Als Max seine Erklärung beendet hatte, hörten sie ein Geräusch hinter sich. Es war Teddy Clark.
»Sir, die Frau, die uns hierher geführt hat …«
Gerald fuhr herum, denn er befürchtete, jetzt sei A’ishas Verrat offenbar.
»Was ist mit ihr?«
»Sie ist wieder da. Mit einer Freundin. Sie haben Lampen gebracht. Ich habe ihr zu verstehen gegeben, sie sollen sie Ihnen bringen, aber sie rühren sich nicht vom Fleck. Ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen soll.«
Sie traten vor die Tür. A’isha und eine zweite Frau standen in einiger Entfernung und zitterten am ganzen Leib. Jede trug einen großen Korb aus Palmwedeln, in denen mit Olivenöl gefüllte Lampen aus Ton lagen.
Als Gerald sich ihnen näherte und der Strahl der Taschenlampe sie traf, wandten sie sich ab. Gerald ließ die Lampe sinken.
»Die sind für dich«, sagte sie. »Damit könnt ihr dort drinnen besser sehen.«
»Kommst du nicht mit hinein? Dort gibt es schöne Dinge anzuschauen.«
»Ist es ein Schatz? Die Alten haben erzählt, da drin seien Schätze, Gold und Edelsteine. Sie gehören dem König und der Königin, die dort begraben sind.«
»Davon habe ich nichts gesehen. Wenn du mitkommst …«
Die Frauen übergaben ihm die Körbe, ließen sich aber nicht dazu bewegen, durch die Tür zu gehen.
Sie nahmen die Lampen mit hinein und zündeten sie eine nach der anderen an. In ihrem ruhigen Licht wurden weitere Mosaiken auf dem Fußboden und an der Decke sichtbar. Zwischen der Darstellung des Tempels und dem Bild des heiligen Simon erblickten sie eine zweiflügelige Holztür, die ebenfalls mit feinen Schnitzerein geschmückt war. Auf beiden Flügeln war ein langgezogenes Kreuz zu sehen, umgeben von Fischen, die in hohen Wellen schwammen, Engeln, die Dämonen besiegten, Löwen, die unter Palmen ruhten, und Lilien, die sich in einem Lüftchen wiegten, das vor Jahrhunderten geweht hatte.
Gerald drückte kräftig gegen den rechten Flügel, der mit einem schrillen Quietschen und Knarren der uralten Angeln nachgab. Er trat hindurch, gefolgt von den anderen, die mehrere Lampen mitbrachten und dann zurückgingen, um weitere zu holen. Als es langsam heller wurde, eröffnete sich ihnen nach und nach eine Welt längst vergangener Schatten. Um sie herum war ein Flüstern und Raunen, als erwachten die Toten von Jahrhunderten zu neuem Leben.
An drei Seiten stiegen Sitzreihen zu mosaikgeschmückten Wänden empor wie in einem römischen Amphitheater. Als sie die Lichtkegel ihrer Taschenlampen nach oben richteten, erstrahlte über ihnen eine mit Gold und Glassteinchen geschmückte Kuppel. Sie wurde von zwei Engeln getragen, deren schneeweiße Gewänder und goldenen Flügel fast ihre gesamte riesige, von Flammen gesäumte Oberfläche einnahmen.
»Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie Schnee«, zitierte Max.
Am Ende des Raumes stand die Bima, das hölzerne Pult, auf dem die Thora gelesen wurde, und dahinter der Schrein zur Aufbewahrung der Thora-Rollen. Es war, als habe sich die Gemeinde gerade erst erhoben und sei hinaus in die helle Sonne, unter die Palmen und den blauen Himmel gegangen. Gerald kam es vor, als steige ihm ein feiner Duft von Weihrauch, Myrrhen, vielleicht auch Sandelholz, Ambra oder Opopanax des Salomo in die Nase.
Das war also eine Synagoge. Aber über der Lade, wo die Gesetzestafeln hingehörten, stand ein goldenes Kreuz, dessen ausladende Arme im Licht der Lampen funkelten.
»Was hat das alles zu bedeuten, Max?«, fragte Gerald, dem an diesem Ort fern des Krieges jeder Sinn für militärische Ränge abhandengekommen war. »Das ist keine Synagoge, aber auch keine Kirche. Ich verstehe das nicht.«
Max schaute eine Weile schweigend um sich, als wisse er nicht, wo er anfangen und wo er aufhören sollte.
»Für mich ist das kein Widerspruch«, sagte er dann. »Die ersten Christen waren Juden. Dieser Ort ist offenbar von Juden errichtet worden, die an die Gesetze des Moses glaubten, aber Jesus als den letzten der Propheten, als einen von Gott gesandten Wundertäter, einen Erzengel anerkannten, der über die anderen Engel herrscht. Jesus’ Familie war für sie ein heiliges Geschlecht. Vergessen Sie nicht, dass an der Spitze der Kirche von Jerusalem Jakob, Jesus’ Bruder, stand. Als die Römer Jerusalem zerstörten, muss einer der Führer der Ebioniten, wie die Judenchristen sich selbst nannten, eine Gruppe von ihnen nach Westen geführt haben, wohin auch andere Juden flüchteten. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass der heilige Simon von Cyrene darunter war. Vielleicht hat er sie sogar angeführt. Wenn das zutrifft, dann hätten wir hier den wichtigsten archäologischen Fund unseres Jahrhunderts oder gar aller Zeiten vor uns. Pharao Tutanchamun sähe dagegen ziemlich blass aus, finden Sie nicht? Und wir haben bislang nur an der Oberfläche gekratzt. Sehen Sie, dort!«
Er wies in die Mitte des Raumes, wo ein von Säulen umgebenes offenes Rechteck zu erkennen war. Es lag in tiefem Schatten, aber als sie genauer hinschauten, konnten sie in der Mitte eine Öffnung im Fußboden erkennen, wo Stufen weiter nach unten führten.
»Welche Bedeutung dieser Ort auch haben mag«, sagte Max, »dort wird sie sich uns enthüllen. Am Ende dieser Treppe. Kommt einer der Gentlemen mit mir?«
Max ging voran und fegte die Spinnweben beiseite, als er die erste Stufe betrat. Wieder flüchteten kleine Wesen aus dem Licht der Taschenlampe. Ihr Strahl ließ etwa ein Dutzend Stufen sichtbar werden, die in eine Art Keller unter der Synagoge führten. Gerald folgte ihm mit angehaltenem Atem. Er war zu Tode erschrocken, denn es machte ihm Angst, was sie dort entdecken mochten, in welches Geheimnis sie so unbedachtsam hineingestolpert waren.
Die Stufen endeten an einer weiteren Holztür, deren beide Flügel jeweils die Gestalt eines Engels mit einer Trompete und einer Krone auf dem Kopf schmückte. Die Engel waren vergoldet und mit Edelsteinen besetzt. Rubine säumten die Kronen wie Kirschen, die Trompeten waren mit Chrysolithen, Türkisen und Saphiren belegt, die Säume der Gewänder mit Jaspis, Saphiren, Smaragden und Gemmen aus tiefblauem Lapislazuli verziert.
Max legte seine Hand auf die Schulter eines Engels und drückte gegen die Tür. Sie ließ sich geräuschlos öffnen. Als er mit der Taschenlampe hineinleuchtete, erblickten sie einen offenen Raum, der ihnen ebenso groß erschien wie jener darüber, aus dem sie gerade kamen.
»Bringt so viele Lampen herunter, wie ihr könnt«, rief er.
Während die anderen davoneilten, trat Max vorwärts, gefolgt von Gerald. Die Luft war so verbraucht, dass beide Männer nach Atem rangen. Gerald zog seinen Dolch aus der Scheide und rammte ihn unter den einen Türflügel, damit er offen blieb. Max tat das Gleiche mit dem anderen, um so viel Luft wie möglich in den Raum zu lassen.
Die ersten Lampen schaffte Donaldson herein. Es waren die Sturmlaternen von den Fahrzeugen, die flackerten und sprühten, weil es an Sauerstoff mangelte. Er stellte sie ab und lief zurück, um noch mehr Licht zu holen. Clark brachte ein paar von den Öllampen, und langsam wurde es heller.
Sie befanden sich in einer Krypta mit steinernen Gräbern und zahllosen Mauernischen, in denen Gebeine ruhten. Auf Sockeln standen Sarkophage unterschiedlicher Größe. Eine Wand war von halbrunden Aushöhlungen wie von Waben bedeckt, in denen je ein Schädel lag. Auf den Stirnen waren die Namen der Toten verzeichnet. Eine weitere Wand trug Inschriften in Hebräisch, Griechisch und Latein. Vor der dritten Wand, gegenüber der Tür, stand ein hölzernes Behältnis, sehr ähnlich der Lade im oberen Raum. Es war ein etwa 1,50 Meter hoher Schrein ähnlich einer Truhe mit zwei Türen. Die Türflügel zeigten die Gestalten von zwei Engeln. Die waren aus Marmor geschnitten und mit Gold verziert. Jeder hielt ein goldenes Kreuz hoch.
Max ging wie benommen zwischen den Grabstätten umher und versuchte, die Inschriften zu entziffern. Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und begann Einzelheiten des Vorgefundenen festzuhalten. Niemand sagte ein Wort. Gläubige wie Ungläubige spürten, dass dies ein heiliger Ort war. Die Toten schliefen hier seit fast zweitausend Jahren. Vater und Mutter, Mann und Frau, Sohn und Tochter. Ganze Familien, in Einzelgräbern beigesetzt oder Seite an Seite in den Wandnischen, wo ihre Gebeine der Zeit getrotzt hatten und immer noch trotzten.
In der Nähe des Schreins befanden sich mehrere große Sarkophage dicht beieinander. Max las und notierte die Inschriften. Dann stand er eine Weile ganz still, die Hand auf den größten von ihnen gelegt. Gerald bemerkte, dass er aschfahl geworden war und die Hand auf den Sarkophag stützte, um ihr Zittern zu verbergen. Als er das Schweigen endlich brach, war es, als sei er von einer Reise aus einem fernen Land mit der Nachricht von einem Krieg oder dem Tod eines Königs zurückgekehrt, als stehe er vor ihnen wie eine Braut in dem Augenblick, da sie ihren Angetrauten empfängt.
»Gentlemen«, sagte er mit bebender Stimme. Bisher hatte er als der Ruhigste von allen gegolten, der sich nie aus der Fassung bringen ließ und stets Geduld anmahnte. »Gentlemen«, setzte er noch einmal an, »wir befinden uns hier an einem Ort, der von Geistern bewohnt ist. Sie alle haben Namen, die lange Schatten werfen. Die Gebeine in den Nischen sind ganz außergewöhnlich. Dort zum Beispiel« – er wies auf ein großes Behältnis zu seiner Rechten – »liegen jene des Simon von Cyrene. Daneben ruhen die Gebeine seiner beiden Söhne Alexander und Rufus. Alexanders Sarg ist eindeutig zuzuordnen. Oben sehen wir die Inschrift Alexandros Simonos, Alexander, Sohn des Simon, und an einer Seite Alexandroi, des Alexander. Beide Behältnisse tragen auch hebräische Inschriften. Die werde ich später kopieren. Aber das ist noch nicht alles.«
Er winkte sie näher an den Schrein heran.
»Hier stehen fünf große Sarkophage. Der eine beherbergt zwei Personen, wahrscheinlich Mann und Frau. Der Name des Mannes ist Joseph, der seiner Frau Maryam – Maria. Dabei steht: Die Nazarenen – aus Nazareth. An den übrigen seht ihr drei weitere Namen: Jakob, Judas und Maria. Ihr werdet euch erinnern, dass Jesus’ Geschwister diese Namen trugen. Jakob stand der Kirche in Jerusalem vor. An den Sarkophagen sind längere Inschriften auf Hebräisch oder Aramäisch angebracht. Ich werde sie ebenfalls kopieren.«
Als er geendet hatte, breitete sich ein Schweigen in dem Raum aus, das anders war als sonst. Nicht das Fehlen jeglicher Geräusche oder die Stille, die sie aus der Wüste kannten. Es war etwas, das sie noch nie erlebt hatten. Beim Flackern der Lämpchen und den huschenden Schatten blickten sie einander ins Gesicht und sahen, wie betroffen sie waren. All das Militärische, das sie verhärtet und sie gelehrt hatte, ohne Reue zu töten, war von ihnen abgefallen. Eine unbekannte Kraft von weit her hatte sie zum Schweigen gebracht, gleichsam in ihren Bann geschlagen. Sie konnten nichts tun, als sich dieser großen Stille zu unterwerfen, bis einer von ihnen die Sprache wiederfand.
Es war, als seien Engel mit Flügeln so weit wie die Wüste in diesen engen, luftlosen Raum herabgestiegen und hätten sie über sie gebreitet, um sie auf eine neue Unruhe und eine kommende andere Ordnung der Dinge vorzubereiten.
Der Erste, der wieder etwas sagte, war Gerald.
»Ich kann das alles … nicht glauben. Ich verstehe nicht, wie …«
»Sie sind hierhergekommen, nachdem Jerusalem zerstört und geplündert wurde. Als man den Tempel niedergebrannt hatte. Sie müssen die Gebeine auf dem ganzen weiten Weg von den Familiengräbern außerhalb der Stadt bis zu diesem, ihrem neuen Wohnort, mit sich geführt haben. Alexander und Rufus können damals noch nicht sehr alt gewesen sein, vielleicht waren sie noch gut bei Kräften. Sicher sind sie es gewesen, die die Gebeine ihres Vaters auf der Flucht mitnahmen. Als sie diesen Ort erreichten, mussten sie neue Grabstätten für sie errichten. Wer weiß, wessen Gebeine noch auf Maultieren oder Kamelen hierhergeschafft wurden. Wie viele der zweiten und dritten Generation starben und hier begraben sind.«
»Und was bedeutet das dort?«, fragte Bill Donaldson und wies auf den großen hölzernen Schrein, von dem er annahm, dass er einem Zweck diene, der über allem anderen stehe. Abgesehen von den vergoldeten Engeln auf jeder Seite trugen seine Türen nur eine einfache Inschrift in Hebräisch. Die Lettern hatte man fein aus dem Holz herausgeschnitzt und dann mit Blattgold belegt. Obwohl das vor Jahrhunderten geschehen sein musste, leuchteten sie so stark, als wären sie von einem göttlichen Feuer erfüllt.
Soweit Max erkennen konnte, war der Schrein aus Zedernholz gemacht. Als er ihn beim Licht der Taschenlampe genauer in Augenschein nahm, sah er, dass er außer den Inschriften mit feinen Pflanzen- und Blumenornamenten geschmückt war, die ein äußerst geschickter Handwerker gefertigt haben musste. Einer, der vielleicht in seiner Jugend am Tempel gearbeitet hatte. Er vermutete, vieles hier konnte von den Händen solcher Männer geschaffen worden sein, von Bauarbeitern, Mosaikmachern und Bildhauern, die das riesige Bauwerk des Herodes gepflegt, deren Väter und Großväter es vielleicht errichtet hatten.
Die Türflügel wurden nicht von einem Schloss, sondern nur von einem Metallhaken zusammengehalten und wiesen auf beiden Seiten eiserne Griffe auf. Max versuchte vorsichtig den Haken zu lösen. Er war nicht verrostet, hatte sich aber über die Jahrhunderte arg verklemmt. Donaldson, der Praktischste unter ihnen, löschte eines der Öllämpchen und ließ ein paar Tropfen Öl auf das Metall fallen. Es bewegte sich. Nach einer Weile sprang der Haken heraus. Das knirschte, als sei etwas lange Zusammengepresstes endlich befreit.
Max zog an einem der Griffe. Nach einigem Widerstand ließ sich die Tür öffnen. Ein starker Duft strömte aus der Lade. Als Max hineinschaute, sah er als Erstes eine Schicht trockener Rosenblätter, die man über den Inhalt gebreitet hatte.
Sie waren voller Erwartung, aber daran hatten sie nicht gedacht. Dabei wusste jeder in der Tiefe seines Herzens, dass sie mit dem Betreten dieses Ortes einen Punkt überschritten hatten, von dem es kein Zurück mehr gab.
Der Kasten im unteren Teil des Schreins war weiß und von allen Seiten reicher mit Schnitzereien geschmückt als die anderen. Er trug vorn eine Inschrift, die mit größter Sorgfalt ausgeführt war – zunächst auf Griechisch, dann auf Hebräisch oder dem ihm verwandten Aramäisch, was keiner von ihnen ergründen konnte.
In einem Fach über dem Kasten lagen mehrere Gegenstände, die nicht sehr groß waren, außer zwei langen Stangen, die man wegen ihrer Größe diagonal in den Schrein gesteckt hatte.
»Was ist denn das, um alles in der Welt?«, fragte Donaldson, der seine Neugier nicht mehr im Zaun halten konnte. Der sonst so kühle Wissenschaftler war nicht wiederzuerkennen.
Max griff hinein und nahm die beiden Stangen vorsichtig heraus. Die erste war aus Holz, etwa 1,20 Meter lang und hatte am Ende etwas wie einen dicken Griff. Die zweite war ein spitz zulaufendes Stück Metall mit Widerhaken von etwa der gleichen Länge.
Max betrachtete etwa eine Minute lang beide Gegenstände. Dann nahm er das Metall und steckte es an dem verdickten Ende auf die hölzerne Stange. Es passte perfekt, und fertig war eine Lanze oder ein Speer von über zwei Metern Länge.
»Das ist ein pilum«, sagte er. »Eine römische Lanze. Der untere Teil ist wahrscheinlich aus Hartriegelholz gemacht. Sie war sicher hier und hier mit Nägeln zusammengehalten.« Dabei wies er auf zwei Löcher, die diese hinterlassen haben mussten.
»Das sieht ja gefährlich aus«, meinte der Doktor. »Damit konnte man einiges anrichten.«
»Sie wurde im Kampf von Legionären benutzt, die man pilani nannte.«
»›Der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus.‹« Gerald sprach die Worte wie beim Ostergottesdienst in einer großen Kathedrale, als entströmten sie seinem Mund ganz von selbst. »Das Evangelium des Johannes«, sagte er. »Er ist der Einzige, der den Soldaten erwähnt.«
»Longinus«, sagte Max. »So soll er geheißen haben. Ein legendärer Name. Wie auch die Lanze. Der Speer des Schicksals.«
»Jetzt machen Sie sich aber lustig über uns«, meinte Donaldson. »Sie werden mir doch nicht einreden wollen …«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber schauen Sie sich doch erst einmal an, was hier noch liegt.«
Nacheinander nahm er die anderen Gegenstände aus dem Schrein und legte sie vorsichtig auf dem Fußboden ab. Sie wirkten sehr fragil und wogen schwer, nicht materiell, sondern wegen ihres Alters und ihrer Bedeutung.
Alles in allem waren es fünf Objekte – die Lanze, ein ockerfarbener, irdener und völlig schmuckloser Becher, der wie ein »V« geformt war, eine Schale, in die jemand etwas hineingedrückt hatte, das wie ein Kranz aus Brombeerranken wirkte, ein mit feiner Schnitzerei bedecktes Kästchen aus Elfenbein, das sich leicht öffnen ließ und drei grobe Metallnägel von etwa 15 Zentimetern Länge enthielt, schließlich ein großes rechteckiges hölzernes Schild, auf das man drei Inschriften von je einer Zeile auf Griechisch, Latein und Hebräisch gemalt hatte:

Während Gerald eine Öllampe über Max’ Schulter hielt, entzifferte der die ersten beiden Zeilen.
»Sie bedeuten alle dasselbe«, sagte er. »Ich nehme an, ihr erratet es bereits: ›Jesus von Nazareth, König der Juden.‹ Wir haben hier den titulus, das hölzerne Schild vor uns, das ganz oben am Kreuz angenagelt war.«
Clark bekreuzigte sich instinktiv im Dunkeln. Gerald, einem nicht sehr frommen Anglikaner, schlug das Herz bis zum Hals. Selbst die beiden Nichtgläubigen, Chippendale und Donaldson, spürten, welch enormes Gewicht dieser Gegenstand hatte und was er bedeutete.
Max legte ihn auf den Fußboden und richtete sich auf.
»Wenn es sich tatsächlich um den titulus handelt«, erklärte er, »dann ist die Identität der anderen Objekte unbestreitbar. Es sind die Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde, die Dornenkrone, die Lanze des Longinus und der Heilige Gral.«
»Aber ich dachte, der Gral …«, hub Donaldson an.
»… sei ein mit Edelsteinen besetzter goldener Kelch?« Max schüttelte den Kopf. »Jesus war ein armer jüdischer Lehrer, Sohn eines Zimmermanns. Dieser irdene Becher ist genau das, woraus der wirkliche Jesus beim Letzten Abendmahl getrunken haben kann. Ich denke, dieser Raum ist echt. Nicht einmal das Grab des Tutanchamun kann sich mit ihm messen. Wir sind hier auf den wichtigsten archäologischen Fund der Geschichte gestoßen. Die Frage ist, was wir damit anfangen. Wir können alles so lassen, wie wir es vorgefunden haben, und mit Archäologen hierher zurückkehren. Vor allem mit jemandem, der Hebräisch und Aramäisch lesen kann. Oder wir können die wichtigsten Gegenstände mitnehmen, um ihren Bestand zu sichern.«
Gerald dachte, es sei nun an der Zeit, dass er wieder das Heft in die Hand nahm. Immerhin war er der Chef dieser Truppe.
»Gentlemen«, sagte er, »wir müssen diese Objekte nach Kairo mitnehmen. So viel wir mit unseren Fahrzeugen abtransportieren können. Wir sind hier einen Teil unserer Vorräte losgeworden, so dass Raum für neue Ladung vorhanden ist. Wenn wir diese Funde hier zurücklassen, weiß Gott allein, was aus ihnen werden kann. Lieutenant Chippendales kundige Archäologen werden wir später hierher führen und das Ihre tun lassen. Bevor eine solche Expedition überhaupt starten kann, muss der Krieg zu Ende sein. Aber ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie brisant die Sache ist. Soldat Clark, im Laufschritt marsch zu den Fahrzeugen! Holen Sie Leary und Skinner! Räumen Sie ein paar Munitionskisten aus und bringen Sie so viele her, wie Sie tragen können.«
Max versuchte zu protestieren.
»Sir, denken Sie nicht …?«
»Ich bin nicht hier, um zu denken. Das überlasse ich Leuten wie Ihnen. Aber die Verantwortung hier trage ich, und ich fälle die Entscheidungen. Wenn die Tuareg die Sachen in ihre dreckigen Finger bekommen, dann werfen sie sie vielleicht irgendwo hin, oder sie nehmen, was nicht niet- und nagelfest ist, und verscherbeln es in Ghadames für ein Butterbrot. Das sind Muslime, denen diese Dinge nichts bedeuten.«
In diesem Moment hörten sie ein Geräusch von der Treppe her. Als sie sich umdrehten, sahen sie, dass sich ein schwankendes Licht näherte.
»Ich denke, A’isha hat Angst vor diesem Ort«, sagte Donaldson.
Aber es war nicht A’isha. Gerald hielt den Strahl seiner Taschenlampe auf den Eingang zur Krypta. Zuerst waren ein Paar Füße zu sehen, gefolgt von einer dunkelblauen Robe. Ein Tuareg mit verhülltem Gesicht kam in Sicht. Er hatte Mühe, das Gewirr von Licht und Schatten, das Weiß der Grabstätten und die Gestalten der vier Engländer dazwischen zu unterscheiden.
Auch Gerald brauchte ein paar Sekunden, um den Ankömmling zu erkennen. Dann entdeckte er die grob genähten Ledertäschchen über der Schulter, die den Koran und ein paar Talismane enthielten. Der Mann hob die linke Hand, um seine Augen vor dem Licht abzuschirmen, und eine masbaha, der Rosenkranz aus Bernstein, wurde an seinem Handgelenk sichtbar. Es war der Anislem, Scheich Harun agg Da’ud. Als er vortrat, um dem Lichtschein auszuweichen, streckte er die rechte Hand nach vorn, und Gerald sah, dass er eine Waffe darin hielt, den Dienstrevolver, den er zuvor dem Anführer der Tuareg zum Geschenk gemacht hatte.
»Scheich Muhammad!«, rief Gerald. »Al-salam ’alaykum. Sie sehen uns hier an einem sehr merkwürdigen Ort. Einem heiligen Ort. Dem Grab des Propheten Jesus.«
Gerald hatte kurz überdacht, dass Jesus im Koran geehrt wurde – nicht als Sohn Gottes, sondern als ein sterblicher Prophet, der in seiner Bedeutung gleich nach Mohamed rangierte. Wenn er Scheich Harun davon überzeugen konnte, dass dies ein heiliger Ort für einen der großen Propheten des Islam sei, dann waren drohende Schwierigkeiten vielleicht noch abzuwenden. Aber er sollte enttäuscht werden.
»Dieser Ort gehört nicht euch. Hier sind die Gräber unserer Vorfahren. Das ist die Heilige Stadt Wardabaha. Ihr habt die Gräber des Königs und der Königin der Stadt betreten. Ihr habt kein Recht, hier zu sein. Verlasst diesen Ort sofort und kehrt nie wieder hierher zurück.«
»Dieser Ort ist von meinem Volk errichtet worden«, erklärte Gerald leidenschaftlich. Er gehört der Christenheit. Es ist, wie ich bereits sagte, das Grab des Propheten Jesus.«
Der Scheich trat ein paar Schritte zwischen die Grabstätten. Die Lampe in seiner linken Hand schwankte und warf Schatten über die Bernsteinkugeln. In seinem dunklen Gewand war er nahezu unsichtbar, wenn kein Lichtstrahl auf ihn fiel, und auch dann konnte man nur seine misstrauischen Augen sehen.
»Gehen Sie«, sagte er. »Gehen Sie sofort, oder Sie werden bestraft werden.«
»Ich denke, wir sollten reden. Mein Freund hier hat den Sohn von Musa agg Isa geheilt. Wir haben unsere Freundschaft gegenüber den Kel Tamasheq bewiesen. Wir haben uns gegenüber den Menschen von Ain Suleiman loyal gezeigt.«
Der Anislem ließ ein Geräusch wie ein Räuspern hören, das wohl Verachtung angesichts von Geralds Worten zum Ausdruck bringen sollte.
»Musa agg Isa ist tot. Auch seine Frau, die euch geholfen hat, lebt nicht mehr. Wir haben sie bestraft, und Allah wird sie in der anderen Welt bestrafen. Si Musa hat Ungläubigen erlaubt, an diesen Ort vorzudringen. Seine Frau hat euch den Weg zum Heiligtum unserer Vorfahren gewiesen. Euer Mann hat den Willen Allahs missachtet, als er das Kind vor dem sicheren Tod rettete. So viele Vergehen konnte ich nicht ungestraft durchgehen lassen. Ich befehle jetzt in Ain Suleiman. Wenn ihr sofort geht und schwört auf alles, was euch heilig ist, nie wieder hierher zurückzukehren, dann dürft ihr lebend abziehen. Anderenfalls wird keiner von euch seine Heimat wiedersehen. Eure Knochen werden im Wüstensand bleichen, bis sie zu Staub zerfallen.«
»Ich habe Si Musa erklärt, weshalb wir gekommen sind. Ihr braucht unsere Hilfe. Wenn die Deutschen hier auftauchen, werden sie alle Bewohner dieser Oase töten. Ich schwöre bei diesem heiligen Ort und den geweihten Dingen, die er enthält, dass die Deutschen großes Unheil über die Kel Tamasheq bringen werden. Sie sind ohne Erbarmen. Auch wenn Si Musa und seine Frau tot sind, braucht ihr unsere Hilfe.«
Der Scheich hob die rechte Hand und richtete die Waffe auf Gerald.
»Nehmen Sie die Pistole weg!«, rief Gerald. Er war im Moment unbewaffnet. Mehr konnte er nicht tun.
Der Anislem drückte ab. Der Schuss löste in dem geschlossenen Raum ein heftiges Echo aus, als sei ein Stein zersprungen oder ein Grab habe sich geöffnet.
Als es wieder still war, blickten alle um sich. Gerald stellte fest, dass er noch aufrecht stand und offenbar unverletzt war. Er erblickte Max zu seiner Rechten und Donaldson ein paar Schritte weiter zu seiner Linken. Dann wandte er sich um und sah, dass Clark verschwunden war. Er schaute nach unten. Da lag der Soldat auf dem Rücken, über eine der Grabstätten hingestreckt.
Scheich Harun zielte wieder, aber bevor er zum zweiten Mal abdrücken konnte, krachte ein anderer Schuss. Der Priester fiel nach hinten, als hätte ein Maultier ihn hart gegen die Brust getreten, und stürzte zu Boden. Gerald trat an ihn heran und beugte sich hinunter.
»Er ist tot«, sagte er.
Donaldson lief zu Clark, aber es war zu spät. Die Kugel des Anislem hatte ihn in die Kehle getroffen.
Das Echo des zweiten Schusses war eine Ewigkeit zu hören. Der Schall schien in alle Winkel der Krypta gedrungen zu sein und hallte noch in ihren Ohren nach, als es in dem Raum bereits wieder totenstill geworden war.
»Ich denke, es wird Zeit, dass wir von hier verschwinden«, sagte Max und steckte seine Pistole ins Halfter zurück.