»Sie machen einen etwas verlorenen Eindruck«, sagte Hunt zu Wilby. »Wir sollten mal hinübergehen und ihnen etwas behilflich sein.« Wilby nickte und bedeutete seiner Gruppe, ihnen zu folgen. Einige UN-Ordonnanzen geleiteten den größten Teil der Erdbewohner, die von Ganymed zurückkamen, zu den Delegierten der verschiedenen Nationen, während Hunt, Danchekker und einige andere Wilbys Gruppe zu den Rampen eskortierten.

»ZORAC, verbinde mich mit Garuth«, murmelte Hunt, während sie hinmarschierten.

»Schon geschehen.«

»Hier spricht Vic Hunt. Na, wie gefällt's Ihnen?«

»Meine Leute sind momentan überwältigt«, gab die bekannte Stimme zur Antwort. »Ich selbst allerdings auch.

Ich hatte befürchtet, daß sich ein traumatisches Gefühl beim Heraustreten in freies Gelände nach so langer Zeit einstellen würde, aber nichts dergleichen. Und all diese Menschen... dieser Jubel... mir fehlen die Worte.«

»Ich befinde mich in der Gruppe, die sich der Rampe nähert, auf welcher Sie stehen«, informierte ihn Hunt.

»Nun fassen Sie sich mal ein Herz und kommen Sie herunter. Ich habe Leute hier bei mir, die Sie begrüßen wollen.«

Als sie sich dem Fuß der Rampe näherten, blickte Hunt empor und sah, wie Garuth, Shilohin, Monchar, Jassilane und einige andere ihnen entgegenkamen. Von rechts und links begannen sich andere Ganymeder, die bereits von anderen Rampen aus den Boden betreten hatten, dem Fleck zu nähern, auf dem Wilbys Gruppe verharrte.

Garuth trat von seiner Rampe herab, dicht gefolgt von seinen Gefährten, stoppte und blickte nieder auf den Generalsekretär. Langsam und feierlich schüttelten sie einander die Hände.

Hunt betätigte sich über ZORAC als Übersetzer und stellte die Mitglieder der beiden Gruppen einander vor.

»Dies ist einer der Männer, die den Vorsitz über dies gesamte UNWO-Brimbamborium innehaben«, erzählte er Garuth, als Irwin Frenshaw an die Reihe kam. »Ohne dies alles wären wir niemals dort gewesen, wo Sie uns gefunden haben.«

Schließlich drehten sich beide Gruppen um und schritten, in aufgelockerter Ordnung, die Rampe herab. Ihnen folgten Scharen von acht Fuß hohen Gestalten, die von oben herab nachdrängten, um Anschluß an die Gruppe an der Spitze zu finden. Sie traten ins Sonnenlicht und hielten einen Augenblick lang inne, um die vor ihnen aufgereihten Delegationen der Erdnationen zu überschauen. Plötzlich breitete sich auf den umliegenden Hügeln Stille aus.

Und dann hob Garuth langsam seinen rechten Arm empor in einer Geste des Grußes. Die übrigen Ganymeder, einer nach dem anderen, folgten seinem Beispiel. Schweigend und unbeweglich standen sie da, hundert Arme waren ausgestreckt und erhoben, um allen Völkern der Erde eine gemeinsame Gruß- und Freundschaftsbotschaft zu über-bringen.

Unmittelbar erhob sich erneut das Toben auf den Hängen und drang hernieder. Wenn der Lärm zuvor mit einer Flut verglichen werden konnte, so hätte man nunmehr von einer wahren Flutwelle sprechen können. Ihr Hall lief in den Tälern auf und ab, so als ob die Schweizer Berge selbst in den Willkommensgruß mit einstimmten.

Wilby wandte sich an Hunt und beugte sich vor, um dicht an dessen Ohr zu sprechen.

»Meiner Meinung nach haben Ihre Freunde wie eine Bombe eingeschlagen«, sagte er.

»Ich hatte mit ein wenig Theater gerechnet«, sagte Hunt,

»aber daß es so kommen würde... Sollen wir mal weiterge-hen?«

»Na los.«

Hunt wandte sich an Garuth und wurde mit ihm verbunden.

»Kommen Sie, Garuth«, sagte er. »Es ist an der Zeit, daß wir unsere Ehrerbietung erweisen. Einige dieser Menschen sind von weit her gekommen, um Sie zu sehen.«

Mit der kleinen, aus Erdbewohnern und Ganymedern be-stehenden Gruppe führender Persönlichkeiten an der Spitze begannen sich die Ganymeder in Richtung auf die wartenden führenden Politiker der Erdnationen vorwärts zu bewegen.

19

Im Verlauf der nächsten Stunde, vielleicht sogar etwas länger, bewegten sich die Führer der Ganymeder von einer Gruppe nationalstaatlicher Repräsentanten zur nächsten und tauschten mit Ihnen kurze, formelle Goodwill-Erklä-rungen aus. Wenn die Ganymeder weitergezogen waren, löste sich die entsprechende Gruppe auf und mischte sich unter das anwachsende Gemisch aus Ganymedern und Erdbewohnern, das sich auf der Landepiste aus Beton, auf der die Shapieron ruhte, tummelte. Der Empfang hier unterschied sich in gravierender Weise von dem, der dem ersten, zögernden Heraustreten der Ganymeder auf das Eis auf der ganymedischen Hauptbase zuteil geworden war.

»Ich verstehe das immer noch nicht so recht«, sagte Jassilane zu Hunt, als sich ihre Gruppe auf die malaysische Delegation zubewegte.

»Sie haben uns bislang stets erklärt, daß jeder, den wir bisher getroffen haben, einer Regierung angehört. Aber ich möchte mal wissen, wer eigentlich die Regierung ist?«

» Die Regierung?« fragte Hunt, der nicht recht mitkam.

»Welche denn?« Der Riese vollführte gereizte Gesten in der Luft.

»Na, diejenige, die den Planeten regiert. Welche ist es denn nun?«

»Keine von diesen«, erklärte ihm Hunt.

»Das habe ich mir gedacht. Wo ist sie denn dann?«

»Es gibt keine«, sagte Hunt. »Die Welt wird von allen diesen Regierungen und doch von keiner regiert.«

»Das hätte ich mir denken können«, antwortete Jassilane. In seiner Übersetzung gelang es ZORAC, eine natur-

getreue Simulation eines müden Seufzers herzustellen.

Die Formalitäten wurden für den Rest des Tages inmitten einer Stimmung fortgeführt, der etwas nahezu Karne-valartiges anhaftete. Garuth und die ganymedischen Führer verbrachten einige Zeit mit jeder Gruppe der Regierungs-vertreter, eröffneten die gegenseitigen Beziehungen und richteten einen Zeitplan ein mit vorgesehenen offiziellen Besuchen zu den verschiedenen repräsentierten Nationen.

Es war ein geschäftiger Tag für Hunt und die übrigen Erdbewohner von Ganymed, deren intensive Beziehungen zu den Außerirdischen eine starke Nachfrage bei den jeweiligen Vorstellungen hervorrief, und die sie zu gefragten Vermittlern in den darauffolgenden Dialogen werden ließ.

Auf Initiative der europäischen Regierung war eine Ver-bindungsstelle eingerichtet worden – es handelte sich dabei um eine repräsentative internationale Körperschaft unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen –, die eine ständige Einrichtung innerhalb des irdischen Sektors von Ganyville darstellen sollte. Als es Abend wurde, war von dieser Stelle ein Programm mit anstehenden Diskussions-punkten zwischen den beiden Rassen relativ ausgereift verabschiedet worden.

Als es Nacht geworden war, stand ein riesiges Willkom-mensbankett in Ganyville an, selbstverständlich bestehend aus vegetarischen Gerichten. Nachdem das Diner und weitere nachfolgende Reden beendet worden waren, hatten sich die beiden Rassen untereinandergemischt und pflegten nun sozialen Kontakt. Hunt fand sich, mit einem Glas in der Hand, zusammen mit drei Ganymedern an einer Seitenwand stehend – es handelte sich um Valio und Kralom, zwei Decksoffiziere der Shapieron, und um Strelsya, eine weibliche Verwaltungsexpertin. Valio gab seiner Verwirrung über einige Dinge Ausdruck, mit denen er am heutigen Tage konfrontiert worden war.

»Emmanuel Crow, ich glaube, unter diesem Namen hat er sich vorgestellt«, erzählte ihnen Valio. »Er war Mitglied der Delegation des Landes, in dem Sie leben, Vic – den USA. Sagte, er sei von Washington... dem State Department oder so was Ähnliches. Ich blickte nicht mehr durch, als er sagte, er sei ein ›Red Indian‹.«

Hunt lehnte sich lässig gegen den Tisch hinter ihm und nippte an seinem Scotch.

»Und? Wo ist da das Problem?« fragte er.

»Na, wir trafen doch den Sprecher der indischen Regierung einige Zeit später, und er sagte, daß Indien keinesfalls in unmittelbarer Nähe der USA liege«, erklärte Valio.

»Wieso bezeichnete sich Crow dann als Inder, denn das bedeutet doch ›Indian‹, nicht wahr?«

»Es handelt sich dabei um eine andere Art von Inder«, antwortete Hunt und befürchtete dabei, daß sich die Konversation verwirren könnte. Und schon hatte Kralom etwas zum Thema beizutragen.

»Ich traf einen Westindischen Mann, aber er sagte, er stamme aus dem Osten.«

»Es gibt ein Ostindien...«, hob Strelsya an.

»Weiß ich, aber das liegt doch im Westen«, sagte Kralom.

Hunt stöhnte innerlich auf und langte nach der Zigarettenpackung in seiner Tasche, während er sich zu konzentrieren begann.

Bevor er jedoch ein klärendes Wort loswerden konnte, meldete sich Valio wieder zu Wort.

»Ich dachte mir, als er sagte, er sei ein ›Red Indian‹, daß er eigentlich aus China käme, weil es von den Chinesen doch heißt, sie seien rot, und sie leben ja auch nicht weit von Indien entfernt, nur habe ich dann herausbekommen, daß sie eine gelbe Hautfarbe besitzen.«

»Vielleicht war es ein Russe«, schlug Kralom vor. »Je-mand erzählte mir, daß die auch rot seien.«

»Nein, sie sind rosa«, erklärte Strelsya mit Nachdruck.

Sie deutete mit ihrem Kopf in die Richtung eines kurzen, kräftig gebauten Mannes in einem schwarzen Anzug, der ihnen den Rücken zukehrte und sich mit einer anderen Gruppe unterhielt, die ebenfalls aus Erdbewohnern und Ganymedern bestand. »Da – das ist einer, wenn ich mich recht erinnere. Seht doch selbst.«

»Ich habe ihn kennengelernt«, sagte Kralom. »Er ist Weißrusse. Sagte er jedenfalls, sieht jedoch gar nicht weiß aus.«

Die drei Außerirdischen blickten Hunt mit erwartungsvoller Spannung an und erwarteten von ihm einige kluge Worte, die ihnen Klarheit verschaffen würden.

»Regen Sie sich nicht auf – bei all diesen Sachen handelt es sich um Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Die Welt ist heutzutage mittlerweile derart durcheinandergewürfelt, daß dies alles keine große Bedeutung mehr hat«, sagte er ohne Elan.

In den frühen Morgenstunden schließlich – immer noch leuchteten tausend Lichter von den in Dunkelheit gehüllten Hügeln der Umgebung herab – war alles ruhig, mit Ausnahme gelegentlich schlurfender Geräusche und eines hin und wieder auftretenden bedenklichen Krachens eines schweren Körpers gegen Bauholz. Hünenhafte Gestalten wankten mit schwachen Beinen, aber zufrieden durch die schmalen Wege zwischen den Hütten in ihre Betten.

Am nächsten Morgen verließen die erlauchten Besucher aus allen Winkeln der Erde Ganyville, um seinen Bewohnern eine Woche lang ungestörte Ruhe und Entspannung zukommen zu lassen. Für den Verlauf dieses Zeitraums war ein nicht sehr zeitraubendes Diskussionsprogramm mit irdischen Besuchergruppen, vorwiegend Wissenschaftlern, erstellt worden, und Aufnahmen für einige Informations-sendungen zur weiteren Aufklärung der Öffentlichkeit waren vorgesehen. Für die meiste Zeit jedoch ließ man die Riesen ungestört, um sie das Gefühl, wieder einmal festen Boden unter den Füßen zu haben, so richtig genießen zu lassen.

Viele verbrachten ihre Zeit einfach damit, ausgestreckt im Gras zu liegen und es sich unter klimatischen Verhältnissen, die für sie tropischen Charakter besaßen, so richtig gutgehen zu lassen. Andere gingen stundenlang an der Um-friedung spazieren, standen jeden Moment still, um die Luft zu genießen, als wollten sie sich überzeugen, daß dies alles kein Traum sei, und standen und starrten mit unver-hohlener Freude auf den See, die Hügel und die schneebe-deckten Wipfel der entfernt liegenden Alpen. Andere waren fasziniert von den Anschlußmöglichkeiten an das Kommunikationsnetz der Erde, die sich in den Hütten befanden, und entwickelten einen unersättlichen Appetit nach Informationen über jeden Bereich der Erde, ihre Bevölkerung, ihre Geschichte, Geographie und allen übrigen wis-senswerten Dingen. Um dieses Verfahren zu erleichtern, war ZORAC mit dem Informationssystem der Erde gekop-

pelt worden, und auf diese Weise wurde ein großangelegter Austausch an akkumuliertem Wissen der beiden Zivilisa-tionen möglich.

Am interessantesten zu beobachten waren die Reaktionen der ganymedischen Kinder. Sie waren an Bord der Shapieron während ihrer heroischen Rückreise von Iscaris geboren worden, hatten niemals einen blauen Himmel, eine Landschaft oder einen Berg gesehen, hatten niemals natürliche Luft eingeatmet und hatten sich nie zuvor einen Begriff davon machen können, ihr Schiff ohne irgendwelche Schutzvorkehrungen zu verlassen. Für sie war dieses Nichts ohne Leben zwischen den Sternen die einzig real existierende Umgebung gewesen.

Zuerst schreckten viele von ihnen allein vor dem Verlassen des Schiffes zurück, ängstlich auf die Konsequenzen bedacht, die ihnen ihr Leben lang eingetrichtert worden waren und die sie als unumstößliche Wahrheiten aner-kannten, ohne sie zu hinterfragen. Als sich schließlich ein paar der selbstsichersten und abenteuerlustigsten Kinder vorsichtig an die Türen am Scheitelpunkt der Rampen schlichen und hinauslugten, sperrten sie ungläubig und verwirrt Mund und Nase auf. Aus dem, was ihnen die Älteren und ZORAC erzählt hatten, besaßen sie eine ungefähre Vorstellung von Planeten und Welten – es waren Orte, größer als die Shapieron, so groß, daß man auf ihnen und nicht in ihnen leben konnte. Obwohl sie über solche Informationen verfügten, war ihnen dennoch niemals klar gewesen, was dies in Wirklichkeit bedeutete. Und dann waren sie nach Ganymed gekommen; Hmm – offenbar sah so ein Planet aus!

Und dann das hier! Hunderte von Menschen draußen vor dem Schiff, die hemdsärmelig herumliefen... wie war das nur möglich? Wie konnten sie atmen, und warum zerplatz-ten sie nicht aufgrund von Dekompression? Es hatte gehei-

ßen, daß der Raum allgegenwärtig sei, hier war er es jedoch keinesfalls. Was war aus ihm geworden? Wieso teilte sich das Universum plötzlich in zwei Hälften – ›oben‹ und

›unten‹? Worte, die innerhalb des Schiffes keinerlei Sinn ergaben? Warum war unten alles grün? Wer mochte dies nur in derartigen Größenordnungen erschaffen haben, und warum war alles in solch merkwürdigen Formen gemacht worden, die sich vor einem erstreckten, so weit das Auge nur blicken konnte? Warum war oben alles blau, und warum waren keinerlei Sterne zu sehen? Wo kam nur das gesamte Licht her?

Schließlich, nachdem alle Überredungskünste eingesetzt worden waren, wagten sie sich die Rampen herab und auf den Boden. Dort lauerte nichts Schreckliches auf sie. Bald hatten sie sich beruhigt und begannen mit der Erforschung ihrer neuen und wunderbaren Umgebung. Der Beton am Fuße der Rampen, das Gras dahinter, die hölzernen Wände der Hütten – dies alles war neu, und ein jedes strahlte seine eigene Faszination aus. Aber der verblüffendste Anblick war das, was sich auf der anderen Seite des Schiffes in scheinbar unendliche Weiten erstreckte – mehr Wasser, als es ihrer Meinung nach im gesamten Universum jemals hätte geben können.

Es dauerte nicht lange, und sie tollten und lärmten in überschäumender Freiheit, die alle ihre bisherigen Erfahrungen übertraf. Die Freude erreichte ihren Höhepunkt, als mit Polizeibooten Vergnügungsfahrten für sie organisiert wurden, entlang des Seeufers, hinaus in die Mitte des Gen-

fer Sees und wieder zurück. Es wurde bald offenkundig, daß nur die Erwachsenen und ihre Sorgen sich gegen ein dauerhaftes Niederlassen auf der Erde sperrten – die Kinder hatten in dieser Frage eine eindeutige Entscheidung gefällt.

Zwei Tage nach der Landung genoß Hunt gerade eine Kaf-feepause in der Caféteria in Ganyville, als ihm ein leises Summen seiner Handgelenkseinheit ein Gespräch ankündigte. Er berührte einen Knopf und aktivierte das Gerät, und ZORACs Stimme informierte ihn ohne Umschweife:

»Das Koordinationsbüro im Verwaltungsblock versucht dich zu erreichen. Nimmst du den Anruf entgegen?«

»Gerne.«

»Dr. Hunt?« Die Stimme klang jung und irgendwie aufregend.

»Das bin ich«, bestätigte er.

»Hier ist das Koordinationsbüro. Es tut mir leid, wenn ich Sie störe, aber könnten Sie mal rüberkommen? Wir könnten ihre Hilfe bei einer Angelegenheit gebrauchen.«

»Nicht bevor Sie mir versprechen, mich zu heiraten.«

Seine Stimmung war entsprechend. Vielleicht lag es daran, daß er für so lange Zeit fort gewesen war.

»Wie bitte...?« Die Stimme war vor Überraschung und Verwirrung in die Höhe geklettert. »Ich weiß nicht... äh, ich meine, ernsthaft...«

»Warum sollte ich nicht ernsthaft daran interessiert sein?«

»Sie sind ja verrückt. Wie sieht es jetzt mit dem Her-

überkommen aus... geschäftlich?« Wenigstens, so dachte er, gewinnt sie ihre Fassung schnell und ohne Schwierig-

keiten zurück.

»Wer sind Sie?« fragte er beschwingt.

»Sagte ich Ihnen doch – das Koordinationsbüro.«

»Nicht das – Sie

»Yvonne – wieso?«

»Hören Sie, ich schlage Ihnen ein Geschäft vor. Sie brauchen mich, um Ihnen zu helfen. Ich benötige jeman-den, der mir Genf zeigt, bevor ich zurück in die Staaten gehe. Haben Sie Interesse?«

»Das ist eine andere Sache«, konterte die Stimme, nicht ohne eine Spur von Humor. »Ich führe hier einen UN-Job aus. Und Sie reden von privaten Aktivitäten. Kommen Sie jetzt also rüber?«

»Und das Geschäft?«

»Na... vielleicht. Wir sehen später weiter. Wie sieht's im Moment mit unserem Problem aus?«

»Worin besteht das denn?«

»Hier sind ein paar Ihrer ganymedischen Freunde, die rausgehen wollen. Jemand dachte, es sei eine gute Idee, wenn Sie mitgingen.«

Hunt seufzte und schüttelte seinen Kopf in stummer Resignation. »Na schön«, sagte er schließlich. »Sagen Sie ihnen, ich bin unterwegs.«

»Mach ich«, gab die Stimme zurück und fügte in gedämpfterem, vertraulicherem Tonfall hinzu: »Ich habe sonntags, montags und dienstags frei.« Und dann wurde die Verbindung klickend abgebrochen. Hunt lachte in sich hinein, trank seinen Kaffee aus und erhob sich von seinem Tisch. Ein plötzlicher Gedanke zuckte durch seinen Kopf.

»ZORAC«, murmelte er.

»Ja, Vic?«

»Bist du an das örtliche Kommunikationsnetz der Erde angeschlossen?«

»Ja. Auf diese Weise habe ich das Gespräch durchgestellt.«

»Ja, ich weiß... Was ich wissen will ist, ob sie sich über einen normalen Zweiwegkanal gemeldet hat.«

»Ja.«

»Ist Ihr Bild rübergekommen?«

»Ja.«

Hunt rieb sich einen Augenblick lang sein Kinn.

»Du hast es nicht zufälligerweise aufgenommen, oder etwa doch?«

»Habe ich getan«, informierte ihn ZORAC. »Soll ich's mal abspulen?«

Ohne auf die Antwort zu warten, überspielte die Maschine einen Ausschnitt aus der Unterhaltung auf den Schirm der Handgelenkseinheit. Hunt nickte und pfiff mit stummer Anerkennung durch die Zähne. Yvonne war blond, blauäugig und attraktiv, und ihre Erscheinung wurde durch den enganliegenden Schnitt ihrer hellgrauen UN-Uniformjacke und ihre weiße Bluse noch verstärkt.

»Nimmst du alles auf, womit du etwas zu tun hast?«

fragte Hunt, als er zur Tür schlenderte.

»Nein, nicht alles.«

»Warum hast du dann dieses Gespräch im Bild festgehalten?«

»Ich wußte, daß du es sehen wolltest«, sagte ZORAC.

»Ich möchte keine heimlichen Lauscher bei meinen Gesprächen haben«, sagte Hunt. »Betrachte dich als getadelt.«

ZORAC ignorierte diese Bemerkung. »Ich habe auch ihre Nummer notiert«, sagte er. »Weil du nicht daran ge-

dacht hast, sie danach zu fragen.«

»Weißt du, ob sie verheiratet ist?«

»Wie könnte ich das wissen?«

»Oh, ich weiß nicht... Wie ich dich kenne, könntest du vermutlich an die entsprechenden Schlüssel herankommen und dir über das Kommunikationsnetz der Erde Einblick in die Personalakten verschaffen oder so was in der Art.«

»Könnte ich schon, mache ich aber nicht«, sagte ZORAC. »Es gibt Sachen, die ein guter Computer für einen Benutzer erledigt, und andere, von denen er die Finger läßt.

Von diesem Punkt an bist du auf dich selbst angewiesen.«

Hunt brach die Verbindung ab. Kopfschüttelnd verließ er die Caféteria und schlug den Weg zum Verwaltungsblock ein.

Einige Minuten später tauchte er im Koordinationsbüro im ersten Stock auf, wo Garuth und einige andere Ganymeder zusammen mit einigen UN-Bediensteten auf ihn warteten.

»Wir haben das Bedürfnis, die Willkommensgrüße zu erwidern, die uns von den Erdbewohnern dargebracht wurden«, sagte Garuth. »Daher würden wir gerne einen Spaziergang außerhalb der Umzäunung machen, um sie zu treffen.«

»Geht das in Ordnung?« fragte Hunt und richtete seine Worte an den untersetzten Mann mit silbrigem Haar, der offenbar der Ranghöchste der anwesenden Bediensteten zu sein schien.

»Klar. Sie sind ja Gäste und keine Gefangenen. Wir dachten, es sei eine gute Idee, wenn trotzdem einer mitginge, den sie kennen.«

»Ich bin dabei«, sagte Hunt nickend. »Gehen wir.« Als er sich zur Tür umdrehte, ergatterte er einen Blick von Yvonne, die im Hintergrund des Raumes an einer Video-konsole arbeitete, und winkte ihr schelmisch zu. Sie wurde deutlich rot und blickte krampfhaft auf die Tastatur unter ihrem Schirm. Dann blickte sie auf und blinzelte ihm schnell lächelnd zu, bevor sie sich wieder mit ihrem Apparat beschäftigte.

Draußen vor dem Gebäude stießen weitere Ganymeder zu ihnen, und auch ein Kontingent der Schweizer Polizei schloß sich ihnen an, angeführt von einem besorgten Chef.

Die Gruppe folgte einem Fußpfad, bis sie hinab zu einer Straße kamen, und bog dann links ab, um zwischen den Hütten entlang auf ein Gitter mit Maschendraht zu stoßen, das einen Teil der Umzäunung ausmachte. Als sie die Hütten hinter sich ließen und auf der leicht abfallenden, mit Kieseln belegten Straße weiter auf das Tor zuschritten, lief eine Bewegung durch die Menschenmenge, die sich auf den grasbewachsenen Hügeln jenseits der Umzäunung und jenseits des freigehaltenen Sicherheitsstreifens aufhielt. Die Leute sprangen auf und blickten hinab zum Zaun. Die Erregung wuchs, als die Ganymeder anhielten und Schweizer Konstabler das Gatter aufschlossen und aufschwangen.

Hunt war auf beiden Seiten flankiert, Garuth marschierte auf der einen, der Schweizer Polizeichef auf der anderen.

Er geleitete die Gruppe durch das Tor, und das Stimmengewirr vor ihnen schwoll an und ging in Beifallsrufe über.

Die Leute begannen, die Hänge hinabzurennen und drängten sich kurz vor dem Polizeikordon zusammen, winkten und brachen in Zurufe aus, als die Gruppe auf der Straße durch die Sicherheitszone weiter voranschritt.

Der Kordon öffnete sich, um sie passieren zu lassen, und plötzlich starrten die Menschen, die zusammengedrängt am Rande der Straße standen, geradewegs in die ehrfurchtge-bietenden Gesichter aus einer anderen Welt. Während der Lärm in der weiteren Umgebung unvermindert anhielt, wurden die Reihen unmittelbar vor den Riesen seltsam still und drängten zurück, so als wollten sie eine ehrerbietige Entfernung aufrechterhalten. Garuth blieb stehen und blickte langsam in den Halbkreis von Gesichtern. Als seine Augen von einem zum nächsten wanderten, wandten sich ihre Blicke ab. Hunt konnte ihre Unsicherheit verstehen, gleichzeitig war er jedoch darauf bedacht, daß die von den Fremden beabsichtigte Geste nicht unerwidert blieb.

»Mein Name ist Vic Hunt«, rief er mit lauter Stimme der Menge entgegen. »Ich bin den gesamten Weg vom Jupiter bis zur Erde mit diesen Leuten zusammen gereist. Das hier ist Garuth, der Kommandeur des ganymedischen Schiffes.

Er und seine Begleiter sind hierhergekommen, um euch auf ihren eigenen Wunsch hin einmal persönlich kennenzulernen. Sorgt bitte dafür, daß sie sich wie zu Hause fühlen.«

Immer noch schienen die Menschen zurückzuweichen.

Einige schienen Willkommensgesten vollführen zu wollen, jeder wartete jedoch, daß ein anderer die Initiative ergrei-fen würde. Und dann entwand ein kleiner Junge aus der vordersten Reihe seine Hand aus der seiner Mutter, trat vor und baute sich keck vor Garuths riesiger Gestalt auf. Er trug derbe Bergstiefel und Seppelhosen und war etwa zwölf Jahre alt, mit einem blonden Wuschelkopf und einem sommersprossigen Gesicht. Seine Mutter wollte ihm instinktiv folgen, der Mann direkt neben ihr hielt sie jedoch am Arm zurück.

»Mich kümmern die Leute nicht, Herr Garuth«, sagte der Junge in beherztem Ton. »Ich möchte Ihnen die Hand geben.« Mit diesen Worten streckte er vertraulich seine Hand nach oben. Der Riese beugte sich nieder, sein Gesicht verzog sich zu etwas, was nur ein Lächeln sein konnte, packte die Hand und schüttelte sie herzlich. Die Spannung in der Menschenmenge verflüchtigte sich blitzartig, und jubelnd begannen die Leute sich vorzuschieben.

Hunt blickte sich um und stellte fest, daß sich das Bild plötzlich völlig verändert hatte. Hier posierte ein Ganymeder, der einen Arm um die Schulter einer Frau mittleren Alters gelegt hatte, vor der Kamera ihres Ehemannes, dort nahm ein Riese die angebotene Tasse Kaffee an, während hinter ihm ein dritter etwas zweifelnd zu einem hartnäckig mit dem Schwanz wedelnden Schäferhund hinabsah, den eine Familie mitgebracht hatte. Nachdem er den Hund ver-suchsweise einige Male getätschelt hatte, hockte sich der Riese nieder und begann sein Fell zu streicheln, woraufhin er mit eifrigem Abschlecken der Kinnpartie seines langen, spitz zulaufenden Gesichtes belohnt wurde.

Hunt zündete sich eine Zigarette an und schlenderte hin-

über zu dem Schweizer Polizeichef, der sich mit einem Taschentuch die dicken Schweißtropfen von der Stirn wischte.

»Na, Heinrich«, sagte er. »So schlimm war's doch gar nicht. Ich hab' Ihnen ja gesagt, daß es keinen Grund zur Besorgnis gibt.«

»Hoffentlich, Dr. Hunt«, antwortete Heinrich, der immer noch nicht so recht glücklich klang. »Trotzdem werde isch viel glucklischer sein, wenn wir, wie sagt man in Amerika... ›get se hell out of 'ere‹.«

Hunt verbrachte noch einige Tage in dem Bereich Ganyvilles, der für Erdbewohner konzipiert war, half dem Verbindungsbüro in organisatorischen Angelegenheiten, gönnte sich selbst jedoch auch etwas Ruhe und Entspannung. Danach verhalf er sich zu einem Urlaubsschein –dies erschien ihm nur zu berechtigt angesichts seines über-durchschnittlichen Arbeitseinsatzes –, holte Yvonne ab, buchte für sie beide einen Flug nach Genf in einem der nach wie vor verkehrenden VTOL-Jets und begann mit ihr einen Stadtbummel. Drei Tage später stolperten sie aus einem Auto, das auf der Hauptverkehrsstraße anhielt, die an der Umzäunung entlangführte, ausgesprochen zerzaust, sehr wackelig auf den Beinen, aber unendlich glücklich.

Inzwischen hatte das Verbindungsbüro – mehr als acht Tage seit der Landung der Shapieron waren inzwischen vergangen alle Dinge voll im Griff, und Gruppen von Ganymedern brachen bereits zu Besuchen und zu Konferenzen überall auf der Welt auf. Einige Gruppen waren, um es genau zu nehmen, bereits seit einiger Zeit unterwegs, und es trafen schon Nachrichten über ihr Befinden ein.

Kleine Ansammlungen der acht Fuß hohen Außerirdischen in Begleitung ihrer stets wachsamen Polizeieskorten, waren ein tolerierter, ja schon fast zur Gewohnheit gewordener Anblick auf dem Times Square, dem Roten Platz, dem Trafalgar Square und den Champs-Elysées geworden.

In Boston hatten sie genüßlich einem Beethovenkonzert gelauscht, den Londoner Zoo in einer Mischung aus Scheu und Schrecken durchwandelt, in Buenos Aires, Canberra, Kapstadt und Washington waren ihnen überschwengliche Empfänge bereitet worden, und auch dem Vatikan hatten sie einen Anstandsbesuch abgestattet. In Peking war ihre Kultur als die ultimate Verkörperung der kommunistischen Lehre gepriesen worden, in New York war sie als höchster Ausdruck des demokratischen und in Stockholm als Vollendung des liberalen Ideals gefeiert worden. Und überall strömten die Massen zusammen, um sie willkommen zu heißen.

Die Berichte von überall aus der Welt beschrieben die uneingeschränkte Verblüffung der Fremden über die Vielfalt des Lebens der Farben, der Vitalität und der Fülle, die überall um sie herum entfaltet waren, ganz gleich, wohin sie auch kamen. Ein jeder Mensch auf der Erde, so sagten sie, schien offenbar bemüht zu sein, die Spanne eines vollen Lebens in jeden einzelnen Tag hineinzupacken, so als fürchtete man, es gebe nicht in ausreichendem Maße Zeit für alle vorhandenen Möglichkeiten. Die Städte auf Minerva waren gewaltiger gewesen, was Konstruktionsweise und Architektur betraf, aber es hatte nichts in ihnen gegeben, was auch nur entfernt dem glich, was sich tagtäglich an Vielfalt, Energie und überschwenglicher Lebensfreude in den Hauptstädten der Erde abspielte. Die Technologie auf Minerva war weiter vorangeschritten gewesen, aber ihr Entwicklungsgrad war karg, gemessen an dem üppigen Wuchern menschlicher Zivilisation, das aus dem rast- und ruhelosen Hin und Her auf diesem unglaublichen Planeten herrührte.

Auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Berlin richtete ein Ganymeder folgende Worte an seine Zuhörer: »Die ganymedische Theorie vom Ursprung des Universums geht von einem fortwährenden Gleichgewicht aus, in welchem Materie auftritt, ihre ihr zugedachte Funktion ausübt und sodann still wieder abtritt – ein langsamer, leichtfüßiger, evolutionärer Prozeß, der sich mit unserem Temperament und unserer Geschichte vereinbaren läßt. Nur der Mensch konnte die katastrophale Diskontinuität der Vorstellung vom Urknall entwickeln. Ich könnte mir vorstellen, daß Sie nach einer eingehenderen Betrachtung unserer Theorien diese Vorstellung aufgeben. Und dennoch finde ich es auf einzigartige Weise angemessen, daß sich der Mensch eine solche Sichtweise zurechtgelegt hat. Sehen Sie, meine Damen und Herren, als sich der Mensch die umwälzenden Konsequenzen des Modells vom Urknall vorstellte, sah er beileibe nicht das Universum – er sah sich selbst.«

Zehn Tage, nachdem er zur Erde zurückgekehrt war, wurde Hunt erneut von der UNWO angesprochen, die die Hoffnung ausdrückte, er habe sich seit seiner Dienstquittie-rung gut amüsiert. Einige Leute in Houston kannten ihn jedoch besser als er gedacht hatte und deuteten ihm an, es wäre eine gute Sache, wenn er sich mit dem Gedanken an einen Wiedereintritt in die Dienste der Behörde anfreunden könnte.

Präziser ausgedrückt, hatte die UNWO über das Verbindungsbüro Vorbereitungen für den Besuch einer wissenschaftlichen Delegation der Ganymeder im Navkomm-Hauptquartier in Houston getroffen, hauptsächlich aus dem Grunde, um mehr über die Lunarier zu erfahren. Die Ganymeder hatten in starkem Maße aus irgendeinem Grunde ihr Interesse für die unmittelbaren Vorfahren der Menschheit ausgedrückt, und da die Nachforschungen über die Lunarier von Houston aus durchgeführt und viele anfal-lende Arbeiten dort verrichtet worden waren, lag es auf der Hand, sie nach dorthin einzuladen. Die UNWO schlug vor, Hunt könne als Organisator und Mittelsmann für die Dele-

gation tätig sein und ihre Ankunft in Texas sicherstellen, da er ja sowieso nach Houston zurückkehren müsse. Danchekker, der ebenfalls abreisen mußte, um seinen Pflichten beim Biologischen Institut in Westwood wieder nachzu-kommen, beschloß, mit der Gruppe zu fliegen.

Und so fand sich Hunt am Ende seiner zweiten Woche nach der Rückkehr zur Erde wieder in vertrauter Umgebung: im Innern einer Boeing 1017, in einer Höhe von fünfzig Meilen über dem Nordatlantik auf westlichem Kurs.

20

»Als ich Sie nach Ganymed schickte, war ich daran interessiert, daß Sie ein wenig mehr über die Burschen herausbekämen. Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß Sie mit einer kompletten Schiffsladung dieser Burschen hier antan-zen würden.« Gregg Caldwell kaute auf seiner Zigarre herum und linste mit einer Mischung zwischen Belustigung und gespielter Verärgerung über seinen Schreibtisch. Hunt, der es sich in einem Sessel davor bequem gemacht hatte, lächelte und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Whiskyglas. Es war gut, wieder einmal die vertraute Umgebung des Navkomm-Hauptquartiers zu verspüren. Da war das Innere des luxuriös ausgestatteten Büros Caldwells mit seinen geschmackvollen Wandgemälden und den Bild-schirmen, die eine ganze Seite des Raums einnahmen. Da war das Panorama, das den Blick hinab auf die regenbogenfarbigen Türme der Stadt Houston richtete – nichts hatte sich verändert.

»Dann haben Sie doch mehr herausbekommen als Sie in die Sache investiert haben, Gregg«, antwortete er. »Sie beschweren sich doch nicht wohl etwa, oder?«

»Zum Teufel, nein. Ich beschwere mich ja auch gar nicht. Sie haben, so wie sich die Dinge entwickeln, wieder einmal gute Arbeit geleistet. Es hat nur den Anschein, als ob jedesmal, wenn ich Sie mit einer Sache betreue, die Tendenz besteht, daß sich die Dinge... anders entwickeln als ursprünglich vorgesehen. Ich bekomme immer mehr heraus als ich eigentlich wollte.« Caldwell nahm die Zigarre aus seinen Zähnen und neigte ein wenig seinen Kopf.

»Aber wie Sie schon sagten – ich beschwere mich nicht.«

Der Direktor blickte Hunt einige Augenblicke lang ein-dringlich an. »Na... was war das denn für ein Gefühl, zum erstenmal so weit von der Erde weg zu sein?«

»Oh, es war... eine Erfahrung«, antwortete Hunt automatisch, aber als er aufblickte, konnte er dem schelmischen Funkeln in den Augen unter den buschigen Brauen entnehmen, daß die Frage mehr als einen zufälligen Charakter besessen hatte. Das hätte er sich denken können. Caldwell sagte oder tat niemals etwas ohne Grund.

»Erkenne dich selbst«, zitierte Caldwell in sanftem Tonfall.

»Und vielleicht auch die anderen, hm?« Er zuckte mit den Schultern, als ob auf diese Weise die Sache klarer würde, aber das Funkeln verlosch nicht in seinen Augen.

Hunts Brauen zogen sich einen Augenblick lang zusammen, und dann wurden seine Augen langsam immer größer, da ihm ein Licht über die verschlüsselte Botschaft hinter diesem Satz in ihrer Unterhaltung aufging. Es dauerte etwa zwei Sekunden, bis er die Einzelheiten klar über-blickte. In dem Frühstadium der Nachforschungen über die Lunarier, kurze Zeit, nachdem Hunt von England nach Houston übergesiedelt war, hatte sein Verhältnis zu Danchekker eher sarkastische Züge besessen. Der Fortschritt bei der Enthüllung des Geheimnisses war viel zu sehr durch die beiden Wissenschaftler behindert worden, da sie ihre Energien in fruchtlosen persönlichen Fehden ver-schwendet hatten. Später jedoch, in der Einöde des Mondes und in dem leeren Raum zwischen der Erde und Jupiter, war all das irgendwie in Vergessenheit geraten. Dort hatten die beiden Wissenschaftler den Grundstein zu einer harmo-nischen Zusammenarbeit gelegt, und sogleich waren die Schwierigkeiten angesichts des mächtigen Ansturms ihrer gemeinsam eingesetzten Fähigkeiten dahingeschwunden.

Und genau das war notwendig gewesen, um das Problem mit den Lunariern zu lösen. Hunt konnte das mittlerweile ganz klar einschätzen. Plötzlich wurde ihm auch bewußt, daß sich dieser Zustand des Einvernehmens nicht zufällig hergestellt hatte. Er starrte Caldwell mit wachsendem Respekt an und nickte in uneingeschränkter Zustimmung.

»Gregg«, sagte er in gespielt vorwurfsvollem Ton. »Sie haben schon wieder die Fäden gezogen. Sie haben uns aufgestellt.«

»Hab' ich das?« Caldwells Stimme klang unschuldig, aber ebenso gespielt.

»Chris und mich. Dort oben haben wir gelernt, uns gegenseitig zu respektieren und auf diese Weise Tore zu schießen. So wurde das Rätsel der Lunarier gelöst. Sie wußten, daß es so kommen würde...« Hunt streckte ankla-gend einen Zeigefinger in Richtung des Schreibtisches aus.

»Deshalb haben Sie's auch gemacht.«

Caldwell verzog seine ausladende Kieferpartie für einen Augenblick lang zu einem schmallippigen Grinsen. »Dann haben Sie doch mehr herausbekommen, als Sie in die Sache investiert haben«, konterte er. »Sie beschweren sich doch wohl nicht etwa, oder?«

»Sie verstehen Ihr Geschäft«, gab ihm Hunt als Kompliment zu verstehen und erhob sein Glas. »Okay, wir beide haben ein gutes Geschäft gemacht. Und so sollte meines Erachtens das Geschäft auch laufen. Aber jetzt zurück zur Gegenwart und zur Zukunft – was haben Sie sich als nächstes ausgedacht?«

Caldwell rückte an den Schreibtisch heran und stützte beide Ellenbogen auf die Platte. Er blies eine dicke Rauchwolke aus. »Wie sieht's mit diesem Haufen außerir-discher Burschen aus, die Sie aus Europa angeschleppt haben? Verbringen Sie immer noch den größten Teil Ihrer Zeit damit, sie zu bemuttern?«

»Sie wurden mittlerweile an das Westwood weitergereicht«, klärte ihn Hunt auf. »Sie interessieren sich für die Lunarier und wollen sich insbesondere den Charlie dort anschauen. Chris Danchekker kümmert sich um diesen Teil der Angelegenheit, und daher habe ich im Augenblick recht wenig zu tun.«

»Na prima. Ich möchte, daß Sie sich einen vorläufigen Überblick über die ganymedischen Wissenschaften verschaffen«, sagte Caldwell. »Mit diesem ZORAC-Apparat und all den Konferenzen und Diskussionen, welche die Ganymeder im Augenblick überall führen, bekommen wir mehr an Informationen herein, als wir verdauen können.

Wenn sich erst einmal die ganze Aufregung gelegt haben wird, werden wir wie Wahnsinnige schaffen müssen, um alles aufzuarbeiten. Als Sie die Koordinationsarbeiten im Projekt Charlie geleitet haben, haben Sie ein sehr gutes Informationssystem zu dem größten Teil der führenden wissenschaftlichen Institutionen und Einrichtungen auf der ganzen Welt aufgebaut. Ich möchte, daß Sie sich all dieser Kanäle wieder bedienen, um damit zu beginnen, alle Neuigkeiten abzuschätzen und zu katalogisieren. Besonders interessant sind dabei die Dinge, die für die UNWO nützlich sein könnten – zum Beispiel die Sache mit der Gravitation. Es kann sein, daß wir eine Menge unserer For-schungsvorhaben im Lichte dieser Neuigkeiten, die uns die großen Kerle an die Hand gegeben haben, revidieren müs-

sen. Und jetzt scheint mir die beste Zeit dafür gegeben zu sein.«

»Die Gruppe bleibt also noch eine Zeitlang bestehen«, vermutete Hunt und bezog sich dabei auf das Team, das er während der lunarischen Untersuchungen geleitet hatte und das unter der Aufsicht seines Stellvertreters die Arbeiten fortgeführt hatte, hauptsächlich, um in der Zeit seines Auf-enthaltes auf Ganymed die noch ungelösten Einzelfragen zu klären.

»Jawoll«, sagte Caldwell und nickte. »Die Art, wie sie arbeiten, ist genau das richtige für die Aufgabe. Haben Sie sie denn überhaupt schon begrüßt?«

Hunt schüttelte mit dem Kopf.

»Bin erst heute morgen zurückgekommen und gleich zu Ihnen geeilt.«

»Na, dann tun Sie's mal«, sagte Caldwell. »Ich könnte mir vorstellen, daß hier 'ne ganze Menge alter Freunde von Ihnen herumhängen, die Sie wiedersehen wollen. Nehmen Sie sich den Rest der Woche Zeit, um sich wieder zurecht-zufinden. Und dann setzen Sie sich am kommenden Montag an die Arbeit, die ich Ihnen gerade beschrieben habe.

Einverstanden?«

»Einverstanden. Zuallererst suche ich mal die Gruppe auf und versuche, ihnen einen Eindruck von den neuen Aufgaben zu vermitteln. Ich glaube, daß sie davon begei-stert sein werden. Wer weiß... vielleicht haben sie bis zum Montag die Hälfte bereits für mich organisiert, wenn sie sich jetzt schon Gedanken darüber machen.« Er richtete seine Augen fragend auf Caldwell. »Dafür bezahlen Sie mich doch, oder?«

»Ich bezahle Sie für Ihr kluges Köpfchen«, grunzte Caldwell.

»Was Sie gerade sagten, nennt man ›delegieren‹. Wenn Sie delegieren wollen, nenne ich das ›sein kluges Köpfchen einsetzen‹. Machen Sie, was Ihnen richtig erscheint.«

Hunt verbrachte den Rest des Tages mit seiner alten Gruppe und machte sich mit einigen Aspekten ihrer vorangeschrittenen Arbeit vertraut – sie hatten während der ganzen Zeit übrigens nahezu tagtäglich wegen allgemeiner Probleme in Kontakt miteinander gestanden – und vermittelte ihnen seinen neusten Arbeitsauftrag von Caldwell.

Danach war an kein Fortkommen mehr zu denken. Stundenlang fragten sie ihn nach jedem Informationsschnipsel-chen aus, das er über ganymedische Wissenschaftstheorie und Technologie behalten hatte, ließen ihn sogar beim Lunch nicht zur Ruhe kommen und kitzelten eine Zusicherung aus ihm heraus, die besagte, daß er sich um das Erscheinen eines oder gar zweier ganymedischer Wissenschaftler kümmern werde, die ihnen auf einem intensiv angelegten Teach-in Rede und Antwort stehen sollten. Wenigstens würde er mit seinen Leuten dort keinerlei Motiva-tionsschwierigkeiten bekommen, dachte er bei sich, als er sich um neun Uhr abends auf den Heimweg machte.

Am nächsten Morgen versuchte er jedoch, den Teil des Gebäudes des Navkomm-Hauptquartiers zu meiden, das seine Arbeitsräume enthielt. Statt dessen rief er zuallererst einen weiteren alten Freund an – Don Maddson, den Chef der Linguistikabteilung. Dons Team hatte in Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten und Forschungsinstituten überall auf der Welt die wichtigste Rolle bei der lunarischen Saga gespielt, indem es das Rätsel der lunarischen Sprache entwirrte. Zunächst waren dabei die Aufzeichnungen verwendet worden, die unter den Besitztümern Charlies gefunden wurden, und später eine Ansammlung von Mikrofilmen, die in der Nähe des Kraters Tycho aufgetaucht waren. Ohne die Übersetzungen wäre nicht einmal die logische Schlußfolgerung möglich gewesen, daß Lunarier und Ganymeder vom gleichen Planeten gekommen waren.

Hunt blieb vor der Tür zu Maddsons Büro stehen, klopfte leicht an und trat dann ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Maddson saß hinter seinem Schreibtisch und las gerade ein Arbeitsblatt, das von einem der Papierhaufen stammte, ohne die man sich sein Büro einfach nicht vorstellen konnte. Er blickte auf, stierte ihn einen Augenblick lang ungläubig an, dann verzog sich sein Mund von einem Ohr zum anderen.

»Vic! Was zum...« Er erhob sich halbwegs von seinem Sessel und schüttelte Hunts ausgestreckte Hand heftig.

»Prima, daß man Sie mal wieder sieht... prima. Ich wußte, daß Sie wieder zurück auf der Erde sind, aber keiner erzählte mir, daß Sie in den Staaten...« Er deutete auf einen Lehnstuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches. »Set-zen Sie sich, setzen Sie sich... Wann sind Sie reingekommen?«

»Gestern morgen«, antwortete Hunt und machte es sich bequem. »Ich hatte einen Termin mit Gregg und kam dann überhaupt nicht mehr von diesen Kerlen der Gruppe L los.

Gregg will, daß wir uns Gedanken über die Abfassung eines Kompendiums machen, das die ganymedische Wissenschaft betrifft. Die sind alle völlig versessen darauf, damit anzufangen... haben mich bis weiß Gott wann gestern abend in der Ocean Bar erzählen lassen.«

»Ganymeder, so?« sagte Maddson und lachte. »Ich dachte, Sie hätten uns vielleicht einen mitgebracht.«

»Drüben im Westwood ist zur Zeit ein ganzer Haufen mit Chris Danchekker zugange.«

»Ja. Ich weiß davon. Ihr Besuch ist später hier vorgesehen. Die Burschen hier sind vor Erwartung schon ganz nervös. Sie können's gar nicht abwarten.« Maddson lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte Hunt über seine ge-falteten Hände hinweg sekundenlang an. Schließlich schüttelte er mit dem Kopf. »Hm, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, Vic. Schon so lange her... es gibt so viele Fragen... schätze, es gibt genug davon, um uns den ganzen Tag lang quatschen zu lassen, wie? Vielleicht haben Sie aber auch die Schnauze voll davon, daß Ihnen die Leute permanent die gleichen Fragen stellen?«

»Ganz und gar nicht«, sagte Hunt. »Aber warum heben wir uns das nicht alles bis zum Lunch auf? Vielleicht wollen noch ein paar andere mitkommen, und dann brauche ich's für alle nur einmal zu erzählen. Sonst könnte ich die Schnauze vollkriegen, und das bringt's dann nicht.«

»Klasse Idee«, stimmte ihm Maddson zu. »Wir heben diesen Gegenstand bis zum Lunch auf. Vorher können Sie jedoch mal raten, in was wir uns jetzt reingekniet haben.«

»Wer?«

»Wir... die Sektion... die Linguistische.«

»In was?«

Maddson holte tief Luft, starrte Hunt geradewegs in die Augen und begann damit, eine Aneinanderreihung völlig sinnloser Silben mit tiefer, gutturaler Stimme hervorzusto-

ßen. Dann lehnte er sich zurück und strahlte stolz – sein Gesichtsausdruck sollte wohl Hunt dazu veranlassen, die unterschwellige Herausforderung anzunehmen.

»Was, zum Donnerwetter, haben Sie denn da von sich gegeben?« fragte Hunt, als traue er seinen Ohren nicht.

»Nicht einmal Sie wissen das?«

»Warum sollte ich denn?«

Maddson amüsierte sich offenbar königlich. »Das, mein Lieber, war Ganymedisch«, sagte er.

»Ganymedisch?«

»Ganymedisch!«

Hunt starrte ihn erstaunt an. »Wie um alles in der Welt haben Sie das denn gelernt?«

Maddson wartete noch einen Augenblick lang, um Hunts Überraschung ausgiebig zu genießen, und deutete dann auf den Bildschirm, der auf der einen Seite seines Schreibtisches stand.

»Wir verfügen über einen direkten Kanal zu ZORAC«, sagte er. »Seitdem er mit dem Kommunikationsnetz der Erde gekoppelt ist, können Sie sich ja vorstellen, daß ein ungeheuerlicher Ansturm auf die Anschlußplätze losge-gangen ist. Aber da wir bei der UNWO sind, genießen wir natürlich den höchsten Vorrang. Das ist vielleicht eine Maschine.«

Hunt war in der Tat sehr beeindruckt. »So, ZORAC hat Ihnen also ganymedisch beigebracht, wie?« sagte er. »Das ist doch typisch. Ich hätte mir denken können, daß Sie sich eine solche Chance nicht entgehen lassen würden.«

»Es ist eine interessante Sprache«, erläuterte Maddson.

»Sie ist offenbar im Verlauf eines langen Zeitraumes ausgereift und ausgiebig rationalisiert worden – kaum irgendwelche unregelmäßigen Formen und keinerlei schwammige Begrifflichkeiten. Was die Struktur betrifft, so ist sie relativ einfach zu lernen, aber der Tonfall und die Flexion der Vo-kale sind für einen Menschen unnatürlich. Das ist das Schwierigste.« Er machte eine wegwerfende Geste. »Die ganze Sache dient natürlich rein akademischen Zwecken...

Aber wie Sie richtig bemerkten – eine solche Chance konnten wir uns nicht entgehen lassen.«

»Wie sieht's mit den lunarischen Texten von Tycho aus?« fragte Hunt. »Haben Sie mit dem Rest auch Fortschritte erzielen können?«

»Das können Sie mir glauben.« Maddson deutete gesti-kulierend zu den Stapeln von Papiermaterial hinüber, die seinen Schreibtisch bedeckten und darüber hinaus auf einem Tisch lagen, der an einer Wand seines Büros stand.

»Wir alle sind hier ganz schön beschäftigt gewesen.«

Maddson ging dazu über, einige Einzelheiten zu beschreiben, die sein Linguistenteam während Hunts Abwesenheit hatte aufarbeiten können und die Auskunft über die lunarische Kultur und ihre Organisationsformen vor fünfzigtausend Jahren auf dem Planeten Minerva gaben. Da gab es eine flüchtig hingeworfene Abhandlung über die von Kriegen heimgesuchte Geschichte Minervas, einige ausführliche Karten von Teilen der Planetenoberfläche mit den entsprechenden geographischen, klimatischen, agri-kulturellen und industriellen Gegebenheiten, eine ausführ-lichere Abhandlung über die Verpflichtungen und Aufgaben gegenüber dem Staat, der ein totalitaristisches Gebilde darstellte, halb Festung, halb Fabrik, eine Beschreibung der eingeborenen Lebensformen Minervas, so wie sie aus fos-silen Überresten rekonstruierbar waren, und einige Hypo-thesen über mögliche Ursachen ihres abrupten Aussterbens vor fünfundzwanzig Millionen Jahren. Es gab zahlreiche Verweise zu der älteren Rasse, die den Planeten bewohnt hatte, bevor die Lunarier aufgetreten waren. Offenbar hatte eine Zivilisation wie die ganymedische niemals verschwinden können, ohne in ausreichendem Maße Zeugnisse für die Nachwelt zu hinterlassen. Die Lunarier hatten sich über die Überreste der ganymedischen Städte gewundert, ihre atemberaubenden Maschinen studiert, ohne dadurch viel schlauer geworden zu sein, und ein halbwegs verständli-ches Bild von der einstigen Beschaffenheit ihrer Welt erstellt. In den meisten ihrer Aufzeichnungen hatten sich die Lunarier auf die Ganymeder bezogen, indem sie diese als

›Riesen‹ bezeichneten.

Schließlich, nachdem sie sich länger als eine Stunde unterhalten hatten, zog Maddson unter anderem Papierkram einige Karten hervor und breitete sie aus, damit Hunt sie sich näher ansehen konnte. Auf ihnen waren verschiedene Ansichten eines nächtlichen Himmels abgebildet, der Sternkonstellationen aufwies, die Hunt nicht unmittelbar vertraut erschienen. Bezeichnungen, die Hunt als in lunarischer Sprache geschrieben erkannte, standen überall auf den Karten. Unter jedem dieser Zeichen war in kleineren Lettern die englischen Entsprechungen eingefügt worden.

»Die könnten Sie interessieren, Vic«, sagte Maddson, der immer noch vor Eifer überschäumte. »Sternenkarten, die vor fünfzigtausend Jahren von lunarischen Astronomen gezeichnet wurden. Wenn Sie die eine Weile lang angesehen haben, können Sie alle Ihnen vertrauten Konstellationen ausmachen. Es sind da einige Abweichungen im Vergleich zu heute, weil natürlich einige relative Verschiebun-gen stattgefunden haben. Wir haben tatsächlich diese Kar-

ten einigen Astronomen beim Hale-Observatorium vorgelegt, die aus den Abweichungen ganz exakt das Alter der Karten errechnen konnten. Und es ergaben sich kaum Dif-ferenzen zu den fünfzigtausend Jahren, von denen wir ausgegangen waren.«

Hunt erwiderte nichts, sondern beugte sich vor, um die Karten eingehend zu betrachten. Das war eine faszinierende Sache – eine Aufzeichnung der Sternenkonstellatio-nen, so wie sie sich auf dem Höhepunkt der lunarischen Zivilisation, unmittelbar vor ihrem katastrophalen Untergang, dargestellt hatten. Wie Maddson gesagt hatte – alle bekannten Sternbilder waren da, aber geringfügig verändert, verglichen mit den heutigen. Was ihre Identifikation zudem erschwerte, waren die Linien, die überall auf den Karten gezogen worden waren, um Gruppen von stärker hervorstechenden Sternen miteinander zu verbinden, so daß Gebilde entstanden waren, die keinerlei Ähnlichkeit mit den bekannten Konstellationen besaßen. Diese Linien hatten die Tendenz, das Auge auf ungewohnte Pfade zu lok-ken und die bekannten Sterngruppierungen zu verschleiern.

Da war zum Beispiel der Orion. Er erschien jedoch nicht in Form einer in sich geschlossenen Konstellation – ein Teil bildete eine selbständige Subgruppierung, während der andere vom Rest Orions abgetrennt war und mit dem normalerweise davon separaten Parallelogramm des Hasen eine andersgeartete Einheit bildete. Daher benötigte man Zeit, um die beiden Teile des Orion zu erkennen und sie vor dem geistigen Auge wieder zu vereinen, bevor man entdeckte, daß es überhaupt so etwas wie einen Orion gab.

»Aha«, sagte Hunt schließlich gedankenschwer. »Sie as-soziierten also genau wie wir heute Bilder mit den Sternen, nur eben andere. Man braucht eine Zeitlang, bis man sich daran gewöhnt hat, nicht wahr?«

»Ja – interessant, nicht?« stimmte ihm Maddson zu. »Sie sahen nicht allein andere Figuren, sondern gruppierten die Sterne auch auf unterschiedliche Art und Weise. Das kann einen ja eigentlich auch nicht sehr verwundern – ich habe ja schon immer gesagt, die Sterngucker haben mehr Hunde im Kopf als es im Sternbild des Großen Hundes gibt. Dennoch ist es sehr aufschlußreich zu erfahren, daß das Gehirn der Lunarier im Prinzip wie das unsere gearbeitet hat...«

»Was ist das?« fragte Hunt einen Augenblick später. Er wies auf ein Muster, das sich auf der linken Seite der von ihm betrachteten Karte befand. Die Lunarier hatten eine große Konstellation geschaffen, indem sie die Sternbilder des Herkules, der Schlange, der Nördlichen Krone und einen Teil des Bärenhüters miteinander verbunden und somit ein Gebilde geschaffen hatten, das einem Seestern glich.

Die Übersetzung der Bezeichnung lautete einfach Der Riese.

»Ich hatte mich gefragt, ob Sie das entdecken würden«, sagte Maddson und nickte beipflichtend. »Also, wie wir wissen, hatten die Lunarier genau in Erfahrung gebracht, daß die Ganymeder vor ihnen existiert hatten. Schätze, daß sie irgendwie eines ihrer Sternbilder danach benannt haben... so 'ne Art Ehrung oder was in der Richtung.« Er wischte mit der Hand über die gesamte Fläche der Karte.

»Wie Sie sehen können, haben sie ihre Konstellationen nach allen möglichen Dingen bezeichnet, hauptsächlich jedoch nach Tieren, genau wie das bei uns geschehen ist.

Ich vermute, daß auf gewisse Weise dazu eine Art natürlicher Tendenz bestehen muß.« Er deutete erneut auf das Sternbild, auf das Hunt aufmerksam geworden war. »Wenn Sie ein wenig Phantasie haben, können Sie etwas darin erkennen, was vage an den Umriß eines Ganymeders erinnert... ich jedenfalls. Ich meine... im Herkules kann man den Kopf erkennen und die beiden erhobenen Arme... die Schlange bildet ein leicht gekrümmtes Bein, das nachge-schleppt wird... und die Linien durch die Nördliche Krone, die hinab zum Arkturus führen, ergeben das andere Bein.

Können Sie's erkennen? Es sieht ungefähr so aus wie eine Gestalt, die rennt oder springt.«

»Hm – ja, doch«, stimmte Hunt zu. Einen Moment lang verrieten seine Augen seine Geistesabwesenheit, dann fuhr er fort: »Ich verrate Ihnen, was wir noch daraus entnehmen können. Don – die Lunarier wußten bereits im sehr frühen Verlauf ihrer Geschichte über die Ganymeder Bescheid –nicht erst später, nachdem sie wissenschaftlich zu denken begonnen hatten.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Na, schauen Sie sich doch mal die Namen an, die sie all ihren Konstellationen gegeben haben. Wie Sie bereits sagten – es sind einfache, alltägliche Dinge, Tiere und so weiter. Genau solche Namen denken sich einfache, primitive Leute aus... Namen, die von Dingen herrühren, die sie in der Welt um sich herum erblicken. Die Namen unserer Konstellationen sind auf genau die gleiche Art und Weise entstanden.«

»Sie meinen, daß diese Namen aus Urzeiten überliefert wurden«, sagte Maddson. »Über Generationen hinweg...

aus den frühen Zeiten, in denen die Lunarier an den Anfängen ihrer Zivilisation standen. Ja, ich glaube, Sie könnten recht haben.« Er legte eine Gedankenpause ein. »Ich sehe jetzt, was Sie meinen... Das Bild, das sie Riese nannten, wurde vermutlich zur gleichen Zeit so getauft wie die übrigen auch. Und die wurden benannt, als die Ganymeder noch primitiv waren, daher wurde der Riese auch entsprechend getauft, als sie noch primitiv waren. Logische Schlußfolgerung: Die Lunarier wußten von Anfang an über die Ganymeder Bescheid. Ja – das kaufe ich Ihnen ab... ich meine, so überraschend ist's ja nun auch wieder nicht.

Schließlich müssen sich ja überall auf dem Planeten alle möglichen Überbleibsel der Ganymeder befunden haben, nach dem zu urteilen, was sie uns von ihrer Zivilisation gezeigt haben. Die frühen Lunarier konnten das kaum übersehen, egal wie primitiv sie waren. Sie brauchten nur ihre Augen dazu.«

»Kein Wunder, daß ihre Schriften und Legenden hin-länglich Bezüge zu den Riesen aufweisen«, sagte Hunt.

»Dieses Wissen muß einen wahnsinnigen Einfluß auf ihre Zivilisation und ihre Denkweise gehabt haben. Stellen Sie sich mal vor, was für ein Unterschied das gewesen wäre, wenn die Sumerer die eindeutigen Spuren einer langver-gessenen, technologisch weit vorangeschrittenen Rasse in ihrem Umfeld gesehen hätten. Sie hätten – he, was ist das?« Hunt hatte seinen Blick beim Sprechen müßig über die restlichen Karten schweifen lassen. Plötzlich hielt er inne und starrte eingehend auf eine davon und deutete zugleich mit dem Finger auf eine der Bezeichnungen. In diesem Falle bezog sie sich nicht auf eine Sternenkonstellation, sondern auf einen einzigen Stern, der allein stand und relativ schwach leuchtete. Die Bezeichnung jedoch war in klar hervorstechenden lunarischen Buchstaben verfaßt. In der Übersetzung lautete sie: Der Stern der Riesen.

»Irgendwas nicht in Ordnung?« fragte Maddson.

»Doch, doch... ich bin nur ein wenig verwirrt.« Hunt runzelte die Stirn. »Dieser Stern... er befindet sich auf keinen Fall in der Nähe der Konstellation, die so ähnlich heißt.

Die ist in einer völlig anderen Hemisphäre, in der Nähe des Stieres... und dennoch heißt dieser einzelne Stern so. Ich frage mich, warum sie ihm diesen Namen verpaßt haben.«

»Warum nicht?« fragte Maddson achselzuckend.

»Warum hätten sie ihm nicht diesen Namen geben sollen?

Genausogut wie jeden anderen auch. Vielleicht sind ihnen die Namen ausgegangen.«

Hunt blickte immer noch verstört drein.

»Aber er leuchtet so schwach«, sagte er langsam. »Don, hat die unterschiedliche Helligkeit der Sterne auf diesen Karten etwas zu bedeuten? Also – hatten sie die Gewohnheit, die helleren Sterne größer darzustellen, so wie das bei uns der Fall ist?«

»Das war in der Tat der Fall«, antwortete Maddson.

»Aber was hat das zu bedeuten? Hat es denn wirklich...«

»Was ist dies für ein Stern?« fragte Hunt, der nun ganz offensichtlich fasziniert war und offenbar nicht zuhörte.

»Was weiß ich?« Maddson breitete beide Arme aus.

»Ich bin kein Astronom. Ist das denn wichtig?«

»Allerdings.« Hunts Stimme klang merkwürdig weich und immer noch weit entfernt.

»Wie das?«

»Sehen Sie es mal aus folgender Perspektive: Es scheint sich mir um einen sehr schwachen Stern zu handeln – von vierter, fünfter oder vielleicht sogar geringerer Größenordnung. Ich frage mich irgendwie, ob dieser Stern vom Sonnensystem aus überhaupt mit bloßem Auge zu erkennen ist.

Wenn dem so wäre, dann hätte er erst entdeckt werden können, nachdem die Lunarier Teleskope erfunden hatten.

Richtig?«

»Das kommt hin«, stimmte ihm Maddson zu. »Na und?«

»Na, kehren wir mal zu dem Namen zurück. Sehen Sie, diese Art der Bezeichnung – Der Stern der Riesen – stimmt mit den übrigen überein. Von einem Namen dieser Art kann man sich vorstellen, daß ihn sich die Urahnen der lunarischen Rasse ausgedacht haben. Was ist aber nun, wenn die Urahnen dieser lunarischen Rasse nichts von ihm wissen konnten... einfach, weil sie ihn niemals zu Gesicht bekommen hatten? Das heißt doch, daß der Name erst später gegeben worden sein muß, nachdem die Wissenschaft der Astronomie einen gewissen Entwicklungsstand erreicht hatte, der von der ebenfalls höherentwickelten Zivilisation, die später kam, initiiert wurde. Warum sollte aber eine Zivilisation mit hohem Entwicklungsstand dem Stern einen solchen Namen geben?«

Langsam drückten Maddsons Züge ein wachsendes Verständnis aus. Er blickte erneut Hunt an, war jedoch von den Implikationen so überrascht, daß er nichts herausbrachte.

Hunt bemerkte und interpretierte diesen Gesichtsausdruck und nickte, um dann zu bestätigen, was Maddson gerade dachte.

»Ganz genau. Wir müssen heutzutage im dunkeln her-umtappen, um überhaupt irgendwelche Zeugnisse von Überbleibseln der Ganymeder ausfindig zu machen. Die lunarischen Wissenschaftler waren mit diesem Problem nicht konfrontiert, weil sie über etwas verfügten, das wir heute nicht mehr haben – den Planeten Minerva, intakt, direkt unter ihren Füßen, zweifelsohne mit genügend Be-

weismaterial und Hinweisen, die überall vergraben waren und sie über Generationen hinweg beschäftigt hielten.« Er nickte erneut als Antwort auf Maddsons ungläubigen Blick.

»Sie müssen eine ziemlich vollständige Aufstellung über die Aktivitäten der Ganymeder erarbeitet haben, ganz zweifellos. Aber das gesamte Beweismaterial, mit dem sie dies vermocht hatten, ging zusammen mit ihnen verloren.«

Hunt legte eine Pause ein und zog langsam sein Zigarettenetui aus seiner inneren Jackentasche hervor. Dabei überprüfte er noch einmal geschwind im Kopf seinen Ar-gumentationsstrang.

»Ich frage mich, was sie über den Stern wußten, den wir nicht kennen«, sagte er schließlich. Seine Stimme war nun sehr ruhig geworden. »Ich frage mich, was sie denn eigentlich über diesen Stern wußten und was sie dazu veranlaßte, ihm diesen Namen zu geben. Wir nehmen seit langem an, daß die Riesen eventuell in ein anderes Planetensystem ausgewandert sind, wir konnten das jedoch bislang nicht mit Sicherheit beweisen oder gar angeben, um welchen Stern es sich denn nun gehandelt hat. Und nun kommt das hier zum Vorschein...«

Hunt hielt inne, sein Feuerzeug erstarrte in der Hand, auf halbem Weg zu seiner Zigarette. »Don«, sagte er. »Ist Ihnen in Ihrem Leben schon mal aufgefallen, daß ab und zu plötzlich das Schicksal auftaucht und Ihnen beisteht?«

»Darüber hab' ich noch niemals richtig nachgedacht«, gab Maddson zu. »Aber wo Sie es jetzt erwähnen, glaube ich, daß ich Ihnen zustimmen muß.«

21

Im Laufe der Zeit wuchs die Erfahrung der ganymedischen Wissenschaftler im Umgang mit ihren Kollegen von der Erde. In einigen Bereichen trugen die Informationen, die von den Außerirdischen geliefert wurden, in entscheiden-dem Maße zu Fortschritten im menschlichen Wissen bei.

Landkarten, die aus den Datenspeichern von ZORAC

angefertigt wurden, gaben die Erdoberfläche wieder, wie sie zur Zeit der frühen minervischen Expeditionen ausgesehen hatte, das Zeitalter des späten Oligozän betreffend.

Diese Karten stellten einen Atlantischen Ozean dar, der lediglich über etwas mehr als die halbe Breite seiner aktu-ellen Ausdehnung verfügte. Dadurch wurde angezeigt, daß zu dieser Zeit der amerikanische Kontinent noch nicht übermäßig lange zerbrochen war. Das Mittelmeer war viel breiter, Italien befand sich in einer halb gedrehten Lage, kurz davor, von Afrikas schonungslosem Drängen gen Norden in die Masse des europäischen Kontinentes hinein-gedrückt zu werden und die Alpen aufzuwerfen. Indien hatte soeben Asien berührt und ließ durch den dabei entstehenden Druck den Himalaya entstehen. Australien befand sich viel näher bei Afrika. Genaue Vermessungen dieser Karten ermöglichten eine gründliche Examinierung gängi-ger Theorien über geologische Verwürfe und warfen ein gänzlich neues Licht auf viele Aspekte der irdischen Wissenschaften.

Dabei lehnten es die Ganymeder die gesamte Zeit hindurch ab, genaue Angaben über den Bereich ihrer ehemali-gen Versuchskolonien zu machen oder Aussagen darüber zu treffen, welche Gebiete von den ökologischen Katastro-

phen heimgesucht worden waren die sie ausgelöst hatten.

Diese Dinge, so sagten sie, sollte man am besten dort ruhen lassen, wo sie hingehörten: in der Vergangenheit.

In physikalischen Instituten und in Universitäten überall auf der Welt enthüllten die Ganymeder die Rudimente und grundlegenden Anschauungen der theoretischen Basis der entwickelten Wissenschaft, die zum Entstehen ihrer Technologie der Schwerkraftbeherrschung geführt hatten. Dabei lieferten sie keine Blaupausen für die Konstruktion von Apparaten und Gerätschaften, deren Prinzipien nicht verstanden worden wären und deren Einführung verfrühten Charakter gehabt hätte. Sie gaben lediglich grobe Richtlinien an die Hand. Sie erklärten, daß der Mensch auf seine eigene Art und Weise die entsprechenden Einzelheiten herausfinden würde, und wenn er das geschafft hätte, würden sie mit der Vorführung der Geräte nicht auf sich warten lassen.

Die Ganymeder entwarfen auch leuchtende und vielver-sprechende Bilder von der Zukunft, indem sie den unbegrenzten Überfluß der Rohstoffquellen beschrieben, die das Universum anzubieten hatte. Alle Substanzen, so stellten sie klar, wurden von den gleichen Atomen gebildet und mit Hilfe des entsprechenden Wissens und der ausreichenden Energie konnte alles, was benötigt wurde – Metalle, Kri-stalle, organische Polymerverbindungen, Öle, Zucker und Proteine –, aus reichlich vorhandenen und frei verfügbaren Materialien synthetisch erzeugt werden. Energie wartete nur darauf, in Quantitäten gespeichert zu werden, von denen man sich keinen Begriff machen konnte – der Mensch stand am Rande dieser Entdeckung. Bezogen auf den Ge-samtausstoß von Sonnenenergie in das Weltall, wurde we-

niger als der tausendste Teil eines Billionstels von der Erdscheibe aufgefangen. Fast die Hälfte davon wurde wieder in den Raum zurückreflektiert, und von den übrigen Teilen, die tatsächlich zur Oberfläche vordrangen, wurde bisher lediglich ein winziger Teil nützlichen Zwecken zugeführt.

Die Ganymeder nahmen Anleihen beim Jargon irdischer Wirtschaftsfachleute, indem sie die winzigen Energievor-räte, die in der einen oder anderen Weise auf der Erdoberfläche vorhanden waren, als das menschliche Startkapital bezeichneten. Künftige Generationen, so sagten sie voraus, würden das Apollo-Unternehmen als die erste Anzahlung für die beste Langzeitinvestition bezeichnen, die der Mensch jemals gemacht hatte.

Als die Monate verstrichen, verbanden sich die beiden Kulturen enger miteinander und erreichten einen derartigen Einklang, daß es für viele Leute den Anschein hatte, die Riesen seien schon immer dagewesen. Die Shapieron flog auf dem Globus hin und her und machte ein oder zwei Tage lang Station auf den meisten großen Flughäfen der Welt, wobei Zehntausende von Besuchern angelockt wurden. Bei mehreren Anlässen trug sie ausgesuchte Gruppen von Menschen in einstündigen Flügen um den Mond herum und wieder zurück! Jedermann, der über einen Zugang zu einem Anschluß an das Kommunikationssystem der Erde verfügte und dem es gelang, durch die ständig verstopften Leitungen hindurchzukommen, konnte mit ZORAC kommunizieren. Eine ganze Anzahl von Kanälen waren ständig für die Benutzung durch Schulen reserviert.

Trotz ihres fortgeschrittenen Alters entwickelten viele der jüngeren Ganymeder eine Vorliebe für Baseball, Fußball und andere Sportarten – Freizeitvergnügungen dieser Art waren ihnen in ihrer früheren Existenz unbekannt gewesen, da sie ja niemals aus dem Schiff herausgekommen waren.

Es dauerte nicht lange, da hatten sie dann auch ihre eigenen Mannschaften gebildet, um ihre irdischen Gegner heraus-zufordern. Zuerst war ihre ältere Generation von diesem Gang der Dinge etwas befremdet, später argumentierte man jedoch, daß der Gedanke des Wettbewerbes den Menschen offenbar in recht kurzer Zeit sehr weit vorangebracht hatte.

Vielleicht würde eine geringe Dosierung des irdischen Willens zum Gewinnen in Verbindung mit der ganymedischen Fähigkeit zur Analyse eines Prozeßcharakters keine schlechte Mischung ergeben.

Sechs Monate lang bereisten die Ganymeder jede einzelne Nation der Erde und lernten dabei die jeweiligen Ei-genheiten kennen, nahmen ihre Kultur in sich auf, lernten ihre Bevölkerung kennen – Leute von hohem und niederem Stand, die Reichen, die Armen, die Unbekannten und die Berühmten. Nach einer gewissen Zeit wurden sie nicht länger mehr als die ›Außerirdischen‹ angesehen. Sie wurden einfach zu einem neuen Faktor in einer Umgebung, von der die Bewohner der Erde mittlerweile bereitwillig gewohnt waren, daß sie permanentem Wandel unterworfen war.

Hunt bemerkte erneut, diesmal in Maßstäben, die den gesamten Erdball betrafen, die gleiche Sache, die er auf Pithead im Verlauf der einen Woche bemerkt hatte, in der die Ganymeder zum Pluto geflogen waren – sie schienen zur Erde zu gehören. Ohne ihre fortwährende Anwesenheit oder ihr Auftauchen in den Schlagzeilen der Presse wäre die Erde irgendwie ärmer gewesen.

Dann plötzlich lief eines Tages in Windeseile die Nach-

richt um die Erde, daß Garuth in Kürze allen Bewohnern der Erde über das Kommunikationssystem des Planeten eine wichtige Mitteilung machen werde. Über den Inhalt dieser Verlautbarung wurden keinerlei Andeutungen gemacht, irgendwie jedoch lag etwas in der Luft, das nach einer bedeutsamen Entwicklung schmeckte. Als der Abend nahte, an dem Garuths Rede gehalten werden sollte, saßen die Bewohner der ganzen Welt vor Milliarden von Bild-schirmen und warteten gespannt.

Garuth redete lange über die Ereignisse, die sich seit der Ankunft der Ganymeder ereignet hatten. Er verwies kurz auf die meisten der Sehenswürdigkeiten, die er und seine Begleiter zu Gesicht bekommen hatten, auf die Orte, die sie besucht, und auf die Dinge, die sie gelernt hatten. Er drückte erneut den hohen Grad an Verwunderung aus, den die Ganymeder empfunden hatten angesichts der Rastlo-sigkeit, der Energie und des ungeduldig überschäumenden Lebens, die sie an jedem Ort dieser Welt vorgefunden hatten, die er als ›diese eure Welt, die wir uns nicht hätten träumen lassen‹ bezeichnete. Und er drückte im Namen seiner gesamten Rasse ihre Dankbarkeit gegenüber den Regierungen und den Menschen des Planeten aus, die ihnen Zuneigung, Gastfreundschaft und grenzenlose Freigie-bigkeit hatten zuteil werden lassen und die ihnen angeboten hatten, die Welt gemeinsam mit ihnen zu bewohnen.

Dann jedoch wurde sein Ausdruck, der die ganze Zeit über etwas Feierliches an sich gehabt hatte, um eine Nuance düsterer. »Wie die meisten von Ihnen wissen, meine Freunde, sind seit langem Vermutungen darüber angestellt worden, daß vor langer Zeit, irgendwann nach dem Aufbruch unseres Schiffes von Minerva, unsere Rasse diesen Planeten für immer verlassen hat, um an einem anderen Ort nach einer neuen Heimat zu suchen. Es gibt nun Anzeichen, daß es sich bei dieser neuen Heimat um einen Planeten einer weit entfernt liegenden Sonne handelt – eines Sterns, der unter dem Namen Der Stern der Riesen bekannt geworden ist.

Diese beiden Überlegungen müssen jedoch einstweilen rein spekulativer Natur bleiben. Die Wissenschaftler unserer beider Rassen arbeiten nunmehr seit vielen Monaten zusammen, studieren die lunarischen Dokumente und verfolgen jeden Anhaltspunkt, der die Glaubhaftigkeit dieser Überlegungen stützen könnte. Ich muß Ihnen mitteilen, daß sich diese Bemühungen bislang als fruchtlos erwiesen haben. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, daß es sich bei dem Stern der Riesen tatsächlich um die neue Heimat unserer Rasse handelt. Wir können nicht einmal mit Gewißheit davon ausgehen, daß unsere Rasse überhaupt in eine neue Heimat ausgewandert ist.

Dessen ungeachtet besteht jedoch die Möglichkeit, daß sich die entsprechenden Überlegungen bewahrheiten.«

Das lange Gesicht schwieg und starrte angestrengt in die Kamera, für die Dauer einer Zeit, die den Zuschauern lang vorkommen mußte. Es lastete ein Ausdruck auf ihm, der fast das Gefühl trug, als könnten die Zuschauer vor den Schirmen auf der ganzen Welt bereits jetzt und unmittelbar ahnen, was er als nächstes sagen wollte.

»Ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß mein Offi-ziersstab und ich diese Fragen ausgiebig diskutiert und überprüft haben. Wir haben uns entschlossen, trotz offenbar geringer Erfolgsaussichten den Versuch zur Beantwortung dieser Fragen zu unternehmen. Das Sonnensystem war einstmals unsere Heimat, aber heute ist dies eben nicht mehr der Fall. Wir müssen erneut in die Leere des Alls aufbrechen und unsere Rasse suchen.«

Er schwieg erneut, um den Sinn seiner Worte wirken zu lassen.

»Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Mein Volk hat eine große Spanne seines natürlichen Lebens damit zugebracht, in den Tiefen des Weltalls herumzuirren.

Unsere Kinder haben niemals eine Heimat besessen. Wir wissen, daß eine Reise zum Stern der Riesen viele Jahre lang dauern wird. Natürlich sind wir in mancherlei Hinsicht traurig, aber wir müssen letztlich, in gleichem Maße wie auch Sie, unseren Instinkten gehorchen. Tief im Inneren könnte niemals Ruhe einkehren, bevor nicht die Frage nach dem Stern der Riesen endgültig beantwortet ist.

Und deshalb, meine Freunde, möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Angenehme Erinnerungen aus der Zeit, die wir hier auf der sonnenbeschienenen blauen und grünen Welt sammeln durften, werden uns begleiten. Niemals werden wir die Wärme und die Gastfreundschaft ihrer Bewohner vergessen, keinesfalls auch das, was sie für uns getan haben. Leider jedoch neigt sich unsere Anwesenheit hier ihrem Ende zu.

Heute in einer Woche werden wir aufbrechen. Sollten unsere Nachforschungen ergebnislos bleiben, so werden wir oder unsere Nachfahren zurückkehren. Das verspreche ich.«

Der Koloß hob seinen Arm zu einem letzten Gruß und neigte leicht sein Haupt.

»Dank... Dank an alle. Leben Sie... lebt wohl.«

Einige Augenblicke lang verharrte er weiterhin in dieser Pose. Dann war die Übertragung zu Ende.

Eine halbe Stunde nach Beendigung der Sendung trat Garuth aus dem Haupteingang des Konferenzzentrums in Ganyville. Er verharrte einen Moment lang und genoß die ersten Anzeichen des herannahenden Winters, die mit der Nachtluft herab von den Bergen kamen. Um ihn herum herrschte tiefe Stille, die nur ab und zu von einer einsamen Gestalt durchbrochen wurde, die durch die Bereiche des warmen, orangefarbigen Lichtes huschte, das sich aus den Fenstern hinaus auf die Passage zwischen den Holzwänden der Hütten ergoß. Die Nacht war sternenklar. Für eine lange Zeit stand er da und starrte hinauf zu den Sternen.

Dann begann er, langsam den Pfad vor ihm entlangzuwan-dern und bog dann ein in den breiten Durchgang, der zwischen den Hüttenreihen hindurch zu dem riesigen, hellerleuchteten Turm der Shapieron führte.

Er ging an einer der Stützen des Schiffes vorbei und trat hinein in den Raum, der von den vier riesigen Heckflächen überspannt wurde. Plötzlich wirkte er angesichts der emporragenden Metallschwingen, die sich hoch über seinem Haupt erhoben, nicht mehr größer als ein Zwerg. Als er sich dem Fußende einer der Rampen, die hinaufführten in das herabgelassene Heckteil, näherte und hineintrat in den hellen Lichtkegel, erhoben sich etwa ein halbes Dutzend acht Fuß hohe Gestalten aus den Schatten des Rampenen-des. Er erkannte sie sofort als Mitglieder seiner Besatzung, die sich zweifelsohne entspannten und die Ruhe der Nacht genossen. Als er sich ihnen näherte, erkannte er aus der Art und Weise, wie sie dastanden und wie sie ihn ansahen, daß sich etwas verändert hatte. Normalerweise hätten sie eine joviale Bemerkung gemacht oder einen enthusiastischen Gruß dargeboten, nun jedoch geschah nichts dergleichen.

Sie standen einfach nur da, schweigend und zurückhaltend.

Als er die Rampe erreicht hatte, traten sie zurück, um ihn vorbeizulassen, und hoben ihre Hände, um seinem Rang die Ehre zu erweisen. Garuth erwiderte den Gruß und ging zwischen ihnen hindurch. Er stellte dabei fest, daß sie seine Augen mieden. Keiner sprach ein Wort. Er wußte, daß sie die Übertragung gesehen hatten, und er wußte, was sie empfanden. Es gab nichts, was er ihnen hätte sagen können.

Er gelangte zur höchsten Erhebung der Rampe, stieg durch die geöffnete Luftschleuse und durchschritt den dahinterliegenden langen Raum, um den Fahrstuhl zu betreten, den ihm ZORAC reserviert hatte. Wenige Augenblicke später wurde er mit großer Geschwindigkeit hinauf in den Rumpf der Shapieron befördert.

Er trat in einer Höhe von einhundertsechzig Metern über dem Erdboden aus dem Fahrstuhl und folgte einem kurzen Gang bis hin zu einer Tür, die ihn in seine Privaträume führte. Shilohin, Monchar und Jassilane erwarteten ihn, und ein jeder von ihnen hatte eine andere sitzende Position im Raum eingenommen. Einen Moment lang blickte er auf sie herab, während sich die Tür geräuschlos hinter ihm schloß. Monchar und Jassilane blickten einander unbehaglich an. Nur Shilohin hielt Garuths Blick stand, blieb dabei jedoch stumm. Garuth stieß einen langen Seufzer aus und bewegte sich dann langsamen Schritts in ihre Mitte. Einen Moment lang musterte er die metallene Tapete, welche die ihnen abgewandte Wand verzierte. Dann wandte er sich um und sah sie erneut voll an. Shilohin beobachtete ihn noch immer.

»Ihr seid immer noch nicht davon überzeugt, daß wir aufbrechen müssen«, sagte er schließlich.

Diese Bemerkung war überflüssig, aber irgend jemand mußte einfach etwas sagen. Eine Antwort erwies sich als ebenso unnötig.

Die Wissenschaftlerin wandte ihren Blick ab und sagte dann, als spräche sie zu dem niedrigen Tisch, der sich zwischen ihr und den anderen beiden befand: »Es ist die Art und Weise, wie wir umherreisen. Ohne Fragen zu stellen, wurde dir die ganze Zeit über vertraut. Über all diese Jahre hinweg... den gesamten Weg von Iscaris her... Du...«

»Einen Augenblick.« Garuth ging hinüber zu einer kleinen Schaltkonsole, die sich in der Wand dicht bei der Tür befand. »Ich glaube nicht, daß wir diese Unterhaltung hier aufzeichnen sollten.« Er legte einen Schalter um und trennte damit die Verbindung des Raumes zu ZORAC und damit natürlich auch zu den Archiven des Schiffes.

»Du weißt ganz genau, daß es keine ganymedische Zivilisation gibt, die auf dem Stern der Riesen oder irgendwo sonst auf uns wartet«, fuhr Shilohin fort. Ihre Stimme klang dabei so vorwurfsvoll wie es einem Ganymeder überhaupt möglich war. »Wir sind x-mal die lunarischen Dokumente durchgegangen. Es kommt nichts dabei heraus. Du führst unser Volk hinweg und in den Tod, irgendwo dort draußen, inmitten der Sterne. Es wird keine Rückkehr geben. Aber du läßt es zu, daß sie an Hirngespinste glauben, damit sie dir dorthin folgen, wohin du sie führst. Das sind eindeutig Methoden, deren sich die Erdbewohner bedienen, nicht jedoch Ganymeder.«

»Sie boten uns ihre Welt als Heimat an«, murmelte Jas-

silane und schüttelte den Kopf. »Zwanzig Jahre lang hat unser Volk nur von der Heimkehr geträumt. Und jetzt, da es eine Heimat gefunden hat, willst du es erneut in den leeren Raum hinausführen. Minerva ist vergangen – nichts, was in unserer Macht steht, wird daran etwas ändern können. Aber durch eine Laune des Schicksals haben wir ein neues Zuhause gefunden – hier. Das wird kein zweites Mal vorkommen.«

Plötzlich fühlte sich Garuth sehr müde. Er sank auf den freien Stuhl bei der Tür und blickte auf die drei ernsten Gesichter, die ihm nicht auswichen. Es gab nichts, was er dem hätte hinzufügen können, was nicht bereits ausgesprochen worden war. Ja, es stimmte alles. Die Bewohner der Erde hatten sein Volk begrüßt, als handle es sich um langver-mißte Brüder. Sie hatten ihnen alles angeboten, was sie besaßen. Aber in den sechs Monaten, die inzwischen vergangen waren, hatte Garuth einen tiefen Blick hinter die Kulis-sen geworfen. Er hatte geprüft, er hatte zugehört, er hatte beobachtet, er hatte gesehen.

»Heute empfangen uns die Erdbewohner mit offenen Armen«, sagte er. »In mancherlei Hinsicht sind sie jedoch noch Kinder. Sie zeigen uns ihre Welt in der Art eines Kindes, das einem Freund seine Spielkiste öffnet. Aber ein Spielkamerad, der ab und zu mal vorbeikommt, ist eine Sache – einer, der einzieht und im gleichen Hause wohnen bleibt, mit den gleichen Eigentumsrechten an der Spielkiste, ist eine ganz andere Sache.«

Garuth sah, daß seine Zuhörer überzeugt werden wollten, um zu der gleichen festen Überzeugung von der Richtigkeit der Anschauung zu gelangen, die er darüber besaß, aber es gelang ihnen nicht – im Gegensatz zu früher, wo es ein Dutzend Mal gelungen war. Aber er hatte keine andere Wahl, als das Thema erneut zu behandeln.

»Die menschliche Rasse lernt noch immer mühevoll, mit sich selbst auszukommen. Heute sind wir nichts weiter als eine Handvoll Außerirdischer – eine Neuheit. Aber eines Tages würden wir zu einer beträchtlichen Bevölkerung anwachsen. Die Erde verfügt noch nicht über die Stabilität und über die Reife, um Koexistenz in dieser Größenordnung walten zu lassen. Sie sind gerade erst dabei, sich untereinander zu tolerieren. Seht euch ihre Geschichte an. Ich bin sicher, daß sie eines Tages dazu in der Lage sein werden, aber jetzt ist die Zeit dafür noch nicht reif.

Ihr vergeßt ihren Stolz und ihren angeborenen Instinkt, in allen Dingen Konkurrenz zueinander zu entwickeln. Sie könnten niemals untätig eine Situation akzeptieren, in die sie eines Tages durch ihre Instinkte hineingebracht würden, wenn diese ihnen suggerierten, sie selbst seien unterlegen und wir die dominierenden Rivalen. Wenn eine solche Zeit käme, wären wir gezwungen, sowieso aufzubrechen, da wir uns niemals unwilligen oder aufgebrachten Gastgebern aufdrängen würden. Vorher würde es jedoch eine Menge Probleme und womöglich unerfreuliche Dinge geben. Es ist besser so.«

Shilohin vernahm seine Worte, aber noch immer prallte ihr ganzes Inneres von dem Urteilsspruch ab, der mit ihnen verbunden war.

»So, dafür würdest du dein Volk betrügen«, flüsterte sie.

»Nur, um die Geradlinigkeit der Evolution auf diesem fremden Planeten zu gewährleisten, würdest du deine eigene Rasse opfern – die letzten stolzen Überreste unserer Zivilisation. Was ist das bloß für ein Urteil?«

»Es ist nicht mein Urteil, sondern das Urteil der Zeit und des Schicksals«, gab Garuth zur Antwort. »Vor langer Zeit war das Sonnensystem ganz ohne Zweifel die Heimat unserer Rasse, aber diese Zeiten sind seit langem vorbei. Heute sind wir Eindringlinge – ein Anachronismus, ein Stück Treibgut, das vom Ozean der Zeit an den Strand getrieben wurde. Heute ist das Sonnensystem als rechtmäßiges Erbe dem Menschen zugefallen. Wir gehören hier nicht länger hin. Dies ist kein Urteil, das wir fällen, sondern eines, das von den Umständen über uns gefällt wurde. Wir haben lediglich die Aufgabe, uns dem zu unterwerfen.«

»Aber dein Volk...«, protestierte Shilohin. »Sollten sie nicht aufgeklärt werden? Haben sie nicht das Recht...?«

In einer hilflosen Geste warf sie beide Arme empor. Garuth blieb einen Moment lang stumm und schüttelte sodann langsam seinen Kopf.

»Ich werde ihnen nicht enthüllen, daß es sich bei der neuen Heimat auf dem Stern der Riesen um einen Mythos handelt«, erklärte er mit Überzeugung in der Stimme. »Das ist ein Kreuz, das allein wir zu tragen haben, die wir leiten und lenken. Sie dürfen es nicht wissen... noch nicht. Ihre Hoffnung und ihr Glaube an einen Sinn hat sie auf dem ganzen Weg, von Iscaris bis zur Sonne, genährt. Eine Zeitlang kann das erneut so sein. Wenn wir sie schon hineinführen in ihr Verderben, in einen ungerühmten und un-beweinten Tod, irgendwo draußen in den kalten Tiefen des Alls, die auf keiner Karte verzeichnet sind, dann verdienen sie wenigstens eine solche Behandlung, bevor sie mit der unausweichlichen Wahrheit konfrontiert werden. Das ist verdammt wenig verlangt.«

Für lange Zeit herrschte ein eisiges Schweigen. Shilo-

hins Blick wurde abwesend, während sie erneut über die Dinge nachdachte, die Garuth gesagt hatte. Und dann allmählich verdüsterten sich ihre Gesichtszüge. Ihre Augen wurden klar, sie hob sie empor und blickte Garuth fest an.

»Garuth«, sagte sie. Ihre Stimme war merkwürdig still und gefaßt. Alle Spuren der Gefühle, die sie noch vor kurzem empfunden hatte, waren ausgelöscht. »Ich habe so etwas niemals zuvor zu dir gesagt, aber... ich glaube dir einfach nicht.« Jassilane und Monchar blickten jäh auf. Garuth schien auf merkwürdige Weise nicht überrascht zu sein –als habe er erwartet, daß sie so etwas sagen würde. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und starrte auf das Ta-petenmuster an der Wand. Dann wandte er ihr langsam seine Augen zu.

»Was glaubst du mir nicht, Shilohin?«

»Deine Gründe... alles, was du in den letzten Wochen gesagt hast. Das bist du... einfach nicht. Das ist eine Ratio-nalisierung von etwas anderem... einer Sache, die tiefer liegt.« Garuth erwiderte nichts, sondern fuhr fort, sie unerschütterlich anzublicken. »Die Erde gewinnt in unwahr-scheinlichem Maß an Reife«, fuhr sie fort. »Wir haben uns unter sie gemischt, und wir sind von ihnen in einer Weise akzeptiert worden, die unsere kühnsten Erwartungen über-stiegen hat. Es gibt keine Veranlassung, deine Prophezeiungen zu unterstützen. Es gibt keinen Beweis für die Behauptung, daß wir nicht in friedlicher Koexistenz zusam-menleben könnten, selbst wenn wir zahlenmäßig anwüch-sen. Aufgrund der vagen Möglichkeit, daß die Zusammenarbeit nicht klappen könnte, würdest du doch nicht einfach dein Volk opfern. Du würdest es doch zunächst mal aus-probieren... zumindest eine Zeitlang. Es muß einen anderen Grund geben. Ich werde deine Entscheidung nicht unterstützen können, bevor ich nicht über diesen Grund Bescheid weiß. Du sprachst von der Bürde, die wir, die wir lenken und leiten, zu tragen haben. Wenn wir schon diese Bürde tragen, dann haben wir ganz sicher ein Recht darauf, den wirklichen Grund zu erfahren.«

Noch lange, nachdem sie geschlossen hatte, blickte Garuth sie gedankenschwer an. Dann ließ er seinen Blick, der nichts von dieser Qualität verloren hatte, zu Jassilane und Monchar wandern. Der Ausdruck in ihren Augen reflektierte Shilohins Worte. Dann, plötzlich, schien er seine Entscheidung getroffen zu haben.

Wortlos erhob er sich aus seinem Sessel, ging hinüber zur Schaltkonsole und betätigte den Schalter, um wieder normale Kommunikationsverhältnisse im Raum herzustellen.

»ZORAC«, rief er.

»Ja, Kommandant?«

»Erinnerst du dich an die Diskussion, die wir vor einem Monat über die Daten führten, welche die irdischen Wissenschaftler aus dem genetischen Aufbau der Oligozänarten ermittelt haben, die im Schiff auf Pithead entdeckt wurden?«

»Ja.«

»Ich möchte, daß du uns die Ergebnisse deiner Datenanalyse vorlegst. Diese Informationen dürfen niemand anders als mir und den drei Leuten, die zur Zeit in diesem Raum anwesend sind, zugänglich gemacht werden.«

22

Die Menschenmassen, die nach Ganyville geströmt waren, um dem Abflug der Shapieron beizuwohnen, waren an Zahl nicht geringer als diejenigen, die ihre Ankunft begrüßt hatten, ihre Stimmung war jedoch völlig andersgeartet.

Dieses Mal gab es keinen Jubel oder heftige freudige Erregung. Die Menschen der Erde würden die freundlichen Riesen vermissen, mit denen sie so vertraut geworden waren, und das schlug sich unmißverständlich nieder.

Die Regierungen der Erde hatten erneut ihre Botschafter entsandt. Auf der Betonpiste im Schatten des aufragenden Schiffes standen sich zwei Gruppen – Erdbewohner und Außerirdische – zum letzten Male gegenüber. Nachdem die Abschiedsformalitäten ausgetauscht worden waren und die letzten Reden abgehaspelt waren, zeigten die Sprecher der beiden Rassen ihr jeweiliges Abschiedsgeschenk.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen überreichte im Auftrag aller Völker und Nationen der Erde zwei verzierte metallene Schatullen, die von außen über und über beschriftet und mit kostbaren Steinen verziert waren. Die erste enthielt eine Auswahl der Samen vieler irdischer Bäume, Sträucher und Blumen. Die zweite, um einiges größer, enthielt die Nationalflagge jedes einzelnen Staates der Erde. Die Samen, so erklärte der Generalsekretär, sollten an einem ausgewählten Platz gepflanzt werden, nachdem die Riesen in ihrer neuen Heimat angelangt waren.

Die Pflanzen, die sich aus ihnen entwickeln würden, sollten die Gesamtheit irdischen Lebens symbolisieren und eine bleibende Erinnerung dafür sein, daß fortan beide Welten für Erdbewohner und Ganymeder gleichermaßen immer eine Heimat darstellten. Die Flaggen waren dazu ausersehen, über diesem Platz zu wehen, wenn das erste Erdschiff an einem heute noch nicht bestimmbaren Tag in der Zukunft den Stern der Riesen erreichen würde. So würde der Mensch, wenn er sich eines Tages aufschwingen würde, in die Leere zwischen den Sternen vorzustoßen, an seinem Ziel einen kleinen Teil der Erde vorfinden, der ihm einen Gruß entböte.

Garuths Geschenk an die Erde bestand aus Wissen. Er überreichte eine riesige Kiste, die mit Büchern, Listen, Ta-bellen und Diagrammen angefüllt war, die allesamt, wie er herausstrich, eine komprimierte Einführung in die ganymedischen genetischen Wissenschaften darstellten. Indem sie dieses Wissen an die Erde weitergaben, unternahmen die Ganymeder den einzig möglichen Versuch einer Sühne für die von ihnen ausgerotteten Tierarten des Oligozäns, die durch ihre fürchterlichen Vernichtungskampagnen vor Urzeiten von der Erde verschwunden waren. Durch Techniken, die in diesen Schriften erläutert wurden, so sagte Garuth, konnten die DNA-Codes, die es in jeder erhaltenen Zelle gab, ganz gleich, aus welchen Teil eines tierischen Organismus sie stammte, extrahiert und zur Kontrolle eines künstlich bewirkten Wachstums eines kopierten, lebenden Organismus verwendet werden. Aus einem Knochensplit-ter, einem Gewebefetzen oder dem Abfallprodukt irgendeiner hornartigen Substanz konnte ein neuer Embryo synthetisch hergestellt werden, und aus ihm würde sich das vollständige Tier entwickeln. Auf diese Weise – natürlich unter der Voraussetzung, daß noch ein Überbleibsel vorhanden war – könnten all jene ausgerotteten Tiere wieder zum Leben erweckt werden, die einst auf der Oberfläche der Erde gelebt hatten. So hofften die Ganymeder, daß jene Tiere, die ein plötzliches und verfrühtes Ende aufgrund ihrer Handlungsweise gefunden hatten, wieder in freier Wild-bahn auf der Erde herumlaufen könnten.

Und dann verharrte die letzte Gruppe der Ganymeder noch eine Zeitlang, um den stillen Gruß der Massen auf den umliegenden Hügeln zu erwidern, bevor die Hünen langsam, in einer Reihe, hinauf zu ihrem Schiff stiegen.

Begleitet wurden sie von einer kleinen Gruppe Erdbewohner, die bis Ganymed mitreisen sollte, wo ein kurzer Besuch der Shapieron vorgesehen war, damit sich die Ganymeder von ihren dort verbliebenen UNWO-Freunden verabschieden konnten.

ZORAC übertrug eine letzte Botschaft von den Ganymedern über das Kommunikationssystem der Erde, und dann wurde die Verbindung aufgehoben. Die Shapieron ließ ihren Heckteil in Flugposition hinaufgleiten, und einen Augenblick lang stand das riesige Schiff einsam da, unter den Augen der ganzen Welt. Und dann begann es hinauf-zusteigen, langsam und majestätisch, bevor es an Geschwindigkeit gewann und in sein eigentliches Element zurückkehrte. Nur ein Meer nach oben gerichteter Gesichter, die Reihen winziger Gestalten, die um den nun leeren Fleck in der Mitte der Landepiste herumstanden, und die Reihen von überdimensionalen, verlassenen Holzhütten waren die letzten Anzeichen dafür, daß es das Schiff überhaupt jemals gegeben hatte.

Auch im Inneren der Shapieron war die Stimmung feierlich. Im Kommandoraum stand Garuth in dem weiten Raum unterhalb der Estrade inmitten einer Gruppe ranghoher Offiziere und beobachtete schweigend, wie das grün und weiß gesprenkelte Muster auf dem Hauptschirm an Größe verlor und zum Globus der Erde schrumpfte. Shilohin stand neben ihm, auch sie schweigend und in Gedanken verloren.

Dann ertönte ZORACs Stimme, die allem Anschein nach aus den Wänden des Raumes drang. »Startcharakteri-stik normal. Alle Systeme überprüft und normal. Erwarte Bestätigung der Befehle.«

»Gegebene Befehle werden bestätigt«, antwortete Garuth mit ruhiger Stimme. »Bestimmungsort Ganymed.«

»Kurs auf Ganymed«, berichtete die Maschine. »Die Ankunftszeit wird planmäßig eingehalten.«

»Warte noch etwas, bis du den Hauptantrieb aktivierst«, sagte Garuth plötzlich. »Ich möchte die Erde noch etwas länger sehen.«

»Bleibe auf Hilfsantrieb«, kam die Antwort. »Hauptan-trieb bis auf weiteres auf Stand-by geschaltet.«

Während die Minuten dahinstrichen, schien sich der Globus auf dem Schirm langsam zusammenzuziehen. Die Ganymeder beobachteten ihn weiterhin schweigend.

Schließlich wandte sich Shilohin Garuth zu. »Kaum zu glauben, daß wir ihn den Planeten der Alpträume genannt haben.«

Garuth lächelte schwach. Er war immer noch mit seinen Gedanken weit fort.

»Jetzt sind sie aus dem Alptraum erwacht«, sagte er.

»Was für eine außergewöhnliche Rasse. Sicherlich sind sie in der gesamten Galaxis einzigartig.«

»Ich kann immer noch nicht daran glauben, daß sich alles, was wir gesehen haben, von solchen Ursprüngen her entwickeln konnte«, gab sie zur Antwort. »Vergiß nicht, daß ich unter Lernverhältnissen aufgewachsen bin, die mich die Überzeugung gelehrt hatten, daß es so etwas nie geben könne. Unsere gesamten Theorien und unsere Denkmodelle sagten voraus, daß Intelligenz sich niemals in einer derartigen ökologischen Umgebung entwickeln könne und daß jedwede Form von Zivilisation unter diesen Umständen völlig unmöglich sei. Und dennoch...« – sie machte eine hilflose Geste – »... schau sie dir an. Sie haben kaum das Fliegen gelernt, und schon reden sie von den Sternen.

Noch vor zweihundert Jahren wußten sie nichts von der Elektrizität – heute stellen sie sie durch Kernkraft her. Wo werden sie aufhören?«

»Ich glaube nicht, daß sie jemals aufhören werden«, sagte Garuth langsam. »Sie können es nicht. Genauso wie ihre Vorfahren müssen auch sie die ganze Zeit über kämpfen. Ihre Vorfahren bekämpften sich gegenseitig. Sie kämpfen statt dessen gegen die Herausforderungen des Universums an. Wenn man ihnen diese Herausforderungen nähme, würden sie eingehen.«

Shilohin dachte erneut nach über die unglaubliche Rasse, die sich durch jede nur vorstellbare Schwierigkeit hindurch nach oben gebissen hatte, wobei ein nicht unbeträchtlicher Teil der Hindernisse durch die ihr eigene Perversität entstanden war, eine Rasse, die nunmehr unanfechtbar in dem gleichen Sonnensystem herrschte, das einstmals den Besitz der Ganymeder dargestellt hatte.

»In vieler Hinsicht ist ihre Geschichte immer noch ver-abscheuungswürdig«, sagte sie. »Gleichzeitig jedoch haftet ihnen etwas absonderlich Herrliches und Stolzes an. Sie können im Gegensatz zu uns im Angesicht der Gefahr leben, weil sie wissen, daß sie die Gefahr besiegen können.

Sie haben sich selbst Dinge bewiesen, die uns immer ver-schlossen bleiben werden, und genau diese Erfahrungen werden sie dort vorantreiben, wo wir selbst zögern würden.

Wenn die Erdenmenschen vor fünfundzwanzig Millionen Jahren Minerva bewohnt hätten – ich glaube ganz fest, daß sich die Dinge dann anders entwickelt hätten. Nach dem Fehlschlag mit Iscaris hätten sie nicht aufgegeben. Sie hätten schon einen Weg gefunden, der sie zum Sieg über die Schwierigkeiten geführt hätte.«

»Ja«, stimmte ihr Garuth zu. »Die Dinge hätten sich sicherlich sehr unterschiedlich entwickelt. Aber es wird nicht lange dauern, bis wir sehen, was sich ereignet hätte, wenn dem so gewesen wäre – davon bin ich überzeugt. Sehr bald werden sich die Erdbewohner explosionsartig über die gesamte Galaxis ergießen. Irgendwie glaube ich nicht, daß danach alles beim alten bleiben wird.«

Die Unterhaltung verstummte erneut, als die beiden Ganymeder die Augen voneinander abwandten, um einen letzten Blick auf den Planeten zu werfen, der all ihre Theorien, Gesetze, Prinzipien und Erwartungen über den Haufen geworfen hatte. In künftigen Jahren würden sie zweifellos noch oft auf dieses Bild starren, reaktiviert aus den Datenspeichern des Schiffes. Niemals jedoch würde es einen so starken Eindruck hinterlassen wie in diesem Augenblick.

Lange Zeit später rief Garuth mit lauter Stimme:

»ZORAC.«

»Kommandant?«

»Zeit, daß wir uns auf den Weg machen. Aktiviere den Hauptantrieb.«

»Umschaltung von Stand-by-Position erfolgt. Gehe jetzt auf volle Kraft voraus.«

Die Erdscheibe löste sich in verschwimmende Farben auf, die über den Schirm huschten und allmählich verblaß-ten. Nach einigen Minuten hatten sich diese Farben zu einem eintönigen, gleichförmigen gräulichen Nebelschleier verdichtet. Auf dem Schirm würde bis zu ihrer Ankunft auf Ganymed nichts anderes mehr erscheinen.

»Monchar«, rief Garuth. »Ich habe einige Dinge zu erledigen. Kannst du hier eine Zeitlang für mich übernehmen?«

»Aye – aye, Sir.«

»Sehr gut. Wenn irgend etwas anfallen sollte – ich bin in meiner Kabine.«

Garuth entschuldigte sich bei den übrigen, nahm die Grüße von allen Seiten entgegen und verließ das Kommandozentrum. Langsam schlenderte er durch die Gänge, die zu seinem Privatquartier führten.

Voll und ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, achtete er kaum auf seine Umgebung. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, starrte er lange Zeit auf sein Gegenüber im Wandspiegel seiner Privatkabine, als suche er nach sichtbaren Veränderungen seines Äußeren, die von seiner Handlungsweise vielleicht hervorgerufen worden waren.

Dann ließ er sich auf einen der Lehnstühle fallen und starrte mit leerem Blick an die Decke, bis sein Zeitbewußt-sein aussetzte.

Schließlich aktivierte er den Wandschirm in seiner Privatkabine und rief ein Sternkartenprogramm ab, auf dem der Teil des Weltalls abgebildet war, in dem sich das Sternbild des Stieres befand. Lange Zeit saß er da und starrte auf den schwachen Lichtfleck, der im Verlauf ihrer Reise zunehmend heller werden würde. Es bestand die Möglichkeit, daß sie völlig falsch lagen. Diese Möglichkeit bestand immer. Wenn die Ganymeder tatsächlich nach dort ausgewandert waren – was für eine Zivilisation hatten sie dann im Laufe von Millionen Jahren errichtet, die vergangen waren, seitdem die Shapieron von Minerva aufgebrochen war? Über welche Art von Wissenschaft würden sie verfügen? Welche Wunder, die nicht einmal er sich vorstellen konnte, würden sie als Selbstverständlichkeiten erachten? Während sein Geist dem schwachen Fleck auf der Sternenkarte entgegeneilte, spürte er, wie sich plötzlich starke Hoffnung in ihm regte. Er begann sich die Welt bildlich vorzustellen, die dort auf ihren Empfang harrte.

Und er wurde unruhig und ungeduldig, wenn er an die Jahre dachte, die unabänderlich verstreichen würden, bevor sie Gewißheit erlangen würden.

Er wußte, daß der Optimismus der menschlichen Wissenschaftler grenzenlos war. Bereits jetzt strahlten die riesigen Schirme des Radioobservatoriums auf der erdabge-wandten Seite des Mondes eine hochleistungsverstärkte Botschaft, die im Kommunikationscode der Ganymeder abgefaßt war, zum Stern der Riesen aus, um die Ankunft der Shapieron rechtzeitig zu melden – eine Nachricht, die Jahre brauchen würde, um die Entfernung zu überbrücken, die aber dennoch eine ganze Weile früher als das Schiff ankommen würde.

Dann sank er in seinem Sessel zusammen, verzweifelt und entmutigt.

Er wußte, was nur wenige seiner Vertrauten wußten –daß nämlich niemand diese Botschaft empfangen würde.

Nichts, was es in den Aufzeichnungen der Lunarier gab, hatte irgend etwas bewiesen. Es war nichts anderes als ein frommer Wunsch nach Art der Erdenmenschen.

Seine Gedanken wanderten zurück zu den unglaublichen Erdbewohnern – diese Rasse, die über Millionen von Jahren sich abgemüht und gegen solche fürchterliche Schwierigkeiten angekämpft hatte und die nun endlich ihre Vergangenheit abstreifte und sich auf dem Wege zu fortwäh-rendem Wohlstand und Weisheit befand... wenn man sie nur noch eine kleine Weile in Frieden ließ, damit sie die Dinge vollenden konnte, für die sie so heldenhaft gekämpft hatte.

Die Menschen hatten ihre Welt aus dem Chaos errichtet, allen Theorien und Voraussagen aller Weisen und Wissenschaftler auf Minerva zum Trotz. Sie hatten es verdient, in Frieden gelassen zu werden, um ihre Welt ohne fremde Einmischung zu genießen.

Denn Garuth wußte, wie neben ihm nur noch Shilohin, Jassilane und Monchar, daß die Ganymeder die menschliche Rasse erschaffen hatten.

Die Ganymeder waren die direkte Ursache aller Defekte, Handikaps und Probleme gewesen, die eigentlich nach allen Gesetzen der Logik dem Menschen keinerlei Chance hätten lassen dürfen. Aber der Mensch hatte über all diese Dinge triumphiert. Die Gerechtigkeit verlangte nun, daß man den Menschen allein ließ, um auf seine eigene Weise seine Welt besser zu gestalten, ohne weitere Eingriffe durch die Ganymeder.

Denn die Ganymeder hatten bereits genug eingegriffen.

23

In Danchekkers Büro, hoch droben im Hauptgebäude des Westwood Instituts, das in den Außenbezirken von Houston gelegen war, betrachteten der Professor und Hunt das Bild der Shapieron, das gerade von einer teleskopischen Kamera in einem Satelliten hoch über der Erde übertragen wurde. Dieses Bild wurde allmählich kleiner und wuchs dann plötzlich wieder an, da die Kamera eine stärkere Vergrößerung eingeschaltet hatte.

»Sie befindet sich noch auf Hilfsantrieb«, erläuterte Hunt, der an einer Seitenwand des Raumes in einem Lehnstuhl saß. »Sieht so aus, als wollten sie noch mal einen abschließenden Blick auf uns werfen.« Danchekker sagte nichts, sondern nickte nur geistesabwesend, während er hinter seinem Schreibtisch saß und den Schirm beobachtete. Der Begleitkommentar, der jetzt über den Audiokanal hereinkam, bestätigte Hunts Beobachtung.

»Das Radarbild deutet darauf hin, daß sich das Schiff immer noch mit einer Geschwindigkeit fortbewegt, die langsam im Vergleich zum letzten Mal ist. Es kann in keine Umlaufbahn um die Erde einschwenken... es entfernt sich mit steter Geschwindigkeit von der Erde. Zum letztenmal haben Sie heute die Gelegenheit, dieses phantastische Schiff live zu sehen, also machen Sie das Beste aus diesem Augenblick. Wir sind auf der letzten Seite des wohl erstaunlichsten Kapitels angelangt, das jemals in der Geschichte der Menschheit geschrieben wurde. Wie kann alles jemals wieder so sein wie früher?« Eine kurze Pause trat ein. »Hallo, da passiert irgend etwas, wird mir gerade berichtet... Das Schiff beginnt nun mit der Beschleunigung.

Es entfernt sich nun mit rasender Geschwindigkeit, die fortwährend höher wird...« Das Bild auf dem Schirm vollführte einen wilden Tanz – es wuchs und schrumpfte mit einem Tempo, das einem den Atem nahm.

»Sie haben auf Hauptantrieb umgeschaltet«, sagte Hunt, als der Kommentator weiterredete.

»Das Bild beginnt zusammenzubrechen... Das Kraftfeld macht sich jetzt bemerkbar... es entschwindet... wird schwächer... Das war's. Na, ich denke, daß ungefähr...«

Stimme und Bild erstarben gleichzeitig, als Danchekker einen Schalter hinter seinem Schreibtisch betätigte und den Schirm abschaltete.

»So, da gehen sie nun hin, um ihrem wie auch immer gearteten Schicksal zu begegnen«, sagte er. »Ich wünsche ihnen alles Gute.« Für einen Moment lang herrschte Stille, während Hunt in seiner Tasche nach Feuerzeug und Zigarettenetui kramte. Als er sich wieder in seinem Stuhl zurücklehnte sagte er: »Wissen Sie, Chris, wenn man es recht bedenkt, dann waren die beiden letzten Jahre doch ausgesprochen bemerkenswert.«

»Das kann man wohl sagen.«

»Charlie, die Lunarier, das Schiff auf Pithead, die Ganymeder... und nun dies.« Er deutete zum abgeschalteten Bildschirm hinüber. »Hätten wir uns eine bessere Zeit zum Leben aussuchen können? Jede andere Geschichtsperiode wirkt dagegen ein wenig langweilig, nicht wahr?«

»In der Tat... sehr langweilig, in der Tat.«

»Dennoch ist es in mancher Hinsicht ein wenig schade«, sagte Hunt nach einiger Zeit.

»Was ist schade?«

»Das mit den Ganymedern. Eigentlich sind wir doch ei-

nigen Fragen nie so recht auf den Grund gekommen, oder?

Es ist jammerschade, daß sie nicht noch ein Weilchen länger bleiben konnten – bis wir einige weitere Fragen geklärt hätten. Eigentlich bin ich etwas überrascht, daß sie das nicht taten. An einem bestimmten Punkt der Entwicklung schienen sie mir noch neugieriger als wir zu sein, einige Dinge herauszubekommen.«

Danchekker schien lange Zeit an dieser Behauptung herumzuüberlegen. Dann blickte er auf und hinüber zu Hunt und beäugte ihn auf eine merkwürdige Art und Weise. Als er dann sprach, schwang eine sonderbare Herausforderung in seiner Stimme mit.

»Oh, wirklich? Antworten auf was für Fragen denn, bitte schön?«

Hunt blickte ihn eine Sekunde lang ärgerlich an, dann zuckte er mit den Schultern und stieß eine Qualmwolke aus.

»Sie wissen genau, was für Fragen das sind. Was passierte auf Minerva, nachdem die Shapieron von dort aufgebrochen war? Warum haben sie all diese irdischen Tiere auf den Planeten gebracht? Woran sind die minervischen Tiere eingegangen? Fragen dieser Art... Es wäre ganz nett, wenn man sie alle in einen Zusammenhang bringen könnte

– auch wenn das Ganze mittlerweile einen etwas akademischen Anstrich bekäme.«

»Ach, diese Fragen.« Danchekker beherrschte es mei-sterhaft, nonchalant zu wirken. »Ich glaube, ich kann Ihnen mit allen gewünschten Antworten auf Ihre Fragen aufwar-ten.« Die Sachlichkeit in Danchekkers Stimme machte Hunt sprachlos. Der Professor legte den Kopf auf eine Seite, sah ihn prüfend an und konnte die Belustigung, die er fühlte, nicht ganz verbergen.

»Na... du lieber Gott, wie lauten sie denn dann?« brachte Hunt schließlich hervor. Er stellte fest, daß ihm vor Erstaunen die Zigarette aus den Fingern geglitten war; und bemühte sich hastig, sie vom Boden neben seinem Sessel hochzufischen.

Danchekker beobachtete schweigend diese krampfhaften Bemühungen und antwortete dann. »Wissen Sie, eine direkte Antwort auf die Fragen, die Sie gerade gestellt haben, würde nicht viel bringen, da sie alle zusammenhängen. Die meisten ergeben sich aus der Arbeit, die ich hier seit unserer Rückkehr von Ganymed geleistet habe, und sie decken eine ganze Menge ab. Vielleicht wäre es einfacher, wenn ich von vorn anfange und dann die Sache weiter aufrolle.«

Hunt wartete, während sich Danchekker zurücklehnte, die Hände vor seinem Kinn zusammenfaltete und die gegen-

überliegende Wand anstarrte, um seine Gedanken zu sammeln.

Schließlich nahm er den Faden wieder auf. »Erinnern Sie sich noch an diese wissenschaftliche Arbeit aus Utrecht, auf die Sie kurz nach unserer Rückkehr mein Interesse gelenkt haben – die sich auf die Art und Weise bezog, in der Tiere geringe Mengen an Gift- und infektiösen Stoffen produzieren, um ihre Abwehrkräfte zu erproben?«

»Der Selbstimmunisierungsprozeß. Ja, daran erinnere ich mich. ZORAC ist darauf gestoßen. Die Tiere besitzen ihn, nicht jedoch die Menschen. Was ist damit?«

»Ich fand das Thema sehr faszinierend und habe nach unserer Diskussion einige Zeit darauf verwendet, mich näher damit zu beschäftigen, wobei ich einige sehr ausführliche und eingehende Unterredungen mit einem Professor Tatham aus Cambridge führte, einem alten Freund, der sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat. Ich wollte insbesondere mehr über die genetischen Codes wissen, die für die Bildung dieses Selbstimmunisierungsprozesses im sich entwickelnden Embryo verantwortlich sind. Es schien mir, daß eine eingehende Untersuchung der Gründe für diesen tiefgreifenden Unterschied zwischen uns und den Tieren genau die Ebene war, auf die wir uns zu konzentrieren hatten.«

»Und...?«

»Und die Resultate waren ausgesprochen interessant..., in der Tat bemerkenswert.« Danchekkers Stimme sank fast zu einem Flüstern herab, das jede seiner Silben zu betonen schien. »Wie ZORAC entdeckte, ist in praktisch allen heutigen irdischen Tierarten der genetische Code, der den Selbstimmunisierungsprozeß bestimmt, auf enge Weise mit dem Code verwandt, der für einen anderen Prozeß verantwortlich ist. Man könnte sagen, daß beide Prozesse Untergruppierungen des gleichen Programms darstellen. Der andere Prozeß reguliert die Absorption und die Zurückwei-sung von Kohlendioxid.«

»Ich verstehe...«, sagte Hunt und nickte bedächtig. Er wußte zwar noch nicht genau, worauf Danchekker hinauswollte, begann jedoch etwas Bedeutsames zu wittern.

»Sie erzählen mir immer, daß Sie keine Zufälle mögen«, fuhr Danchekker fort. »Ich auch nicht. Es schien mir zuviel an Zufall bei dieser Angelegenheit zu bestehen, deshalb begannen Tatham und ich, tiefer zu schürfen. Als wir die Experimente etwas eingehender betrachteten, die auf Pithead und an Bord der Jupiter Fünf durchgeführt worden waren, stießen wir auf eine zweite, sehr bemerkenswerte Sache, die zu dem paßte, worüber ich gerade sprach – die Tiere aus dem Oligozän, die in dem Schiff dort oben gefunden wurden. Die Oligozän-Tiere verfügen allesamt über die gleichen Elemente des genetischen Codes. In ihrem Fall gibt es jedoch einen Unterschied. Die Untergruppierungen, welche die erwähnten beiden Prozesse kontrollieren, wurden irgendwie ausgesondert. Sie existieren als abgesonderte Gruppierungen, die nebeneinander auf der gleichen DNS-Kette liegen. Das ist doch sehr bemerkenswert, meinen Sie nicht auch?«

Hunt erwog die Frage einige Sekunden lang.

»Sie meinen, daß in den heutigen Tieren beide Prozesse vorhanden sind, jedoch alle miteinander vermischt, während sie in den Tierarten aus dem Oligozän gesondert voneinander existierten.«

»Ja.«

»In allen Tierarten aus dem Oligozän?« fragte Hunt, nachdem er einen weiteren Augenblick lang nachgedacht hatte. Danchekker nickte befriedigt, da er sah, daß sich Hunt auf der rechten Spur befand.

»Ganz genau, Vic. In allen

»Das ergibt aber wirklich keinen Sinn. Meiner Meinung nach würde man zuallererst denken, daß sich so etwas wie eine Mutation ereignet hat, in deren Verlauf eine Form in die andere umgewandelt wurde – die gemischte und die abgesonderte Form. Das hätte sich so oder so ereignen können. Im ersten Fall hätte die vermischte Form das ›na-türliche‹ irdische Konstruktionsprinzip darstellen können, das auf Minerva einer Mutation unterworfen wurde. Dieser Umstand würde erklären, warum es die Tiere dort hatten und die Abkömmlinge der Tiere, die auf der Erde blieben, nicht. Im zweiten Fall wäre denkbar, daß vor fünfundzwanzig Millionen Jahren die ausgesonderte Form verbreitet war, was dann natürlich erklärt, warum die damaligen Tiere darüber verfügten. In der nachfolgenden Evoluti-onsphase hier auf der Erde veränderte es sich dann zur vermischten Form.« Er blickte hinüber zu Danchekker und streckte beide Arme weit aus. »Aber da ist in allen beiden dieser Argumentationsstränge ein entscheidender Sprung –es ereignete sich in vielen verschiedenen Arten und in allen gleichzeitig.«

»Ganz recht«, nickte Danchekker. »Und das hieße, ein-gedenk aller Auslese- und Entwicklungsprinzipien, die uns vertraut sind, daß die Möglichkeit irgendeiner Form von Mutation dabei flachfällt – zumindest was natürliche Mutation betrifft. Es wäre unwahrscheinlich, daß das gleiche zufällige Ereignis in spontaner und simultaner Weise in vielen, voneinander unabhängigen und nichtverwandten Entwicklungssträngen auftritt – völlig ausgeschlossen.«

» Natürliche Mutation?« Hunt blickte verwirrt drein.

»Was sagten Sie da?«

»Es ist furchtbar einfach. Wir waren gerade beide der Meinung, daß der Unterschied nicht aufgrund herkömmlicher, natürlicher Mutation bestehen kann, dennoch gibt es ihn aber. Die einzige weitere mögliche Erklärung lautet, daß er nicht auf natürlichem Wege zustande kam.«

Gedanken von hohem Unwahrscheinlichkeitsgrad wir-belten in Hunts Kopf umher. Danchekker las seinen Gesichtsausdruck und faßte diese Gedanken für Hunt in Worte.

»Mit anderen Worten: Die Mutationen ereigneten sich nicht einfach – sie wurden erzeugt. Die genetischen Codes wurden absichtlich umarrangiert. Wir können also von einer künstlichen Mutation reden.«

Einen Moment lang war Hunt wie vor den Kopf geschlagen. Das Wort ›absichtlich‹ bedeutete einen bewußten Willen, was auf eine Intelligenz schließen ließ.

Danchekker nickte erneut, um seine Gedanken zu bestätigen. »Wenn ich Ihre Frage von vorhin mal etwas umfor-mulieren darf – sie muß lauten: Veränderten sich die Tiere, die nach Minerva gebracht wurden, oder veränderten sich die Tiere, die auf der Erde zurückblieben, nachdem die anderen abtransportiert worden waren? Nun berücksichtige zusätzlich dazu noch die weitere Tatsache, die wir herausbekommen haben – daß jemand willentlich die Veränderung bewirkte –, und uns bleibt nur noch eine Alternative übrig.«

Hunt führte den Gedankengang für ihn zu Ende. »Wäh-rend der letzten fünfundzwanzig Millionen Jahre gab es niemanden auf der Erde, der dazu in der Lage gewesen wäre, daher muß es auf Minerva angestellt worden sein.

Das kann nur bedeuten...« Seine Stimme versagte, als ihm die volle Bedeutung bewußt wurde.

»Die Ganymeder!« sagte Danchekker. Er wartete einen Augenblick, um Hunt die Bedeutung voll zum Bewußtsein kommen zu lassen. »Die Ganymeder änderten den genetischen Code der irdischen Tiere, die sie auf ihren eigenen Planeten brachten. Ich bin mir ziemlich sicher, daß die Exemplare, die wir aus dem Schiff auf Pithead hervorholten, Abkömmlinge eines Stammes waren, der auf diese Weise mutiert worden war, und die diese Mutation auch getreu-lich in sich trugen. Das ist der einzig logische Schluß, der aus den Indizien gezogen werden kann, die wir untersucht haben. Er wird zudem durch ein weiteres, wichtiges Teilin-diz gestützt.«

Mittlerweile war Hunt auf alles gefaßt.

»Oh?« fragte er. »Welches?«

»Dieses merkwürdige Enzym, das in allen Oligozänarten auftauchte«, sagte Danchekker. »Wir wissen nun, was es bewirkte.« Hunts Gesichtsausdruck bewies, daß er absolut nichts wußte. Danchekker fuhr fort: »Dieses Enzym war für eine einzige bestimmte Aufgabe vorgesehen. Es spal-tete die DNS-Kette genau an dem Punkt, an dem die beiden Codegruppierungen zusammenhingen – natürlich nur in Arten, in denen sie ausgesondert worden waren. Mit anderen Worten: Es isolierte den genetischen Code, der die CO2-Toleranz bestimmte.«

»Gut«, sagte Hunt langsam, hatte jedoch die Logik des Argumentes völlig begriffen. »Ich nehme es Ihnen ab...

Aber wie unterstützt das die Sache, die Sie gerade von den Ganymedern behaupteten? Ich bin nicht ganz...«

»Dieses Enzym war kein Produkt irgendeines natürlichen Prozesses! Es war etwas, das auf künstliche Weise hergestellt und in den Organismus eingeführt worden war.

Daher rührten die radioaktiven Zerfallsprodukte. Das Enzym wurde auf künstlichem Wege hergestellt und enthielt radioaktives Kontrastmaterial, damit sein Weg durch den Körper verfolgt und vermessen werden konnte. Wir selbst verwenden die gleiche Technik ausgesprochen häufig in der medizinischen und physiologischen Forschung.«

Hunt hob eine Hand, um Danchekker zu bedeuten, er solle im Augenblick noch nicht weiterreden. Er lehnte sich in seinem Stuhl nach vorn und schloß kurz die Augen, während er im Geist noch einmal den Argumentations-

strang reflektierte, den der Professor zusammengefaßt hatte.

»Ja... gut... Sie haben schon früher herausgestellt, daß chemische Prozesse nicht ein Radioisotop von einem normalen unterscheiden können. Wie konnte also das Enzym Radioisotopen auswählen, um sie zu integrieren? Antwort: Es war dazu nicht in der Lage. Jemand mußte sie ausgewählt haben, und deshalb muß das Enzym künstlich hergestellt worden sein. Warum wurden Radioisotopen verwendet? Antwort: Kontrastfunktion.« Hunt sah erneut zum Professor hinüber, der seinen Ausführungen gefolgt war und ihn mit einem Nicken ermutigte. »Aber das Enzym übt eine spezielle Funktion bezüglich der modifizierten DNS-Kette aus, und Sie haben doch schon bewiesen, daß das DNS in den Tieren, die nach Minerva geflogen wurden, auf künstliche Weise verändert wurde... Ah, ich verstehe... ich weiß jetzt, wie beide Glieder miteinander in Einklang gebracht werden können. Sie meinen, daß die Ganymeder den DNS-Code der irdischen Tiere änderten und dann ein spezifisches Enzym herstellten, das auf das geänderte DNS Einfluß nahm.«

»Ganz genau.«

»Und was wurde mit alldem beabsichtigt?« Hunt wurde sichtlich erregt. »Haben Sie in dieser Hinsicht irgendwelche Vorstellungen?«

»Ja«, antwortete Danchekker. »Ich denke schon. Tatsächlich geben uns all die Dinge, die wir soeben erwogen haben, in ausreichendem Maße Aufschluß darüber, was sie damit im Sinn hatten.« Er lehnte sich zurück und verschränkte erneut seine Finger. »Mit dem Enzym, dessen Verhaltensweise ich soeben beschrieben habe, wird der Sinn der Übung klar. Das glaube ich zumindest... Wenn die Tiere, die bereits über das veränderte DNS verfügten, mit den Enzymen implantiert wurden, veränderten sich die Chromosomen in ihrer Erbmasse. Auf diese Weise konnte daraus ein Stamm von Nachfahren gezüchtet werden, der den CO2-Code in Form einer isolierten, kompakten Einheit besaß, die vergleichsweise einfach zugänglich und mani-pulierbar war. Wenn Sie so wollen, wurde es dadurch möglich, dieses besondere Merkmal auszusondern, vielleicht als Ausgangspunkt für künftige Experimente mit späteren Generationen...« Danchekkers Stimme bekam einen neugierigmachenden Klang, als er diese letzten Worte hervorsprudelte, so als wolle er andeuten, daß die wesentli-chen Konsequenzen seiner Abhandlung unmittelbar bevorstünden.

»Ich kann Ihrer Argumentation folgen«, sagte Hunt.

»Aber ich verstehe noch immer nicht ganz den Grund. Was wollten sie damit eigentlich bezwecken?«

»Auf diese Weise versuchten sie ihre Umweltprobleme in den Griff zu bekommen, nachdem alles übrige versagt hatte«, sagte Danchekker. »Die Sache muß während der nachfolgenden ganymedischen Geschichte auf Minerva ausgedacht worden sein – irgendwann, nachdem die Shapieron nach Iscaris abgeflogen war. Andernfalls wären Shilohin und die anderen darüber informiert gewesen.«

»Was und wie gedachten sie damit zu retten? Entschuldige, Chris, aber ich fürchte, ich kann Ihnen noch nicht in allen Punkten folgen.«

»Lassen Sie uns einen Augenblick lang ihre Situation ins Gedächtnis zurückrufen«, schlug Danchekker vor. »Sie wußten, daß der CO2-Gehalt auf Minerva im Anstieg be-

griffen war und daß er eines Tages ein Stadium erreichen würde, dem gegenüber sie keine Toleranz mehr besäßen.

Die übrigen eingeborenen minervischen Arten würden davon nicht behelligt werden, wohl aber die Ganymeder, weil sie ihre ursprüngliche Toleranz abgestoßen und einge-tauscht hatten gegen bessere Widerstandsfähigkeit gegen-

über Unfällen. Sie verloren die Toleranz, als sie beschlossen hatten, auf Dauer ohne ihr zweites Kreislaufsystem auszukommen. Künstlich herbeigeführte klimatische Ver-

änderungen ließ man sein, statt dessen versuchte man die Auswanderung zur Erde und das Experiment mit Iscaris, aber beides erwies sich als Fehlschlag. Es hat den Anschein, als hätten sie später etwas anderes probiert.«

Hunt war ganz Ohr. Er signalisierte Danchekker, daß er keinerlei Einwände mehr hatte, und sagte einfach nur:

»Reden Sie weiter.«

»Das, was sie jedoch auf der Erde entdeckten, waren Lebensformen, die sich in einer wärmeren Umgebung als Minerva entwickelt hatten und die sich nicht mit dem Problem der ›Lastverteilung‹ herumschlagen mußten, das für die Errichtung des doppelten Kreislaufsystems auf ihrem eigenen Planeten verantwortlich war und über das jedes Lebewesen verfügte. Es war von besonderem Interesse für sie, daß das irdische Leben einen völlig anderen Mechanismus entwickelt hatte, um mit dem Kohlendioxid fertigzuwerden

– etwas, das nicht auf dem Prinzip eines zweiten Kreislaufsystems aufgebaut war.«

Hunt blickte ungläubig drein. Er starrte Danchekker einen Augenblick lang an, während der Professor seine Antwort erwartete.

»Sie wollen doch nicht etwa sagen... daß sie versuchten, diesen Mechanismus zu kopieren?«

Danchekker nickte. »Wenn an meinem Verdacht auch nur das geringste dran ist, dann war es genau das, was sie versuchten. Die Tiere der Erde wurden zum Zwecke großangelegter genetischer Experimente nach Minerva gebracht. Das Ziel dieser Experimente kann meines Erachtens dreifach untergliedert werden: Zum einen sollte der DNS-Code so verändert werden, daß der für die CO2-Toleranz verantwortliche Teil aus der vermischten Form – wie Sie sie genannt haben und die sich natürlicherweise auf der Erde entwickelt hatte – herausgelöst wurde. Zum zweiten sollte ein Mittel – nämlich das Enzym – dazu verhelfen, diesen Teil des Codes zu isolieren und ihn als intakte und bearbeitungsfähige Einheit an spätere Geschlechter weiter-zureichen. Zum dritten – aber dabei handelt es sich lediglich um eine Vermutung meinerseits – sollten diese Codes in minervische Tiere eingepflanzt werden, um versuchs-weise herauszufinden, ob eine minervische Lebensform so beeinflußt werden konnte, einen Mechanismus zum Umgang mit Kohlendioxid zu entwickeln, der nicht auf dem zweiten Kreislaufsystem beruhte. Wir haben Beweise, daß sie die ersten beiden Teilziele erreichten. Das dritte muß –zumindest gegenwärtig – im Bereich der Spekulation verbleiben.«

»Und wenn sie mit dem dritten Teilziel Erfolg gehabt hätten, dann wäre der nächste Schritt...« Hunts Stimme versagte erneut. Der unglaubliche Scharfsinn des ganymedischen Planes machte es ihm schwer, ihn unhinterfragt zu akzeptieren.

»Falls es klappte, und wenn es keine unerwünschten Ne-beneffekte dabei gab, dann bestand zweifelsohne die Ab-

sicht, sich die gleichen Codes selbst zu implantieren«, bestätigte Danchekker. »Auf diese Weise hätten sie über eine eingebaute Toleranz verfügt, die sich problemlos immer weiter in künftigen Generationen fortgesetzt hätte, während gleichzeitig all die Vorteile, die sie bereits aus der Ab-schaffung ihres zweiten Systems gewonnen hatten, beibehalten wurden. Ein faszinierendes Beispiel dafür, was Intelligenz an Verbesserung der Natur zu leisten vermag, wenn die natürliche Entwicklung mit einer Lösung auf-wartet, an der es viel auszusetzen gibt, meinen Sie nicht auch?«

Hunt erhob sich aus seinem Sessel und begann, mit langsamen Schritten von einer Seite des Büroraumes zur anderen zu gehen, wobei er sich über die unglaubliche Kühnheit wunderte, der es bedurfte, einen solchen Plan überhaupt nur zu entwickeln. Die Ganymeder hatten ihre Verblüffung über die Bereitschaft des Menschen gezeigt, der ohne zu zögern jede Herausforderung der Natur annahm, aber hier war etwas, vor dem der Mensch ganz sicherlich gescheut hätte. Die Grundinstinkte der Ganymeder hielten sie fern von körperlichen Gefahren, Konflikten und ähnlichem, aber ihr Hunger nach geistigen Abenteuern und intellektu-ellem Kampf war offenbar unstillbar. Und das war der Antrieb gewesen, der sie hinauf zu den Sternen hatte fliegen lassen. Danchekker sah schweigend zu und wartete auf die Frage, die jetzt einfach kommen mußte. Endlich verhielt Hunt und wirbelte herum, um dem Mann hinter dem Schreibtisch ins Auge zu sehen.

»Ja, das war recht ordentlich, zugegeben«, stimmte er zu. »Aber es hat nicht funktioniert, nicht wahr, Chris?«

»Leider nein«, räumte Danchekker ein. »Aber meiner Meinung nach nicht aus Gründen, für die sie selbst verantwortlich gemacht werden könnten. In technischer Hinsicht müssen wir im Vergleich mit ihnen noch einiges aufholen –dennoch glaube ich, daß wir bereits heute erkennen können, wo sie sich irrten.« Er wartete nicht auf die an diesem Punkt berechtigte Frage, sondern fuhr direkt fort. »Wir haben den Vorteil, daß wir vermutlich weitaus mehr über das Leben auf unserem Planeten wissen als sie. Wir haben Zugang zu den Arbeiten Tausender von Wissenschaftlern, die im Verlauf von Jahrhunderten diesen Gegenstand untersucht haben, die Ganymeder, die vor fünfundzwanzig Millionen Jahren hierherkamen, jedoch nicht. Besonders das, was Professor Tatham und sein Team soeben erst entdeckten, konnten sie nicht wissen.«

»Die Zusammenfügung der Selbstimmunisierungs- und der CO2-Toleranzcodes?«

»Ja, genau das. Was die ganymedischen Genetiker niemals erkennen konnten, war der Umstand, daß man bei einer Isolation der letzteren – ein Schritt, den sie vollzogen, um ihre später beabsichtigten Experimente einfacher zu gestalten – die ersteren verlor. Aufgrund der von ihnen an-gewandten Methode wären zwar die von ihnen gezüchteten Abkömmlinge ideale Objekte für weiterreichende CO2-Toleranzuntersuchungen gewesen, sie hatten jedoch ihre Fähigkeiten zur Selbstimmunisierung verloren. Mit anderen Worten: Die Ganymeder erschufen und zogen ein breites Spektrum verschiedenster irdischer Tierarten auf, das jedoch über keine Spur des uralten Mechanismus der Stimulation der eigenen Abwehrkräfte verfügte, eine Stimulation, die auf der Durchsetzung des Körpers mit geringen Dosen von Krankheitserregern beruhte. Diesen Me-

chanismus können wir heute noch in den Abkömmlingen jener Tiere feststellen, die auf der Erde blieben und die sich selbstverständlich auf natürliche Art weiterentwickelten.«

Hunt hatte sein Auf- und Abschreiten beendet und blickte nun auf Danchekker nieder. Langsam legte sich sein Gesicht in Falten, als sei ihm gerade ein neuer Gedanke gekommen.

»Aber da ist doch noch was anderes, nicht wahr?« sagte er. »Der Selbstimmunisierungsprozeß hatte doch etwas mit höheren Gehirnfunktionen zu tun... Ich glaube, Sie werden jetzt genau das sagen, was ich mir vorstelle.«

»Glaube ich auch. Sie wissen, daß die Giftstoffe, die infolge des Selbstimmunisierungsprozesses in die Körper der heutigen Tiere gelangen, die Entwicklung der höheren Ge-hirnzentren hemmen. Und eine zweite Sache... Tathams jüngste Arbeiten besagen, daß aufgrund der Bahnen, in denen sich die Entwicklung irdischen Lebens vollzogen hat, das Ausmaß an Gewalt und Aggression auf enge Weise mit eben diesen Zentren verbunden ist. Daher wären die Ganymeder niemals in der Lage gewesen, Varianten der von ihnen gewünschten Art zu erzeugen, ohne zugleich die Schwelle zur Entwicklung höherer Hirnfunktionen zu be-seitigen und ohne zudem eine erhöhte Tendenz zur Aggressivität zu initiieren. Weil dem so war und weil die Ganymeder so waren, wie sie waren, kann ich mir absolut nicht vorstellen, daß sie das Experiment weiterverfolgten. Sie hätten das Risiko einer solchen Implantation niemals auf sich genommen, wie schlimm auch immer die Situation ausgesehen haben mag. Niemals.«

»So haben sie also die ganze Sache als einen Fehlschlag schließlich ad acta gelegt und sich nach einer neuen Heimat umgesehen«, führte Hunt seinen Gedanken zu Ende.

»Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wir können es nicht mit Gewißheit behaupten. Ich hoffe es allerdings sehr stark im Interesse von Garuth und seinen Freunden.« Danchekker beugte sich über die Schreibtischplatte, und plötzlich wurde er sehr ernst. »Aber wie auch immer die Antwort darauf ausfällt – über die Antwort auf eine der anderen Fragen, die Sie anfangs gestellt haben, können wir ganz sicher sein.«

»Welche denn?«

»Na, stellen Sie sich mal die Situation vor, die auf Minerva geherrscht haben muß, nachdem die Ganymeder ein-gesehen hatten, daß ihr ehrgeiziges Genmutationsprojekt sie in Schwierigkeiten brachte. Sie konnten zu einem anderen Stern auswandern oder aber auf ihrer Heimatwelt bleiben und sterben. Wie auch immer, die Tage der Anwesenheit der Ganymeder auf Minerva waren gezählt. Nun denken Sie sich die Ganymeder mal weg – und was bleibt übrig? Antwort: zwei unterschiedliche Tierbevölkerungen, die beide gut mit den Umweltbedingungen zurechtkom-men. Zunächst mal gibt es die einheimischen minervischen Arten und dann die künstlich mutierten Abkömmlinge der eingeführten terrestrischen Arten, die nach dem Verschwinden der Ganymeder in Freiheit auf dem Planeten umherstreifen. Nun fügen Sie dazu noch einen weiteren Faktor hinzu, den ich aufgrund eingehender Analysen der Archive ZORACs herausbekommen habe, nämlich daß die einheimischen minervischen Tierarten für die irdischen Fleischfresser ungiftig waren. Was für Schlußfolgerungen ziehen Sie daraus?«

Hunt starrte ihn an mit weitaufgerissenen Augen.

»Du lieber Gott!« stieß er hervor. »Es muß ein blutiges Gemetzel stattgefunden haben.«

»Ja, allerdings. Stellen Sie sich einen Planeten vor, der nur von diesen lächerlichen, bunten Cartoon-Tieren bewohnt ist, wie wir sie als Wandbemalung im Schiff auf Pithead gefunden haben – Tiere, die niemals irgendwelche Verteidigungsmechanismen entwickelt hatten, sich nicht der Möglichkeit des Verbergens oder der Flucht bewußt waren und für die überhaupt keine Notwendigkeit für Flucht- oder Kampfinstinkte vorhanden war. Und nun setzen Sie mal in diese Menagerie eine typische Mischung irdischer Räuber ein – jeder einzelne ein Ausleseprodukt aus Millionen von Jahren, in denen die Fähigkeiten der Angriffswut, der Heimlichkeit und der Schläue ständig verbessert worden waren... wobei hinzukommt daß sie über eine höhere Intelligenz und größere Aggressivität im Vergleich zu früher verfügten. Und was sehen Sie vor sich?«

Hunt starrte ihn weiterhin fürchterlich entsetzt an, während sich das Bild vor seinen Augen entfaltete.

»Das hat sie also alle vernichtet«, sagte er schließlich.

»Dieser arme, lächerliche minervische Zoo hatte keine Chance. Kein Wunder, wenn es nicht länger dauerte als nur einige wenige Generationen nach dem Verschwinden der Ganymeder.«

»Das hatte noch eine weitere Konsequenz«, fügte Danchekker hinzu. »Die irdischen Fleischfresser konzentrierten sich auf die am leichtesten zu schlagende Beute – die einheimischen Arten – und verschafften somit den irdischen Pflanzenfressern eine Atempause, in der sie ihre Anzahl vergrößerten und sich voll und ganz mit den Lebensbedin-gungen vertraut machten. Als schließlich die einheimischen Tierarten ausgerottet worden waren, mußten sich die Fleischfresser wieder auf ihre vormaligen Freßgewohnhei-ten besinnen. Mittlerweile hatte sich die Situation jedoch stabilisiert. Eine buntgemischte und ausgeglichene Ökologie irdischer Tierarten hatte in ausreichendem Maße Zeit gehabt, sich überall auf Minerva zu etablieren...« Der Professor schlug einen weichen und zugleich neugierigen Tonfall an. »Und so müssen die Dinge geblieben sein... direkt bis in die Zeit der Lunarier hinein.«

»Charlie...« Hunt spürte, daß Danchekker endlich etwas andeutete, worauf er die ganze Zeit hindurch hingesteuert hatte. »Charlie«, wiederholte Hunt. »Sie fanden in ihm doch auch das gleiche Enzym, nicht wahr?«

»Allerdings, aber in einer etwas degenerierten Form...

als befände es sich in den letzten Stadien vor seinem endgültigen Verschwinden. Natürlich ist es verschwunden, da es der Mensch ja heute nicht mehr besitzt... Aber wie Sie eben sagten, die interessante Sache besteht darin, daß Charlie noch über dieses Enzym verfügte und daher vermutlich auch der Rest der Lunarier.«

»Aber es konnte nur von einem ganz bestimmten Ort stammen...«

»Ganz genau.«

Hunt hob eine Hand und preßte sie gegen seine Stirn, als ihm diese Enthüllungen in ihrer ganzen Bedeutsamkeit bewußt wurden. Dann drehte er langsam seinen Kopf, bis er in Danchekkers ernstes Gesicht hineinstarrte. Dann verzo-gen sich seine Züge ebenso langsam zu einem Ausdruck völliger Ungläubigkeit, der die Sachverhalte, welche die Vernunft enthüllt hatte, am liebsten abgewehrt hätte.

Schwach sank er auf die Lehne des nächstbesten Sessels.

Danchekker sagte nichts, sondern wartete darauf, daß Hunt die Steine des Mosaiks selbst zusammensetzte.

»Die Bevölkerung Minervas enthielt auch Exemplare der entwickeltsten Primaten des Oligozän«, sagte Hunt eine Weile später. »Es handelte sich bei ihnen wohl um die Lebewesen, die zu dieser Zeit auf der Erde am höchsten entwickelt waren und die das größte Potential zu einer ausbaufähigen Entwicklung besaßen. Die Ganymeder hatten, ohne es zu wissen, die Schwelle für einen weiteren Anstieg der Hirnkapazität entfernt...« Er sah auf und war erneut Danchekkers unerschütterlichem Blick ausgesetzt. »Von diesem Punkt an muß es rapide mit ihnen vorwärts gegangen sein. Und zugleich entfaltete sich ihre aggressive Tendenz verstärkt mit... eine ganze Rasse von entlaufenen Mutan-ten... in psychologischer Hinsicht Frankenstein-Mon-stren...«

»Aus denen sich dann selbstverständlich die Lunarier entwickelten«, sagte Danchekker. Seine Stimme klang gesetzt. »Nach allen Erfahrungen hätten sie nicht überleben können. Sämtliche Theorien und Modelle der Ganymeder besagten, daß sie sich unweigerlich selbst vernichten würden. Und fast gelang es ihnen auch. Sie verwandelten einen ganzen Planeten in eine riesige Festung, und nachdem sie einen gewissen technologischen Stand erreicht hatten, drehte sich ihr Leben nur noch um unaufhörliches gegenseitiges Bekriegen und um den ruchlosen, unabänderlichen Entschluß, alle übrigen rivalisierenden Staaten auszulö-schen. Andere Möglichkeiten zur Lösung ihrer anstehenden Probleme fielen ihnen erst gar nicht ein, sie waren unfähig dazu. Am Schluß zerstörten sie sich in der Tat und zugleich damit auch Minerva... zumindest zerstörten sie ihre Zivili-

sation, wenn das der richtige Ausdruck dafür ist. Eigentlich hätten sie sich völlig aufreiben müssen, doch gegen die Chancen von eins zu einer Million trat dies nicht ganz ein...« Danchekker sah auf und überließ es Hunt, die noch fehlenden Informationsstücke zu liefern.

Aber Hunt saß einfach nur da und starrte vor sich hin.

Nachdem das nukleare Armageddon zwischen den feindli-chen Kräften der verbleibenden beiden Superstaaten für immer die Oberfläche des minervischen Mondes verändert hatte und Minerva selbst zerborsten war, fiel der Mond auf die Sonne zu, geriet jedoch dabei in den Anziehungsbe-reich der Erde. Die winzige Schar von Überlebenden, die auf seiner Oberfläche mitgeführt wurde, hatte noch die Möglichkeit besessen, sich auf eine letzte, verzweifelte Reise zu begeben – zur Oberfläche dieser neuen Welt, die nun über ihren Köpfen am Himmel hing. Vierzigtausend Jahre lang waren die Abkömmlinge dieser Überlebenden in den Überlebenskampf auf der Erde verwickelt gewesen, schließlich hatten sie sich jedoch überall auf dem Planeten ausgebreitet und hatten sich zu einem ebenso furchtbaren Widersacher entwickelt wie ihre Vorfahren auf Minerva.

Schließlich nahm Danchekker ruhig den Faden wieder auf. »Wir sind lange Zeit davon ausgegangen, daß der Lunarier und daher auch der Mensch aus einer unerhörten Mutation abstammt, die sich irgendwo auf der Entwicklungslinie der Primaten, die auf Minerva isoliert waren, ereignet haben muß. Wir haben zudem festgestellt, daß dem Menschen irgendwo auf dem Weg von seinen Vorfahren auf irgendeine Weise der Selbstimmunisierungsprozeß, über den alle anderen Tiere verfügen, abhanden gekommen ist. Nun haben wir nicht allein den Beweis dafür, daß dies tatsächlich der Fall war, sondern auch, wie es dazu kam. In der Tat hatten auch viele Tierarten diesen Weg eingeschlagen, alle jedoch, mit Ausnahme einer einzigen, wurden zerstört, als Minerva vernichtet wurde. Nur eine einzige – der Mensch in Gestalt der Lunarier – kehrte wieder zurück.«

Danchekker hielt inne und atmete tief ein. »Eine unerhörte, einzigartige Mutation trat tatsächlich auf Minerva ein, aber es handelte sich nicht um eine natürliche Mutation. Der Mensch zeigt weniger von dem extremen Verhalten, das die Lunarier ihrem Untergang zutrieb, Gott sei Dank, aber nichtsdestotrotz findet sich das Vermächtnis unserer Ahnen überall im Verlauf unserer Geschichte. Der Homo sapiens stellt das Endprodukt aus einer Reihe erfolgloser genetischer Experimente der Ganymeder dar!

Die Ganymeder sind der Ansicht, daß der Mensch langsam, aber sicher von der Instabilität und der zwanghaften Gewalttätigkeit, die den Lunariern zum Verhängnis wurde, zur Genesung gelangt. Wollen wir hoffen, daß sie recht haben.«

Lange Zeit fiel kein Wort mehr zwischen den beiden Männern. Es war wie eine Ironie des Schicksals, dachte Hunt, daß die Ganymeder gesagt hatten, ihre eigene Rasse werde sich als der Ursprung aller Entwicklung in den vergangenen fünfundzwanzig Millionen Jahren erweisen. Und während all dieser Zeit, während sich die Primaten auf Minerva in Wesen mit Bewußtsein entwickelten, die Zivilisation der Lunarier erstand und wieder verging und sich fünfzigtausend Jahre menschlicher Geschichte auf der Erde ab-spielten, war die Shapieron dort draußen in der unermeßlichen Leere gewesen, behütet von den geheimnisvollen Gesetzen, die Raum und Zeit beherrschen.

»Eine Reihe erfolgloser genetischer Experimente der Ganymeder«, wiederholte Hunt. »Sie waren für alles verantwortlich. Und sie kehrten zurück, sahen, wie wir Raumschiffe flogen oder Atomkraftwerke bauten und hielten die Geschwindigkeit unserer Entwicklung für ein Wunder. Und dabei hatten sie selbst den Grundstein für diese Entwicklung gelegt, in ihren Laboratorien, vor fünfundzwanzig Millionen Jahren... und die ganze Sache als Fehlschlag aufgegeben. Es ist schon komisch, wenn man darüber nachdenkt, Chris. Sogar verdammt komisch. Und jetzt haben sie sich endgültig aus dem Staub gemacht. Ich frage mich nur, was sie gesagt hätten, wenn sie das gewußt hätten, was wir jetzt wissen.«

Danchekker antwortete nicht sofort, sondern starrte eine Zeitlang auf seine Schreibtischplatte, als wäge er ab, ob es besser sei, seine momentanen Gedanken zu artikulieren oder zu schweigen, Schließlich streckte er einen Arm nach vorn und begann ein sinnloses Herumspielen mit einem Bleistift. Als er daraufhin sprach, mied er Hunts Augen und wandte seinen Blick nicht von dem Schreibutensil, mit dem er unablässig herumfummelte.

»Wissen Sie, Vic, in den letzten Monaten vor ihrem Abflug erwachte das Interesse der Ganymeder an allen Bereichen unserer Biochemie, all unsere verfügbaren Daten über Charlie, den Menschen und die Oligozäntiere aus Pithead eingeschlossen. Über einen langen Zeitraum hinweg schäumten die Ganymeder vor Neugier über, und ZORAC

fragte einem über diese Dinge Löcher in den Bauch. Und dann plötzlich, vor ungefähr einem Monat, wurde es um die ganze Sache sehr still. Sie haben sie nicht einmal mehr erwähnt.«

Der Professor blickte auf und überraschte Hunt mit einem direkten und offenen Blick.

»Ich glaube, ich weiß den Grund dafür«, sagte er mit weicher, sehr weicher Stimme. »Sehen Sie, Vic... sie wußten es mit Sicherheit. Sie wußten es. Sie wußten, daß sie ein auf beeindruckende Weise deformiertes Geschöpf in ein feindliches Universum gesetzt hatten, das sich mit Un-bilden auseinanderzusetzen hatte, die übermächtig waren, und sie kehrten zurück und sahen, was aus diesem Geschöpf geworden war – ein stolzer, triumphierender Erobe-rer, der sich hohnlachend allem in den Weg stellt, was auch immer ihm das Universum entgegenschleudert. Deshalb sind sie gegangen. Sie sind der Meinung, daß sie es dem Menschen schuldig sind, ihn in Freiheit und Unabhängig-keit die Welt zur Vollendung bringen zu lassen, auf welche Weise auch immer. Sie wissen, wer wir waren, und sie haben gesehen, was wir seitdem aus uns gemacht haben. Sie sind der Überzeugung, daß wir genügend unter fremder Einmischung zu leiden hatten und daß wir uns als die besseren Lenker und Leiter unseres Geschickes erwiesen haben.«

Danchekker stieß den Bleistift zur Seite, blickte auf und führte seinen Gedanken zu Ende: »Und irgendwie, Vic, glaube ich nicht, daß wir sie enttäuschen werden. Das Schlimmste ist mittlerweile vorbei.«

Epilog

Das Signal, das von dem riesigen Parabolspiegel des Observatoriums auf der abgewandten Seite des Mondes übermittelt worden war, passierte den Rand des Sonnensystems und drang ein in die jenseitigen Weiten des leeren Raumes.

Sein Flüstern streifte die Sensoren eines Wächters, der seit langer, langer Zeit unablässig auf seinem Posten gewesen war. Die Schaltkreise im Innern des Roboters verstanden und reagierten auf den ganymedischen Code, aus dem das Signal bestand.

Andere Geräte im Innern des Roboters wandelten das Signal um in vibrierende Energie und Kraftfelder, die physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen waren, die der Mensch nicht kannte, und warfen es hinein in einen Bereich des Lebens, von dem das Raum-Zeit-Gefüge lediglich ein Schattenbild ist. In einem anderen Teil des Schat-tenuniversums, auf einem warmen, hellen Planeten, der eine heitere Sonne umkreiste, empfingen und übersetzten andere Maschinen die Botschaft.

Die Erbauer dieser Maschinen wurden in Kenntnis gesetzt und gerieten sofort in höchstes Erstaunen angesichts der Dinge, die ihnen berichtet wurden.

Der Wächter fing ihre Antwort aus der Hyperstruktur des Raumes auf, verwandelte sie zurück in elektromagnetische Wellen und strahlte sie zurück zum Mond des dritten Planeten der Sonne.

Die Astronomen auf dem Observatorium auf der erdab-gewandten Seite des Mondes waren völlig unfähig, die Information zu entschlüsseln, die von den Instrumenten übertragen wurden, die mit ihren Empfängern gekoppelt waren. Im Umkreis von Lichtjahren befand sich nichts, was eine Antwort hätte hervorrufen können, dennoch kam sie bereits einige Stunden, nachdem sie mit der Übermittlung begonnen hatten. Die UNWO-Bediensteten waren gleichermaßen verwirrt, und es verstrich viel Zeit, während Wissenschaftler von den Informationen Gebrauch machten, die ihnen aus ZORACs Datenspeichern zur Verfügung standen und die Botschaft aus dem ganymedischen Kommunikationscode in die ganymedische Sprache übersetzten.

Trotzdem konnte niemand etwas damit anfangen.

Dann endlich dachte jemand daran, Dr. Victor Hunt von der Navkomm-Abteilung einzuschalten. Hunt erinnerte sich blitzartig an Don Maddsons Studien der ganymedischen Sprache und übermittelte den Text an die linguisti-sche Abteilung, um zu sehen, ob die etwas damit anfangen konnte. Achtundvierzig Stunden verstrichen, in denen Maddson und sein Assistent fieberhaft arbeiteten. Einer solchen Aufgabenstellung gegenüber waren sie ungeübt, und ohne ZORAC, der sie hätte unterstützen können, war es nicht einfach, ihr gerecht zu werden. Aber die Botschaft war kurz und bündig, und schließlich überreichte ein übernächtigt wirkender, aber triumphierender Maddson Hunt einen einzelnen Bogen Papier, auf dem in getippten Lettern stand:

Die Geschichte derer, die vor langer Zeit nach Iscaris gingen, wurde über Generationen hinweg überliefert, seit unsere Vorfahren von Minerva kamen. Wie auch immer ihr zu eurem jetzigen Ort gelangt seid, und wie auch immer ihr uns gefunden habt – kommt heim. Es gibt mittlerweile ein neues Minerva. Wir, eure Söhne und Töchter, warten, um euch willkommen zu heißen.

Weiterhin hatte es einige Zahlen und mathematische Symbole gegeben, die andere Navkomm-Beschäftigte entziffert hatten und die den Stern der Riesen als den Herkunftsort der Botschaft bestimmten, indem seine spektrale Charakteristik und seine geometrische Position im Hinblick auf bereits geortete Pulsare in den Nachbarregionen dieser Galaxis festgemacht wurde.

Welche physikalischen Prozesse dabei förderlich gewesen waren, konnte Hunt nicht einmal ahnen, aber jetzt war keine Zeit für trockene Spekulationen über solche Dinge.

Die Ganymeder mußten über den Gang der Dinge informiert werden, und die Shapieron konnte nicht auf norma-lem Wege kontaktiert werden, während sie sich im Flug mit Hauptantrieb befand. Die einzige Chance bestand darin, sie noch auf Ganymed zu erwischen.

Die Botschaft vom Stern der Riesen wurde in aller Eile dem UNWO-Hauptquartier in Galveston übermittelt, hin-aufgestrahlt zu einer sich im Umlauf befindlichen Sende-station und über die Laserverbindung zur Jupiter Fünf geschickt. Die Stunden verstrichen, während Hunt, Danchekker, Caldwell und alle anderen in Houston ängstlich darauf warteten, daß irgend etwas durch den direktgeschalteten Kanal in Galveston einträfe. Schließlich erwachte der Schirm zum Leben. Die Nachricht darauf lautete: Shapieron flog siebzehn Minuten vor Eintreffen ihrer Nachricht von hier ab. Letzte optische Wahrnehmung: Schiff volle Kraft voraus auf Rand des Sonnensystems.

Jedweder Kontakt mittlerweile abgebrochen. Tut uns leid.

Alle weiteren Bemühungen waren sinnlos.

»Wenigstens«, sagte Hunt, als er sich erschöpft vom Schirm abwandte und sich zu dem Kreis entmutigter Gesichter in Caldwells Büro umdrehte, »ist es ganz beruhigend zu wissen, daß es die ganze Sache wert war, wenn sie dort ankommen. Wenigstens lauern keinerlei böse Überraschungen am Ende ihrer Reise auf sie.« Er wandte ihnen erneut seinen Rücken zu, starrte noch einmal sehnsüchtig auf den Schirm und fügte dann hinzu: »Ich könnte mir nur vorstellen, daß es noch beruhigender wäre, wenn auch sie diese Gewißheit hätten.«

Nachwort

James Patrick Hogan ist ein englischer Autor, der heute in Amerika lebt. Er wurde 1941 in London geboren, besuchte die Cardinal Vaughan Grammar School und studierte am Royal Aircraft Establishment im englischen Luftfahrtzen-trum Farnborough. Er schloß als Ingenieur mit den Spezi-algebieten Elektronik und Digitalsysteme ab. Nach einigen Jahren der Tätigkeit als Ingenieur wechselte er in die Ver-kaufsabteilung seiner Firma und wurde schließlich Indu-strievertreter, der mit ITT, Honeywell und Digital Equipment Corporation zusammenarbeitete. Eine Weile betätigte er sich auch als Vertreter für Lebensversicherungen, um, wie er es ausdrückte, einmal Abstand von der Welt der Technik zu gewinnen und mehr über Menschen zu erfahren.

Mitte 1977 ließ er sich in den USA nieder und war dort mit den Minicomputern der Firma DEC befaßt, bevor er sich 1979 entschied, als freiberuflicher Schriftsteller seinen Weg zu gehen.

Inherit the Stars (Der tote Raumfahrer) erschien 1977

und war sein erster Roman. Hogan gab diesem Roman die hier vorliegende Fortsetzung The Gentle Giants of Ganymede (Die Riesen von Ganymed) und schrieb in der Folge die Romane The Genesis Machine, The Two Faces of To-morrow und Thrice Upon a Time. All diese Romane werden in absehbarer Zeit in der Reihe Moewig-SF erscheinen.

James P. Hogan gilt als neuer Star einer SF-Linie, die zeit-weise bereits als abgestorben galt: die des technisch-wis-senschaftlich geprägten SF-Romans, auch als Hardcore-SF-Roman oder hard science-Roman bezeichnet. Es war dann auch Isaac Asimov, der Hogan als den neuen Arthur C.

Clarke pries, als einen Autor in der Tradition der klassischen Super Science, »jedoch mit erregender geschilderter Wissenschaft und auch mit besseren erzählerischen Mitteln«. Und Professor Marvin Minsky lobt Hogan als einen Autor, der wissenschaftlich denkt, eine erfundene Theorie plausibel und wissenschaftlich exakt entwickelt und dem Leser einen Eindruck davon verschafft, wie Wissenschaftler in der Praxis vorgehen. Ich muß gestehen, daß ich zunächst skeptisch war, denn mir erschien die technisch-wis-senschaftliche Science Fiction, mit der einst Arthur C.

Clarke, Fred Hoyle und viele andere – im deutschen Sprachraum zum Beispiel Hans Dominik – ihre Erfolge errangen, als alter Hut. Die Lektüre der Hogan-Romane belehrte mich eines Besseren. Nach wie vor unterliegen derartige Stoffe dem Risiko, daß darüber die menschlichen Charaktere in den Hintergrund treten, daß der Stoff übermächtig wird – aber zugleich präsentiert sich etwas, das vielleicht als Abenteuer wissenschaftlicher Erkenntnis bezeichnet werden kann, dem Detektivroman verwandt, genauso spannend und von einer erstaunlichen Frische. Ein bißchen wird hier nachvollziehbar, was denn eigentlich in früheren Jahrzehnten viele Leser so fasziniert hat an der Science Fiction.

Gewiß, es wäre nicht wünschenswert, die gesamte Science Fiction in den Bereich der hard science zurückzuführen, aus dem sie gekommen ist. Aber die Romane von James P. Hogan füllen eine Lücke aus und werden sicherlich vor allem jenen Lesern gefallen, die den alten Zeiten der in die verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen hin-einexpandierenden Science Fiction der dreißiger und vier-

ziger Jahre nachtrauern. Aber Isaac Asimov hat recht: Hogan ist zugleich auch ein talentierter Erzähler, der über die naturwissenschaftlich-technischen Inhalte hinaus Atem hat für überzeugende Charaktere und dramaturgisch geschickt aufgebaute Erzählstrukturen. So ist zu hoffen, daß Hogan – wie andere Erneuerer totgesagter Subgenres der Science Fiction, etwa der Space Opera – der alten Disziplin neue Enthusiasten zuführt.

Hans Joachim Alpers