6. Die Großmutter - die weise Kepa



Fünf Monate vergehen, in denen die Freunde versuchen alles aufzuarbeiten, was an Universitätsarbeit, an Übungsaufgaben und Prüfungen liegen geblieben ist, und trotzdem so oft wie möglich in das verborgene Tal zu fahren.

Kevin ist am hartnäckigsten. Er besucht das Tal und Aorama sogar oft alleine, untersucht buchstäblich jeden Quadratmeter, aber ohne handfestes Ergebnis. Alles scheint stabil und seine Ordnung zu haben, das verborgene Tal führt, wenn man von der ‚Kathedrale‘ direkt hinunter geht zum Karekare Strand, wie man es erwarten würde. Was aber noch immer nicht erklärt, warum sie bei ihrem ersten Ausflug ganz wo anders hingelangten. Kevin findet auch den zweiten Bach und die Höhle nicht mehr, und beginnt an seinem Verstand zu zweifeln.

Als er eines Abends wieder mit Aroha zusammensitzt, während sie sich beide durch Aufgaben in der Botanik als Vorbereitung für die nächste Prüfung durchkämpfen, kommt er wieder einmal auf das verborgene Tal zu sprechen.

»Wie wär‘s wenn wir am nächsten Sonntag das verborgene Tal besuchen würden? Nur wir zwei?«, fragt er Aroha scheinbar so nebenher, »Ich liebe das Tal, auch wenn es nichts Neues zu entdecken gibt.«

»Mir geht es auch so«, sagt Aroha und freut sich auf den gemeinsamen Tag mit Kevin. »Und ich werde mein Kapakapa mitnehmen, vielleicht hilft es uns.«

»Wann soll ich dich abholen?«

»Du bestimmst die Zeit. Mir ist alles recht.«

»Ist dir sieben Uhr zu früh?«

»Nein, das gibt uns einen langen Tag. Ich freue mich darauf.«

»Ich auch«, sagt Kevin und verschluckt, was er noch gerne gesagt hätte.

Als Kevin am Sonntagmorgen an die Tür von Arohas ‚Wohnung‘ klopft, hat er dunkle Schatten unter den Augen. Er musste die halbe Nacht arbeiten, um sich den Sonntag freihalten zu können. Aroha ist es nicht anders gegangen, und nur die Freude, mit Kevin in ‚ihr‘ Tal zu gehen, machte es ihr möglich, so früh aufzustehen. So müde wie beide sind, genießen sie die Fahrt zusammen, aber ihre Unterhaltung ist einsilbig.


Es ist ein herrlicher Morgen, so wie die Tage oft in Neuseeland beginnen, bevor dann überraschend Regenwolken aufziehen. Das Licht spielt auf den Gräsern der Lichtung.

»Die Lichtung verdient wirklich den Namen Aorama - Welt des Lichtes - den du ihr gegeben hast, Aroha.«

Aroha lächelt. Sie essen, wie so oft bei den Wanderungen, eine Portion Studentenfutter. Kevin gibt Aroha alle Schokoladestücke, die er in seiner Portion findet, weil er inzwischen weiß, wie Aroha das liebt. Und er empfindet es nicht als Arbeit, wenn er ihr ein Stückchen zwischen die Lippen schiebt.

»Das muss wirklich eine der schönsten Stellen der Welt sein«, sinniert Kevin weiter.

Sie sitzen dann in einer angenehmen Stille, die Schultern aneinander gelehnt. Schließlich fragt Kevin.

»Hast du das Kapakapa mit?«

»Ja«, antwortet Aroha, »aber bisher spüre ich nicht viel. Doch was ist das?«, sagt sie auf einmal aufgeregt.

Kevin sieht Aroha ins Leere zu starren und in sich hineinzuhorchen. Nach einigen Sekunden atmet sie tief ein und schaut Kevin an: »Ich habe gerade meine Großmutter ‚gesehen‘. Und sie ruft mich! Ich möchte sie wirklich wieder sehen, Jeannie hat mir das auch schon vorgeschlagen. Und ich möchte meine anderen Verwandten im Marae wieder treffen. Ich weiß, dass ich das tun muss. Auch in der Höhle sah ich einmal kurz das Gesicht meiner Großmutter. Und dann die Göttin des Todes, vielleicht wollte sie mir sagen, dass ich mich beeilen muss, wenn ich meine Großmutter sehen will... sie muss ja bald 80 Jahre alt sein!«

»Ja, ich denke auch, dass du sie besuchen solltest. Wenn du willst, begleite ich dich. Aber wie werden wir das Dorf, den Marae, finden? Kannst du dich so weit zurück erinnern?«

[21] Pauis sind große, in Neuseeland weit verbreitete Muscheln mit schönen perlmutternden Schalen. Sie sind eine Abart der so genannten Abalonen oder Meeresohren, und, obwohl wie Muscheln aussehend, gehören sie zur Familie der Schnecken.

[22] Hongi ist das liebevolle gegenseitige berühren der Nasen, das eine sehr intensive Zuneigung ausdrückt. Etwa wie ein Kuss in Europa.

»Nein, aber ich werde meine Mutter heute Abend anrufen.«

Diese weigert sich am Abend zunächst, Aroha die notwendigen Informationen zu geben. Aber Aroha lässt nicht locker, bis sie schließlich eine einigermaßen gute Wegbeschreibung erhält.


Kevin fährt mit Aroha am nächsten freien Wochenende Richtung Norden. Während der langen Fahrt wird Kevin bewusst, wie wenig er eigentlich über die Kindheit Arohas weiß und fragt, ob sie ihm ein bisschen davon erzählen würde.

»Warum wurdest du als Baby bei deiner Großmutter gelassen, obwohl offenbar deine Eltern zusammen und am Leben waren?«

»Es ist bei Maoris nicht unüblich, dass sich die Großeltern um die Enkel kümmern, wenn die Eltern dies aus irgendwelchen Gründen schwer machen können. Dazu kommt sicher, dass meine Großmutter wollte, dass ich in der Maori-Kultur aufwachse. Aber dann gab es wohl auch handfeste wirtschaftliche Gründe. Meine Eltern waren beide Lehrer in der Stadt. Und andere Jobs waren unmöglich zu bekommen«, erklärt Aroha. »Aber ich kann mich noch ganz deutlich an den Tag erinnern, als mich Großmutter zu sich rief und ungewöhnlich ernst aussah. Sie hielt einen Brief in der Hand und sagte mir, dass schon am nächsten Tag meine Eltern kommen und mich abholen würden. Ich weiß noch, wie ich fast in Panik zusammen mit Großmutter meine ganzen ‚Schätze‘ in einen Korb packte, vor allem die schönen Paui21 Muscheln, die ich gesammelt hatte.«


»Und warum glaubst du, haben dich deine Eltern zurückgenommen?«

»Vater war Schuldirektor in einer Schule am Land geworden - kennst du den kleinen Ort Maungaturoto? - und es war daher nicht mehr notwendig, dass Mutter arbeitete. Sie hatten jetzt auch ein Haus als Dienstwohnung. Aber es kam sicher auch dazu, dass sie wollten, dass ich eine gute europäische Ausbildung erhielt.«

Aroha schweigt eine Weile. Dann sagt sie leise: »Ich erinnere mich noch an die Trauer und die Überraschung, als mich Großmutter in Maori-Tradition mit einem Hongi22 verabschiedete und uns beiden die Tränen aus den Augen stürzten. Im Auto, mit dem mich die Eltern abholten, wurde dann nicht gelacht und nicht viel gesprochen. Irgendwie war es eine unangenehme Stimmung. Am ehesten erinnere ich mich noch daran, dass mir übel wurde, als der Wagen endlos lange über zerfurchte Landstraßen rumpelte. Und, ach ja, ab sofort durfte ich nur mehr Englisch reden.«


Aroha zeigt Kevin die ‚Stadt‘ Maungaturoto, wo sie dann aufgewachsen ist, denn gerade fahren sie an ihr vorbei.

»Und wie war dann dein Leben hier? Und die plötzliche Umstellung?«, erkundigt sich Kevin. »Aber ich will nicht zu neugierig sein, wenn es dich stört.«

Aroha lacht. »Nein, du bist nett, dass du das alles wissen willst. Mein Leben war ja wirklich nicht so aufregend. Ich weiß nur, dass ich mich oft stundenlang versteckte, häufig in den großen Rohren, die die Bäche unter Brücken durchleiten. Ich baute große Hügel und Dämme mit Schlamm im Wasser. Aber, um ehrlich zu sein, die Schule hat mir immer sehr viel Freude gemacht. Auch die Hausaufgaben habe ich besonders geliebt, denn da durfte ich am kleinen Tisch meines Vaters sitzen«, erinnert sich Aroha lächelnd.

»Und hast du viel mit anderen Kindern gespielt?«

Aroha lacht: »Es gab keine anderen Kinder in Reichweite. An den Abenden saßen wir alle zusammen um ein Feuer. Im Freien im Sommer, um den Kamin im Winter, lasen Bücher, und immer spielte leise klassische Musik im Hintergrund. Mir ist nie bewusst geworden, dass man als Kind vielleicht auch anders leben kann.«

»Wie alt warst du, als du mit der Schule fertig warst?«

»Sechzehn«.


Aroha war in der Schule so gut gewesen, obwohl sie zusätzliche Stunden in Französisch und Deutsch über die staatliche Fernschule belegte, dass sie mehrmals eine Klasse übersprang und so die jüngste Maturantin wurde, die man in der ganzen Umgebung je gehabt hatte ...

Inzwischen fahren Kevin und Aroha durch die Stadt Whangarei mit dem schönen Wasserfall im Park, fast im Zentrum und biegen nun, der Wegbeschreibung folgend, nach Osten Richtung Küste ab. Die Asphaltierung wird immer dürftiger. Dann sind sie beim Eingangstor des Marae. Sie bleiben stehen und gehen zum geschnitzten, kleineren Durchlass.

Aroha bleibt wie angewurzelt stehen. Nichts schaut so aus, wie in ihrer Erinnerung. Die Gebäude sehen nicht viel besser aus als mit Stroh gedeckte Notunterkünfte. Eine hübsche junge Frau, die nur einen Flachsrock trägt und Augen wie ihre Großmutter hat, lenkt sie ab. Auch als sie hinter einer Hütte verschwindet, sieht der Marae wieder etwas freundlicher aus. Und trotzdem ist nicht zu übersehen, dass alles klein, überaltet und zum Teil recht heruntergekommen aussieht. Nichts, wie sie sich erinnert. Einen Augenblick glaubt sie, nicht den richtigen Ort gefunden zu haben. Aber als sie bei der ersten Hütte fragt sagt man ihr freundlich, ja, die weise Kepa wohne hier, in der Hütte gleich neben dem allgemeinen Versammlungshaus, das alle Marae auszeichnet. Der junge Bub, der ihr das sagt, bietet sich an, sie zu führen. Aroha ist so aufgeregt, dass sie kaum atmen kann und einen ganzen Schwarm von Schmetterlingen im Bauch spürt. Ihr Führer klopft an die Tür und nur einen Augenblick später umschließt eine alte Frau Aroha mit ihren Armen.

»Ich habe dich erwartet, ich wusste du würdest kommen«, strahlt die Großmutter.

»Aber wie konntest du das wissen?«, fragt Aroha verblüfft.

»Ich hab es einfach gespürt. Du hast viele Jahre nicht an mich gedacht, aber in den letzten beiden Jahren, da war es anders. Da muss etwas geschehen sein, denn ich habe dein Gesicht immer wieder vor mir gesehen und hatte das Gefühl, dass es dir auch so geht.«

Aroha ist berührt. ‚Das Kapakapa?‘, denkt sie. Dann fällt ihr ein, endlich Kevin vorzustellen.

Die Großmutter schaut Kevin lange forschend an: »Nein, von dir habe ich nicht gewusst, dass du kommen wirst. Aber ich freue mich, dass du da bist und Aroha gebracht hast. Kommt nur alle herein... und das gilt auch für euch Kinder, die ihr alle neugierig herumsteht!«. Inzwischen hatte sich die Ankunft von Fremden herumgesprochen und Kinder waren mehr oder minder scheu herangekommen, um in Erfahrung zu bringen, was hier geschieht.

»Großmutter, du sprichst jetzt fließend Englisch?«, wundert sicht Aroha. Die Großmutter schüttelt lächelnd den Kopf.

»Hast du wirklich geglaubt, dass ich fast nur Maori spreche? Übrigens,  wenn du über mich redest, kannst du mich durchaus ‘die Alte’ nennen, ich weiß, dass ihr das hinter meinem Rücken immer gemacht habt, ihr kleinen Schufte!«

[23] ‚Mindcaller‘ lässt sich auf Deutsch mit einem Wort wie ‚Gedankenrufer‘ nur sehr schlecht übersetzen.

Aroha schaut sich im einfachen Zimmer um. »Du hast jetzt auch ein Telefon«, sagt sie erstaunt.

»Die Zeiten ändern sich eben. Das ist nicht gut und nicht schlecht.« Dann schüttelt sie den Kopf ein bisschen. »Aber jetzt musst du erzählen, wie es dir geht und was du die ganze Zeit gemacht hast, nachdem du mich als kleiner Knopf vor ... es müssen bald 15 Jahre sein! ... verlassen hast.«


Der Nachmittag vergeht wie im Flug, fast zu schnell. Aroha lernt alle Mitglieder ihrer Großfamilie kennen, die jungen und die alten, und dann wird es langsam Zeit für die Rückfahrt. Aroha hat die Telefonnummer der Großmutter sorgfältig notiert. Sie weiß, dass sie ab jetzt mit ihr in Kontakt bleiben wird.

Lange fahren sie schweigend, beide gehen noch einmal durch, was sie heute gehört und erlebt haben. Aroha erwähnte das Kapakapa nicht. Sie ist sich sicher, dass die Großmutter es verstanden hätte, ja ihr vielleicht sogar einiges erklären hätte können, aber sie fühlt, dass sie die anderen Mitglieder der Familie nicht genug kennt, um dieses Geheimnis allen zu verraten.

»Weißt du, mir ist heute aufgefallen, dass das Maori Wort für ‚Vision‘ eigentlich Whakarehu ist. Ich weiß nicht, ob das nicht fast der bessere Ausdruck für meinen Anhänger ist als Kapakapa, was ja eigentlich nur Halsschmuck bedeutet«, sagt Aroha.

Ken denkt nach: »Das ist deine Entscheidung. Aber ich habe mich inzwischen sehr an Kapakapa gewöhnt. Und wenn du wirklich einen anderen Namen verwenden willst, dann käme mir ‚Mindcaller‘23 fast noch besser vor. Hast du nicht auch das Gefühl, dass die Großmutter wusste, dass du kommst, weil du einen solchen ‚Mindcaller‘ hast, dass du deshalb ihr Gesicht und andere immer wieder gesehen hast, und Wind, Mutter Erde und viele andere mit dir über diesen ‚Mindcaller‘ geredet haben, dir Verschiedenes gezeigt haben?«

Aroha murmelt nachdenklich: »Mindcaller. Ja, vielleicht hast du recht, das Wort beschreibt vielleicht wirklich am besten, was das Kapakapa tut.... Übrigens, ich danke dir mehr als ich es ausdrücken kann, dass du heute mitgekommen bist«. Aroha streicht sich verlegen über ihr wuscheliges Haar.

[24] Der Tongariro Nationalpark umfasst drei noch immer aktive Vulkane etwa am halben Weg zwischen Auckland und Wellington. Mount Ruapehu, mit seinem heißen Kratersee und den guten Schigebieten an seinen äußeren Abhängen, ist wohl der bekannteste der drei Berge. Der knapp 3.000 m hohe Gipfel ist im Sommer und Winter wegen seiner extremen Windgeschwindigkeiten gefürchtet.

»Mir hat es auch sehr gut gefallen. Es war schön, mit dir dabei sein zu können. Und ich muss schon sagen, deine Verwandten haben mich so nett behandelt ... und so großzügig als hätte ich seit Wochen nichts mehr gegessen«, lacht Kevin.

»Ich weiß nicht, wie viele Verhaltensregeln wir heute gebrochen haben. Großmutter war da seinerzeit sehr genau. Aber sie hat sich offenbar sehr gefreut uns zu sehen, und es tat ihr sichtlich leid, als wir aufbrachen. Also haben wir uns wohl zusammen ganz gut geschlagen.«

In freundschaftlicher Stille fahren sie durch die hügelige Landschaft, da und dort mit einem Blick auf eine Bucht oder das Meer. Als sie sich der Stadt nähern sagt Kevin plötzlich:

»Ich muss nächsten Freitag für vier Wochen in ein Trainingslager in den Tongariro24 Nationalpark.«

»Das heißt wohl, dass ich dich einige Zeit nicht sehen werde?«, sagt Aroha ruhig und versucht ihre Enttäuschung zu verbergen.

»Warum besuchst du mich nicht an einem Wochenende?«

»Das würde ich gerne tun. Ich kennen diesen Nationalpark noch nicht und wollte ihn schon immer gerne einmal sehen.«

»Es wäre wirklich schön, wenn du kommst. Freilich, ich kann dir keine erstklassige Unterkunft anbieten. Unsere Hütten sind einfach: Park-Ranger sollen ja ‚harte Männer‘ werden. Aber die Hütte, die ich haben werde, hat genug Platz und zwei Stockbetten.«


Zwei Wochen später fährt Aroha mit dem Nachtzug zum Tongariro Park. Kevin holt sie ab.

Am nächsten Morgen weckt sie helles Sonnenlicht. Aroha reißt die Tür auf und atmet tief ein: »Es ist einfach herrlich! Komm! Sei nicht faul! Du musst mir erklären, was ich hier alles sehe.« Plötzlich zittert sie: »Was ist das für ein wilder feuerspeiender Berg? Aber es ist ja sehr kalt hier!«

»Kalt? An einem so schönen Tag?«, wundert sich Kevin.

[25] Mount Taranaki, auf English Mt. Egmont, ist der optisch am meisten beeindruckende Vulkanberg auf der Nordinsel. Ein perfekter Kegel, unten bewaldet, dann Felsen bzw. Asche und meist mit einer Haube aus Schnee.

»Ja, es ist wirklich kalt!«

Kevin kommt nun auch zur Tür. Und nun ist er an der Reihe, verblüfft hinaus zu sehen: »Was ist denn da geschehen? Das schaut ganz anders aus als es ausschauen sollte und als es gestern noch ausgesehen hat! Der Vulkan ist viel aktiver und es liegt sehr viel mehr Schnee. Aroha, dein Kapakapa scheint wieder in vollem Schwung zu sein«. Er sagt es leichthin, aber er kann die Veränderungen nicht verstehen.

Sie frühstücken rasch. »Was meinst du, Aroha«, fragt schließlich Kevin, »willst du noch immer eine Wanderung machen?«

»Ja, natürlich. Und brechen wir gleich auf, bevor es zu kalt wird und wir es uns anders überlegen.«

Sie sind noch keine paar Schritte gegangen, als sie beide wie angenagelt stehen bleiben: »Schau wie steil die Berge sind!«, ruft Aroha beeindruckt.

»Aber das ist unmöglich. Die Berge sind hier weder so steil noch so hoch, wie sie jetzt aussehen«, murmelt Kevin.

»Da! Schau!«, ruft Aroha. »Aus den zwei Vulkanen auf der linken Seite kommen große Rauchfahnen heraus«.

»Und sie sind ganz mit Schnee bedeckt. Ja, sie schauen fast wie richtige Gletscher aus«, wundert sich Kevin.

»Ich glaube, mich erinnert was ich sehe an Bilder, die ich von Mount Taranaki25 gesehen habe«, meint Aroha, »obwohl, die Form stimmt nicht ganz. Übrigens, was ist das für ein großer Fluss im Vordergrund?«

»Ich habe ihn noch nie gesehen«, sagt Kevin verständnislos. Er reibt sich mehrmals die Augen, um sicher zu gehen, dass er nicht träumt. Aber die Landschaft ändert sich nicht.

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Die beiden setzen sich verblüfft nieder, während sie die Landschaft studieren und besprechen und ergänzen ihr Frühstück mit ein bisschen Studentenfutter.

Mit einem tiefen Seufzer steht schließlich Kevin auf: »Also, gehen wir weiter.« Er nimmt Arohas Hand, zieht sie hoch, und lässt die Hand nicht mehr los. So gehen sie langsam hinunter zum Bett des großen Flusses.

»Willst du links oder rechts gehen?«, fragt Kevin.

»Links. Irgendwas ‚ruft‘ mich in diese Richtung.«

Kevin akzeptiert Arohas Entscheidung sofort. Sie gehen über eine Stunde, bis zu der Stelle, wo sich der Fluss näher an das Plateau am Fuß der Berge heran windet.

»Schau«, sagt Kevin und zeigt auf die andere Seite, »dort bei den Bäumen. Da ist etwas, das wie eine einfache, strohgedeckte Hütte aussieht!«

»Immerhin beweist das, dass Menschen schon hier gewesen sind«, kommentiert Aroha, »wo immer auch das ‚hier‘ sein mag.«

Sie schauen sich genau um, sehen aber außer Scharen von Vögeln kein Lebewesen. Sie erforschen die Gegend weiter. Als sie zu ihrer Verblüffung an einer Stelle Fußspuren entdecken, haben sie kurz die Hoffnung, auf andere Menschen zu stoßen. Aber bei genauer Untersuchung sind die Spuren alt, vielleicht sogar versteinert? Kein Mensch ist weit und breit zu sehen und nichts rührt sich, als sie laut in alle Richtungen rufen.

Allmählich meldet sich bei beiden der Hunger. Sie gehen noch einmal zum Fluss und lassen sich von der Wassertemperatur nicht abhalten, sich kurz abzuduschen. Dann setzen sie sich auf einen runden Stein, packen etwas zu essen aus und besprechen die Situation.

»Eines wird durch diese Umgebung hier eindeutig bewiesen. Was wir auf unseren denkwürdigen Ausflügen in das verborgene Tal erlebt haben, waren nicht Auswüchse einer überhitzten Fantasie. Ich habe recht gehabt, als ich überzeugt war, dass das Tal, das uns auf einen unbekannten Strand führte genau so wenig auf heutigen Landkarten existiert, wie der damalige Strand«, sagt Kevin, »und Ian hatte natürlich recht, als er sagte, dass die Kalksteinhöhlen, die wir beim zweiten Mal sahen, in keiner Weise in die Waitakeres passen. Übrigens, er fragt mich häufig, wann wir wieder zu diesen Höhlen gehen. Und ich weiche aus, weil ich bei meinen Versuchen, den Eingang zu finden, nie mehr erfolgreich gewesen bin. Aber ich möchte auch diese Höhle nochmals sehen, nur denke ich, dass das nur gelingen wird, wenn du mit deinem Kapakapa dabei bist.«

»Kevin, hast du irgendeine Idee, wie das alles zusammenpasst?«

»Nein, nicht wirklich. Aber als Wissenschaftler glaube ich nicht an Zauber. Obwohl, um ehrlich zu sein, ich heute auch meinen eigenen Augen nicht so recht trauen kann. Klar ist, dass wir inzwischen wissen, dass alles mit dem Kapakapa zu tun hat.«

»Aber wie?«, beginnt sich Aroha zu wiederholen, »Ich glaube fast, ich sollte es vor den anderen nicht mehr verbergen. Zumindest Kalina und Mike sollte ich es zeigen, glaubst du nicht auch? Vielleicht haben die eine Idee.«

»Ich bezweifle, ob sie uns weiterhelfen können. Aber trotzdem, du solltest ihnen wohl erzählen, was wir wissen. Vielleicht sollten wir sie einladen, nächstes Wochenende hierher zu kommen?«

»Ich hoffe, ich kann Kalina überreden, mitzukommen. Bei Mike und Jeannie bin ich recht sicher, dass sie gerne dabei sein werden.«

»Natürlich gibt es noch eine große Frage«, wirft Kevin ein, »Wer garantiert uns, dass wir dieses ‚hier‘ nächste Woche wieder so finden wie wir es jetzt sehen? Was ist, wenn wir in die Hütte gehen, die Tür zumachen, sie dann öffnen und plötzlich eine andere Landschaft sehen?«

»Ich bin sehr sicher«, meint Aroha, »dass die Landschaft, solange ich das Kapakapa trage, ‚stabil‘ bleibt. Irgendwie spüre ich es, wie Großmutter gespürt hat, dass ich auf Besuch kommen würde. Aber das ‘in die Hütte gehen’ und nach einer Pause nochmals hinaussehen ist eine gute Idee. Probieren wir es aus, wenn wir zurück sind!«

Langsam und zögernd, als wollten beide nicht, dass der Tag zu Ende geht, wandern sie, einen Arm um den anderen gelegt, zur Hütte zurück. Sobald sie dort sind, ein Feuer gemacht und einen Tee aufgesetzt haben, damit es gemütlicher wird, gehen beide vorsichtig zur Tür zurück.

Sie öffnen sie und treten hinaus. Die Welt der feurigen Berge mit dem großen Fluss im Vordergrund liegt unverändert vor ihnen.