ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Nach dem Regen

Es regnete zwei Stunden lang. Es goss wie aus Kannen, dann war plötzlich alles zu Ende, als hätte jemand einen riesigen Wasserhahn zugedreht. Es war immer noch dunkel, und in den Niederungen standen tiefe Wasserlachen und warteten auf Unvorsichtige.

Die Nacht dauerte noch mehrere Stunden, die alle in den Jeeps verbrachten, wo sie im Sitzen ein wenig Schlaf zu finden suchten.

Im Osten, zuerst über Libanon und Israel und dann längs der westlichen Wüste Ägyptens erhob sich der Feuerball über dem vom Regen durchtränkten Sand und leckte mit seinen Strahlen das Wasser an der Oberfläche rasch fort. Zarte Pflänzchen erwachten in der Wüste zu kurzem Leben. Springmäuse kamen aus ihren Löchern und tollten im Sand umher. Langohrige Wüstenfüchse strichen über die Dünen auf der Suche nach Beute. Weit oben überquerte ein Flugzeug mit brummenden Motoren die Wüste von Nord nach Süd.

»Egon«, sagte Iorghiu Bogoescu, Aehrenthals Stellvertreter, als er diesen aus dem tiefen Schlaf weckte, in den er während des Regengusses gefallen war. »Das Unwetter ist vorüber. Mohamed will mit Ihnen sprechen. Er sagt, es sei dringend.«

Aehrenthal gähnte und streckte sich.

»Ich muss erst mal pissen«, sagte er dann, öffnete die Tür und trat hinaus. Er ging zur Seite, öffnete die Hose und ließ einen Strahl übelriechenden Urins gegen den Dünenhang klatschen. Als er zu den Wagen zurückkam, erwartete sein Führer Mohamed ihn bereits.

»Guten Morgen, Exzellenz«, murmelte er. Er hielt seine Hände auf dem Rücken, weil er nicht die eines Mannes drücken wollte, der gerade im Stehen uriniert und sein Organ auf die schmutzige Art gehalten hatte, wie die Ungläubigen es taten.

»Iorghiu sagt, du hättest mir etwas zu melden.«

Der Führer nickte. Er war ein junger Tuareg aus Ghadames namens Mohamed ag Ewangaye. Sein Gesicht hatte er noch niemandem in der Gruppe enthüllt, aber sein scharfer Blick sagte fast ebenso viel über ihn aus wie eine Nase oder ein Mund es hätten tun können. Er lebte seit mehreren Jahren in Kufra und führte abenteuerlustige Europäer tief in die Wüste, wo sie die Höhle der Schwimmer sehen oder Schlachtfelder des Zweiten Weltkrieges aufsuchen wollten. Er hatte von Ain Suleiman gehört und dass dort Tuareg leben sollten, wusste aber nichts von Wardabaha.

»Ich bin jene Düne hinaufgestiegen, Sir.« Er wies auf die hohe Düne zu ihrer Rechten. »Bis ganz nach oben. Ich wollte sehen, wie die Landschaft nach dem Regen aussieht und ob es Gefahren auf unserem Weg geben könnte. Aber das Erste, was ich erblickt habe, war eine Oase etwa sieben Kilometer westlich von hier. Ich bin sicher, es ist Ain Suleiman. Salomos Quelle. Wir können sie noch diesen Vormittag erreichen, insha’ allah

Aehrenthal nahm die Nachricht gelassen auf. Er fühlte sich am Ziel.

»Sag es auch den anderen«, befahl er. »Wir brechen auf, wenn alle mit dem Frühstück fertig sind.«

Während Aehrenthal nun Karten konsultierte und das GPS auf die neue Situation einstellte, strich Mohamed unruhig um ihn herum. Das ging Aehrenthal schließlich auf die Nerven, und er fragte ihn unwirsch, was er wolle.

»Sie haben mich vorhin nicht ausreden lassen, Sir. Als ich oben auf der Düne war, die sehr hoch ist, wie Sie verstehen, als ich also dort oben stand, habe ich Ain Suleiman gesehen, denn ich bin sicher, dass es Ain Suleiman ist, was meine Augen gesehen haben, Sir. Ich ließ meine Augen weiter über die Wüste gleiten, und da habe ich östlich von uns Fahrzeuge entdeckt. Ich kann nicht sagen, wie viele es sind, denn einige waren noch hinter den Dünen, und die, die ich gesehen habe, sind eine Minute später wieder verschwunden. Ich habe noch lange dort oben gestanden, aber sie tauchten nicht wieder auf. Vielleicht ist es eine andere Expedition. Sie sind ein, zwei Tage hinter uns.«

Aehrenthal zuckte zunächst nur die Achseln. Viele Expeditionen strichen in der Gegend herum. Wenn er es aber recht bedachte, so hatte man ihm verlässlich gesagt, dass sich kaum eine in diese Richtung traute. Hier gab es nichts zu holen, so glaubte man zumindest.

»Danke«, sagte er. »Nimm mein Fernglas und steige noch einmal hinauf. Sieh nach, ob du sie wieder entdeckst. Komm nach fünfzehn Minuten herunter. Ich will nach Ain Suleiman, ohne noch mehr Zeit zu verlieren.«

 

Sarah hatte es wie einen Seemann nach einer langen Reise auf dem Sandmeer abgetrieben. Auf der Flucht vor dem Wasser hatte sie höher und höher steigen müssen. Aber das geschah im Dunkeln, und als sie nach unruhigem Schlaf wieder aufwachte, fand sie sich in einer völlig fremden Gegend wieder. Unglücklicherweise war sie zwischen hohe Dünen geraten, die ihr nach allen Seiten die Sicht versperrten.

Schmerzhaft wurde ihr bewusst, dass sie weder Wasser noch etwas zu essen bei sich hatte, nicht einmal einen Kompass. Ihre Orientierungskunst beschränkte sich darauf, was sie in ihrem ersten Studienjahr auf dem Land in Oxfordshire gelernt hatte. Mit Hilfe der Sonne konnte sie grob die vier Himmelsrichtungen bestimmen. Sie war aber nicht in der Lage, einen Weg durch die Dünen zu finden – weder nach Kufra zurück noch weiter vorwärts zu einer Stadt, die seit Jahrzehnten verschwunden war und vielleicht längst unter dem Sand begraben lag.

Nach der Nacht, die sie in nassen Kleidern verbracht hatte, taten ihr alle Glieder weh. Jede Bewegung verursachte heftigen Muskelschmerz, und sie befürchtete, einen Krampf zu bekommen. Aber sie wusste, dass sie sich bewegen musste. Einfach liegen zu bleiben hätte ihren sicheren Tod bedeutet. Sie hatte keine Vorstellung, wie lange es dauern würde. Die Sonne war hier auch im Winter sehr heiß, und sie konnte sich nicht vor ihr schützen. Schon begannen ihre Strahlen unangenehm zu stechen.

Sie prüfte den engen Horizont um sich her, um herauszufinden, welche der vielen Dünen wohl am höchsten aufragte. Das war gar nicht leicht. Schließlich entschied sie, dass es kaum eine Rolle spielte, ob sie die allerhöchste bestieg oder nicht. Es genügte, die ihr am nächsten liegende zu erklimmen und von dort Ausschau zu halten, ob es einen Weg in die Sicherheit gab. Wenn sie Glück hatte, erblickte sie vielleicht die Expedition und konnte auf sie zugehen. Man suchte sie bereits, das wusste sie genau. Ethan würde nicht aufgeben, bis er sie fand.

Unter Qualen kam sie auf die Beine und begann steif die ockerfarbene Düne zu ihrer Rechten hinaufzusteigen.

 

Die Regenflut war nicht nur durch die Wadis geschossen und hatte alles in ihrem Weg mitgerissen, sondern auch Sand von vielen Dünen herabgespült und so die Landschaft auf ihre Weise verändert. Ethans Expedition hatte nicht auf die Richtung geachtet, sondern war in die Dunkelheit gebraust, laut betend, den Motoren das Höchste abverlangend, um den Fluten zu entkommen.

Nun sahen die Männer zu, wie das Wasser im durstigen Sand versickerte oder unter den heißen Strahlen der Sonne verdampfte, die bereits durch die Lücken zwischen den Dünen schaute. Der Himmel war aufgeklart. Über dem Sand hing ein Dunstschleier, der der ganzen Umgegend einen unheimlichen, unsicheren Charakter verlieh. Dies war jetzt ein Ort, wo Geister zwischen den Welten der Menschen und Engel hin und her wanderten.

Während Ayyub die zwei obligatorischen und die zwei freiwilligen Niederwerfungen seiner Morgenandacht vollzog, holten Ethan und Gavril die Navigationsinstrumente hervor und versuchten festzustellen, wo sie waren. Sie hatten sich etwa drei Kilometer von ihrer ursprünglichen Route entfernt, mussten sich damit aber Ain Suleiman weiter genähert haben. Ihr allererstes Ziel war es jedoch, Sarah zu finden.

»Lassen Sie uns auf diese Düne steigen«, sagte Ethan zu Gavril. »Nehmen Sie die Ferngläser mit. Vielleicht können wir etwas sehen.«

Es war die schwerste körperliche Anstrengung, die die beiden je auf sich genommen hatten. Der durchnässte Sand machte das Gehen extrem schwer. Man konnte leicht ausgleiten. Jeder Meter war eine Eroberung, die gemacht und gehalten werden musste. Die Düne war etwa 150 Meter hoch. Bereits auf halbem Wege hatten beide den Eindruck, dass jeder weitere Schritt ihr letzter sein könnte. Sie legten eine Pause von zehn Minuten ein und gingen dann weiter. Sie mussten sie mehrfach wiederholen. Oben ließen sie sich zu Boden fallen, um sich von der Strapaze zu erholen. Ethan war als Erster wieder hoch und suchte mit dem Fernglas die Gegend ab. Im Westen machte er sofort den Palmenkranz aus, der die Quelle von Ain Suleiman umgab, dann auch die Wasserfläche, die bläulich durch die Baumstämme schimmerte.

 

Je länger der Tag sich hinzog, desto unruhiger wurde Sarah. Ganz allein auf sich gestellt, wurde sie wieder von ihren Ängsten heimgesucht. Sie fürchtete die Sonne, die Wüste, die Austrocknung. Vor allem aber fürchtete sie Egon Aehrenthal. Sie spürte, dass er in der Nähe war, denn sie mussten schon in der Gegend von Ain Suleiman sein, wo er bestimmt bereits angekommen war. Hinter jeder Düne konnte sie auf ihn treffen.

Der Tag verging, und die Nacht kam. Nun waren Mond und Sterne ihre einzige Gesellschaft. Ohne Bewölkung wurde es in der Wüste bitterkalt. Der Mond zog durch das Sternenmeer wie eine unförmige Kalkscheibe. Als sie an den Füßen zu frieren begann, wünschte sie die Sonne zurück, wie sehr sie sie auch verbrennen und ihren Durst steigern würde. Die Sterne waren nicht wie zu Hause in England, dachte sie bei sich. Zum einen verwirrte sie, so viele auf einmal, eine solche Fülle von Licht zu sehen. Sie kannte ihre Namen nicht, und nur wenige Sternbilder waren ihr vertraut – der Große Wagen oder Orion mit seinem Gürtel. Sie waren die einsamsten Kreaturen der Schöpfung, und die am weitesten entfernten. Wenn man sie betrachtete, kam man selbst ins Schwimmen. Auf den Dünen glaubte Sarah Geister zu sehen, aber wenn sie die von den Sternen geblendeten Augen auf sie richtete, verschwammen sie, und sie war wieder allein im Sand, frierend, verloren und ständig den Tränen nah.

Schließlich musste sie doch eingenickt und in tiefen Schlaf gefallen sein, denn als sie die Augen wieder öffnete, stand die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel, und es wurde erneut heiß.

Es schien über ihre Kräfte zu gehen, eine weitere Düne zu erklimmen, aber sie wusste, dass sie es tun musste, wenn sie auch nur eine kleine Chance haben wollte, die Expedition oder Ain Suleiman zu finden. Sie quälte sich hoch und sah eine passende Düne in etwa zweihundert Metern Entfernung. Sie war nicht sehr hoch, aber sie glaubte, mehr könne sie nicht bewältigen.

Während sie sich hinaufquälte, verlor sie den Dünenkamm aus den Augen. Sie bewegte sich nun fast blind, nur noch darauf konzentriert, einen Fuß in den Sand zu krallen und danach wieder herauszuziehen. Plötzlich trat sie mit dem linken Fuß ins Leere und strauchelte. Hätte sich dabei nicht ihr rechtes Bein so merkwürdig mit dem linken verknotet, was sie instinktiv mit den Armen um sich schlagen ließ, dann wäre sie wohl auf der anderen Seite hinuntergerollt und erst ganz unten am Boden zum Stillstand gekommen, ohne die Kraft zu haben, den Aufstieg noch einmal zu wagen.

Mehr durch Glück als eigenes Verdienst blieb sie kaum einen Meter unterhalb des Dünenkammes liegen. Sie brauchte mehrere Minuten, um wieder zu sich zu kommen und das Schwindelgefühl zu vertreiben. Dann schaute sie, mit den Augen blinzelnd, nach unten.

Zuerst konnte sie gar nicht erkennen, was da vor ihr lag. Nur Sand, dachte sie, nur verfluchter Sand. Sie kniff die Augen zusammen und schaute noch einmal hin. Nein, sie hatte sich geirrt, da war etwas. Aber es lag zu weit weg, um es klar zu erkennen, und verschwamm im Dunst.

Als sie etwa dreißig Meter hinabgeglitten war, wurde aus dem verschwommenen Fleck ein Jeep, und aus den zwei kleineren wurden Männer, deren Identität sie allerdings nicht ausmachen konnte.

»Hier bin ich!«, wollte sie rufen, brachte aber keinen Ton heraus. Da ließ sie sich auf den Rücken fallen und einfach nach unten rutschen, wie sie es als Kind mit dem Schlitten getan hatte. Euphorie, ja, Ekstase, erfüllte sie. Gerettet zu werden, zu wissen, dass sie Ethan wiedersehen würde und den wertvollsten Altertümern der Welt nahe war, deren Entdeckung ihr ein neues Leben versprach. All das ging ihr in diesen Sekunden durch den Kopf, während sie bis zum Fuß der Düne glitt.

Unten rappelte sie sich auf, ein breites Lächeln auf den gesprungenen Lippen im geröteten Gesicht. Ein glückliches Schulmädchen in den Weihnachtsferien, das seine Eltern und Freunde wiedergefunden hatte.

Als sie sich den Sand aus den Augen gerieben hatte und den Jeep genauer ansah, blieb ihr fast das Herz stehen. Die beiden Männer kannte sie nicht. Der eine war ein Araber, und der andere trug eine Uniform, die sie noch nie gesehen hatte. Während sie noch schaute, ging eine Autotür auf, und ein Mann stieg aus. Alle Hoffnung war dahin. Den kannte sie. Das war das Ende ihrer Welt. Er bedeutete, dass alles über ihr zusammenstürzte. Dass sie wieder in der Hölle war. Er sprach sie an, und seine Stimme drang nur als Echo durch die Massen von Sand zu ihr, als sei er überall – der König der Geister, der endlich Gestalt angenommen hatte, oder der Teufel selbst, der in einer schwarzen Uniform über die Erde gekommen war. Sie suchte nach etwas, um sich festzuhalten, fand aber nichts und stürzte zu Boden, während sich alles um sie drehte und ihr schwarz vor Augen wurde.

 

Ethan setzte sich immer wieder selbst ans Steuer. Sein Herz schlug heftig, seit sie entdeckt hatten, dass Sarah nicht bei ihnen war. Nur wenn er das Steuer fest umklammerte und mit den Füßen auf das Pedal trat, löste sich seine innere Spannung ein wenig. Er kam sich vor, als rolle er über den Mars, eine Landschaft, die zu einem toten Planeten gehörte.

Sie waren bereits mehrere Kilometer gefahren, als Gavril Ethan ein Zeichen zum Halten gab.

»Es ist an der Zeit, dass einer von uns noch einmal nach oben steigt und sich umsieht. Sie kann hinter der nächsten Düne sein, und wir fahren an ihr vorbei.«

Ethan wollte das selber tun. Als er oben war und noch nach Atem rang, durchbrach ein einzelner Schuss die große Stille. Der Schall schien von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Ein einzelner Schuss aus einer Pistole, der weit weg und zugleich ganz nahe schien. Wieder ein Mensch getötet. Ethan knickten die Beine ein. Angst packte ihn ohne Erbarmen. Und wieder Stille ringsum.