Dieser Roman setzt die Thematik von »Der tote Raumfahrer« (Moewig-SF 3538) fort. Mit der Entdeckung eines mumifizierten Raumfahrers, der ein Mensch zu sein scheint und seit 50.000 Jahren im Staub des Mondes begraben lag, hat alles begonnen. Die Folge war ein faszinierendes Abenteuer für die Wissenschaftler der Erde, die sich gezwungen sahen, die Geschichte der Menschheit neu zu schreiben.
Weitgehend ungelöst bleiben jedoch die Fragen, die mit jenen Riesen zusammenhängen, deren Erben die Menschen sind. Sie sind vor Millionen von Jahren verschwunden, und geblieben ist nur ein Raumschiffswrack im Eis eines Jupitermondes. Eines Tages jedoch nähert sich aus der Tiefe des Raumes ein fremdes Objekt. Ein in Raum und Zeit verirrtes Raumschiff der Riesen ist in das Sonnensystem zurückgekehrt. Ihre Heimatwelt ist zerstört, ihre Rasse ver-schollen. Und es gibt einen besonderen Grund, warum sie nicht glauben können, daß die Menschheit das Weltall ero-bert hat, statt sich selbst zu vernichten. Und die Riesen sind nicht bereit, ihr Geheimnis preiszugeben...
Isaac Asimov nennt James P. Hogan ›den neuen Arthur C. Clarke‹.
Wie kein zweiter beherrscht Hogan die Kunst, aus dem Ringen um wissenschaftliche Erkenntnis einen spannenden Detektivroman zu machen. Ein Hardcore-SF-Roman, der das Golden Age der naturwissenschaftlichen Science Fiction zurückbringt.
»Pure Science Fiction. Hier gibt es Wissenschaftler, wissenschaftliche Probleme und das intellektuelle Wechselspiel von Theorie und Gegentheorie, wie man es nur in der Science Fiction finden kann.«
(Isaac Asimov)
»Eine Lektüre, die man verschlingt, und eine Erinnerung daran, daß der Prozeß des Lernens zu den größten Abenteuern des Menschen gehört.«
(Publishers Weekly)
James P. Hogan
DIE RIESEN VOM
GANYMED
Herausgegeben und mit einem Nachwort
von Hans Joachim Alpers
Ebook by »Menolly«
M O E W I G
Deutsche Erstausgabe
ISBN 3-8118-3556-4
Prolog
Leyel Torres, Kommandant der wissenschaftlichen Beob-achtungssta-tion, die sich in der Nähe des Äquators auf Iscaris III befand, schloß die letzte Seite des Berichtes, den er gelesen hatte und lehnte sich mit einem erleichterten Seufzer zurück in seinen Sessel. Er saß einen Moment lang da und genoß das Gefühl von Erleichterung, während sein Sitz die Form veränderte, um sich seiner neuen Stellung anzupassen. Schließlich erhob er sich, um sich einen Drink aus einer der Flaschen zu genehmigen, die auf einem Tablett auf dem kleinen Tisch hinter seinem Schreibtisch standen. Das Getränk war kühl und erfrischend und ließ in kurzer Zeit die Müdigkeit verfliegen, die sich in ihm nach mehr als zwei Stunden ununterbrochener Konzentration aufzubauen begonnen hatte. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, dachte er. Noch zwei Monate, und dann würden sie diesem öden Klumpen ausgedörrten Felsens auf ewig Lebewohl sagen und in die reine, frische und unendliche sternenübersäte Finsternis zurückkehren, die sich zwischen hier und der Heimat erstreckte.
Er ließ den Blick über das Innere des Arbeitszimmers seines Apartments, inmitten einer Ansammlung von Kup-peln, Beobachtungstürmen und Kommunikationsantennen, schweifen, das für die vergangenen beiden Jahre sein Zuhause gewesen war. Von der ewig gleichen, endlosen All-tagsroutine hatte er mehr als genug. Sicherlich war das Unternehmen aufregend und stimulierend, aber genug war eben genug. Und was ihn betraf – die Heimreise könnte keinen einzigen Tag zu früh beginnen.
Langsam schritt er zur Seite und starrte ein oder zwei Sekunden lang auf die kahle Wand vor ihm. Ohne seinen Kopf zu wenden, befahl er: »Sichtbereichskontrolle! Trans-parenzmodus!«
Die Wand wurde augenblicklich von innen her durch-sichtig und bot ihm einen klaren Ausblick über die Oberfläche von Iscaris III. Vom Rande des durcheinandergewür-felten Haufens der Konstrukte und Maschinen, aus denen sich die Station zusammensetzte, bis hin zum deutlich gekrümmten Horizont, an dem sie jäh abgeschnitten wurden durch einen schwarzen Samtvorhang, der mit Sternen be-stickt schien, erstreckten sich die unbewachsenen, eintönig rötlich-braunen Klippen und Felsbrocken. Von oben brannte der feurige Ball von Iscaris gnadenlos herab, die reflek-tierenden Strahlen der Sonne durchdrangen das Zimmer mit einem warmen orangefarbenen und roten Schein. Als er hinaus in die Einöde starrte, überkam ihn plötzlich ein starkes Verlangen nach dem einfachen Vergnügen eines Spaziergangs unter blauem Himmel, auf dem die vergessene Heiterkeit eines ungestüm blasenden Windes ausgeko-stet werden konnte. Ja, so war es ihr Aufbruch könnte keinen Tag zu früh kommen.
Eine Stimme, die von keinem bestimmten Ort des Raumes her zu erklingen schien, unterbrach seine Nachdenk-lichkeit.
»Marvyl Chariso bittet um die Erlaubnis, durchgestellt zu werden, Commander. Er sagt, es sei äußerst dringlich.«
»In Ordnung«, antwortete Torres. Er wandte sich um nach dem gigantischen Bildschirm, der einen Großteil der gegenüberliegenden Wand einnahm. Sofort wurde der Schirm aktiviert und übermittelte die Umrisse Charisos, eines erfahrenen Physikers, der sich aus einem Meßlabor im Observatorium meldete.
»Leyel«, begann Chariso ohne Vorrede. »Können Sie sofort zu mir hier runterkommen? Wir haben Schwierigkeiten – ernsthafte Schwierigkeiten.« Sein Tonfall sagte alles.
Wenn sich Chariso schon in einer solchen Verfassung befand, mußte es wirklich schlimm um die Sache stehen.
»Ich komme schon«, sagte Leyel und war schon auf dem Weg zur Tür.
Fünf Minuten später war er im Labor und wurde von dem Physiker begrüßt, der mittlerweile sorgenvoller als je zuvor aussah. Chariso führte ihn zu einer Bank mit elektronischen Geräten, an dem Galdern Brenzor, ein anderer Wissenschaftler, mit grimmiger Miene auf die Kurven und Datenanalysen der Computerschirme starrte. Brenzor schaute auf, als sie herankamen und nickte mit großem Ernst.
»Starke Emissionslinien im Bereich der Photosphäre«, sagte er. »Die Absorptionslinien bewegen sich rapide in den Violettbereich. Es gibt gar nichts daran zu rütteln – der Kern der Sonne wird in zunehmendem Maße instabiler, und er zerfließt förmlich.«
Torres schaute zu Chariso hinüber.
»Iscaris wird zur Nova«, erklärte Chariso. »Irgend etwas ist mit dem Projekt schiefgelaufen, und die gesamte Sonne ist am Hochgehen. Die Photosphäre breitet sich explosionsartig ins All aus, und vorläufigen Berechnungen zufolge werden wir in weniger als zwanzig Stunden verdampft sein. Wir müssen also evakuieren.«
Torres starrte ihn ungläubig – gelähmt an. »Das ist einfach unmöglich.«
Der Wissenschaftler hob beide Arme. »Kann schon sein, aber so ist es nun mal. Wir können uns später soviel Zeit nehmen wie Sie wollen, um herauszufinden, wo uns ein Fehler unterlaufen ist. Im Augenblick müssen wir jedoch weg von hier... und das schnell! «
Torres starrte auf die beiden verbissenen Gesichter, während sein Hirn instinktiv die Botschaft abzuwehren versuchte. Dann stierte er an ihnen vorbei auf einen anderen großen Wandschirm, der ein Bild aus einer Entfernung von zehn Millionen Kilometern mitten im Raum übertrug.
Er konnte einen der drei gigantischen G-Strahl-Projektoren sehen, einen zwei Meilen langen und 0,33 Meilen breiten Zylinder, die in stellarer Umlaufbahn in einer Entfernung von dreißig Millionen Meilen Iscaris umkreisten, wobei ihre Achsen genau auf den Mittelpunkt der Sonne gerichtet waren. Hinter der Silhouette des Projektors sah der glühende Ball von Iscaris immer noch normal aus, aber sogar beim bloßen Hinschauen kam es ihm vor, als könne er wahrnehmen, wie sich die Sonnenscheibe fast unmerk-lich, aber bedrohlich ausweitete.
Für die Dauer eines Augenblicks wurde sein Geist von einer Flut an emotionalen Regungen überflutet – die Ungeheuerlichkeit der Aufgabe, vor die sie plötzlich gestellt waren, die Aussichtslosigkeit rationaler Überlegungen angesichts des unmöglichen Zeitdrucks, die Fruchtlosigkeit zweier Jahre vergeblicher Bemühungen. Dann jedoch schwanden diese Gefühle ebenso schnell, wie sie aufgetreten waren, und die Führernatur in ihm gewann die Ober-hand zurück.
»ZORAC«, rief er mit leicht erhobener Stimme.
»Commander?« Die gleiche Stimme, die in seinem Arbeitszimmer zu ihm gesprochen hatte, gab Antwort.
»Nimm bitte sofort mit Garuth auf der Shapieron Kontakt auf und teile ihm mit, schwierigste Umstände seien eingetreten, die es erforderlich machen, daß alle komman-dierenden Offiziere der Expedition unverzüglich zusam-mentreffen. Ich ersuche ihn um Ausstrahlung eines Notru-fes, der sie auffordert, in genau fünfzehn Minuten, vom jetzigen Zeitpunkt aus gerechnet, Kontakt zueinander aufzunehmen. Rufe bitte zudem in der Station Dringlichkeitsstufe aus und laß sich alles Personal für weitere Anweisungen bereithalten. Ich selbst werde mich von der Multikon-sole in Raum 14 der Hauptobservatoriumskuppel aus in die Konferenz einschalten. Das wäre alles.«
Kaum eine Viertelstunde später blickten Torres und die beiden Wissenschaftler auf eine Anordnung verschiedener Bildschirme, von denen aus die anderen Konferenzteilneh-mer übertragen wurden. Garuth, Oberbefehlshaber der Expedition, saß im Kommandozentrum des Mutterschiffes Shapieron zweitausend Meilen über Iscaris III. Er war flankiert von zwei Adjutanten. Ohne zu unterbrechen, lauschte er dem Situationsbericht. Der oberste Wissenschaftler, der aus einem anderen Raum des Schiffes sprach, versicherte, daß in den vergangenen Minuten die Sensoren der Sha-
pieron Daten übertragen hätten, die denen glichen, die von der Iscaris-III-Oberfläche übermittelt worden seien, und daß die Bordcomputer zu den gleichen Ergebnissen gelangt seien. Die G-Strahl-Projektoren hatten unvorhersehbare und katastrophale Veränderungen im Gleichgewicht von Iscaris hervorgerufen, und die Sonne war im Begriff, sich zur Nova zu entwickeln. Es war an nichts anderes mehr als an Flucht zu denken.
»Wir müssen alle Leute vom Boden hochholen«, sagte Garuth. »Leyel, das allererste, was ich brauche, ist eine Aufstellung der Schiffe, die im Augenblick zur Verfügung stehen, und über welche Transportkapazitäten sie verfügen.
Sobald wir wissen, was Sie noch brauchen, schicken wir Ihnen zusätzliche Fähren runter, um den Rest raufzuholen.
Monchar...« Er wandte sich an seinen Stellvertreter, der auf einem anderen Schirm zu sehen war. »Sind irgendwelche Schiffe weiter von uns entfernt als fünfzehn Stunden mit maximaler Geschwindigkeit?«
»Nein, Sir. Das am weitesten entfernte ist in der Nähe von Projektor 2. Es könnte in etwas mehr als zehn Stunden hier sein.«
»Gut. Rufen Sie alle unverzüglich zurück, absolute Dringlichkeitsstufe. Wenn die Daten, die wir gerade gehört haben, richtig sind, ruht unsere einzige Überlebenschance auf dem Hauptantrieb der Shapieron. Legen Sie ein Ver-zeichnis der vermuteten Ankunftszeiten fest und stellen Sie sicher, daß alle Aufnahmevorbereitungen getroffen werden.«
»Ja, Sir.«
»Leyel...« Garuth veränderte seine Blickrichtung, so daß er in Frontalansicht auf dem Bildschirm in Raum 14 der Observatoriumskuppel erschien. »Machen Sie alle Ihre verfügbaren Schiffe startklar, und lassen Sie die Evakuie-rungsvorbereitungen unverzüglich anlaufen. Erstatten Sie im Abstand einer vollen Stunde Bericht. Pro Person lediglich eine Tasche mit persönlichen Habseligkeiten.«
»Darf ich Sie an ein Problem erinnern, Sir?« fragte der Chefingenieur der Shapieron, Rogdar Jassilane, aus der Antriebssektion des Schiffes.
»Was gibt's Rog?« Garuths Gesicht wandte sich ab, um einen anderen Bildschirm anzupeilen.
»Wir haben immer noch den Fehler im ersten Bremssystem für die Torroiden des Hauptantriebs. Wenn wir den anwerfen, kann er sich lediglich auf natürliche Weise wieder abschalten. Das komplette Bremssystem ist ja zur Zeit demontiert. Wir könnten es niemals in weniger als zwanzig Stunden zusammensetzen, und abgesehen davon müßten wir erst mal die Fehlerquelle finden und beheben.«
Garuth dachte einen Moment lang nach. »Aber anwerfen können wir ihn doch, oder?«
»Wir können es in der Tat«, versicherte Jassilane. »Aber wenn erst einmal diese Schwarzen Löcher im Innern der Torroiden herumwirbeln, wird das von ihnen aufgebaute Drehmoment einfach phänomenal. Ohne von einem Verzö-gerungssystem gebremst zu werden, brauchen sie Jahre, um so weit die Geschwindigkeit zu reduzieren, daß wir den Antrieb abstellen können. Wir würden die ganze Zeit mit dem Hauptantrieb fliegen müssen, ohne daß es die Möglichkeit gäbe, ihn abzuschalten.« Er vollzog eine hilflose Bewegung. »Wir könnten weiß Gott wo hinkommen.«
»Aber wir haben keine Wahl«, stellte Garuth heraus.
»Entweder fliegen oder geröstet werden. Wir müssen auf Heimatkurs gehen und dann das Sonnensystem solange mit eingeschaltetem Hauptantrieb umkreisen, bis unsere Rück-kehrgeschwindigkeit niedrig genug ist. Welch einen anderen Weg gibt es schon?«
»Ich weiß jetzt, worauf Rog hinaus will«, warf der ranghöchste Wissenschaftler ein. »So einfach ist es nämlich nicht. Bei der Geschwindigkeit, die wir im Verlauf von jahrelang eingeschaltetem Hauptantrieb erreichten, würden wir eine gewaltige relativistische Zeitdehnung im Vergleich zu entsprechenden Körpern erfahren, die sich mit der Geschwindigkeit von Iscaris oder Sol bewegen. Da die Shapieron über eine entsprechend höhere Beschleunigung verfügt, würde zu Hause mehr Zeit verstreichen als an Bord des Schiffes. Wir wüßten schon, wohin wir sicher gelangten... aber wären absolut nicht sicher, wann dieser Fall einträte.«
»Darüber hinaus würde jedoch noch etwas weitaus Schlimmeres eintreten«, fügte Jassilane hinzu. »Der Hauptantrieb arbeitet, indem er eine lokal begrenzte Raum-Zeit-Verzerrung schafft, in welche das Schiff unaufhörlich ›hineinfällt‹. Dieser Umstand bewirkt seinen eigenen Zeitdeh-nungseffekt. Von daher haben wir also ein zusätzliches Problem – daß sich nämlich beide Dehnungen addieren.
Was das bedeutet, wenn der Hauptantrieb über Jahre hinweg ohne Drosselung läuft, kann ich Ihnen nicht vorhersa-gen – ich glaube nicht, daß so was schon mal vorgekom-men ist.«
»Ich habe natürlich noch keine genauen Werte«, sagte der ranghöchste Wissenschaftler. »Aber wenn meine Kalkulationen auch nur annähernd zutreffen, könnte man von einem kombinierten Dehnungseffekt in der Größenordnung von Jahrmillionen reden.«
»Millionen?« Garuth wirkte wie vor den Kopf geschlagen.
»In der Tat.« Der oberste Wissenschaftler blickte sie nüchtern an. »Möglich, daß für jedes Jahr, welches wir zur Verminderung der nötigen Geschwindigkeit benötigen, um der Nova zu entkommen, zu Hause eine Million Jahre vergangen sind.«
Lange Zeit herrschte eine lähmende Stille. Schließlich sprach Garuth in ernstem und feierlichem Ton. »Wie auch immer, uns bleibt keine andere Wahl, wenn wir überleben wollen. Chefingenieur Jassilane, bereiten Sie den Austritt aus dem Planetensystem vor und machen Sie den Hauptantrieb startklar.«
Zwanzig Stunden später, als die Shapieron mit vollem Schub auf interstellarem Kurs dahinschoß, versengte die erste heranbrandende Front der Nova die Hülle des Planeten und ließ als ausgebrannte Schlacke zurück, was einmal Iscaris III gewesen war.
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In einer Zeitspanne, die weniger als einen einzigen Herz-schlag im Leben des Universums ausmachte, war dieses unglaubliche Tier, das Mensch hieß, von Bäumen herunter-gefallen, hatte das Feuer entdeckt, das Rad erfunden, fliegen gelernt und war schließlich ausgezogen, um die Planeten zu erforschen.
Die Geschichte, die dem Aufbruch des Menschen ins All gefolgt war, stellte einen Tummelplatz an Aktivitäten, Abenteuern und unaufhörlichen Entdeckungen dar. Nichts dergleichen war zuvor in den Zeitaltern ruhiger, sich langsam entfaltender Evolution spürbar gewesen.
Dieser Meinung war man jedenfalls über einen langen Zeitraum hinweg gewesen.
Aber als der Mensch schließlich Ganymed, den größten der Jupitermonde betrat, stieß er auf eine Entdeckung, welche eine der wenigen Überzeugungen, die Jahrhunderte seiner rastlosen Wißbegierde standgehalten hatte, völlig un-haltbar werden ließ: Er war eben doch kein einmaliges Wesen. Fünfundzwanzig Millionen Jahre zuvor hatte eine andere Rasse all das in den Schatten gestellt, was er bislang erreicht hatte.
Die vierte bemannte Expedition zum Jupiter, zu Beginn der dritten Dekade des einundzwanzigsten Jahrhunderts, hatte den Beginn einer intensiven Erforschung der äußeren Planeten und der Errichtung der ersten festen Stützpunkte auf den Jupitermonden eingeleitet. Aufklärungssatelliten, die sich auf einer Umlaufbahn um Ganymed befanden, hatten eine umfangreiche Konzentration metallischer Stoffe in einem gewissen Tiefenbereich unter der eisbedeckten Oberfläche des Mondes aufgespürt. Von einer Bodenstation aus, die speziell für diesen Aufgabenbereich konstruiert worden war, wurden Schächte in den Boden getrieben, um diese Anomalität zu erforschen.
Das Raumschiff, auf das man stieß, eingebettet in sein unveränderliches Grab aus Eis, war unermeßlich groß. Aus Skelettüberresten, die man im Inneren des Schiffes fand, rekonstruierten die irdischen Wissenschaftler das Bild einer Rasse von nahezu zweieinhalb Meter hohen Riesen, die es erbaut hatten und deren technologischer Entwicklungsstand dem der Erde um schätzungsweise ein Jahrhundert oder mehr im voraus war. Die Giganten wurden mit dem Namen
›Ganymeder‹ versehen, um damit an den Fundort zu erinnern.
Die Ganymeder hatten ursprünglich den Planeten Minerva bewohnt, der einst zwischen Mars und Jupiter gestanden hatte, der jedoch seit langem der Zerstörung anheimgefal-len war. Der Hauptanteil der Masse Minervas war auf eine äußerst exzentrische Umlaufbahn an der Grenze des Sonnensystems geraten und bildete Pluto, während die Überreste der Trümmer von den Gezeitenströmen Jupiters zerstreut wurden und den Asteoridengürtel formten. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen, einschließlich Tests, bei denen Gesteinsproben aus dem Asteroidengürtel auf kosmische Strahlung hin untersucht wurden, gaben mit sehr geringer Abweichungstoleranz den Zeitpunkt der Zerstörung Minervas als etwa fünfzigtausend Jahre zurückliegend an – lange Zeit, nachdem die Ganymeder im Sonnensystem umhergestreift waren, wie man mittlerweile wußte.
Die Entdeckung einer Rasse technologisch fortgeschrit-
tener Wesen aus einer Zeit, die fünfundzwanzig Millionen Jahre zurücklag, war aufregend genug. Fast noch aufregender, kaum jedoch sehr überraschend, war die Entdeckung, daß die Ganymeder die Erde besucht hatten. Das Ladegut des auf Ganymed entdeckten Raumschiffes enthielt unter anderem eine Sammlung pflanzlicher und tierischer Proben von Lebewesen, wie sie bislang kein menschliches Auge zu Gesicht bekommen hatte – ein repräsentativer Querschnitt irdischen Lebens zwischen den Zeitaltern des späten Oligozän und frühen Miozän. Einige der Proben befanden sich wohlerhalten in Spezialbehältern, während andere offenbar zur Zeit des Schiffbruches in Pferchen und Käfigen am Leben gewesen waren.
Die sieben Raumschiffe, aus denen die Jupiter-Fünf-
Mission bestehen sollte, wurde zum Zeitpunkt dieser Entdeckung gerade im Orbit des Mondes gebaut. Als das Unternehmen startete, wurde es von einem Wissenschaftler-team begleitet, das begierig war, die unwiderstehliche Herausforderung anzunehmen und tiefer in die Geschichte der Ganymeder hineinzutauchen.
In der Computersektion des Flaggschiffs des Jupiter-Fünf-
Unternehmens, einem Flugkörper, dessen Länge ein und eine viertel Meile betrug und der in einer Umlaufbahn von zweitausend Meilen um Ganymed kreiste, lief ein Daten-manipulationsprogramm, dessen Ergebnisse zu einem Prozessor übertragen wurden, der die Informationen zusam-menstellte. Mit Hilfe eines Laserstrahls wurden diese zu einem Transceiver gebeamt, der sich auf der Ganymed-oberfläche in der Hauptstation befand. Von hier aus wurden sie über ein System von Verstärkerstationen gen Nor-
den gesendet. Nur wenige millionstel Sekunden später dekodierten die siebenhundert Meilen entfernten Computer der Pithead Base das Nachrichtenziel und leiteten das Signal auf einen Empfangsschirm, der sich an der Wand eines kleinen Konferenzraumes im Bereich der biologischen For-schungslaboratorien befand. Ein ausgeklügeltes Symbolsy-stem konnte vom Bildschirm abgelesen werden, ein System, dessen sich die Genetiker bedienten, um die interna-len Strukturen von Chromosomen zu bezeichnen.
Die fünf Leute, die um einen Tisch in der beengenden Umgebung des Raumes saßen, starrten mit gebannter Aufmerksamkeit auf den Schirm.
»Da. Wenn Sie sich so für die Einzelheiten interessieren
– so sieht die Sache aus.« Der Sprecher war ein hochge-wachsener, magerer Mann mit fortgeschrittenem Haaraus-fall, der mit einem weißen Laborkittel bekleidet war und eine völlig unzeitgemäße goldumrandete Brille auf der Nase trug. Er stand etwas seitlich vor dem Schirm, deutete mit einer Hand darauf und hatte mit der anderen seinen Rockaufschlag leicht umspannt. Professor Christian Danchekker vom Westwood Institut für Biologie in Houston, einem Teil der uniformierten Abteilungen der UN-Weltraumorganisation, der sich mit der Erforschung organischen Lebens beschäftigte war der Leiter der Biologen-gruppe, die an Bord der Jupiter Fünf nach Ganymed gekommen war, um die frühzeitlichen tierischen Exemplare zu untersuchen, die an Bord des ganymedischen Raumschiffes gefunden worden waren. Die Wissenschaftler, die vor ihm saßen, waren in das Bild auf dem Schirm völlig versunken. Nach einer Weile faßte Danchekker erneut das Problem zusammen, über das sie im Verlauf der vergange-
nen Stunde debattiert hatten.
»Ich nehme an, die meisten von Ihnen haben erkannt, daß das abgebildete Symbol auf dem Schirm eine Molekül-anordnung darstellt, wie sie für die Struktur eines Enzyms charakteristisch ist. Genau die gleiche Enzymgattung wurde in Gewebsproben entdeckt, die vielen Spezies entnommen wurden, welche bislang in den Labors der Jupiter Vier untersucht worden sind. Ich wiederhole – vielen Spezies...
vielen verschiedenen Spezies...« Danchekker umklammerte mit beiden Händen seine Aufschläge und blickte erwartungsvoll auf seinen kleinen Zuhörerkreis. Seine Stimme ging nahezu in ein Flüstern über. »Und nichts, was dieser Gattung ähnelt oder was auch nur auf entfernte Weise mit ihr verwandt ist, wurde jemals in irgendeiner heutigen irdischen Tierrasse entdeckt. Meine Herrschaften, das Problem, das sich uns stellt, besteht darin, diesen merkwürdigen Umstand zu erklären.«
Paul Carpenter, ein rotwangiger Blondschopf, der jüngste der Anwesenden, stieß sich von seinem Tisch zurück, blickte sich forschend nach links und rechts um und hob dann beide Arme empor. »Ich sehe, ehrlich gesagt, nicht so recht das Problem«, gab er offen zu. »Dieses Enzym war in Tierarten vorhanden, die vor fünfundzwanzig Millionen Jahren lebten, nicht wahr?«
»Sie haben es erfaßt«, bestätigte Sandy Holmes mit einem leichten Kopfnicken von der anderen Seite des Tisches.
»Es ist im Verlauf dieser fünfundzwanzig Millionen eben so stark mutiert, daß man seinen ursprünglichen Zustand nicht mehr wiedererkennen kann. Im Laufe der Zeit verändert sich alles, und Enzyme bilden da keine Ausnahme. Abkömmlinge dieser Art gibt es vermutlich immer noch, aber sie sehen eben anders aus...« Er nahm Danchekkers Gesichtsausdruck wahr. »Nein?... Wo liegt das Problem?«
Der Professor stieß einen Seufzer aus, der von seiner unerschöpflichen Geduld zeugte. »Das haben wir nun doch schon alles durchgehechelt, Paul«, sagte er. »Wenigstens hatte ich diesen Eindruck. Lassen Sie es mich nochmals zusammenfassen: Im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat sich die Enzymforschung gewaltig weiterentwickelt. Jede einzelne Art ist bestimmt und katalogisiert worden, unser Vertreter hier weicht jedoch völlig von allem ab, was uns je unter die Finger gekommen ist.«
»Ich will ja keinen Streit vom Zaun brechen, aber stimmt das denn auch wirklich?« protestierte Carpenter. »Schließ-lich... haben wir ja erlebt, daß in den letzten ein, zwei Jahren neue Arten katalogisiert wurden, oder etwa nicht? Ich denke da an Schnelder und Grossmann in Sao Paulo mit der P273B-Serie und den entsprechenden Abkömmlingen...
Braddock in England mit...«
»Ach, Sie verwechseln da einfach was«, unterbrach ihn Danchekker. »Sicherlich handelt es sich um neue Arten, aber sie ordneten sich nahtlos ein in die bereits bekannten Familien. Sie wiesen Charakteristika auf, die sich unabänderlich in bestimmte, miteinander verwandte Gruppen ein-reihen.« Er wies erneut auf den Bildschirm. »Dieses Enzym jedoch keinesfalls. Es ist völlig neu. Für mich scheint es sich um eine völlig neue, eigene Klasse zu handeln –eine Klasse mit lediglich einem einzigen Vertreter. Mit keinem einzigen Enzym, das bislang im Metabolismus irgendeiner uns bekannten Lebensform gefunden worden ist, verhält es sich derartig.« Danchekker ließ seinen Blick über den kleinen Kreis der Gesichter schweifen.
»Jede Spezies uns bekannten tierischen Lebens gehört zu einer bekannten Familie und verfügt über Verwandtschaf-ten, die wir identifizieren können. Auf mikroskopischer Ebene trifft das genauso zu. Alle unsere bisherigen Erfahrungen geben uns Auskunft darüber, daß, wenn dieses Enzym tatsächlich vor fünfundzwanzig Millionen Jahren aufgetreten ist, wir in der Lage sein müßten, seine familiären Charakteristika zu erkennen und es heutigen bekannten Enzymarten zuzuordnen. Es ist uns dies jedoch nicht möglich. Für mich bedeutet dieser Umstand etwas sehr Ungewöhnliches.«
Wolfgang Fichter, einer der fähigsten Biologen Danchekkers, rieb sein Kinn und starrte zweifelnd auf den Schirm. »Ich stimme zu, daß es sehr unwahrscheinlich ist, Chris«, sagte er. »Aber können Sie sich wirklich sicher sein, daß es unmöglich ist? Schließlich sind fünfundzwanzig Millionen Jahre vergangen... Die Umwelteinflüsse können sich verändert haben und haben das Enzym dazu gezwungen, sich in etwas zu verwandeln, das wir nicht mehr wiedererkennen können. Ich weiß ja nicht, aber vielleicht hervorgerufen durch veränderte Nahrung... vielleicht so etwas.«
Danchekker schüttelte auf entschiedene Weise den Kopf.
»Nein. Ich behaupte, daß es unmöglich ist.« Er erhob seine beiden Hände und begann, an seiner Rechten einzelne Finger abzuzählen. »Erstens – selbst wenn es mutiert ist, wären wir immer noch in der Lage, seinen familiären Grundaufbau festzustellen, in der gleichen Weise wie wir die grundlegenden Eigenschaften eines jeden Wirbeltieres bestimmen können. Das gelingt uns aber nicht.
Zweitens – wenn es lediglich in einer einzigen Spezies aus dem Oligozän aufträte, wäre ich darauf vorbereitet zuzugestehen, daß das Enzym, das wir hier sehen, mutiert ist und den Ursprung für viele Arten darstellt, die in der heutigen Welt auftreten – mit anderen Worten, dieses Enzym repräsentierte eine Urform, die einer modernen Familie gemeinsam ist. Wenn das der Fall wäre, dann würde ich vielleicht zustimmen, daß eine Mutation aufgetreten ist, die so stark ausgeprägte neue Charakteristika vorweist, daß die Verwandtschaftsbeziehung zwischen der Urform und den Abkömmlingen verdeckt ist. Aber das ist ja nicht der Fall.
Das gleiche Enzym findet sich in vielen unterschiedlichen und nicht miteinander verwandten Gattungen aus dem Oligozän. Wenn wir von Ihrer Annahme ausgehen, so hätte sich der gleiche unwahrscheinliche Prozeß immer wieder und unabhängig voneinander ereignen müssen – und noch dazu gleichzeitig. Das ist einfach unmöglich.«
»Aber...« hob Carpenter an. Danchekker fuhr jedoch unbeirrt fort.
»Drittens – kein heutiges Tier verfügt über ein solches Enzym in seinem mikrochemischen Haushalt, dennoch kommen sie alle blendend ohne es zurecht. Viele unserer heutigen Tiere sind direkte Nachkommen der Oligozänarten, die wir im Schiff der Ganymeder gefunden haben. Nun finden wir in einigen dieser Abstammungslinien starke Mutationen und Anpassungen, die auf veränderte Nah-rungsverhältnisse und andere Umwelteinflüsse zurückzuführen sind, während das in anderen nicht der Fall ist. Bei einigen Arten hat sich der evolutionäre Prozeß, der sich vom Oligozän bis heute vollzogen hat, sehr langsam ent-
wickelt und lediglich geringfügige Abweichungen hervorgerufen. Wir haben detaillierte Vergleiche zwischen den mikrochemischen Prozessen in den tierischen Urahnen aus dem Oligozän, die wir im Schiff gefunden haben, und bekannten Daten heutiger Tiere, die von ihnen abstammen, gezogen. Die Resultate sind so ausgefallen, wie wir es erwartet hatten – keine großen Veränderungen und klar erkennbare Beziehungen zwischen der einen Gruppe und der anderen. Jede einzelne Funktion, die sich im mikrochemischen Haushalt der Vorfahren vollzogen hat, konnte mit Leichtigkeit in der Nachkommenschaft wiedererkannt werden, bisweilen leicht modifiziert.« Danchekker starrte Fichter einen Moment lang an. »Soviel bedeuten fünfundzwanzig Millionen Jahre für die Evolution nun auch wieder nicht.«
Da sich kein Widerspruch zu erheben schien, preschte Danchekker weiter vor. »Auf alle Fälle jedoch gab es eine Ausnahme dieses Enzym hier. Alles deutet darauf hin, daß es oder zumindest etwas sehr Ähnliches ohne Schwierigkeiten in den Nachfahren aufzuspüren ist, wenn es im Ahnen aufgetreten ist. Dennoch waren die Resultate in diesem Falle negativ. Ich behaupte, daß dies nicht vorkommen kann, und dennoch ist es eingetreten.«
Eine kurze Stille trat ein, während die Gruppe Danchekkers Worte überdachte. Schließlich wagte Sandy Holmes einen Gedanken zu äußern.
»Könnte es nicht immer noch eine Mutation sein, aber andersherum?«
Danchekker sah sie scheel an.
»Was meinen Sie denn mit ›andersherum‹?« fragte Henri Rousson, ein weiterer Experte, der neben Carpenter saß.
»Na, alle Tiere an Bord des Schiffes waren doch auf Minerva, oder?« erwiderte sie. »Höchstwahrscheinlich stammten sie von Vorfahren ab, die von den Ganymedern von der Erde geholt worden waren. Könnten nicht die Umweltbedingungen auf Minerva für eine Mutation verantwortlich sein, die sich in diesem Enzym niedergeschlagen hat? Wenigstens würde das erklären, warum keines der heutigen irdischen Tiere darüber verfügt. Sie waren ja niemals auf Minerva – und natürlich auch nicht ihre Vorfahren, von denen sie abstammen.«
»Das gleiche Problem«, murmelte Fichter und schüttelte den Kopf.
»Was für ein Problem?« fragte sie.
»Der Umstand, daß das gleiche Enzym in vielen verschiedenen und nicht miteinander verwandten Oligozänarten gefunden wurde«, sagte Danchekker. »Ja, ich gestehe zu, daß Unterschiede in der Umwelt Minervas eine bestimmte Enzymart, die von der Erde eingeschleppt wurde, in so etwas wie hier mutieren lassen konnten.« Er wies erneut auf den Bildschirm. »Aber viele verschiedene Gattungen wurden von der Erde nach Minerva gebracht –verschiedene Gattungen, von denen jede einzelne über einen unterschiedlichen Metabolismus und besonders geartete Enzymarten verfügte. Nehmen wir mal an, daß irgend etwas in der Umwelt Minervas diese Enzyme – verschiedene Enzyme – zur Mutation veranlaßt hat. Wollen Sie ernsthaft behaupten, daß sie alle unabhängig voneinander zum gleichen Endprodukt mutiert sind?« Er wartete eine Sekunde lang. »Das ist nämlich genau die Situation, vor der wir stehen. Das Schiff der Ganymeder enthielt viele erhaltene Exemplare verschiedener Gattungen, aber jedes einzelne dieser Gattungen verfügte über genau das gleiche Enzym.
Wollen Sie vielleicht nicht noch mal Ihren Vorschlag überdenken?«
Die Frau starrte einen Moment lang hilflos auf den Tisch und machte dann eine resignierte Handbewegung. »Schon gut... wenn man die Dinge so sieht, hat es wohl weder Hand noch Fuß, denke ich.«
»Vielen Dank«, erwiderte Danchekker knochenhart.
Henri Rousson beugte sich vor und goß sich ein Glas Wasser aus der Karaffe ein, die auf dem Tisch stand. Er nahm einen langen Zug, während die anderen gedankenvoll weiter Löcher in die Wände oder die Decke starrten.
»Lassen Sie uns noch mal ganz kurz die vorhandenen grundlegenden Fakten durchgehen und sehen, ob was dabei herauskommt«, sagte er. »Wir wissen, daß sich die Ganymeder auf Minerva entwickelten – korrekt?« Die Köpfe um ihn herum nickten zustimmend. »Wir wissen zudem, daß die Ganymeder der Erde einen Besuch abgestattet haben müssen, weil es keinen anderen Weg gibt, wie sie sonst mit irdischen Tieren an Bord ihres Schiffes hergekommen sind
– es sei denn, wir erfinden eine weitere hypothetische Fremdrasse, aber darauf lasse ich mich nicht ein, weil es einfach keinen Grund für eine solche Annahme gibt. Weiterhin wissen wir, daß das Schiff, das hier auf Ganymed gefunden wurde von Minerva hergekommen ist, nicht direkt von der Erde. Wenn es von Minerva gekommen ist, dann müssen die irdischen Tiere auch von Minerva stammen. Das stützt die These, daß die Ganymeder alle möglichen Lebensformen aus irgendwelchen Gründen von der Erde nach Minerva transportierten.«
Paul Carpenter hob eine Hand. »Warten Sie mal einen Moment. Wieso wissen wir überhaupt, daß das Schiff dort drunten von Minerva nach hierher kam?«
»Die Pflanzen«, erinnerte ihn Fichter.
»Oh, natürlich, die Pflanzen. Die habe ich vergessen...«
Carpenter versank in Schweigen.
Die Pferche und Tierkäfige im Schiff der Ganymeder hatten Pflanzenfutter und Bodenspreu enthalten, die unter dem Mantel von Eis völlig konserviert wurden, als die Atmosphäre im Schiff gefror und die Flüssigkeit verdunste-te. Danchekker hatte dem vorhandenen Pflanzenmaterial Samen entnommen, und es war ihm gelungen, daraus Pflanzen zu ziehen, die anders waren als alles, was jemals auf der Erde gewachsen war. Von daher hatte er angenommen, daß es sich um Exemplare aus der Flora Minervas handelte. Die Blätter waren ausgesprochen dunkel – fast schwarz – und absorbierten jedes verfügbare Quentchen Sonnenlicht, über das sichtbare Spektrum hinausgehend.
Dieser Umstand paßte nahtlos in den auf andere Weise erbrachten Nachweis, daß Minerva sehr weit von der Sonne entfernt gewesen sein mußte.
»Wie weit sind wir eigentlich mit der Beantwortung der Frage, warum die Ganymeder alle Tiere nach Minerva gebracht haben?« fragte Rousson. Er breitete beide Arme weit aus. »Es mußte dafür doch einen Grund geben. Wie weit kommen wir mit diesem Umstand? Ich weiß ja nicht, aber das Enzym könnte vielleicht etwas damit zu tun haben.«
»Na gut, lassen Sie uns doch mal kurz rekapitulieren, was wir meinen, über diese Sache zu wissen«, schlug Danchekker vor. Er entfernte sich vom Bildschirm und hockte sich auf eine Ecke des Tisches. »Paul. Würden Sie uns denn mal Ihre Antwort auf Henris Frage mitteilen?« Carpenter kratzte sich einen Augenblick lang am Hinterkopf und verzog sein Gesicht.
»Nun...« begann er. »Da wären zunächst mal die Fische.
Sie sind eindeutig minervischen Ursprungs und geben uns ein Bindeglied zwischen Minerva und den Ganymedern.«
»Gut«, sagte Danchekker, nickte und legte etwas von seiner bisher schnippischen Art und Weise ab. »Erzählen Sie weiter.«
Carpenter bezog sich auf eine guterhaltene Fischkonser-ve, deren Inhalt eindeutig aus den Ozeanen Minervas stammte. Danchekker hatte nachgewiesen, daß das Fisch-skelett in seiner grundlegenden Anordnung mit den Skelett-
überresten der ganymedischen Besatzung des Schiffes kor-relierte, das tief unter dem Eis der Pithead Base lag; das Verhältnis konnte verglichen werden mit den herrschenden Übereinstimmungen im Knochenbau eines Menschen und eines Mammuts. Daraus konnte geschlossen werden, daß Fische und Ganymeder zur gleichen evolutionären Gemeinschaft gehört hatten. Wenn es sich bei den Fischen also um Bewohner Minervas handelte, verhielt es sich mit den Ganymedern ebenso.
»Ihre Computeranalyse der grundlegenden Zellchemie des Fisches«, fuhr Carpenter fort, »weist eine ihr innewoh-nende geringe Toleranz gegenüber einer Toxingruppe auf, die Kohlendioxid mit einschließt. Soweit ich mich erinnere, gingen Sie von der Annahme aus, daß diese zugrundelie-gende Chemie sich im Stammbaum der Fische von Urzeiten her weitervererbt hat – von den Ursprüngen der Geschichte Minervas.«
»Ganz recht«, stimmte Danchekker zu. »Was weiter?«
Carpenter zögerte. »Landlebewesen auf Minerva verfügten daher ebenfalls über eine geringe CO2-Toleranz«, bot er als Antwort an.
»Nicht ganz«, erwiderte Danchekker. »Sie haben die logische Verbindung zu diesem Schluß ausgelassen. Jemand anders...?« Er blickte den Deutschen an. »Wolfgang?«
»Es ist von der Voraussetzung auszugehen, daß das Charakteristikum einer geringen CO2-Toleranz zuallererst in einem weit zurückliegenden Vorfahren auftrat – einem Ahnen, der bereits existierte, bevor irgendwelche landbewohnenden Arten auf Minerva auftraten.« Fichter hielt einen Moment inne und fuhr dann weiter fort. »Auf dieser Grundlage erst kann man postulieren, daß diese entfernte Lebensform der gemeinsame Vorfahr aller später auftretenden Land- und Meeresbewohner – wie etwa den Fischen –darstellte. Auf der Grundlage dieser Voraussetzung kann man sagen, daß das erwähnte Charakteristikum von allen Landtierarten, die sich später entwickelt haben, geerbt worden sein könnte.«
»Niemals die Voraussetzungen vergessen«, betonte Danchekker nachdrücklich. »Viele Probleme in der Geschichte der Naturwissenschaften beruhen auf diesem Fehler. Be-achtet auch eine andere Sache: Wenn die geringe CO2-Toleranz, die wir als Charakteristikum festgestellt hatten, tatsächlich in einem sehr frühen Stadium des Evolutionsprozesses auf Minerva aufgetreten ist und sich bis zu dem Zeitpunkt erhalten hat, an dem unser Fisch lebte, dann wäre hieraus zu schließen, daß es sich um ein ausgesprochen stabiles Merkmal handelte, wenn unsere Erfahrungen mit der irdischen Evolution überhaupt einen Maßstab für diese Verhältnisse abgeben. Dies erhöhte die Glaubwürdigkeit unserer Annahme, daß die geringe Toleranz zu einem allgemein verbreiteten Merkmal wurde das sich in allen Landbewohnern erhielt, während sie sich entwickelten und teilten, und daß dieses Merkmal prinzipiell unverändert weiter im Verlauf der Zeitalter bestanden hat – ebenso wie die Grundstruktur der irdischen Wirbeltiere in vielen hundert Millionen Jahren unverändert geblieben ist, trotz oberflächlicher Modifikation in bezug auf Gestalt, Größe und Umfang.« Danchekker setzte seine Brille ab und fing an, die Gläser mit einem Taschentuch zu polieren.
»Ausgezeichnet«, sagte er. »Lassen Sie uns diese Annahme weiter verfolgen und folgern, daß zum Zeitpunkt der abgeschlossenen Entwicklung der Ganymeder – vor fünfundzwanzig Millionen Jahren – die Landoberfläche Minervas von einer Vielzahl eingeborener Lebensformen besiedelt war, von denen jede einzelne eine geringe Toleranz gegenüber Kohlendioxid aufwies, neben anderen Merkmalen. Über welche weiteren Schlüssel zur Bestimmung dessen, was sich auf Minerva zu dieser Zeit abgespielt hat, verfügen wir?«
»Wir wissen, daß die Ganymeder den Planeten verlassen haben und versuchten, woandershin auszuwandern«, warf Sandy Holmes ein. »Vermutlich in ein anderes Planetensystem.«
»Tatsächlich?« Danchekker lächelte und zeigte dabei kurz seine Zähne, bevor er erneut seine Brillengläser anhauchte. »Wieso wissen wir das?«
»Na, zunächst mal ist hier doch das Schiff unter dem Eis«, antwortete sie. »Das in ihm enthaltene Frachtgut und die hohe Frachtmenge ließ ganz sicher den Schluß zu, daß es sich um ein Siedlerschiff handelte, das zu einem Ort unterwegs war, wo es bleiben würde. Wieso ist es aber gerade auf Ganymed aufgetaucht und nicht woanders? Das Schiff konnte also nicht Kurs auf einen der inneren Planeten genommen haben, oder?«
»Außerhalb von Minervas Orbit gibt's aber überhaupt nichts, was sich für eine Besiedlung geeignet hätte«, warf Carpenter ein. »Es sei denn, man faßt andere Systeme ins Auge.«
»Ganz genau«, sagte Danchekker in nüchternem Ton und richtete seine Worte an die Frau. »Sie sagten: ›ließ den Schluß zu, daß es sich um ein Siedlerschiff handelte‹. Vergessen Sie nicht, daß unsere gegenwärtige Beweislage genau darauf hinausläuft – auf eine Vermutung und weiter nichts. Es beweist noch gar nichts. Eine Menge Leute im Umkreis der Station sagen, wir wüßten jetzt, daß die Ganymeder das Sonnensystem verlassen haben, um eine neue Heimat zu finden, weil die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre aus irgendwelchen Gründen angestiegen ist. Gründe, die wir noch zu bestimmen haben. Es ist wahr, daß, wenn unsere gerade geäußerten Sätze auf Tatsachen beruhen, die Ganymeder die gleiche geringe Toleranz-schwelle wie alle Landlebewesen besaßen und jeder Anstieg in der atmosphärischen Zusammensetzung ihnen ernsthafte Schwierigkeiten bereitete. Aber wie wir gerade gesehen haben, wissen wir nichts dergleichen mit Bestimmtheit; wir verfolgen lediglich ein oder zwei Annahmen, die zu solch einer Erklärung führen.« Der Professor hielt inne, als er merkte, daß Carpenter etwas sagen wollte.
»Aber da ist doch noch eine Menge mehr dran, oder vielleicht nicht?« fragte Carpenter zweifelnd. »Wir sind verdammt sicher, daß alle Arten von Landbewohnern auf Minerva irgendwann vor etwa fünfundzwanzig Millionen Jahren plötzlich ausgestorben sind... alle, vielleicht mit Ausnahme der Ganymeder selbst. Das klingt mir aber gerade nach dem, was man erwarten könnte, wenn die Konzentrationswerte angestiegen sind und die Lebewesen dort es nicht vertragen konnten. Das scheint doch unsere Hypothese verdammt gut zu stützen.«
»Meiner Meinung nach hat Paul recht«, warf Sandy Holmes ein. »Alles ergibt einen Sinn. Es paßt auch zu unseren Überlegungen, wieso die Ganymeder alle diese Tiere nach Minerva gebracht haben.«
Sie drehte sich nach Carpenter um, als wolle sie ihn ermuntern, die weiteren Zusammenhänge klarzustellen.
Wie üblich bedurfte es bei Carpenter keines großen An-stoßes. »Was die Ganymeder wirklich versucht haben, war eine Wiederherstellung des früheren atmosphärischen Gleichgewichts durch Anbau des Planeten mit kohlendi-oxidabsorbierenden, sauerstoffproduzierenden Grünge-wächsen von der Erde. Die Tiere wurden hergebracht, um für einen ökologischen Ausgleich zu sorgen, so daß die Pflanzen überleben konnten. Wie Sandy schon sagte – es paßt eins zum anderen.«
»Sie versuchen mit Ihrer Beweisführung die Antworten zu unterstützen, die Sie sich schon bereitgelegt haben«, warnte Danchekker. »Lassen Sie uns erneut die Tatsachen von den Beweisen trennen, die auf Annahmen oder gar Andeutungen beruhen.« Die Diskussion wurde damit fortgesetzt, daß Danchekker Prinzipien wissenschaftlicher Deduktion und Techniken logischer Analyse abfragte. Die ganze Zeit über zog die Gestalt, die am weitesten vom Bildschirm entfernt am Tisch saß und mit gespannter Auf-
merksamkeit, aber stumm, jede Nuance der Diskussion verfolgt hatte, fortwährend in lässiger Manier an ihrer Zigarette.
Dr. Victor Hunt war ebenfalls mit dem Wissenschaftler-team vor drei Monaten an Bord der Jupiter Fünf gekommen, um sich mit dem Schiff der Ganymeder zu beschäftigen. Obwohl währenddessen noch nichts wirklich Spekta-kuläres herausgekommen war, hatten sich dennoch umfangreiche Bände mit Angaben zur Struktur, zu Bauweise und Fracht des Schiffes angesammelt. Tag für Tag wurden ihm frisch entnommene Vorrichtungen und Maschinen in den Laboratorien der Bodenstationen und an Bord der im Umlauf befindlichen J4 und J5 Schiffe, die das Unternehmen leiteten, untersucht. Die Testresultate waren zwar bislang nur fragmentarisch, aber es zeichneten sich allmählich bestimmte Anhaltspunkte ab, aus denen sich ein plausibles Bild der ganymedischen Zivilisation und der geheimnisvollen Vorfälle vor fündundzwanzig Millionen Jahren schließlich doch zusammensetzen könnte.
Hierin bestand Hunts Aufgabe. Ursprünglich mit theoretischen Studien in Physik beschäftigt, wobei sein Spezial-gebiet in mathematischer Kerntheorie bestanden hatte, war er auf Anwerbung der UN-Weltraumorganisation aus England gekommen, um eine kleine Gruppe von UNWO-Wissenschaftler anzuleiten; die Aufgabe dieser Gruppe bestand darin, die Einzelergebnisse der Spezialisten, die an dem Unternehmen in der Umlaufbahn Ganymeds, auf der Oberfläche des Jupitermondes und auf der Erde beteiligt waren, in einen sinnvollen Zusammenhang zueinander zu bringen.
Die Spezialisten lieferten die Puzzlesteinchen, und Hunts Gruppe setzte sie zusammen. Ersonnen worden war dieses Arbeitsverfahren von Hunts unmittelbarem Vorgesetzten, Gregg Caldwell, dem Leiter der Abteilung für Navigation und Kommunikation der UNWO, dessen Hauptquartier in Houston lag. Die Idee hatte sich bereits bezahlt gemacht, indem es Hunt und seinem Team gelungen war, die Existenz und das Schicksal Minervas zu entschleiern, und es gab erste Anzeichen dafür, daß neue Erfolge bevorstanden.
Hunt hörte zu, während die Debatte zwischen den Biologen genau wieder dort anlangte, wo sie ursprünglich begonnen hatte: bei dem außergewöhnlichen Enzym.
»Nein, ich fürchte, nein«, antwortete Danchekker auf eine Frage von Rousson. »Gegenwärtig haben wir keine Ahnung, welcher Zweck mit ihm verbunden war. Gewisse Funktionen seiner Reaktionsgleichung lassen die Vermutung aufkommen, daß es zur Veränderung oder zur Zerstörung eines bestimmten Proteinmoleküls beigetragen haben könnte, aber für welches Molekül nun genau oder aber warum, wissen wir einfach nicht.« Danchekker ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, als wolle er weitere Beiträge dadurch hervorrufen, aber keiner schien mehr etwas zu sagen zu haben. Im Zimmer breitete sich Stille aus. Zum ersten Mal wurde das schwache Summen eines nahegelegenen Generators vernehmlich. Gemächlich drückte Hunt seine Zigarette aus und lehnte sich zurück, um seine Ellenbogen auf die Armlehnen seines Stuhles zu plazieren. »Es klingt fast, als ob Sie da 'ne ganz schöne Nuß zu knacken haben«, gab er von sich. »Enzyme sind nicht mein Bier. Daher muß ich Ihnen diesen Fall ganz allein überlassen.«
»Ah, schön zu bemerken, daß Sie immer noch da sind, Vic«, sagte Danchekker und erhob seine Augen zum äuße-
ren Ende des Tisches. »Sie haben noch kein Wort gesagt, seit wir mit der Diskussion begonnen haben.«
»Ich höre zu und lerne«, sagte Hunt lächelnd. »Ich hatte nicht viel beizusteuern.«
»Das klingt ja wie eine philosophische Lebensanschau-ung«, sagte Fischer und wühlte in den Papieren, die vor ihm lagen. »Haben Sie viele dieser Weisheiten auf Lager...
vielleicht so'n kleines rotes Buch voll wie damals dieser chinesische Herr im Jahre Neunzehnhundertdingsbums?«
»Kann leider nicht damit dienen. Bringt nichts, für alles und jedes Philosophien parat zu haben. Man widerspricht sich dann immer nur selbst. Man wird unglaubwürdig.«
Fichter lächelte. »Sie haben also zur Erhellung unseres verdammten Enzymproblems nichts beizutragen«, sagte er.
Hunt antwortete nicht sofort, sondern spitzte seinen Mund und neigte seinen Kopf zur Seite wie jemand, der daran zweifelt, ob es ratsam sei, mit seinem Wissen herauszu-rücken. »Na«, sagte er schließlich, »so wie es aussieht, haben Sie eigentlich schon genug Scherereien mit diesem Enzym.« Sein Tonfall hatte leicht spielerischen Charakter, wirkte jedoch unwiderstehlich provokativ. Alle Köpfe im Raum drehten sich jäh nach ihm um.
»Vic, Sie verheimlichen uns etwas«, erklärte Sandy.
»Raus damit.«
Danchekker bedachte Hunt mit einem stummen, heraus-fordernden Blick. Hunt nickte und langte mit einer Hand zur ihm gegenüberliegenden Tischecke, um eine Tastatur zu bedienen, die dort eingelassen war. Auf der gegenüberliegenden Seite Ganymeds antworteten die Computer an Bord der Jupiter Fünf auf seine Anfrage. Der Wandschirm im Konferenzraum änderte seinen Bildinhalt, und es er-
schien eine eng aneinandergereihte Zahlenkolonne.
Hunt ließ den anderen einige Zeit, sich mit ihr vertraut zu machen. »Es handelt sich um die Resultate einer Serie quantitativer Analysetests, die vor kurzem in den Laboratorien der J 5 durchgeführt wurden. Diese Tests schlossen eine Routinebestimmung der chemischen Zusammensetzung von Zellen ausgewählter Organe der Tiere ein, über die Sie sich soeben unterhalten haben – die vom Schiff.« Er hielt einen Moment inne und fuhr dann in nüchternem Ton fort: »Diese Zahlen besagen, daß gewisse Elementverbindungen immer wieder auftraten, und zwar jeweils in gleichen festen Verhältnissen zueinander. Diese Verhältnisse lassen in hohem Maße auf Zerfallprodukte schließen, wie sie uns aus radioaktiven Prozessen bekannt sind. Es ist genauso, als würden radioaktive Isotopen für die Herstellung der Enzyme ausgelesen.«
Nach einigen Sekunden runzelten sich ein oder zwei Stirnpartien als Antwort auf seine Worte. Danchekker fand als erster eine Antwort. »Wollen Sie uns etwa weismachen, daß das Enzym radioaktive Isotopen in seine Struktur aufnimmt... selektiv?« fragte er.
»In der Tat.«
»Das ist einfach lächerlich«, erklärte der Professor entschieden. Sein Ton ließ keinen Raum für Widerspruch.
Hunt zuckte mit den Schultern.
»Es scheint den Tatsachen zu entsprechen. Schauen Sie sich doch die Zahlen an.«
»Aber es gibt keine Möglichkeit, wie sich ein solcher Prozeß entwickeln konnte«, insistierte Danchekker.
»Weiß ich, aber so war's eben.«
»Rein chemische Prozesse können kein radioaktives Iso-
top von einem normalen Isotop unterscheiden«, hob Danchekker ungeduldig hervor. »Enzyme werden durch chemische Prozesse gebildet. Solche Prozesse sind nicht in der Lage, radioaktive Isotope zu selektieren, um sie für den Aufbau von Enzymen zu verwenden.«
Hunt hatte halbwegs erwartet, daß Danchekkers unmittelbare Reaktion auf die von ihm soeben vorgetragene Annahme kompromißlose und völlige Abwehr ausdrückte.
Nachdem er mehr als zwei Jahre lang mit Danchekker eng zusammengearbeitet hatte, hatte sich Hunt an die Tendenz des Professors zu einer instinktiven Verschanzung hinter orthodoxen Lehrsätzen gewöhnt, sobald irgendein seinen Überzeugungen fremdartiger Gedanke an ihn herangetra-gen wurde. Hunt wußte jedoch, daß Danchekker ebenso innovativ wie jeder einzelne Wissenschaftler der jüngeren Generation sein konnte, der hier im Raum anwesend war, wenn ihm etwas Zeit zu Überlegungen gelassen wurde.
Daher verhielt sich Hunt im Augenblick ruhig, pfiff unme-lodisch vor sich hin und trommelte dabei abwesend mit seinen Fingern auf dem Tisch herum.
Danchekker wartete ab und wurde sichtlich irritierter, als die Sekunden dahinschlichen. »Chemische Prozesse können kein radioaktives Isotop ausmachen«, wiederholte er schließlich. »Daher kann kein Enzym so produziert werden, wie Sie es behaupten. Und selbst wenn dem so wäre, würde kein Sinn damit verfolgt. In chemischer Hinsicht verhält sich ein Enzym völlig gleich, ganz egal, ob es radioaktive Isotope in sich birgt oder nicht. Was Sie sagen, ist widernatürlich.«
Hunt seufzte und deutete mit einer müden Handbewegung auf den Schirm.
»Ich sage es ja nicht, Chris«, erinnerte er den Professor.
»Die Zahlen tun es. Hier sind die Tatsachen – überprüfen Sie sie.« Hunt beugte sich nach vorn und legte den Kopf zur Seite. Gleichzeitig verzog er sein Gesicht und setzte eine Miene auf, als sei ihm ein plötzlicher Gedanke durch den Kopf geschossen. » Was sagten Sie doch gleich wieder vor einer Minute über Leute, die sich Beweise zusammen-schustern, um die Antworten zu untermauern, von denen sie längst überzeugt sind?« fragte er.
2
Im Alter von elf Jahren war Victor Hunt aus dem Tollhaus im Londoner East End gezogen, in dem seine Familie lebte, und zu einem Onkel und einer Tante nach Worcester übergesiedelt. Sein Onkel – aus der Art der Familie Hunt geschlagen – arbeitete als Planungsingenieur in den nahegelegenen Laboratorien eines führenden Computerherstellers, und unter seiner geduldigen Anleitung waren dem Jungen die Aufregungen und Mysterien der Welt der Elektronik eröffnet worden.
Eine Weile später veranlaßten den jungen Victor seine frisch entdeckte Faszination an den Gesetzen der formalen Logik und den Techniken elektronischer Schaltplanentwür-fe dazu, seinen ersten praktischen Test durchzuführen. Er entwarf und baute einen festverdrahteten Spezialprozessor, der eine Zahl von eins bis sieben anzeigte und damit einen zugeordneten Wochentag benannte, nachdem er alle Daten seit der Einführung des Gregorianischen Kalenders im Jahre 1582 gespeichert hatte. Als er atemlos vor Erwartung zum erstenmal die Apparatur in Gang setzte, rührte sich nichts. Es stellte sich heraus, daß er eine Kapazitätsdiode verkehrt herum angeschlossen und damit die Stromversorgung kurzgeschlossen hatte.
Diese Erfahrung lehrte ihn zwei Dinge: Die meisten Probleme haben einfache Lösungen, wenn man sie nur von der rechten Seite her betrachtet, und die Freude über den letzt-endlichen Erfolg rechtfertigt alle Anstrengungen. Sie diente auch der Verstärkung seines intuitiven Verständnisses von der Notwendigkeit eines Tests als dem einzigen probaten Mittel zur Tauglichkeitsüberprüfung einer guten Idee. Als ihn seine weitere Ausbildung aus dem Bereich der Elektronik zur mathematischen Physik und von da zur Nukleonik führte, wurden diese Grundlagen zu Fundamenten seiner fortwährenden geistigen Höhenflüge. In fast dreißigjähriger Tätigkeit hatte er niemals seine Hingabe an die letzten Minuten wachsender Spannung verloren, die sich einstellte, wenn das entscheidende Experiment vorbereitet war und der Augenblick der Wahrheit näherrückte.
Auch jetzt durchströmte ihn erneut dieses Gefühl, als er Vincent Carizan beobachtete, der noch einige letzte Kor-rekturen an den Reglern der Endstufe vornahm. Die Attraktion des heutigen Morgens im elektronischen Hauptlabor in der Pithead Base stellte ein Ausrüstungsgegenstand aus dem Schiff der Ganymeder dar. Er war in etwa von zylin-drischen Ausmaßen, von der Größe eines Ölfasses und schien ziemlich simple Funktionen auszuüben, da er lediglich über wenige Ein- und Ausgangsbuchsen verfügte; offenbar handelte es sich eher um irgendein eigenständiges Gerät als um einen Baustein in einem größeren und komplexen System.
Dennoch war seine Funktion alles andere als einleuch-tend. Die Ingenieure auf Pithead hatten geschlossen, daß es sich bei den Buchsen um Stromaufnahmekontakte handelte. Ausgehend von einer Analyse des verwendeten Isolie-rungsmaterials, der Spannungsmessung und der Schutzkon-takte sowie der Schaltkreise und der Filteranordnung hatte man die Stärke der notwendigen Stromversorgung kalku-liert, welche nötig war, um das Gerät in Betrieb zu setzen.
So hatte man eine passende Anzahl von Umformern und Frequenzkonvertern aufgebaut. Heute war der Tag gekommen, an dem das Gerät eingeschaltet werden sollte, um zu sehen, was sich ereignen würde.
Neben Hunt und Carizan waren zwei weitere Ingenieure im Labor anwesend, welche die Meßinstrumente überwachen sollten, die man zur Auswertung des Experiments aufgebaut hatte. Frank Towers beobachtete Carizans befriedig-tes Kopfnicken, als er von der Schaltkonsole zurücktrat und fragte: »Alles klar zur Überladungskontrolle?«
»Klaro«, antwortete Carizan. »Geben Sie ihm Saft.«
Towers betätigte einen Schalter auf einer anderen Konsole.
Ein scharfes ›Klank‹ wurde unmittelbar darauf vernehmlich, als eine Sicherung irgendwo im Rack hinter der Konsole rausflog.
Sam Mullen, der an einer Meßkonsole an einer Seite des Raumes stand, blickte kurz auf einen seiner Kontrollschir-me. »Der Stromfluß funktioniert gut«, verkündete er.
»Sicherung raus und 'n paar Volt rein«, sagte Carizan zu Powers, der ein paar Kontrolleinstellungen änderte, erneut den Schalter umlegte und herüber zu Mullen blickte.
»Bis fünfzig gehen«, sagte Mullen. »Eingestellt?«
»Eingestellt«, gab Towers zurück.
Carizan blickte auf Hunt. »Alles fertig vorbereitet, Vic.
Wir probieren jetzt mal den ersten Durchgang mit voll ein-geschalteten Limitern, aber was auch immer passiert – unser Kram ist voll abgesichert. Ihre letzte Chance übrigens, Ihre Wette zu ändern – der Buchmacher macht jetzt dicht.«
»Ich sage immer noch, daß der Kasten Musik machen wird«, meinte Hunt lachend. »Es handelt sich nämlich um eine elektrische Faßorgel. Geben Sie ihr Saft.«
»Computer?« Carizan warf einen Blick hinüber zu Mullen.
»Eingeschaltet. Alle Datenkanäle auf Normalanzeige.«
»Dann ist alles okay.« Carizan rieb seine Handflächen.
»Und jetzt geht's um die Wurst. Geben Sie ihm Saft, Frank
– Phase eins des Programmverlaufs.«
Eine nervenzerreißende Stille trat ein, als Towers erneut seine Kontrollen justierte und wieder den Hauptschalter betätigte. Die Zahlenanzeigen, die in seine Konsole eingebaut waren, veränderten sich sofort.
»In Betrieb«, versicherte er. »Die Kiste schluckt Saft.
Die Spannung hat die Maximaleinstellung der Limiter erreicht. Sieht so aus, als ob sie mehr will.« Alle Augen blickten auf Mullen, der die Computerausgangsschirme intensiv studierte. Er schüttelte den Kopf, ohne sich umzu-drehen.
»Nix. Eher snifft 'n Sonntagsschüler 'ne Prise Koks.«
Der Vibrationsmesser, der an der Außenwand des Ganymedischen Geräts in einer Stahlrahmenkonstruktion auf Gummifüßen befestigt stand, zeigte keinerlei mechanische Bewegung im Innern des Untersuchungsgegenstandes an.
Die hochempfindlichen Mikrophone, die an seinem Gehäuse angebracht waren, nahmen nichts im audiblen oder ultra-sonischen Bereich wahr. Die Wärmesensoren, Strahlungs-detektoren, elektromagnetischen Meßgeräte, Gaussmeter, Funkenanzeiger und richtungsändernden Antennen – sie alle hatten nichts anzuzeigen.
Towers veränderte die Versorgungsfrequenz nach oben und unten, aber nichts änderte sich. Hunt ging hinüber und stellte sich neben Mullen, um die Computer-Outputs zu inspizieren, aber sagte nichts.
»Sieht so aus, als müßten wir einen Zahn zulegen«, kommentierte Carizan. »Phase zwei, Frank.« Towers erhöhte die Eingangsspannung. Eine Zahlenkolonne erschien auf einem der Schirme Mullens.
»Da ist was auf Kanal sieben«, informierte er die anderen. »Akustisches Signal.« Er drückte eine kurze Komman-dosequenz in die Tastatur der Konsole und starrte auf die Wellenform, die auf einem Hilfsmonitor erschien. »Perio-dische Welle mit starker gleichmäßig-harmonischer Verzerrung... niedrige Amplitude... Grundfrequenz beträgt ungefähr zweiundsiebzig Hertz.«
»Das ist die Versorgungsfrequenz«, murmelte Hunt.
»Vermutlich irgendwo ein Echo. Glaub' nicht, daß es viel zu bedeuten hat. Noch irgendwas?«
»Nichts.«
»Neuer Durchgang, Frank«, sagte Carizan.
Je weiter der Test voranschritt, desto vorsichtiger wurden sie und erhöhten die Anzahl der Variationen auf jeder Stufe. Schließlich zeigten ihnen die Werte der Versor-gungseinheit, daß das Gerät voll gespeichert war und separat zu arbeiten schien. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es eine beachtliche Menge Energie konsumiert, aber abgesehen davon, daß es geringfügige akustische Resonanzen von sich gab und daß sich einige Teile des Gehäuses leicht erwärmten, blieben die Meßinstrumente hartnäckig ohne jede Regung. Als eine Stunde vergangen war, entschlossen sich Hunt und die drei UNWO-Ingenieure zu einer längeren und detaillierteren Untersuchung des Objektes, was zweifellos ein Auseinandernehmen mit einschließen würde.
Aber, wie schon vor ihnen Napoleon, so waren auch sie der Ansicht, daß glückliche Leute zumeist zu denjenigen gehören, die dem Glück eine Chance zum Eintreten geben
– es war eben einen Versuch wert gewesen.
Die Störungen, die jedoch von dem Gerät der Ganyme-
der hervorgerufen wurden, waren nicht von einer Art, die von einem ihrer Instrumente hätten registriert werden können. Eine Reihe sphärischer Wellenfronten mit intensiver, aber stark örtlich beschränkter Raum-Zeit-Verzerrung wurden mit Lichtgeschwindigkeit von Pithead Base ausge-strahlt und bewegten sich durch das Sonnensystem.
Siebenhundert Meilen südlich spielten seismische Monitore auf der Hauptstation verrückt, und die Datenabsiche-rungsprogramme, die im Computer liefen, stoppten und zeigten eine Betriebsstörung an.
Zweitausend Meilen über der Oberfläche Ganymeds zeigten die Sensoren im Kommandoschiff, der Jupiter Fünf, Pithead Base als den Ursprungsort ungewöhnlicher Daten an und meldeten dem Überwachungsoffizier Alarm.
Mehr als eine halbe Stunde war vergangen, seit das Gerät im Laboratorium von Pithead mit voller Kraft versorgt worden war. Hunt drückte eine Zigarette aus, während Towers die Versorgung endgültig abschaltete, und lehnte sich seufzend in seinen Sessel zurück.
»Das wär's«, sagte Towers. »Auf diese Weise kommen wir keinen Deut weiter. Sieht so aus, als ob wir das Ding weiter auseinanderbauen müßten.«
»Zehn Eier«, tönte Carizan. »Sehen Sie Vic – keine Me-lodien.«
»Aber auch nichts anderes«, gab Hunt zurück. »Die Wette ist ungültig.«
An der Meßkonsole beendete Mullen die Speicherungs-routine für das Blatt dünngesäter Daten, die man hatte sammeln können, stellte die Computer ab und gesellte sich zu den anderen.
»Ich versteh' überhaupt nicht, wo die ganze Energie hin-
gegangen ist«, sagte er und schnitt eine Grimasse. »Das Ding ist nicht übermäßig heiß geworden, und es gibt keine Anzeichen von irgendwas. Einfach verrückt.«
»Es muß ein Schwarzes Loch drin sein«, bot Carizan als Lösung an. »Das ganze Ding ist eine Mülltonne. Die ultimate Mülltonne.«
»Ich wette zehn Eier drauf«, informierte ihn Hunt sogleich.
Dreihundertfünfzig Millionen Meilen von Ganymed entfernt, im Asteroidengürtel, entdeckte eine Robotsonde der UNSA eine rapide Abfolge von schwachen Unregelmä-
ßigkeiten der Gravitation, ein Umstand, der ihren Haupt-computer dazu veranlaßte, alle laufenden Systeme des Programms zu stoppen und einen vollen Durchlauf der Diagnose- und Fehlerdetektionsprozeduren anlaufen zu lassen.
»Keine Verarschung – direkt aus einer Walt-Disney-Pro-duktion«, erzählte Hunt den anderen auf der gegenüberliegenden Seite eines Ecktisches in der Gemeinschaftskantine auf Pithead. »Ich habe nichts gesehen, was den Tierbildern gleichkommt, die die Wände dieses Raums im Schiff der Ganymeder dekorieren.«
»Klingt verrückt«, erklärte Sam Mullen, der Hunt gegen-
übersaß.
»Was glauben Sie denn, um was es sich handelt – minervische Viecher oder was anderes?«
»Sicher ist, daß sie nicht irdischen Ursprungs sind«, antwortete Hunt. »Aber vielleicht sind sie überhaupt nichts...
ich meine, überhaupt nichts Reales. Chris Danchekker ist davon überzeugt, daß sie nicht wirklich sein können.«
»Was meinen Sie mit real«, fragte Carizan.
»Na, sie sehen nicht real aus«, antwortete Hunt. Er verzog sein Gesicht und beschrieb mit seinen Händen kleine Kreise in der Luft. »Sie bestehen aus allen möglichen hellen Farben... und sehen plump... linkisch aus. Man kann sich nicht vorstellen, daß sie aus irgendeinem realen Evolutionsprozeß stammen...«
»Nicht fürs Überleben geschaffen, meinen Sie?« schlug Carizan vor. Hunt nickte eilig.
»Ja, so ist es. Keine Anpassungsfähigkeit zum Überleben... keine Anpassung an die natürliche Umgebung oder Fähigkeit zum Entkommen oder irgend etwas in dieser Art.«
»Mmm...« Carizan blickte neugierig, aber zugleich ratlos drein. »Irgendwelche Ideen?«
»Hm, eigentlich schon«, sagte Hunt. »Wir sind uns ziemlich sicher, daß es sich um eine Art Kinderzimmer der Ganymeder oder so was Ähnliches gehandelt hat. Das erklärt es vermutlich. Sie wurden nicht als reale Wesen angesehen, es handelt sich einfach um Charaktere aus ganymedischen Cartoons.« Hunt hielt einen Moment lang inne und lachte dann in sich hinein. »Danchekker hat sich gefragt, ob sie irgendeinen von ihnen Neptun genannt haben.« Die anderen starrten ihn fragend an. »Er argumentierte, daß sie ja keinen Pluto gehabt haben konnten, weil es den damals ja noch nicht gab«, erklärte Hunt. »Vielleicht hatten sie also statt dessen einen Neptun.«
»Neptun!« Carizan lachte schallend auf und ließ seine Hand klatschend auf den Tisch fallen. »Das gefällt mir...
Hätte ich gar nicht gedacht, daß Danchekker einen derarti-
gen Witz loslassen könnte.«
»Sie würden überrascht sein«, erzählte ihm Hunt. »Er kann ein ganz fideles Haus sein, wenn man erst mal mit ihm warm geworden ist. Zu Anfang ist er eben ein bißchen zugeknöpft, das ist alles... Aber Sie sollten sie mal sehen.
Ich bring' Ihnen mal ein paar Abzüge rüber. Eins war hellblau mit rosa Seitenstreifen – und 'n Körper wie ein zu groß geratenes Schwein. Und es hatte einen Rüssel.«
Mullen grinste und hielt sich die Hand vor die Augen.
»Mann... Der Gedanke daran genügt, um mich für alle Zeiten zum Antialkoholiker zu machen.« Er wandte seinen Kopf zur Seite und blickte in Richtung Theke. »Wo zum Teufel ist eigentlich Frank?« Wie eine lebendige Antwort auf seine Frage tauchte Towers hinter ihm auf, in den Händen hielt er ein Tablett mit vier Tassen Kaffee. Er setzte es ab, quetschte sich auf einen Stuhl und machte sich daran, die Tassen auszuteilen.
»Zwei Milchkaffee mit Zucker, einen ohne und einen schwarzen mit. Okay?« Er lehnte sich zurück und nahm die Zigarette, die ihm Hunt anbot. »Prost. Der Mann drüben an der Theke sagt, daß Sie Urlaub nehmen. Stimmt das denn?«
Hunt nickte. »Nur für fünf Tage. Ich bin reif für eine Luftveränderung auf J5. Übermorgen fliege ich von der Hauptstation nach oben.«
»Allein?« fragte Mullen.
»Nein, mit fünf oder sechs von unseren Leuten. Danchekker kommt auch mit. Ich kann nicht sagen, daß mir eine Unterbrechung ungelegen käme.«
»Ich hoffe, das Wetter hält sich«, sagte Towers mit spie-lerischem Sarkasmus. »Es wäre einfach zu schade, wenn Sie die Feriensaison verpassen würden. Wenn ich an Ihren Urlaubsort denke, frage ich mich, was die Leute eigentlich immer an Miami Beach gefunden haben.«
»Da oben wird Eis mit Scotch serviert«, behauptete Carizan.
Ein Schatten fiel über den Tisch. Sie sahen auf und begrüßten eine stämmige Figur mit einem dichten schwarzen Bart, die ein buntgewürfeltes Wollhemd und Blue Jeans trug. Es war Pete Cummings, ein Bauingenieur, der zusammen mit dem Team nach Ganymed gekommen war, in dem sich auch Hunt und Danchekker befanden. Er drehte sich einen Stuhl, setzte sich rittlings drauf und starrte Carizan an.
»Wie lief's?« fragte er. Carizan zog eine Grimasse und schüttelte den Kopf.
»Völlig sinnlos. Bißchen Hitze, bißchen Gebrumme...
und sonst nichts Aufregendes. Konnten überhaupt nichts rausbekommen.«
»Das ist wirklich jammerschade.« Cummings zeigte aufrichtiges Mitgefühl. »Dann könnt ihr Burschen auch nicht diesen ganzen Wirbel gemacht haben.«
»Was denn für'n Wirbel?«
»Haben Sie nichts gehört?« Er schaute sie überrascht an.
»Von J5 haben sie vor kurzer Zeit eine Nachricht abge-strahlt. Offenbar haben sie so komische Wellen empfangen, die von der Oberfläche gesendet wurden... anscheinend muß sich das Sendezentrum irgendwo hier unten befunden haben. Der Kommandeur hat überall auf der Station herum-gefragt, wer oder was dafür verantwortlich sei. Da oben im Kommandoturm flattern sie alle umher wie aufgescheuchte Hühner, wenn der Fuchs im Stall ist.«
»Wetten, daß das der Anruf war, der hereinkam, gerade als wir das Labor verlassen wollten?« sagte Mullen. »Ich hab' Ihnen ja gesagt, daß es was Wichtiges ist.«
»Ach, zum Teufel, es gibt eben Zeiten, wo man dringend
'n Kaffee braucht«, antwortete Carizan. »Wir waren's außerdem ja gar nicht.« Er drehte sich zu Cummings um und blickte ihn an. »Tut mir leid, Pete. Fragen Sie ein anderes Mal noch mal nach. Wir haben heute nur Nieten gezogen.«
»Na, die ganze Sache ist schon äußerst komisch«, meinte Cummings und rieb seinen Bart. »Man hat eigentlich alle übrigen Möglichkeiten durchgecheckt.«
Hunt legte seine Stirn in Falten und zog gedankenvoll an seiner Zigarette. Er stieß eine Rauchwolke aus und schaute zu Cummings auf.
»Haben Sie 'ne Ahnung, wieviel Uhr es war, Pete?«
fragte er. Cummings zog die Brauen zusammen.
»Laß mich mal nachdenken – hm, noch keine Stunde her.« Er drehte sich zu einer Gruppe von drei Männern um, die um einen anderen Tisch saßen: »He, Jed. Wann hat J5
diese rumspukenden Wellen aufgefangen? Weißt Du's?«
»Zehn Uhr siebenundvierzig Ortszeit«, rief Jed zurück.
»Zehn Uhr siebenundvierzig Ortszeit«, wiederholte Cummings für den Tisch.
Ein unheilvolles Schweigen breitete sich sofort in der Gruppe um Hunt aus.
»Na, was sagen Sie nun?« fragte Towers schließlich.
Sein bewußt sachlicher Tonfall konnte sein Erstaunen nicht verbergen.
»Es könnte ein Zufall sein«, murmelte Mullen, hörte sich jedoch keinesfalls überzeugt an.
Hunts Blick wanderte langsam über den Kreis der Gesichter und las auf einem jeden die gleichen Gedanken.
Alle waren sie zum gleichen Schluß gekommen; nach wenigen Augenblicken drückte er aus, was jeder einzelne dachte.
»Ich glaube nicht an Zufälle«, sagte er.
Fünfhundert Millionen Meilen entfernt war Professor Schneider im Radioobservatoriumskomplex auf der erdab-gewandten Seite des Mondes auf dem Weg zu einem der Computergraphicräume, um einen Anruf seiner Assistentin zu beantworten. Sie berichtete ihm von den Aufzeichnungen, die von einem Meßgerät erstellt worden waren, das auf die Messung kosmischer Gravitationsstrahlen hin konstruiert war. Sie war zu der Überzeugung gelangt, daß das Signal aus dem Zentrum der Galaxis stammen müßte.
Man hatte es eindeutig identifizieren können, aber es war nicht einmal ansatzweise aus dieser Gegend gekommen. Es stammte aus der Nähe Jupiters.
Eine weitere Stunde verstrich auf Ganymed. Hunt und die Ingenieure waren zu ihrem Laboratorium zurückgekehrt, um ihr Experiment erneut im Lichte der Neuigkeiten Cummings zu erörtern. Sie setzten sich mit dem Stationskom-mandeur in Verbindung, erstatteten von ihren Ergebnissen Bericht und kamen überein, das Gerät der Ganymeder einem weiteren intensiveren Test zu unterziehen. Dann, während sich Towers und Mullen erneut mit den Daten beschäftigten, die zuvor erzielt worden waren, durchstreiften Hunt und Carizan die Station, um auf jede nur erdenkliche Weise an ein seismisches Meßgerät zu gelangen, mit dem sie ihre vorhandenen Instrumente aufstocken wollten. Passende Detektoren wurden schließlich in einem der Geräte-hallen gefunden, wo sie als Ersatzmaterial für einen seismi-schen Außenposten aufbewahrt wurden, der sich etwa drei Meilen von der Station entfernt befand. Nun konnte das Team die nachmittäglichen Aktivitäten planen. Mittlerweile war ihre Erregung gewaltig angestiegen, mehr jedoch noch ihre Neugierde. Wenn das Gerät nach allem, was vor-gefallen war, tatsächlich ein Emitter von gravitationsverän-dernden Impulsen war – welchem Zweck diente es dann?
Anderthalb Milliarden Meilen von Ganymed entfernt, nicht weit vom mittleren Orbit des Uranus gelegen, unterbrach ein Kommunikationssubprozessor die Operation seines In-spektionscomputers. Dieser aktivierte einen Code-Umkeh-rungsvorgang und gab eine Meldung von außerordentli-chem Vorrang auf den Monitor des Hauptsystems.
Von einem Standardmodell eines Notsignalgeräts vom Typ 17 MARK-3 B war eine Sendung aufgefangen worden.
3
Der Oberflächentransporter erhob sich in sanftem Bogen über den ewigen Schleier des Methan-Ammoniakdunstes, der die Pithead Base einhüllte und nahm einen südlichen Kurs. Nahezu zwei Stunden lang glitt er über eine eintönige Wildnis, die den Anschein einer zu Eis erstarrten stür-mischen See hatte, halb eingetaucht in einen abweisenden Ozean aus Nebel. Gelegentlich aufragende Felstürme verstärkten den düsteren Eindruck der Szenerie, schwarz hoben sie sich ab gegen das gespenstische Leuchten, das von dem klaren Schein der gigantischen regenbogenfarbigen Scheibe Jupiters hervorgerufen wurde. Und dann gab der Schirm in der Kabine die Aussicht auf ein halbes Dutzend silberner Spitzen frei, die sich unweit am Horizont himmelwärts reckten – auf die riesigen thermonuklearen Fähr-schiffe, die über der Hauptbase Ganymeds wie Wächter standen.
Nachdem sie hier Erfrischungen zu sich genommen hatten, stieß Hunts Gruppe auf andere Parteien, die nach J5
wollten, und gemeinsam ging man an Bord einer der Vegas. Kurze Zeit später stiegen sie auf in den Weltraum, und Ganymed wurde schnell zu einem weichen, gestaltlosen Schneeball hinter ihnen. Vorne wurde ein Lichtpunkt sichtbar, der ständig anwuchs und sich schließlich auflöste zum ehrfurchtsgebietenden, majestätischen, eineinviertel Meilen langen Kommandoschiff des Jupiter-Fünf-Unternehmens, einsam inmitten der Leere; Jupiter Vier war vor einer Woche nach Callisto abbeordert worden, wo es auf permanente Umlaufbahn gehen würde. Die Computer und das Andockradar geleiteten die Vega sanft ins Innere der im Vorderteil des Schiffes gelegenen Anlegestation, und bereits wenige Minuten später befanden sich die Ankömmlinge auf dem Weg in die unermeßlich große Stadt aus Metall.
Danchekker verschwand sofort, um mit den Wissenschaftlern der J5 die neuesten Einzelheiten ihrer Studien an den irdischen Tierexemplaren aus Pithead durchzuhecheln.
Ohne Scham oder Gewissensbisse verbrachte Hunt phantastische vierundzwanzig Stunden, in denen er sich völlig entspannte und einfach nichts tat. Er genoß viele Lagen alkoholischer Getränke und klönte endlos mit Mitgliedern der Besatzung der Jupiter Fünf, mit denen er auf dem langen Weg von der Erde her Freundschaft geschlossen hatte. Er fand ein unerschöpfliches Vergnügen an dem fast in Vergessenheit geratenen Gefühl der Freiheit, daß sich so einfach herstellte, als er unbeschwert durch die anscheinend unendlichen Weiten der Schiffskorridore und Decks schritt. Er fühlte sich berauscht mit Wohlbehagen – überschäumend. Einfach nur wieder auf der Jupiter Fünf zurück zu sein, schien ihn der Erde und ihren vertrauten Dingen näher zu bringen. In gewisser Weise war er daheim. Diese kleine, von Menschenhand geschaffene Welt, eine Insel aus Licht, Leben und Wärme, die über einen unendlichen Ozean der Leere trieb, war nicht länger diese kalte und fremdartige Schale, die er vor mehr als einem Jahr hoch über dem Mond bestiegen hatte. Nunmehr schien sie ihm als ein Teil der Erde selbst.
Hunt verbrachte den zweiten Tag damit, Pflichtbesuche bei Mitgliedern der an Bord tätigen wissenschaftlichen Bediensteten abzuleisten, in einer der vorzüglich ausgestatteten Sporthallen ein Fitnessprogramm zu absolvieren und sich anschließend mit mehreren Schwimmrunden abzuküh-len. Als er kurze Zeit später in einer der Bars ein wohlver-dientes Bier genoß und sich bereits aufs Dinner konzentrierte, geriet er in ein Gespräch mit einem weiblichen Sanitätsoffizier, der auf die Schnelle nach Dienstschluß ein Bier abpumpte. Sie hieß Shirley. Zu ihrer beider Überraschung stellte sich heraus, daß Shirley in England, ja in Cambridge studiert hatte, mehr noch, daß sie gar eine Wohnung gemietet hatte, die sich keine zwei Minuten zu Fuß von Hunts ehemaliger Studentenbude entfernt befunden hatte. Es dauerte nicht lange, und es entfaltete sich eine dieser unmittelbaren Freundschaftsbeziehungen zu voller Blüte, die sich aus dem Nichts heraus entwickeln. Sie dinierten zusammen und verbrachten den weiteren Verlauf des Abends mit Gelächter, Unterhaltung und Alkohol, Alkohol, Unterhaltung und Gelächter. Um Mitternacht lag es auf der Hand, daß sie sich für den Rest der Nacht nicht mehr trennen würden. Am nächsten Morgen fühlte er sich besser als seit langem zuvor – seit einer, wie er sicher war, ungesund langen Zeit. In der Vermittlung eines solchen Gefühls, so versicherte er sich, lag die eigentliche Pflicht und Schuldigkeit von Sanitätsoffizieren.
Am nächsten Tag traf er wieder mit Danchekker zusammen. Die Ergebnisse einer zweijährigen Arbeit, die Hunt und Danchekker vorangetrieben hatten, waren mittlerweile Gegenstand weltweiten Beifalls, und folglich standen die Namen der beiden Wissenschaftler fortwährend im Lichte der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der Direktor des Jupi-
ter-Fünf-Unternehmens, Joseph B. Shannon, ein Colonel der Air Force, der fünfzehn Jahre zuvor der weltweiten Entmilitarisierung vorgestanden hatte, war von ihrer Anwe-
senheit an Bord des Schiffes informiert worden und hatte sie zum Lunch eingeladen. So fanden sich die beiden, nachdem die Hälfte der offiziellen Feierlichkeiten herum war, am Tisch im Speisezimmer des Direktors und genossen jenes sanfte Gefühl jener Glückseligkeit, die sich mit dem Genuß von Zigarren und Brandy nach dem letzten Gang des Menus herstellt und erfreuten Shannon mit ihren persönlichen Berichten über die sensationelle Entdeckung, welche die wissenschaftliche Welt in den vergangenen beiden Jahren zutiefst bewegt hatte – die Entdeckung von Charlie und den Lunariern. Sie stand der Entdeckung der Ganymeder um nichts nach.
Diese hatte man später entdeckt, als die Schächte zu ihrem Raumschiff geführt hatten, die man in das Eis unter Pithead getrieben hatte. Einige Zeit vor dieser Entdeckung war man bei der Erforschung der Mondoberfläche auf die Spuren einer anderen technisch hochentwickelten Zivilisation gestoßen, die lange vor dem Auftreten des Menschen im Sonnensystem zu blühender Entfaltung gelangt war.
Diese Rasse wurde auf den Namen ›Lunarier‹ getauft, zum Teil deshalb, um an den Ort zu erinnern, an welchem die ersten Spuren entdeckt worden waren. Man hatte herausge-funden, daß diese Rasse den Höchststand ihrer Entwicklung vor ungefähr fünfzigtausend Jahren erreicht hatte –während der letzten Kälteperiode der Pleistozän-Eiszeit.
Charlie – so wurde ein Raumanzug mit organischen Überresten getauft, der zwischen Steinen und Geröll nicht weit vom Krater Kopernikus wohlerhalten aufgefunden worden war – hatte das allererste Fundobjekt dargestellt und die Anhaltspunkte geliefert, aus denen man schließlich die Geschichte der Lunarier rekonstruieren konnte.
Es hatte sich herausgestellt, daß die Lunarier in jeder Hinsicht Menschen gewesen waren. Nachdem diese Tatsache unumstößlich feststand, hatte sich im Selbstlauf die Frage nach dem Ursprung dieser Rasse gestellt. Entweder hatten sie ihre Wurzeln als bislang unentdeckte Zivilisation auf der Erde, auf der sie sich vor dem Auftauchen des modernen Menschen entwickelt haben mußten, oder ihr Ursprung lag woanders. Andere Erwägungen schieden aus.
Für lange Zeit jedoch schienen beide Möglichkeiten in den Bereich des Unmöglichen zu gehören. Wenn tatsächlich eine entwickelte Gesellschaft auf der Erde geblüht hätte, wären sicherlich in reichlichem Maße im Laufe der immerhin Jahrhunderte währenden Ausgrabungsarbeiten Zeugnisse davon zutage gefördert worden. Auf der anderen Seite hätte die Annahme eines Ursprunges auf einem anderen Himmelskörper einen Prozeß der Parallelentwicklung vorausgesetzt, was jedoch eine Verletzung der grundlegenden Prinzipien von zufälliger Mutation und natürlicher Selektion bedeutet hätte. Daher durfte es die Lunarier eigentlich gar nicht geben, da sie weder von der Erde noch von einem anderen Ort stammen konnten. Es gab sie jedoch.
Die Enträtselung dieses scheinbar unlösbaren Geheimnisses hatte Hunt und Danchekker zusammengeführt und sie, zusammen mit Hunderten von Experten aus allen wichtigen wissenschaftlichen Institutionen der gesamten Welt, über zwei Jahre lang beschäftigt.
»Chris bestand gleich von Anfang an darauf, daß Charlie, und mit ihm die übrigen Lunarier vermutlich ebenfalls, nur von den gleichen Vorfahren abstammen konnte, über die auch wir verfügen.« Hunt redete durch dichten Tabak-dunst hindurch, während Shannon aufmerksam zuhörte.
»Ich wollte mich mit ihm in dieser Frage nicht anlegen, aber ich konnte den daraus folgernden Schluß nicht nach-vollziehen – daß sie aus diesem Grunde sich auf der Erde entwickelt haben mußten. Es hätte in diesem Falle einfach Spuren geben müssen, die jedoch nicht vorhanden waren.«
Danchekker lächelte reuevoll in sich hinein und nippte an seinem Drink. »Ja, in der Tat«, sagte er. »Soweit ich mich entsinne, waren unsere Zusammenkünfte in jenen frühen Tagen durch das ausgezeichnet, was man als einen...
äh... gewissen direkten und scharfen Gedankenaustausch bezeichnen könnte.«
Um Shannons Augen zuckte es kurz auf, als er sich die Monate erhitzter Streitgespräche und Reibereien vorstellte, die Danchekker durch seinen sorgsam ausgewählten Eu-phemismus umschrieben hatte.
»Ich entsinne mich, daß ich seinerzeit darüber gelesen habe«, sagte er nickend. »Aber damals kursierten so viele unterschiedliche Berichte, und so viele Journalisten schrieben konfuses Zeug, daß wir niemals ein klares Bild von dem bekommen haben, was sich tatsächlich hinter all dem Geschreibsel abgespielt hat. Wann haben Sie denn zum erstenmal sicher in Erfahrung gebracht, daß die Lunarier von Minerva kamen?«
»Das ist eine lange Geschichte«, antwortete Hunt. »Die ganze Sache war über eine lange Zeit hinweg in einem unglaublichen Durcheinander. Je mehr wir herausbekamen, desto mehr schien sich alles zu widersprechen. Lassen Sie mich mal überlegen...« Er hielt inne und rieb sich einen Augenblick lang sein Kinn. »Aus allen möglichen Arten von Tests bekamen die Leute überall die unterschiedlichsten Informationsfitzelchen aus den Resten und Überbleib-
seln der Lunarier zusammen, die sich nach der Entdeckung Charlies fanden. Dann war da natürlich Charlie selbst, sein Raumanzug, sein Rückengepäck und so weiter und alle entsprechenden damit zusammenhängenden Dinge...
schließlich die übrigen Bruchstücke von Tycho und anderen Orten. Die einzelnen Informationsteile ergaben allmählich ein zusammenhängenderes Ganzes, und daraus konnten wir allmählich ein erstaunlich vollständiges Bild von Minerva zusammensetzen. So konnten wir mit ziemlicher Sicherheit herausarbeiten, wo sich Minerva befunden haben mußte.«
»Ich war bei der UNWO in Galveston, als Sie zur Navkomm gingen«, erzählte Shannon Hunt. »Damals bekamen Sie eine Menge Rückendeckung. Time hat Ihnen eine Titelgeschichte gewidmet – Der Sherlock Holmes von Houston. Aber bitte – was Sie soeben erzählten, löst ja noch nicht das Problem; wenn es Ihnen auch gelungen ist, sie nach Minerva zurückzuverfolgen, wie beantwortet das die Frage der Parallelentwicklung? Ich fürchte, ich sehe diesen Zusammenhang noch nicht.«
»Ganz recht«, bestätigte Hunt. »Alles, was es bewies, war die Existenz eines Planeten. Es bewies nicht, daß sich die Lunarier auf ihm entwickelten. Wie Sie bereits sagten, da war immer noch das Problem der Parallelentwicklung.«
Er streifte die Asche seiner Zigarre am Aschenbecher ab und schüttelte seufzend den Kopf. »Alle möglichen Theorien waren im Umlauf. Einige Leute redeten von einer Zivilisation aus grauer Vergangenheit, welche Minerva kolonisiert hatte und die auf irgendeine Weise von ihrem Heimatplaneten abgeschnitten war; andere behaupteten, sie habe sich dort von Anfang an entwickelt aufgrund eines konvergierenden Evolutionsprozesses, den wir nur nicht ausreichend verstünden... Die ganze Sache wurde irgendwie verrückt.«
»An dieser Stelle erwischten wir eine ausgesprochene Glückssträhne«, schaltete sich Danchekker ein. »Ihre Kollegen von der Jupiter Vier entdeckten das ganymedische Raumschiff – hier auf Ganymed. Nachdem erst einmal die Fracht als aus irdischen Tieren mit einem Alter von etwa fünfundzwanzig Millionen Jahren bestehend identifiziert worden war, ergab sich von selbst eine Erklärung, die auf die komplette Sachlage zugeschnitten war. Die Lösung war unglaublich, aber sie paßte.«
Shannon nickte heftig und gab auf diese Weise zu verstehen, daß diese Antwort seine bisherigen Vermutungen nur bestätigte.
»Ja, es mußten die Tiere sein«, sagte er. »Das dachte ich mir auch. Bevor man nicht mit Sicherheit wußte, daß die Vorfahren der Lunarier von den Ganymedern von der Erde nach Minerva transportiert worden waren, gab es keinen Grund für eine Verbindung zwischen Lunariern und Minerva, nicht wahr?«
»Beinahe richtig, aber doch nicht ganz«, antwortete Hunt. »Es war uns bereits zuvor gelungen, die Lunarier mit Minerva in Verbindung zu bringen – mit anderen Worten: Wir wußten bereits, daß sie irgend etwas mit dem Planeten zu tun gehabt hatten, aber wir konnten uns nicht erklären, wie sie sich dort entwickeln konnten. Sie haben aber trotzdem Recht, wenn Sie sagen, daß die Tiere, welche die Ganymeder lange Zeit vorher dorthin transportierten, dieses Rätsel letztendlich lösten. Aber zunächst einmal mußten wir die Ganymeder mit Minerva in Verbindung brin-
gen. Sehen Sie, zuallererst wußten wir ja lediglich, daß eines ihrer Schiffe auf Ganymed bruchgelandet war. Wir konnten überhaupt nicht wissen, wo es hergekommen war.«
»Natürlich. Da haben Sie vollkommen recht. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, daß die Ganymeder irgend etwas mit Minerva zu tun hatten, nicht wahr? Was hat Sie also am Ende auf die rechte Spur gebracht?«
»Ich muß zugeben, daß es sich um einen erneuten Glücksfall handelte«, sagte Danchekker. »Einige vollständig konservierte Fische wurden in den Nahrungskammern der Überreste einer zerstörten lunarischen Basis auf dem Mond gefunden. Wir konnten erfolgreich nachweisen, daß diese Fische Lebewesen Minervas waren und daß sie von den Lunariern zum Mond gebracht worden waren. Zudem zeigten die Fische in anatomischer Hinsicht Verwandt-schaftsbeziehungen zum Skelett der Ganymeder. Dieser Umstand implizierte natürlich, daß die Ganymeder ebenfalls zusammen mit den Fischen ein und denselben Evolu-tionsstrang besitzen. Da die Fische von Minerva stammten, mußten die Ganymeder ebenfalls von Minerva sein.«
»Daher mußte das Schiff also gekommen sein«, ver-deutlichte Hunt.
»Und von dort mußten auch die Tiere stammen«, fügte Danchekker hinzu.
»Und die einzige Möglichkeit, dorthin zu gelangen, bestand in einem Transport durch die Ganymeder«, beendete Hunt den Gedankengang.
Shannon dachte eine Weile über diese Aussagen nach.
»Ja..., ich verstehe«, sagte er schließlich. »Es ergibt alles einen Sinn. Über den Rest weiß jedes Kind Bescheid. Als Resultat daraus hat es zwei Gruppen tierischen Lebens gegeben – die eine, die fortwährend auf der Erde lebte, und die andere, die auf Minerva von den Ganymedern angesiedelt wurde und die entwickelte Primaten mit einschloß. In den darauffolgenden fünfundzwanzig Millionen Jahren entwickelten sich aus diesen die Lunarier auf Minerva, und deshalb verfügten sie auch über menschliches Aussehen.«
Shannon drückte seine Zigarre aus, legte dann beide Hände platt auf den Tisch und sah die beiden Wissenschaftler an.
»Und die Ganymeder«, fragte er. »Was geschah mit ihnen?
Sie verschwanden vollständig vor fünfundzwanzig Millionen Jahren. Seid ihr Wissenschaftler nahe daran, auch noch diese Frage zu beantworten? Wie wär's mit einem kleinen Informationsvorschuß? Ich interessiere mich sehr dafür.«
Danchekker zeigte ihm demonstrativ seine leeren Hände.
»Glauben Sie mir, ich würde nichts lieber tun, als Ihre Frage beantworten zu können. Aber im Ernst, wir haben in dieser Hinsicht noch keine großen Erfolge aufzuweisen.
Was Sie sagen, ist völlig richtig; nicht allein die Ganymeder, sondern darüber hinaus alle landbewohnenden eingeborenen Lebensformen auf Minerva starben aus oder verschwanden innerhalb sehr kurzer Zeit – relativ ausgedrückt: etwa um diese Zeit. Die importierten irdischen Arten blühten hingegen auf ihrem Terrain auf, und schließlich tauchten die Lunarier auf.« Der Professor streckte erneut seine Handflächen aus. »Was mit den Ganymedern geschah und warum – diese Fragen bleiben ein Geheimnis.
Oh... wir haben da Theorien, oder besser gesagt, wir können mögliche Erklärungen bieten. Die wohl verbreitetste scheint von der Annahme auszugehen, daß ein Anstieg giftiger Substanzen in der atmosphärischen Zusammenset-
zung, insbesondere Kohlendioxid, die Ureinwohner ausrot-tete, den eingewanderten Arten jedoch nichts ausmachte.
Aber um bei der Wahrheit zu bleiben, diese Überlegung ist alles andere als schlüssig. Ich habe gestern mit Ihren Mole-kularbiologen hier an Bord der J5 gesprochen; einige Ergebnisse ihrer jüngsten Arbeiten haben meine Zuversicht in diese Theorie abgeschwächt, die noch vor zwei oder drei Monaten weitaus stärker war.«
Shannon zeigte sich etwas enttäuscht, nahm die Sachlage jedoch hin wie ein Philosoph. Bevor er weiterreden konnte, trat ein Steward in weißer Jacke an den Tisch heran und begann damit, die leeren Kaffeetassen zusammenzustellen und Asche und Krumen vom Tischtuch zu entfernen. Als sie sich in ihre Sessel zurücklehnten, um dem Mann die Arbeit zu erleichtern, blickte Shannon zum Steward auf.
»Guten Morgen, Henry«, sagte er beiläufig. »Wie geht's denn heute so?«
»Oh, ich kann nicht klagen, Sir. Ich habe schon für schlechtere Brotgeber als die UNWO gearbeitet«, antwortete Henry heiter. Hunt nahm neugierig seinen Ostlon-doner Akzent wahr. »Eine Ortsveränderung kann nie scha-den; das sage ich immer.«
»Was haben Sie denn früher gearbeitet, Henry?« fragte Hunt.
»Ich war Kabinensteward für eine Fluggesellschaft.«
Henry entfernte sich von ihrem Tisch, um den benachbarten Tisch abzuräumen. Shannon bemerkte die Blicke der beiden Wissenschaftler und deutete mit seinem Kopf in Richtung auf den Steward.
»Ein bemerkenswerter Mann, dieser Henry«, sagte er mit etwas gedämpfter Stimme. »Hatten Sie ihn bereits auf dem Flug von der Erde kennengelernt?« Die anderen schüttelten ihre Köpfe. »Der amtierende Schachmeister auf Jupiter Fünf.«
»Meine Güte«, sagte Hunt, und sein Blick zeigte erhöhtes Interesse. »Tatsächlich?«
»Er hat das Spiel im Alter von sechs Jahren gelernt«, erzählte ihnen Shannon. »Er hat eine Begabung dafür.
Könnte vermutlich eine Menge Geld machen, wenn er Profi würde, aber er sagt, er betreibe das Spiel lieber als Hobby. Der Erste Navigator trainiert Tag und Nacht, nur um Henry den Titel abzujagen. Unter uns gesagt – ich glaube, daß er verdammt viel Glück dazu brauchen wird, und Schach ist ja dieses einzigartige Spiel, das mit Glück nichts zu tun hat. Hab' ich recht?«
»Vollkommen«, stimmte Danchekker zu. »Wirklich außergewöhnlich.«
Der Direktor des Unternehmens blickte auf die Uhr an der Wand des Eßzimmers und ließ in einer abschließenden Geste seine beiden Arme an der Tischkante entlanggleiten, bis sie weit voneinander gespreizt waren.
»Meine Herren«, sagte er, »es war mir ein Vergnügen, Sie beide endlich einmal kennenzulernen. Ich danke Ihnen für diese ausgesprochen interessante Unterhaltung. Wir müssen von nun an regelmäßigen Kontakt halten. Ich muß in Kürze einen Termin wahrnehmen, habe jedoch nicht vergessen, daß ich Ihnen eine Besichtigung der Kommandozentrale versprochen habe. Wenn Sie also bereit sind, gehen wir doch gerade mal hin. Ich werde Ihnen Captain Hayter vorstellen, der sie herumführen wird. Dann werden Sie mich leider entschuldigen müssen.«
Fünfzehn Minuten später, nachdem sie mit einer Kapsel durch eine der Kommunikationsröhren in eine andere Abteilung des Schiffes transportiert worden waren, fanden sie sich von einer verwirrenden Vielzahl von Konsolen, Kon-trollstationen und Monitorpaneelen umgeben, die drei Wände des Raumes einnahmen; unter ihnen erstreckte sich das hellerleuchtete Panorama des Kommandoraums der Jupiter Fünf. Ihr Nervenzentrum bestand aus Bedienungsein-heiten, aus Bänken voller gleißender Gerätekammern und aus Reihen von Instrumentenkonsolen. Von hier aus wurden alle Aktivitäten des Unternehmens und alle Funktionen des Schiffes gesteuert. Die ununterbrochene Laserverbindung, die für den Kommunikationsfluß zur Erde Sorge trug; die Datenkanäle zu den mannigfaltigen Installationen auf der Oberfläche Ganymeds und die im Jupitersystem weit voneinander entfernt operierenden Flotteneinheiten der UNWO; die Navigations-, Antriebs- und Flugkontroll-systeme; die Heizungs-, Kühlungs-, Beleuchtungs-, Erste-Hilfe-Systeme sowie die Hilfscomputer, das gesamte ma-schinelle Equipment und Tausende und aber Tausende weitere Prozesse – sie alle wurden überwacht und koordiniert von dieser erstaunlichen Ansammlung von Fertigkeiten und Technologien.
Captain Ronald Hayter stand hinter den beiden Wissenschaftlern und wartete ab, während sie die Szenerie unter der Brücke auf sich wirken ließen. Das Forschungsunter-nehmen war so organisiert und seine Kommandohierarchie so strukturiert, daß alle Operationen unter der Oberaufsicht der Zivilabteilung der Weltraumorganisation standen; die oberste Befehlsgewalt lag also bei Shannon. Viele Aufgaben, die sich der UNWO stellten, wie etwa die Bemannung von Raumschiffen oder die sichere und effektive Durchfüh-
rung von Operationen in ungewohnter, fremdartiger Umgebung, verlangten nach gewissen Ausbildungs- und Diszi-plinprinzipien, die ausschließlich von einer militärischen Befehlsstruktur und Organisation gewährleistet werden konnten. Die uniformierten Abteilungen der Weltraumorganisation waren die Antwort auf diese Erfordernisse; zudem erfüllten sie nicht ganz zufällig eine Ventilfunktion für die Abenteuerlust eines nicht unerheblichen Teils der jüngeren Generation, für den das Prinzip umfassender, regulärer militärischer Streitkräfte einer längst vergessenen Vergangenheit angehörte. Hayter war der Oberbefehlshaber aller uniformierten Ränge an Bord der J5 und der direkte Untergebene Shannons.
»Augenblicklich ist es hier sehr ruhig, verglichen mit den uns zur Verfügung stehenden objektiven Möglichkeiten«, bemerkte Hayter schließlich und trat zwischen die beiden. »Wie Sie sehen können, sind viele Sektionen dort unten nicht besetzt; das kommt daher, weil viele Geräte abgeschaltet sind oder unter automatischer Überwachung stehen, während wir auf der Umlaufbahn kreisen. Wir haben auch lediglich eine minimale Besatzungsstärke an Bord.«
»Da drüben scheint aber was los zu sein«, sagte Hunt. Er wies hinunter auf eine Gruppe von Schaltkonsolen, an denen Bedienstete geschäftig Bildschirme ablasen, unaufhörlich Tastaturen bedienten, in Mikrophone sprachen und Unterhaltungen führten. »Was läuft denn da ab?«
Hayter folgte Hunts Finger und nickte dann. »Wir stehen in direkter Verbindung mit einem Kreuzer, der sich seit geraumer Zeit im Orbit über Io befindet. Man hat eine Reihe von Sonden in eine niedrige Umlaufbahn um Jupiter geschickt und in der nun folgenden Phase sollen sie auf dessen Oberfläche landen. Augenblicklich werden diese Sonden für die Landung klargemacht, die gesamte Operation wird von dem Schiff über Io aus gesteuert. Die Leute, die Sie dort unten sehen, verfolgen die Vorbereitungen lediglich über die Monitore.« Der Captain wies auf eine weitere Sektion weiter vorn rechts. »Dort ist die Verkehrskon-trolle... dort werden sorgfältig alle Bewegungsabläufe der Schiffe zwischen den verschiedenen Monden und um sie herum kontrolliert. Dort herrscht immer große Geschäftig-keit.«
Danchekker hatte die ganze Zeit über schweigend auf das Kommandozentrum gestarrt. Jetzt wandte er sich zu Hayter um, und auf seinem Gesicht stand bares Erstaunen.
»Ich muß gestehen, daß ich ausgesprochen beeindruckt bin«, sagte er. »Sogar sehr beeindruckt. Ich fürchte, daß ich manchmal während des Fluges von der Erde nach hier Ihr Schiff für ein entsetzliches Gerät gehalten habe; es scheint mir so, als müßte ich mich nun für diese Meinung entschuldigen.«
»Nennen Sie's wie Sie wollen, Professor«, gab Hayter grinsend zur Antwort. »Aber es ist vermutlich das Gerät mit der höchstmöglichen Sicherheit. Alle lebenswichtigen Funktionen, die von hier aus kontrolliert werden, können voll und ganz von einem Notkommandozentrum übernommen werden, das sich in einem völlig anderen Teil des Schiffes befindet. Wenn dieser Raum hier durch irgend etwas völlig zerstört würde, könnten wir Sie immer noch völlig problemlos heimfliegen. Und wenn irgend etwas passieren würde, was beide Zentren zusammenbrechen ließe, na dann...« Er zuckte mit der Schulter. »Ich glaube, dann wäre vom Schiff sowieso nur noch so wenig übrig, daß es nicht mehr möglich wäre, damit zurückzufliegen.«
»Faszinierend«, sann Danchekker. »Aber erzählen Sie mir...«
»Entschuldigen Sie bitte, Sir.« Der wachhabende Offizier unterbrach ihn von seinem Posten aus, der nur wenige Schritte hinter ihnen lag. Hayter drehte sich zu ihm herum.
»Was gibt's, Lieutenant?«
»Ich habe den Offizier der Radarüberwachung auf dem Schirm. Ein Ortungsgerät mit starker Überwachungsweite hat ein unidentifizierbares Objekt ausgemacht. Es nähert sich uns schnell.«
»Benachrichtigen Sie den Posten des Zweiten Offiziers und schalten Sie es durch. Ich nehme es dort an.«
»Aye aye, Sir.«
»Entschuldigen Sie mich«, murmelte Hayter. Er ging hinüber zu dem leeren Sessel vor einer der Konsolen, nahm darauf Platz und aktivierte den Hauptschirm. Hunt und Danchekker machten einige Schritte und blieben kurz hinter ihm stehen. Über seine Schulter hinweg konnten sie sehen, wie sich die Umrisse des Offiziers auf dem Schirm abzuzeichnen begannen.
»Ein sehr ungewöhnlicher Vorfall, Captain«, sagte er.
»Ein unidentifizierbares Flugobjekt nähert sich Ganymed.
Entfernung beträgt zweiundachtzigtausend Meilen, Geschwindigkeit fünfzig Meilen pro Sekunde, jedoch abneh-mend; solarische Peilung zwosieben – acht auf null – eins –sechs. Im direkten Anflug. Ungefähres Eintreffen am Ziel-ort ist den Berechnungen zufolge in etwas mehr als einer halben Stunde zu erwarten. Echosignale Stärke sieben.
Richtigkeit der Daten überprüft.«
Hayter starrte die Projektion einen Augenblick lang an.
»Sind Schiffe von uns in diesem Sektor registriert?«
»Negativ, Sir.«
»Irgendwelche Abweichungen von den festgesetzten Flugplänen?«
»Negativ. Alle Schiffe wurden daraufhin überprüft.«
»Flugbahnprofil?«
»Unvollständige Daten. Wird weiterhin observiert.«
Hayter dachte einen Moment lang nach. »Bleiben Sie am Gerät und berichten Sie auf Anfrage weiter.« Er wandte sich an den wachhabenden Offizier: »Alarmieren Sie die diensttuende Brückenbesatzung. Stöbern Sie den Direktor auf und sagen Sie ihm, daß er sich zu einem Kontakt mit der Brücke bereithalten soll.«
»Zu Befehl, Sir.«
»Radarstelle.« Hayter richtete sein Augenmerk zurück auf den Schirm im Paneel vor ihm. »Zusätzliche Radarortungsgeräte auf weite Entfernung einjustieren. UFO-Pei-lung aufzeichnen, eine Kopie davon auf Schirm drei, B5.«
Hayter hielt einen Moment lang inne und wandte sich dann erneut an den Wachhabenden.
»Die Verkehrsüberwachung benachrichtigen. Alle Starts bis auf weiteres abblasen. Vorgesehene Landungen auf der J5 innerhalb der nächsten sechzig Minuten nicht geneh-migt. Sollen weitere Instruktionen abwarten.«
»Sollen wir verschwinden?« fragte Hunt in ruhigem Ton. Hayter blickte sich zu ihm um.
»Nein, das geht schon in Ordnung«, sagte er. »Bleiben Sie in der Nähe. Vielleicht kriegen Sie Action zu sehen.«
»Um was handelt es sich?« fragte Danchekker.
»Ich weiß es nicht.« Hayters Gesicht war ernst.
Die Minuten schlichen dahin, und die Spannung wuchs.
Die diensthabende Besatzung erschien zügig, allein oder zu zweit, und nahm ihre Positionen an den Paneelen und Konsolen auf der Brücke ein. Die Atmosphäre war gelassen, aber die Ungewißheit stieg, während die reibungslos funktionierende Maschinerie die Vorbereitungen abschloß...
und bereitstand.
Das Teleskopbild in der Analyse der Radarortungsgeräte war klar und deutlich, aber einer Interpretation nicht zugänglich. Es zeigte ein kreisförmiges Gebilde ohne Unter-brechungen bis auf vier dünne, kreuzförmige Auswüchse, wobei ein Paar davon etwas länger und dicker als das andere war. Man hätte das Ganze für eine Scheibe, einen nicht ganz sphärischen Körper, halten können, vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes, und das kreisförmige Gebilde stellte lediglich das Heckteil des in umgekehrter Richtung fliegenden Körpers dar. Man konnte nichts Definitives aussagen.
Dann traf das erste Bild über die Laserverbindung mit der Jupiter Vier ein, die Callisto umkreiste. Aufgrund der benachbarten Positionen von Ganymed und Callisto – und auch wegen des sich rapide verringernden Abstands des Eindringlings – erhielt man auf der Jupiter Vier einen Blick aus schräger Perspektive aus einiger Entfernung von seinem Anflugkurs auf Ganymed.
Den Beobachtern an Bord der J5 stockte der Atem, als das von J4 übermittelte Bild auf dem Schirm erschien. Vegas, die einzigen Schiffe, die für den Flug durch planetarische Atmosphären konstruiert waren, verfügten über ein stromlinienförmiges Design; dieses Schiff hingegen war eindeutig keine Vega. Diese schwungvollen Konturen und die sanft geneigten, anmutig, harmonisch verlaufenden Heckflossen waren von keinem irdischen Designer entwor-fen worden.
Hayters Gesicht verlor einiges an Farbe, als er ungläubig auf den Schirm starrte und ihm die Konsequenzen des Anblickes dämmerten. Er schluckte kräftig und überflog dann die erstaunten Gesichter, die vor ihm versammelt waren.
»Alle nehmen ihre Posten auf dem Kommandodeck ein«, befahl er mit einer Stimme, die fast zu einem Flüstern herabgesunken war. »Holen Sie den Direktor des Unternehmens sofort auf die Brücke.«
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Eingerahmt in den riesigen Wandschirm auf der Brücke der Jupiter Fünf, hing das fremde Schiff im leeren Raum vor dem Hintergrund der Sterne und drehte sich fast unmerk-lich. Fast eine Stunde war vergangen, seitdem der Neuankömmling seine Geschwindigkeit verringert und in unmittelbarer Nähe des Flaggschiffes gestoppt hatte, um auf eine Parallelbahn um Ganymed zu gehen. Die beiden Schiffe waren kaum fünf Meilen voneinander entfernt, und jede Einzelheit des Raumkörpers war jetzt ohne Schwierigkeit auszumachen. Die glatten Konturen seiner Hülle und die Oberflächen der Flossen wurden nur durch wenige Erhebungen unterbrochen, es gab keinerlei Inschriften oder Markierungszeichen irgendwelcher Art. Allerdings konnte man mehrere Stellen sehen, deren farbliche Abhebung zur Umgebung den Schluß auf Überreste von Hoheitszeichen zuließen, die abgeschabt oder vielleicht auch versengt worden waren. Tatsächlich vermittelte die gesamte Erscheinung des Schiffes den Eindruck von Gebrauch und Abnutzung unter den Einflüssen einer langen und beschwer-lichen Reise. Die Außenhaut war rauh und vernarbt und von vorn bis hinten entstellt von undeutlichen Streifen und Klecksern, als sei das ganze Schiff über einen längeren Zeitraum hinweg extremer Hitze ausgesetzt gewesen.
Seitdem die ersten signifikanten Bilder eingetroffen waren, hatte sich eine ungeheuerliche Aktivität auf der Jupiter Fünf entwickelt. Bislang hatte es noch keine Anzeichen gegeben, ob es an Bord des fremden Schiffes eine Besatzung gab oder ob es unbemannt war und, falls ersteres zutraf, welche Absichten diese Besatzung hegte. Die Jupi-
ter Fünf war weder mit Angriffswaffen noch mit irgendwelchen Verteidigungsvorrichtungen ausgestattet, denn mit einer solchen Eventualität hatte der Planungsstab des Unternehmens nicht ernsthaft gerechnet.
Jeder einzelne Posten des Kommandodecks war mittlerweile bemannt worden, und im ganzen Schiff hielt sich jedes Besatzungsmitglied an der für ihn vorgesehenen Notstation auf. Alle Schotten waren geschlossen worden, und der Hauptantrieb konnte jederzeit gezündet werden.
Der Kommunikationsfluß mit den Bodenstationen auf Ganymed und mit anderen Schiffen der UNWO in entsprechender Reichweite war eingefroren worden, um nicht ihre Existenz und ihre Positionen zu verraten. Diejenigen Tochterschiffe der J 5, die man noch innerhalb der verfügbaren Zeit hatte startklar machen können, hatten sich in den angrenzenden Raum zerstreut; einige von ihnen waren ferngesteuert, so daß sie im Zweifelsfall wie Rammböcke benutzt werden konnten. Funksignale an das fremde Schiff waren beantwortet worden, aber die Computer der J5 hatten die Rücksignale nicht dekodieren können. Im Augenblick konnte man nur abwarten.
Im Trubel der Ereignisse hatten Danchekker und Hunt eigentlich sehr ruhig dagestanden. Sie waren die einzigen Anwesenden auf der Brücke, die das Vorrecht eines umfassenden Überblicks über alle Ereignisse genossen, ohne dem Streß festgelegter Pflichterfüllung ausgesetzt zu sein. Sie waren vermutlich die einzigen, die intensiv über die Bedeutung der sich entfaltenden Ereignisse nachdenken konnten.
Nachdem zunächst die Lunarier und später dann die Ganymeder entdeckt worden waren, hatte sich die Vorstel-
lung zutiefst bewahrheitet, daß neben der menschlichen auch noch andere Rassen über fortgeschrittene Technologien verfügten. Aber in diesem Falle handelte es sich um etwas anderes. Kaum fünf Meilen entfernt befand sich kein Überbleibsel aus einem vergangenen Zeitalter oder ein uraltes Wrack, sondern ein funktionierender Flugkörper, der mit bestimmten Absichten von einer anderen Welt gekommen war. Er stand hier und jetzt unter der Kontrolle und Leitung irgendeiner intelligenten Lebensform; mit sicherer Hand und ohne Umschweife war er auf seine gegenwärtige Umlaufbahn manövriert worden und hatte ohne Zögern auf die Signale der J 5 geantwortet. Ganz gleich, ob er über eine Besatzung verfügte oder nicht – zum ersten Mal hatte ein Kontakt zwischen dem modernen Menschen und einer extraterrestrischen Intelligenz im Verlauf der Ereignisse stattgefunden. Dieser Augenblick war einzigartig; wie auch immer sich die Geschichte weiterentwickeln würde, er konnte niemals wiederholt werden.
Shannon stand mitten auf der Brücke und starrte auf den Hauptschirm. Neben ihm stand Hayter und hatte seinen Blick auf die Zahlenkolumnen und andere Projektionen gerichtet, die unterhalb des Hauptschirms auf einer Reihe von zusätzlichen Videoschirmen übertragen wurden. Einer davon gab den Blick auf Gordon Storrel frei, den Stellvertretenden Direktor des Unternehmens, der sich in der Notkommandozentrale mit einem eigenen Stab an Offizieren bereithielt. Der zur Erde gefunkte Bericht mit allen Einzelheiten des Vorfalles befand sich noch auf dem Weg.
»Die Analysatoren haben soeben einen weiteren Be-
standteil festgestellt«, rief der Kommunikationsoffizier von seinem Posten an einer Seite der Brücke herüber. Dann verkündete er, daß sich die Beschaffenheit der Signale verändert hätte, die von dem fremden Schiff aufgefangen wurden. »Dichte Strahlenbündelung, die kurzen Radar-wellen ähnelt. Leitstrahlfrequenz zweiundzwanzig Komma vierunddreißig Gigahertz. Ohne Modulation.«
Eine weitere Minute oder mehr schlich endlos dahin.
Dann ertönte wieder eine Stimme: »Erneuter Radarkontakt.
Kleineres Objekt hat sich von fremdem Schiff gelöst.
Nähert sich J5. Mutterschiff behält Position bei.«
Eine Woge des Aufruhrs, die man eher fühlen als konkret wahrnehmen konnte, ergoß sich über die Beobachter auf der Brücke. Falls es sich bei dem Objekt um ein Projektil handelte, war kaum etwas zu machen; das nächste Schiff, das die Abwehrfunktion eines Rammbockes übernehmen könnte, befand sich fünfzig Meilen entfernt und würde selbst bei maximaler Beschleunigung eine halbe Minute bis zur Kollision benötigen. Captain Hayter blieb keine Zeit für arithmetische Kalkulationen.
» Rammschiff Eins abfeuern und angreifen lassen«, schnarrte er.
Nach einer Sekunde traf die Ausführungsbestätigung ein. » Rammschiff Eins abgefeuert. Kurs auf Ziel.«
Schweißperlen erschienen auf den Gesichtern der Männer, die auf die Schirme starrten. Der Hauptschirm hatte das Objekt noch nicht klar im Bild, aber einer der Zusatz-videos zeigte ein Diagramm der beiden großen Schiffe, deren Distanz von einem kleinen, sich jedoch eindeutig nähernden Lichtpunkt allmählich überbrückt wurde.
»Die Radarpeilungen melden eine kontinuierliche An-
näherung bei einer Geschwindigkeit von neunzig Fuß pro Sekunde.«
» Rammschiff Eins holt auf. Aufprall in fünfundzwanzig Sekunden.«
Shannon benetzte seine spröden Lippen, während er auf die Datenangaben auf den Schirmen starrte und den Strom der Informationen verdaute. Hayter hatte genau richtig gehandelt und die Sicherheit des Schiffes allen anderen Überlegungen vorangestellt. Was nun zu tun war, lag einzig und allein im Ermessen des Direktors.
»Dreißig Meilen. Aufprall in fünfzehn Sekunden.«
»Fremdes Objekt hält Kurs und Geschwindigkeit unver-
ändert.«
»Das ist kein Geschoß«, sagte Shannon endgültig und mit Nachdruck. »Captain, den Kollisionskurs des Ramm-schiffes abblasen.«
» Rammschiff Eins abdrehen«, befahl Hayter.
» Rammschiff Eins hat Kurs verändert und dreht ab.«
Tiefes Aufatmen und plötzliches Entkrampfen der Kör-perhaltungen zeigte das Nachlassen der aufgebauten Spannung an. Die Vega, die aus dem Tiefenraum angejagt kam, vollführte eine flache Drehung, durch welche sie in einer Entfernung von zwanzig Meilen an dem fremden Objekt vorbeiflog. Sie verschwand wieder in der unendlichen kosmischen Weite, die sich wie eine schwarze Bühnenlein-wand ausnahm.
Hunt wandte sich mit gedämpfter Stimme an Danchekker. »Wissen Sie, Chris, das ist 'ne komische Sache... Ich habe einen Onkel, der in Afrika lebt. Er erzählte, daß es dort Orte gibt, an denen es Sitte ist, Fremde zu begrüßen, indem man sie mit Geschrei, Gebrüll und drohend ge-
schwungenen Speeren einschüchtert. Dies ist eine aner-kannte Art und Weise, den Sozialstatus zu erhöhen.«
»Vielleicht halten sie es lediglich für eine vernünftige Sicherheitsvorkehrung«, sagte Danchekker trocken.
Schließlich waren auch die Sichtkameras in der Lage, einen hellen Fleck in mittlerer Distanz zwischen J5 und dem Schiff der Außerirdischen auszumachen. Mit Hilfe einer stärkeren Vergrößerung ließ sich erkennen, daß es sich um eine glatte, silberne Scheibe ohne irgendwelche Hervorhebung handelte, wie zuvor gab die Ansicht keinen Aufschluß über die eigentliche Gestalt. Das Objekt setzte ohne sonderliche Eile seinen Flug fort, bis es eine halbe Meile vom Flaggschiff entfernt war; in dieser Entfernung vollführte es eine seitliche Drehung und erwies sich als ein einfaches, schmuckloses Gebilde in der Form eines Eies.
Es war etwas mehr als dreißig Fuß lang und schien aus einer metallartigen Substanz zu bestehen. Nach einigen Sekunden strahlte es ein helleuchtendes, langsam pulsie-rendes Licht aus.
In der diesem neuen Ereignis folgenden Debatte kam man überein, daß das Ei um Einlaß bat. Da die langwierige Kommunikationsprozedur mit der Erde keine unmittelbare Konsultation einer vorgesetzten Behörde zuließ, gab Shannon seinen Entschluß zur Gewährung des Ersuchens bekannt, nicht ohne zuvor über die Laserverbindung einen detaillierten Bericht der Heimat zu übermitteln.
Mit aller Hast wurde ein Empfangskomitee zusammengestellt und zu einem der Landedocks der Jupiter Fünf entsendet. Eine solche Vorrichtung, die für Überholungen der entsprechenden Tochterschiffe der J5 vorgesehen war, verfügte über zwei monumentale Außentore, welche nor-
malerweise offenstanden, die jedoch dann geschlossen werden konnten, wenn die Umstände erforderten, daß das Innere des Docks mit Atemluft gefüllt war. Zugang zum Hauptteil des Schiffes war durch eine Anzahl kleinerer Hilfsschleusen gewährleistet, die in bestimmten Abständen an der inneren Wand des Docks angebracht waren. In Raumanzügen erklommen die Mitglieder des Empfangskomitees eine der großen Arbeitsplattformen im Inneren des Docks und stellten dort ein Leitstrahlgerät auf, das auf der gleichen Frequenz wie das eierförmige Gebilde sendete.
Auf der Brücke der Jupiter Fünf bildete sich ein erwartungsvoll gespannter Halbkreis um den Schirm, der das Innere des Docks übertrug. Das eiartige Gefährt glitt in die Mitte des sternenübersäten schwarzen Teppichs, der durch die offenstehenden Tore zu sehen war. Langsam flog es durch die Öffnung, der Lichtstrahl war mittlerweile erloschen. Schließlich verhielt das Ei in geringer Höhe über der Plattform, als ob es zunächst vorsichtig die Lage prüfen wolle. Aus der Nähe betrachtet, zeigte sich, daß sich an mehreren Stellen kreisförmige Erhebungen auf der Oberfläche des Körpers gebildet hatten, die allesamt untersetzte, versenkbare Türme wie bei einem Panzer bildeten, die langsam um sich selbst rotierten. Vermutlich wurde auf diese Weise das Innere des Docks mit Kameras und anderen Meßgeräten ausgekundschaftet. Schließlich senkte sich das Ei weiter hinab und kam weich auf, ungefähr acht bis zehn Meter von der Stelle entfernt, auf der das Empfangskomitee eng zusammengedrängt mit erwartungsvoller Spannung der kommenden Dinge harrte. Ein Decken-scheinwerfer badete den Flugkörper in weißes Licht.
»Es ist gelandet«, verkündete die Stimme Gordon Stor-
rels, des Stellvertretenden Direktors, der sich zur Leitung des Empfangskomitees angeboten hatte, über Sprechfunk.
»Drei Landefüße sind ausgefahren worden. Keine weiteren Anzeichen für Leben.«
»Warten Sie noch zwei Minuten«, sagte Shannon ins Mikrophon. »Legen Sie anschließend die Hälfte der Distanz zwischen Ihrem jetzigen Standort und dem Ei zurück, aber langsam. Warten Sie dort.«
»Verstanden.«
Nach sechzig Sekunden wurde ein weiterer Decken-scheinwerfer eingeschaltet; irgendwer hatte diesen Vorschlag gemacht, da sonst die Mitglieder des Empfangskomitees als schemenhafte Umrisse in dem düsteren Licht einen unerwünschten bedrohlichen Eindruck vermitteln könnten. Das Ei reagierte nicht.
Schließlich wandte sich Storrel an seine Leute. »Okay, die Zeit ist um. Wir gehen jetzt hin.«
Auf dem Bildschirm war ein Klumpen unentschlossener, behelmter Figuren zu erkennen, der sich langsam vorwärts bewegte; an seiner Spitze waren Storrels goldblitzende Schulterlampen zu sehen, seitlich davon jeweils ein ranghoher UNWO-Offizier. Der Haufen verhielt. Plötzlich glitt ein Teil der Außenhaut elegant zur Seite. Dadurch wurde eine Einstiegsöffnung freigelegt, die nahezu acht Fuß hoch und beinahe halb so breit war. Man konnte förmlich sehen, wie die Mitglieder der Gruppe erstarrten. Die Beobachter auf der Brücke klammerten sich aneinander, aber es geschah weiter nichts.
»Vielleicht haben sie ein besonderes Empfangsprotokoll oder so was«, sagte Storrel. »Sie sind in unsere Höhle hin-eingekommen. Vielleicht wollen sie uns andeuten, daß wir jetzt an der Reihe sind.«
»Das könnte sein«, stimmte Shannon zu. Mit ruhigerer Stimme fragte er Hayter: »Gibt's irgend etwas von oben?«
Der Captain aktivierte einen anderen Sprechfunkkanal, um Verbindung mit zwei UNWO-Sergeanten aufzunehmen, die von einer Laufplanke für Wartungsarbeiten hoch über der Plattform aus den Schauplatz überblicken konnten.
»Laufplanke kommen! Was können Sie erkennen?«
»Wir haben einen recht günstigen Einblickwinkel. Das Innere liegt zwar im Schatten, aber wir haben mit dem Verstärker ein Bild drin. Aber nur Ausrüstungsgegenstände und die Einrichtung... scheint alles ganz schön vollgestopft zu sein. Keine Bewegungen oder Anzeichen von Leben.«
»Keine Anzeichen von Leben, Gordon«, meldete Shannon ins Dock. »Es sieht fast so aus, als ob Sie und Ihre Leute mal reinschauen müßten, sonst können Sie warten, bis Sie schwarz werden. Viel Erfolg. Und zögern Sie nicht, sich sofort zurückzuziehen, wenn Ihnen irgendwas auch nur ein klein wenig verdächtig vorkommt.«
»Ganz bestimmt nicht« gab Storrel zurück. »Okay, Leute, ihr habt's vernommen. Sagt ja nicht, bei der UNWO
würden die Versprechungen aus der Rekrutierungswerbung nicht eingehalten. Miralski und Obermann, Sie beide kommen mit mir, der Rest bleibt da, wo er ist.«
Drei Figuren lösten sich von der Gruppe und bewegten sich vorwärts. Sie verhielten neben einer kleinen Rampe, die aus dem Boden der Einstiegsluke ausgefahren worden war. Auf der Kommandobrücke wurde ein weiterer Bildschirm aktiviert, der die Aufnahmen zeigte, die ein UNWO-Offizier mit einer Kamera in der Hand geschossen hatte. Einen Moment lang wurde die gähnende Luke sicht-
bar zusammen mit der ausgefahrenen Bodenplatte, anschließend füllte Storrels Rückenansicht den Bildschirm aus.
Storrels Kommentar kam über einen separaten Sprechka-nal. »Bin jetzt oben auf der Rampe. Das innere Deck liegt etwa einen Fuß tiefer. Auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangstraktes befindet sich eine geöffnete Innentür.
Sieht aus wie eine Luftschleuse.« Auf dem Bildschirm wurde sein Kommentar bildlich bestätigt, als der Kamera-mann neben Storrel trat; der generelle Eindruck einer voll-gestopften und engen Umgebung, der von der Laufplanke aus gewonnen worden war, erwies sich ebenfalls als zutreffend. Ein warmer, heller Lichtschein drang von innen aus der geöffneten Schleuse.
»Ich gehe jetzt ins Innere hinein...« Eine Pause. »Hierbei scheint es sich um den Kommandoraum zu handeln. Es gibt Sitze für zwei Besatzungsmitglieder, die nebeneinander sitzen können und nach vorne sehen. Vermutlich für den Piloten und den Copiloten vorgesehen – alle möglichen Knöpfe, Schalter und Meßanzeigen... Kein Anzeichen von irgend jemandem, doch halt... da ist eine weitere Tür, die nach achtern führt und geschlossen ist. Die Sitze sind sehr groß, im gleichen Maßstab wie alles übrige. Müssen ganz schön große Kerle sein... Obermann, kommen Sie mal rein und machen Sie mal ein paar Aufnahmen für die Leute daheim.«
Auf dem Bildschirm erschien die soeben beschriebene Szenerie dann wanderte die Kamera langsam über die Einrichtung des Raumes, um Nahaufnahmen der fremden Ausrüstung zu zeigen. Plötzlich deutete Hunt auf den Bildschirm.
»Chris«, schrie er und packte Danchekker am Ärmel.
»Das lange graue Schaltpult... haben Sie's bemerkt? Dieses Design habe ich doch schon mal gesehen. Das war auf...«
Er hielt abrupt inne, als die Kamera plötzlich nach oben gerichtet wurde und einen großen Bildschirm im Visier hatte, der sich direkt vor den beiden leeren Sitzplätzen des Eies befand. Etwas geschah darauf. Eine Sekunde später starrten sie fassungslos auf das Bild dreier fremdartiger Wesen. Die Augen aller auf der Brücke der Jupiter Fünf Anwesenden waren ungläubig weit aufgerissen.
Es gab keinen, der diese Formgebung nicht bereits zuvor gesehen hätte – die lange, herausragende untere Gesichts-hälfte, die sich zu einem verlängerten Schädeloberteil ver-breiterte... die wuchtigen Torsi und die unglaubliche sechs-fingerige Hand mit zwei Daumen... Danchekker selbst hatte das erste acht Fuß hohe, lebensgroße Modell nach der gleichen Vorlage konstruiert, nicht lange nachdem Jupiter Vier Einzelheiten von entsprechenden Funden zurückgesendet hatte. Jedermann hatte den Eindruck des Künstlers gesehen, den er aus den Skelettüberresten in eine Form gebracht hatte.
Er hatte gute Arbeit geleistet... wie ein jeder nun sehen konnte.
Die fremden Wesen waren Ganymeder!
5
Der Beweis, daß die Ganymeder zur ermittelten Zeit, vor etwa fünfundzwanzig Millionen Jahren, im Sonnensystem aufgehört hatten zu existieren, war unumstößlich. Ihr Heimatplanet war nicht mehr vorhanden, höchstens in Form einer vereisten Kugel jenseits des Neptuns oder als Geröll-halde, aus der sich der Asteroidengürtel zusammensetzte, und das seit fünfzigtausend Jahren. Wieso konnten unter diesen Voraussetzungen Ganymeder auf dem Schirm des Eies erscheinen? Die erste Lösungsmöglichkeit, die durch Hunts Kopf zuckte, schien ihm darin zu bestehen, daß es sich um eine uralte Aufnahme handelte, die infolge des Betretens des Raumes angelaufen war. Diese Idee verwarf er jedoch schnell. Hinter den drei Ganymedern war ein riesiger Bildschirm zu sehen, der dem auf der Brücke der J5 ähnelte; auf ihm war die Jupiter Fünf aus der Perspektive des großen Schiffes der fremden Wesen zu erblicken.
Die Ganymeder befanden sich just in diesem Augenblick dort draußen im Raum... nicht mehr als fünf Meilen entfernt. Dann blieben durch die sich überstürzenden Ereignisse im Inneren des Eies keine weiteren Möglichkeiten für philosophische Spekulationen über die Bedeutung des Ganzen.
Niemand konnte natürlich genau wissen, was die sich verändernden Züge auf den Gesichtern der Ganymeder zu bedeuten hatten, aber es herrschte der allgemeine Eindruck, daß sie ebenso erstaunt waren wie die Erdbewohner. Die Ganymeder begannen herumzugestikulieren, und gleichzeitig kamen scheinbar bedeutungslose Lautfolgen über das Kommunikationssystem. Innerhalb des Eies gab es keine Atmosphäre, welche die dort geführten Gespräche hätte übertragen können. Daher hatten die Ganymeder die Übertragungen des Empfangskomitees aufzeichnen müssen und benutzten nun die gleichen Frequenzen und die entsprechende Modulation.
Das Bild mit den Fremden verengte sich auf die mittlere Gestalt des Trios. Erneut ertönte eine fremdartige Stimme und artikulierte jedoch lediglich zwei Silben. Es hörte sich an wie »Gar-ruth.« Die Gestalt auf dem Schirm neigte leicht den Kopf vor. Dies geschah auf eine Weise, die unmißverständlich eine Mischung aus Höflichkeit und Würde ausdrückte und selten auf der Erde anzutreffen war. »Gar-ruth«, wiederholte die fremdartige Stimme. Und wieder:
»Garuth«. Auf ähnliche Weise wurden die beiden anderen vorgestellt, wobei sich das Bild wieder erweiterte und alle drei umfaßte. Unbeweglich starrten sie vom Bildschirm, als erwarteten sie etwas.
Storrel begriff schnell und stellte sich mitten vor den Schirm. »Stor-rel. Storrel. Guten Tag«, fügte er unwillkürlich hinzu. Später gestand er ein, daß dieser Zusatz dümm-lich geklungen hatte, brachte jedoch zu seiner Entschuldigung vor, daß ihm logisches Denken in diesem Augenblick schwergefallen sei. Das Bild auf dem Schirm des eiförmigen Gefährts veränderte sich augenblicklich und zeigte Storrel selbst.
»Storrel«, konstatierte die Stimme des Fremdlings. Die Aussprache war vollkommen. Einige der Beobachter waren fest davon überzeugt, daß es Storrel war, der gesprochen hatte.
Miralski und Obermann wurden nacheinander vorgestellt, eine etwas mühselige und umständliche Prozedur, die durch die Enge des Raumes nicht gerade erleichtert wurde.
Dann erschienen in kurzer Abfolge Bilder hintereinander auf dem Schirm, die allesamt von Storrel mit den jeweiligen englischen Substantiven bezeichnet wurden: Gany-
meder, Erdbewohner, Raumschiff, Stern, Arm, Bein, Hand, Fuß. So ging es einige Minuten lang weiter. Offenbar über-nahmen die Ganymeder ohne Widerspruch die Last des Lernprozesses; bald stellte sich auch heraus, warum – wer auch immer von ihnen der Gesprächspartner war, er zeigte die Fähigkeit, mit erstaunlicher Geschwindigkeit Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Er verlangte niemals nach Wiederholung einer Definition und vergaß nie auch nur ein Detail. Zunächst waren seine Fehler noch relativ häufig, aber wenn sie erst einmal korrigiert worden waren, traten sie niemals wieder auf. Die Stimme war nicht mit den Mündern der drei sichtbaren Ganymeder synchro-nisiert vermutlich handelte es sich bei dem Sprecher um einen der anderen an Bord des fremden Schiffes, welche die Verhandlungen aufgenommen haben mußten.
Ein kleiner Schirm, der längsseits des großen innerhalb des Eies angebracht war, zeigte plötzlich eine graphische Darstellung: Einen kleinen Kreis, der mit einem Kranz strahlenförmiger Stacheln geschmückt war und um den eine Anzahl von neun konzentrischen Kreisen abgebildet war.
»Was zum Teufel ist das?« murmelte Storrel.
Shannons Augenbrauen legten sich in Falten. Fragend blickte er in die um ihn versammelten Gesichter.
»Das Sonnensystem«, schlug Hunt vor. Shannon gab diese Information an Storrel weiter, der den Ganymeder davon in Kenntnis setzte. Das Bild veränderte sich und zeigte nur einen leeren Kreis.
»Wer ist das?« fragte die ganymedische Stimme.
»Korrektur«, sagte Storrel und benutzte damit die Über-einkunft, die bereits getroffen worden war. » Was ist das?«
»Wann ›wer‹? Wann ›was‹?«
»›Wer‹ für Ganymeder und Erdbewohner.«
»Ganymeder und Erdbewohner – zusammen?«
»Menschen.«
»Ganymeder und Erdbewohner Menschen?«
»Ganymeder und Erdbewohner sind Menschen.«
»Ganymeder und Erdbewohner sind Menschen.«
»Korrekt.«
»›Was‹ für Nicht-Menschen?«
»Korrekt.«
»Nicht-Menschen – allgemein?«
»Gegenstände.«
»›Wer‹ für Menschen; ›was‹ für Gegenstände?«
»Korrekt.«
»Was ist das?«
»Ein Kreis.« Daraufhin erschien ein Punkt in der Mitte des Kreises.
»Was ist das«, fragte die Stimme.
»Das Zentrum.«
»›Das‹ für einen, ›ein‹ für viele?«
»›Das‹ wenn einer, ›ein‹ wenn viele.«
Die graphische Darstellung des Sonnensystems erschien erneut wie zuvor, wobei das Symbol im Mittelpunkt an-und ausging.
»Was ist das?«
»Die Sonne.«
»Ein Stern?«
»Korrekt.«
Storrel fuhr fort, die Namen der jeweiligen Planeten an-zugeben, wenn ihre entsprechenden Symbole auf dem Schirm auftauchten. Die Unterhaltung war immer noch langsam und unbeholfen, machte jedoch Fortschritte. Im Verlauf des Konversationsaustausches verstanden es die Ganymeder, ihre Verwirrung über die Nichtexistenz eines Planeten zwischen Mars und Jupiter auszudrücken, eine Problemstellung, die sich als nicht zu schwierig herausstellte, da die Erdbewohner darauf gefaßt waren. Es dauerte lange, bis die Botschaft von der Zerstörung Minervas verstanden worden war und daß von dem Planeten nichts weiter als Geröll und Pluto übriggeblieben sei, der ja bereits beim Namen genannt worden war und somit verständli-cherweise die Quelle weiterer Geheimnisse für die fremde Rasse darstellte.
Als nach wiederholtem Fragen und entsprechender Rücküberprüfung sich die Ganymeder schließlich eingestehen mußten, daß sie keinem Mißverständnis zum Opfer gefallen waren, wurde ihre Stimmung sehr ruhig und gedämpft.
Obwohl ihnen keine der Gesten und der Gesichtsausdrücke bekannt waren, wurden die Beobachter von der Erde doch von dem Eindruck äußerster Verzweiflung und unendlicher Trauer berührt die sie ausschnittsweise von dem Schiff der Fremden übermittelt bekamen. Sie konnten den Seelenschmerz fühlen, der sich in jeder Regung dieser langen, nunmehr auf besondere Weise sorgenvoll erscheinenden Gesichter der Ganymeder ausdrückte, so als sei ihr Innerstes von einer Wehklage berührt, die vom Anbeginn der Zeit herübertönte.
Es dauerte eine Zeit, bis die Fremdlinge wieder gesprä-chig wurden. Die Erdbewohner, die festgestellt hatten, daß die Erwartungen der Ganymeder auf einer Kenntnis des Sonnensystems, wie es in ferner Vergangenheit beschaffen war, aufgebaut waren, schlossen daraus, daß die Rasse, wie eine Zeitlang bereits vermutet worden war, in ein anderes Planetensystem ausgewandert sein mußte. Allem Anschein nach handelte es sich also angesichts ihres plötzlichen Wiederauftauchens um eine Art sentimentaler Reise an den Ort, der ihre Rasse vor Millionen von Jahren hervorgebracht hatte und den niemand von ihnen jemals zu Gesicht bekommen hatte, höchstens auf sorgsam gehüteten Aufnahmen, die aus einer unendlich fernen Vergangenheit, jenseits aller Erinnerungen, überliefert worden waren. Kein Wunder, daß sie Bestürzung über das, was sie nach ihrer langen Reise erwartete, gezeigt hatten.
Aber als die Erdbewohner ihre Ansicht äußerten, die Ganymeder seien von einem anderen System gekommen, und Auskunft über dessen Position verlangten, wurden sie allem Anschein nach von den Ganymedern mit einer abschlägigen Antwort beschieden. Offenbar versuchten ihnen die Fremden zu verdeutlichen, daß ihre Reise vor unendlich langer Zeit auf Minerva selbst begonnen hatte, eine Auskunft, die natürlich lächerlich erscheinen mußte. Da sich Storrel mittlerweile jedoch in grammatischer Hinsicht hoffnungslos verstrickt hatte, wurde der Fall aus Gründen eines zwischenzeitlich aufgetauchten Verständnisproblems zunächst auf Eis gelegt. Zweifellos würde er später gelöst werden, wenn die sprachlichen Fähigkeiten des Übersetzers besser geworden waren.
Der ganymedische Übersetzer war auf die implizite Ver-
bindung zwischen ›Erde‹ und ›Erdbewohner‹ aufmerksam geworden und kehrte daher zu dem problematischen Fall zurück, indem er sich Gewißheit darüber verschaffte, daß die Geschöpfe, mit denen er sich unterhielt, tatsächlich vom dritten Planeten der Sonne gekommen waren. Als dies bestätigt wurde, schienen die auf dem Schirm sichtbaren Ganymeder sehr erregt zu werden und ergingen sich in langem Gesprächsaustausch untereinander, der nicht übertragen wurde. Warum diese Enthüllung denn eine solche Reaktion hervorrief, wurde nicht erklärt. Eine entsprechende Frage wurde auch nicht gestellt.
Die Fremdlinge deuteten schließlich an, daß sie eine sehr lange Zeit unterwegs gewesen waren und daß sie mancherlei Krankheit und Todesfälle zu ertragen und zu beklagen hatten. Ihre Vorräte waren knapp geworden, ihre Ausrüstung war in schlechtem Zustand, vieles war irreparabel.
Hinzu kam, daß sie alle miteinander unter völliger körperlicher, geistiger und seelischer Erschöpfung litten. Sie vermittelten den Eindruck, daß ihnen lediglich der Gedanke an die Rückkehr in die Heimat den Willen zum Durch-halten angesichts unsagbarer Schwierigkeiten gegeben habe; da nunmehr ihre Hoffnung zerstört sei, seien sie am Ende.
Shannon ließ Storrel die Unterredung mit den Fremden fortführen, entfernte sich vom Schirm und bedeutete einigen anderen, auch den beiden Naturwissenschaftlern, sich zum Zwecke einer kurzen, improvisierten Beratung zusammenzusetzen.
»Ich schicke eine Expedition zu ihnen rüber«, teilte er ihnen mit gedämpfter Stimme mit. »Sie brauchen Hilfe, und wir können davon ausgehen, daß wir die einzigen in der Nähe sind, die sie ihnen geben können. Ich berufe Storrel aus dem Dock ab und lasse ihn den Trupp anführen; ich denke, daß er gut mit ihnen zu Rande kommt.«
Dann blickte er Hayter an. »Captain, lassen Sie sofort einen Bus zum unmittelbaren Aufbruch startklar machen.
Teilen Sie zehn Leute ein, die Storrel begleiten sollen, darunter mindestens drei Offiziere. Ich möchte, daß jeder Teilnehmer zu einer Instruktion in der Schleusenvorkam-mer des Busses, der als schnellster startklar ist, antritt, sagen wir in... dreißig Minuten, vom jetzigen Zeitpunkt aus gerechnet. Jeder natürlich in vollständiger Ausrüstung.«
»Wird sofort erledigt«, bestätigte Hayter.
»Hat irgendwer noch weitere Fragen?« fragte Shannon die Anwesenden.
»Sollen Seitengewehre getragen werden?« wollte einer der Offiziere wissen.
»Nein. Noch irgendwas?«
»Noch eine Sache.« Es war Hunt, der sich meldete. »Eine Bitte. Ich möchte auch gerne mitgehen.« Shannon blickte ihn an und zögerte, als sei er von der Frage überrascht.
»Ich bin mit dem besonderen Auftrag hierhergeschickt worden, die Ganymeder zu erforschen. Das ist meine offizielle Aufgabe. Könnte es einen besseren Weg zur Unterstützung meiner Pflichterfüllung geben?«
»Na, ich weiß wirklich nicht recht.« Shannon legte sein Gesicht in Falten und kratzte sich am Hinterkopf, während er nach möglichen Einwänden suchte. »Ich nehme an, daß nichts dagegenspricht. Ja – ich glaube, das geht in Ordnung.« Er wandte sich an Danchekker. »Wie steht's mit ihnen, Professor?«
Danchekker hob protestierend beide Hände. »Ihr Ange-
bot ist zu freundlich, aber vielen Dank, nein. Ich fürchte, für einen einzigen Tag habe ich bereits genügend Aufregung gehabt. Und außerdem habe ich länger als ein Jahr gebraucht, um mich in diesem Ding hier wohlzufühlen. Bei der Vorstellung eines fremdartigen schaudert's mich.«
Hayter grinste und schüttelte seinen Kopf, sagte jedoch nichts.
»Na gut.« Shannon ließ seinen Blick ein weiteres Mal über die Gruppe schweifen, um weitere Kommentare zu provozieren. »Das ist alles. Lassen Sie uns nun zu unserem Mann in der vordersten Linie zurückkehren.« Er ging zurück zum Schirm und zog sich das Mikrophon heran, das ihn mit Storrel verband. »Wie geht's dort unten bei Ihnen, Gordon?«
»Ganz gut. Ich bringe ihnen gerade die Zahlen bei.«
»Gut. Aber lassen Sie mal einen der beiden anderen übernehmen, okay? Wir schicken Sie auf eine kleine Reise.
Captain Hayter wird Ihnen in aller Kürze die Einzelheiten durchgeben. Sie werden den Botschafter der Erde abgeben.«
»Wieviel verdient man denn als Botschafter?«
»Nur keine Ungeduld, Gordon. Wir müssen's erst noch ausrechnen.« Shannon lächelte. Nach einem ihm sehr lang erscheinenden Zeitraum hatte er sich zum ersten Mal entspannt gefühlt.
6
Der Bus – eine kleine Personenfähre, die normalerweise für den Transport von Passagieren zwischen Satelliten oder auf einer Umlaufbahn befindlichen Raumschiffen vorgesehen war – näherte sich dem ganymedischen Schiff. Von seinem Platz aus konnte Hunt, der eingeengt zwischen zwei Gestalten in unhandlichen Raumanzügen auf einer der Kabinenbänke saß, auf dem kleinen Bildschirm in der hinteren Wand beobachten, wie das Schiff herankam.
Von nahem betrachtet, wurde der erste Eindruck von Alter und Abnutzung nur noch weiter verstärkt. Die farblich abgesetzten Stellen, die das Schiff vom Bug bis zum Heck bedeckten und die von J 5 aus selbst unter extremer Vergrößerung nicht hatten analysiert werden können, schienen Tarnwerk zu sein und erinnerten an Filmstreifen.
Die Außenhaut des Schiffes war unregelmäßig mit unterschiedlich großen Löchern gesprenkelt, keines von ihnen sehr groß, aber jedes war von einem erhöhten Rand abge-rundeten grauen Metalls umringt und sah aus wie ein winziger Mondkrater. Es hatte den Anschein, als sei das Schiff von Tausenden kleiner Partikel mit ungeheurer Geschwindigkeit bombardiert worden, die ausreichend hoch gewesen sein mußte, um die Haut zu durchdringen, und die genug Energie freigesetzt hatte, um das angrenzende Material zum Schmelzen zu bringen. Entweder hatte das Schiff eine unglaublich weite Entfernung zurückgelegt, sagte sich Hunt, oder aber außerhalb des Sonnensystems herrschten Verhältnisse, mit denen sich die UNWO später noch würde herumschlagen müssen.
Eine rechtwinkelige Öffnung, ausreichend, um den Bus problemlos einzulassen, hatte sich mittlerweile an der Seite des Schiffes geöffnet, von dem sie mittlerweile wußten, daß es den Namen Shapieron trug. Das Innere wurde von einem milden, orangefarbigen Licht erhellt, und ein weißer Strahl blitzte in etwa der Mitte von einer der längeren Seiten auf.