Als sich der Bus behutsam drehte, um durch die Öffnung hineinzufliegen, ertönte die Stimme des Piloten über die Bordsprechanlage. »Bleibt auf euren Sitzen, ihr da hinten.

Wir fliegen ohne Andockradar rein, daher sind wir ausschließlich auf Sichtkontakt angewiesen. Laßt also eure Helme auf, bis wir Bodenberührung haben.«

Mit vorsichtigen Stößen aus den Manövrierdüsen zwängte sich der Bus durch die Öffnung. Im Inneren der Dockanlage lag ein massiges Gefährt, das schwarzblau glänzte, am Innenschott verankert, und nahm fast den gesamten verfügbaren Raum ein. Zwei große und massiv aussehende Plattformen, die senkrecht zur Längsachse des Schiffes konstruiert waren, ragten in den noch übrig bleibenden Raum hinein. Zwei silberne Eier lagen Seite an Seite auf einer von ihnen, die andere hingegen war frei, bis auf ein Leuchtfeuer, das allerdings ganz auf eine Seite gerückt worden war, um geräumigen und uneingeschränk-ten Platz zum Landen zu gewährleisten. Der Bus schraubte sich in die Höhe, schwebte etwa zehn Fuß über der Plattform, ging behutsam herunter und kam zum Stillstand.

Hunt wußte sofort, daß die Situation irgendwie komisch war aber er brauchte doch einige Sekunden, um die Ursache herauszufinden.

Der Sitz preßte sich gegen ihn. Er verspürte sein ungefähres normales Gewicht, aber er hatte nichts von irgend-

einem Mechanismus bemerkt, der für diesen Effekt verantwortlich sein mußte. Die Jupiter Fünf verfügte über Sektionen, in welchen normale Schwerkraft durch fortwährende Rotation simuliert wurde, andere Teile des Schiffes hingegen waren absichtlich Bereiche für Schwerelosigkeit, die bei bestimmten Aufgabenstellungen notwendig war. Instrumente, die auf unbewegliche Gegenstände gerichtet werden mußten, wie beispielsweise die Kamera, die während der vergangenen Stunden die Shapieron im Bild festgehalten hatte, waren auf Auslegern montiert, die zum Ausgleich in entgegengesetzter Richtung rotieren konnten – im Prinzip am Boden installierten astronomischen Teleskopen ähnlich.

Aber der Anblick des ganymedischen Schiffs auf den Schirmen der J5 hatte keine Veranlassung zu der Überzeugung gegeben, daß sich das Gefährt oder ein Teil davon um die eigene Achse drehte. Zudem waren die Sterne im Hintergrund unbeweglich geblieben, als der Bus in die Anflugsposition für die Landung in der Andockanlage gegangen war und dabei eine unveränderte Position zum Einlaß gehalten hatte. Das bedeutete daß der Pilot nicht zur Anflugssynchronisation mit irgendeiner Rotationsbewe-gung seines Zieles gezwungen worden war. Von daher konnte das Gefühl des eigenen Gewichtes nur bedeuten, daß die Ganymeder über ein revolutionäres Verfahren zur Erzeugung künstlicher Schwerelosigkeit besaßen. Faszinierend.

Durch die neuerlichen Worte des Piloten wurde dieser logische Schluß gefestigt.

»Na, ich glaube, heute habe ich einen meiner guten Tage. Wir haben's geschafft.« Sein langsamer Südstaaten-akzent war ein Gottesgeschenk. »Einige von Ihnen haben vermutlich die Schwerkraft bemerkt. Fragen Sie mich nicht, wie die das hinkriegen, aber auf keinen Fall durch Zentrifugalkraft. Die äußere Schleuse hat sich mittlerweile geschlossen, und meine Instrumente zeigen an, daß drau-

ßen der Druck wächst. Also sieht es so aus, als würde Luft

– oder was auch immer die atmen – einströmen. Ich sage Ihnen, ob wir Helme brauchen oder nicht, wenn ich einige Tests durchgeführt habe. Dauert nicht länger als 'ne Minute. Wir stehen auch hier drinnen immer noch mit J5 in Kontakt. Ich vermute, daß unsere Freunde unsere Sendefre-quenz empfangen und in unseren Bus übertragen. J5 informiert mich, daß der Ausnahmezustand teilweise aufgehoben ist und daß die Verbindung zu den anderen Stationen wieder aufgenommen wurde. Ich hab' eine Nachricht von J4. Sie lautet: ›Erzählt ihnen, daß wir ihnen während ihres Vorbeifluges zugewinkt haben.‹«

Die Luft konnte problemlos eingeatmet werden – sie war fast normal. Hunt hatte dies erwartet; die Atmosphäre im Schiff würde vermutlich mit der Minervas übereinstimmen, und dort war ja irdisches Leben gediehen. Nach außen hin verhielten sich die Insassen des Busses ruhig, aber gele-gentliche nervöse Unruhe und hektische letzte Vorkehrungen an der Ausrüstung verrieten die wachsende Ungeduld und die gespannte Erwartung.

Storrel oblag die ehrenvolle Aufgabe, als erster Mensch das Raumschiff einer fremden Rasse zu betreten. Er erhob sich aus seinem Sessel im hinteren Teil der Kabine und wartete auf das Öffnen der inneren Schleusentür. Dann betrat er die Kammer und blickte durch das Bullauge in der Außentür.

Nach einer kurzen Umschau informierte er die anderen von seinen Eindrücken. »In der Wand an der Seite der Plattform, auf der wir uns befinden, öffnet sich eine Tür.

Im Rahmen stehen Leute – diese riesenhaften Kerle. Jetzt kommen sie heraus... es sind eins, zwei, drei... fünf Personen. Nun kommen sie zu uns herüber...« Die Köpfe der Insassen wandten sich unwillkürlich zum Schirm in der Wand, der jedoch zeigte einen anderen Ausschnitt der Umgebung.

»Ich kann sie nicht ins Bild bekommen«, sagte der Pilot, als könnte er ihre Gedanken lesen. »Sie stehen in einem toten Winkel. Sie übernehmen nun das Kommando, Sir.«

Storrel starrte weiterhin eine Zeitlang kommentarlos aus dem Bullauge. Schließlich drehte er sich zu den anderen um und holte tief Atem.

»Okay, das wär's also. Keine Abweichungen vom Plan; es bleibt alles wie abgesprochen. Aufmachen, Pilot.«

Die Außentür des Busses glitt auf und rastete in ihrer Verankerung ein, eine kurze Metalleiter glitt auf die Plattform hinab. Storrel trat einen Schritt vor und stand einen Augenblick lang im Rahmen der Tür. Dann verschwand er nach draußen. Der nächstfolgende UNWO-Offizier, der bereits vor der Schleuse wartete folgte ihm, während weiter hinten im Inneren sich Hunt in die langsam vorwärtsdrän-gende Schlange einreihte.

Als er ausstieg, wurde Hunt von der Weite des Raumes überwältigt, ein Eindruck, der im Inneren des Busses nicht vermittelt worden war; es war, als ob man plötzlich aus dem Seitenflügel einer Kathedrale hinaus ins Mittelschiff trat.

Nicht, daß er sich inmitten eines riesigen, unbenutzten Areals befunden hätte – schließlich handelte es sich ja um ein Raumschiff – aber hinter dem Heckteil des Tochterschiffes der Shapieron, das sich wie eine ausladende metallische geometrische Skulptur über ihren Köpfen ausnahm, verschmolz die Linienführung der Andockanlage im Hintergrund miteinander und verhalf diesem Wunder der Raumfahrt, in dem sie nun standen, zu der ihr angemesse-nen Größe.

Dies waren jedoch lediglich flüchtige Gefühle, die in der hintersten Ecke des Empfindungsvermögens von Hunt aufblitzten. In seiner Gegenwart vollzog sich Geschichte: Das erste unmittelbare Zusammentreffen zwischen dem Menschen und einer intelligenten fremden Lebensform fand statt. Storrel und die beiden Offiziere waren einen Schritt vor die übrigen Mitglieder der Gruppe getreten, die sich in Reih und Glied aufgestellt hatten; nur wenige Schritte entfernt, von Angesicht zu Angesicht mit Storrel, stand eine Gestalt, offenbar der Leiter des Empfangskomitees der Ganymeder und hinter ihm hatten sich seine Gefährten versammelt.

Ihre Haut war von hellgrauer Färbung und erschien etwas rauh im Vergleich zu der der Menschen. Alle fünf verfügten über dichtes Haupthaar, das ihnen bis auf die Schultern wucherte, ihre Gesichter trugen jedoch keine Anzeichen von Bartbehaarung. Drei der Ganymeder, unter ihnen der Leiter, hatten tiefschwarzes Haar; ein weiterer besaß graues, fast weißes Haar, während das des fünften von dunklem Kupferton war und die leicht rötliche Färbung seines Gesichtes betonte.

Ihre Kleidung war in den unterschiedlichsten Farben gehalten und verfügte mit Ausnahme eines gewissen Grund-musters über keinerlei Gemeinsamkeiten. Dieser von allen getragene Bekleidungstyp bestand aus einem einfachen, weiten hemdartigen Oberteil, das zusammen mit schlichten Hosen getragen wurde, die an den Knöcheln mit einem Band zusammengebunden waren; nichts an den Ganymedern erinnerte auch nur im entfernten an eine Uniform.

Allesamt trugen sie glänzende Stiefel mit dicken Sohlen, wiederum in unterschiedlichen Farben, und einige hatten zierliche Gürtel um ihre Hüften. An der Stirn eines jeden prunkte ein schmales goldenes Band, an dem etwas befestigt war, das wie ein scheibenförmiger Edelstein aussah, und an einem metallartigen Reifen um das Handgelenk jedes Ganymeders befand sich ein flaches silbernes Käst-chen, das von weitem einem Zigarettenetui nicht unähnlich sah. Ihr Anführer unterschied sich durch sein Aussehen in nichts von den anderen.

Einige bedeutungsschwere Augenblicke lang standen sich die beiden Gruppen schweigend gegenüber. Im Türrahmen hinter den Menschen von der Erde stand der Copilot des Busses und nahm mit einer Handkamera die Szenerie für die Nachwelt auf. Schließlich trat der Anführer der Ganymeder einen Schritt vor und vollführte die gleiche Neigung mit dem Kopf, die man bereits zuvor auf dem Schirm an Bord der Jupiter Fünf hatte beobachten können.

Bedacht darauf, nichts zu unternehmen, was unfreiwilligen Grund zu einer Beleidigung Anlaß bieten könnte, erwiderte Storrel darauf mit zackigem, vorschriftsmäßigem UNWO-Salut. Zum Entzücken der Erdenmenschen taten es ihm alle fünf Ganymeder sofort nach, obwohl dies mit einer Spur von Unsicherheit und einer mangelnden Koordination vorgenommen wurde, die einem Ausbildungssergeanten der UNWO die Tränendrüsen strapaziert hätte.

Langsam und stockend sprach der Anführer der Ganymeder. »Ich bin Mel-thur. Guten Tag.«

Diese einfache Aussage würde in die Annalen der Geschichte eingehen. Später wurde sie zu einem weitverbrei-teten Scherz, über den Ganymeder wie Erdbewohner gleichermaßen lachten. Die Stimme klang tief und rauh, völlig anders als die des Übersetzers, der zuvor über den Schirm im Ei gesprochen hatte; dessen Stimme hatte in ihrer Diktion und sogar in ihrem Akzent makellos geklungen. Offenbar handelte es sich nicht um den Übersetzer, der Umstand, daß sich der Anführer der Gruppe der Mühe unterzogen hatte, seine eröffnenden Worte in der Muttersprache seiner Besucher zu artikulieren, konnte die Freundlichkeit der Begrüßung nur verstärken.

Melthur fuhr mit einer kurzen Ansprache fort, die jedoch in seiner Muttersprache gehalten war, und die Besucher lauschten ihm ehrerbietig. Nun war Storrel an der Reihe.

Während des Fluges von J5 hatte er sich fortwährend diesen Augenblick vorgestellt und ihn gefürchtet. Er hatte sich gewünscht, in den Dienstvorschriften der UNWO sei ein solcher Fall vorgesehen. Wurden denn die Strategen solcher Unternehmungen nicht bezahlt, um ein wenig Voraus-sicht zu zeigen? Er riß sich zusammen und hielt die kurze Ansprache die er sich im Geist zurechtgelegt hatte, wobei er hoffte, daß die Historiker späterer Jahre in ihrem Urteil nachsichtig wären und die Umstände berücksichtigten.

»Gefährten der Raumfahrt und Nachbarn, ich grüße euch im Namen der Völker des Planeten Erde. Wir kommen in Frieden und im Geist der Freundschaft zu allen Lebewesen.

Möge sich dieses Zusammentreffen als Beginn eines langen und andauernden Nebeneinanders unserer Rassen er-

weisen, möge aus ihm gegenseitiges Verständnis und Übereinstimmung zum Wohl und Nutzen von uns allen er-wachsen. So laßt denn Ganymeder und Erdbewohner zusammen die gemeinsamen Grenzen des Wissens erweitern, des Wissens, das sie beide von ihren Heimatwelten hat aufbrechen lassen und ins Reich des Weltalls geführt hat, das allen Welten gehört.«

Die Ganymeder wiederum erwiesen ihre Ehrerbietung, indem sie reglos und schweigend noch eine kleine Weile nach dem Ende der Ansprache Storrels verharrten. Nachdem nun die Formalitäten vorüber waren, bedeutete ihnen der Leiter, ihm zu folgen, und wandte sich erneut der Tür zu, durch die er und seine Gefährten eingetreten waren.

Zwei andere Ganymeder folgten ihm und schritten der Gruppe der Erdbewohner voran, während sich die restlichen beiden hinten anschlossen.

Sie gingen einen breiten Gang mit weißen Wänden entlang, der an den Seiten von vielen Türen gesäumt war.

Überall herrschte ein gleichförmig strahlender Glanz, der von der Decke und den vielen Schalttafeln zu kommen schien, aus denen sich die Wände zusammensetzten. Der Fußboden war weich und gab dem Tritt nach und schluckte jedes Geräusch. Die Luft war kalt.

Ganymeder säumten in größeren und kleineren Gruppen ihren Weg, um die kleine Prozession vorbeischreiten zu sehen. Die meisten von ihnen waren ebenso groß wie ihre Artgenossen, die beim Empfang des Busses bereitgestan-den hatten, einige hingegen waren weitaus kleiner und wirkten in Aussehen und Statur zerbrechlicher: Offenbar handelte es sich um Kinder in verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung. Die Bekleidung der Zuschauer unterschied sich untereinander noch stärker als zuvor, doch jeder trug gleichermaßen das juwelenbesetzte Stirnband und das Gerät am Handgelenk. Hunt vermutete allmählich, daß sie nicht allein dekorativen Absichten dienten. Viele Klei-dungsstücke wiesen Anzeichen von nachlassender Haltbar-keit und häufigem Gebrauch auf und ergänzten somit das allgemeine Gefühl von Müdigkeit und Niedergeschlagen-heit, das er überall verspüren konnte. Wände und Türen waren von Schrammen gezeichnet, die von zahllosem An-stoßen passierender Gegenstände herrührten. In der Mitte der Gänge waren die Fußböden abgenutzt von hin und her eilenden Füßen, die hier länger gelaufen waren, als er sich überhaupt nur vorstellen konnte. Zudem erzählten die ge-beugten Haltungen einiger Leute, von denen wiederum ein Teil von Gefährten gestützt wurde, ihre eigene Geschichte.

Der Gang war nicht sehr lang und mündete in einen zweiten, etwas breiteren ein, der quer zum ersten verlief.

Dieser zweite Gang verlief links und rechts von ihnen gekrümmt in beide Richtungen und schien Teil eines ununterbrochenen kreisförmigen Durchlaufs zu sein, der den Kern des Schiffes umspannte. Unmittelbar vor ihnen, in der gebogenen Wand, welche die äußere Hülle des Kerns ausmachte, befand sich eine geöffnete Tür. Die Ganymeder leiteten sie hindurch, hinein in einen kahlen, runden Raum

– etwa zwanzig Fuß im Durchmesser –, und hinter ihnen schloß sich die Tür geräuschlos. Ein unbestimmbares hohes Schrillen von unsichtbaren Maschinen kam von irgendwo-her, und bedeutungslose Zeichen leuchteten und erloschen auf einer Schalttafel in der Nähe der Tür. Hunt vermutete nach wenigen Augenblicken, daß sie sich im Innern eines gewaltigen Aufzuges befanden, der sich in einem Schacht bewegte, der innerhalb des Schiffskerns verlief. Es waren keinerlei Anzeichen von Beschleunigung zu verspüren gewesen – vielleicht ein weiteres Beispiel für die ganymedischen Leistungen in der Beherrschung der Schwerkraft.

Sie verließen den Aufzug und überquerten einen weiteren kreisförmigen Gang, um durch einen Raum zu gelangen, der offenbar Kontroll- und Meßgeräte beherbergte. Zu beiden Seiten des Durchgangs türmten sich Schaltkonsolen, Anzeigetafeln und Bildschirme, und vor einigen dieser Geräte saßen Ganymeder. Der Raum war übersichtlicher und weitaus weniger verschachtelt aufgebaut als auf den Schiffen der UNWO. Instrumente und Ausrüstungsgegenstände schienen harmonisch ins Raumganze eingefügt und nicht erst hernach hineingepfropft worden zu sein. Nicht allein funktionellen, sondern mindestens in gleichem Maße auch ästhetischen Überlegungen war Rechnung getragen worden. Die Palette der verwendeten Farben, eine zarte Ab-stimmung von Gelb-Orange- und Grüntönen, bildete ein einziges organisches Design, das sich von einem zum anderen Ende des Raumes erstreckte, war sowohl Gegenstand feinfühliger Betrachtung als auch ein wirksamer Teil der Shapieron. Im direkten Vergleich wirkte der Kommandoraum der Jupiter Fünf nackt und nur nach Nützlich-keitsprinzipien ausgerichtet.

Die Tür am rückwärtigen Ende öffnete sich zu ihrem Bestimmungsort. Es war ein langer, trapezförmiger Raum, vermutlich zwischen dem Kern und der äußeren Hülle des Schiffes gelegen. Die langgestreckte Wand wurde von einem riesigen Bildschirm dominiert, an dessen Fuß sich ein Bedienungspult mit Instrumentenanzeigen neben dem anderen befand, die allesamt mit auffallend weniger Schaltern und Knöpfen ausgerüstet waren, wie sie bei vergleichsweiser Ausrüstung auf der J5 üblich gewesen wären. Einige tischartige Arbeitsplatten und eine Anzahl unidentifizierbarer Geräte nahmen den mittleren Teil des Raumes ein, die kurze Seite stieg an zu einer Estrade, auf der drei große leere Stühle hinter einer langen Konsole standen, deren Benutzer auf den Hauptschirm blicken würden. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich dabei um den Ort, von dem aus der Kapitän und seine Offiziere die Operationen des Schiffes überwachten.

Vier Ganymeder warteten auf der weiten leeren Fläche vor der Estrade. Die Erdenbewohner traten an sie heran, und das Ritual der wechselseitig vorgetragenen kurzen An-sprachen wiederholte sich. Sobald die Formalitäten beendet waren, lenkte Garuth, wie sich der Sprecher der Ganymeder soeben vorgestellt hatte, ihre Aufmerksamkeit auf eine Ansammlung von Gegenständen, die auf einem der Tische aufgereiht lagen.

Für jeden anwesenden Erdbewohner gab es das gleiche Stirnband und die gleiche am Handgelenk zu befestigende Gerätschaft, wie sie von allen Ganymedern getragen wurden, zuzüglich einiger weiterer kleinerer Gegenstände. Zögernd griff einer der UNWO-Offiziere danach und nahm sich ein Stirnband zur genaueren Untersuchung heraus, nachdem er von den Ganymedern durch zustimmende Gesten dazu ermuntert worden war. Einer nach dem anderen folgte seinem Beispiel.

Hunt wählte eines aus und nahm es auf, wobei er feststellte, daß es so gut wie kein Gewicht besaß. Was aus der Entfernung wie ein Edelstein in der Mitte des Gegenstandes ausgesehen hatte, stellte sich in Wahrheit als flache, reflektierende Scheibe silbernen Metalles von der Größe eines Vierteldollarstückes heraus, in dessen Mitte eine winzige Erhebung angebracht war, die aus schwarzem Glas zu bestehen schien. Das Band selbst war viel zu kurz, um den Kopf eines Ganymeders zu umspannen, und das Metall trug Anzeichen von Bruchstellen, die notdürftig instandge-setzt worden waren – eindeutig das Ergebnis einer in aller Eile vorgenommenen Veränderung auf menschliche Proportionen.

Eine riesige graue Hand mit sechs Fingern, die mit breiten Nägeln und biegsamen Hornwülsten auf den Gelenken ausgestattet war, tauchte in Hunts Gesichtskreis auf und ergriff behutsam das Stirnband. Er blickte auf und starrte direkt in die Augen eines jener fremden Riesen, der nun direkt neben ihm stand. Die Augen waren tiefblau und ent-hielten riesige, kreisrunde Pupillen; Hunt hätte schwören können, daß sie in gutmütigem Spaß aufblitzten. Bevor er seine verwirrten Gedanken hatte ordnen können, war das Stirnband am vorgesehenen Platz befestigt worden und saß ausgezeichnet. Nun nahm der Ganymeder eines der kleineren Gegenstände auf, eine gummiartige Scheibe, die an einem Clip befestigt war und klemmte sie mit einer einfachen Bewegung an Hunts rechtes Ohrläppchen. Es bereitete keine Unannehmlichkeiten, da die Scheibe leicht auf seinem etwas vorspringenden Kieferknochen aufsaß. Ein ähnliches Gerät wurde am Vorderteil seines Hemdkragens befestigt, so daß es gerade noch innerhalb des Randes des Helmansatzes seines Raumanzuges sichtbar war. Die Scheibe des Gerätes baumelte an seinem Kehlkopf. Hunt bemerkte, daß die Fremden sich unbekümmert unter sie gemischt hatten und seinen Kollegen auf ähnliche Weise behilflich waren. Bevor er weitere Einzelheiten beobachten konnte, hielt sein eigener Riese das letzte Ausrüstungsstück empor, das am Handgelenk zu tragende Gerät, und demon-strierte mehrere Male hintereinander die einzigartige Befe-stigungsmethode des Armbandes, bevor er es an Hunts ausgestrecktem Unterarm anbrachte. Die Oberfläche des Gerätes wurde fast vollständig von etwas bedeckt, was ein Miniaturbildschirm sein mußte, obwohl zur Zeit nichts darauf zu sehen war. Der Riese deutete auf einen der winzigen Knöpfe, die in einer Reihe unter dem Schirm angebracht waren, und vollführte eine Anzahl von Kopfbewegungen und unterschiedlichen Gesichtsausdrücken, die Hunt nicht viel bedeuteten. Dann drehte er sich herum zu einem al-leinstehenden Erdbewohner, der Schwierigkeiten mit dem Sitz seines Ohrclips hatte.

Hunt blickte sich um. Die unbeschäftigten Ganymeder, die sich im Raum versammelt hatten, um Augenzeuge der erwähnten Prozeduren zu sein, schienen geduldig auf ein Ereignis zu warten. Über ihren Köpfen, auf dem Hauptschirm, befand sich die vollständige Ansicht der Jupiter Fünf, die noch immer fünf Meilen entfernt in Warteposition lag. Der plötzliche Anblick eines vertrauten und Sicherheit vermittelnden Gegenstandes inmitten dieser fremdartigen Umgebung ließ sofort die traumartige Läh-mung verfliegen, die ihn langsam überkommen hatte. Er blickte erneut zurück auf sein Gerät am Handgelenk, zuckte die Achseln und drückte auf den Knopf, den ihm der Riese gezeigt hatte.

»Ich bin ZORAC. Guten Tag.«

Hunt blickte erneut auf und drehte sich nach dem Sprecher um, aber da war niemand, der ihn anschaute. Erstaunt runzelte er die Stirn.

»Wer bist du?« Wieder hörte er die gleiche Stimme.

Hunt blickte sich nach allen Seiten um und war völlig verdutzt. Er bemerkte, daß sich zwei oder drei Erdbewohner ebenso merkwürdig wie er selbst verhielten und daß zwei weitere begonnen hatten, etwas vor sich hinzumurmeln –offenbar führten sie Selbstgespräche. Und dann entdeckte er, daß die Stimme aus dem Apparat kam, den er an der Uhr trug. Es war die Stimme des ganymedischen Übersetzers, die er zuerst an Bord der J5 gehört hatte. Im gleichen Augenblick dämmerte es ihm, daß es sich bei dem Gerät vor seinem Kehlkopf um ein Mikrophon handelte. Nachdem er sich einen Augenblick lang halbwegs des Gedankens bewußt war, daß er ebenso lächerlich wie seine Kollegen ausschaute, antwortete er: »Hunt.«

»Die Erdbewohner reden zu mir. Ich rede zu den Ganymedern. Ich dolmetsche.«

Hunt verschlug es die Sprache. Er hatte nicht erwartet, bei dem, was da auch immer kommen mochte, die Rolle eines aktiv Beteiligten zu spielen, sondern sich mehr als ein Beobachter verstanden. Nun jedoch hatte man ihn aufge-fordert, direkt an dem Gespräch teilzunehmen. Einen Augenblick lang war er perplex, weil ihre derzeitige Unterhaltung auf keine geistreiche Weise fortgesetzt wurde.

Da er jedoch nicht den Eindruck von Ungebildetheit entstehen lassen wollte, fragte er: »Wo bist du?«

»In verschiedenen Teilen an verschiedenen Orten innerhalb der Shapieron. Ich bin kein Ganymeder. Ich bin eine Maschine. Ich glaube, das irdische Wort ist Computer...«

Es folgte eine kurze Pause, dann: »Ja. Ich hatte recht. Ich bin ein Computer.«

»Wie hast du das so schnell herausbekommen?« hakte Hunt nach.

»Entschuldigung. Ich verstehe diese Frage noch nicht.

Kannst du es einfacher ausdrücken?«

Hunt dachte einen Augenblick lang nach.

»Beim ersten Mal verstandest du nicht den Begriff Computer. Du verstandest ihn jedoch beim zweiten Mal.

Wieso?«

»Ich fragte den Erdbewohner, der sich mit mir im Ei innerhalb der Jupiter Fünf unterhalten hat.«

Hunt war sehr erstaunt, als er erkannte, daß ZORAC

nicht einfach nur ein Computer, sondern ein Supercomputer war. Er war in der Lage, mehrere Gespräche unabhängig voneinander zu führen und sie analysierend zu verwer-ten. Dieser Umstand erklärte den phänomenalen Fortschritt im Verständnis der englischen Sprache und sprach für sein Vermögen, jede Detailinformation zu speichern, ohne daß Wiederholungen notwendig gewesen wären. Hunt hatte bei einigen Gelegenheiten die fortgeschrittensten Sprachüber-setzungsmaschinen der Erde in Aktion sehen können; ZORAC schlug sie alle vergleichsweise um Längen.

Während der nächsten Minuten nahmen die Ganymeder die Positionen von schweigenden Beobachtern ein, während sich die Erdbewohner mit ZORAC und den damit vorhandenen Möglichkeiten unterschiedlicher Kommuni-kationsweisen vertraut machten und sich daran erfreuten, mit ihm und durch ihn Gespräche zu führen. Die Stirnbän-der stellten winzige Fernsehkameras dar, mit deren Hilfe die Perspektive ihres Trägers auf direktem Wege in den Computer übermittelt werden konnte. Der Bildausschnitt eines jeden Stirnbandes konnte auf jeden Handgelenk-

schirm übertragen werden, ebenso wie jede Information, die sich graphisch darstellen ließ und im Computerkomplex des Schiffes gespeichert war. ZORAC – ein Sammelbegriff für diesen Komplex – stellte nicht allein einen vielseitigen Mechanismus dar, der den Individuen Zugang zu und Interaktion mit den vielen Vorrichtungen des Schiffes gewährte, sondern der zugleich eine höchst ausgeklügelte Möglichkeit zur Kommunikation dieser Individuen untereinander bot. Und all dies war lediglich ein Nebeneffekt: ZORACs vordringliche Aufgabe bestand darin, nahezu alles in der Shapieron zu überwachen und zu kontrollieren.

Daher waren die Schalttafeln und -konsolen auch so einfach und unkompliziert in ihrem Erscheinungsbild – die meisten Operationen wurden auf mündliche Befehle von ZORAC hin ausgeführt.

Nachdem sich ZORAC allen Neuankömmlingen vorgestellt hatte, wurden die dringenden anstehenden Geschäfte erneut aufgenommen, indem Storrel eine fruchtbarere Unterredung mit Garuth, dem Leiter der ganymedischen Expedition, führte. Aus diesem Gespräch ging hervor, daß die Shapieron tatsächlich von einem anderen Sonnensystem gekommen war, zu dem es vor urlanger Zeit aufgebrochen war, um ein äußerst komplexes wissenschaftliches Unterfangen durchzuführen. Die Expedition war von einer Kata-strophe heimgesucht worden, und diese hatte sie zu einem hastigen Aufbruch gezwungen, ohne daß genügend Zeit für Vorbereitungen zur langen Reise bestanden hätte. Die Situation war durch technische Probleme mit dem Schiff ver-schlechtert worden, Schwierigkeiten, deren genaue Ursache noch schleierhaft blieb. Die Reise war lang und voller Mißlichkeiten gewesen und hatte schließlich in der schlechten Situation geendet, in welcher sie sich momentan befanden und die den Erdbewohnern bereits beschrieben worden war. Garuth schloß damit, daß er erneut auf die armselige körperliche und seelische Verfassung seiner Leute und auf die Notwendigkeit verwies, einen Landeplatz für ihr Schiff zu finden.

Während die Verhandlungen liefen, wurde ein ununterbrochener Kommentar über die Gesprächsinhalte beider Seiten der im Bus verbliebenen Restbesatzung übermittelt, die mit Hilfe eines ganymedischen Relays Shannon und den anderen auf der Kommandobrücke der J5 einen detaillierten Bericht über den Ablauf der Dinge sendeten.

Noch bevor Garuth zu Ende gesprochen hatte, hatte sich Shannon bereits mit der Hauptstation auf Ganymed in Verbindung gesetzt und ihren Kommandeur instruiert, Vorbereitungen für die Aufnahme einer Schiffsladung unerwarteter und sehr erschöpfter Gäste zu treffen.

7

»Einer der anderen Erdbewohner hat mir gerade mitgeteilt, ich solle den Abflug machen und sein Kommunikationsgerät ausgeschaltet«, sagte ZORAC. »Ich könnte seinem Wunsch nur entsprechen, wenn ich die Shapieron wieder in den Weltraum eintauchen lassen würde, und ich bin sicher, daß er das nicht beabsichtigt. Was meinte er?«

Hunt grinste in sich hinein, als er seinen Kopf behaglich in das Kissen zurückfallen ließ und an die Decke starrte.

Seit mehreren Stunden befand er sich wieder an Bord der Jupiter Fünf und ruhte sich in seiner Kabine von einem anstrengenden Tag aus, während er zugleich weiter an seinem ganymedischen Kommunikationsgerät herumprobiert hatte.

»Es handelt sich um eine irdische Redensweise«, antwortete er. »Sie ist nicht wörtlich zu nehmen. Die Leute drücken sich manchmal so aus, wenn sie kein Interesse daran haben, jemandem zuzuhören. Vermutlich war er müde und brauchte Schlaf. Aber benutze diesen Ausdruck nicht, wenn du mit Erdbewohnern redest. Er schafft Verwirrung und ist etwas beleidigend.«

»Ich verstehe. In Ordnung. Gibt es ein Wort oder einen Begriff für einen Ausdruck, der mit der wörtlichen Bedeutung nicht übereinstimmt?«

Hunt seufzte und rieb sich müde den Sattel seiner Nase.

Plötzlich empfand er eine tiefe Bewunderung gegenüber der Geduld von Schullehrern.

»Ich glaube, man nennt das eine Redefigur«, sagte er.

»Aber Sprache ist doch aus Worten zusammengesetzt, und nicht aus Figuren, oder habe ich irgendwo einen Fehler gemacht?«

»Nein, du hast vollkommen recht. Das ist nur eine andere Ausdrucksweise.«

»Eine Redefigur ist also eine Redefigur. Richtig?«

»Ja. ZORAC, ich werde ebenfalls müde. Könntest du mit weiteren Fragen über die englische Sprache warten, bis ich mich etwas erholt habe? Jetzt habe ich aber noch einige Fragen, die ich gern von dir beantwortet hätte.«

»Andernfalls sagst du mir, ich solle den Abflug machen, und schaltest ab?«

»So ist es.«

»In Ordnung. Wie lauten deine Fragen?«

Hunt lehnte seine Schultern gegen das Kopfende des Bettes und verschränkte beide Arme im Nacken. Nach kurzem Nachdenken war er bereit.

»Mich interessiert der Stern, von dem euer Schiff gekommen ist. Du sagtest, daß er über ein System mit mehreren Planeten verfügt.«

»Ja.«

»Euer Schiff kam von einem dieser Planeten?«

»Ja.«

»Sind alle eure Leute vor langer Zeit von Minerva ausgewandert, um auf diesem Planeten zu leben?«

»Nein. Nur drei große Schiffe und die in ihnen Mitgeführten flogen hin. Wir hatten auch drei sehr große Maschinen, die über einen eigenen Antrieb wie ein Raumschiff verfügten. Die Ganymeder gingen dorthin, um eine wissenschaftliche Hypothese zu testen. Sie gingen nicht hin, um dort zu leben. Alle kamen sie an Bord der Shapieron zurück, aber viele sind gestorben.«

»Von wo aus bracht ihr auf, als ihr zu diesem Stern ge-

flogen seid?«

»Von Minerva.«

»Wo war der Rest des ganymedischen Volkes – diejenigen, die nicht mit zu dem Stern geflogen sind?«

»Natürlich blieben sie auf Minerva. Zu der Arbeit an dem Stern wurde nur eine geringe Anzahl Wissenschaftler benötigt.«

Hunts Verblüffung war nicht länger zurückzuhalten.

Das, was er seit einiger Zeit zu vermuten begonnen hatte, war tatsächlich wahr.

»Wie lange ist es her, seit ihr den Stern verlassen habt«, fragte er. Sein Tonfall verfestigte sich etwas, während er diese Worte formte.

»Ungefähr fünfundzwanzig Millionen Erdenjahre«, gab ZORAC zur Antwort.

Lange Zeit sagte Hunt nichts. Er lag nur einfach da, sein Geist mühte sich ab, die Ungeheuerlichkeit des soeben Erfahrenen zu begreifen. Kaum wenige Stunden waren vergangen, da hatte er Lebewesen von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, die bereits lange geboren waren, bevor die Spezies, die man den Homo sapiens nannte, auch nur mit den Anfängen ihrer Entwicklung begonnen hatte.

Und sie lebten immer noch und hatten all diese unvorstell-baren Zeitalter hindurch bestanden. Der Gedanke daran war betäubend.

Er konnte sich nicht einen Augenblick lang vorstellen, daß es sich dabei um die normale Lebensdauer der Ganymeder handelte und schloß, daß es sich um das Ergebnis einer relativistischen Zeitdehnung handelte. Aber um einen Effekt von derartigen Ausmaßen zu erzielen, mußten sie über die Dauer eines unermeßlichen Zeitraumes eine phä-

nomenale Geschwindigkeit ausgehalten haben. Was konnte die Ganymeder dazu veranlaßt haben, die dazu erforderli-che weite Entfernung zurückzulegen? Und in gleichem Maße seltsam war, warum sie sich bewußt etwas ausgesetzt hatten, was den unweigerlichen Verlust ihrer Welt, ihrer Lebensart und aller ihnen vertrauten Dinge bedeutete. Welche Bedeutung konnte ihre Expedition überhaupt gehabt haben, da kein erreichtes Ziel an ihrem Bestimmungsort irgendeine Auswirkung auf ihre Zivilisation haben konnte

– zumindest nicht unter den Bedingungen einer derartigen Zeitverzögerung? Aber hatte Garuth nicht erwähnt, daß nichts nach ihrem beabsichtigten Plan verlaufen war?

Nachdem er seine Gedanken wenigstens wieder etwas geordnet hatte, stellte Hunt eine weitere Frage.

»Wie weit war dieser Stern von der Sonne entfernt?«

»Eine Strecke, für die das Licht neun Komma drei Erdenjahre benötigt«, antwortete ZORAC.

Die Situation wurde allmählich verrückt. Angesichts der Geschwindigkeit, die zur Erzielung des Zeitdehnungsef-fektes erforderlich war, hätte eine solche Reise kaum Zeit beanspruchen dürfen... wenn man in astronomischen Maßstäben dachte.

»Wußten die Ganymeder, daß sie nach fünfundzwanzig Millionen Jahren zurückkehren würden«, fragte Hunt, entschlossen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

»Als sie den Stern verließen, wußten sie Bescheid. Aber als sie von Minerva zu dem Stern aufbrachen, wußten sie es nicht. Es gab keinen Grund zu der Annahme, daß die Rückreise von dem Stern länger als die Hinreise dauern würde.«

»Wieviel Zeit benötigten sie, um hinzugelangen?«

»Von der Sonne aus gerechnet zwölf Komma eins Jahre.«

»Und die Rückreise dauerte fünfundzwanzig Millionen?«

»Ja. Es ließ sich nicht vermeiden, so schnell zu fliegen.

Ich glaube, daß euch die Ergebnisse dieses Umstandes bekannt sind. Sie umkreisten die Sonne viele Male auf einer weit entfernten Umlaufbahn.«

Hunt stellte die sich daraus ergebende unvermeidliche Frage. »Warum bremsten sie nicht einfach ab?«

»Sie konnten es nicht.«

»Warum?«

ZORAC schien für den Bruchteil eines Augenblickes zu zögern.

»Die elektrischen Maschinen konnten nicht betätigt werden. Die Punkte-die-alle-Dinge-zerstören und sich in Kreisen bewegen, konnten nicht angehalten werden. Die Raum und Zeit vereinenden Zusammenfügungen konnten nicht getrennt werden.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Hunt und legte die Stirn in Falten.

»Ich kann mich nicht klarer ausdrücken, ohne nicht zuvor weitere Fragen über Englisch zu stellen«, warnte ihn ZORAC.

»Laß es für den Augenblick gut sein.« Hunt erinnerte sich an die Aufregung, die durch Spekulationen über das Antriebssystem des ganymedischen Schiffes unter Pithead verursacht worden war, das aus der gleichen Zeit wie die Shapieron stammte. Obwohl die Wissenschaftler und Ingenieure der UNWO nicht hatten sicher sein können, hatten doch viele von ihnen vermutet, daß seine Bewegung nicht als Reaktion auf Schub, sondern durch eine künstlich erzeugte Zone örtlich begrenzter Raum-Zeit-Verzerrung entstanden war, in die das Schiff kontinuierlich ›hineinfiel‹.

Hunt ahnte, daß ein derartiges Prinzip durchaus die Art von langanhaltender Beschleunigung aufzubauen vermochte, die notwendig war, um die Geschwindigkeit zu erlangen, von der in ZORACs Bericht die Rede war. Zweifellos würden andere Wissenschaftler ZORAC ähnliche Fragen stellen. Er würde die Angelegenheit morgen mit ihnen bespre-chen, entschloß er sich, und sie im Augenblick nicht weiter verfolgen.

»Erinnerst du dich noch an diese Zeit«, fragte er beiläufig, »vor fünfundzwanzig Millionen Jahren, als euer Schiff Minerva verließ?«

»Fünfundzwanzig Millionen Jahre in irdischer Zeitrechnung«, unterstrich ZORAC. »Das waren weniger als zwanzig Jahre Bordzeit auf der Shapieron. Ja. Ich erinnere mich an alles.«

»Welche Art von Welt habt ihr zurückgelassen?«

»Ich verstehe nicht ganz. Welche Art? «

»Na, wie sah denn der Ort auf Minerva aus, von dem ihr abgeflogen seid? War das Land flach? Gab es Wasser? Gab es Gebäude, die die Ganymeder errichtet hatten? Kannst du mir einen Eindruck davon vermitteln?«

»Ich kann dir ein Bild zeigen«, bot ZORAC an. »Schau bitte auf den Schirm.«

Neugierig streckte Hunt seinen Arm aus, um die Arm-bandapparatur zu greifen, die er auf seinen Nachtspind gelegt hatte. Als er sie in die Hand nahm, erschien auf dem Schirm eine Szenerie, deren Anblick ihn augenblicklich erstaunt durch die Zähne pfeifen ließ. Er blickte hinab auf die Shapieron oder zumindest auf ein Schiff, das ihr zum Verwechseln ähnlich sah, aber es war nicht der zernarbte und durchlöcherte Rumpf, den er vor wenigen Stunden vom Bus aus gesehen hatte. Es war ein reiner, glänzender, majestätischer Turm von makellos poliertem Silber, der stolz aufgerichtet auf seiner Heckpartie stand, inmitten eines weiträumigen Geländes, das von merkwürdigen Konstruktionen beherrscht war – Gebäude Zylinder, röhren-förmige Strukturen, Dome, Masten und gekrümmte Objekte. Sie alle waren miteinander verbunden und verschmolzen in einer homogenen, ineinander hinübergleiten-den synthetischen Landschaftsarchitektur miteinander. Auf jeder Seite des Schiffes stand ein weiteres, beide ebenso imposant, aber etwas kleiner.

Der Luftraum über dem Raumhafen – denn einen solchen Eindruck ließ das Bild entstehen – war belebt mit allen möglichen fliegenden Gefährten in allen Größenordnungen, von denen sich die Mehrzahl in exakt bemessenen Flugschneisen bewegten, wobei sie den Eindruck von am Himmel entlangmarschierenden Ameisenkolonnen er-weckten.

Hinter alledem erhob sich am Horizont die Stadt zu einer Höhe, die nur in Meilen ausdrückbar erschien. Sie kam keiner Stadt gleich, die Hunt bislang gesehen hatte, aber es konnte sich um nichts anderes handeln. Schicht auf Schicht, Etage über Etage verschmolzen Wolkenkratzer, Terrassen, schwebende Rampen und freischwebende Brük-ken zu einer phantastischen kompositorischen Struktur, die in kühnem, den Gesetzen der Schwerkraft spottendem Auf-schwung himmelwärts schnellte. Die gesamte Konstruktion mochte von einem unendlich geschickten kosmischen Künstler aus einem einzigen Monolithen aus gleißendem Marmor erschaffen worden sein, und dennoch schien es Teile zu geben, die abgesondert von alledem wie Inseln aus Elfenbein in der Luft schwebten. Nur ein Wissen, das dem des Menschen weit im voraus gewesen war, hatte ein derartiges Meisterstück erschaffen können. Auch hier schien es sich um einen Bereich ganymedischer Wissenschaft zu handeln, den sich die Forscher der Erde erst noch untertan machen mußten.

»Das ist die Shapieron, wie sie vor unserem Abflug aussah«, informierte ihn ZORAC. »Auch die beiden anderen Schiffe, die sie begleiteten, sind im Bild. Der Ort im Hintergrund wurde Gromos genannt. Ich kenne den Namen eines Ortes nicht, der gebaut wurde, damit viele Ganymeder in ihm leben.«

»Eine Stadt«, half ihm Hunt, der sich dabei jedoch des Gefühls immenser Unzulänglichkeit des Begriffes bewußt war. »Waren die Ganymeder vernarrt in ihre Stadt?«

»Wie bitte?«

»Liebten sie ihre Stadt? Wünschten sie sich sehnlichst, wieder daheim zu sein?«

»O ja, sehr. Die Ganymeder liebten alle Dinge auf Minerva. Sie liebten ihre Heimat.«

ZORAC schien über ein stark entwickeltes Gespür für den Zeitpunkt zu verfügen, an dem weiterreichende Informationen notwendig waren. »Als sie den Stern verließen, wußten sie, daß ihre Heimreise lange dauern würde. Sie erwarteten nicht, daß alle Dinge unverändert wären. Aber sie erwarteten nicht, daß es ihr Zuhause nicht mehr gab. Sie sind sehr traurig.« Hunt hatte bereits genug gesehen, um das zu wissen. Bevor er eine weitere Frage stellen konnte, sprach ZORAC erneut.

»Geht es in Ordnung, wenn ich Fragen stelle, die sich nicht auf Englisch beziehen?«

»Na gut«, antwortete Hunt. »Was willst du wissen?«

»Die Ganymeder sind sehr unglücklich. Sie glauben, daß die Erdbewohner Minerva zerstört haben. Ist das wahr, und wenn ja, warum haben sie den Planeten zerstört?«

»Nein!« Hunt reagierte instinktiv und schnellte hoch.

»Nein. Das ist nicht wahr. Minerva wurde vor fünfzigtausend Jahren zerstört. Damals gab es noch keine Menschen auf der Erde. Wir kamen erst später.«

»Haben dann die Lunarier Minerva zerstört?« fragte ZORAC. Offenbar hatte er bereits das gleiche Thema bei anderen auf der Jupiter Fünf angeschnitten.

»Ja. Wieviel wißt ihr über sie?«

»Vor fünfundzwanzig Millionen Jahren brachten die Ganymeder Formen irdischen Lebens von der Erde nach Minerva. Kurze Zeit später starben die Ganymeder und alle eingeborenen Lebensformen Minervas, die Landbewohner waren. Die von der Erde stammenden Arten starben nicht.

Die Lunarier entwickelten sich aus ihnen und sahen aus wie die heutigen Erdenmenschen. Andere Wissenschaftler an Bord der Jupiter Fünf haben mir das erzählt. Mehr weiß ich nicht.«

Dieser Bericht gab Hunt über etwas Aufschluß, das er zuvor nicht erkannt und über das er in der Tat nicht nachgedacht hatte. Noch bis vor wenigen Stunden hatte ZORAC anscheinend auch nicht einen Schimmer von Ahnung gehabt, daß die Ganymeder gewaltige Mengen irdischer Tierarten auf ihren Planeten transportiert hatten. Nur um sicherzugehen, stellte er eine weitere Frage. »Bevor ihr zu diesem Stern aufgebrochen seid, hatten die Ganymeder doch noch kein irdisches Leben nach Minerva gebracht?«

»Nein.«

»Weißt du, ob sie diese Absicht hegten?«

»Wenn ja, wurde ich niemals davon in Kenntnis gesetzt.«

»Könntest du dir irgendeinen Grund vorstellen, warum sie daran interessiert waren?«

»Nein.«

»Was immer es war, es muß sie erst später gejuckt haben.«

»Wie bitte?«

»Der Grund dafür muß erst aufgetaucht sein, nachdem ihr Minerva verlassen hattet.«

»Ich glaube, der Ausdruck lautet: ›Ich nehme es an‹. Ich kann keine Alternative ausfindig machen.«

Hunt erkannte mit wachsender Erregung, daß das Geheimnis um das weitere Schicksal der ganymedischen Zivilisation eine Herausforderung an beide Rassen darstellte.

Ganz gewiß, dachte er, würde ihr gemeinsames Wissen schon die Antworten bereitstellen. Er beschloß, daß es an der Zeit sei, die Geschichte der Lunarier zum Nutzen ZORACs zu vervollständigen – die Geschichte, welche die erstaunlichsten Enthüllungen der vergangenen Jahre, wenn nicht gar aller Zeiten, hervorgebracht hatte. Diese Geschichte hatte ein völlig neues Verständnis von dem Gefüge des Sonnensystems initiiert und verlangte nach einer kompletten Neufassung der Ursprünge des Menschenge-schlechtes.

»Ja, du hast recht«, sagte Hunt nach einer kurzen Pause.

»Die Lunarier wuchsen wir würden sagen ›entwickelten sich‹ – aus den irdischen Lebensformen, die auf Minerva übrigblieben, nachdem die Ganymeder und die übrigen einheimischen Arten ausgestorben waren. Zu dieser Entwicklung benötigten sie einen Zeitraum von fünfundzwanzig Millionen Jahren. Vor fünfzigtausend Jahren waren sie zu einer hochentwickelten Rasse geworden; sie bauten Raumschiffe, Maschinen und Städte. Hat dir schon jemand erzählt, was danach passierte?«

»Nein. Aber ich wollte danach fragen.«

»Stimmt es, daß Minerva einen Mond besaß?«

»Einen Trabanten, der den Planet umkreiste?«

»Korrekt.«

»Ja.«

Hunt nickte befriedigt in sich hinein. Es verhielt sich so, wie er und die anderen Wissenschaftler von der Erde angenommen hatten.

»Und sag mir noch dies«, fragte er wie zur Gegenprobe.

»Besaß die Erde einen Mond... vor fünfundzwanzig Millionen Jahren?«

»Nein. Damals hatte die Erde keinen Trabanten.« Hunt konnte sich irren, aber er war sich sicher, daß ZORAC dabei war zu lernen, wie durch Veränderung der Stimmlage emotionale Veränderungen ausgedrückt werden konnten.

Er hätte schwören mögen, daß sich hinter seiner Antwort Überraschung verbarg.

»Heute verfügt die Erde über einen Mond«, sagte er.

»Sie besitzt ihn seit etwa fünfzigtausend Jahren.«

»Seitdem die Lunarier eine entwickelte Rasse geworden waren.«

»Ganz genau.«

»Ich verstehe. Eine Verbindung besteht ganz offenkun-

dig. Bitte erkläre sie.«

»Als die Lunarier Minerva zerstörten, explodierte der Planet... zerbrach in Stücke. Das größte Stück umkreist nun die Sonne als ihr entferntester Planet: Pluto. Die anderen Teile, vielmehr die meisten, umkreisen ebenfalls noch die Sonne, und zwar zwischen Mars und Jupiter. Ich nehme an, Du weißt das, da die Ganymeder sehr überrascht waren, als sie bemerkten, daß sich das Sonnensystem verändert hatte.«

»Ja, ich weiß Bescheid über Pluto und die Asteroiden«, bestätigte ZORAC. »Ich wußte, daß sich das Sonnensystem verändert hatte und Minerva nicht da war. Aber ich wußte nichts über den Vorgang, der die Veränderung verursacht hatte.«

»Minervas Mond fiel auf die Sonne zu. Es existierten noch Lunarier auf diesem Mond. Er geriet in die Nähe der Erde und wurde eingefangen. Er wurde zum Mond der Erde und ist es immer noch.«

»Die Lunarier, die am Leben geblieben waren, müssen zur Erde geflogen sein«, unterbrach ihn ZORAC. »In der darauffolgenden Zeit vermehrten sie sich. Die Erdenmenschen entwickelten sich aus den Lunariern. Deshalb sehen sie auch gleich aus. Ich kann keine andere Möglichkeit sehen. Habe ich recht?«

»Ja, du hast recht, ZORAC.« Hunt schüttelte bewundernd mit dem Kopf. Auf Grundlage minimaler zur Verfügung stehender Informationen war die Maschine fehlerfrei zu dem gleichen logischen Schluß gelangt, zu dem die Erdwissenschaftler zwei Jahre mühseliger Kleinarbeit gebraucht hatten, nachdem über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten die heftigsten Auseinandersetzungen und Streitereien stattgefunden hatten. »Zumindest glauben wir, daß es richtig ist. Wir können es nicht mit Bestimmtheit nachweisen.«

»Entschuldigung. Mit Bestimmtheit?«

»Endgültig... mit Sicherheit.«

»Ich verstehe. Ich schließe, daß die Lunarier mit Raumschiffen zur Erde geflogen sein müssen. Sie müssen Maschinen und andere Dinge mit sich genommen haben. Ich schlage vor, daß die Erdbewohner nach diesen Dingen auf der Oberfläche der Erde suchen. Dies würde eure Annahme erhärten. Ich schließe, das ihr das entweder noch nicht versucht habt oder daß ihr es versucht habt, aber nicht erfolgreich wart.«

Hunt war verblüfft. Hätte man ZORAC zwei Jahre früher zur Verfügung gehabt, so wäre das gesamte Ratespiel in einer Woche gelöst worden.

»Hast du mit einem Erdbewohner namens Danchekker gesprochen?« fragte er.

»Nein. Der Name ist mir neu. Warum?«

»Er ist ein Wissenschaftler und zieht die gleichen Folgerungen wie du. Wir haben noch keine Spuren von Dingen gefunden, die die Lunarier mit sich gebracht haben könnten. Danchekker sagt voraus, daß man eines Tages solche Sachen finden wird.«

»Wußten die Erdbewohner nicht, woher sie abstammten?« wollte ZORAC wissen.

»Erst seit sehr kurzer Zeit. Vorher glaubten wir, daß wir uns ausschließlich auf der Erde entwickelten.«

»Die Lebensformen, aus denen sie sich auf Minerva entwickelten, waren von den Ganymedern von der Erde geholt worden. Die gleichen Lebensformen blieben weiter-

hin auf der Erde bestehen.«

»Diejenigen Lunarier, die nicht starben und zur Erde gelangten, waren eine hochentwickelte Rasse. Die heutigen Erdenmenschen wußten bis vor kurzem nichts von ihnen.

Daher hatten sie vergessen, woher sie gekommen waren.

Ich schließe daraus, daß nur sehr wenige Lunarier überlebt haben können. Sie entwickelten sich zurück und vergaßen ihr Wissen. Nach fünfzigtausend Jahren hatten sie wieder einen gewissen Entwicklungsstand erreicht, aber sie hatten die Lunarier vergessen. Während sie sich Wissen aneigne-ten, fanden sie überall auf der Erde Überreste von längst vergangenen Lebensformen Sie entdeckten die Übereinstimmungen mit ihrer eigenen Art. Daraus schlossen sie, daß sie sich auf der Erde entwickelt hatten. Vor kurzem haben die Erdenmenschen Lunarier und Ganymeder entdeckt. Jetzt haben sie die wahren Ereignisse gefolgert. Andernfalls wären sie nicht in der Lage zu erklären, warum Lunarier genauso wie sie selbst aussahen.«

ZORAC hatte die gesamten Zusammenhänge herausge-funden. Zugegebenermaßen hatte die Maschine auf Grundlage einer Anzahl von Schlüsselinformationen operieren können, zu deren Enthüllung Hunt und seine Kollegen eine geraume Zeit benötigt hatten, aber nichtsdestotrotz handelte es sich um umwerfendes Stück logischer Analysefähigkeit.

Hunt wunderte sich immer noch über diese Denklei-stung, als ZORAC auch schon erneut anhub. »Ich weiß immer noch nicht, warum die Lunarier Minerva zerstörten.«

»Sie hatten nicht die Absicht«, erklärte Hunt. »Es gab einen Krieg auf Minerva. Wir nehmen an, daß die Kruste des Planeten dünn und instabil war. Die eingesetzten Waffen waren sehr mächtig. Im Verlauf ihres Einsatzes explodierte der Planet.«

»Entschuldigung. Krieg? Kruste? Waffen? Ich kann dir nicht folgen.«

»Mein Gott...« Hunt stöhnte. Er hielt inne, um sich eine Zigarette aus einem Päckchen auf dem Nachttisch zu fischen und sie anzuzünden. »Das Äußere eines Planeten ist kalt und hart – an der Nähe der Oberfläche. Das ist seine Kruste.«

»Wie eine Haut?«

»Ja, aber spröde... sie bricht leicht in Stücke.«

»Ich verstehe.«

»Wenn viele Leute in großen Gruppen kämpfen, nennt man das Krieg.«

»Kämpfen?«

»Zum Teufel... gewalttätige Handlungen zwischen einer Menschengruppe und einer anderen. Wenn man sich zum Töten zusammenschließt.«

»Um was zu töten?«

»Die andere Menschengruppe.«

ZORAC vermittelte den unverkennbaren Eindruck von Verwirrtheit. Einen Augenblick lang schien die Maschine ihrem Mikrophon nicht recht zu trauen.

»Lunarier schlossen sich zusammen, um andere Lunarier zu töten«, sagte sie leise und bedächtig, als sei sie darauf bedacht, nur nicht mißverstanden zu werden. »Taten sie das freiwillig?« Diese Wende in ihrem Gespräch hatte Hunt irgendwie unvorbereitet getroffen. Er begann sich unbehaglich zu fühlen, wurde gar ein wenig verwirrt, wie ein Kind, das fortwährend wegen einer Übertretung verhört wurde, die es lieber vergessen würde.

»Ja.« Das war alles, was er herausbrachte.

»Warum wollten sie so etwas tun?« Da war wieder der emotional gefärbte Tonfall, diesmal schwang unverhüllte Ungläubigkeit mit.

»Sie kämpften, weil... weil...« Hunt rang nach Worten.

Offenbar zeigte die Maschine diesen Dingen gegenüber nur Unverständnis. Welche Möglichkeiten gab es, die Leiden-schaften und komplexen Verhältnisse von Jahrtausenden menschlicher Geschichte in wenigen Sätzen auszudrücken?

»Um sich zu schützen... um die eigene Gruppe vor anderen zu verteidigen...«

»Vor anderen Gruppen, die sich zusammengetan hatten, um sie zu töten?«

»Äh, die Angelegenheit ist sehr kompliziert... doch ja, man könnte es so ausdrücken.«

»Dann bleibt logischerweise die gleiche Frage immer noch unbeantwortet – warum wollte die andere Gruppe solche Dinge tun?«

»Wenn eine Gruppe eine andere wegen irgendeiner Angelegenheit in Ärger versetzt hatte... oder wenn zwei Gruppen den gleichen Gegenstand haben wollten, oder wenn eine Gruppe das Gebiet einer anderen wollte, vielleicht...

manchmal wurde gekämpft, um Entscheidungen herbeizu-führen.« Was er da sagte, schien keine angemessene Erklärung darzustellen, mußte Hunt vor sich selbst eingestehen, aber besser konnte er es nun mal nicht. Für einen Augenblick lang trat Stille ein; es hatte den Anschein, als müßte sogar ZORAC angestrengt über dieses Problem nachdenken.

»Hatten alle Lunarier Gehirnprobleme?« fragte er schließlich, nachdem er auf das geschlossen hatte, was er für den seiner Meinung nach wahrscheinlichsten üblichen Faktor hielt.

»Naturgemäß handelte es sich um eine sehr gewalttätige Rasse, das nehmen wir zumindest an«, antwortete Hunt.

»Aber zu ihrer Zeit sahen sie sich mit der Aussicht auf Ausrottung konfrontiert daß alle sterben würden. Minervas Oberfläche befand sich vor fünfzigtausend Jahren im Zustand völliger Vereisung. Sie wollten auf einen wärmeren Planeten übersiedeln. Wir nehmen an, daß sie zur Erde wollten. Aber es gab viele Lunarier, wenige Hilfsmittel und wenig Zeit. Die Lage bereitete ihnen Angst und reizte sie...

und sie kämpften.«

»Sie brachten sich gegenseitig um, um sich vor dem Tod zu schützen? Sie zerstörten Minerva, um den Planeten vor dem Zufrieren zu bewahren?«

»Sie beabsichtigten es nicht«, sagte Hunt erneut.

»Was beabsichtigten sie dann?«

»Ich vermute, sie planten, daß die nach dem Krieg üb-riggebliebene Gruppe zur Erde fliegen würde.«

»Warum konnten nicht alle Gruppen fliegen? Der Krieg muß Energien verbraucht haben, die viel besser für andere Dinge verwendet worden wären. Alle Lunarier hätten gemeinsam ihr Wissen einsetzen können. Sie wollten leben, aber sie arbeiteten konsequent auf ihre Selbstvernichtung hin. Sie hatten Gehirnprobleme.« ZORACs letzter Satz war in bestimmtem Ton artikuliert.

»Aber bei alledem handelte es sich nicht um eine Sache, die sie willentlich vorbereitet hatten. Sie wurden von Gefühlen angetrieben. Wenn Menschen starke Gefühlsregungen haben, handeln sie nicht immer logisch konsequent.«

»Menschen... Erdenmenschen...? Die Menschen von der Erde haben auch starke Gefühlsregungen, die sie zum Kampf antreiben, so wie bei den Lunariern?«

»Manchmal.«

»Und die Erdbewohner führen auch Kriege?«

»Es gab viele Kriege auf der Erde, aber seit langer Zeit hat es keine mehr gegeben.«

»Möchten die Erdbewohner die Ganymeder töten?«

» Nein! Nein... natürlich nicht. Es gibt keinen Grund dafür...« protestierte Hunt energisch.

»Es kann niemals einen Grund dafür geben«, stellte ZORAC fest. »Die Lunarier hatten keinen Grund. Die Dinge, die du nanntest, sind keine Gründe, weil sie genau das Gegenteil des Beabsichtigten hervorgerufen haben –also sind sie unvernünftig. Die Erdbewohner müssen die Gehirnprobleme von den Lunariern geerbt haben. Sehr schlimm.«

Danchekker hatte die Theorie aufgestellt, daß die außergewöhnliche Aggressivität und Entschlossenheit, die der Mensch im Unterschied zu anderen irdischen Arten an den Tag legte, von einer Mutation der Anthropoiden herrührte, die auf Minerva nach dem Untergang der Ganymeder gelebt hatten. Dieser Umstand erklärte die erstaunliche Schnelligkeit des Auftauchens und der Entwicklung der lunarischen Zivilisation, die über die Möglichkeiten des Raumfluges verfügten, während zur gleichen Zeit die hochentwickeltsten Spezies auf der Erde lediglich primitive Steinzeitkulturen aufwiesen. Wie ZORAC vermutet hatte, war dieser schreckliche lunarische Charakterzug in der Tat an ihre irdischen Nachfahren weitergegeben worden (obwohl er im Verlauf des Geschichtsverlaufes etwas abge-

schwächt wurde) und hatte auf diese Weise den mächtig-sten Faktor in der darauffolgenden Entstehung und Entwicklung der menschlichen Rasse dargestellt. Könnte sich herausstellen, daß dieser Zug schließlich eine einzigartige Abweichung bedeutete, wie Danchekker manchmal vermutet hatte?

»Gab es niemals Kriege auf Minerva?« fragte Hunt.

»Haben sich nicht einmal in der frühen Geschichte des ganymedischen Volkes Gruppen bekämpft?«

»Nein. Es kann keinen Grund gegeben haben. Solche Vorstellungen hätten sich niemals entwickelt.«

»Und Individuen? Haben die niemals gekämpft? Waren sie niemals gewalttätig?«

»Manchmal versuchte ein Ganymeder einen anderen zu verletzen, aber nur, wenn er sehr krank war. Gehirnschwie-rigkeiten kamen wohl vor. Sehr bedauerlich. In den meisten Fällen konnten die Ärzte die Schwierigkeiten beheben.

Manchmal mußte einer mit Schwierigkeiten von den übrigen Ganymedern ferngehalten und kuriert werden. Aber es gab nur wenige Fälle dieser Art.«

Zum Glück schien ZORAC keine Neigung zu morali-scher Verdammung zu besitzen. Nichtsdestotrotz begann sich Hunt ausgesprochen unwohl zu fühlen, so wie ein Pa-pua-Kopfjäger im Angesicht eines Missionars.

ZORAC trug flugs zur Verschlechterung der Lage bei.

»Wenn alle Lunarier krank waren, ihre Ärzte eingerechnet, war alles möglich. Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlich, daß sie den Planeten in die Luft gejagt haben.

Wenn die Erdbewohner alle krank sind, Maschinen machen und nach Ganymed kommen können, dann können sie auch einen Krieg führen und Planeten in die Luft jagen. Ich muß Garuth warnen, daß diese Möglichkeit besteht. Es könnte sein, daß er nicht hierbleiben will. Andere Orte wären sicherer als ein Sonnensystem voller kranker Erdbewohner.«

»Es wird keinen Krieg geben«, sagte Hunt in entschie-denem Ton zu ZORAC. »Diese Dinge ereigneten sich vor langer Zeit. Die Erdbewohner sind heute anders. Wir kämpfen heute nicht. Die Ganymeder sind hier in Sicherheit – sie sind unsere Freunde.«

»Aha.« Die Maschine klang nicht überzeugt. »Um den Wahrheitsgrad dieser Aussage zu berechnen, muß ich mehr über die Erdbewohner und ihre Entwicklung wissen. Kann ich weitere Fragen stellen?«

»Stelle sie ein andermal«, sagte Hunt, der plötzlich der ganzen Sache überdrüssig war. Bevor er die Unterhaltung weiterführte, mußte er eine Menge nachdenken und Unterredungen mit den anderen führen. »Ich denke, wir haben für den Augenblick genug miteinander geredet. Ich brauche etwas Schlaf.«

»Ich muß also den Abflug machen?«

»Ja, leider ZORAC, alter Freund. Ich werde mich morgen weiter mit dir unterhalten.«

»Sehr gut. Also dann, guten Tag.«

»Du hast das falsch verstanden. Ich gehe zu Bett. Es ist mittlerweile Nacht.«

»Ich weiß. Es war ein Scherz.«

»Guten Tag«, sagte Hunt lächelnd und drückte auf einen der Knöpfe an der Handgelenkapparatur, um die Verbindung abzubrechen. Ein Computer mit Sinn für Humor –was es nicht alles gab. Sorgfältig plazierte er alle Teile seines Kommunikationsgerätes auf der Platte seines Spindes und lehnte sich zurück, um seine Zigarette zu Ende zu rau-

chen und gleichzeitig über die erstaunliche Unterhaltung nachzudenken. Wie lächerlich und tragikomisch sich nunmehr alle ihre Ängste und Sicherheitsvorkehrungen ausnahmen. Die Ganymeder verfügten nicht nur über kein Wort für Krieg sie hatten vielmehr nicht einmal die geringste Vorstellung davon. Er begann sich wie ein Lebewesen zu fühlen, das sein ganzes, unbedeutendes Leben lang neben einem Stein existiert hatte, der plötzlich umgedreht worden war.

Er wollte gerade das Licht ausknipsen, als die Glocke der Schaltkonsole seitlich des Bettes erklang. Geistesabwesend streckte er eine Hand aus und betätigte einen Schalter, um den Anruf entgegenzunehmen. Es handelte sich um eine Ankündigung über die Sprechanlage.

»Hier spricht Direktor Shannon. Ich dachte, Sie wären alle interessiert zu erfahren, daß um 23 Uhr 40 Bordzeit eine Nachricht von der Erde empfangen wurde. Nach einer Dringlichkeitssitzung, die die ganze Nacht über in der UN-Zentrale andauerte, wurde uns die gefällte Entscheidung übermittelt, daß die Shapieron auf der Hauptbasis auf Ganymed landen darf. Die Ganymeder wurden darüber in Kenntnis gesetzt, und die entsprechenden Vorbereitungen schreiten voran. Das ist alles. Vielen Dank.«

8

Und so endete die unglaubliche Reise schließlich nach fünfundzwanzig Millionen Jahren.

Hunt befand sich inmitten der Beobachter in der durch-sichtigen Kuppel des Flugkontrollturmes auf der Ganymed-Hauptbasis, die schweigend zuschauten, wie der gewaltige Rumpf der Shapieron langsam von oben herab auf die be-reitgestellte Landefläche jenseits des Geländes sank. Aufrecht kam sie auf den Unterseiten der vier scharf geschwungenen Flossen, welche das Heckteil darstellten, zu stehen. Das Heck des eigentlichen Rumpfes überragte das Bodeneis um fünfunddreißig oder gar mehr Meter Länge und ließ die Startrampe mit Vega-Fähren, die seitlich davon wie eine grüßende Ehrenkompanie angetreten waren, wie Zwerge erscheinen.

Die kleine Kolonne, die außerhalb des Geländes gewar-tet hatte, setzte sich langsam in Bewegung; die vordersten drei Fahrzeuge hielten kurz vor der nächstgelegenen Stütz-flosse an und spien Gestalten in regulären UNWO-Rau-manzügen aus, während sich der Rest in zwei Wartereihen links und rechts formierte. Die Gestalten stellten sich in Reih und Glied auf, den Blick auf das Schiff gerichtet; drei von ihnen hatten sich kurz vor dem Rest aufgebaut –

Commander Lawrence Foster, Oberbefehlshaber der Basis, sein Stellvertreter und einer der zahlreichen ranghohen Offiziere der Jupiter Fünf, die als Beobachter zugegen waren.

Der verkleinerte Ball der Sonne hing tief am Himmel, betonte die Öde der ganymedischen Landschaft und warf fin-stere Streifen bodenloser Schatten über die gefrorenen Klippen und zerborstenen Eisgletscher, die unbeschädigt von Meteoreinschlägen so alt wie die Zeit selbst waren.

Während sie noch nach oben blickten, löste sich der hintere Teil der Shapieron vom Rumpf des Schiffes und begann senkrecht nach unten zu gleiten.

Nach einigen Sekunden konnte man sehen, daß er noch durch drei hellsilbrige, sich ständig verlängernde Röhren mit der Hauptsektion verbunden blieb, wobei diese Röhren dicht um die Längsachse des Schiffes gruppiert waren.

Das Heckteil berührte das Eis und hielt inne; rundherum, auf allen Seiten, öffnete sich eine Anzahl Türen, und kurze Landungsstege wurden ausgefahren und sanken dabei nach unten, um die Verbindung zum Boden herzustellen. Während er diese Vorgänge aus der Kuppel beobachtete, erinnerte sich Hunt an den Fahrstuhlschacht, durch den er und seine Begleiter befördert worden waren, nachdem sie bei ihrem Besuch auf der Shapieron den Bus verlassen hatten.

Wenn seine Einschätzungen richtig waren, dann war der Schacht ebenso weit von der Außenhülle entfernt wie die drei Röhren, die zur Zeit sichtbar waren. Vermutlich verlängerte der Schacht im Inneren eine der Röhren, und jede dieser Röhren stellte die Verlängerung eines identischen Schachtes dar. Dies bedeutete, daß auf- und abgleitender Verkehr im Schiff über ein dreigliederiges Aufzugssystem geleitet wurde, das, wenn es die Umstände erforderten, bis zum Boden erweitert werden konnte; das komplette Heckteil der Konstruktion wurde gleichzeitig wie ein Emp-fangsraum mitausgefahren. Sehr ausgeklügelt. Sein weiteres Studium des Schiffes wurde jedoch unterbrochen, als sich Unruhe in der Kuppel ausbreitete. Die Ganymeder kamen heraus.

In ihren Raumanzügen sahen sie noch riesiger als beim ersten Kontakt aus. Langsam stieg eine Gruppe Außerirdischer eine der Rampen hinab und näherte sich den wartenden Erdbewohnern, die augenblicklich grüßende Haltung annahmen. Im Verlauf der nächsten Minuten fand erneut ein Austausch von Formalitäten statt, jener Prozedur ähnlich, der Hunt bereits beigewohnt hatte. Das Lautsprecher-system innerhalb der Kuppel übertrug Fosters Willkommensgruß an die Ganymeder im Namen aller Erdregierun-gen. Das Verlangen nach ewiger Freundschaft zwischen allen Rassen wurde wiederholt. Foster wies auf die Lage der ganymedischen Raumfahrer hin und erwähnte, wenn-gleich nur knapp, daß ihnen alle nur denkbar mögliche Unterstützung und Hilfe zuteil werden würde.

Garuth, der beschlossen hatte, seine Mannschaft persönlich von Bord zu führen, antwortete durch ZORAC, der über einen Kanal mit dem Kommunikationssystem der Kuppel in Verbindung stand. Er gab pflichtbewußt den Inhalt von Fosters Ansprache wieder, aber in einer Weise, die irgendwie mechanisch und gekünstelt klang, als könne er nicht so recht verstehen, warum solche Worte unbedingt artikuliert werden mußten. Garuth vermittelte den Eindruck, als mühe er sich rechtschaffen an einem ungewohn-ten, unbekannten Ritual ab, das keinem sinnvollen Zweck diente. Dennoch würdigte sein Publikum seine Haltung. Er fuhr fort damit, die Dankbarkeit seiner Mannschaft gegen-

über dem Schicksal auszudrücken, das ihnen die Brüder genommen, zugleich jedoch neue Brüder gegeben habe, die bei ihrer Rückkehr nun den alten Platz eingenommen hatten. Er schloß mit dem Satz, daß beide Rassen viel voneinander zu lernen hätten.

Anschließend fuhren die wartenden Fahrzeuge an die Rampen heran, um die Ganymeder in die für sie bereitge-stellten Quartiere zu befördern.

Die Fahrzeuge konnten auf einer einzelnen Fahrt nicht mehr als ein paar Ganymeder auf einmal transportieren, obwohl bereits alle Sitze und ausbaufähigen Teile entfernt worden waren. So konzentrierte man sich darauf, die zahlreichen Kranken und Schwachen zu fahren. Der Rest, angeführt von den pygmäenhaft wirkenden Figuren in Raumanzügen, die sich wie Punkte auf dem Eis ausnahmen begab sich auf einen langsamen Fußmarsch zu den vorgesehenen Gebäuden. Es dauerte nicht lange, bis sich eine Prozession von sich drängenden Grüppchen und einzelnen Personen vom Schiff bis zu der Umzäunung der Basis hin-zog. Und droben standen die Sterne in der Strenge des Halbdunkels und starrten mit versteinerter Gleichgültigkeit herab.

In der Kuppel war es sehr still geworden. Ernste Gesichter blickten hinaus auf die Szenerie, jedes einzelne eine undurchdringliche Maske, hinter der sich geheime Gedanken verbargen, die nicht für die anderen bestimmt waren.

Keine Videoaufnahme wäre jemals in der Lage, die Gefühlsregungen dieses Augenblickes aufzuzeichnen gleichgültig, was immer auch abgebildet wurde und wie oft man sie betrachtete.

Nach einer Weile bewegte ein Sergeant, der Hunt am nächsten stand, ein wenig seinen Kopf in seine Richtung.

»Mann, ich weiß nicht«, brummte er leise. »Was für ein verdammt weiter Weg nach Hause.«

»Und was für ein Zuhause sie sich da ausgesucht haben«, erwiderte Hunt.

Die auf der Basis zur Verfügung stehenden Unterkünfte reichten nicht aus, um alle Ganymeder, mehr als vierhun-dert an der Zahl, aufzunehmen, und daher mußte die Mehrzahl an Bord der Shapieron bleiben. Dennoch schien der Umstand, daß sie sich wieder auf festem Grund und Boden befanden, und unter anderen Wesen leben durften, für die Fremdlinge so etwas wie ein bitter benötigtes psychologisches Stärkungsmittel darzustellen. Die Erdbewohner zeigten ihnen die Möglichkeiten und Annehmlichkeiten, mit denen die Quartiere ausgestattet waren, verwiesen auf die Bestände an Vorräten und hochwertigen Nahrungsmit-teln, die zu Versuchszwecken zur Verfügung standen, und auf die zahllosen anderen Dinge, die hoffentlich ihr Leben halbwegs angenehm gestalten halfen. Inzwischen lieferten andere Mannschaften der UNWO ähnliche Ladungen, die hastig von einem der auf einer Umlaufbahn kreisenden Frachter eingeflogen worden waren, an die Ganymeder aus, die in ihrem Schiff geblieben waren. Dann wurden die Neuankömmlinge in Ruhe und damit sich selbst überlassen.

Nach einer sehr notwendigen Ruhepause kündigten sie an, daß sie nunmehr wieder in der Lage seien, die Gespräche mit ihren Gastgebern fortzusetzen. Dementsprechend wurde eine Konferenz zwischen den Führungskräften und bestimmten Einzelpersonen beider Rassen für den Abend anberaumt, die in der Offiziersmesse abgehalten werden sollte und an die sich ein förmliches Empfangsdiner anschließen sollte. Hunt befand sich ebenso wie Danchekker unter den geladenen Gästen.

9

Die Raumtemperatur war ursprünglich herabgesetzt worden, um es den Ganymedern angenehmer zu machen, aber nachdem über eine Stunde lang die Offiziersmesse vollgestopft mit Leuten war und dicke Schwaden von Tabakrauch unter den Lampen wallten, sollte sich herausstellen, daß diese Regelung für alle von Vorteil war. Danchekker beendete seine Ausführungen, die er über das Mikrophon seines Headsets vorgetragen hatte, und nahm wieder Platz. Garuth antwortete ihm von der gegenüberliegenden Seite des Raumes, vor der die Gruppe der Ganymeder Platz genommen hatte.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ein Wissenschaftler auf die Frage eines Wissenschaftlers antwortet, Professor.« Er wandte den Kopf und blickte auf einen anderen Ganymeder. »Shilohin, willst du antworten?« Alle anwesenden Erdbewohner, die nicht über ganymedische Kommunikationsgeräte verfügten, waren mit Headsets ausgerüstet, wie Danchekker eines trug, und konnten daher ZORACs Übersetzungen des fortlaufenden Gespräches folgen. Die Fähigkeiten der Maschine waren diesbezüglich mittlerweile recht beachtlich, obwohl das Gerät noch nicht recht zwischen korrekten englischen Konstruktionen und amerikanischen umgangssprachlichen Wendungen unterscheiden konnte, ein Mangel, der mitunter witzige Effekte zutage förderte.

Er war zurückzuführen auf ZORACs Kommunikationen mit vielen und unterschiedlichen menschlichen Individuen.

Shilohin, Chefexpertin der ganymedischen Expedition, war der Gesellschaft bereits vorgestellt worden. Als Garuth sich niedersetzte, um ihr Platz zu machen, stand sie auf und begann zu reden. »Zunächst einmal muß ich den irdischen Wissenschaftlern meine Anerkennung für ihre außeror-dentlichen kombinatorischen Leistungen aussprechen. Ja, genau wie Professor Danchekker soeben vermutet hat, verfügen wir über keine hohe Toleranz gegenüber Kohlendioxid. Er und seine Kollegen hatten sich außerdem ein völlig zutreffendes Bild von den Verhältnissen auf Minerva zur Zeit unseres Aufbruches gemacht – von einem Planeten, den sie niemals zu Gesicht bekommen hatten.«

Shilohin hielt einen Augenblick lang inne und wartete auf die Wirkung ihrer Worte. Dann fuhr sie fort. »Die durchschnittliche Konzentration radioaktiver, wärmepro-duzierender Substanzen im ganymedischen Gestein war um einiges höher als auf der Erde. Das Innere Minervas war daher heißer und in höherem Maße geschmolzen, also war auch die Kruste dünner. Der Planet verfügte so über eine höhere vulkanische Aktivität als die Erde, eine Tendenz, die durch die höheren Anziehungskräfte des Mondes gefördert wurde, der sich in einer engeren Umlaufbahn befand als heutzutage um die Erde. Dieser hohe Grad an vulkanischer Aktivität setzte riesige Mengen an Kohlendioxid und Wasserdampf frei, die in die Atmosphäre gelangten und einen Treibhauseffekt erzeugten, der für eine Oberflä-chentemperatur der Ozeane sorgte, die hoch genug war, um sie in flüssiger Form zu erhalten und Leben hervorzubringen. An irdischen Verhältnissen gemessen war es immer noch eiskalt, aber immerhin nicht so kalt, wie es unter anderen Umständen gewesen wäre.

Diese Verhältnisse hatten zu allen Zeitpunkten der Geschichte Minervas geherrscht. Als jedoch unsere Zivilisation auf ihrem Höhepunkt angelangt war, eröffnete sich eine neue Epoche tektonischer Aktivitäten. Der Anteil des Kohlendioxidgehaltes in der Atmosphäre stieg um ein Beträchtliches an. Es wurde bald offenkundig, daß es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis der Konzentrationsgrad unsere Toleranzgrenze überschreiten würde. Danach wäre die Welt für uns unbewohnbar gewesen. Was konnten wir dagegen unternehmen?« Shilohin ließ die Frage im Raum stehen und ihr Blick schweifte durch den Raum. Offenbar wollte sie die Erdbewohner zu einer Diskussion anregen.

Nach wenigen Augenblicken meldete sich ein UNWO-Ingenieur aus dem Hintergrund. »Nun, wir haben einige beachtliche Beispiele des technologischen Standards Ihres Volkes zu Gesicht bekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es für Sie ein übermäßiges Problem gewesen ist, eine Methode zu entwickeln, mit welcher der Konzentrati-onsgehalt wieder verringert werden konnte... so eine Art Klimakontrolle für den gesamten Planeten, ich nehme an...

irgend so etwas.«

»Empfehlenswert für den Planeten«, sagte sie und vollführte dabei eine Bewegung, die man als ein zustimmendes Nicken werten konnte. »Bis zu einem gewissen Grade haben wir tatsächlich eine planetarische Klimakontrolle eingeführt, hauptsächlich um den Vereisungsprozeß Minervas zu bremsen. Aber als es darum ging, die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre zu verändern, waren wir uns unserer Fähigkeiten, alles unter ausreichender Kontrolle zu haben, weitaus weniger sicher; das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten war ein sehr diffiziles Unterfangen.« Sie blickte den Ingenieur direkt an. »Man schlug tatsächlich so etwas vor, wie Sie gerade andeuteten, aber mathematische Berechnungen ergaben, daß das Risiko einer völligen Zer-

störung des Treibhauseffektes zu groß war. Dies hätte nur noch schneller das Ende des Lebens auf Minerva mit Sicherheit bedeutet. Wir sind ein vorsichtiges Volk und nehmen nicht gern Risiken bereitwillig auf uns. Unsere Regierung verwarf den Plan.«

Sie sprach nicht weiter und gab ihnen Zeit, andere Möglichkeiten zu reflektieren. Danchekker unterzog sich nicht der Mühe, die Bemerkung von den Importversuchen irdischen Pflanzenlebens als Versuch zur Errichtung eines kompensatorischen Mechanismus fallenzulassen. Er wußte bereits ausreichend darüber Bescheid, daß die Ganymeder keine Informationen über ein derartiges Wagnis besaßen.

Vermutlich war diese Möglichkeit erprobt worden, nachdem Garuths Expedition aufgebrochen war. Weitergehende Untersuchungen seiner Wissenschaftler und Diskussionen mit ZORAC hatten ergeben, daß eine derartige Zielsetzung keinerlei Erfolg erbracht hätte – ein Umstand, der sicherlich den damaligen ganymedischen Wissenschaftlern nicht entgangen wäre. Im Augenblick war das Problem des Importes genauso ungelöst wie zuvor.

Schließlich streckte Shilohin einen Arm weit aus, als stünde sie vor einer Schulklasse mit Kindern, die heute etwas schwer von Begriff waren. »In logischer Hinsicht ist es furchtbar einfach«, sagte sie. »Wenn wir den Kohlendioxidanteil weiter ansteigen lassen hätten, wären wir alle um-gekommen. Daher mußten wir das Ansteigen verhindern.

Wenn wir das so gemacht hätten, wie es in unserer Gewalt stand, wäre das Risiko einer völligen Vereisung des Planeten zu hoch gewesen, weil das Kohlendioxid ja mit dem Treibhauseffekt Minerva wärmte. Wir brauchten diesen Treibhauseffekt zur Wärmeversorgung, weil wir weit von der Sonne entfernt waren. Von daher wäre er dann überflüssig, wenn wir näher an die Sonne rückten oder aber wenn die Leistung der Sonne anstiege.«

Einige der Gesichter vor ihr blieben verständnislos, einige trugen plötzlich ungläubige Züge. »Also alles ganz leicht«, rief jemand in Hunts Nachbarschaft. »Ihr brauchtet lediglich Minerva ein wenig näher an die Sonne zu rücken oder sie ein wenig aufzuheizen.« Er hatte einen Scherz machen wollen, aber die Ganymederin begann mit dem Kopf zu nicken, wobei sie die Gepflogenheiten der Menschen imitierte.

»Ganz genau«, sagte sie. »Zu diesen beiden Schlußfolgerungen gelangten wir ebenfalls.« Von einigen Seiten wurden Ausrufe der Verwunderung vernehmlich. »Beide Möglichkeiten wurden von uns ernsthaft in Betracht gezogen. Schließlich gelang es einer Gruppe von Astrophysi-kern, die Regierung davon zu überzeugen, daß eine Erhö-hung der Strahlungsintensität der Sonne die praktikablere Lösung darstellte. Niemand konnte eine Schwachstelle in ihren Berechnungen finden, unsere Regierung war jedoch wie immer sehr vorsichtig, und beschloß, kein Risiko mit der eigenen Sonne einzugehen. Sie wollten zunächst einmal einen Beweis für die Durchführbarkeit des Planes... Ja, Dr. Hunt?« Sie hatte bemerkt, wie er seine Hand halb gehoben hatte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

»Könnten Sie uns einmal Einzelheiten darüber berichten, wie die Vorschläge zur Durchführbarkeit eines solchen Unternehmens aussahen?« fragte er. »Ich bin mir sicher, daß allein die Vorstellung einer solchen Idee einige der Anwesenden in Erstaunen versetzt hat.« Beifälliges Murmeln von allen Seiten unterstützte seine Worte.

»Gewiß«, antwortete sie. »Die Ganymeder hatten, wie die meisten von Ihnen mittlerweile wissen, einen technologischen Bereich vorangetrieben, der auf Ihrer Welt noch nicht existiert – eine Technologie, die auf den Prinzipien künstlicher Erzeugung und Kontrolle des Effektes beruht, den man ›Schwerkraft‹ nennt. Die Vorschläge der ganymedischen Astrophysiker bestanden in der Installierung dreier sehr großer und starker Projektoren auf einer Umlaufbahn um die Sonne, wobei Raum-Zeit-Verzerrungsstrahlen – Sie können sie auch ›Schwerkraftintensivierung‹ nennen, wenn Sie wollen, obwohl damit das Resultat des Prozesses und nicht seine Funktionsweise beschrieben wird – auf das Sonnenzentrum gerichtet werden sollten. Die theoretischen Überlegungen sagten voraus, daß auf diese Weise eine spürbare Steigerung der Eigenschwerkraft des Sternes erreicht würde und damit ein geringfügiger Zusammenbruch, der jedoch aufgehoben würde, wenn der Strahlungsdruck erneut den Druck der Schwerkraft ausgliche. In dem neuen Zustand dieses Gleichgewichtes würde die Sonne eine stärkere Strahlungsenergie freisetzen und, vorausgesetzt, die richtige Bestrahlungsdosierung wird eingesetzt, der Verlust des Treibhauseffektes auf Minerva wäre kompensiert. Mit anderen Worten, auf dieser Grundlage hätten wir es uns leisten können, den Versuch zur Veränderung des CO2-Ge-haltes zu unternehmen, da wir im Falle eines Fehlschlages der drohenden Gefahr einer Vereisung eine Veränderung der Sonnenintensität entgegensetzen konnten. Wird damit die Frage in ausreichendem Maße beantwortet, Dr. Hunt?«

»Ja... auf alle Fälle. Vielen Dank.« Er hätte im gleichen Augenblick noch gerne tausend weitere Fragen gestellt, entschloß sich jedoch, sie für ZORAC zu einem späteren Zeitpunkt aufzubewahren. Gegenwärtig hatte er allein bei dem Versuch einer bildlichen Vorstellung eines derart fortgeschrittenen Ingenieurwesens genug Schwierigkeiten, und wenn Shilohin darüber sprach, hatte es den Anschein, als handele es sich um die Errichtung eines Appartmenthauses.

»Wie ich bereits vorhin sagte«, fuhr Shilohin fort, »be-stand unsere Regierung darauf, daß die Theorie zunächst einmal einem Praxistest unterzogen würde. Aus diesem Grunde wurde unsere Expedition zusammengestellt – um einen maßstabsgerechten Versuch an einem Stern irgendwo im All durchzuführen, der über die gleichen Charakteristika wie die Sonne verfügte.« Sie hielt inne und vollführte eine ungewohnte Handbewegung. »So wie sich die Sachlage entwickelte, bin ich der Überzeugung, daß unsere Regierung korrekt handelte. Der Stern wurde instabil und verwandelte sich in eine Nova. Wir kamen kaum mit dem Leben davon. Garuth unterrichtete Sie soeben von den Schwierigkeiten mit dem Antriebssystem der Shapieron, die uns in unsere jetzige Lage gebracht haben – obwohl wir nicht einmal zwanzig Jahre älter geworden sind, seit wir Iscaris verlassen haben, sind nach Ihrer Zeitrechnung doch fünfundzwanzig Millionen Jahre vergangen. Hier sind wir nun.«

Ein Stimmengewirr erhob sich im Raum. Shilohin wartete etwas, bevor sie fortfuhr. »Es ist etwas eng hier vorne und daher schwierig, die Plätze zu wechseln. Hat deshalb jemand noch Fragen, bevor ich mich setze und wieder an Garuth übergebe?«

»Nur eine.« Der Sprecher war Lawrence Foster, der Kommandeur der Basis. »Einige von uns haben sich gefragt... Sie entwickelten eine Technologie, die der unseren weit voraus ist – interstellare Flüge zum Beispiel. Im Verlauf der Nutzung all dieser Errungenschaften haben sie vermutlich auch das Sonnensystem sehr gründlich untersucht. Die Leute hier schließen bereits Wetten ab, daß zumindest einige Ganymeder irgendwann mal zur Erde gelangt sind. Könnten Sie sich zu diesem Aspekt äußern?«

Aus irgendeinem Grund schien Shilohin leicht davor zurückzuschrecken – obwohl man bei diesem Eindruck nicht sicher sein konnte. Sie antwortete nicht sofort, sondern wandte sich an Garuth, um mit ihm flüsternd einige Worte zu wechseln. Dann blickte sie erneut auf.

»Ja... Sie haben recht...« Diese Worte, die durch die Kopfhörer der Zuhörer zu ihnen drangen, klangen zögernd, als sollte damit die Unsicherheit der Originaläußerung wie-dergegeben werden. »Die Ganymeder kamen... zur Erde.«

Eine erregte Unruhe breitete sich im Raum aus. Hier stand etwas zur Debatte, was sich niemand entgehen lassen wollte.

»Ich nehme an, bevor Ihre Expedition nach Iscaris aufbrach«, sagte Hunt.

»Ja, natürlich... ungefähr hundert Erdenjahre zuvor.« Sie hielt inne. »In der Mannschaft der Shapieron gibt es Personen, die zur Erde flogen, bevor sie bei der Iscaris-Expedition anmusterten. Allerdings ist keiner der Betreffenden zur Zeit anwesend.«

Die Erdbewohner waren versessen darauf, aus dem Munde von Wesen, die lange vor den Ursprüngen der eigenen Rasse ihre Heimatwelt besucht hatten, mehr darüber zu erfahren. Aus allen Ecken des Raumes hagelten gleichzeitig gestellte Fragen.

»He, wann können wir mit ihnen reden?«

»Haben Sie noch irgendwelche Bilder irgendwo herum-liegen?«

»Haben Sie Karten oder so was Ähnliches?«

»Ich wette, daß sie die Stadt auf dieser südamerikani-schen Hochebene gebaut haben.«

»Du spinnst ja. Die ist nicht annähernd so alt.«

»Wurden diese Expeditionen organisiert, um die Tiere wegzuholen?«

Der plötzliche Begeisterungsanstieg beim Publikum schien Shilohins Verwirrung nur zu vergrößern. Sie stürzte sich auf die letzte Frage, deren Antwort bereits bekannt war, als hoffe sie aus irgendeinem Grund, daß sie auf diese Weise von den übrigen ablenken könne.

»Nein, damals gab es keinerlei Tierimporte nach Minerva, es gab auch keinerlei Diskussionen um einen derartigen Plan. Das muß sich erst später ereignet haben. Wir wissen ebensowenig wie Sie, warum man das tat.«

»Okay, aber von den...« Foster hörte auf zu sprechen, als ZORACs Stimme an sein Ohr drang.

»Hier ist ZORAC. Ich rede nur zu euch Erdenmenschen.

Ich übersetze Shilohins weitere Ausführungen nicht. Ich glaube nicht, daß sich die Ganymeder wirklich gerne im Augenblick weiter über das Thema auslassen wollen. Ihr wäret gut beraten, wenn ihr über etwas anderes reden wür-det. Entschuldigung.«

Die erstaunten Blicke, die sich überall im Raum zeigten, bewiesen, daß alle Erdbewohner die gleiche Nachricht empfangen hatten. Offenbar war sie jedoch den Ganymedern nicht übermittelt worden, bei denen keinerlei Reaktionen zu bemerken waren, die ohne Zweifel bei ihnen an-dernfalls hervorgerufen worden wären. Einen Moment lang herrschte peinliche Stille, dann hatte sich Foster wieder gefangen und wich aus auf ein unverfängliches Thema.

»Diese Dinge können zu einem späteren Zeitpunkt geklärt werden«, sagte er. »Die Zeit ist schon vorangeschritten, und das Dinner dürfte gleich beginnen. Bevor wir hier Schluß machen, sollten wir uns über unsere nächsten Schritte einig werden. Das größte Problem liegt meines Erachtens in den Schwierigkeiten mit Ihrem Schiff. Können wir Ihnen irgendwie behilflich sein?«

Shilohin wechselte wenige Worte mit ihren Gefährten und nahm dann Platz, wobei sie deutliche Anzeichen von Erleichterung zeigte, nicht mehr unter Beschuß zu stehen.

Ihr Platz wurde von Rogdar Jassilane, dem Chefingenieur der Shapieron, eingenommen.

»Wir hatten zwanzig Jahre lang Zeit, um herauszufinden, worin unser Problem besteht, und wir wissen, wie wir es beheben können«, informierte er sie. »Garuth hat die Auswirkungen der Schwierigkeiten beschrieben, welche unter anderem darin bestanden, daß es uns nicht möglich war, das System der zirkulierenden Schwarzen Löcher, auf dem das Antriebsprinzip beruht, zu verlangsamen. Solange der Antrieb lief, konnten wir nichts daran ändern. Wir können den Schaden jetzt beheben, aber einige sehr wichtige Teile wurden zerstört, und der Versuch, sie von Grund auf zu ersetzen, wäre schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Wir müssen daher unbedingt das ganymedische Schiff unter dem Eis von Pithead inspizieren. Aus den Bildern, die Sie uns gezeigt haben können wir entnehmen, daß es sich um ein Schiff mit einer weiter entwickelten Technologie handelt. Aber ich hege die Hoffnung daß wir dort finden, was wir benötigen. Der Antrieb scheint nach dem gleichen Prinzip aufgebaut zu sein. Unser nächster Schritt besteht also darin, nach Pithead zu gehen.«

»Da gibt es keinerlei Probleme«, sagte Foster. »Ich ar-rangiere... oh, entschuldigen Sie mich für einen Augenblick...« Er wandte sich mit einem fragenden Blick an den Steward, der im Türrahmen erschienen war. »In Ordnung...

vielen Dank. Wir kommen gleich.« Er blickte wieder in Jassilanes Richtung. »Entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber das Essen ist mittlerweile angerichtet. Ja, um noch mal auf Ihre Frage zurückzukommen, wir können morgen eine Expedition starten, so früh Sie wollen. Über die Einzelheiten können wir uns heute abend noch unterhalten. Zuvor sollten wir jedoch alle in den Speisesaal gehen, nicht wahr?«

»Das finde ich ausgezeichnet«, sagte Jassilane. »Ich werde für das Unternehmen einige unserer eigenen Ingenieure aussuchen, zuvor jedoch sollten wir – wie Sie schon sagten – tatsächlich in den Speisesaal gehen.«

Er blieb stehen, während sich die übrigen Ganymeder hinter ihm erhoben und ein fürchterliches Gedränge am Ende des Raumes veranstalteten.

Als die Erdbewohner ebenfalls aufstanden und zurück-wichen, um den Riesen mehr Platz einzuräumen, gab Garuth einen abschließenden Kommentar. »Der andere Grund, warum wir das Schiff in Pithead sehen wollen, ist uns ebenfalls sehr wichtig. Es besteht die Chance, auf einige Anzeichen zu stoßen, die unsere Theorie erhärten, daß die Ganymeder am Ende doch in ein anderes Planetensystem ausgewandert sind. Sollte dies zutreffen, dann könnten wir vielleicht etwas finden, das uns Aufschluß gibt, um welchen Stern es sich handelt.«

»Meiner Meinung nach können die Sterne auch noch bis morgen warten«, sagte Jassilane im Vorbeigehen. »Im Augenblick bin ich mehr an diesen irdischen Speisen interessiert. Hast Du schon mal das Zeug probiert, das Ananas genannt wird? Es ist köstlich – so etwas gab's auf Minerva nie.«

Hunt fand sich neben Garuth in der Menge, die sich um die Tür drängte. Er blickte an dem Koloß empor. »Würden Sie das tatsächlich machen, Garuth... den gesamten Weg zu einem weiteren Stern zurückzulegen, nach all dieser Zeit?«

Der Riese starrte zu ihm nieder und schien die Frage abzuwägen.

»Vielleicht«, sagte er. »Wer weiß?« Hunt bemerkte am Tonfall der Stimme in seinem Ohr, daß ZORAC nicht länger den vorigen Konversationsmodus beibehalten hatte, sondern die verschiedenen Einzelgespräche betreute, die auf beiden Seiten geführt wurden. »Seit Jahren haben meine Leute für einen Traum gelebt. Gerade heute mehr als zuvor wäre es falsch, diesen Traum zu zerstören. Heute sind sie müde und wollen sich nur ausruhen, morgen jedoch werden sie wieder träumen.«

»Wir werden ja sehen, was wir morgen auf Pithead finden.« Sein Blick traf sich mit dem Danchekkers, der direkt hinter ihnen stand. »Wollen Sie sich beim Dinner zu uns setzen, Chris?«

»Mit Vergnügen, vorausgesetzt, man toleriert mein un-soziales Verhalten«, erwiderte der Professor. »Ich weigere mich nämlich strikt, mit diesem Dingsbums um den Kopf zu essen.«

»Genießen Sie Ihr Mahl, Professor«, drängte Garuth.

»Warten Sie mit dem Sozialverhalten bis nach dem Essen.«

»Es überrascht mich, daß Sie das gehört haben«, sagte Hunt. »Wie konnte ZORAC wissen, daß wir uns in einem Grüppchen zu dritt unterhielten? Ich meine, er muß das doch gewußt haben, um unser Gespräch auch in Ihre Anlage zu übertragen.«

»Oh, ZORAC versteht sich auf solche Sachen. Er lernt schnell. Wir sind sehr stolz auf ZORAC.«

»Es ist eine verblüffende Maschine.«

»Vielfältiger als Sie sich vielleicht vorstellen«, stimmte Garuth zu. »Es war ZORAC, der uns bei Iscaris gerettet hat. Die meisten von uns wurden von der Hitze überwältigt, als das Schiff in den Randbereich der Nova geriet; aus diesem Grund hatten wir viele Todesfälle unter uns zu beklagen. ZORAC war es, der die Shapieron wieder hinkriegte.«

»Ich muß wirklich aufhören, ihm direkt zugehörige Teile als ›Dingsbums‹ zu bezeichnen«, murmelte Danchekker.

»Ich möchte keinesfalls, daß er sich aufregt oder so was, wenn er in diesen Dingen sehr feinfühlig ist.«

»Das geht schon in Ordnung.« Eine Stimme mit anderem Tonfall kam über den Schaltkreis. »Solange ich euch zugehörige Teile Affen nennen darf.«

In diesem Augenblick konnte Hunt herausfinden, wann ein Ganymeder lachte.

Als sie sich allesamt zum Dinner niedergesetzt hatten, war Hunt sehr überrascht festzustellen, daß das Menü ausschließlich vegetarisch war. Offenbar hatten die Ganymeder darauf bestanden.

10

Da die Aufenthaltszeit Hunts und Danchekkers, die sie ursprünglich auf der Jupiter Fünf hatten verbringen wollen, sowieso abgelaufen war, reisten die beiden Wissenschaftler am darauffolgenden Tag zusammen mit einer gemischten Gruppe aus Erdbewohnern und Ganymedern zurück zur Pithead-Basis. Die Fahrt war eine etwas beengte Angelegenheit, da sich einige Ganymeder in die Mittelstrecken-transporter der UNWO hineingequetscht hatten. Diejenigen Erdbewohner, die etwas mehr Glück gehabt hatten, reisten als Passagiere in einem der Tochterschiffe der Shapieron.

Der erste Gegenstand, der den Fremdlingen auf Pithead gezeigt wurde, war das Notsignalgerät, das sie durch das Sonnensystem hindurch nach Ganymed gerufen hatte: Dieses Ereignis schien bereits weit entfernt zu sein. Die Fremden erklärten, daß konventionelle elektromagnetische Übertragungen nicht innerhalb des Bereichs der örtlichen Raum-Zeit-Verzerrung empfangen werden konnten, die von den herkömmlichen ganymedischen Antriebssystemen erzeugt wurde. Daher wurden Gespräche über sehr große Entfernungen statt dessen mit Hilfe modulierter Gravität-simpulse bewirkt, das Notsignalgerät war genau nach diesem Prinzip konstruiert worden. Die Ganymeder hatten das Signal aufgefangen, nachdem sie endlich ihren Hauptantrieb hatten abschalten und mittels ihres Hilfsantriebes ins Sonnensystem hatten hineinfliegen können. Diese An-triebsform reichte aus, um Entfernungen zwischen Planeten zurückzulegen, nicht jedoch, um interstellare Marathon-flüge damit zu absolvieren. Ihre Verwirrung nach dem Eintritt in das Sonnensystem angesichts ihrer Entdeckung konnte man sich leicht vorstellen: Minerva war verschwunden, und dort, wo eigentlich nichts sein sollte, befand sich ein neuer Planet. Ein UNWO-Offizier drückte es Hunt gegenüber folgendermaßen aus: »Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach fünfundzwanzig Millionen Jahren zurück und hören ein Lied aus der heutigen Hitparade. Die müssen sich doch gefragt haben, ob sie vielleicht alles nur geträumt hatten.«

Die Gruppe ging weiter durch einen unterirdischen Korridor, dessen Wände mit Metall ausgekleidet waren. Er führte sie in die Laboratorien, wo normalerweise Gegenstände aus dem Schiff unten im Eis zu einer vorläufigen Untersuchung hingebracht wurden. Der Raum, in dem sie sich befanden, war sehr geräumig und wurde von halbho-hen Trennwänden in Arbeitsbereiche unterteilt, die allesamt vollgepfropft waren mit Maschinen, Testgeräten, elektronischen Racks und Werkzeugschränken. Oberhalb des Gewirrs an Rohren, Leitungen, Kabeln und Führungen, die sich über den Raum spannten, konnte man kaum die Decke erkennen.

Craig Patterson, der Laboraufseher der Abteilung, in der sie sich befanden, führte die Gruppe in einen der Arbeitsbereiche und wies auf eine Werkbank, auf der ein untersetzter Metallzylinder lag, etwa dreißig Zentimeter hoch und ungefähr einen Meter breit, der mit einer komplizierten Anordnung von Klammern, Bändern und Flanschen organisch verwoben zu sein schien. Die gesamte Anordnung sah massiv und solide aus und war offenbar aus einer Rahmenkonstruktion eines größeren Ausrüstungsgegen-standes ausgebaut worden. Es gab mehrere Anschluß- und Verbindungsbuchsen, die auf Eingangs- und Ausgangs-kontakte, vermutlich elektrischer Art, schließen ließen.

»Diese Dinger hier haben uns ganz schön in Erstaunen versetzt«, sagte Patterson. »Wir haben ein paar davon von unten hochgeholt – alle identisch. Überall im Schiff da unten fliegen Hunderte davon herum. Sie befinden sich in bestimmten Abständen in Luken unter dem Boden aufgesta-pelt, überall. Was könnte das denn sein?«

Rogdar Jassilane trat vor und bückte sich, um den Gegenstand kurz zu untersuchen.

»Es sieht aus wie eine modifizierte G-Einheit«, erläuterte Shilohin vom Türeingang her, wo sie neben Hunt stand. Die Ganymeder konnten sich über ZORAC unterhalten, der sich immer noch auf der Hauptbasis in siebenhundert Meilen Entfernung befand. Jassilane ließ seinen Finger am Gehäuse des Gegenstandes entlangfahren.

»Ganz genau das ist es auch«, verkündete er. »Im Unterschied zu denen, an die ich gewohnt bin, verfügt dieses hier über einige Besonderheiten, aber die Grundausführung, ist gleich.«

»Was ist eine G-Einheit?« fragte Art Stelmer, einer von Pattersons Ingenieuren.

»Ein Element in einem verteilten vibrationsfreien Feld«, klärte ihn Jassilane auf.

»Ausgezeichnet.« Stelmer begleitete diese Erwiderung mit einem Achselzucken. Es war ihm immer noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Shilohin übernahm die weiteren Erläuterungen. »Ich fürchte, es hat mit einem Bereich der Physik zu tun, der von Ihrer Rasse bislang noch nicht entdeckt worden ist. In Ihren Raumfahrzeugen, wie etwa der Jupiter Fünf, simulie-

ren Sie Schwerkraft, indem Sie weite Bereiche der Konstruktion dem Rotationsprinzip unterwerfen, nicht wahr?«

Hunt erinnerte sich plötzlich an das unerklärliche Gefühl von Schwere, das er beim Betreten der Shapieron empfunden hatte. Die Konsequenzen aus Shilohins soeben getrof-fenen Äußerungen wurden ihm klar.

»Sie simulieren sie nicht«, vermutete er. »Sie stellen sie her.«

»Ganz recht«, pflichtete sie ihm bei. »Geräte wie dieses gehörten zur Standardausrüstung aller ganymedischen Schiffe.«

Die anwesenden Erdbewohner waren nicht sehr davon überrascht, da sie seit geraumer Zeit vermutet hatten, daß die ganymedische Zivilisation technologische Bereiche beherrscht hatte, die ihnen selbst völlig unbekannt waren.

Dessen ungeachtet waren sie sehr neugierig.

»Wir haben uns darüber bereits den Kopf zerbrochen«, sagte Patterson und drehte sich herum, um Shilohin anzublicken. »Auf welchen Prinzipien basiert das alles? Ich habe bisher nie von so etwas gehört.«

Shilohin antwortete nicht direkt, sondern schien einen Augenblick lang zu warten, um ihre Gedanken zu sammeln.

»Ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll«, antwortete sie schließlich. »Es würde eine lange Zeit beanspruchen, um Ihnen sinnvoll zu erklären...«

»He, hier ist ein Verstärkerkragen aus einer Durchgangsröhre«, unterbrach sie ein anderer Ganymeder. Er blickte über die Trennwand in den anliegenden Arbeitsbereich und deutete auf ein weiteres, größeres ganymedisches Maschi-nenteil, das dort, teilweise auseinandergebaut, lag.

»Ja, ich glaube, du hast recht«, stimmte ihm Jassilane zu, der dem Blick seines Kollegen gefolgt war.

»Was zum Teufel ist ein Verstärkerkragen?« fragte Stelmer flehentlich.

»Und was eine Durchgangsröhre?« fügte Patterson hinzu, der seine vor wenigen Augenblicken gestellte Frage vergessen hatte.

»Überall im Schiff verliefen Röhren, die zum Transport von Gegenständen und Personen von einem Bereich des Schiffes in einen anderen benutzt wurden«, antwortete Jassilane. »Sie müssen darüber aber Bescheid gewußt haben, weil ich diese Röhren auf Plänen vom Schiff gesehen habe, die Ihre Ingenieure rekonstruiert haben.«

»Wir haben mehr oder weniger vermutet, um was es sich handelte«, informierte ihn Hunt. »Aber wir waren uns nie darüber im klaren, wie sie funktionierten. Aufgrund eines weiteren Gravitationstricks?«

»Ganz recht«, sagte Jassilane. »Örtliche Felder innerhalb der Röhre sorgten für die Antriebskraft. Das Lager dort drüben ist ganz einfach eine Art Verstärker, der um die Röhre herum installiert wurde, um die Kraft des Feldes zu verstärken und anzupassen. So ungefähr alle zehn Meter oder so war eine angebracht, je nachdem, wie groß der Röhrendurchmesser war.«

»Sie meinen also, daß Personen durch diese Dinger hindurch gewirbelt wurden?«

»Natürlich. Wir haben sie auch in der Shapieron«, erwiderte Jassilane. »Der Hauptaufzug, in dem sich einige von Ihnen bereits befunden haben, verläuft in einer. Hierbei wird eine geschlossene Kapsel verwendet, die in ihrem Inneren auf und abfährt, die kleineren Röhren verfügen nicht darüber. Sie arbeiten nach dem Prinzip des freien Falls.«

»Wie kann denn vermieden werden, daß man dabei mit jemandem zusammenstößt?« fragte Stelmer. »Oder gibt es ausschließlich Einbahnverkehr?«

»Gegenverkehr«, klärte ihn Jassilane auf. »Eine Röhre verfügte normalerweise über ein aufgeteiltes Feld, die eine Hälfte versorgt den steigenden, die andere den fallenden Verkehr. Der Verkehr kann also problemlos getrennt werden. Der Kragen trägt dazu ebenfalls bei – ein Teil davon stellt das dar, was wir einen ›Strahlenrandbegrenzer‹ nennen.«

»Und wie kommt man wieder raus?« fragte Stelmer nach, der sichtlich von der Vorstellung fasziniert war.

»Man bremst ab mit Hilfe eines örtlich begrenzten, ru-henden Wellenmusters, das getriggert wird, wenn man sich dem gewünschten Austrittsort nähert«, sagte Jassilane.

»Auf ziemlich ähnliche Weise kommt man auch rein...«

Die Unterhaltung artete aus in eine lange Diskussion über Prinzipien der Wirkungsweise und der Verkehrsüberwachung im Geflecht der Durchgangsröhren in ganymedischen Raumschiffen und, wie sich herausstellte, in den meisten ganymedischen Gebäuden und Städten. Währenddessen wurde jedoch Pattersons Frage nach den Grundlagen der Gravitationsherstellung in keiner Weise beantwortet.

Nachdem man einige Zeit damit verbracht hatte, weitere Gegenstände vom Schiff zu untersuchen, verließ die Gruppe diesen Teil der Basis, um ihren Rundgang fortzusetzen. Sie folgten einem weiteren Gang zu den unterirdischen Stockwerken des zentralen Kontrollgebäudes und gingen über mehrere Treppen hinab zum ersten Geschoß.

Von dort führte sie ein ansteigender Fußweg in eine benachbarte Kuppel, die über der Einstiegsöffnung des dritten Schachtes errichtet worden war. Nachdem sie sich schließlich durch ein Labyrinth von Fußgängerwegen und Passa-gen hindurchgekämpft hatten, standen sie in der Vorkammer der oberen Luftschleuse des dritten Schachtes. Hinter dieser Schleuse wartete eine Kapsel, um das erste halbe Dutzend von ihnen in die Arbeitsbereiche im Inneren zu tragen. Nachdem die Kapsel zurückgekehrt und insgesamt dreimal hinabgefahren war, befanden sich alle Mitglieder der Gruppe im Inneren der Eiskruste Ganymeds wieder beisammen.

Begleitet von Jassilane, zwei weiteren Ganymedern und Commander Hew Mills, dem ranghöchsten Offizier des uniformierten UNWO-Truppenkontingents auf Pithead, stieg Hunt aus der Kapsel in die Vorkammer der unteren Luftschleuse des dritten Schachtes. Von dort aus brachte sie ein kurzer Gang schließlich in den unteren Kontrollraum, wo sich der Rest der Gruppe bereits versammelt hatte. Niemand nahm von den Neuankömmlingen Notiz; alle Augen waren von dem Anblick gebannt, der sich ihnen jenseits der Glasfläche bot, aus der die am weitesten von ihnen entfernt liegende Wand des Kontrollraumes bestand.

Sie starrten auf ein riesiges, aus dem Eis herausgeschla-genes und geschmolzenes Gewölbe, das in hundert verschiedenen Farbtönen zwischen Grau und Schneeweiß im Lichtschein von tausend Bogenlampen glitzerte. Das äu-

ßerste Ende der Höhle war hinter einem Wald von riesigen stählernen Stützpfosten und Eissäulen verdeckt, die man stehenlassen hatte, um die Decke zu stabilisieren. Und dort, unmittelbar vor ihnen, lag das ganymedische Schiff, lang hingestreckt auf einer scharf begrenzten Schneise, die durch diesen Wald geschlagen worden war.

Seine scharfen, begnadeten Konturen aus schwarzem Metall waren an vielen Stellen unterbrochen, dort, wo Teile der Außenhülle entfernt worden waren, um Einlaß zu erhalten oder um ausgewählte Teile der im Inneren liegenden Maschinerie auszubauen. An einigen Stellen ähnelte das Schiff dem Skelett eines gestrandeten Walfisches, eine Anzahl geschwungener Rippen schwangen sich zur Höhlendecke auf und zeigten an, wo komplette Sektionen des Schiffes demontiert worden waren. Gitterartige Gebilde aus Trägern und Metallröhren zierten seine Flanken mit unregelmäßigem und unordentlichem Geflecht. An einigen Stellen erstreckte es sich vom Boden bis zum Dach des Schiffes und stützte ein Gewirr von Laufstegen, Leitern, Plattformen, Rampen, Takelage und Winden, die sich in Abständen zu einem seltsam anmutenden Gewirr von hy-draulischen und pneumatischen Versorgungsleitungen, Luftschächten und elektrischer Verkabelung verflochten.

Überall, wohin man auch blickte, war eine große Anzahl von Gestalten an der Arbeit – auf der Gerüstkonstruktion an der Außenhülle, unten am Boden, zwischen dem Gewirr von aufeinandergetürmten Teilen und Einrichtungsgegen-ständen, der damit übersät war, hoch oben auf den Cat-walks, die sich an die rohbehauenen Eiswände anschmieg-ten, und oben auf der Schiffshülle selbst. An einer Stelle hing ein Teil der Außenhaut freischwebend an einem Gerü-strahmen, an einer anderen erleuchtete der hin und wieder aufblitzende Schein einer Fackel aus einem Sauerstoff-Acetylengemisch das Innere eines freigelegten Abteils.

Weiter hinten hielt eine kleine Gruppe von Ingenieuren offenbar ein Beratung ab, und sie deuteten hin und wieder auf einen großen transportablen Bildschirm mit Informations-daten. Der ganze Ort war ein Tummelplatz kontinuierlicher und bedächtiger Aktivitäten.

Die Erdbewohner warteten schweigend ab, während die Ganymeder das Ganze auf sich einwirken ließen.

Schließlich sagte Jassilane: »Eine beachtliche Größe...

ganz gewiß so groß wie wir erwartet haben. Die ganze Konstruktionsweise ist ohne Zweifel allen Flugkörpern zur Zeit unserer Abreise von Minerva um einiges überlegen.

ZORAC, wie ist dein Eindruck?«

»Die Torroidensektionen, die aus der großen Einbuch-tung, hundert Meter von deinem Standort entfernt, herausragen, sind mit großer Wahrscheinlichkeit differenziale Druckresonanzinduktoren, um den Brennpunkt des Strahls für den Hauptantrieb zu begrenzen«, antwortete ZORAC.

»Das große Einzelteil auf dem Boden, unmittelbar unter dir, vor und unter dem die beiden Erdbewohner stehen, ist mir unbekannt, es scheint sich jedoch um das fortgeschrittene Design eines hinteren Ausgleichsgenerators zu handeln. Wenn dem so ist, wurde der Antrieb vermutlich mit Hilfe sich fortpflanzender Standarddruckwellen erzeugt.

Wenn ich recht damit habe, müßte es auch einen vorderen Ausgleichsgenerator im Schiff geben. Die Erdbewohner auf der Hauptstation haben mir Diagramme eines Gerätes gezeigt, das wie einer aussieht, aber um sicherzugehen, sollten wir uns die Mühe machen, zunächst einmal in der Bugspitze nachzusehen. Ich würde auch gerne mal die Gelegenheit erhalten, mir den vorrangigen Energiekonverter-Abschnitt und seine Ausstattung anzuschauen.«

»Hm... es könnte schlimmer sein«, murmelte Jassilane geistesabwesend.

»Worum drehte sich das alles, Rog?« fragte ihn Hunt.

Der Riese drehte sich halbwegs und zeigte mit erhobenem Arm auf das Schiff.

»ZORAC hat meine eigenen vorläufigen Eindrücke bestätigt«, sagte er. »Obwohl das Schiff einige Zeit nach der Shapieron erbaut wurde, scheint sich der Grundaufbau kaum verändert zu haben.«

»Dann haben Sie also gute Aussichten, daß es Ihnen bei der Reparatur Ihres Schiffes von Nutzen ist, ja?« schaltete sich Mills ein.

»Wir wollen es hoffen«, stimmte ihm Jassilane zu.

»Wir müßten es von nahem sehen, um sicherzugehen«, dämpfte Shilohin ihren Optimismus.

Hunt drehte sich zum Rest der Gruppe um und streckte beide Arme aus, wobei er seine Handflächen nach oben drehte. »Na, dann laßt uns doch runtergehen und es einfach machen«, sagte er.

Sie traten von der Klarsichtscheibe zurück und kämpften sich zwischen den Racks mit elektronischen Geräten und den Konsolen des Kontrollraumes zu einer Tür auf der gegenüberliegenden Seite hindurch, um zum tiefergelegenen Geschoß hinabzusteigen. Nachdem sich die Tür hinter dem letzten der Gruppe geschlossen hatte, drehte sich einer der diensttuenden Techniker, die an den Konsolen saßen, halb zu einem seiner Kollegen herum.

»Siehste Ed, ich hab's dir ja gesagt«, bemerkte er heiter,

»Sie haben keinen gefressen.«

Ed, der ein paar Schritte entfernt in seinem Sessel saß, legte argwöhnisch die Stirn in Falten.

»Vielleicht haben sie heute nur keinen Hunger«, brummte er.

Auf dem Boden des Gewölbes angelangt, kletterte die gemischte Gruppe von Ganymedern und Erdbewohnern durch eine unmittelbar unter der Klarsichtscheibe gelegene Luftschleuse und begann sich über den mit Stahlnetzen ausgelegten Boden durch das Labyrinth der verschiedensten technischen Gerätschaften zum Schiff vorzukämpfen.

»Es ist ziemlich warm«, bemerkte Shilohin zu Hunt, als sie auf dem Weg waren. »Dennoch gibt es an den Wänden keinerlei Anzeichen von geschmolzenem Eis. Wie kommt das nur?«

»Man hat das Luftzirkulationssystem sehr sorgfältig konstruiert«, klärte er sie auf.

»Die wärmere Luft wird hier unten im Arbeitsbereich gehalten und durch Kaltluftströme, die von allen Seiten nach oben blasen und in Abzüge geleitet werden, am Kontakt mit dem Eis gehindert. Die Art, wie die Wände in ihrer Formgebung in den Deckenteil übergehen, ruft die dazu notwendigen Luftströmungen hervor. Das System arbeitet ganz gut.«

»Geistreich«, murmelte sie.

»Wie steht es mit dem Risiko einer Explosion durch Gasverbindungen, die aus dem Eis freigesetzt werden?«

fragte ein anderer Ganymeder. »Ich könnte mir vorstellen, daß hierin eine Gefahrenquelle liegt.«

»Als man mit den Ausgrabungsarbeiten begann, stellte dies tatsächlich ein Problem dar«, antwortete Hunt. »Das war zur Zeit des Abschmelzens besonders akut. Alle hier unten mußten in Schutzanzügen arbeiten. Aus eben dem von Ihnen erwähnten Grund benutzte man eine Atmosphäre aus Argon. Seitdem jedoch die Ventilation verbessert worden ist, besteht kein großes Risiko mehr, daher können wir uns etwas unbekümmerter fühlen. Auch der Vorhang mit Kaltluft hilft eine Menge; der Grad an austretenden Gasen liegt daher fast bei Null, und was tatsächlich da ist, wird nach oben hinausgeweht. Die Gefahr einer Explosion hier unten ist vermutlich geringer als die eines Volltreffers der Station dort droben durch einen verirrten Meteoriten.«

»So, hier wären wir«, ertönte Mills Stimme von der Spitze der Gruppe. Sie standen am Fuß einer breiten, flachen Metallrampe, die vom Boden aus anstieg und durch ein Gewirr von Kabeln in einer großen Öffnung verschwand, die in die Hülle hineingeschnitten worden war.

Über ihnen schwang sich die anschwellende Kontur der Schiffsflanke in einer gigantischen Kurve empor und verschwand gegen die Höhlendecke hin ihren Blicken. Plötzlich kamen sie sich vor wie Mäuse, die an der Unterseite einer Rasenwalze nach oben starrten.

»Dann laßt uns mal reingehen«, sagte Hunt.

In den nächsten beiden Stunden gingen sie jeden Zoll-breit des Labyrinthes von Fußsteigen und Laufstegen ab, die im Inneren des Schiffes errichtet worden waren, das auf der Seite zu liegen gekommen war und nur wenig an natürlicher horizontaler Oberfläche bot, auf der es sich unbeschwert laufen ließ. Die Riesen folgten den Kabelsträngen und Röhren mit Blicken, die offenbar genau wußten, nach was sie Ausschau hielten. Dann und wann hielten sie an, um einen Gegenstand von besonderem Interesse mit sicheren und geübten Händen zu entkleiden oder um die Verbindungen zu einem Gerät oder einem Teil eines Gerätes zu verfolgen. Sie sogen jedes Detail der Pläne auf, die ih-

nen von den UNWO-Wissenschaftlern vorgelegt wurden, die jedoch nur soviel Aufschluß erteilen konnten wie die Erdbewohner aus Gestalt und Aufbau des Schiffes hatten herausfinden können.

Nach einer langen Besprechung mit ZORAC, in der die Ergebnisse dieser Beobachtungen analysiert wurden, kündigte Jassilane an: »Wir sind optimistisch. Die Chancen scheinen gut zu stehen, die Shapieron zur vollen Leistungs-fähigkeit wiederherstellen zu können. Wir würden gerne eine weitaus detailliertere Untersuchung gewisser Teile dieses Schiffes hier vornehmen, brauchen dazu jedoch eine größere Anzahl unserer technischen Experten von der Hauptstation. Könnten Sie eine kleine Gruppe unserer Leute hier für etwa zwei bis drei Wochen unterbringen?«

Er richtete diese letzten Worte an Mills. Der Commander zuckte mit den Schultern und öffnete seine Hände.

»Wie immer Sie wünschen. Betrachten Sie es bereits als erledigt.«

Innerhalb einer Stunde nach Rückkehr der Gruppe an die Oberfläche, wo eine Mahlzeit eingenommen wurde, entfernte sich ein weiterer UNWO-Transporter auf nördlichem Kurs von der Hauptstation, der eine zusätzliche Anzahl Ganymeder und die notwendigen Werkzeuge und Instrumente von der Shapieron an Bord trug.

Später ging man in die Abteilung der Basis, welche die biologischen Laboratorien enthielt, und bewunderte Danchekkers Zimmergarten. Die Fremden versicherten, daß die von ihm gezogenen Pflanzen ihnen bekannt waren und daß sie Arten repräsentierten, die in den Äquatorregionen des Planeten Minerva – so wie sie ihn in Erinnerung hatten –

weitverbreitet waren. Da der Professor darauf bestand, nahmen sie einige Ableger an, um sie mit zur Shapieron zurückzunehmen und sie dort als Erinnerungsstücke an die Heimat zu ziehen. Diese Geste schien sie tief zu berühren.

Danchekker führte die Gruppe im Anschluß daran hinab in einen geräumigen Speicherraum, der aus dem massiven Eis unter den Laboratorien herausgeschlagen worden war.

Sie betraten einen geräumigen, hellerleuchteten Raum, an dessen Wänden sich die Regale aufreihten, auf denen eine Vielfalt von Vorräten und Instrumenten abgestellt waren.

Es gab Reihen von versiegelten Vorratsschränken, die allesamt einen grünen Farbanstrich besaßen, Maschinen, deren Umrisse unter Staubschutzhüllen nicht erkennbar waren, und an einigen Orten stapelweise ungeöffnete Kartons, die beinahe bis zur Decke reichten. Aber was jedem unmittelbar ins Auge stach, war die wilde Kreatur, die sich etwa sechs Meter vom Eingang entfernt vor ihnen erhob.

Sie maß über fünf Meter vom Boden bis zur Schulter, stand auf vier baumdicken Füßen, und ihr massiger Rumpf mündete in einen langen, kräftigen Hals, um den relativ kleinen, aber uneben geformten Kopf sicher und hoch zu halten. Ihre Haut schimmerte grau und wirkte rauh und lederartig, die sich zu breiten, schweren Wülsten am Nak-kenansatz und der Kopfunterseite, unterhalb der kurzen aufgerichteten Ohren, verdickte. Über zwei gewaltig auf-geblähten Nüstern und einem geöffneten papageienschna-belartigen Rachen, starrten ein paar große, weit aufgerissene Augen. Der Eindruck wurde verstärkt durch dicke Augenbrauenwülste, und hinzu kam, daß die Augen direkt auf die Tür starrten.

»Hier ist einer meiner Lieblinge«, erzählte ihnen Dan-

chekker geräuschvoll, während er der Gruppe voranschritt und das Ungetüm stolz an der Vorderseite einer der stäm-migen Beine tätschelte.

»Ein Baluchitherium – ein Vorfahre des heutigen Rhino-zeros aus dem späten Oligozän bis frühen Miozän Asiens.

Bei dieser Gattung haben die Vorderbeine bereits den vierten Zeh abgestoßen und eine dreizehige Bauweise, ähnlich wie bei den Hinterbeinen angenommen – eine Entwicklung, die im Oligozän eine starke Ausprägung erfuhr. Auch ist bereits die Verstärkung der Oberkiefer-struktur ziemlich entwickelt, obwohl sich diese besondere Sorte hier nicht zu echten Hornträgern entwickelte, wie man sehen kann. Einen weiteren interessanten Punkt stellen die Zähne dar, die...« Danchekker unterbrach jäh seinen Redefluß, als er sein Gesicht seinem Publikum zuwendete und gewahr wurde, daß ihm lediglich die Erdbewohner in den Raum hinein gefolgt waren und sich um das Exemplar geschart hatten, das er beschrieb. Die Ganymeder waren eng zusammengedrängt im Türrahmen stehengeblieben, von wo aus sie sprachlos zu der emporragenden Gestalt des Baluchitherium hinaufstarrten. Ihre Augen waren weit ge-

öffnet, so als seien sie ungläubig erstarrt. Nicht, daß sie sich angesichts des Anblicks geduckt hätten, aber ihre Gesichtsausdrücke und ihre starre Haltung zeigten Unsicherheit und Furcht.

»Ist irgendwas los?« fragte Danchekker erstaunt. Es kam keine Antwort. »Ich versichere Ihnen, es ist völlig harmlos«, fuhr er mit beruhigender Stimme fort. »Und mause-mausetot... eines der Exemplare, das in den großen Behältern konserviert wurde, die wir im Schiff gefunden haben.

Seit wenigstens fünfundzwanzig Millionen Jahren ist es tot.«

Langsam erwachten die Ganymeder aus ihrer Starre.

Immer noch schweigend und irgendwie gedämpft begannen sie sich vorsichtig der Stelle zu nähern, an der sich die Erdbewohner in einem offenen Halbkreis aufgestellt hatten.

Lange Zeit starrten sie auf das riesige Geschöpf und ver-schlangen dabei in erfürchtiger Faszination jede Einzelheit.

»ZORAC«, murmelte Hunt leise in sein Kehlkopfmikro-phon. Die übrigen Erdbewohner beobachteten die Ganymeder schweigend, als warteten sie auf ein Zeichen zur Wiedereröffnung der Konversation. Sie waren sich nicht recht schlüssig, was genau ihre Gäste so stark beein-druckte.

»Ja, Vic?« antwortete die Maschine in seinem Ohr.

»Was ist los?«

»Die Ganymeder haben bislang noch kein Tier gesehen, das sich mit dem Baluchitherium vergleichen läßt. Es handelt sich um eine neue und unerwartete Erfahrung.«

»Kommt es für dich auch überraschend?« fragte Hunt.

»Nein. Ich stelle eine starke Übereinstimmung mit anderen frühen irdischen Tierarten fest, die in meinen Archiven aufgezeichnet sind. Diese Informationen kamen von ganymedischen Expeditionen zur Erde, die stattfanden, bevor die Shapieron von Minerva aufbrach. Keiner der Ganymeder, die bei euch auf Pithead sind, ist allerdings auf der Erde gewesen.«

»Aber sie müssen doch ganz gewiß etwas über die Funde dieser Expeditionen wissen«, beharrte Hunt. »Die Berichte müssen doch veröffentlicht worden sein.«

»Klar«, stimmte ihm ZORAC zu. »Aber über Tiere wie dieses etwas zu lesen und einem von ihnen plötzlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, das sind schon zwei verschiedene Sachen, besonders dann, wenn man nicht darauf gefaßt ist. Wenn ich eine organische Intelligenz wäre, die sich aus einem organischen Evolutionssy-stem entwickelt hätte, das auf das Überleben ausgerichtet ist, und über alle entsprechenden impliziten emotionalen Reflexkonditionierungen verfügte, dann könnte ich mir vorstellen, daß ich auch etwas aus der Fassung geriete.«

Bevor Hunt darauf antworten konnte, ergriff endlich einer der Ganymeder – es handelte sich um Shilohin – das Wort.

»So... das ist also eine tierische Lebensform von der Erde«, sagte sie. Ihre Stimme war leise und zögernd, als hätte sie Schwierigkeiten, die Worte auszusprechen.

»Es ist unglaublich!« flüsterte Jassilane, der seine Augen von dem Geschöpf nicht losreißen konnte. »War das Ding irgendwann mal wirklich lebendig...?«

»Was ist das? « Ein anderer Ganymeder deutete auf ein kleineres, aber blutrünstiger aussehendes Tier hinter dem Baluchitherium, das mit einer erhobenen Tatze und zurückgezogenen Lefzen dastand und ein Gebiß mit fürchterlichen, spitzen Zähnen enthüllte. Die übrigen Ganymeder folgten seinem Finger und keuchten.

»Ein Cynodictis«, antwortete Danchekker achselzuk-kend. »Eine merkwürdige Mischung zwischen katzen- und kaninchenartigen Merkmalen, aus der sich schließlich unsere heutigen Katzen- und Hundefamilien entwickelten.

Was danebensteht, ist ein Mesohippus, der Vorfahre aller modernen Pferdearten. Wenn Sie genau hinsehen, dann können Sie erkennen...« Mitten im Satz brach er ab und schien sich abrupt anderen Gedanken zuzuwenden. »Aber warum erscheinen Ihnen denn diese Dinge so fremd? Sie haben doch sicher schon mal Tiere gesehen... Es gab doch Tiere auf Minerva, oder nicht?«

Hunt beobachtete scharf. Die Reaktionen, deren Zeuge er geworden war, schienen seltsam für eine so hochste-hende Rasse, die in allem, was sie sagten und taten, so rational erschienen waren.

Shilohin nahm es auf sich zu antworten. »Ja... da gab es Tiere...« Sie ließ ihren Blick über alle ihre Gefährten schweifen, als ob sie Beistand in einer schwierigen Situation suchte. »Aber sie waren... anders...« schloß sie schwankend. Danchekker schien neugierig.

»Anders«, wiederholte er. »Wie interessant. Wie meinen Sie das? Waren sie zum Beispiel nicht so groß wie dieses hier?«

Shilohins Angst schien sich zu steigern. Sie zeigte den gleichen unerklärlichen Widerstand, über die Erde im Oligozän-Zeitalter zu diskutieren wie bei früheren Gelegenheiten. Hunt spürte, daß sich eine prekäre Situation entwik-kelte, und bemerkte, daß Danchekker in seinem Enthusiasmus kein Gespür dafür entwickelte. Er wendete sich vom Rest der Gruppe ab. »ZORAC, gib mir eine private Verbindung zu Chris Danchekker«, sagte er mit gedämpfter Stimme.

»Schon geschehen«, antwortete ZORAC einen Bruchteil später.

»Chris«, flüsterte Hunt. »Hier ist Vic.« Er bemerkte eine jähe Veränderung in Danchekkers Gesichtsausdruck und fuhr fort. »Sie wollen nicht darüber reden. Vielleicht sind sie noch etwas nervös wegen unserer Gemeinsamkeiten mit den Lunariern oder so was – ich weiß nicht, aber irgend etwas beunruhigt sie. Machen Sie also Schluß und lassen Sie uns hier verschwinden.«

Danchekker traf Hunts Blick, zwinkerte einen Augenblick lang verständnislos, nickte dann und wechselte abrupt den Gegenstand der Unterhaltung. »Wie auch immer, ich bin sicher, daß dies alles Zeit hat, bis wir in angenehmerer Umgebung sind. Warum gehen wir nicht wieder hinauf? In den Laboratorien werden gerade einige weitere Experimente durchgeführt, von denen ich mir vorstellen könnte, daß sie Sie interessieren.«

Die Gruppe begann sich zur Türe zurückzudrängen.

Hinter ihrem Rücken tauschten Hunt und Danchekker erstaunte Blicke.

»Darf ich fragen, was das alles zu bedeuten hat?« bohrte der Professor.

»Fragen Sie mich nicht«, antwortete Hunt. »Kommen Sie mit, oder wir verpassen den Anschluß.«

Viele hundert Millionen Kilometer von Pithead entfernt war die Nachricht vom Zusammentreffen mit einer fremden Rasse über eine verwunderte Welt hereingebrochen.

Als Aufnahmen von der ersten direkten Kontaktnahme an Bord der Shapieron und von der Ankunft der Außerirdischen auf der Hauptbase auf Ganymed über die Bildschirme der Erde flimmerten, ging eine Woge des Erstaunens und der Erregung um den Erdball, die sogar noch die Reaktionen auf die Entdeckungen Charlies und des ersten ganymedischen Raumschiffes in den Schatten stellte. Einige dieser jetzigen Reaktionen waren bewundernswert, andere bedauerlich, wieder andere einfach nur komisch –alle waren jedoch vorhersagbar gewesen.

Auf hoher, offizieller Ebene lehnte sich Frederick James McClusky, Delegationsvorsitzender der Vereinigten Staaten bei der außergewöhnlichen Sitzung, die von den Vereinten Nationen anberaumt worden war, in seinen Sessel zurück und ließ seine Blicke über das vollbesetzte, in kreisförmiger Anordnung sitzende Auditorium schweifen, während Charles Winters, der englische Delegierte der Vereinten Staaten von Europa, die Schlußworte seiner fünf-undvierzigminütigen Ansprache fand:

»... Zusammengefaßt können wir also sagen, daß sich unser Streitpunkt um den Ort der ersten Landung darauf bezieht, ob er innerhalb der Hoheitsgebiete der britischen Inseln liegen soll. Die englische Sprache stellt mittlerweile das verbreitetste Kommunikationsmittel für den sozialen, geschäftlichen, wissenschaftlichen und politischen Dialog zwischen allen Rassen, Völkern und Nationen der Erde dar.

Sie symbolisiert die Aufhebung von Grenzen, die uns einst trennten und die neue Ordnung aus Eintracht, Vertrauen und gegenseitiger Zusammenarbeit, die auf unserem Erdball herrscht. Und von daher ist es eben auch besonders angemessen, daß mit Hilfe der englischen Sprache die ersten Worte zwischen unseren fremden Freunden und uns ausgetauscht wurden. Darf ich Sie des weiteren daran erinnern, daß zur Zeit die Sprache der britischen Inseln die einzige menschliche Sprache ist, die sich die ganymedische Maschine angeeignet hat? Was, meine Herren, könnte daher angemessener sein, als daß der erste Ganymeder, der seinen Fuß auf diesen Planeten setzt, den Boden betritt, auf dem sich diese Sprache entwickelt hat?«

Winters endete mit einem letzten flehentlichen Blick auf seine Zuhörerschar und setzte sich nieder, begleitet von leisem Stimmengewirr und dem Rascheln von Papieren.

McClusky warf einige Notizen auf seinen Block und überflog kurz seine bisherigen Aufzeichnungen.

Mit einer seltenen Einmütigkeit hatten die Regierungen der Erde eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, die besagte, daß sich die heimatlosen Wanderer aus der Vergangenheit hier niederlassen könnten, falls sie es wünschten. Das gegenwärtige Zusammentreffen war einberufen worden, nachdem die öffentliche Verlautbarung ergangen war. Es war abgeglitten in ein hitziges Gezänk hinter ver-schlossenen Türen, welcher Nation die Ehre gebührte, die Außerirdischen als erste zu empfangen.

Eingangs hatte McClusky, der den Anweisungen vom Beraterstab des Präsidenten und dem State Department in Washington folgte, den ersten Anspruch erhoben, indem er auf den vorwiegend amerikanischen Anteil an den UNWO-Operationen in der Nähe des Jupiter verwiesen hatte. Die Amerikaner hatten sie gefunden, hatte er in der Tat ausge-rufen, die Amerikaner hatten daher also auch das Recht, sie zu behalten. Die Russen hatten zwei Stunden dazu gebraucht auszuführen, daß ihre Nation das größte Territo-rium der Erde besitze und sie von daher auch den größten Teil des Planeten repräsentiere. Das sei schließlich der entscheidende Faktor. China hatte gekontert, daß es über mehr Menschen als jede andere Nation verfüge, und deshalb of-ferierte China, indem es einen selbstsüchtigen Appell an demokratische Prinzipien richtete, eine bedeutungsvollere Interpretation des Mehrheitsbegriffes. Israel hatte den Standpunkt eingenommen, daß es über mehr Gemeinsamkeiten mit heimatlosen Minderheitsgruppen als alle anderen verfüge und so geartete Überlegungen den eigentlichen Kern der Dinge besser träfen. Der Irak hatte Ansprüche auf der Grundlage geltend gemacht, daß sein Staat auf dem Boden der ältesten Nation der Geschichte angesiedelt sei, und eine der afrikanischen Republiken hatte argumentiert, daß sie die jüngste Nation sei.

An diesem Punkt der Prozedur hatte McClusky die Nase voll. Gereizt warf er seinen Bleistift auf seinen Notizblock und drückte mit einem Finger auf den Knopf. Sein Fra-gelämpchen leuchtete auf. Wenige Minuten später informierte ihn eine Anzeige auf seinem Schaltbord, daß der Vorsitzende seiner Bitte um einen Beitrag entsprochen hatte. McClusky beugte sich über sein Mikrofon. »Die Ganymeder haben nicht einmal gesagt, daß sie überhaupt zur Erde kommen, geschweige denn sich hier niederlassen wollen. Wäre es nicht eine gute Idee, sie zunächst mal danach zu fragen, bevor wir mit diesem Punkt noch mehr Zeit verplempern?«

Die Bemerkung rief sofort eine weitere Debatte hervor, in deren Verlauf man der Gelegenheit einer diplomatischen Verschleppungstaktik unmöglich widerstehen konnte. Am Ende wurde die ganze Angelegenheit denn auch folgerich-tig bis auf weiteres verschoben.

Dennoch konnten sich die Delegierten auf einen winzigen gemeinsamen Punkt einigen.

Man war darüber besorgt, daß die Raumbesatzungen der UNWO, die Offiziere, Wissenschaftler und das übrige anwesende Personal des Ganymed-Projektes nicht in den subtilen Künsten der Diplomatie ausgebildet worden waren, und fand die Risiken, die sich mit ihrem erzwungenen Status als Repräsentanten und Botschafter der gesamten Erde ergeben könnten, beunruhigend. Dementsprechend verabschiedeten sie eine Anzahl von Richtlinien, mit denen allem UNWO-Personal der Ernst und die Bedeutung ihrer Verantwortlichkeiten verdeutlicht wurde und die sie, neben anderen Dingen, dazu zwang, »... von jedweden gedan-kenlosen oder impulsiven Bemerkungen oder Aktionen ab-zusehen, die denkbarerweise von unbekannten Wesen un-gewisser Disposition und Absichten als provokativ gewer-tet werden könnten...«

Als die Botschaft empfangen und pflichtgetreu den Mannschaften der UNWO und den Wissenschaftlern auf Ganymed vorgelesen wurde, rief sie einige Heiterkeit hervor. Die Ungewißheit der Erdbewohner über die ›Disposi-tionen und Absichten‹ war so groß, daß sie den Ganymedern ebenfalls die Botschaft vorlasen.

Die Riesen hielten das Ganze für einen Scherz.

11

Verglichen mit der Hauptbasis war Pithead klein und spar-tanisch eingerichtet und bot nur begrenzte Unterkunfts-möglichkeiten. Während des Zeitraums, in dem die ganymedischen Experten eine intensivere Begutachtung des Schiffes am Ort durchführten, war es für die beiden Rassen leichter, ungezwungener miteinander zu kommunizieren und sich besser kennenzulernen. Hunt machte das Beste aus der Gelegenheit, um die Außerirdischen aus unmittelbarer Nähe zu beobachten und einen tieferen Einblick in ihre Art und Weise sowie ihr Temperament zu erhalten.

Was sie in einzigartiger und ins Auge springender Weise von den Erdbewohnern unterschied, war – wie er bereits wußte – ihre völlige Unwissenheit gerade der Vorstellung eines Krieges oder jedweder Form bewußter Gewalttätigkeit gegenüber. Auf Pithead gelangte er allmählich zu der Überzeugung, daß es sich dabei um einen gemeinsamen Faktor handelte, den er in ihnen allen feststellte – ein Umstand, der, wie er erkannte, einen fundamentalen Unterschied in der geistigen Verfassung beider Rassen ausmachte. Nicht ein einziges Mal hatte er eine Spur von Aggressivität in einem Ganymeder feststellen können. Sie schienen sich niemals über etwas zu streiten, Zeichen von Ungeduld zu zeigen oder über irgendwelche heftige Lau-nen zu verfügen, die sie in gereizte Stimmung hätten versetzen können. Das allein überraschte ihn nicht übermäßig; er hätte kaum etwas anderes von einem sehr hochentwik-kelten und zivilisierten Volk erwartet. Was ihn jedoch in Erstaunen versetzte, war das völlige Fehlen von emotionalen Eigenschaften der Art, wie sie gesellschaftlich akzep-

tiert in kanalisierter Form auftreten. Sie zeigten untereinander keinerlei Konkurrenzverhalten, keine Regungen von Rivalität, nicht einmal in der harmlosen, unterschwelligen, freundschaftlichen Art und Weise, die Menschen als Teil ihres Lebens akzeptieren und bisweilen zu genießen wissen.

Die Vorstellung, daß man sein Gesicht verlieren konnte, bedeutete einem Ganymeder nichts. Wenn man ihm bei irgendeiner Sache einen Fehler nachgewiesen hatte, sah er bereitwillig seinen Fehler ein, wenn sich seine Ansicht bewahrheitet hatte, fühlte er keinerlei besondere Befriedigung. Er konnte dastehen und zuschauen, wie ein anderer eine Aufgabe verrichtete, von der er wußte, daß er sie besser erledigen konnte, und schweigen – ein Kunststück, das für die meisten Erdbewohner nahezu unmöglich war. In umgekehrter Situation würde er sofort um Hilfe bitten. Er war niemals arrogant, ehrfurchtgebietend oder verachtend, zugleich jedoch niemals auf sichtbare Weise unterwürfig, sklavisch oder demütig. Nichts in seinem Benehmen deutete jemals auf Einschüchterungsabsichten hin, und ebensowenig nahm er auch nur Andeutungen von Einschüchte-rungsversuchen wahr. Es gab einfach nichts, was immer sie sagten und taten oder wie sie es sagten und taten, das irgendeinen instinktiven Wunsch nach Anerkennungs- oder Überlegenheitssuche andeutete. Viele Psychologen waren der Ansicht, daß diese Seite menschlichen Sozialverhaltens eine Reihe von Ersatzritualen konstituierte, durch welche die Freisetzung von unterschwelligen aggressiven Triebregungen gestattet wurde, die ansonsten im Sinne gesellschaftlichen Zusammenlebens unterdrückt werden mußten.

Wenn dem so war, dann konnte Hunt aus seinen Beobach-

tungen nur den logischen Schluß ziehen, daß diese unterschwelligen Triebregungen in den Ganymedern einfach nicht bestanden.

All dies bedeutete jedoch nicht, daß es sich bei den Ganymedern um ein kaltes und gefühlloses Volk handelte.

Wie ihre Reaktionen auf die Zerstörung Minervas gezeigt hatten, waren sie warm, freundlich und mit starken Gefühlsregungen ausgestattet, bisweilen bis zu einem Grade, den ein Erdbewohner, der eine Erziehung der ›alten Schule‹ genossen hatte, als unziemlich angesehen hätte.

Und sie verfügten über einen ausgeprägten, obgleich sehr nuancierten und verfeinerten Humor, von dem sich nicht wenig in der grundlegenden Konzeption ZORACs wider-spiegelte. Sie waren zugleich, wie Shilohin zu erkennen gegeben hatte, ein vorsichtiges Volk, vorsichtig nicht im furchtsamen Sinne, sondern in einer Art und Weise, die jeden Zug und jede Handlung im voraus berechnete. Sie taten niemals etwas, ohne daß sie sich genau im klaren über Ziele, Gründe, Wege und Alternativen ihres Handelns gewesen wären. Ein durchschnittlicher Ingenieur der Erde hätte den Fehlschlag des Iscaris-Unternehmens achselzuk-kend als etwas abgetan, das man vergessen oder mit Aussichten auf mehr Glück erneut versuchen konnte – für die Ganymeder war es unentschuldbar, daß sich eine solche Sache überhaupt zugetragen hatte. Sogar nach zwanzig Jahren waren sie immer noch nicht vollständig damit fertig geworden.

Hunt stellte fest, daß es sich um eine erhabene und stolze Rasse handelte, bedächtig redend, mit würdevoller Haltung und dennoch im Grunde ihres Wesens von geselliger und einladender Natur. Die Ganymeder waren frei von jenem gesellschaftlichen Verhalten des Mißtrauens und des Ver-dachtes, das die Mehrzahl der Erdenmenschen gegenüber Fremden an den Tag legte. Sie waren ruhig, zurückhaltend, selbstbewußt, und vor allen Dingen waren sie durch und durch rational. Im Hinblick auf diesen Umstand bemerkte Danchekker eines Tages in der Bar auf Pithead zu Hunt:

»Und wenn das gesamte Universum verrückt würde und sich selbst in die Luft jagte – ich bin der festen Überzeugung, daß sich die Ganymeder dann immer noch an seinem Ende aufhielten, um die entstandenen Bruchstücke wieder zusammenzusetzen.«

Die Bar auf Pithead wurde zum Hauptbrennpunkt der sozialen Aktivitäten zwischen der kleinen Gruppe der Ganymeder und den Erdbewohnern. Jeden Abend nach dem Dinner kamen Mitglieder der beiden Rassen allein oder zu zweit in den Raum hineingetrudelt, bis er brechend voll und jeder Quadratmeter in der Waagerechten, einschließlich des Fußbodens, mit Personen oder Gläsern übersät war. Die Gespräche bezogen jeden nur erdenklichen Gegenstand ein und dauerten für gewöhnlich bis zum frühen Morgen an. Denn für jeden, der nicht zur Suche nach Zurückgezogenheit und Einsamkeit neigte, gab es nach beendeter Tagesarbeit wenig anderes auf Pithead zu tun.

Die Ganymeder fanden großen Gefallen an schottischem Whisky, den sie unverdünnt aus vollen Gläsern bevorzug-ten. Sie revanchierten sich, indem sie ihr eigenes Destilla-tionsprodukt von Bord der Shapieron mitbrachten. Eine ganze Anzahl der Erdbewohner probierte das Getränk und fand es angenehm, wärmend, leicht süßlich... und von ver-heerender Wirkung, die jedoch erst zwei Stunden nach Be-

ginn des Genusses einsetzte. Diejenigen, die schlechte Erfahrungen damit gemacht hatten, tauften es GZB – Ganymedische Zeitbombe.

An einem dieser Abende entschloß sich Hunt dazu, direkt auf das Problem loszugehen, das nicht wenige Erdbewohner seit geraumer Zeit verwirrt hatte. Shilohin war anwesend, ebenso Monchar, Garuths Stellvertreter, darüber hinaus vier weitere Ganymeder. Von den Erdenmenschen dabei waren Danchekker, Vince Carizan, der Elektronikin-genieur und ein halbes Dutzend anderer.

»Es gibt da einen Punkt, der einige von uns vor Probleme stellt«, sagte Danchekker, der sich mittlerweile die Vorliebe der Ganymeder für direktes Ansprechen auf bestimmte Sachverhalte zu eigen gemacht hatte. »Sie müssen wissen, daß die Anwesenheit von Leuten, die beschreiben können, wie die Erde in ferner Vergangenheit aussah, in uns den Wunsch nach allen möglichen Fragen erweckt, dennoch scheinen Sie offenbar nicht darüber reden zu wollen. Warum nicht?« Gemurmel von allen Seiten verstärkte die Frage. Plötzlich wurde es sehr still im Raum.

Die Ganymeder schienen sich wieder sehr unbehaglich zu fühlen und blickten einander an, als hofften sie, irgendeiner aus ihren Reihen würde die Leitung übernehmen.

Schließlich antwortete Shilohin. »Wir wissen sehr wenig über Ihre Welt. Es handelt sich um eine etwas heikle Angelegenheit. Sie verfügen über eine uns völlig fremde Kultur und Geschichte...« Sie vollführte eine Geste, die dem menschlichen Achselzucken entsprach. »Sitten und Gebräuche, Wertvorstellungen... bestimmte Art und Weisen, wie man Sachverhalte ausdrückt. Wir wollen niemanden verletzen, indem wir unbeabsichtigterweise etwas Fal-

sches sagen, daher meiden wir diesen Punkt.«

Irgendwie klang die Antwort nicht recht überzeugend.

»Wir sind alle der Meinung, daß sich hinter Ihren Ausführungen tiefer liegende Gründe verbergen«, sagte Hunt offen. »Alle, die wir hier in diesem Raum versammelt sind, mögen verschiedenen Ursprungs sein, aber vor allen Dingen sind wir allesamt zunächst einmal Wissenschaftler.

Unser Geschäft ist die Wahrheit, und wir sollten uns nicht vor Tatsachen verstecken. Wir befinden uns auf keiner offiziellen Veranstaltung, und wir kennen uns alle mittlerweile recht gut. Wir wollen, daß Sie offen mit uns reden.

Wir sind neugierig.«

Erwartungsvolle Spannung lag in der Luft. Shilohin blickte erneut zu Monchar hinüber, der schweigend sein Einverständnis erklärte. Langsam trank sie ihr Glas leer, während sie ihre Gedanken ordnete und schaute dann auf, um sich an die anderen zu wenden.

»Na gut. Vielleicht haben Sie recht damit, daß wir keine Geheimnisse voreinander haben sollten. Es gab da einen grundlegenden Unterschied zwischen den natürlichen Evolutionsprinzipien, die sich jeweils auf unserer und Ihrer Welt entwickelten – auf Minerva gab es keine fleischfressenden Geschöpfe.« Sie hielt inne, als warte sie auf eine Reaktion, aber die Erdbewohner saßen weiterhin schweigend da: offenbar warteten sie auf weitere Eröffnungen. Sie fühlte sich innerlich plötzlich freier. Vielleicht waren die Ganymeder tatsächlich übervorsichtig im Hinblick auf mögliche Reaktionen dieser unberechenbaren und zur Gewalt neigenden Zwerge gewesen.

»Der wesentliche Grund für diesen Unterschied, ob Sie es nun glauben oder nicht, besteht in der größeren Entfer-

nung Minervas von der Sonne.« Sie fügte weitere Erklärungen hinzu. »Ohne den erwähnten Treibhauseffekt hätte sich auf Minerva niemals Leben entwickelt. Sogar damit war es immer noch ein kalter Planet, im Vergleich mit der Erde ganz sicherlich.

Dieser Treibhauseffekt hielt jedoch die Ozeane flüssig, und in gleichem Maße wie auf der Erde entwickelten sich die ersten Lebensformen in den flachen Bereichen dieser Ozeane. Die Bedingungen dort brachten keine Entwicklung zu höheren Stadien wie auf der wärmeren Erde hervor; der evolutionäre Prozeß verlief ausgesprochen langsam.«

»Aber intelligentes Leben entwickelte sich doch dort sehr viel früher als auf der Erde«, warf jemand ein. »Das ist doch ein wenig merkwürdig.«

»Lediglich deshalb, weil Minerva weiter von der Sonne entfernt lag und daher schneller abkühlte«, antwortete Shilohin. »Daher verfügte das Leben über frühere Startbe-dingungen.«

»Einverstanden.«

Sie spann ihre Gedanken weiter. »Die Evolutionsprinzipien standen zunächst unter bemerkenswert ähnlichen Bedingungen. Komplexe Proteine traten auf, führten schließlich zu selbstreplizierenden Molekülen, welche allmählich lebende Zellen sich formieren ließen. Einzellige Formen traten zunächst auf, dann Zellkolonien und später vielzel-lige Organismen mit spezialisierten Grundzügen – und bei allen handelte es sich um Variationen der ursprünglichen wirbellosen Meeresform.

Der Punkt, an dem beide Wege auseinanderführten, wobei jede Linie auf die auf dem jeweiligen Planeten vorherr-schenden Bedingungen reagierte, wird mit dem Erscheinen im Wasser lebender Wirbeltiere – also Knochenfischen –erreicht. Dieses Stadium kennzeichnet eine Schwelle, welche die Gattungen auf Minerva erst auf dem Wege zu einer höheren Entwicklung überwinden konnten, nachdem sie ein fundamentales Problem gelöst hatten, das sich ihren irdischen Entsprechungen nicht stellte. Dieses Problem bestand einfach in der kälteren Umgebung.

Schauen Sie, in dem Maße, in welchem Weiterentwick-lungen in den minervischen Fischarten auftraten, verlangten die verbesserten Körperfunktionen und ausgeklügelte-ren Organe nach mehr Sauerstoff. Aber aufgrund der geringeren Temperatur war die Inanspruchnahme bereits hoch. Das primitive Zirkulationssystem der frühen minervischen Fischarten konnte mit der Doppelbelastung, in ausreichendem Maße Sauerstoff zu den Zellen zu transportieren und Abfallprodukte und giftige Substanzen aus ihnen hinauszubefördern, nicht Schritt halten – zumindest nicht, wenn ein Fortschritt im Hinblick auf eine höhere Entwick-lungsstufe erzielt werden sollte.«

Shilohin hielt erneut inne, um zu Fragen anzuregen. Ihre Zuhörer waren jedoch zu gefesselt, als daß sie an dieser Stelle mit Fragen hätten unterbrechen mögen.

»Wie immer in Situationen dieser Art«, fuhr sie fort,

»versuchte es die Natur mit einer Reihe von Alternativen, um das Problem zu umgehen. Ihr erfolgreichster diesbezüglicher Versuch stellte die Entwicklung eines zweiten Zirkulationssystems dar, das aus Entlastungsgründen zusätzlich zum ursprünglichen eingerichtet wurde – ein komplettes Duplikatsystem aus verzweigt angelegten Leitungen und Blutgefäßen. Auf diese Weise befaßte sich das erste System ausschließlich mit der Blutzirkulation und der Sau-

erstoffversorgung, während das zweite vollständig die Ent-giftung übernahm.«

»Erstaunlich!« Danchekker konnte sich dieses Ausrufs nicht erwehren.

»Ja, wenn man es an Ihren Maßstäben mißt, war es das vermutlich, Professor.«

»Nur eine Sache – wie fanden die verschiedenen Substanzen in das für sie vorgesehene System und wie wieder heraus?«

»Durch osmotische Membranen. Wollen Sie, daß ich Ihnen jetzt Einzelheiten darüber berichte?«

»Nein... äh... vielen Dank.« Danchekker hob eine Hand.

»Das kann bis zu einem anderen Mal warten. Fahren Sie bitte fort.«

»In Ordnung. Also, nachdem sich diese grundlegende Einrichtung etabliert und in ausreichendem Maße verfeinert hatte, konnte sich die Entwicklung zu höheren Stadien erneut fortsetzen. Mutationen traten auf, die Umgebung legte Ausleseprinzipien auf, und das Leben in den Ozeanen Minervas teilte und spezialisierte sich in viele und unterschiedliche Arten. Wie zu erwarten war, entwickelte sich ein Spektrum fleischfressender Arten...«

»Ich dachte, Sie sagten, es hätte keine gegeben«, bean-standete eine Stimme.

»Das kam später. Ich spreche von sehr frühen Zeiten.«

»Ich verstehe.«

»Na prima. Es tauchten also fleischfressende Fische auf und, wie wiederum zu erwarten war, die Natur begann sofort, nach Möglichkeiten des Schutzes für die Opfer Ausschau zu halten. Nun kamen die Fische, die über das Dop-pelzirkulationssystem verfügten und die deshalb sowieso die entwickeltsten Arten darstellten, auf ein sehr wirkungs-volles Verteidigungssystem: Die beiden Kreisläufe wurden völlig voneinander getrennt, und der Anteil giftiger Substanzen im zweiten System wurde lethal. Mit anderen Worten, diese Tiere wurden giftig. Die Trennung des zweiten Systems vom ersten verhinderte das Eindringen des Giftes in den Blutstrom. Dies wäre natürlich für seinen Besitzer selbst tödlich gewesen.«

Carizan grübelte sichtlich über etwas nach. Er blickte zu ihr auf und signalisierte ihr, einen Moment lang innezu-halten.

»Ich kann wirklich nicht sagen, daß ich viel Sinn in einem solchen Schutzmechanismus sehe«, sagte er. »Was für einen Sinn hat es, einen Fleischfresser zu töten, nachdem er einen aufgefressen hat? Das wäre dann zu spät, oder?«

»Für das Einzelgeschöpf, welches das Pech hatte, auf einen Gegner zu stoßen, der das noch nicht wußte, sicherlich«, pflichtete sie ihm bei. »Vergessen Sie aber nicht, daß die Natur sehr verschwenderisch mit Einzelwesen umgehen kann – es kommt ihr nur auf die Erhaltung der Art als Ganzes an. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie mir zugeben müssen, daß das Überleben oder die Ausrottung einer Spezies darauf beruhen kann, ob sich ein räuberischer Stamm etablieren kann, der sie mit Vorliebe verspeist, oder ob ihm dies nicht gelingt. In der Situation, die ich beschrieb, war es für einen solchen räuberischen Stamm unmöglich, sich zu entwickeln. Sofern eine Mutation auftrat, die eine Tendenz in dieser Hinsicht entwickelt hatte, ver-nichtete sie sich selbst, sobald sie ihrem Instinkt gefolgt war. Sie bekam niemals die Chance, ihre Charakteristika ihren Nachfahren zu vererben. Auf diese Weise konnten sie niemals in späteren Generationen verstärkt werden.«

»Noch eine weitere Sache«, warf einer der UNWO-Biologen ein. »Jungtiere besitzen die Tendenz, die Freß-gewohnheiten ihrer Eltern nachzuahmen... zumindest auf der Erde. Wenn dies auch für Minerva zutraf, dann ten-dierten die Jungen, die geboren wurden, naturgemäß dazu, die Gewohnheiten der Eltern zu übernehmen, welche die giftigen Arten mieden. Es muß sich auf diese Weise zugetragen haben, denn kein Mutant, der sie nicht mied, hätte lange genug gelebt, um ein Elternteil zu werden.«

»Das gleiche läßt sich beispielsweise bei irdischen In-sektenarten beobachten«, ergänzte Danchekker. »Einige Arten ahmen die Farbgebung der Bienen und der Wespen nach, obwohl sie selbst völlig harmlos sind. Andere Tiere lassen sie völlig in Ruhe es handelt sich um das gleiche Prinzip.«

»In Ordnung, das ergibt einen Sinn.« Carizan bedeutete Shilohin, sie möge fortfahren.

»So entwickelte sich das Wasserleben auf Minerva in drei große Familien: Fleischfresser, ungiftige Nicht-Fleischfresser, die alternative Verteidigungsmechanismen entwickelten, und giftige Nicht-Fleischfresser, die über das wirkungsvollste Verteidigungssystem und die Freiheit ihrer weiteren Entwicklung aus Positionen heraus verfügten, die bereits die sichersten und privilegiertesten waren.«

»Dieser Umstand wirkte sich also nicht auf ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber der Kälte aus?« fragte jemand.

»Nein, das zweite Kreislaufsystem innerhalb dieser Arten führte seine ursprünglichen Funktionen so gut wie früher aus. Wie ich schon sagte, bestanden die einzigen Unterschiede, die im Gegensatz zu früher aufgetreten waren, in der Steigerung der toxischen Konzentration und in der Trennung vom ersten System.«