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Drei Wochen später saß Baron Pedro von Aarfeld in Boltenberge vor dem Notar Dr. Franz Sedelmaier. Er trug einen feierlichen Cut. Dr. Sedelmaier thronte hinter seinem Schreibtisch und rückte an seiner Brille.

»Tja, nun ist's soweit«, sagte Pedro, »ich bin gekommen, um Ihnen, dem zuständigen Notar, zu melden«, er lachte über das Wort ›melden‹, »daß ich doch noch rechtzeitig heiraten werde. Eine Andeutung machte ich Ihnen schon am Telefon.«

»Und wer ist die Glückliche? Darüber ließen Sie mich im ungewissen.«

»Sie kennen Herrn Dr. Faber, den Kunsthändler …«

»Ja.«

»Vielleicht auch seine Sekretärin …«

»Die neue?«

»Ja.«

»Etwa die?«

Glücklich lächelnd nickte Pedro, wurde jedoch rasch wieder ernst, als Dr. Sedelmaier antwortete: »Aber Baron, ist die nicht bürgerlich?«

»Und? In welcher Zeit leben Sie, Doktor?«

Der erwähnte Kunsthändler Faber hätte seine helle Freude daran gehabt, wenn er diesen Moment miterlebt hätte. Leider war es ihm versagt.

Plötzlich wurde Pedro mißtrauisch.

»Lautet etwa«, fragte er, »eine Bedingung meines Vaters auch, daß ich mich standesgemäß verheiraten müßte?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Dr. Sedelmaier und erhob sich. »Ich glaube es nicht.«

Er ging auf den großen Aktenschrank zu. »Aber das werden wir gleich sehen …«

Mit einem dicken Aktenstück, das mit einer gedrehten, dicken Kordel verschnürt war, kehrte er zu seinem Sessel zurück. Die Endknoten waren mit einem roten Siegel verschlossen.

Die Stimme des Notars nahm einen getragenen Tonfall an.

»Baron Pedro von Aarfeld, es war der Wille Ihres Herrn Vaters, daß bei der Haupttestamentseröffnung nur sein ältester Sohn allein zugegen sein soll. Diese Bestimmung ist heute erfüllt. Als Ihr Herr Vater vor zehn Jahren starb, legte er im Vortestament nieder, daß Sie das Gut so lange zu verwalten hätten, bis der Majoratserbe ermittelt wäre. Da Sie mich heute von Ihrem Aufgebot unterrichten, sehe ich mich in der angenehmen Lage, Ihnen den letzten Willen Ihres Herrn Vaters, der auch mein Freund war, zu eröffnen …«

Dr. Sedelmaier ergriff eine Schere und wollte die Kordel durchschneiden, doch Pedro hob die Hand.

»Bitte«, sagte er leise, »lassen Sie mich das Siegel erbrechen, das mein Vater auf sein Testament setzte.«

Dr. Sedelmaier nickte sein Einverständnis, und Pedro ergriff das Aktenstück, hob es mit beiden Händen an und betrachtete es ein Weilchen versunken. Dann legte er es auf den Schreibtisch zurück und schob seine Finger unter die Schnur. Leise knackte es, und der Lack zersprang. Das Wappen derer von Aarfeld hatte, zerfallen in eine Reihe unscheinbarer Stückchen, seinen Geist aufgegeben.

Dr. Sedelmaier hatte stumm zugesehen. Die Erinnerung an seinen alten Freund war wach geworden, an die Abende auf dem Gut, die Skatrunde im Hotel Stern, die Jagderlebnisse.

Pedro nahm die Schere, schnitt das Aktenstück auf und schob es dem Notar hin. Dann trat dieser wieder in Funktion.

»Mein letzter Wille«, las er, nachdem er seine Brille zurechtgerückt hatte, vor. »Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte lege ich, Baron von Aarfeld, Ritter von Stolzenburg und Ebertzhagen, Edler Herr von Almelungen und Ritter des Schwarzen Adlerordens zweiter Klasse, meinen letzten Willen fest: Erstens: Mein Sohn Pedro erhält bei Heirat, die spätestens bis zur Vollendung seines vierunddreißigsten Lebensjahres erfolgt sein muß, das gesamte Majorat Aarfeld, mit allen Gütern, Liegenschaften, Inventar. Er hat seinem Bruder Siegurd das Wohnrecht einzuräumen. Zweitens: Mein Sohn Siegurd erhält eine jährliche Rente von DM 60.000, – und einen Anteil von 25 Prozent meines Auslandsvermögens, dessen Aufstellung dem Testament beigegeben ist. Drittens: Mein Sohn Siegurd erhält ferner die Villa ›Bergfried‹ am Ammersee in Bayern. Viertens: Ich verpflichte meinen Sohn Pedro, aus dem an ihn fallenden Haupterbe jährlich DM 12.000, – auf das Konto 34.927 der Sparkasse in Boltenberge zu überweisen. Der Zweck dieses Kontos mag ihm unbekannt sein und bleiben …«

Länger als eine halbe Stunde dauerte die Verlesung des umfangreichen Testaments, und dann wußte Pedro, daß er der Erbe eines riesigen Vermögens war. Zusammengezählt mochte alles in allem einen Wert von zehn bis zwölf Millionen darstellen.

Pedro begab sich, als er beim Notar alles hinter sich hatte, zu Dr. Faber, seinem Freund. Wichtiger war ihm natürlich noch, Marianne dort anzutreffen. In dieser Hoffnung sah er sich dann allerdings getäuscht.

Dr. Faber empfing ihn mit einer Miene, die nichts Gutes verhieß.

»Wo ist Marianne?« fragte Pedro, als er sie nirgends sah, im Laden nicht und im Büro auch nicht.

»Fort.«

»Wie fort? Können Sie sich nicht genauer ausdrücken, alter Freund?« fragte lächelnd Pedro, der den Ernst der Lage noch nicht wahrhaben wollte.

»Ich weiß nicht, wohin sie ist. Sie stürzte jedenfalls weinend aus dem Laden. Sie war zurückgekommen vom Essen zu Hause, wo sie einen Brief vorgefunden hatte. Den da … sie zeigte ihn mir … sie wollte ihn gar nicht mehr haben …«

Faber überreichte Pedro jenen Brief. Pedro nahm den Umschlag und drehte ihn um, um als erstes nach der Absenderangabe zu sehen.

M. v. Bahrenhof.

Eine kalte Hand schien ihm nach seinem Herzen zu greifen.

»Lesen Sie«, sagte Dr. Faber.

Pedro zog den mit Maschine geschriebenen Bogen aus dem Umschlag und faltete ihn auseinander. Rasch lief er rot an, sein Puls beschleunigte sich, die Stirnadern schwollen an.

Er las:

»Bestes Fräulein Klett!

Zu ihrer bevorstehenden Verlobung mit Pedro darf ich Ihnen als Eingeweihte wohl zuerst gratulieren. Sie erhalten wirklich einen treuen Mann, der, wenn er einmal ein Ziel sieht, es auch verfolgt, ohne Rücksicht auf Herzen und Gefühle. Selbst Küsse, die er im Auto mit jungen Witwen tauscht, hindern ihn nicht daran, für die Erhaltung seines Majorats sich selbst zu verleugnen.

Werden Sie glücklich mit ihm, bestes Kind, glücklicher als ich vor allem, die den großen Nachteil hat, ihn zu gut zu kennen, um Herrin auf Aarfeld zu werden.

Ihre Mathilde von Bahrenhof.«

Pedros sämtliche Empfindungen sammelten sich, als er den Brief sinken ließ, in einem einzigen Ausdruck, den er hervorstieß: »Dieses Mistvieh!«

Adelig war das nicht gerade.

»Sie hatten also nichts mit der?« schloß daraus Dr. Faber erleichtert.

»Natürlich nicht; nur …«

Pedro stockte.

»Was nur?« fragte Faber.

Pedro gab sich einen Ruck. »Es war so: Wir hatten beinahe einen Unfall. Ich mußte scharf abbremsen, der Wagen schleuderte, und sie flog mir an die Brust. Ich habe sie nicht gleich weggestoßen, das war mein Fehler. Als ich mich behutsam – um sie nicht zu verletzen, weder physisch noch anders – von ihr lösen wollte, fiel sie buchstäblich über mich her und verschlang mich mit ihren verdammten Küssen, in denen sie jetzt eine Waffe sehen will.«

Pedro schlug mit dem Rücken der freien Hand auf den Briefbogen, den er in der anderen hielt, und fragte den Kunsthändler, der ihn mit einer Spur von Zweifel im Gesicht ansah: »Was soll ich machen? Was raten Sie mir?«

»Sie müssen die Sache bereinigen.«

»Und wie?«

»Indem Sie mit beiden Frauen reden – mit der einen allerdings klar und deutlich, damit ihr für immer die Lust zu solchen Intrigen vergeht.«

Fünf Minuten später war Pedro von Aarfeld mit dem Wagen schon unterwegs nach Bahrenhof, wieder einmal mit Höchstgeschwindigkeit.

Die langen Gänge des Sanatoriums waren weiß getüncht und mit hellgrünem Linoleum ausgelegt. Überall drängte sich der Eindruck peinlichster Sauberkeit auf.

Auf Zimmer 9 der Privatstation lag Siegurd von Aarfeld. Seinen Kopf hüllte ein großer Verband ein, der nur das schmale Gesicht zwischen halber Stirn und halbem Kinn freiließ. Sein rechter Arm war dick mit Brandbinden umwickelt, sein linkes Bein lag in einer langen Schiene. Die eben verheilten Brandwunden am Rumpf verdeckte ein Pyjama. Siegurds Verletzungen hatten in den ersten Tagen zu größter Besorgnis Anlaß gegeben. Nun aber befand er sich auf dem Weg der Besserung.

Heute hatten, unter Anleitung des Chefarztes, Professor Krafft, die ersten Gehversuche stattgefunden. Das war nicht ohne Erschöpfung abgegangen, und deshalb lag Siegurd jetzt bleich und kaputt im Bett. Eine zusätzliche Belastung ging von Marianne aus, die auf einem Stuhl vor dem Bett saß und vor sich hinweinte.

Die Frage, mit der sie ins Zimmer gestürzt war, hatte gelautet: »Was haben Pedro und diese Bahrenhof-Hexe miteinander?«

Siegurd war natürlich überrascht und erschrocken gewesen und hatte deshalb im ersten Augenblick nur hervorgestoßen: »Nichts.«

»Aber sie behauptet das Gegenteil, Siegurd!«

»Welches Gegenteil?«

»Daß er sie geküßt hat!«

Und nun hatte Siegurd einen großen Fehler gemacht, indem er sagte: »Na und? Hast du mich nicht auch geküßt?«

Ein Aufschrei Mariannes ertönte: »Das ist doch etwas ganz anderes!«

Weibliche Logik. In solchen Fällen entdecken Frauen immer elementare Unterschiede.

Jedenfalls löste sich ein Strom von Tränen aus Mariannes Augen, der kein Ende mehr nehmen wollte.

Siegurd berichtete daraufhin, was sich zwischen Pedro und Mathilde von Bahrenhof wirklich zugetragen hatte. Zum Glück hatte ihm Mathilde ja die Geschichte ganz offen erzählt, und dies mußte er Marianne sogar noch unverblümt eingestehen, sonst hätte sie ihm keinen Glauben geschenkt. Sie fragte ihn nämlich mißtrauisch: »Woher weißt du das alles so genau? Bist du selbst dabei gewesen?«

»Nein.«

»Dann muß es dir ein Beteiligter mitgeteilt haben.«

»Ja.«

»Pedro?«

»Nein, Mathilde.«

Marianne verstummte. Da aber der Ausdruck des Mißtrauens nicht aus ihrem Gesicht verschwand, fühlte sich Siegurd gezwungen, eine Generalbeichte abzulegen.

»Glaub mir, das stimmt schon«, begann er. »Wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Du ahnst nicht, wie weit das ging. Ich will es dir sagen, es bedrückt mich sowieso schon seit dem großen Brand …«

Und schonungslos gegen sich selbst berichtete er von dem Plan, den er und Mathilde geschmiedet hatten, um sich in den Besitz des Gutes zu setzen. Im Zuge dieses Planes seien, sagte er, jene Küsse Mathildes ein von ihr angestrebtes Mittel gewesen, sich Pedro gefügig zu machen. Das müsse ihr, Marianne, doch einleuchten. Oder nicht?

»Doch«, nickte Marianne, nun restlos überzeugt.

Und sie schämte sich. Sie kam sich klein und häßlich vor, nicht wert, einmal Marianne von Aarfeld zu heißen. Ich muß sofort zu Pedro, dachte sie. Dr. Faber muß mich nach Aarfeld fahren. Ich muß Pedro um Verzeihung bitten. Ich will nie wieder an ihm zweifeln, will nur ihm glauben, denn ich weiß nun, daß er mich liebt und alle Worte, die er spricht, Wahrheit sind, weil er gar nicht lügen kann.

Sie sprang auf.

»Wohin?« flüsterte Siegurd, den die lange Beichte unendlich ermüdet hatte.

»Zu ihm!«

Und ehe er ihr an ihn auch Grüße von ihm, seinem Bruder Siegurd, auftragen konnte, war sie schon an der Tür.

Er lächelte ihr nach. Erst draußen auf dem Flur fiel ihr ein, daß man sich von einem Patienten auch verabschieden mußte. Sie steckte den Kopf noch einmal ins Zimmer.

Aber Siegurd schlief schon.

Mit kreischenden Bremsen hielt der Wagen Pedros auf dem Innenhof von Gut Bahrenhof. Ein Stallbursche rettete sich durch einen Sprung zur Seite.

Pedro wand sich aus dem Wagen und wollte ins Haus stürmen.

»Die Frau Baronin ist nicht da«, sagte der Stallbursche rasch.

»Wo ist sie?«

»Drüben im Bruch. Sie wollte heute Hasen schießen.«

»Danke.«

Pedro sprang wieder in den Wagen, fuhr mit einem Ruck an, lenkte hinüber in den großen Wald, der sich bald an das Gut anschloß, scheute nicht die unebenen Forstwege und stoppte nach drei Kilometern vor einem engen Tannenstück. Dort stieg er aus, schlug die Wagentür hinter sich zu und ging quer durch das Tannenstück zu einer weiten, teils mit niedrigem, teils mit hohem Gras bewachsenen Fläche, die man in dieser Gegend den Bruch nannte, und die in der Hauptsache aus einem großen Sumpf bestand.

Am Waldrand blieb Pedro stehen und schaute sich um. Langsam wanderte sein Blick über die Haselbüsche und Krüppelbirken, über die Schilfinseln an den noch offenen Stellen des Moores und die breiigen Flächen des tückischen Bodens. Endlich sah er an einer halbhohen Weide eine schlanke Gestalt stehen und ging mit langen Schritten auf sie zu.

Ruhig, die Schrotflinte in der Hand, erwartete ihn Mathilde von Bahrenhof. Ihr blondes Haar wallte wundervoll über die grüne Lodenjacke.

»Wen sehe ich: Pedro von Aarfeld«, sagte sie mit ihrer melodischen Stimme, die so zärtlich, aber auch so kalt klingen konnte. »Wollen Sie in meinem Revier ein wenig wildern? Wo haben Sie die Waffe?«

Mit steinernem Gesicht stand der Baron vor ihr.

»Sie haben an meine Braut geschrieben«, sagte er hart und laut.

»Ich habe ihr gratuliert. Man weiß doch, was sich gehört.«

»Sie haben gelogen!«

»Wieso?« Sie lachte. Es klang perlend und aufreizend. »Ich habe geschildert, wie ich dieses Verlöbnis mit meinen Augen sehe.«

Pedro drohte die Beherrschung zu verlieren.

»Der ganze Brief strotzt vor Gemeinheit!« schrie er.

»Was wollen Sie hier?« fragte ihn Mathilde von Bahrenhof schroff.

»Sie werden Ihre Lügen meiner Braut gegenüber richtigstellen! Dazu zwinge ich Sie!«

»Mich zwingen?« In den Augen der Freiin glomm ein gefährliches Feuer auf. Sie riß plötzlich das Gewehr hoch und zielte auf Pedro. »Ich könnte Sie jetzt abknallen, und keiner sieht es. Wilderer, würde es heißen, wie beim Vater. Am liebsten täte ich es wirklich. Ich hasse Sie. Sie haben mich um mein ganzes Leben gebracht, um meine Zukunft. Verschwinden Sie, sonst drücke ich ab!«

»Runter mit der Flinte!« sagte Pedro furchtlos. »Spielen Sie hier nicht die Verrückte!«

»Halt! Bleiben Sie stehen!« schrie sie schrill, als sie sah, daß er auf sie zutreten wollte. »Noch einen Schritt, und Sie sind ein toter Mann!«

Ihr Gewehr lag in Augenhöhe. Der Lauf zielte mitten ins Gesicht Pedros. Haß verzerrte ihre Züge.

Pedro rührte sich nicht mehr. Nur noch Zentimeter trennten ihn vom Jenseits, das war ihm von einer Sekunde auf die andere klar geworden.

So standen sie eine Ewigkeit, und auf einmal peitschte ein Schuß über das stille Moor; es war aber nicht der erwartete aus Mathildes Büchse, sondern er dröhnte vom Waldrand her. Die Freiin stand plötzlich mit leeren Händen da. Ihre Flinte hatte einen heftigen Schlag erhalten, war zur Seite geflogen und lag nun im Schlamm.

Vom Waldrand löste sich eine hohe, breite Gestalt. Leichenblaß blickte ihr Mathilde von Bahrenhof, die beim Schuß entsetzt herumgefahren war, entgegen.

Tief atmete Pedro auf.

»Gerade noch im rechten Augenblick, Recke«, sagte er, setzte jedoch, Zeugnis von seiner immerwährenden Korrektheit ablegend, sogleich hinzu: »Ich muß Sie aber fragen, wie Sie mit einer Waffe in ein fremdes Revier kommen …«

»Ich darf mir den Weg abkürzen«, antwortete gar nicht erstaunt der Förster Recke. »Dazu habe ich seit acht Jahren die Erlaubnis vom verstorbenen Freiherrn von Bahrenhof.«

Dies schien der Freiin von Bahrenhof den Rest zu geben. Sie wandte sich ab, fuhr herum und wollte tiefer ins Moor hineinlaufen. Pedro hielt sie jedoch am Ärmel fest.

»Bleiben Sie, dort hört der Weg auf!«

»Lassen Sie mich!« Kratzend fuhren ihre Finger in sein Gesicht, wodurch sich für einen Augenblick sein Griff lockerte. Sie benutzte die Gelegenheit, um sich loszureißen und über den schmalen Weg durch die Büsche hindurch dem Moor entgegenzulaufen.

»Halt!« brüllte Pedro, sah, daß sein Ruf nichts nützte, und setzte der Flüchtenden nach. Recke schlug einen kleinen Bogen. Er wollte versuchen, ihr den Weg abzuschneiden.

Weicher und weicher wurde der Boden. Der ausgetretene Pfad hörte auf. Hohes Gras bedeckte die nachgebende Erde, die hier noch nie von eines Menschen Fuß betreten worden war. Als könne sie fliegen, so schnell und leicht rannte die Freiin über den schwankenden Boden, schnellte sich um die Büsche und warf sich in das Schilf, eine Gasse vor sich niedertretend.

»Bleiben Sie doch stehen!« brüllte Pedro im Laufen. »Das Moor kommt!«

Mathilde von Bahrenhof achtete nicht darauf. Wie gehetzt lief sie weiter, sprang über die ersten offenen Stellen, in denen das dunkle, faulige Wasser gurgelte, sank mit dem Fuß bis zum Knöchel ein und riß sich wieder empor. Weiter, nur weiter! schrie es in ihr. Ich habe ihn ermorden wollen, und eine Freiin von Bahrenhof stellt man nicht als Verbrecherin vor Gericht. Sie blickte zur Seite, sah die Hünengestalt des Försters Recke auf sich zukommen – und wandte sich nach links. Leichtfüßig sprang sie über niedriges Gesträuch und schlug Haken um die Weidenstämme und die moorigen Stellen.

Plötzlich öffneten sich die Büsche, und ein weites, fast kahles Feld lag vor ihr. Kleine Schilfbüschel ragten aus der nassen Erde. Eine Schar Moorhühner flatterte empor, aufgeschreckt von den hier zum erstenmal sichtbar werdenden Zweibeinern, und zog schreiend davon.

Das Moor, durchzuckte es Mathilde. Sie blickte sich um. Hinter ihr keuchte Pedro von Aarfeld heran, von rechts kam der Förster durch die Büsche gebrochen. Es gab keinen anderen Weg mehr … das Moor mußte sie tragen.

Ohne sich zu besinnen, stürzte Mathilde von Bahrenhof hinaus auf die weite, einsame, tote Fläche. Mit einem Ruck stoppte Pedro, als er dies sah, und starrte der Verrückten nach. Er brachte keinen Ton mehr hervor. Es hallte aber die Stentorstimme Reckes über das Moor: »Zurück! Das ist Selbstmord!«

Fünf … zehn … zwanzig Schritte lief die Freiin noch. Das Moor trug sie. Der Boden schwappte unter ihr, Wasser quoll auf, faulige Brühe lief ihr über die Schuhe – aber die leichte Gestalt sank nicht ein, sie wirbelte über den Tod hinweg. Ohnmächtig standen Pedro und Recke am Rand und starrten auf das Bild des Wahnsinns, das sich ihnen bot.

Da warf die Freiin plötzlich die Arme hoch, wollte einen Schritt zurück, doch urplötzlich war nun das Moor am Zuge. Es hielt sie fest. Mit einem lauten Schrei brach sie in den tückischen Boden ein und versank bis zu den Waden.

Verzweifelt begann sie zu kämpfen. Aber jede Bewegung verringerte ihre Chancen, öffnete das Moor unter ihr nur noch bereitwilliger. Es war, als sauge eine ungeheure Kraft an ihrem Körper, als stünde sie in einem Brei, der langsam höher stieg. Grundlos schien der Boden, gierig, endlich ein Opfer zu haben. Fauliges Wasser stieg an ihr empor und gluckste jetzt schon um ihre Schenkel.

Verzweifelt sah sie sich um.

»Hilfe!« schrie sie. »Hilfe! Ich versinke!«

Mit weit aufgerissenen Augen, in denen ein maßloses Grauen lag, sah sie, wie der Boden, der Tod, an ihr höher und höher kletterte. Und sie schrie nur noch immer wieder gellend nach Hilfe.

Pedro löste sich aus seiner Erstarrung, hetzte zum Waldrand zurück, sprang suchend hin und her und fand einen jungen, abgeholzten Birkenstamm. Er lud ihn sich auf die Schulter und brachte ihn möglichst rasch zur Unglücksstelle. Recke folgte seinem Beispiel. Auch er fand bald einen zweiten Stamm. Doch dann war Schluß. Es schwebte ihnen vor, in aller gebotenen Hast eine Art Knüppeldamm zu bauen, aber sie hätten dazu einige Dutzend Stämme gebraucht; kein einziger fand sich mehr in der Nähe, trotz fieberhafter Suche.

Was tun? Nichts mehr. Das Moor, der Tod war am Zuge.

Das Opfer schrie und schrie.

Schon reichte der Sumpf bis zum Hals.

In den Augen lag die Erkenntnis, daß es zu Ende war.

Aus dem Brei der Erde fuhren ein letztes Mal die Arme hoch, als wollten sie nach einem Halt in der Luft greifen.

»Hilfe!« gellte es. »Hilfe! Hi…«

Der Schrei brach ab, und tödliches Schweigen, Bewegungslosigkeit und die absolute Gleichgültigkeit der Elemente gegenüber jeder menschlichen Katastrophe senkte sich auf das Moor herab.

Totenbleich starrte Pedro von Aarfeld auf die Stelle der Tragödie. Friedlich lag sie da. Bald schon würden die Moorhühner zurückkehren, auf der Suche nach Schutz und Nahrung, die ihnen der Schlick bot.

Recke fand als erster die Sprache wieder. »Es ist vorbei, Herr Baron …«

»Gehen wir«, entschied Pedro, und sie schritten gemeinsam durch den Wald. Der Förster trug neben seiner Flinte auch die der Freiin.

»Dieses Ende hat sie nicht verdient«, sagte Pedro, als sie bei seinem Wagen angekommen waren. »Sie war haltlos, gemein, rachsüchtig, gierig nach Geld, sie war einfach schlecht – aber das sind viele. Dieses Ende hat sie nicht verdient, denn sonst müßten ganze Heerscharen auch auf solche Weise zugrundegehen.«

»Wer erstattet Meldung bei der Polizei, Sie oder ich?« fragte der Förster.

»Ich.«

Pedro ließ sich das beschädigte Gewehr geben, wobei er sagte: »Diese Geschichte bleibt unter uns, Recke – den Anschlag auf mich meine ich. Wir sagen einfach, daß sie unvorsichtig war. Klar?«

Und als der Förster erstaunt blickte und nur zögernd nickte, setzte Pedro hinzu: »Wir wollen das Andenken an sie in der Öffentlichkeit nicht noch unnötig schädigen. Schlecht genug wird es ohnehin sein.«

»Wie Sie meinen, Herr Baron.«

Pedro stieg in seinen Wagen, nachdem er Mathildes Flinte im Kofferraum verstaut hatte. Mit einem knappen Winken der Hand fuhr er davon. Recke sah dem Auto nach, bis es in einer Schneise verschwunden war. Dann stand er noch eine Weile, blickte leer vor sich hin und ließ den ganzen schrecklichen Film der letzten Viertelstunde noch einmal an sich vorüberziehen. Ein tiefer Seufzer hob zuletzt seine Brust.

»Mann«, sagte er laut zu sich selbst, »ich hätte schlechter zielen sollen, sie erschießen sollen, dann wäre ihr das erspart geblieben.«

Pedro fuhr langsam. Auch ihn hielten die Bilder des Grauens noch zu sehr in ihren Krallen, als daß er daneben schon wieder die nötige Konzentration auf ein Fahren mit höherer Geschwindigkeit hätte aufbringen können.

Er kam an Gut Bahrenhof vorbei und bog auf die Straße nach Aarfeld ein. Schon von weitem sah er im Hof seines Gutes den Wagen Fabers stehen. Als er durch das Tor fuhr und stoppte, kam ihm Marianne die Treppe herunter entgegengelaufen. Sie strahlte, erstarrte aber wenige Schritte vor ihm plötzlich und stieß hervor: »Wie siehst du aus? Was ist passiert?«

»Das erzähle ich dir später. Erst muß ich wissen, ob zwischen uns wieder alles in Ordnung ist.«

»Natürlich! Ich war doch ein Schaf, und ich schwöre dir, daß ich nie, nie, nie mehr davonlaufen werde. Kannst du mir meine Dummheit noch einmal verzeihen?«

Er nickte lächelnd, sie jauchzte auf und warf sich ihm in die Arme.

»Du«, flüsterte sie ihm heiß ins Ohr, »wolltest du mich nicht immer wieder etwas fragen, bis du die richtige Antwort von mir erhalten würdest?«

»Ja.«

»Dann tu's! Ich warte darauf!«

Mit glücklichen Augen, aus denen das Grauen gewichen war, um einem seligen Schimmer Platz zu machen, erklärte er: »Also gut, ich frage dich, ob du meine Frau werden willst. Oder sagst du wieder nein?«

Ihre Antwort erfolgte in einer Art und Weise, die dem Diener Lulatsch zu einem außerordentlich mißbilligenden Kopfschütteln Anlaß gab. Er stand im ersten Stock zufällig hinter einem Fenster und beobachtete die Szene im Hof.

»Nein«, brummte er tadelnd, »das geht zu weit! Die erstickt ihn mir ja! Und das in aller Öffentlichkeit! Wenn wenigstens er nicht auch noch mitmachen würde! Aber …«

Er brach ab, wandte den Blick vom Fenster. Mit einem »Barone sind das heutzutage …« ging er kopfschüttelnd aus dem Zimmer und stieg hinunter in den Keller, um sich ein Fläschchen zu holen. Er hatte Trost nötig.