»Ich kann es mir denken«, erwiderte er, endlich mit dem Anflug eines Lächelns.
»Ich möchte nur wissen, wie sie war, Mr. Pavic. Können Sie mir beispielsweise irgendetwas über ihren sozialen Hintergrund sagen? Oder über ihre Freunde?«
Plötzlich wirkte er genervt, als würde ich ihm mit meinen dummen Fragen auf den Wecker gehen.
»Sie begreifen es einfach nicht«, antwortete er. »Ich möchte über das Leben dieser Menschen nichts wissen.
Ich will nicht so tun, als wäre ich ihr Freund. Ich versuche, eine kleine, aber effektive Hilfestellung zu geben, und meist scheitere ich damit. Das ist alles. Junge Leute, die von zu Hause weglaufen, tun das nicht ohne Grund, Dr. Quinn. Glauben Sie, das macht denen Spaß? Lianne hatte wahrscheinlich sehr gute Gründe davonzulaufen.«
»Glauben Sie, sie ist missbraucht worden?« Er gab mir keine Antwort, und ich kam mir taktlos vor, weil ich diese Frage gestellt hatte.
»Sie war einsam«, sagte er abrupt. »Eine einsame, lebenshungrige, verängstigte, zornige junge Frau. Jemand wie Sie würde vielleicht sagen, dass sie auf der Suche nach Liebe war. Reicht Ihnen das?«
»Sie wollen mir nicht helfen?«, entgegnete ich.
Er beugte sich vor. Seine Miene wirkte hart. »Mein Versuch zu helfen ist doch bereits gescheitert«, sagte er.
»Mal wieder.«
»Ich –«
»Ich muss jetzt weg. Ich habe einen Termin.«
»Darf ich Sie zur U-Bahn begleiten?«
»Ich fahre mit dem Auto.«
»Dann könnten Sie mich unterwegs an irgendeiner Haltestelle absetzen. Ich habe nur noch zwei, drei Fragen.
In welche Richtung fahren Sie?«
»Blackfriars Bridge.«
»Direkt an meiner Haustür vorbei«, erklärte ich. Dass mein Auto bei der Welbeck-Klinik parkte, brauchte er ja nicht zu wissen.
Pavic seufzte demonstrativ. »Na schön.«
Wir traten gemeinsam in die Diele hinaus. Ein auffallend hübsches Mädchen mit langem blondem Haar stürmte herein.
» Ich versuch’s doch, verdammt noch mal! « , schrie sie uns entgegen, ehe sie schluchzend die Treppe hinaufrannte.
»War sie auf Drogen?«, fragte ich, als ich schließlich auf dem Beifahrersitz von Will Pavics rostendem Fiat saß und wir uns durch den Verkehr schlängelten.
»Sonst noch Fragen?«
»Ich war bloß neugierig.«
»Sagen Sie mir, wo ich Sie rauslassen soll.«
»Noch nicht. Warum sind Sie so wütend?«
»Scheint mir eine verständliche Reaktion zu sein.«
»Worauf?«
»Auf alles. Diese ganze Scheiße.« Einen Moment lang ließ er das Lenkrad los. Seine Geste schloss alles mit ein: den Verkehr, unser Gespräch, mich an seiner Seite, wo er doch viel lieber allein gewesen wäre, Liannes Tod, das Leben im Allgemeinen.
Den Rest der Strecke fuhren wir mehr oder weniger schweigend, ich sagte ihm nur noch, wo er abbiegen musste. Er hielt direkt vor meiner Haustür, und ich stieg aus.
»Kit! Hey, Kit – Kit!«
Mir rutschte das Herz in die Hose.
»Hallo, Julie.«
»Was für ein Glück, dass du gerade kommst! Ich habe meinen Schlüssel vergessen.« Sie beugte sich vor und lächelte durch die offene Tür zu Pavic hinein.
»Das ist Will Pavic«, murmelte ich. »Julie Wiseman.«
Sie lehnte sich so weit in den Wagen hinein, dass ihr der Rock fast bis zum Po hochrutschte und ihre Brüste sich durch ihr dünnes T-Shirt drückten. »Hallo, Will Pavic.
Kommen Sie noch mit rein?«
»Er hat mich nur mitgenommen. Er ist unterwegs zu einer Besprechung.«
Julie ignorierte mich. »Tee? Kaffee?«
»Nein, vielen Dank.« Seine Stimme klang erstaunlich höflich. Dann lag es also bloß an mir. »Danke fürs Mitnehmen«, sagte ich und kehrte den beiden den Rücken.
Ich ließ die Tür für Julie offen und ging nach oben, obwohl ich in ein paar Minuten wieder aufbrechen musste, zurück zur Klinik und zu meinem Wagen. Wenigstens hatte ich nun Zeit für ein kühles Getränk. Ich drehte den Wasserhahn auf, hielt meine Finger darunter. Julie kam die Treppe heraufgestapft.
»Wahnsinn! Er ist umwerfend!«
»Findest du?«
»O ja, definitiv mein Typ. Grimmig, wettergegerbt, stark, still. Ich habe ihn zum Abendessen eingeladen.«
Ich fuhr herum. »Du hast was?«
»Ich habe ihn zum Abendessen eingeladen.« Sie lächelte triumphierend. Während ich vor Schreck unzusammenhängendes Zeug stammelte, kickte sie grinsend ihre Sandalen in die Ecke.
»Es bringt nichts, Däumchen zu drehen und zu warten.
Ich bin nicht wie du, Kit. Hast du gewusst, dass man die Menschheit in Pflanzenfresser und Fleischfresser aufteilen kann?«
»Ich –«
»Du bist ein Pflanzenfresser, ich ein Fleischfresser. Und er ist auch ein Fleischfresser.«
»Kommt er?«, würgte ich heraus.
»Morgen. Acht Uhr. Ihm ist auf die Schnelle keine passende Ausrede eingefallen.«
»Morgen Abend hab ich schon was vor.«
»Du hast abends nie was vor«, wischte sie meinen Einwand beiseite. »Morgen kannst du jedenfalls nicht weg. Ich hab gesagt, wir hätten ein paar Freunde zum Essen eingeladen, und ihn gefragt, ob er nicht auch Zeit und Lust habe. Also, wen wirst du einladen?«
»Julie …«
»Und was soll ich kochen?«
»Hör zu …«
»Und, noch wichtiger, was soll ich anziehen? Leihst du mir dein rotes Kleid?«
12. KAPITEL
Nachdem ich mit meinem Wagen nach Hause zurückgekehrt war, setzte ich mich mit ein paar Akten ins Wohnzimmer, während Julie, zufrieden mit sich und der Welt, unter die Dusche ging. Sie duschte sehr oft, wobei sie trotz der sommerlichen Jahreszeit gern Weihnachtslieder schmetterte, noch dazu ziemlich falsch.
Vielleicht hatte sie sich diese extreme Reinlichkeit auf ihren Reisen im Ausland angewöhnt. Ich musste an die Witze denken, die amerikanische und australische Kollegen über die Engländer gemacht hatten: Meist war es dabei um unordentliche, staubige Häuser, schlechte Zähne und mangelnde Körperpflege gegangen. Wenn man sich in einem englischen Bad verstecken will, wo ist der beste Ort? Unter der Seife. Das hatte ich mal spät abends auf einer Konferenz in Sydney zu hören bekommen.
Ich las ein weiteres Mal den Bericht über den Tatort, sah mir die Fotos an. Ich schloss die Augen und versuchte mir vorzustellen, wie es dort unten am Kanal gewesen war.
Irgendetwas irritierte mich. Es war, als würde ich die Hand nach etwas ausstrecken, das außerhalb meiner Reichweite lag. Dieses Gefühl trieb mich fast in den Wahnsinn, aber zugleich empfand ich auch so etwas wie Aufregung. Da bahnte sich was an. Mir lag eine fotokopierte Karte von der Gegend rund um den Tatort vor. Ratlos starrte ich auf sie hinunter. Was war da so irritierend?
Julie kam herein. Ihre Haut schien zu leuchten, fast als würde sie von der Dusche noch dampfen. Sie trug ihre abgeschnittene Jeans, dazu ein winziges T-Shirt, das ihr nicht mal bis zum Nabel reichte, und keinen BH. Für einen BH wäre auch kein Platz mehr gewesen. Sie war mit einer Flasche Weißwein und zwei Gläsern bewaffnet. Wortlos schenkte sie mir ein Glas ein und reichte es mir. Dann ging sie noch einmal in die Küche und kehrte mit einer kleinen Porzellanschale voller Oliven zurück. Sie stellte sie auf den Couchtisch, ließ sich mit angezogenen Knien auf dem Sofa nieder und nahm einen Schluck. Ich folgte ihrem Beispiel. Der Wein war wundervoll kalt. Ich betrachtete Julie. Immer noch braungebrannt, wirkte sie sehr attraktiv und schien sich in ihrer Haut pudelwohl zu fühlen. Ich musste an Oban denken und lächelte. In seinen Augen waren Julie und ich ja so eine Art Paar.
Wahrscheinlich fand er, dass ich mit ihr einen ziemlich guten Fang gemacht hatte. Ich sah durchaus die Vorteile, die eine lesbische Beziehung mit sich gebracht hätte.
Männer bedeuteten so viel Stress. Ihre grundsätzliche Andersartigkeit, ihre männlichen Utensilien im Bad, einfach alles. Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Wein. Leider gab es nichts, was ich dagegen tun konnte. Es hatte wahrscheinlich mit meiner Erziehung oder den Zwängen der Gesellschaft zu tun, aber ich war nun mal heterosexuell.
»Probier eine Olive«, sagte Julie. »Ich bin heute Nachmittag durch Soho spaziert. Es war großartig, und ich hab diese mit Sardellen und Peperoni gefüllten Oliven gekauft. Es ist, als würde einem ein Pferd ins Gesicht treten. Auf eine angenehme Weise, meine ich.«
Ich schob mir eine in den Mund, und nachdem ich hineingebissen hatte, fühlte es sich tatsächlich an, als hätte jemand meine Zunge angezündet, aber ein weiterer Schluck von dem kühlen Wein löschte die Hitze auf wundervolle Weise. »Klasse«, sagte ich.
»Ich bin herumspaziert und hab ein bisschen nachgedacht. Ich muss drei Dinge finden. Einen Job, eine Wohnung und einen Mann. Deswegen habe ich mir gleich diesen Typen draußen geschnappt. Ist er verheiratet?«
»Keine Ahnung.«
»Oder schwul?«
»Ich bin ihm heute zum ersten Mal begegnet.«
»Wenn er nicht schwul ist, gut aussieht, ein paar Worte aneinander reihen kann und obendrein auch noch zu haben ist, dann muss man unverzüglich handeln.«
»Ich weiß aus Erfahrung, dass es oft einen guten Grund hat, wenn jemand zu haben ist.«
»Du meinst, er könnte krank sein?«
Ich lachte.
»Hör zu, Kit, ich hab das wirklich ernst gemeint. Es ist mir ziemlich unangenehm, dass ich dich so belagere. Ich bin wirklich auf der Suche nach einer Wohnung.«
»Das ist schon in Ordnung.«
»Ich weiß, dass ich dich einenge.«
»Gibt es bei mir im Moment was einzuengen?«, fragte ich.
»Nein. Ich weiß, dass ich manchmal ein bisschen gereizt bin, aber wenn ich allein wäre, würde ich wahrscheinlich längst die Wände hochgehen.«
»Ich hab eigentlich gedacht, durch diesen Job würdest du ein bisschen mehr rauskommen. Auf der Suche nach Indizien.«
Ich nahm die Flasche und schenkte Julie und mir nach.
»Ich fürchte, in erster Linie suche ich in Akten herum.«
Julie schob sich zwei Oliven in den Mund, bekam einen Hustenanfall und schüttete rasch einen Schluck Wein hinterher. Ihr Gesicht lief knallrot an. »Verdächtigst du schon jemanden?«, stieß sie keuchend hervor.
»Darauf habe ich es erst mal gar nicht abgesehen. Ich versuche, möglichst alles, was mir in die Finger kommt, unvoreingenommen zu durchleuchten und auf diese Weise vielleicht Aufschluss darüber zu bekommen, nach welcher Art von Mensch die Polizei Ausschau halten sollte. Meine Aufgabe ist einfach, die Augen zu öffnen und mir die Dinge ohne Vorurteile anzusehen – ein bisschen wie bei den Rätseln, die man nur durch laterales Denken lösen kann. Antonius und Kleopatra liegen tot nebeneinander, neben sich eine Wasserpfütze und ein paar Glasscherben.
Wie sind sie um Leben gekommen?«
»Der Goldfisch war’s!«, antwortete Julie wie aus der Pistole geschossen. »Aber was sagst du zu dem Mann, der im Erdgeschoss in den Lift steigt, immer bis in den zehnten Stock fährt und die restlichen Stockwerke zu Fuß geht, während er auf dem Weg nach unten im fünfzehnten Stockwerk einsteigt und ohne anzuhalten runterfährt?«
»Zwerg.«
»Glaubst du, sie werden den Mörder finden?«
»Das hängt ganz davon ab. Wenn er jetzt aufhört, nein, dann glaube ich nicht, dass sie ihn finden werden.«
»Du klingst aber nicht sehr optimistisch.«
»Hast du eine Ahnung, wie viele Morde in einem Jahr begangen werden?«
»Wo? Auf der ganzen Welt?«
Ich lachte. »Nein. In England und Wales.«
»Ich habe keinen blassen Schimmer. Fünftausend?«
»Hundertfünfzig, zweihundert, um diesen Dreh herum.
Und mehr als die Hälfte, vielleicht sogar zwei Drittel, werden ganz schnell aufgeklärt. Die meisten Opfer werden von Menschen aus ihrem Bekanntenkreis umgebracht, Ehemännern, Familienmitgliedern. Vor irgendeinem Club kommt es zu einer Schlägerei, ein paar Fußballfans randalieren, ein Einbrecher tötet eine alte Dame, die ihn auf frischer Tat ertappt, als er gerade ihr Haus verlassen will. Die restlichen Täter, denen es bestimmt ist, geschnappt zu werden, gehen der Polizei größtenteils in den berühmten ersten achtundvierzig Stunden ins Netz.
Ein Mörder ist dann entweder noch voller Blut, fällt durch sein seltsames Verhalten auf, muss erst noch seine Waffen und Klamotten loswerden, seine Spuren verwischen. Erst viele Tage später, wenn sich die Polizei keinen Rat mehr weiß, kommt man auf die Idee, jemanden wie mich um Hilfe zu bitten. Die vom Mörder entsorgte Tatwaffe ist nicht aufgetaucht, das Blut längst weggewaschen. Falls es Zeugen gibt, denen etwas Verdächtiges aufgefallen ist, haben sie sich bis zu diesem Zeitpunkt bereits gemeldet.
Kennst du das Gefühl, wenn du deine Schlüssel verloren hast und in das schreckliche Stadium kommst, in dem du überall dort, wo du schon nachgesehen hast, ein zweites Mal nachsiehst? Genau dieses Stadium hat die Polizei jetzt im Fall Lianne erreicht.«
»Klingt hoffnungslos.«
Ich biss in eine weitere Olive. Wundervoll. »Die von der Polizei lässt das ziemlich kalt. Es gibt keine Verwandten, die sich aufregen, keine Presse, die nach einem Ergebnis verlangt. In gewisser Hinsicht hat das Ganze auch was Gutes: Wenn die Situation hoffnungslos ist, kann es wenigstens nicht noch schlimmer werden.«
»Hast du deswegen mit diesem Typen gesprochen, diesem Will?«
»Ja. Lianne – na ja, es gibt hier in der Gegend eine Menge Mädchen wie sie.«
»Du meinst Prostituierte und Ausreißerinnen.«
»Ich meine junge Frauen, die weder einen festen Wohnsitz noch eine feste Beziehung haben und von Gelegenheitsjobs leben. Und ich glaube, dass Will Pavic sich in dieser Welt recht gut auskennt.«
»Was ist er? Ein Zuhälter?«
»Er führt ein Jugendhaus, das einem Teil dieser Ausreißerinnen hilft.« Ich musste über Julies enttäuschte Miene lächeln.
»Tut mir Leid. Er ist weder Anwalt noch Arzt noch Fernsehproduzent. Die von der Polizei verziehen jedes Mal das Gesicht, wenn sein Name fällt. Offenbar halten sie nicht viel von ihm. Wie auch immer, du hast wahrscheinlich mitbekommen, dass er nicht besonders scharf darauf war, mit mir zu kommunizieren, deswegen könnte sich dein Plan, ihn in deine Fänge zu bekommen, als recht nützlich erweisen. Vielleicht fängt er an, mit mir zu reden, während er sich in dich verliebt. Oder hast du was dagegen, wenn ich bei eurem Rendezvous anwesend bin?«
»Um Gottes willen, ohne dich geht es gar nicht! Du musst mir helfen!«
Julie hatte abends eine Verabredung, aber ich blieb sitzen und trank die Flasche Wein aus, während ich Akten studierte, die ich bereits gelesen hatte. Dann nahm ich mir die Karte noch einmal vor und stieß plötzlich eine Art Grunzen aus.
»Das ist es!«, sagte ich laut. Es war kein großer Heureka-Moment. Ich rannte nicht jubelnd im Zimmer herum, aber mir war etwas aufgefallen, das mich irritierte, und das war ja schon mal besser als nichts.
Als ich am nächsten Morgen das Büro von Detective Inspector Furth betrat, sah er mich an, als wäre ich erschienen, um seine Stereoanlage zu beschlagnahmen.
»Ja?«, fragte er.
»Mir ist da ein Gedanke gekommen.«
»Gut«, antwortete er forsch. »Deswegen hätten Sie aber nicht extra vorbeizuschauen brauchen. Sie können auch einfach anrufen. Das ist für alle Beteiligten weniger stressig.«
»Meinetwegen brauchen wir keine Gegner zu sein«, erklärte ich.
»Was meinen Sie damit?«, fragte er in unschuldigem Tonfall.
»Nicht so wichtig. Wollen Sie hören, was mir aufgefallen ist?«
»Ich kann’s kaum erwarten.«
»Vielleicht möchten Sie noch mal einen Blick auf die Karte werfen«, sagte ich.
»Ich habe meine eigene Karte.«
»Wollen Sie wirklich hören, was ich zu sagen habe?«
»Bitte verraten Sie mir Ihren Geistesblitz, ich platze sonst vor Neugier.«
Ich ließ mich gegenüber Furths Schreibtisch nieder. Der Stuhl war ungewöhnlich niedrig, sodass ich das Gefühl hatte, zu irgendeinem Herrn Vorsitzenden aufzublicken.
»Warum am Kanal?«, fragte ich.
»Weil es dort einsam ist.«
»Ja, aber sehen Sie sich die Karte an.« Ich breitete meine Fotokopie auf seinem Schreibtisch aus. »Es gibt am Kanal sehr einsame, abgelegene Stellen, aber dort wurde die Leiche nicht gefunden. Sehen Sie. Lianne wurde gar nicht weit vom Cobbett Estate gefunden.«
»Das ist abgelegen genug«, entgegnete Furth forsch-fröhlich.
»Ich kenne die Gegend. Sie ist schlecht beleuchtet, es gibt eine Menge Gebüsch, und nachts ist dort keine Menschenseele unterwegs. Außerdem konnte der Mörder in beide Richtungen entlang des Kanals entkommen oder rasch in eine der nahe gelegenen Straßen verschwinden.«
»Genau das ist mir aufgefallen, als ich mir die Karte angesehen habe. Man kann mit dem Auto fast bis zum Fundort der Leiche fahren. Sehen Sie. Von diesem Parkplatz hier ist es gar nicht weit.«
»Und?«
»Noch was hat mich irritiert. Lianne wurde die Kehle durchgeschnitten. Dabei wurde ihre Hauptschlagader durchtrennt. Ihre Kleidung war blutgetränkt. Ich habe im Bericht nachgesehen, wie viel Blut am Tatort gefunden wurde. Nichts.«
Furth zuckte mit den Achseln.
»Und?«
»Finden Sie das nicht seltsam?«
»Ganz spontan gesagt, eigentlich nicht. Wenn sie rückwärts gezogen wurde, ist das Blut wahrscheinlich nur auf ihr selbst und dem Mörder gelandet. Kleinere Blutflecken auf dem Boden sind vielleicht niemandem aufgefallen. Oder die Leute von der Spurensicherung haben es einfach nicht erwähnt. Wieso auch?«
»Das ist genau der springende Punkt. Was, wenn Lianne gar nicht am Kanal umgebracht worden ist? Was, wenn sie bereits tot war und dort nur abgeladen wurde? Der Mörder hat sich die Stelle ausgesucht, weil man mit dem Auto hinfahren konnte und es dort dunkel und einsam war, wie Sie ganz richtig gesagt haben.«
»Ist das alles?«, fragte Furth in forschem Ton.
»Ja.«
Er stand auf, trat an einen Aktenschrank und öffnete eine Schublade. Er blätterte kurz, zog eine braune Akte heraus, kam wieder zu mir herüber und warf sie vor mir auf den Schreibtisch. Ich griff danach und warf einen Blick darauf.
»Erkennen Sie das wieder?«
»Ja.«
»Die Aussage von Darryl Pearce. Er hat Liannes Leiche gefunden, wenn Sie sich erinnern. Haben Sie vergessen, wie er sie gefunden hat? Nachdem er ein lang gezogenes Stöhnen oder Schreien gehört hatte, stand er erst eine Weile blöd herum, der feige Scheißkerl. Schließlich fasste er sich doch ein Herz, stöberte im Unterholz herum und fand sie. Wie passt das zu Ihrer Argumentation? Hat Ihr Mörder mit seinem Auto eine Halbtote herangekarrt?
Wissen Sie, wie lang es dauert, bis ein Mensch nach einer solchen Verletzung stirbt?«
»Darüber habe ich auch nachgedacht«, antwortete ich.
»Warum zum Teufel sind Sie dann hier?«
»Eine der Regeln, an die ich mich zu halten versucht habe, besagt, dass man einem einzelnen Indiz nicht zu große Bedeutung beimessen soll. Weil es nämlich falsch sein könnte. Erinnern Sie sich an die Jagd nach dem Yorkshire Ripper? Da hat die Polizei ungefähr ein Jahr lang in die falsche Richtung ermittelt, weil alle ein gefälschtes Band für echt hielten.«
»Sie halten diese kleine Ratte Darryl Pearce für clever genug, eine falsche Aussage zu machen?«
»Ich habe diese Möglichkeit zumindest in Betracht gezogen und überlegt, ob er vielleicht einen Fehler gemacht oder sich die Geschichte nur ausgedacht haben könnte, um damit von etwas anderem abzulenken, aber ich bin auf keinen grünen Zweig gekommen.«
»Also?«
»Mary Gould.«
»Helfen Sie mir auf die Sprünge.«
»Die Frau, die die Leiche gefunden hat.«
Furth machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das war doch die, die zu viel Schiss hatte, uns anzurufen, und sich erst am nächsten Tag gemeldet hat. Die kann man vergessen, die hatte nichts Wichtiges zu sagen.«
»Sie hat Lianne gesehen, in ihrer Aussage aber nicht erwähnt, dass sie zu dem Zeitpunkt noch am Leben war.
Wie erklären Sie sich das?«
»Vielleicht hat sie es vergessen. Oder sie hat es gar nicht gemerkt.«
»Es ist ziemlich unwahrscheinlich, nicht zu merken, wenn jemand aus einer Hauptschlagader verblutet.«
»Vielleicht ist sie erst kurz nach Liannes Tod am Tatort eingetroffen.«
Ich sah Furth an. Seine Miene wirkte eine Spur weniger verächtlich, als wäre gegen seinen Willen sein Interesse erwacht.
»Bisher«, sagte ich, »sind Sie davon ausgegangen, dass Darryl Pearce, der seiner Aussage zufolge auf dem Treidelpfad entlang des Kanals unterwegs war, plötzlich jemanden stöhnen hörte. Während er noch überlegt, was er tun soll, stirbt Lianne, und Mary Gould trifft von der anderen Seite ein, aus Richtung der Wohnanlagen, wie sie ausgesagt hat. Sie ist zu Tode erschrocken und rennt davon, bevor Darryl erscheint und die inzwischen tote Lianne findet. Da ist ziemlich viel passiert in neunzig Sekunden.«
»Haben Sie einen besseren Vorschlag?«
»Ich habe zumindest eine Alternative. Mary Gould findet die Leiche, schreit auf, läuft davon. Darryl Pearce hört diesen Schrei und nimmt an, dass er von Lianne kam.
Mehr fällt mir dazu im Moment auch nicht ein. Die Aussage von Darryl Pearce ist das Einzige, was darauf hindeutet, dass Lianne am Kanal noch am Leben war.«
Furth lehnte sich zurück. »Verdammt«, sagte er nachdenklich …
»Sie verstehen, was ich meine?«
»Darüber muss ich erst mal nachdenken.«
»Eins noch.«
»Was?« Furth blickte an mir vorbei ins Leere.
»Wenn wir uns einig sind, dass der eigentliche Mord nicht an den Kanal gebunden ist –«
»Worüber wir uns noch keineswegs einig sind«, unterbrach mich Furth.
»– dann ist das Entscheidende nicht der Ort, sondern die Art des Mordes. Was bedeuten könnte, dass wir es hier mit einem Killer zu tun haben, der wahllos nach Opfern Ausschau hält. Falls dem tatsächlich so ist, könnte es weitere Fälle geben, die bisher übersehen worden sind.
Deswegen wäre es vielleicht sinnvoll, nach Parallelen zu anderen Fällen zu suchen. Was meinen Sie?«
»Ich werde darüber nachdenken«, antwortete Furth.
»Möchten Sie, dass ich mit Oban darüber spreche?«
»Das mache ich schon.«
»Gut«, antwortete ich munter. Nachdem ich Furth auf diese Weise den Vormittag verdorben hatte, verließ ich das Revier mit einem seltsam fröhlichen Gefühl.
13. KAPITEL
Alle Kummerkastentanten sind sich einig, was zu tun ist, wenn man einen unangenehmen Gast zum Abendessen erwartet. Man muss sich mit seinen allerbesten Freunden in Verbindung setzen und ihnen die Situation erklären.
Dann lädt man sie ein, verspricht ihnen aber, sie zu entschädigen, indem man sie in naher Zukunft zu einem wirklich schönen Abend einlädt. Ich zog diese Möglichkeit in Betracht, hatte dann aber eine göttliche Eingebung. Ich dachte: So ein Schwachsinn! Warum sollte ich liebe Menschen, an denen mir etwas lag, einen solchen Abend zumuten? Ich hatte ein viel bessere Idee. Irgendwo in meinem Hinterkopf gab es eine kleine Gruppe von Leuten, die dort lauerte wie eine Migräne. Sie waren wie ein Fussel an meinem Mantel, den ich einfach nicht loswurde. Ich schuldete diesen Leuten seit langem eine Einladung, konnte mich aber nie dazu aufraffen.
Da war beispielsweise Francis aus der Welbeck-Klinik.
Er hatte mich mal zu einem Abendessen in seiner Wohnung in Maida Vale eingeladen. Es war zu einem schrecklichen Streit gekommen – ich konnte mich nicht mehr erinnern, worum es dabei gegangen war –, ein Gast war vorzeitig aufgebrochen, und Francis hatte sich anschließend vor Verlegenheit betrunken. Als ich Poppy damals von dem Abend erzählte, meinte sie, das klinge doch ziemlich amüsant, aber live war es nicht besonders witzig gewesen. Francis hatte mir danach tagelang nicht in die Augen sehen können und nie wieder von dem Abend gesprochen. Trotzdem hatte ich irgendwie das Gefühl, mich eines Tages in irgendeiner Form revanchieren zu müssen, und dies schien mir eine gute Gelegenheit zu sein, nicht zuletzt deshalb, weil es so kurzfristig war, dass er mit ziemlicher Sicherheit keine Zeit haben würde. Ich rief ihn in der Arbeit an und sagte ihm, dass ich für den nächsten Abend ein paar Leute eingeladen hätte und ob er nicht auch kommen wolle. Großartig, antwortete er. Bis morgen also.
Dann gab es noch Catey. Ich hatte sie an der Uni kennen gelernt, weil ihr damaliger Freund der beste Freund eines Typen war, mit dem ich eine Weile was hatte. Zwischen Catey und mir bestand weiß Gott keine enge Verbindung, und es war auch keineswegs so gewesen, dass wir uns auf Anhieb besonders gut verstanden hatten. Da gab es Dutzende enger Freundinnen, zu denen ich allmählich oder auch plötzlich den Kontakt verloren hatte, aber meine lauwarme Beziehung zu Catey war über die Jahre hinweg durch ein stetes, beharrliches Tröpfeln von Einladungen aufrechterhalten worden. Mal war es ein Abendessen, im Jahr darauf eine Cocktailparty, und ich revanchierte mich mit einer Gegeneinladungsquote von etwa eins zu vier.
Auch in Cateys Fall hoffte ich, dass sie keine Zeit haben würde und ich wieder ein, zwei Jahre von meinen Verpflichtungen entbunden wäre. Als ich sie anrief, stellte sich tatsächlich heraus, dass sie am nächsten Abend schon etwas vorhatte, aber dann meinte sie:
»Nein, bestimmt kann ich das verschieben.« Sie wolle unbedingt, dass ich Alastair kennen lernte, ihren neuen Freund, mit dem sie so gut wie verlobt sei. Drei Minuten später rief sie mich zurück. Das gehe in Ordnung, sagte sie. Wir sehen uns morgen. Wunderbar, antwortete ich.
Julie bestand darauf zu kochen, und da die ganze bevorstehende Katastrophe auf ihrem Mist gewachsen war, protestierte ich nicht. Als ich kurz vor sieben nach Hause kam, war die Wohnung bereits von köstlichen Düften erfüllt. Das Wohnzimmer war tadellos aufgeräumt, der Tisch gedeckt. Ich ging in die Küche. Auf einer Seite stand eine große Platte, von der ich gar nicht mehr gewusst hatte, dass ich sie besaß. Julie musste in den hintersten Winkeln meiner Schränke herumgestöbert haben. Auf der Platte waren verschiedene Gemüse angerichtet, Tomaten, Auberginen, Zucchini, Zwiebelscheiben.
»Du hast gesagt, es muss nichts Besonderes sein«, erklärte Julie. »Das ist der erste Gang. Mariniertes Gemüse. Dann gibt es Risotto. Die Soße ist schon fertig.
Als Nachspeise habe ich Obst und Ricotta vorbereitet.«
»Ich habe Wein besorgt«, antwortete ich matt.
»Dann sind wir fertig.«
»Wie machst du das bloß?«
»Was?«
»Na, das alles! Das ganze Essen, die Tischdekoration, die, Gemüseplatte, die aussieht wie aus einer Zeitschrift.
Dabei liegen hier gar keine aufgeschlagenen, ölbefleckten Kochbücher herum!«
Julie lachte. »Ich kann gar nicht kochen. Das hier ist nicht Kochen. Ich habe bloß ein bisschen Gemüse gebraten oder gedünstet, ein wenig Olivenöl und einen Schuss Essig darüber gegeben und das Ganze mit ein paar Kräutern bestreut. Was du hier siehst, ist bloß Fastfood.«
»Ja, aber wo hast du gelernt, so was ohne großes Planen und Jammern hinzukriegen und dabei noch dazu kein Chaos anzurichten?«
Sie starrte mich verwirrt an. »Verglichen womit?«, fragte sie.
»Du wirst doch wohl nicht das Kochen von ein bisschen Reis damit vergleichen, loszuziehen und sich Leichen anzusehen und sich dann den Kopf darüber zu zerbrechen, wie sie gestorben sind?«
Ich schnitt eine Grimasse. »Das war nun nicht gerade das, woran ich gedacht habe«, antwortete ich lahm.
»Lass uns lieber von deinem Kleid reden«, meinte Julie.
»Du hast es dir doch hoffentlich nicht anders überlegt?«
Julie sah in dem Kleid umwerfend aus. Mit ihrem zerzausten Haar, ihrer immer noch sonnengebräunten Haut, dem roten Lippenstift und einem Hauch von Mascara hätte sie besser in eine exotische Bar als Sängerin gepasst, als in meiner Wohnung mit ein paar eher unscheinbaren Freunden zu Abend zu essen.
»Du siehst fantastisch aus«, sagte ich, was sie mit einem Grinsen quittierte, als wäre das alles nur ein Spiel und wir beide kleine Mädchen, die sich zum Spaß mit Erwachsenenklamotten kostümierten. »Da werde ich nicht mithalten können. Ich glaube, ich gehe heute Abend lieber als Aschenputtel.«
»Macht dir das wirklich nichts aus?«, fragte Julie ein wenig bestürzt. »Möchtest du das Kleid doch lieber selbst anziehen? Bestimmt finde ich in meinen Sachen irgendwas anderes.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das Kleid gehört dir. Ich glaube nicht, dass es je wieder von mir getragen werden möchte.«
Anschließend probierte ich fünf verschiedene Kleider an.
Mir schwebte etwas mit einer raffinierten, subtilen Wirkung vor. Ich wollte einerseits nicht aussehen, als hätte ich mit großem Aufwand den ziemlich erbärmlichen Versuch unternommen, bei einer Einladung, die letztendlich nur ein zwangloses Abendessen war, großen Eindruck zu schinden. Andererseits wollte ich meine Gäste aber auch nicht mit allzu lässiger Kleidung beleidigen. Schließlich entschied ich mich für etwas Schlichtes, Schwarzes, das nicht allzu nobel wirkte, aber auch nicht aussah, als wollte ich zu einem Bauerntanz. Als ich aus dem Schlafzimmer trat, stieß Julie einen Pfiff aus.
Ich musste lachen. »Wahnsinn!«, sagte sie. »Du siehst einfach toll aus! Und das nennst du als Aschenputtel gehen?«
Ich stellte mich neben sie und drehte sie in Richtung des großen alten Spiegels an der Wand. Schulter an Schulter musterten wir unser Bild darin mit kritischem Blick. »Wir sind viel zu schön für diese Leute«, sagte ich. »Wir sollten lieber in eine Bar gehen, die so trendy ist, dass ich sie nicht mal dem Namen nach kenne.«
»Ich dachte, das wären deine besten Freunde«, wandte Julie ein.
»Nein, eher Leute, denen ich eine Einladung schulde.
Erinnerst du dich an diesen Detective, Oban?«
»Klar.«
»Er hält uns für Lesben.«
»Was?«
»Ich bin mir ziemlich sicher.«
Julie kicherte einen Moment, dann zog sie nachdenklich die Stirn kraus. »Wie kommt er darauf? Haben wir uns irgendwie so verhalten?«
»Ich glaube, es lag hauptsächlich daran, dass wir zusammen wohnen, du fürs Kochen zuständig bist und so.
Auf ihn hat das wohl wie ein gemütliches Liebesnest gewirkt.«
»Das ihn wahrscheinlich ziemlich anmacht.«
»Kann schon sein.«
Sie wandte sich wieder dem Spiegel zu. »Die Vorstellung ist durchaus reizvoll«, meinte sie nachdenklich. »Bloß, dass es bei mir einfach immer Männer waren. Ich weiß auch nicht, warum.«
Es klingelte. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Eine Minute vor acht. »Wissen die denn nicht, dass acht neun bedeutet?«, sagte ich, während ich zur Tür ging. Es war Catey, begleitet von Alastair, der schüchtern hinter ihr stand. Catey trug ein hübsches grünes Kleid, Alastair Anzug und Krawatte. Er sah aus, als käme er gerade von der Arbeit. Nachdem sie mich auf beide Wangen geküsst hatten, überreichten sie mir eine Flasche Prosecco und einen großen Blumenstrauß.
»Ich habe schon so viel von dir gehört«, erklärte Alastair.
Was, hätte ich am liebsten geantwortet, könntest du schon von mir gehört haben? Stattdessen lächelte ich nur.
»Wir haben uns so viel zu erzählen«, meine Catey und stürmte die Treppe hinauf.
Mit ein wenig Improvisation reichte das, was wir uns zu erzählen hatten, gerade mal aus, um die acht Minuten zu überbrücken, bis Francis eintraf. Er trug ein weißes Hemd ohne Krawatte und einen Anzug, der so schrecklich aussah
– als wäre er aus irgendeinem Trevira-Ersatzstoff geschneidert, den man eine Woche draußen im Garten gelassen und dann nicht gebügelt hatte –, dass mir sofort klar war, dass er bestimmt mehr gekostet hatte als mein Auto. Er überreichte mir eine Flasche Champagner.
Neugierig blickte er sich im Wohnzimmer um.
»Das ist ein aufregender Moment für mich«, erklärte er.
»Dies ist also die Wohnung, in die Kit nie jemanden reinlässt.«
Catey und Alastair sahen sich mit neuem Interesse um.
Es war wie einer jener Momente in der National Gallery, nachdem man ein Gemälde im Vorbeigehen fünf Sekunden lang betrachtet hat, dann einen Blick in seinen Führer wirft und feststellt, dass es sich um das wichtigste deutsche Gemälde aus dem fünfzehnten Jahrhundert handelt, woraufhin man betroffen kehrtmacht und zu sich selbst sagt: »Wenn ich mir’s recht überlege …« Ich warf Julie einen schnellen Blick zu, mit dem ich ihr zumindest ansatzweise zu verstehen gab, dass dies genau genommen bloß die Wohnung war, in die ich Catey oder Francis nicht hineinließ.
»Ihr kennt euch alle noch nicht«, erklärte ich. »Das ist Julie, die zur Zeit bei mir wohnt und die heute Abend gekocht und, na ja, eigentlich alles gemacht hat. Und das hier ist Francis, der mit mir in der Klinik arbeitet. Und das Catey, ähm, eine alte Freundin von mir, und ihr Freund Alastair.«
»Alastair arbeitet in der City«, warf Catey ein. »Was er da genau macht, ist mir natürlich völlig schleierhaft. Habt ihr das gewusst? Ich habe kürzlich im Radio gehört, dass sechzig Prozent der Leute keine Ahnung haben, womit sich ihr Partner in der Arbeit beschäftigt. Ach, übrigens, Kit, was ist denn mit dem Typen passiert, mit dem du, du weißt schon …«
Ich war versucht zu sagen, nein, ich weiß nicht, antwortete dann aber brav, dass wir nicht mehr zusammen seien und seitdem Funkstille herrsche. Francis öffnete den Champagner und schenkte sich ein Glas ein. Dann begann er im Raum herumzuwandern und die Möbel, Bilder und Bücher unter die Lupe zu nehmen, als wolle er eine psychologische Analyse von mir erstellen, was er natürlich auch tat. Ich musste bei seinem Anblick an die Sommertage denken, an denen sich eine große dicke Hummel durch ein Fenster in die Wohnung verirrte und brummend herumflog, bis es mir gelang, sie mit Hilfe einer Zeitschrift wieder nach draußen zu befördern. Catey sprach inzwischen darüber, was für eine interessante Gegend das doch sei und wie clever es von mir gewesen war, mich früh genug hier niederzulassen.
Nachdem Francis seine inoffizielle Besichtigungstour beendet hatte, setzte er sich zwischen mich und Julie aufs Sofa. »Wie gefällt’s dir denn wieder in der Arbeit?«, fragte er und beendete damit das Gespräch über den Londoner Wohnungsmarkt.
»Das ist eine schwierige Frage«, antwortete ich.
»Du machst immer noch dasselbe, oder?«, fragte Catey munter.
»Na ja …«
»Vorhin im Taxi habe ich Alastair erzählt, was du tust.
Ich bin auf das Thema gekommen, weil ich mich gefragt habe, ob du vielleicht etwas über diesen schrecklichen Mord weißt, der kürzlich passiert ist.«
Verblüfft starrte ich sie an. Wie um alles in der Welt konnte Catey – die meines Wissens immer noch in einer Galerie arbeitete – von meiner Verbindung mit dem Lianne-Mord gehört haben?
»Welchen Mord?«
»Den in Hampstead Heath. Die Mutter, die mit ihrer Tochter am Spielplatz war, von einem Moment auf den anderen spurlos verschwand und später tot aufgefunden wurde. Philippa Burton.«
»Nein, damit habe ich nichts zu tun.«
»Es ist wie bei Lady Di. Die Leute legen an der Straße, die nicht weit vom Tatort entlangführt, Blumen nieder.
Das Blütenmeer erstreckt sich schon über mehr als hundert Meter. Jemand hat ein Buch hingelegt, in das man sich einschreiben kann. Ali und ich sind hinmarschiert, um uns das Ganze anzusehen. Es ist wirklich außergewöhnlich.
Der Verkehr kommt zum Erliegen, überall sieht man Polizisten, und die Leute stehen Schlange. Die Frauen haben teilweise geweint, manche Männer ihre Kinder auf die Schultern gehoben, damit sie auch etwas sehen konnten. Warum machen die Leute so was?«
»Wie denkst du darüber, Francis? Als Fachmann, meine ich.«
Er sah mich bestürzt an. »Das ist natürlich nicht so ganz mein Ressort. Vielleicht glauben die Leute, dass ein Ort, an dem etwas passiert ist, egal, ob etwas Gutes oder Schlechtes, eine besondere Energie ausstrahlt. Wie Hitze.
Die Leute gehen hin, um etwas von dieser Energie abzubekommen.«
»Außerdem ist es aufregend«, fügte ich hinzu. »Die Leute wollen möglichst nah ran, um das Gefühl zu haben, an dem ganzen Drama beteiligt zu sein.«
»Bestimmt nehmen viele wirklich Anteil«, meldete sich Julie zu Wort. »Die Leute waren bestürzt, als sie davon hörten, und wollen das auch zeigen. Da ist nichts Schlimmes dran, oder?«
»Nein«, antwortete ich und sah zu Catey hinüber. »Der Mord, an dem ich arbeite, ist an einem Ort passiert, wo niemand Blumen niederlegt.«
»Warum?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Das Opfer war eine Obdachlose. Ihre Leiche ist unten am Kanal gefunden worden. Ich glaube nicht, dass an ihrem Tod jemand Anteil genommen hat.«
»Das ist traurig«, sagte Catey, verfolgte das Thema aber nicht weiter.
Nachdem Will Pavic um zehn nach neun noch immer nicht erschienen war, beschloss ich, mit dem Essen nicht länger zu warten. Auf Julies Drängen hin ließen wir den Platz neben ihr frei, falls er doch noch auftauchen sollte.
Das mit Olivenöl marinierte Gemüse und das exotische Brot, das Julie irgendwo erstanden hatte, schmeckten ganz ausgezeichnet. Es war wie in einem Nobelrestaurant, nur mit dem zusätzlichen Vorteil, auf seinen eigenen Stühlen sitzen zu können. Das Risotto hatte noch einen wundervollen Biss und war mit Sauerampfer gewürzt, den ich immer für ein Unkraut gehalten hatte. Catey war ungemein beeindruckt. Das Lob, das Julie für ihre Kochkünste einheimste, schien irgendwie auch mir zu gelten, als wäre ich der Impresario der ganzen Veranstaltung.
Wir waren mit dem Hauptgang fast fertig, als es klingelte. Will stand in Jeans, einem blauen Hemd und Turnschuhen vor der Tür, eine Jacke unter dem Arm.
Plötzlich fühlte ich mich overdressed, was absolut lächerlich war. Schließlich war er derjenige, der ein schlechtes Gewissen haben sollte. »Ich hatte einen schlimmen Tag«, erklärte er. »Ich hätte anrufen und absagen sollen, aber ich hatte Ihre Nummer nicht.«
»Sie steht im Telefonbuch«, antwortete ich knapp.
»Obwohl, ich weiß gar nicht, ob sie da noch steht, aber Sie hätten sie bestimmt irgendwie in Erfahrung bringen können. Kommen Sie rein. Leider haben wir mit dem Essen schon angefangen.«
Er folgte mir nach oben. Im helleren Licht meines Wohnzimmers wirkte er müde und abgespannt. Ich stellte ihn den Leuten am Tisch vor, die plötzlich einen etwas belämmerten Eindruck machten, als hätten wir sie bei einer heimlichen Nascherei ertappt. Julie stand mit einem charmanten Lächeln auf, schüttelte seine Hand, ließ sie nicht mehr los und führte ihn an seinen Platz neben ihr. Im Vorbeigehen warf er seine Jacke aufs Sofa.
»Sie werden sich ganz schön ins Zeug legen müssen, um uns einzuholen«, sagte Julie. »Haben Sie was dagegen, wenn ich Ihnen von allem was auf den Teller tue?« Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Rot oder weiß?«
»Egal.«
Während der nächsten Minuten aß er ruhig vor sich hin, wobei er hin und wieder in die Runde blickte, sich ansonsten aber hauptsächlich auf sein Essen konzentrierte.
»Vielleicht sollten wir versuchen, Will über den Stand der Gespräche in Kenntnis zu setzen«, schlug Julie vor.
»Wie in einer Seifenoper. Wir haben über diese Wohngegend hier gesprochen. Ich habe meine üblichen Geschichten über meine Reisen durch die Welt vom Stapel gelassen. Sie kennen das alles noch nicht, Will, ich werd’s Ihnen später erzählen. Und Catey und Alastair haben sich die Stelle angesehen, wo in Hampstead Heath jemand ermordet worden ist, und sich ins Erinnerungsbuch eingeschrieben …«
»Das haben wir gar nicht –«
»… und Alastair hat gerade über seine Arbeit in der City gesprochen.«
Pavic wandte sich an Alastair. »Wo arbeiten Sie denn?«
»Cheapside, gleich um die Ecke.«
»Für welche Firma?«
Alastair sah ihn verblüfft an.
»Hamble’s.«
»Pierre Dyson.«
»Ja, stimmt«, antwortete Alastair. »Ich meine, ich kenne ihn nicht persönlich, aber ja, er ist der Chef. Kennen Sie ihn?«
»Ja.«
Beide Männer schwiegen einen Moment.
»Entschuldigen Sie«, sagte Alastair dann. »Wie war noch mal Ihr Name?«
»Will Pavic«, antwortete ich.
»Warten Sie, warten Sie! Ich erinnere mich. Wahl Baker, stimmt’s?«
Will machte inzwischen einen etwas verlegenen Eindruck.
»Ja, stimmt.«
»Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen, Will. Ich habe schon so viel von Ihnen gehört.«
»Du meinst, von dem Jugendhaus?«, mischte ich mich ein.
»Nein, nein«, entgegnete Alastair in verächtlichem Ton.
»Ich möchte deinen Gast nicht in Verlegenheit bringen, aber er hat zehn Jahre lang den Wahl-Baker-Fonds geleitet. Legendäre Jahre. Fantastisch.«
»So fantastisch war das gar nicht«, gab Will gelassen zurück.
»Da bin ich anderer Meinung«, widersprach Alastair.
»Ich wusste gar nicht, dass Sie in der City gearbeitet haben«, sagte ich.
»Tu ich ja auch nicht mehr«, antwortete Will. Dann schwieg er, und das Gespräch entwickelte sich in eine andere Richtung.
Während des restlichen Essens warf ich immer mal wieder einen verstohlenen Blick zu Julie und Pavic hinüber. Ich bekam Bruchstücke ihrer Unterhaltung mit, erst ging es um irgendwas in Mexiko, dann um etwas anderes in Thailand. Seine Antworten waren knapp, und ich konnte nicht verstehen, was er sagte.
Nach dem Essen zogen wir mit einer Tasse Kaffee oder Tee aufs Sofa um. Catey trank einen Kräutertee, der ziemlich medizinisch roch. Will bestand darauf, vorher noch rasch den Tisch abzuräumen, und so kam es, dass wir uns allein in der Küche wieder fanden.
»Nicht so ganz Ihre Art Leute, nehme ich an«, sagte ich.
Er lächelte nicht. »Was wissen Sie schon über meine Art Leute? Die vier scheinen mir ganz in Ordnung zu sein.«
»Ich habe damit auch mich gemeint.«
Nun musste er doch lächeln, wenn auch ein wenig sarkastisch, wie mir schien.
»Aber Julie ist nett, nicht wahr?«, bemerkte ich pflichtschuldig.
»Ja, sie scheint wirklich recht nett zu sein.«
Einen Moment lang schwiegen wir beide. »Ich kann gar nicht glauben, dass Sie Ihren Job in der City mit diesem Jugendhaus in Kersey Town vertauscht haben«, sagte ich dann.
»Sie kennen das Leben in der City?«, erwiderte er.
»Ich kenne Kersey Town.«
»Zum damaligen Zeitpunkt hielt ich es für eine gute Idee.«
»Und inzwischen?«
Er öffnete den Mund, klappte ihn aber gleich wieder zu.
Offenbar hatte er es sich anders überlegt. »Sie müssen entschuldigen«, erklärte er. »Ich glaube, das ist ein zu großes Thema für diese Küche und diesen Abend.«
»Dann bin ich wohl diejenige, die sich entschuldigen sollte«, entgegnete ich. »Übrigens habe ich mit jemandem gesprochen, der Sie kennt.«
In seinen Augen flackerte eine Spur von Interesse auf.
»Ach, ja?«
»Ein Detective namens Furth. Er arbeitet an dem Lianne-Fall. Kennen Sie ihn?«
»Ja.«
»Er hat mich vor Ihnen gewarnt.«
»Das sieht ihm ähnlich.«
»Ich mag ihn auch nicht.«
Vorsichtig stapelte Will die Teller neben dem Spülbecken und wandte sich dann zu mir um. »Ich weiß nicht, was Sie wollen, Kit, aber es ist mir egal, was Sie über die Polizei oder sonst jemanden denken.«
Das war’s. Ich warf mein Handtuch auf den Küchentisch und trat einen kämpferischen Schritt auf ihn zu. »Wieso, zum Teufel, sind Sie dann überhaupt gekommen? Erst sind Sie schon zu spät, und dann lümmeln Sie wie ein Teenager mit mürrischer Miene in der Ecke und geben sarkastische Kommentare von sich. Sie bilden sich ein, etwas Besseres zu sein als ich, stimmt’s?«
Will schob stirnrunzelnd die Hände in die Hosentaschen.
»Ich bin gekommen, weil mich Ihre Freundin mit ihrer Einladung so überrascht hat, dass ich gar nicht wusste, wie mir geschah. Und dass ich zu spät gekommen bin, tut mir Leid. Wie gesagt, ich hatte einen schlimmen Tag.«
»Ich hatte auch einen schlimmen Tag.«
»Ich werde jetzt nicht mit Ihnen streiten, wer den schlimmeren Tag hatte.«
»Ich bin nicht Ihr Feind«, erklärte ich.
»Nein?« Er verließ die Küche. Ich folgte ihm, sodass wir fast gemeinsam das Wohnzimmer betraten. Ich war puterrot im Gesicht und sehr wütend. Wie er aussah, weiß ich nicht.
»Wir haben gerade festgestellt«, sagte Catey, »wie erstaunlich es doch ist, dass Sie Ihren fantastischen Job aufgegeben haben, um stattdessen in diesem Jugendhaus zu arbeiten.«
Ich befürchtete schon, dass er zu Catey genauso ekelhaft sein würde wie eben in der Küche zu mir, aber sein Gesichtsausdruck wirkte fast gütig. »So erstaunlich war das gar nicht«, antwortete er. Dann wandte er sich an Alastair. »Warum geben Sie Ihren schönen Job nicht auf?«
Alastair starrte ihn verblüfft an. »Na ja, weil, ich weiß nicht recht … Ich nehme an, weil ich es nicht will.«
Will breitete die Hände aus. »Ich wollte es. Das ist alles.«
Julie kam – nein, sie schwebte, wenn es überhaupt ein Wort dafür gibt – mit einer Tasse Kaffee auf ihn zu und reichte sie ihm. »Warum sind Sie zu Kit so aggressiv?«, wollte sie wissen.
Er zuckte zusammen und sah fast verstohlen zu mir herüber.
»Aggressiv?«, fragte er. »Vielleicht bin ich überempfindlich. Als ich mit dem Jugendhaus anfing, habe ich mir von den Leuten Hilfe erwartet, unter anderem von der Polizei, von Sozialarbeitern. Aber da kam nichts.
Inzwischen will ich nur noch, dass sie uns in Ruhe lassen.
Deswegen fauche ich die Leute manchmal ein bisschen an.«
»Ich will doch nur helfen.« Ich hörte selbst, wie erbärmlich meine Worte klangen.
»Sie kommen zu spät«, antwortete er. »Sie ist tot. Ich bin auch zu spät gekommen.« Er lächelte traurig. »Sehen Sie, da haben wir wenigstens eins gemeinsam.« Nach einem ersten vorsichtigen Schluck von seinem Kaffee stürzte er gleich die ganze Tasse hinunter. »Sie müssen entschuldigen«, sagte er. »Ich gehe jetzt wohl lieber.«
»Nein«, widersprach ich. »Nicht meinetwegen.«
»Es ist nicht Ihretwegen. Ich bin zurzeit nur nicht in der Verfassung für Geselligkeit.«
Er verabschiedete sich recht manierlich von allen und machte Julie ein Kompliment wegen des Essens. Sie begleitete ihn hinaus. Als sie zurückkam, murmelte sie mir zu: »Die Suche geht weiter!« Ich schaffte es, mit einem prustenden Lachen zu reagieren, war aber in Wirklichkeit ziemlich erschüttert und zog mich unter dem Vorwand, für Kaffeenachschub zu sorgen, in die Küche zurück, wo ich den ganzen Abwasch erledigte. Als ich mit der Kaffeekanne ins Wohnzimmer zurückkehrte, sah ich, dass mein Plan, mich bei diesen Leuten zu rächen, nicht so ganz funktioniert hatte. Francis sprach gerade über sich selbst, Julie über den Anblick des Taj Mahal in der Abenddämmerung, Catey über Alastair, und Alastair saß mit bescheidener Miene daneben. Ich musste nichts weiter tun als Kaffee nachschenken und meinen eigenen trinken.
Als sie nach einer halben Ewigkeit aufbrachen, wurden Unheil verkündende Rufe laut, dass wir uns bald wieder sehen müssten, und Francis und Alastair tauschten auf der Treppe sogar ihre Telefonnummern aus – eine Albtraumvision. Was, wenn all die Leute, die mir einzeln schon Magenschmerzen bereiteten, sich nun verbündeten, um mir noch schwerer im Magen zu liegen?
Endlich waren Julie und ich allein. Ich zog ein Gesicht.
»Tut mir Leid, dass ich dir das angetan habe«, sagte ich.
»Wieso denn?«, antwortete sie. »Ich fand sie nett. Und sie finden dich nett. Du liegst ihnen allen am Herzen – du hast Glück, so viele Freunde zu haben.« Einen kurzen Moment lang klang sie fast neidisch. »Ich sollte mich bei dir entschuldigen. Mein Pavic-Plan hat nicht funktioniert.«
»Ist doch egal. Der Plan war okay, Pavic selbst ist das Problem.« Lächelnd griff sie nach ihrem Glas und leerte es. Dann legte sie mir eine Hand auf die Wange und küsste mich ganz leicht auf den Mund. »Falls ich jemals zur Lesbe mutiere«, erklärte sie, »wirst du die Erste sein, bei der ich einen Annäherungsversuch mache. Gute Nacht.«
14. KAPITEL
In einem Punkt hatte ich Recht gehabt – das Stöhnen war von der Zeugin gekommen, oder zumindest ein Stöhnen.
Ein Polizeibeamter rief Mary Gould an, und sie sagte, sie sei sich nicht sicher, doch, ja, es sei schon möglich, dass sie aufgeschrien habe, als sie das arme Mädchen sah, doch, je länger sie darüber nachdenke, ja, jetzt sei sie sicher, sie habe tatsächlich aufgeschrien. Sie bekomme deswegen doch keine Schwierigkeiten, oder?
Die Annahme, Lianne sei am Kanal getötet worden, war also falsch gewesen.
»Was bedeutet«, sagte ich zu Furth, »dass kein Grund besteht, Doll mehr zu verdächtigen als jeden anderen.
Stimmt’s?«
»Lady«, antwortete er und reckte mir das Gesicht entgegen, sodass ich die gelben Flecken an seinen Zähnen sehen konnte, die Bartakne an seinem Hals, die feinen Linien um seinen Mund, »das ist doch alles Zeitverschwendung! Sie ist am Kanal ermordet worden, und zwar von Doll.«
»Trotzdem wäre es die Mühe wert, sich andere Mordfälle anzusehen, meinen Sie nicht?«
»Das haben wir schon getan. Gil und Sandra haben heute Vormittag vier Stunden damit zugebracht, die ungeklärten Londoner Mordfälle der letzten sechs Monate durchzugehen, sind aber auf keine Parallelen gestoßen. So viel zu Ihrer Theorie. Tut mir Leid. Wir können Ihnen nur diese eine Leiche bieten, keine spektakulären Serienmorde.«
»Wonach haben Sie im Einzelnen gesucht?«, fragte ich.
»Wie Sie wissen, sind wir ausgebildete Kriminalbeamte.
Nach Ähnlichkeiten im Hinblick auf Tötungsart, Opfer, Tatort. All diese Dinge. Da war nichts. Keine Stadtstreicherinnen, keine verstümmelten Leichen, keine vergleichbaren Tatorte. Nichts. Null Komma nichts.«
»Kann ich mir die Fälle auch mal ansehen?«
Er rieb sich seufzend die Augen. »Sie sollen uns helfen und nicht bei der Arbeit behindern. Was erwarten Sie sich davon?«
»Ich betrachte die Dinge aus einer anderen Perspektive«, antwortete ich sanft.
Er zuckte müde mit den Achseln. »Wenn Sie gern Ihre Zeit verschwenden, bitte, das ist Ihre Sache.«
»Es sind also viele?«
»Um die dreißig, es sei denn, Sie wollen Ihre Suche auf die Bronx ausweiten.«
»Wie kann ich Einblick in die Fälle bekommen?«
»Wir werden einen Beamten bitten, seine Jagd auf Verbrecher einzustellen, dann können Sie an den freien PC.«
»Wann?«
Er warf einen Blick auf seine Uhr und murmelte etwas, das ich nicht verstand. Dann antwortete er: »In einer halben Stunde oder so.«
»Danke.«
»Darf ich Sie was fragen?« Sein Ton klang jetzt ernster.
»Was?«
»Sind Sie immer sicher, dass Sie Recht haben?«
Ich blinzelte ihn an, spürte leichte Panik in mir aufsteigen.
»Sie täuschen sich«, erwiderte ich. »Ich bin niemals sicher. Das ist genau der Punkt.«
Bei dreizehn der ungeklärten Mordfälle handelte es sich um junge Männer, die spät nachts oder in den frühen Morgenstunden getötet worden waren, vor Nachtklubs, Pubs, nach Fußballspielen oder Partys. Ich überflog ihre Akten: zu Tode geprügelt, erstochen, mit einer zerbrochenen Flasche am Kopf verletzt. In zwölf der dreizehn Fälle hatten die Opfer große Mengen Alkohol konsumiert. Der dreizehnte war ein neunzehnjähriger Schwarzer, den man mit zerschmettertem Schädel unter seinem Fahrrad gefunden hatte. Überfahren.
Möglicherweise ein Unfall, unter Umständen ein ausländerfeindlicher Übergriff.
Zwei Prostituierte, von denen die eine tot in ihrem kleinen Zimmer über einer Kebabbude gefunden worden war. Die Besitzer hatten sich gewundert, wo der Geruch herkam. Die zweite war auf einem Stück Ödland in Summertown zu Tode geprügelt worden. Nicht weit weg von Lianne. Bei ihr zögerte ich kurz: Jade Brett, zweiundzwanzig, HIV-positiv, keine Angehörigen.
Wahrscheinlich nicht, aber ich machte mir eine Notiz. Des Weiteren waren unter den Toten mehrere Obdachlose, Alkoholiker mit ruinierter Leber, die tot neben Parkbänken oder in den Ladeneingängen gefunden worden waren, wo sie üblicherweise schliefen. Es lagen auch mehrere ungeklärte Morde an Kindern vor, wobei die Polizei ihre Ermittlungen in allen Fällen, von einer Ausnahme abgesehen, auf Familienmitglieder und Bekannte konzentrierte. Für den Lianne-Fall waren sie ohnehin nicht relevant.
Dann gab es da natürlich noch Philippa Burton, zweiunddreißig, Mittelklasse, respektabel, inzwischen berühmt wegen ihrer Ermordung. Ihr Name war der einzige, den ich kannte. Die anderen waren den Zeitungen nicht mehr als ein paar Zeilen auf Seite fünf wert. Ich sah mir die Einzelheiten ihres Falls an. Wie ich bereits wusste, war sie in Hampstead Heath von dem Spielplatz verschwunden, auf dem ihre kleine Tochter gespielt hatte, und mehrere Stunden später am abgelegenen, wilden Ende des Heidegebiets entdeckt worden, wo sie mit dem Gesicht nach unten zwischen Bäumen und Büschen lag.
Sie war mit einem Stein, den man wenige Meter von ihr entfernt fand, mehrere Male auf den Kopf geschlagen worden. Außerdem hatte sie einen Schnitt an der linken Wange und leichte Blutergüsse an den Handgelenken. Sie war nicht vergewaltigt worden. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass es sich um einen Sexualmord handelte.
Ich rieb mir die Augen und starrte auf den Bildschirm.
Dann griff ich nach dem Telefon und tippte Furths Durchwahl.
»Ich würde mir gern die Leiche von Philippa Burton ansehen. Und ihre komplette Akte.«
»Was?«
Es war kein »Was haben Sie gesagt?«, sondern ein
»Was, zum Teufel, faseln Sie da eigentlich?«
»Kann ich?«
»Warum?«, wiederholte er schwer atmend.
»Weil ich es möchte.«
»Wollen Sie uns verarschen, Doktor? Hat das alles vielleicht etwas mit Ihrer Arbeit in der Klinik zu tun?«
»Mir ist klar, dass –«
»Wollen Sie wissen, was ich denke?«
»Was?«
»Sie haben ein Problem. Seit Dolls Attacke. Andere Leute haben das auch schon festgestellt.«
»Warum haben Sie mich dann zu Rate gezogen?«
»Das frage ich mich schon die ganze Zeit.«
»Fakt ist, dass ich hier bin. Kann ich die Leiche sehen?«
»Nur weil es für Sie interessant wäre? Vergessen Sie’s!«
Mit diesen Worten legte er einfach auf. Ich starrte ein paar Sekunden auf den Computerbildschirm, dann griff ich erneut nach dem Haustelefon und bat darum, mit Oban verbunden zu werden.
»Kann ich kurz mit Ihnen reden?«
»Klar. Jetzt gleich?«
»Ja, bitte.«
»In Ordnung.«
Oban hatte die Hände aneinander gelegt und sah mich über seine Fingerspitzen hinweg ruhig an. Seine Augen schienen mir heller denn je. Er ließ sich ein paar Sekunden Zeit, ehe er antwortete. »Ich verstehe nicht so recht, wonach Sie suchen, Kit.«
Ich schwieg – es gab auch nicht viel zu sagen, weil ich es ja selbst nicht wusste, und das Gefühl, dass ich mich höchstwahrscheinlich lächerlich machte, zur Freude des ganzen Polizeireviers, wurde immer stärker.
»Sie haben davon gesprochen, nicht von falschen Annahmen auszugehen. Nun gehen Sie selbst von der Annahme aus, dass Liannes Mörder noch jemand anderen umgebracht hat. Warum? Sie glauben, es könnte eine Verbindung zum Fall Pippa Burton geben. Warum? Das müssen Sie mir schon erklären, Kit.« Gegen seinen sanften, höflichen Ton kam ich viel schwerer an als gegen Furths grobe Art.
»Ich bin keineswegs der Meinung, dass ich von derartigen Annahmen ausgehe«, entgegnete ich. »Ich sage doch nur, dass wir, wenn Lianne nicht am Kanal ermordet worden ist – und es gibt keinen Grund, das noch länger zu glauben –, Möglichkeiten in Betracht ziehen müssen, die wir vorher vielleicht übersehen haben.«
Oban bewies sehr viel Geduld mit mir. »Gesetzt den Fall, Sie haben Recht. Ignorieren wir mal die Tatsache, dass Furths Team die Akten bereits durchgesehen hat.
Warum Pippa Burton? Ich sehe da keinerlei Parallelen, nur Unterschiede.« Er begann sie an den Fingern abzuzählen:
»Die Opfer unterscheiden sich, ebenso die Mordarten, die Fundorte der Leichen, die Stadtteile, in der die Fundorte liegen. Außerdem sollten Sie bedenken, dass es hier auch um interne Politik geht. Sie haben bei uns was gut. Wir hatten ziemliche Schuldgefühle wegen des Unfalls, Sie wissen schon. Bestimmt wollen Sie diesen Bonus nicht ganz verspielen.«
Wieder gab ich keine Antwort. Es gelang mir, seinem Blick standzuhalten.
»Also gut«, meinte er schließlich seufzend. »Sehen Sie sich die Leiche an.«
»Danke.«
»Der Fall liegt natürlich nicht in unserem Zuständigkeitsbereich, aber das dürfte kein Problem sein.
Ich werde dafür sorgen, dass Furth es für Sie arrangiert –
auch wenn er darüber nicht glücklich sein wird. Ich weiß, dass er ein Idiot ist, aber er hat ebenfalls ein gutes Gespür.
Er liegt damit nicht immer daneben.« Er musterte mich prüfend, ohne zu lächeln.
»Na ja …« Ich brachte ein Lachen zustande, das mehr wie ein Schluchzen klang.
»Warum ist dieser Fall für Sie so wichtig, Kit?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Ich versuche nur, gründlich zu sein.«
»Wie ich höre, haben Sie mit Will Pavic gesprochen.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ein recht dubioser Typ. Wissen Sie, dass er früher ein großes Tier in der City war?«
»Ich habe so was läuten hören.«
»Ich kenne auch nicht alle Einzelheiten, aber er hatte eine Art Zusammenbruch und warf alles hin. Danach hat er versucht, die Mutter Teresa von Nord-London zu werden.«
»Das klingt doch recht gut.«
»So einfach ist das nicht. Der Typ hat den Boden unter den Füßen verloren.« Wieder musterte er mich mit prüfendem Blick. »Der Polizei gegenüber ist er auch nicht gerade freundlich gesinnt.«
»Das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen«, gab ich trocken zurück.
»Wir haben nur versucht, ihn dazu zu bringen, die Gesetze zu befolgen wie alle anderen. Lassen Sie sich von seinem Charme nicht täuschen.«
Endlich etwas, das mich zum Lächeln brachte. Ich musste an unser Abendessen denken, an Pavics Stoppelkopf und die Verachtung in seinen Augen. »Keine Angst, da besteht keine Gefahr.«
Oban hatte Recht. Furth hatte Recht. Warum war ich dann nicht ihrer Meinung? Ich starrte wieder auf Philippa Burtons Körper, einen schlanken, glatten Körper mit runden Hüften, hohen Brüsten und leichten Dehnungsstreifen am Bauch, wahrscheinlich von der Geburt ihrer Tochter. Die Hände waren schmal und anmutig, die manikürten Fingernägel perlmuttrosa lackiert, passend zu den Zehennägeln. Ihr Körper war unversehrt, abgesehen von den Blutergüssen rund um ihre zarten Handgelenke. Sie lag da wie eine schöne Statue, in die Falten eines Lakens drapiert, aber der Kopf, der zu diesem glatten Torso gehörte, war auf der linken Seite zertrümmert. Ihr goldblondes Haar war mit dunklem Blut verklebt.
Ich verspürte nicht den Wunsch, sie zu berühren oder länger neben ihrem Körper zu verharren. Sie besaß einen Mann und eine Tochter, die um sie trauerten, sowie Dutzende schockierter Freunde. Dazu kam eine Menge Fremder, die in ihre Vorstellung von dieser Frau verliebt war. Die Zeitungen hatten Artikel über sie gebracht, Politiker Schlange gestanden, um dieser vorbildlichen Mutter Tribut zu zollen, die so brutal von einem teuflischen Monster aus dem Leben gerissen worden war.
Und wir dürfen nicht ruhen, bis er gefasst ist, und so weiter. Tausende von Menschen hatten an dem Ort, wo man ihre Leiche gefunden hatte, Berge von Blumen und Plüschtieren niedergelegt. Hunderte würden zu ihrer Beerdigung kommen. Wildfremde Menschen würden Blumen schicken. Trotzdem konnte ich mich nicht losreißen, musste sie weiter anstarren, weil ich so ein seltsames Gefühl hatte, wie ein Jucken, das sich nicht wegkratzen ließ. Sie war mit dem Gesicht nach unten gefunden worden, genau wie Lianne. Sogar ich wusste, dass das nicht ausreichte, um die beiden Fälle miteinander in Verbindung zu bringen. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich da ein Bezug herstellen ließ. Wenn es mir nur endlich gelänge, mit einem anderen Blickwinkel an die Sache heranzugehen.
Ich verließ die Leichenhalle und entschloss mich zu einem Spaziergang über die Heide. Obwohl es nicht regnete, war es ein trister, grauer Tag. Das Gras fühlte sich nass an, und auch von den Bäumen tropfte ständig Wasser herunter. Es waren nicht viele Leute unterwegs, bloß ein paar Jogger und Hundebesitzer, die Stöcke ins moorige Unterholz warfen. Ich marschierte schnellen Schritts dahin, vorbei am Spielplatz und an den Teichen, den Hügel hinauf, wo die Leute an sonnigen Tagen Drachen steigen ließen. Ich hatte kein richtiges Ziel, ging einfach nur im Kreis herum, während die Gedanken in meinem Kopf ebenfalls ziellos kreisten.
15. KAPITEL
Eine Gruppe von Detectives misstraute mir bereits. Nun musste ich mich mit einem zweiten Team herumschlagen.
Zumindest gehörte es zum selben Revier – was angesichts der Meinung, die man von mir hatte, gar nicht so gut war.
Oban war trotz seiner Bedenken nett, sprach mit dem Leiter der im Mordfall Philippa Burton ermittelnden Einsatzgruppe und sagte freundliche Dinge über mich, was dazu führte, dass ich binnen eines Tages Detective Chief Inspector Vic Renborn gegenübersaß. Er war ein großer, kahlköpfiger Mann, der nur noch einen ganz kleinen Rest rötlichen Haars über den Ohren und am Hinterkopf hatte.
Mit seinem leuchtend roten Gesicht bot er einen beängstigenden Anblick. Ich konnte mir vorstellen, dass Ärzte Wetten darüber abschlossen, ob ihn zuerst der Herzinfarkt oder der Schlaganfall ereilen würde. Beim Reden keuchte er leicht, als wäre der anstrengende Akt, mir die Türe zu öffnen, bereits zu viel für ihn gewesen.
»Oban sagt, Sie interessieren sich für Philippa«, begann er, als würde er beiläufig von einer Freundin nebenan sprechen.
»Ja.«
»Alle interessieren sich für Philippa.«
»Ich weiß.«
»Ich habe uniformierte Beamte im Einsatz, die rund um die Stelle, wo sie gefunden wurde, den Verkehr regeln und die Menschenmassen in Zaum halten. Wir waren gezwungen, Ampeln aufzustellen und einen provisorischen Parkplatz anzulegen. Die Leute kommen aus dem ganzen Land angereist und legen Botschaften und Blumen nieder. Eben hatte ich einen kanadischen Gerichtsmediziner am Telefon. Er hält sich zur Zeit in London auf, um für ein Buch zu werben, und hat uns seine Dienste angeboten. Genau wie ein Astronom. Ist das korrekt?« Er blickte fragend zu einer Beamtin hinüber, die mit einem Laptop in der Ecke saß.
»Ein Astrologe, Sir.«
»Ein Astrologe. Und ein paar Leute mit übersinnlicher Wahrnehmung. Eine Frau hat letzten Monat von dem Mord geträumt. Eine andere hat behauptet, den Mörder identifizieren zu können, wenn wir ihr ein Stück blutgetränkte Kleidung geben. Die von der Presse schnüffeln überall herum. Hier geht’s zu wie im Tollhaus.
Ich kann mich wirklich glücklich schätzen. Alle wollen mir helfen. Dabei habe ich noch rein gar nichts in der Hand. Und zu allem Überfluss zieht noch mein Büro um, sodass ich nicht mal einen Ort habe, an dem ich mich verstecken kann. Sind Sie hier, um mir zu helfen?«
»Ich habe mit diesem Fall im Grunde nichts zu tun.«
»Wahrscheinlich sollte ich jetzt erleichtert sein. Oban sagt, Sie unterstützen ihn bei den Ermittlungen im Fall einer Stadtstreicherin, die tot am Kanal gefunden wurde.«
»Das stimmt«, antwortete ich. »Ihretwegen haben sich keine Leute mit übersinnlicher Wahrnehmung gemeldet.
Um sie schert sich keiner.«
»Was wollen Sie mit Philippa Burton?«
»Das weiß ich selbst noch nicht so genau.«
»Hängt es damit zusammen, dass es sich um einen spektakulären Fall handelt?«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass ich bereits einen psychologischen Berater habe. Seb Weiler – kennen Sie ihn?«
»Ja.«
»Ein fähiger Mann?«
Ich zögerte einen Moment. »Ich bin nicht hier, um mit ihm zu konkurrieren«, antwortete ich diplomatisch.
»Unser Problem ist, dass wir nur eine Zeugin haben, und die ist erst drei Jahre alt.«
»Hat sie was gesagt?«
»Jede Menge. Sie mag Erdbeereis, Der König der Löwen und kleine Plüschtiere. Sie verabscheut Avocados und laute Geräusche. Wir haben eine Kinderpsychologin engagiert, die ihre Zeit damit verbringt, Sandkuchen mit der Kleinen zu backen oder irgendwas in der Art. Eine Frau namens Westwood. Kennen Sie sie?«
»Ja, ich kenne Dr. Westwood.« Mein Herz begann unangenehm hektisch zu schlagen. Ich hatte keine Lust, Renborn zu verraten, dass Bella Westwood sogar meine Lehrerin gewesen war. Wir hatten sie alle verehrt – eine junge, beeindruckende und intelligente Frau, die oft mit süffisanter Miene auf ihrem Pult saß und ihre schlanken Beine baumeln ließ, während sie unterrichtete –, und es würde mir immer schwer fallen, sie als mir gleichgestellt zu betrachten. Einmal Lehrerin, immer Lehrerin. Wenn ich siebzig und sie achtzig wäre, würde sie immer noch die Frau sein, die mir an den Rand meiner Seminararbeit geschrieben hatte: »Hüten Sie sich davor, Instinkt und Hypothese zu verwechseln, Katherine.« Jetzt war ich im Begriff, mich in ihre Welt zu drängen, womöglich sogar ihr Urteil in Zweifel zu ziehen.
»Also, was wollen Sie?«, fragte Renborn.
»Ich würde gern mit dem Ehemann reden. Vielleicht auch mit dem Kind, falls das möglich ist.«
Er runzelte die Stirn. »Ich persönlich wüsste nicht, was dagegen sprechen sollte. Aber wegen des Mädchens müssten Sie sich an Dr. Westwood wenden. Ich weiß nicht, ob Sie sie in ihre Nähe lassen wird. Es gibt komplizierte Regeln, was man zu ihr sagen darf und was nicht. Ich verstehe davon sowieso nichts.«
»Kein Problem«, antwortete ich. »Fragen Sie Dr. Westwood. Mal sehen, was sie sagt.«
»In Ordnung«, antwortete Renborn. »Wir geben Ihnen dann Bescheid.«
»Ich warte.«
Renborn stieß einen Grunzlaut aus. »Meinetwegen«, sagte er. »Wenn Sie so freundlich wären, einen Moment hinauszugehen, dann rufe ich sie gleich an.«
Mir blieb kaum genug Zeit, einen Schluck Wasser aus dem Kühlapparat auf dem Gang zu trinken. Renborn wirkte verblüfft und nicht gerade erfreut, als er aus seinem Büro kam.
»Kennen Sie Dr. Westwood?«, fragte er mich wieder.
»Ist schon eine Weile her«, antwortete ich ausweichend.
»Hmm«, meinte er. »Ich war sicher, dass Sie Ihnen eine Abfuhr erteilen würde. Hat sie bisher bei allen anderen gemacht. Sie haben bei ihr wohl einen Stein im Brett?«
Letzteres sagte er mit einer leicht ironischen Miene.
»Dann geht das also in Ordnung?«
»Sie wird heute Nachmittag mit Ihnen hinfahren.«
»Vielen Dank.« Im Geist änderte ich bereits meinen Zeitplan für den Tag.
»Hören Sie«, fügte er hinzu, »ich habe keinen blassen Schimmer, was Sie im Schilde führen, aber wenn Sie auf irgendwas stoßen, dann sagen Sie es bitte zuallererst mir.
Ich wäre sehr enttäuscht, wenn ich es auf der Titelseite der Daily Mail lesen müsste.«
»Ich möchte nur helfen«, antwortete ich. Noch während ich es sagte, wurde mir bewusst, dass ich dieselben Worte auch bei Pavic verwendet hatte. Mein neuer Slogan. Klang ziemlich melancholisch.
»Na, bitte«, stellte Renborn in traurigem Tonfall fest.
»Nun reden Sie wieder wie ein Astronom.«
»Astrologe«, korrigierte ihn die Beamtin.
»Ich wollte Sie nur testen.«
»Wie geht es Ihnen, Kit?«, fragte Bella, während sie mich mit einem mitfühlenden Blick musterte. Ich konnte mich daran erinnern, dass sie mir Blumen ins Krankenhaus geschickt hatte und dazu eine Karte mit einer Zeichnung von einer Frau, die sich vorbeugte und ihr langes Haar bürstete. Bellas Handschrift war kühn und schwungvoll.
Ich hatte die Blumen behalten, bis sie ganz verwelkt waren. Es war mir immer wichtig gewesen, dass Bella gut von mir dachte. Man brauchte kein Psychologe zu sein, um zu wissen, dass sie und Rosa meine Mutterfiguren waren, in meinen Augen sowohl für Autorität als auch für Trost standen, »Besser, glaube ich.«
Wir standen mit Bellas zerbeulter alter Kiste im Stau, sodass sie sich zu mir umdrehen konnte, ohne unser Leben aufs Spiel zu setzen. Sie hatte ein schmales Gesicht, mittlerweile Krähenfüße um die Augen, winzige Fältchen über der Oberlippe und graue Strähnen in ihrer üppigen braunen Lockenmähne. Sie war auf eine raffinierte Art gekleidet. In ihrer dunklen Hose und dem hellbraunen Pulli besaß sie Schick und strahlte eine gewisse Professionalität, aber auch Lässigkeit aus, ohne gleich abschreckend zu wirken.
»Danke, dass Sie mich mit Emily reden lassen.«
»Ich würde es nicht tun, wenn ich der Meinung wäre, dass Sie sich ihr gegenüber ungeschickt verhalten könnten
– muss aber sagen, dass ich nicht weiß, worauf Sie eigentlich hinauswollen.«
Als ich zu einer Antwort ansetzte, brachte sie mich mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Ich habe grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, solange Sie das Kind nicht verwirren oder stressen, was Sie aber bestimmt nicht tun werden, da bin ich mir sicher.« In diesem Satz schwang eine Warnung mit. Sie brauchte nicht explizit zu werden. »Mein Job besteht einzig und allein darin, mit Emily zu sprechen und ihr, falls nötig, Hilfe anzubieten. Die polizeilichen Ermittlungen fallen nicht in meinen Zuständigkeitsbereich.« Und in Ihren auch nicht. Diesen Zusatz brauchte sie gar nicht laut hinzuzufügen.
»Wie sind Sie bisher vorgegangen?«
»Ich habe sie gefragt, woran sie sich erinnert.«
»Einfach so.«
»Warum nicht? Ich weiß, was Sie jetzt denken – dass das zu einfach klingt und wenig Erfolg verheißt. Letztes Jahr musste ich mich um einen vierjährigen Jungen kümmern, der sich in der Wohnung befand, als seine Mutter vergewaltigt und anschließend ermordet wurde. Er hatte acht Stunden allein mit ihrer Leiche verbracht und ein so schlimmes Trauma erlitten, dass er kaum mehr sprechen konnte. Erinnern Sie sich an den Fall?«
Ich nickte. »Da standen wir vor dem Problem, Damien zu heilen und gleichzeitig herauszufinden, was er gesehen hatte. Ein sehr komplexer Fall, der eine Menge indirekter Strategien erforderte. Spiele, Zeichnungen, Geschichten, Sie kennen das ja. Emily dagegen ist von ihrer Mutter lediglich am Spielplatz zurückgelassen worden. Sie hat kein Trauma, keine offenkundigen Seelenqualen. Meine Fragen haben sie nicht irritiert, und allem Anschein nach gab es in ihrem Fall auch nichts zu erinnern. Sie spielte mit den anderen Mädchen, und dann war ihre Mutter plötzlich nicht mehr da. Das war der Teil, der ihr Kummer bereitet hat, aber vom eigentlichen Verschwinden ihrer Mutter oder ihrer Entführung oder was auch immer es war, scheint sie nichts mitbekommen zu haben.«
»Dreijährige sind nicht sehr gut darin, auf direkte Fragen zu antworten.«
Bella lachte.
»Keine Sorge«, meinte sie. »Ich habe mit ihr gespielt.
Ich habe sie im Umgang mit ihren Freundinnen beobachtet, beim Spielen mit ihren Beanie Babies.
Manchmal, so frustrierend das auch sein mag, müssen wir uns eingestehen, dass unsere ganze Sensibilität und alle cleveren Tricks nichts bringen, wenn es nichts zu entdecken gibt.«
Wir fuhren durch Hampstead, bis wir ganz oben auf dem Hügel waren, und dann auf der anderen Seite wieder hinunter, durch eine wohlhabende Gegend, die ich noch nicht kannte. Bella bog in eine ruhige Straße ein und parkte vor einem Haus.
»Emily und ihr Vater sind bei Philippas Mutter untergeschlüpft. Sie selbst wohnen nicht weit entfernt.
Wenn ich richtig informiert bin, soll das möglichst nicht publik werden.«
»Geht die Polizei davon aus, dass sie in Gefahr sind?«
»Es ist hauptsächlich wegen der Presse, glaube ich.«
Bella blieb noch einen Moment im Wagen sitzen. Ich blickte zu dem großen Haus hinüber. »Philippas Mutter muss ziemlich reich sein«, stellte ich fest, obwohl das offensichtlich war.
»Sehr«, antwortete Bella. Sie trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. »Hören Sie, Kit, haben Sie irgendwelche Informationen, die diesen Fall betreffen?«
»Ich weiß es nicht.«
Bella musterte mich mit einem Anflug von Besorgnis.
Sie versuchte sich einen Reim auf mein Verhalten zu machen. Konnte es sein, dass ich verrückt geworden war?
Mit angespannter Miene öffnete sie die Tür.
Ich sprach mit Jeremy Burton in dem schönen Garten hinter dem Haus seiner Schwiegermutter, wo sich rundum gepflegte Blumenbeete und weicher Rasen erstreckten.
Bella hatte mich vage als Mitarbeiterin vorgestellt und es dabei belassen. Ich wusste, dass er für eine Art Softwarefirma arbeitete. Wenn ich richtig informiert war, gehörte ihm sogar ein Großteil davon. Er war achtunddreißig, sah aber älter aus. Sein Haar war bereits grau, sein Gesicht wirkte angespannt, seine Augen waren blutunterlaufen. »Gibt es irgendwelche neuen Erkenntnisse?«, fragte er mich.
»Tut mir Leid«, antwortete ich. »Darüber weiß ich nicht Bescheid, da muss ich Sie an die Polizei verweisen.«
»Die einzigen Polizisten, die ich zu sehen bekomme, sind uniformierte Beamte. Bestimmt schleicht hier irgendwo einer herum. Die wissen aber nichts. Ich fühle mich … ich tappe völlig im Dunkeln.« Er rieb sich das Gesicht.
»Ich glaube nicht, dass sie große Fortschritte gemacht haben.«
»Sie werden ihn nicht erwischen«, erklärte er.
»Wieso sagen Sie das?«
»Heißt es das nicht immer? Wenn sie den Mörder nicht gleich finden, dann finden sie ihn meist gar nicht?«
»Es wird zumindest schwieriger«, räumte ich ein.
»Also, was kann ich für Sie tun?«, wechselte er das Thema.
»Das mit Ihrer Frau tut mir ausgesprochen Leid.«
»Danke.« Er blinzelte, als hätte er etwas im Auge.
»Es muss ein Schock gewesen sein. Wo waren Sie, als Sie davon erfuhren?«
»Ich habe das alles schon so viele Male gesagt, dass es mir gar nicht mehr wie die Wahrheit vorkommt.« Er schwieg einen Moment und brachte dann ein trauriges Lächeln zustande. »Sie müssen entschuldigen, ich stehe im Moment einfach völlig neben mir. Ich war zu Hause.
Normalerweise arbeite ich mindestens einen Tag pro Woche von zu Hause aus.«
»Hatte Philippa Kummer? Verzeihen Sie, ist es überhaupt in Ordnung, wenn ich sie Philippa nenne? Es erscheint mir seltsam, auf diese Weise über jemanden zu sprechen, den man gar nicht gekannt hat, aber wenn ich sie Mrs.
Burton nenne, komme ich mir vor wie eine Finanzbeamtin.«
»Vielen Dank.«
»Wofür?«
»Dafür, dass Sie fragen. In den Zeitungen nennen sie meine Frau Pippa, müssen Sie wissen. Dabei ist sie in ihrem ganzen Leben nie Pippa genannt worden. Ich habe sie manchmal Phil genannt. Jetzt ist es die Tragödie von Pippa – Pippa dies, Pippa das. Ich glaube, sie benutzen diese Abkürzung nur, weil sie besser in eine Schlagzeile passt. Philippa hat zu viele Buchstaben.«
Seufzend fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar. »Und um auf Ihre Frage zu antworten, nein, sie schien mir keinen Kummer zu haben. Sie war guter Dinge. Wie immer. Es war alles ganz normal, nicht anders als sonst.
Wir waren glücklich miteinander – auch wenn es mir jetzt manchmal so vorkommt, als könnte ich mich gar nicht mehr richtig erinnern.«
»Mr. Burton …«
»Ich verstehe nicht so recht, was Phils Befinden mit ihrem Tod zu tun haben könnte.«
»Es geht mir um Verhaltensmuster. Im Grunde stelle ich nur dieselbe Frage, die Sie sich bestimmt auch stellen, nämlich: Warum sie?«
»Alles war ganz normal«, antwortete er, klang dabei aber nicht ärgerlich, nur verwirrt. »Normale Laune, normaler Gemütszustand, normale Verhaltensmuster.
Wissen Sie, wenn ich das sage und Sie mich dabei so eindringlich ansehen, klingt plötzlich alles verdächtig und seltsam. Überhaupt, was ist eigentlich normal?«
»Gab es im Leben Ihrer Frau so etwas wie feste Abläufe?«
»Ich denke schon. Sie kümmerte sich um Em und um das Haus, besuchte Freunde oder ihre Mutter, ging einkaufen. Sorgte dafür, dass in unserem gemeinsamen Leben alles reibungslos lief. Wir waren ein recht traditionelles Paar, müssen Sie wissen.«
»Hat sie letzte Woche Freunde besucht?«
»Das habe ich der Polizei schon gesagt. Sie hat ihre Mutter besucht und sich mit Tess Jarrett getroffen.« Ich merkte mir den Namen.
»Wenn ihr etwas Kummer bereitet hätte, hätte sie Ihnen davon erzählt?«
»Dr. …«
»Quinn. Kit Quinn.«
»Richtig. Sie hatte keinen Kummer. Sie ist von einem Wahnsinnigen ermordet worden. Das sagen alle. Hören Sie, ich weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen. Alle wollen was von mir. Die Polizei will, dass ich im Fernsehen in Tränen ausbreche und gestehe, dass ich es war. Die Presse will auch weiß Gott was. Emily will – nun ja, sie will wissen, wann ihre Mami wieder nach Hause kommt, nehme ich an. Ich weiß es nicht.« Seufzend sah er mich aus seinen blutunterlaufenen Augen an. »Ich weiß es nicht«, wiederholte er.
»Was wollen Sie?«, fragte ich. Er rieb sich die Augen.
Er wirkte müde und traurig. »Ich möchte mit Emily nach Hause fahren, wieder in die Arbeit gehen, in Ruhe gelassen werden. Ich möchte, dass alles wieder seinen normalen Gang geht.«
»Was natürlich nicht möglich ist.«
»Ich weiß«, antwortete er müde. »Ich weiß. Am liebsten würde ich eines Morgens aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum war. Dabei kann ich mich tatsächlich jeden Morgen nach dem Aufwachen einen Moment lang nicht erinnern, aber dann fällt es mir wieder ein. Können Sie sich vorstellen, was für ein Gefühl das ist? Sich das Ganze immer wieder von neuem bewusst zu machen?«
Ich schwieg einen Moment, und er starrte auf das Gras.
»War Ihre Frau jemals im sozialen Bereich tätig?
Vielleicht mit Pflegekindern oder so was in der Art?«
»Nein. Sie hat in einem Auktionshaus gearbeitet, als wir uns kennen lernten, aber damit hat sie aufgehört, als Emily kam.«
»Sie hatte keine Verbindungen zum Stadtteil Kersey Town?«
»Vielleicht ist sie dort mal in eine U-Bahn gestiegen.«
Meine Gedanken begannen von neuem zu kreisen, um immer wieder am selben Punkt anzukommen: Was hatte es für einen Sinn, Jeremy Burton über den Charakter seiner Frau auszufragen, wenn sie das Opfer eines willkürlichen Überfalls geworden war? Schließlich stand ich auf. »Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mit mir gesprochen haben«, sagte ich und reichte ihm die Hand.
»Sie müssen entschuldigen, meine Fragen haben sich bestimmt ein wenig seltsam angehört.«
»Nicht seltsamer als die meisten anderen, die mir in letzter Zeit gestellt worden sind. Eine Zeitung hat mir fünfzigtausend Pfund geboten. Sie wollten von mir hören, wie es für einen Mann ist, wenn seine Ehefrau ermordet wird.«
»Was haben Sie geantwortet?«
»Ich war sprachlos. Ich habe einfach aufgelegt. Aber Sie wollten noch mit Emily sprechen. Sie hat auch keine Verbindungen nach Kersey Town, das kann ich Ihnen gleich sagen.«
»Es wird nur eine Minute dauern.«
»Pam, meine Schwiegermutter, wird Sie zu ihr bringen.«
Eine gut aussehende grauhaarige Dame wartete bereits an der Verandatür, die in die Küche führte. Ihr Gesicht hatte eine aschgraue Blässe, die Farbe einer Frau, die großen Kummer durchlitten hatte. Jeremy Burton stellte uns vor. »Das mit Ihrer Tochter tut mir sehr Leid«, sagte ich. »Danke«, antwortete sie und neigte dabei leicht den Kopf.
»Dr.
Quinn möchte mit Emily sprechen«, erklärte Burton.
»Wozu?«
»Nur einen Moment«, beruhigte ich sie.
Pam Vere führte mich einen Flur entlang. »Emily hat gerade Besuch von einer Freundin. Kann sie bleiben?«
»Natürlich.«
Pam öffnete die Tür. Auf dem Teppichboden kauerten zwei kleine Mädchen, gerade damit beschäftigt, ein paar Plüschtiere im Kreis aufzustellen. Zwei Mädchen, eine mit dunkelbraunen Zöpfen, die andere mit hellbraunen Locken. Einen Moment lang wusste ich nicht, welche Emily war, und spürte einen Stich in der Herzgegend. Es war wie ein Lotteriespiel. Welche von beiden würde als diejenige ausgewählt werden, deren Mutter auf brutale Weise ermordet worden war? Pam trat auf das dunkelhaarige Mädchen zu. »Emily«, sagte sie, »da ist jemand, der mit dir sprechen möchte.«
Das kleine Mädchen blickte mit ängstlich gerunzelter Stirn zu mir auf. Ich setzte mich neben sie. »Hallo, Emily.
Mein Name ist Kit. Wie heißt denn deine Freundin?«
»Ich bin Becky«, antwortete die Freundin. »Becky Jane Tomlinson.«
Becky begann sofort zu plaudern. Nacheinander wurden mir sämtliche Plüschtiere vorgestellt. Als Allerletztes kamen die guten und die bösen Bären.
»Warum sind die bösen Bären böse?«, fragte ich.
»Weil sie eben böse sind.«
»Was macht ihr mit den Spielsachen?«
»Spielen«, antwortete Emily.
»Nimmst du sie auch manchmal mit zum Spielplatz?«, hakte ich nach. »Nimmst du sie mit auf die Schaukeln und in den Sandkasten?«
»Das hat mich alles schon Bella gefragt«, antwortete Emily.
Ich lachte verblüfft.
»Du bist ein kluges Mädchen, Emily«, sagte ich. »Es tut mir Leid, dass deine Mami gestorben ist.«
»Granny sagt, sie ist bei den Engeln.«
»Und was sagst du?«
»Oh, ich glaube nicht, dass sie so weit geflogen ist. Sie kommt bestimmt zurück.«
Ich schaute zu Pam Vere hoch und sah auf ihrem Gesicht einen Ausdruck so großer Qual, dass ich sofort meinen Blick abwandte. »Sag mal, darf ich irgendwann wiederkommen? Wenn mir noch was einfällt, was ich dich fragen möchte?«
»Meinetwegen«, antwortete Emily, die sich bereits wieder ihrem Spiel widmete. Sie hob einen Koala mit traurigen Augen hoch, presste ihre Lippen an seine schwarze Plastiknase und summte dabei leise vor sich hin.
»Ich bin stolz auf dich«, hörte ich sie plötzlich flüstern.
»So stolz.«
16. KAPITEL
Müde fuhr ich durch die Abgaswolken der Rushhour nach Hause. Ich war froh, dass Julie nicht da war. Sie hatte etwas von einem Vorstellungsgespräch bei einer Plattenfirma gesagt – auch wenn mir schleierhaft war, was sie als Mathelehrerin und Weltenbummlerin über die Musikbranche wusste. Ich öffnete die Fenster, um die frische Abendluft hereinzulassen. Aus dem Garten hinter dem Haus drangen Kinderstimmen. Ich ging ins Bad, drehte den Hahn auf und schüttete ein wenig Badeöl ins Wasser. Dann zog ich meine Sachen aus, die sich nach diesem anstrengenden Tag ziemlich schmutzig anfühlten, und ließ mich in die Wanne gleiten. Ich lehnte mich mit geschlossenen Augen zurück. Nach wenigen Momenten klingelte das Telefon. Verdammt, ich hatte den Anrufbeantworter nicht eingeschaltet. Warum klingelten Telefone immer dann, wenn man gerade in der Wanne lag? Ich wartete, aber es hörte nicht zu läuten auf.
Schließlich stieg ich heraus, schlang ein Handtuch um mich und ging ins Wohnzimmer, eine Spur aus nassen Fußabdrücken hinterlassend.
»Hallo?« Auf meinen Armen zerplatzten kleine Seifenblasen.
»Spreche ich mit Kit Quinn?« Die Verbindung war schlecht, offenbar ein Handygespräch.
»Am Apparat.«
»Hier ist Will Pavic.«
»Oh«, sagte ich in das Schweigen hinein, das auf seine Worte folgte.
»Ich wollte mich wegen kürzlich entschuldigen.«
»Nur zu.«
»Was?«
»Sie haben doch gerade gesagt, Sie wollen sich entschuldigen.«
Am anderen Ende der Leitung zischte es, ob aus Wut oder Spaß, konnte ich nicht sagen. »Es tut mir Leid, dass ich so ungesellig war. So, nun haben Sie Ihre Entschuldigung.«
»Sie waren allem Anschein nach sehr müde, und es war sowieso eine blöde Einladung. Vergessen Sie’s einfach.
Spielt wirklich keine Rolle.«
»Vielleicht kann ich Ihnen doch ein bisschen über Lianne erzählen.«
Ich hielt vor Überraschung die Luft an. »Ja?«
»Es ist wirklich nicht viel, aber … na ja, ich bin ungefähr einen Kilometer von Ihrer Wohnung entfernt, und deswegen habe ich mir gedacht, ich könnte genauso gut auf einen Sprung vorbeikommen. Nur für ein paar Minuten. Falls Sie nicht gerade Gäste haben.«
»Nein, es passt wunderbar. Ich bin allein.« Wehmütig dachte ich an meine Badewanne voll seidenweichem Wasser. »Dann bis gleich. Ach, übrigens, wie sind Sie an meine Nummer gekommen?«
»Sie hatten Recht. Es war gar nicht so schwierig.«
Ich zog den Stöpsel aus der Wanne und schlüpfte in eine alte Jeans und irgendein Oberteil. Ich würde Will Pavics wegen bestimmt keinen Aufwand treiben. Während ich auf ihn wartete, schaltete ich die Fernsehnachrichten an, um zu sehen, ob es etwas Neues über Philippa Burton gab.
Mittlerweile war sie von der Hauptstory an die dritte Stelle gerutscht: Noch immer suchte die Polizei die Gegend nach Hinweisen ab, noch immer wurden dort, wo man ihre Leiche gefunden hatte, Blumen und Plüschtiere niedergelegt. Sie brachten ein neues Foto von ihr, das sie in weiten Leinenshorts und einem T-Shirt auf einem Hügel zeigte, lachend und mit wehendem Haar, die Arme um ihre kleine, dunkeläugige Tochter gelegt.
Ich musste daran denken, wie Emily ihr Gesicht im Plüschfell ihres Koala vergraben und dabei Worte ihrer Mutter geflüstert hatte: »Ich bin so stolz auf dich.«
Vielleicht hatte meine Mutter auch solche Sachen zu mir gesagt, bevor sie gestorben war. Mein Vater war, was solche Einzelheiten betraf, nie sehr gut gewesen – er hatte bloß stirnrunzelnd gemeint: »Na ja, sie hat dich natürlich sehr lieb gehabt«, als wäre das genug. Dabei hatte ich immer so viel mehr wissen wollen: all die dämlichen Verkleinerungsformen und Koseworte, die Spiele, die sie mit mir gespielt hatte, die Art und Weise, wie sie mich gehalten und getragen, die Hoffnungen, die sie gehegt hatte. Mein ganzes Leben lang hatte ich mir diese Dinge selbst ausgedacht. Wenn ich in der Schule gut war, sagte ich mir, wie zufrieden meine Mutter gewesen wäre. Als ich Ärztin wurde, fragte ich mich, ob sie sich das wohl für mich gewünscht hätte. Noch heute, wenn ich in den Spiegel blicke, rede ich mir oft ein, dass es nicht mein Spiegelbild, sondern das meiner Mutter ist, und dass sie nach so vielen Jahren des Wartens endlich vor mir steht und mich anlächelt.
Es klingelte.
Diesmal trug Will einen dunklen Anzug, aber keine Krawatte. Seine Augen waren rot gerändert, seine Haut kalkweiß. Er sah aus, als brauchte er dringend Schlaf.
»Möchten Sie einen Drink?«, fragte ich.
»Nein, danke. Vielleicht einen Kaffee.« Er stand mitten im Wohnzimmer und schien sich ziemlich unbehaglich zu fühlen.
Ich machte ihm einen Kaffee und schenkte mir selbst ein Glas Wein ein. »Milch? Zucker?«
»Weder noch, danke.«
»Einen Keks?«
»Nein, danke, gar nichts.«
»Wieso setzen Sie sich nicht? Oder wollen Sie Ihre Information im Stehen loswerden und gleich wieder gehen?«
Er verzog ein wenig das Gesicht und ließ sich dann auf dem Sofa nieder. Ich nahm auf dem Sessel ihm gegenüber Platz und widerstand dem Drang, das Schweigen, das sich zwischen uns ausbreitete, mit Smalltalk zu füllen.
»Ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass ich Lianne nicht wirklich gut kannte.«
»Ja, das haben Sie.«
»Und das stimmt auch. Durch meine Türen kommen jede Woche Dutzende von Jugendlichen. Falls nötig, gewähren wir ihnen Unterschlupf und informieren sie über ihre Möglichkeiten. Wir bringen sie auch mit verschiedenen Organisationen zusammen, wenn sie das möchten, aber wir stellen ihnen keine unerwünschten Fragen. Das ist mir ein sehr großes Anliegen – eigentlich war das überhaupt der Grund, warum ich das Tyndale Centre gegründet habe. Wir versuchen ihnen nicht zu sagen, was für sie am besten ist. Wir fällen kein Urteil über sie – alle anderen tun das, wir nicht. Wir setzen bestimmte Grundregeln fest, aber darüber hinaus stellen wir keine Forderungen an sie. So habe ich das Zentrum konzipiert – als einen Ort, an dem diese jungen Leute Zeit und Freiraum haben, über sich selbst nachzudenken, auch wenn sie dabei unter Umständen schmerzhafte Fehlentscheidungen für ihr Leben treffen –« Er hielt abrupt inne. »Aber das tut alles nichts zur Sache.«
»Nein, sagen Sie das nicht, ehrlich –«
»Lianne ist im letzten halben Jahr dreimal im Centre gewesen«, unterbrach er mich. »Die ersten beiden Male war sie recht optimistisch, was ihre Zukunft betraf. Sie sagte, sie wolle Köchin werden – erfahrungsgemäß will etwa ein Fünftel aller Kinder, die in Pflegeheimen aufwachsen, Koch oder Köchin werden. Wir haben ihr Infoblätter über entsprechende Kurse in die Hand gedrückt, ein paar Tipps gegeben, solche Dinge. Als sie aber das dritte und letzte Mal kam, machte sie auf mich einen sehr deprimierten Eindruck. Als hätte sie einen richtigen Dämpfer bekommen. Sie wirkte in sich gekehrt und teilnahmslos.«
»Haben Sie eine Ahnung, was der Grund gewesen sein könnte?«
Er trank seinen Kaffee aus und starrte auf den Boden seiner Tasse. »Ein paar Wochen zuvor hatte ihre beste Freundin Selbstmord begangen.«
»Wie alt war sie?«
»Vierzehn oder fünfzehn. Vielleicht auch sechzehn.
Genau weiß ich es nicht.«
»Woher kannten sich die beiden?«
»Keine Ahnung. Einmal sind sie gemeinsam ins Centre gekommen, kannten sich aber allem Anschein nach schon länger. Wahrscheinlich hingen sie einfach an denselben Orten herum.«
»Warum hat sie es getan?«
Er zuckte mit den Achseln. »Suchen Sie sich einen Grund aus. Man sollte besser fragen, warum es nicht mehr von ihnen tun. Daisy.«
»So hat sie geheißen?«
»Daisy Gill. Klingt irgendwie fröhlich, finden Sie nicht?«
Und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, entwischte ihm ein richtiges Lächeln – wehmütig und sehr kurz, aber ehrlich. Als ich es erwiderte, wandte er den Blick ab und starrte durch das Fenster auf meine grasbewachsene Pestgrube.
»Darf ich Ihnen vielleicht doch ein Glas Wein anbieten?«
»Jetzt verfügen Sie über eine weitere Information«, antwortete er, ohne auf meine Frage einzugehen. »Sie können sie dem hinzufügen, was Sie bereits wissen.
Erstens: Lianne hatte Sorgen. Zweitens: Lianne wurde ermordet.«
»Vielleicht. Wein?«
»Nein, danke, keinen Wein. Genug gesagt. Auf Wiedersehen.«
Rasch stand er auf und streckte mir die Hand hin. Ich ergriff sie. »Danke«, sagte ich, und in dem Moment rauschte Julie herein. Ihr Gesicht wirkte strahlend und aufgeregt, sie hatte bereits den Mund geöffnet, um mir etwas zu erzählen. Verwirrt starrte sie uns an.
»Was für eine Überraschung!«, brachte sie schließlich heraus. Will nickte ihr zu. »Ich bin gerade am Gehen.«
»Ein Glas Wein?«, stammelte sie. »Oder Bier?«
»Nein«, antwortete er. »Vielen Dank.«
An der Tür wandte er sich noch einmal um. »Es tut mir Leid, dass ich mich bei Ihrem Abendessen so unmöglich benommen habe. Das Essen war wirklich köstlich.«
Und weg war er.
»Also weißt du«, wandte sich Julie an mich. »Du bist ja ganz schön hinterhältig.«
»Er war ungefähr zwei Minuten da. Er wollte mir etwas über die junge Frau erzählen, die ermordet worden ist.«
»Ja, ja. Ich bin sowieso nicht mehr an ihm interessiert.
Der ist mir zu miesepetrig. Möchtest du hören, was es in meinem Leben für Neuigkeiten gibt?«
»Schieß los.«
»Ich hab einen Job.«
»Nein!«
»Doch. In einem Monat fange ich an – ich habe ihnen gesagt, bis dahin hätte ich andere Verpflichtungen.«
»Welche?«
»Keine, das weißt du doch, aber man sollte nie den Eindruck erwecken, als hätte man nichts Besseres zu tun, oder?«
»Herzlichen Glückwunsch, Julie! Ich bin sicher, du wirst deine Sache gut machen – was immer du auch tust.«
»Das weiß ich ehrlich gesagt selbst noch nicht so genau.« Sie kicherte. Dann fügte sie hinzu: »Als Nächstes werde ich mich nach einer Wohnung umsehen.«
»Das hat keine Eile«, entgegnete ich wie aus der Pistole geschossen. Eigentlich hatte ich das gar nicht sagen wollen. Ich würde mich wieder daran gewöhnen müssen, allein zu sein. Für einen Moment schloss ich die Augen.
»Warum versuchst du nicht, ihn zurückzubekommen?«, wollte Julie wissen.
»Was, zum Teufel, meinst du damit?«
»Schrei nicht so! Albie. Ich wette, er vermisst dich auch.
Jeder, der halbwegs bei klarem Verstand ist, würde dich vermissen.«
»Ich will ihn gar nicht zurück.« Zu meiner eigenen Überraschung war das gar nicht mehr gelogen. Er war aus eigenem Antrieb gegangen, und wenn er mich vermisste, dann bestimmt in den Armen einer anderen Frau.
Deswegen wollte ich ihn auch nicht zurück. Ich wollte einen Mann, der nur mir gehörte. Ich wollte diejenige sein, die er über alles liebte. Das wollen wir doch alle, nicht?
17. KAPITEL
Ich war müde, meine Drüsen waren leicht geschwollen, und mein Hals fühlte sich an, als würde er voller Glasscherben stecken, wenn ich schluckte. Mir war nicht danach zumute, in die Arbeit zu fahren, weswegen ich mein Frühstück, bestehend aus Honigtoast und starkem Tee, noch ein wenig in die Länge zog. Der Küchentisch war von Sonnenlicht überflutet. Am liebsten wäre ich den ganzen Tag dort sitzen geblieben, die Hände um eine warme Tasse gelegt, die Füße in warmen Hausschuhen, den Geräuschen der Straße lauschend. Plötzlich verspürte ich sogar Lust, am helllichten Tag den Fernseher einzuschalten, aber dann klingelte das Telefon. Oban war am Apparat. Er sagte, er wollte mit mir reden. »Schießen Sie los«, antwortete ich.
»Ich meine, persönlich.«
»Wann?«
»Könnten Sie um zehn hier sein?«
Ich warf einen Blick auf die Uhr.
»Ich denke schon. Ich müsste allerdings einen Termin absagen.«
»Gut.«
»Gibt es neue Entwicklungen?«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Worum geht es dann?«
»Darüber möchte ich persönlich mit Ihnen sprechen.«
Verwirrt machte ich mich auf den Weg und dachte mir während der ganzen Fahrt positive und negative Szenarien aus, aber hauptsächlich negative. Was mir dabei einfiel, war bei weitem nicht so schlimm wie das, was ich schließlich vorfand, als ich um Punkt zehn in Obans Büro eintraf. Oban saß an seinem Schreibtisch, wo er definitiv nicht arbeitete, sondern mir bereits erwartungsvoll entgegenblickte. Ich sah, dass er nicht allein war. Eine Frau stand mit dem Rücken zu mir am Fenster. Sie drehte sich um. Es war Bella. Sie sah mich kurz an, wandte den Blick aber gleich wieder ab. Auf dem Sofa an der Wand saß Rosa aus der Welbeck-Klinik.
»Was ist denn das für eine Versammlung?«, fragte ich verblüfft.
Oban lächelte mich verlegen an. »Würden Sie sich bitte setzen, Kit?« Er deutete auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, kam ich seiner Aufforderung nach, bereute es aber sofort, weil ich mich dadurch in die tiefste Position im Raum gebracht hatte. Oban nickte zu Rosa hinüber.
»Dr. Deitch?«
Rosa biss sich auf die Unterlippe, ein Zeichen dafür, dass ihr das, was sie zu sagen hatte, selbst mehr wehtun würde als mir. Sie beugte sich vor und legte die Hände fast wie zum Gebet aneinander. »Kit, ich möchte klarstellen, dass ich die Schuld an der ganzen Sache allein mir zuschreibe.«
»Welcher Sache?«, fragte ich, weil ich wusste, dass das die Frage war, die sie von mir hören wollte. Ruhig bleiben, Kit, ermahnte ich mich selbst. »Welcher Sache?«, wiederholte ich noch einmal hilflos.
»Wir haben das Gefühl«, sagte Oban und betrachtete mich dabei mit einem gütigen Blick, den ich als schlimmer empfand als alles andere, »beziehungsweise ich habe dieses Gefühl, und Rosa stimmt mir da zu, dass wir Sie auf ziemlich unfaire Weise in diesen Fall verwickelt haben, ohne angemessene Rücksicht zu nehmen auf, ähm, den Grad Ihrer Sachkenntnis und …«
»Du hast dich in diesen Fall ziemlich reinziehen lassen, nicht wahr, Kit?«, meinte Rosa in sanftem Ton.
»Anfangs«, fuhr Oban fort, »war es eine reine Routinesache, ein kurzes Gutachten über einen Verdächtigen. Wir hatten das Gefühl, dass wir es Ihnen schuldig waren, Sie damit zu betrauen. Und Sie sind dieser Aufgabe ja auch auf bewundernswerte Weise gerecht geworden. Wir stehen nach wie vor tief in Ihrer Schuld.
Dann – und ich gebe zu, dass das allein meine Schuld war
– habe ich Sie gebeten, intensiver in den Fall einzusteigen.
Aber seit kurzem … nun ja, mir sind da ein paar Dinge zu Ohren gekommen …«
»Bella?«, fragte ich und wandte mich zu ihr um.
Ruhig erwiderte Bella meinen Blick. »Ich habe mich nicht über Sie beschwert, Kit, aber nachdem Sie weg waren, habe ich mit Jeremy Burton und der Mutter gesprochen und sah mich leider gezwungen, DCI Renborn zu berichten, dass mir Ihre Gespräche mit den beiden nicht sehr zielgerichtet erschienen. Ich würde Ihre Vorgehensweise als eine Art Fischen im Trüben bezeichnen, konnte aber nicht mal erkennen, ob Sie dabei wirklich nach etwas Konkretem fischten. Es handelt sich hierbei um einen sehr heiklen Fall, dem von allen Seiten große Aufmerksamkeit zuteil wird.«
»Ich weiß«, entgegnete ich. »Ich wollte doch nur –«
»Ich möchte es mit den Worten von Dr. Deitch sagen«, unterbrach mich Oban. »Die Schuld daran, dass Sie in diese belastende Situation gedrängt worden sind, schreibe ich allein mir zu.«
»Sie wollen nicht, dass ich weiter für Sie arbeite?«
Einen Moment lang schwiegen alle. »Wir sind der Meinung, dass es zu früh für dich war«, meldete sich Rosa zu Wort. »Und dass dieser spezielle Fall bei dir einen wunden Punkt berührt hat.«
»Wie meinst du das?«
»Rosa hat mir ein wenig von Ihrer Kindheit erzählt«, erklärte Oban. Ich starrte Rosa an.
»Kit, ich habe zu Dan lediglich gesagt, dass persönliche Umstände – der frühe Verlust der Mutter – vielleicht in mancher Hinsicht …«, ihr Gesicht lief rot an, »… nun ja, bis zu einem gewissen Grad dein Urteilsvermögen beeinträchtigt haben könnten.«
»Oh.« Ein paar Minuten lang saß ich sprachlos da, nun ebenfalls mit brennenden Wangen. Dann schluckte ich heftig, was mir ziemliche Qualen bereitete. »Vielleicht hast du Recht. Vielleicht habe ich mich zu sehr engagiert.
Die Sache liegt mir tatsächlich am Herzen, und ich weiß nicht, inwieweit das richtig oder falsch ist, aber das bedeutet nicht, dass ich Unrecht habe. Und ich habe die Ermittlungen nicht behindert. Ich habe mir nicht angemaßt, anderen Leuten zu sagen, was sie zu tun haben.
Ich habe nur versucht, von einem anderen Blickwinkel an die Dinge heranzugehen.«
»Das mag sein«, antwortete Oban, »aber es handelt sich hier nicht um eine Ihrer akademischen Recherchen. Sie reden, als ob es uns möglich wäre, jedermann die Gelegenheit zu bieten, sich nach Lust und Laune in die Ermittlungen in einem Mordfall einzuklinken und dabei eigene Ziele zu verfolgen. Dem ist aber nicht so. Ich sage das nur ungern, aber in gewisser Weise laufen Sie sehr wohl Gefahr, die Ermittlungen zu behindern. Sie verärgern meine Männer, trampeln auf anderer Leute Terrain herum, und wie es scheint, Sie müssen wirklich entschuldigen, aber wie es scheint, tun Sie das auch noch ohne erkennbaren Grund. Ich kann ja verstehen, dass Sie wegen dieser Morde verstört sind. Das sind wir alle. Wir wollen alle, dass die Täter gefasst werden. Sie haben uns auch sehr geholfen«, fügte er in etwas sanfterem Tonfall hinzu,
»aber nun sind wir der Meinung, dass es an der Zeit ist, auf Ihre Hilfe zu verzichten.«
»Darf ich vorher noch etwas sagen? Bevor ich gehe, meine ich?«
Oban lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Natürlich.«
»Als Allererstes«, begann ich, »möchte ich Sie bitten, ganz kurz, nur mit einem Satz, den Mordfall Lianne zu charakterisieren.«
»Standardfall. Ermordung eines leicht zugänglichen Opfers durch einen Psychopathen«, antwortete er. »Das Verbrechen wurde von jemandem begangen, der Frauen gegenüber pathologische Hass- und Angstgefühle hat.
Daher auch die brutalen Stichverletzungen.«
»Und der Mord an Philippa Burton?«
»Völlig anders gelagert. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ihr wurden schwere Verletzungen mit einem stumpfen Gegenstand zugefügt. Sie stellte für den Täter ein Opfer mit hohem Risiko dar. Sie wurde an einem öffentlichen Ort entführt, wo sie sich in Begleitung eines Kindes aufhielt. Ein anderer Typ von Täter, eine andere Methode, ein anderer Tatort, ein anderer Grad der Brutalität. Aber Sie sind offenbar nicht meiner Meinung.«
Ich stand auf. Ich musste wenigstens so tun, als besäße ich so etwas wie Autorität. Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Hinter dem Polizeirevier erstreckte sich praktisch Ödland. Neben drei Müllcontainern standen mehrere große Metalltonnen. Berge von alten Brettern lagen herum, irgendetwas war mit einer Plane abgedeckt. Auf einer Seite hatte sich eine Buddleia durch den Asphalt gekämpft, die sich mittlerweile zu einem großen Strauch mit leuchtenden pinkfarbenen Blüten entwickelt hatte.
Schmetterlinge umflatterten sie wie kleine, im Wind tanzende Papierfetzen. Ein hübscher Anblick. Ich wandte mich wieder meinem widerstrebenden Publikum zu. »Als ich die Akten über Philippa Burton durchging, schrillte in meinem Kopf eine Alarmglocke.«
»Wieso, Kit?«, fragte Rosa, während Oban gleichzeitig verkündete: »Wir haben Sie nicht engagiert, irgendwelchen Glocken zu lauschen. Im Fall Philippa Burton rufen uns jeden Tag genügend Leute an, die Glocken läuten hören, weil sie angeblich übersinnliche Fähigkeiten besitzen.«
Ich musste an meine Männergruppe in Market Hill denken, an die Dinge, die sie getan hatten, und an ihre schräge Sicht der Welt. Von ihnen hatte ich so manches gelernt, wovon niemand hier im Raum etwas ahnte.
Zumindest das konnte mir keiner nehmen. »Verbrecher hinterlassen eine Art Signatur«, erklärte ich. »Das tun sie immer, auch wenn sie versuchen, sie zu verwischen, denn mit der Signatur eines Mörders verhält es sich ein bisschen so wie mit der Bedeutung eines Gedichts. Es gibt zum einen die vom Dichter selbst beabsichtigte Bedeutung, aber darüber hinaus kann es noch eine verborgene geben, derer sich der Dichter gar nicht bewusst war. Manchmal halten die Verbrecher selbst etwas Bestimmtes für ihre Signatur, aber in Wirklichkeit ist es etwas ganz anderes.«
Rasch sprach ich weiter, um mein letztes Argument vorzubringen, bevor sie gänzlich das Interesse verloren.
»Was mir im Mordfall Philippa Burton besonders aufgefallen ist, war die Tatsache, dass sie mit dem Gesicht nach unten lag. Genau wie Lianne.«
Ich sah Oban an. Er erwiderte meinen Blick freundlich, fast ein wenig mitleidig. »Ist das alles?«, wollte er wissen.
»Darüber haben wir doch schon gesprochen, Kit.«
»Haben Sie jemals einen Menschen, der noch nicht lange tot war, mit dem Gesicht nach oben liegen sehen?«, fragte ich ihn.
»Ja, ich denke schon«, antwortete Oban zögernd.
»Ich habe viele Fotos von solchen Leichen gesehen. Ihre Augen sind offen, starren nach oben. Bestimmt kennen Sie Gemälde, bei denen man das Gefühl hat, als würden einem die Augen der darauf abgebildeten Personen durch den ganzen Raum folgen. Bei den Augen eines Toten ist das Gegenteil der Fall. Sie wirken auf eine hässliche Weise statisch, blicken starr geradeaus, vielleicht sogar vorwurfsvoll. Sicher können Sie sich vorstellen, dass Sie, wenn Sie jemanden umgebracht hätten, den Wunsch verspüren würden, die Leiche mit dem Gesicht nach unten abzulegen, um nicht von ihr angestarrt zu werden.«
»Vielleicht, Kit, aber mit einer Leiche ist es nun mal wie mit einer Butterstulle, sie kann nur auf zwei Arten landen, mit der gebutterten Seite nach oben oder nach unten. Das reicht nicht aus, um darauf eine Theorie aufzubauen.«
»Erinnern Sie sich an die Wunden an Liannes Körper?
Wo waren sie?«
»Am Bauch. Magen, Brustkorb, Schultern.«
»An der Vorderseite ihres Körpers. Und trotzdem lag sie mit dem Gesicht nach unten. Das ist, als würde man ein Aquarell malen und es dann verkehrt herum aufhängen, mit der Farbe zur Wand.« Ich blickte zu Rosa hinüber. Sie zog ein Gesicht.
»Ich finde es problematisch«, erklärte sie, »wenn du von diesen Frauen sprichst, als wären sie Kunstwerke.«
»Ich weiß, aber in gewisser Hinsicht sind sie tatsächlich Kunstwerke«, erwiderte ich. »Diese Werke mögen noch so bösartig und stümperhaft sein und keinerlei ästhetischen Wert besitzen, aber es sind trotzdem Kunstwerke, und uns bleibt nichts anderes übrig, als sie zu interpretieren. Wie du weißt, tue ich dasselbe auch im Market-Hill-Hospital.
Ich interpretiere Verbrechen, als würde es sich dabei um Symptome und Muster handeln. Ich suche nach Bedeutungen. Wie würden Sie die Wunden bezeichnen, Detective?«
»Brutal«, antwortete Oban. »Das Werk eines Rasenden.«
»Ich würde sie mit ganz anderen Worten beschreiben.
Eher mit lauwarm. Präzise. Sogar dekorativ. In mancher Hinsicht sah der Fall durchaus nach einem brutalen Sexualverbrechen aus, aber ich hatte von Anfang an so ein Gefühl, dass es das nicht war.« Ich sah, wie Oban das Gesicht verzog. »Wie gesagt, es gab durchaus Anzeichen für ein Sexualverbrechen – ein derartiger psychopathischer Mord kann eine Art Bestrafung dafür sein, dass sich der Täter durch die Frau sexuell herausgefordert fühlt, aber in solchen Fällen richtet sich seine schreckliche Wut in erster Linie gegen Brüste und Genitalien seines Opfers. Nicht so in diesem Fall. Die Stichverletzungen befanden sich alle oberhalb der Taille und sparten die Brüste gänzlich aus.
Diese relativ moderate Art der Verstümmelung kommt sehr selten vor. Trotzdem wurde die Leiche mit dem Gesicht nach unten abgelegt.«
»Das reicht einfach nicht aus, Kit.« Oban verlor allmählich die Geduld. »Wo soll da die Verbindung liegen? Zwei Leichen, die mit dem Gesicht nach unten lagen?«
»Ich kenne eine Reihe von Fällen, die mit dem Mord an Philippa Burton vergleichbar sind. Sie zeichnen sich alle durch große Brutalität aus. Außerdem scheint die Anwesenheit eines Kindes auf manche Täter einen zusätzlichen Reiz auszuüben, sei es, als eine Art Publikum oder als weiteres Opfer. In diesem Fall aber wollte der Mörder das Kind nicht dabei haben. Als ich mir Philippa Burtons Leichnam ansah, hatte ich das Gefühl, dass auch bei ihr jemand mit relativer Zurückhaltung zu Werke gegangen war. Ich meine, stellen Sie sich die Situation doch mal vor: Sie hassen Frauen, Sie haben gerade eine Frau umgebracht, und Sie halten so was wie einen Hammer in der Hand. Warum nicht ganze Arbeit leisten?«
Oban beugte sich vor und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Kit, Sie liefern uns keine Fakten. Okay, Sie haben da so ein Gefühl. Das mag ja sein, aber ich weiß verdammt noch mal nicht, was ich damit anfangen soll.
Tut mir Leid, meine Damen.« Die Damen blickten hoch, aber hauptsächlich, weil er sie Damen genannt hatte. »Ich brauche Fakten, Kit. Meine Leute sind der Meinung, dass Sie unsere Zeit verschwenden. Was soll ich denen sagen, wenn ich nichts Konkretes in der Hand habe?«
Erschöpft rieb ich mir die Augen. Ich war alles losgeworden, was ich zu sagen gehabt hatte, und nun fühlte sich mein Kopf völlig leer an. Oban hatte Recht.
Was blieb von all meinen Argumenten letztendlich übrig?
Was war zu tun? Ich wollte nicht mehr nachdenken, ich wollte nur noch davonkriechen, aber unter Aufbietung meiner letzten Kraftreserven gelang es mir, noch einen winzigen Gedanken aus meinem Hinterkopf hervorzuzerren.
»Also gut«, sagte ich mit matter Stimme. »Ich bin am Ende. Ich möchte aber noch eines sagen. Wir wissen, dass Liannes Leiche im Kofferraum eines Wagens zu dem Treidelpfad am Kanal gebracht worden ist.«
»Das wissen wir keineswegs«, gab Oban gereizt zurück.
»Und Philippa Burtons Leiche hat man etwa zwei Kilometer von der Stelle entfernt gefunden, wo sie zuletzt lebend gesehen wurde. Was bedeutet, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls in einem Auto an die Fundstelle transportiert worden ist. Haben Sie die beiden Fälle verglichen, was Fasern oder sonstige Spuren betrifft?«
»Nein, das haben wir nicht, wie Sie selbst sehr genau wissen«, antwortete Oban trotzig. »Wir haben sie auch nicht mit den Jack-the-Ripper-Fällen verglichen. Dafür fehlt uns die Zeit.«
»Das ist mein letzter Vorschlag. Werden Sie es tun?«
»Warum sollten wir –«
»Bitte«, sagte ich. Am liebsten hätte ich auf der Stelle losgeheult. »Bitte.«
18. KAPITEL
In meinem Kopf explodierte ein Feuerwerk aus roten und violetten Raketen. Ich weiß nicht, wie es mir gelang, mit hoch erhobenem Haupt das Revier zu verlassen, ohne dass meine Beine unter mir nachgaben. Ich schaffte es sogar noch, der diensthabenden Beamtin am Eingang freundlich zuzunicken, aber als ich meinen Wagen erreichte, zitterten meine Hände so, dass ich den Schlüssel fallen ließ und am Boden danach suchen musste. Meine Augen brannten, als wären sie voller Sand. Ich musste so schnell wie möglich hier weg, irgendwohin, wo ich allein war. Ich wollte nicht, dass mich jemand mit diesem schrecklichen Mitleid im Blick ansah. Ich selbst hatte auch schon Leute auf diese Weise betrachtet. Früher, in einem anderen Leben. Das erschien mir inzwischen so unglaublich weit weg, als würde ich durch das falsche Ende eines Fernrohrs auf meine Vergangenheit blicken.
Ich schaffte es in den Wagen. Eine Minute lang lehnte ich den Kopf gegen die Nackenstütze und schloss die Augen. Ein scheußlicher Kopfschmerz bohrte sich seinen Weg in meine linke Schläfe. Ich ließ den Motor an und fuhr vorsichtig aus dem Parkplatz, den Blick starr geradeaus gerichtet. Ich stellte mir vor, dass die drei mich von ihrem Fenster aus beobachteten und sich dann mit besorgter Miene ansahen. Wie konnte ich ihnen jemals wieder gegenübertreten?
Ich fuhr bis zu dem kleinen dreieckigen Friedhof zwischen dem Delikatessenladen und dem Uhrmacher, der nicht weit von meiner Wohnung entfernt lag. Dort stieg ich aus und ließ mich ins Gras fallen, den Rücken gegen die schöne Rotbuche gelehnt. Albie und ich waren hier manchmal hergekommen und hatten unter diesem Baum gesessen. Er war noch feucht vom Regen der letzten Nacht, und ich spürte, wie mir die Kälte in die Knochen kroch. Ich wandte mein Gesicht der Sonne zu, die gerade hinter einer grauen Wolke hervorkam. Direkt über mir sang eine Amsel aus voller Kehle. Ich atmete tief ein. Ein, aus, ein, aus. Versuchte, das Gefühl der Panik loszuwerden, das in mir aufstieg.
Nach einer Weile stand ich auf und ging zum Wagen zurück. Meine Beine hatten zu zittern aufgehört, fühlten sich aber an wie Blei. Mein Kopf dröhnte. Bevor ich losfuhr, klappte ich die Blende herunter und betrachtete mich einen Moment im Spiegel. Mein Blick fiel auf die Narbe, die sich weiß an meiner Wange herabschlängelte.
Ich beugte mich ein wenig vor, sodass meine Augen nur noch in ihr eigenes Spiegelbild starren konnten.
Ich hoffte, Julie würde nicht zu Hause sein, aber als ich versuchte, meinen Schlüssel ins Schloss zu stecken, kam sie an die Tür und öffnete. Ihre Wangen waren gerötet. Sie warf mir einen ziemlich entnervten Blick zu, sagte aber in munterem Ton:
»Kit! Gut, dass du da bist. Du hast Besuch. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht wisse, wann du zurückkommst, aber er wollte warten. Er hat gesagt, er sei ein Freund von dir.«
Ich zog meine Jacke aus und trat ins Wohnzimmer. Über der Sofalehne sah ich einen männlichen Hinterkopf. Der Besucher erhob sich. »Sie hatten mir versprochen wiederzukommen«, erklärte er mit seiner weichen, hohen Stimme. Michael Doll, in derselben schmuddeligen orangefarbenen Hose, die er auch bei unserem letzten Treffen getragen hatte, und einer alten grauen Weste mit Schweißflecken unter den Achseln.
»Michael!« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es war, als hätte mein immer wiederkehrender Albtraum Gestalt angenommen, um sich in einem Winkel meiner Wohnung einzunisten.
»Ich habe auf Sie gewartet«, fügte er in klagendem Tonfall hinzu.
»Woher wissen Sie, wo ich wohne?«
»Ich bin Ihnen mal von der U-Bahn gefolgt«, antwortete er, als wäre dies das Normalste der Welt. »Sie haben mich nicht bemerkt.«
»Ich gehe jetzt«, verkündete Julie. »Ist das in Ordnung, Kit? Oder möchtest du, dass ich bleibe?«
»Wie lange ist er denn schon da?«, flüsterte ich mit dem Rücken zu Michael, der sich wieder auf dem Sofa niedergelassen hatte.
»Eine gute Stunde.«
»O Gott! Gott, das tut mir Leid. Du hättest mich anrufen sollen!«
»Hab ich doch. Ich hab drei Nachrichten auf deinem Handy hinterlassen.«
»O Gott!«, sagte ich noch einmal.
»Geht es dir nicht gut?«
»Doch. Nein. Ich weiß nicht. Du hättest ihn nicht reinlassen sollen.«
»Kit«, meldete sich Michael vom Sofa her zu Wort.
»Auf mich macht er einen recht harmlosen Eindruck, Er hat bloß die ganze Zeit auf meinen Busen gestarrt.«
»Hab ich nicht«, sagte Michael beiläufig, als wäre das sowieso völlig nebensächlich. »Warum sind Sie nicht mehr gekommen, obwohl Sie es mir versprochen hatten?«
»Ich war sehr beschäftigt.«
»Sie haben gesagt, Sie würden mich wieder besuchen.«
»Ich weiß, aber –«
»Man sollte halten, was man verspricht.«
»Ja.«
»Das ist sonst nicht fair.«
»Sie haben Recht.«
Am besten, ich sage so wenig wie möglich, dachte ich.
Ich darf nicht zulassen, dass er irgendwelche Ansprüche anmeldet. Und vor allem muss ich zusehen, dass ich ihn aus der Wohnung rauskriege, ohne ihn in Rage zu bringen.
Er nickte, als wäre er mit seinen Worten zufrieden, und legte die Hände auf die Knie. An seinem linken Unterarm hatte er eine frische Narbe, am Handgelenk einen hässlichen Schorf.
»Bekomme ich jetzt eine Tasse Kaffee? Ich habe Ihnen auch Kaffee gemacht.«
»Sie haben doch schon drei Tassen getrunken«, warf Julie ein.
»Vier Stück Zucker, bitte.«
»Ich muss noch mal weg, Michael. Tut mir Leid, aber Sie können nicht hier bleiben.«
»Und noch einen von diesen Keksen, die ich vorhin mit Ihrer Freundin gegessen habe.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
Ich spürte, wie mir schlecht wurde. »Michael, hören Sie
–«
»Und darf ich, na ja, Sie wissen schon, Ihre Toilette benutzen?«
Auf seiner Stirn und über seiner Oberlippe glitzerten kleine Schweißperlen.
»Durch diese Tür.«
Sobald er verschwunden war, drehte ich mich zu Julie um.
»Hör zu, kannst du mir einen Gefallen tun? Geh mit meinem Handy raus vor die Tür und ruf die Polizei an. Ich gebe dir die Nummer.« Schlagartig wurde mir bewusst, was für eine schreckliche Vorstellung es war, bei den Leuten anzurufen, die mich für verrückt hielten, und sie zu bitten, mich vor dem Mann zu schützen, dessen Verhaftung ich selbst verhindert hatte. Ich vergrub den Kopf in den Händen.
»Kit?«
»Ja. Entschuldige. Es ist nur – ach, Mist! Ich weiß nicht, was ich tun soll. Er ist wahrscheinlich völlig harmlos, aber ich will kein unnötiges Risiko eingehen.«
»Dann gib mir das Telefon.« Sie streckte die Hand aus.
»Mach schon, wir ziehen das jetzt durch.«
»Vielleicht tu ich ihm damit etwas Schreckliches an.
Oder mir.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du eigentlich redest, aber wenn er wirklich gefährlich ist, sollten wir zusehen, dass wir ihn hier rausbekommen. Gib mir das Telefon.«
»Nein, warte. Warte einen Moment.« Ich hörte die Klospülung. »Ruf Will Pavic an. Er wird wissen, was zu tun ist.«
»Bist du sicher?«
»Bitte. Mir fällt sonst niemand ein. Ruf ihn von draußen an.«
»Wie lautet seine Nummer?«
»Sie ist im Speicher. Unter Pavic.«
»Okay, okay. Das ist verrückt.«
»Ich weiß. Trotzdem, danke.«
»Was, wenn er nicht da ist oder wenn er –«
Doll kam aus dem Bad, und Julie stürzte zur Wohnungstür hinaus. Dankbar nahm ich zur Kenntnis, dass sie sie nicht hinter sich ins Schloss zog.
»Dann setze ich jetzt rasch den Kessel auf«, verkündete ich übertrieben fröhlich.
»Leben Sie hier allein?«
»Nein.«
»Sind Sie verheiratet?«
»Warum fragen Sie?«
»Ihre Freundin hat gesagt, dass Sie nicht verheiratet sind.«
»Dann wissen Sie es ja schon.« Ich durfte ihn nicht reizen. Ihn nicht in die Enge treiben. »Vier Stück Zucker, haben Sie gesagt?«
»Und einen Keks.«
»Sind Sie gekommen, um mir etwas Bestimmtes zu erzählen, Michael?«
»Warum haben Sie keinen Teppichboden?«
»Michael, gibt es –«
»Das ist komisch, so ohne Teppichboden. Man hat gar nicht das Gefühl, in einem richtigen Haus zu sein. Sogar im Heim hatten wir in allen Räumen Teppichboden.
Meiner war braun. Der Teppich war braun und die Tapete weiß, mit so kleinen Fitzelchen.«
»Raufaser.«
»Ja, genau. Wenn ich im Bett lag, hab ich die Fetzen oft mit meinen Fingernägeln weggezupft. Wenn sie das dann am Morgen bemerkten, bekam ich Dresche, aber ich konnte einfach nicht damit aufhören. Genau wie bei einem Schorf auf der Haut. Ich habe das manchmal stundenlang gemacht. Auf dem ganzen Bett lagen diese kleinen Papierfetzen herum, sogar unter der Bettdecke. Das ist, als hätte man Krümel im Bett. Zum Teil sieht man sie gar nicht, aber man spürt sie an der Haut. Wissen Sie, was ich meine?«
»Ja«, antwortete ich hilflos. Ich schüttete das kochende Wasser über seinen Kaffee und fügte Milch hinzu. »Hier.
Und nehmen Sie sich von den Keksen.«
»Haben Sie zufällig Kippen da?«
Ich ging zu meiner Tasche hinüber und nahm die Zigarettenschachtel heraus, die ich mit mir herumtrug, seit ich ihn in seiner Bude besucht hatte. Es war noch eine Zigarette übrig.
»Hier, nehmen Sie.«
»Streichholz?«
Ich reichte ihm eine Schachtel. Nachdem er sich die Zigarette angezündet hatte, schob er die Streichholzschachtel ein.
»Man musste eigentlich so tun, als würde es einem nichts ausmachen, wenn sie einen schlugen, aber ich habe immer geweint. Sogar noch mit vierzehn, fünfzehn. Ich konnte nicht anders. Heulsuse. Dann haben sie mich ausgelacht, und ich musste noch mehr weinen. Während ich nachts im Bett lag und an der Tapete herumzupfte, habe ich auch geweint, weil ich wusste, dass ich deswegen Schläge bekommen und dann wieder vor allen weinen würde, sodass mich die anderen Jungs noch mehr hänseln konnten.«
Er griff nach seiner Tasse und nahm schlürfend einen Schluck Kaffee. Ein wenig Asche fiel von seiner Zigarette, und er wischte sie von seiner Hose aufs Sofa. »Sie haben keine Ahnung, wie das ist.«
»Nein.«
»Ich weine immer noch. Auf dem Polizeirevier habe ich auch geweint. Haben sie Ihnen das erzählt?«
»Nein.«
»Sie haben mich ausgelacht, als ich weinte.«
»Das war nicht nett.«
»Ich dachte, Sie mögen mich.«
»Michael, ich habe es Ihnen doch erklärt. Ich war sehr beschäftigt.« Ich bemühte mich um einen entschiedenen Ton.
»Ich habe auf Sie gewartet. Ich bin nicht mehr an den Kanal gegangen. Ich habe darauf gewartet, dass Sie wiederkommen und mit mir reden würden.«
»Ich habe gearbeitet.«
»Genau wie die anderen. Ich dachte, Sie wären anders.«
Eine Säule aus Asche fiel auf seine Knie. Er ließ die noch glimmende Zigarettenkippe in seine Kaffeetasse fallen, wo sie zischend ausging. Er wäre in der Lage gewesen, Lianne zu töten, dachte ich. Ohne weiteres.
Wenn sie auf einen Annäherungsversuch mit Gelächter reagiert oder über seine Tränen gelacht hätte.
»Kann ich noch eine haben?«
»Das war meine Letzte. Sollen wir zusammen losziehen und welche besorgen?«
»Nicht nötig.« Er zog eine Schachtel aus der Tasche. Sie war fast voll. Er bot mir eine an, aber ich schüttelte den Kopf. »Ich muss gleich weg, Michael«, erklärte ich. Will würde sowieso nicht kommen.
Er runzelte die Stirn. »Noch nicht. Ich möchte mit Ihnen reden.«
»Worüber?«
»Einfach nur reden. Sie wissen schon. Wie Sie gesagt haben. Sie haben gesagt, ich könnte Ihnen alles erzählen.«
»Das war ein berufliches Gespräch, Michael«, antwortete ich sanft. Sein Gesicht nahm einen fassungslosen Ausdruck an.
»Das war mein Job.«
»Sie meinen, Sie haben mir nicht die Wahrheit gesagt?«
»Das habe ich damit nicht gemeint.«
»Ich muss immer noch an sie denken.«
»Lianne?«
»Ja. Niemand will hören, was ich zu sagen habe, aber ich war dort, oder etwa nicht? Ich war dort.«
»Vielleicht.«
»Nein, nein, nicht vielleicht. Warum sagen Sie, vielleicht? Ich war dort und …«
Die Tür flog auf. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören.
Doll sprang erschrocken auf und stieß dabei seine Tasse um. Kaffeesatz und nasse Asche landeten auf dem Boden.
»Hallo, Michael«, sagte Will. Er ging auf Doll zu und gab ihm die Hand. Doll ließ die Hand nicht mehr los.
»Ich habe nichts Falsches getan.«
»Nein, natürlich nicht.«
»Warum sind Sie dann hier?«
»Dr. Quinn ist eine gute Bekannte von mir.« Er hatte noch nicht in meine Richtung geblickt.
»Sie kennen sich?«, fragte Doll.
»Ja.«
»Dann kennen wir Kit also beide, und ich kenne Sie, und Sie kennen mich. Wir kennen uns alle.« Plötzlich kam er mir in seiner schrecklichen orangefarbenen Hose sehr klein und mager vor. Ich fühlte mich wie eine Idiotin und schämte mich meiner Angst.
»Sie kennen sich?«, fragte ich wie zuvor Doll.
Will drehte sich mit überraschter Miene zu mir um. »Ich dachte, Sie wüssten das. Wenn Sie mal ein bisschen darüber nachdenken, werden Sie feststellen, dass das kein so großer Zufall ist. Wie läuft’s mit dem Fischen, Michael?«
»War schon länger nicht mehr«, murmelte Doll.
»Das ist schade, wo das Wetter doch gerade besser wird.
Michael ist ein großer Fischer, müssen Sie wissen«, erklärte er mir.
»Ja, ich weiß.«
»Ich fahre in deine Richtung, Michael. Soll ich dich mitnehmen?« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Dann hast du noch ein paar Stunden am Kanal, bevor es dunkel wird.«
»Es macht mir nichts aus, wenn es dunkel ist.«
»Wie auch immer, ich nehme dich auf jeden Fall mit.
Dr. Quinn hat bestimmt noch zu arbeiten.«
»Ja«, murmelte ich. »Danke.«
»Geht es Ihnen gut?«
»Ja.«
»Sie sehen aber nicht so aus. Vielleicht sollten Sie ein bisschen besser auf sich aufpassen.« Er warf mir einen scharfen Blick zu.
»Und mal eine Türkette anbringen lassen.«
»Ich habe eine. Julie hat nur … na ja, Sie wissen schon.«
»Sie schleicht draußen herum, in ihren Hausschuhen.
Bereit, Michael?«
Gemeinsam verließen sie die Wohnung. Ich beobachtete vom Fenster aus, wie Will Doll auf dem Beifahrersitz Platz nehmen ließ. Doll sagte etwas zu ihm, woraufhin Will ihm lachend auf die Schulter klopfte. Nachdem er die Beifahrertür geschlossen hatte, sah er zum Fenster empor.
Ich formte durchs Glas ein lautloses Danke, auf das er aber nicht reagierte. Er starrte bloß mit gerunzelter Stirn herauf, als könnte er mein Gesicht nicht richtig erkennen.
Dann wandte er sich ab.
Julie stürzte herein. »Jetzt musst du mir aber alles ganz genau erzählen!«
»Ich kann nicht«, antwortete ich. »Ich glaube, ich muss mich übergeben.«
19. KAPITEL
Die Pressekonferenz war erst in letzter Minute anberaumt worden, aber es ging zu wie in einem Bienenstock, und kein Raum des Polizeireviers Stretton Green war auch nur annähernd groß genug, obwohl inzwischen gut die Hälfte aller Räume von ihrem Mobiliar befreit worden waren.
Der Konferenzraum, der eilig im Shackleton Hotel gleich um die Ecke angemietet worden war, quoll über vor drängelnden Menschen in Anzügen und Kostümen, die alle etwas in ihre Handys schrien. Im Raum war es schrecklich heiß, und ich sah, wie ein Mann in Uniform vergeblich versuchte, ein Fenster zu öffnen. Ich stand ganz hinten, in der Nähe der Tür, durch die zum Glück ein wenig frische Luft hereinwehte.
Vier Männer in grauen Anzügen marschierten zur Tür herein. Oban, Furth, Renborn und Renborns Stellvertreter, Paul Crosby. Sie gingen direkt an mir vorbei, bemerkten mich aber nicht, weil sie von drei uniformierten Beamten und ihrer eigenen Aura geschäftsmäßiger Dringlichkeit abgeschirmt wurden. Eilig bahnten sie sich einen Weg durch die Menge und betraten das Podium. Dort ließen sie sich am Tisch nieder und wurden sofort von Fernsehscheinwerfern angestrahlt, deren grelles Licht sie auf einen Schlag realer wirken ließ als alles andere im Raum. Eine Beamtin brachte ihnen einen Krug Wasser und vier Gläser. Sie tranken alle einen Schluck, ehe sie sich mit ernster Miene an ihr Publikum wandten. Auf dem Tisch stand ein Mikrofon. Oban klopfte mit dem Finger darauf. Es klang, als würde jemand mit einem Teppichklopfer gegen die Wand schlagen. Der Lärm im Raum verstummte wie auf Knopfdruck.
»Meine Damen und Herren«, begann Oban, »die meisten von Ihnen kennen mich bereits. Ich bin Detective Chief Inspector Daniel Oban aus Stretton Green. Ich möchte nicht lange um den heißen Brei herumreden. Wir sind hier, um Sie darüber zu informieren, dass wir bei unseren Ermittlungen im Mordfall Philippa Burton einen wichtigen Schritt vorangekommen sind.«
Leises Stimmengemurmel hob an, und Oban, der einen Sinn für Dramatik besaß, hielt kurz inne. Es war ihm anzusehen, dass er den Moment genoss. »Zehn Tage vor dem Mord an Mrs. Burton wurde eine junge Frau, die ihren Freunden unter dem Namen Lianne bekannt war, an dem Kanalstück, das durch den Stadtteil Kersey Town verläuft, ermordet aufgefunden. Wir sind inzwischen der Meinung, dass diese beiden Morde vom selben Täter begangen wurden.«
Nach diesen Worten nahm er erneut einen Schluck Wasser. Seine Kinnpartie wirkte verspannt.
Wahrscheinlich musste er sich beherrschen, nicht unpassenderweise vor Freude zu lächeln, weil seine Worte so viel Aufregung hervorgerufen hatten.
»Wenn Sie mich bitte ausreden lassen würden«, fuhr er fort.
»Eine Folge davon ist, dass wir die bisher unabhängig voneinander geführten Ermittlungen zusammenlegen werden. Da ich zufällig länger im Dienst bin als mein Kollege hier, werde ich die offizielle Leitung übernehmen, aber ich brauche wohl nicht eigens zu betonen, dass Vic Renborn und sein Team bisher hervorragende Arbeit geleistet haben und wir eng zusammenarbeiten werden.«
Er nickte mit ernster Miene zu Renborn hinüber, der ihm mit einem raschen, geschäftsmäßigen Nicken dankte.
Sofort schoss in den vorderen Reihen ein Wald von Händen hoch. Oban deutete auf jemanden, den ich nicht sehen konnte. »Ja, Ken?«
»Worauf gründet sich diese Annahme, dass zwischen den beiden Fällen eine Verbindung besteht?«
»Wie die meisten von Ihnen wissen, dient die Analyse von Fasern für gewöhnlich dem Ziel, eine Verbindung zwischen einer Leiche und einem Verdächtigen herzustellen. In diesem Fall aber haben wir zusammenpassende Fasern auf der Kleidung der beiden Frauen gefunden.«
»Welche Art von Fasern?«
»Ursprünglich sind wir davon ausgegangen, dass man beide Frauen dort umgebracht hat, wo ihre Leichen gefunden wurden. Inzwischen vermuten wir, dass sie an einem anderen Ort getötet und dann mit einem Fahrzeug zu einer relativ abgelegenen Stelle transportiert wurden, wo sich der Täter ihrer Leichen entledigte. Was wir gefunden haben, ist eine Form von …« Oban blickte auf ein vor ihm liegendes Blatt, »… synthetischem Polymer, das beide Leichen aufwiesen.«
Jemand anders stand auf. Eine Frau mit einem Mikrofon.
»Aber wie sind Sie auf diese Verbindung gekommen?«
Nun gestattete sich Oban den Anflug eines Lächelns.
»Ein entscheidender Aspekt bei den Ermittlungen in einem Mordfall ist stets die Verwaltung der Informationen und der Informationsfluss zwischen verschiedenen Teilen der Londoner Polizei und darüber hinaus. Ich würde sagen, in diesem Fall hat es mit der Kooperation bisher vorbildlich geklappt, und dafür möchte ich Vic Renborn und seinem Team noch einmal danken.«
»Aber was hat Sie überhaupt dazu bewogen, diese Morde miteinander zu vergleichen? Weisen die beiden Fälle auffallende Ähnlichkeiten auf?«
»Nein, auf den ersten Blick nicht«, antwortete Oban.
»Aber es gibt durchaus ein, zwei Verbindungsglieder.«
»Welche zum Beispiel?«
Er machte ein geheimnisvolles Gesicht. »Sie werden hoffentlich verstehen, dass wir darüber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht sprechen möchten.«
»Können Sie etwas über den Tätertypus sagen, nach dem Sie suchen?« Oban sah zu Renborn hinüber. »Vic?
Möchten Sie das vielleicht übernehmen?«
»Gern«, antwortete Renborn mit einem bescheidenen Lächeln. »Was wir in diesen beiden Fällen zu erkennen glauben, nennt sich Progression. Das erste Opfer, Lianne, war das, was wir ein leichtes Ziel nennen. Sie war eine Ausreißerin, die in Jugendherbergen übernachtete und in einer Welt der Drogen und der Prostitution lebte. Sie war verwundbar und für den Täter eine leichte Beute. Bei Philippa Burton war er bereits kühner. Ich sage nichts gegen Lianne, die natürlich auch auf tragische Weise ums Leben gekommen ist, aber Mrs.
Burton war eine
ehrenwerte Frau mit Kind. Sie stellte ein schwierigeres Ziel dar. Wir haben es bei unserem Täter mit einem Menschen zu tun, der zunächst einen Mord begangen hat, den man als ›einfach‹ bezeichnen könnte, und sich inzwischen an einen schwierigeren herangewagt hat.«
Eine andere Hand ging hoch. »Können Sie etwas konkreter werden?«
»Der Mörder benutzt unter Umständen einen Wagen.
Außerdem wurden wir bei der Erstellung des Täterprofils von einem erfahrenen Psychologen beraten, der auf diesem Gebiet bereits viele Erfolge verzeichnen kann.«
Ich wusste, von wem er sprach. Seb Weller.
»Er hat für uns ein vorläufiges Psychogramm des Täters erstellt, von dem ich Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nur einige wenige Details verraten darf. Es handelt sich um einen Weißen. Er ist fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Jahre alt. Wir vermuten, dass ihm Philippa Burton irgendwie aufgefallen ist und er sie nicht nur deswegen umgebracht hat, weil er sie begehrte, sondern weil er sie darüber hinaus um das beneidete, was sie besaß, ihren offensichtlichen Reichtum und ihr Kind.«
»Demnach handelt es sich also um einen Serientäter.«
»Nicht unbedingt«, antwortete Renborn rasch. »Wir dürfen in dieser Hinsicht keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Ich wollte damit nur sagen, dass sich in der Stadt ein gefährlicher Mann herumtreibt, wahrscheinlich mit einem Auto. Deswegen bitten wir die Öffentlichkeit um Mithilfe.«
»Er wird also wieder zuschlagen!«, rief eine Stimme von hinten.
»Ich möchte bestimmt niemanden beunruhigen«, erklärte Renborn. »Der Täter wird mit Sicherheit gefasst werden.
Aber bis dahin sollten die Leute – und vor allem die Frauen – besondere Vorsicht walten lassen. Wir werden alle die Augen offenhalten.« Er blickte in die Runde.
»Noch irgendwelche Fragen?«
Eine Frau mittleren Alters stand auf. »Sie haben uns noch nicht gesagt, was Sie dazu veranlasst hat, die beiden Fälle zu vergleichen.«
Oban übernahm wieder. »Die Antwort auf diese Frage ist nicht so einfach«, begann er. »Wie Sie sicher wissen, hängen Ermittlungen wie diese von hochtechnischen gerichtsmedizinischen Untersuchungen, aber auch von altmodischer Polizeiarbeit ab. Wir haben bereits Hunderte von potenziellen Zeugen befragt, wir haben den Kanal absuchen lassen, wir sind von Haustür zu Haustür gegangen und haben Anwohner befragt und die Gegenden rund um die beiden Leichenfundorte genauestens durchkämmt. Trotzdem läuft es am Ende manchmal auf Erfahrung und Instinkt hinaus.« An dieser Stelle bedachte er seine Zuhörerschaft mit einem onkelhaften Lächeln.
»Nennen Sie es Bulleninstinkt, wenn Sie so wollen. Wir hatten das Gefühl, dass da eine Verbindung bestand, auch wenn wir zuerst gar nicht wussten, weshalb. Das hat uns veranlasst, es zu überprüfen. Bestimmte Dinge haben bei uns einfach Alarmglocken schrillen lassen.«
»Warum hat er sich ausgerechnet diese Frauen als Opfer ausgesucht?«
»Wir glauben, dass die Umstände jeweils günstig waren.
Er sah eine Chance und handelte. Deswegen sind psychopathische Mörder dieses Typs auch so schwer zu fassen.«
»Gibt es bereits Verdächtige?«
»Darüber möchte ich mich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht äußern. Nur so viel: Wir sind dabei, einige Leute zu befragen.«
»Stimmt es, dass Sie jemanden mit übersinnlicher Wahrnehmung engagiert haben, um den Mörder zu fangen? Und halten Sie das für eine angemessene Verwendung von Steuergeldern?«
»Zu Ihrer ersten Frage: Nein, wir haben niemanden mit übersinnlicher Wahrnehmung engagiert. Andererseits –
wenn mir jemand hilft, den Mörder zu finden, ist es mir egal, ob er dazu Teeblätter verwendet oder nicht. Und mit diesem hoffnungsvollen Ausblick sollten wir diese Pressekonferenz beenden, denke ich. Seien Sie versichert, wir werden Sie über alle Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Für uns heißt es jetzt, zurück an die Arbeit, das werden Sie bestimmt verstehen. Wir haben noch eine Menge zu tun.«
Zwanzig Minuten später saßen wir im Lamb and Flag, einem nahe gelegenen Pub, das mit unterschiedlichen Zaumzeugbeschlägen dekoriert war und von vielen Polizisten frequentiert wurde. Oban nahm einen Schluck von seinem Bier und hielt das Glas anschließend nachdenklich ins Licht.
»Als ich von ›uns Polizisten‹ sprach, waren Sie natürlich mit eingeschlossen, Kit. Ich weiß, dass ich Sie vielleicht namentlich hätte nennen sollen …«
Ich nahm einen Schluck von meinem Mineralwasser und kam mir sehr spießig vor. Ich wollte nicht wie eine sauertöpfische Abstinenzlerin wirken, aber es war ein normaler Arbeitstag und erst elf Uhr vormittags. »Es geht mir nicht um Lorbeeren …«, begann ich.
»Es ist nun mal so«, fuhr Oban fort, »dass es der Arbeitsmoral der Truppe förderlich ist, wenn man ihnen sagt, wie gut sie ihren Job gemacht haben. Ob verdient oder nicht. Aber eins dürfen Sie mir glauben, falls das Ganze schief geht, werden wir Sie bestimmt namentlich nennen, damit die Öffentlichkeit ihren Sündenbock bekommt.«
»Ja, genau«, sagte Furth von der anderen Seite des Tisches her. Er hatte gerade ein zweites Glas neben sein erstes gestellt, das fast leer war. »Wir werden schon dafür sorgen, dass Sie zu Ihrem Recht kommen, Kit. Solange Sie uns nicht wieder im Stich lassen. Ich habe völlig den Überblick verloren, wie oft Sie in den Fall ein- und wieder ausgestiegen sind. Sie sind schon öfter von der Bühne abgetreten als Frank Sinatra. Wie auch immer, prost!«
Der restliche Inhalt von Glas Nummer eins verschwand.
So sah das also aus, wenn die Jungs nett zu mir sein wollten. Ich fand es oft schwierig zu unterscheiden, wann sie nett waren und wann garstig, und wusste häufig nicht, ob ich gerade einen Klaps auf die Schulter oder einen Stich zwischen die Rippen bekam. Vielleicht musste man ein Mann sein, um das zu verstehen. »Ihr Täterpsychogramm hat mich nicht so ganz überzeugt, Vic«, sagte ich vorsichtig.
»Dafür dürfen Sie nicht mir die Schuld geben, meine Liebe. Ich habe nur Seb zitiert. Meinen Sie, er hat Unrecht?«
»Nein. Aber das Ganze ist ein Glücksspiel. Wir sagen, der Mörder ist weiß, weil die meisten Serienmörder keine Rassengrenzen überschreiten. Das ist mir alles bekannt.
Gefährlich wird die Sache, wenn man auf Grund eines solchen Psychogramms bestimmte Möglichkeiten von vornherein ausschließt.«
»Ich dachte, das sei der Sinn der Sache.«
»Es bringt nicht viel, wenn man ausgerechnet die richtige Möglichkeit ausschließt.«
»Ich habe von Ihrer Theorie gehört«, schaltete sich Furth ein.
»Ein netter psychopathischer Killer. Möchten Sie übrigens ein paar Chips?«
Kaum zu fassen. Furth bot mir seine Chips an. Demnach war ich definitiv wieder an Bord. Ich schob mir ein paar in den Mund und zermalmte sie laut.
»Ich habe nicht behauptet, dass er nett ist. Aber es gibt tatsächlich nette Mörder, zumindest in gewisser Hinsicht.«
Im Hintergrund lachte jemand schallend. »Ich meine das ernst. Ich bin mal auf einen Fall gestoßen, da wurde ein Kind von seiner Mutter ermordet und anschließend beerdigt, aber bevor sie es vergrub, hüllte sie es liebevoll ein, als würde sie es ins Bett legen. Ich will damit nur sagen, dass wir nicht vorschnell von bestimmten Annahmen ausgehen sollten.«
»Aber wie geht es nun weiter?«, fragte Oban. »Das ist unser Problem. Sie sagen uns immer nur, was wir nicht tun sollen, aber was sollen wir tun? In welche Richtung sollen wir ermitteln?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete ich und nahm den letzten Schluck von meinem Wasser. »Wir müssen für alle Möglichkeiten offen sein, das ist alles.«
»Sie machen es sich zu schwer, meine Liebe«, mischte sich Furth wieder ein. »Anfangs war unser Täter vorsichtig, aber sein zweites Opfer hat er sich am helllichten Tag geschnappt. Er wird kühner. Er braucht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ich möchte wetten, dass er immer unvorsichtiger vorgehen wird und wir ihn beim nächsten oder übernächsten Mal schnappen. Und wissen Sie, was? Sein Name wird Mickey Doll sein.«
Ich reagierte nicht auf die Erwähnung Dolls. »Aus Ihrem Munde klingt das alles wie ein Spiel.«
»Nein«, erwiderte Oban, »das ist nicht fair.« Er nahm einen großen Schluck und wischte sich dann mit dem Handrücken über den Mund. »Wir benehmen uns vielleicht wie ein Haufen Vollidioten, aber das bedeutet nicht, dass wir tatsächlich welche sind.«
»Ähm, ich fürchte, es bedeutet genau das«, meinte Furth, was großes Gelächter hervorrief. Es war, als fände unsere Besprechung inmitten einer Rugbyfeier statt.
20. KAPITEL
Nach meinem Vormittag in der Klinik hatte ich den Nachmittag frei. Als Mittagessen nahm ich mir ein warmes, mit Käse und Spinat gefülltes Croissant mit nach Hause, und hinterher verspeiste ich eine ganze Schüssel Himbeeren, große, rote Früchte aus dem Kühlschrank, deren Süße bereits eine Spur nach Gärung schmeckte. Ich aß sie langsam und genussvoll eine nach der anderen. Die Früchte färbten meine Finger rot. Draußen war die Luft vom Regen der letzten Nacht frisch und mit Feuchtigkeit gesättigt. Die Blätter der Bäume glänzten nass. Ich dachte an Lianne und Philippa, rief mir ihre Gesichter ins Gedächtnis. Ich wusste, wie Philippa zu Lebzeiten ausgesehen hatte – die Zeitungen hatten so viele Fotos von ihr gebracht, die sie mit ihrem seidigen blonden Haar und ihrem schlanken, gebräunten Körper zeigten. In Liannes Fall wusste ich nur, wie sie als Tote ausgesehen hatte, mit ihren abgebissenen Nägeln und dem struppigen Haar. Ich kannte weder die Farbe ihrer Augen noch die Art, wie sie gelächelt hatte. Ich musste mehr über diese beiden jungen Frauen in Erfahrung bringen, denn sogar für willkürlich angewandte Gewalt gibt es in der Regel ein Motiv. Und ich wollte mit Lianne beginnen, weil sie als Erste gestorben war, auch wenn sie kaum Spuren hinterlassen zu haben schien.
Nachdem ich die letzte Himbeere verspeist hatte, spülte ich die Schüssel aus. Die Polizei war mir keine wirkliche Hilfe. Sie wussten nichts über Lianne, weder, wo sie herkam, noch, wer sie gekannt hatte. Sie konnten mir nichts sagen, was ich nicht schon wusste: dass sie eine Ausreißerin war, eine von den Tausenden von Vermissten, die durch die Straßen der Großstädte streunen. Die Polizei hatte ständig mit Leuten wie Lianne zu tun. Ausreißer nahmen Drogen, stahlen und gingen auf den Strich. »Sie sind Opfer, die dann zu Kriminellen werden«, erklärte Furth. Ich wollte schon antworten, ließ es dann aber sein.
Wir waren wieder Gegner, die so taten, als wären sie Freunde.
Mir fiel nichts Besseres ein, als mich nochmals an Pavic zu wenden. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um erneut bei ihm anzurufen. Bei allen unseren Begegnungen war ich hoffnungslos im Hintertreffen gewesen, aber das letzte Mal hatte alles Vorherige übertroffen. Ich holte tief Luft und wählte die Nummer. Eine Frau ging ran und erklärte mir, dass er nicht da sei, aber jede Minute zurückerwartet werde. Fast erleichtert hinterließ ich meine Nummer. Ich vertrieb mir die Wartezeit, indem ich in meiner Wohnung herumwanderte, aus dem Fenster sah, nach ein paar Zeitschriften griff und sie wieder weglegte.
Fünfzehn Minuten später klingelte das Telefon. Ich nahm erst nach dem dritten Läuten ab, damit er nicht auf die Idee kam, dass ich gleich neben dem Telefon saß.
»Hier Will Pavic.«
»Tut mir wirklich Leid, dass ich Sie schon wieder belästigen muss«, erklärte ich. Ich schwieg einen Moment, aber er sagte nichts. »Ich brauche Ihre Hilfe«, fuhr ich fort.
»Das habe ich mir schon fast gedacht«, meinte er trocken.
»Ich muss unbedingt mit Leuten reden, die Lianne gekannt haben. Geben Sie mir wenigstens einen Tipp.«
»Kit …«
»Bitte.«
»Also gut.«
»Mein Gott, das war ja leichter, als ich dachte.« Er lachte nicht. Vielleicht hatte er vergessen, wie das ging.
»Soll ich zu Ihnen ins Centre kommen?«
»Mal sehen. Haben Sie so gegen sechs Zeit?«
»Ja.«
»Treffen wir uns doch an der Autowaschanlage in der Sheffield Street. Das ist hier ganz in der Nähe, nur die Straße rauf.«
»An der Autowaschanlage?«
»Ja. Es ist ein großes Gebäude, Sie können es gar nicht verfehlen. Also bis dann.«
»Wegen neulich –«, sagte ich, aber er hatte schon aufgelegt.
Ich ging meine Notizen noch einmal durch und fragte in der Klinik nach, ob es Nachrichten für mich gebe. Dann machte ich mich auf den Weg zum Friseur um die Ecke, der sich neuerdings Haarstylist nannte und seinen Salon in Silber und Weiß präsentierte, beleuchtet von hartem Neonlicht. Ein junger Mann mit kahl rasiertem Schädel, der eine weite schwarze Hose und ein ärmelloses T-Shirt trug, band mir einen weißen Nylonumhang um und ließ mich vor einem großen, gnadenlosen Spiegel Platz nehmen. Dann stellte er sich hinter mich, nahm meinen Kopf in seine geübten Hände und fragte mich, was ich denn für Wünsche hätte.
»Nur schneiden«, antwortete ich.
Er nahm ein paar Strähnen meines braunen Haars und betrachtete mich einen Moment. »Sollen wir es vielleicht ein bisschen strähniger machen? Ein bisschen wilder?«
»Nur schneiden.«
»Ein paar Glanzlichter? Vielleicht ein bisschen Kupfer.
Das ist im Moment sehr in.«
»Vielleicht beim nächsten Mal.«
»Schönes Haar«, sagte er und ließ es noch einmal nachdenklich durch seine Finger gleiten, bevor er mir ein Handtuch um die Schultern legte und mich zu einem Waschbecken führte. Ich lehnte mich zurück und ließ eine junge Frau, deren Haar aussah, als wäre es mit der Gartenschere geschnitten, meinen Kopf mit einem nach Kokosnuss riechenden Shampoo waschen. Ein wunderbares Gefühl. Ich schloss die Augen, weil mich das grelle Licht blendete. Anschließend umkreiste mich der junge Mann mit einer langen Schere und schnitt dicke Haarsträhnen ab, die weich auf dem Boden landeten.
Immer wenn mich ein Härchen im Gesicht kitzelte, beugte er sich vor und blies sanft über meine Wange.
Hinterher fühlte ich mich viel besser. Wenn ich den Kopf schüttelte, schwang mein Haar wie in diesen Werbespots für Weichspülungen. Ich eilte nach Hause und ging rasch unter die Dusche. Dann schlüpfte ich in meine weiße Jeans, ein biskuitfarbenes T-Shirt, Pumps und eine alte Wildlederjacke. Ich fühlte mich sauber und frisch.
Die Autowaschanlage befand sich in einer Reihe alter und baufällig aussehender Lagerhallen in der Nähe des Kanals.
Obwohl ich schon kurz vor sechs dort war, stand Will bereits auf dem Gehsteig und wartete auf mich. Ich hielt neben ihm, und er nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Ein anderer Wagen bog vor uns in die Anlage.
»Wo ist Ihr Auto?«
»Das wird gerade gewaschen, was sonst?«
»Haben wir uns deswegen hier getroffen – weil Sie Ihr Auto waschen lassen wollten?«
»Lianne hat hier Anfang des Jahres ein paar Wochen gearbeitet. Ich dachte, es wäre ein guter Ort, um mit Ihren Nachforschungen zu beginnen. Obwohl ich nicht sicher bin, wie viele von den Leuten, die damals hier beschäftigt waren, überhaupt noch da sind. Das Personal wechselt ziemlich häufig.«
»Hier? Sie hat Autos gewaschen?«
»Nein. Das ist natürlich reine Männersache. Sie hat Geld kassiert und die Karten ausgegeben. Die Frau, die den Laden betreibt, war eine Weile im Krankenhaus, weil sie eine neue Hüfte bekam. Sie ist eine Freundin von mir.«
Noch während er sprach, trat aus dem Haus eine sehr beleibte Frau auf uns zu. Sie hatte dünnes Haar, dafür aber ein paar Borsten auf dem Kinn. Will öffnete die Beifahrertür, und sie beugte sich zu uns herunter, was ihr sichtlich schwer fiel. »Diana, das ist Kit. Kit, Diana.«
Ich neigte mich über Will und begrüßte sie. Sie hatte einen festen Handschlag und kluge Augen. »Sie interessieren sich für Lianne?«
Sie sprach das E am Ende des Namens. Ich fragte mich, woher sie wohl kam. »Ja. Es ist sehr freundlich von Ihnen, mir zu helfen.«
»Vielleicht gehen Sie schon mal rein? Ich bin in ein paar Minuten bei Ihnen.«
»Ich glaube, vorher lasse ich noch mein Auto waschen.«
Sie lächelte. »Welches Programm möchten Sie?«
Ich warf einen Blick auf die verschiedenen Programme, die auf einer großen Tafel vor dem Gebäude angeschrieben waren.
»Ich nehme die Spezialwäsche.«
Zum ersten Mal entdeckte ich in Wills Blick eine Spur von Anerkennung.
»Das macht dann zwölf fünfzig.«
Ich reichte ihr das Geld. Sie ließ es flink in eine Tasche ihres Rocks gleiten. Dann richtete sie sich auf und winkte mich durch die riesigen Tore. »Kurbeln Sie Ihre Fenster hoch!«, rief sie.
»Bleibt man hier im Wagen sitzen?«, fragte ich Will.
»Sieht ganz so aus.«
Ich fuhr langsam zwischen den Toren hindurch und befand mich mit einem Schlag in einer anderen Welt, einer dunklen, nassen Welt, in der hektische Betriebsamkeit herrschte. Scharfe Wassergüsse trafen uns aus allen Richtungen, und fünf oder sechs Männer, die alle Gummistiefel und Gummihandschuhe trugen, stürzten sich auf den Wagen und begannen, ihn mit langen Bürsten zu bearbeiten. Ich beobachtete sie durch die seifigen Fenster.
Der Mann, der sich gerade über meine Motorhaube beugte, hatte einen Schnurrbart wie ein Walross und melancholische Falten in seinem kantigen Gesicht mit den slawischen Wangenknochen. Der auf Wills Seite wirkte wie siebzehn. Er war ein sehr dunkler Typ, groß, dünn und auffallend hübsch. Er sah aus wie ein Filmstar. Ein älterer Mann, allem Anschein nach ein Chinese, wischte gewissenhaft mein Fenster. Als er meinen Blick bemerkte, lächelte er mich an.
»Was ist das hier?«
»Eine Waschanlage.«
»Danke«, sagte ich sarkastisch. »Ich meine, wo kommen alle diese Leute her?«
Will sah mich von der Seite an. »Die meisten sind Flüchtlinge. Sie arbeiten eine Weile hier, und keiner stellt ihnen unangenehme Fragen. Bezahlt wird bar.«
»Und Lianne?«
»Manchmal schicke ich junge Leute her. Es ist eine sichere Arbeit. Die Bezahlung ist nicht großartig, aber auch nicht ganz schlecht. Sie sind von der Straße weg und verdienen ein bisschen, bis sie vielleicht was anderes finden.«
Ein Mann in einem gelben Regenmantel winkte mich weiter. Langsam fuhr ich zwischen die nächsten Wasserdüsen: sauberes Wasser, um die Seife wegzuwaschen. Weitere Männer, diesmal mit Tüchern bewaffnet, waren bereits im Anmarsch. Hinter uns fuhr der nächste Wagen in die Anlage.
»Das ist ja erstaunlich!«
Wills Miene wirkte selbstzufrieden, als hätte er das alles für mich arrangiert.
»Das mit Doll tut mir Leid«, sagte ich schließlich.
»Warum?«
»Es tut mir Leid, dass ich Ihnen solche Umstände gemacht habe. Ich meine, Sie kennen mich ja kaum, aber mir ist einfach nichts anderes eingefallen.«
»Warum haben Sie nicht die Polizei angerufen?«
»Ich wollte ihn nicht in Schwierigkeiten bringen – und um ehrlich zu sein, befand ich mich selbst auch in einer etwas peinlichen Lage. Aber das ist eine lange Geschichte.
Zu lang.«
Er nickte, als wäre er gar nicht neugierig. »Es war richtig, mich anzurufen.«
»Dann halten Sie ihn für gefährlich?«
»Ich weiß nicht. Er ist …« Er zögerte einen Moment,
»… er ist ein todunglücklicher Mensch.«
Wieder wurde ich nach vorn gewinkt, diesmal in eine Art Parkbucht.
»Hier steigen wir aus«, erklärte Will. »Jetzt ist das Wageninnere an der Reihe. Er wird aber wiederkommen.«
»Doll?«
»Sie haben es ihm angetan. Er fühlt sich von Ihnen verstanden.«
»Oh.« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Und er findet Sie schön«, fügte er hinzu, als wäre das ziemlich lustig.
Ich stieg aus und wartete auf Will. Sofort stiegen vier Männer ein, zwei mit Putzlappen und Eimern, einer mit einem Malerpinsel, der wohl für die Ecken und Spalten gedacht war, und einer mit einem Industriestaubsauger.
Diana erschien mit zwei Tassen Kaffee. Sie war in Begleitung eines jungen Marines, der ein rosafarbenes Bart-Simpson-T-Shirt trug. »Das hier ist Gonzalo«, stellte sie ihn vor. »Er war schon da, als Lianne hier gearbeitet hat.«
Er hatte dünnes schwarzes Haar, eine olivfarbene Haut, das schüchternste Lächeln, das man sich vorstellen konnte, und einen weichen, kraftlosen Händedruck.
»Hallo«, sagte ich. Er zog erschrocken den Kopf ein.
»Dann kannten Sie also Lianne?«
»Lianne. Ja. Lianne.«
»Waren Sie ein Freund von ihr?«
»Freund?« Er hatte einen sehr starken Akzent. Ich wusste nicht so recht, ob er überhaupt etwas von dem verstand, was ich zu ihm sagte.
»Waren Sie ein Freund von Lianne?«, wiederholte ich.
Er sah mich stirnrunzelnd an. »Wo kommen Sie her, Gonzalo?«
Seine Miene hellte sich auf. Er deutete mit dem Zeigefinger auf seine Brust. »Kolumbien. Schön.«
»Ich spreche kein Spanisch.« Ich wandte mich an Will.
»Können Sie Spanisch?«
»Nein. Aber ich wette, Lianne konnte es auch nicht.
Gonzalo, war Lianne glücklich?«
»Glücklich?« Er schüttelte den Kopf. »Nicht glücklich.«
»Traurig?«
»Traurig, ja, und das.« Er hielt auf theatralische Weise die Hand vor den Mund.
»Verängstigt?«, fragte ich.
»Wütend?«, schlug Will vor.
»Verloren«, sagte Diana. Sie drückte mir eine Kaffeetasse in die Hand. Ich nahm einen Schluck. Er war nur lauwarm und schmeckte bitter. »Man sieht es an ihren Augen. Es gibt Menschen, die sind gar nicht mehr richtig von dieser Welt. Solche Leute trifft man hier oft.« Sie wies mit ihrem borstigen Kinn in Richtung der Männer, die wie Bienen die Autos umschwirrten.
»Und in Liannes Augen haben Sie das auch gesehen?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Ich bin ihr kaum begegnet.
Sie arbeitete hier, wenn ich nicht da war. Sie wirkte vielleicht ein bisschen in sich gekehrt und hatte nicht viel Kontakt zu anderen. Hast du das auch so empfunden?« Sie wandte sich an Will.
»Vielleicht«, antwortete er vorsichtig. Ich war noch nie einem Menschen begegnet, der so wenig bereit war, sich festzulegen.
»Na ja, wer könnte ihr das auch verübeln? Immerhin war sie ehrlich, das muss man ihr zugute halten. Soweit ich es beurteilen kann, hat sie kein Geld verschwinden lassen.«
Ich betrachtete die beiden, die dicke Frau und den mürrischen Mann. Gonzalo trat von einem Fuß auf den anderen.
»Danke«, sagte ich an ihn gewandt.
Er sah mich mit seinem scheuen Lächeln an und schlich davon. Mein Wagen blitzte, von innen genauso wie von außen. Der Mann mit dem Walrossbart ließ einen letzten prüfenden Blick darüber gleiten.
»Und Ihnen möchte ich auch danken«, sagte ich zu Diana.
»Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Sie sind eine Freundin von Will.«
Da war ich mir nicht so sicher. Ich sah zu ihm hinüber.
»Lust auf einen Drink?«
Er wirkte etwas überrascht. »Okay«, sagte er, als würde ihm auf die Schnelle keine Ausrede einfallen. »Warum fahren Sie nicht einfach hinter mir her? Ich kenne hier in der Nähe ein Pub.«
Ich ließ ein paar Münzen in die Trinkgeldkasse fallen, dann fuhren wir mit unseren blitzenden Autos im Konvoi durch kleine Seitenstraßen, vorbei an alten Lagerhallen.
Ich war noch nie hier gewesen – das war ein London, das ich nicht kannte.
Das Pub lag an der Kanalseite. Von vorn wirkte es ziemlich trist und heruntergekommen, aber auf der Rückseite ging eine Terrasse auf das Wasser hinaus. Dort ließen wir uns mit unserem Tomatensaft nieder. Der Himmel nahm gerade einen seltsamen Braunton an, kleine Windböen kräuselten die dunkle, ölige Oberfläche des Wassers, und ein paar dicke Regentropfen platschten vom Himmel.
»Was sagen Sie?«, fragte Will in träumerischem Ton.
»Wozu? Zu meinem Drink?«
»Zum Kanal.«
»Sieht ein bisschen dreckig aus.«
Er nippte an seinem Drink. »Das wird sich bald ändern.
Haben Sie von dem neuen Entwicklungsprojekt gehört?«
Ich blickte auf das schwarze Wasser hinaus. Das Lagerhaus auf der anderen Seite war nach oben offen. Alle Fenster waren zerbrochen, und drinnen standen Unmengen von verbeulten, rostigen Maschinen. Überall lagen Trümmer und seltsamer Müll herum, über den ich nicht genauer nachdenken wollte, »Wer sollte den Wunsch haben, hier etwas zu entwickeln?«
»Machen Sie Witze? Eine so große Fläche erstklassigen Landes, mitten in London? In ein paar Jahren werden hier lauter Weinbars, Fitnessklubs und Wohnanlagen mit privaten Garagen stehen.«
»Ist das positiv zu sehen?«
Er leerte sein Glas. »Die Gegend wird respektabel werden«, antwortete er.
»Aus Ihrem Mund klingt das wie ein Schimpfwort, aber es könnte Ihren jungen Leuten doch Jobs bringen.«
»Ich fürchte, die meisten werden hier nicht reinpassen.
Man wird sie irgendwo anders hinschieben.« Ich schauderte. Er sah mich an. »Ist Ihnen kalt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ihre Worte haben mir eine Gänsehaut verursacht.«
Trotzdem zog er seine Jacke aus und hängte sie mir um die Schultern. Einen Moment war ich überrascht über das prickelnde Gefühl, das mich durchströmte, als ich seine Hände auf meinen Schultern spürte. Es war so lange her, dass mich ein Mann berührt hatte.
21. KAPITEL
»Ich kann es noch immer nicht glauben.«
»Nein«, sagte ich lahm.
»Ich meine, normalerweise passiert so etwas doch nicht, oder? Nicht jemandem, den man kennt. Ich kann es einfach nicht fassen.« Sie wiegte ihren Kopf von einer Seite zur anderen, als hätte sie Wasser in den Ohren.
»Arme Philippa«, sagte sie.
»Mmm.«
»Und Jeremy. Und die arme, arme Emily. Was wird aus dem Kind werden? Wie kann ein Mensch nur so was tun?«
Da das nicht wirklich als Frage gemeint war, gab ich ihr keine Antwort. Stattdessen nippte ich an dem Kaffee, den sie für mich zubereitet hatte, und wartete. Tess Jarrett sah aus wie eine kleine, schimmernde Kastanie. Sie saß mit angezogenen Knien in einem großen Sessel im Wintergarten ihres eleganten Hauses, klein und rundlich, ohne dabei plump zu wirken. Ihr Gesicht war von einer Fülle glänzender brauner Locken eingerahmt, sie hatte gesprenkelte braune Augen, honigfarbene Haut, einen kleinen Mund, strahlend weiße Zähne, kleine Hände mit perlmuttfarbenen Nägeln und gepflegte, in Sandalen steckende Füße. Sie war, wie sie selbst sagte, Philippas beste Freundin. Ihre allerallerbeste Freundin. Sie hatte vor Entsetzen und Aufregung ein rotes Gesicht.
»Wir waren unzertrennlich«, erklärte sie. »Erst recht, seit Emily und Lara geboren wurden. Sie sind fast gleich alt, müssen Sie wissen. Wir haben gleichzeitig zu arbeiten aufgehört und deshalb eine Menge Zeit miteinander verbracht.« Es war schwierig, sich Tess als Mutter vorzustellen, denn trotz ihrer zweiunddreißig Jahre wirkte sie so jung und mädchenhaft, als würde sie selbst jeden Moment den Daumen in den Mund stecken.
»Wie lange haben Sie sich gekannt?«
»Schon seit dem College.« Ihre Augen weiteten sich.
»Das bedeutet, ich kenne sie schon mein halbes Leben.
Kannte, besser gesagt. Es fällt mir schwer, mich daran zu gewöhnen.«
»Das ist auch schwer«, pflichtete ich ihr bei.
»Hinzu kam natürlich, dass wir seit unserer Heirat ziemlich nahe beieinander wohnten. Von Hampstead nach Belsize Park sind es zu Fuß gerade mal zehn Minuten. Wir haben uns mehrmals die Woche getroffen und sind zusammen einkaufen gegangen.« Sie zupfte an ihrem pastellfarbenen Baumwollkleid herum.
»Das haben wir erst vor zwei Wochen erstanden, für meinen Griechenlandurlaub mit Rick und den Kindern.
Rick und Jeremy verstehen sich auch gut. Der arme Jeremy.« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus.
»Tess«, sagte ich in die anschließende Stille hinein,
»manchmal erfahren wir etwas über den Täter, indem wir möglichst viel über sein Opfer herausfinden. Deswegen bin ich hier.«
Sie nickte. Ihr Gesicht nahm einen tragischen Ausdruck an.
»Ja«, murmelte sie. »Ich weiß.«
»Ich brauche Sie nicht zu fragen, wo sich Philippa in ihren letzten Stunden aufgehalten hat. Das ist Sache der Polizei. Mich interessieren eher ihre Stimmungen, was in ihrem Leben so vor sich ging. Manchmal weiß eine Freundin darüber mehr als die Familie.«
»Ich habe alles über Philippa gewusst«, erklärte sie mit Nachdruck. »Wir hatten keine Geheimnisse voreinander.
Zum Beispiel« – sie senkte die Stimme und beugte sich vor – »habe ich ihr von den Problemen erzählt, die ich kurz nach Laras Geburt mit Rick hatte. Ich glaube, Männer haben Probleme, wenn ihre Frau ein Baby hat, meinen Sie nicht auch? Sie bekommen nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit. Außerdem ist man als Frau oft müde, weil man nachts immer aufstehen und das Kind stillen muss. Da werden sie richtig eifersüchtig. Männer sind ja selbst wie Kinder, stimmt’s? Was wollte ich eigentlich gerade sagen? Ach ja, Rick wurde also recht aufbrausend und fordernd, Sie wissen schon, was ich meine, aber ich wollte nicht – na ja, jedenfalls habe ich Philippa davon erzählt. Es hat mir schon geholfen, einfach nur darüber zu reden. Philippa konnte sehr gut zuhören.
Sie war keine solche Quasselstrippe wie ich.«
Sie lachte. »Manchmal glaube ich«, fuhr sie fort, »dass wir deswegen so gute Freundinnen waren. Ich war die plappernde Extrovertierte, sie dagegen eher –« Sie hielt inne und sah mich stirnrunzelnd an.
»Ja?« Ich wollte nicht, dass Tess ausgerechnet jetzt, da sie endlich auf Philippa zu sprechen gekommen war, zu erzählen aufhörte.
»– eher jemand, der mehr am Rand der Dinge blieb, während ich immer direkt im Mittelpunkt sein muss.«
»Glauben Sie, dass sie das selbst so wollte? Am Rand stehen?«
»O ja, sie war sehr glücklich. Ich habe sie nie weinen sehen. Ist das nicht seltsam? Ich weine ständig. Ich weine, wenn ich mir mit Lara Dumbo oder Bambi ansehe, eigentlich bei jedem halbwegs kitschigen Film, oder wenn sie in den Nachrichten hungernde Kinder zeigen.
Manchmal muss ich sogar weinen, weil Lara weint, auch wenn sie es vielleicht nur deswegen tut, weil ich sie gescholten habe. Dann sitzen wir da wie zwei kleine Heulsusen. Mir kommen auch immer die Tränen, wenn sie irgendwas zum ersten Mal macht – als sie das erste Mal
›Mummy‹ sagte, bin ich aus dem Heulen gar nicht mehr rausgekommen. Blöd, nicht wahr? Ich weine, wenn ich glücklich bin, und ich weine, wenn ich traurig bin. Aber Philippa war nicht so. Nicht mal als junges Mädchen.«
»Was nicht notwendigerweise bedeutet, dass sie glücklich war«, bemerkte ich in neutralem Tonfall.
»Nein.« Sie streckte ihre Beine aus und bewegte die Zehen.
»Natürlich nicht. Aber sie schien mir immer ein sehr ausgeglichener Mensch zu sein. Nicht so launisch wie ich.
Ich bin wie ein Pendel. Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Sogar damals, als sie noch sehr jung war und ihre ersten Freunde hatte, verliebte sie sich nicht Hals über Kopf. Sie verliebte sich – langsam und geduldig, könnte man vielleicht sagen. Sie war gut darin, Dinge auf sich zukommen zu lassen. Allzu viele Männer gab es in ihrem Leben sowieso nicht. Sie war ein sehr ruhiger Typ.
Emily gegenüber hat sie nie die Beherrschung verloren, so wie ich oft bei Lara, meinem kleinen Äffchen. Philippa hat in energischem Ton mit ihrer Tochter gesprochen, das schon, aber bei ihr sind nie die Sicherungen durchgebrannt. ›Wie um alles in der Welt machst du das?‹, habe ich sie oft gefragt. Nun kann ich sie nie wieder etwas fragen. Ich werde mich nie daran gewöhnen.« Sie blinzelte mich mit ihren braunen Augen an, während ihr Tränen über die Wangen kullerten. Ich reichte ihr ein Taschentuch.
»Danke. Tut mir Leid.«
»Wie war ihre Beziehung zu Jeremy?«
»Nun, wie soll ich sie beschreiben? Ich und Rick, wir streiten uns manchmal, und dann versöhnen wir uns wieder. Aber sie und Jeremy haben nie gestritten. Sie sind sehr höflich miteinander umgegangen. Er hat ihr jeden Freitag Blumen mitgebracht, ohne es auch nur ein einziges Mal zu vergessen. Ist das nicht aufmerksam? Ich wünschte, Rick täte das auch. Ihre Lieblingsblumen waren gelbe Rosen und Wicken, obwohl man die im Blumengeschäft meist gar nicht bekommt. Sie war eine gute Gärtnerin – haben Sie ihren Garten gesehen? Ich glaube, Jeremy und Emily sind inzwischen in ihr Haus zurückgekehrt, nachdem sie ja eine Weile bei Philippas Mutter wohnten. Ich muss sie bald mal besuchen.
Jedenfalls habe ich die beiden nie miteinander turteln sehen – aber vielleicht war das einfach ihre Art. Ich meine, man weiß schließlich nie ganz genau, was im Leben anderer Leute vor sich geht, oder? Als Emily zur Welt kam, waren sie vor Freude außer sich. Oh, ich habe Sie angelogen, ich habe Philippa doch mal weinen sehen.
Kurz nach Emilys Geburt kam ich sie im Krankenhaus besuchen. Zu dem Zeitpunkt war ich mit Lara hochschwanger. Ich hasse Krankenhäuser. Sie auch? Sie erinnern mich immer ans Sterben. All diese deprimierend grünen Wände. Philippa saß im Bett und starrte auf das kleine Bündel in ihren Armen hinunter, als ich eintrat. Sie blickte hoch, und ich sah, dass ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Eine ganze Flut von Tränen. Sie sagte: »Sie ist so schön. Sieh, wie schön sie ist! Meine kleine Tochter.« Da musste ich natürlich auch weinen, woraufhin Emily aufwachte und zu schreien anfing. Sie hat Emily so geliebt. Und deswegen verstehe ich auch nicht, warum –«
Sie brach abrupt ab.
»Was?«, fragte ich so taktvoll wie möglich.
»Oh, es hat wahrscheinlich gar nichts zu bedeuten.«
Ich schwieg, weil ich wusste, dass sie es kaum erwarten konnte, es mir zu erzählen.
»Manchmal glaube ich, dass sie eine Affäre hatte.«
»Mmm?«, murmelte ich.
»Ich weiß nicht, warum, und vielleicht sollte ich es auch gar nicht sagen, aber ich habe es einfach an ihrem Verhalten gespürt. Außerdem war sie tagsüber plötzlich nicht mehr so viel zu Hause. Ich glaube, Frauen haben einen Instinkt für so was. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, das jemand anderem zu erzählen; wahrscheinlich stimmt es auch gar nicht, aber ich bin trotzdem sicher, dass da irgendwas in der Richtung am Laufen war.«
»Haben Sie eine Idee, mit wem sie eine Affäre gehabt haben könnte?«
»Nein. Da kämen eine Menge Kandidaten in Frage. Ich meine, sie ist sehr hübsch. War. Schlank und blond, die Glückliche. Viele Männer hätten die Chance genutzt.
Sogar Rick. Das meine ich jetzt natürlich nicht ernst, aber Sie wissen ja, wie Männer sind, nachdem ihre anfängliche Leidenschaft für ihre Ehefrau ein wenig nachgelassen hat.
Wenn sie sich erst mal häuslich eingerichtet haben, erscheint ihnen das Leben irgendwann ein bisschen langweilig. Das geht allen so, glaube ich, und Rick hatte sowieso immer eine leichte Schwäche für Philippa.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will damit auf keinen Fall sagen, dass er es war – mein Gott, ich bin sicher, dass ich das gemerkt hätte, wofür hat man schließlich seinen weiblichen Instinkt? Außerdem hätte ich Rick umgebracht, wenn er so etwas getan hätte, und natürlich war Philippa meine beste Freundin …« Sie hielt inne und starrte mich bestürzt an, als hätte sie sich im Netz ihrer eigenen Worte verfangen. »Ich will damit nur sagen, dass es in ihrem Bekanntenkreis viele Männer gab, Ehemänner von Freundinnen, Männer, die sich in denselben Kreisen bewegten. Dabei habe ich niemand Bestimmten im Auge, ich bin bloß der Meinung, dass da in den letzten Wochen ihres Lebens irgendwas lief.«
»Irgendwas?«
»Hmm, vielleicht sollte ich besser sagen, irgendjemand.
Sie war oft nicht ganz bei der Sache und wirkte seltsam aufgeregt, fast schon geheimniskrämerisch. Ein paar Mal hat sie mich sogar versetzt, was früher nie passiert wäre, und kam dann mit irgendeiner komischen Ausrede an. Sie wirkte irgendwie nervös. Nicht ganz anwesend. Sie hatte sich in jemanden verliebt, da bin ich ganz sicher.«
Ich verließ Tess’ Haus eine halbe Stunde später, gegen Mittag, und fühlte mich völlig ausgelaugt. Zuvor hatte ich sowohl Philippas Mann als auch ihrer Mutter einen zweiten Besuch abgestattet. Jeremy war wieder in sein Haus zurückgekehrt, das ein wenig kleiner und neuer war als das von Pam Vere. Der lange, schmale Garten ging am Ende in einen Obstgarten über, und von einem der Apfelbäume hing eine Schaukel. Beide hatten sehr viel weniger bereitwillig über Philippa Auskunft gegeben als Tess. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass sie mir etwas verheimlichten, eher, dass sie von Natur aus nicht so gesprächig waren. Jeremy wirkte nach wie vor durcheinander, von ohnmächtiger Trauer erfüllt. Philippas Mutter machte einen benommenen Eindruck.
Ich hatte zwei Nachrichten auf meinem Handy. Eine war von Poppy. Sie wollte wissen, warum ich mich schon so lange nicht mehr bei ihr gemeldet hatte. Die andere von Will. »Bitte rufen Sie mich an«, war alles, was er sagte.
»Ja?«, bellte er ins Telefon, nachdem ich seine Nummer gewählt hatte.
»Hier spricht Kit.«
»Moment.« Ich hörte ihn irgendwelche Anweisungen geben.
»Kit? Können Sie heute Abend gegen sechs hier sein?«
»Warum?«
»Es kommen ein paar Leute, die sich mit Ihnen treffen möchten.«
»Leute, die Lianne kannten?«
»Warum würden sie sich sonst mit Ihnen treffen wollen?«
Ich setzte schon zu einer heftigen Entgegnung an, überlegte es mir aber rasch anders. »Ich denke, das schaffe ich.«
»Dann bis später.« Weg war er. Die meiste Zeit kam er mir vor, als hätte er einen Bienenschwarm im Kopf.
22. KAPITEL
Ich läutete an der Tür, und ein junger Mann mit Dreadlocks und einem tätowierten Marienkäfer auf dem Arm machte mir auf. Es handelte sich nicht um einen der Bewohner, wie ich zunächst dachte, sondern um einen freiwilligen Helfer, der sich als Greg vorstellte. Anders als bei meinem letzten Besuch herrschte diesmal hektische Betriebsamkeit. Eine Gruppe von Teenagern stand rauchend im Eingangsbereich. Durch eine offene Tür konnte ich in einen Spieleraum hineinsehen, in dem gerade lautstark Snooker gespielt wurde. Auch oben waren Stimmen zu hören. Greg führte mich durch die Eingangshalle und stieß Wills Bürotür auf, ohne anzuklopfen.
»Hallo«, begrüßte ich Will. »Das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Danke.«
»Danken Sie denen, nicht mir. Sie warten in einem der oberen Räume auf Sie. Soll ich Sie raufbringen?«
»Wie viele sind es?«
»Fünf, glaube ich, es sei denn, es haben sich schon welche verkrümelt. Das ist durchaus möglich.«
Die Luft im Raum war stickig und verqualmt. Neben dem Flipperautomaten in der Ecke standen zwei Jungs, eingehüllt von einer Wolke aus Zigarettenrauch. Einer hatte einen völlig kahl geschorenen Kopf mit einer weißen Narbe, der andere war gedrungen und ziemlich haarig. Als ich den Raum betrat, blickten sie hoch, nahmen mich aber ansonsten nicht weiter zur Kenntnis. Die anderen drei waren Mädchen oder junge Frauen. Eine von ihnen saß auf einem Sessel, zwei auf dem Boden. Zu ihnen gehörte auch das auffallend hübsche Mädchen mit den dichten dunklen Augenbrauen und den unheimlich grünen Augen, das ich bei meinem ersten Treffen mit Will Pavic gesehen hatte.
Sie sah auf und runzelte leicht die Stirn.
»Hallo«, sagte ich und trat in ihre Mitte. »Ich bin Kit.«
Niemand sagte etwas. Ich gab ihnen nacheinander die Hand, wobei mir sofort klar wurde, dass das ein Fehler war, aber nachdem ich damit angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Sie wirkten alle ziemlich befangen.
Ihre Hände waren schlaff und von der Hitze im Raum schweißnass.
»Danke, dass ihr bereit seid, mit mir zu reden.« Ich setzte mich auf den Boden, zog eine Schachtel Zigaretten heraus, die ich extra zu diesem Zweck mitgebracht hatte, und reichte sie herum. Sie nahmen jeder eine, auch wenn sie zum Teil bereits eine angesteckt hatten. »Wie wär’s, wenn ihr mir erst mal verratet, wie ihr heißt?«
»Spike«, sagte der kahl geschorene Junge.
Die anderen prusteten los. Ein Witz, den ich nicht verstand.
»Laurie.« Das war der haarige Junge.
»Carla«, sagte das schwarze Mädchen, das rechts von mir saß, mit ganz leiser Stimme.
»Catrina.« Sie hatte die schlimmste Akne, die mir je untergekommen war, aber eine schöne rote Haarmähne.
»Sylvia.« Das war das Mädchen mit den grünen Augen.
Sie lächelte wissend. »Zumindest nenne ich mich selbst so.«
»Ich werde versuchen, mir alle zu merken. Will hat euch wahrscheinlich gesagt, warum ich hier bin. Ich möchte so viel wie möglich über Lianne in Erfahrung bringen, denn je mehr wir wissen, desto größer wird die Chance, ihren Mörder zu erwischen. Wenn wir beispielsweise herausfinden könnten, woher sie ursprünglich kam und wie ihr wirklicher Name war, dann könnte das sehr hilfreich sein.« Eisernes Schweigen. »Aber darüber hinaus«, fuhr ich fort, »möchte ich einfach wissen, was für eine Art Mensch sie war.«
»Will hat gesagt, Sie sind in Ordnung«, meinte Spike. Er ließ den Satz wie eine Frage klingen.
»Er meint damit, dass Sie mit den Dingen, die wir Ihnen sagen, nicht zu den Bullen rennen werden«, fügte Sylvia hinzu.
»Was nicht heißen soll, dass wir Ihnen etwas sagen werden. Der anderen haben wir auch nichts erzählt.«
»Welcher anderen?«
»Sie sind nicht die Erste.«
»Die Polizei hat schon mit euch gesprochen?«
Sylvia zuckte mit den Achseln, und im Raum machte sich eine Art verlegene Stille breit, die nur durchbrochen wurde, als Spike sich mit einem Zündholz eine weitere Zigarette anzündete.
»Jedenfalls«, verkündete ich schließlich, »werde ich der Polizei nichts sagen, was nicht direkt mit Lianne zusammenhängt. In Ordnung?« Allgemeines zustimmendes Grunzen. »Wisst ihr, wie lange sie hier war? In dieser Gegend, meine ich.«
»Will hat gesagt, etwa fünf Monate«, antwortete Spike.
Ich wünschte, das hätte er mir auch gesagt.
»Wer von euch hat sie als Letzter gesehen, was meint ihr?«
»Wahrscheinlich ich.« Carla vermied es, mich anzusehen. Sie sprach zu ihren gefalteten Händen.
»Was habt ihr zusammen gemacht?«
»Wir sind einfach herumgeschlendert, haben in die Schaufenster geschaut und darüber geredet, was wir uns kaufen würden, wenn wir Geld hätten. Klamotten und gutes Essen, alles Mögliche. CDs. Wir hatten aber kein Geld, außer Lianne –« Sie hielt inne.
»Ja?«
»Sie war eine ziemlich gute Taschendiebin«, mischte sich Laurie in bewunderndem Ton ein. »Sie konnte ihre Hand in jede Tasche gleiten lassen. Sie und Daisy haben oft gemeinsam die U-Bahn unsicher gemacht. Ein wildes Paar! Die eine hat jemanden angerempelt, die andere die Geldbörse geklaut.«
»Cool«, meinte Spike.
»Daisy Gill?«, fragte ich.
»Ja, die, die sich umgebracht hat.«
»Wie habt ihr beide euch kennen gelernt?«, wollte ich von Sylvia wissen.
»Hier. Sie war eigentlich ziemlich schüchtern.
Zumindest hat sie …« – sie rümpfte ihre kleine Nase und schob sich das blonde Haar umständlich hinter die Ohren
– »… nicht viel gesprochen. Jedenfalls nicht über sich selbst, falls es Ihnen darum geht. Sie hat nie gesagt, wo sie eigentlich herkam. Ich wette aber, irgendwo aus London.
Sie hat sich in der Stadt wirklich gut ausgekannt.«
»Ich wette, sie war jahrelang im Heim«, meldete sich Catrina zu Wort.
»Wieso glaubst du das?«
»Das merkt man. Ich bin ihr nur einmal begegnet. Hier, genau wie Sylvia, vor ein paar Monaten. Wir spielten Tischtennis. Sie war ziemlich schlecht und stürmte beleidigt davon, als jemand von den anderen sie deswegen aufzog. Wenn man viel im Heim war, merkt man das.«
»Es ist wie ein Geruch«, meinte Spike höhnisch.
Sylvia drehte sich zu ihm um. »Wie kann man bloß so was Bescheuertes sagen?«
Er zwinkerte ihr zu. »Keine Angst, Sylvia, du stinkst nicht. Du bist erste Sahne.«
»Jedenfalls weiß ich ganz sicher, dass sie als Heimkind aufgewachsen ist, weil sie mir sogar mal von einem Heim erzählt hat, in dem sie war«, fuhr Sylvia fort, ohne auf seine Bemerkung einzugehen. »Sie hat dort durchzusetzen versucht, dass eine Freundin an Weihnachten bei ihr im Zimmer übernachten durfte. Sie schliefen sowieso in nebeneinander liegenden Zimmern, es war also keine große Sache, aber sie erlaubten es trotzdem nicht. Das ist typisch für die Art, wie solche Heim geführt werden.
Immer nur Verbote. Sie haben gesagt, es sei nicht erlaubt, zu zweit in einem Zimmer zu schlafen. Das sei gegen die Regeln. Lianne hat erzählt, dass sie und ihre Freundin sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert haben und einfach nicht mehr rausgekommen sind. Am nächsten Tag sind sie damit bestraft worden, dass sie nicht am Weihnachtsessen teilnehmen durften. Crackers oder so was haben sie auch nicht gekriegt. Aber sie war trotzdem froh, es gemacht zu haben, schon aus Prinzip. Sie hat mir aber nicht erzählt, wo dieses Heim war. Sie hat aus vielen Sachen ein großes Geheimnis gemacht.«
»Wir haben sie auch nicht gefragt.«
»Wir respektieren hier anderer Leute Privatsphäre.«
»Ich weiß, dass sie manchmal im Park geschlafen hat.
Sie meinte, das sei besser als die meisten dreckigen Jugendherbergen hier in der Stadt.«
»Glaubt ihr, sie war in vielen verschiedenen Heimen?«, fragte ich.
»Wahrscheinlich«, antwortete Sylvia. »Das ist bei den meisten von uns der Fall, wenn man erst mal ein gewisses Alter erreicht hat.« Ihr schönes Gesicht wirkte bei diesen Worten sehr ernst, ihr Ton fast selbstgefällig. »Wenn sie eine Ausreißerin war, stehen die Chancen recht gut, dass sie viel herumgekommen ist.«
»Sehen Sie mich an.« Ich wandte mich Catrina zu. »Ich war in zwölf Pflegefamilien und acht Heimen.«
»Ich lebte mal fast zwei Jahre bei einer Pflegefamilie«, mischte sich Laurie ein. Hinter dem Wust von Haar wirkte sein Gesicht pausbäckig und jung. Er war wohl kaum älter als vierzehn.
»Ja? Und was hast du falsch gemacht?«, fragte Catrina.
»Sie sind in den Norden raufgezogen. Sie haben gesagt, in ihrem neuen Haus hätten sie nicht genug Platz. Es hat sich wirklich cool angehört, mit Garten und allem Drum und Dran. Nahe am Meer.« In seiner Stimme schwang kein Selbstmitleid mit. Er klang ziemlich sachlich.
»Wisst ihr was über Liannes sexuelle Beziehungen?«, fragte ich vorsichtig. Sie schwiegen. Spike drückte mit einer heftigen Bewegung seine Zigarette aus. »Ich frage das nur, weil es vielleicht hilfreich sein könnte. Glaubt ihr beispielsweise, dass sie missbraucht worden ist?«
»Wahrscheinlich«, antwortete Sylvia ungerührt.
Spike rüttelte laut am Griff des Kickerautomaten. Er hatte das Gesicht zu einer hässlichen, höhnischen Grimasse verzogen. Ich hatte das Gefühl, dass er in Wirklichkeit mit den Tränen kämpfte.
»Wieso glaubst du das?«
»Falls sie tatsächlich lange Zeit ein Heimkind war, meine ich.«
»Du meinst, bei Jugendlichen, die lang im Heim waren, ist damit zu rechnen, dass sie sexuell missbraucht worden sind?«
»Also, mir reicht das jetzt«, erklärte Spike. »Ich verschwinde.«
Aber er rührte sich nicht von der Stelle.
Ich musterte ihn. Sein vorher so bleiches Gesicht war jetzt stark gerötet, seine Wangen rot gefleckt. »Ihr geht also davon aus, dass sie sexuell missbraucht worden ist?«
»Nicht notwendigerweise sexuell, würde ich sagen«, meinte Catrina, »aber man trägt immer einen Schaden davon, wenn Sie wissen, was ich meine. Man hört ziemlich schnell auf, ein Kind zu sein.«
»Man traut keinem mehr«, pflichtete Laurie ihr bei.
Endlich fasste er sich ein Herz und ließ sich zwischen den Mädchen nieder, während Spike sich nach wie vor neben der Tür herumdrückte. Ich holte noch einmal meine Zigarettenschachtel hervor, und er kam näher, um sich eine zu nehmen, blieb aber immer noch stehen.
»Gab es Jungs in ihrem Leben?«
Sie sahen sich an.
»Ich habe nichts mitbekommen«, erklärte Sylvia. »Und sie hat auch nie was erzählt. Viele erzählen das ja ganz offen, prahlen gern damit, aber Lianne hat nie was in dieser Richtung erwähnt. Was natürlich auch damit zu tun haben könnte, dass wir sie nicht so gut kannten. Oder was meint ihr?« Sie blickte in die Runde, und die anderen nickten.
»Sie war eng mit Daisy befreundet«, bemerkte Carla.
»Ich weiß noch, dass sie sich mal gegenseitig die Zehennägel lackiert haben. Ich bin in Liannes Zimmer gekommen, und sie saßen kichernd da und lackierten sich gegenseitig die Zehennägel. Jeden Nagel in einer anderen Farbe. Das war lustig«, erinnerte sie sich leicht wehmütig.
»Lianne hat nicht oft gelacht. Die beiden haben mir erzählt, dass sie das Geld, das Lianne klaute, sparen wollten, um zusammen ein Restaurant aufzumachen.«
Schweigen senkte sich über die Gruppe, während sie alle an die beiden Mädchen dachten, die inzwischen tot waren.
Plötzlich wirkten sie kindlich und hilflos. Sogar Spike, der immer noch stand, die Hände in den Hosentaschen und die Zigarette im Mundwinkel, sah aus, als hätte es ihn kalt erwischt. Ich verhielt mich still, weil ich sie in diesem nachdenklichen Moment nicht stören wollte.
»Einmal hat sie mich geküsst«, erklärte Laurie mit hochrotem Kopf, »nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich das noch nie gemacht habe.« Er verstummte. Carla nahm seine Hand und legte sie mit einer unerwartet rührenden und mütterlichen Geste auf ihren Schoß. »Jedenfalls hab ich es ihr erzählt, ich weiß auch nicht, warum, vielleicht, weil ich in der Woche ein Gespräch mit meinen Sozialarbeitern hatte und die mir eröffneten, dass es noch immer keine neue Pflegefamilie für mich gab, und ich mich an dem Tag so beschissen fühlte, ihr wisst schon, einsam oder sonst was, wie es einem halt hin und wieder passiert, und Lianne saß zufällig unten, da, wo der Snooker-Tisch steht, einfach so, ohne was zu tun, und sonst war niemand da. Und plötzlich hat sie mich geküsst.
Sie hat mein Gesicht festgehalten und mich geküsst.«
Seine Augen füllten sich mit Tränen. Carla tätschelte seine Hand.
»Ich hab sie mal weinen gehört«, sagte Spike völlig unvermittelt. Seine Stimme klang heiser. Während er sprach, wich er in Richtung Tür zurück, als würde er jeden Moment flüchten wollen. Keiner sagte ein Wort. »Ich hatte sie erst am Vortag kennen gelernt und gleich mit ihr gestritten, weil sie mein Radio geklaut hatte und behauptete, es sei ihres. Sie war eine richtige kleine Diebin. Auf jeden Fall war es tagsüber, und ich kam gerade von irgendeinem Geschäft zurück.« Er warf mir einen verstohlenen Blick zu, ehe er weitersprach:
»Jedenfalls hörte ich oben ein Geräusch. Ich wusste erst gar nicht, was es war, es klang so seltsam, wie eine Katze, die gequält wurde oder so was. Ich schlich mich hinauf und merkte, dass es aus ihrem Zimmer kam. Sie maunzte und wimmerte wie eine Katze. Ich stand eine Ewigkeit vor ihrer Tür, aber sie hörte einfach nicht auf. Sie weinte und weinte und weinte, als würde ihr das Herz brechen.«
»Bist du reingegangen?«, fragte ich.
Er runzelte die Stirn. »Ich wollte sie nicht in Verlegenheit bringen.«
Ich streckte meinen Kopf durch Wills Tür. Er starrte auf seinen Computerbildschirm.
»Überstunden?« Ich lehnte mich gegen die Wand. Meine Beine fühlten sich wacklig an, mein Kopf dröhnte vor Müdigkeit.
»Was? Ja, ich schätze.«
»Darf ich Sie was fragen?«
»Mmm?«
»Haben Sie zu Hause jemanden, der auf Sie wartet?«
»Nein.«
»Das dachte ich mir schon.« Ich sah ihn an. Sein Gesicht wirkte wie versteinert. Ich beugte mich vor, nahm es in beide Hände und küsste ihn auf die Lippen. Dann drehte ich mich um und ging. Und er blieb einfach sitzen.
23. KAPITEL
Die Leute sollten Spaß an ihrer Arbeit haben. Eine der größten Freuden im Leben besteht darin, aktiv zu sein, und arbeiten stellt nun mal für die meisten Menschen die Hauptaktivität dar. Was auch immer sie tun, es sollte ihnen Spaß machen. Irgendwie besitzt der Mensch ja die Fähigkeit, an den seltsamsten Dingen Freude zu haben, und das ist auch richtig so. Ich würde diese Fähigkeit, es sich gut gehen zu lassen, fast als eine Art Antidepressivum bezeichnen, als eine Therapie gegen Langeweile und Angstgefühle. Ich weiß das und empfinde es auch so, aber manchmal scheint es trotzdem schwer zu ertragen.
Als ich zwölf war, wurde meine Großmutter beerdigt.
Wir gingen zunächst ins Krematorium, dann in den so genannten Gedächtnisgarten, einen Bereich mit kurz getrimmten Hecken und einer kleinen Rasenfläche, die sich gut als Miniaturübungsplatz für Golfer geeignet hätte.
Die Erwachsenen standen verlegen herum und lasen die Widmungen auf den Kränzen. Nach ein paar Minuten schlenderte ich davon. Ich kann mich noch an zwei Dinge erinnern: dass ich aus dem Kamin Rauch hochsteigen sah und mich fragte, ob das wohl meine Großmutter war. Und dass ich, als ich um die Ecke auf den Parkplatz für die Leichenwagen bog, die Leute vom Bestattungsinstitut auf den Motorhauben ihrer Wagen sitzen sah. Es war ein warmer Frühlingstag, einige von ihnen hatten ihre Jacken ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt. Sie rauchten und unterhielten sich. Ein paar lachten über einen Witz, den ich nicht verstand, weil ich zu weit weg war.
Eigentlich hätte ich mit meinen zwölf Jahren nicht mehr so naiv sein dürfen, aber mir wurde erst in diesem Moment klar, dass die Leute vom Bestattungsinstitut nicht wirklich traurig über den Tod meiner Großmutter waren –
dass sie ihnen im Grunde völlig egal war. Als ich mit meinem Vater zurückfuhr, berichtete ich erbost, was ich gesehen hatte, und legte ihm nahe, diesen Leuten keinen Pfennig zu bezahlen, weil sie so respektlos gewesen seien.
Mein Vater erklärte mir geduldig, dass die Männer vom Bestattungsinstitut jeden Tag zu zwei oder drei Beerdigungen müssten und nicht um jeden Toten trauern könnten. Warum nicht?, fragte ich. Das war schließlich ihr Job.
Es gelang meinem Vater nicht, mich zu überzeugen. Ich kam zu dem Schluss, dass nur völlig gefühllose Menschen diesen Beruf ergreifen konnten. Einen guten, empfindsamen Menschen hätten die vielen Toten und der ständige Kummer in den Wahnsinn getrieben. Demnach mussten die Leute, die diesen Job machten, durchweg Psychopathen sein, die in der Lage waren, erst eine ernste Miene aufzusetzen, während sie den Sarg trugen, und dann nach Hause vor den Fernseher eilten oder mit ihren Kindern spielten und ihrer Frau erzählten, dass sie einen guten Arbeitstag gehabt hätten.
Natürlich war ich inzwischen erwachsen geworden und hatte gelernt, dass der Arzt, der die defekte Herzklappe eines Babys operierte, keineswegs so besorgt war wie die Mutter des Kindes.
Was also erwartete ich von Oban, Furth und dem Rest des Teams, zu dem auch einige wenige Frauen gehörten?
Sie setzten die von ihnen erwartete ernste Miene auf und sprachen die dazu passenden Worte, solange die Kamera auf sie gerichtet war. Es handelte sich um einen schrecklichen Fall, und alle, die damit zu tun hatten, waren zutiefst geschockt. Trotzdem hatten sie gleichzeitig eine Menge Spaß. Zum Beispiel DCI Oban. Er war nicht direkt in Festtagslaune, aber sein Gang wirkte plötzlich viel federnder. Was ja durchaus verständlich war. Erst hatte man ihm einen dubiosen, hoffnungslosen Mordfall aufs Auge gedrückt, den kein anderer haben wollte und für den sich niemand interessierte, es sei denn, bei den Ermittlungen lief etwas schief. Nun hatte sich dieser Fall wie durch ein Wunder in den Mordfall des Jahres verwandelt, und jeder wollte sein Freund sein.
Als ich am Morgen nach meinem Besuch in Kersey Town in seinem Büro erschien, kam ich mir vor, als versuchte ich beim Premierminister vorzusprechen. »Sind Sie in Eile?«, fragte er, nachdem er mich mit einem freundlichen Nicken begrüßt hatte.
»Geht so«, antwortete ich.
»Gut«, antwortete er. »Dann können Sie mich ein Stück begleiten, und wir reden unterwegs.«
Ein schwieriges Unterfangen. Unterwegs zur nächsten Besprechung nahm er einen Anruf nach dem anderen entgegen. Ein paar Minuten Verspätung waren ohnehin eingeplant, weil das allen zeigte, dass er in diesem Stück die Hauptrolle spielte. Es war, als würde man vom Bahnsteig aus mit jemandem reden, dessen Zug sich gerade in Bewegung setzte. Als ich ihm von meinem Gespräch mit den jungen Leuten erzählen wollte, die Lianne gekannt hatten, unterbrach er mich schon nach wenigen Augenblicken: »Muss ich das wirklich wissen, Kit?«
»Hören Sie, Oban …«
»Dan.«
»Der Hintergrund der Opfer ist das Einzige, was wir haben.«
Er blieb einen Moment stehen. »Da bin ich nicht so sicher. Solange mir keiner konkrete Beweise liefert, müssen wir uns an das halten, was ich auf der Pressekonferenz gesagt habe, und davon ausgehen, dass wir es mit einem Täter zu tun haben, der lediglich die Gunst der Stunde genutzt hat. Haben Sie schon mit Seb gesprochen? Er ist derselben Meinung.«
»Nein, ich habe noch nicht mit ihm gesprochen.« Ich schob dieses Gespräch schon seit Tagen vor mir her. Das war einer der Gründe, warum ich auf Poppys Anrufe nicht reagiert hatte – ich wollte nicht statt ihrer Seb an der Strippe haben.
»Ich treffe mich gleich mit ihm«, erklärte Oban. »Dann können Sie das mit ihm besprechen.«
»Das wird nicht nötig sein.«
»Ich möchte keine Rivalität zwischen Ihnen beiden.«
»Da gibt es keine Rivalität.«
»Ach, übrigens, Kit, haben Sie mit irgendjemandem über unseren Mr. Doll gesprochen?«
»Nein«, antwortete ich. »Mit wem sollte ich über ihn sprechen?« Ich musste an Dolls Überraschungsbesuch denken. »Er ist kürzlich bei mir in der Wohnung aufgetaucht.«
Oban zuckte mit den Achseln. »An Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig.«
»Das bedeutet natürlich, dass Julie über ihn Bescheid weiß.«
»Natürlich«, antwortete Oban augenzwinkernd.
»Ach ja, und ich habe mit Will Pavic über ihn gesprochen. Will kennt ihn sowieso.«
»Pavic schon wieder?« Oban stieß einen weiteren Grunzlaut aus. »Ihr Umgang macht mir langsam Sorgen.
Was dieser Typ treibt, ist eine ziemliche Gratwanderung.«
»Sie sind nicht der Erste, der das sagt.«
Obans Miene verfinsterte sich. »Ich meine es ernst, Kit.
Pavic hat sich mit vielen Leuten hier in der Gegend angelegt. Die Leute von den Sozialdiensten hassen ihn.
Ein paar von den Journalisten haben ihn ebenfalls auf dem Kieker.«
»Wieso denn eigentlich?«, fragte ich. »Ich weiß, dass er keine besonders umgängliche Art hat, aber im Grunde versucht er doch nur zu helfen.«
»Meinen Sie?«, fragte Oban in zweifelndem Ton.
»Einige Leute sind da ganz anderer Meinung. Es gibt Gerüchte über Drogenhandel in seinem Jugendhaus.
Eigentlich sind es schon mehr als Gerüchte. Manche Leute sagen, dass er bloß beide Augen zudrückt, aber andere behaupten, er sei mit ein paar Prozent am Geschäft beteiligt. Glauben Sie mir, wenn der Typ auch nur den kleinsten Fehler macht, kann er einpacken. Aber ich wollte eigentlich was ganz anderes sagen. Ich bin von ein paar Journalisten wegen Mickey Doll angerufen worden.«