9. Die Lawine
Nach den Abschlussprüfungen treffen sich Aroha, Jeannie und Mike in euphorischer Stimmung. Das Jahr ist gut abgeschlossen, und Kevin hat angerufen, ob sie nicht in die Berge auf der Südinsel kommen wollen, wo er gerade im Einsatz ist.
Obwohl Kalina sagt, dass sie wegen Vorbereitungen auf den nächsten Studienabschnitt keine Zeit hat mitzukommen, ist es Aroha klar, dass dies nur eine Ausrede ist. Kalina glaubt nach wie vor nicht an die Macht des Kapakapa, an die ‚andere‘ Welt. Selbst Photos aus dem ‚anderen‘ Tongariro Nationalpark konnten sie nicht überzeugen. »Photos beweisen heute überhaupt nichts mehr. Du weißt, dass man sie beliebig digital manipulieren kann.«
Aroha trägt nun wieder täglich das Kapakapa, was sie während der letzten Monate des Studiums nicht tat.
»Hast du wieder einmal irgendwelche ‚Rufe‘ von einer anderen Welt gehört?«, erkundigt sich Jeannie neugierig.
»Ja, als ich es heute Morgen anlegte. Aber der ‚Ruf‘ war irgendwie schwächer, als käme er von weiter weg. Ich bin mir sicher, er kam von den Gipfeln irgendwelcher Berge, die sehr kalt sind. Kälter als wir es das letzte Mal erlebt haben.«
»Das passt ja auf die Südalpen und sehr gut zum Vorschlag Kevins. Ich glaube, wir müssen uns demnach besonders gut ausrüsten. Ich rufe morgen Kevin an, ob er für uns alle Eispickel und Steigeisen besorgen kann.«
Aroha und Jeannie kümmern sich um die Verpflegung. Sie verbringen mehrere Stunden in einem Supermarkt und kaufen riesige Mengen von Nahrungsmitteln, die sich für Bergtouren eignen sollten. Käse, Speck, Salami, Dauerbrot, Milchpulver, Astronautennahrung, Tee, Salz, Zucker, Kaffee, usw.
Am Nachmittag benutzen sie die Essenslisten, die ihnen Kevin gegeben hat, um die einzelnen Nahrungsmittel in entsprechenden Quantitäten abzupacken. Es kommt ihnen vor, als würden sie viel zu viel mitnehmen!
Sie verlassen Auckland an einem Freitag Anfang Jänner28 und fliegen nach Queenstown29. Mike hat sich diesmal zehn Tage Urlaub genommen, und Aroha und Jeannie sind wegen der Universitätsferien zeitlich auch nicht unter Druck.
Kevin holt die drei am Flughafen ab und fährt mit seinem Geländewagen auf einer nur für Park-Ranger offenen Strasse tief in die Berge.
»Großer Gott!«, ruft Kevin erstaunt, »Alles hat sich hier geändert! So wie es beim Tongariro Nationalpark war, ist es auch hier geschehen! Das da drüben soll der Mount Aorangi sein, aber jetzt schaut er viel höher und schroffer aus!«
»Du hast absolut recht«, sagt Mike, »keiner dieser Berge schaut so aus, wie ich sie kenne, sie sehen nicht ‚normal‘ aus, sind viel zu steil!«
»Ihr könnt mir glauben, als ich vor einigen Stunden weggefahren bin, um euch zu holen, war alles noch ganz normal«, sagt Kevin.
Alle schauen wortlos Aroha an: »Das Kapakapa«, murmelt sie, »ja, ich trage es.«
»Unabhängig davon, dass sich die Gegend geändert hat, steigen wir doch noch heute wie geplant auf, oder?«, fragt Kevin.
Alle stimmen mit Schattierungen in ihrer Begeisterung zu.
Es scheint schon der Mond, als sie den ersten Bergrücken erreichen. Die Welt ist, hat man sich erst ein bisschen an das spärliche Licht gewöhnt, wie verzaubert. Sie sind umgeben von ersten Anzeichen von Schnee; der Regenwald und die rauschenden Flüsse liegen schon unter ihnen.
Kevin hat für alle Eispickel und Steigeisen besorgt. Am nächsten Morgen trifft er alle Entscheidungen: »Seht ihr den Gletscher da oben?«, fragte er.
Alle nicken. »Und seht ihr, etwa in einem Drittel der Höhe den Eisfall?«
Wieder nicken sie. »Wenn wir es schaffen, an diesem Eisfall vorbei zu kommen, dann können wir uns im Gletscherrand eine bequeme Schneehöhle bauen.«
»Eine Eishöhle! Herrlich! Ich wollte schon immer mithelfen, eine zu bauen und dort wohnen«, jubelt Jeannie.
Nun sind Mike und Kevin nicht mehr zu bremsen, und ihre Begeisterung ist ansteckend. »Da, wo wir übernachtet haben, das nennen wir unser »Basislager«. Hier unter dem überhängenden Felsen lassen wir einige Ausrüstungsgegenstände zurück«, sagt Kevin. »Heute klettern wir bis zum Gletscher, aber wir kehren am Abend retour. Und morgen werden wir dann versuchen, den Eisfall zu überwinden.«

Am obersten Gebirgskamm, gerade unterhalb der Schneegrenze üben sie noch einmal die wichtigsten Klettermanöver. Einmal ist Aroha an einer Felsnase mit dem Seil angebunden, wobei der freie Teil des Seils mit einem Karabiner um ihre Taille befestigt ist. Kevin ist hoch über ihr, um die leichteste Route zu finden. Sie kann Mike und Jeannie nicht sehen, denn diese sind weiter zurück, noch auf der anderen Seite des Kamms. Es kommt ihr vor als wäre sie ganz allein in dieser verschneiten, stillen Welt. Ihre Finger berühren das Kapakapa. Da ‚sieht‘ sie plötzlich:
Kevin, der mit größter Sorgfalt das Seil befestigt, so dass sie unter allen Umständen sicher ist.
Dieses Bild zeigt ihr, wie sehr Kevin sie liebt, und sie muss schlucken, während ihre Augen feucht werden.
Oberhalb der Schneegrenze gilt es den Umgang mit Schnee und Eis noch einmal zu üben. Auf den unteren Hängen lernen sie, wie man beim Rutschen abbremsen kann, und wie man ohne stehen zu bleiben die anderen sichern kann. Die Rufe »Halten!« werden von den Bergwänden als Echo zurückgeworfen. Obwohl Aroha Handschuhe trägt, spürt sie mehr als einmal eine kleine Verbrennung, die das durch die Finger gleitende Seil hinterlässt.
Aber die Übungen machen sich schnell bezahlt. Etwas später am Tag, als sie einen steilen Hang heruntersteigen, schreit Jeannie plötzlich ein lautes »Halt!«. Mit den vorher trainierten Reflexen lassen sie sich alle auf ihre Eispickel fallen, die sich in den Schnee eingraben, und die so die Seilschaft und Jeannie halten. Jeannie ist dadurch nur einige Meter tief in eine Gletscherspalte gestürzt, hat sich aber nicht verletzt.
Im Laufe des Tages wird der Schnee so weich, dass die Steigeisen kaum mehr halten und sie immer tiefer in den Schnee einsinken. Mike führt die Gruppe langsam und mit großer Vorsicht. Obwohl er es nicht erwähnt, um die Freunde nicht zu verunsichern, sind ihm die Verhältnisse nicht geheuer. Hier könnte man jederzeit eine Lawine abtreten.
[28] Jänner ist natürlich Hochsommer in Neuseeland.
[29] Queenstown ist das Sport- und Touristenzentrum der Südinsel, aber auch Ausgangspunkt herrlicher Touren. Seite 86
Durch den weichen Schnee wird es eine harte Arbeit ihr »Basislager« zu erreichen.
Während die Mädchen für alle das
wohlverdiente warme Abendessen kochen, tauschen Kevin und Mike ihre
Erfahrungen aus.
»Die Situation ist ungewöhnlich«, beginnt Kevin, »es geht mir wie schon ein paar Mal bei unseren Touren. Alles schaut steiler aus als es sein sollte. Es ist so, als würden mich meine Augen und Schätzungen immer wieder im Stich lassen.«
»Ja, so ist es«, bestätigt Mike, »während wir die verschiedenen Sicherungsarten übten, habe ich immer wieder versucht, den Neigungswinkel der Hänge abzuschätzen. Und jedes Mal, wenn ich die Schätzung mit der nur mäßigen Geschwindigkeit verglich, mit der wir dann abrutschten, wusste ich, dass ich mich wieder geirrt hatte.«
»Egal wie es ist«, meint Jeannie, »ich für meine Person bin froh, dass es sowohl beim Aufstieg wie beim Abstieg immer schwieriger aussieht als es dann ist.« Aroha stimmt zu.
Bei Tagesanbruch beginnen sie wieder mit der Besteigung. Sie kommen sehr schnell bis zum Fuß des Eisfalls. Die Steigeisen finden in den Spuren des Vortags ausgezeichneten Halt und die Tatsache, dass sie am Vortag einigen Aufwand investiert hatten, erweist sich nun als sinnvoll.
Jetzt muss der Eisfall bewältigt werden. Ein Stück geht es gut, indem sie Stufe um Stufe in das harte Eis hauen. Dann müssen sie eine Schneebrücke über einen tiefen Abgrund überqueren. Obwohl hier jeweils die anderen drei sichern, sind alle froh, am anderen Ende angelangt zu sein. Sie denken nicht gerne daran, dass sie hier irgendwann auch wieder zurück müssen! Der Rest des Eisfalls ist steil und mühsam, bietet aber keine neuen Überraschungen. Gegen Mittag haben sie das obere Ende erreicht.
Am Nachmittag suchen sie sehr sorgfältig nach einem geeigneten Hang mit hohen Schneewechten. Es ist fast Abend, bis sie mit einem Platz zufrieden sind und mit dem Bau der Schneehöhle beginnen können.
Dies soll ihr »Hauptlager« werden, und sie müssen daher großzügig vorgehen. Zunächst graben sie zwei Stollen, die sich treffen sollen, in den harten Schnee, ungefähr drei Meter lang und groß genug, dass sie bequem durchkriechen können. Am Ende dieser Stollen arbeiten sie paarweise. Einer schaufelt und einer bringt den losen Schnee nach außen. Dort, wo sich die Tunnel treffen, wird so ein runder Raum, der dann auch systematisch nach oben erweitert wird, bis sie aufrecht stehen können. Nun legen sie die Schlafnische an. Der unterste Rand der Nische liegt gerade über dem höchsten Teil der Tunnel, damit die Wärme oben gefangen wird. Die Decke wird sorgfältig so abgeschrägt, dass Kondens- oder Tauwasser nicht in die Schlafnische rinnt.
Sie
arbeiten lange. Als Aroha später zurückdenkt, wird ihr klar, wie
müde, hungrig und kalt das alles war. Schließlich knieten sie beim
Graben eine graume Zeit am Schneeboden, und das Abgraben der
Höhlendecke, obwohl man dann stehen konnte, war auch nicht
angenehmer, weil dann immer der Schnee von oben herunterfiel. Und
im Übrigen musste loser Schnee kriechend ins Freie gebracht werden.
Aber deutlich erinnert sich Aroha an diesen Teil der Tour nicht,
die Erinnerungen sind begraben, verloren, wie nutzloses
Gepäck.
Um Mitternacht versuchen sie den Gaskocher anzuzünden, um sich eine warme Suppe und einen Tee zu kochen. Aber die Zündhölzer sind nass geworden, und nach zwanzig Versuchen bekommen sie Angst. Sie dürfen nicht alle aufbrauchen. Sie müssen die Zündhölzer über Nacht sorgfältig trocknen! So gibt es nur Knäckebrot mit ein bisschen Käse, bevor sie den letzten Teil der Arbeit beginnen. In die Schlafnische legen sie eine Plastikplane als Unterlage. Darauf kommen drei Luftmatratzen und auf diese quer darüber die vier Schlafsäcke. Sie liegen so, dass ihre Köpfe aus der Nische herausragen. Die geringe Tiefe der Nische wird dadurch wettgemacht, dass sie ihre Köpfe auf die Rucksäcke legen, die vor der Nische aufgestellt werden.
Todmüde kriechen sie in die Schlafsäcke. Es ist relativ bequem, aber um nicht zu frieren, müssen sie doch fast alles anziehen, was sie an trockener Kleidung besitzen.
Nach einem heißen Tee am nächsten Morgen (die Streichhölzer sind jetzt trocken!) und Haferbrei mit Rosinen, Nüssen und Zucker brechen sie gestärkt und in guter Laune auf. Der Himmel ist azurblau, aber es bläst ein kalter Wind. Dafür sind die Schneebedingungen ideal. Die Schneedecke ist so hart gefroren, dass die Steigeisen herrlich greifen. Allerdings ist die Oberfläche so eisig, dass sie mit dem Pickelstiel nicht durchkommen, was die gegenseitige dynamische Sicherung fast unmöglich macht. Nach mehreren Stunden stehen sie auf dem ersten Berggipfel, nahe beisammen, oberhalb der Wolken. In allen Himmelsrichtungen stehen die großen Gipfel der südlichen Alpen. Gerne wären sie zum nächsten, noch höheren Gipfel, dem eigentlichen Ziel Mount Aorangi, weitergegangen. Aber es fällt leichter Nebel ein, der sich zunehmend verdichtet. Sie müssen umdrehen und ihre Schritte zurückverfolgen. Es ist gut, dass es jetzt nicht schneit, denn sonst wären die Spuren bald verwischt und die Rückkehr nur mit Kompass möglich. Aber die Spuren bleiben bis zuletzt gut sichtbar.
Der letzte Hang ist ein Genuss. Sie nehmen die Steigeisen ab, legen das Gewicht auf die Fersen und fahren so, fast wie auf Kurzschiern, über den verharschten Schnee ab, lachend und sich zurufend, fast wie eine Gruppe kleiner Kinder.
Am nächsten Tag hat sich das Wetter stark verschlechtert, wie es in den Alpen immer wieder passiert. Sie bleiben fast den ganzen Vormittag in ihren Schlafsäcken und erzählen sich Geschichten, bis ihnen irgendwann (vorübergehend!) der Stoff ausgeht.
Am Nachmittag gehen Mike und Kevin auf eine Erkundungstour. Aroha hat ein unangenehmes Gefühl im Magen, als sie die beiden als immer kleiner werdende Figuren in der unendlich groß erscheinenden Schneeeinöde in Nebel und Sturm verschwinden sieht.
Sie und Jeannie beschäftigen sich den Rest des Tages mit dem weiteren Ausbau der Schneehöhle. Sie bauen ein paar ‚Regale‘, indem sie Nischen aus Schnee heraushauen, verbessern Höhlendecke und Wände und graben zwei Seitenstollen mit tiefen »Falllöchern«, je eines für »Männer« und »Frauen«.
Kevin und Mike wollten um 16 Uhr zurück sein. Als Aroha irgendwann auf ihre Uhr schaut (Jeannie trägt nie eine), sieht sie, dass diese stehen geblieben ist. Sie stellt sie gefühlsmäßig auf 16.30 ... und es ist gut, dass sie sich so verschätzt, sonst hätte sie sich Sorgen gemacht. Die beiden Männer kommen erst zurück, als die Uhr 17.30 zeigt, es in Wahrheit aber schon 20.00 Uhr ist.
Kevin und Mike kommen zurück, singen nach der Melodie eine bekannten Musicals: There is now place, like a snow place, like a snow place, we know ...
Sie berichten, dass es ihnen trotz schlechten Wetters Spaß gemacht hat, die Gegend auszukundschaften, und dass sie auch etwas Nützliches erledigen konnten. Sie haben mit Kaliumpermanganat-Kristallen30 Wege um gefährliche Stellen und Gletscherspalten markiert.
Der nächste Tag, Mittwoch, beginnt mit Kaiserwetter. Sie brechen früh auf. Vielleicht werden sie heute ihr eigentliches Ziel, den Mount Aorangi, ersteigen können? Hänge und Felsen sind übergossen mit Schnee und Licht, der weiße Schnee scheint einen Teil des dunkelblauen Himmels zu reflektieren. Die Farben erinnern Aroha an die Wasserlilien in einem Bild von Monet. Für Aroha wird die Schönheit des Tages nicht durch den einbrechenden Nebel zerstört, der sie gegen Mittag wieder zwingt umzukehren. Die Schneehöhle fühlt sich für sie wie ein Palast an!
Der Donnerstag wird ein erzwungener Ruhetag. Als Kevin um 3 Uhr Früh hinaus kriecht, um zu schauen, ob sie sich für den »Gipfelsturm« vorbereiten sollen, ist der Wind so stark, dass er ihn fast umbläst. Grinsend kriecht Kevin in den Schlafsack zurück und ruft den anderen, die nicht ganz wach sind, zu »heute gibt es einen Lange-Schlafen-Wettbewerb. Wir können heute bestimmt nichts unternehmen.«
Sie verbringen den Tag mit reden, Karten spielen und dem Austausch von Beschreibungen ihrer Lieblingsgerichte. Die Astronautennahrung beginnt ihnen allmählich langweilig zu werden!
Der Freitag bringt wieder gutes Wetter. Sie brechen sehr früh auf, und stehen schon um 9 Uhr auf dem ersten Berg, von dem aus der Anstieg zum Aorangi gut zu sehen ist. Der Wind ist kräftig, aber kein Sturm, also weiter! Um 10 Uhr beginnen sie die letzte Etappe, die nicht länger als etwa zwei Stunden in Anspruch nehmen sollte. Aber es kommt ganz anders. Plötzlich wird der Wind zum Orkan, überfällt sie mit Macht, jagt ihnen Schnee stechend ins Gesicht. Wieder müssen sie umdrehen. Sie kommen nur langsam voran, denn es ist fast nichts zu sehen.
Als sie sich an den Abstieg machen und auf den Gletscher lossteuern, wird ihnen bewusst, dass sie vielleicht in ernsthaften Schwierigkeiten stecken. Die Männer stellen fest, dass ihre Kompassmessungen um fast 40 Grad verschieden sind!
Inzwischen schneit es heftig. Zwei Stunden lang arbeiten sie sich mühsam den Gletscher hinunter, der Wind heult ihnen entgegen, der Schnee blendet sie. Sie folgen dem führenden Mike blind, alle angeseilt, weil sie sich vor unsichtbaren Gletscherspalten fürchten. Niemand hält es für möglich, dass Mike noch weiß, wo er ist und den Weg findet.
Doch Mike geht unbeirrt weiter. Aroha beginnt sich allmählich die Schneehöhle wie ein wunderbares Schloss vorzustellen, so müde und erschöpft ist sie, ihr ist kalt, sie ist hungrig und etwas verzweifelt.
Da! Auf einmal ist der Eingang zur Schneehöhle direkt vor ihnen!
»Hut ab, oder besser gesagt ‚Mützen ab‘ für Mike«, sagt Kevin, »keiner von uns hat geglaubt, dass man unter diesen Bedingungen zurückfinden kann!«
Und die vier stimmen diesmal eine etwas andere Version des Liedes an: There is no palace, like a snow palace, like the snow palace, we know ...
... während sie die nasse Bekleidung gegen trockene tauschen.
Die ganze Nacht tobt der Schneesturm. Sie teilen Schichten ein, um wenigstens bei dem nach Norden gehenden Stollen eine kleine Öffnung von Schnee freizuhalten. Der Schneesturm hält auch den nächsten Tag an. Und den nächsten.
Zu diesem Zeitpunkt gehen ihnen die Grundnahrungsmittel aus.
Es beginnt ihnen Leid zu tun, einiges im »Basislager« gelassen zu haben. Haferbrei mit Milchpulver, ohne Salz, Zucker oder andere Zutaten beginnt eintönig zu schmecken.
In den frühen Stunden des nächsten Morgen werden alle durch ein furchtbares Getöse geweckt. Sie setzen sich wie auf Befehl gemeinsam auf und hören ein langes, allmählich leiser werdendes Dröhnen und Rauschen.
[30] Kaliumpermanganat, KMnO4, besteht aus dunkelvioletten, fast schwarzen metallisch-stahlblau glänzenden rhombischen Prismen. Es ist in 16 Teilen Wasser lösbar und färbt Wasser und Schnee selbst in kleinsten Mengen intensiv violett.
»Eine Lawine«, stöhnt Kevin.
Sie sitzen zitternd in den Schlafsäcken, bis ihnen die völlige Stille bewusst wird, eine viel zu tiefe Stille, eine Stille, die nichts Gutes bedeutet. Das Heulen des Sturmes ist verstummt!
Mike zündet eine Lampe an und Kevin zeigt schweigend auf die beiden Stollen, die aus der Höhle führen. Beide sind bis in die Höhle herein mit Schnee gefüllt!
Aroha sagt, was sich die anderen denken: »Es könnten Tonnen von Schnee sein, die unsere Ausgänge blockieren!«
»Mobiltelefon?«, fragt mit hoher Stimme Jeannie.
»Keine Chance. Wir hatten schon vorher keinen Empfang«, antwortet Kevin.
»In diesem Fall schlage ich vor, dass wir sofort mit dem Graben beginnen«, meint Mike.
»Wird uns die Luft ausgehen?«, ist Jeannie besorgt.
»Das wird nicht unser größtes Problem sein, zumindest noch nicht für einige Zeit. Es ist auch im Schnee einige Luft gefangen«, versucht Kevin zu beruhigen, »das größte Problem ist, was wir mit dem Schnee machen, den wir aus den Tunneln heraus graben.«
»Und mit welchem Stollen sollen wir anfangen... Norden oder
Süden?«, überlegt Mike. »Wir haben keine Ahnung, wie es jetzt draußen aussieht. Es könnte einen gewaltigen Unterschied machen, je nach dem wo wir graben.«
Keiner bewegt sich, keiner fühlt sich in der Lage eine Entscheidung zu treffen, die vielleicht eine über Leben und Tod ist.
Aber plötzlich zeigt Aroha nach oben. Nicht auf einen der Tunnel, sondern hinauf zur Decke der Höhle. Zur Decke der Höhle neben der Nische, in der sie geschlafen haben.
»Da müssen wir graben, direkt hinauf!«
Die Freunde schauen sie verwundert an.
»Ich weiß, es klingt vielleicht verrückt, aber ich spüre, dass hier der Weg ins Freie am kürzesten ist.«

»Vielleicht werde ich auch schon verrückt«, sagt Mike, »aber aus einem Grund, den ich nicht angeben kann erscheint es auch mir vernünftig, hinauf zu graben.«
»Nun, so verrückt ist es vermutlich nicht«, kommentiert Kevin, »es ist doch immerhin wahrscheinlich, dass weiter unten, beim Ausgang der Stollen, die Lawine höher liegt, als auf dem Dach der Höhle.«
Auf einmal sind alle wieder optimistisch. Sie wechseln sich beim Graben ab. Nach einiger Zeit hören sie den noch gedämpften Lärm des Sturmes, aber das gibt ihnen neue Kraft. Schließlich, Aroha jubelt, brechen sie durch ... frische Luft, sie können hinaus. Nur: Es schneit noch immer!
10. Der Mindcaller
Es wird ein langer Tag in der vom Schnee verschütteten Höhle. Sie verbringen ihn irgendwie, versuchen, nicht an Essen zu denken, spielen Karten und Gedächtnisspiele, geben sich gegenseitig Rätsel auf und reden über Gott und die Welt.
Am Abend versucht Mike ihnen die Geheimnisse neuer Verschlüsselungsverfahren zu erklären, vor allem die so genannten »öffentlichen Schlüsselsysteme«, die er als eine der größten Entdeckungen des späten 20. Jahrhunderts bezeichnet. Er benutzt einen Löffel und eine Gabel, um Alice und Bob, Sender und Empfänger von verschlüsselten Nachrichten, zu symbolisieren und er verbraucht bei seinem Versuch, alles verständlich zu machen, seinen ganzen Tagesvorrat an Toilettenpapier.
Dann gibt er ihnen sein Lieblingsrätsel auf:
»Ein Mann A trifft seinen Freund B.
B fragt A: Wie alt sind jetzt eigentlich deine drei Töchter?
A antwortet: Eigentlich solltest Du es ja wissen, aber ich helfe dir. Multipliziert man ihre Alter (und wir rechnen nur in ganzen Zahlen, also ein Jahr alt, zwei Jahre alt, usw.), dann ergibt sich 36. Zählt man die Alter zusammen, so erhält man deine Hausnummer. B beginnt zu rechnen und schüttelt schließlich den Kopf: Du musst mir noch mehr sagen, ich habe noch nicht genügend Information um das Rätsel zu lösen.
Da antwortet A: OK, ich sage dir noch etwas Wichtiges: Die Älteste ist blond.
B überlegt ein bisschen und sagt dann: Ja, danke, jetzt weiß ich wie alt sie sind.«
Mike blickt Kevin, Aroha und Jeannie an.
»Jetzt seid ihr dran. Wie alt sind die drei Töchter, und wie lautet die Hausnummer von B? Ja, ihr braucht nicht so ungläubig schauen, nach dem, was ich euch erzählt habe, gibt es genau eine Lösung.« Die drei Freunde denken eine Weile ergebnislos nach. Kevin nimmt dann ein Stück Papier und beginnt einiges aufzuschreiben. Schließlich lacht er.
»Nettes Rätsel Mike. Ja, ich habe die Lösung.« Die anderen sind noch immer verblüfft und Jeannie sagt:

»Was soll der Unsinn ‚Die Älteste ist blond‘?«
Kevin lächelt: »Das ist kein Unsinn. Die Information ist äußerst wichtig.
Wenn ihr ein bisschen drüber nachdenkt werdet ihr wie ich schon dahinter kommen31!«
Aroha beschreibt ihre Arbeit in der Biologie.
»Sie macht mir Spaß, aber ich bin nicht sicher, ob ich sie ein ganzes Leben lang machen will.«
»Was stellst du dir sonst vor?«
»Ich weiß es nicht genau. Aber Malen und Medien haben mich immer interessiert. Vielleicht möchte ich Filmproduktion erlernen ... Wie schaut es bei dir aus?«
»Ich bin noch weit davon entfernt, meine Forschungsarbeiten abzuschließen.«
»Erkläre uns doch, was du forscht!«, bittet sie Mike.
Jeannie hat Bedenken, ob sie das in einfachen Worten richtig kann. Sie ist jetzt eine Forschungsstudentin, die neue Formen der computerunterstützten Kommunikation untersucht, wobei sie mit einer bekannten Gruppe in Europa zusammenarbeitet:
»Vielleicht kann ich es so am einfachsten erläutern: Wir haben Ohren zum Hören, das sind passive Instrumente. Sie können nur Geräusche aufnehmen aber nicht produzieren. Aus der Sicht eines Computerfachmanns sind sie also ‚Eingabegeräte‘. Aber wir haben auch einen Mund, mit dem wir sprechen, also Geräusche für die Ohren machen. Der Mund ist also das entsprechende ‚Ausgabegerät‘. Mit anderen Worten, im Audiobereich hat der Mensch sowohl ein Eingabe- als auch ein Ausgabegerät. Im visuellen Bereich ist es aber anders. Die Augen, als passive Instrumente, sind wieder sozusagen ein ‚Eingabegerät‘, aber wir haben kein entsprechendes visuelles ‚Ausgabegerät‘, wir haben sozusagen keinen ‚Mund für die Augen‘.«
»So explizit ist mir das nie vorher aufgefallen«, staunt Kevin.

»Das heißt, du versuchst den Computer als eine Art ‚Augen-Mund‘ als visuelles Ausgabegerät einzusetzen?«, sagt Aroha.
»Ja, so könnte man es ungefähr sagen«, lächelt Jeannie. »Nur ist die Situation natürlich viel komplexer. Die Herausforderung ist, herauszufinden, wie weit wir visuell und nicht in Worten denken. Was wir in unserem Kopf ‚sehen‘ das sind ja nicht irgendwelche Bilder oder Filme, sondern das sind gewisse Abstraktionen, die wir verstehen lernen müssen. Versucht nur einen Augenblick, euch eine Rose vorzustellen! Was empfindet ihr (sie macht eine Pause und alle denken an eine Rose)? Es ist doch bemerkenswert. Wir sehen dabei nicht ein richtiges Bild, aber irgendwas mit durchaus vielen Details wird uns dabei bewusst.«
»Willst du sagen, dass wir uns nur abstrakte Bilder - was immer das ist - merken?«
»Ich habe ja gesagt, dass es mir nicht leicht fallen wird, zu erklären, was wir machen«, lacht Jeannie, »aber, als Beispiel, versuch dir einmal die Tätowierung auf Popey‘s Arm vorzustellen. Welche Gestalt hat sie?«
»Es ist ein Anker«, sagt Aroha.
»Wieso kannst du das sagen?«
»Weil ich den Anker sozusagen in mir sehe.«
»Gut, kannst du ihn jetzt um 90 Grad drehen?«
»Ja«, antwortet Aroha.
»Nein«, sagen Mike und Kevin fast gleichzeitig.
»Verschiedene Antworten also. Ist doch interessant. Aber, Aroha, als du den Anker gedreht hast, war das, als sähst du einen Film?«
Aroha denkt nach und schüttelt dann den Kopf. »Nein, es war anders.« Alle denken, ohne zu reden, eine Weile nach.
Jeannie setzt fort: »Fast alle Tiere haben Ohren und Augen und haben damit ein Gedächtnis für Geräusche und visuelle Eindrücke. Fast alle Tiere können auch Geräusche machen; aber wie wir Menschen könne sie keine visuellen Eindrücke (von ganz einfachen abgesehen) erzeugen. Was uns daher sozusagen fehlt, und an dem arbeiten wir, ist eine visuelle Sprache.«
[31] Jeder Leser, der das Rätsel nicht kennt, soll versuchen, es zu lösen! Es geht wirklich und ist kein Trick. Bevor irgendwer ganz verzweifelt: Der Herausgeber der Xperten-Reihe steht notfalls per email unter [email protected] oder Fax (0316) 873 5699 für Hilfe zur Verfügung!
Das führt zu einer langen Diskussion was man sich darunter vorstellen und wie sich so etwas entwickeln könnte.
»Wahrscheinlich wäre die beste visuelle Sprache irgendwie an die Mathematik angelehnt?«, sagt Mike.
»Wäre so eine Sprache so eine Art Ersatz für ein fotografisches Gedächtnis?«, fragt Aroha.
»Nein, unser visuelles Gedächtnis scheint nicht wie ein Fotoapparat zu funktionieren«, kommentiert Jeannie, »bisherige Forschungsergebnisse scheinen zu belegen, dass wir visuelle Eindrücke in kleinen Bruchstücken, durch Verallgemeinerungen und durch Abstraktionen speichern. Technisch nennt man das oft ‚Hinweise und vages Aufblitzen‘.«
Aroha ist erstaunt. Sie ist längere Zeit still, bevor sie es schließlich wagt, über ihre Erfahrungen mit den visuellen Eindrücken zu berichten, die das Kapakapa liefert: »Ich erinnere mich, als ich das Kapakapa das erste Mal benutzte. Da ‚sah‘ ich ganz kurz das Lächeln meiner Großmutter, das ‚vage Aufblitzen‘ beschreibt das recht gut. Dann, in der Höhle, erlebte ich mehrmals ein solches ‚Aufblitzen‘, darunter war auch das Bild der Göttin des Todes, das mich sehr erschreckte.«
»Ja, ich erinnere mich, dass du damals zusammenzucktest«, sagt Jeannie.
»Aber was mich beunruhigt«, sagt Aroha, »könnte es sein, dass das Kapakapa irgendwie mein Gehirn, mein Denken, mein Gedächtnis beeinflusst? Darum benutze ich es nicht immer, habe es jetzt in den letzten Monaten vor den Prüfungen nie getragen. Will einer von euch einmal ausprobieren, ob er etwas spürt?«
Zunächst hat niemand so rechte Lust. Dann nimmt es Mike, um zu beweisen, dass er als Naturwissenschaftler immer bereit ist, ein Experiment durchzuführen.
»Halte es fest«, sagt Aroha, »und schließe die Augen.«
»Nichts, ich sehe nichts«.
Auch Jeannie und Kevin machen einen erfolglosen Versuch. »Bist du sicher, dass du uns nicht zum Narren hältst?«, meinen sie schließlich.
Aroha schüttelt den Kopf. »Nein, ich glaube, dass das Kapakapa für mich funktioniert, hat entweder damit zu tun, dass ich halb Maori bin, oder ist es einfach so, dass gewisse Menschen leichter beeinflussbar sind als andere. Schließlich gibt es ja auch bei den Menschen solche, die leicht hypnotisierbar sind, und andere, bei denen es nicht gelingt.«
Das Gespräch wendet sich nun dem Thema Hypnose zu. Der Tag vergeht jedenfalls ohne Langweile und überraschend schnell. Kevin ist am schweigsamsten. Seine sanften Augen, in seinem kantigen und doch milden Gesicht folgen Aroha sehnsüchtig und gedankenvoll.
Am nächsten Morgen graben sie sich wieder aus. Der Himmel ist hellblau, es schneit nicht mehr. Und sie sehen das erste Mal das Ausmaß der Lawine. Beide Stollen zur Wohnhöhle sind meterhoch mit dicht gepacktem Schnee verschüttet. Sie schauen wortlos Aroha an. Sie hat ihnen zweifellos den einzig möglichen Weg ins Freie gezeigt, indem sie vorschlug, nach oben zu graben!
»Wie machen wir weiter, Aroha?«, fragt Mike, »hinauf oder hinunter?«.
»Ja, Aroha soll entscheiden.«
Aroha schaut der Reihe nach ihre drei Freunde an. Sie weiß, was sie denken. Der Gipfel ruft, sie fühlen es alle. Sie müssen noch einen Versuch machen, alles andere wäre eine Enttäuschung.
Natürlich ist von den violetten Spuren, die Kevin und Mike zur Vermeidung von gefährlichen Stellen legten, nichts mehr zu sehen. Aber diesmal geschieht das Wunder. Es bleibt sonnig und windstill, und der Neuschnee ist tief aber so pulvrig, dass das Vorankommen nur für den Ersten schwierig ist, und da wechseln sich die vier regelmäßig ab.
Dann stehen sie am Gipfel.
Ohne ein Wort zu sagen beobachten sie, wie die Wolken Gipfel nach Gipfel freigeben, die Sonne die Farben von Silber zu Gold ändert, der Himmel tiefblau wird. Die Berge sind kunstvolle Schneeskulpturen.
Aroha und Kevin rücken eng zusammen und umarmen sich. Mike und Jeannie schauen sich liebevoll an, bevor sie sich lächelnd küssen und sich dann nicht mehr loslassen. Ob es Augenblicke oder Stunden sind, wie sie so stehen, ist später schwer zu sagen. Die Gruppe fühlt sich in dieser Zeit unsterblich, erfüllt von Bewunderung und Liebe, ihre Herzen fliegen weit über die Berge in einem Erlebnis und Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie nie vergessen werden.
Frierende Füße bringen sie in die Realität zurück. Sie nicken sich zu und beginnen den Abstieg zur Schneehöhle.
Kleine Splitter in der gewaltigen Berglandschaft
Kleine Splitter zusammen
Kleine Splitter an den Bruchstellen perfekt passend
Bei der Schneehöhle sind sie eine glückliche Gruppe.
»Aroha, ich verstehe jetzt vielleicht, was du durch das Kapakapa manchmal erlebst«, redet Jeannie als erste, »mir war, als würde ich die Sterne am Himmel sehen, obwohl es helllichter Tag war.«
»Und ich habe ein Ungeheuer im Meer gespürt, tief im Wasser«, sagt Kevin, »und ich sehe noch immer seine großen, grünen Schuppen vor mir.«
»Ich habe Aorangi in seiner ganzen Schönheit erlebt, wie man einen Berg gar nicht erleben kann«, fährt Jeannie fort, »aber ich habe auch Unruhe gespürt, nicht was mich anbelangt, sondern etwas in der Zukunft. Ich verstehe jetzt besser, was du mit der Anwesenheit von Mutter Erde in der Höhle gemeint hast ... vielleicht hat uns die Stimmung am Gipfel auch einfach offener gemacht, sodass wir ein bisschen von deinem Kapakapa zu fühlen bekamen.«
»Ja«, sagt Aroha, »es waren sehr schöne Momente mit euch am Gipfel, und für mich besonders wegen dir, Kevin«, sagt sie ohne Verlegenheit. »Aber ich habe auch große Spannungen gespürt zwischen der herrlichen Umgebung die wir sahen, und der Dunkelheit im Inneren der Berge. Übrigens, nach der Legende liegt nicht weit im Westen von uns eines der größten Kanus vergraben, das die ersten Maoris nach Neuseeland brachte32.
Kevin legt einen Arm um Aroha. »Ich glaube, wir alle verstehen erst jetzt, was du uns mehrmals versucht hast zu erklären. Jetzt, nachdem wir alle ein ‚vages Aufblitzen‘ von ‚nicht normalen‘ Dingen erlebt haben, verstehen wir was du mit den Nachrichten des Kapakapa gemeint hast. Erst jetzt wird mir die unglaubliche Macht das Kapakapa so richtig bewusst.«
»Danke, Kevin, ich wünschte mir nur, dass wir mehr begreifen, was das alles bedeutet.«
»Ich denke, wir sind ein Stück weiter. In der Begeisterung unserer Wanderungen und Touren haben wir manchmal vielleicht die richtige Perspektive verloren und oft nicht genügend auf die ‚Rufe‘ und ‚Nachrichten‘ gehört, die das Kapakapa dir brachte, und warum es das tat.«
»Ja, das würde ich auch gerne wissen. Warum wurde ich in das verlorene Tal gerufen, in die Höhle, in den Tongariro Nationalpark oder nun hier her?«
Kevin blickt Aroha liebevoll an. »Entschuldige, wenn ich mir eine wilde Theorie zusammengereimt habe, aber ich möchte sie euch erzählen. Wir nennen die schöne Schnitzerei aus Obsidian inzwischen alle Kapakapa, also Halsschmuck. Und doch ist es viel mehr. Es ist uns aufgefallen, dass es schwerer ist als gleichgroßer Obsidian, dass man es nicht ritzen kann, darum ist es noch immer so elegant glatt, dass es auch an den dünnsten Stellen kein Licht durchlässt. In Wirklichkeit ist das Kapakapa viel mehr als nur ein Amulett, eine Schnitzerei aus Obsidian. Es ist ein Artefakt, das möglicherweise über noch weitere ungeahnte Fähigkeiten verfügt. Es verdient wohl einen anderen Namen, ich habe das schon einmal anklingen lassen, nämlich ‚Mindcaller‘. Es verbindet dich, Aroha, in noch nicht enträtselter Weise mit anderen Menschen, anderen Zeiten, Mythen und der Natur. Und es scheint in beide Richtungen zu gehen. Du warst im Begriff, dich auf deine Maori-Kultur zu besinnen, und hast über das Kapakapa, ohne es bewusst zu tun, Rufe ausgesandt. Die wurden beantwortet, durch das Lächeln deiner Großmutter, indem dir viel über Mythen, Gestalten und Geschichte der Maoris in den verschiedensten Zusammenhängen mitgeteilt wurde. Aber die Rufe waren auch in die andere Richtung gegangen. Von deinem Maori Erbe zu dir, ja überraschend auch von viel älteren Zeiten zu dir. Und wenn du den Ruf gespürt hast, zu bestimmten Orten zu gehen, wie in die Höhle oder in den Tongariro Park, dann bin ich heute sicher, dass dahinter ein Zweck verborgen war, den ich freilich selbst nicht verstehe, aber der irgendwann in der Zukunft schon einmal klar werden wird.«
So lange hat Kevin noch nie geredet. Alle haben mit Erstaunen zugehört und sehen Aroha erwartungsvoll an.
[32] So weit man es geschichtlich belegen kann, wurde Neuseeland von den polynesischen Inseln aus in zwei Wellen, die erste gegen 800 n.Ch., die zweite mit den heutigen Maoris, 600 Jahre später, besiedelt.
»Ich glaube, Kevin, du bist der Wahrheit so nahe gekommen wie wir es nie zuvor waren. Ich habe euch nie erzählt, weil damals das Misstrauen dem Kapakapa gegenüber noch zu groß war, dass Mutter Erde mir in der Höhle mitgeteilt hat, dass ich mir diesen Ort gut merken soll, weil ich ihn in fernerer Zukunft vielleicht noch einmal dringend benötigen werde. Ich habe das damals nicht verstanden, aber wie Kevin es erklärt, könnte das der wahre Grund sein, warum ich den Ruf ins verlorene Tal und die Höhle gespürt habe. Nur sollte es dann auch für den Ruf nach hier und zum Tongariro Park eine ‚Erklärung‘ geben, oder?«
»Ich denke, eine mögliche Erklärung für den Tongariro Park kennen wir«, sagt Mike, »erst dort wurde uns durch die anderen Obsidianbruchstücke klar, dass das Kapakapa mehr als nur eine Obsidianschnitzerei ist. Und dann vergiss nicht, wir haben dort einen Splitter gefunden, der wie ein Teil eines sehr komplexen Artefaktes ausgesehen hat, den ich dann leider, wie ihr wisst, durch den Unfall mit dem Rucksack verloren habe. Aber auch dort wollte anscheinend ‚jemand‘ oder ‚etwas‘ Aroha auf eine bestimmte Spur lenken.«
Jeannie setzt mit ihren Beobachtungen fort: »Ich denke, dass das Kapakapa ein sehr mächtiges Gerät ist und du, Aroha, auch noch lernen musst, es ganz zu verstehen. Ich glaube auch, wie schon gesagt wurde, dass es aus einer Zeit lange vor den Maoris stammt, aber dass vielleicht Maoris solche Schnitzereien auch schon gekannt haben, ja ihr Kunststil sogar dadurch beeinflusst wurde. Für die Tatsache, dass es sich um etwas Uraltes handelt, spricht vor allem, dass in der Nähe des Kapakapa, (und warum das nur manchmal geschieht, verstehen wir nicht) sich die Landschaft ändert, wie sie vor langer, langer Zeit ausgesehen hat und dies mag zum Teil eine Illusion sein, denn Mike und Kevin haben mehrmals festgestellt, dass z. B. Hänge steiler aussehen als sie dann in Wahrheit sind. Aber nur mit Illusionen lässt sich doch weder die Höhle noch die Lawine erklären. Und obwohl die ‚Bilder‘ und ‚Stimmen‘, die das Kapakapa sendet, fast immer nur von dir empfangen werden, die Illusionen, die Zeitverschiebungen, was immer es auch sein mag, das erleben wir alle. Aroha, sei nicht zu ungeduldig. Wir haben schon viel über das Kapakapa gelernt, wir werden noch mehr darüber herausfinden!«
Die vier sprechen noch lange weiter. Allmählich entwickelt sich ein angenehmes Gefühl, vermischt mit einer Portion Selbsttäuschung, dass man die Kapakapa-Phänomene, die Phänomene des Mindcallers, nun doch immer mehr zu verstehen beginnt.
Eine schweigsame Gruppe begibt sich schließlich auf den Weg vom »Hauptlager« zum »Basislager.« Im Auto sprechen die Freunde noch einmal darüber, ob das Kapakapa ein Geheimnis bleiben soll oder nicht. Aroha ist sicher, dass niemand davon wissen darf.
»Ich fühle es ganz deutlich, dass dafür die Zeit noch nicht gekommen ist. Und wer weiß, wenn wir irgendeinen ‚Experten‘ hierher bringen, dann könnte es sein, dass die Gegend wie immer ist und er würde uns nur für verrückt halten. So wie mir das fast passiert ist, als ich euch das erste Mal von den Stimmen im Wasserfall erzählte. Oder es könnte auch noch anders sein. Man könnte darauf bestehen, das Kapakapa zu öffnen, um ins Innere zu sehen. Schließlich vermuten ja sogar wir, dass sich darin vielleicht Geheimnisse verbergen, und seien es nur gitterförmige Linien, wie wir sie auf dem Obsidiansplitter sahen.«
Mike stimmt zu: »Ich glaube nicht, dass andere uns helfen können, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum das Kapakapa uns manchmal eine ‚andere Welt‘ zeigt, aber nicht immer und nur an bestimmten Orten.« Kevin und Jeannie akzeptieren Arohas Entscheidung.
Zurück in der Stadt entwickeln Aroha und Kevin einen richtigen Übereifer. Sie haben das Gefühl, es fehle ihnen für alles Zeit, als wäre alles ganz dringend: die Arbeit, das Studium und ihre Liebe, die ohnehin zu kurz kommt, weil Kevin oft nicht in der Stadt ist, weil er irgendwo als Park-Ranger seinen Dienst bzw. seine Ausbildung hat. Trotzdem entwickelt sich zwischen beiden ein tiefes Verständnis, das schon an Telepathie grenzt.
Einmal sagt Kevin hintereinander immer nur halbe Sätze. Er kommt nicht weiter, weil Aroha nickt, da sie schon alles verstanden hat. Kevin lacht.
»Manchmal sind wir wie ein lange verheiratetes Ehepaar.«
»Ich habe auch manchmal das Gefühl«, sagt Aroha, »glaubst du, dass es am Ende mit deinem Tiki zu tun hat, das du im Tongariro Park gefunden hast und seither immer trägst?«
Wieder lacht Kevin: »Na, ich habe mir das auch schon überlegt. Insbesondere nach dem ich mir angewöhnt habe, es immer unter meinen Polster zu legen, wenn du zu mir ins Bett kommst. Oft kommt mir unser Zusammensein so vollkommen vor, dass wir wirklich keine Worte brauchen.«
Im Laufe der Zeit ergeben sich aber in ihrer Beziehung doch die ersten Spannungen, weil Kevin so viel unterwegs sein muss. Natürlich ist Aroha auf ihn stolz, als er beginnt, sich international einen immer bedeutenderen Ruf zu verschaffen, aber sie hat auch Angst um ihn. Er besteigt immer schwierigere und höhere Berge, kommt ihr vor. Und obwohl es klar ist, dass Kevin sie auf seine Weise liebt wie immer, wirkt er manchmal nachdenklich und introvertiert.
Es gibt viele Nächte, in denen Aroha das leere Bett hasst, sich unruhig hin- und herwälzt ohne richtigen Schlaf zu finden, ihn untertags vermisst und unruhig ist, weil sie ahnt, dass ihre widersprüchlichen Bedürfnisse nicht befriedigt werden können.
Ihre Gedanken und Gefühle um Kevin beschäftigen sie andauernd, oft hat sie das Gefühl, im Kreis zu gehen. Sie denkt dann auch an ihre anderen Freunde, und wie schön die gemeinsamen Unternehmungen gewesen sind, wie viel sie zusammen erlebt haben.
Es ist ihr auch bewusst, dass sie in einem sehr tiefen Sinn die Wurzeln ihrer Maori Kultur gefunden hat und eine Verbindung mit einer lang vergangenen Zeit, die sie fast körperlich spürt. Sie ist sich sicher, auch wenn sie nie mehr mit dem Kapakapa mit Vater Himmel, Mutter Erde, den großen Bergen und den mythischen Ungeheuern in Kontakt treten würde, es gibt sie, und sie würden vor ihrem geistigen Auge bestehen bleiben, in all ihrer Schönheit und Macht. Immer. Und auf diesen Weg versucht sie zu ignorieren, dass sie ganz deutlich spürt, dass die Göttin des Todes, die ‚Frau der Nacht‘, in ihrer Nähe ist.
11. Die Alten von Aotearoa -
Neuseeland
Alle Träume und alles Glück erlöschen in Aroha an dem Tag, als Kevin stirbt. Er war im Begriff gewesen, eine besonders schwierige Felswand zu durchqueren, als er abstürzte.
Vorsichtig der steilen Wand entlang
winzige Vorsprünge nützend
Steigeisen auf dem Felsen
das einzige Geräusch.
Ein zerbrochener Körper
am Fuß der Felswand.
Große friedliche Stille
ein toter Mensch
oder eine befreite Seele?
Aroha fühlt sich in ihrer Trauer gefangen wie in der wilden Brandung eines Sturms an der Westküste. Welle um Welle überwältigt sie, und der Tumult und das Getöse in ihr sind so groß, dass sie kaum ein Wort versteht, das man zu ihr spricht.
Sie verstreuen Kevins Asche unter den Kauri-Bäumen im verborgenen Tal.
Allmählich kämpft sich Aroha zurück ins Leben. Sie wirft sich in die Arbeit, schafft es irgendwie zu unterrichten und zu forschen. Und sie gelobt, ein Häuschen auf der Lichtung Aorama zu bauen, als Erinnerung an Kevin. Es wird ihr bewusst, wie liebevoll ihre Freunde versuchen, sie zu unterstützen. Sie bitten sie, mit ihnen das verborgene Tal zu besuchen, und Aroha stimmt zu, aber es gibt keine Zeichen einer ‚anderen Welt‘. Sie versuchen Aroha dazu zu bringen, sich wieder mit dem Kapakapa zu beschäftigen, aber Aroha hat es abgelegt und will nichts davon wissen. Auch nicht von Mikes Idee es einmal im Physiklabor zu durchleuchten und zu untersuchen, ohne es im Geringsten zu beschädigen.
Aroha bleibt unerbittlich. Sie will nicht über das Kapakapa reden, sie will nicht mit ihm experimentieren, sie will es niemandem zeigen. Sie wiederholt innerlich immer wieder, dass es falsch wäre, ganz falsch.
Ein Jahr vergeht und dann noch eines. Das Häuschen auf Aorama ist fertig, aber sie benutzt es wenig. Mike und Jeannie sind mit ihrem eigenen Leben vollauf beschäftigt.
Kalina hat ein Stipendium für eine post-graduale Ausbildung an einer guten Universität in Nordamerika angenommen. Die Unterhaltungen zwischen Aroha und Kalina werden immer unpersönlicher. Zunächst noch das eine oder andere Telefongespräch, dann immer kürzere Emails. Aroha ist erschrocken und traurig.
Mitten in einer Nacht wacht sie plötzlich auf und es durchzuckt sie mit völliger Klarheit. Sie hat die zwei Menschen verloren, die sie am meisten geliebt hat. Kevin und Kalina.
Wieder fühlt sie sich wie in übermächtigen Wellen einer Brandung aus Trauer und Verzweiflung und sie findet nicht mehr die Kraft, sich zu wehren. Sie gibt die Musik auf, sie zieht sich von allen Aufgaben zurück, soweit wie möglich. Alles ist jetzt sinnlos, ist nur Geräusch, Lärm, Nichtigkeit.
Mike und Jeannie, so beschäftigt sie sind, kümmern sich noch immer um Aroha, doch Aroha weist sie meist zurück. Als Aroha einmal in einem helleren Moment mit einem gewissen Schuldgefühl analysiert, warum sie Jeannie und Mike immer wieder vor den Kopf stößt wird es ihr klar, dass es eigentlich Neid ist. Neid, dass sich die beiden lieben und zueinander stehen und glücklich sind, während die Scherben ihres Glücks unwiderruflich am Boden liegen.
Viel Zeit vergeht, bis Aroha wieder einmal in das verborgene Tal geht. Das Häuschen ist natürlich leer, leerer als leer, wie die äußere Hülle einer sich häutenden Schlange, nutzlos und hässlich. Die Amaretto-Flaschen stehen nicht mehr auf den Regalen, die Gläser mit dem blauen Stil sind leer und verstaubt. Der Geruch von Ratten kommt aus jeder Ritze und jedem Regal. Es ist vollkommen ruhig, sogar die Vögel scheinen zu trauern. Immer wieder taucht dieselbe Frage in Arohas Kopf auf.
»Waren die goldenen Jahre wirklich nur ein Hirngespinst meiner blühenden Fantasie?«
Aroha ist froh, dass sie im verborgenen Tal nichts Ungewöhnliches findet. Zumindest ist die ‚Frau der Nacht‘33 nicht in der Nähe, denkt sie. Sie erinnert sich in der ‚Kathedrale‘ an den Tag in der Höhle von Mutter Erde und es fällt ihr auf, dass sie nach dem Tode Kevins die Todesgöttin nie mehr sah. Sie versteht auf einmal, dass das Erscheinen dieser ‚Frau der Nacht‘ nicht, wie sie irrtümlich vermutet hat, ihrer Großmutter, sondern Kevin gegolten hat. Und das Tiki, das Kevin gefunden hat, ist demnach auch ein Unglückszeichen gewesen. Sie ist jetzt froh, dass es niemals mehr aufgetaucht ist.

Ein weiteres langes Jahr vergeht. Dann trifft sie eines Tages den Physiker Marcus, der früher ein guter Freund von Mike gewesen ist. Sie gehen zusammen mittagessen in die Kunstgalerie der Universität. Es spricht sich so leicht mit ihm, dass Aroha ihm viel von Kevin und seinem Tod erzählt. Marcus hört aufmerksam zu.
Aroha
hat das Gefühl, dass Marcus in einer ungewöhnlichen Weise über
manche Dinge und Ereignisse denkt, obwohl sie nicht genau sagen
kann, woher sie dieses Gefühl bezieht. Außerdem scheint er an ihrer
Forschung über visuelle Kommunikation, die sie seit einiger Zeit
zusammen mit Jeannie durchführt, interessiert zu
sein.
Sie treffen sich einige Male, und Aroha lädt Marcus schließlich zum Abendessen in ihre Wohnung ein. Es ist der erste Abend, an dem Aroha den Schatten der Trauer hinter sich lässt. Sie unterhalten sich gut und lachen miteinander.
Marcus, so stellt sich heraus, liebt die Inseln um Neuseeland herum, hat sich auf Great Barrier Island ein Grundstück gekauft, ein Haus gebaut und wohnt dort mit seiner Frau Maria und seinem dreijährigen Sohn Stefan. Sie erwarten in Kürze weiteren Nachwuchs, erzählt er, und: Sie müsse unbedingt einmal zu ihnen kommen.
»Ist es dort nicht sehr einsam?«, wundert sich Aroha. Marcus schaut sie lange an, dann meint er: »Es gibt oft Gründe, warum man einsam sein will. Aber wir haben eine kleine Firma hier in Auckland, wir leben also nicht ganz als Einsiedler.«
Aroha merkt, dass Marcus dazu nicht mehr erzählen will, und wendet sich wieder harmloseren Themen zu.
»Marcus, kennst du die heißen Quellen, die in einem Fluss fast in der Mitte der Insel versteckt sind?«
Marcus lacht: »Dort waren wir einmal zu Weihnachten«, sagt er, und beide erzählen Geschichten, wie sie selbst in der Wildnis manchmal beim Nacktbaden von Touristen überrascht wurden. »Die Europäer machen dann meistens gleich mit, aber die Amerikaner sind immer ganz entsetzt«, amüsieren sich beide.
Aroha spürt, dass sie so viel gemeinsam haben, dass sie ihn einlädt, ins verborgene Tal zur ‚Kathedrale‘ zu kommen, zu den Kauri-Bäumen, wo die Asche von Kevin verstreut wurde.
Mike und Jeannie kommen bei diesem Ausflug auch mit. Auf der Lichtung setzen sie sich in die glänzende Wiese (‚Aorama‘ flüstert Jeannie geheimnisvoll) und genießen ein einfaches Essen mit einem Glas Weißwein. Dann steigen sie in das Tal hinunter.
»Da ist eine Gruppe von Kauris, Aroha,« Jeannie bewundert die Bäume.
»Diese sind älter als die unten im Tal, aber die weiter unten haben für uns eine besondere Bedeutung. Gehen wir dort hin,« antwortet Aroha.
Angekommen, ist Marcus von der ‚Kathedrale‘ beeindruckt.
»Hier sind die beiden jungen Kauris, die mir ans Herz gewachsen sind. Hier beginnt eine recht verrückte Geschichte, und hier haben wir die Asche von Kevin verstreut.« Auroras Gesicht wird ernst.
Mike und Jeannie werfen sich so deutlich Blicke zu, dass Marcus sagt: »Es gibt offensichtlich etwas, was ich nicht verstehe?«
Aroha schaut das Amulett an, das Marcus trägt, das fast ein »Markenzeichen« von ihm ist, und sagt dann zögernd und stotternd: »Ja, vor vielen Jahren habe ich bei den jungen Kauris einen alten Anhänger gefunden, der mir viel bedeutet und der sehr ungewöhnlich ist.«
Mike und Jeannie sind wie vom Donner gerührt. Aroha ist im Begriff, ihr größtes Geheimnis zu verraten. An jemanden, den sie höchstens einige Monate kennt. Sie warnen Aroha indem sie diese unterbrechen. »Der Anhänger hat mit alten Maori- Mythen zu tun, und die Geschichte ist ein Geheimnis. Bitte betrachte uns nicht als unhöflich, wenn wir nicht mehr sagen dürfen.«
Marcus nickt: »Es gibt immer Dinge, über die man nicht reden soll, ich verstehe das«. Und als er es sagt, wird es klar, dass es keine leeren Worte sind, dass er mehr zu verbergen hat, als sie sich wohl vorstellen können.
Aber Aroha fällt allen ins Wort: »Es ist in Ordnung. Marcus darf das Geheimnis des Kapakapa erfahren. Ich weiß, ich fühle es, ich bin sicher, dass er es nicht weitergeben und uns glauben wird, und wer weiß ...«, sie spricht nicht weiter.
[33] Die ‚Frau der Nacht‘, Hineuitepo, die Todesgöttin der Maoris. Seite 110
Nun gibt es bei den dreien kein Halten mehr. Ungeordnet erzählen sie Marcus, wie das Kapakapa gefunden wurde und was es beim ersten Ausflug bewirkte.
Marcus ist sehr interessiert: »Verstehe ich dass richtig. Ihr seid zwischen den beiden jungen Kauris durchgegangen in, wie es sich herausstellte, eine andere Welt und eine andere Zeit?«
Alle drei nicken.
»Nun, zur Zeit ist hier nichts Besonderes zu merken.«
»Ja, es schaut so aus, dass nur dann, wenn Aroha den Anhänger trägt und ‚jemand‘ oder ‚etwas‘ sie ruft, das ‚Tor‘ in die andere Welt offen ist.«
»Kann ich den Anhänger sehen?«, fragt Marcus Aroha.
»Ja, natürlich. Nur trage ich ihn nicht mehr und so liegt er jetzt in meiner Wohnung.«
»Darf ich euch drei morgen zu einem Kaffee einladen?«, fragt Marcus, »Dann können wir ein bisschen ausführlicher reden. Ich würde sehr gerne das - wie nennt ihr es? - Kapakapa sehen.«
Am nächsten Morgen treffen sich Marcus und Aroha und sprechen über die letzten Entwicklungen im Bereich visueller Kommunikation. Nach einigen Stunden hat Aroha das Gefühl, wieder wirklich zu leben. Es ist wunderbar! Sie wird von neuen Gedanken und Ideen überfallen wie seit Jahren nicht mehr. Als sie später beim Kaffee sitzen, kommt es ihr so natürlich und schön vor wie vor vielen Jahren.
Sie gibt Marcus das Kapakapa. Er hält es gegen das Licht und nickt: »Ja! Das ist ein ganz ungewöhnliches Artefakt. Es ist viel mehr als es scheint. Es ist viel zu schwer und lässt absolut kein Licht durch. Es gibt vor, eine Obsidian Schnitzerei zu sein, aber es ist etwas weit Komplexeres. Wer das wohl hergestellt hat?«
Er überschüttet Aroha mit Fragen. Aroha merkt, dass Marcus seine Aufregung kaum unter Kontrolle halten kann. Aroha wundert sich, dass ihn die grauen Punkte an einem Ende besonders interessieren. Sie will wissen warum, aber er weicht aus.
»Ich weiß auch nicht, warum ich sie so besonders interessant finde. Aber ich frage mich, ob sie nicht eine Art von chemischen Kontaktpunkten sind, die die Verbindung mit dem Träger herstellen.«
»Aroha, wann hast du den letzten ‚Ruf‘ erhalten?«
»Nicht seit dem Tod von Kevin.«
»Ich verstehe. Ich habe einmal einen sehr nahen Freund verloren und dann war ich lange Zeit ohne Fokus und irgendwie nur halb am Leben.«
Langsam, fast ehrfürchtig, hängt sich Aroha das Kapakapa um den Hals, das erste Mal seit Jahren. Sie hält es fest mit einer Hand und schließt die Augen, während alle am Tisch den Atem anhalten. Und fast sofort ‚sieht‘ Aroha ihre Großmutter:
Sie winkt! Sie winkt! Aroha soll zu ihr kommen.
Arohas Gesicht strahlt: »Ich habe gerade meine alte Großmutter gesehen und sie hat mir zugewunken, ich soll kommen!«
»Das ist wunderbar«, freut sich Jeannie, und diese Freude strahlt auch aus den Augen von Mike, Marcus und Aroha.
»Nun, fahren wir zu ihr hinauf? Sie lebt doch irgendwo im Norden, oder?«, fragt Mike.
»Ich rufe sie heute Abend an. Seid ihr alle am Wochenende frei?«
Alle sagen natürlich ja, innerlich andere Dinge zurückstellend. Auch bei Marcus ist es nicht anders. Er wird Maria erklären müssen, warum er einen Teil des Wochenendes nicht bei ihr sein kann. Und er muss Aroha bald überreden, sie auf Great Barrier Island zu besuchen, damit sich Maria auch mit Aroha anfreunden kann. Er ist sicher, dass sie gut miteinander auskommen werden.
Am Abend ruft also Aroha ihre Großmutter an: »Wie geht es dir, Großmutter.«
»Mir geht es wirklich gut. Es ist schön von dir zu hören. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil du dich so lange nicht gerührt hast. Und dann habe ich von Kevins Tod gelesen und wusste, dass das für dich sehr schlimm gewesen sein muss. Geht es inzwischen wieder?«
»Ja, es geht bergauf. Ich habe wundervolle Freunde, die mich unterstützen.«
Sie reden noch über viele Details, doch dann wird Aroha wieder ernst: »Du wirst dir denken dass ich alt genug bin, um das hinter mir zu haben, aber ich bin auf einer langen Reise gewesen um mich, meine beiden Kulturen und die alten Geschichten zu verstehen.«
»Darüber würde ich gerne mehr hören«, ist die ruhige Antwort der Großmutter, »glaubst du, du kannst mich in nächster Zeit einmal besuchen?«
»Würde es dir was ausmachen, wenn ich drei Freunde mitbringe? Das Geheimnis, das ich dir erzählen muss, ist auch ihr Geheimnis.«
»Natürlich! Bring sie mit. Je mehr kommen, um so lustiger wird es«, lacht die Großmutter leise.
Also sitzen sie am nächsten Samstag zu viert im alten Auto von Mike und fahren nach Norden. Aroha wird von der Großmutter mit einer langen Umarmung empfangen, die Freunde herzlichst begrüßt. Von allen Seiten laufen Kinder her, um die ‚Fremden‘ auch zu sehen. Aroha erkennt einige, doch es sind viel mehr als beim letzten Mal, kommt ihr vor.
Als Aroha dann Zeit hat, sich ein bisschen umzusehen, ist sie angenehm überrascht. Alles schaut neuer, frischer aus, als sie es in Erinnerung hat. Das Versammlungshaus ist in der traditionellen Ockerfarbe gestrichen, die ausgebrochenen Stücke von Paui Muscheln sind ersetzt, der Boden ist teilweise erneuert. Selbst die Hühnerställe scheinen neu zu sein, die staubigsten Stellen des Marae sind asphaltiert, neue Büsche und Bäume sind gepflanzt.
Sie muss nicht lange fragen, um die Erklärung zu erhalten. Die Siedlung erhielt eine substantielle Summe, als sie bereit war, als Kolhanga Reo, als ‚Maori Sprachnest‘ zu fungieren. Darum also auch die vielen Kinder! Die Eltern von vielen Nachbarorten schicken jetzt ihre Kinder hier her, damit sie hier alte Maori-Kultur und die Maori- Sprache lernen können.
Und Großmutter schaut, so kommt es Aroha vor, jünger und energiegeladener aus. Sie genießt es, noch einmal als weise Kepa ein Vorbild und eine Lehrerin der alten Traditionen sein zu können.
Für den Abend ist ein großes Hangi34 geplant, um die Heimkehr Arohas zu feiern. Die Männer und Burschen zünden ein Feuer an, um die Steine, auf denen das Essen gegart werden wird, auf mehrere hundert Grad zu erhitzen. Das Fleisch wird inzwischen hergerichtet: Lamm, Wildschwein und normales Schweinefleisch. Aroha und ihre Freunde helfen den Frauen einen Sack voll von Gemüse vorzubereiten. Kartoffel, Kumaras35, Pastinak36, und Kürbis. Dann wird ein Fleisch-Gemüse Gemisch in Aluminiumgeschirr37 gefüllt, zugedeckt und ist damit soweit, dass man es in die mit heißen Steinen ausgelegte Grube stellen kann.
Dazu werden die einzelnen ‚Schüsseln‘ noch in ein Drahtgestell geschoben, dann wird das Ganze vorsichtig in die Grube gelassen, alles wird mit nassen Säcken zugedeckt und schließlich mit Erde übrschüttet. Nun gart das Gemisch längere Zeit, ohne wertvolle Geschmackstoffe zu verlieren.
Neben der Erdgrube wird in Töpfen über offenem Feuer eine Fischsuppe mit vielen Arten von einheimischen Muscheln und Meerestieren gekocht. Es beginnt verführerisch zu duften!
Langsam wird es dämmrig. Ein Gesang, im Rhythmus von Holztrommeln, schwillt immer stärker an, als mehr und mehr Trommeln die Stimmen auffordern, lauter zu singen. Aroha und ihre Freunde sitzen, umgeben von alter Musik, nur da und dort unterbrochen durch das Schlürfen einer Suppe, das Auslöffeln des weich gegarten Fleisches und Gemüses. Wie der sanfte Abendwind, so weht auch die Musik durch den Marae auf das Meer hinaus. Die jungen Männer und Mädchen beginnen ihre traditionellen Tänze.
An diesem Abend ist die Welt wie sie sein soll. Mehr ist nicht notwendig. Mit ein wenig Wehmut denkt Marcus an sein stattliches Haus auf Great Barrier Island. Wird es ihm je gelingen, dort eine Dorfstimmung wie diese verwirklichen zu können? Wird ihre ‚Kolonie‘ von Sonderbegabungen je so zusammen wachsen wie die alten Maori Gemeinschaften?
Die Musik, der Tanz und die Umgebung rühren Aroha wie seit Jahren nichts mehr. Sie lehnt sich an Großmutter an und spricht mit ihr flüsternd. Die Freunde hören schweigend zu.
»Großmutter, es gibt ein Geheimnis, das nur wenige Freunde kennen. Ich möchte es auch dir erzählen, wenn es dir recht ist.«
»Ich werde gerne alles hören, was du mir erzählen willst«, lächelt die Großmutter.
Aroha setzt fort: »Als ich zuerst in die Stadt gekommen bin, da war ich sehr, sehr einsam. Ich bin oft, meist per Autostop, in die Waitakeres gefahren. Oberhalb des Karekare Strandes habe ich ein ‚verborgenes Tal‘ entdeckt. Das Herz des Tales ist ein natürlich entstandener Raum aus Büschen und Bäumen, ich habe ihn für mich die ‚Kathedrale‘ genannt und zunächst niemandem gezeigt. Offenbar ist dort seit langer Zeit kein Mensch mehr gewesen. Es schien fast wie ein heiliger Platz, und ....«
[34] Ein Fest, bei dem ein Essen aus Fleisch und Gemüse in einem Erdloch gekocht wird, wie es überall im Südpazifik in Varianten üblich ist.
»Und?«, sagt die Großmutter als Aroha zögert.
»Und dort habe ich das gefunden«, sagt Aroha und zieht das Kapakapa heraus.
Die Großmutter schaut es genau an. Nach einer langen Pause fragt sie vorsichtig: »Glaubst du, dass das Kapakapa besondere Eigenschaften hat?«
»Ja, es ist schwer zu erklären. Aber wenn ich es halte und die Augen schließe, dann ‚sehe‘ oder ‚höre‘ ich eigentümliche Dinge. Selbst wenn ich die Augen nicht schließe, sehe ich oft Gegenstände anders, als sie wirklich sind. Es ist so, als hätte ich ein zusätzliches Sinnesorgan, und manchmal ‚verbindet‘ es mich mit anderen Menschen, mit Mythen, mit der Natur. Ich habe dich, Großmutter, durch mein Kapakapa mehrmals gesehen, und du hast mir zugewunken. Es ist so unglaublich, dass mir auch meine Freunde nicht geglaubt haben, bis sie einen Teil selbst erleben konnten. Glaubst du mir, Großmutter? Hast du je etwas Ähnliches gehört?«
Die Großmutter schweigt lange. »Ich werde als Zeichen des Respekts für mein Alter inzwischen die ‚Altehrwürdige‘ genannt ... ihr Kinder habt also, wenn ihr mich nur ‚die Alte‘ nanntet, gar nicht so danebengegriffen. Die Altehrwürdigen unter uns geben Informationen über Generationen weiter, aber nur an Auserwählte, eben an die nächste Generation von ‚Altehrwürdigen‘. Daher weiß ich ein bisschen über das Kapakapa, obwohl ich nie geglaubt habe, eines einmal in den Händen halten zu können.«
Die Großmutter nimmt einen Löffel Suppe bevor sie weiter spricht: »Weißt du, Aroha, warum das eine Ende so eigentümlich geformt ist?«
»Nein, wir haben uns das auch schon oft gefragt. Es ist, als würde ein Stück fehlen.«
[35] Kumaras sind die Süßkartoffeln der Südsee. Sie gedeihen auch im Norden von Neuseeland.
[36] Pastinak ist eine cremefarbige Wurzel, die unter »Parsnip« auch in Nordamerika gegessen wird.
[37] Das Aluminium ‚Geschirr‘ ist ein Überbleibsel von Take-Away-Dinners, und entspricht nicht ‚ganz‘ der echten Maori Tradition.
»Ja, so ist es. Dein Kapakapa ist uralt, etwas vom Anfang der Zeit. Die Großen, die Schlanken, die ohne Haare auf dem Kopf, die in diesem Land lebten, lange, lange bevor unsere Leute aus der Südsee kamen, die haben das hergestellt. Dein Stück war einmal mit einem zweiten, kleineren verbunden. Die zwei Teile zusammen sind mächtiger als jedes Einzelteil. Was du hier hast, ist die Hälfte eines ‚Vermittlers‘ oder ‚Mindcallers‘, wie er bei uns genannt wird. Er kann akustische und visuelle Signale (Aroha zuckt zusammen als ihre Großmutter so technische Ausdrücke verwendet ... doch diese lächelt nur verstehend) in einer ungewöhnlichen Form vermitteln, er kann besser als ein Telefon die Verbindung zwischen Menschen herstellen, ja er erlaubt, so sagt man, sogar in gewisser Weise Blicke in die Vergangenheit.«
Aroha und die drei Freunde sind wie vom Donner gerührt. Sie hatten jahrelang nach Erklärungen gesucht, und Arohas Großmutter weiß darüber Bescheid, so als wäre es »nur« ein anderer Maori-Mythos. Die Großmutter erzählt weiter:
»Niemand weiß, wann und warum die
Kahlköpfigen verschwanden. Niemand weiß genau, welche Artefakte sie
hinterließen, und was diese können. Aber es scheint so, dass das
Wissen der Kahlköpfigen größer war als alles das, was heute an
Universitäten gelehrt wird, nur verwendeten sie offenbar andere
Methoden. Hin und wieder wird ein Mindcaller wie dieser gefunden.
Du musst dazu noch etwas wissen. Dein Teil des Mindcallers könnte
nicht aktiv sein, wenn der zweite Teil nicht auch einen Menschen
berührt hat.«
Aroha wird es schwindlig: » Heißt das, dass jemand anderer den zweiten Teil gefunden hat?«
»Ja«, antwortet die Großmutter, »aber nachdem dein Mindcaller noch vor kurzer Zeit aktiv war, wird der andere Teil von irgendeiner Person auch manchmal getragen. Du solltest diese Person finden. Die Legenden sagen, dass zwei, die sich so finden, zusammengehören, wie die Teile des Kapakapa.«
»Aber wie soll ich diese Person finden?«, fragt Aroha.
»Dein Kapakapa und die Zeit werden dir helfen. Halte jetzt dein Kapakapa fest, schließe die Augen, und stell dir dein Kapakapa vor, wie es ausschauen würde, wenn der fehlende Teil eingesetzt ist.«
Aroha kann das vollständige Kapakapa deutlich ‚sehen‘, und dann auch Vater Himmel, Mutter Erde, einen Teil der Höhle ... und plötzlich, von weit weg ‚hört‘ sie plötzlich eine neue Stimme, fragend:
Aroha?
Sie zuckt zusammen und öffnet die Augen: »Von weit weg, aber von dieser Insel, hat mich jemand beim Namen gerufen«, flüstert sie.
»Du erinnerst dich doch, was dein Name bedeutet, oder«, schaut die Großmutter Aroha fragend an.
Fast unhörbar flüstert Aroha: »Liebe«.
Nach einer längeren Pause spricht wieder die Großmutter:
»Ich glaube, du musst jetzt zurück in die Stadt. Deine Studenten brauchen dich. Du musst deine Forschung abschließen. Du wirst mit Marcus zusammenarbeiten wollen, sein Team weiß von Dingen von denen du und ich nichts wissen.«
Marcus sagt kein Wort, aber er schaut die Großmutter offen und lange an. Wie kommt es, dass diese Frau so viel weiß?
»Aroha, du wirst den Besitzer der anderen Hälfte des Kapakapa finden, und ihr werdet Freunde werden. Du musst nicht drängen, Schicksal und Kapakapa arbeiten immer Hand in Hand, sagt man. So wie das Kapakapa einmal ganz sein wird, wirst auch du wieder ganz werden.«
Ein warmes Gefühl breitet sich in Aroha aus. Das letzte Eis in ihrer Seele schmilzt. Mike, Jeannie und Marcus sind nahe an sie herangerückt. Und irgendwie spürt sie auch Kevin. Wie froh wäre er, wenn er wüsste, dass einige ihrer Theorien über das Kapakapa richtig waren! Als Aroha in die Augen ihrer Großmutter blickt, weiß sie: Es wird alles seine Ordnung finden.