Sie flogen über die Große Ungarische Tiefebene, und es waren kaum Wolken zu sehen. Aber als sie sich Rumänien näherten, verschlechterte sich das Wetter. Der Wind rüttelte die kleine Maschine. Sie durchstießen die Wolkendecke, und Ethan, der vorn auf dem Platz des Kopiloten saß, erblickte ringsum nichts als hohe Berge. Die Karpaten bildeten hier einen Kreis unfreundlicher, mit verschneitem Wald bedeckter Gipfel. Der Pilot wandte sich Ethan zu und grinste.
»Transsilvanien«, sagte er nur und bleckte die Zähne zu einem Vampir-Lächeln. Dann setzte er zum Landeanflug auf Oradea an.
Ethan wurde durch den Zoll gewinkt. Die Pistole hatte er tief in seinem Handgepäck versteckt – ein Tourist, der zur falschen Jahreszeit kam, ohne Ski oder Snowboard. Er stieg in ein Taxi und bat den Fahrer, ihn in ein gutes Hotel zu bringen. Mit ein bisschen Glück würde er hier nicht lange verweilen, aber fürs Erste brauchte er einen Stützpunkt, von dem aus er agieren konnte.
Der Fahrer, der kaum Englisch sprach, setzte ihn am Hotel Vulturul Negru ab. Zu Ethans Überraschung bedeutete das Schwarzer Adler. Es war ein Jugendstilgebäude, das seine Besitzer aufgemöbelt und neu gestylt hatten, um kapitalkräftige Touristen in dieses Land zu locken, das noch immer als eines der ärmsten Europas galt. Der Mann an der Rezeption bekam Stielaugen, als er Ethans Centurion-Karte erblickte. Die Wirkung war nicht zu übersehen. Ethan wurde klar, dass er hier Frauen, Drogen oder Kaviar direkt vom Kaspischen Meer verlangen konnte, und man würde es für ihn besorgen, ohne zu murren oder auch nur eine Miene zu verziehen.
Sein Zimmer war smart bis exzentrisch, Hauptattraktion: ein riesiges Himmelbett. Er hätte auch in der Badewanne geschlafen, wenn ihm nur jemand sein Notebook an das Internet anschloss. Der Boy, der ihn aufs Zimmer brachte, erledigte das im Handumdrehen. Ethan drückte ihm fünfzig neue Lei, etwa zehn Pfund, in die Hand und wies an, er wolle nicht gestört werden.
Von den Erlebnissen der letzten Tage und der Reise hatte er sich noch nicht erholt. Inzwischen würde die Polizei in Gloucester wohl nach ihm suchen. Lindita hatte ihm eine unauffindbare E-Mail-Adresse eingerichtet, von der bislang nur sie wusste. Sie hatte ihm versprochen, ihn zu benachrichtigen, wenn etwas über seine Flucht in den Zeitungen, in Rundfunk oder Fernsehen verlauten sollte.
Im Grunde war er ziemlich ratlos. Bislang wusste er nur, dass Aehrenthal beschlossen hatte, Sarah von Oxford ausgerechnet an diesen Ort zu fliegen. Nicht nach Bukarest, Bernstein oder Budapest. Was bedeutete ihm Transsilvanien und vor allem diese abgelegene Gegend? Gab es hier einen Zusammenhang zu den Reliquien, zu seinen Forschungen über Libyen oder zu den frühen Christen? Lebte hier möglicherweise ein Sammler, jemand, von dem Egon Aehrenthal allein auf Sarahs Gutachten hin eine große Summe zu erwarten hatte? Oder ein Experte, ein Wissenschaftler, den man dazu bringen konnte, sich Sarahs Urteil anzuschließen? Allerdings musste das jemand sein, der bereit war, die Zeichen für körperliche und geistige Misshandlungen zu übersehen, zu ignorieren, was sie ihm vielleicht über ihre Entführung erzählen würde.
Er nahm die vage Spur auf. Er verschaffte sich einen groben Überblick über Rumänien und Transsilvanien, las in der Geschichte des Landes von Vlad dem Pfähler, dem historischen Vorbild für Dracula, bis zu Königin Maria, einer Enkelin von Queen Victoria, die große patriotische Gesten liebte, vor allem aber fleißig an ihrem eigenen Image arbeitete. Dabei entdeckte er überall Badeorte – Baile Felix, Baile Herculana, Covasna oder Sovata – genügend Mineralwasser, um die Krankheiten des ganzen Kontinents zu kurieren. Es gab die Wehrkirchen der Siebenbürger Sachsen zu besichtigen, ein Bisonreservat in Hateg, dazu jede Menge Burgen. Wenn er sein Reisegebiet ausdehnte, dann konnte er bei Braşov Schloss Bran besuchen, das einst Königin Maria gehört hatte und durch Bram Stokers Roman als Vorbild für Draculas Schloss berühmt wurde.
Mit Hilfe eines Internetwörterbuchs suchte er über Google nach Antiquitätenhändlern, Archäologengesellschaften und Experten für biblische Geschichte, stieß aber nur auf Websites in rumänischer Sprache, die er nicht übersetzen konnte. Er erfuhr, dass Transsilvanien einmal Bestandteil des Königreichs Ungarn, dann Österreich-Ungarns gewesen war und immer noch eine beachtliche ungarische Bevölkerung hatte.
Es war wohl an der Zeit, dass er sich einen Dolmetscher nahm, der ihm helfen und vielleicht sogar einige seiner Fragen beantworten konnte. Zu diesem Zweck durchsuchte er Websites für Touristen. Dabei machte er rein zufällig eine interessante Entdeckung.
Es war die Miniaturansicht eines Schlosses, eines düster wirkenden Ortes, umgeben von dichten Wäldern. Nur der Name Castel Almásy stand dabei. Das war alles. Ethan hätte es glatt übersehen können. Aber er erinnerte sich an Burg Bernstein, ein weiteres Schloss der Almásys, das mit dem Mann, den er suchte, in Zusammenhang stand.
Mit einem flauen Gefühl in der Magengrube, klickte er das Bildchen an. Es wurde größer und stand nun auf der Website des Schlosses. Ganz oben entdeckte er die britische Flagge, und als er sie anklickte, erschien ein Text auf Englisch. Das war nicht gerade sehr geschliffen, vermittelte aber die wesentlichen Fakten.
Schloss Almásy war von 1270 bis 1275 von Zoltán Erdoelue, dem ersten Woiwoden von Transsilvanien, erbaut worden und blieb im Besitz der Familie Erdolue, bis das Land dem Königreich Ungarn angegliedert wurde. Das Schloss fiel nun an einen Zweig der Báthorys, die über Generationen die Fürsten von Transsilvanien stellten. Im 19. Jahrhundert nahmen es die Almásys in Besitz. Aus dem kurzen Text ging nicht hervor, wem es derzeit gehörte. Es wurde aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Es habe einen schlechten Ruf, meinte der Verfasser, der jedoch nicht auf Vampire oder anderen Aberglauben zurückgehe. Es habe mit der politischen Orientierung der Besitzer des Schlosses in den dreißiger und vierziger Jahren zu tun, was allerdings nicht näher erklärt wurde.
Nach einigen Telefongesprächen und der Übergabe eines Mietwagens war Ethan bereits unterwegs. Der kleine Dacia 10 Coupé hatte Allradantrieb, Ethan konnte sich aber kaum vorstellen, dass er wirklich bergiges Gelände bewältigen würde.
Das Schloss lag im Vladeasa-Gebirge, östlich von Oradea. Im Hotel hatte man ihn darauf hingewiesen, dass das Schloss nicht erreichbar sein könnte. Das sei schon im Sommer ziemlich schwierig, umso mehr mitten im Winter. Die Dame im Reisebüro meinte, mit dem Dacia werde er keinesfalls durchkommen.
»Die Straßen dort sind sehr schlecht«, meinte sie.
»Aber das ist ein Wagen mit Allradantrieb.«
Sie warf ihm einen Blick zu, als habe sie in eine Zitrone gebissen.
»Das ist ein Dacia, kein Landrover. Einmal nicht aufgepasst, und die Achse bricht.«
Sie verkaufte ihm eine Wanderkarte und zeichnete die Gegend an, wo sich das Schloss befinden musste.
»Es ist nicht einmal auf Karten verzeichnet«, sagte sie kopfschüttelnd. »Heute nennt es auch keiner mehr Schloss Almásy. Früher hieß es Castel Lup. So nennen es die Leute dort immer noch. Auf alten Karten können sie Castel Lup auch finden.«
»Was bedeutet der Name?«
Sie zog die Augenbrauen hoch, als ob das für jeden offensichtlich sein müsste.
»Wolfsschloss«, sagte sie mit einer Stimme, dass Ethan glaubte, sie werde sich gleich bekreuzigen und weglaufen, aber die Dame blieb standhaft. Wenn sie innerlich zitterte, dann gab sie sich alle Mühe, ihn das nicht merken zu lassen.
»Sie müssen sich vor Ort erkundigen«, sagte sie dann. »Die Leute dort kennen Weg und Steg. Aber im Winter wird wegen des Schnees wirklich kaum durchzukommen sein. Sehen sie, hier …« Sie fuhr mit der Hand über einen großen Teil der Karte. »… Das ist das Apuseni-Gebirge. Vom Vladeasa im Westen bis zum Trascau-Gebirge ganz im Osten sind da nur Wälder, Berge und Höhlen. Dort gibt es Wölfe und sogar Bären. Die halten zwar jetzt ihren Winterschlaf, aber manchmal wachen sie auch auf. Wölfe schlafen nicht. Sie sind jetzt ausgehungert und sehr gefährlich.«
Er verließ Oradea auf der Europastraße E60, um von Norden ins Vladeasa-Gebirge zu fahren. Das lag nicht sonderlich hoch. Der höchste Berg, der Vladeasa, maß etwa 2000 Meter, viel weniger als die höchsten Alpengipfel. Aber Ethan war nicht zum Bergsteigen gekommen.
Nach etwa 60 Kilometern geriet er in eine lange Schlucht zwischen steilen Bergen. Nebelschwaden klebten an den Hängen, und die Gipfel verschwanden in den Wolken. Überall lag tiefer Schnee, aus dem nur die Zweige der höheren Bäume ragten. Wenig wies darauf hin, dass hier Menschen lebten. Ab und zu brachte eine kleine Kapelle mit bunten Fresken am Straßenrand einen Farbtupfer in die öde Landschaft. Zweimal erblickte er in der Ferne einen hohen Kirchturm. Ein paar Autos und ein Bus, die in Richtung Oradea fuhren, kamen ihm entgegen. Er selbst überholte hin und wieder einen Pferde- oder Eselswagen.
Die Heizung des Dacia hatte alle Mühe, im Wageninneren etwas Behaglichkeit zu erzeugen. In einem Laden neben dem Reisebüro hatte er eine Steppjacke und eine dicke Hose erstanden, aber beim stundenlangen Stillsitzen am Steuer machte sich die Kälte immer stärker bemerkbar.
Schließlich erreichte er das Städtchen Huedin an einer Straßenkreuzung, das Tor zum Apuseni-Gebirge. Ein trüber Ort, den man wohl im Wesentlichen in der Ceauşescu-Zeit errichtet hatte. Die grauen Häuser wollten so gar nicht in diese ländliche Gegend passen, in die sie mit harter Hand verpflanzt zu sein schienen.
Er bog nach rechts ab und fuhr in Richtung Sâncraiu, das ein Székler-Dorf sein sollte. Wohin Ethan auch blickte, überall ragten bewaldete Berge auf. Sâncraiu
Als er in Sâncraiu einfuhr, war ihm, als befinde er sich in einem Themenpark zur Welt der Ungarn oder dem mittelalterlichen Transsilvanien. Hätte es nicht die Telefonleitungen und sehr vereinzelt Satellitenschüsseln auf den Dächern der Häuser beiderseits der schmalen Straße gegeben, hätte er geglaubt, er sei nicht nur in eine andere Gegend, sondern auch in eine andere Zeit geraten. Das Dorf musste sich über die Jahrhunderte kaum verändert haben. Die Leute machten einen fast altertümlichen Eindruck, ihre Kleider zeugten nicht nur von Armut, sondern von zäher Beharrlichkeit.
Die Häuser, viele blau gestrichen, duckten sich unter hohen Bäumen. Dünne graue Rauchschwaden stiegen aus den Schornsteinen und verschmolzen mit dem grauen Himmel. Ethan erblickte zwei Kirchen, eine mit einer weißen, die andere mit einer tiefroten Turmhaube. Rumänisch-Orthodoxe waren hier in ein Meer ungarischer Reformierter geraten, wo sie offenbar ums Überleben zu kämpfen hatten. Ethan überlief ein Schauer. Er wusste fast nichts über diese Menschen, nur das Wenige, das er im Hotel in einer Broschüre für Touristen gelesen hatte. Er hielt am Straßenrand. Eine Gruppe von Leuten – alte Männer und Frauen, junge Burschen in schwarzen Lederjacken und ein paar junge Frauen mit Kopftüchern – musterten ihn mit unverhüllter Neugier.
Als er ausstieg, kam er sich vor, als sei er nach einer langen Seereise auf einer fernen Gewürzinsel gelandet. Er fühlte sich wie ein Exot, den man fürchten, hassen oder verspotten musste, vielleicht auch alles gleichzeitig. Niemand zeigte ein Lächeln. Niemand bot ihm ein Willkommen. Es war nicht die Zeit für Touristen, und er hatte keine Skier bei sich. Kurz gesagt, er verhielt sich völlig anomal, ein Eindringling, ein Mann von hinter dem glitzernden Vorhang, der zwischen diesen Menschen und der Außenwelt lag.
Kurz bevor er das Dorf erreichte, hatte es zu schneien begonnen. Jetzt fielen bereits dicke Flocken aus dem schieferfarbenen Himmel. Von den Bergen senkten sich die Wolken herab wie Kissen aus feuchter Watte.
Die Dame im Reisebüro hatte ihm empfohlen, den Dacia in Sâncraiu abzustellen und dort einen Wagen mit ein oder zwei Pferden zu mieten, der ihn zum Castel Lup oder zumindest in dessen Nähe bringen sollte. Als er in die Gesichter der Dorfbewohner sah, schlug ihm nur Gleichgültigkeit entgegen. Er glaubte nicht einmal, dass er jemanden finden würde, der Englisch sprach. In dieser Gegend verstehe man nur Ungarisch, hatte es geheißen.
Er sah keinen Laden, zumindest war nichts als solcher zu erkennen. Einige Häuser hatten Zäune mit hübschen Schnitzarbeiten, besonders an den Toren. Dort gingen Menschen ein und aus, aber niemand trat näher an ihn heran. Er sah zwei Frauen, die ihn musterten und miteinander tuschelten. Sie anzusprechen war vielleicht nicht ratsam.
Dann erschien aus dem Haus gegenüber eine junge Frau von höchstens achtzehn bis zwanzig, die etwas moderner gekleidet war als die beiden Weiber, die ihn so anstarrten. Sie ging direkt auf ihn zu, lächelte ihn an und blieb kurz vor ihm mitten auf der Straße stehen.
»Megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekér?«, fragte sie.
Ethan starrte sie verständnislos an.
Sie kicherte und hielt sich dabei die Hand vor den Mund. Dann sagte sie: »Bészel romanul?«
Er begriff noch immer nicht, was sie ihm sagen wollte, meinte aber mit dem ersten endlosen Wort auf Ungarisch habe sie ihn wohl necken wollen. Sie war recht hübsch, hatte jedoch ein wenig Bosheit im Blick, die ihre Schönheit gefährlich erscheinen ließ.
»Sprechen Sie Englisch?«, fragte er schließlich.
»Na klar«, sagte sie, ohne im geringsten überrascht zu sein. »Das hätte ich als Nächstes probiert, aber zuerst wollte ich wissen, ob Sie Ungarisch oder vielleicht Rumänisch sprechen. Ich spreche auch ein wenig Deutsch und Ukrainisch. Mein Vater hat mir sogar etwas Russisch beigebracht. Sie sahen so verloren aus. Touristen kommen zu dieser Jahreszeit kaum nach Sâncraiu. Es gibt hier Skiwettkämpfe, aber die finden erst in einigen Wochen statt. Sie sind bestimmt kein Tourist.«
Er schüttelte den Kopf.
»Und Sie brauchen Hilfe. Haben Sie sich verfahren? Aber hier redet es sich nicht gut. Es ist kalt, und es wird bald noch kälter werden. In vier Stunden ist es dunkel. Gehen wir ins Haus.«