»Jetzt hab' ich es kapiert.«
»Na prima. Nun mußten die beiden Arten von Nicht-Fleischfressern Nahrung aufnehmen, und sie teilten sich untereinander das Verfügbare auf – Pflanzen, bestimmte rudimentäre wirbellose Organismen, aus dem Wasser entstandene organische Substanzen und so weiter. Aber Minerva war kalt und bot solche Dinge nicht im Überfluß an anders als auf der Erde. Die giftigen Spezies waren wirksame Konkurrenten und gewannen allmählich die Ober-hand. Die ungiftigen Nicht-Fleischfresser nahmen ab, und da sie die Nahrungsquellen für die Fleischfresser darstellten, nahm die Anzahl und die Vielfalt der Fleischfresser zusammen mit ihnen ab. Am Ende entwickelten sich zwei Gruppen aus alledem und führten von einem bestimmten Zeitpunkt an ein getrenntes Leben: Die ungiftigen Arten entzogen sich der Konkurrenz, indem sie sich tiefer hinab in die Meere begaben, und die fleischfressenden Arten folgten ihnen naturgemäß. Diese beiden Gruppen entwik-kelten sich zu einem Gefüge des Zusammenlebens im Tiefseebereich, das schließlich sein eigenes Gleichgewicht erreichte, sich stabilisierte. Die giftigen Arten erhielten die flachen Küstengewässer als ihren einzigen und alleinigen Lebensraum, und aus ihnen entwickelten sich später die Landbewohner.«
»Meinen Sie damit, daß alle Landarten, die später auf-kamen, über das gleiche Grundprinzip eines Doppelsy-stems verfügten?« fragte Danchekker fasziniert. »Sie waren alle giftig?«
»Ganz genau«, antwortete sie. »Zu dieser Zeit hatte sich diese Eigenart als fundamentaler Bestandteil ihres eigenen Aufbauprinzipes fest eingestellt – im gleichen Maße wie viele Charakteristika von Wirbeltieren auf Ihrer Welt. Allen späteren Abkömmlingen wurde diese Eigenschaft vererbt und blieb grundlegend unverändert...«
Shilohin machte eine Pause, als sich unter den Zuhörern überraschtes Räuspern und Murmeln erhob. Die Konsequenzen ihrer Ausführungen wurde ihnen allmählich bewußt. Einer, der weiter hinten stand, faßte sie schließlich in Worte.
»Das erklärt, was Sie eingangs sagten warum es später auf Minerva keine Fleischfresser gab. Sie konnten niemals Fuß fassen – aus all den Gründen, die Sie soeben angeführt haben –, selbst wenn sie unvermittelt von Zeit zu Zeit auftauchten.«
»Ganz recht«, bestätigte sie. »Ab und zu tauchte eine diesbezügliche Mutation auf, aber wie Sie bereits sagten, sie konnte niemals Fuß fassen. Die Tiere, die sich auf Minerva entwickelten, waren ausschließlich Pflanzenfresser.
Sie schlugen nicht die gleichen Entwicklungsstränge wie die irdischen Tiere ein, weil die Selektionsmechanismen, die sich in ihrer natürlichen Umgebung befanden, anders geartet waren. Sie entwickelten keinerlei Kampf- oder Fluchtinstinkte, da es nichts gab, gegen das zu kämpfen oder vor dem zu fliehen war. Sie entwickelten keine Verhaltensmuster, die auf Furcht, Ärger oder Aggression be-ruhten, da solche Emotionen keinerlei Überlebenswert für sie besaßen, und von daher wurden sie auch nicht ausgelesen oder verstärkt. Es gab keine schnellen Renner, weil es keinerlei Räuber gab, vor denen Flucht notwendig gewesen wäre, und es bestand keinerlei Notwendigkeit zur Ent-
wicklung von Tarnfarben. Es gab keine Vögel, da es nichts gab, was ihr Erscheinen hervorgerufen hätte.«
»Diese Wandbilder im Schiff!« Hunt drehte sich zu Danchekker herum, als er plötzlich von der Wahrheit überwältigt wurde. »Es handelte sich keinesfalls um Cartoons für Kinder, Chris. Sie waren real.«
»Du lieber Gott, Vic.« Der Professor sperrte Mund und Nase auf und blinzelte überrascht durch seine Brillengläser, wobei er sich überlegte, warum ihm nicht der gleiche Gedanke gekommen war. »Sie haben recht. Natürlich... Sie haben völlig recht. Wie außergewöhnlich. Wir müssen sie eingehender untersuchen...« Danchekker schien noch etwas anderes sagen zu wollen, brach jedoch abrupt ab, als sei ihm gerade ein neuer Gedanke gekommen. Er legte die Stirn in Falten und rieb sie sich sodann, wartete jedoch mit dem, was er sagen wollte, bis sich das allgemeine Stimmengewirr gelegt hatte.
»Entschuldigen Sie bitte«, rief er, als sich die Verhältnisse wieder normalisiert hatten. »Da ist noch etwas...
Wenn überhaupt keine Räuber existierten was hielt dann die Anzahl der Pflanzenfresser im Rahmen? Ich kann keinerlei Mechanismus zur Aufrechterhaltung eines natürlichen Gleichgewichts erkennen.«
»Ich wollte soeben darauf zu sprechen kommen«, antwortete Shilohin. »Die Antwort lautet: Unfälle. Sogar leichte Schnittwunden oder Abschürfungen ermöglichten es dem Gift, vom zweiten in das erste System zu gelangen.
Die meisten Unfälle gingen für die Tiere Minervas folgenschwer aus. Die natürliche Auslese begünstigte natürlichen Schutz. Die Arten, welche überlebten und aufblühten, verfügten über den besten Schutz – lederartige Außenhaut, dicker Pelzbesatz, schuppenartige Panzerung und so weiter.« Sie hob eine ihrer Hände und zeigte dabei stark ausgeprägte Fingernägel und Gelenkwülste, schob anschlie-
ßend ihren Hemdkragen leicht zur Seite und legte dabei einen Teil der feinen, überlappenden Schuppenplatten frei, die einen Streifen entlang ihrer Schulterspitze bildete.
»Viele Überbleibsel des Schutzes der Ahnen können auch heute noch an der Gestalt eines Ganymeders festgestellt werden.«
Hunt erkannte nunmehr, warum das Temperament der Ganymeder so war wie es war. Aus den Anfängen, die Shilohin soeben beschrieben hatte, hatte sich intelligentes Leben entwickelt, aber nicht als Antwort auf irgendwelche Bedürfnisse zur Herstellung von Waffen oder zum Überli-sten von Feinden oder von Beute, sondern als ein Mittel zum Erkennen und Vermeiden von körperlichen Beschädi-gungen. Lernen und Wissensvermittlung mußten für die primitiven Ganymeder einen phänomenalen Wert fürs Überleben dargestellt haben. Vorsicht in allen Dingen, Klugheit und die Fähigkeit zur Analyse aller nur möglichen Konsequenzen einer Handlung waren von der Auslese verstärkt worden; Hast und Unbesonnenheit hätten sich als folgenschwer erwiesen.
Da sie von solchen Vorfahren abstammten – konnten sie da anders als instinktiv kooperationsbereit und nichtaggres-siv sein? Gewaltsame Konkurrenz in welcher Form auch immer oder die Machtausübung gegenüber einem Rivalen mußte ihnen einfach unbekannt sein. Von daher trugen sie keinerlei Anzeichen von komplexen Verhaltensmustern, die in einer späteren und zivilisierteren Gesellschaft ›nor-malerweise‹ in Form von symbolischen Ausdrücken beste-
hen blieben. Hunt fragte sich, was ›normal‹ eigentlich bedeutete. Shilohin lieferte eine Definition vom ganymedischen Standpunkt aus gesehen, als könne sie Gedanken lesen.
»Sie können sich vorstellen, wie die frühen ganymedischen Philosophen über die Welt dachten, die sie um sich herum wahrnahmen, als sich die Zivilisation schließlich zu entwickeln begann. Sie drückten ihre Verwunderung dar-
über aus, wie die Natur in ihrer unendlichen Weisheit allen Lebewesen eine strenge Ordnung auferlegt hatte: Der Boden nährte die Pflanzen, und die Pflanzen ernährten die Tiere. Die Ganymeder akzeptierten dies als die natürliche Ordnung des Universums.«
»Wie ein von Gott verordneter Plan«, meinte jemand in der Nähe der Theke. »Sieht mir nach einer religiösen Überzeugung aus.«
»Sie haben recht«, pflichtete ihm Shilohin bei und wandte sich zu dem Sprecher um. »In der Frühgeschichte unserer Zivilisation waren religiöse Vorstellungen weit verbreitet. Bevor wissenschaftliche Prinzipien eingehender verstanden wurden, schrieb unser Volk viele der Geheimnisse, die sie sich nicht erklären konnten, den Fähigkeiten einer allmächtigen Institution zu... Ihrem Gott nicht unähnlich. Die frühen Lehren besagten, daß die natürliche Ordnung der Lebewesen der letztendliche Ausdruck seiner lei-tenden Weisheit sei... ich glaube, Sie würden das den
›Willen Gottes‹ nennen.«
»Mit Ausnahme des Tiefseebereiches«, bemerkte Hunt.
»Doch, das paßte ebenfalls in ihr Denkschema«, antwortete Shilohin. »Die frühen religiösen Denker unserer Rasse sahen darin eine Form von Bestrafung. In den Ozea-
nen, lange vor dem Beginn der Geschichte, war dem Gesetz getrotzt worden. Als Strafe dafür waren die Gesetzes-brecher für immer in die tiefsten und dunkelsten Stellen des Ozeans verbannt worden und stiegen niemals empor, um das Sonnenlicht zu genießen.«
Danchekker beugte sich zu Hunt und flüsterte: »Wie die Vertreibung aus dem Paradies. Eine interessante Parallele, meinen Sie nicht auch?«
»Mmm... ja... statt eines Apfels handelte es sich dabei um ein T-bone-Steak«, murmelte Hunt.
Shilohin hielt inne, um ihr Glas über die Theke zu schieben, damit es der Steward neu füllte. Im Raum blieb es weiterhin still, da die Erdbewohner alles, was sie soeben gesagt hatte, noch einmal überdachten. Schließlich nippte sie an einem neuen Drink und fuhr fort:
»Und auf diese Weise, sehen Sie, erschien den Ganymedern die Natur harmonisch vollendet und herrlich in dieser Vollkommenheit. Als die Wissenschaften entdeckt wurden und die Ganymeder mehr über ihren Lebensraum kennen-lernten, zweifelten sie niemals daran, daß die Natur und ihre Gesetze überall gleichermaßen herrschten, wie weit sie auch von ihrer eigenen Weisheit hinaus ins All getragen würden, selbst wenn sie eines Tages bis zur Unendlichkeit vorstießen. Warum hätten sie es sich auch andersgeartet vorstellen sollen? Sie waren ja nicht einmal imstande zu ermessen, wie anders die Verhältnisse aussehen konnten.«
Sie hielt einen Moment lang inne und ließ ihren Blick bedächtig durch den Raum schweifen, so, als wolle sie versuchen, die Ausdrücke auf den Gesichtern im Kreis zu deuten.
»Sie sagten mir, ich solle ehrlich sein«, sagte sie und legte erneut eine Pause ein. »Am Ende setzten wir einen Traum in die Wirklichkeit um, den wir seit Generationen genährt hatten – hinauszufliegen ins All und die Wunder anderer Welten zu entdecken. Als die Ganymeder schließlich, immer noch angefüllt mit ihren idyllischen Überzeugungen, zu den Dschungeln und in die Wildnis der Erde kamen, war dieser Eindruck für sie niederschmetternd. Wir nannten sie den Planeten der Alpträume.«
12
Die ganymedischen Ingenieure verkündeten, daß das Schiff unter Pithead über die Teile verfügte, die zur Reparatur des Antriebssystems der Shapieron benötigt wurden, und daß die Arbeit drei bis vier Wochen Zeit in Anspruch nehmen würde. Ein Fährdienst zwischen Pithead und der Hauptbasis wurde eingerichtet, da Techniker und Wissenschaftler beider Rassen bei dem Unternehmen zusammenarbeiteten.
Die Ganymeder leiteten und führten dabei selbstverständlich die technischen Aspekte des Vorhabens aus, während sich die Erdbewohner um Transportprobleme, Logistik und Bereitstellung von verschiedensten Gegenständen am Ar-beitsplatz kümmerten. Verschiedene Gruppen von UNWO-Experten wurden an Bord der Shapieron geladen, um die voranschreitenden Arbeiten zu beobachten. Mit gebannter Faszination standen sie da, als ihnen einige der Geheimnisse und Problemstellungen der ganymedischen Wissenschaften erklärt wurden. Ein bedeutender Experte aus dem Bereich des nuklearen Ingenieurwesens von der Jupiter Fünf erklärte im nachhinein, daß er sich nach dieser Erfahrung fühle wie ein »ungelernter Aushilfsklempner, der durch ein Atomkraftwerk geführt wird.«
Während die Reparaturarbeiten voranschritten, erarbeitete ein Team von UNWO-Spezialisten auf der Hauptbasis ein Programm aus, mit dem ZORAC im Schnellverfahren über irdische Computerwissenschaft und -technologie informiert werden sollte. Dabei kam die Konstruktion eines Code-, Umkehrungs- und Koppelungssystem heraus, wobei die entsprechenden Einzelheiten von ZORAC selbst erarbeitet wurden, um den ganymedischen Computer direkt mit dem Kommunikationssystem auf der Hauptbasis und damit auch mit dem Bordcomputerkomplex der J5 zu koppeln.
Auf diese Weise erhielten ZORAC, und damit natürlich auch die Ganymeder, direkten Zugang zu den Datenspeichern der J5. So wurde ihnen eine Fundgrube an Informationen über viele Aspekte irdischer Lebensart, Geschichte, Geographie und Wissenschaften eröffnet – Gebiete, in denen die Ganymeder einen unersättlichen Wissensdurst zeigten.
Eines Tages herrschte im Kommunikationsraum des Missionskontrollzentrums im Hauptquartier der UNWO-Operationszentrale in Galveston Verwirrung, als plötzlich und unerwartet eine fremde Stimme über das Lautsprecher-system kam. Es handelte sich dabei um einen weiteren Scherz ZORACs. Die Maschine hatte eine eigene Grußbot-schaft an die Erde zusammengestellt und sie in den Kommunikationsfluß, der über die Laserverbindung von Jupiter Fünf zur Erde bestand, hineingeschmuggelt.
Die Erde verlangte natürlich nach weiteren Informationen über die Ganymeder. In einer Pressekonferenz, die speziell zur Übertragung über das Weltnachrichtennetz anberaumt wurde, antwortete eine Gruppe von Ganymedern auf die Fragen, die ihr von Wissenschaftlern und Reportern gestellt wurden, welche die J5-Mission begleiteten. Oben auf Ganymed wurde eine große Zuhörerschar für die Veranstaltung erwartet, und da auf der Hauptbasis keine ausreichend großen Räumlichkeiten zur Verfügung standen, hatten sich die Ganymeder dazu bereiterklärt, die Übertragung an Bord der Shapieron stattfinden zu lassen. Hunt war ein Mitglied der Gruppe, die zur Teilnahme daran von Pithead aufbrach.
Die ersten Fragen bezogen sich auf die Konzeptionen und Prinzipien der Bauweise der Shapieron, in besonderem Maße auf ihr Antriebssystem. In ihrer Antwort erklärten die Ganymeder, daß die Mutmaßungen der UNWO-Ex-perten teilweise richtig gewesen waren, jedoch nicht alle Probleme umfaßt hatten. Die Anordnung der wuchtigen Torroiden, in denen sich die winzigen Schwarzen Löcher befanden, die sich auf, engen kreisförmigen Bahnen bewegten, generierten in der Tat sehr starke Veränderungs-quoten an Schwerkraftpotential, welche infolgedessen einen Bereich intensiver Raum-Zeit-Verzerrungen schufen, aber damit wurde das Schiff nicht direkt angetrieben. Im Zentrum der Torroiden wurde dadurch ein Brennpunkt geschaffen, an dem eine geringe Ladung herkömmlicher Materie zur völligen Auflösung veranlaßt wurde. Das Äquivalent dieser Masse zeigte sich in Form von Schwer-kraftenergie, jedoch war dieser Prozeß keineswegs mit der herkömmlichen Vorstellung einer Kraft zu vergleichen, die auf einen Mittelpunkt einwirkt. Die Ganymeder verglichen den dabei entstehenden Effekt mit einer »Krafteinwirkung auf das das Schiff umgebende Raum-Zeit-Gefüge...« Es war diese Krafteinwirkung, die sich im Raum fortsetzte und die im Zuge ihrer Bewegung das Schiff mit sich zog.
Die Vorstellung, daß es möglich war, die Auflösung von Materie nach freiem Willen zu betreiben, war erregend, und der Umstand, daß der Auflösungsprozeß ein künstliches Schwerkraftphänomen hervorrief, eine wahre Enthüllung. Aber die Erfahrung, daß es sich bei alledem lediglich um ein Mittel handelte, mit dem etwas kontrolliert werden konnte, was sich naturgemäß überall im Universum vollzog
– das war in höchstem Maße erstaunlich. Handelte es sich doch dabei offenbar um genau die gleiche Methode, mit der die Natur Schwerkraft erzeugte. Alle Materie befand sich permanent im Stadium der Auflösung, wenn dieser Prozeß auch unendlich langsam verlief, und es war die winzige Anzahl von Masseteilchen, die fortwährend in jedem Augenblick dahinschwanden, welche den Schwer-krafteffekt von Masse hervorrief. Jedes Auflösungsmoment schuf einen winzigen, flüchtigen Schwerkraftimpuls, und durch den Additionseffekt von Millionen dieser Impulse, die sich in jeder Sekunde vollzogen, wurde – dachte man ihn sich im Makrobereich – die Illusion von Permanenz hervorgerufen. So gesehen war Schwerkraft kein statischer, passiver Effekt mehr, der immer dann auftrat, wenn eine bestimmte Menge an Masse existierte. Es handelte sich nicht mehr um ein isoliert dastehendes Kuriosum, sondern ordnete sich ein in alle übrigen Bereiche der Physik und wurde zu einer mathematisch bestimmbaren Größe, die vom Tempo der Veränderung einer bestimmten Sache abhing – in diesem Fall vom Tempo der Masseveränderung.
Dieser Grundsatz im Zusammenhang mit der Entdeckung der künstlichen Erzeugung dieses Prozesses und seiner kontrollierten Anwendung bildete das Fundament ganymedischer Schwerkraftnutzung in Form technologischer Anwendung.
Dieser Bericht verursachte unter den anwesenden irdischen Wissenschaftlern Verwirrung. Hunt machte sich zum Sprachrohr ihrer Reaktion, indem er die Frage stellte, auf welche Weise einige der grundlegenden physikalischen Gesetze – die Erhaltung von Masse Energie und Bewegung zum Beispiel – sich mit der Vorstellung von winzigen Par-tikeln vereinbaren ließen, die in der Lage waren, sich spontan, wann immer sie den Drang dazu verspürten, aufzulösen. Die hochgehaltenen Grundgesetze, so stellte sich heraus, waren keinesfalls weder grundlegend noch überhaupt Gesetze. So wie früher die Newtonschen Gesetze der Mechanik, handelte es sich auch hier um Annäherungen, die sich im Zuge der Entwicklung exakterer theoretischer Modelle und verbesserter Meßverfahren als solche herausstellen würden, wie es sich im Fall der Lichtwellen verhalten hatte. Dort hatten sorgfältige Experimente die Unhalt-barkeit der klassischen Physik erwiesen, wobei als Ergebnis dieser Experimente die Aufstellung der Relativitäts-theorie folgte. Die Ganymeder veranschaulichten diesen Aspekt, indem sie erwähnten, daß die Geschwindigkeit, mit der Materie verfiel, sehr langsam war: Ein Gramm Wasser würde bis zur vollständigen Auflösung zehn Milliarden Jahre benötigen, ein Prozeß, der mit Methoden der zeitgenössischen irdischen Wissenschaften völlig unmeßbar war.
Unter diesen Voraussetzungen würden sich die herkömmlichen Gesetze, auf die sich Hunt bezogen hatte, als völlig ausreichend erweisen, da die Fehler, die sich aus ihnen ergaben, praktisch bedeutungslos waren. Gleichermaßen genügte die klassische Newtonsche Mechanik weiterhin den meisten Alltagserfordernissen, obwohl die Relativität die exaktere Beschreibung der Wirklichkeit darstellte. Die Geschichte der minervischen Wissenschaften hatte die gleiche Entwicklungslinie hervorgebracht: Wenn sich die irdische Wissenschaft weiterentwickelte, würden zweifellos ähnliche Entdeckungen und Argumentationsstränge zu einer Relativierung grundlegender Prinzipien führen.
Daraufhin wurde die Frage nach der Dauerhaftigkeit des Universums gestellt. Hunt fragte, wie denn das Universum überhaupt noch bestehen, geschweige denn sich entwickeln konnte, wenn sich jedwede Materie mit dem von den Ganymedern benannten Tempo auflöste, das in kosmischer Zeitrechnung keinesfalls als langsam zu bezeichnen war.
Es dürfte daher eigentlich nicht mehr viel vom Universum übrig sein. Das Universum, so wurde ihm beschieden, bestand ewig fort. Zu jeder Zeit innerhalb dieses unermeßlich großen Raumes entstanden und vergingen Teilchen gleichermaßen selbsttätig, wobei sich der Prozeß des Verge-hens vorwiegend innerhalb der Materie abspielte – natürlicherweise, da es dort zunächst einmal in größerem Maße welche gab, die dahinschwanden. So gesehen bildete die Entwicklung progredierender komplexerer Mechanismen zur Transformation von Unordnung in Ordnung – grundlegende Teilchen, interstellare Wolken, Sonnen, Planeten, organische Chemikalien, darauf aufbauend das Leben selbst und, aus ihm sich entwickelnd, Intelligenz – einen fortwährenden Kreislauf, einer fortwährend belebten Bühne vergleichbar, auf der die Vorstellung niemals endete, sondern auf der einzelne Schauspieler auftraten und wieder verschwanden. Diesem allen zugrunde liegend herrschte ein in einer Richtung verlaufender Druck, der dahin tendierte, ständig höhere Formen der Organisation aus niedrigeren hervorzubringen. Das Universum stellte das Resultat zweier entgegengesetzter, grundlegender Strömungen dar; die eine, repräsentiert durch den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, bemühte sich um ein Anwachsen von Unorganisiertheit, während die zweite – das Evolutionsprinzip – in begrenztem Maße ihre Umkehrung durch Errichtung von Ordnung bewirkte. In der ganymedischen Bedeutung bezog sich der Begriff der Evolution nicht allein auf die Welt der lebenden Dinge, sondern umfaßte zugleich auch den gesamten Bereich steigender Ordnung, angefangen von der Formierung eines Atomkerns aus stellarem Plasma bis hin zum Akt des Entwerfens eines Supercomputers. Innerhalb dieses Bereiches stellte die Entstehung des Lebens lediglich einen weiteren Meilenstein auf dem Weg dar. Sie verglichen das evolutionäre Prinzip mit einem Fisch, der stromaufwärts gegen die Strömung der Entropie anschwimmt – dabei symbolisierten der Fisch und die Strömung die beiden fundamentalen Kräfte im Universum der Ganymeder. Die Evolution funktionierte in der ihr eigenen Weise, weil das Prinzip der Selektion am Werke war. Die Selektion wiederum funktionierte, weil die Wahrscheinlichkeit Schranken unterworfen war. Das Universum war, einer abschließenden Analyse unterzogen, nur eine Frage der Statistik.
Es traten also Grundpartikel auf, gelangten an die Grenzen ihres Lebens und verschwanden anschließend wieder.
Wo kamen sie her, wo gingen sie hin? In dieser Frage waren die Problemstellungen zusammengefaßt, welche die Grenzen der ganymedischen Wissenschaft zur Zeit des Ab-fluges der Shapieron ausgemacht hatten. Das gesamte Universum, so wie es mit den Sinnen wahrgenommen wurde, konnte mit einer geometrischen Ebene verglichen werden, über die ein Partikel wanderte. Eine Zeitlang war es auf seinem Weg zu verfolgen, während es seinen Beitrag zur sich vorwärts entwickelnden Geschichte der Galaxien bei-steuerte. Aber in welches übergeordnete Universum war diese Ebene eingebettet? Welcher echteren Realität gehörte all dies an, was lediglich als blasser und unbedeutender Schatten wahrgenommen worden war? Solcher Art waren die Geheimnisse, in welche die Forscher auf Minerva ansatzweise eingedrungen waren und von denen sie mit Überzeugung geglaubt hatten, daß sie den Schlüssel zu in-tergalaktischen Reisen und darüber hinaus zum Eintauchen in Bereiche der Existenz erlangen würden, die nicht einmal sie in ihren kühnsten Träumen würden erahnen können.
Die Wissenschaftler von der Shapieron fragten sich, wieviel ihre Nachfahren in den Jahren, Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten nach ihrem Abflug von Minerva hin-zugelernt hatten. Hatte ihr jähes Verschwinden am Ende gar etwas mit einem ungeahnten Universum zu tun, das sie entdeckt hatten?
Die anwesenden Zeitungsleute waren an den kulturellen Grundlagen der minervischen Zivilisation interessiert, besonders daran, auf welche Weise der alltägliche Waren-austausch zwischen Individuen und Gesellschaften stattgefunden hatte. Eine frei konkurrierende Wirtschaft, die auf dem Geldprinzip beruhte, schien unvereinbar mit dem ganymedischen Charakterzug nichtkonkurrierenden Verhaltens. Daraus ergab sich die Frage, welches andersgeartete System die Außerirdischen benutzt hatten, um die Ver-bindlichkeiten zwischen Individuum und übriger Gesellschaft zu kontrollieren.
Die Ganymeder bestätigten, daß ihr System ohne die motivierenden Kräfte des Profits und ohne Notwendigkeit irgendeiner finanziellen Zahlungsfähigkeit funktioniert hatte. Hier wurde ein weiterer Bereich angesprochen, in welchem die völlig andersgeartete Psychologie und Beschaffenheit der Ganymeder einen flüssigen Dialog unmöglich machten, hauptsächlich deshalb, weil ihnen jegli-che Vorstellung von Lebensumständen fehlten, die für die Erdbewohner eine Selbstverständlichkeit bedeuteten. Daß eine gewisse Kontrolle darüber unerläßlich sei, ob ein jeder zumindest ebensoviel für die Gesellschaft leistete, wie er von ihr für sich in Anspruch nahm, war ihnen ein fremder Gedanke. Ebenso verhielt es sich mit der Vorstellung, daß jedes richtige Maß eines ›normalen‹ Wertverhältnisses zwischen der Leistung des einzelnen für die Gesellschaft und Leistungen der Gesellschaft für den einzelnen ermittelt werden könne, da, wie sie behaupteten, jedes Individuum über sein eigenes Wertverhältnis verfüge, das für ihn angemessen sei und dessen Festsetzung nur ihm allein grund-rechtlich abgesichert obliegen müsse. Die Vorstellung finanzieller Notwendigkeiten oder anderer Zwänge, unter denen Menschen ein Leben verbringen mußten, das sie an-dernfalls anders führen würden, erschien ihnen als ein gro-tesker Verstoß gegen Freiheit und Würde. Darüber hinaus schienen sie außerstande zu begreifen, warum es notwendig sei, irgendeine Gesellschaft auf solchen Prinzipien zu errichten.
Welche Möglichkeiten gab es denn dann, wurden sie gefragt, zu verhindern, daß jeder ausschließlich nur Dinge in Anspruch nahm, ohne irgendwelche Gegenleistungen dafür zu bieten? Wie könnte denn unter solchen Umständen überhaupt eine Gesellschaft überleben? Erneut schienen die Ganymeder unfähig, die Problemstellung zu begreifen. Sie unterstrichen, daß ganz sicherlich jedes Individuum über einen Instinkt verfüge, Leistungen für die Allgemeinheit zu erbringen, und daß eine der grundlegenden Notwendigkeiten des Lebens darin bestehe, diesen Instinkt zu befriedigen. Warum sollte sich jemand freiwillig dem Gefühl gesellschaftlicher Nützlichkeit entziehen wollen? Offenbar lag in diesem Umstand die Motivation des Ganymeders begründet und nicht in monetären Interessen – er konnte einfach nicht mit dem Gedanken leben, niemandem von Nutzen zu sein. Er war eben so beschaffen. Die schlimmste Lage, in die er geraten konnte, bestand in seiner Inanspruchnahme der Gesellschaft, ohne sie dafür entschädigen zu können, und jeder, der sich freiwillig einer solchen Situation aussetzte, wurde als gesellschaftlicher Ausnahme-fall betrachtet, der psychiatrischer Unterstützung und gro-
ßer Zuneigung bedurfte – etwa wie ein geistig zurückge-bliebenes Kind. Die Beobachtung, daß von vielen Erdbewohnern ein solcher Zustand als die höchste Erfüllung ihres Strebens angesehen wurde, verstärkte die Überzeugung der Ganymeder, daß der Homo sapiens einige gravierende Defekte von den Lunariern geerbt hatte. Sie gaben sich etwas optimistischer, wenn sie die Ansicht formulierten, die auf ihrem Wissen über die vergangenen paar Jahrzehnte der menschlichen Geschichte aufbaute, daß die Natur langsam, aber sicher den Schaden ausbessere.
Als die Konferenz zu Ende gegangen war, stellte Hunt fest, daß ihn das ganze Gerede durstig gemacht hatte. Er fragte ZORAC, ob er irgendwo in der Nähe etwas zu trin-ken erhalten könne, und bekam zur Antwort, daß dies möglich sei. Er müsse durch den Haupteingang des Raumes gehen, in welchem er sich befand, und einige Schritte im Gang tun. Dann würde er auf einen Bereich mit offen gruppierten Sitzgelegenheiten stoßen, wo es Erfrischungen gab. Hunt bestellte eine GZB mit Cola – das jüngste Produkt der Verschmelzung beider Kulturen und bei ihren Vertretern ein durchschlagender Erfolg – und verließ den Schwarm der Produzenten und Techniker, um Richtungs-
pfeilen zu folgen und seinen Drink an der Getränkeausgabe abzuholen.
Als er sich umdrehte und seinen Blick über den Raum schweifen ließ, stellte er geistesabwesend fest, daß er der einzige Erdbewohner weit und breit war. Einige wenige Ganymeder saßen allein oder in kleinen Gruppen im Raum verstreut herum, die meisten Stühle waren jedoch nicht besetzt. Er suchte sich einen kleinen Tisch aus, um den ein paar leere Sitzgelegenheiten gruppiert waren, schlenderte hinüber und nahm Platz. Abgesehen von ein oder zwei flüchtigen Begrüßungen, die durch ein knappes Kopfnicken angedeutet wurden, nahm keiner der Ganymeder Notiz von ihm. Jeder hielt es wohl für eine alltägliche Begebenheit, wenn ein Angehöriger einer fremden Rasse in ihrem Schiff herumstrich. Der Anblick des Aschenbechers auf dem Tisch veranlaßte ihn zu einem spontanen Griff nach der Zigarettenpackung in seiner Tasche. Doch mitten in der Bewegung hielt er inne, für einen Augenblick verdutzt –die Ganymeder rauchten ja nicht. Er schaute sich den Aschenbecher genauer an und stellte fest, daß es sich um eine UNWO-Standardausführung handelte. Er blickte in die Runde. Auf den meisten Tischen standen UNWO-Aschenbecher. Wie gewöhnlich hatten die Ganymeder an alles gedacht; es war ganz klar, daß irdische Teilnehmer an der Konferenz am heutigen Tage hier auftauchen würden.
Er seufzte, schüttelte bewundernd den Kopf und lehnte sich in die großflächigen, luxuriös ausgestatteten Polster zurück, um abzuschalten.
Er bemerkte nicht, daß Shilohin ganz in seiner Nähe stand, bis die Stimme in seinem Ohr ertönte, die ZORAC
für sie einsetzte. »Dr. Hunt, nicht wahr? Guten Tag.«
Hunt blickte erschrocken auf, erkannte sie dann aber sofort. Er mußte über die Begrüßungsfloskel grinsen und deutete einladend auf einen der leeren Sessel. Shilohin nahm Platz und stellte ihren Drink auf die Tischplatte.
»Offenbar haben wir beide die gleiche Idee gehabt«, sagte sie. »Die Arbeit macht ganz schön durstig.«
»Das können Sie laut sagen.«
»Und... wie ist es Ihrer Meinung nach gelaufen?«
»Es war prima. Ich glaube, sie waren alle fasziniert... Ich gehe jede Wette ein, daß es gehörige Diskussionen daheim entfachen wird.«
Shilohin schien einen Moment lang zu zögern, bevor sie weitersprach. »Sie glauben also nicht, daß Monchar zu direkt war... zu offen Ihre Lebensart und Ihre Werte attak-kiert hat? Das, was er beispielsweise über die Lunarier gesagt hat...«
Hunt dachte einen Augenblick lang nach, während er an seiner Zigarette zog.
»Nein, das glaube ich nicht. Wenn es die Ganymeder ebenso sehen, dann halte ich es für besser, wenn sie es aufrichtig aussprechen... Wenn Sie mich fragen, so war so etwas schon seit langem fällig. Ich weiß keinen, der es besser vermocht hätte. Es könnte sein, daß nun mehr Leute die Ohren spitzen... einfach 'ne gute Sache.«
»Das beruhigt mich aber«, sagte sie und klang plötzlich lockerer. »Ich hatte mir schon etwas Sorgen darüber gemacht.«
»Ich glaube nicht, daß sich irgend jemand groß über diese Sache aufgeregt hat«, erklärte Hunt. »Auf keinen Fall jedoch die Wissenschaftler. Sie machen sich mehr Gedanken darüber, daß ihnen die physikalischen Grundlagen un-
ter den Füßen weggezogen wurden. Ich glaube nicht, daß sie schon in vollem Ausmaß erkannt haben, was Sie da für eine Aufregung verursacht haben. Einige unserer grundle-gendsten Überzeugungen müssen neu überdacht werden –und zwar von Grund auf. Wir waren der Meinung gewesen, daß wir das Buch unseres Wissens lediglich um ein paar neue Seiten ergänzen müßten. Nun hat es den Anschein, als hätten wir das ganze Buch neu zu schreiben.«
»Ich glaube, das stimmt«, pflichtete sie ihm bei. »Sie brauchen allerdings wohl nicht so weit zurückzugehen, wie das die ganymedischen Wissenschaftler mußten.« Sie bemerkte, daß er interessiert dreinschaute. »Oh ja, glauben Sie mir, auch wir mußten den gleichen Prozeß durchlaufen.
Die Entdeckung der Relativität und der Quantenmechanik stellten unsere gesamten klassischen Überzeugungen auf den Kopf, und es verhielt sich so wie bei Ihnen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Und dann, als sich dies alles zusammenfügte, über das wir vorhin sprachen, gab es einen weiteren großen wissenschaftlichen Aufruhr. Alle Vorstellungen, welche die erste Krise überstanden hatten und deren Absolutheitsansprüche festzustehen schienen, stellten sich als falsch heraus – alle eingefleischten Überzeugungen mußten über Bord geworfen werden.«
Sie drehte den Kopf und blickte ihn an, wobei sie eine bei den Ganymedern übliche Geste der Resignation machte. »Auch Ihre Wissenschaft wäre schließlich an diesem Punkt angelangt, auch wenn wir nicht gekommen wären, und es hätte gar nicht mehr lange gedauert, wenn mein Urteilsvermögen auch nur irgend etwas wert ist. So wie die Sache aussieht, können Sie das Schlimmste vermeiden, da wir Ihnen ja unseren Wissensvorsprung vermitteln können.
In fünfzig Jahren werden Sie in Schiffen wie diesem hier fliegen.«
»Ich bezweifle es.« Hunts Stimme klang wie aus großer Entfernung. Es hörte sich unwahrscheinlich an, dann dachte er jedoch an die Geschichte der Fliegerei. Wie viele der Kolonialreiche der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hätten sich träumen lassen, daß sie fünfzig Jahre später unabhängige Staatsgebilde mit eigenen Düsen-flotten darstellten? Wie viele Amerikaner hätten es für möglich gehalten, daß es in der gleichen Zeitspanne eine Entwicklung von hölzernen Doppeldeckern zum Apollo-Projekt gegeben hätte?
»Und was kommt danach?« murmelte er halb zu sich selbst. »Werden uns weitere wissenschaftliche Revolutio-nen erwarten... Dinge, von denen nicht einmal Sie bislang etwas wissen?«
»Wer weiß?« antwortete sie. »Ich habe über den Wis-sensstand referiert, der zur Zeit unserer Abreise von Minerva herrschte. Danach kann sich schließlich alles mögliche ereignet haben. Aber begehen Sie nicht den Fehler zu glauben, wir wüßten alles, selbst wenn es nur auf unser be-stehendes Wissensgerüst bezogen ist. Sie wissen, auch wir haben unsere Überraschungen erlebt, seit wir zum Ganymed gekommen sind. Die Erdbewohner haben uns Dinge beigebracht, die wir nicht wußten.«
Das kam für Hunt völlig überraschend.
»Wie meinen Sie das?« fragte er, selbstverständlich völlig verblüfft. »Welche Dinge?«
Schweigend nippte sie an ihrem Getränk, um ihre Gedanken zu sammeln.
»Na, nehmen wir beispielsweise die Frage des Fleisch-
fressens. Wie Sie wissen, war dieses Phänomen auf Minerva unbekannt, abgesehen von gewissen Tiefseearten, für die sich lediglich Wissenschaftler interessierten und die die übrigen Ganymeder tunlichst vergaßen.«
»Ja, ich weiß.«
»Nun, die ganymedischen Biologen hatten selbstverständlich die Produkte der Evolution studiert und die Ursprünge ihrer eigenen Rasse zurückverfolgt. Obwohl das Denken der Laien zum größten Teil von der Vorstellung einer göttlich geordneten Natur beherrscht wurde, wie ich bereits zuvor erwähnte, erkannten viele Wissenschaftler doch den zufälligen Charakter des Systems, das auf unserer Welt am Wirken war. Rein vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, konnten sie keinen Grund erkennen, warum die Dinge so sein mußten wie sie waren. Und da sie Wissenschaftler waren, begannen sie sich die Frage zu stellen, was geschehen wäre, wenn sich diese Dinge anders entwickelt hätten... wenn zum Beispiel die fleischfressenden Fische nicht in die Tiefenregionen inmitten der Ozeane gewandert, sondern in den Küstengewässern geblieben wären.«
»Sie meinen, wenn sich amphibische und auf dem Lande lebende Fleischfresser entwickelt hätten?«
»Ganz recht. Einige Wissenschaftler waren der Ansicht, daß es lediglich eine Eigenart des Schicksals gewesen sei, die Minerva zu dem gemacht hatte, was es war – und daß das überhaupt nichts mit göttlichen Gesetzen zu tun habe.
So begannen sie hypothetische Modelle von ökologischen Systemen zu entwerfen, in denen Fleischfresser vorhanden waren... ich vermute, mehr als so eine Art intellektueller Spielerei.«
»Hm... interessant. Was kam dabei heraus?«
»Sie waren völlig auf dem Holzweg«, erklärte Shilohin.
Sie unterstrich ihre Worte mit einer betonenden Geste.
»Die Mehrzahl der Modelle sagten eine Verlangsamung des evolutionären Systems mit einem Einmünden in eine Sackgasse voraus, so wie es sich etwa in Ihren Ozeanen abgespielt hat. Es war ihnen nicht gelungen, von den ein-schränkenden Bedingungen unterseeischen Lebens zu ab-strahieren, und schrieben das Ergebnis der grundsätzlich destruktiven Natur des Lebens dort unten zu. Sie können sich ihre Überraschung vorstellen, als die erste ganymedische Expedition zur Erde kam und auf ein ökologisches System außerhalb der Ozeane stieß, das sich in voller Entwicklung befand. Sie waren in höchstem Maße erstaunt, wie fortgeschritten und wie spezialisiert die Tiere geworden waren... und dann die Vögel. Das war etwas, das sich niemand hatte träumen lassen. Jetzt werden Sie verstehen, warum viele von uns vom Anblick der Tiere auf Pithead so überwältigt waren. Wir hatten zwar von solchen Lebewesen gehört, keiner von uns hatte jedoch tatsächlich eines zu Gesicht bekommen.«
Hunt nickte langsam und verstand allmählich voll und ganz. Für eine Rasse, die inmitten von Danchekkers Cartoons aufgewachsen war, mußte der Anblick eines Trilo-phodons, dieses wandelnden Panzers mit vier Fangzähnen, oder der säbelgezähnten Tötungsmaschine Smilodon er-schreckend gewesen sein. Was für ein Bild hatten sich die Ganymeder von dieser blutrünstigen Arena gemacht, die derartige Gladiatoren hervorgebracht hatte, fragte er sich.
»Sie mußten also ebenfalls ihre Theorien über diesen Gegenstand sehr schnell ändern«, sagte er.
»Das taten sie auch... Sie revidierten alle ihre Theorien aufgrund der Beweiskraft der irdischen Verhältnisse, und sie erarbeiteten ein völlig neues Modell. Aber leider gelang es ihnen nicht besser als beim ersten Mal.«
Hunt konnte sich eines kurzen Auflachens nicht erwehren.
»Tatsächlich? Was ging denn diesmal schief?«
»Ihr Zivilisationsstand und Ihre Technologie«, sagte sie.
»Alle unsere Wissenschaftler waren überzeugt, daß sich eine entwickelte Rasse niemals aus jenen Lebensformen würde entwickeln können, die sie vor fünfundzwanzig Millionen Jahren auf der Erde sahen. Sie behaupteten, daß sich Intelligenz niemals in solch einer Umgebung stabilisieren könnte und falls doch, so würde sie sich selbst vernichten, sobald sie die Macht dazu besäße. Irgendwelche Formen sozialen Lebens oder eine gemeinschaftlich ver-waltete Gesellschaft kamen gewiß nicht in Frage, und da die Anhäufung von Wissen auf den Prinzipien der Kommunikation und Kooperation beruht, könnten sich die Wissenschaften niemals entwickeln.«
»Aber wir bewiesen, daß dies alles Humbug war, oder?«
»Es ist unglaublich!« Shilohin klang verblüfft. »Alle unsere Modelle ergaben, daß jedwede Vorwärtsentwicklung der Lebensformen, die es in Ihrem Miozän-Zeitalter gab, im Hinblick auf Intelligenz auf einem Ausleseprinzip beruhen mußte, das auf der Entwicklung größerer List und ausgeklügelterer Methodik in der Anwendung von Gewalt ba-sierte. Keinerlei einheitliche Gesellschaft könnte sich jedoch auf solch einer Grundlage entwickeln. Und trotzdem... wir kamen zurück und fanden nicht nur eine in zivi-lisatorischer und technologischer Hinsicht hochentwickelte Kultur, sondern darüber hinaus einen Lebensbereich, der permanent zur Höherentwicklung drängt. Es schien uns unmöglich zu sein. Deshalb dauerte es so lange, bis wir überzeugt waren, daß sie tatsächlich vom dritten Planeten der Sonne kamen dem Planeten der Alpträume.«
Durch diese Worte fühlte sich Hunt geschmeichelt.
Gleichzeitig jedoch dachte er, daß die Prophezeiungen der Ganymeder beinahe in Erfüllung gegangen wären.
»Aber Sie waren sehr nahe an der Wahrheit«, sagte er in nüchternem Ton. »Vergessen Sie nicht die Lunarier. Sie zerstörten sich tatsächlich, wie Ihr Modell es vorhersagte, obgleich es den Anschein hat, daß sie sich höher entwik-kelten als Sie annahmen. Daß wir hier sind, haben wir lediglich der Tatsache zu verdanken, daß eine Handvoll von ihnen überlebte, und ihre Chancen standen eins gegen eine Million, daß sie es schafften.« Er schüttelte den Kopf und stieß heftig eine Rauchwolke aus. »Ich wäre nicht zu sehr von Ihren Modellen enttäuscht. Sie kamen viel zu nahe an die Wahrheit heran, als daß ich mich für meinen Teil beruhigt zurücklehnen könnte viel zu nahe. Wenn das, was auch immer die Lunarier zu dem gemacht hatte, was sie waren, sich nicht auf irgendeine Weise verändert und abgeschwächt hätte, wären wir den gleichen Weg wie sie gegangen, und Ihr Modell hätte sich verifiziert. Mit sehr viel Glück haben wir dieses Problem in den Griff bekommen.«
»Und das ist das Unglaublichste von allem«, sagte Shilohin und nahm Hunts Bemerkung sofort auf. »Die Sache, von der wir glaubten, daß sie Ihnen auf dem Weg zum Fortschritt wie eine unüberwindbare Barriere im Weg stünde, hat sich als Ihr größter Vorteil herausgestellt.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die Aggressivität, die Zielstrebigkeit – das Aufbäumen gegen jede Form von Niederlage. All das ist tief in Ihrem Charakter als Erdbewohner verwurzelt. Es ist ein Überbleibsel Ihrer Anfänge, modifiziert, verfeinert, angepaßt.
Aber dort kommt es her. Sie sehen das vielleicht nicht so, aber wir sind dazu in der Lage. Wir sind davon überrascht.
Versuchen Sie sich vorzustellen, daß wir niemals so etwas gesehen oder uns vorgestellt haben.«
»Danchekker sagte etwas in dieser Art«, murmelte Hunt, aber Shilohin hatte ihn offenbar nicht gehört und fuhr weiter fort.
»Wir vermeiden aufgrund unserer Herkunft instinktiv jede Art von Gefahr... wir suchen sie zumindest nicht freiwillig. Wir sind ein vorsichtiges Volk. Aber Erdbewohner...! Sie erklimmen Berge, segeln allein in winzigen Schiffen um den Erdball, springen zum Vergnügen aus einem Flugzeug! Alle Ihre Spiele simulieren den Kampf. Die Sache, die Sie ›Geschäft‹ nennen, wiederholt den Überlebenskampf Ihres evolutionären Systems und die Gier nach Macht, Ihre Kriege, Ihre ›Politik‹ beruht darauf, Kraft mit Kraft zu begegnen und Stärke mit Stärke auszugleichen.«
Sie hielt einen Augenblick lang inne und fuhr dann fort.
»So etwas ist für Ganymeder vollkommen neuartig. Die Vorstellung einer Rasse, die sich tatsächlich erhebt und Drohungen trotzig entgegentritt, ist... unglaublich. Wir haben weite Bereiche der Geschichte Ihres Planeten studiert.
Vieles versetzt uns in Furcht und Schrecken, einige von uns sehen jedoch auch unter der oberflächlichen Geschichte der Ereignisse ein reges Treiben. Die Schwierigkeiten, gegen die der Mensch anzukämpfen hatte, sind be-
ängstigend, aber die Art und Weise, wie er sich stets gegen sie gewehrt hat und immer letztendlich gegen sie gewonnen hat, hat, wie ich gestehen muß, etwas seltsam Erhabenes an sich.«
»Aber warum ist das so?« fragte Hunt. »Warum meinen die Ganymeder, daß wir einen einmaligen Vorteil besitzen, da sie doch aus einer so völlig anderen Umgebung kommen? Sie haben das gleiche erreicht... und mehr.«
»Wegen der Zeit, die Sie dazu benötigt haben«, sagte sie.
»Zeit?«
»Die Geschwindigkeit Ihrer Entwicklung. Sie ist erstaunlich. Haben die Erdbewohner das nicht bemerkt?
Nein, ich glaube, es gibt keinen Grund, warum sie das bemerkt haben sollten.« Sie blickte ihn erneut an und einen Augenblick lang schien sie gedankenabwesend zu sein.
»Wann gelang es den Menschen, den Dampf zu zähmen?
Sie benötigten weniger als siebzig Jahre, um sich aus den Anfängen der Fliegerei heraus auf den Mond zu begeben.
Zwanzig Jahre, nachdem Sie Transistoren erfunden hatten, wurde Ihre halbe Welt von Computern gelenkt.«
»Ist das im Vergleich zu Minerva schnell?«
»Schnell! Es ist ein Wunder! Es läßt unsere eigene Entwicklung entsetzlich unbedeutend erscheinen. Und Sie schreiten immer schneller voran! Das kommt daher, weil Sie der Natur mit der gleichen angeborenen Aggressivität begegnen, die Sie allem entgegenschleudern, was sich in Ihren Weg stellt. Sie hacken einander nicht mehr gegenseitig in Stücke oder zerbomben ganze Städte, aber in Ihren Wissenschaftlern, Ingenieuren... Ihren Geschäftsleuten und Ihren Politikern herrscht immer noch der gleiche Instinkt.
Alle lieben sie einen harten Kampf. Sie gedeihen damit.
Darin besteht der Unterschied zu uns. Der Ganymeder lernt, um zu wissen, und findet nebenbei heraus, daß er damit Probleme löst. Der Erdbewohner nimmt sich ein Problem vor und ist der Meinung, daß er etwas gelernt hat, wenn das Problem gelöst ist, aber es kommt ihm auf den Kick an, den er beim Kämpfen und Gewinnen erlebt. Garuth faßte das gestern sehr gut zusammen, als ich mich mit ihm unterhielt. Ich fragte ihn, ob er der Meinung sei, daß irgendeiner der Erdbewohner tatsächlich an den Gott glaube, von dem sie reden. Wissen Sie, was er sagte?«
»Na was?«
»›Das werden sie, sobald sie ihn gemacht haben.‹«
Hunt konnte sich ein Grinsen über Garuths Verwirrung, die zugleich ein Kompliment darstellte, nicht verkneifen.
Er war eben im Begriff zu antworten, als sich ZORAC mit seiner eigenen Stimme meldete: »Entschuldigung, Dr.
Hunt.«
»Ja?«
»Ein Sergeant Brukhov möchte dich einen Augenblick sprechen. Nimmst du Anrufe an?«
»Entschuldige mich einen Moment«, sagte er zu Shilohin. »In Ordnung. Stell ihn durch.«
»Dr. Hunt?« Die Stimme einer der UNWO-Piloten war deutlich zu vernehmen.
»Hier.«
»Entschuldigen Sie die Störung, aber wir treffen gerade die Vorbereitungen für die Rückkehr aller Anwesenden nach Pithead. In einer halben Stunde fliege ich einen Transporter zurück, und ich habe noch zwei freie Sitzplätze übrig. Zusätzlich bricht noch ein ganymedisches Schiff eine Stunde später auf, und einige Leute wollen gemeinsam auf diesem Schiff zurückkehren. Da Sie ja auch nach Pithead fliegen, können Sie sich die Fuhre aussuchen.«
»Wissen Sie, wer mit dem ganymedischen Schiff fliegt?«
»Keine Ahnung, um wen es sich handelt, aber sie stehen direkt vor mir. Ich befinde mich in dem großen Raum, in dem die Konferenz abgehalten wurde.«
»Geben Sie sie mir bitte doch mal auf den Monitor«, bat Hunt.
Er aktivierte sein Gerät am Handgelenk und blickte auf das Bild, das ihm von Brukhovs Stirnband übermittelt wurde. Es waren Gesichter zu sehen, die Hunt sofort erkannte: Alle gehörten sie zu Leuten, die in den Laboratorien auf Pithead arbeiteten. Carizan war dabei... ebenso Frank Towers.
»Vielen Dank für das Angebot«, sagte Hunt. »Ich fliege trotzdem mit diesen Leuten dort.«
»Gut... oh... warten Sie mal einen Mo...« Undeutliches Stimmengewirr im Hintergrund, dann meldete sich Brukhov erneut. »Einer von denen will wissen, wohin zum Teufel Sie es verschlagen hat.«
»Erzählen Sie ihm, daß ich die Bar aufgespürt habe.«
Mehr Lärm.
»Er will wissen, wo zum Teufel das ist.«
»Schon gut, blicken Sie rüber zur Wand«, antwortete Hunt. »Nun folgen Sie ihr, links von Ihnen... ein Stück weiter...« Er beobachtete, wie das Bild über seinen Schirm wanderte. »Dort anhalten. Sie blicken auf den Haupteingang.«
»Klar.«
»Dort hindurch, nach rechts und dem Gang folgen. Sie können's gar nicht verfehlen. Getränke sind frei, ZORAC
nimmt die Bestellungen entgegen.«
»Prima, ich hab's kapiert. Sie lassen ausrichten, daß sie in ein paar Minuten bei Ihnen auftauchen. Melde mich ab.«
»Der Kanal ist wieder frei«, informierte ihn ZORAC.
»Tut mir leid«, sagte Hunt zu Shilohin. »Es ist Besuch unterwegs.«
»Erdbewohner?«
»Eine Horde Trunkenbolde aus dem Norden. Ich beging den Fehler, ihnen zu erzählen, wo wir uns befinden.«
Sie lachte – er konnte es mittlerweile am Ton erkennen
–, und dann wurde sie wieder ernst. »Ich halte Sie für einen sehr rationalen und vernünftigen Erdbewohner. Es gibt da etwas, was wir nie zuvor erwähnten, weil wir uns sehr unsicher über die Reaktionen waren, die es hervorrufen könnte, aber ich denke, daß wir hier darüber reden können.«
»Schießen Sie los.« Hunt spürte, daß sie bereits über irgend etwas gegrübelt hatte, während er mit dem Piloten gesprochen hatte. Er bemerkte eine geringfügige Veränderung in ihrem Verhalten. Sie drückte damit nicht direkt aus, daß der Gegenstand höchst vertraulicher Natur war, sondern daß sein persönlicher Gebrauch dieser Informationen seiner eigenen Diskretion überlassen blieb.
»Es gab eine Situation, in der sich die Ganymeder auf die Position bewußter Gewaltanwendung zurückzogen...
der vorsätzlichen Zerstörung von Leben.«
Hunt wartete schweigend ab und war sich unsicher, welche Antwort am angemessensten war.
»Sie kennen das Problem, mit dem sich Minerva herum-zuschlagen hatte«, fuhr sie fort, »nämlich mit dem Anstieg des Kohlendioxidgehaltes. Also, eine mögliche Lösung bot sich unmittelbar von selbst an – einfach auf einen anderen Planeten auszuwandern. Das war jedoch zu einer Zeit, bevor es Schiffe wie die Shapieron gab... bevor wir zu anderen Sternen fliegen konnten. Daher konnten wir uns lediglich auf die Planeten des Sonnensystems konzentrieren.
Außer Minerva selbst gab es nur einen einzigen, auf dem Leben möglich war.«
Hunt starrte sie ausdruckslos an. Er hatte den Sinn ihrer Worte noch nicht ganz verstanden.
»Die Erde«, sagte er mit leichtem Achselzucken.
»Ja, die Erde. Wir hätten unsere gesamte Zivilisation zur Erde transferieren können. Wie Sie wissen, hatten wir For-schungsexpeditionen nach dort entsandt, aber als sie Einzelheiten über die Umweltbedingungen, die sie dort antra-fen, meldeten, waren wir uns im klaren, daß auf diese Weise Minervas Probleme nicht leicht zu lösen wären. Ganymeder hätten niemals inmitten einer derartigen Barbarei überleben können.«
»Also hat man folglich diese Idee aufgegeben?« deutete Hunt an.
»Nein, ... nicht ganz. Sehen Sie, viele Ganymeder hielten die gesamte irdische Ökologie und die Geschöpfe, die einen Teil davon darstellten, für so widernatürlich, daß sie in Ihren Augen eine Pervertierung des Lebens darstellten –ein Schandfleck inmitten eines unter anderen Umständen perfekten Universums, das besser ohne diesen Makel wäre.« Je mehr er sich der Bedeutung ihrer Worte klar wurde, desto verblüffter starrte Hunt sie an. »Es wurde der Vorschlag gemacht, den gesamten Planeten von der Krankheit zu heilen, die ihn offenbar befallen hatte. Das irdische Leben sollte ausgelöscht und anschließend durch minervisches ersetzt werden. Schließlich, so argumentier-ten die Befürworter dieses Planes, würde man ja nach den Spielregeln der Erde selbst verfahren.«
Hunt war verblüfft. Wären die Ganymeder – nach allem, was man von ihnen erfahren hatte – tatsächlich dazu fähig gewesen, einen solchen Plan auszuhecken? Sie beobachtete ihn und schien seine Gedanken zu lesen.
»Die meisten Ganymeder widersetzten sich instinktiv, vollständig und kompromißlos dieser Idee. Sie lief völlig unserer Grundeinstellung zuwider. Der öffentliche Protest, der damit hervorgerufen wurde, war vermutlich der heftigste innerhalb unserer Geschichte.
Dennoch befand sich unsere Welt in der Gefahr, unbewohnbar zu werden, und einige Regierungsmitglieder waren der Ansicht, daß sie dazu verpflichtet seien, jede nur mögliche Alternative zu untersuchen. Daher errichteten sie in aller Stille eine kleine Kolonie auf der Erde, um den Versuch an Ort und Stelle durchzuführen.« Sie sah, daß sich Fragen über Hunts Lippen drängten, und hob eine Hand, um ihre Artikulation zu unterbinden. »Fragen Sie mich nicht, wo auf der Erde sich diese Kolonie befand oder welche Methoden man anwandte, um die gestellten Aufgaben auszuführen. Ich habe sowieso schon große Schwierigkeiten, überhaupt über die ganze Sache zu reden. Lassen Sie uns nur einfach sagen, daß die Ergebnisse katastrophal ausfielen. In einigen Gebieten brach die Umwelt infolge der unternommenen Versuche völlig zusammen, und viele irdische Spezies wurden in dem Zeitalter, das Sie Oligozän nennen, aus diesen Gründen völlig ausgerottet. Einige be-troffene Gebiete sind bis zum heutigen Tage Wüstenstriche geblieben.«
Hunt wußte nicht, was er sagen sollte, und schwieg deshalb. Was er soeben zu hören bekommen hatte, war niederschmetternd, nicht wegen der eingesetzten Mittel oder der Resultate, die sich daraus ergaben, sondern deshalb, weil man dies einfach nicht vermutet hätte. Für ihn bedeutete diese Unterredung eine Enthüllung, sogar eine Enthüllung umwerfender Art, aber keinesfalls mehr. Für einen Ganymeder, so erkannte er, mußte sie traumatischen Charakter besitzen.
Shilohin schien irgendwie durch die Tatsache beruhigt zu sein, daß Hunt ohne heftige Emotionen reagierte, und fuhr daher fort. »Es dürfte kaum überraschen, daß die psy-chologischen Auswirkungen auf die Kolonisten in gleicher Weise katastrophal waren. Die ganze bedauerliche Affäre wurde stillschweigend abgebrochen und als eine der be-dauerlichsten Episoden in unserer Geschichte zu den Akten gelegt. Wir tun unser Bestes, die ganze Sache in Vergessenheit geraten zu lassen.«
Ein Schwall menschlicher Stimmen, mit Gelächter durchsetzt, erklang weiter hinten im Gang. Als Hunt erwartungsvoll aufblickte, berührte Shilohin seinen Arm, um seine Aufmerksamkeit noch einen kurzen Moment lang aufrechtzuerhalten.
»Das, Dr. Hunt, ist der wahre Grund, warum wir zu beschämt sind, um über das Oligozänzeitalter und seine Tiere zu reden«, sagte sie.
13
Es wurde angekündigt, daß die Shapieron wieder über ihre vollständige Funktionsfähigkeit verfügte, und die Ganymeder ließen wissen, daß sie beabsichtigten, mit dem Schiff einen Probeflug zum äußersten Rande des Sonnensystems zu unternehmen. Die Reise sollte ungefähr eine Woche dauern.
Eine zusammengewürfelte Gruppe aus Wissenschaftlern, Ingenieuren und UNWO-Personal hatte sich in der Messe auf Pithead zusammengefunden, um den Start zu beobachten, der von der Hauptbasis auf den Wandschirm übertragen wurde. Hunt, Carizan und Towers hatten sich um einen Tisch im hinteren Teil des Raumes zusammengesetzt und tranken Kaffee. Als sich der Countdown seinem Ende zu-neigte, erstarb der Lärm der geführten Unterhaltungen, und eine erwartungsvolle Stille breitete sich aus.
»Alle UNWO-Schiffe haben den Sektor geräumt. Sie können planmäßig abheben«, kam die Stimme des Wachhabenden im Kontrollzentrum über den Wandlautsprecher.
»Verstanden«, erwiderte die vertraute Stimme ZORACs.
»Alle unsere Startvorbereitungstests sind positiv ausgefallen. Wir heben jetzt ab. Au revoir bis in einer Woche, ihr Erdbewohner.«
»Klar. Wir erwarten euch.«
Noch einige weitere Augenblicke verharrte das riesenhafte, majestätische Schiff, dessen Heckteil wieder hochge-fahren und dessen Außenschleusen geschlossen waren, ohne Bewegung und ragte wie ein Turm himmelwärts, wobei es die zusammengewürfelten Gebäudeteile der Basis im Vordergrund beherrschte. Dann begann das Schiff, sich langsam und sanft zu erheben, und glitt hinauf vor einem ununterbrochenen Hintergrund von Sternen, der sich auftat, als die Kamera dem Aufstieg folgte und der Eiskamm aus dem Unterteil des Bildes verschwunden war. Fast augenblicklich begann es, sich rapide zu verkleinern, als die per-spektivische Verkürzung zum Kamerawinkel mit einer Geschwindigkeit zunahm, die auf eine atemberaubende Beschleunigung schließen ließ.
»Mann, guck doch mal, wie die abzischt!« tönte die Stimme von der Hauptbasis. »Habt ihr schon Radarkontakt, J5? «
»Die donnert wie ein geölter Blitz vorbei«, antwortete eine andere Stimme. »Wir verlieren sie schon auf dem Schirm. Der Punkt löst sich auf. Sie müssen bereits den Haupttrieb aktiviert haben – ihr Kraftfeld beginnt, unregelmäßige Echos zu reflektieren. Auch auf den Sichtor-tungsschirmen wird das Bild unzusammenhängender...«
Und dann: »Das war's. Es ist fort... als ob es niemals dagewesen wäre. Phantastisch!«
Das war das. Einige halblaute Pfiffe der Überraschung durchbrachen die Stille in der Messe von Pithead, die von halblauten Ausrufen und dumpfem Gemurmel begleitet wurden. Allmählich vereinigten sich die Konversationsfet-zen wieder und verschmolzen zu einem konstant anwachsenden Lärmpegel, der dann, auf einer gewissen Schwelle angelangt, gleichblieb. Das Bild auf dem Schirm zeigte wieder die Hauptbasis, die mittlerweile irgendwie verlassen und unvollständig ohne das Schiff im Hintergrund aussah.
Bereits nach einer relativ kurzen Zeit kam ihnen das Leben ohne die Riesen irgendwie unnormal vor.
»Na, ich muß gehen«, sagte Hunt und erhob sich aus seinem Sessel. »Chris möchte mit mir über etwas sprechen.
Ich sehe Sie dann später.« Die anderen beiden schauten auf.
»Klar. Bis später dann.«
»Machen Sie's gut, Vic.«
Als er auf die Tür zuging, erkannte Hunt, daß sich Pithead merkwürdig ausnahm, wenn kein einziger Ganymeder in Sicht war. Es war schon merkwürdig, dachte er, daß jeder einzelne von ihnen an diesem Testflug teilneh-men mußte. Aber... darüber gab es für Erdbewohner nichts nachzugrübeln. Er bemerkte außerdem, daß er sich erst daran gewöhnen mußte, daß ZORAC nicht zur Verfügung stand. Unbewußt hatte er sich daran gewöhnt, mit anderen zu kommunizieren und die Maschine um Rat zu fragen, ganz gleich, zu welcher Zeit und Stunde oder wo auch immer er sich gerade aufhielt. ZORAC war zu einem Führer, Mentor, Tutor und Ratgeber in einer Person geworden –ein allwissender und überall anwesender Begleiter. Hunt fühlte sich ohne ihn plötzlich sehr einsam und isoliert. Die Ganymeder hätten wohl spezielle Übertragungsgeräte auf Ganymed zurücklassen können, mit deren Hilfe man eine Verbindung zu ZORAC hätte herstellen können, aber der wechselseitige Zeitverzögerungseffekt, der durch die Geschwindigkeit der Shapieron hervorgerufen wurde, ganz zu schweigen von der riesigen Entfernung, die bei dem Flug zurückgelegt wurde, hätte bald jedwede Form vernünftiger Kommunikation unmöglich gemacht. Es würde eine lange Woche werden, gestand er sich heimlich ein.
Hunt fand Danchekker in seinem Labor, wo er mit seinen minervischen Pflanzen beschäftigt war, die mittlerweile in jeder Ecke des Raumes wuchsen und die offenbar kurz vor einer Invasion des Außenflurs standen. Der Gegenstand, den der Professor diskutieren wollte, bezog sich auf die Theorie, die er gemeinsam mit Hunt aufgestellt hatte, bevor die Ganymeder eingetroffen waren, und die sich auf die allen minervischen Landarten inhärente geringe Toleranz gegenüber atmosphärischem Kohlendioxid bezog. Diese Theorie besagte, daß diese Eigenschaft zusammen mit dem grundlegenden System des chemischen Metabolismus von einem sehr frühen gemeinsamen Meeresvorfahren ererbt worden war. Nachdem er die Angelegenheit lang und breit mit verschiedenen ganymedischen Wissenschaftlern mit Hilfe von ZORAC erörtert hatte, wußte Danchekker mittlerweile, daß diese Theorie falsch war.
»Als schließlich Landlebewesen auf Minerva auftauchten, entwickelten sie eine sehr wirksame Methode, um mit dem hohen Kohlendioxidanteil des Planeten zurechtzu-kommen. Die Art und Weise, wie ihnen das gelang, ist, im nachhinein betrachtet, sehr offenkundig und sehr einfach.«
Danchekker unterbrach sein Herumwühlen im Blätterwald für einen Augenblick und wandte halbwegs seinen Kopf, um Hunt Zeit zum Nachdenken über seine Aussage zu lassen. Hunt, der sich nachlässig auf einen der Hocker gefläzt hatte und sich mit einem Ellenbogen auf der Kante der Bank neben ihm aufgestützt hatte, schwieg und wartete ab.
»Sie entwickelten ihr zweites Zirkulationssystem, um den Überschuß abzubauen«, informierte ihn Danchekker.
»Ein System, das ursprünglich zur Entfernung von toxischen Stoffen vorgesehen war. Es gab einen voll verwen-dungsfähigen Mechanismus, der für die Aufgabe wie geschaffen war.«
Hunt ließ sich dies durch den Kopf gehen und rieb sich gedankenvoll das Kinn.
»Aha...« sagte er nach einer Weile. »Diese Idee, die wir entwickelten – daß sie das Merkmal einer geringen Toleranz erbten –, ist also weg vom Fenster... alles Geschwafel, wie?«
»Geschwafel.«
»Und dieses Charakteristikum hielt sich, nicht wahr?
Also, alle Spezies, die später auftauchten, erbten den Mechanismus... sie waren allesamt ihrer Umgebung bestens angepaßt?«
»Ja. Sie entsprachen ihr vollständig.«
»Dann ist mir eine Sache aber noch unklar«, sagte Hunt und runzelte die Stirn. »Wenn das, was Sie gesagt haben, stimmt, dann müßten auch die Ganymeder eine adäquate Resistenz entwickelt haben. Wenn das der Fall wäre, hätten sie sich jedoch nicht mit ihrem CO2-Problem herumschlagen müssen. Aber sie sagten ja selbst, daß sie entsprechende Schwierigkeiten hatten. Wie kommt das aber dann?«
Danchekker drehte sich zu ihm herum und sah ihn an.
Dabei wischte er die Handflächen vorn an seinem Laborkittel ab. Seine Augen blitzten hinter seinen Brillengläsern, und er entblößte seine Zähne.
»Sie haben ihn geerbt – den Widerstandsmechanismus.
Auch sie hatten ein Problem. Aber sehen Sie, das Problem war nicht natürlicher, sondern künstlicher Art. Sie haben es sich selbst eingebrockt, viel später im Verlauf ihrer Geschichte.«
»Chris, Sie sprechen in Rätseln. Warum fangen Sie nicht von vorne an?«
»Na gut.« Danchekker wischte die von ihm benutzten Werkzeuge trocken und legte sie in eines der Schubfächer zurück. »Wie ich gerade sagte – als Landbewohner auf Minerva auftauchten, stellte sich das sekundäre Zirkulationssystem, über das alle Spezies bereits verfügten – und das sie zu giftigen Geschöpfen machte –, auf den Abbau des Überschusses an Kohlendioxid um. Daher gediehen alle Lebensformen, die sich dort entwickelten, trotz des im Vergleich zur Erde höheren Kohlendioxidanteils in der Atmosphäre ganz prächtig, da sie ein phantastisches Mittel zur Anpassung an ihre Umwelt entwickelt hatten... das ist genau die Art und Weise, wie die Natur üblicherweise vor-geht. Als sich nach einigen hundert Millionen Jahren intelligentes Leben in Form primitiver Ganymeder bildete, verfügten auch sie über den gleichen Grundaufbau, der im we-sentlichen unverändert geblieben war. So weit, so gut?«
»Sie waren immer noch giftig, und sie waren gut angepaßt«, sagte Hunt.
»Ganz recht.«
»Was geschah dann?«
»Dann muß sich eine sehr interessante Sache ereignet haben. Die ganymedische Rasse tauchte auf und durchlief alle die Stadien, die man von einer primitiven Kultur erwarten kann, die sich auf dem Weg zur Zivilisation vorta-stet: Herstellung von Werkzeugen, Anbau von Nahrungs-mitteln, Häuserbau und so weiter. Na ja, mittlerweile, wie Sie sich wohl vorstellen können, stellte sich der uralte Selbstverteidigungsmechanismus, den sie von ihren entfernten Meeresvorfahren geerbt hatten, um sich gegen Fleischfresser zu schützen, immer stärker als eine verdammte Last heraus, die keinerlei Hilfe mehr war. Es gab keine Fleischfresser, vor denen man geschützt zu werden brauchte, und es lag auf der Hand, daß keine mehr auftauchen würden. Andererseits erwies sich die akute Anfälligkeit gegenüber Unfällen, die von Selbstvergiftung herrührte, als ein schwerwiegendes Handikap.« Danchekker hielt einen Finger hoch und zeigte einen kleinen, selbstkle-benden Pflasterstreifen, der um seinen zweiten Gelenk-knoten lag. »Ich ritzte mich gestern mit einem Skalpell«, erklärte er. »Wäre ich einer dieser frühen Ganymeder gewesen, so hätte mich der Tod höchstwahrscheinlich innerhalb einer Stunde dahingerafft.«
»Na schön, dieser Punkt ist geklärt«, räumte Hunt ein.
»Aber was konnten sie dagegen unternehmen?«
»Irgendwann im Verlauf der Zeit, die ich soeben beschrieb – den frühen Anfängen der Zivilisation –, entdeckten die Ahnen, daß die Giftstoffe im sekundären System neutralisiert werden konnten, wenn man der Nahrung gewisse Pflanzen und Schimmelpilze beigab. Man entdeckte dies durch Beobachtungen an Tieren, deren Immunität gegenüber Verletzungen, die den sicheren Tod zur Folge gehabt hätten, wohlbekannt war. Dieser einfache Schritt stellt vermutlich ihren entscheidendsten einzelnen Sprung nach vorn dar. Im Verbund mit ihrer Intelligenz sicherte dies praktisch die Vorherrschaft über alle minervischen Lebensformen. Beispielsweise wurde ihnen so der gesamte Bereich der medizinischen Wissenschaften eröffnet. Mit der Beherrschung des Selbstvergiftungsmechanismus wurde die Chirurgie möglich.
In einem späteren Stadium ihrer Geschichte entwickelte man eine einfache chirurgische Methode der permanenten Neutralisierung des sekundären Systems, ohne daß man sich noch auf einzugebende Mittel verlassen brauchte. Sie wurde in Form einer Standardprozedur an jedem Ganymeder kurz nach seiner Geburt vollzogen. Noch später dann, nachdem sie unseren Entwicklungsstand überflügelt hatten, isolierten sie das Gen, welches für die Bildung des sekundären Systems in einem Fötus verantwortlich war, und rotteten es gänzlich aus. Sie züchteten sich dieses Merkmal förmlich weg. Keiner der Ganymeder, die wir getroffen haben, wurde überhaupt noch mit einem Sekundärsystem geboren, und ebenso verhielt es sich mit etlichen Generationen davor. Eine ziemlich elegante Lösung, meinen Sie nicht auch?«
»Unglaublich«, stimmte ihm Hunt zu. »Ich hatte niemals die Gelegenheit, mit einem von ihnen diese Sache zu bere-den... zumindest noch nicht bis jetzt.«
»Oh ja.« Danchekker nickte. »Sie waren ausgesprochen erfahrene genetische Experten, unsere ganymedischen Freunde... sehr erfahren.«
Hunt dachte einen Moment lang nach und schnalzte dann in jähem Verstehen mit den Fingern.
»Aber natürlich«, sagte er. »Indem sie das taten, legten sie zugleich ihre Widerstandskraft gegenüber dem CO2
ab.«
»Ganz genau, Vic. Alle übrigen Tiere auf Minerva be-hielten die hohe natürliche Toleranz bei. Nur bei den Ganymedern verhielt es sich anders. Sie opferten sie im Tausch mit der Resistenz gegen Unfälle.«
»Aber ich sehe nicht, wie das ging«, sagte Hunt und runzelte erneut die Stirn. »Das heißt, ich kann wohl verstehen, wie sie das hinkriegten, aber ich sehe nicht, wie sie damit leben konnten. Sie brauchten die Toleranz gegenüber dem CO2, sonst hätten sie es ja nicht ausscheiden können. Sie müssen das auch gewußt haben. Sie waren gewiß nicht dumm.«
Danchekker nickte, als wisse er bereits, was Hunt sagen würde.
»Es war damals wohl nicht so auffällig«, sagte er. »Sehen Sie, die Zusammensetzung der minervischen Atmosphäre veränderte sich im Verlauf der Zeitalter ebensosehr wie die der Erde. Auf Grundlage vielfältiger Untersuchungen fanden die Ganymeder heraus, daß zur Zeit des ersten Erscheinens von Landbewohnern die vulkanische Aktivität ihren Gipfelpunkt erreicht hatte und der Kohlendioxidanteil sehr hoch war – deshalb entwickelten die ersten Spezies naturgemäß eine hohe Resistenz. Aber im Laufe der Zeit verringerte sich der Anteil fortschreitend und schien sich zur Zeit der Ganymeder stabilisiert zu haben. Das veranlaßte sie, ihren Toleranzmechanismus als ein uraltes Relikt vergangener Tage anzusehen, und ihre Versuche zeigten, daß sie ohne ihn auskommen konnten. Der entstandene Spielraum war gering – gemessen an unseren Maßstäben war der CO2-Gehalt immer noch hoch –, aber sie kamen zurecht. Daher beschlossen sie, sich des Mechanismus auf immer zu entledigen.«
»Ah, aber dann stieg der CO2-Gehalt wieder an«, vermutete Hunt.
»Plötzlich und katastrophal«, bestätigte Danchekker.
»Zumindest gemessen an geologischen Zeiträumen. Man befand sich in keiner unmittelbaren Gefahr, aber alle ihre Meßergebnisse und Kalkulationen zeigten an, daß sie –oder zumindest eines Tages ihre Nachfahren – in Schwierigkeiten geraten würden. Ohne ihren alten Toleranzmecha-
nismus würden sie niemals überleben können, aber sie hatten ihn in ihrer Rasse ausgemerzt. Alle Tiere würden über keinerlei Anpassungsschwierigkeiten verfügen, die Ganymeder hingegen saßen in der Patsche.«
Das ganze Ausmaß des Problems, mit dem sich die Ganymeder konfrontiert gesehen hatten, wurde Hunt allmählich bewußt. Sie hatten eine einfache Fahrkarte gelöst, um aus ihrem Arbeitslager herauszukommen, und dann festgestellt, daß sie unterwegs zu einer Todeszelle waren...
»Was konnten sie tun?« fragte Danchekker und begann, sich selbst diese Frage zu beantworten. »Zunächst einmal –ihre Technologie einsetzen, um den CO2-Anteil mit künstlichen Mitteln niedrig zu halten. Daran dachten sie wohl, allein, ihre Entwürfe konnten ihnen keine ausreichend sicheren Kontrollmaßnahmen über den entsprechenden Prozeß garantieren. Es bestand die große Gefahr, daß im End-effekt der gesamte Planet zu Eis erstarrte, und da sie ein vorsichtiges Volk waren, beschlossen sie, es auf diese Weise nicht zu versuchen – zumindest nicht, bevor nichts anderes mehr übrigblieb.
Als zweites hätten sie wie ursprünglich vorgesehen den CO2-Gehalt reduzieren können, hätten dabei jedoch eine Methode zur Hand haben müssen, um die Sonnenintensität zu erhöhen und den Treibhauseffekt zu kompensieren, falls sie die Kontrolle über ihre Versuche mit der Atmosphäre verlieren sollten. Diese Methode probierten sie auf Iscaris aus, aber es ging in die Hose, wie die Wissenschaftler auf Minerva aus einer Botschaft von der Shapieron erfuhren, die kurz vor der Flucht des Schiffes abgeschickt worden war.«
Da Hunt keinerlei Andeutung einer Unterbrechung ge-
macht hatte, fuhr Danchekker fort. »Drittens – sie hätten zur Erde auswandern können. Sie versuchten das, indem sie ein Testunternehmen starteten, aber auch das ging schief.« Hunt zog die Schultern hoch und verharrte in dieser Stellung. Die Arme hielt er zugleich ausgestreckt, um anzudeuten, daß ihm keine weiteren Möglichkeiten mehr einfielen. Hunt wartete noch einen Augenblick lang weiter ab, aber offenbar hatte der Professor dem nichts mehr hin-zuzufügen.
»Was zum Teufel machten sie also dann?« fragte Hunt.
»Ich weiß es nicht. Die Ganymeder wissen es auch nicht, weil alle eventuellen Neuansätze erst nach ihrem Aufbruch von Minerva entstanden. Sie sind ebenso neugierig wie wir
– mehr sogar, könnte ich mir vorstellen. Es war schließlich ihre Welt.«
»Aber die Tiere von der Erde«, beharrte Hunt. »Sie wurden alle später importiert. Könnte es nicht sein, daß sie etwas mit der wahren Lösung zu tun haben?«
»Natürlich könnten sie das, aber was es genau mit ihnen auf sich hat, ist mir schleierhaft. Den Ganymedern auch.
Wir sind dennoch davon überzeugt, daß es mit der Errichtung einer irdischen Pflanzenkolonie zum Zweck der Absorption des CO2 nichts zu tun hatte. Das wäre einfach nicht gegangen.«
»Diese Hypothese ist also im Sande verlaufen, wie?«
»Im Sande verlaufen«, sagte Danchekker mit Entschie-denheit. »Warum sie die Tiere herbrachten und ob es etwas oder ob es nichts mit dem atmosphärischen Problem zu tun hatte, ist immer noch ein völliges Rätsel...« Der Professor legte eine Pause ein und linste gespannt über den Rand seiner Brille hinweg. »Aus dem, worüber wir uns gerade un-
terhalten haben, ergibt sich ein weiteres Rätsel ein neues Geheimnis.«
»Noch eines?« Hunt erwiderte neugierig seinen Blick.
»Was für eines?«
»Alle übrigen minervischen Tiere«, antwortete Danchekker langsam. »Sehen Sie, wenn sie alle über einen her-vorragend ausgebildeten Mechanismus verfügten, um mit dem CO2 fertig zu werden, können es nicht die Veränderungen in der Atmosphäre Minervas gewesen sein, die sie schließlich ausgelöscht haben. Wenn aber nicht die, was dann?«
14
Die Landschaft war ein wellenförmig verlaufendes Tuch aus Eis ohne bestimmte Merkmale, das sich nach allen Seiten hin ausdehnte, bis es schließlich mit dem Dunkel ewiger Nacht verschmolz. Von oben herab kamen die schwachen Strahlen einer winzigen Sonne, kaum mehr als ein heller Stern unter Millionen anderen, und hüllten die Szenerie in grausiges und augurenhaftes Zwielicht.
Die riesige, schemenhafte Gestalt des Schiffes erhob sich steil gen Himmel und verlor sich in dessen Schwärze.
Bogenlampen, hoch oben an seinen Flanken befestigt, warfen Lichtkegel gleißender Helligkeit herab und zeichneten einen geräumigen Kreis auf dem Eis in unmittelbarer Nachbarschaft des Landeplatzes.
Innerhalb dieses Kreises, an seiner Peripherie, waren mehrere hundert, acht Fuß hohe Gestalten in Vierergruppen angetreten, unbeweglich, mit gesenkten Häuptern, ihre Hände vorne leicht aufeinanderruhend. Der Bereich innerhalb des Kreises war in eine Reihe konzentrischer Ringe aufgeteilt, und in regelmäßigen Abständen waren um jeden Ring rechteckige Gruben in das Eis geschlagen worden, die alle nach dem Kreismittelpunkt ausgerichtet waren. An der Seite jeder Grube lag ein metallischer, kastenförmiger Container, ungefähr neun Fuß lang und vier Fuß breit.
Eine kleine Anzahl der Gestalten schritt langsam zum Mittelpunkt und ging um den innersten Ring. Sie verhielten vor jeder Grube und beobachteten schweigend, wie der Container hinabgelassen wurde, bevor sie zur nächsten traten. Eine zweite kleine Gruppe folgte ihnen und füllte jede der Gruben mit Wasser aus einem erwärmten Schlauch. In Sekundenschnelle war das Wasser zu Eis erstarrt. Nachdem der erste Ring beendet war, schritten sie voran, um mit dem zweiten zu beginnen, bis sie wieder zum äußeren Rand des Kreises zurückgekehrt waren.
Sie verharrten eine lange Zeit und starrten lange auf den schlichten Gedenkstein, den sie im Mittelpunkt des Kreises errichtet hatten – einen goldenen Obelisken mit einer Inschrift auf jeder Fläche, überstrahlt von einem Licht, das hundert Jahre lang brennen würde. Und während sie so starrten, wanderten ihre Gedanken in der Zeit zurück, zu Freunden und zu Gesichtern, die ihnen einst vertraut gewesen waren.
Als es an der Zeit war, wandten sie sich ab und traten einen langsamen Rückmarsch zu ihrem Schiff an. Dann, als die Bogenlampen ausgeschaltet waren, blieb nur noch der winzige Lichtschein um den Obelisken, der der Nacht trotzte.
Sie hatten ihr Gelöbnis eingelöst, das sie geschworen und das sie all die Jahre hindurch bis zu diesem Ort mit sich geschleppt hatten.
Unter der Eiskruste Plutos lag die Muttererde Minervas.
Die Riesen waren gekommen, um ihre Toten zur Ruhe zu betten.
15
So plötzlich, wie sie im Raum verschwunden war, so unmittelbar tauchte die Shapieron auch wieder auf. Die Radarüberwachungsgeräte fingen ein undeutliches Echo auf, das aus dem Nichts herangewirbelt kam, sich rapide kon-solidierte und mit unglaublicher Geschwindigkeit an Tempo verlor. Bis die optischen Abtaster empfangsklar waren, befand sich das Schiff bereits wieder in unmittelbarer Nähe und schwenkte wie beim ersten Mal in eine Umlaufbahn um Ganymed ein. Diesmal jedoch unterschieden sich die Gefühle, mit denen seine Ankunft aufgenommen wurde, erheblich vom ersten Mal.
Der Nachrichtenaustausch, der im Tageslogbuch im Kommunikationszentrum an Bord der Jupiter Fünf festgehalten wurde, war enthusiastisch und herzlich.
Shapieron: Guten Tag.
J5:
Hallo. Wie war die Reise?
Shapieron: Phantastisch. Wie war das Wetter?
J5:
So ziemlich wie immer. Wie waren die Ma-
schinen?
Shapieron: Niemals besser. Habt ihr unsere Quartiere reserviert?
J5:
Die gleichen wie zuvor. Wollt ihr runterkommen?
Shapieron: Danke. Wir kennen den Weg.
Fünf Stunden, nachdem die Shapieron auf der Hauptbasis Ganymeds gelandet war, gingen erneut bekannte acht Fuß hohe Gestalten mit klobigen Schritten die Korridore auf Pithead auf und ab.
Hunts Unterhaltung mit Danchekker hatte seine Neugierde an biologischen Abwehrmechanismen gegenüber toxischen und verseuchenden Wirkstoffen im Körper geweckt, und er verbrachte die nächsten Tage damit, sich über die Daten-bänke der Jupiter Fünf Zugang zu einschlägigem Material zu verschaffen.
Shilohin hatte erwähnt, daß sich das irdische Leben aus frühen, im Wasser lebenden Arten, die über kein zweites Kreislaufsystem verfügten, entwickelt hatte, weil sie es nicht benötigten. Die wärmere Umwelt der Erde erwirkte einen weitaus geringeren Bedarf an Sauerstoff, und daher erwies sich eine Aufteilung der Belastung des Organismus auf zwei Kreislaufsysteme als überflüssig. Aber es handelte sich um diesen gleichen Mechanismus, der die späteren Landbewohner Minervas dazu befähigte, sich einer Atmosphäre mit starkem CO2-Gehalt anzupassen. Die irdischen Tiere, die nach Minerva eingeführt worden waren, hatten augenscheinlich über keinen ähnlichen Mechanismus verfügt, und dennoch gelang es ihnen ohne Schwierigkeiten, sich ihrer neuen Umgebung anzupassen. Hunt war neugierig herauszubekommen, wie sie das bewerkstelligt hatten.
Seine Nachforschungen ergaben jedoch nichts Sensationelles. Die Erdenwelt hatte ihre eigenen Arten entwickelt, und die beiden Systeme fundamentaler Chemie, auf der die beiden unterschiedlichen planetarischen Arten aufbauten, waren unterschiedlicher Natur. Der chemische Aufbau bei minervischen Lebewesen war sehr diffizil, wie Danchekker bereits seit geraumer Zeit aus seinen Untersuchungen der minervischen Fische geschlossen hatte, die in den Über-
bleibseln einer zerstörten lunarischen Basis aufgefunden worden waren.
Landbewohner, die einen solchen chemischen Aufbau übernommen hatten, waren von Natur aus gegenüber gewissen Giften, einschließlich Kohlendioxid, empfindlich und verlangten nach einer zusätzlichen Schutzvorrichtung, um ihnen einen ausreichenden Widerstand gegenüber extremen atmosphärischen Bedingungen zu bieten – daher hatten die frühesten Formen minervischen Landlebens auch das zweite System adaptiert. Die Körperchemie bei irdischen Lebewesen war weitaus robuster und flexibler ausgelegt und konnte, sogar ohne irgendwelche Zusatzein-richtungen, eine größere Skala an Veränderungen durch-stehen. Und damit erschöpfte sich auch schon der Untersuchungsgegenstand.
Eines Nachmittags war ein erneuter Versuch, diesem Gegenstand einen neuen Aspekt abzugewinnen, fehlgeschla-gen. Hunt saß vor einem der Bildschirme, der sich in einem der Computerbedienungsräume auf Pithead befand. Da niemand anwesend war, mit dem er sein Problem hätte diskutieren können, stellte er eine Verbindung mit dem ganymedischen Computersystem her und erörterte die Sache mit ZORAC. Der Apparat hörte ihm aufmerksam zu und unterbrach Hunt bei der Schilderung seiner Angelegenheit nicht.
Anschließend gab er einen Beitrag dazu ab. »Ich kann dem nicht mehr viel hinzufügen, Vic. Du hast es offenbar sehr gründlich bearbeitet.«
»Es gibt also nichts, was ich deiner Meinung nach ausgelassen haben könnte?« hakte Hunt nach. Für einen Wissenschaftler war das sicherlich eine kuriose Fragestellung an einen Computer, aber Hunt war sich mittlerweile ZORACs unglaublichen Fähigkeiten bewußt, eine fehlende Kleinigkeit oder einen Makel an einem Argumentations-strang aufzuspüren, der einem selbst bombensicher vorkam.
»Nein. Die Beweise entsprechen genau deinen Schlußfolgerungen: Minervisches Leben benötigte zur Anpassung an die Umwelt ein zweites System und irdisches Leben nicht. Und dabei handelt es sich um eine bewiesene Tatsache, nicht etwa um eine Deduktion. Deshalb kann ich auch nicht viel dazu sagen.«
»Nein, ich glaube nicht«, räumte Hunt seufzend ein. Er betätigte einen Schalter, um seinen Computerausgang zu desaktivieren, zündete sich eine Zigarette an und fläzte sich in einen Sessel zurück. »Ich glaube, es war auch gar nicht so wichtig«, bemerkte er abwesend nach einigen Augenblicken des Schweigens. »Ich war nur einfach neugierig, ob bei einem Vergleich des unterschiedlichen biochemischen Aufbaus unserer Lebensformen und der Minervas irgend etwas Bedeutsames zutage treten würde. Sieht so aus, als sei dies nicht der Fall.«
»Was hofftest du denn herauszufinden?« fragte ZORAC.
Hunt zuckte automatisch mit den Schultern.
»Ach, ich weiß nicht... irgend etwas, das die von uns gestellten Fragen in hellerem Licht erscheinen lassen würde...
was mit allen minervischen Landlebewesen geschah, warum sie nicht überleben konnten, wohl aber die irdischen Tiere – wir wissen jetzt, daß dafür nicht der CO2-Gehalt verantwortlich war... solche Sachen.«
»Also irgend etwas Ungewöhnliches«, deutete ZORAC
an.
»Mmm... ich glaub' schon.«
Es verstrichen einige Augenblicke, bevor ZORAC erneut sprach. Hunt hatte das dumpfe Gefühl, daß sich die Maschine seine Gedanken durch den Kopf gehen ließ.
Dann sagte sie mit sachlicher Stimme: »Vielleicht hast du die falsche Frage gestellt.«
Es dauerte einen Moment, bis sich Hunt der Implikationen bewußt wurde. Dann nahm er jedoch abrupt seine Zigarette aus dem Mund und setzte sich aufrecht in seinen Sessel.
»Wie bitte?« fragte er. »Was ist an der Frage falsch?«
»Du fragst, warum minervisches und terrestrisches Leben verschieden war, und warst nur insofern erfolgreich, indem du bewiesen hast, daß die Antwort ›weil es so war‹
lautete. Das ist zweifelsohne der Fall, aber es bringt dir absolut nichts Neues. Es ist so, als würdest du fragen:
›Warum löst sich Salz im Wasser auf, während das bei Sand nicht der Fall ist?‹ und zur Antwort bekommen: ›Weil Salz löslich ist und Sand nicht.‹ Das ist ausgesprochen richtig, sagt dir jedoch nicht viel. Auf diese Weise bist du verfahren.«
»Du meinst also, ich habe mich mit einem Zirkelschluß aufgehalten?« fragte Hunt, aber noch während er diese Worte formte, merkte er bereits, daß ZORAC recht hatte.
»Einem sehr ausgeklügelten, aber wenn du mal seinen logischen Aufbau untersuchst – ja«, bestätigte ZORAC.
Hunt nickte und warf seine Zigarette in den Aschenbecher.
»Na schön. Welche Frage sollte ich stellen?«
»Laß mal für einen Moment lang den Vergleich zwischen minervischem und irdischem Leben außer acht und konzentriere dich einfach nur auf das irdische«, antwortete ZORAC. »Nun frage einmal, warum der Mensch sich so sehr von anderen Arten unterscheidet.«
»Ich war der Meinung, wir wüßten darüber völlig Bescheid«, sagte Hunt. »Ein größeres Hirn, den Fingern gegenüberliegende Daumen, eine stark ausgebildete Sehkraft, alles in einer einzigen Art vorhanden – alle Werkzeuge, die man benötigt, um Neugierde und das Erlernen von Fähigkeiten anzuspornen. Was ist daran neu?«
»Ich weiß, wie die Unterschiede aussehen«, stellte ZORAC fest. »Meine Frage lautete, warum es sie gibt.«
Hunt kratzte sich einen Moment lang mit den Finger-knöcheln am Kinn, während er über die Frage nachdachte.
»Glaubst du, daß das wichtig ist?«
»Sehr.«
»Gut. Ich glaub's dir. Warum unterscheidet sich der Mensch so sehr von anderen Arten?«
»Ich weiß es nicht.«
»Na prima!« Seufzend atmete Hunt eine dicke Wolke Zigarettenqualm aus. »Und wie soll ich auf diese Weise mehr herausbekommen als mit meinen Fragen?«
»Geht nicht«, räumte ZORAC ein. »Aber diese Frage verlangt nach einer Antwort. Wenn du auf etwas Außergewöhnliches aus bist, ist das ein guter Anfang. Um den Menschen ist etwas sehr Außergewöhnliches.«
»So, was denn?«
»Weil der Mensch eigentlich überhaupt nicht existieren dürfte. Es hätte gar nicht möglich sein dürfen, daß er sich entwickeln konnte. Den Menschen kann es eigentlich gar nicht geben, aber es gibt ihn. Das scheint mir sehr außergewöhnlich zu sein.«
Hunt schüttelte verdutzt den Kopf. Die Maschine sprach in Rätseln.
»Ich verstehe das nicht. Warum hätte der Mensch nicht
›passieren‹ dürfen?«
»Ich habe die interaktionellen Grundsubstanzfunktionen untersucht, welche die Reaktionen des nervenstimulieren-den Potentials in den Nervensystemen höherer irdischer Wirbeltiere ausdrücken. Einige der Reaktionskoeffizienten hängen in starkem Maße ab von den Konzentrations- und Verteilungswerten gewisser mikrochemischer Kräfte. Zusammenhängende Reaktionsketten in Schlüsselbereichen der cerebralen Cortex konnten sich nicht innerhalb der Ebenen stabilisieren, die in allen Spezies, mit Ausnahme des Menschen, auftreten.«
Pause.
»ZORAC, was redest du da eigentlich?«
»Du verstehst mich nicht?«
»Gelinde ausgedrückt – nein.«
»Na schön.« ZORAC hielt einen Moment lang inne, als wolle er seine Gedanken ordnen. »Sind dir Kaufmanns und Randalls Studien bekannt, die sie vor kurzem an der Universität von Utrecht in Holland betrieben haben? Sie sind vollständig im Datenspeicher auf der Jupiter Fünf enthalten.«
»Ja, ich bin in der Tat auf einige entsprechende Verweise gestoßen«, antwortete Hunt. »Frisch mal mein Gedächtnis ein wenig auf.«
»Kaufmann und Randall trieben intensive Studien im Bereich der Schutzmechanismen irdischer Wirbeltiere gegen giftige Mittel und schädliche Mikroorganismen, die in ihren Kreislauf gelangen«, sagte ZORAC. »Die Einzelhei-
ten weichen je nach der entsprechenden Tierart etwas voneinander ab, aber der grundlegende Mechanismus stimmt bei allen überein vermutlich weitergereicht aus gemeinsamen zurückliegenden Urformen und modifiziert.«
»Ah ja, ich erinnere mich«, sagte Hunt. »So eine Art natürlicher Selbstimmunisierungsprozeß, nicht wahr?«
Er bezog sich auf die Entdeckung der Wissenschaftler in Utrecht, die besagte, daß die irdischen Tiere in geringer Menge ein Gemisch von Verseuchungs- und Giftstoffen produzierten, die in solchen Mengen dem Blutstrom bei-gemischt wurden, daß damit die Herstellung spezifischer Gegengiftstoffe angeregt wurde. Der ›Bauplan‹ dieser Ge-gengifte wurde auf diese Weise fortwährend auf eine Weise in das chemische System des Körpers ›eingraviert‹, daß sich im Falle einer Invasion des Körpers von gefährli-chen Ausmaßen die Produktion auf wunderbare Weise ver-vielfältigte.
»Korrekt«, antwortete ZORAC. »Das erklärt, warum Tiere in weitaus geringerem Maße von ungesunder Umgebung, verseuchter Nahrung und so weiter gefährdet werden als der Mensch.«
»Weil der Mensch eben anders aufgebaut ist. Er funktioniert eben nicht auf eine solche Weise – hab' ich recht?«
»Ja.«
»Womit wir wieder bei unserer Frage angelangt wären.«
»Ja.«
Hunt starrte einen Augenblick lang auf den leeren Bildschirm der Konsole und überlegte sich krampfhaft, worauf die Maschine hinauswollte. Was auch immer es war, Hunt vermochte es nicht einzuordnen.
»Ich sehe immer noch nicht, wohin uns das führt«, sagte er schließlich. »Der Mensch ist anders, weil er eben anders ist. Es ist eine genauso sinnlose Frage wie vorhin.«
»Nicht ganz«, sagte ZORAC. »Das Problem liegt darin, daß es dem Menschen eigentlich nicht hätte möglich sein können, überhaupt erst anders zu werden. Da wird die Sache interessant.«
»Wie bitte? Ich komme nicht mit.«
»Darf ich dir einige Gleichungen zeigen, die ich gelöst habe?« schlug ZORAC vor.
»Na los.«
»Wenn du einen Kanalaktivierungsbefehl erteilst, proji-ziere ich sie dir über das Kommunikationsnetz der UNWO
auf den großen Schirm.«
Hunt entsprach seinem Wunsch und tippte eine rasche Sequenz von Ziffern in die sich vor ihm befindliche Tastatur. Eine Sekunde später wurde der Schirm über seinem Kopf zu einem Kaleidoskop verwirrender Farbenvielfalt, das sich sofort zu einer großen Anzahl engzeiliger mathematischer Formeln verdichtete. Hunt starrte einen Moment lang auf den Schirm und schüttelte dann seinen Kopf.
»Was soll denn das alles bedeuten?« fragte er.
ZORAC freute sich förmlich, daß er etwas erklären durfte. »Diese Formeln drücken in allgemeiner Hinsicht gewisse Aspekte des Verhaltens des idealtypischen Zen-tralnervensystems irdischer Wirbeltiere aus. In besonderer Weise stellen sie jedoch dar, wie das Grundgerüst des Nervensystems auf die Anwesenheit von bestimmten Konzen-trationswerten und Mischungsverhältnissen verschiedener chemischer Fremdstoffe im Blutstrom reagiert. Die in rot dargestellten Koeffizienten sind Modifikationen, die für eine bestimmte Art festzulegen wären, aber die dominanten Faktoren sind die allgemeinen, grün markierten.«
»So?«
»Damit wird ein grundlegendes Zurückweichen in der Art und Weise angezeigt, die von irdischen Tieren zum Schutz vor ihrer chemischen Umgebung entwickelt wurde.
Das Zurückweichen besteht darin, daß die in den Blutstrom durch den Selbstimmunisierungsprozeß eingeschleusten Substanzen mit den Funktionen des Nervensystems kolli-dieren. In besonderem Maße hemmen sie die Entwicklung höherer Gehirnfunktionen.«
Plötzlich erkannte Hunt, worauf ZORAC hinauswollte.
Bevor er seine Gedanken in Worte umsetzen konnte, sprach der Apparat bereits weiter.
»In besonderem Maße könnte sich auf keinen Fall überhaupt Intelligenz entwickeln. Größere und komplexere Gehirnfunktionen verlangen nach einer größeren Blutzufuhr –diese jedoch trägt in erhöhtem Maße verunreinigende Stoffe mit sich und konzentriert sie in den Hirnzellen. Ver-unreinigte Hirnzellen wiederum können nicht in ausreichendem Maße zusammenarbeiten, um höhere Aktivitätse-benen – oder mit anderen Worten Intelligenz – zu erreichen.
Intelligenz hätte also, anders ausgedrückt, niemals von der irdischen Linie der Wirbeltierentwicklung hervorgebracht werden können. All diese Zahlen besagen, daß irdisches Leben eigentlich in einer Sackgasse hätte enden müssen.«
Hunt starrte lange Zeit auf die Zeichen, die auf dem Schirm festgewachsen zu sein schienen, während er über die Bedeutung all dieser Informationen nachsann. Der uralte Bau, der von den weit zurückliegenden Vorfahren der Wirbeltiere vor Millionen von Jahren entwickelt worden war, hatte kurzfristigen Bedürfnissen gedient, die längerfri-stigen Konsequenzen jedoch nicht vorausgesehen. Der Mensch jedoch, irgendwo auf dem Wege seiner evolutionären Linie, hatte den Selbstimmunisierungsmechanismus abgeschafft. Dadurch hatte er seine Anfälligkeit gegenüber seiner Umwelt erhöht, zugleich jedoch sich den Weg zur Entwicklung seiner überlegenen Intelligenz freigemacht, die im Laufe der Zeit den ursprünglichen Nachteil mehr als wettgemacht hatte.
Die brennende Frage lautete natürlich: Wie und wann hatte der Mensch diesen Schritt getan? Die Forscher aus Utrecht lieferten dazu folgenden Lösungsvorschlag: Während des erzwungenen Auszuges seiner Vorfahren nach Minerva, während des Zeitraums, der sich zwischen fünfundzwanzig Millionen und fünfzigtausend Jahren erstreckte. Vor fünfundzwanzig Millionen Jahren waren viele Arten der Erde nach Minerva verschleppt worden; lange Zeit später war nur eine einzige zurückgekehrt – eine, die alles andere als herkömmlicher Art war. Der Homo sapiens, in Gestalt der Lunarier, war wieder aufgetaucht – der fürchterlichste Gegner, den die Arenen beider Welten jemals zu Gesicht bekommen hatten. Er hatte die Vorherrschaft über Minerva innegehabt, während die zeitgenössi-schen Anthropoiden auf der Erde im Halbdunkel erwa-chenden Selbstbewußtseins herumgetappt waren. Dann, nachdem er jene Welt zerstört hatte, war er zur Erde zurückgekehrt, um die Herrschaft über den Ort seiner Herkunft zu beanspruchen. Im Verlauf dieses Prozesses hatte er seine entfernten Verwandten ruchlos und vollständig ausgerottet.
Danchekker war zu dem Schluß gekommen, daß sich eine zur Gewalttätigkeit neigende Mutation innerhalb des Abstiegsprozesses der auf Minerva isolierten Menschen ereignet hatte. Diese neueste Teilinformation, die nun vor-lag, bezeichnete die Zone, in der die Mutation aufgetreten war. Dadurch wurde jedoch kein Erklärungsversuch dar-
über geliefert, warum sie stattgefunden hatte. Aber schließlich sind Mutationen Zufallsprodukte. Es gab keinen Grund, nach einer bestimmten Ursache Ausschau zu halten.
Die klar erwiesene Tatsache der Entwicklung ganymedischer Existenz fügte sich bruchlos in dieses theoretische Modell ein. Im Bau der minervischen Landbewohner war es zu einer Isolation des gifttransportierenden Systems vom Blutkreislauf gekommen. Daher bestanden keinerlei Hindernisse auf dem Weg zur Entwicklung eines größeren Hirns, das mehr Blut ohne einen entsprechenden Anstieg giftiger Substanzen benötigte. Die Dichte des einen Geflechtes nahm einfach zu, während dies bei dem anderen nicht der Fall war. Höhere Gehirnfunktionen konnten sich also ungehemmt entfalten. Die Intelligenz der Ganymeder war das natürliche und logische Resultat der minervischen Evolution. Die der Erde hingegen wies nicht dieses natürliche und logische Ergebnis auf. Irgendwie hatte der Mensch das System überlistet.
»Gut«, erklärte Hunt schließlich. »Das ist sicherlich von Interesse. Aber weshalb sagst du, so etwas hätte sich nicht ereignen dürfen? Mutationen sind Zufallsprodukte. Der Wandel trat in Form einer Mutation auf, die sich auf Minerva ereignete, irgendwo auf der Entwicklungslinie, die zu den Lunariern und von dort aus zum Menschen führte. Es sieht unkompliziert aus. Was ist falsch daran?«
»Ich dachte mir, daß du das sagen würdest«, gab ZORAC seinen Kommentar ab, wobei es ihm irgendwie gelang, den Eindruck von Selbstzufriedenheit zu vermitteln. »Diese erste Reaktion liegt auf der Hand.«
»Also – was ist daran falsch?«
»Es konnte einfach nicht funktionieren. Du behauptest, daß sich irgendwo in einem frühen Stadium der Prima-tenentwicklung auf Minerva eine Mutation ereignet haben muß, welche eine Deaktivierung des Selbstimmunisie-rungssystems beinhaltete.«
»Ja«, stimmte Hunt zu.
»Aber darin besteht ein Problem«, klärte ihn ZORAC
auf. »Siehst du, ich habe intensive Berechnungen durchgeführt, die auf weiteren Daten beruhen, über welche die J5
verfügt – Daten, die sich auf die genetischen Codes beziehen, die in Chromosomen von Wirbeltieren enthalten sind.
In allen Arten enthält der Code, welcher die Entwicklung des Selbstimmunisierungsprozesses im heranwachsenden Embryo kontrolliert, zugleich auch einen Code, der das Tier auf besondere Weise dazu befähigt, überflüssiges Kohlendioxid zu absorbieren. Mit anderen Worten: Wenn der Selbstimmunisierungsmechanismus desaktiviert würde, ginge damit zugleich die Fähigkeit verloren, eine stark mit Kohlendioxid angereicherte Umgebung auszuhalten...«
»Und auf Minerva stieg der CO2-Gehalt an«, bekräftigte Hunt, der verstanden hatte.
»Ganz recht. Wenn sich eine Mutation, so wie du dir sie denkst, ereignet hätte, wären die Arten, in denen sie aufgetreten wäre, niemals in der Lage gewesen, auf Minerva zu überleben. Deshalb konnten sich die Vorfahren der Lunarier nicht auf diese Weise verändert haben. Wenn dies der Fall gewesen wäre, dann wären sie ausgestorben. Es hätte die Lunarier niemals gegeben, und du selbst würdest nicht leben.«
»Das tue ich aber«, strich Hunt mit einem gewissen Gefühl der Befriedigung heraus, eine Aussage, die jedoch völlig sinnlos war.
»Ich weiß, aber du dürftest eigentlich nicht, und darin liegt meine Frage begründet«, schloß ZORAC.
Hunt drückte seine Zigarette aus und verfiel erneut ins Grübeln. »Was hat es mit dem komischen Enzym auf sich, von dem Chris Danchekker andauernd herumfaselt? Er traf es in allen konservierten Oligozänarten in dem Schiff hier an, oder etwa nicht? Spuren einer Variante fanden sich auch in Charlie. Meinst du, das könnte etwas damit zu tun haben? Vielleicht reagierte etwas in der Umwelt Minervas in ausgesprochen komplizierter Art und Weise, umschiffte das Problem, und irgendwie trat in diesem Prozeß das Enzym auf. Das würde erklären, warum es die heutigen irdischen Tierarten nicht besitzen. Die Vorfahren, aus denen sie sich entwickelten, gelangten niemals nach Minerva.
Vielleicht verfügt deshalb der heutige Mensch auch nicht darüber – er hält sich mittlerweile schon seit langer Zeit auf der Erde auf und ist von der Umwelt entfernt, die es hervorgebracht hat. Wie wär's damit?«
»Bestätigung unmöglich«, sagte ZORAC betont. »Die Daten, über die wir zur Zeit bezüglich des Enzyms verfügen, sind inadäquat. Höchst spekulativ. Außerdem gibt es noch einen weiteren Punkt, der damit nicht geklärt wird.«
»Oh, was denn?«
»Die radioaktiven Verfallsrückstände. Warum hätten sich die Enzyme, die in den Tierarten aus dem Oligozän auftraten, aus Radioisotopen bilden sollen, während das bei denen in Charlie nicht der Fall war?«
»Ich weiß es nicht«, gab Hunt zu. »Das ergibt keinen Sinn. Ich bin aber auch kein Biologe. Ich unterhalte mich später mal mit Chris über die gesamte Angelegenheit.«
Dann wechselte er das Gesprächsthema. »ZORAC – noch mal zu all den Gleichungen, die du aufgestellt hast.«
»Ja?«
»Warum hast du sie ermittelt? Ich meine... machst du solche Sachen rein spontan... in eigener Initiative?«
»Nein. Shilohin und einige andere ganymedische Wissenschaftler baten mich darum.«
»Kannst du dir vorstellen, warum?«
»Routine. Die Ermittlungen waren für gewisse Forschungen wichtig, die sie durchführen.«
»Was für Forschungen?« fragte Hunt.
Ȇber die Dinge, die wir soeben beredeten. Die Frage, die ich vor wenigen Minuten erhob, stammte nicht von mir selbst. Es handelte sich dabei um eine von ihnen gestellte Frage. Sie sind an dem gesamten Bereich sehr interessiert.
Sie sind sehr darauf versessen herauszubekommen, wie der Mensch überhaupt in Erscheinung trat, da dies allen verfügbaren Daten zuwiderläuft und alle ihre Denkmodelle vorhersagten, daß er sich im Falle einer Entwicklung selbst zerstören würde.«
Hunt war fasziniert zu erfahren, daß die Ganymeder diese Problemstellung mit einer derartigen Intensität er-forschten, besonders deshalb, weil sie offenbar doch sehr viel weiter mit ihren Schlußfolgerungen gekommen waren als das UNWO-Team. Er war außerdem überrascht, daß ZORAC so bereitwillig über etwas Auskunft erteilte, was man als ein heikles Thema hätte bezeichnen können.
»Ich bin erstaunt, daß dir keinerlei Restriktionen bezüglich der Kommunikation über dieses Thema auferlegt wurden«, sagte er.
»Warum?«
Die Frage traf Hunt unvorbereitet.
»Oh, ich weiß wirklich nicht«, sagte er. »Ich vermute, daß auf der Erde solche Dinge nur authorisierten Personen verfügbar wären... sicherlich nicht jedem zugänglich, der sich danach erkundigt. Ich vermute, ich... nahm einfach an, es wäre ebenso.«
»Bloß weil die Erdbewohner neurotisch sind, besteht für die Ganymeder noch lange keine Ursache, heimlichtuerisch zu sein«, erwiderte ihm ZORAC schonungslos.
Hunt grinste und schüttelte langsam seinen Kopf. »Ich glaube, diese Antwort hab' ich verdient.«
16
Die erste und wichtigste Aufgabe, der sich die Ganymeder gegenübergestellt sahen – ihr Schiff wieder voll betriebsfä-hig zu machen –, war nun also erfolgreich beendet worden.
Daher konzentrierten sich ihre Aktivitäten nunmehr auf Pithead, wo sie mit einem zweiten Ziel im Auge weiterar-beiteten: das Computersystem des Schiffswracks in den Griff zu bekommen. Die Frage, ob die Rasse der Ganymeder zu einem anderen Stern ausgewandert war und wenn ja, zu welchem, war ja noch nicht beantwortet. Es bestand immerhin eine große Wahrscheinlichkeit, daß diese Information irgendwo ihrer Entdeckung harrte, begraben in den ausgeklügelten molekularen Schaltkreisen und Speicher-bänken, aus denen sich der Datenverarbeitungskomplex eines Schiffes zusammensetzte, das nach der Beantwortung dieser Fragen erbaut worden war. Eventuell hatte man das Schiff sogar bei der Auswanderung eingesetzt.
Diese Aufgabe erwies sich jedoch ungleich schwerer als die erste. Obwohl das Schiff, später als die Shapieron gebaut, über eine weiterentwickelte Konstruktion verfügte, beruhte der Hauptantrieb auf den gleichen Prinzipien und bestand aus Teilen, die – obgleich sie an einigen Stellen erhöhte Komplexität aufwiesen – grundlegend die gleichen Funktionen wie die früher erbauten Entsprechungen erfüllten. Am Antriebssystem erwies sich, so gesehen, eine ausgereifte Technologie, die sich nicht radikal im Laufe der Konstruktionszeit beider Schiffe verändert hatte, und so war denn auch eine Reparatur der Shapieron möglich gewesen.
Das gleiche traf jedoch nicht für die Computeranlagen zu. Nach einer Woche intensiver Analysen und Erprobung gestanden die ganymedischen Wissenschaftler ein, daß sie nur geringe Fortschritte erzielten. Das Problem bestand darin, daß die Komponenten des Systems, dessen Funktionsweise zu erkennen sie sich bemühten, in den meisten Fällen nichts ähnelten, was ihnen bekannt war. Die Prozessoren selbst bestanden aus soliden Kristallblöcken, in deren Innerem Millionen voneinander unabhängigen Schaltele-menten in molekularen Ausmaßen dreidimensional miteinander auf eine Art und Weise verbunden waren, die jegli-cher Vorstellungskraft spottete. Nur jemand, der von klein auf an derlei Entwürfen und Ausführungen arbeiten gelernt hatte, konnte erhoffen, die gespeicherten Informationen zu knacken.
Einige der größeren Prozessoren waren, von ihrem Aufbau her gesehen, sogar für die Ganymeder völlig revolutionär und schienen eine Verschmelzung von elektronischen und gravitierenden Technologien zu repräsentieren.
Charakteristika beider Bereiche waren unentwirrbar miteinander verwoben und bildeten Vorrichtungen, in welchen die physikalischen Schaltketten zwischen Zellen mit gravitierenden Verbindungsgliedern ausgetauscht werden konnten. Die Gestaltung der Computerausrüstung selbst war programmierbar und konnte im Verlauf von einer Na-nosekunde zur anderen eine Anordnung liefern, in welcher jede einzelne Zelle sowohl als Speicherelement in einem Moment wie auch als Verarbeitungseinheit im nächsten funktionieren konnte. Die Verarbeitung konnte, als Äußerstes überhaupt, überall in dem Komplex vollzogen werden, mit allen Einzelteilen zugleich sicherlich das Optimum an Parallelismus. Ein interessierter, jedoch verwirrter UNWO-
Experte beschrieb die Sache als »... soft hardware, ein Gehirn, das über die milliardenfache Geschwindigkeit verfügt...«
Und jedes Subsystem des Schiffes – Kommunikation, Navigation, Comutation, Beschleunigungskontrolle, Flugüberwachung und hundert weitere – bestand aus einem Geflecht miteinander verbundener, prozessierender Kno-tenpunkte dieser Art, wobei alle Geflechte zusammen ein unvorstellbares Netz ergaben, welches das Schiff in seiner Länge und seiner Breite völlig bedeckte.
Ohne detaillierte Aufzeichnungen und Informationen über die Konstruktionsgrundlagen konnte das Problem unmöglich gelöst werden. Aber Aufzeichnungen existierten ja nicht. Alle diesbezüglichen Informationen waren im gleichen System verborgen. Es war so, als habe man eine Dose mit einem darin eingeschlossenen Dosenöffner.
Auf diese Weise kam es, daß im Verlaufe der nächsten Sitzung an Bord der Shapieron, wo über die Fortschritte berichtet wurde, der führende ganymedische Computerex-perte erklärte, er müsse aufgeben. Als ein Anwesender einwarf, daß die Erdbewohner nicht so leichtfertig aufgeben würden, dachte er darüber nach, pflichtete dieser Einschätzung bei und begab sich zu einem erneuten Versuch nach Pithead. Nach einer weiteren Woche kam er erneut zurück und erklärte, emphatisch und endgültig, daß die Erdenbewohner gern einen entsprechenden Versuch unternehmen könnten, wenn irgendeiner der Anwesenden der zuvor geäußerten Ansicht sei. Er warf das Handtuch.
Und so wie es aussah, war die Sache vom Tisch.
Auf Ganymed konnte nichts weiter erforscht werden. Da-
her verkündeten die Fremden schließlich ihre langerwartete Entscheidung, die Einladung anzunehmen, die von den Regierungen der Welt an sie ergangen war, und zur Erde zu kommen. Dies bedeutete jedoch nicht, daß sie auch die Einladung zur Seßhaftigkeit angenommen hatten. Zugegeben, innerhalb eines Bereiches von vielen Lichtjahren gab es keinen anderen Ort, an den sie sich hätten begeben können, aber viele von ihnen hegten noch immer böse Vorah-nungen über das, was sie auf der Erde erwarten könnte.
Aber sie waren rational ausgerichtete Geschöpfe, und rationales Handeln bestand in diesem Falle ganz klar darin, hinzufliegen und sich den Ort anzusehen, bevor man Vor-urteile gegen ihn aufbaute. Jedwede Entscheidung über die längerfristige Zukunft würde erst dann zu fällen sein, wenn sie über konkreteres Informationsmaterial verfügten, auf dessen Grundlage man dann handeln könnte.
Viele Angehörige des UNWO-Personals aus den Jupiter-Unternehmungen waren am Ende ihrer Dienstaufträge angelangt und bereits für den Rückflug zur Erde eingeteilt.
Die Ganymeder boten jedem, der mit ihnen fliegen wollte, eine Reisegelegenheit in der Shapieron an und wurden von dem Andrang nahezu erdrückt.
Zufälligerweise beinhaltete die letzte Botschaft von Gregg Caldwell, dem Leiter der Abteilung für Navigation und Kommunikation der UNWO und Hunts unmittelbarer Vorgesetzter, an diesen seinen Untergebenen, daß man Hunts Aufgabe auf Ganymed für beendet ansah und daß andere Arbeit daheim in Houston auf ihn wartete. Vorbereitungen für seinen Rückflug wurden getroffen. Es bereitete ihm keinerlei Schwierigkeiten, sich von der UNWO-Passagierliste streichen zu lassen und die Reihen derjeni-
gen zu verstärken, die für die Reise mit der Shapieron vorgesehen waren.
Danchekkers Hauptgrund für seinen Aufenthalt auf Ganymed hatte in einer Untersuchung der irdischen Oligozän-Tierarten bestanden, die in dem Schiff unter Pithead gefunden worden waren. Der Professor überzeugte Monchar, den stellvertretenden Kommandanten der ganymedischen Expedition, daß die Shapieron über genügend Platz verfüge, um alle interessanten Exemplare aufzunehmen. Anschlie-
ßend überredete er seinen Vorgesetzten vom Westwood Biological Institute in Houston, daß die Forschungen auf der Erde gründlicher ausgeführt werden könnten, da dort alle notwendigen Einrichtungen für die noch notwendigen Fragestellungen zur Verfügung stünden. Am Schluß kam dabei genau das heraus, was er beabsichtigt hatte: Danchekker würde ebenfalls zur Erde zurückfliegen.
Und so war schließlich für Hunt die Zeit gekommen, seine persönlichen Habseligkeiten zusammenzupacken und mit einem langen, abschließenden Blick sein winziges Zimmerchen in sich hineinzusaugen, das für so lange Zeit sein Zuhause gewesen war. Dann ging er den ihm so vertrauten Korridor entlang, der ihn in den Gemeinschafts-raum führte, wo er sich der Handvoll anderer Leute anschloß, die ebenfalls für die Ausschiffung vorgesehen waren. Dort gab man eine letzte Runde Drinks für seine Freunde aus, die zurückblieben, und verabschiedete sich von ihnen. Nachdem man sich versprochen hatte, auch weiterhin in Kontakt zu bleiben, und Zusicherungen ergangen waren, daß sich die Wege eines Tages wieder kreuzen würden, begab man sich ins Hauptkontrollgebäude, wo der Kommandeur der Basis und einige seiner Mitarbeiter im Schleusenvorraum auf sie warteten, um sie offiziell zu verabschieden. Der Durchgangskanal hinter der Schleuse beförderte sie in die Kabine des auf Schienen laufenden Oberflächenfahrzeuges, das sie zu den Landeplätzen hin-
überbefördern würde, wo ein Transportschiff auf sie wartete.
Hunt blickte mit gemischten Gefühlen aus einem der Bullaugen des Oberflächenfahrzeuges auf die düsteren Bruchstücke von Gebäuden und Konstruktionen, die aus dem wirbelnden, ewigen Nebel aus Methan und Ammoniak, die Pithead umgaben, auftauchten und wieder ent-schwanden. Natürlich stellte die Heimkehr nach so langer Zeit eine angenehme Sache dar, aber er würde viele Aspekte des Lebens in dieser eng miteinander verwachse-nen UNWO-Gemeinschaft vermissen, an die er sich so gewöhnt hatte, wo jeder Anteil an den Problemen des anderen nahm und es keine Fremden gab. Hier hatte er Kamerad-schaftsgeist gefunden, das Gefühl der Dazugehörigkeit, eines gemeinsamen Interesses... all diese Dinge hatten dieser winzigen, von Menschenhand geschaffenen Oase des Überlebens, die in die feindliche ganymedische Wildnis hineingemeißelt worden war, eine besondere Intimität ver-liehen. Diese Gefühle, die er in diesem Augenblick so intensiv verspürte, würden sich bald aufgelöst haben und vergessen sein, wenn er zur Erde zurückgekehrt war und wieder tagtäglich in engem Kontakt mit Millionen anony-mer Menschen stand, die emsig damit beschäftigt waren, ihr jeweiliges Leben auf unterschiedliche Art und Weise, mit ihren jeweiligen Zielen und Wertvorstellungen zu führen. Dort dienten Sitten, Gebräuche und künstliche soziale Schranken dazu, Demarkationslinien zu errichten, welche die Menschen nötig hatten, um ihr psychologisches Bedürfnis nach Identifikation mit festumrissenen kulturellen Gruppen zu befriedigen. Die Kolonie auf Ganymed hatte solcher künstlichen Mauern um sich herum zum Zwecke der Abschirmung vom Rest der menschlichen Rasse nicht bedurft. Die Natur und mehrere Millionen Kubikkilometer leeren Raumes hatten die benötigte Isolation geschaffen.
Vielleicht, so dachte er bei sich, ist das der Grund, warum Menschen Camps auf dem Südpaß des Mount Eve-rest errichteten, mit Schiffen über die sieben Weltmeere segelten und Jahr für Jahr festliche Ehemaligentreffen veranstalteten, um sich dort gemeinsam an Schul- oder Ar-meezeiten zu ergötzen. Die Herausforderungen und Ent-behrungen, denen sie gemeinsam ausgesetzt waren, ließen Bande entstehen, welche die Schutzhüllen in der Alltagsge-sellschaft niemals vermitteln konnten und die ein Bewußtsein von Werten in sich selbst und in jedem Teilnehmer entstehen ließen, das niemals ausgelöscht werden konnte.
Er war sich daher wie ein Seemann oder ein Bergsteiger der Tatsache bewußt, daß er in Abständen immer wieder zurückkehren würde, um erneut die Dinge zu erfahren, die er auf Ganymed gefunden hatte.
Danchekker war allerdings weniger romantisch.
»Es ist mir wurscht, ob sie siebenköpfige Monster auf dem Saturn entdecken«, sagte der Professor, als sie an Bord des Transportschiffes gingen. »Wenn ich erst einmal wieder daheim bin, bleibe ich auch dort. Ich habe bereits genug von meinem Leben in der Umgebung dieser misera-blen Dinger verbracht.«
»Ich wette, daß Sie Platzangst entwickelt haben, wenn Sie daheim sind«, sagte ihm Hunt.
Auf der Hauptbasis war ein weiteres Abschiedszeremoniell durchzustehen, bevor sie hinaus zum niedergelassenen Eingangsteil der Shapieron gefahren wurden, diesmal bekleidet mit Raumanzügen. Es war nicht möglich, sie direkt hinauf in die Andockvorrichtungen des Schiffes zu fliegen, da die teleskopischen Zugangsröhren, die von den Gebäuden der Basis aus vorsprangen und die direkten Zugang für UNWO-Schiffe und Fahrzeuge gewährten, nicht dafür geschaffen waren, an die Luftschleusen der ganymedischen Tochterschiffe zu passen. Angehörige der ganymedischen Mannschaft erwarteten sie am Fuße der Eingangsrampe und führten sie in den Bugteil, wo ein Aufzug auf sie wartete, der sie in den Hauptteil des Schiffes hinauftragen sollte.
Drei Stunden später war der Einschiffungsvorgang beendet, und die letzten Startvorbereitungen waren getroffen.
Garuth und eine kleine ganymedische Nachhut tauschten formelle Abschiedsworte mit dem Kommandeur der Basis und einigen seiner Offiziere aus, die zum Zwecke der Abschiedszeremonie zur Rampe hinausgefahren waren. Danach bestiegen die Erdbewohner ihr Fahrzeug und kehrten zur Basis zurück, während die Ganymeder sich in die Shapieron zurückzogen und der Heckteil sich in Flugposition hinaufschob.
Hunt befand sich allein in der Kabine, die für ihn vorbereitet worden war, und nahm einen letzten Eindruck von der Hauptbasis über einen Videoschirm an der Wand in sich auf, als ZORAC ankündigte, daß der Start unmittelbar bevorstehe.
Es war keinerlei Bewegung zu verspüren. Die Perspektive begann einfach ihre Größe zu verlieren und abzufla-
chen, als die Mondoberfläche nach unten fiel. Die ganymedische Landschaft rückte vom Rand des Bildes in dessen Mitte, und die Oberflächendetails lösten sich mit großer Schnelligkeit in einem gleichförmigen Meer frostiger Weiße auf, während das Schiff an Höhe gewann. Bald verschmolz sogar der winzige Punkt reflektierten Lichts – die Hauptbasis – mit dem Hintergrund, und ein schwarzer Bogen erhob sich über die gesamte Breitseite des Schirms, als sich die dunkle Seite Ganymeds ins Bild hineinschob. Am obersten Bildschirmrand erschien die Krümmung der sonnenbeschienenen Seite des Mondes, der von vielen Sternen umrahmt wurde. Der hellerleuchtete Streifen, der in der Mitte des Bildschirms übriggeblieben war, wurde zuse-hends schmaler, und schließlich schrumpften seine beiden Begrenzungen von den Ecken zur Mitte des Bildschirmes, bis nurmehr eine hell leuchtende Halbmondsichel übrigblieb, die vor seinen Augen rasch kleiner wurde. Dann schienen sich dieser Halbmond und die Sterne in ungewisse Lichtflecke aufzulösen, die ineinander übergingen, bis auf dem Bildschirm lediglich noch eine gleichförmige Ausdehnung gestaltlosen, irisierenden Nebels übrigblieb.
Er erkannte, daß das Schiff nun auf Hauptantrieb geschaltet worden und für diese Zeit von allen Informationen, die aus dem restlichen Universum auf es einströmten, abgeschlossen war – zumindest von dem, was in Form elektromagnetischer Wellen ankam. Er fragte sich, was die Ganymeder statt dessen verwendeten beispielsweise für die Navigation.
Hier gab es wieder etwas, was er mit ZORAC erörtern konnte.
Aber damit hatte es im Augenblick noch Zeit. Jetzt wollte er nichts weiter, als sich ausruhen und seinen Geist auf andere Dinge vorbereiten. Im Gegensatz zu seiner Hinreise an Bord der Jupiter Fünf würde der Flug zur Erde nur wenige Tage dauern.
17
Und so kamen die Ganymeder schließlich zur Erde.
Nachdem es den zahlreichen Regierungen der Erde nicht gelungen war, Einigkeit bezüglich der Frage des Emp-fangsortes der Fremden im Falle ihrer Annahme der ergangenen Einladung herzustellen, hatte sich das Parlament der Vereinigten Europäischen Staaten dazu entschlossen, diesen Schritt in eigener Regie zu vollziehen und selbständig Vorbereitungen für den Eventualfall zu treffen. Der ausgewählte Ort war ein angenehmer flacher Landstrich am Schweizer Ufer des Genfer Sees, wo, so hoffte man, das Klima der Konstitution der Ganymeder entsprechen würde und zudem die Tradition einer nicht kriegführenden Nation eine zusätzliche angemessene Note darstellte.
Auf halbem Wege zwischen den Städten Genf und Lausanne grenzte man ein Gebiet in den Flächenausmaßen einer Quadratmeile am Seeufer ab, und innerhalb dieses Bereiches errichtete man ein Hüttendorf, das für ganymedische Proportionen berechnet war. Die Räume waren hoch, die Türfassungen geräumig, die Betten verstärkt und die Fenster leicht getönt. Eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftseßsaal wurden errichtet, darüber hinaus Freizeiträume, Anschlüsse zu allen Kommunikations- und Unterhaltungssystemen der Welt, ein im freien gelegener Swimmingpool, eine Sportanlage und überhaupt alles, was dazu diente, das Leben angenehmer zu gestalten, soweit das innerhalb der knappen Zeit, die zur Verfügung stand, möglich war. Eine riesige Landefläche aus Beton wurde errichtet, um die Shapieron zu tragen und um zugleich Stellraum für Landfahrzeuge und Tochterschiffe zu ge-
währleisten. Innerhalb des abgegrenzten Gebietes wurden Unterkünfte für die Delegationen von Erdbewohnern errichtet, die Besuche abstatten würden, hinzu kamen Konferenzräume und Kommunikationsmöglichkeiten.
Als die Nachricht vom Jupiter eintraf, daß die Fremden beabsichtigten, zwei Wochen später bereits zur Erde aufzubrechen, und – was noch erstaunlicher klang daß die Reise nur einige Tage dauern werde, wurde es offenkundig, daß kein anderer Empfangsort mehr in Betracht kommen konnte. Als die Shapieron aus den Tiefen des Weltalls auftauchte und in eine Kreisbahn um die Erde ein-schwenkte, machte sich eine Flotte von Flugzeugen mit Offiziellen und Staatsoberhäuptern aus jedem Winkel der Erde nach Genf auf. Sie alle beeilten sich, um bei der in Windeseile erstellten Empfangsprozedur zugegen zu sein.
Schwärme surrender VTOL-Jets verkehrten zwischen Genf und dem Ort, der nun Ganyville getauft wurde, um diese Leute zu ihrem endgültigen Bestimmungsort zu bringen, während sich zugleich der Verkehr auf der Autobahn Genf-Lausanne in endlosen Schlangen staute. Privatflugzeuge waren in dem entsprechenden Luftraum nicht zugelassen.
Ein buntes Farbengemisch, das sich im Verlauf der Stunden immer mehr verdichtete, zeigte sich auf den grünen Hängen am Ufer des Sees, von denen aus Ganyville zu überblicken war: Die ersten Zuschauer waren eingetroffen und errichteten Zeltlager voller Schlafsäcke, Decken und Picknickkocher, fest dazu entschlossen, sich einen freien Tag zu machen und sich einen umfassenden Blick zu verschaffen. Ein unablässiger Kordon freundlicher, aber über-arbeiteter Polizisten, verstärkt durch Kollegen aus Italien, Frankreich und Deutschland – denn die zahlenmäßig nicht so starken Schweizer Sicherheitskräfte waren den Anforde-rungen qualitativ nicht gewachsen – hielt eine zweihundert Meter breite freie Zone zwischen der Umzäunung der Anlage und der rasch anwachsenden Menschenmenge aufrecht, während auf der Seeseite eine Flottille von Polizeibooten auf und ab fuhr, um eine Armada von Booten, Yachten und allerlei anderen Wasserfahrzeugen fernzuhal-ten. Entlang den Zufahrtsstraßen wurden Stände aus dem Boden gestampft, während zugleich die unternehmungslu-stigeren Teile der Ladenbesitzer aus den nahegelegenen Städten ihre Waren auf Lkws verluden und sie direkt bei den Zuschauern an den Mann brachten. Viele nicht unbeträchtliche Vermögen wurden an diesem Tage zusammen-gescheffelt, indem so ziemlich alles verkauft wurde, angefangen von Fertiggerichten und Wollpullovern bis hin zu Wanderstiefeln und starken Fernrohren.
Nicht viel anders sah es mehrere tausend Meilen höher um die Shapieron herum aus. Eine Auswahl verschiedenster UNWO-Schiffe hatte eine lose Eskorte um das Schiff gebildet, die zusammen mit ihm in anderthalbstündigem Turnus die Erde umkreiste. In vielen von ihnen saßen Nachrichtenreporter und Kamerateams, die von oben live für ein gebanntes Publikum über die Kanäle des Welt-kommunikationssystems berichteten. Sie hatten Botschaf-ten mit ZORAC und den an Bord befindlichen Erdbewohnern ausgetauscht, die mit vom Jupiter gekommen waren, hatten die Zuschauer durch Übertragungen von Bildern aus dem Inneren des fremden Raumschiffes gefesselt und fortwährend die neuesten Ereignisse über die Entwicklungen am Genfer See dazwischengeschoben. Zwischendurch hatten die Kommentatoren bis zum Erbrechen immer wie-
der berichtet, wie das Schiff zum erstenmal über Ganymed aufgetaucht war, was sich inzwischen ereignet hatte, woher ihre Rasse ursprünglich gekommen war, warum die Expedition nach Iscaris aufgebrochen war und was ihr dort wi-derfahren war und allen übrigen Sachen, die sie anführen konnten, um die Zeit bis zum Eintritt des großen Ereignisses totzuschlagen. In der Hälfte der Fabriken und Büros auf der Erde hatte man gute Miene zum bösen Spiel gemacht, und bis zum Ende der Vorstellung geschlossen, da alle die Beschäftigten, die nicht irgendwo außerhalb ihrer Arbeitsplätze vor den Schirmen hingen, sich vor den firmeneige-nen Geräten versammeln würden. Ein Direktor einer New Yorker Firma gab gegenüber einem Reporter auf der Straße folgenden Kommentar ab: »Ich denke nicht daran, Tausende von Dollars auszugeben, nur um erneut das bestätigt zu bekommen, was König Canut bereits vor Jahrhunderten bewies – wenn erst einmal eine Flutwelle im Anrollen ist, gibt es kein Halten mehr. Ich schätze, daß wir dieses Jahr einen zusätzlichen öffentlichen Feiertag haben.« Auf die Frage, was er selbst denn zu unternehmen gedenke, antwortete er überrascht: »Ich? Ich gehe natürlich heim, um mir die Landung anzuschauen.«
Im Inneren der Shapieron befanden sich Hunt und Danchekker bei der gemischten Gruppe aus Ganymedern und Erdbewohnern, die sich im Kommandozentrum des Schiffes versammelt hatte – eben jenem Ort, zu dem Hunt zusammen mit Storrel und den anderen anläßlich des ersten, folgenschweren Besuches von der Jupiter Fünf geführt worden war. Eine ganze Anzahl jener eiförmiger Flugkörper waren von der Shapieron aus in eine geringere Höhe hinabgelassen worden, um auf diese Weise den Fremden von verschiedenen Teilen der Erde aus der Vogelperspek-tive einen ersten Eindruck zu vermitteln. Die an Bord anwesenden Erdbewohner erklärten die Bedeutung einiger der von den Eiern zurückgesendeten Bildern. Die Ganymeder hatten bereits ungläubig auf das wimmelnde Leben in Städten wie New York, Tokio und London gestarrt, die Schaustücke der arabischen Wüste und des Amazo-nasdschungels bestaunt – Gebiete dieser Art hatte es auf Minerva nicht gegeben – und mit stummer, entsetzter Faszination auf das Teleskopbild gestiert, das Löwen auf der Zebrajagd in den afrikanischen Savannen zeigte.
Für Hunt war der vertraute Anblick grüner Kontinente, sonnendurchglühter Ebenen und blauer Ozeane nach alldem, was ihm wie eine Ewigkeit nur aus Felsen, Eis und der Schwärze des Alls vorkam, einfach überwältigend. Als verschiedene Teile wie ein Mosaik der Erde auf dem Hauptschirm erschienen und wieder verschwanden, entdeckte er, daß auch die Stimmung der Ganymeder einem fortschreitenden Wandel unterlag. Die früheren bösen Vor-ahnungen und Besorgnisse, denen einige von ihnen ausgesetzt gewesen waren, machten einem fast berauscht zu nennenden Enthusiasmus Platz, der sich im Laufe der Zeit immer stärker ausbreitete. Sie wurden unruhig und aufgeregt – begierig darauf, mehr und aus erster Hand über diese unglaubliche Welt zu erfahren, zu der sie der Zufall geführt hatte.
Eines der Eier befand sich in stationärer Position in einer Höhe von drei Meilen über dem Genfer See und übermittelte ein teleskopisches Bild von den Massen, die sich unablässig weiterhin auf den Hügeln und Wiesen um Gany-
ville zusammenballten, hinauf zur Shapieron. Die Ganymeder zeigten sich freudig überrascht, gleichzeitig jedoch erstaunt darüber, daß sie der Mittelpunkt eines derart umfassenden Interesses und Gegenstand von Massenemotio-nen waren. Hunt hatte versucht, ihnen zu erklären, daß die Ankunft eines Raumschiffes mit fremden Wesen etwas war, das sich nun mal nicht sehr oft ereigne, ganz abgesehen davon, daß dieses hier fünfundzwanzig Millionen Jahre alt war, aber die Ganymeder schienen nicht verstehen zu können, daß überhaupt irgend etwas zu spontanen emotionalen Schaustellungen in solchen Größenordnungen führen konnte. Monchar hatte die Vermutung ausgesprochen, daß die Erdbewohner, die sie bislang getroffen hatten, »die sta-bilere und rationalere Seite des Menschenspektrums darstellten und nicht die typischen Repräsentanten waren«.
Hunt beschloß, darauf nichts zu erwidern und es dabei zu belassen. Ohne Zweifel würde Monchar in aller Kürze selbst in der Lage sein, diese Frage zu beantworten.
Es war eine Gesprächspause eingetreten, und jeder blickte auf den Bildschirm, als einer der Ganymeder ZORAC den halblauten Befehl zum Herabsenken der Eier und zu einer Vergrößerung des Kamerabildes gab. Die Perspektive entfaltete sich und konzentrierte sich alsdann auf die Flanke eines sanften, grasbewachsenen Hügels, der zur Zeit dicht bevölkert war mit Menschen aller Altersstufen, Größen, von unterschiedlicher Beschaffenheit und verschiedenster Kleidung. Da gab es Leute, die am Kochen waren, Leute, die tranken, Leute die spielten, und Leute, die einfach nur dasaßen. Es hätte sich um die Zuschauer einer Rennveranstaltung, eines Popkonzertes, eines Flug-wettbewerbes oder einer Veranstaltung mit all diesen Ele-
menten handeln können.
»Sind sie eigentlich alle dort im Freien sicher und behütet?« fragte einer der Ganymeder nach einem Augenblick zweifelnd.
»Sicher?« Hunt schaute verdutzt drein. »Wie meinen Sie das?«
»Es überrascht mich, daß offenbar keiner dieser Leute ein Gewehr bei sich trägt. Ich dachte, sie würden Gewehre mit sich führen.«
»Gewehre? Wozu denn?« fragte Hunt, irgendwie verwirrt.
»Die Fleischfresser«, erwiderte der Ganymeder, als ob dies ganz selbstverständlich sei. »Was tun sie denn, wenn sie von Fleischfressern attackiert werden?«
Danchekker erklärte ihnen, daß es nur wenige Tierarten gab, die dem Menschen gefährlich werden konnten, und daß diese nur in einigen begrenzten Gebieten lebten, die alle viele tausend Meilen von der Schweiz entfernt lagen.
»Ach, ich hatte angenommen, daß deshalb ein Verteidi-gungsgürtel um den Ort gelegt wurde«, sagte der Ganymeder.
Hunt lachte. »Der ist nicht erreichtet worden, um die Fleischfresser abzuhalten, sondern die Menschen«, sagte er.
»Meinen Sie, sie könnten uns angreifen?« In der Frage schwang eine jähe Beunruhigung mit.
»Keinesfalls. Der Zaun besteht lediglich, um Ihnen eine gewisse Zurückgezogenheit zu ermöglichen und um si-cherzustellen, daß Ihnen niemand auf den Wecker geht.
Die Regierung ging davon aus, daß Sie nicht permanent mit Scharen von Schaulustigen und Touristen konfrontiert werden wollen.«
»Könnte die Regierung denn nicht einfach ein Gesetz erlassen, das ihnen befiehlt, Distanz zu halten?« fragte Shilohin vom anderen Ende des Raumes. »Das hört sich doch viel einfacher an.«
Hunt lachte erneut, vermutlich, weil ihm das Gefühl eines Wiedersehens mit der Heimat etwas zu Kopfe stieg.
»Ihr habt noch nicht viele Erdbewohner zu Gesicht bekommen«, sagte er. »Ich glaube kaum, daß sie sich viel darum kümmern würden. Man kann sie nicht als... sehr diszipliniert bezeichnen.«
Shilohin war augenscheinlich von dieser Äußerung sehr überrascht. »Wirklich?« sagte sie. »Ich habe immer gedacht, sie wären genau das Gegenteil. Ich meine... ich habe einige alte Wochenschauen von der Erde angesehen – aus den Archiven Ihrer J5-Computer, Wochenschauen aus den Zeiten, als es noch Kriege auf der Erde gab. Tausende von Erdbewohnern, alle gleich angezogen, bewegten sich in festen Ordnungen vor und zurück, während andere Kommandos brüllten, denen sie unverzüglich Folge leisteten.
Und die Kriege... als man ihnen befahl, Kriege zu führen und andere Erdbewohner zu töten, da gehorchten sie doch.
Ist das kein diszipliniertes Verhalten?«
»Ja... in der Tat«, gab Hunt unbehaglich zu und hoffte dabei, man werde ihm eine Erklärung ersparen. Es gab nämlich keine dafür.
Der Ganymeder, der sich Sorgen um die Fleischfresser gemacht hatte, war jedoch hartnäckig.
»Sie meinen also, daß sie ohne zu zögern etwas ausführen, obwohl der sie ergehende Befehl eindeutig irrational ist?« sagte er. »Aber wenn ihnen befohlen wird, etwas zu tun, was nicht allein vernünftig, sondern obendrein noch höflich ist, dann kümmern sie sich nicht darum?«
»Äh... ich glaube, da ist etwas dran«, sagte Hunt schwach. »Zumindest sehr oft.«
Ein weiterer Ganymeder drehte sich halb von der Konsole weg, deren Geräte er beobachtet hatte.
»Sie sind alle verrückt«, erklärte er mit fester Stimme.
»Das habe ich schon immer gesagt. Es ist das größte Tollhaus in der ganzen Galaxis.«
»Sie sind aber auch unsere Gastgeber«, warf Garuth in scharfem Ton ein. »Und sie retteten unser Leben und boten uns bei ihnen Heimatrecht an. Ich möchte nichts dergleichen über sie hören.«
»Tut mir leid, Sir«, murmelte das Besatzungsmitglied und wandte seine Aufmerksamkeit erneut seiner Konsole zu.
»Verzeihen Sie bitte diese Bemerkung«, sagte Garuth.
»Denken Sie sich nichts dabei«, antwortete Hunt achselzuckend. »Ich selbst hätte es gar nicht besser ausdrücken können... Sehen Sie, das erhält uns gesund«, sagte er ohne besonderen Grund und erreichte damit, daß zwischen seinen fremdrassigen Gefährten nur mehr verwirrte Blicke getauscht wurden.
In diesem Augenblick unterbrach ZORAC die Situation mit einer Ankündigung.
»Die Bodenkontrolle meldet sich von Genf. Soll ich den Anruf wieder für Dr. Hunt durchstellen?«
Hunt ging zur Kommunikationskonsole hinüber, von wo aus er bei den bisherigen Unterredungen als Vermittler aufgetreten war. Er hockte sich auf den riesigen ganymedischen Sessel und wies ZORAC an, die Verbindung herzu-
stellen. Das ihm mittlerweile vertraute Gesicht des diensthabenden Beamten in Genf erschien auf dem Schirm.
»'allo, noch einmal, Docteur 'unt. Wie geht es denn bei Ihnen dort droben?«
»Ja, wir warten noch«, informierte ihn Hunt. »Was gibt's Neues?«
»Le premier ministre von Australie und von China sind inzwischen in Geneve angekomen. Sie wärrden in Ganyville im Verrlauff einer 'alben Stunde sein. Isch 'abe nun die Ankündigung zu machen, daß Ihre Laandung in seschzisch Minüten von jetz' ab gereschnet beginen kann.
Okay?«
»In einer Stunde gehen wir runter«, gab Hunt dem er-wartungsvollen Publikum im Raum bekannt. Er blickte zu Garuth.
»Habe ich Ihre Zustimmung zur Bestätigung?«
»Ja, bitte«, antwortete Garuth.
Hunt drehte sich erneut zum Schirm. »Okay«, gab er dem Kontrollbeamten Bescheid. »Sechzig Minuten, von jetzt ab gerechnet. Dann kommen wir runter.«
Innerhalb von zehn Minuten war diese Nachricht um den Erdball geeilt, und die Spannung der Welt erreichte die Fiebergrenze.
18
Hunt stand in einem der zentralen Aufzüge der Shapieron und starrte auf die leere, weite Fläche der Türfüllung vor ihm, während draußen die scheinbar unbegrenzte Länge des Schiffes vorbeiglitt. Hinter ihm stand dicht zusammengedrängt der Rest des UNWO-Kontingentes, ein jeder hing schweigend seinen eigenen Gedanken nach, da der Augenblick der Heimkehr näherrückte. Die Shapieron war nunmehr auf ihrem endgültigen Anflugkurs, mit dem Heck nach unten herabsinkend. Auch eine ganze Reihe Ganymeder befanden sich im Aufzug, auf dem Weg zu denjenigen ihrer Rasse, die dazu ausersehen waren, beim ersten Betreten der Erdoberfläche dabei zu sein. Die meisten dieser Leute waren bereits im Heckteil des Schiffes versammelt.
Die Symbole, die auf der Anzeigetafel an der Tür ständig aufgeleuchtet und verloschen waren, veränderten sich plötzlich nicht mehr und erstarrten. Einen Augenblick später glitten die geräumigen Türen auf, und die Gesellschaft ergoß sich aus dem Fahrstuhl und fand sich in einem gro-
ßen, kreisförmigen Raum, der sich vollständig um die zy-lindrische Wand um den inneren Kern des Schiffes zog.
Die Eingänge zu den sechs riesigen Luftschleusen waren in gleichen Abständen an den Außenwänden installiert, und der Raum zwischen Außen- und Innenwand war vollgepackt mit Ganymedern, die sich zumeist merkwürdig still verhielten. Hunt machte Garuth aus, der inmitten einer kleinen Gruppe Ganymeder stand, dicht bei einer der Luftschleusen. Shilohin stand zu seiner einen, Monchar zu seiner anderen Seite; Jassilane hielt sich dicht neben ihnen auf. Wie alle anwesenden Ganymeder starrten auch sie hin-
auf zu einem riesigen Schirm, der hoch droben in der Wand des zentralen Kerns eingelassen war und den Flur von dort, oberhalb der Aufzugstüren, beherrschte. Hunt bahnte sich einen Weg durch die Ansammlung der gigantischen Figuren zu der Stelle, an der sich Garuths Gruppe aufhielt. Er verhielt direkt neben Garuth und drehte sich herum, um auf den Schirm zu blicken.
Er präsentierte eine Perspektive aus dem Zenit über dem Seeufer. Das Bild war in zwei etwa gleichgroße Hälften unterteilt, eine zeigte die Grün- und Brauntöne der Hügel, die andere reflektierte das Blau des Himmels. Die Farben waren lebhaft und teilweise von den verstreuten Fetzen kleiner weißer Wolken verschleiert. Die Schatten dieser Wolken warfen scharfe Flecken auf das darunterliegende Land und zeigten an, daß der Tag klar und sonnig war. Die Einzelheiten des Geländes traten langsam deutlicher hervor und begannen sich aus den Umrandungen des Schirmes zu verlieren, während das Schiff hinabsank.
Die Wolken veränderten sich von flachen Farbklecksen zu Inseln türmender Weiße, die über die Landschaft trieben; dann waren sie aus dem sich ständig verengenden Sichtkreis verschwunden, in dem alles in ständiger Vergrö-
ßerung anwuchs.
Häuserflecke wurden nun sichtbar; einige standen von den übrigen isoliert zwischen den Hügeln, wieder andere formten Trauben um die sich windenden Straßen, die allmählich wahrnehmbar wurden. Und genau im Mittelpunkt des Bildschirmes, direkt unter der Mittelachse der Shapieron, markierte ein weißer Lichtfleck direkt am Seeufer die Beton-Landepiste von Ganyville. Reihen eng aneinander gebauter Hütten innerhalb der Umgrenzung nahmen Ge-
stalt an. Ein schmaler Grünstreifen verstärkte die Begren-zungslinie und bezeichnete das Gebiet außerhalb der Umzäunung, mit der die Zuschauer ferngehalten wurden. Jenseits dieser freien Zone war das Land sichtlich heller getönt, bewirkt durch den zusätzlichen Effekt von Tausenden und aber Tausenden nach oben gerichteten Gesichtern.
Hunt beobachtete, wie Garuth ruhig in sein Kehlkopfmi-krophon hineinsprach und dabei in Abständen pausierte, so als lausche er Antworten. Er vermutete, daß sich Garuth durch Meldungen der diensthabenden Besatzung oben im Kommandozentrum auf dem laufenden hielt, und beschloß, ihn dabei nicht zu unterbrechen. Statt dessen aktivierte er seinen eigenen Kanal durch die Armbandeinheit.
»ZORAC, wie läuft's?«
»Höhe beträgt neuntausendsechshundert Fuß, Landege-schwindigkeit zweihundert Fuß pro Sekunde, Tendenz ab-nehmend«, antwortete ihm die vertraute Stimme. »Wir haben das Annäherungsradar arretiert. Alles ist unter Kontrolle und funktioniert reibungslos.«
»Sieht so aus, als würde uns ein irrsinniger Empfang bereitet«, gab Hunt von sich.
»Sie sollten mal die Bilder sehen, die von den Sonden hereinkommen. Im gesamten Umkreis sind die Hügel mei-lenweit vollgepackt und Hunderte kleiner Boote drängen sich in einer Distanz von einer Viertelmeile vom Seeufer entfernt zusammen. Der Luftraum über und um die Lande-zone ist frei, aber überall sonst ist der Himmel mit Luft-fahrzeugen bedeckt. Ihr halber Planet muß auf den Beinen sein.«
»Wie nehmen es die Ganymeder auf?« fragte Hunt.
»Ich glaube, sie sind ein wenig eingeschüchtert.«
In diesem Moment bemerkte Shilohin Hunt und kam zu ihm herüber.
»Das ist ja unglaublich«, sagte sie und deutete dabei hoch zum Schirm. »Sind wir denn wirklich so bedeutend, um all dies zu rechtfertigen?«
»Es kommen nicht alle Tage Fremde von anderen Sternen«, sagte Hunt vergnügt zu ihr. »Deshalb machen sie das Beste aus der Situation.« Er hielt ein, da ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf schoß und sagte dann: »Wissen Sie, es ist schon komisch... die Menschen auf der Erde haben seit Hunderten von Jahren behauptet, sie hätten UFOs und solche Sachen gesehen, und die ganze Zeit über hat man sich rumgestritten, ob sie es wirklich gibt oder nicht.
Sie können sich vorstellen, daß sie dachten, erst im Falle eines tatsächlichen Auftauchens gäbe es keine Zweifel mehr. Na, und heute sind sie sich der Sache natürlich vollkommen sicher.«
»Bodenberührung in zwanzig Sekunden«, verkündete ZORAC. Hunt konnte sehen, wie eine Welle der Erregung durch die Reihen der Riesen um ihn herum lief.
Alles, was man nunmehr auf dem Bildschirm sehen konnte, waren das waffeleisenförmige Muster der Hüttendächer von Ganyville und die weiße Fläche der Landebahn aus Beton. Das Schiff kam von der Seeseite der Landungs-zone herein, die frei war; auf der landeinwärts gelegenen Seite, zwischen dem Landeplatz und den Wänden der Hütten, wurden reihenweise Striche erkennbar, die in Form geometrischer Gruppen geordnet standen und die sich schnell in menschliche Gestalten auflösten.
»Zehn Sekunden«, deklamiert ZORAC. Das Gemurmel, das zu einem unbestimmbaren Hintergrundgeräusch ange-
schwollen war, verstummte abrupt. Die einzigen Laute waren das entfernte Rauschen der Luft um das Schiff herum und das gedämpfte Summen der Energie von seinen Moto-ren.
» Bodenberührung. Wir sind auf dem Planeten Erde gelandet. Ich erwarte weitere Instruktionen.«
»Schiff zum Ausstieg klarmachen«, befahl Garuth. »Mit dem Abschaltprozeß der Flugsysteme fortfahren und den Bericht über die Landung fertigmachen.«
Obwohl sich keinerlei Gefühl einer Bewegung einstellte, wußte Hunt doch, daß sich nun die komplette Sektion des Schiffes, in dem sie alle standen, sanft zu Boden bewegte, während die drei Aufzugsröhren teleskopartig vom Hauptrumpf des Schiffes nach unten glitten. Dabei zeigte der Hauptschirm hoch oben über ihren Köpfen in voller kreisförmiger Perspektive den Boden in unmittelbarer Umgebung des Schiffes.
Jenseits des Geländes, das von den Schwanzflossen der Shapieron bedeckt war, standen in steifer Pose mehrere hundert Leute in Habtachtstellung, aufgeteilt in eine Reihe von Blöcken in einem weitgeschwungenen, halbkreisför-migen Bogen zwischen dem Schiff und den Hüttenreihen im Hintergrund. Sie waren wie zu einer Inspektion bei einer militärischen Parade angetreten. An der Spitze jeder Gruppe befand sich ein Fahnenträger, der die Flagge einer der Erdnationen trug; vor den Flaggenträgern warteten die Staatsoberhäupter mit ihrem jeweiligen Gefolge, allesamt in schwarze, geschäftsmäßige Anzüge gekleidet, in starren Posen. Hunt konnte das Sternenbanner der USA, den Union Jack nebst weiteren Emblemen der Vereinten Europäischen Staaten, Hammer und Sichel der UdSSR und den Roten Stern Chinas erkennen. Es gab massenhaft andere Standarten, die er nicht auf den ersten Blick zuordnen konnte. Im Hintergrund und seitlich stachen ihm Teile von militärischen Paradeuniformen in ihren leuchtenden Farben sowie die glitzernden Strahlen des Sonnenlichtes, das von Kupferstücken der Uniformen reflektiert wurde, ins Auge.
Er versuchte, sich in die Lage der Leute zu versetzen, die dort draußen standen. Keiner von ihnen hatte bislang einem Außerirdischen von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden. Er bemühte sich, ihre Gefühle und Emotionen nachzuvollziehen, während sie dort standen und zu dem riesigen Turm aus silbernem Metall hinaufstarrten, den sie soeben vom Himmel hatten herabsteigen sehen. Der Augenblick war einzigartig; niemals zuvor hatte sich etwas Derartiges in der Geschichte ereignet, und es würde sich niemals wieder zum ersten Male ereignen können.
Dann ertönte erneut ZORACs Stimme.
»Das Heckteil ist unten. Die Druckverhältnisse sind ausgeglichen, die äußeren Schleusentore offen und die Boden-rampen ausgefahren. Alles bereit zum Öffnen.«
Hunt spürte, wie die Erwartung um ihn herum immer stärker wurde. Alle Köpfe drehten sich nun zu Garuth und starrten ihn an. Der Führer der Ganymeder ließ langsam seinen Blick über die Anwesenden schweifen, verhielt einen Moment lang auf der Gruppe der Erdbewohner, die immer noch zusammengedrängt an der Fahrstuhltür standen, und richtete seine Augen dann auf Hunt.
»Wir werden in der Reihenfolge hinausgehen, die wir ja bereits beschlossen hatten. Wir sind jedoch Fremdlinge auf dieser Welt. Unter uns sind Leute, die nach Hause kommen. Dies ist ihre Welt, und sie sollten uns hinaus auf ihren Boden führen.«
Die Ganymeder bedurften keiner weiteren Aufforderung.
Garuth hatte noch nicht einmal zu Ende gesprochen, da öffneten sie eine lange, gerade Schneise, die sich von der Gruppe der Erdbewohner an den Aufzügen bis zu Garuth und Hunt erstreckte. Nach wenigen Sekunden begannen die Erdenmenschen, langsam voranzuschreiten. Danchekker führte sie an. Als sie sich der Luftschleuse näherten, neben der Hunt wartete, traten die Ganymeder beiseite, um ihnen vor der inneren Tür Platz zu machen.
»Alles in Ordnung, Chris?« fragte Hunt, als die beiden sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. »Noch wenige Augenblicke, und Sie sind wieder daheim.«
»Ich muß schon sagen, daß ich sehr gut ohne diesen ganzen Publicity-Rummel ausgekommen wäre«, erwiderte der Professor.
»Ich komme mir wie so eine Art Moses vor, der das Volk Israel heimführt. Na, bringen wir's hinter uns.«
Hunt vollführte eine halbe Kehrtwendung und stand neben Danchekker. Beide standen sie der inneren Tür gegen-
über. Hunt blickte zu Garuth hinüber und nickte.
»ZORAC, öffne die innere Tür, Schleuse fünf«, befahl Garuth.
Die gerippten Metallpaneele glitten geräuschlos aus Hunts Gesichtsfeld. Er trat nach vorn, hinein in die Schleu-senkammer und bewegte sich langsam auf die äußere Tür zu. Durch das Wirrwarr der Emotionen hindurch, die in ihm aufstiegen, nahm er undeutlich wahr, daß Danchekker an seiner Seite schritt und der Rest des UNWO-Kontingents folgte. Jenseits der Außentüre erstreckte sich eine breite, flache Rampe auf den Beton hernieder. Sie traten hinaus auf diese Rampe und fanden sich von etwas umgeben, was ihnen wie eine geräumige Kathedrale aus metal-lenen Gewölberippen vorkam und das von den schwungvollen Krümmungen der Unterseiten der Heckflossen der Shapieron gebildet wurde – mächtig emporstrebend, um sich schließlich mit dem Rumpf des Schiffes über ihren Köpfen zu vereinigen. Die Rampe und der Teil des Bodens, der von den Flossen überspannt wurde, lagen im Schatten des mächtigen Rumpfes und dieser Flossen. Aber jenseits davon erglänzte der Tag im hellsten Sonnenschein, der ihre gesamte Umgebung in ein umfassendes Farbenspektrum tauchte – da war das Grün der auf sie herabblickenden Hügel, die purpurnen, weißen und blauen Tönungen der Berge und des dahinterliegenden Himmels, die in allen Farben des Regenbogens gesprenkelte Menschenmenge, die dicht gedrängt auf den Abhängen der Hügel wartete, die rosafar-benen, grünen, roten, blauen und orangenen Pastelltöne der Hütten, die Weiße des Betonstreifens unter ihnen und sogar die schneeweißen Hemdbrüste der Delegierten, die in Reih und Glied exakt und starr aufgebaut waren.
Und dann erhob sich der Lärm der Begrüßung. Es war so, als erhebe sich weit entfernt, auf den Hügelkuppen, langsam eine Woge der Geräusche, die im Hinabgleiten mächtiger und schneller wurde, bis sie schließlich mit einem Donnergetöse über sie hereinbrach und ihre Sinne überflutete. Die Hügel selbst schienen plötzlich zum Leben erwacht, als sich eine spontane Bewegung wie ein Muster ausbreitete, so weit das Auge nur blicken konnte. Zehntausende waren aufgesprungen und brüllten sich die Anspan-nung und die Erwartung aus dem Leib, die sich über Tage hinweg in ihnen aufgestaut hatten, und während sie brüll-
ten, winkten sie – mit Armen, Hüten, Schirmen, Mänteln, mit allem, was sie gerade zur Hand hatten. Und hinter alldem, so als hinge wunder was davon ab, die Lärmkaskade zu übertönen, pulsierte der Klang von vielen Militärkapel-len auf und ab.
Nach einigen Schritten auf der Rampe hielten die Erdbewohner inne, überwältigt von dem geballten Angriff, der auf alle ihre Sinne niederprasselte. Dann setzten sie sich erneut in Bewegung, marschierten die Rampe hinab und betraten den festen Boden der Erde unter den sich empor-wölbenden Pfeilern der Heckflossen der Shapieron. Sie traten vor, hinein in den Sonnenschein, und bewegten sich auf den Fleck zu, auf dem eine kleine Gruppe von Repräsentanten der Erde in vorderster Front, vor allen übrigen Menschen, stand. Sie schritten einher wie in einem Zustand von Trance. Dabei wandten sie ihre Köpfe, um mit ihren Blicken die Umgebung in sich aufzunehmen, die vielen Hügel, den See im Hintergrund... und sie schauten empor zum Schiff, das sich nun still und bewegungslos zum Himmel emporreckte. Einige erhoben ihre Arme und winkten der Menge auf den umliegenden Hügeln zu. Der Lärm schwoll auf das Doppelte seiner bisherigen Laut-stärke an, als die Massen ihrer Begeisterung darüber freien Lauf ließen. Bald winkte alles.
Hunt näherte sich der vordersten Gruppe und erkannte die Gestalt von Samuel K. Wilby, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen. Neben ihm standen Irwin Frenshaw, der Generaldirektor der UNWO aus Washington, und General Bradley Cummings, Oberbefehlshaber der uniformierten Abteilungen der UNWO. Wilby begrüßte ihn mit einer ausgestreckten Hand und einem breiten Lächeln.
»Dr. Hunt, nicht wahr?« sagte er. »Willkommen daheim.
Ich glaube, Sie haben einige Freunde mitgebracht.« Er ließe seine Blicke weiterwandern. »Ah... und Sie sind Professor Danchekker. Willkommen.«
Kaum hatte Danchekker den Händedruck beendet, als der Lärm um sie herum zu einem unerhörten Crescendo anschwoll. Sie blickten auf und zurück zum Schiff.
Die Ganymeder kamen heraus.
Die erste Gruppe der Ganymeder, von Garuth angeführt, war auf dem Scheitelpunkt der Rampe aufgetaucht. Dort hatte man angehalten. Die Blicke, mit denen sie um sich starrten, verrieten ihre vollständige Verblüffung.
»ZORAC«, sagte Hunt. »Sie sehen etwas verloren dort oben aus. Sag ihnen, sie sollten herunterkommen und die Leute treffen.«
»Das werden sie gleich tun«, ertönte die Maschine in seinem Ohr. »Sie brauchen einen Moment, um sich zu ak-klimatisieren. Du mußt bedenken, daß sie seit zwanzig Jahren keine natürliche Luft mehr geatmet haben. Und zum ersten Mal seit dieser Zeit befinden sie sich auf einer offenen Fläche.«
Um die Hecksektion des Schiffes herum hatten sich auf den Scheitelpunkten anderer Rampen weitere Luftschleusen geöffnet, und weitere Ganymeder kamen zum Vorschein. Die von Garuth so sorgfältig geplante Reihenfolge des Erscheinens war bereits in Vergessenheit geraten. Einige der Riesen standen noch gedrängt in den Schleusen-
öffnungen herum, während andere bereits halbwegs die Rampen hinabgeeilt waren. Wieder andere standen einfach nur bewegungslos da und starrten in die Gegend.