DRITTES KAPITEL

Die Stadt Wardabaha

Leary blieb beim Funkgerät für den Fall, dass das Basislager mit ihnen Kontakt aufnehmen wollte. Skinner war bereits zum Wachdienst abgestellt. Er richtete sich an einem der Browning-MGs ein und hatte eine Leuchtpistole zur Hand, falls sich herausstellen sollte, dass das Ganze eine Finte der Tuareg war, um die Fahrzeuge plündern zu können. Die anderen folgten A’isha mit Taschenlampen über die versilberte Landschaft. Keiner sprach ein Wort. Ihre Füße versanken im weichen Sand, und die Abdrücke füllten sich mit Mondlicht, als ob Quecksilber in die Vertiefungen rinne. Eine weiße Eidechse, von dem Licht aufgescheucht, huschte über ihren Weg und verschwand im Dunkel.

Sie hatten nicht weit zu gehen, höchstens vierhundert Meter. Da sie eine Wüstenstadt mit Türmen und Zinnen, Kuppeln und Minaretten, mit uralten Treppen erwarteten, an denen der Zahn der Zeit genagt hatte, sahen sie zunächst gar nichts. Als A’isha erklärte, sie seien angekommen, erblickten sie ringsum nur Dünen, denen weitere Dünen folgten, und über allem das silberne Mondlicht.

A’isha musste Gerald am Arm nehmen und an den Ort geleiten, den sie im Auge hatte. Die anderen folgten, fast sicher, dass die Frau – ob nun aus Heimtücke oder Übermut – sie hinters Licht geführt hatte. Chips wollte sofort umkehren. Er glaubte, die Tuareg hätten sie fortgelockt, um die Fahrzeuge ausrauben zu können. Leary und Skinner waren vielleicht schon tot. Aber sie hatten weder einen Schuss noch Schreie gehört. Ringsum herrschte Totenstille.

Dann war plötzlich alles anders, als hätte sich die Landschaft selbst gewandelt oder als würden magische Dinge für das menschliche Auge sichtbar. Unmittelbar rechts neben sich erblickte Gerald etwas wie eine menschliche Gestalt, eine Frau, in ein Gewand gehüllt. Als er sah, dass sie keinen Kopf hatte, wurde ihm klar, dass er vor einer Statue stand. Hinter ihm stieß Max Chippendale einen Pfiff aus.

»Heiliger Herkules!«

Er trat an die Figur heran, die jetzt der Mond beleuchtete. »Römisch«, sagte er. »Römisch und so weit im Süden! Das ergibt keinen Sinn.«

»Dr. Chippendale, hierher«, rief Teddy Clark, dem der wissenschaftliche Grad des Professors wie von selbst über die Lippen kam.

Er war über einen Löwenkopf aus Marmor gestolpert – mit geblähten Nüstern, weit offenen Augen und einer wunderbar geformten gewaltigen Mähne.

Als sie zwischen zwei Dünen hindurchgingen, lag eine ganz neue Welt vor ihren erstaunten Blicken: Säulen, zerfallen oder noch von Kapitellen aus Akanthusblättern gekrönt, ragten aus dem Sand. Auf der einen Seite waren zwei Torbogen durch ein rundes Gesicht verbunden, umkränzt von langen, gekräuselten Locken.

»Medusa«, flüsterte Chippendale. Das seien keine Locken, erklärte er, sondern Schlangen, so fein ziseliert, als ob sie lebten.

Das Mondlicht, das auf das Gesicht fiel, schien es von innen zu erleuchten.

Max wanderte wie in Trance zwischen den Ruinen umher, die ihm vorkamen wie die großen römischen Städte des libyschen Nordens: Leptis Magna, Ptolemais oder Sabratha. Libyen, damals Cyrenaica genannt, war eine der größten Provinzen des Römischen Reiches gewesen, die Getreide, Vieh und eine breite Palette von Heilkräutern lieferte. Allein der Handel mit Silphium, einer Pflanze, die aussah wie übergroßer Fenchel, hatte die Provinz reich gemacht. Im antiken Libyen hatte es Amphitheater, Bäder, Foren und Villen gegeben – all die Symbole einer Erfolgsgeschichte des Reiches.

»Ich kann bisher nur raten«, sagte Max und ließ seine Hand am kannelierten Schaft einer Säule aus Rosengranit hinabgleiten, »aber ich denke, die Bauten stammen aus der Zeit, nachdem der Kaiserkult nach Libyen gebracht wurde. Das war von 70 nach Christi während der gesamten Herrschaftszeit Trajans bis etwa 100 oder etwas später. Das ist allerdings nur eine Vermutung. Es kann hier auch wesentlich jüngere Bauten geben. Unter dem Sand kann alles Mögliche liegen. Das hängt davon ab, wie lange diese Stadt bewohnt war.«

»Ist sie denn irgendwo erwähnt?«, fragte Gerald.

Max zuckte die Achseln.

»Keine Ahnung. Ich habe Vorlesungen über das römische Afrika gehalten, aber ich bin kein wirklicher Experte. Es könnte schon Erwähnungen geben, doch ich bin nirgendwo darauf gestoßen. Irgendetwas sitzt in meinem Hinterkopf. Es wird mir schon noch einfallen.«

Es war Clark, der schließlich auf den Eingang stieß. Der junge Teddy Clark, ein hübscher Kerl aus Kent, ein Bauernsohn, den es, kaum aus der Schule, in diese Wüste aus Stein und Geröll, fern von den grünen Feldern seines Vaters, verschlagen hatte. Mit scharfem Blick hatte er die Tür im Sand erspäht, lief darauf zu und rief die anderen herbei.

Der halboffene Eingang befand sich am windgeschützten Abhang einer Düne. Zu beiden Seiten erhob sich je ein rechteckiger geriffelter Pfeiler von etwa zwei Metern Höhe, abgedeckt von einem Türsturz aus Stein, der eine eingemeißelte, vom Sand teilweise abgeschliffene griechische Inschrift trug. An beide Enden des querliegenden Steins hatte der Bildhauer eine Rosette aus sechs schmalen Blättern, flankiert von stilisierten Palmen, gesetzt.

Es war jedoch die Tür selbst, bei der es Max Chippendale den Atem verschlug. Die beiden Flügel bestanden aus Bronze. Auf dem rechten hatte eine Meisterhand die naturgetreue Nachbildung eines siebenarmigen Leuchters in Gold aufgetragen und auf dem linken mit ebensolcher Kunstfertigkeit ein Kreuz, das eine hebräische Inschrift trug. Der linke Flügel war nicht ganz geschlossen, so dass ein Kind hätte hindurchschlüpfen können.

Erstaunt über die so unterschiedlichen Darstellungen, hob Max die Hand zu dem oberen Querbalken und wischte den Sand beiseite, der sich dort abgelagert hatte. Nach und nach traten die griechischen Lettern deutlich hervor.

Gerald ging ganz nahe heran und starrte auf die Inschrift. Die anderen sammelten sich um ihn. A’isha stand etwas entfernt, als fürchte sie sich, näher zu treten.

»Das verstehe ich nicht«, sagte Gerald. »Ich denke, das war eine römische Ansiedlung. Was hat eine griechische Inschrift hier zu suchen?«

»Können Sie sie lesen?«, fragte Max.

»Nicht ohne Wörterbuch. Griechisch ist in der Schule nicht gerade mein Lieblingsfach gewesen.«

»Eigentlich müssten Sie sich vielmehr fragen, was das Hebräische auf dem Kreuz zu suchen hat. Darauf weiß ich keine Antwort. Aber das Griechische ist leicht zu erklären. In Ägypten und der Cyrenaica haben die Römer noch Griechisch benutzt. Das ist bekannt. Das Hebräische kommt mir merkwürdig vor, ebenso der Leuchter. Der ist eindeutig jüdisch. Und direkt neben einem christlichen Symbol. Ganz außergewöhnlich.«

»Das sehe ich auch. Können Sie das Griechische verstehen?«

Donaldson hatte eine Öllampe aus einem Wagen mitgenommen, die er jetzt hochhielt. Das flackernde Flämmchen ließ Licht und Schatten über die Inschrift huschen.

Max überflog die griechischen Lettern, dachte einen Augenblick nach und übersetzte dann:

 

Dieser Eingang zur Proseuchê wurde im zweiten Jahr von Kaiser Marcus Ulpius Trajanus am siebenten Tammuz auf Anordnung des Archisynagogos Dositheos, Sohn des Ammonius und des Archiprostates Zenion, Sohn des Zoilos, durch die Ebonyim Gemeinde von Ain Shelomo errichtet.

 

»So ungefähr«, sagte Max.

»Wann ist denn das gewesen?«, fragte Teddy Clark. »Das zweite Jahr des Trajan?«

Max rechnete kurz nach.

»Irgendwann um 100 n. Chr. Trajan ist im Januar 98 zum Kaiser gekrönt worden. Die Monatsangabe ist allerdings merkwürdig. Tammuz ist ein jüdischer Monat. Und wenn ich nicht irre, dann ist Proseuchê ein anderes Wort für Synagoge. Dieser Dositheos könnte dann das Oberhaupt der Synagoge gewesen sein.«

»Eine Synagoge war das nicht«, widersprach Donaldson, »mit einem Kreuz an der Tür.«

Max zuckte die Schultern.

»Ich denke, wir werden hier noch manche Überraschung erleben.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Das weiß ich selber bisher nicht. Wir sollten versuchen hineinzukommen, meint ihr nicht?«

Sie blickten einander in die Gesichter, auf denen das Mondlicht lag, und dann in die Dunkelheit hinter der Tür.

»Ob sie überhaupt aufgeht?«, fragte Gerald.

Die Tür schien in der Stellung, in der sie sie vorgefunden hatten, festgeklemmt zu sein. Halb offengehalten durch einen Berg von Sand, was dahinter lag, für immer unter dem Gewicht der Wüste begraben, ihre Geheimnisse auf ewig im Dunkel verborgen.

Max fegte den Sand von den Reliefs auf den Türflügeln und fuhr dann mit der Hand sachte die Kante des halboffenen Flügels entlang. Er spürte alten Sand und Schmutz, Ablagerungen, die die Jahrhunderte hier hinterlassen hatten.

»Das lässt sich herausfinden«, sagte er. Und er drückte den linken Flügel sachte nach innen. Die anderen halfen mit. Zu ihrer Überraschung gab der Türflügel nach. Zwischen Tür und Boden war so viel Raum, dass der Flügel sich etwas bewegen ließ und den Sand dahinter beiseiteschob.

Als die Öffnung groß genug war, dass sie hindurchschlüpfen konnten, nahm Max eine der Taschenlampen und ging voran. Ein Strahl des Mondes folgte ihm, ein fahler, milchiger Schwall von flüssigem Alabaster, der sich auf dunklen Sand ergoss. Gerald befahl Clark, draußen Wache zu halten.

»Haben Sie ein Auge auf A’isha«, sagte er. »Ich vertraue ihr immer noch nicht.«

Die junge Frau war nicht mehr zu sehen. Gerald ließ den Strahl seiner Taschenlampe über die umliegenden Dünen gleiten, aber von A’isha keine Spur.

»Rufen Sie uns, wenn etwas geschieht, Clark«, ordnete er an. »Was es auch sei.«

Er trat durch die Tür.

Es war, als wäre er mit diesem einen Schritt von einer Welt in eine andere gelangt, wie ein Mann, der von einem Schiff ins Meer fällt und sofort in dessen endlose Tiefe hinabgezogen wird. Im Augenblick des Falls weiß er noch nicht, welch enorme Veränderung sich vollzieht, wie tief und kalt der Ozean sein wird. So erging es Gerald Usherwood und seinen Kameraden, als sie sich aus der Wüste in ein Meer aus Stein und den Netzen unermüdlicher Spinnen begaben.

Sie traten in einen lichtlosen Raum. Sein Dach hatte keine Öffnung, durch die Mond oder Sterne hätten hereinscheinen können. Dieses Dunkel herrschte hier seit Jahrhunderten. Das spürte er sofort. Drinnen war es nicht kälter und nicht wärmer als draußen. Als aber der Strahl seiner Lampe auf die Wände und verschatteten Vorsprünge der hohen Decke fiel, schrumpften die riesigen Räume der Wüste, in denen er sich nun schon seit Jahren bewegte, auf die Dimension eines uralten Gemachs zusammen, eines Vorzimmers, das ihn tiefer ins Innerste dieser Welt führen sollte.

Viele Hunderte von Jahren hatten Myriaden von Radnetz- und Baldachinspinnen den Raum durchquert und überall ihre Netze hinterlassen. Vom Lichtstrahl der Taschenlampe erschreckt, fuhren die lebenden Exemplare nach allen Seiten auseinander und suchten in der Dunkelheit Schutz. Eine ca. 15 cm große Kamelspinne huschte aus ihrem nächtlichen Hinterhalt in einen Riss zwischen Wand und Fußboden. Gerald hielt sich in der Mitte des Raumes, denn in den Spalten und Fugen der Mauern konnten Skorpione sitzen.

Max folgte ihm schweigend, und gemeinsam beleuchteten und betrachteten sie die Einzelheiten der Vorhalle.

Sie wurde zu beiden Seiten von vier ionischen Säulen gestützt. An einer Wand entdeckten sie eine Steintafel mit einer hebräischen Inschrift, gegenüber eine ähnliche mit Schriftzügen in Latein. Die Wände waren mit Dutzenden wunderschöner Mosaiken geschmückt. Eines an der Wand genau gegenüber dem Eingang fiel besonders auf. Es glitzerte und leuchtete im kalten Licht der Taschenlampen mit weißen, roten, blauen und goldenen Steinchen. Es stellte ein großes weißes Bauwerk auf einem Berg dar, zu dem von allen Seiten steile Treppen führten. Es war von Befestigungsanlagen mit Türmen an den Ecken und einem großen Hof umgeben. Das zentrale Gebäude überragte die Umgebung beträchtlich. Das Dach glänzte golden und wurde von Säulen mit goldenen Kapitellen getragen. Ein riesiges Tor führte in das dunkle Innere. Am Himmel darüber schwebten Engel mit goldenen Flügeln. In der Stille glaubte man ihr Rauschen zu vernehmen.

Gerald trat an das Mosaik heran und fuhr mit den Fingern sacht über die Steine.

»Das ist ja, als sei es erst gestern gemacht«, sagte er leise. »Als hätte der Künstler es gerade verlassen und sei noch in Rufweite. Schaut euch das Gold an. Die Steinchen sind aus Glas und mit Blattgold unterlegt. So etwas hat man mitten in der Wüste hergestellt.«

Max trat zurück und sah sich das Mosaik aus etwas größerer Entfernung an.

»Das ist der Tempel«, sagte er.

»Der Tempel?«

Max zögerte. Er trat dicht an das Bild heran und betastete die Steinchen wie Gerald mit den Fingerspitzen. Dann kam es von ihm mit ruhiger, aber klar vernehmbarer Stimme: »Im achtzehnten Jahr seiner Regierung nahm Herodes … noch ein schwieriges Werk in Angriff. Er ging nämlich daran, den Tempel Gottes in weit größerem Umfang und viel höher zu errichten; denn er glaubte, dieses Werk müsse, wenn er es vollendete, wie es auch wirklich der Fall war, herrlicher sein als alles, was er bisher zustande gebracht hatte, und er würde sich dadurch ein dauerndes Andenken sichern.«

»Das ist der zweite Tempel, der über dem Salomos errichtet wurde. Die Römer brannten ihn nieder, als sie Jerusalem im Jahr 70 zerstörten, dreißig Jahre vor der Zeit, auf die sich die Inschrift draußen bezieht. Die Leute, die hier in der Wüste gebaut haben, können Juden gewesen sein, die damals fliehen mussten. Sehr viele ließen sich in Ägypten und der Cyrenaica nieder. Wenn ich mich recht erinnere, sind sie nach Süden gezogen.«

»Und was bedeutet dann das Kreuz?«, fragte Donaldson.

»Ich denke, die Antwort sehen wir hier«, sagte Max und hielt die Taschenlampe auf eine weitere Tafel an derselben Wand. Auf diesem Mosaik war eine ganz andere Szene zu sehen: Ein Mann schleppte ein römisches Kreuz, während die Umstehenden ihn entweder verspotteten oder ihm zu Hilfe eilten.

»Das gibt doch keinen Sinn!«, rief der Doktor. Seine calvinistische Erziehung in Aberdeen hatte ihn gegen bildliche Darstellungen allergisch gemacht. Sein Vater hätte dieses Mosaik wohl Teufelswerk genannt und seine Mutter etwas von Götzenverehrung gemurmelt. »Warum sollten Juden an der Wand ihrer Synagoge ein Bild unseres Herrn haben?«

»Ach was!«, sagte Max, sehr bemüht, nicht eingebildet zu wirken. »Das auf dem Mosaik ist nicht Jesus Christus.«

»Wer soll es denn sonst sein?«

»Haben Sie die Bibel nicht gelesen? ›Und zwangen einen, der vorüberging mit Namen Simon von Cyrene, … (der ein Vater war des Alexander und Rufus), dass er ihm das Kreuz trüge.‹ Zu Pfingsten besuchten Juden aus Cyrene Jerusalem, und einige der ersten Christen waren Bekehrte aus Libyen, also aus Cyrene, darunter Simon und seine Söhne.«

»Woher wollen Sie wissen, dass das Simon sein soll?«

Max wies auf eine Inschrift unter dem Bild.

»Weil es hier geschrieben steht. Jesus ist der dort hinter ihm.«