1
Eingebettet in den im Sommer wohltuenden Schatten dichter, alter Eichenkronen lag das Herrenhaus von Gut Aarfeld. Das große hölzerne Tor neben einer niedrigen, moosbewachsenen Umfriedungsmauer, der weite, sorgsam geharkte Vorplatz, die gepflegte Anfahrtsstraße, die zwischen fruchtbaren Feldern und prächtigen Waldbeständen hindurchführte, die in Schuß gehaltenen Gesindehäuser, Ställe, Scheunen und Geräteschuppen verrieten eine strenge und ordnende Hand, einen Blick für Zucht und Zweckmäßigkeit und zugleich – wenn man sich den hübschen, kleinen Park hinter dem Herrenhaus besah – auch eine Neigung zur Romantik und Träumerei. Nicht nur der ganze erste, sondern auch der zweite und dritte Eindruck dieses alten Gutes, das man im weiten Umkreis nur ›das Rittergut‹ nannte, waren wie Begegnungen mit einer längst verklungenen sorglosen Zeit, in welcher der Mensch noch Sinn für Schönheit und Besinnlichkeit, für ein gepflegtes Leben hatte.
An diesem Morgen des Spätherbstes stand auf dem weiten Vorplatz des Herrenhauses ein großer, schlanker Herr in Reithosen und einem grünen Lodenrock. Er hatte die Reitgerte unter die rechte Achsel geklemmt und ging unruhig auf und ab, dazwischen immer wieder auf die Uhr an seinem kräftigen Handgelenk blickend. Der mit einem echten Gamsbart geschmückte Jägerhut saß ein wenig aus der Stirn zurückgeschoben auf dem Kopf und gab dadurch den Blick frei auf einige blonde Locken, die vereinzelt von silbernen Fäden durchzogen waren.
Baron Pedro von Aarfeld runzelte unwillig die Stirn und strebte mit weit ausgreifenden Schritten der nächsten Scheune zu, aus der in den gleichen Sekunden beflissen ein kleiner, fuchsgesichtiger Mann herauskam, der seinen Herrn beobachtet hatte. Ein Knecht. In seine Augen trat, als der Baron sich ihm näherte, ein Zug von Unterwürfigkeit, wie er eben nur zu oft Leuten eigen ist, deren ganzes Leben darin besteht, anderen zu dienen. Der Baron liebte solche Servilität keineswegs, er wurde nicht müde, sein Personal dazu aufzufordern, ihm selbstbewußt und frei gegenüberzutreten, aber Erfolg hatte er damit nur bei einem: seinem Förster Peter Recke, der seinen Namen also gewissermaßen völlig zu Recht trug.
Pedro von Aarfeld hatte die Reitgerte in die Hand genommen und schlug nun mit ihr gegen den hohen Schaft seines rechten Stiefels, dessen weiches Leder dadurch wieder einmal zu einer unverdienten Mißhandlung kam.
»Paul«, sagte der Baron, und seine Stimme war sonor, ein wenig heiser, aber durchaus wohltönend, »stimmt meine Uhr? Ich hab' halb neun.«
Der Pferdeknecht zerrte eine alte, vernickelte Zwiebel aus seiner Weste. Nach einem verdutzten Blick stieg ihm Verlegenheitsröte ins Gesicht, und er blieb stumm.
»Paul, ich habe dich gefragt, wieviel Uhr du hast.«
»Fünf nach zwei, Herr Baron.«
»Was?«
»Fünf nach zwei, Herr Baron. Sie ist mir stehengeblieben. Ich bitte um Verzeihung.«
Aarfeld blickte den Pechvogel, der sein Unglück verfluchte, an, seufzte und sagte ironisch: »Ich verzeihe dir. Aber das nächste Mal lasse ich dich aufhängen.«
Dann wandte er sich ab und ging zurück zum Herrenhaus, aus dessen Tür ihm sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Siegurd entgegentrat. Siegurd trug einen eleganten Maßanzug, der in Schnitt und Stoff den besten Schneider verriet, ein rohseidenes Hemd und Maßschuhe. Ein scharf ausrasiertes schwarzes Bärtchen schmückte seine etwas spöttisch gewölbte Oberlippe, was dem schmalen, aristokratischen Gesicht die Note einer ziemlich aufgetragenen Nonchalance verlieh.
»Ärger?« fragte er den Älteren und setzte sich auf das imposante schmiedeeiserne Geländer der Treppe, das ein Ahne im 16. Jahrhundert hatte anfertigen lassen. »Du machst ein ziemlich saures Gesicht, ich kenne dich doch. Was ist los?«
»Ich verstehe das nicht.«
»Was verstehst du nicht?«
»Ich erwarte Dr. Faber mit dem neuen Katalog. Er ist seit einer halben Stunde überfällig.«
»Na und? Er wird schon noch kommen.«
»Ich hasse Unpünktlichkeit. Außerdem muß ich um halb zehn in der Stadt sein. Man erwartet mich dort.«
»Dann kommst du eben erst später hin; davon wird die Welt nicht untergehen.«
Pedro musterte den Jüngeren mißbilligend und sagte scharf: »Typisch! Solche Standpunkte vertrittst du! Mich solltest du aber schon besser kennen!«
»Ja, sicher, du kommst mir vor wie einer, der eine Uhr verschluckt hat. Du lieber Himmel, exakt bis in die Knochen! Mach dich doch nicht lächerlich!«
»Hast du nicht den Eindruck«, sagte Pedro, der mit der Reitgerte wieder gegen den hohen Stiefelschaft schlug, »daß es für dich an der Zeit wäre, dich um die Kartoffelernte zu kümmern? Die Leute auf den Feldern müssen sehen, daß es hier zwei Aarfelds gibt.«
Siegurds Oppositionsgeist gegenüber seinem Bruder schlug um in Zorn. Sein Gesicht wirkte plötzlich steinern und kantig.
»Sonst noch Befehle, Don Pedro?«
»Ich befehle dir nicht, ich erinnere dich an deine Pflichten.«
»An meine Pflichten, ja. Das tust du doch dauernd. Ich kann das verdammte Wort schon nicht mehr hören. Du mußt mir damit nicht ständig in den Ohren liegen, daß du hier der Herr bist. Ich weiß, du erbst das Gut als Majorat, du verkörperst, wie man so schön sagt, das ›Familienoberhaupt‹. Was bin ich denn dagegen? Eine Null, ein Grünschnabel ohne Stimme, ohne Verantwortung. Ich sitze brav am Tischchen, esse meine Breichen und darf einmal im Jahr laut ein Wort sagen, nämlich ›danke schön‹, wenn ich meine testamentarisch festgelegte Jahresrente auf mein Konto überwiesen bekomme. Und du denkst, diese Rolle gefällt mir …«
»Jedenfalls«, unterbrach Pedro den zornigen Redefluß Siegurds, »gefällt dir die erwähnte Jahresrente, mit der du großzügig umzugehen weißt. Oder irre ich mich?«
»Hast du etwas dagegen? Es ist mein Geld, mit dem ich machen kann, was ich will.«
»Du wirfst es mit vollen Händen zum Fenster hinaus, das ist dir wichtiger als das Gut. Was mit dem geschieht, ist dir egal.«
»Nicht so ganz, das wirst du schon noch sehen.«
»Siegurd«, sagte Pedro versöhnlicher, um einzulenken, »mir geht's doch nicht um mich. Ich denke an Aarfeld. Du hast zumindest die Aufgabe, in Reserve zu stehen. Mir kann doch z.B. etwas zustoßen …«
»Was kann dir schon zustoßen?« unterbrach nun Siegurd seinen Bruder. »Ein Herzinfarkt? Dir nicht – bei deinem soliden Lebenswandel! Dann schon eher mir. Oder ein Autounfall? Auch nicht. Du reitest doch viel lieber in der Gegend herum, statt zu fahren, sieh dich doch an.« Ein Fingerzeig Siegurds auf Pedros Stiefel und Reitgerte unterstrich diese Worte.
Pedro gelang es, sich zu beherrschen. Er antwortete: »Na schön, dann will ich dich an etwas anderes erinnern. Du weißt, was ein Majorat ist, du hast ja selbst soeben schon davon gesprochen. Unser Vater hat mir als Älterem das Erbe zur Verwaltung übertragen. Das ist vielfach seit Generationen so üblich. Da es sich also um ein Majorat handelt, bin ich verpflichtet, spätestens bis zu meinem 35. Lebensjahr zu heiraten. Bis dahin sind's, wie dir bekannt sein dürfte, gerade noch zwölf Monate, und ich wüßte nicht, daß mir meine Verehelichung ins Haus stünde. Oder liegen dir andere Informationen vor?«
»Sicher«, entgegnete trocken Siegurd, auf den Pedros faustdicke Ironie keinerlei Wirkung ausübte.
»Wie bitte?«
»Du denkst, ich habe keine Augen im Kopf.«
»Keine Augen im Kopf?«
Pedros Überraschung, die nicht von schlechten Eltern war, ließ so rasch nicht nach. Sie äußerte sich darin, daß er verständnislos Siegurds Worte nachplapperte.
»Ich sehe euch beide doch turteln, Pedro.«
»Euch beide? Wen?«
»Dich und Mathilde.«
»Welche Mathilde?«
»Die lustige Witwe.«
Der Groschen fiel, Pedro stieß hervor: »Bist du verrückt? Freiin von Bahrenhof kommt sich unseren Heuwender leihen. Oder eine Zugmaschine samt Fahrer. Jede Woche etwas anderes. Du weißt doch, wie's bei ihr aussieht, seit ihr Mann tot ist. Wie kannst du nur so dumm daherreden?«
Absolut unbeeindruckt winkte Siegurd ab, grinste besserwisserisch, entnahm einem flachen, goldenen Zigarettenetui eine Zigarette und steckte sie mit einem Feuerzeug, ebenfalls aus Gold, in Brand, ohne daran zu denken, auch dem Bruder eine Zigarette anzubieten. Dicke Rauchwolken von sich blasend, erklärte er in herablassendem Ton: »Gib dir keine Mühe, mein Lieber. Ich habe dir gesagt, daß ich Augen im Kopf habe.«
Dann drehte er sich um und ging ins Haus. Pedro schien ihm folgen zu wollen, doch in diesem Augenblick wurde Motorenlärm laut, ein Auto bog in die Zufahrtsstraße ein und näherte sich dem großen Tor des Gutes. Von weitem schon hupte der Fahrer. Dr. Faber, langersehnt, war im Anmarsch.
Als er aus dem Wagen kletterte, eilte ihm Pedro von Aarfeld entgegen und begrüßte ihn mit festem Händedruck. Faber war ein Herr mittleren Alters, mit grauen Haaren und einer dünnen Goldbrille, an der er ständig zu rücken pflegte.
»Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt«, meinte der Baron halb lächelnd, halb im Ernst. »In einer Viertelstunde muß ich weg, tut mir leid. Hatten Sie eine Panne?«
»Nein. Ich mußte erst noch meine neue Sekretärin mit dem Nötigsten vertraut machen: Fräulein Klett. Darf ich sie Ihnen vorstellen …«
Auf der Beifahrerseite war inzwischen eine junge Dame aus dem Auto geklettert, die mit interessierten Augen den Baron musterte und ihm übers Wagendach hinweg ein bißchen verlegen zunickte. Fabers Verstoß gegen den Buchstaben der Etikette schien ihr keine Magenschmerzen zu bereiten. Der Verstoß fand aber keine Gnade vor dem Baron, einem Kavalier der alten Schule, welcher sagte: »Doktor, Sie sollten nicht die junge Dame mir, sondern mich der jungen Dame vorstellen. Sie lassen mir sonst ein Übermaß an Ehre zukommen, auf das nur uralte Herren Anspruch haben mögen. Oder sehen Sie in mir schon einen solchen Greis? Dann schlage ich aber zurück und verlange Ihren Paß mit Ihrem Geburtsdatum.«
Alle drei lachten. Das Eis war gebrochen. Marianne Kletts republikanische Befangenheit altem, reichem Adel gegenüber wich. Pedro von Aarfeld ging um den Wagen herum und begrüßte auch sie mit Handschlag. Das rasche Urteil, das er sich im Inneren bildete, lautete: Klasse!
Auch alter Adel weiß sich heutzutage aus dem nicht immer vornehmen, aber meistens treffenden Wortschatz des Volkes zu bedienen.
Die Morgensonne warf einen milden Schein auf die kastanienbraunen Haare Mariannes, auf das vom Sommer noch gebräunte Gesicht mit den schmalen Lippen und den hellblauen Augen, auf die ganze schlanke Gestalt mit Beinen, für die sich in Pedros Innerem lautlos wieder nur ein Wort formte: Spitze!
Doch dann erschrak er über sich selbst, erinnerte sich, wer er war, welche Mühen seine ganzen Jugendjahre hindurch Vater und Mutter und unerbittliche Erzieher in zwei exklusiven Internaten auf seinen äußeren und inneren Schliff verwendet hatten.
Er bat Dr. Faber und dessen neue Errungenschaft, Fräulein Klett, ins Haus, ohne sich noch einmal eine geheime Entgleisung zu gestatten.
Marianne betrachtete alles mit aufmerksamen Augen. Der Baron führte sie und Dr. Faber in sein großes, mit dunkler Eiche getäfeltes Herrenzimmer. Tiefe Polstersessel, ein breiter Schreibtisch, mächtige, geschnitzte Schränke aus altersschwarzem Holz und eine Sammlung von kapitalen Hirsch- und Bockgeweihen an der Wand empfingen sie. Den glatten Parkettboden bedeckte ein großer Teppich mit Jagdmustern.
Pedro kümmerte sich nicht um Dr. Faber, der ein alter Freund des Hauses und mit allem vertraut war, sondern nur um Marianne, die er zu einem der Sessel führte, in dessen Tiefe sie fast versank. Faber stand schon am Schreibtisch, öffnete ohne Hemmungen den Deckel einer Zigarrenkiste und beroch genießerisch den Inhalt. Des Barons lange, helle Importen genossen einen weithin reichenden Ruf.
»Darf ich?« fragte Dr. Faber, zugleich in die Kiste greifend.
»Sie sind ja schon dran«, sagte lachend Pedro von Aarfeld.
Faber bediente sich, setzte die erwählte Zigarre in Brand und wedelte sie sich, ehe er sie so richtig zu rauchen begann, mit geschlossenen Augen vor der Nase herum. Dann schwand der träumerische Ausdruck aus seinem Gesicht und machte einem Zug des Bedauerns Platz, wobei er sagte: »Zunächst muß ich Ihnen eine Mitteilung machen, die Ihnen nicht so ganz gefallen wird, lieber Baron. Das ›schlafende Mädchen‹ hat nicht den ersten, sondern nur den dritten Preis erhalten. Die Jury muß sich aus Banausen zusammengesetzt haben.«
»Sagen Sie das nicht, Doktor. Ich finde den dritten Preis sogar noch außerordentlich überraschend.«
»Ich auch – aber nicht, wie Sie, in positiver, sondern in negativer Hinsicht.«
Dr. Faber war also nicht von seiner Ansicht abzubringen.
»Was ist mit meinem Lenbach?« wechselte Aarfeld das Thema.
»Ich verhandle noch mit dem Besitzer. Der Preis, den er für das Bild verlangt, ist mir entschieden zu hoch. Sie werden sehen, ich kann ihn noch drücken. Im übrigen muß ich Ihnen sagen, daß Sie in den Katalogen, die ich Ihnen mitgebracht habe, zwei oder drei Angebote finden werden, die Sie Ihren Lenbach vergessen lassen. Ich kenne Ihr Auge und Ihren Geschmack.«
Marianne Klett, die aus der Unterhaltung der beiden Männer ausgeschlossen war, nützte die Zeit und betrachtete verstohlen den Hausherrn. Sie hätte nicht sagen können, daß er ihr nicht gefiel. Irgendwelche aberwitzigen Gedanken verband sie damit freilich nicht.
Aarfeld erinnerte sich plötzlich der Anwesenheit einer Dame und offerierte ihr einen Aperitif. Marianne lehnte erschrocken ab. Alkohol zu so früher Stunde wäre ihr etwas völlig Ungewohntes gewesen. Daraufhin schlug Aarfeld einen kleinen Imbiß vor, mit dem er Anklang fand. Er begab sich sogar selbst in die Küche, um das Nötige zu veranlassen. Seinem Diener könne er nicht läuten, sagte er, da dieser zwei Tage Urlaub habe, um bei einer Behörde seines Heimatortes etwas zu erledigen.
Als Aarfeld den Raum verlassen hatte, blickte Marianne Klett ihren Chef zweifelnd an. Eine Frage lag in ihren Augen, eine Verwunderung, die ihm nicht entging, so daß er sagte: »Sie haben sich den Baron wohl anders vorgestellt, oder?«
»Zum … zum Teil schon«, antwortete sie zögernd.
»Wie denn?«
»Sie haben ihn mir als alten Hagestolz geschildert. Dabei ist er doch noch ein junger Mann …«
»Vierunddreißig.«
»Vierunddreißig?«
»Ja. Warum interessieren Sie sich so sehr dafür?«
Dr. Faber war ein hinterlistiger Mensch, der es liebte, andere in Verlegenheit zu bringen.
»Ich interessiere mich nicht dafür«, antwortete Marianne Klett, prompt über und über rot werdend. »Ich stelle nur fest, daß Ihre Personalbeschreibung ganz und gar nicht den Tatsachen entsprach.«
»So, finden Sie?« Dr. Faber klopfte mit dem Zeigefinger auf das Tischchen, das zwischen ihren Sesseln stand. »Ich sage Ihnen, der Baron ist ein alter Hagestolz; er ist eine Einsiedlernatur!«
»Danach sieht er aber überhaupt nicht aus.«
Heute nicht, dachte Dr. Faber, das ist richtig. Weiß der Teufel, warum. Ich kannte ihn bisher ganz anders. Ist vielleicht doch etwas dran an den Gerüchten, welche ihn mit dieser adligen Witwe, die in Nöten ist, in Verbindung bringen?
»Und deshalb«, hörte Faber seine Sekretärin sagen, »muß ich auch an der Beschreibung zweifeln, die Sie mir von seinem Bruder gaben.«
»Meinen Sie?«
»Ja.«
Wieder klopfte Fabers Zeigefinger. »Siegurd von Aarfeld ist ein Windhund, ein Schürzenjäger, ist ein Verschwender!«
»Leben die Eltern noch?«
»Nein. Die Mutter starb schon früh, der Vater, der alte Baron Hubertus, vor einigen Jahren. Er wurde auf der Jagd von einem Wilderer angeschossen und nahm trotz seiner Verwundung die Verfolgung des Verbrechers auf, bis er verblutend zusammenbrach.«
»Wie schrecklich! Haben Pedro und Siegurd noch Geschwister?«
»Nein.«
»Mich wundert der Name Pedro.«
»Der ist auch erstaunlich. Wie kommt, so fragten sich schon viele, in ein uraltes deutsches Adelsgeschlecht plötzlich ein spanischer Name? Nun, ich werde es Ihnen sagen, Sie würden es ja auf alle Fälle von irgendeiner Seite hören. Man munkelt, daß der alte Baron seinen erstgeborenen Sohn aus Spanien mitgebracht hat, als er einmal länger als ein Jahr zur Jagd in den Pyrenäen gewesen war. Er war eine Kraftnatur. Seine Frau zu Hause, die schon früh kränkelte, mußte solche Dinge über sich ergehen lassen. Die Geburt Siegurds war ihre letzte große Kraftanstrengung, danach welkte sie nur noch dahin.«
»Entsetzlich!«
»Wie dem auch sei, Pedro wurde Erbe des Majorats und muß sich, das steht im Testament, bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr, also in zwölf Monaten, verheiratet haben. Wenn nicht, fällt das Erbe Siegurd zu. Und das wäre sicher nicht gut. Das Groteske ist nämlich, daß der Halbspanier Pedro ein kerniger, erdverbundener deutscher Landadeliger ist, ein Gutsherr, wie er im Buche steht, während Siegurd in allem das glatte Gegenteil verkörpert. Über Aarfeld würden unter seiner Herrschaft bedrohliche Zeiten heraufziehen, daran zweifelt niemand, der Einsieht in die Dinge hat.«
»Aber es dürfte doch nicht schwer sein«, zwang sich Marianne zu sagen, »eine Frau, die hier gebraucht wird, zu finden.«
»Anscheinend doch, bisher jedenfalls. Wissen Sie, es ist eben so, daß es Pedro an den nötigen Aktivitäten fehlen läßt. Vielleicht wäre es ihm letzten Endes gar nicht so unangenehm, wenn er das Gut vom Hals hätte.«
»Was sagen Sie da? Einen solchen Besitz?«
Wenn anderen Menschen der Alkohol die Zunge löste, so erreichte dies bei Dr. Faber eine gute Zigarre, die ein außerordentliches Maß an Zufriedenheit mit allem in ihm hervorrief und ihn dadurch zum redseligen, mitteilsamen Menschen machte.
»Pedro von Aarfeld«, sagte er, »hat ein Geheimnis, das nur ganz wenige kennen: Er malt; und er malt gut. Seine Bilder, die er mit dem Namen Ralf Torren signiert, finden steigenden Absatz. Ich verkaufe Sie, ich manage ihn überhaupt. Ich sage Ihnen das, weil Sie meine neue Sekretärin sind und Sie es früher oder später ohnehin erfahren müßten. Sie haben aber darüber zu schweigen, verstanden? Der Baron wünscht das. Sie hörten vorhin, daß von einem ›schlafenden Mädchen‹ gesprochen wurde. Es handelt sich da um ein Gemälde Pedros, das ich zur Kunstausstellung schickte. Es wurde prämiiert – meiner Ansicht nach zu gering; wie der Baron selbst darüber denkt, vernahmen Sie. Alles schön und gut, aber mir macht seine Leidenschaft zum Pinsel, aus der ich geschäftlichen Profit ziehe, auch Sorgen. Die Kunst ersetzt ihm nämlich alles. Am Tage schuftet er auf dem Gut, wirtschaftet heraus, was nur herauszuholen ist – aber am Abend, in letzter Zeit manchmal auch schon nachmittags, ist er plötzlich auf Stunden verschwunden und verkriecht sich in sein unbekanntes, geheimnisvolles Atelier, von dem niemand weiß, wo er es hat, und malt … malt. Dabei vergißt er, daß sein entscheidender Geburtstag heranrückt, daß sein Bruder Siegurd auf diesen Moment nur wartet, vergißt er die ganze Welt, die Frauen, das Gut, alles … und malt. Ich weiß nicht, wie man ihn davon abbringen, zumindest bremsen könnte. Mich lockt ja auch der Profit, den ich erwähnte. Ich gebe das zu. Es ist also so, daß ich gewissermaßen zwischen zwei Feuern stehe, verstehen Sie mich?«
Marianne Klett hatte gebannt dem langen Redefluß ihres Chefs gelauscht, ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Nun meinte sie: »Bremsen Sie ihn, indem Sie ihm nicht mehr jedes Bild abnehmen. Sagen Sie ihm, daß er schlechter würde, daß er Pausen haben müßte. Vielleicht verliert er dann den Mut, resigniert er von selbst.«
Dr. Faber mußte schallend lachen.
»Den Mut verlieren, resignieren – Fräulein Klett, das sind Fremdworte für einen Aarfeld. Denken Sie an den alten Baron Hubertus. Angeschossen noch dem Wilderer nach bis zum Verbluten – das ist Aarfeld-Art! Selbst dem Windhund Siegurd würde ich in einer solchen Situation noch manches zutrauen. Wir dürfen …«
Dr. Faber brach ab und blickte zur Tür, da sich dieser von draußen Schritte näherten. Er legte den Finger auf den Mund.
Der Hausherr kam zurück und entschuldigte sich, daß es so lange gedauert habe. Ein Telefongespräch habe er auch noch führen müssen, erklärte er. In seinem Gefolge wurden zwei Küchenmädchen sichtbar, die beladen waren mit dem angekündigten Imbiß. Daß dieser nicht in wenigen Minuten zu bewältigen war, konnte jeder mit einem Blick erkennen. Die Tabletts in den Händen der Mädchen bogen sich.
»Sagten Sie nicht«, wunderte sich Dr. Faber, »daß Sie in einer Viertelstunde weg müßten, Baron?«
»Warum, glauben Sie, mußte ich telefonieren, Doktor?« fragte Pedro, und er setzte selbst hinzu: »Weil ich abgesagt habe.«
Dabei blickte er aber nicht Faber an, sondern Marianne Klett.
Siegurd von Aarfeld hatte Besuch. Auf der breiten Armlehne des Fauteuils, in dem er saß, hockte mit der einen Hälfte ihres absolut leckeren Hinterteils eine zierliche, flinke und außergewöhnlich hübsche Blondine und wippte ausdauernd mit einem Bein, so daß davon der Rock höher und höher rutschte. Ihre mandelförmigen Augen unter den weit geschwungenen Brauen glänzten, als sie jetzt dem jungen Baron mit zärtlichen Fingern über die Locken strich.
»Glaubst du denn«, sagte sie leise, »daß Pedro wirklich so dumm ist, nicht rechtzeitig zu heiraten? Lieber nimmt er doch die erstbeste, nur um das Gut nicht an dich zu verlieren.«
Siegurd schien unwillig zu sein. Er griff nach ihrer Hand, nahm sie sich vom Kopf, blickte ihr eine Weile in die Augen, schüttelte schließlich den Kopf und stieß hervor: »Ich verstehe dich nicht, Mathilde.«
»Was verstehst du nicht?«
»Ich dachte, du bist schon dran, dir mein Bruderherz zu angeln.«
»Ich?«
»Das habe ich sogar ihm selbst auch schon gesagt. Anscheinend doch ein Irrtum von mir.«
Mathilde von Bahrenhof war wirklich überrascht, auch ein bißchen empört über Siegurds Äußerung.
»Aber wir beide haben doch ein Verhältnis miteinander!« rief sie mit unterdrückter Stimme.
»Na und? Daran soll sich ja auch nichts ändern.«
»Wenn sich daran nichts ändern soll, kannst du mich auch nicht auf deinen Bruder hetzen.«
»Warum nicht?« Der Zyniker Siegurd ließ die Maske fallen. »Reizt dich das Gut nicht?«
»Doch, das würde mich schon reizen, aber …«
»Über mich kriegst du's nicht, nur über ihn!«
»Aber dann müßte ich ihn ja heiraten.«
»Davon rede ich doch schon die ganze Zeit.«
Das ging ihr durch und durch. Wie gelähmt hörte sie auf, mit dem Bein zu wippen.
»Und wir beide?« fragte sie ihn aufgeregt. »Was soll mit uns werden?«
»Wie oft soll ich dir das noch sagen?« antwortete er. »Zwischen uns beiden bleibt alles beim alten.« Und grinsend setzte er hinzu: »Was glaubst du, wie viele Schwägerinnen mit ihren Schwägern schlafen?«
Der edle Herr Siegurd von Aarfeld gedachte natürlich, auf diese Weise nicht nur auf unabsehbare Zeit am Bett der edlen Freiin von Bahrenhof zu partizipieren, sondern auch am Gut Aarfeld. Mathilde sollte sehen, dieses in die Hand zu kriegen, und sollte dann davon abzweigen, was immer abzuzweigen war. Für ihren Geliebten, den Herrn Siegurd von Aarfeld.
Noch schien die Dame zu schwanken, aber sie hatte schon Blut gerochen. Es bedurfte nur noch einiger kleiner Anstöße.
»Du kennst deine Situation«, sagte Siegurd.
Sie nickte.
»Dir droht die Versteigerung.«
Abermaliges, angewidertes Nicken.
»Welcher Rettungsgürtel bietet sich dir, außer dieser Heirat?«
Darüber mußte Mathilde keine Sekunde mehr nachdenken, das wußte sie. Die Tür keiner einzigen Bank stand ihr mehr offen. Sie war also reif. Sie erschrak deshalb nun sogar, als ihr plötzlich eine neue Gefahr bewußt wurde, die noch einmal alles zunichte machen konnte, und stieß hervor: »Aber wenn er mich nicht haben will …?«
Siegurd richtete sich etwas in seinem Sessel auf, legte den Arm um Mathildes Hinterteil, strich kennerisch darüber und ließ Erinnerungen in sich aufleben.
»Das«, sagte er nach einem Weilchen, »hängt nur von dir ab. Du mußt lediglich zusehen, ihn zum ersten Mal ins Bett zu kriegen, dann gehört er dir mit Haut und Haaren.«
Mir kommt's ja darauf an, dachte er bei sich, mit allen Mitteln zu verhindern, daß dieser spanische Bastard irgendeine andere heiratet. Sollte er gar keine heiraten, um so besser. Dann würde das Testament in Funktion treten.
Die Erinnerungen, die in Siegurd wach geworden waren, wollten aufgefrischt werden.
»Komm, mein Schatz«, sagte er zu Mathilde, nahm sie an der Hand und führte sie in sein Schlafzimmer, in das sie ihm nur allzu willig folgte.
Wenige Tage später fand eine ›zufällige‹ Begegnung statt. Dr. Faber hatte sich mit seiner Sekretärin wieder bei Pedro von Aarfeld zu einer Besprechung eingefunden und wurde, als diese zu Ende war, vom Baron hinausgeleitet. Als die drei die Freitreppe des Herrenhauses hinuntergingen, spielte der erwähnte ›Zufall‹: Aus dem Schatten der Eichen traten zwei Gestalten und kamen dem Trio entgegen.
Pedro übernahm die Aufgabe der gegenseitigen Vorstellung, die nötig wurde. Auf diese Weise lernte Marianne Klett die Freiin Mathilde von Bahrenhof und ihren Freund, Siegurd von Aarfeld, kennen. Um diese beiden handelte es sich nämlich.
Die üblichen Floskeln wurden gewechselt, dann zögerte Siegurd nicht mehr, in seiner forschen Art und Unbekümmertheit des Lebemannes sein Ziel anzusteuern.
»Die Herrschaften sind wohl gerade dabei, nach Boltenberge zurückzufahren?«
»Ja«, nickte Dr. Faber.
»Nehmen Sie mich mit? Ich müßte zu meinem Goldschmied.«
»Natürlich.«
»Danke, dann hole ich nur noch rasch meinen Mantel.«
Siegurd sprang in sportlichen Sätzen die Stufen empor und verschwand im Haus.
Mathilde von Bahrenhof lächelte.
»Wie elastisch die Männer werden, wenn wir Frauen ihnen zusehen«, sagte sie leise zu Marianne Klett, und der Spott glänzte in ihren Augen. »Der eine springt wie ein Heuhüpfer, der andere zeigt mir, wie man im Morgengrauen einen Rehbock schießt.«
Ihr Blick wanderte dabei zu Pedro von Aarfeld, der mit Dr. Faber ein paar Schritte vorausgegangen war und schon bei dessen Wagen stand.
»Dabei muß man wohl nicht besonders elastisch sein«, sagte Marianne.
»Wobei?«
»Beim Rehbockschießen. Höchstens der Finger am Abzug.«
Das war deutlich und wurde von Mathilde auch richtig verstanden.
»Vergessen Sie nicht das Anschleichen. Aber Sie lieben die Jagd wohl nicht?« sagte sie.
»Soviel ich weiß, werden Rehe vom Hochsitz aus, dem sie sich arglos nähern, geschossen.«
»Nicht alle.«
»Aber die meisten.«
Mathilde von Bahrendorf verstummte. Wie komme ich dazu, dachte sie, mit dieser Person hier, diesem kleinen Mädchen herumzudebattieren? Dessen ist doch die gar nicht würdig.
Was habe ich denn? fragte sich im stillen Marianne Klett. Wieso rege ich mich über Dinge auf, die mich bisher überhaupt nicht interessiert haben? Jede Art von Jagd war und ist mir doch egal. Und dann entdeckte sie in sich den Grund ihres Unmuts: diese hochnäsige Person da, der auch noch das Morgengrauen dazu verhalf, ihre Hand nach einem netten Mann auszustrecken.
»Pedro«, sagte die Freiin von Bahrenhof beim Auto zum Baron, »wollten Sie nicht Herrn Dr. Faber bald einmal zur Jagd einladen?«
»Ja, woher wissen Sie das?«
»Von Siegurd.«
»Und warum interessieren Sie sich dafür?«
»Weil ich Ihnen einen Tip geben möchte: Kommen Sie nur ja nicht auf die Idee, die Einladung auch auf Fräulein Klett auszudehnen.«
Pedro war verblüfft. »Wieso nicht?«
Die Idee war ihm fremd gewesen, aber nun erschien sie ihm plötzlich gar nicht so schlecht.
»Weil Sie es sich bei ihr völlig verscherzen würden«, sagte die Freiin spöttisch. »Fräulein Klett haßt das Totschießen unschuldiger Tiere – wie so viele, die keine Ahnung davon haben.«
Der Baron wandte sich an Marianne: »Stimmt das?«
Sie nahm Zuflucht zu einer Redensart: »Ich kenne wohl die Materie zu wenig.«
»Das läßt sich ändern«, erklärte kurzentschlossen Pedro von Aarfeld, »indem ich die Einladung in der Tat auch auf Sie ausdehne. Frau von Bahrenhof hat mich da auf eine ausgezeichnete Möglichkeit aufmerksam gemacht.«
»Ich danke Ihnen dafür, Mathilde«, sagte er zu dieser selbst, ohne dabei auf eine kleine, ironische Verbeugung zu vergessen.
Der Freiin Nasenflügel zitterten leicht.
Marianne Klett hingegen reagierte mit einem netten, an Pedro adressierten Augenaufschlag, der ihr ganz gut gelungen zu sein schien, denn Mathilde preßte nun auch noch die Lippen aufeinander. Marianne, der das nicht entging, stieg mit einem lieblichen Lächeln in den Wagen. In jeder Frau wohnt ein kleiner Teufel, hat einmal ein Philosoph gesagt. Der Mann kannte das zarte Geschlecht.
»Ich darf also mit Ihnen rechnen?« sagte Pedro zu Marianne. Er hatte ihr die Autotür geöffnet und hielt diese noch in der Hand, um ins Wageninnere hineinsprechen zu können.
Marianne nickte lächelnd. »Ich freue mich«, erwiderte sie. »Ich liebe die Natur«, setzte sie hinzu. »Das Erwachen eines Waldes soll das Schönste sein, was es überhaupt gibt. Ich kenne es bisher noch nicht.«
»Schicksal aller Langschläferinnen«, warf trocken Dr. Faber ein, der mit solcher Lyrik wenig anzufangen wußte.
Siegurd kam die Treppe herabgelaufen, küßte Mathilde elegant die Hand und kletterte wie selbstverständlich zu Marianne hinten in den Wagen. Auch dies empfand Mathilde als kleinen Nackenschlag; es machte dem soeben erfolgten Handkuß einige Abstriche.
Dr. Faber fuhr an, Pedro winkte, Mathilde nicht. Nachdem der Wagen verschwunden war, wandte sich Pedro um und blickte in die lockenden Augen seiner schönen Gutsnachbarin. Attraktiv und begehrenswert war sie ja, das konnte sich so schnell nicht ändern. Sie hatte sich nun, da das Terrain von Konkurrenz geräumt war, wieder völlig in der Hand und war willens, sämtliche Minen springen zu lassen.
»Pedro«, sagte sie, »was machen wir jetzt?«
»Ich muß nach Niederstadt.«
Der Fluchtversuch mißlang.
»Ich auch«, sagte sie prompt. »Wir können den Weg zusammen machen. Oder haben Sie etwas dagegen?«
Das war natürlich nicht gut möglich. Er schüttelte den Kopf, zum Zeichen dafür, daß er nichts dagegen hätte.
Er wollte hinüber zu den Stallungen, um seinen Jagdwagen, mit dem er immer in die nahe Kleinstadt zu fahren pflegte, einspannen zu lassen. Aber Mathilde von Bahrenhof hielt ihn an der Jacke fest.
»Kommen Sie doch mit zu mir hinüber«, meinte sie leichthin. »Ich möchte mich noch umziehen, und wir können ja auch meinen Wagen nehmen. Das kurze Stück zu mir, der kleine Spaziergang durch den Herbstwald ist meine schönste Erholung.«
Erholung, dachte Pedro und mußte im Inneren lächeln. Wovon mußt du dich schon erholen? Von der Anstrengung des Nichtstuns, von den Strapazen deiner Gesellschaften oder vom Kummer der bevorstehenden Pleite deines Gutshofes?
Es war ja kein Geheimnis mehr, daß der Besitz über und über verschuldet war, daß nicht ein Dachziegel mehr der Baronin gehörte, daß es ihr nur die Geduld der Gläubiger und zwei unkündbare Hypotheken noch erlaubten, das Gut ihr Heim zu nennen. Wie lange noch?
Die beiden gingen hinaus aus dem Tor. Nach einem kurzen Stück begann schon der Wald, der zum größten Teil aus hellen, schlanken Birken bestand.
Es war still. Nur die Füße der beiden raschelten in dem trockenen Laub, das den Boden bedeckte. Einige aufgescheuchte Krähen, die sich nach ihrem Frühstück von den Feldern in die Baumkronen geflüchtet hatten, um der Verdauung zu obliegen, flatterten mit klatschenden Flügelschlägen auf und zogen weite Kreise am Himmel.
Mathilde blickte von der Seite öfters zu ihrem Begleiter hinüber und gestand sich ein, daß er ein gutaussehender und vor allem kraftvoller Mann war. Letzteres fand besonderen Anklang bei ihr, hatte sie doch immer auch die Ansprüche vor Augen, die sie im Bett an einen Partner zu stellen pflegte.
Siegurd, dachte sie, soll sich nicht unbedingt die Hoffnung machen, daß er ein für allemal die Nr. 1 für mich bleibt.
Beruhigend erschien ihr, was Siegurd von Pedro erzählte: daß dieser oft nächtelang vom Haus fort sei, daß niemand wüßte, wo er sich rumtreiben würde, daß er einen Hang zu romantischen Träumereien und Künstlerlaunen zeige.
Ich werde das alles in den Griff bekommen, dachte sie.
Pedro schritt schweigend dahin.
»Wollen Sie wirklich die kleine Sekretärin zur Jagd einladen?« fragte sie ihn, um die lastende Stille zu unterbrechen. Sie konnte von ihrem dummen Hochmut nicht lassen.
Pedro fuhr beim Klang ihrer Stimme zusammen. Zornig fühlte sie, daß er sie schon eine ganze Weile vergessen hatte und erst jetzt, als sie sprach, wieder an ihre Anwesenheit erinnert wurde. An was – oder wen – dachte er?
Die Antwort, die er ihr gab, war kühl. »Warum soll ich sie nicht einladen?«
»Sie weiß sich doch nicht richtig zu verhalten. Sie würde Ihnen das ganze Wild vergrämen.«
»Hauptsache, es macht ihr Spaß.«
Mathilde von Bahrenhof glaubte nicht recht zu hören. Hauptsache, es macht ihr Spaß? Ein Jäger sagte dies? Ihm das Wild zu vertreiben?
Wenn ein Jäger dies sagte, war höchste Gefahr im Verzuge, wobei es durchaus sein konnte, daß ihm selbst das noch gar nicht so recht bewußt war. Jedenfalls erkannte Mathilde von Bahrenhof, daß sie keine Stunde mehr versäumen durfte.
Der Gedanke daran, was sich da offensichtlich schon angebahnt hatte, raubte ihr schier den Atem.
Sie hatten den Birkenwald durchschritten und kamen nun an einem Fischteich vorbei, an dessen gegenüberliegendem Ufer sich das Herrenhaus vom Gut Bahrenhof erstreckte. Trauerweiden ließen ihre langen Zweige in das stille Wasser hängen, und eine Gruppe von Schwänen zog über den Teich.
So sehr sich Mathilde von Bahrenhof auch darum bemühte, Pedro dazu zu bewegen, mit in das Haus zu kommen, es glückte ihr nicht. Er bat, am Teich auf sie warten zu dürfen, da er den Schwänen zusehen wolle. Er gehörte von jeher zu den Bewunderern der unnachahmlichen Majestät und Würde, mit der diese Vögel durch das Wasser ziehen.
Der Romantiker, dachte Mathilde und eilte, um sich nicht zu versäumen, mit schnellen Schritten ins Haus. Pedro, ein Mann, ließ Schwäne Schwäne sein und blickte ihr nach, würdigte in Gedanken durchaus ihre schlanke, biegsame Gestalt, die langen, blonden Locken, den wippenden, koketten Gang, den gekonnten, wirkungsvollen Schwung ihrer Hüften – letzteren besonders.
Pedros Nachbarin war eine schöne Frau, da biß die Maus keinen Faden ab. Wörtlich ging ihm dieser Gedanke, dem es an Adel wieder einmal gebrach, durch den Kopf.
Es dauerte nicht lange, und Mathilde kam zurück. Sie trug ein hellgraues Kammgarnkostüm mit einem engen Rock, der wieder ihre Hüften ganz besonders zur Geltung brachte. Daß es den Beinen nicht an Fähigkeit, Begeisterung zu erregen, fehlte, war Pedro auch nichts Neues. Um den Nacken lag ein breiter Silberfuchs. Auf dem Kopf saß ein modisches Hütchen, dessen Krempe rundherum mit einem französischen Schleier drapiert war.
Zugleich mit Mathilde erschien ein schwerer Tourenwagen, der die nahe Garage verlassen hatte. Der Mann, der ihn fuhr, hielt ihn vor Pedro an, stieg aus, zog grüßend die Mütze und übergab mit einer demonstrativen Geste Pedro das Steuer. Dazu hatte er von seiner Herrin Anweisung erhalten. Er war zwar der Chauffeur, aber er wurde nicht mehr gebraucht.
»Sie wagen es wirklich, sich mir anzuvertrauen?« sagte der Baron zu Mathilde. »Wissen Sie, was für ein Fahrer ich bin?«
Sie kletterte lachend auf den Sitz neben dem Steuer und erwiderte zweideutig: »Wenn es einen Mann gibt, der eine Frau nicht in Gefahr bringt, dann sind Sie es.«
Eine glatte Herausforderung.
Eine Herausforderung aber, deren Wirkung verpuffte. Pedro schwieg. Er blickte geradeaus auf die Straße vor sich, die sich wie ein elastisches Band durch Wälder und Felder wand und seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien. Die Chaussee nach Niederstadt bestand aus zwei Teilen, einem guten und einem schlechteren. Pedro stellte mit der rechten Hand das Radio an und kam dabei ungewollt mit Mathildes Knie in Berührung.
»Verzeihung.«
»Keine Ursache.« Dies sagte Mathilde nicht nur so hin, sondern damit meinte sie wirklich und wahrhaftig, was sie sagte.
Pedro war aber eine harte Nuß. Mehr und mehr schälte sich heraus, daß das Schicksal Mathilde zu Hilfe kommen mußte, und es schickte sich dazu auch schon an.
Die Natur zeigte sich von ihrer besten Seite, das Wetter auch. Mathilde blickte aus dem Seitenfenster und sagte, Pedros Hang zur Romantik im Sinn, überschwenglich: »Wie herrlich die Sonne auf die Fluren scheint! Es muß ein wunderbares Gefühl sein, das alles sein eigen nennen zu können.«
»Man hat auch viel Arbeit«, schränkte Pedro ein, »das Ganze muß nicht nur erhalten, es soll auch noch vergrößert werden. Stillstand heißt Rückschritt, lautet ein ehernes Gesetz unseres Wirtschaftssystems.«
Es konnte gar nicht anders sein, als daß Mathilde sich betroffen fühlte und sagte: »Das geht eben über die Kräfte einer schwachen Frau.«
»Man muß sich auch als Mann anstrengen.«
»Sie schaffen das in bewunderungswürdiger Weise.«
»Es gibt auch geradezu unverständliche Verpflichtungen, die damit verbunden sind. Ich …«
Er brach brüsk ab. Er ärgerte sich über sich selbst, da er ums Haar ein Thema angeschnitten hätte, das andere nichts anging.
Das Majorat, dachte zutreffenderweise Mathilde, er meint das Majorat. Und sie nutzte die Gelegenheit, zum Kern vorzustoßen, indem sie sagte: »Ist es denn gar so schwer, eine passende Frau zu finden?«
Keine Antwort.
»Das ist es doch, was Sie bedrückt, Pedro?«
Er schwieg verbissen.
»Oder wollen Sie darüber nicht reden?«
»Nein.«
Der schlechtere Teil der Straße begann. Schlaglöcher und Bodenwellen rüttelten den Wagen durch. Pedro fuhr langsam, und das sollte sich als Segen erweisen. Mathilde legte sich in ihrem Sitz zurück und schlug die schlanken Beine übereinander, das rechte über das linke, und nicht umgekehrt. Das Resultat war geradezu zwangsläufig: Ihr rechter Fuß, der frei in der Luft hing, paßte sich den Schlaglöchern an, wippte in deren Rhythmus und stellte dabei jedesmal den Kontakt mit dem rechten Bein Pedros her.
Wieder aber blieben die Früchte aus, die Mathilde damit wenigstens im Ansatz zu ernten hoffte. Pedro reagierte nicht. Sein Bein blieb ausschließlich damit beschäftigt, Gas zu geben, wegzunehmen, zu geben, wegzunehmen, zu geben …
Ein sturer Bock, dachte Mathilde. Und vom Bock war der gedankliche Sprung nicht weit zum Stier, den bei den Hörnern zu packen sie sich entschloß.
»Diese Klett«, sagte sie, »hat ein Auge auf Sie geworfen, Pedro.«
»Was?«
»Die Klett, Fabers neue Sekretärin, hat ein Auge auf Sie geworfen.«
»Wer sagt Ihnen das?«
»Niemand, aber einer Frau entgeht das nicht.«
»Unsinn!«
»Doch, doch! Sie ließ das ja auch deutlich genug erkennen, ohne jede Zurückhaltung. Und wissen Sie, woher das kommt?«
Pedro wandte seinen Blick von der Straße ab und sah Mathilde an, schweigend. Eine Kurve rückte näher.
»Von diesen blödsinnigen Illustriertenberichten, in denen Männer aus unseren Kreisen, Adelige, nicht standesgemäß heiraten, in denen sie Stewardessen oder kleine Dolmetscherinnen und – bitte – Sekretärinnen heimführen. Das verdirbt die Sitten, Pedro, glauben Sie mir. Jede denkt, es der Silvia nachmachen zu können.«
Die Kurve war erreicht. Urplötzlich tauchte ein Bauernwagen, der ihnen entgegenkam, auf. Pedro sah die Pferde und das erschrockene Gesicht des an den Zügeln zerrenden Bauern ganz nah vor sich, er hörte einen hellen Schrei neben sich – und da hatte er schon die Bremse getreten sowie das Steuer nach rechts gerissen. Der schwere Kraftwagen schleuderte zur Seite, schlitterte über die Schlaglöcher der in der Kurve besonders schadhaften Straßendecke und kam unmittelbar vor dem Chausseegraben zum Stehen.
Rasch erholte sich Pedro vom ersten Schreck, doch dann empfand er den zweiten: Mathilde lag an seiner Brust, mit geschlossenen Augen.
War sie ohnmächtig? Verletzungen konnte man keine an ihr entdecken.
Der Bauer fluchte, verstummte aber, als er den Lenker des Autos erkannte. Nachdem es ihm gelungen war, die Pferde zu beruhigen, fuhr er weiter.
Vorsichtig suchte sich Pedro von Mathilde zu lösen. In diesem Augenblick wurde die Frage ›Ohnmächtig oder nicht?‹ beantwortet. ›Nicht‹ lautete die Erwiderung. Pedro fühlte sich ergriffen, zwei blutrot geschminkte Lippen strebten den seinen entgegen, ein heißer Atem traf sein Gesicht, ein ganzer schlanker Körper preßte sich bebend an ihn, und dann küßten ihn die blutroten Lippen mit einer Wildheit, die ihn wehrlos machte.
»Verzeih mir, Pedro«, stammelte Mathilde von Bahrenhof, »ich kann nicht anders. Ich hatte dich abgelenkt, ich wäre schuld an allem gewesen, was hätte passieren können. Das Entsetzen sitzt mir noch in den Gliedern. Den Tod vor Augen, erkannte ich, wie's um mich steht – und um dich. Wir lieben uns. Meine Küsse mischen sich mit den deinen …«
Mit den meinen? dachte Pedro verwirrt, und Widerspruch regte sich in ihm.
Rasch legte sie ihm ihre schmale, nach Kölnisch Wasser duftende Hand auf den Mund. »Sei still, ich spüre noch deinen Kuß.«
Ein Auto hupte hinter ihnen. Ihr Wagen stand schräg auf der Straße und bildete dadurch ein Hindernis, das zu beseitigen Pedro sich angelegen lassen sein mußte. Er ließ den abgewürgten Motor wieder anspringen, legte den Gang ein und gab Gas. Bis Niederstadt sprach er kein Wort mehr, auch Mathilde schwieg. Das Teilstück, das sie weitergekommen war, bereitete ihr verhaltene Triumphgefühle.
Die Straße wurde wieder besser. Bäume und Felder flogen an ihnen vorbei, die helle Herbstsonne spiegelte sich in Teichen und Tümpeln im Gelände. Am Ziel bat Mathilde, bei ihrer Schneiderin abgesetzt und dort später wieder abgeholt zu werden.
»Wann?« fragte Pedro knapp.
»Wenn du fertig bist.«
»Wann sind Sie's?«
»Ich richte mich nach dir.«
»Ich mich nach Ihnen.«
»Also gut, in zwei Stunden«, beendete sie den unterschiedlichen Dialog, der sie dazu ermahnte, ihre Triumphgefühle noch nicht allzu stark ins Kraut schießen zu lassen.
Dr. Faber hatte in Boltenberge seinen Wagen schon verlassen und war in sein Geschäft getreten, als Siegurd von Aarfeld noch immer bei Marianne Klett stand und auf sie einredete: »Sie dürfen einfach nicht nein sagen, gnädiges Fräulein. Was soll ich ohne Sie in der Ohio-Bar? Machen Sie mir doch das Vergnügen.«
»Nachts schlafe ich«, entgegnete Marianne ein wenig unsicher. »Ich muß früh frisch sein im Dienst. Dr. Faber darf das von mir erwarten. Übrigens«, sagte sie und setzte sich ein wenig ab von Siegurd, »muß ich jetzt zu ihm, er will mir sicher gleich ein paar Briefe diktieren.«
Siegurd ergriff ihren Arm und hielt sie fest. »Ich lasse Sie nicht gehen, bis Sie meine Einladung angenommen haben. Sie wissen, daß Sie entzückend sind. Sicher haben Ihnen das schon viele Männer vor mir gesagt, ich kann es nur wiederholen. Diese Fahrt nach Boltenberge war ein süßes Erlebnis für mich. Nennen Sie mich nicht kindisch. Ich muß Sie heute abend wiedersehen.«
Es gibt auch unter Schürzenjägern noch Rangstufen. Siegurd von Aarfeld war einer mit Format.
Als er sah, daß Marianne Klett den Kopf schüttelte und sich freimachen wollte, setzte er beschwörenden Tones hinzu: »Soll ich hier auf offener Straße, vor allen Leuten, vor Ihnen auf die Knie fallen? Ich tue es, wenn Sie mich dazu zwingen.«
»Sind Sie verrückt?«
»Natürlich bin ich das! Verrückt nach Ihnen!«
Welcher Frau hätte das nicht gefallen, vor allem auch deshalb, weil als Substanz hinter diesen Worten ein leibhaftiger Baron steckte?
Marianne fing an, weich zu werden. Siegurd, der das natürlich sofort merkte, bot seinen ganzen Charme, den er in ein schmelzendes, strahlendes Lächeln hineinlegen konnte, auf und sagte: »Ich sehe, Sie kommen zur Vernunft, Sie willigen also ein?«
»Vielleicht …«
»Sagt eine schöne Frau ›vielleicht‹, dann hast du bei ihr viel erreicht«, trällerte Siegurd vergnügt. »Ihr ›vielleicht‹ lasse ich deshalb gelten und werde Punkt acht Uhr abends vor Ihrer Tür stehen. Ihre Adresse, bitte?«
»Mozartstraße 4 – aber wenn ich komme, nur auf ein Glas Wein, ein Stündchen.«
»Einverstanden, nur auf ein Glas Wein, ein Stündchen.« Siegurd beugte sich über Mariannes Hand und küßte sie zart. »Eine Stunde Glück. Wie sagt doch Schiller? ›Einen Tag gelebt im Paradiese ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlte.‹ Ich kann das nur unterstreichen.«
Marianne wandte sich lachend ab und lief in den Laden, auf dessen breiter Glastür in Goldbuchstaben ›Kunsthandlung Faber‹ stand. Siegurd blickte ihr durch die Scheibe nach, bis sie im Hintergrund des Raumes in einem Büro verschwand. In seinen Augen lag ein flimmernder Glanz, seine Lippen unter dem schmalen, schwarzen Bärtchen lächelten genießerisch. Er rieb sich sogar die Hände. Alles an ihm erinnerte an einen Menschen, der sich einer Beute sicher zu sein schien.
In der Ohio-Bar, einem der bevorzugten Reviere dieses Jägers, gab es schummrige Nischen und Ecken, in denen auch ein gewaltsamer Kuß nicht für Aufregung sorgte. Frauen, die sich widersetzten, erhofften sich vom Personal des Etablissements vergeblich Beistand.
Siegurd ging die Hauptstraße hinunter. Vor einem Blumenladen blieb er stehen, betrachtete die Auslagen und trat dann ein. Nach einer sorgfältigen, fachmännischen Auswahl bezahlte er einen wunderschönen Strauß kostbarer Blüten, den er durch Boten an ›Fräulein Marianne Klett, Kunsthandlung Faber‹, begleitet von einer Karte, schicken ließ. Auf die Karte hatte er geschrieben: ›Ein Traum von Blumen meinem Traum vom Leben …‹
Dann schlenderte er vergnügt und spannkräftig durch Boltenberge, drückte am Stadtrand die Vorgartentür einer kleinen Villa auf und schellte. Eine junge, hübsche Witwe öffnete ihm, stieß einen kleinen Freudenschrei aus, zog ihn ins Haus, sprang ihm drinnen in die auffangbereiten Arme und ließ sich dorthin tragen, wohin sich junge Witwen, nachdem sie den ersten Schmerz, den der von ihnen erlittene Verlust in ihnen hervorrief, überwunden haben, am liebsten tragen lassen.