Ada ließ ihr Kleid fallen, rückte den BH zurecht und zog die Unterhose hoch.

»Gute Nacht.«

Sie legte sich hin.

»Machst du das Licht aus?«

Ich stand eine Weile da. Schließlich nahm ich die andere Decke, drückte auf den Lichtschalter tastete mich durch den Flur zur Küche.

Ich trank einen großen Schluck Leitungswasser. Dann kroch ich unter den Tisch und kauerte mich zusammen, aber der Boden war hart und klebrig, jemand hatte sein Bier ausgekippt. Ich wartete eine Weile im Dunklen und lauschte den Geräuschen, einem Schnarchen, das aus der Wohnung nebenan zu kommen schien, und diesem Kichern, dessen Ursprung ich nicht ausmachen konnte. Schließlich stand ich wieder auf und schlich zurück in den kleinen Raum.

»Ada«, sagte ich.

Ich konnte sie atmen hören. Ich legte mich an den äußeren Rand der Matratze und dachte nach.

»Ada«, sagte ich wieder.

Plötzlich ging die Tür auf. Ein Lichtstrahl zuckte über die Wand. Jemand kam herein, das Schloß der Tür schnappte leise zu, und dann spürte ich etwas Großes neben mir unter die Decke kriechen.

»Hi«, flüsterte Magda.

»Bist du verrückt?«

»Total.«

Sie wälzte sich auf mich, kicherte und umklammerte mich mit ihren Schenkeln. Ich konnte riechen, daß sie sich die Zähne geputzt hatte.

»Heiß hier, oder?«

»Und eng«, sagte ich. »Geh bitte runter!«

»Du bist süß«, flüsterte sie und schob ihren Daumen in meinen Mund. »Zeigst du mir dein Männchen?«

Ich biß zu, so fest ich konnte. Sie schrie. Ich drückte sie weg, nahm meine Schuhe und rannte raus, die Treppe runter und über die Straße zum Park, am Koreaner vorbei, der neben dem Kiesweg lag.

Mein Vater schnarchte. Ich schlich zum Schrank und griff hinter das geblümte Service, wo die Dose mit dem Aufdruck »Hirschapotheke« stand. Ich schluckte zwei Tabletten runter und spülte mit Orangensaft nach. Mein Schädel spannte, als wäre eine Ladung Beton hineingepumpt worden.

Ich nahm den Telefonhörer und wählte Adas Nummer -ich hoffte, sie wäre inzwischen in ihre Wohnung zurückgekehrt, um in Erwartung eines Zeichens vor dem silbernen Christus zu knien. Zwanzigmal ließ ich es klingeln, dann schlich ich in den Keller, knipste das Licht in der Waschküche an und seifte mich in der Behelfsdusche ein. Ich schrubbte mit einer Bürste, bis meine Haut rot war und brannte. Die Wunde vom See war schon verschorft; ich löste den Schorf mit Flüssigseife und spülte ihn in den Ausguß. Die Schlaghose und die schwarze Bluse warf ich in die Wäschetrommel, ein Ort, den mein Vater mied.

15

Am Nachmittag holte ich noch zwei Tabletten. Auf dem Kühlschrank stand ein Karton von Penndorf, diesem Kaufhaus, dessen Tüten mit dem Aufdruck »Modisch Modern« ich sofort in den Müll warf, wenn sie bei uns herumlagen. Manchmal bestellte mein Vater per Telefon Socken und Unterwäsche.

Diesmal war der Karton größer, fast so groß wie ein Sofakissen; ich dachte, es wäre vielleicht die Weste, die ich mir zum Wandern wünschte. Der Preis auf der Quittung kam ungefähr hin, hundertvierzig Mark. Ich schüttelte den Karton - ein sanftes Knistern, Seidenpapier. Ich schluckte die Tabletten runter, hob den Deckel ab und schlug das Papier zurück - es war ein Kleid, zitronengelb, mit abgesetzten Bündchen und einem Schriftzug auf der Brust:

ENJOY SUMMER!

Auf der Pappkarte, die im Dekollete steckte, trug eine junge Frau das Kleid, eine Brünette in Adas Alter. Kleider standen Ada, aber sie schien nur eines zu besitzen, dieses Schwarze, das sie bei der Party getragen hatte. Wahrscheinlich lief sie in Jeans herum, weil sie bei uns wenig verdiente und Geschäfte wie Penndorf ziemlich teuer waren.

Ich stellte mir vor, wie mein Vater dasaß und in dem Katalog blätterte, wie er mit dem Kugelschreiber ein oder zwei Artikel anstrich und auf die Idee kam, genau dieses Kleid zu bestellten, daß er den Bestellschein ausfüllte, ihn in einen Umschlag steckte und dabei das Gefühl hatte, Ada eine Freude zu bereiten.

Plötzlich mußte ich heulen. Ich heulte, wie ich schon seit Jahren nicht geheult hatte, und ich dachte, daß wahrscheinlich der Alkohol daran schuld war.

Sie hatte bis Donnerstag frei. Der Donnerstag war auch mein erster Schultag nach den Ferien - ein Tag, für den ich sonst Schreibhefte kaufte, die Bücher in saubere Umschläge steckte und meine Buntstifte spitzte.

Diesmal war mir alles egal. Bettinas krankes Chamäleon, Hajo mit seinen japanischen Comics und ob Herr Schlüter sich heimlich mit Frau Diestelmeyer traf.

In Französisch schnippte Fritsche Popel durch die Luft. Er fing sie mit der Zunge auf, schmatzte, schluckte sie runter und rieb sich unter dem T-Shirt den Bauch. Mit seinem schmalen Gesicht, der Matrosenmütze und dieser Brille, deren Gestell sein Urgroßvater ihm vererbt hatte, sah er aus wie ein Witzbold aus einer Nachkriegskomödie. Stine und Lilly lachten, Lenny D. lachte, sogar Madame Sauvage lachte. Ich rutschte auf meinem Stuhl herum und haßte mich, weil ich mit ihnen in dem engen Klassenraum saß, obwohl sie mir egal waren.

Kurz darauf ging Madame Sauvage raus, um den Diaprojektor zu holen. Alle sahen Fritsche an. Er schluckte noch einen Popel runter, hielt inne, drehte sich plötzlich um und zeigte mit dem Finger auf mich.

»Lippe«, sagte er. Der Name kam von Lilly. Sie hatte ihn aufgebracht, weil ich nicht viel redete.

»Sag mal, riechst du das auch?« Er stand auf, streckte mir seine Nase entgegen und schnüffelte.

»Du hast geschissen, Lippe.«

Die anderen schlugen mit ihren Linealen auf die Tische, zogen Grimassen, gröhlten, klatschten und warfen Papier-kügelchen.

Ich schrieb beim Testat in Latein von Eike ab, der meistens durchfiel, verbrachte die Pausen auf dem Parkplatz und ging vor der dritten Stunde heim.

In diesem Laden hinter dem Bahnhof, den mein Vater »morgenländische Muffelkiste« nannte, kaufte ich einen kleinen Skorpion aus Bronze an einem Lederriemen. Als Augen klebten dem Skorpion blaue Edelsteinsplitter am Kopf. Ich stellte mir vor, wie er statt des Raubtierzahns um Adas Hals hing, wie sie ihn berührte, wenn sie in den Spiegel sah. Vielleicht paßte er zu dem gelben Kleid. Die junge Türkin umwickelte ihn mit Seidenpapier. Ich zahlte und steckte das Päckchen in die Tasche meiner Trainingsjacke. Alle paar Schritte tastete ich durch den Stoff die spitzen Scheren, die Beine und den festen Panzer.

Ich nahm die Abkürzung, den Pfad, der vom Schwimmbad zum Bootsschuppen und von dort am Fluß entlang zu unserer Straße führte, vorbei an der alten Villa. Vermutlich war der Besitzer gerade wieder in Afrika, aber ich hatte seinen Sohn vom Parkplatz der Schule fahren sehen, in einem Kübelwagen mit offenem Verdeck. Ihm war alles zuzutrauen, sogar daß er sich mittags um zwölf mit einem Mädchen beschäftigte. Ich nahm ein paar Schritte Anlauf und zog mich an der Mauer hoch. Zwei, vielleicht drei Sekunden lang sah ich in den Garten, sah ihn auf dem Rasen liegen, nackt, mit einer Sonnenbrille und einer Zigarette im Mund. Ich ließ los, fiel rückwärts, sprang wieder auf und rannte. Als ich das Ende der Mauer er-reichte, stand er plötzlich vor mir, in zerschlissenen grauen Shorts; sonst hatte er nichts an. Seine Augen waren grün, und sein Gesicht glänzte. An der Spitze seiner Nase hing ein Schweißtropfen.

»Auf die Fresse«, sagte er.

Ich drückte die Schultasche an mich und rannte an ihm vorbei. Er erwischte mich an der Jacke. Ich schlug nach ihm, kam los, rannte die Straße runter, drückte unser Gartentor auf und zwängte mich durch. Ada hockte im Rosenbeet, eine Schaufel in der Hand.

»Was ist passiert?« fragte sie. Sie trug das gelbe Kleid.

Er kam durch das Tor in den Vorgarten. Als er sie sah, setzte er eine freundliche Miene auf, räusperte sich und drückte das Kreuz durch.

»Dein Bruder schnüffelt bei uns rum.«

Sie richtete sich auf.

»Von mir hat er das nicht«, sagte sie.

Er brummte und strich sich über den Bauch. Ein schmaler Streifen Haare zog sich vom Nabel zum Bund seiner Shorts.

»Ich bin Eric«, sagte er.

Ada wischte sich mit dem Arm eine Strähne aus der Stirn.

»Wohnst du hier?« fragte sie.

»Die Straße runter, am Ufer. Gleich da hinten beim Bootsschuppen.«

»In dem alten Haus?«

Er nickte.

»Das ist ein schönes Haus«, sagte sie.

Er sah zu Boden, als sei es ihm peinlich, in so einem Haus zu wohnen, aber ich spürte, daß er nur spielte. Ada spielte mit, oder sie fiel auf ihn herein. Ich lief zur Tür, schloß auf und warf meine Tasche in die Ecke. Mein Vater stand am Küchentisch bei der Saftpresse. Gerade halbierte er mit unserem Brotmesser Orangen.

»Ein Kerl ist im Garten«, sagte ich.

»Guten Tag«, sagte mein Vater. Er drückte den Hebel der Presse runter und grinste mich an.

»Guten Tag«, sagte ich, »da ist ein Kerl im Vorgarten, er spricht mit Ada!«

»Orangensaft?«

»Er tut ihr was!«

Wir gingen ins Klavierzimmer. Mein Vater schob den Vorhang zur Seite, trat zurück in den Schatten des Raums und sah ins Gegenlicht. Der Junge stand Ada gegenüber, zwei Armlängen von ihr entfernt. Ada bedeckte den Mund mit ihrer Hand und lachte.

»Das Kleid«, sagte mein Vater. »Verdammt. Da habe ich nicht aufgepaßt.«

Ich fragte mich, wie er darauf kam. Aber er hatte recht:

Der Stoff spannte an ihrem Bauch. Das grelle Gelb ließ sie blaß, beinahe kränklich wirken.

»Ist das der Junge, der mit seinem Vater in dieser Bruchbude wohnt?«

»Das ist er«, sagte ich.

Er hatte die Daumen in den Bund seiner Shorts gehakt, während Ada den Kopf schüttelte und sich betastete, die Brüste, den Po, die Hüften, vielleicht auf der Suche nach einer Tasche, in der ihre Zigaretten steckten.

»Schau, wie er dasteht«, sagte mein Vater. »Es gibt solche Typen, die eigentlich in einen Affenkäfig gehören und trotzdem von Frauen umschwärmt werden. Wundere dich nicht darüber.« Er stocherte mit der Spitze der Krücke Richtung Fenster. »Früher hat deine Mutter manchmal auf ihn aufgepaßt, wenn sein Vater in Lagos war oder was weiß ich wo. Ein stilles, dickes Kind mit Durchfall.«

»Sie flirten«, sagte ich.

Mein Vater zog die Brauen hoch.

»Du bist eifersüchtig.«

Ada lachte und tänzelte auf der anderen Seite der Scheibe. Ihre Lippen bewegten sich wie die eines Mädchens in einem Stummfilm. Ich zuckte die Schultern und versuchte, so gelangweilt wie möglich zu gucken.

»Ich habe eine Freundin«, sagte ich. »Eine, mit der ich Sachen mache.«

»Interessant«, sagte mein Vater.

Ich spürte, daß er mir nicht glaubte. Wahrscheinlich mußte man durchdrehen, stehlen oder sterben, um ernst genommen zu werden.

»Sie ist hübsch«, sagte ich und schluckte etwas Spucke runter. »Die Schuhverkäuferin sah aus wie ein alter Brummkreisel, oder?«

Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und kniff die Augen zusammen.

»Und Doktor Steinbergs Sekretärin? Und die Frauen von deinen Kollegen - Barbara, Gunda ... Margarethe?«

Draußen ging Eric in die Knie, betrachtete die Chinarosen, riß eine ab und hielt sie Ada hin. Ich glaubte, mein Vater würde mich ohrfeigen, und spannte die Muskeln an, aber er humpelte zum Fenster, machte es auf und lehnte sich raus.

»Freundchen«, brüllte er, »hau ab! Laß meine Blumen in Ruhe!«

Eric sah meinen Vater an, dann drehte er sich um, als stünde jemand hinter ihm. Ada streckte den Rücken. Ich sah ihre Beine, zwei graue, schlanke Schatten unter dem Stoff des Kleides, und weiter unten die Haut, schmutzgesprenkelte Knie, am Schienbein eine verschorfte Wunde.

»Los«, brüllte mein Vater, »sieh zu! Und du kommst rein, Ada!«

Die beiden setzten sich in Bewegung, wie in Zeitlupe -ein halbnacktes Wesen und eine junge Frau in einem zu engen Kleid. Eric knallte das Tor zu und zeigte uns durch das Gitter den Finger.

Ich wollte in mein Zimmer gehen.

»Du bleibst da«, sagte mein Vater. Er griff mir von hinten an den Hals. Ich wollte mich wegducken, aber sein Griff war fest wie eine Zwinge. Als Ada eintrat, ließ er los, humpelte auf sie zu, blieb vor ihr stehen, holte aus und schlug ihr ins Gesicht.

Sie sah ihn an. Er sah sie an, und ich sah an seinem Rücken vorbei in ihre Augen, die reglos blieben, als sei nichts Unerhörtes passiert, sondern etwas völlig Normales.

»Hör mal«, sagte er. »Ich möchte nicht, daß alle möglichen Leute hier ein- und ausgehen.«

Er sagte es mit sanfter Stimme, als spräche er mit einem Kind.

Ada runzelte ihre Stirn.

»Sein Name ist Eric«, sagte sie. »Er ist ein Nachbar.«

Mein Vater verlagerte das Gewicht. Für einen Moment wankte er, dann fing er sich mit der Krücke ab.

»Schau dir den Jungen an«, brüllte er. »Er raucht! Er nimmt meine Schmerztabletten! Nachts besäuft er sich irgendwo, und wenn er morgens nach Hause kommt, trägt er Frauenkleider!«

Sie drehte sich um und ging. Mein Vater holte Luft, setzte sich ans Klavier und spielte ein Stück aus dem Übungsbuch, einen Boogie-Woogie. Ich lief hinter Ada her in den Keller. Sie rannte zur Waschküche, nahm ihren Rucksack, der bei den Putzmitteln stand, und stieß die Tür zum Garten auf. Am Fluß ließ sie sich ins Gras fallen, kramte die Zigaretten hervor und steckte sich eine an.

Ich setzte mich zu ihr.

»Hau ab«, sagte sie.

Sie sah aufs Wasser. Ich dachte, daß sie einzigartig war, daß sie etwas Besseres verdiente als meinen Vater und mich und daß ich ihr nicht helfen konnte, weil ich ein Kind war, ein Träumer, ein Dummkopf. Sie wischte die getrocknete Erde von der Haut ihrer Knie. Der Saum des Kleides war hochgerutscht; sie zog ihn runter, zögerte, stand auf, zog das Kleid über den Kopf und warf es in den Fluß.

Es trieb ein Stück, blieb am Ast einer schief gewachsenen Weide hängen, löste sich und trieb weiter, ein häßliches gelbes Ding, vor dem wahrscheinlich die Fische erschraken.

16

Ich hockte am Tor, die Straße im Blick, horchte, ließ Kieselsteine rieseln und rupfte Moos aus den Fugen der Pfosten. Schließlich lief ich zur Bushaltestelle in der Drosselgasse. Ich stand den ganzen Nachmittag da, der 256er kam zwölfmal. Von weitem entdeckte ich durch die Scheiben ihren Zopf, ihr Gesicht und die Bluse. Dann schwangen die Türen auf, und Männer mit langem Haar stiegen aus, blasse Kinder, Greisinnen.

Sie kam nicht, weder Freitag noch Samstag - Daten, deren schmale Felder auf dem Kalender mein Vater mit je einem grellroten »A« versehen hatte. Er stampfte durchs Haus, schlug Nägel in die Wände und hängte Ölbilder auf, die mein Großvater nach der Schlacht bei Charkow gemalt hatte. Ich spannte die Muskeln an, bereit, mich zu ducken und wegzurennen, sobald er in meine Nähe kam.

Am Abend rief er bei ihr an und reichte mir den Hörer rüber: »Kein Anschluß unter dieser Nummer.« Er ließ das Telefon in Reichweite neben dem Ohrensessel stehen. Zur Nacht nahm er es mit in sein Zimmer, am Morgen prüfte er vor dem Frühstück das Kabel und den Stecker.

»Arschloch!« schrie er, als jemand sich verwählt hatte.

Dann suchte er Spuren. Er stocherte mit einem Besenstiel unter dem Sofa herum, humpelte durch die Rosenbeete und verteilte den Inhalt des Mülleimers auf dem Küchentisch. Doch zwischen triefendem Kaffeesatz, verfaultem Gemüse und Zeitungspapier fanden sich nur die Quittung des gelben Kleides und Zigarettenstummel, Marke Christal lights, mit Lippenstift am Filter. Schließlich schälte er Apfelsinen und beleckte die Schnitze, bevor er sie in den Mund schob, als wären sie spitz oder bitter. Er starrte aus dem Fenster, der Saft lief an seinem Kinn herunter.

Ich stellte mich vor ihn, sagte etwas, aber er sah durch mich hindurch, rieb sein Bein, atmete schwer, und schließlich glaubte ich, daß alles meine Schuld war.

Am Montag ging ich nicht in die Schule. Ich hatte kaum geschlafen. Um acht klopfte er an die Tür meines Zimmers. Er kam herein, hob die Decke hoch, sah mich an und nickte.

»Ist in Ordnung«, sagte er. »Ich schreib dir eine Entschuldigung.«

Da ich das Einkaufen nicht mehr gewohnt war, sah ich im Keller nach. In der Gefriertruhe lag nur ein eisverkrusteter Beutel Rote Grütze. Ich nahm die letzte Dose Grünkohl aus dem Regal, ging in die Küche, fingerte zwei verschrumpelte Wiener Würstchen aus dem Müllsack und wärmte sie im Kochtopf auf. Die Hitze ließ das Fleisch quellen, die Haut wurde glatt und platzte. Als wir aßen, sah ich rüber zu Adas leerem Stuhl. Dann sah ich meinen Vater an und dachte an die Jahre, die vor uns lagen, bis ich einmal wegziehen würde.

»Schmeckt ganz gut«, sagte er und sah in den Topf, der schon leer war. In seinem Mundwinkel hing ein faseriges Grünkohlblatt.

»Ich fahre hin«, sagte ich.

Er brummte, schob seinen Teller weg, nahm eine Serviette und schnäutzte hinein. Ich konnte sehen, daß er überlegte. Seine Augen waren klein. Die Farbe änderte sich; vielleicht bildete ich mir das ein, aber meist waren sie blau, und dann waren sie plötzlich grau, je nach Licht.

»Die mittlere Schublade«, sagte er und wies mit dem Kopf zum Sekretär.

Ich ging hin und sah hinein. In der Schublade lagen Te-safilmrollen, Bleistifte und ein brauner Umschlag.

»Das ist ihr Wochenlohn« sagte mein Vater. »Sie hat ihn liegengelassen.« Er malte mit dem Zeigefinger Kreuze auf das Tischtuch.

»Am besten nimmst du ihn mit.« Er griff in seine Hosentasche, zog den Geldbeutel heraus und warf ein paar Markstücke auf den Tisch.

»Für den Fahrschein.« Er rieb sich das Kinn und sah durchs Fenster nach draußen.

»Sag ihr, daß ...« Er zuckte die Schultern. »Du weißt schon. Sag einen Gruß.«

Vier frische, blaue Scheine waren eine Menge Geld. Ada hatte zehn Stunden pro Woche bei uns gearbeitet, das waren vierzig Mark pro Stunde »auf die Pfote«, womit mein Vater meinte, daß man das Finanzamt beschiß; ich hatte zwanzig Mark pro Stunde mit ihr ausgemacht, er hatte diesen Betrag verdoppelt. Für meinen Vater entsprach der Wert der Dinge ihrem Preis, und ich fragte mich, wie er jemanden, dessen Preis so hoch war, einfach ins Gesicht schlagen konnte.

Am Nachmittag zog sich der Himmel zu. Es war einer dieser Tage im August, an denen man spürte, daß die Herbstmonate klamm und düster werden würden. Ich nahm das Kuvert, steckte noch einen Zehnmarkschein aus meinem Sparschwein hinein, wickelte den Bronzeskorpion in Seidenpapier, ging in den Garten und pflückte einen Wiesenblumenstrauß. Gekränkten Frauen schenkte man Blumen, das hatte ich in einer Zeitschrift gelesen. Ada hatte mir erzählt, daß sie alle Blumen mochte, besonders blaue Kornblumen, von denen ein paar bei dem Holzpflock wuchsen, der das Grab des Hundes hinter den Brombeersträuchern markierte.

Sie war nicht da oder öffnete nicht. Ich sah hoch; ihr Fenster mußte das äußere im vierten Stock sein. Ich drückte die anderen Klingelknöpfe, Makabay, Gropp, Ölmez, Schultz. Es war eines dieser Häuser, die aus der Vorkriegszeit stammten und seit Jahrzehnten keine frische Farbe gesehen hatten. Ich ging in den Hof. Beim Wäscheständer lag ein rostiges Fahrradgestell, und hinter der schmalen Holztür, die zum Kohlekeller führte, hörte ich eine Katze schreien. Ich ging zurück zur Straße, und plötzlich kam ein Typ um die Ecke, ein junger Neger, der gerade seinen Schlüssel zückte und aufschloß. Er nickte mir zu, und ich sagte »Guten Tag« und ging hinterher.

Das Treppenhaus roch nach Schmierseife. Jemand hatte mit dickem Filzstift Flüche an die Wand gekritzelt, »Kin-derficker«, »Nazischwein«. Ich blieb vor dem Briefkasten stehen, aus dessen Schlitz Reklame von Aldi und Obi quoll, auf dessen Schild ihr Name stand, in Großbuchstaben: ADA MALIC.

»Suchst du was?« Der Mann verschränkte seine Arme vor der Brust. Er hatte ein Gesicht wie ein Barsch und trug einen blauen Overall.

»Ist hier eine Wohnung frei?«

»Warum?« rief er. »Bist du abgehauen?«

»Nicht für mich«, sagte ich. »Für meine große Schwester.«

Ich lief zum Fenster und zurück, sah die Druckstellen im Teppich, viermal rund, viermal eckig - ihr Bett, die Böcke des Schreibtisches. Ein wenig abgerissene Tapete, dort, wo die Christusfigur an einem Streifen Tesafilm gehangen hatte.

»Gute Wohnung«, sagte der Hausmeister. Er pfiff beim Luftholen durch die Nase. Ich wollte ihn fragen, ob Ada eine Adresse hinterlassen hatte, aber er sah auf seine verkratzte Swatch, als wäre nur wichtig, was er tun würde, sobald er wieder allein war.

Er stieß die Tür zum Bad auf.

»Dusche und so. Das Klo. Alles in bester Ordnung.«

Er klappte den Deckel hoch, und ich sah, daß niemand geputzt hatte. Das Poster hing noch an der Wand, Juliette Binoche in »Blau«, einem Film, den wir im Deutschunterricht auf Video gesehen hatten. Die glänzende Oberfläche war mit feinen Zahnpastaspritzern gesprenkelt.

Der Hausmeister brummte. Er streckte sich, pulte an einer Reißzwecke und riß das Poster von der Wand.

»All so 'n Schiet lassen die Leute da«, sagte er.

Dann knüllte er das Poster zusammen und stopfte es in die Tasche des Overalls.

»Was is los«, sagte er. »Is dir schlecht? Bist ganz schön blaß!«

»Alles in Ordnung«, sagte ich. »Vielen Dank. Sie sind sehr freundlich. Ich melde mich, ich meine ... meine Schwester meldet sich nächste Woche.«

»Mir is das egal«, rief er.

Ich warf die Blumen ins Gebüsch. Ich überlegte, dann ging ich zurück, schob die Zweige zur Seite, nahm den Strauß und schenkte ihn der ersten Person, die ich traf, einem großen Mann mit glänzenden Schuhen und schneeweißem Kragen - einem dieser Typen, die an Sonntagen segeln gingen und in Eppendorf, Othmarschen oder am Grindelberg junge Geliebte hatten, die in Altbauwohnungen lebten, Jura studierten und stolz darauf waren, Familienvätern einen zu blasen. Ich wußte nicht genau, ob das stimmte und was Ada damit gemeint hatte: Bliesen sie dort unten hinein, oder ähnelten sie bloß Mädchen, die mit roten Gesichtern an Geburtstagen Luftballons aufbliesen, oder Frauen, die niesen mußten? Ich hatte mich geschämt zu fragen.

»Ich liebe sie«, sagte ich laut und wußte, wie dumm das klang, daß auch Agnieszka es dumm finden, lachen und mich wegschicken würde. Aber der Dümmste, das stand fest: Der Allerdümmste war mein Vater. Er saß mit seinem gebrochenen Bein in diesem alten Haus und legte noch immer Wert darauf, daß alle nach seiner Pfeife tanzten. Dabei wäre ich für ihn gestorben, wenn er es verlangt hätte, für einen alten Kerl, der keine Arbeit hatte und soff und weniger zu begreifen schien als sein eigener Sohn.

Agnieszka öffnete die Tür. Sie trug Lippenstift und Rouge und einen gestreiften Bademantel. Durch ein schmales Fenster fiel Tageslicht ins Treppenhaus, und ich sah, daß einige ihrer Haare schon grau waren.

»Du?«

Sie starrte wie jemand, der gerade aufgestanden war.

»Ich wollte bloß vorbeischauen.«

Die Wohnung war feucht und dunkel und roch nach verbranntem Fisch. Auf dem Parkett klebte noch das Wachs der Teelichter von der Party. Agnieszka war barfuß, sie ging voraus. Ich dachte an ihre Brustwarzen, die ich bei der Party gesehen hatte: Sie waren so groß wie das Loch, das entstand, wenn man die Spitzen von Zeigefinger und Daumen aneinanderlegte.

»Es gibt noch Pizza«, sagte sie. »Mit Zwiebeln und Anchovis. Magst du Anchovis? Ich hasse Anchovis. Du kannst meine haben.«

Am Küchentisch saß der blonde Mann, der mit Ada getanzt hatte. Er trug ein T-Shirt, Badelatschen und Shorts mit grauen Ausrufezeichen.

»Pavel«, sagte Agnieszka. »Hau ab. Du erschreckst die Leute.«

Er brummte und schlurfte los.

»Wir kennen uns«, sagte ich.

Er zog seinen Rotz hoch, kratzte sich am Hintern und knallte die Tür zu.

»Ich muß gleich wieder«, sagte ich. »Einkaufen und so.«

»Erst wird gegessen. Setz dich.«

Sie warf einen Pappteller auf den Tisch und schippte mit einem Tortenheber ein öliges Stück Pizza darauf. Dann lehnte sie sich an die Tapete und zog den Gürtel des Bademantels fest.

»Wie geht's denn.«

»Bestens. Und dir?«

»Auch. Die Cola ist leer. Willst du Wasser?«

Ich schüttelte den Kopf. Agnieszka zog das Fenster auf und steckte sich eine Prince Denmark an. In meiner Erinnerung hatte die Küche geheimnisvoll gewirkt, der Fortsatz des kerzenbeleuchteten Flurs und des Zimmers, in dem wir getanzt hatten. Jetzt, bei Tageslicht, sah ich nur Sperrmüll, den bald schon fettige Schlieren, Krusten und andere Reste zersetzt haben würden. Auf dem Linoleum lagen Kippen, im Spülbecken stapelten sich Konserven, und über allem lag dieser Geruch, verbrannter Fisch, kräftiger als der Duft blühender Rhododendren, der durchs Fenster hereinwehte.

»Stört dich der ganze Dreck? Wenn er dich stört, dann bitte, räum auf.«

Ich spürte, wie ich rot wurde. Sie warf ihr Haar über die Schulter. Ich schob die Zinken der Gabel in den braunen Pizzabelag.

»Wo ist Ada?« sagte ich.

»Weg.« Sie verdrehte die Augen. »Sonst noch was?«

»Ich muß mit ihr reden.«

Sie zog an ihren Fingern, bis sie knackten. Ich aß noch ein Stück von der Pizza, und als Agnieszka hinsah, leckte ich mir die Lippen. Dann holte ich den braunen Umschlag aus meiner Tasche hervor.

»Das ist ihr Wochenlohn«, sagte ich. »Wir können sie nicht erreichen.«

Agnieszka nahm den Umschlag, betastete ihn und verzog das Gesicht, als hätte man sie beleidigt.

»Frag deinen Alten, warum.«

»Weil er sie geschlagen hat.«

Sie lachte. »Geschlagen! Pah! Hat er dich auch geschlagen?« Jetzt schrie sie. »Und, was hast du gemacht? Abhauen? Wegen so was?«

Die Prince Denmark war ihr aus dem Mund gefallen. Ich hob sie auf und hielt sie ihr hin.

»Du kennst ihn nicht«, sagte ich.

»Ich kenne andere, die so sind. Makler. Anwälte. Doktor Dingsbums!«

Ich sah, daß sie versuchte zu weinen, und ich wußte, wie richtig es war, sie zu trösten und ein schlechtes Gefühl zu haben. Aber ich dachte, daß Frauen in ihrem Alter sich oft benahmen wie Kinder, die an ersponnenen Problemen verzweifelten. Ich nahm den Umschlag und stand auf.

»Warte«, sagte Agnieszka. »Möchtest du noch was? Ein Bier? Eine Zigarette?«

Sie rieb sich mit dem Ärmel des Bademantels die Augen.

»Ich muß gehen«, sagte ich.

»Den Umschlag kannst du hierlassen. Ich werde ihn Ada geben.«

»Ada ist weg, hast du gesagt.«

»Ich kann das Geld überweisen. Ich habe ihre Kontonummer.«

»Mach's gut«, sagte ich.

Als wir im Flur waren, griff sie zu. Sie krallte die Nägel in den Umschlag. Ich klammerte mich an die Türklinke und zog, so fest ich konnte. Sie lief rot an, der Boden kreischte unter ihren nackten Füßen. Als ich den Umschlag wegriß, fiel sie.

Sie lag auf dem Rücken und schrie und strampelte mit den Beinen. Ihr Bademantel rutschte hoch, und einen Moment lang sah ich ihr Schamhaar. Sie krallte die Finger in meine Jeans. Ich steckte den Umschlag in meinen Mund und drückte sie mit dem Knie nach unten. Als sie noch immer festhielt, zog ich sie hinter mir her zur Schwelle und schlug die Tür gegen ihren Kopf.

Pavel kam aus dem Bad gestürmt.

»Spinnt ihr«, schrie er. Er hatte kein Hemd an.

Agnieszka lag zwischen uns auf dem Parkett, sie hielt ihr linkes Ohr. Auf dem Kragen des Bademantels erschien ein dunkler Blutfleck. Pavel griff ihr unter die Achseln und half ihr auf die Füße.

»Alles in Ordnung«, sagte sie und legte die Hand auf seine Brust. »Er ist ein Kind. Ich habe ihn erschreckt.« Sie strich ihm über die Wange, sah zu mir rüber und winkte ab.

»Unmöglich, oder? Beruhigen wir uns.«

»Ich wollte nur wissen, wo Ada ist«, rief ich.

Pavel sah Agnieszka an.

»Dumme Kuh«, sagte er. Dann kam er auf mich zu. Die Haare auf seiner Brust waren naß, er roch nach Schweiß und Badesalz.

»Sie ist daheim«, sagte er. »Hau jetzt ab, sonst setzt's was.«

Ich rannte die Treppe runter. Ich dachte, daß ich Agnieszka vielleicht den Schädel gebrochen hatte.

Vor dem Haus stand eine Frau mit einer leeren Kinderkarre. Sie lächelte, und ich hielt ihr die Tür auf.

»Du bist freundlich«, sagte die Frau. »Darf ich du sagen?«

Ich nickte und dachte, daß Agnieszka Ada alles erzählen würde. Auf der anderen Straßenseite fuhr gerade der Bus ab. Ich stellte meinen Fuß in die Haustür und wartete, bis die Frau mit der Karre im Durchgang zum Hinterhaus verschwunden war. Dann schlich ich wieder die Treppe rauf, kniete mich auf die Fußmatte und drückte mein Ohr an den Briefschlitz. Ich konnte hören, wie sie stritten, Agnieszkas grelle Melodie und Pavels Begleitung -»Nein« und »Doch« und »Halt deine blöde Klappe«.

Im Umschlag steckte noch der Zehnmarkschein aus meinem Sparschwein. Ich wollte etwas draufschreiben, »Entschuldigung« oder »Verrat mich nicht«, aber ich hatte keinen Stift. Schließlich hielt ich den Atem an, faltete den Schein zusammen und schob ihn unter der Tür durch.

17

Nachdem ich meinem Vater einen Teil der Geschichte erzählt hatte - er sagte, er wisse nun auch nicht weiter und daß man abwarten müsse -, ging ich in mein Zimmer, setzte mich aufs Bett, löste die Knöpfe des Kissenbezugs und zog die Serviette heraus. Als mein Vater auf dem Klo war, rief ich die Auslandsauskunft an, faltete die Serviette auseinander und flüsterte »Lublin, Ulica Narutowicza 20« in den Hörer. Ich schrieb die Nummer auf meine Hand, legte auf, hob wieder ab und wählte. Ein Knacken, kurze Zeit nichts und dann, dumpf, das Freizeichen. Ich spürte mein Herz hämmern.

»Klopapier«, rief mein Vater.

»Warte«, rief ich. »Gleich.«

Ich zählte, drei - vier - fünf. Jemand meldete sich, ein Mädchen oder eine Frau, durch die Leitung klang die Stimme kratzig und elektrisch. Ich konnte mir unmöglich vorstellen, wie alt sie war, zwanzig, fünfzig. Ich wollte sie fragen, aber ich kannte nur diesen einen polnischen Satz, der nicht half. Ich hörte sie atmen; es war, als brandeten kleine Wellen an mein Ohr. Sie sagte noch ein einzelnes Wort, das nach Bedauern klang, und ich sagte »Ada?« und erschrak, und dann lauschten wir beide dem Knistern, das die Relaisstationen erzeugten oder die Satelliten.

»Klopapier!«

Ich zuckte zusammen und drückte auf die Gabel. Dann lief ich raus, setzte mich an den Fluß und küßte den Rasen, die Stelle, wo sie gelegen hatte. Ich wälzte mich im Gras und preßte die Hände auf die Ohren, als mein Vater das Fenster aufriß, schimpfte und mit den Armen fuchtelte wie eine dieser Handpuppen aus dem Kasperletheater.

Ich sprach nicht mehr mit ihm. Ich sprach mit niemandem mehr, zumindest nicht über Dinge, die mich interessierten. In der Schule meldete ich mich während jeder Stunde zweimal, sagte etwas Richtiges - das war nicht schwer, wenn unter der Bank ein aufgeschlagener dtv-Atlas lag -und schaffte es so, von den Lehrern in Ruhe gelassen zu werden.

Während der Pausen ging ich auf dem Parkplatz auf und ab. Madame Sauvage war in jener Woche zur Aufsicht eingeteilt. Wenn sie vorbeikam, erzählte ich ihr, daß ich auf jemanden wartete, und sah ihr zwischen die Augen, bis sie nicht mehr weiterfragte und ihre Runde fortsetzte. Ich hockte mich zwischen die Fahrräder und rauchte Zigarillos. Es gab eine Menge Fahrräder, manche mit Plastiktieren und Windrädern an den Lenkern, andere mit Shimano-Bremsen und pneumatischen Rock-Shox-Gabeln, deren stählerne Sicherungsbügel vermutlich mehr gekostet hatten als manche der rostigen Pandas und Fiestas auf dem Lehrerparkplatz.

Einmal kam ein dicker Typ mit einer Sporttasche vorbei. Ich stand gerade hinter der alten Birke und ritzte ein Gedicht in den Stamm: »Vom Tod weiß ich nichts mehr / flattert mit Faltern an Lider / und schwarze Fenstersäume / duftet nach Lärche und Fichte / berührt jede Nacht mit Träumen ...«

Der Dicke zog sein T-Shirt hoch und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn. Dann bückte er sich neben ei-nem anthrazitfarbenen Rennrad, öffnete die Tasche, zog einen Bolzenschneider heraus, schnitt das Schloß durch, setzte sich einfach auf den Sattel und fuhr davon.

Zwei Tage später sagte Madame Sauvage nach der Französischstunde, ich solle noch einen Augenblick warten.

»Du bist doch oft auf dem Parkplatz. Da werden manchmal Räder geklaut. Hast du vielleicht etwas gesehen?«

»Nein«, sagte ich.

Sie senkte den Blick und drückte den Daumen in das Grübchen an ihrem Kinn.

»Jemand hat dich gesehen. Ein Mädchen aus der fünften Klasse. Es hat dich gesehen, und es hat den Dieb gesehen. Du bist dagestanden und hast alles beobachtet. Das war während der großen Pause nach der vierten Stunde am Dienstag.«

Ich sagte ihr, daß sie mich am Arsch lecken könne. Sie zog ihren roten Stift hervor, öffnete das Klassenbuch und schrieb einen kurzen Satz hinein, unter den sie ihr Zeichen setzte, ein zackiges, hohes S mit einem Haken hintendran, der das v von »Sauvage« sein sollte.

Es folgte das übliche Theater, dem sonst Leute ausgesetzt waren, die ich auf dem Schulhof mied, deren Buschmesser, Signalpistolen und Reizgassprays regelmäßig im Stahltresor der Sekretärin verschwanden. Ich wurde beim Rektor einbestellt. Die Nachricht an meinen Vater warf ich bei der Schloßbrücke in den Fluß. Ich hielt das Getue der Fünftkläß-ler auf dem Pausenhof aus, ihr leises Gelächter, die Tuschelei und wie sie zu Boden blickten, wenn man sich umdrehte und ihnen in die Augen sah.

Als ich am Samstagnachmittag ins Wohnzimmer kam, telefonierte mein Vater, und an der Geste, mit der er mir bedeutete, still zu sein, merkte ich, daß es um mich ging.

Ich schloß mich in meinem Zimmer ein. Ich wollte nachts zwei Flaschen Bourbon aus dem Gerätekeller trinken und dann flußabwärts zum Sperrwerk schwimmen. Man konnte auch zum Fernsehturm fahren und von der Aussichtsplattform springen. Oder man lief die Gleise entlang nach Osten, Richtung Polen, bis man schließlich müde wurde und sich auf die Schwellen legte.

Mein Vater klopfte.

»Mach auf«, sagte er.

Ich starrte an die Decke. Er schabte mit den Fingernägeln am Holzfurnier der Tür. Dann war es still, aber ich wußte, daß er noch dastand und wartete. Seine Gelenke knackten, als er in die Knie ging, um durchs Schlüsselloch zu gucken.

»Bist du da?«

Ich schwieg.

»Sie hat angerufen.«

Das klang, als hatten sich die beiden gut miteinander verstanden. Ich stellte mir vor, wie mein Vater Madame Sauvage heimlich traf, sie mittags, wenn das Menü bezahlbar war, ins Le Canard einlud und zwischen Crepes und Käse ihre Hand berührte.

»Sie wird zurückkommen«, sagte er.

Ich drehte den Kopf zur Tür.

»Hast du gehört?«, sagte er. »Ada kommt zurück!«

18

Als ich zwei Tage später aus der Schule kam, stand neben dem Schuhschrank im Flur Adas Rucksack. Ich ging in die Küche, füllte ein Glas mit Leitungswasser und trank. Durch das geöffnete Wohnzimmerfenster hörte ich ihre Stimmen im Garten.

Sie saßen an einem Marmortisch, den ich jahrelang nicht gesehen hatte. Ada trug Schmuck, ein rotes T-Shirt und abgeschnittene Jeans, die endeten, wo ihre Schenkel in den Po mündeten. Sie hielt ein langstieliges Glas in der Hand und redete. Mein Vater saß zusammengesunken da und hörte zu. Er hatte das weiße Hemd an, das zu seinem Sommeranzug paßte. Auf dem Tisch stand der silberne Kühler aus dem Gerätekeller; er war mit Eiswürfeln gefüllt, die in der Sonne glänzten, und aus dem Eis ragte der Hals einer dunklen Flasche hervor. Ada sah traurig aus, sie schüttelte immer wieder den Kopf und zog dabei die Brauen hoch, während mein Vater sie ansah.

Ich ging in mein Zimmer und rollte mich auf dem Bett zusammen. Ich hatte dieses Gefühl, das ich von früher kannte, wenn mein Vater das Modellflugzeug reparierte -manchmal mußte der Motor auseinandergeschraubt werden, oder das Leitwerk war verklemmt: Obwohl ich wußte, daß mein Vater technisch versiert war, hatte ich Angst, er könne mit dem Schraubenzieher abrutschen und das Cockpit oder eine Tragfläche zertrümmern.

Ich lag eine Stunde da und versuchte, einzuschlafen, damit die Zeit schneller verging. Plötzlich hörte ich ihre Schritte unten im Flur. Mein Vater sagte: »Bis nachher.« Dann passierte nichts, bis nach ein paar Minuten das Garagentor quietschte. Ich lief zum Fenster und sah, wie der BMW auf die Straße bog. Ich wusch mir im Bad das Gesicht und ging runter.

Mein Vater saß am Eßtisch. Er hielt in der einen Hand einen Stift und in der anderen das Glas, an dessen Rand ich den roten Abdruck von Adas Lippenstift sah.

Vor ihm lag ein Zettel. Er hatte Zahlen darauf geschrieben, von denen manche eingekreist oder doppelt unterstrichen waren. Ich rückte einen Stuhl zurecht und setzte mich ihm gegenüber.

»Sie war bei ihrer Familie«, sagte er. »Ihr Vater ist krank. Er hat was an der Bauchspeicheldrüse.«

Ich fragte mich, ob das stimmte und was er mit ihr besprochen hatte. Vielleicht hatte sie den Umschlag geholt. Mein Vater drehte den Stiel des Glases in der Hand, stellte das Glas auf den Tisch, tauchte den Zeigefinger in die Flüssigkeit und strich dann über den Rand, bis ein Ton entstand.

»Kanntest du Max?« fragte er. »Max von der HEW?«

»Der mit dem Fagott«, sagte ich.

»Genau. Max, der Fagottspieler. Er konnte noch andere Instrumente spielen, zum Beispiel Maultrommel. Manchmal blies er >A Fine Romance< auf seinem Taschenkamm, oder er füllte einfach ein paar Sektgläser mit Wasser und spielte das Adagietto aus Mahlers Fünfter Symphonie.«

Ich sah, daß er versuchte, ernst zu bleiben. Er prustete durch die Nase. Ich biß mir fest auf die Zunge, aber es half nicht, ich mußte lachen, und plötzlich lachten wir beide, obwohl ich dachte, daß dieses Gelächter so wenig mit der Glasorgel und Gustav Mahler zu tun hatte, wie Max ein begnadeter Musiker war.

»Ada ist zu ihrer Freundin gefahren. Sie holt ihre Sachen«, sagte mein Vater. »Wir haben vereinbart, daß sie fürs erste bei uns wohnen kann.«

Er steckte den Zettel mit den Zahlen in die Brusttasche seines Hemdes.

»Die Kammer im Dachboden«, sagte er. »Wenn wir die Kisten und all das Zeug in den Keller stellen, ist da Platz für einen Schreibtisch, einen kleinen Schrank und ein Bett.« Er beugte sich runter und kratzte sich am Knöchel des verbundenen Beines.

»Du hast doch nichts dagegen?«

19

Ich war schon seit einigen Jahren nicht mehr unterm Dach gewesen. In Umzugskartons, Schachteln und Tüten lagerten dort die Dinge, die meiner Mutter gehört hatten - Bücher, Wäsche, ihre Kleider, die Staffelei, das Malzeug.

Nach ihrem Tod hatte mein Vater gelebt, als sei nichts passiert. Regelmäßig hatte er Überweisungsvordrucke ausgefüllt und mich damit zur Bank geschickt - ihre Mitgliedschaften beim VfL und bei Inner Wheel, das »Merian«-Abonnement, die jährlichen Spenden an die Hamburger Kunsthalle und an ein SOS-Kinderdorf in Namibia. Ihre Kleider hingen im Schlafzimmer schrank, die Unterwäsche lag in der Kommode, und in der Dachkammer stand noch die Staffelei mit diesem Bild, auf dem man schon einen Jungen ahnte, die Augen, den Mund, die Form des Kopfes - einige zarte Bleistiftstriche und hautfarbene Tupfer. Auf einem Schemel hatten Pinsel, gequetschte Tuben und die Palette mit getrocknetem Weiß und dem hellen Braun für die Haare gelegen.

Schließlich, vor vier oder fünf Jahren, als er sich wieder mit Frauen traf, hatte mein Vater am Pfingstwochenende alles verpackt und nach oben geschafft. Er wollte sogar die Chiffonnière ihres Vaters verkaufen. Ein Auktionator aus Harvestehude hatte schon eine Schätzung gemacht, aber als Hans von der HEW mit seinem Kleintransporter kam, hatte er nur mit ihm gegrillt und ihn am Abend heimgeschickt. Die Nacht hatte er allein auf der Terrasse verbracht. Ich hatte am offenen Fenster gelegen, seinem Schweigen gelauscht und die trockenen Plopps der Weinkorken gezählt. Am nächsten Tag war er noch einmal auf den Dachboden gestiegen, hatte ihr Necessaire und die Parfumflacons geholt und die Sachen wieder an ihren alten Platz im Bad gestellt. Ich wußte, daß er sich damals mit dem Betriebsarzt der HEW duzte und mit ihm an den Wochenenden nach St. Pauli ging und daß der Betriebsarzt ihm einmal im Monat diese Tabletten verschrieb.

Im Laufe der Zeit hatte er sich immer mehr auf die HEW konzentriert. Er sprach von seiner Arbeit wie von einer Geliebten. Er gab es auf, den Pariser Makler anzurufen, sich für Stellen in Bordeaux oder in Marseille zu bewerben. Zuletzt hatte er die gerahmte Photographie meiner Mutter, auf der sie schon mager und blaß war und sich am Stamm einer Weide stützte, zwischen den Aktenordnern in seinem Büro verschwinden lassen.

Die Treppenstufen knarzten; ich hatte Angst, daß sie nachgeben würden. Mein Vater drehte den Schlüssel im Vorhängeschloß der Sperrholztür und rüttelte, bis sie aufging. Ein Schwall feuchter Luft kam uns entgegen. Es roch nach vermodertem Laub.

»Gott«, sagte mein Vater. Er lehnte die Krücken gegen die Wand und tastete nach dem Lichtschalter. Plötzlich mußte ich würgen.

»Der Strom geht nicht«, sagte er. »Wahrscheinlich ein Kurzschluß.«

Ich holte den Bauscheinwerfer und ein Verlängerungskabel aus dem Keller. Mein Vater stellte den Scheinwerfer auf den Bretterboden. Ich nahm das Kabel, ging runter ins Bad und steckte den Stecker in die Dose. In dem Moment, als das Licht anging, hörte ich meinen Vater stöhnen. Ich hielt mir die Nase zu und stieg wieder hoch. Zuerst glaubte ich, die weiße Schicht an den Wänden und auf den Kartons sei Staub.

»Da«, sagte mein Vater. Er deutete auf die feuchten Flecken an der hinteren Dachschräge. Neben dem Schornstein war ein Loch, durch das man die Wolken sehen konnte. Ich hörte die Mäuse laufen, das Scharren ihrer winzigen Krallen.

»Dahinter hat sich das Wasser gesammelt«, sagte mein Vater. Er deutete mit seiner Krücke auf die silberne Isolierfolie. »Und durch das Loch da oben ist es reingelaufen. Wie lange haben wir hier nicht gelüftet? Zwei Jahre? Drei?«

Wir saugten die Schimmelbeläge mit dem Staubsauger weg. Ich trug alles in den Garten: aufgeweichte Pappkartons, die brachen und zerfielen, Tüten, in denen das Wasser stand, zerfressene Notenhefte. Mein Vater breitete den Inhalt der Kartons auf dem Rasen aus, feuchtes Papier, durchweichtes Leder, muffige Wäsche. In einer stinkenden gelben Bluse lag ein toter Marder. Er stieß ihn mit der Krücke weg.

»Hol einen Spaten«, sagte er.

Er schippte den Marder in den Fluß, schüttelte seinen Kopf und ließ sich neben einem Haufen Strumpfhosen ins Gras fallen.

»Was sind wir für Leute«, sagte er.

Ich trug noch einige Koffer, einen Nachttisch und ein paar Bilder runter, die meine Mutter als Studentin in Tübingen gemalt hatte. Der Schimmel saß auf den Leinwänden wie auf einer Scheibe Brot.

Schließlich war die schmale Tür frei, hinter der die Kammer lag. Vor dem Krieg hatte dort das Dienstpersonal gewohnt. Ich konnte mich an die Waschschüssel und an den Nachttopf erinnern und an das leere Bettgestell, in dem meine Mutter »Vogue«, »Art« und all die anderen Magazine gesammelt hatte.

Mein Vater stemmte die Tür mit einer Eisenstange auf. Ich holte den Bauscheinwerfer.

»Leuchte da rüber«, sagte er.

Der Schimmel war durch die Ritzen gewandert. Er bedeckte sogar das kleine Fenster, durch das man sonst den Fluß sah. Unter einem zerfressenen Laken zeichnete sich die mannshohe Silhouette der Staffelei ab. Mein Vater mußte husten.

»Hol mir ein Bier«, sagte er. »Nein. Hol ein Glas Wasser.«

Er wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Augen und strich sein Haar aus der Stirn. Ich lief ins Bad und füllte Wasser in einen Zahnputzbecher.

»Gut«, sagte mein Vater. Er trank den Becher in einem Zug leer. Wir starrten in die Kammer, auf den weißgrauen Belag, der den Holzboden bedeckte, die Möbel und die Zeitschriftenstapel.

»Es hat keinen Sinn«, sagte er. »Wir müssen das alles wegschmeißen.«

»Und wenn wir einfach rausgehen und die Tür wieder zumachen?«

Er prustete. Ein dünner Faden hing ihm aus der Nase.

»Du hast Ideen«, sagte er. »Dann kommt der Moder im Herbst durch die Decke in unsere Schlafzimmer.«

Unten klingelte es.

»Da ist sie schon«, sagte mein Vater.

Ich rannte runter und machte die Tür auf. Ada stand da, sie war schmal geworden und hatte dunkle Augenränder. Über der Schulter trug sie eine große Reisetasche.

»Und«, sagte sie. »Wie geht's?« Ihre Stimme klang heiser.

»Gut«, sagte ich. »Und dir?«

»Wunderbar«, sagte sie. »Quatsch. Schlecht. Du kennst das Gefühl, oder?«

Ich wollte sie umarmen, aber ich riß mich zusammen und trug die Tasche ins Wohnzimmer. Sie kam mit schnellen, leisen Schritten hinter mir her.

»Dein Vater«, sagte ich.

Sie verschränkte die Arme vor ihrem Bauch.

»Ich meine, seine Bauchspeicheldrüse. Da hat er was.«

»Unter anderem.«

Ihre Füße steckten in Turnschuhen. Sie trug eine Trainingshose und einen braunen Parka. Ihre Lippen waren gesprungen und trocken.

»Grüße von Agnieszka. Ich habe mein Zeug bei ihr abgeholt. Sie hat mir erzählt, daß du sie besucht hast.«

Ich sah zu Boden. Ada stand still; ich konnte sie nicht mal atmen hören. Manchmal glaubte ich, daß man blamable Ereignisse abhaken könne oder daß sie gar nicht passierten, solange man einfach schwieg, aber Erwachsene witterten sie wie ein Hund die Ausscheidung seines Welpen.

Schließlich trat sie ans Fenster.

»Was ist denn da passiert!«

»Das Dach ist undicht«, sagte ich. »Der Regen ist reingelaufen.«

Sie lehnte sich so weit hinaus, daß ich Angst hatte, sie würde fallen. Sie trug keine Socken, und ich sah ihre nackten Achillessehnen.

»Ist das alles von deiner Mutter?«

»Ja«, sagte ich.

»Und deine Mutter wohnt noch immer bei der Tante, die Obstbäume züchtet?«

Mein Magen knurrte.

»Nein«, sagte ich. »Meine Mutter ist tot.«

»Ich weiß.« Sie zuckte die Schultern. »Dein Vater hat es mir erzählt.«

Plötzlich stand er im Wohnzimmer. Sein Hemd und die Hose waren dreckig, und an den Schläfen klebte Staub, an Stellen, wo er sich gekratzt hatte.

»Hat alles geklappt?«

Ada nickte. Mein Vater nahm ihr den Wagenschlüssel ab, hielt ihn mir hin und sagte, ich solle das restliche Gepäck und ihren Computer aus dem Kofferraum holen, in einem Ton, der kaum Zweifel ließ, wer von uns beiden der Boß war.

Dann sagte er: »Laß dir Zeit. Am besten, du ißt erst mal was.« Er strich mir mit seiner dreckigen, rauhen Hand über den Kopf.

»Vorher mache ich im Garten klar Schiff.«

Er sah mich an.

»Nein, du ißt jetzt was. Und dann wirst du das Gepäck holen.«

Ich ging in die Küche, nahm die letzte Banane aus dem Obstkorb und warf sie draußen ins Gebüsch. Dann ging ich ums Haus herum, riß das Garagentor auf, setzte mich in den Wagen und drehte den Schlüssel im Zündschloß. Die Digitalanzeige des Radios begann zu leuchten, aber auf sämtlichen Kanälen war nur dieses Rauschen zu hören. Ich wußte, daß das am Stahlbeton lag, aus dem die Garage gebaut war. Ich wollte den ersten Gang einlegen, aufs Gas drücken und den Rasenmäher samt unseren Schneeschiebern, Besen und Harken an der Wand zermalmen.

Ich schaltete die Lüftung ein, klinkte den Aschenbecher aus und betrachtete die Kippen, ein schief gewachsenes gelbes Gebiß. Ich nahm sie einzeln heraus, schloß die Augen, hielt mir die Nase zu, dachte an Adas Mund und leckte den Lippenstift von den Filtern.

»Sie schläft auf dem Sofa«, sagte mein Vater. »Wir werden schon eine Lösung finden.« Er nickte ihr zu und setzte eine alberne Miene auf.

»Und die Kammer«, sagte sie. »Wenn ich da oben putze?«

»Da kriegt man Asthma«, sagte mein Vater. »Nur die Ratten halten das aus.« Er sah sie an, dann sah er mich an, und dann sah er aus dem Fenster, auf die schimmeligen Kleiderhaufen und die Kartontürme.

»Es wird bald dunkel«, sagte er. »Wir sollten das Zeug an die Straße schaffen. Montag sorge ich dafür, daß alles abgeholt wird.«

20

Sie war ins Klavierzimmer eingezogen. Die meiste Zeit saß sie an ihrem Computer und tippte. Wenn ich abends ins Bett ging, setzte sie frischen Kaffee auf, und manchmal, wenn ich mich morgens auf den Schulweg machte, sah ich von draußen noch das Grün des Monitors durch die Gardinen schimmern. Einmal pro Woche schickte sie einen Stapel Papier an Philipps. Ihre T-Shirts, Hosen und Röcke lagen in Stapeln auf dem Klavier, aufgeschlagene Lexika und Zettel bedeckten das Parkett. Nachmittags saß sie beim Fluß im Gras und rauchte Zigaretten. Ich stand am Fenster und sah ihr zu, und neben mir stand mein Vater, auf seine Krücken gestützt.

»Sie braucht ein Bett«, sagte er. »Ein schönes Bett. Und einen Schrank, verstehst du, was richtig Modernes.«

Wenn Ada im Haus war, hielt er sich meist in ihrer Nähe auf. Ich wollte allein mit ihr sprechen, ihr den Skorpion geben, aber es kam mir so vor, als ob er sie bewachte.

»Wir kaufen ein paar Möbel«, sagte er, »montieren Jalousien ... wie wär's mit einem bunten Teppich? Mit einem Fernseher?« Er überlegte. »So ein Flacher auf einem Sockel, ein Bang und Olufsen oder ein Loewe!«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Und wenn sie wieder wegfährt? Wer wird dann in dem Zimmer wohnen?«

»Ada bleibt«, sagte mein Vater. »Sie kann für uns den Haushalt regeln und hat genug Zeit, ihre Übersetzungen zu schreiben.« Er zog den Bund seiner Hose hoch und steckte das Hemd rein.

»Ihr Vater ist krank«, sagte er. »Sie hat einen Freund, vielleicht sind die beiden sogar verlobt. Er hat was studiert, Politik, glaube ich, und jetzt ist er irgendwo Koch.«

Ada hatte fertiggeraucht. Sie sah zu uns rüber und winkte. Mein Vater winkte zurück.

»Sie hält ihre Leute über Wasser, und wir sorgen für sie«, sagte er.

Ich fragte mich, warum Ada ihm das alles erzählt hatte, Dinge, die sie vor mir geheimhielt.

»Komisch«, sagte ich. »Als ob man irgendwo noch eine zweite Familie hätte.«

»So kann man das sehen«, sagte mein Vater, aber ich spürte, daß ihm der Vergleich nicht gefiel.

Eine Woche später steckte ein großer Umschlag im Briefkasten. Adas Name stand mit Filzstift über unserer Adresse geschrieben. Es waren die Gedichte, die sie übersetzt hatte. Der Verlag im Schanzen viertel hatte sie abgelehnt. Der Verleger war mit Ada ins Schauspielhaus gegangen, hatte sie zu Shrimps und Chablis ins Rive eingeladen, ihr sonstwas versprochen, und nun saß sie im Schneidersitz auf der Couch und las mir die Absage vor, sechs maschinengeschriebene Zeilen, darunter die Unterschrift des Verlegers: »Herzlich, Dein Markus«.

Sie zerknüllte den Zettel und warf ihn auf den Boden. Dann knallte sie den Stapel mit den Gedichten auf den Tisch, steckte sich eine Zigarette an und sagte »Scheiße«. Ich hatte sie bis dahin noch nie fluchen gehört.

Am Abend nahm sie das Telefon und ging ins Klavierzimmer. Sie schrie auf polnisch; ich hörte es durch die geschlossene Tür. Später kam sie raus und stellte das Telefon zurück, und an ihrer zerlaufenen Wimperntusche sah ich, daß sie geweint hatte.

»Du weißt doch«, sagte mein Vater. Er saß in seinem Sessel. »Henry Miller hat eine Zeitlang Reste aus dem Abfall gegessen. Sag das deinem Jurek. Er muß noch einiges lernen! Komm, trink erst mal ein Bier.« Er deutete auf den Sessel. »Es gibt ein schönes Sprichwort von Hermann Hesse, kennst du das? Ich habe einen Aufsatz darüber geschrieben, als ich so alt war wie der da.« Er nickte in meine Richtung. »Was der Künstler sich wünscht, ist ja nicht Lob, sondern Verständnis für das, was er angestrebt hat, einerlei, wieweit sein Versuch gelungen sei.« Er lachte. »Ich schreib es dir auf. Dann kannst du es übersetzen und deinem Jurek schicken. Ach, und Helmut Schmidt hat gesagt .«

Ada wandte sich ab. Sie lief hinaus und knallte die Tür zu.

21

Ich kaufte fürs Wochenende Konserven, Brot und Äpfel und trug vom Supermarkt zwei große Tüten nach Hause. Vor unserem Gartenzaun stand dieser fremde Wagen, ein schwarzer Volvo Kombi mit einer Schramme im hinteren Kotflügel. Auf dem Beifahrersitz lagen zwei Päckchen Pfeifenputzer und ein Filzhut mit breiter Krempe.

Als ich die Haustür aufschloß, hörte ich, wie mein Vater sich mit jemandem unterhielt. Ich stellte die Tüten ab, wusch mir in der Küche die Hände, nahm eine Fernsehzeitschrift aus der Kiste für Altpapier und tat, als wollte ich sie im Wohnzimmer auf den Couchtisch legen.

»Ach«, sagte mein Vater. »Das ist mein Sohn.«

Auf dem Sofa saß ein Mann. Er war viel älter als mein Vater, an seiner Stirn sah ich einige dieser gallefarbenen Flecken. Er hatte kleine Augen und eine aufgetriebene Nase mit ziemlich großen Poren, und an seiner Weste baumelte die Kette einer Taschenuhr. Vor ihm standen der Süßstoffspender und eine geblümte Tasse. Vor meinem Vater stand ein Bierglas; er hatte es mit Wasser gefüllt.

Ada und ich hatten sämtliche Bierkästen in den Vorgarten geschleppt, sie ins Auto geladen und zum Getränkemarkt gebracht. Der Besitzer, mit dem mein Vater zwei Semester studiert und während der Freistunden in der Mensa Backgammon gespielt hatte, zahlte sogar den Kauf preis zurück. Was an Schnaps in der Küche stand -Kümmel, Aquavit, Wacholder und ein verstaubter Brandy aus dem Bestand meines Großvaters -, hatten wir in den Ausguß gekippt und die Flaschen zum Altglascontainer gebracht.

»Guten Tag«, sagte der Mann. Er drückte sich vom Sofa hoch und ließ sich gleich wieder zurückfallen.

»Das ist Herr Augustin«, sagte mein Vater. »Er ist wegen der Möbel da. Er war gerade mitten in einer Geschichte. Erzählen Sie weiter, Herr Augustin.«

Ich wußte nicht, was für Möbel mein Vater meinte.

Herr Augustin sprach langsam, riß die Augen auf, wiederholte einzelne Wörter. Es schien schon seit einiger Zeit so zu gehen. Mein Vater preßte die Lippen zusammen und unterdrückte ein Gähnen.

Während des deutschen Rückzuges war Herr Augustin irgendwo am Ufer des Dnjepr auf eine Mine getreten und hatte sein Bein verloren. Wochen später hatte er sich mit ein paar Gefreiten auf den Weg nach Hamburg gemacht. Am Rand des Sachsenwaldes begegneten sie einem Wildschwein, erlegten es - »auf Krücken und mit bloßen Händen«, rief Herr Augustin und hielt seine dürren Finger hoch. Am gleichen Abend tauschten sie in der Stadt ein paar Pfund Schweinefleisch gegen Tabak, Wäsche und ein Holzbein. Es war ein Stück zu lang gewesen. Herr Augustin besaß keine Säge, er hatte gar nichts mehr besessen, nur seinen Willen, seinen Mantel, einen durchgelatschten Stiefel und dieses überlange Stück Holz. Man gab ihm die Adresse eines greisen Restaurateurs; er humpelte dort vorbei und legte das Bein auf den Ladentisch. Die beiden kamen ins Gespräch, der Restaurateur fand Gefallen an ihm und ließ ihn fortan die Drechselbank in seinem Werkraum bedienen.

»Dolle Geschichte«, sagte mein Vater.

»Warten Sie«, sagte Herr Augustin. »Es kommt noch besser!«

Ich ließ die beiden allein. Vielleicht war Herr Augustin einer unserer früheren Nachbarn, oder er hatte irgend etwas mit der HEW zu tun. Er gefiel mir nicht, zumal er nach ranziger Butter roch. Ich stellte mir vor, wie er im Wald auf einem Bein einen Keiler verfolgte, sich auf ihn warf, die Stoßzähne packte und ihm das Genick brach. Dann fiel mir ein, daß mein Vater sich langweilen mußte, daß er sich während der letzten Tage Mühe gegeben hatte und daß es richtig wäre, wenn ich mich dazusetzte.

Sie waren in den Keller gegangen. Mein Vater hatte das Licht angeschaltet; sie standen vor Großvaters altem Schreibtisch. Herr Augustin öffnete die Schubladen und zeigte auf einen Wasserfleck. Mein Vater erklärte ihm, wie er im Winter nach unserem Rohrbruch alles getrocknet und im Sommer die Holzwurmlarven mit Xylamon vertrieben hatte.

»Selbst wenn er schadlos wäre«, sagte Herr Augustin und strich mit der Hand über die Tischplatte, »könnte ich Ihnen nicht mehr als vierhundertfünfzig dafür geben.«

»Sehen Sie sich die Arkaden an«, sagte mein Vater und ging in die Knie, als wollte er den Tisch beschwören, ein Geheimnis zu offenbaren.

»Aufgeklebt«, sagte Herr Augustin. »Ein Stilbruch, wenn auch dezent.«

Seine Augen funkelten. Etwas war passiert. Er hatte sich von dem alten Kerl, der seine Geschichten zum besten gab, in einen Richter verwandelt; mein Vater kniete zu seinen Füßen und wartete auf das Urteil.

»Vierhundertachtzig«, sagte Herr Augustin.

Seine Weste war hochgerutscht; ich sah seine Hosenträ-ger. Er zog ein fusseliges Bonbon aus der Tasche und steckte es sich in den Mund.

Ich versuchte, meinem Vater ein Zeichen zu geben; ich wollte, daß er aufstand und Herrn Augustin ins Gesicht sah.

»Man riecht die Feuchtigkeit noch«, sagte Herr Augustin.

»Es ist nicht leicht, hier unten zu lüften«, sagte mein Vater und zuckte die Schultern.

»Darf ich die Chaiselongue sehen?«

Endlich stand mein Vater auf.

»Kommen Sie«, sagte er. »Kommen Sie mit in den Arbeitsraum.«

Ich folgte ihnen durch die Waschküche. Mein Vater hielt einige Handtücher und Unterhosen beiseite, die Ada kreuz und quer über die Plastikleinen gehängt hatte.

»Tut mir leid«, sagte er. »Die Haushälterin hat gewaschen.«

»Fleißig«, sagte Herr Augustin, duckte sich und streckte seinen zitternden Arm nach meinen gestreiften Shorts aus.

»Hier«, sagte mein Vater. Er schloß die Tür zum Arbeitsraum auf und schaltete das Licht an.

Über den Duft der Wäsche legte sich Lösungsmittelgeruch. Zeitungen und fleckige Plastikfolie bedeckten den Boden. Die Chaiselongue stand mit frisch bezogenem Polster in der Mitte des Raumes, jeder ihrer Füße auf einem vergilbten Band des Konversationslexikons meines Großvaters. Auf einem kleinen Schemel lagen eine Dachshaarbürste, eine Dose Wachs und ein angebissenes Käsebrot.

Mein Vater führte Buch über den Verschleiß des Zubehörs. Manchmal fuhr er zum Baumarkt und zum Geschäft für Künstlerbedarf, um die leeren Haken, Kästen und Laden wieder zu füllen. Nach dem Tod meiner Mutter hatte er nächtelang in dem kleinen Raum gesessen, im Schneidersitz auf einem Kissen am Boden. Wenn ich ihm Trockenpflaumen und ein Glas Wasser brachte, brannte ein Teelicht, und aus dem Schalltrichter seines alten Grammophons kamen eine gregorianische Motette oder das Ave Maria.

Herr Augustin räusperte sich und ging um die Chaiselongue herum. Mein Vater steckte seine Hände in die Hosentaschen, zog sie wieder heraus, strich sich über die Oberlippe und rückte seinen Kragen zurecht.

»Das ist nach meinem Verständnis Trödel«, sagte Herr Augustin. »Hundert, maximal hundertfünfzig.«

»Verstehe«, sagte mein Vater, obwohl das, glaube ich, nicht stimmte.

»Wissen Sie«, sagte Herr Augustin, »diese Bücher da«, er beugte sich vor und deutete auf das Konversationslexikon, »sind wahrscheinlich mehr wert.«

»Wahrscheinlich«, sagte mein Vater.

»Das war es, was Sie mir zeigen wollten?«

»Ja«, sagte mein Vater. »Genau.«

»Nun«, sagte Herr Augustin. »Ich habe Sie wohl enttäuscht.« Er grinste uns an. »Sie werden entschuldigen. Ich habe noch einen Termin mit einem Sammler aus Kopenhagen.«

»Ich bringe Sie hoch«, sagte mein Vater.

»Es gibt wohl eine Toilette?«

Im Gästeklo stand noch eine verschimmelte Kiste vom Dachboden. Ich führte ihn in den ersten Stock zu unserem Bad bei den Schlafzimmern. Er drehte den Schlüssel im Schloß, und ich ging wieder runter. Während wir warteten, wippte mein Vater von der Krücke auf sein gesundes Bein und wieder zurück.

»Du willst die Möbel verkaufen.«

»Ja«, sagte er. »Ich erkläre dir, wenn er wieder weg ist. Ich dachte, du kommst erst später aus der Stadt zurück.«

Nach einer Weile knackte die Klinke der Badezimmertür.

»Was ist denn das«, rief Herr Augustin.

Wir gingen rauf. Er stand vor der halboffenen Tür zum Schlafzimmer meines Vaters.

»Entschuldigen Sie, ich weiß, es steht mir nicht zu, aber ...«

»Keine Sorge«, sagte mein Vater. »Gehen Sie ruhig hinein.«

Wir folgten ihm. Die muffige Luft schien ihn nicht weiter zu stören. Er ging um das Bett herum und stoppte vor der Chiffonnière, die auf drei ihrer Beine und einem Holzblock stand.

»Die ist wunderbar«, sagte er.

»Finden Sie«, sagte mein Vater.

»Wo ist das vierte Bein?«

»Es war der Länge nach gebrochen. Ich habe es abmontiert und geleimt.«

»Wenn sie all ihre Beine hätte, könnte ich Ihnen sicher ein paar Tausend dafür geben.«

»Ich weiß nicht«, sagte mein Vater. »Eigentlich ist sie unverkäuflich. Ich meine, sie ist unser bestes Stück. Sie hat meiner Frau gehört, seiner Mutter.« Er sah mich an. »Und wenn ich tot bin, sollst du sie haben. Du willst sie doch, oder?« Er leckte sich die Lippen. »Wieviel, sagten Sie?«

»Zwanzigtausend.«

Nun sahen mich beide an: Herr Augustin mit von den Gläsern seiner Brille vergrößerten, in Falten gebetteten Augen, die trotz dieser Spuren des Alters blitzten, und mein Vater mit Augen, die matt und rot geädert waren. Neben diesem alten Mann, der zitterte und schlecht roch und seine Geschichten zum besten gab, wirkte mein Vater bemitleidenswert.

Oft wußte ich nicht genau, was ich wollte, und wenn ich es wußte, fiel mir schwer, es vor anderen auszusprechen. Dieses eine Mal hatte ich kein Problem damit.

»Ich will sie behalten«, sagte ich.

Herr Augustin verzog seinen Mund.

»Das solltest du dir, glaube ich, überlegen«, sagte mein Vater. »Was kannst du schon damit anfangen!«

»Hören Sie«, sagte Herr Augustin. »Es ist heiß heute. Sich von so einem Stück zu trennen ist fast wie die Trennung von einer Frau.« Er lachte. »Vielleicht nicht ganz.«

»Bestimmt nicht«, sagte mein Vater. »Oder doch, ich meine, besser, man löst sich, bevor ...«

Er zögerte, und ich konnte sehen, daß er traurig wurde. »Der Junge. Er hängt einfach an dem Ding.«

Als mein Vater schluckte, drehte Herr Augustin sich um.

»Rufen Sie mich an«, sagte er.

Wir begleiteten ihn nach unten. Mein Vater wollte zuerst an der Tür sein, aber Herr Augustin hatte schon seine Hand auf die Klinke gelegt.

»Vielen Dank«, sagte mein Vater. »Danke für Ihre Mühe.«

»Nichts zu danken«, sagte Herr Augustin, und er hatte recht: Es schien wirklich nichts zu geben, wofür mein Vater sich bei diesem Mann bedanken mußte.

Wir sahen ihm nach, bis er durchs Tor war. Mein Vater winkte.

»Ich melde mich«, rief er. »Bis dann! Schönes Wochenende!«

Aber Herr Augustin war schon bei seinem Wagen und hörte ihn nicht, oder er tat so, als hörte er nichts. Vielleicht aus Hochmut, dachte ich.

22

Nachts lag ich wach. Ich drehte mich auf die Seite, dann auf die andere Seite, und als ich mich zwang, an nichts mehr zu denken oder an Dinge, die ich in solchen Momenten für das Nichts hielt -ein schwarzes Loch, eine weiße Wand, das Wort »nichts« in Buchstaben, die aus Luft bestanden: Da begann Ada zu husten. In einer alten Ausgabe des »Journal of Modern Physics« hatte ich diesen Begriff gelesen, »repetitive Salven«. Wie konnten solche Geräusche aus dem Hals einer Frau stammen? Ich stand auf, setzte mich ans Fenster und sah in den Himmel, zum Halbmond, der durch die dünne Schicht schwarzblauer Wolken schien. Sie ging in die Küche - der Boden dort knarzte lauter als der im Wohnzimmer - und drehte den Wasserhahn auf. Dann schneuzte sie sich und hustete wieder. Ich wußte, daß in der Küche keine Taschentücher waren, nur das spröde Haushaltspapier und die Putzlappen unter der Spüle. Ich schaltete das Licht ein, zog meine Hausschuhe an, nahm ein Päckchen Tempos aus der Schublade meines Nachtschranks und schlich die Treppe runter.

Durch die halboffene Tür fiel Licht aus der Küche in den Flur. Ich sah an mir herab und dachte, daß ich besser den Bademantel über die Unterhose gezogen hätte. Wieder hustete Ada, diesmal kam das Geräusch aus dem Wohnzimmer. Ich schlich zur Küchentür und lugte um die Ecke.

Am Herd stand mein Vater in einem Unterhemd und der Pyjamahose. Er starrte auf einen Topf mit kochendem Wasser, summte und schwang die Arme, als würde er dirigieren. Neben dem Herd stand unser alter Servierwagen mit einer Zuckerdose, der Milchkanne und einem Honigglas. Mein Vater humpelte zum Regal, nahm eine Tasse und einen Löffel, stellte die Tasse neben die Milch und steckte den Löffel in den Honig. Er ließ einen leisen Furz. Ich wollte zurück in mein Zimmer schleichen, aber plötzlich hustete Ada wieder, und mein Vater drehte sich um. Er sah mir direkt ins Gesicht.

»Ah«, sagte er. »Auch einen Tee?«

»Das hier«, flüsterte ich und hielt die Taschentücher hoch. »Ich wollte Ada das bringen.«

»Du mußt nicht flüstern«, sagte er. »Alle sind wach. Hast du schlecht geträumt?«

»Der Husten«, sagte ich.

»Ja«, sagte mein Vater. »Sie hat, glaube ich, eine Sommergrippe. Geh ruhig und bring ihr die Tempos. Sie kann sie gut gebrauchen.«

Ich ging ins Wohnzimmer. Ada lag auf der Couch, gehüllt in zwei Wolldecken, die Augen geschlossen, das Haar verklebt an den Wangen und ihrer Stirn. Sie atmete mit offenem Mund, und aus ihrer Brust kam ein leises Brodeln. Obwohl nach dem heißen Tag noch schwüle Luft im Wohnzimmer stand, trug sie einen Strickpullover und ein Halstuch. Ich kannte das Halstuch von früher; mein Vater hatte es meiner Mutter in München bei Loden-Frey gekauft. Der Pullover gehörte ihm selbst; er trug ihn im Winter zum Langlauf. Ich ging näher heran und raschelte mit der Tempo-Packung, bis ihr Gesichtsausdruck verriet, daß sie wußte, daß ich da war. Ich setzte mich auf den Boden und legte den Kopf auf ihren Arm, der warm und weich war und nach Eukalyptusbalsam roch.

»Laß mich bitte«, sagte sie.

Ich zog den Kopf zurück und stand auf.

»Ich hab dir nur Tempos gebracht«, sagte ich.

Sie öffnete ihre Augen und blinzelte in die Stehlampe, dann hob sie die Hand, hielt sie gegen das Licht und sah mich an.

»Ach«, sagte sie. »Du bist es.«

Der Servierwagen klirrte. Ada rieb sich mit einem Zipfel des Halstuchs den Schweiß von der Stirn. Mein Vater schob den Servierwagen neben die Couch und schenkte Tee ein. Er zitterte, obwohl er die Thermoskanne mit zwei Händen hielt.

»Zucker oder Zitrone?«

»Nichts«, sagte Ada.

»Also Zitrone«, sagte mein Vater.

Er preßte einen Zitronenschnitz über der Tasse aus.

»Heiß«, sagte er. »Warten wir ein bißchen.«

Er nahm mir das Päckchen aus der Hand und legte es auf Adas Brust.

»Hier, fürs Naschen«, sagte er.

Ada räusperte sich und drehte sich von uns weg. Mein Vater nahm das Thermometer, das vor der Couch auf dem Boden lag, hielt es ins Licht und strich mit den Fingern über Adas Ellenbogen.

»Hast du noch mal gemessen?«

Er führte das Thermometer zur Nase, roch und sah mich an.

»Hat sie noch mal gemessen?«

Ich zuckte die Schultern.

»Ich weiß was«, sagte er. »Wadenwickel! Einen Moment. Bin gleich wieder da!« Er zog den Bund der Pyjamahose hoch und ging zurück in die Küche.

Ich hätte gern gewußt, was sie in dem Moment dachte. Gleichzeitig fürchtete ich mich davor. Vielleicht versuchte sie, mit ihrem Körper eine geheime Sprache zu sprechen, wandte sich ab, um berührt zu werden, und hob unter der Decke ihr Knie, um mir zu signalisieren, daß ich bleiben sollte.

Ich beugte mich vor und betrachtete ihren hellen Nacken, atmete laut und im gleichen Rhythmus wie sie, damit sie spürte, daß ich noch immer ein paar Zentimeter entfernt auf dem Parkettboden saß. Da waren zwei kleine Leberflecken, ein roter Kratzer und die Stelle, wo das Haar begann, wo es sich kräuselte und in Wirbeln aus der Haut wuchs. Draußen fuhr ein Auto vorbei, und dann war es still im Haus bis auf das Knacken im Gebälk und unsere Atemzüge im Gleichklang.

»Wer hat hier Wadenwickel bestellt«, rief mein Vater mit Fistelstimme. Er hatte sich feuchte Spültücher über den Arm gehängt wie ein Kellner.

»Ach, jetzt erinnere ich mich. Die junge Dame war's!«

Er blieb am anderen Ende der Couch stehen und schlug die Decke zurück.

»Hau ab«, sagte Ada.

Mein Vater umfaßte ihren Knöchel und hob das Bein hoch.

»Sie will nicht«, sagte ich.

»Sie muß«, sagte er mit der Kellnerstimme und zog am Bund ihres Sockens. Er streifte den Socken vom Fuß, schüttelte ihn aus, hängte ihn über die Lehne der Couch und griff nach dem anderen Bein.

Plötzlich begann Ada zu strampeln. Mein Vater zog den Kopf zurück, aber sie erwischte ihn mit den Zehen am Auge.

»Hau ab!« rief sie. »Hau ab!«

»Ada«, sagte ich.

Mein Vater ließ die schweren Tücher auf ihre nackten Beine fallen und warf die Decke darüber. Dann schob er mich vor sich her aus dem Zimmer.

»Was ist«, sagte ich. Ich hatte Angst.

Er zwinkerte mir zu.

»Du weißt schon. Mädchen«, flüsterte er so laut, daß Ada es hören konnte.

23

Am späten Dienstag nachmittag bestellte mein Vater ein Taxi.

»Pst!« Er preßte den Zeigefinger auf seine Lippen. »Glaub mir, Ada wird sich fühlen wie eine Prinzessin. Wir werden ihr die Augen verbinden. Wir führen sie mit verbundenen Augen in ihr neues Reich!«

Er stellte einen warmen Topf voll Haferschleim neben die Couch und erzählte Ada, daß er beim Arbeitsamt vorsprechen müsse. Sie nickte, obwohl er in seinem gelben Pulli und den Bermudas eher aussah wie ein Tourist, der zu einer Hafenrundfahrt aufbrach.

Kurz darauf hupte draußen das Taxi. Auf halbem Weg zur Straße drehte mein Vater sich plötzlich um, humpelte noch einmal zurück und schloß die Haustür ab.

»Damit sie, während wir weg sind, nicht geklaut wird«, sagte er.

»Moin«, sagte der Taxifahrer.

»Moin moin«, sagte mein Vater. »Wir möchten zu Möbel Bernbeck.«

Ihre Haut war weiß geworden wie der Bezug des Kopfkissens. Sie hatte die letzten Tage auf der Couch und auf dem Klo verbracht. Mein Vater hatte alte Platten von Dinah Washington aufgelegt, deren Gesang Adas Würgen und die anderen Geräusche übertönte. »Was sie braucht, sind Ruhe, Tee und Eukalyptusbalsam. Und ein bißchen Liebe«, das sagte er, wenn ich ihn bat, Doktor Hoffmann zu holen.

»Hoffmann ist ein alter Knochen. Du weißt, wie er damals versagt hat.« Er meinte das Jahr, bevor meine Mutter in die Klinik gekommen war, und es störte ihn kaum, daß in Adas zerknüllten Tempos, die ich morgens zum Müll trug, nicht nur zäher Schleim, sondern auch Blut war.

Als wir über den Pfingstberg fuhren, wies ich ihn wieder darauf hin. Ich glaubte, er hätte zumindest vor dem Taxifahrer Respekt.

»Das kommt vom Zahnfleisch«, sagte mein Vater. »Ich habe sie gefragt. Ihr Zahnfleisch, verstehst du, es ist labil. Polnisches Zahnfleisch!« Er drehte sich zu mir um und lachte, kurbelte dann die Scheibe runter, ließ seinen Arm nach draußen hängen und siebte mit den Fingern die Luft.

»Komm schon«, sagte er, »zieh nicht so ein Gesicht. Genieß die Sonne!«

Als wir auf dem Parkplatz standen, bezahlte mein Vater, und wir stiegen aus. Der Fahrer kam um den Wagen herum und reichte ihm die Krücken. Ich hakte den Arm unter seine Achsel und half ihm aus dem Sitz.

Früher war meine Mutter mit mir zu Möbel Bernbeck gefahren, um die Tische von Knoll, die Eames-Stühle und die Spiegelschränke von Keith Ambrosi anzuschauen. Inzwischen bestand der Laden aus Glas, und der Name Bernbeck war in eine breite Platte aus poliertem Granit gehauen, die neben der Drehtür im Kies stand.

»Häßlich«, sagte mein Vater. »Aber sie sind die besten.«

Er zog einen Taschenkamm hervor, klappte ihn auseinander, kämmte sich damit die Haare und strich seinen Pulli glatt. Ich bückte mich, um die Senkel meiner Turnschuhe zuzubinden.

»Nächstes Mal ziehst du deine Stiefel an«, sagte er.

Wir gingen rein. Ich blockierte die Drehtür mit dem Fuß, bis er nachkam. Der Schauraum roch nach Vanille und Leder. In der Mitte stand einer dieser schlichten japanischen Brunnen, und durch zwei gläserne Deckenkuppeln fiel Sonnenlicht auf die Möbel.

Ich spähte nach der Quelle der leisen Triangelmusik. Anscheinend waren die Boxen in einem Skulpturenwald versteckt, dessen Bestandteile erst beim Lesen der Schildchen ihre Funktionen als Diwane, Garderobenständer und Stehlampen offenbarten.

Mein Vater setzte diesen Blick auf, mit dem er die Tagesschau verfolgte. Er humpelte durch die Reihen, klopfte auf eine Tischplatte und blieb vor einem Bett mit rot lackiertem Rahmen stehen. Ich setzte mich auf die breite Matratze. Mein Vater griff nach dem Preisschild, drehte es, kniff die Augen zusammen und ließ es gleich wieder fallen.

»Steh auf«, sagte er leise.

Der Verkäufer kam, ein junger Mann mit wachen Augen, Pickeln und einem karierten Schlips.

»Kann ich helfen?« fragte er.

»Wir suchen ein Bett«, sagte mein Vater. »Ein Bett für eine junge Frau, ungefähr in Ihrem Alter, mit einem ganz speziellen Geschmack.«

Der Verkäufer nickte.

»Lassen Sie mich ehrlich sein. Ich habe lange nicht begriffen, wie sich ein wirklich gutes Bett von einem beliebigen Bett unterscheidet. Ihr Sohn dagegen kommt hier rein und setzt sich gleich auf dieses Wunder ... Ist die Matratze bequem?«

»Sehr«, sagte ich, obwohl sich mein Vater schon den Betten zugewandt hatte, die weiter hinten im Halbschatten standen.

»Das Schlafsystem Urbana. Lackierte NicaraguaEiche. Elektrisch verstellbares Kopfteil.« Der Verkäufer räusperte sich. »Die Matratze wird in sechs verschiedenen Federkraftrezepturen gefertigt.«

Seine Hände zitterten. Er verschränkte sie vor der Gürtelschnalle.

»Die Federn sind übrigens thermisch vergütet.«

»Thermisch«, sagte mein Vater und schnalzte.

»Wir stimmen das System auf Anatomie und Gewicht des Schläfers ab. Darf ich fragen, wie schwer Ihre, äh, Tochter ist?«

»Keine Ahnung«, sagte mein Vater. »Sechzig Kilo.« Er sah mich an. »Fünfundsechzig höchstens.«

»Na, dann wurde dieses Modell für ihre Tochter maßgeschneidert!« Der Verkäufer grinste. Mein Vater grinste auch, wir alle grinsten, obwohl der Verkäufer nichts Lustiges gesagt hatte.

»Wie breit ist das Ding«, sagte mein Vater.

»Zweihundert Zentimeter.«

»Puh.« Er rieb sich die Wange. »Da passen wir ja zu dritt rein.«

»Nun«, sagte der Verkäufer, »ich nehme an, Ihre Tochter bekommt manchmal Besuch?«

»Sie ist ein ganz sauberes Mädchen«, sagte mein Vater. Er tippte dem Verkäufer auf die Schulter. »Sie wissen, wie man's macht, oder?« Plötzlich brachen beide in ein schrilles Japsen aus, das nach den Asthmaanfällen meiner Großmutter klang.

»Gut«, sagte mein Vater. »Schon gut.« Plötzlich war er wieder ernst. »Ist in Ordnung. Wir nehmen das Bett.« Er sah mich an. »Was meinst du? Ist doch ein tolles Ding, oder?«

Ich sah zu Boden. Er beugte sich vor und knuffte mich in die Rippen.

»Mit diesem Jungen kommt man nur schwer ins Geschäft«, sagte er.

»Ach«, sagte der Verkäufer. »Irgendwann wünscht er sich auch so ein Bett.«

Wieder japsten die beiden. Ich dachte, daß mein Vater es im Grunde gut meinte, und daß ich seine Laune teilen und ihm vertrauen sollte, wie meine Mutter ihm während all der Jahre vertraut hatte, wie seine Chefs seinen Kenntnissen einer Technologie vertraut hatten, die, das betonte er immer wieder, den Weltuntergang herbeiführen konnte.

»Schränke«, sagte mein Vater schließlich. »Wo gibt es Kleiderschränke?«

»Da vorne«, sagte der Verkäufer, »hinter den Küchenträumen. Haben Sie etwas Bestimmtes im Sinn?«

»Wir schauen uns erst mal um. Wir melden uns, wenn wir Hilfe brauchen.«

»Jederzeit«, sagte der Verkäufer, und mein Vater streckte die Hand vor und machte ein Victory-Zeichen. Ich wollte raus aus dem Schauraum, aber als der Verkäufer sich abwandte und Richtung Kasse verschwand, packte mein Vater mich am Arm.

»Was ist los«, sagte er.

»Nichts«, sagte ich.

»Du bist komisch!« Er schob mich vor sich her durch den Raum zu dem Bereich, wo die Schränke standen.

»Laß mich los«, sagte ich.

»Okay. Begreif es.« Er machte sich gerade, atmete durch und starrte auf einen Punkt zwischen seinen Füßen. Das tat er immer, bevor er Dinge aussprach, die er für sich behielt, bis man eine gewisse Grenze überschritten hatte.

»Vergiß die Sache mit Ada.« Er zog die Brauen zusammen. »Was ist mit dieser Freundin, von der du mir erzählt hast? Was ist mit den Mädchen aus deiner Klasse? Aus den Klassen darunter?«

Ich sah mich um. Der Verkäufer stand vorn bei der Kasse und massierte sein Ohr. Es waren noch andere Leute da, Paare zumeist, die tasteten, murmelten, sich über Preisschilder beugten, uns aber nicht bemerkt hatten oder zumindest so taten.

»Wir haben nie darüber gesprochen. Du bist jetzt in diesem Alter. Vielleicht hab ich einen Fehler gemacht«, sagte mein Vater.

Eine junge Frau ging vorbei. Sie war blond, und an ihrem Haar, dessen Spitzen den Hals umzüngelten, sah ich, daß sie eine dieser besonderen Frauen war, die im Sommer bei Paolino auf der Alsterterrasse saßen oder durch die Drehtür des Vier Jahreszeiten kamen, wenn ich am Samstagabend von der S-Bahn zum Kino ging. Sie trug eine winzige Handtasche. Mein Vater stand im Weg. Die Frau wich aus, und ich konnte spüren, daß sie sofort erkannte, was für Leute wir waren.

»Guck dich an«, sagte mein Vater. Er trat zur Seite, packte meine Schultern und zog mich vor einen Wandspiegel.

»Da, guck, wie gut du aussiehst! Und du bist klug! Und immer traurig!«

Im Spiegel sah ich, daß der Verkäufer uns beobachtete.

»Bitte«, sagte ich. »Laß mich los.«

»Andere Jungen lachen und spielen Tennis und haben Freunde!«

»Laß jetzt los, sonst schrei ich.«

»Ach ja? Und als nächstes? Kneifst du und beißt und ziehst deinen Vater an den Haaren?« Er schüttelte mich hin und her. Dann hielt er inne und räusperte sich, und ich konnte sehen, daß neben seiner Nase eine Träne entlanglief, obwohl sein Gesicht ausdruckslos war, nicht wütend, nicht einmal traurig.

»Komm her«, sagte er. Er zog mich zu sich heran. »Komm«, sagte er noch einmal. Ich versuchte, nur seinen Schweiß und die Stoppeln und das verklebte Gelbe in seinem Ohr wahrzunehmen. Ich schob ihn weg.

Plötzlich schluchzte er - es war ein hohes, dünnes Geräusch wie von einem Ertrinkenden. Ich ließ locker, schlang meine Arme um ihn und erschrak, denn ich spürte, daß diese Umarmung zum letzten gehörte, was uns verband.

24

Donner ließ die Scheiben vibrieren. Mein Vater fuhr zusammen, der Schraubstock glitt ihm aus der Hand, aber die Chiffonnière stand, sie stand auf ihren vier Füßen.

»Geh zu Ada«, sagte er. »Spiel Backgammon mit ihr. Augustin wird gleich da sein.«

Ich setzte mich neben sie auf die Couch. Wir sahen die Blitze am Himmel zucken. Mein Vater wollte, daß sie nichts vom Abtransport der Chiffonnière bemerkte. Er hatte mit Augustin telefoniert, ihm geraten, nicht nur seine Lehrlinge, sondern auch Müllsäcke mitzubringen, die man auseinanderschneiden und um das Holz wickeln konnte, damit es im Regen auf dem Weg zum Transporter nicht quellen würde.

Er hatte den Inhalt der sieben Laden in die Ecke geworfen, Skizzenblocks, Parfumflacons, Erzgebirgsengel und Photoalben. Zwei Tage lang hatte er gehämmert, geschmirgelt und poliert, den Fuß angedübelt, die Rahmen der Laden mit Epoxidharz gestärkt und Laufleisten ausgebessert. Er hatte nur Bananen gegessen, sich nicht gekämmt und nicht geduscht. Entgegen dem Rat des Arztes lief er ohne die Krücken durchs Haus. Zwei der Löcher in seinem Bein, aus denen die Stäbe hervorragten, waren inzwischen vereitert, aber er legte keinen Verband an, seit der alte an einer gesplitterten Holzschraube zerrissen war.

»Was ist mit ihm«, sagte Ada.

»Er bereitet was vor«, sagte ich. »Eine Überraschung.«

»Muß das sein«, sagte sie.

Sie sprach noch wie jemand, auf dessen Nase eine Wäscheklammer saß, aber ihr Schleim in den Tempos war weiß und dünn geworden, sie aß Spaghetti statt Hühnerbrühe, trug statt des Strickpullovers ein Nachthemd, und der Bezug ihres Kopfkissens roch wieder nach Parfum.

Während vor dem Fenster der Fluß und die Bäume im Regen verschwanden, zeigte sie mir Photos aus Lublin: ihr Vater vor seinem Wagen, einem glänzenden Lada Niva, ihre Mutter, in deren Gesicht man Adas Gesicht ahnte, eine kleine Frau mit Bürstenfrisur und stämmigen Schenkeln, die den Arm zur Kamera streckte, als würde sie tanzen, Ada als Mädchen, das vor dem Strahl eines Gartenschlauches floh, nackt, mit einem zerzausten Fisch aus Stoff in ihren Armen. Ich fragte sie nach Details, nach dem Schuppen im Hintergrund, nach dem Fisch und der Uniform des Mannes, der den Schlauch hielt, um das Photo so lange wie möglich betrachten zu können. Stimmen drangen vom Flur durch die geschlossene Wohnzimmertür, mein Vater sprach mit Herrn Augustin und den Lehrlingen, und kurz darauf hörte ich sie ächzen, während Herr Augustin »Achtung!« und »Jetzt durch die Tür!« und »Absetzen!« rief.

»Das ist Jurek«, sagte Ada.

Er trug eine Schürze und hielt auf Brusthöhe ein Tablett mit Cheeseburgern. Sein Haar war lang und braun, er hatte ein schlankes Gesicht und rote Augen.

»Blöde Kamera«, sagte sie.

»Ist doch ein gutes Bild.«

»Findest du?«

»Feiner Typ«, sagte ich. »Seid ihr befreundet?«

»So ähnlich«, sagte sie und hielt mir das nächste Bild hin, auf dem sie mit einer Tüte Eis in einem Ruderboot saß. Ich spürte einen Stich in der Brust, weil er der Mann war, zu dem sie gehörte.

Bevor ich ins Bett ging, warf ich noch einen Blick ins Schlafzimmer meines Vaters. Zwischen den Fenstern, wo die Tapete etwas heller war, stand nun ein Korbstuhl aus dem Keller. Während ich meine Zähne putzte, fragte ich mich, ob ein Fremder, der das Zimmer beträte, spüren würde, daß etwas fehlte.

Gegen drei wachte ich auf. Ich hörte die Toilette rauschen, und ich hörte, wie das Wasser durch die Rohre floß, die in der Wand nach unten liefen, um dann vielleicht zur Straße zu ziehen oder in Richtung der anderen Häuser.

Ich schlüpfte in meinen Bademantel, öffnete die Zimmertür und trat hinaus in die dunkle Diele. Durchs Schlüsselloch sah ich, daß im Schlafzimmer meines Vaters kein Licht brannte. Ich schlich zur Treppe und beugte mich über das Geländer. Die Wohnzimmertür war halb geöffnet, und gleich dahinter stand im Schein der Stehlampe unser Servierwagen. Ich ging, so vorsichtig ich konnte, zurück zum Bett, nahm das Päckchen mit dem Skorpion aus der Tasche meiner Trainingsjacke, schlich wieder in die Diele, blieb stehen und hielt den Atem an. Im Bad klappte der Klodeckel, dann lief der Wasserhahn, und ich hörte das Schmatzen des Seifenstücks und das Reiben des Handtuchs. Ich drückte mich an die Tapete, als

1 ' m •• C '

die Tür aufging.

Aus dem Bad kam mein Vater. Er knipste das Licht aus, bevor meine Augen sich daran gewöhnten, aber ich sah, daß er nackt war bis auf den Duschvorleger, der über seinen Schultern hing wie eine Jagdtrophäe. Ich sah die metallenen Stäbe an seinem Bein, seinen Penis, den schlaffen Bauch und die krausen Haare auf seiner Brust. Er ging die Treppe runter - ich hörte seine Fingernägel über das Geländer schaben, hörte die Stufen unter seinen dumpfen Tritten knarzen, und dann war er unten und lief noch ein Stück und zog die Wohnzimmertür ins Schloß.

Ada ist wieder weg, dachte ich. Sie war gesund und hatte beschlossen, uns endgültig zu verlassen. Das dachte ich, während ich in der dunklen Diele stand, und ich dachte noch andere Dinge, daß mein Vater getrunken hatte und vielleicht deshalb nackt war oder daß seine alte Allergie ihn wieder belästigte und er sich ohne den Pyjama besser kratzen konnte. Und ich dachte, daß er vielleicht schlafwandelte und daß Ada schreien würde, wenn sie ihn so sah, aber dann hörte ich einen Laut, der klang wie das Röcheln eines Kindes, wie mein eigenes Röcheln, als mir auf dem Schulhof diese Kastanie in den Hals gerutscht war. Das Geräusch kam von unten, aus dem verschlossenen Wohnzimmer, und ich wußte plötzlich, daß ich während der letzten Wochen geträumt hatte und noch immer träumte, obwohl ich die Kälte des Parketts an meinen Füßen spürte und den rauhen Stoff des Bademantels am Hals und einen Stich an der Hand, den Stachel des Skorpions, der sich durch das seidene Papier gebohrt hatte.

Ich ging in die Hocke und begann, meine Zehen zu zählen, vor und zurück, bis ich bei zweihundert angelangt war, und dann zählte ich meine Zähne und die Haare auf meinem Kopf, um nichts anderes denken zu müssen, aus Angst, die anderen Gedanken könnten nach unten ins Wohnzimmer dringen wie etwas Lautes, etwas, das lauter war als ein Schrei.

Um sieben zog ich mich an. Ich lief zur Bäckerei und kaufte Brötchen und Kaffee, briet drei Eier in der Pfanne, preßte ein paar Orangen aus, schälte Kiwis und stellte alles im Wohnzimmer auf den Eßtisch. Ada schlief noch auf der Couch. Davor stand ein Wasserglas auf dem Boden, und unter dem Laken, mit dem ich das Polster bespannt hatte, lugte der gelbe Plastikzipfel des Duschvorlegers hervor.

Ich setzte mich an den Tisch, schippte ein Spiegelei auf meinen Teller, aß, schenkte Milch ein, knallte den Krug auf die Tischplatte und warf meine Gabel auf den Boden. Dann griff ich nach der Fernbedienung. Im Ersten lief die »Mup-pet Show«, Gonzo sang gerade ein Lied, und Kermit spielte dazu Gitarre. Ich drückte den Lautstärkeknopf, bis die Gläser in der Vitrine vibrierten.

»Frühstück«, rief ich.

Ada rieb sich die Augen und blinzelte. Sie richtete sich auf, zog ihr Haargummi unter dem Kissen hervor und band sich einen Zopf.

»Wie spät«, rief sie.

»Kurz nach acht.«

»So früh. Heute ist doch Samstag.«

Plötzlich ging die Tür auf, und mein Vater kam herein. Sein Haar stand vom Kopf ab wie elektrisiert. Er humpelte zum Fernseher, sah sich um und drückte mehrmals die Knöpfe für Helligkeit und Kontrast, und er drückte auf die Blenden und auf das Schild mit dem Grundig-Schriftzug.

»Wo geht das aus?« rief er. »Wo ist die Fernbedienung?«

Ich legte sie hinter den Milchkrug. Schließlich schob er den Fernseher zur Seite, beugte sich vor und zog den Stecker.

»Was soll das«, sagte er. Seine Augen waren klein und verquollen. Er trug sein Holzfällerhemd, die Pyjamahose und weiße Socken mit Basketbällen, die wir zusammen bei Woolworth gekauft hatten.

»Kannst du mir sagen, was das soll?«

»Ich habe uns ein Frühstück gemacht.«

Er brummte und schüttelte seinen Kopf.

»Spinnst du jetzt völlig«, sagte er.

Ada schob die Decke zur Seite, stand auf und ging zum Sessel, über dessen Lehne der BH, die Jeans und ihr T-Shirt hingen. Sie nahm die Jeans, schlüpfte hinein und zog sie unter dem Nachthemd hoch. Ich drehte mich weg.

Mein Vater blieb stehen, während sie den Hosenschlitz knöpfte.

»Ist doch schön«, sagte sie, »so ein gedeckter Frühstückstisch, als hätte jemand Geburtstag.«

Sie setzte sich hin und starrte auf die Pfanne mit den Eiern. Mein Vater schüttelte wieder den Kopf und kratzte sich unter der Achsel. Schließlich kam er an den Tisch, setzte sich auf den Stuhl neben Ada und rieb seine Hände.

»Stimmt«, sagte er. »Der Tag ist nur am Morgen jung.«

Er schenkte Kaffee in die Tassen, nahm eines der Brötchen, schnitt es auf und belegte es mit Krustenschinken. Er biß hinein, und ein Stück Kruste blieb an seiner Lippe hängen.

»Vorzüglich«, sagte er.

Das Krustenstück schlackerte hin und her, ehe er es in den Mund schob.

»Ich habe prächtig geschlafen. Und ihr?«

Er schippte ein Ei auf Adas Teller.

»Ich möchte lieber Kiwi«, sagte sie. »Und was von dem Brot.«

»Iß das ruhig«, sagte er. »So ein Spiegelei ist was Gutes.«

»Ich will es nicht«, sagte sie.

Er aß weiter. Ada schob den Teller mit dem Ei zur Seite, nahm ein Stück Kiwi und biß hinein. Der gelbgrüne Saft tropfte aufs Tischtuch.

»Guck«, sagte mein Vater.

»Was denn«, sagte sie. »Soll ich mir ein Lätzchen binden?«

»Ist ja gut«, sagte er und trank noch einen Schluck Kaffee. »Wie wär's mit Musik?« Er sah mich an. »Bei einem Samstagsfrühstück darf gute Musik nicht fehlen, oder?«

»Debussy«, sagte ich. »Und einen Piccolo?«

»Du denkst«, sagte mein Vater, »die junge Frau kann welchen gebrauchen.« Er grinste und kniff Ada in den Oberschenkel.

Ich faltete meine Serviette zusammen, legte sie neben den Teller, ging ins Klavierzimmer, schaltete die verstaubte Anlage ein und kratzte mit der Abtastnadel quer über die Platte. Dann knipste ich das Kellerlicht an und ging die Treppe runter. Mein Mund war trocken, obwohl ich die Milch und den Saft getrunken hatte.

Im Geräteraum standen hinter den Ersatzglühbirnen zwei kleine Freixenets, verknüpft durch das Netz einer drallen Spinne. Ich stellte mich auf Zehenspitzen, tastete nach dem Stromzähler, holte die Trittleiter aus der Waschküche und rückte sie an das Regal heran. Ich stieg hinauf, zog den Gefrierbeutel hinter dem Zähler hervor und nahm die gebündelten Scheine heraus; sie waren grau und faltig. Ich zählte neunzehn Tausender; scheinbar hatte mein Vater schon einen genommen.

Ich schob das Bündel in meine Tasche, knüllte die Tüte zusammen und klemmte sie wieder an ihren Platz. Dann nahm ich die beiden Flaschen, knipste das Licht aus, schlich nach oben und lauschte. Mein Vater summte zur Musik, als würde das laute Knacken in den Takten nicht weiter stören.

Adas Rucksack hing an der Garderobe. Ich öffnete ihn, steckte die Scheine unter das Deckblatt ihres Notizblocks und überlegte, ob ich eine Erklärung dazuschreiben sollte, einen Gruß oder vielleicht den polnischen Satz aus ihrem Brief, aber ich konnte mich nicht mehr an die Worte erinnern. Ich schrieb ihn auf deutsch und stopfte den Block zurück und zog die Riemen fest.

Sie ging um elf. Ich sagte »Bis dann« und küßte ihre Wange. Es war mir egal, daß mein Vater danebenstand und auf die Uhr sah, daß der Kuß eine kurze Verzögerung seines Planes bedeutete.

Ich brachte Ada bis zum Tor, sah die Müdigkeit in ihren Augen, die feinen Falten an den Lidern - Falten, die morgens tiefer waren als abends und verschwanden, wenn sie ihre Fettcreme benutzte.

Ich hatte den Skorpion vergessen.

»Ich verstehe es nicht«, sagte Ada. »Wozu brauchen wir Champagner, Bouillabaisse und Perlhuhnbrüste? Er schikaniert mich, oder?«

»Das glaube ich nicht«, sagte ich. »Er will uns bloß eine Freude machen.«

Dann ging sie los. Als das Motorengeräusch des Busses herüberwehte, nahm sie die Sandalen in ihre Hand und begann zu laufen - der Rucksack hüpfte, ihr Zopf wippte, ihre nackten Füße huschten über den Asphalt. Sie lief nicht wie jemand, der floh, eher wie eine junge Frau, die den Bus erwischen wollte, um einzukaufen, bevor am Samstag die Läden schlossen.

»Gut«, sagte mein Vater. »Sehr gut. Da kommt schon der Möbelwagen.«

Er hatte am Fenster gestanden und immer wieder auf die Uhr gesehen. Nun humpelte er den Packern entgegen, einem fröhlichen älteren und einem jungen mit Glatze und Ziegenbart, der gerade versuchte, die rostigen Flügel unseres Gartentors aufzustemmen.

»Hier sind Sie richtig«, rief mein Vater. »Zeigen Sie mal den Lieferschein ... Rot, das ist unsere Farbe. Bringen Sie's gleich rein!«

Die Packer trugen den Rahmen und die Matratze getrennt durch die Tür. Sie schlitzten die Kartonagen mit ihren Teppichmessern auf und begannen, den breiten Lattenrost zusammenzusetzen.

»Paßt nicht«, sagte der ältere.

»Kein Problem«, sagte mein Vater. »Wir schieben das Klavier zur Seite.«

Er humpelte zum Klavier und stemmte sich dagegen.

»Warten Sie«, sagte der ältere Packer. Er zog auf der anderen Seite, während der Ziegenbärtige zusammen mit meinem Vater schob. Das Klavier bewegte sich zentimeterweise übers Parkett.

»Sind da keine Rollen dran?«

»Stecken wohl Staub und Haare drin!«

»Noch ein Stückchen!«

Mein Vater keuchte. Der ältere Packer kam hoch, rieb sich das Kreuz und setzte neu an, und plötzlich riß die Seitenwand heraus. Der Packer stand da, das Holzstück in seinen Händen, als wollte er weinen.

»Macht nichts«, sagte mein Vater. »Legen Sie's oben drauf. Das sollte reichen. Jetzt das Bett.«

Er ballte die Fäuste und stöhnte, als er mit dem eitrigen Bein auftrat.

»Kommt sie schon?« fragte er. »Geh und sieh nach. Wir sind gleich soweit.« Er deutete aus dem Fenster und schnippte mit den Fingern.

Während ich an der Straße stand, hörte ich zweimal den Bus, aber ich sah nur die junge Ärztin im Nachbarhaus verschwinden. Schließlich kamen die Packer raus. Sie nickten mir zu, stiegen in ihren Wagen, hupten und fuhren davon.

»Komm«, rief mein Vater.

Das Bett füllte beinahe das gesamte Klavierzimmer aus.

»Was meinst du«, sagte er.

»Groß«, sagte ich. »Und das Klavier?«

»Ich schätze, ich hätte es nicht mehr zur Meisterschaft gebracht«, sagte er. »Und du wärst wahrscheinlich auch kein zweiter Benedetti geworden.«

Er sah wieder auf die Uhr.

»Sie wird gleich da sein.« Er rieb sich das Bein. »Weißt du was? Wir trinken einen. Zur Beruhigung.«

»Wir haben nichts mehr«, sagte ich.

»Doch«, sagte er und grinste. »Ich hab eine Flasche Grappa gerettet. Schau mal im Küchenschrank, beim Putzzeug. Und das hier nimmst du mit.« Er hielt mir den Lieferschein und die Rechnung hin. »Versteck's im Sekretär, ja? Das ist allein unsere Sache.«

Ich war bereit, alles zu tun, was er von mir verlangte. Der Grappa stand beim Entkalker. Ich nahm zwei Gläser, ein Schnapsglas und ein größeres, und goß ein.

»Was soll denn das große Glas«, sagte er. »Ach. Schnaps ist Schnaps. Prost.« Er trank in zwei Zügen und stellte das Glas auf dem Klavier ab.

»Ein Bett wie ein Sportwagen«, sagte er und strich mit den Fingern über den Rahmen.

»Noch einen Grappa?«

»Na gut.« Er nickte. »Trinken wir einen auf uns. Wie wir das alles hingekriegt haben. Trotz der kleinen, wie soll ich sagen, obwohl wir manchmal verschieden ticken.«

Er lachte und zog mich zu sich heran. Ich roch seinen Schweiß und das Eau de Cologne, das er neuerdings benutzte.

»Prost«, sagte er wieder. »Wo bleibt sie denn bloß?« Er stampfte auf. »Wenn das Mädchen wüßte, was für ein feines Bett hier wartet!«

Dann setzten wir uns ins Wohnzimmer und sahen ein bißchen fern. Ich brachte meinem Vater Wasser, und als die Nachrichtensprecherin gerade beim Wetter angelangt war - »heiter bis wolkig« -, goß ich ihm noch einen großen Schluck Grappa ein, worauf er »Um Gottes willen!« rief, das Glas dann aber leer trank.

»Hat sie was gesagt? Wollte sie jemanden treffen?«

»Soviel ich weiß«, sagte ich, »wollte sie gleich wieder da sein.«

Er beugte sich vor, hob einen hellen Fussel vom Läufer auf und steckte ihn in die Brusttasche seines Holzfällerhemdes. Irgendwann würde ich vom Bahnhof oder vom Flughafen kommen. Ich würde vielleicht eine Frau begrüßen, die dann mit ihm lebte, und er würde meine Freundin begrüßen, sie ansehen und mit weicher Stimme Bonmots zum besten geben.

Das Frühstück stand noch auf dem Tisch. Ich räumte ab, verpackte die Reste, legte sie in den Kühlschrank, stellte das Geschirr in die Spüle und setzte mich wieder hin. Manchmal, wenn wir an Samstagen mit meiner Mutter gefrühstückt hatten, hatte mein Vater sich eine Karotte quer in den Mund geschoben und dazu mit den Ohren gewackelt, oder er hatte sich einen Streifen Mettwurst an die Nase geklebt und den Ruf des jungen Truthahns aus Hagenbeks Tierpark imitiert.

Ich griff nach der Flasche.

»Es reicht«, sagte er. »Einen noch, dann reicht es.«

Darüber dachte ich nach, während ich ihm beim Warten zusah: daß er kein anderer Vater war, sondern derselbe, ein paar Jahre später.