Sie führte ihn in ein kleines Haus, das dem Dorf als Gasthof, öffentlicher Versammlungsort und Laden für den täglichen Bedarf diente. Auf Regalen sah er Tüten mit Mehl, Flaschen mit Öl, einige Laibe Weißbrot und andere Lebensmittel. Am Tresen standen ein paar unrasierte alte Männer, die Ethan mit wässrigen Augen musterten. Für sie war er einer der Fremden, die sie ertragen mussten, um sich ein wenig ausländisches Geld zu verdienen.
Das Mädchen hieß ihn an einem Tisch Platz nehmen und holte zwei Glas Rotwein. Dann legte sie die dicke Jacke ab, die sie draußen getragen hatte. In dem Raum war es sehr warm.
»Wieso sprechen Sie so gut Englisch?«, fragte er.
»Ich studiere an der Uni in Bukarest. Letztes Semester. Ich habe dort vier Jahre Englisch gelernt. Letztes Jahr war ich in Brighton. Ich bin in den Ferien hier, bis kurz nach Neujahr.«
Er reichte ihr seine Hand über den Tisch.
»Ethan«, sagte er. »Mein Name ist Ethan Usherwood.«
Sie nahm die Hand und drückte sie fest.
»Horváth Ilona«, sagte sie.
»Nett, Sie kennenzulernen, Horváth.«
Sie lachte laut auf.
»Entschuldigung«, sagte sie dann. »Wie unbedacht von mir. Wir Ungarn nennen zuerst den Familiennamen und dann den Vornamen. Sie können Ilona zu mir sagen.«
»Was bedeutet das?«
Nun errötete sie leicht und murmelte etwas, das er nicht verstand.
»Was haben Sie gesagt?«
»Der Name ist etwas peinlich, aber sehr beliebt. Er bedeutet ›die Schöne‹. Etwas kindisch. Ohne jede Bedeutung.«
Er betrachtete sie genauer. Der Name passte durchaus zu ihr. Sie trug schulterlanges, gewelltes braunes Haar, ihre Augen erinnerten ihn an die einer Katze, die er als siebenjähriger Junge besessen hatte, und sie hatte ein bezauberndes Lächeln. Das hübsche Mädchen an seinem Tisch ließ ihn wieder an Sarah denken und daran, dass er in ein, zwei Stunden vielleicht erfahren würde, ob sie noch lebte oder schon tot war.
Sie tranken Wein und redeten, vor allem über die Pläne, die Ilona für die Zeit nach dem Studium in einem Jahr hatte. Nach Sâncraiu wollte sie um nichts in der Welt zurück, entweder wollte sie in der großen Stadt Bukarest bleiben oder ins Ausland gehen. Da sie fließend Ungarisch und Rumänisch, dazu recht gut Englisch sprach, hoffte sie, sich irgendwo als Übersetzerin oder Dolmetscherin zu etablieren.
Während sie sich unterhielten, fragte er sich, wie viel er ihr eröffnen durfte. Er konnte ihr kaum erzählen, dass es ihn rein zufällig in diese Gegend verschlagen hatte.
»Ich befasse mich mit Architekturgeschichte«, sagte er schließlich. »Im Moment arbeite ich an einem Projekt über Schlösser und Burgen in Transsilvanien.«
»Oh, wie interessant«, entgegnete sie. »Hier gibt es viele davon. Bran, Huniazi – sind sie schon auf Huniazi gewesen? Oder in Sighişoara und auf Peleş. Dann natürlich Mǎrgǎu. Das ist ein tolles Schloss.«
»Da haben Sie recht. Aber faszinierend sind sie alle.«
»Besonders Mǎrgǎu. Das war immer mein Lieblingsschloss.«
»Meines auch. Das schönste in dieser großen Zahl. Aber dahin will ich jetzt nicht. Ich möchte ein Schloss hier in der Nähe besuchen.«
Sie presste die Lippen zusammen, und ihre Augen wurden schmal.
»Tatsächlich? Was für ein Schloss sollte denn das sein? Ich wüsste nicht, welches Sie meinen. Sie haben sich bestimmt verfahren.«
Er schüttelte den Kopf.
»Es heißt Castel Almásy. Vielleicht kennen Sie es ja auch als Castel Lup«, sagte er. »Wolfsschloss. Das ist doch die Bedeutung?«
Bei diesen Worten veränderte sich ihre Miene abrupt. Keine Spur von Freundlichkeit mehr. Sie warf ihr Haar zurück und sprang auf.
»Ilona? Was ist los? Was habe ich denn Schlimmes gesagt?«
»Nichts. Gar nichts. Aber ich muss jetzt gehen.«
Hastig fuhr sie in ihre Jacke.
»Möchten Sie nicht …?«, wollte er sagen, aber sie stand schon an der Tür.
Er nahm einen Schein aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch, hoffend, dass es ausreichen werde. Dann eilte er ihr nach. Sie lief bereits über die Straße. Ihre Jacke leuchtete in dem blassen Licht des Nachmittags. Ethan lief, so schnell er konnte, und stellte sich ihr in den Weg.
»Was ist los, Ilona? Wir haben doch nur miteinander geredet. Da springen Sie auf, wie von der Tarantel gestochen, und laufen weg. Was ist denn passiert?«
»Erst lügen Sie«, stieß sie hervor, »und dann sagen Sie auch noch, dass Sie ausgerechnet zum Castel Lup wollen. Da wundern Sie sich, dass ich weglaufe? Lassen Sie mich jetzt nach Hause gehen. Ich denke, wir haben genug geredet.«
»Ich verlange eine Erklärung. Sie sagen, ich hätte Sie angelogen. Wie kommen Sie darauf?«
»Sie haben behauptet, Sie seien Architekturhistoriker, aber von den Schlössern in Transsilvanien haben Sie keine Ahnung!«
»Natürlich bin ich …«
»In Mărgău gibt es überhaupt kein Schloss. Das habe ich mir ausgedacht, um zu sehen, wie Sie reagieren. Ich hatte erwartet, Sie sagen: ›Davon habe ich noch nie gehört, erzählen Sie mir mehr.‹ Stattdessen haben Sie erklärt, das sei Ihr Lieblingsschloss, das schönste von allen.«
Er war auf ihren einfachen Trick hereingefallen.
»Und Castel Lup?«
»Das brauche ich Ihnen doch nicht zu erklären. Wenn Sie dorthin wollen, dann wissen Sie mehr darüber als ich. Aber mir genügt schon, dass Sie das wollen und wahrscheinlich dort Leute kennen. Gehen Sie mir jetzt endlich aus dem Weg.«
»Ilona, ich will keinen Ärger machen. Aber da sind ein paar Dinge, die sollten Sie wissen.«
»Zum Beispiel?«
»Also – ich bin in der Tat kein Architekturhistoriker, ich bin Polizist.«
Ohne Rücksicht auf das Wetter gingen sie mehrere Male die Straße auf und ab. Er teilte ihr mit, so viel sie ertragen konnte, sprach vom Tod seines Großvaters, von Sarahs Entführung, dem Österreicher und dem Begleiter, dessen Name ungarisch klang.
Sie entspannte sich ein wenig. Der Zorn schwand aus ihrem Blick, und Staunen trat an seine Stelle. Als er geendet hatte, gingen sie in das Gasthaus zurück. Die Dorfbewohner machten runde Augen und tuschelten miteinander.
»Warum soll ich Ihnen diese Version nun glauben?«, fragte sie schließlich.
Er zückte seinen Ausweis. Sie betrachtete ihn lange, nickte dann und gab ihn zurück.
»Ich weiß zwar, was ein Detektiv ist«, sagte sie, »aber was ist ein Detective Chief Inspector?«
Er versuchte es ihr zu erklären, verirrte sich aber hoffnungslos im Gewirr der Polizeiränge. Als sie seine Verwirrung bemerkte, lächelte sie zum ersten Mal, seit sie vor ihm weggelaufen war.
»Und Sie glauben, dass diese Frau, wie war doch ihr Name …?«
»Sarah.«
»Also, dass diese Sarah in Vár Farkasnak ist?«
»Wo?«
»So nennen wir Ihr Schloss auf Ungarisch. Das Wolfsschloss. Castel Lup.«
»Ich bin mir nicht sicher. Es ist eine Vermutung. Warum haben Sie sich über diesen Ort so aufgeregt?«
»Keiner weiß viel darüber. Sie nennen es Schloss Almásy, aber es ist lange her, dass es so hieß, bestimmt sechzig oder siebzig Jahre, vielleicht noch mehr. Als Transsilvanien nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig ein Teil von Rumänien wurde, sind viele Ungarn fortgegangen. Die meisten nach Ungarn, einige auch nach Österreich. Ich denke, damals haben auch die Almásys diese Gegend verlassen. Vielleicht kommen sie gelegentlich zu Besuch, das weiß ich nicht. Aber das Schloss hat jetzt andere Besitzer. Die lassen sich bei uns kaum blicken. Und sie wollen auch nicht, dass von den Ortsbewohnern jemand in ihre Nähe kommt. Ein paar Leute von einem Reisebüro in Oradea sind einmal auf dem Schloss gewesen, um den Besitzern zu erklären, dass es ein toller Ort für ein Hotel wäre. Touristen würden eine Menge Geld bezahlen, um einmal dort zu wohnen oder es zumindest zu besuchen.«
»Und was ist passiert?«
»Irgendetwas Schlimmes. Sie haben sich nie wieder dorthin getraut. Eine Freundin hat es mir erzählt, aber sie wusste auch nichts Genaues. Das Schloss soll von einem hohen Zaun umgeben sein. In den umliegenden Wäldern gibt es Wölfe. Das Gelände wird von bewaffneten Posten mit großen Hunden bewacht. Über das Schloss sind viele Geschichten im Umlauf, aber nichts Konkretes. Manche sagen, dort würden Kinder geopfert, es seien Angehörige eines üblen Kults, es gäbe Orgien mit Frauen, die sie herbeischaffen. Dann heißt es wieder, das seien Nazis oder das Schloss sei ein sehr strenges Kloster. Niemand weiß, was dort vorgeht. Zumindest niemand von uns hier.«
Sie hielt inne und trommelte eine Weile mit den Fingern auf die Tischplatte.
»Sie sollten nach Bukarest fahren«, meinte sie dann. »Vielleicht weiß die Regierung etwas über das Schloss. Die Geheimdienste bestimmt. Oder die Polizei.«
»Ich habe keine Zeit, Ilona. Wenn sie hier ist, dann kann sie erst heute Morgen eingetroffen sein. Diese Männer sind zu allem fähig. Falls sie noch lebt, ist sie in großer Gefahr. Ich benötige nur einige Hinweise, wie ich dorthin finden kann. Der Rest liegt bei mir.«
»Ich glaube nicht, dass das …«
»Ethan, Sie sind hier nicht im Land des berühmten britischen Bobbys. Ich helfe Ihnen auf keinen Fall, wenn Sie unbewaffnet dorthin gehen wollen. Dann wären Sie einfach ein … Wie sagt man?«
»Hindernis?«
»Nein. Eine Belastung.«
Er nickte. Sie hatte recht.
»Ja«, sagte er. »Ich bin bewaffnet. Können Sie mir den Weg beschreiben? Wie lange fährt man bis dorthin?«
Jetzt wirkte sie richtig belustigt. Ihr silbernes Lachen schallte durch den Raum und rief bei den Umsitzenden neues Stirnrunzeln und böse Blicke hervor.
»Sie können dort nicht mit dem Wagen hinfahren. Hier muss man zu Fuß gehen. Zu diesem Schloss gibt es keine Straße.«
»Aber ich habe einen Geländewagen. Je näher ich herankomme …«
Sie warf ihm einen mitleidigen Blick zu.
»Hören Sie bitte auf mich, Chief Inspector. Sie sind neu hier. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, das ist nicht William Blakes schönes grünes Land.« Der Vergleich schien ihr selber zu gefallen. Ethan lächelte ihr aufmunternd zu.
»Wir sind hier mitten im Gebirge. Überall Felsen, Schluchten und Höhlen. Große Höhlen. Vielleicht die größten der Welt. Wenn Sie in eine hineinfallen oder auch nur aus Versehen hineingehen, kommen Sie vielleicht nie wieder heraus. Dann findet einer, was von Ihnen übrig ist, im Frühling oder erst in einigen Jahren. Sie brauchen einen Führer. Sie können nicht einfach ihrer Nase nachgehen, selbst wenn es die eines Kriminalisten ist. Wenn ich mit Ihnen gehen sollte, dann müssen Sie sich gut benehmen. Und tun, was ich sage.«
Ethan prustete entrüstet.
»Ilona, Sie kann ich doch nicht … Das ist kein Job für …«
»… ein kleines Mädchen? Eine Frau? Eine bemitleidenswerte Frau mit einem Spatzenhirn?«
»Das habe ich nicht gemeint …«
»Genau das haben Sie sagen wollen. Aber ich werde Ihnen mal was über Sâncraiu erzählen. Wenn Sie glauben, einer von diesen tollen Kerlen, die hier rumsitzen, geht mit Ihnen, dann haben Sie sich geirrt. Und wenn Sie an jede Tür klopfen wollen, sind Sie morgen Abend noch nicht fertig, und Sie werden keinen finden. Wenn Sie es aber allein versuchen, überleben Sie das nicht. Es ist Winter. Dieses Land kann jeden umbringen, wenn er noch so gut ausgerüstet ist. Und um die Frau, die Sie suchen, diese Sarah, ist es dann auch geschehen.«
»Wie viel verlangen Sie?«
»Gar nichts. Zumindest kein Geld. Ich möchte, dass Sie mir, wenn das hier vorüber ist, in England einen Job besorgen. Und ein Visum, um dort zu arbeiten. Kriegen Sie das hin?«
Ethan musste daran denken, dass er im Moment wohl der Letzte war, der britische Behörden um etwas bitten konnte. Aber er hatte viele Kontakte, und sein Vater noch mehr.
»In Ordnung«, sagte er. »Wann brechen wir auf?«