern Abend bei Ihnen im Büro gewesen und hätten Sie heute den ganzen Tag begleitet.«

»Wenn Sie die Antwort schon kannten, warum haben Sie mir die Frage dann gestellt?«

»Ich tue nur meine Arbeit. Würden Sie mir jetzt bitte erklären, warum Sie mich belogen haben?«

»Was wollen Sie denn von den beiden?«

»Es liegt ein Moskauer Haftbefehl wegen Mordes vor. Die beiden werden wegen eines Mordes an einem Stadtpolizisten gesucht, der auf dem Roten Platz erschossen wurde.«

»Woher wissen Sie das?«

»Die beiden Männer dort in meinem Wagen haben es mir gesagt. Sie haben den Haftbefehl bei sich.«

Lord schoss von der Tür zum Vorderfenster des Arbeitszimmers. Als er hinausspähte, stiegen Hängelid und Felix Oleg gerade aus dem Streifenwagen.

»Oh, Shit«, flüsterte er.

Akilina stand sofort an seiner Seite und erblickte dasselbe wie er.

Die beiden Russen marschierten auf das Haus zu. Beide griffen unter ihre Mäntel und brachten ihre Waffen zum Vorschein. Schüsse krachten los wie Silvesterböller. Lord stürzte sich zur Doppeltür und riss sie im selben Moment auf, in dem der Deputy an der Haustür zusammenbrach. Offensichtlich war die erste Salve für ihn bestimmt gewesen.

Lord sprang vor, packte Thorn, riss ihn zurück und schmetterte die Haustür zu. Von draußen schlugen die ersten Kugeln ins Holz.

»Runter«, schrie Lord.

Sie warfen sich auf den Fliesenboden und robbten auf einen Korridor zu. Lord warf einen Blick auf den Deputy. Aus drei Einschusslöchern quoll Blut. Es war sinnlos, sich mit ihm aufzuhalten. »Los«, sagte er und sprang auf die Beine. »Die Haustür wird sie nicht lange aufhalten.«

Er betrat die Küche, riss die Hintertür auf und winkte Thorn und Akilina auf die Terrasse hinaus. Weitere Schüsse waren zu hören und dann ein Krachen, mit dem die Haustür aufflog.

Er beobachtete, wie Thorn zum nächstgelegenen Zwinger rannte, Alexejs und Anastasias Zwinger. Thorn wies Akilina an, die Türen der anderen Zwinger ebenfalls zu öffnen, zeigte dann auf die Hintertür, die zur Küche führte, und schrie den Hunden zu: »Fass.«

Akilina hatte nur zwei Zwinger öffnen können, doch die Hunde reagierten auf das Kommando und rasten zur Hintertür. Als Oleg im Eingang auftauchte, stürzte einer der Barsois sich auf ihn, und der Russe schrie auf.

Drei weitere knurrende Hunde folgten dem ersten nach drinnen.

Schüsse fielen in rascher Folge.

»Wir sollten nicht hier bleiben und abwarten, wer gewinnt«, erklärte Lord.

Sie rannten zum Tor der Einfahrt, in der sie ihren gemieteten Jeep abgestellt hatten, und stiegen ein.

Lord hatte den Zündschlüssel in der Hand.

Hinten im Haus fielen weitere Schüsse.

»Meine armen Hunde«, sagte Thorn.

Lord brachte den Motor auf Touren und rammte den Rückwärtsgang rein. Er rollte aus der Einfahrt, schlug das Steuer hart ein und setzte weiter zurück, bis er neben dem am Straßenrand parkenden Streifenwagen stand. Er erblickte in der Einfahrt einen der Hunde, der mit großen Sprüngen heransetzte.

»Warte«, brüllte Thorn.

Lord verharrte einen Moment, den Fuß auf dem Gaspedal. Thorn stieß die hintere Wagentür auf. Der Hund hechtete heftig keuchend auf den Rücksitz.

»Los«, schrie Thorn.

Lord stieg voll aufs Gas, und mit quietschenden Reifen schoss der Jeep davon.

47

»Warum musstet ihr diesen Deputy niederknallen?« Hayes bemühte sich, ruhig zu sprechen. »Seid ihr beiden eigentlich völlig bescheuert?«

Er hatte sie auf der Dienststelle des Sheriffs erwartet, nachdem er die Leute mit Hilfe eines aus Moskau gefaxten Haftbefehls von Olegs Zuständigkeit überzeugen konnte. Chruschtschow hatte sich das Dokument nach San Francisco schicken lassen; es ähnelte den Papieren, mit deren Hilfe sie sich die Unterstützung des FBI und der Grenzbehörde verschafft hatten, und keiner hakte nach, als Hayes erklärte, seine Kanzlei vertrete die russische Regierung oft bei ihren amerikanischen Angelegenheiten.

Sie standen draußen in der kühlen Abendluft, abseits der Tür, durch die Hilfssheriffs ein und aus gingen. Angesichts dessen, was vorgefallen war, wimmelte es hier inzwischen von Leuten. Hayes wollte die Beherrschung nicht verlieren, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber es war verdammt schwer.

»Wo sind eure Pistolen?«, flüsterte er.

»Unter unseren Mänteln«, antwortete Oleg.

»Was habt ihr der Polizei erzählt?«

»Dass der Deputy nach drinnen ging und wir daraufhin Schüsse hörten. Wir stürzten rein, und der Mann lag auf dem Boden. Wir jagten Lord und der Frau nach, aber die Hunde griffen uns an. Das Letzte, was wir von Lord sahen, war, wie er Thorn mit gezogener Waffe zum Einsteigen zwang und losfuhr.«

»Und das haben sie geglaubt?«

Hängelid lächelte. »Vollkommen.«

Doch Hayes fragte sich, wie lange. »Ihr habt ihnen von den Hunden erzählt?«

Oleg nickte. »Dass wir sie erschossen haben? Wir hatten keine andere Wahl.«

»Welcher von euch beiden Genies hat den Deputy erschossen?«

»Ich«, antwortete Oleg. Der Trottel klang tatsächlich stolz.

»Und wer hat die Hunde erschossen?«

Hängelid bekannte sich dazu, da er Oleg vor dem Angriff habe beschützen müssen. »Sie waren gefährlich.«

Hayes war klar, dass er Olegs Pistole austauschen musste, bevor jemand auf den Gedanken kam, sie als Beweisstück zu konfiszieren. Nach dem, was Oleg eingestanden hatte, konnte er sie nicht einfach verschwinden lassen, aber er konnte ihm das verdammte Ding auch gewiss nicht lassen, da die Kugeln, die den Deputy getroffen hatten, Oleg sonst überführen würden. Er griff unter seine Jacke und zog seine Glock hervor.

»Geben Sie mir Ihre.«

Er tauschte seine Waffe mit Oleg. »Hoffentlich merkt keiner, dass das Magazin noch voll ist. Falls jemand es merkt, sagen Sie ihnen, Sie hätten das Magazin gewechselt und in der Aufregung das leere verloren.«

Der Sheriff kam aus dem Gebäude und trat zu ihnen. Hayes sah den klein gewachsenen Mann herankommen. »Wir haben einen Suchbefehl für den Wagen ausgegeben. Es ist ein Jeep Cherokee und die Beschreibung, die Sie mir gegeben haben, war hilfreich.«

Oleg und Hängelid nahmen das Kompliment mit einem Nicken entgegen.

Der Sheriff sah Hayes an. »Warum haben Sie uns nicht darauf aufmerksam gemacht, dass Lord gefährlich ist?«

»Wir sagten Ihnen doch, dass er wegen Mordes gesucht wird.«

»Der Deputy hatte Frau und vier Kinder. Wenn ich auch nur einen Moment lang geglaubt hätte, dass dieser Anwalt fähig ist, einen Mann kaltblütig niederzuschießen, hätte ich die ganze verdammte Abteilung da rübergeschickt.«

»Mir ist klar, dass hier jetzt alle sehr aufgewühlt sind …«

»Das ist der erste Deputy, der je in diesem Bezirk erschossen wurde.«

Hayes ging nicht darauf ein. »Wurden die Behörden des Bundesstaates informiert?«

»Da haben Sie verdammt Recht. Die ganze verdammte Polizei von North Carolina, wenn es nach mir geht.«

Hayes gewann den Eindruck, dass er die Situation nur richtig ausspielen musste, um diese Leute dazu zu bringen, ihn endgültig von seinem Problem zu befreien. »Sheriff, ich glaube nicht, dass Inspektor Oleg sehr unglücklich wäre, wenn Lord dieses Land in einem Leichensack verlässt.«

Ein weiterer Deputy eilte herbei.

»Sheriff, Mrs. Thorn ist hier.«

Hayes und seine beiden Genossen folgten dem Sheriff nach drinnen. In einem der Büroräume saß eine Frau mittleren Alters und weinte. Sie wurde von einer anderen Frau getröstet, die jünger, aber gleichfalls außer sich war. Hayes hörte ihrem Gespräch zu und schloss rasch, dass die eine Thorns Ehefrau, die andere seine Sekretärin sein musste. Mrs. Thorn war den größten Teil des Tages in Asheville gewesen und hatte bei ihrer Rückkehr festgestellt, dass es vor ihrem Haus von Streifenwagen wimmelte, während der Gerichtmediziner gerade eine Leiche nach draußen schaffen ließ. In der Küche lagen die Kadaver einiger der geliebten Barsois ihres Mannes. Nur vier Hunde waren dem Gemetzel entgangen. Ihre Zwinger waren nicht geöffnet worden. Die toten Hunde bereiteten den Deputys einiges Kopfzerbrechen. Warum waren sie freigelassen worden? Diese Frage stellten sie immer wieder.

»Offensichtlich, um Inspektor Oleg aufzuhalten«, erklärte Hayes. »Lord ist raffiniert. Er weiß, wie man aus einer schwierigen Situation entkommt. Schließlich hat Russland ihn schon erfolglos durch die halbe Weltgeschichte gejagt.«

Diese Erklärung wirkte stimmig, und keiner hakte weiter nach. Der Sheriff wandte seine Aufmerksamkeit wieder Mrs. Thorn zu und versicherte ihr, alles werde getan, um ihren Mann zu finden.

»Ich muss unsere Söhne anrufen«, sagte sie.

Das gefiel Hayes gar nicht. Falls diese Frau in der Tat die »Zarin von ganz Russland« war, wollte er gewiss seine Probleme nicht noch dadurch vergrößern, dass zusätzlich der Zarewitsch und ein Großfürst in die Sache verwickelt wurden. Man durfte nicht zulassen, dass Lord sein Wissen noch an jemand anderen als Michael Thorn weitergab, und so trat er näher und stellte sich vor: »Mrs. Thorn, ich halte es für besser, erst einmal abzuwarten, wie die Angelegenheit sich in den nächsten Stunden entwickelt. Vielleicht löst sich alles von allein, und dann gibt es keinen Grund, Ihre Kinder unnötig zu beunruhigen.«

»Warum sind Sie hier?«, fragte Mrs. Thorn geradeheraus.

»Ich unterstütze die russische Regierung bei der Suche nach den Flüchtigen.«

»Wie konnte ein russischer Flüchtiger in unser Haus kommen?«

»Ich habe keine Ahnung. Nur durch Glück ist es uns gelungen, die beiden bis hierher zu verfolgen.«

»Sie haben nie erklärt, wie Sie Lords Spur hierher verfolgen konnten«, unterbrach ihn der Sheriff.

Plötzlich lag Misstrauen in der Stimme des Mannes, doch bevor Hayes noch antworten konnte, platzte ein weiblicher Deputy in den Raum.

»Sheriff, wir haben den Jeep gesichtet. Larry hat die verdammte Karre auf dem Highway 46 etwa dreißig Meilen nördlich von hier vorbeifahren sehen.«

 

Lord fuhr an einem Stand vorbei, hinter dem ein paar Einheimische am Straßenrand Äpfel verkauften, und sah einen Streifenwagen. Der braun-weiße Sedan hielt auf dem Seitenstreifen, unmittelbar hinter einem Tieflader, und der Beamte war ausgestiegen und unterhielt sich mit einem Mann im Overall. Lord sah im Rückspiegel, dass der Polizist sich in sein Auto stürzte und auf den Highway losbrauste.

»Wir haben Gesellschaft bekommen«, sagte Lord.

Akilina drehte sich um. Thorn blickte sich ebenfalls um, und der Hund, der inzwischen hinten im Laderaum saß, schaute vor und zurück.

Lord gab Vollgas, doch der Jeep hatte nur einen Sechszylindermotor, und die hügelige Strecke verlangte ihm einiges ab. Dennoch fuhr er auf der schmalen Fernstraße mit ihren baumbewachsenen Böschungen inzwischen weit über dem Geschwindigkeitslimit. Sie näherten sich rasch dem Auto vor ihnen. Als Lord überholte, tauchte hinter einer Kurve ein Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn auf, und sie schafften es gerade noch rechtzeitig. Lord hoffte, dass die Kurve den Deputy daran hindern würde, ein ebenso gewagtes Manöver zu versuchen, doch dann sah er im Rückspiegel, dass der Streifenwagen Blaulicht eingeschaltet hatte, ebenfalls überholte und die Verfolgungsjagd fortsetzte.

»Der Streifenwagen hat mehr PS als wir«, sagte er. »Früher oder später wird er uns einholen. Ganz zu schweigen davon, dass er Funk hat.«

»Warum fliehen wir eigentlich?«, fragte Akilina.

Sie hatte Recht. Es gab keinen Grund, vor dem Deputy davonzulaufen. Oleg und Hängelid befanden sich vierzig Meilen weiter südlich in Genesis. Er sollte anhalten und dem Beamten ihre Lage erklären. Die Suche war vorüber. Geheimhaltung nicht länger erforderlich. Vermutlich würden die Leute des Sheriffs ihnen helfen können.

Er ging vom Gas, bremste und lenkte den Jeep auf den Seitenstreifen. Wenige Sekunden später kam der Streifenwagen bei ihnen zum Stehen. Lord öffnete die Tür. Der Deputy war bereits aus dem Wagen gesprungen, hinter der Tür der Fahrerseite in Deckung gegangen und hatte seine Waffe gezogen.

»Hinlegen. Sofort«, brüllte der Polizist.

Autos zischten an ihnen vorbei und wirbelten die Luft auf.

»Ich sagte hinlegen.«

»Schauen Sie, ich muss mit Ihnen reden.«

»Wenn Ihr Arsch nicht in drei Sekunden zum Himmel zeigt, schieße ich.«

Jetzt stieg Akilina aus dem Wagen.

»Runter, Lady«, schrie der Deputy.

»Die Frau versteht Sie nicht«, rief Lord. »Wir brauchen Ihre Hilfe, Deputy.«

»Wo ist Mr. Thorn?«

Die Hintertür ging auf, und der Anwalt stieg aus.

»Kommen Sie zu mir«, schrie der Deputy über den Verkehrslärm hinweg, die Waffe noch immer im Anschlag.

»Was ist los?«, flüsterte Thorn.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Lord. »Kennst du ihn?«

»Hab ihn, glaube ich, noch nie gesehen.«

»Mr. Thorn, bitte kommen Sie her«, wiederholte der Beamte.

Lord trat einen Schritt vor. Die Mündung der Waffe tat einen Ruck auf ihn zu. Thorn stellte sich vor Lord.

»Runter, Mr. Thorn. Legen Sie sich hin. Dieser Drecksack hat einen Deputy umgebracht. Runter.«

Hatte Lord ihn richtig verstanden? Einen Deputy umgebracht?

Thorn rührte sich nicht. Der Beamte zielte, um gegebenenfalls an ihm vorbei auf Lord zu schießen.

»Runter«, wiederholte der Deputy.

»Alexej. Komm«, flüsterte Thorn.

Der Barsoi gehorchte und sprang aus dem Wagen. Der Deputy war hinter der Wagentür vorgetreten und näherte sich mit gezogener Waffe.

»Los«, sagte Thorn. »Greif an.«

Das Tier stieß sich mit seinen kräftigen Hinterläufen ab, schoss durch die Luft und krachte mit seinem muskulösen Körper gegen den Deputy. Beide stürzten auf den Kies des Seitenstreifens, der Deputy schreiend. Zwei Schüsse lösten sich aus seiner Pistole. Lord eilte herbei und trat die Waffe beiseite.

Der Hund fletschte knurrend die Zähne.

In der Ferne hörte man weitere Sirenen von Polizeiwagen.

»Am besten machen wir, dass wir hier wegkommen«, sagte Thorn. »Irgendwas ist hier faul. Er sagte, du hättest einen Deputy umgebracht.«

Das musste man Lord nicht zweimal sagen. »Einverstanden. Los.«

Thorn befahl dem Hund, ins Auto zu springen. Alle drei stiegen ein, während der Deputy mühsam versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.

»Dem ist nichts passiert«, meinte Thorn. »Alexej hat nicht gebissen. Ich habe ihm kein Kommando dazu gegeben.«

Lord legte den Gang ein.

 

Hayes wartete auf der Dienststelle des Sheriffs, zusammen mit Oleg und Hängelid. Er hätte den Sheriff und seine Männer am liebsten begleitet, als sie mit quietschenden Reifen nach Norden losbrausten. Vor zwanzig Minuten hatten sie den Funkspruch erhalten. Auf dem Highway 46 war ein grauer Jeep Cherokee gesichtet worden, der nach Norden in Richtung Bezirksgrenze und der Stadt Tennessee fuhr. Ein Streifenwagen hatte die Verfolgung aufgenommen, und die letzte Nachricht lautete, dass der Jeep seine Fahrt verlangsamt hatte und anhalten würde. Der Beamte hatte um Verstärkung gebeten, war aber bereit, die Situation allein anzugehen.

Hayes konnte nur hoffen, die allgemeine Aufregung wäre inzwischen so groß, dass einer der Leute des Sheriffs den Abzug durchziehen würde. Er hatte deutlich gemacht, dass die Russen über Leichen gingen und jeden Verfolger ohne mit der Wimper zu zucken niederknallen würden, sodass ja vielleicht irgendein Deputy diesem Albtraum mit einem wohlgezielten Schuss ein Ende bereiten würde. Doch selbst wenn Lord und die Frau erschossen wurden, stellte Michael Thorn inzwischen ein weiteres Problem dar. Die Polizei würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihn zu retten, und Lord würde ihm natürlich kein Haar krümmen. Falls Lords Behauptung stimmte und Thorn wirklich ein direkter Nachfahre Nikolaus’ II. war, würde ein Gentest alle verbliebenen Zweifel zum Schweigen bringen.

Und dann hatte Hayes wirklich ein Problem.

Er stand in der Funkzentrale, die mit modernster Kommunikationstechnik ausgestattet war. Ein weiblicher Deputy bediente die Geräte. Aus einem Lautsprecher ertönte ein statisches Knistern.

»Zentrale. Dillsboro eins. Wir sind vor Ort.«

Es war die Stimme des Sheriffs. Hayes hörte sich den Bericht an. Dabei trat er dicht an Oleg heran, der in der Ecke beim Ausgang stand. Hängelid war draußen und rauchte. Hayes flüsterte Oleg auf Russisch zu: »Ich werde Moskau anrufen müssen. Unsere Freunde werden nicht glücklich sein.«

Oleg wirkte ungerührt. »Wir haben unsere eigenen Befehle.«

»Was soll denn das bedeuten?«

»Ich habe den Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Frau, Lord und jeder, den Lord für wichtig hält, nicht nach Russland zurückkehren.«

Hayes fragte sich, ob damit auch er selbst gemeint war. »Sie würden mich gerne umbringen, nicht wahr, Oleg?«

»Es wäre mir ein Vergnügen.«

»Und warum haben Sie es dann noch nicht getan?«

Der Inspektor erwiderte nichts.

»Deshalb, weil Sie mich immer noch brauchen.«

Oleg schwieg weiter.

»Sie jagen mir keine Angst ein«, sagte Hayes, die Lippen nur Zentimeter von Olegs Gesicht entfernt. »Vergessen Sie eines nicht: Ich weiß alles. Geben Sie das weiter. Thorn hat zwei Söhne mit Romanow-Blut. Mit denen wird man sich befassen müssen. Wer auch immer Lord und die Frau geschickt hat, wird weitere Leute schicken. Sie können unseren Freunden mitteilen, dass mein Tod nur dazu führen würde, dass die Welt die Wahrheit schneller erfährt, als das Problem sich lösen lässt. Tut mir Leid, dass ich Ihnen diesen Gefallen verweigern muss, Oleg.«

»Überschätzen Sie Ihre Bedeutung nicht, Anwalt.«

»Unterschätzen Sie meine Unverwüstlichkeit nicht.«

Er trat zurück, bevor Oleg antworten konnte. Im selben Moment erwachte der Lautsprecher wieder knisternd zum Leben.

»Zentrale. Dillsboro eins. Verdächtiger ist mit Entführtem geflohen. Deputy ging zu Boden, ist aber unversehrt. Wurde von einem Hund im Besitz des Verdächtigen angefallen. Verfolgung wurde aufgenommen. Der Verdächtige hat einen Vorsprung und fährt vermutlich immer noch auf dem Highway 46 in nördlicher Richtung. Setzen Sie an dieser Strecke jeden in Alarmbereitschaft, der kann.«

Die Frau in der Zentrale bestätigte den Empfang des Berichts, und Hayes stieß einen lautlosen Seufzer der Erleichterung aus. Noch vor ein paar Minuten hatte er gehofft, dass man Lord finden würde, doch jetzt war ihm klar, dass die Lage dadurch nur komplizierter würde. Hayes selbst musste Lord aufspüren, der den einheimischen Deputys offensichtlich nicht über den Weg traute. Diese Dummköpfe waren der Meinung, Lord habe eine Geisel in seine Gewalt gebracht. Nur Hayes wusste, dass Lord, Thorn und die Frau gemeinsam auf der Flucht waren.

Und die drei mussten so schnell wie möglich vom Highway verschwinden.

Höchstwahrscheinlich nahm Lord an, dass Oleg und Hängelid mit dem Sheriff zusammenarbeiteten, und sich daher nicht noch einmal an die hiesigen Gesetzeshüter wenden. Vermutlich suchte er jetzt ein Versteck, in das er sich zumindest eine Zeit lang zurückziehen konnte, um die Lage zu überdenken.

Aber wo?

Lord war vermutlich nicht ortskundig. Michael Thorn dagegen umso mehr. Vielleicht gab es für Hayes eine Möglichkeit, den Zufluchtsort in Erfahrung zu bringen.

Hayes verließ die Funkzentrale und ging in das Büro, wo er zuvor Mrs. Thorn und die Sekretärin angetroffen hatte. Mrs. Thorn unterhielt sich draußen im Korridor mit einem weiblichen Deputy, und so sprach Hayes die Sekretärin an: »Entschuldigen Sie, Ma’am.«

Die Frau blickte auf.

»Wie ich hörte, haben Sie dem Sheriff vorhin berichtet, Lord und seine Genossin seien heute in Mr. Thorns Büro gewesen.«

»Das stimmt. Sie waren auch schon gestern da. Und kamen heute wieder. Sie haben den ganzen Tag mit Mr. Thorn verbracht.«

»Wissen Sie, worum es bei dem Gespräch ging?«

Die Sekretärin schüttelte den Kopf. »Sie blieben in seinem Büro, und die Tür war geschlossen.«

»Dieser Vorfall ist wirklich schrecklich. Inspektor Oleg ist ganz außer sich. Einer seiner Leute wurde in Moskau erschossen. Und jetzt ein Deputy hier.«

»Lord sagte, er sei Anwalt. Er sah nicht aus wie ein Mörder.«

»Das sieht man einem Menschen selten an. Lord war geschäftlich in Moskau. Keiner weiß, warum er den Polizisten erschoss. Irgendetwas war vorgefallen. Hier wird es nicht anders sein.« Er stieß einen Seufzer aus, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und strich sich über die Nasenwurzel. »Es ist eine so wunderschöne Gegend. Gerade um diese Jahreszeit. Und nun wird alles durch etwas so Schreckliches verdorben.«

Er ging zu einer Thermoskanne, schenkte sich Kaffee in einen fleckigen Becher und bot auch der Sekretärin welchen an, die aber abwinkte.

»Ich komme gelegentlich von Atlanta zur Jagd hierher. Miete eine kleine Jagdhütte tief in den Wäldern. Ich hätte mir eigentlich gerne selber eine gekauft, konnte mir das aber nie leisten. Besitzt Mr. Thorn eine? Mir kommt es so vor, als hätte hier jeder so eine Hütte in den Bergen.« Er nahm seinen Becher in die Hand und setzte sich wieder zu der Sekretärin.

»Er hat eine sehr hübsche Hütte«, erzählte sie. »Sie ist schon seit Generationen im Besitz der Familie.«

»Hier in der Nähe?«, fragte er so beiläufig wie möglich.

»Mit dem Auto eine Stunde von hier. Im Norden. Er besitzt dort etwa achtzig Hektar Wald, einschließlich eines kleinen Berges. Ich habe ihn immer aufgezogen, was er eigentlich mit dem Berg vorhat.«

»Und was hat er geantwortet?«

»Einfach dasitzen und ihn anschauen. Zusehen, wie die Bäume wachsen.«

Ihre Augen wurden feucht. Diese Frau mochte ihren Chef offensichtlich sehr gerne. Hayes trank seinen Kaffee. »Hat der Berg einen Namen?«

»Windsong Ridge. Ein schöner Name.«

Er stand langsam auf. »Ich lasse Sie jetzt alleine. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen.«

Sie bedankte sich bei ihm, und er ging nach draußen. Oleg und Hängelid standen herum und qualmten.

»Los geht’s«, sagte er.

»Wohin?«, fragte Oleg.

»Unser Problem lösen.«

48

Kurz nach dem Zwischenfall mit dem Deputy bog Lord vom Highway ab und fuhr auf einer Landstraße ostwärts. Einige Meilen später wandte er sich nach Norden und lenkte, Thorns Anweisungen folgend, den Wagen zu dem Waldstück, das Thorns Familie seit beinahe hundert Jahren gehörte.

Die nicht asphaltierte Straße schlängelte sich Meilen zwischen Vorbergen hindurch und überquerte zwei Wasserläufe, deren Flussbette voller Steinbrocken lagen. Die Hütte war ebenerdig und im Kolonialstil aus Kiefernstämmen und einer dicken Mörtelschicht errichtet. Auf der Vorderveranda standen drei Schaukelstühle, seitlich am Rand hing eine Hängematte. Die Zedernholzschindeln auf dem Giebeldach wirkten neu. Auf der einen Seite ragte ein Schornstein aus dem Dach.

Thorn erklärte, in dieser Hütte hätten Alexej und Anastasia nach ihrer Ankunft in Carolina Ende des Jahres 1919 zunächst gelebt. Jussupow habe sie auf einem achtzig Hektar großen Grundstück mit altem Waldbestand errichten lassen, zu dem auch ein kleiner Berg gehörte, der vor einem Jahrhundert den Namen Windsong Ridge erhalten habe. Die Thronerben sollten an einem abgeschiedenen Ort wohnen, weit entfernt von jedem, der sie vielleicht mit der russischen Zarenfamilie in Verbindung bringen mochte. Die Berge der Appalachen waren hierzu bestens geeignet und hatten gleichzeitig klimatisch und landschaftlich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Heimat.

Jetzt, als Lord in der Hütte saß, meinte er fast, die Ausstrahlung der beiden Zarennachfahren zu spüren. Die Sonne war untergegangen und die Luft kühl geworden. Thorn hatte einige Scheite von einem Holzstoß an der Außenwand hereingeholt und ein Kaminfeuer entfacht. Das Innere der Hütte maß etwa fünfzehn Quadratmeter und war mit dicken Quiltdecken und restaurierten Möbeln ausgestattet; in der Luft lag der Geruch von Hickory- und Fichtenholz. In der Küche lagerten Vorratskonserven, und sie hatten Chilibohnen gegessen und sie mit Cola aus dem Kühlschrank runtergespült.

Thorn hatte die Hütte als Zufluchtsort vorgeschlagen. Falls die Polizei ihn für ein Entführungsopfer hielt, würde sie niemals auf seinem eigenen Grundstück nach ihm suchen. Vermutlich war eine genaue Beschreibung des Jeep Cherokee ausgegeben worden, mit der alle Straßen nach Tennessee überwacht wurden, was umso mehr Grund war, vom Highway zu verschwinden.

»Hier wohnt meilenweit kein einziger Mensch«, erklärte Thorn. »In den Zwanzigerjahren war das ein großartiges Versteck.«

Lord fiel auf, dass nichts in dieser Hütte auf ihre einzigartige Geschichte hindeutete. Aber sie wurde mit Sicherheit von einem Naturliebhaber bewohnt – an den Wänden hingen gerahmte Bilder von auffliegenden Vögeln und äsenden Rehen. Allerdings waren keine Jagdtrophäen zu sehen.

»Ich jage nicht«, bemerkte Thorn. »Außer mit dem Fotoapparat.«

Lord zeigte auf das gerahmte Ölgemälde eines Bären, das an einer der Wände besonders hervorstach.

»Das hat meine Großmutter gemalt«, antwortete Thorn. »Und ebenso die anderen Bilder. Sie malte sehr gerne. Sie hat bis zu ihrem Lebensende hier gewohnt. Alexej ist in der Schlafkammer dort drüben gestorben. Im selben Bett ist mein Vater zur Welt gekommen.«

Sie saßen gemeinsam vor dem Kaminfeuer, und zwei Lampen beleuchteten das Zimmer. Akilina saß auf dem Bretterboden, in eine Wolldecke gehüllt. Lord und Thorn hatten sich jeder in einem Ledersessel niedergelassen. Der Hund hatte sich in eine kühlere Ecke zurückgezogen und sich dort zusammengerollt.

»Ich habe einen engen Freund im Büro des Justizministers von North Carolina«, erklärte Thorn. »Den rufen wir morgen an. Er kann uns helfen. Ich vertraue ihm.« Thorn saß einen Moment lang schweigend da. »Meine Frau ist gewiss mit den Nerven am Ende. Ich wünschte, ich könnte sie anrufen.«

»Das scheint mir nicht ratsam«, erwiderte Lord.

»Es geht ohnehin nicht. Ich habe hier nie eine Telefonleitung herlegen lassen. Wenn ich hier übernachte, nehme ich mein Handy mit. Strom haben wir auch erst seit ein paar Jahren. Die Elektrizitätsgesellschaft hat mich ganz schön zur Kasse gebeten. Da habe ich beschlossen, dass das mit dem Telefon Zeit hat.«

»Kommst du und deine Frau oft hierher?«, fragte Akilina.

»Sehr oft. Ich fühle mich hier wirklich mit meiner Vergangenheit verbunden. Margaret hat es nie ganz verstanden; sie hat nur gemerkt, dass dieser Ort hier mich beruhigt. Mein einsames Fleckchen, so hat sie ihn genannt. Wenn sie nur Bescheid wüsste.«

»Das wird sie bald«, gab Lord zurück.

Plötzlich spitzte der Barsoi die Ohren, und ein leises Knurren entstieg seiner Kehle.

Lord heftete die Augen auf den Hund.

An der Vordertür ertönte ein Klopfen. Lord sprang auf. Keiner sagte etwas.

Ein weiteres Klopfen.

»Miles. Ich bin’s, Taylor. Machen Sie die Tür auf.«

Er eilte durch den Raum und spähte durch eines der Fenster nach draußen. In der Dunkelheit konnte er nur eine männliche Gestalt ausmachen, die vor der Tür stand. Er ging zum verschlossenen Eingang.

»Taylor?«

»Und nicht die Zahnfee. Machen Sie die verdammte Tür auf.«

»Sind Sie allein?«

»Wen sollte ich denn bei mir haben?«

Lord entriegelte von innen. Draußen stand Taylor Hayes, mit einer Khakihose und einer dicken Jacke bekleidet.

»O Mann, ich freue mich, Sie zu sehen«, sagte Lord.

»Nicht so sehr wie ich.« Hayes trat in die Hütte. Sie gaben sich die Hand.

»Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte Lord, nachdem er die Tür geschlossen und wieder verriegelt hatte.

»Ich habe in der Stadt von der Schießerei erfahren. Anscheinend sind hier zwei Russen …«

»Zwei der Männer, die mich schon früher verfolgt haben.«

»Das hatte ich mir schon gedacht.«

Lord bemerkte den fragenden Ausdruck in Akilinas Miene. »Ihr Englisch ist nicht besonders gut, Taylor. Sprechen Sie bitte Russisch.«

Hayes sah Akilina an. »Und wer sind Sie?«, fragte er auf Russisch.

Akilina stellte sich vor.

»Freut mich, Sie kennen zu lernen. Dann hat mein Firmenpartner Sie also durch die halbe Weltgeschichte geschleppt, wenn ich recht verstehe.«

»Wir haben eine ziemliche Reise hinter uns«, antwortete sie.

Hayes sah Thorn an. »Und Sie müssen der Zweck dieser Reise sein.«

»So hat es den Anschein.«

Lord stellte die beiden einander vor und sagte dann: »Vielleicht kommen wir ja jetzt endlich weiter. Taylor, die Bezirkspolizei glaubt, ich hätte den Deputy erschossen.«

»Davon ist man recht überzeugt.«

»Haben Sie mit dem Sheriff gesprochen?«

»Ich wollte erst einmal mit Ihnen reden.«

In den nächsten fünfundvierzig Minuten unterhielten sie sich. Lord berichtete alles, was vorgefallen war. Er zeigte Hayes sogar das zerbrochene Ei und die Botschaften auf Metallplättchen, die er aus dem Jeep mitgenommen hatte. Er erzählte von den Goldbarren, die nun in Schließfächern warteten, und berichtete über Semjon Paschkow und die Heilige Schar, die Felix Jussupows Geheimnis bewahrt hatte.

»Dann sind Sie also ein Romanow?«, fragte Hayes Thorn.

»Sie haben noch nicht erklärt, wie Sie uns gefunden haben«, stellte Thorn fest.

Lord bemerkte das Misstrauen in der Stimme des Anwalts. Hayes schien sich aber nicht weiter daran zu stören.

»Ihre Sekretärin hat mich auf die Idee gebracht. Sie war zusammen mit Ihrer Frau auf der Dienststelle des Sheriffs. Ich wusste, dass Miles Sie nicht entführt haben konnte, und dachte mir, dass Sie gewiss nach einem Versteck Ausschau halten würden. Und wer würde schon hier suchen? Kein Entführer würde sich ins Haus des Opfers flüchten. Daher habe ich es auf den Versuch ankommen lassen und bin die Strecke hier herausgefahren.«

»Wie geht es meiner Frau?«

»Sie ringt um Fassung.«

»Warum haben Sie dem Sheriff nicht die Wahrheit gesagt?«, fragte Thorn.

»Das hier ist eine heikle Situation. Es geht um die Beziehungen zu einem anderen Staat. Es geht sogar buchstäblich um Russlands Zukunft. Falls Sie wirklich ein direkter Nachfahre Nikolaus’ II. sind, steht der russische Thron Ihnen zu. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass Ihr Auftauchen großes Aufsehen hervorrufen wird. Das alles möchte ich nicht dem Sheriff von Dillsboro County, North Carolina, anvertrauen. Ich bitte Sie, das nicht als Kritik zu verstehen.«

»Durchaus nicht«, antwortete Thorn, in dessen Stimme immer noch eine gewisse Schärfe lag. »Was schlagen Sie jetzt vor?«

Hayes stand auf und trat zur Reihe von Fenstern, die nach vorn hinaus gingen. »Das ist eine gute Frage.« Er spähte durch die Vorhänge.

Der Barsoi spitzte erneut die Ohren.

Hayes öffnete die Hüttentür.

Felix Oleg und Hängelid marschierten herein. Beide trugen Gewehre. Der Hund sprang auf und knurrte.

Akilina keuchte auf.

»Mr. Thorn, Sie haben da ein sehr hübsches Tier«, sagte Hayes. »Ich habe Barsois schon immer besonders gemocht. Ich würde nicht gerne einem dieser Herren den Befehl geben müssen, das Tier zu erschießen. Würden Sie also bitte dem Hund das Kommando geben, aus der Hütte zu verschwinden?«

»Ich habe doch irgendwie gespürt, dass irgendwas mit Ihnen nicht stimmt«, sagte Thorn.

»Das ist mir aufgefallen.« Hayes zeigte auf den noch immer knurrenden Hund. »Muss ich ihn erschießen?«

»Alexej. Marsch.« Thorn zeigte auf die Tür, und der Hund schoss in die Nacht hinaus.

Hayes schloss die Tür. »Alexej. Interessanter Name.«

Lord war geschockt. »Dann haben Sie schon die ganze Zeit hinter allem gesteckt?«

Hayes machte seinen beiden Verbündeten ein Zeichen, und diese verteilten sich im Raum. Oleg stellte sich bei der Tür zur Küche auf, Hängelid bei der Tür zur Schlafkammer.

»Miles, ich habe ein paar Bundesgenossen in Moskau, die ziemlich wütend auf Sie wurden. Verdammt, ich habe Sie in die Archive geschickt, damit Sie rausfinden, ob Baklanow irgendwo Dreck am Stecken hat, und Sie kommen mit einem russischen Thronerben da raus. Was haben Sie denn erwartet?«

»Drecksack. Ich hab Ihnen vertraut.« Lord wollte sich auf Hayes stürzen. Oleg richtete die Pistole auf ihn und brachte ihn damit zum Stehen.

»Vertrauen ist etwas unglaublich Relatives, Miles. Insbesondere in Russland. Eines muss ich Ihnen allerdings zugestehen: Sie sind verdammt schwer umzubringen. Und Sie haben ein Schweineglück.« Hayes griff unter sein Jackett und zog eine Pistole hervor. »Setzen Sie sich, Miles.«

»Fuck you, Hayes.«

Hayes schoss. Die Kugel streifte Lords rechte Schulter. Akilina schrie auf, als Lord in den Sessel zurückfiel, und wollte zu ihm eilen.

»Ich hatte Ihnen gesagt, Sie sollen sich setzen«, fuhr Hayes sie an. »Ich wiederhole mich nicht gerne.«

»Alles in Ordnung, Lord?«, fragte sie.

Lord sah die Sorge in ihrem Gesicht. Aber ihm war nichts Schlimmes passiert. Es war einfach nur eine Schramme, die blutete und scheußlich wehtat. »Mir geht’s gut.«

»Fräulein Petrowa, setzen Sie sich«, forderte Hayes sie auf.

»Mach, was er sagt«, drängte Lord.

Sie zog sich zu einem Stuhl zurück.

Hayes trat dicht zum offenen Kamin. »Wenn ich Sie hätte umbringen wollen, Miles, wären Sie jetzt ein toter Mann. Ihr Glück, dass ich ein guter Schütze bin.«

Lord presste die Hand auf die Wunde und versuchte, das Blut mit seinem Hemd zu stillen. Sein Blick fiel auf Michael Thorn. Der Anwalt saß vollkommen bewegungslos da. Er hatte nichts gesagt und auch nicht auf Hayes’ Schuss reagiert.

»Sie kommen mir russisch vor«, sagte Hayes, an Thorn gewandt. »Der Blick in Ihren Augen. Das hab ich da drüben so oft gesehen. Ohne Herz, jeder Einzelne von euch.«

»Ich bin kein Stefan Baklanow.« Die Worte kamen nahezu flüsternd.

Hayes kicherte. »Das scheint mir auch so. Es kommt mir fast so vor, als könnten Sie sogar der Mann sein, der diese Idioten regieren kann. Das kann nur jemand, der Nerven wie Drahtseile hat. So wie die Besten unter den Zaren. Daher werden Sie gewiss verstehen, warum Sie diesen Ort nicht lebend verlassen dürfen.«

»Mein Vater hat mir vorhergesagt, dass es Männer wie Sie geben würde. Er hat mich gewarnt. Ich hielt das damals für ziemlich paranoid.«

»Wer hätte jemals gedacht, dass die Sowjetunion so leicht zerbricht?«, fragte Hayes. »Und wer hätte ahnen können, dass die Russen ihren Zaren zurückhaben wollen?«

»Felix Jussupow«, antwortete Thorn.

Es folgte eine Pause. »Ein Punkt für Sie«, antwortete Hayes dann. »Aber all das hat jetzt keine Bedeutung mehr. Oleg.« Hayes zeigte auf den Inspektor und dann zur Vordertür. »Schaffen Sie unseren todgeweihten Thronerben und diese Frau nach draußen und tun Sie das, was Sie am besten können.«

Oleg lächelte, trat vor und packte Akilina. Lord wollte aufspringen, doch Hayes hielt ihm die Pistole an die Kehle.

»Hinsetzen«, befahl Hayes.

Hängelid riss Thorn vom Stuhl hoch und drückte dem Anwalt die Pistolenmündung an den Kopf. Akilina wollte Widerstand leisten. Oleg nahm sie in den Schwitzkasten, drückte ihr mit dem Unterarm die Kehle zu und riss sie von den Beinen. Sie kämpfte einen Moment lang, dann ging ihr der Atem aus, und sie verdrehte die Augen.

»Aufhören«, schrie Lord. Hayes drückte ihm die Pistole fester gegen die Kehle. »Sagen Sie ihm, dass er aufhören soll, Taylor.«

»Sagen Sie ihr zuerst, dass sie ein braves Mädel sein soll«, entgegnete Hayes.

Er fragte sich, wie man von ihm erwarten konnte, Akilina zu sagen, dass sie friedlich nach draußen gehen und sich umbringen lassen solle. »Hör auf«, sagte er ihr.

Sie wehrte sich nicht mehr.

»Nicht hier, Oleg«, befahl Hayes.

Der Russe lockerte seinen Griff, und Akilina sackte keuchend und mit weichen Knien zu Boden. Lord wollte zu ihr eilen, wurde aber daran gehindert. Oleg packte Akilina am Haar und zerrte sie hoch. Der Schmerz schien ihr neues Leben einzuflößen.

»Steh auf«, sagte Oleg auf Russisch.

Taumelnd kam sie auf die Beine, und Oleg schob sie zur Hüttentür. Thorn war schon da und ging als Erster hinaus, gefolgt von Hängelid.

Die Tür schloss sich hinter ihnen.

»Mir scheint, Sie mögen diese Frau«, bemerkte Hayes, jetzt wieder auf Englisch.

Lord spürte noch immer die Pistolenmündung an der Kehle. »Was schert Sie das?«

»Gar nichts.«

Hayes nahm die Pistole weg und trat zurück. Lord ließ sich auf einen Stuhl sinken. Der Schmerz in seiner Schulter wurde schlimmer, doch die Wut sorgte dafür, dass seine Reflexe funktionierten. »Haben Sie den Mord an den beiden Maks in Starodug angeordnet?«

»Sie haben uns keine Wahl gelassen. Was blieb uns anderes übrig?«

»Und Baklanow ist tatsächlich nur ein Strohmann?«

»Russland ist wie eine Jungfrau, Miles. Es gibt so viele süße Freuden, die noch keiner gekostet hat. Aber man überlebt nur, wenn man nach den russischen Regeln spielt, und härtere gibt es kaum. Ich habe mich angepasst. Für die Leute dort ist Mord ein allgemein akzeptiertes Mittel, um seine Ziele zu erreichen. Es scheint sogar das Mittel der Wahl zu sein.«

»Was ist mit Ihnen geschehen, Taylor?«

Hayes setzte sich hin, die Pistole auf Lord gerichtet. »Jetzt fangen Sie nicht mit dieser Scheiße an. Ich hab getan, was zu tun war. In der Kanzlei hat keiner sich darüber beklagt, dass die Honorare flossen. Manchmal muss man eben Risiken eingehen, wenn man etwas Großes erreichen will. Die Kontrolle über den Zaren von Russland schien die Sache wert zu sein. Alles lief wie geschmiert. Wer hätte ahnen können, dass noch ein unmittelbarer Thronerbe am Leben ist?«

Lord wollte sich auf ihn stürzen, und Hayes schien seinen Hass zu spüren. »Das schaffen Sie nicht, Miles. Ich schieße schneller, als Sie aufspringen können.«

»Hoffentlich ist es das wert.«

»Oh, gewiss doch. Im Vergleich dazu ist der Anwaltsberuf doch die reine Kacke.«

Lord kam der Gedanke, auf Zeit zu spielen. »Wie wollen Sie das hier überhaupt geheim halten? Thorn hat Familie. Es gibt weitere Thronerben. Und alle wissen Bescheid.«

Hayes lächelte. »Guter Bluff. Aber Thorns Frau und seine Kinder wissen nicht das Geringste. Das hier ist schon mein ganzes Geheimhaltungsproblem.« Hayes machte eine Geste mit der Pistole. »Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Hätten Sie Ruhe gegeben und einfach erledigt, was ich Ihnen auftrug, gäbe es kein Problem. Stattdessen mussten Sie unbedingt nach St. Petersburg und Kalifornien tapern und Ihre Nase in Dinge stecken, die Sie einfach nichts angehen.«

Lord stellte die Frage, die ihm wirklich am Herzen lag. »Bringen Sie mich um, Taylor?« In seiner Stimme schwang nicht einmal ein Anklang von Angst mit. Er wunderte sich über sich selbst.

»Nein. Das erledigen die zwei da draußen. Ich musste ihnen versprechen, Ihnen kein Haar zu krümmen. Die beiden haben was gegen Sie. Und ich kann ja nun meine Söldner nicht enttäuschen.«

»Sie sind nicht der Mann, den ich gekannt habe.«

»Wie zum Teufel sollten Sie mich denn kennen? Sie sind einfach nur ein Kanzleipartner. Wir sind keine Blutsbrüder. Zum Teufel, wir sind ja noch nicht einmal Freunde. Aber wenn Sie es wissen wollen, ich habe Kunden, die sich auf mich verlassen, und ich beabsichtige, die gewünschte Leistung zu erbringen. Was auch ein hübsches Ruhestandssümmchen für mich selbst abwerfen dürfte.«

Lord spähte an Hayes vorbei nach draußen.

»Sie machen sich Sorgen um Ihr kleines russisches Schätzchen?«

Lord erwiderte nichts. Was gab es da zu sagen?

»Ich bin mir sicher, dass Oleg seinen Spaß mit ihr hat … genau in diesem Moment.«

49

Akilina folgte dem Mann, den Lord Hängelid nannte, in den Wald hinein. Ihre Schritte wurden von einer Laubschicht gedämpft, und das Mondlicht bahnte sich zitternd einen Weg durch die Zweige und badete den Wald in einem milchig flackernden Schimmer. Die Luft war eisig kalt, und ihr Pullover und die Jeans konnten dagegen nur wenig ausrichten. Thorn ging voran, eine Gewehrmündung im Rücken. Hinter Akilina ging Oleg, der seine Waffe auf sie gerichtet hielt.

Sie bahnten sich einen Weg durch Buschwerk und kamen dann auf eine Lichtung. Dort steckten bereits zwei Schaufeln in der Erde. Offensichtlich hatte man vor Hayes’ Besuch in der Hütte alles geplant.

»Grab«, befahl Oleg Thorn. »Genau wie dein Urgroßvater wirst du im Wald sterben und dort in der kalten Erde verscharrt werden. Vielleicht findet dann jemand in hundert Jahren deine Knochen.«

»Und wenn ich mich weigere?«, fragte Thorn gelassen.

»Dann erschieße ich erst dich und hab dann meinen Spaß mit ihr.«

Thorns Blick wanderte zu Akilina hinüber. Der Atem des Anwalts ging ruhig, und sie bemerkte keine Angst in seinen Augen.

»Betrachte es doch so«, meinte Oleg. »Ein paar weitere kostbare Lebensminuten. Jede Sekunde zählt. Das ist jedenfalls mehr Zeit, als dein Urgroßvater bekommen hat. Zu deinem Glück bin ich kein Bolschewist.«

Thorn stand aufrecht da und machte keinerlei Anstalten, nach der Schaufel zu greifen. Oleg warf das Gewehr beiseite und packte Akilinas Pullover. Er riss sie an sich und fuhr ihr grob mit der Hand in den Schritt. Sie wollte schreien, doch mit der anderen Hand hielt er ihr den Mund zu.

»Genug«, schrie Thorn.

Oleg brach seinen Angriff ab, legte ihr aber die rechte Hand um den Hals, so fest, dass er sie zwar nicht würgte, sein Griff aber doch deutlich zu spüren war. Thorn packte die Schaufel und begann zu graben.

Oleg fummelte mit seiner freien Hand an Akilinas Brüsten. »Hübsch rund und fest.« Sein Atem stank.

Sie riss die Hand hoch und stieß ihm die Finger ins rechte Auge. Er zuckte zusammen, prallte zurück und schlug sie ins Gesicht. Dann stieß er sie auf den feuchten Boden.

Der Inspektor bückte sich und hob sein Gewehr auf.

Er legte ein volles Magazin ein und hielt Akilinas Kopf am Boden fest, indem er ihr den rechten Fuß auf den Hals stellte. Dann zwängte er ihr die Gewehrmündung in den Mund.

Ihr Blick flog zu dem Anwalt hinüber.

Sie schmeckte Rost und Dreck. Oleg zwängte den Lauf noch tiefer hinein, und sie musste gegen den Würgereiz ankämpfen. Allmählich packte sie das Entsetzen.

»Gefällt dir das, du Schlampe?«

Etwas Schwarzes schoss aus dem Wald heraus und krachte gegen Oleg. Er taumelte zurück und ließ das Gewehr los. Im selben Moment, in dem Akilina den Lauf beiseite schlug, erkannte sie, was geschehen war.

Der Barsoi war zurückgekehrt.

Sie entzog sich mit einer Drehung, als der Gewehrkolben zu Boden fiel.

»Fass. Mach tot«, schrie Thorn.

Der Kopf des Hundes fuhr peitschenartig herum, und er grub die Zähne in Olegs Fleisch.

Der Inspektor brüllte vor Schmerz.

Thorn holte mit der Schaufel aus und traf Hängelid, der durch den Angriff des Hundes einen Moment lang überrumpelt schien, mit einem schmetternden Schlag des Blattes. Der Russe stöhnte auf, als Thorn erneut zuschlug und ihm diesmal die Schaufelspitze in den Magen rammte. Ein dritter Hieb über den Schädel, und Hängelid ging zu Boden. Der Körper zuckte noch ein paar Sekunden, dann lag er reglos da.

Oleg brüllte noch immer vor Schmerz, während der Hund seinen Angriff gnadenlos fortsetzte.

Akilina griff nach dem Gewehr.

Thorn eilte herbei. »Stopp.«

Der Hund zog sich zurück und stellte sich neben seinen Herrn, keuchend. Die Hand an den Hals gelegt, drehte Oleg sich auf dem Boden um. Er wollte aufstehen, doch Akilina schoss ihm eine Kugel ins Gesicht.

Oleg blieb bewegungslos liegen.

»Fühlst du dich jetzt besser?«, fragte Thorn Akilina ruhig.

Sie spuckte aus, um den metallischen Geschmack loszuwerden. »Unbedingt.«

Thorn trat zu Hängelid und untersuchte den Puls. »Der ist auch tot.«

Akilina sah den Hund an. Das Tier hatte ihr das Leben gerettet. Worte, die sie von Lord und Semjon Paschkow gehört hatte, schossen ihr durch den Kopf. Etwas, was ein angeblich Heiliger hundert Jahre zuvor prophezeit hatte: Tiere in ihrer Unschuld werden den Weg hüten und weisen. Ihr Urteilsspruch wird über den Erfolg entscheiden.

Thorn trat zu dem Hund hin und streichelte sein seidiges Fell. »Guter Junge, Alexej. Guter Junge.«

Der Barsoi nahm die liebevolle Geste seines Herrn mit einem sanften Tätzeln seiner krallenbewehrten Pfoten entgegen. Seine Lefzen troffen von Blut.

»Wir müssen nach Miles sehen«, sagte Akilina.

 

In der Ferne fiel ein Schuss, und als Hayes, davon abgelenkt, einen Moment lang wegblickte, packte Lord mit seinem unverletzten Arm eine der Lampen und schleuderte den schweren Holzsockel nach Hayes. Der erholte sich zwar rasch von dem Angriff und gab einen Schuss ab, doch in diesem Moment hechtete Lord mit einer Rolle aus dem Sessel.

Der Raum war jetzt nur noch von einer einzigen Lampe und der Glut des niedergebrannten Feuers erhellt. Lord robbte eilig über den Boden, schleuderte auch die zweite Lampe nach Hayes und tauchte dann mit einem Sprung hinter das Sofa, das gegenüber dem Kamin stand. Seine rechte Schulter schmerzte heftig. Zwei weitere Kugeln suchten ihn hinter dem Sofa. Er rutschte über den Boden zur Küche und hechtete hinein, als die nächste Kugel einen Teil des Türpfostens zerschmetterte. Die Wunde an seiner Schulter riss auf und begann zu bluten. Er presste die Hand auf die Wunde, um die Blutung zu stillen, und hoffte, dass Hayes’ Augen sich nicht schnell genug an die Dunkelheit gewöhnen würden, um richtig zu zielen, wobei ihm klar war, dass ihm das allenfalls ein paar Sekunden Atempause verschaffen konnte.

In der Küche richtete er sich hastig auf, wäre aber gleich darauf fast umgekippt vor Schmerzen. Der Raum drehte sich um ihn, doch gelang es Lord, sich in den Griff zu bekommen. Er riss ein kariertes Geschirrtuch von der Küchentheke und presste es auf die Wunde. Gleich darauf stürzte er nach draußen, warf im Vorbeirennen einen Mülleimer um und schlug mit seiner blutigen Linken krachend die Tür hinter sich zu.

Dann eilte er in den Wald davon.

Hayes war sich nicht sicher, ob er Lord getroffen hatte oder nicht. Er versuchte, die Schüsse zu zählen. An vier erinnerte er sich, vielleicht auch fünf. Das hieß, dass er noch fünf oder sechs Kugeln im Magazin hatte. Seine Augen gewöhnten sich rasch an die Dunkelheit, obwohl das schwache Glimmen der Glut im Kamin den Raum kaum erhellte. Er hörte eine Tür zuschlagen und vermutete, dass Lord geflohen war. Die Glock im Anschlag, ging er vorwärts und schob sich vorsichtig in die Küche. Mit der rechten Fußspitze spürte er etwas Schlüpfriges. Er bückte sich und tauchte einen Finger in die Feuchtigkeit. Der Kupfergeruch bestätigte seine Vermutung: Blut. Er richtete sich auf, stieß den Kunststoffbehälter mit dem Fuß beiseite und trat in die kalte Nacht nach draußen.

»Okay, Miles«, rief er. »Sieht so aus, als wäre es Zeit zur Waschbärenjagd. Ich hoffe, Sie haben nicht so viel Glück wie Ihr Großvater.«

Er nahm das Magazin der Glock heraus und setzte ein frisches ein. Nun hatte er zehn Schuss, um zu Ende zu bringen, was er begonnen hatte.

 

Akilina hörte die Schüsse, als sie und Thorn zur Hütte zurückhasteten. Sie hatte Olegs Gewehr in der Hand. Unmittelbar vor der Hütte blieb Thorn stehen.

»Wir müssen klug vorgehen«, sagte er.

Sie war von der Beherrschtheit des Anwalts beeindruckt. Sein ruhiges, gelassenes Handeln beruhigte sie.

Thorn trat auf die Veranda und zur geschlossenen Vordertür. Von der anderen Seite der Hütte vernahm er die Stimme eines Mannes: »Okay, Miles. Sieht so aus, als wäre es Zeit zur Waschbärenjagd. Ich hoffe, Sie haben nicht so viel Glück wie Ihr Großvater.«

Sie schlich sich hinter Thorn heran, Seite an Seite mit dem Hund.

Thorn drehte den Türknauf und stieß die Tür auf. Abgesehen vom glimmenden Kaminfeuer war es drinnen stockdunkel. Thorn trat ein und ging zu einem Schrank. Eine Schublade wurde aufgeschoben, dann kehrte er mit einer Handfeuerwaffe zurück.

»Los, komm.«

Akilina folgte ihm in die Küche. Die Hintertür stand offen. Sie bemerkte, dass Alexej auf dem Bretterboden herumschnüffelte, deshalb bückte sie sich und erblickte die dunklen Flecken, die vom Hauptraum hereinführten.

Sie hatten die Aufmerksamkeit des Hundes erregt.

Thorn bückte sich. »Jemand ist getroffen worden«, sagte er leise. »Alexej. Nimm Witterung.«

Der Hund sog noch einmal den Geruch eines der Blutflecken ein. Dann hob das Tier den Kopf, als wolle es seine Bereitschaft signalisieren.

»Such«, befahl Thorn.

Der Hund schoss nach draußen.

50

Lord hörte Hayes’ Worte und dachte an das Gespräch, das sie neun Tage zuvor im Wolchow-Hotel geführt hatten.

Alles schien so verdammt lange her.

Sein Großvater hatte ihm alles über die Zeiten erzählt, als weiße Rassisten in den Südstaaten ihre Wut an den Schwarzen ausließen. Ein Freund seines Großonkels war in seinem eigenen Heim aufgestöbert und gelyncht worden, weil jemand ihn des Diebstahls verdächtigt hatte. Keine Verhaftung, keine Klageerhebung, keine Verhandlung. Lord hatte sich oft gefragt, wie es zu einem solchen Hass kommen konnte. Sein Vater hatte immer alles dafür getan, dass weder Schwarze noch Weiße diese Vergangenheit vergaßen. Man konnte es Populismus nennen oder Volksverhetzung. Grover Lord bezeichnete es als freundliche Ermahnung eines Vertreters des alten Herrn da oben. Jetzt war Lord selbst in den Bergen Carolinas auf der Flucht, verfolgt von einem Mann, der um jeden Preis verhindern wollte, dass Lord den nächsten Tag erlebte.

Das Geschirrtuch, das er sich auf die Schulter presste, half, konnte aber den weiteren Schaden durch immer wieder darüberstreifende Zweige nicht ganz verhüten. Er hatte keine Ahnung, wohin er ging. Ihm fiel Thorns Bemerkung ein, dass die nächsten Nachbarn Meilen entfernt wohnten. Wenn Hayes, Hängelid und Oleg hinter ihm her waren, dürften seine Chancen nicht allzu gut stehen. Er hörte noch immer den Schuss, der gefallen war, bevor er sich auf Hayes gestürzt hatte, deshalb wollte er umkehren und Akilina und Thorn suchen, wusste aber, dass es sinnlos wäre. Höchstwahrscheinlich waren beide tot. Besser, er nutzte die Dunkelheit, um sich davonzuschleichen – und dann aller Welt zu berichten, was er wusste. Das war er Semjon Paschkow und der Heiligen Schar schuldig, insbesondere denen, die umgekommen waren. Wie Josif und Wassili Maks.

Er hielt inne und blieb stehen. Jeder Atemzug war ein scharfes Keuchen, dessen Atemwölkchen vor seinen Augen zerstob. Seine Kehle war wie ausgedörrt, und er hatte Mühe, sich zu orientieren. Gesicht und Brust waren schweißbedeckt. Er hätte gerne seinen Pullover ausgezogen, war aber mit seiner Schulter zu einer solchen Anstrengung nicht mehr fähig. Ihm war schwindlig. Der Blutverlust machte ihm zu schaffen, und die Höhenlage verbesserte seine Verfassung keineswegs.

Hinter sich hörte er das Peitschen und Knacken von Zweigen.

An einem tief hängenden Zweig vorbei schlüpfte er ins dichte Unterholz. Der Boden wurde fester. Hier und dort ragten Felsnasen aus dem Boden. Das Gelände wurde steiler, und er nahm einen niedrigen Hang in Angriff. Das Knirschen von Geröll unter seinen Füßen hallte laut durch die Stille.

Vor ihm tat sich plötzlich ein weites Panorama auf.

Er blieb am Rand einer finsteren Schlucht an einem Felsabhang stehen. Unten rauschte ein Wildbach. Aber er saß nicht in der Falle. Er hätte sich nach links oder rechts in den Wald zurückziehen können, beschloss aber, an dieser Stelle zu bleiben, um sie für eine Überrumpelungstaktik zu nutzen. Schließlich konnte er nicht ewig weglaufen, nicht, wenn drei Männer mit Schusswaffen hinter ihm her waren. Außerdem wollte er sich nicht wie ein Tier niederknallen lassen. Er würde sich zum Kampf stellen. Daher kletterte er auf eine Felsenkante am Rand des Abgrunds. Der offene Himmel breitete sich endlos vor ihm aus. Jetzt hatte er einen Aussichtspunkt, von dem aus er jede Bewegung beobachten konnte.

Im Dunkeln tastete Lord den Boden ab und fand drei handliche Steinbrocken. Er dehnte die Muskulatur in seinem rechten Arm und stellte fest, dass er werfen konnte, wenn auch nicht weit. Die Steine in der Hand wiegend, machte er sich bereit, jeden in Empfang zu nehmen, der sich nähern mochte.

 

Hayes hatte oft genug Wild verfolgt, um zu wissen, wie man eine Fährte las, und Lord war durchs Gehölz gebrochen, ohne sich um abbrechende Zweige zu scheren. Dort, wo der laubbedeckte Boden feuchter Erde wich, hatte er sogar Fußabdrücke hinterlassen. Im hellen Mondschein war seine Spur leicht zu lesen. Ganz zu schweigen von den Blutflecken, die mit vorhersagbarer Regelmäßigkeit auf dem Boden zu finden waren.

Dann brach die Spur ab.

Hayes blieb stehen.

Seine Augen schossen nach links und rechts. Nichts. Keine Zweige wiesen ihm den Weg. Er betastete die Laubdecke, fand aber auch keine Blutflecken mehr. Sonderbar. Er entsicherte seine Waffe, nur für den Fall, dass dies die Stelle war, die Lord für einen Showdown gewählt hatte. Er war fest davon überzeugt, dass der Dummkopf sich irgendwann zum Kampf stellen würde.

Und vielleicht ja genau hier.

Vorsichtig schob er sich vorwärts. Dabei hatte er nicht das Gefühl, beobachtet zu werden. Schon wollte er eine andere Richtung einschlagen, da entdeckte er vor sich auf einem Farn einen dunklen Flecken. Schritt für Schritt schlich er vorwärts, die Waffe im Anschlag. Der Boden wurde steinig, der Wald verschwand, und bald ragten ringsumher zahllose Felsbrocken als unförmige Schatten auf. Die Situation gefiel ihm gar nicht, aber er schlich trotzdem weiter.

Er suchte die Umgebung nach Hinweisen auf den Flüchtigen ab – vielleicht ein Blutfleck auf einem Felsen –, doch es würde schwer fallen, einen dunkleren Flecken von einem Schatten zu unterscheiden. Inzwischen brauchte er für jeden vorsichtigen Schritt mehrere Sekunden, da er sich bemühte, möglichst lautlos über das Gestein zu schleichen.

An einem Felsabsturz blieb er stehen. Unten rauschte Wasser durch eine Schlucht und links und rechts von ihm standen Bäume. Dahinter war der samtschwarze Himmel mit Myriaden von Sternen übersät. Doch für ästhetischen Genuss war keine Zeit. Er drehte sich um und wollte schon wieder in den Wald zurückkehren, da hörte er etwas durch die Luft sausen.

 

Akilina folgte Thorn, der aus der Küche nach draußen trat. Sie bemerkte den Abdruck einer blutigen Hand und dachte an Lord. Der Barsoi war verschwunden, doch ein leiser Pfiff seines Herrn veranlasste das Tier, aus dem Wald herbeizuschießen.

»Er wird in der Nähe bleiben und nur gerade weit genug vorauslaufen, um die Spur zu verfolgen«, flüsterte Thorn.

Der Hund kam bei Fuß und Thron streichelte ihn am Kopf.

»Such, Alexej. Los.«

Das Tier verschwand zwischen den Bäumen. Thorn folgte ihm.

Akilina machte sich Sorgen um Lord. Höchstwahrscheinlich war er angeschossen worden. Die Stimme, die sie vorhin gehört hatten, war Taylor Hayes’ Stimme gewesen. Lord hielt wahrscheinlich sowohl sie selbst als auch Thorn für tot, da die Chance, zwei Profikillern zu entkommen, minimal gewesen war. Aber der Barsoi war ihre Trumpfkarte. Das Tier war bemerkenswert und zeigte eine bewunderungswürdige Treue. Michael Thorn hatte aber auch eine ganz besondere Art, mit ihm umzugehen. Durch die Adern dieses Mannes floss das Blut der Zaren. Vielleicht war es das, was ihm eine solche Ausstrahlung verlieh. In früherer Zeit hatte das Volk den Zaren wegen seiner Willenskraft verehrt, wie sie von ihrer Großmutter wusste. Man hatte ihn als die Verkörperung Gottes auf Erden betrachtet und in Zeiten der Not seinen Schutz gesucht.

Der Zar war Russland.

Vielleicht verstand Michael Thorn diese Verantwortung. Vielleicht empfand er seine Verbindung mit der Vergangenheit außerdem als stark genug, um keine Angst vor dem zu empfinden, was vor ihm lag.

Sie aber hatte Angst. Und nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um Lords willen.

Thorn blieb stehen und stieß einen leisen Pfiff aus. Kurz darauf tauchte Alexej auf, heftig keuchend. Thorn kniete sich hin und sah dem Hund in die Augen.

»Du hast die Spur, oder?«

Fast erwartete Akilina, das Tier antworten zu hören, doch es setzte sich einfach nur hin und schnappte nach Luft.

»Such. Los.«

Der Hund rannte davon.

Sie folgten.

In der Ferne fiel ein Schuss.

 

Genau in dem Moment, als Hayes sich abwenden wollte, schleuderte Lord den Steinbrocken. Er spürte, wie etwas in seiner Schulter riss, und dann schoss ein betäubender Schmerz sein Rückgrat hinunter. Die Wunde war wieder aufgerissen.

Er sah, wie der Steinbrocken gegen Hayes Brust prallte und hörte den Schuss aus seiner Waffe. Lord sprang los und krachte gegen seinen Chef. Die beiden Männer stürzten zu Boden, und wie Stromstöße schoss der Schmerz durch Lords Schulter.

Er beachtete den Schmerz nicht und schlug Hayes die Faust ins Gesicht, doch dieser warf Lord mit Hilfe seiner Beine und Schenkel auf den Rücken. Scharfe Steine bohrten sich in Lords Rücken und verschlimmerten seine Pein noch.

Im nächsten Moment war Hayes auf ihm.

 

Akilina rannte los, Thorn ebenfalls. Beide rannten dorthin, wo sie den Schuss gehört hatten. Der Boden wurde fester, und sie bemerkte, dass rundum Felsen aufragten.

Dann endete der Wald.

Sie blickte auf und sah Taylor Hayes und Miles Lord miteinander ringen.

Sie blieb stehen, Seite an Seite mit Thorn. Auch der Barsoi stand still und beobachtete den zehn Meter entfernt stattfindenden Kampf.

»Greif ein«, forderte sie Thorn auf.

Doch der Anwalt setzte seine Waffe nicht ein.

 

Lord sah, wie Hayes sich auf ihn stürzte. Gleich darauf packte ihn sein Chef mit einem Würgegriff bei der Kehle. Erstaunlicherweise besaß Lord immer noch einen Rest von Kraft und schaffte es, Hayes mit einem Faustschlag seitlich am Kiefer zu treffen. Der Schlag machte seinen Angreifer einen Moment lang benommen. Lord musste die Pistole finden, die er eben gesehen hatte. Sie war Hayes beim Sturz auf den Boden aus der Hand gefallen.

Mit einem Tritt des rechten Knies zwang er Hayes von sich herunter. Sich abrollend fand er sein Gleichgewicht wieder und kam auf die Knie hoch. Wenigstens wurde sein ohnehin wunder Körper jetzt nicht mehr zusätzlich von Steinen geschunden. Seine Schulter blutete ziemlich stark. Aber er würde sich nicht einschüchtern lassen. Man musste diesem Drecksack das Handwerk legen.

Fieberhaft suchte er den dunklen Boden nach der Pistole ab, konnte ihren Umriss aber nicht entdecken. Jenseits des felsigen Bereichs meinte er, zwischen den Bäumen zwei Gestalten zu erkennen, konnte sie aber nicht recht ins Auge fassen. Wahrscheinlich Oleg und Hängelid, die dem Kampf in aller Ruhe amüsiert zusahen, da sie mit einem einzigen Schuss über Sieg und Niederlage entscheiden konnten.

Er hechtete auf Hayes zu und packte ihn um die Hüfte. Sie krachten gegen einen Granitbrocken, und er spürte, wie etwas in seinem Gegner nachgab. Vielleicht war eine Rippe gebrochen. Hayes schrie auf, konnte aber die Daumen beider Hände in Lords Kehle verkrallen und ihm die Gurgel abdrücken. Um Atem ringend, lockerte Lord seinen Griff. Hayes zog das Knie an und rammte es so gegen Lords Leib, dass der rückwärts auf die Felskante zuflog.

Dann machte Lord sich bereit, Hayes, der sich auf ihn stürzen wollte, mit einem Tritt zu empfangen, und schnellte sich mit einer Drehbewegung hoch. Doch Hayes hatte dieses Manöver irgendwie vorausgeahnt und brach seinen Angriff ab.

Lords Vorstoß ging ins Leere.

 

Akilina sah zu, wie Lord sich nach einem missglückten Tritt abrollte, wieder hochkam und sich erneut Hayes zuwandte.

Thorn kniete sich vor dem Barsoi hin. Auch Akilina ging in die Hocke. Der Rüde knurrte dunkel aus tiefer Kehle und ließ die silhouettenhafte Szene keinen Moment aus den Augen. Er schnappte mehrmals in die Luft und ließ seine scharfen Fänge aufblitzen.

»Er kommt zu einer Entscheidung«, erklärte Thorn. »Er kann hier weit besser sehen als wir.«

»Schieß doch«, forderte sie ihn auf.

Thorn sah ihr ruhig in die Augen. »Wir müssen der Prophezeiung bis zum Ende folgen.«

»Sei kein Dummkopf. Greif ein.«

Der Barsoi machte einen Schritt vorwärts.

»Nimm die Pistole, oder ich benutze das Gewehr«, drängte sie.

Der Anwalt legte ihr freundlich die Hand auf den Arm. »Hab Vertrauen.« In seiner Stimme und seiner Art lag eine Überzeugungskraft, die sich nicht leicht erklären ließ.

Sie erwiderte nichts.

Thorn wandte sich wieder dem Hund zu.

»Ruhig, Alexej. Ruhig.«

 

Es gelang Lord, wieder auf die Beine zu kommen und sich vom Abgrund zurückzuziehen. Hayes hatte seinen Angriff unterbrochen und schien um Atem zu ringen.

Lord starrte seinen Chef an.

»Los doch, Miles«, sagte Hayes. »Wir müssen das zu Ende bringen. Nur wir beide.«

Sie umkreisten sich wie kämpfende Katzen, wobei Lord sich nach rechts auf die Bäume, Hayes sich nach links auf den Abgrund zubewegte.

Dann sah Lord das, was er suchte. Die Pistole. Sie lag zwei Meter von ihm entfernt auf dem Felsen. Aber auch Hayes hatte die Waffe offensichtlich entdeckt, denn er schnellte nach vorn und packte den Griff, bevor Lord die Kraft dazu fand.

Gleich darauf hatte Hayes die Waffe in der Hand, den Finger am Abzug, und zielte auf Lord.

 

Akilina sah den Barsoi vorwärts hechten. Ohne jedes Kommando Thorns. Das Tier hatte irgendwie den richtigen Moment und den besten Angriffspunkt erkannt und sprang von sich aus los. Vielleicht konnte Alexej die beiden Kämpfenden durch den Geruchssinn unterscheiden, er war ja mit dem Geruch von Lords Blut vertraut. Vielleicht warmes der Einfluss von Rasputins Geist? Wer konnte das wissen? Hayes bemerkte das Tier erst im Moment des Aufpralls und taumelte infolge der Wucht des Angriffs zurück.

 

Lord packte die Gelegenheit beim Schopf und stieß Hayes zusammen mit dem Hund über den Felsrand. Ein Schrei durchbohrte die Nacht und verhallte, als die beiden Körper in der Dunkelheit verschwanden. Gleich darauf hörte man von weit unten den Aufprall der Leiber auf dem Fels, begleitet von einem Aufjaulen, das Lord in der Seele wehtat. Er konnte nicht auf den Boden des Abgrunds sehen.

Aber das war auch nicht nötig.

Hinter ihm waren Schritte zu hören.

In der Erwartung, Hängelid und Oleg zu sehen, wirbelte er herum, doch stattdessen tauchte Akilina auf, von Thorn gefolgt.

Sie umarmte ihn stürmisch.

»Vorsicht«, sagte er wegen des Schmerzes in seiner Schulter.

Thorn stand dicht an der Absturzstelle und blickte hinunter.

»Schade um den Hund«, bemerkte Lord.

»Ich mochte den Rüden sehr.« Thorn drehte sich zu Lord um. »Aber jetzt ist es vorüber. Die Entscheidung ist gefallen.«

In diesem Moment, vor dem Hintergrund eines endlosen Himmels und erhellt vom strahlenden Schein des Mondes, erblickte Lord in einem hart gewordenen Gesicht, dessen Augen ihn unverwandt ansahen, die Zukunft Russlands.

51

Moskau Sonntag, 10. April

11.00 Uhr

 

Das Innere der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale glänzte, von Hunderten strahlender Lichter und Kerzen erhellt. Man hatte die riesige Kirchenhalle eigens für die Fernsehkameras ausgeleuchtet, die die Zeremonie live in die ganze Welt übertrugen. Lord stand an exponierter Stelle nahe beim Altar, Akilina an seiner Seite. Über ihnen funkelten vier Reihen edelsteingeschmückter Ikonen im Licht, ein deutliches Zeichen dafür, dass alles seine Ordnung hatte.

In der Apsis der Kathedrale standen zwei Krönungssessel. Der eine war der Thron des zweiten Zaren der Romanows, Zar Alexej. Er war mit rund neuntausend Diamanten besetzt, außerdem mit Rubinen und Perlen. Das Stück war dreihundertfünfzig Jahre alt und hatte seit hundert Jahren im Museum gestanden. Gestern hatte man diesen Thron aus der Rüstkammer bringen lassen, und nun saß dort hoch aufgerichtet Michael Thorn.

Neben ihm auf dem Elfenbeinsessel thronte seine Frau Margaret. Ihr Thron war im Jahre 1472 von Sophia, der byzantinischen Braut Iwans des Großen, nach Russland gebracht worden. Iwan hatte zu seiner Zeit erklärt: Zwei Roms sind gefallen, doch nun steht das dritte, und ein viertes wird es nicht geben. Heute jedoch, an diesem glorreichen Vormittag im April, sollte ein viertes Rom geboren werden. Eine Verschmelzung des Säkularen und des Religiösen in einer einzigen Person: dem Zaren.

Russland würde ein weiteres Mal von den Romanows regiert werden.

Gedanken an Taylor Hayes zuckten durch Lords Kopf. Selbst jetzt, ein halbes Jahr nach Hayes’ Tod, war der volle Umfang der Verschwörung noch immer unbekannt. Es gab Gerüchte, Adrian, der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, habe selbst mit dazugehört. Doch er hatte jede Verwicklung bestritten und bisher hatte sich nichts Gegenteiliges beweisen lassen. Der einzige Mitverschwörer, der eindeutig bekannt war, war Maxim Zubarew, der Mann, der Lord in San Francisco gefoltert hatte. Doch bevor die Behörden ihn befragen konnten, hatte man seine Leiche in einem flachen Grab außerhalb Moskaus aufgefunden, mit zwei Einschusslöchern im Schädel. Die Regierung vermutete eine weitläufige Intrige, die sogar die Mafija mit einschloss; Zeugen hierfür hatten sich jedoch bisher nicht auftreiben lassen.

Die unbekannten Verschwörer stellten eine echte Gefahr für die entstehende Monarchie dar, und Lord machte sich Sorgen um Michael Thorn. Doch der Anwalt aus North Carolina hatte bemerkenswerten Mut gezeigt. Seine Aufrichtigkeit nahm das russische Volk unwiderstehlich für ihn ein, und selbst seine amerikanische Herkunft wurde als ein positiver Faktor gewertet, nachdem die Regierenden der wichtigsten Nationen ihre Erleichterung über den internationalen Hintergrund dieses Herrschers zum Ausdruck gebracht hatten, der immerhin eine Atommacht regieren würde. Thorn hatte jedoch klar und deutlich darauf verwiesen, dass er ein Romanow sei – durch seine Adern fließe russisches Blut – und dass er die Absicht habe, die Herrschaft über die russische Nation, die die Romanows drei Jahrhunderte lang ausgeübt hätten, neu zu errichten.

Schon früh hatte Thorn angekündigt, dass er ein Kabinett von Ministern ernennen werde, das ihn in der Regierungsverantwortung unterstützen solle. Er hatte Semjon Paschkow als Berater gewonnen und den Führer der Heiligen Schar damit beauftragt, eine Regierungsmannschaft zu bilden. Außerdem würde er die Wahl einer Duma veranlassen, deren Stimme genug Gewicht hatte, um eine absolute Macht des Monarchen zu verhindern. Russland würde ein Rechtsstaat sein. Die russische Nation musste mit der Zeit gehen. Isolationismus war keine Option mehr.

Jetzt saß dieser unprätentiöse Mann auf dem Diamantenthron, seine Frau an seiner Seite, und beide wirkten so, als wäre ihnen die Schwere ihrer Verantwortung vollkommen bewusst.

In der Kathedrale drängten sich die wichtigsten Staatsmänner der Welt. Die englische Königin war ebenso gekommen wie der Präsident der Vereinigten Staaten und die Staatsoberhäupter aller größeren Nationen.

Es hatte eine große Debatte gegeben, ob der neue Zar Michael II. oder Michael III. heißen würde. Der Bruder Nikolaus’ II. hatte den Namen Michael getragen und vermutlich vor seiner Abdankung einen Tag lang regiert. Doch die Zaristenkommission hatte alle Diskussionen mit dem Argument beendet, dass Nikolaus II. nur für sich selbst, nicht aber für seinen Sohn Alexej auf den Thron verzichten konnte. Bei Nikolaus’ Abdankung war daher sein Sohn und nicht sein Bruder Zar geworden. Was bedeutete, dass ausschließlich Nikolaus’ direkte Nachfahren Anspruch auf den Thron hatten. Michael Thorn, der nächste männliche Verwandte des Zaren, würde demzufolge als Michael II. regieren.

Thorns Freund im Justizministerium von North Carolina hatte am Tag nach Taylor Hayes’ Tod einen Vertreter des Außenministeriums gebeten, nach Genesis zu kommen. Man berief den russischen Botschafter ein und dieser trat sofort vor die Zaristenkommission und enthüllte, was in siebentausend Meilen Entfernung bekannt geworden war. Die Endabstimmung wurde vertagt, bis der Thronerbe persönlich vor die Kommission treten konnte, was drei Tage später mit viel Tamtam und unter weltweiter Aufmerksamkeit geschah.

DNA-Tests bestätigten Michael Thorn eindeutig als Nachfahren Nikolaus’ und Alexandras in gerader Linie. Die genetische Struktur seiner DNA entsprach der Nikolaus’ sehr genau und zeigte sogar dieselben Mutationen, die Wissenschaftler bei der genetischen Untersuchung der 1993 identifizierten Gebeine des Zaren gefunden hatten. Die Irrtumswahrscheinlichkeit lag unter 0,001 Prozent.

Auch darin hatte Rasputin sich nicht geirrt. Gott wird es möglich machen, über das Recht des Richtigen Gewissheit zu erlangen.

Dann wurde Lords Aufmerksamkeit zum Altar gelenkt, wo Michael Thorn sich jetzt vom Thron erhob. Alle anderen in der Kirche standen bereits. Thorn trug einen Seidenmantel, der ihm zwei Stunden zuvor beim ersten Akt der Krönungszeremonie über die Schultern gelegt worden war. Er kniete sich, die Stofffalten ordnend, behutsam hin, während alle anderen stehen blieben.

Patriarch Adrian trat heran.

In der daraufhin einkehrenden Stille sprach Thorn ein Gebet.

Adrian salbte ihm die Stirn mit geweihtem Öl und nahm ihm einen Eid ab. In einem Bauwerk, das von Romanows errichtet, von Romanows behütet und schließlich von Romanows verloren worden war, kleidete sich nun ein neuer Romanow in den Mantel der Macht, der den Zaren durch Mord und falschen Ehrgeiz abhanden gekommen war.

Der Patriarch setzte Thorn feierlich eine Goldkrone aufs Haupt. Nach einem kurzen Gebet erhob sich der Zar und trat zu seiner Frau, die ebenfalls in eine wunderschöne Seidenrobe gekleidet war. Sie erhob sich von ihrem Thron und kniete vor ihm nieder. Thorn nahm die Krone vom Kopf, setzte sie erst seiner Frau aufs Haupt und anschließend wieder sich selbst. Dann geleitete er seine Frau zum Thron zurück und setzte sich neben sie.

Eine lange Prozession von Würdenträgern näherte sich, um dem neuen Zaren die Treue zu geloben – Generäle, Gouverneure, Minister, Thorns beide Söhne und viele der verbliebenen Romanows, darunter auch Stefan Baklanow.

Der Beinahe-Zar war einem Skandal entgangen, weil er jegliche Verbindung zu den Verschwörern geleugnet hatte und darauf beharrte, dass ihm keine Schuld nachzuweisen sei. Baklanow behauptete, nicht das Geringste von einer Verschwörung zu wissen, und erklärte, er hätte sich im Falle seiner Wahl als guter Herrscher erwiesen. Lord empfand dies als raffinierten Schachzug. Wer hätte Baklanow des Verrats bezichtigen können? Nur Mitverschwörer, und keiner glaubte, dass diese jemals irgendetwas verlauten lassen würden. Die Russen wussten seinen offenen Umgang mit dem Thema zu schätzen, und er blieb beim Volk beliebt. Lord wusste zweifelsfrei, dass Baklanow tief verstrickt gewesen war. Das hatte ihm Maxim Zubarew gesagt. Eine willige Marionette. Lord hatte die Frage gestellt, ob man Baklanow nicht entgegentreten solle, doch Thorn hatte sich dagegen ausgesprochen. Es habe genug Differenzen gegeben. Man solle die Sache ruhen lassen. Schließlich hatte Lord ihm zugestimmt. Aber er fragte sich immer noch, ob diese Entscheidung richtig gewesen war.

Er warf einen Blick auf Akilina. Sie verfolgte die Zeremonie mit feuchten Augen, deshalb ergriff er zärtlich ihre Hand. In ihrem perlblauen, goldgesäumten Kleid sah sie strahlend aus. Liebte er sie? Keiner von ihnen wusste recht, wie es weitergehen würde. Er war in Russland geblieben, weil Thorn ihn und Akilina in seiner Nähe haben wollte. Thorn hatte ihn sogar gebeten, als sein persönlicher Berater vor Ort zu bleiben. Lord war zwar Amerikaner, doch die Vergangenheit hatte ihn ausgezeichnet. Er war der Rabe. Der Mann, der dem Geschlecht der Romanows zur Wiederkehr verholfen hatte. In dieser Eigenschaft wirkte seine Anwesenheit in einer ansonsten treu russisch gesinnten Umgebung angemessen.

Doch Lord hatte sich noch nicht entschieden, ob er in Russland bleiben würde. Pridgen & Woodworth hatte ihm eine Beförderung angeboten. Er sollte Leiter der Internationalen Abteilung werden, Taylor Hayes’ Nachfolger. Er würde mit einem riesigen Satz viele Karrierestufen überspringen, doch dieses Privileg hatte er verdient, da sein Name nun weltweit bekannt war. Er war versucht, das Angebot anzunehmen, doch der Gedanke an Akilina hinderte ihn daran. Er wollte sie nicht verlassen, und sie hatte ihren lebhaften Wunsch ausgedrückt, bei Thorn zu bleiben und für ihn zu arbeiten.

Die Zeremonie ging zu Ende, und die frisch gekrönten Monarchen traten aus der Kirche, in ihre Brokatmäntel gehüllt, die wie im Jahre 1896 bei Nikolaus und Alexandra mit dem doppelköpfigen Adler der Romanows bestickt waren.

Lord und Akilina folgten ihnen in die frische Mittagsluft hinaus.

Die goldenen Zwiebelkuppeln der vier umliegenden Kirchen des Kathedralenplatzes schimmerten in der Sonne. Der Zar und die Zarin wurden von Limousinen erwartet, doch Thorn lehnte ab. Stattdessen legte er Mantel und Robe ab und führte seine Frau über das Pflaster zur Nordostmauer des Kreml. Der Kreml war ein weiteres Mal die Festung des Zaren – eine Volkszitadelle, wie Thorn ihn inzwischen nannte.

Auf der Nordostseite führte eine hölzerne Treppe die zwanzig Meter hohe Befestigungsmauer hinauf. Der Zar und die Zarin stiegen langsam nach oben, und Lord und Akilina folgten ihnen. Hinter der Mauer lag der Rote Platz. Die Stelle, wo einst Lenins Grab und die Ehrentribünen die Sicht versperrt hatten, lag nun offen da und war gepflastert worden. Thorn hatte Anordnungen erteilt, das Mausoleum niederreißen zu lassen. Die Edeltannen hatte man stehen lassen, doch die Gräber der sowjetischen Würdenträger waren verschwunden. Swerdlow, Breschnjew, Kalinin und all die anderen waren exhumiert und anderweitig beigesetzt worden. Nur Jurij Gagarin durfte weiter dort ruhen. Der Mann, der als erster Mensch im Weltraum gewesen war, verdiente eine herausragende Grabstätte. Andere würden ihm folgen. Gute, anständige Menschen, deren Leben eine solche Ehrung verdiente.

Lord sah zu, wie Thorn und seine Frau eine erste Aussichtsplattform betraten, unmittelbar unter dem Zinnenkranz, aber hoch genug, um über die Mauer zu sehen. Thorn strich seinen Anzug glatt und drehte sich um: »Mein Vater hat mir diesen Moment vorhergesagt. Wie ich mich fühlen würde. Hoffentlich bin ich dem gewachsen.«

»Das bist du«, erwiderte Lord.

Akilina reckte sich und umarmte Thorn. Er erwiderte die Geste.

»Danke, meine Liebe. Früher hätte man dich dafür hingerichtet. Den Zaren in aller Öffentlichkeit zu umarmen.« Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht.

Thorn drehte sich zu seiner Frau um. »Bist du bereit?«

Sie nickte, doch Lord sah die Sorge in ihren Augen. Und wer hätte ihr das verübeln können? Ein jahrzehntealtes Unrecht würde nun wieder gutgemacht werden. Man würde mit der Geschichte Frieden schließen. Lord hatte seinerseits beschlossen, mit seinem eigenen Gewissen Frieden zu schließen. Wenn er nach Hause zurückkehrte, würde er das Grab seines Vaters besuchen. Es war Zeit, sich von Grover Lord zu verabschieden. Akilina hatte mit ihrer Behauptung, das Erbe seines Vaters bedeute ihm mehr, als ihm bewusst sei, Recht gehabt. Grover Lord hatte ihn zu dem Mann gemacht, der er geworden war. Nicht durch sein Vorbild, sondern durch sein abschreckendes Beispiel. Doch seine Mutter liebte diesen Mann zutiefst und würde ihn immer lieben. Vielleicht war es an der Zeit, dass er aufhörte zu hassen.

Thorn und seine Frau stiegen die drei Stufen zur eigentlichen, aus Holz gezimmerten Plattform hinauf.

Lord und Akilina stellten sich auf eine der Zinnen.

Jenseits der Kremlmauer breitete sich ein Meer von Menschen aus, so weit das Auge reichte. Die Medien sprachen von zwei Millionen. Diese Menschen waren in den vergangenen Tagen nach Moskau geströmt. In Nikolaus’ Zeit hätte es zur Feier der Krönung einen Umzug und rauschende Bälle gegeben. Doch Thorn wollte nichts dergleichen. Seine bankrotte Nation konnte und durfte sich einen solchen Luxus nicht leisten. Daher hatte er befohlen, die Plattform errichten zu lassen und bekannt zu geben, dass er um Punkt zwölf Uhr mittags dort erscheinen werde. Als die Turmglocke die Uhrzeit schlug, fiel Lord auf, wie pünktlich der neue Zar war.

Aus Lautsprechern, die überall auf dem Roten Platz aufgestellt worden waren, verkündete eine Stimme Worte, die mit Sicherheit in der ganzen Nation Widerhall fanden. Auch Lord wurde von der allgemeinen Begeisterung angesteckt. Er war bewegt von dieser Ansage, die jahrhundertelang der Sammlungsruf der Führung suchenden Russen gewesen war. Vier einfache Worte, die immer wieder neu aus den Lautsprechern strömten. Seine Augen wurden feucht, und sogar er selbst sprach diese Worte lautlos mit:

Lang lebe der Zar.

Anmerkungen des Autors

Die Idee für diesen Roman kam mir während einer Kreml-Besichtigung. Bei den Vorbereitungen zu diesem Roman habe ich großen Wert auf gut recherchierte Informationen gelegt. Nikolaus II. und seine Familie sind ein faszinierendes Thema. In vieler Hinsicht sind die Fragen, die sich um ihr Ende ranken, schillernder als eine fiktive Geschichte. Seit im Jahre 1991 die sterblichen Reste der Zarenfamilie in einem anonymen Grab gefunden und exhumiert wurden, wird heftig über die Identität der beiden Zarenkinder diskutiert, deren Leichen fehlten. Zunächst untersuchte ein russischer Experte die Gebeine und kam mittels fotografischer Überblendungen zu dem Schluss, dass es sich um Maria und Alexej handelt. Später analysierte ein amerikanischer Spezialist Zahn- und Knochenmaterial und stellte fest, die Fehlenden müssten Alexej und Anastasia sein. Meine Wahl fiel dann auf Anastasia, weil sie ohnehin schon von Legenden umrankt war.

Einige weitere Punkte:

Es gibt in Russland tatsächlich eine zaristische Bewegung wie in Kapitel 21 beschrieben, aber keine zeitgenössische Heilige Schar. Diese ist meine Erfindung. Die Russen sind gleichfalls fasziniert vom Konzept einer »nationalen Idee« (Kapitel 9), einer Ideologie, hinter der die Bevölkerung sich sammeln kann. Die in diesem Roman verwendete Variante stammt von mir und ist recht schlicht – Gott, der Zar und die Nation. Außerdem haben die Russen eindeutig eine Vorliebe für Kommissionen und überantworten wichtige Entscheidungen routinemäßig einer kollektiven Beschlussfassung. Dass ein neuer Zar auf diese Weise bestimmt würde, scheint da nur natürlich.

Die Rückblenden (Kapitel 5, 26, 27, 43 und 44), die die Vorfälle während und im Anschluss an die Exekution der Romanows beschreiben, einschließlich der bizarren Leichenbestattung, basieren auf Tatsachen. Ich habe mich bemüht, diese Ereignisse genauso wiederzugeben, wie sie von Augenzeugen berichtet wurden. Diese Aufgabe wurde jedoch durch widersprüchliche Zeugenaussagen verkompliziert. Der Bericht, wie Alexej und Anastasia entkamen, entspringt natürlich ausschließlich meiner Phantasie.

Der Brief Alexandras (Kapitel 6) ist fiktiv, allerdings wurden viele Formulierungen wörtlich aus anderen Briefen Alexandras an Nikolaus übernommen. Die beiden hatten tatsächlich eine liebevolle und leidenschaftliche Beziehung.

Die in Kapitel 13 zitierte eidesstattliche Erklärung eines fiktiven Wächters in Jekaterinburg ist realen Dokumenten entnommen.

Die Informationen über Felix Jussupow sind korrekt, mit Ausnahme seines Plans, Alexej und Anastasia zu retten. Leider erkannte der reale Mann, im Gegensatz zum fiktiven Jussupow, der letztlich ein ehrenwerter Mensch ist, niemals, wie töricht Rasputins Ermordung war und welchen Schaden er damit der Zarenfamilie zugefügt hatte.

Jakow Jurowski, der finstere Bolschewik, der Nikolaus II. hinrichtete, ist treffend dargestellt und meistens mit seinen eigenen Worten zitiert.

Die Leistungen Carl Fabergés entsprechen der Realität, mit Ausnahme des Duplikats des Lilien-im-Tal-Eis. Die Versuchung, dieses Kleinod in die Erzählung einzufügen, war unwiderstehlich. Das Meisterwerk erschien mir als das perfekte Versteck für die Fotos der überlebenden Thronerben.

Die in den Kapiteln 40 und 42 beschriebene Paulownia gedeiht im westlichen North Carolina. Ihr Namensbezug zur russischen Zarenfamilie ist gleichermaßen zutreffend. Die reizvollen Blue Ridge Mountains wären tatsächlich ein perfekter Zufluchtsort gewesen, da die Landschaft (wie Akilina in Kapitel 42 erwähnt) in vieler Hinsicht manchen Teilen Sibiriens entspricht.

Der Barsoi (russischer Windhund), der in der Geschichte eine so wichtige Rolle spielt (Kapitel 46, 47, 49 und 50), ist eine temperamentvolle Rasse, die tatsächlich vom russischen Adel geschätzt und gezüchtet wurde.

Es sei hier deutlich gesagt, dass Nikolaus II. in keiner Weise als wohlwollender und gütiger Herrscher bezeichnet werden kann. Die negativen Feststellungen, die Miles Lord in Kapitel 23 über ihn trifft, sind angemessen. Dennoch war das Schicksal der Romanows tragisch. Tatsächlich wurden, wie erwähnt, zahlreiche Mitglieder der Familie ermordet. Es wurden tatsächlich systematische Anstrengungen unternommen, das Geschlecht komplett auszulöschen. Ebenso historisch ist Stalins Paranoia bezüglich der Romanows, die ihn veranlasste, alle sie betreffenden Dokumente unter Verschluss zu halten (Kapitel 22, 23 und 30). Seine Angst, sie könnten erneut den Thron besteigen, macht ihr schreckliches Ende nachvollziehbarer. Das tatsächliche Schicksal Nikolaus’ II. seiner Frau und seiner Töchter blieb dagegen leider bis zum Schluss völlig unromantisch. Wie in Kapitel 44 beschrieben, lagerten die Gebeine der Romanows nach der Exhumierung 1991 über sieben Jahre im Regal eines Laboratoriums, während zwei Städte – Jekaterinburg und St. Petersburg – sich um ihren Besitz stritten. Schließlich entschied eine weitere der berühmt-berüchtigten russischen Kommissionen zugunsten von St. Petersburg, und die Familienmitglieder wurden mit königlichem Pomp an der Seite ihrer Ahnen bestattet.

Sie wurden in ein einziges Grab gelegt. Was vielleicht passend ist, da alle Zeitzeugen darin übereinstimmen, dass sie eine eng verbundene, liebevolle Familie waren.

So soll es auch im Tod bleiben.

Dank

Mein Dank gilt zunächst Pam Ahearn, meiner Agentin und guten Freundin, der ich unter anderem die Idee für den Titel dieses Buchs verdanke. Dank auch allen Mitarbeitern bei Random House: Gina Centrello, einer außergewöhnlichen Verlegerin, die mir eine Chance gab; Mark Tavani, der als Lektor mit seinen klugen Ratschlägen das Manuskript an vielen Stellen verbessert hat; Kim Hovey mit ihrem erstklassigen Publicity-Team, dem neben anderen auch Cindy Murray angehört; Beck Stvan, der für das großartige Titelbild verantwortlich zeichnet; und schließlich all jenen in den Bereichen von Marketing, Reklame und Verkauf, deren unermüdlicher Einsatz gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Danke auch Dan Brown, der einem schriftstellerischen Anfänger wie mir mit großer Güte begegnete und der lebende Beweis dafür ist, dass Erfolg nicht zwangsläufig den Charakter verdirbt. Ich darf auch Fran Downing, Nancy Pridgen und Daiva Woodworth nicht vergessen, deren Anregungen und Kritik ohne Zweifel für jeden Autor ein Gewinn sind. Ganz besonders aber möchte ich meiner Frau Amy und meiner Tochter Elizabeth danken, die mein Leben ganz entscheidend bereichern.