7. Der Pa - die alte Befestigung
Als Aroha in Auckland ihren Freunden zu beschreiben versucht, was im Tongariro Park so anders gewesen war, hat sie große Schwierigkeiten, weil sie, wie Aroha ja selbst zugibt, vorher nie dort gewesen war, wie soll sie dann ‚Änderungen‘ bemerken können? Auch als Kevin immer wieder betont, dass Aroha recht hat, und sie eine sehr ungewöhnliche Landschaft erlebten, bleibt viel Unglauben übrig. Schließlich ist Aroha fast aufgebracht.
»Zum Teufel noch einmal. Kevin ist Park Ranger. Der wird wohl wissen, wie die Berge aussehen sollten!«
»Na, wenn ich Kevin ansehe, wie er dich ansieht, dann bin ich nicht sicher, ob er dir nicht einfach aus Loyalität die Stange hält«, kann sich Jeannie nicht zurückhalten.
Aroha ignoriert Jeannie und erzählt Kalina und Mike von dem Kapakapa und dass sie glaubt, dass diese Schnitzerei aus Obsidian mit den vielen ungewöhnlichen Vorkommnissen zu tun hat. Natürlich wollen Kalina und Mike das Kapakapa sehen.
»Ja,
es schaut wirklich wie ein sehr altes Stück aus«, gibt Kalina
zu.
Alle stimmen überein, dass das Material wohl Obsidian ist.
»Mich wundert nur, dass das Kapakapa, wie du es nennst, einerseits so alt aussieht, andererseits so wenig zerkratzt ist. Obsidian ist nicht sonderlich hart und es ist ein Wunder, dass das Stück so fehlerlos ist. Ob es vielleicht irgendwie künstlich gehärtet wurde oder mit einer besonderen Schicht überzogen ist?«, vermutet Mike.
Er weiß nicht, wie nahe er an der Wahrheit liegt ...
»Du hast vielleicht recht, Mike. Es ist unglaublich glatt«, sagt Jeannie, »außer bei diesen kleinen grauen Punkten am unteren Ende.«
»Diese Punkte sind keine Verunreinigung, sondern scheinen fest mit dem Rest ‚verwachsen‘ zu sein«, erklärt Aroha. »Man kann sie mit keinem Mittel abwaschen, ich habe es versucht.«
»Mich faszinieren die geometrischen Muster am oberen Ende. Es sieht fast aus, als würden zwei kleine Stifte herausragen, an die man etwas anstecken kann«, kommentiert Mike.
»Ja, mir ist das auch schon aufgefallen ... es könnte sein, dass hier ein Stück fehlt (Aroha erinnert sich an die Stimme, die sie in der Höhle ‚hörte‘). Aber, mal abgesehen vom Aussehen, es gibt einen Zusammenhang zwischen den Erlebnissen im verborgenen Tal, im Tongariro Nationalpark und diesem Stück. Nur habe ich nicht die geringste Ahnung welchen.«
Sie ist nahe daran Kalina und Mike von den Stimmen zu erzählen, die sie manchmal ‚hört‘, von den Bildszenen, die sie vereinzelt ‚sieht‘, aber dann erinnert sie sich wieder an die mehr als skeptischen Blicke, als sie seinerzeit von den Stimmen im Wasserfall erzählte, und ändert ihre Meinung.
»Mir ist es unangenehm euch darum zu bitten« - sie schaut ihre Freunde der Reihe nach an - »aber ich möchte, dass alles, was ich über das Kapakapa erzählt habe, vorläufig ein Geheimnis bleibt. Kann ich mich auf euch verlassen?«
Alle nicken. Mike ergänzt: »Wir haben in den letzten Monaten soviel Zeit aufgewendet, Aorama und das verborgene Tal zu durchsuchen ohne dass wir, abgesehen von unseren zwei Ausflügen, auch nur das geringste ungewöhnliche Erlebnis gehabt hätten, so dass uns ohnehin nur alle für verrückt halten würden, wenn wir ihnen erzählen, was du uns berichtet hast, Aroha!«
»Davon bin ich auch überzeugt«, erwiedert Aroha. »Ich erinnere mich, wie ihr alle skeptisch gewesen seid, als ich euch von den Stimmen im Wasserfall erzählte. Stellt euch vor, was andere Leute wohl sagen würden, wenn ich erzähle, dass ich explodierende Lichter in einer Glühwurm-Höhle beobachtet habe!«
Alle lachen. »Allerdings, ihr müsst schon wissen, dass ich das Kapakapa sehr ernst nehme. In der Höhle wurde mir das erste Mal klar, dass es mich mit der Maori- Kultur verbindet, aber vielleicht noch weiter in die Vergangenheit reicht. Ich hatte damals das Gefühl, etwas Heiliges oder Großartiges in der Hand zu halten.« Aroha seufzt: »Es tut mir leid, ich kann es nicht richtig ausdrücken. Aber, sei es wie es sei ...«
»Du willst jedenfalls nicht, dass wir anderen davon erzählen, bis wir mehr Fakten in der Hand haben«, vervollständigt Mike ihren Satz.
»Wir verstehen das völlig und werden nicht darüber reden«, sagt Kalina. Die anderen sind nicht ganz so sicher, aber nicken schließlich auch zustimmend.
»Auf jeden Fall möchte ich möglichst bald wieder in den Tongariro Nationalpark. Leider gibt es am nächsten Wochenende eine Feier bei meiner Mutter, da kann ich nicht weg... aber bei mir ginge das Wochenende danach. Hat einer von euch Lust, mitzukommen?«, fragt Aroha.

»Es tut mir echt Leid, dass ich eine Woche länger warten muss, bis ich vielleicht wieder etwas sehr Ungewöhnliches erleben werde«, meint Mike, »und ich werde mich in der Zwischenzeit kaum richtig auf meine Forschung konzentrieren können. Aber ich werde es wohl erwarten müssen, und ich bin dabei.«
»Mike, du wirst doch nicht sagen, dass die Welt des Kapakapas interessanter ist als deine geliebte Quantenphysik«, macht sich Aroha lustig.
Bevor sie sich trennen, vereinbaren sie, dass sie bei ihrem geplanten Besuch im Tongariro Nationalpark flussabwärts gehen werden, weil sie beim ersten Mal die andere Richtung erforscht hatten.
Später am Abend ruft Aroha ihre Freundin Kalina an, um herauszufinden, was Kalina von den neuesten Entwicklungen und dem Kapakapa hält. Kalina ist sehr zurückhaltend.
»Du glaubst mir einfach nicht, oder?«, fragt Aroha.
»Wenn du es so direkt wissen willst, nein«, antwortet Kalina, »von allen Menschen die ich kenne, hätte ich von dir, Aroha, als Naturwissenschaftlerin am ehesten erwartet, dass du nüchterner und vernünftiger bist. Und dein Studium vernachlässigst du immer mehr.«
Mit einem dumpfen Gefühl beendet Aroha das Telefonat. Sie fühlt sich leer und betrogen. Kalina, mit der sie sich so gut zu verstehen glaubte, traut ihr nicht. Irgendwie ist ein Faden zwischen den beiden gerissen.
Am Freitag ruft Kalina Aroha an, dass sie leider nicht bei dem Ausflug in den Tongariro Nationalpark dabei sein kann, weil sie die Aufführung eines bekannten Quartetts an der Universität nicht versäumen will. Nach dem letzten Telefonat hat Aroha befürchtet, dass Kalina absagen würde. So sollte sie sich jetzt nicht verletzt fühlen. Aber wie alle Menschen, kann auch sie ihre Gefühle nicht rational kontrollieren.
Aroha, Jeannie und Kevin fahren mit Mike in dessen Auto zum Nationalpark. Mit warmer Kleidung, Kameras und allem Nötigen gut ausgerüstet, wundern sie sich aber, als sie herausfinden, dass Mike zusätzlich einige innere Schläuche von alten Autoreifen mitgenommen hat.
»Wozu brauchen wir die?«, erkundigt sich Jeannie erstaunt.
»Kannst du es nicht erraten? Sie sind für uns der schnellste Weg, den Fluss hinunter zu kommen. Schon als wir in der Höhle waren, hätten uns solche Schläuche gute Dienste geleistet!«
So beginnen sie den Aufstieg zur Hütte, alle bepackt mit Rucksack und einen Autoreifenschlauch, ein verrückter Anblick. Jeannie hält alles mit ihren Fotoaparat fest!
Aufgeregt und in bester Laune geht es rasch voran. Nur Kevin und Aroha bleiben einmal stehen und stellen sich die Enttäuschung vor, wenn sie vielleicht überhaupt keinen Fluss mehr vorfinden! Bei der Hütte machen sie nur eine kurze Rast. Dann folgen sie Kevin in die unglaubliche ‚andere‘ Welt. Der Fluss ist noch da, und die vergletscherten Berge glitzern in der Sonne.
Sie eilen, so schnell sie können, den Hang zum Fluss hinunter. Die Entscheidung Mikes, die Autoreifen mitzunehmen, erweist sich als goldrichtig. In kurzer Zeit treiben sie schaukelnd den Fluss hinunter. Schließlich erreichen sie einen Nebenfluss. Sie legen an und beschließen, diesen schönen Fluss mit seinem pastellfarbenen Gletscher-Schmelzwasser ein Stück zu erkunden.
Aroha und Jeannie wollen nahe beim Fluss bleiben, Kevin und Mike steigen auf einen Hügelrücken, um einen besseren Überblick zu bekommen.
Bis zu diesem Ausflug waren Flüsse für Aroha immer eine Art Herausforderung gewesen, wenn nicht sogar eine Bedrohung. Oft musste man sich anseilen, um reißende Flüsse zu überqueren, man musste an Wasserfällen vorbei hinauf oder hinunter klettern, oder bei kleineren Bächen war es oft sinnvoll, lange nach einem Arrangement von Steinen im Wasser zu suchen, die ein trockenes Überqueren erlaubten.
Durch Jeannie beginnt sich ihre Einstellung zu fließendem Wasser grundlegend zu ändern. Sie sieht die Schönheit winziger Farne, die nahe am Wasser wachsen; bunte Kiesel, die feucht glänzen; Wirbel hinter Steinen, in denen sich Blätter gefangen haben und nun unerfindlich lang im Kreis treiben, bis irgendeine Unregelmäßigkeit sie wieder in den Fluss reißt. Zusammen entdecken sie kleine Blumen, die sich zwischen Felsen vor dem Wind schützen. Sie beobachten Geckos in den Manuka- Büschen, wobei sie erstaunt grüne mit gelben Punkten aber auch andere, gelbe mit grünen Punkten, finden. Die jungen Geckos erinnern in ihrem Glanz und Vollkommenheit an kleine, längliche Edelsteine. Kleine Wasserfälle eignen sich dafür, den müden Rücken zu massieren; ruhige Tümpel für eine rasche Abkühlung auf nackter Haut. Sie fotografieren so viel, dass ein Leben kaum für das Ordnen und Sortieren reichen wird. Jeannie spielt auf ihrer Mundharmonika, während Aroha einige Skizzen zeichnet, die sie an den einen oder anderen Malversuch im verlorenen Tal erinnert. Und sie singen zusammen, wenn Jeannie mit der Mundharmonika die Melodie vorgegeben hat.
Als die beiden Männer zurückkehren, hat Kevin interessante Neuigkeiten. »Ratet, was ich gefunden habe. Das! In einem alten Pa26, einer verlassenen Befestigungsanlage von Maoris.« Er zeigt ihnen einen kleinen, mit Erde verschmierten Tiki27. Er schaut alt aus, aber hat, was selten ist, noch immer seine Augen aus Teilen einer Paui-Muschel.
Aroha blickt Kevin an, wie dieser auf den Tiki starrt. Irgendwie fühlt sie sich ihm gerade jetzt noch näher als je zuvor, so als könnte sie erraten, was er fühlt.
Als Kevin schließlich sagt: »Ich werden den Tiki als meinen Glücksbringer behalten«, da weiß sie mit Sicherheit, dass er vorher den Satz zu Ende gedacht hatte, »und ich kann nur hoffen, dass er mir nicht statt dessen Unglück bringt.«
Aroha hat das Bedürfnis, Kevin zu umarmen und zu halten.
»Ist es weit? Können wir uns die alte Befestigungsanlage auch ansehen?«, fragt Jeannie neugierig.
»Natürlich«, sagt Mike, »es ist nicht weit. Freilich, viel ist nicht mehr zu sehen. Der Palisadenzaun ist weitgehend verfallen aber an einigen Stellen sieht man noch die ursprüngliche Farbe, Ocker.«
»Gibt es noch Gebäude zu sehen?«, erkundigt sich jetzt Aroha.
»Nein, nur noch Feuerstellen und Erdlöcher, in denen wohl früher Mahlzeiten zubereitet wurden.«
»Wenn es kein großer Umweg ist, dann gehen wir«, sagt Jeannie.
Mike beruhigt: »Nein, es ist eigentlich fast in gerader Linie, wie wir zum Hauptfluss zurück müssen. Nur geht es nicht eben dahin, sondern ein Stück bergauf.«

Das ‚Stück bergauf‘ erweist sich als ein ausgewachsenes Steilstück, aber alle sind begeistert über das, was sie schließlich finden. Aroha wundert sich, wie viele Teile des Palisadenzaunes noch durch Flachsstricke zusammengehalten werden, der Zustand ist überraschend gut. In einem der Erdlöcher, die zum Kochen verwendet wurden, also in einem ‚Hangi-Pit‘, finden sie noch Knochen von einem Tier, das sie nicht identifizieren können. Und eine Erdhöhle diente offenbar einmal als Vorratskammer.
Während die Frauen die befestigte Wohnungsanlage genau untersuchen, beginnt Mike an einer Stelle, die Aroha nicht sehen kann, ein großes Mittagessen herzurichten. Aroha hat heute Geburtstag, nur hat Aroha keine Ahnung, dass die anderen das wissen! Als Mike und Kevin »zum Mittagstisch« bitten, ist Aroha überrascht und gerührt, und die drei anderen freuen sich, dass die Überraschung so gut gelungen ist.
Nun ist es auch klar, warum die Rucksäcke der Freunde so besonders groß ausgesehen hatten. Sie haben drei große Dosen mitgebracht, die sich automatisch erhitzen, wenn sie geöffnet werden. Es gibt daher zwei Arten von Fleisch mit Gemüse, einen Pflaumenpudding und sogar eine Flasche Wein. Bald hört diese Anlage wohl zum ersten Mal nach sehr langer Zeit ein fröhliches Geburtstagslied, und die Berge werfen ein leises Echo zurück.
[26] Ein Pa ist eine befestigte Wohnsiedlung. Sie liegt, von einem Palisadenzaun umgeben im Normalfall immer auf einen Hügel, um die Verteidigung zu erleichtern. Die Maoris waren in früheren Zeiten ein ausgesprochen kriegerisches Volk!
[27] Tiki sind die Amulette der Maoris. Sie gelten meist, aber nicht immer, als Glücksbringer.

Die Geschenke, die die drei mitgebracht haben sind originell, filigran und fast gewichtslos. Eine Pfeiferl (damit Aroha um Hilfe rufen kann wenn sie sich je verirrt), eine kleine tragbare Sonnenuhr und von Mike ein Gerät, das er als die genialste kleine Mückenklatsche bezeichnet, die je erfunden wurde.
Aroha bedankt sich liebevoll, streift Kevins Mund mit ihren Lippen. Sie weiß, sie wird diese Feier nie vergessen, in ihrer Einfachheit aber auch in ihrer Ungereimtheit. Ein Fest im 21. Jahrhundert mit sich selbst wärmenden Gerichten in einer uralten befestigten Wohnanlage. Aroha amüsiert die Situation sehr. Als Kevin ihr Lächeln merkt, sie fragend ansieht und sie erklärt, was sie empfindet, lachen alle und können kaum mehr aufhören.
Ein Wermutstropfen für Aroha ist, dass Kalina nicht dabei ist. Sie erinnert sich, dass irgendwer einmal gesagt hat, was für ein unpassendes Paar sie eigentlich sind. Aroha, die Naturwissenschaftlerin, eine Romantikerin mit einer zunehmend mystischen Ader, und Kalina, eine Künstlerin, rational im Denken und Handeln in jeder Hinsicht.
Am Weg zurück halten alle intensiv Ausschau nach anderen Zeichen menschlicher Besiedlung, aber sie sehen nichts. Sie beobachten allerdings einen Schwarm großer Vögel über ihren Köpfen.
»Die sind so groß wie Albatrosse«, ruft Jeannie erstaunt, »und es sind Dutzende von ihnen.«
So Leid es ihnen tut, sie haben nicht mehr viel Zeit. Die Autofahrt zurück in die Stadt wird fünf Stunden benötigen. Sie beginnen im Auto noch einmal über das Kapakapa und ihre Erlebnisse zu sprechen, doch sind schließlich zu müde, um die Dinge weiter zu verfolgen. Sie beschließen, bei nächster Gelegenheit einen »Kriegsrat« abzuhalten, wie es weitergehen soll.