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Es war einer Woche später. Pedro von Aarfeld stand vor dem Tor des Gutes und erwartete den Wagen Dr. Fabers, der heute zur Jagd kommen sollte. Er hatte ein grünes Hemd und einen grünen Lodenanzug an, steckte in derben Stiefeln und sah, wenn man ihn nicht kannte, aus wie ein Forstbeamter.

Normalerweise stellte sich der Baron nicht vors Tor, um einen Gast zu erwarten und auf das Glück zu vertrauen, daß der Betreffende auch pünktlich erschien. Heute tat er es.

Und er hatte es auch nicht zu bereuen, denn genau zum festgesetzten Zeitpunkt tauchte die Limousine des Kunsthändlers auf und rollte vor dem Tor aus. Doch dann entdeckte Pedro überrascht am Steuer des Wagens nicht seinen Freund Faber, sondern dessen Chauffeur. Die noch größere Enttäuschung freilich, die ihm hätte drohen können, blieb ihm erspart. Im Fond des Autos saß Marianne Klett, ein wenig aufgeregt, ein wenig befangen, und blickte durch die Scheiben.

Galant half er ihr aus dem Wagen und drückte ihr nach Jägerart derb die Hand.

»Sie kommen allein?«

»Ja.« Ihre Stimme war etwas belegt vor Aufregung. »Herr Dr. Faber läßt sich entschuldigen, er mußte zu einem dringenden Termin plötzlich nach München.«

»Warum rief er mich nicht an?«

»Weil es, sagte er, immerhin möglich ist, daß er mit dem Flugzeug zurückkommt und sich hier noch rechtzeitig einfindet.«

»Das hat er schon oft gesagt, ich glaube es nicht. Mein Verdacht ist der, daß er sich vor der von ihm gefürchteten sogenannten Mückenplage im Wald schützen will.«

Beide lachten, und Marianne sagte: »Inzwischen hat er jedenfalls mich als vorläufigen, alleinigen Ersatz geschickt …«

»Und dieser Ersatz«, verneigte sich der Baron galant, »ist viel besser als das Original.«

Der Chauffeur wurde mit dem Wagen zurück nach Boltenberge in Marsch gesetzt.

»Und wie werde ich nach Hause kommen?« fragte Marianne den Baron, der den Chauffeur mit einem reichlichen Trinkgeld bedachte.

»Ihren Transport übernehme morgen ich selbst.«

Sie gingen ins Haus, in welchem ihnen dann gleich Kaffee und Kuchen serviert wurde.

»Sind Sie gerüstet, sehr früh aus den Federn zu steigen?« fragte er. »Wann darf ich Sie wecken lassen?«

»Jederzeit. Ich möchte nichts versäumen im Morgenwald. Herr Dr. Faber hat mich verleumdet, als er mich als Langschläferin bezeichnete.«

Pedro trank einen Schluck Kaffee und blickte Marianne über den Rand seiner Tasse hinweg wohlgefällig an. Plötzlich trat ein leiser Schatten in seine Augen, er setzte die Tasse ab.

»Ach ja«, sagte er, »ich soll meinen Bruder Siegurd bei Ihnen entschuldigen. Er hatte eine wichtige Angelegenheit in der Stadt zu erledigen.« Und mit einem gewissen Lächeln setzte er hinzu: »Er hat oft wichtige Angelegenheiten in der Stadt zu erledigen.«

Marianne Klett spürte, daß sie ein Zucken ihrer Augenlider nicht unterdrücken konnte.

»Wissen Sie«, überspielte Pedro die Situation – ob gewollt oder ungewollt, blieb unklar, »ich finde es herrlich, daß Dr. Faber nach München mußte. Hoffentlich erwischt er heute kein Flugzeug mehr. Ich habe kein Bedürfnis, mich von ihm noch mit seinen Katalogen traktieren zu lassen. Viel lieber würde ich mit Ihnen heute nachmittag schon einen Spaziergang durch den Wald machen, einen Orientierungsbummel sozusagen. Hätten Sie Lust?«

Sie sprang auf. »Aber ja!«

Im Moment floh sie gerne diese Räume hier, um den Geist Siegurds zu bannen.

An jenem Abend, an dem sie mit ihm in der Ohio-Bar geweilt hatte, war sie mit der Welt in Berührung gekommen, die man die ›große‹ nennt und die sie nur aus Büchern und Filmen kannte. Ein glitzernder Raum mit einer Spiegeltanzfläche; mit schmiedeeisernen Geländern und Leuchtern; einer endlos langen Theke; Herren im Frack; Damen in Abendkleidern, Träumen aus Tüll, Spitzen, Lamé, Taft und Seide. Herren, die nicht mit 100 oder 200 Mark rechneten; Damen, die noch viel weniger erwarteten, daß ihre Begleiter damit rechneten; ein Orchester, das so wundervolle Weisen spielte, heiße und verträumte, daß man die Augen schloß und sich willenlos über den Spiegel gleiten ließ, an der Brust eines Mannes, der zärtlich und süß sagte, daß er die schönste Frau seines Lebens im Arme halte.

Siegurd von Aarfeld. Als er sie das erstemal küßte, blinkte es warnend auf in ihrem Inneren, aber sie küßte ihn wieder, weinselig, glücklich, einen Mann bei sich zu haben, der sie umschwärmte und verehrte. Und sie küßte ihn noch einmal und noch einmal und zuletzt auch, als er sie nach Hause brachte und sich korrekt an ihrer Tür verabschiedete. Nein, er versuchte nicht, die Situation auszunützen. Dr. Faber sah ihn falsch. Marianne kroch glücklich ins Bett und träumte von Tangos und feurigen Señores und lächelte im Schlaf. Was wußte sie von einer jungen, heißen Witwe, in deren Bett sich stundenlange Liebeskämpfe abgespielt hatten, aus denen jene Ermattung und Sittsamkeit resultierte, über die sie, Marianne, sich vor ihrer Haustür freuen zu dürfen glaubte.

»Mit Ihren Schuhen können Sie aber nicht losziehen«, sagte Pedro. »Im Wald ist's naß, vor allem gegen Abend, wenn wir doch länger draußen bleiben.«

Er weiß nichts von meinem Ohio-Bar-Besuch, dachte Marianne. Siegurd hat ihm nichts erzählt. Bin ich froh! Ein Mädchen darf sich nicht gleich beim erstenmal so gehen lassen. Ich wollte ja auch nur ein Stündchen bleiben, hatte ganz fest diesen Vorsatz. Aber der Wein war so gut … und dann der Champagner! Ich hatte noch nie welchen getrunken. Er war herrlich. Am nächsten Morgen sah allerdings alles schon wieder etwas anders aus. Ich hatte Kopfweh. Und im Geschäft war ich müde. Übel war mir auch. Siegurd sagte mir am Telefon, das käme alles vom Durcheinander, das ich getrunken hätte. Warum hat er mir dann dieses Durcheinander eingeflößt?

Pedro schellte. Er fragte, ehe ein Diener erschien, Marianne: »Welche Schuhgröße haben Sie?«

»Achtunddreißig.«

Dann stand der Diener in der Tür, ein langer, dürrer Mensch, mit einem Gesicht, das ständig zum Ausdruck brachte, daß er mit der ganzen Welt, sämtlichen lebenden und toten Gegenständen, unzufrieden war. Alle im Haus nannten ihn Lulatsch.

»Lulatsch«, sagte der Baron, »bring uns ein Paar Gummistiefel für die Dame, Größe achtunddreißig; außerdem den Damenlodenmantel, auf den ich dich schon hingewiesen habe.«

»Sehr wohl, Herr Baron.«

Lulatsch ließ einen raschen Blick über die Besucherin seines Herrn gleiten, dann stand sein Urteil fest: viel zu hübsch; solche Individuen verdrehen den Männern nur die Köpfe.

Er verließ den Raum.

Um die gleiche Zeit saßen sich auf Gut Bahrenhof Mathilde, die Herrin, und Baron Siegurd von Aarfeld gegenüber. Siegurd hielt es aber in seinem Sessel nicht lange aus. Er stemmte sich aus ihm hoch und legte sich auf die Couch, zog die Beine an, verschränkte die Hände unter seinem Kopf und fuhr fort, an seiner Zigarette zu paffen, die ihm im Mundwinkel hing.

»Paß auf auf die Asche!« ermahnte ihn Mathilde ziemlich unwirsch.

Sie machte einen etwas derangierten Eindruck, ihre sonst so gepflegten Locken waren zerwühlt. Unter einem bunten Seidenmorgenrock trug sie nur eine schwarze Spitzenkombination. Das paßte zur Kleidung, in der Siegurd auf der Couch lag. Sie war auch nicht vollständig.

»Du sollst auf die Asche aufpassen«, wiederholte Mathilde. »Gleich fällt sie runter, das macht mich nervös.«

»Bring mir einen Aschenbecher«, sagte er faul.

Wortlos kam sie der Aufforderung nach, lief mit nackten Füßen über den Teppich und zog sich wieder in ihren Sessel zurück.

»Wie weit bist du mit Pedro?« fragte er sie.

Ein verächtlicher Laut, den sie ausstieß, war die einzige Antwort.

Siegurd drehte das Gesicht, mit dem er empor zur Decke geblickt hatte, hinüber zu ihr und sagte: »Was heißt das? Schaffst du ihn nicht?«

»Suche die Schuld nicht bei mir!« fauchte sie ihn an. »Dein Bruder ist wohl schwul. Ich habe eine Situation heraufbeschworen, habe mich hineingekniet, daß mir jeder normale Mann die Kleider vom Leib gerissen hätte.«

»Wo war das? Hier in deinem Haus?«

»Das betritt er ja nicht. Nein, im Auto.«

»Im Auto?« Siegurd lachte schallend. »Das glaube ich, daß du damit bei dem nicht ankommst. Geschlechtsverkehr im Auto ist nichts für den.«

»Für dich schon.«

»Soll das ein Vorwurf sein? Dann müßtest du mich im gleichen Atemzuge der mehrfachen Vergewaltigung, begangen an dir, anschuldigen. Aber davon kann wohl nicht die Rede sein.«

»Laß uns nicht streiten. Weißt du, was ich gemerkt habe?«

»Was?«

»Die vom Faber ist hinter deinem Bruder her.«

»Wer die?«

»Die neue Sekretärin, du weißt schon.«

»Die Klett?«

»Ja, die kann den Blick nicht von ihm wenden.«

»Das bildest du dir ein.«

»Willst du mir abstreiten, daß ich ein Auge für so etwas habe?«

Siegurd richtete sich auf, schwang die Beine von der Couch und sagte, als er saß: »Mach mich nicht schwach, du meinst das wirklich?«

»Wirklich und wahrhaftig.«

»Aber du solltest doch in der Lage sein, ohne weiteres ein solches Gänschen auszustechen.«

Mathilde von Bahrenhof warf arrogant den Kopf zurück. »Bei einem normalen Mann ohne weiteres, ja. Dein Bruder scheint aber kein normaler Mann zu sein, wie ich dir schon sagte.«

»Hör mit diesem Unsinn auf!«

»Unsinn? Bist du sicher?«

»Absolut.«

»Schön, dann frage ich dich, was wir machen sollen. Die Situation ist nicht ungefährlich.«

Siegurd dachte kurz nach, dann entschied er: »Für dich gilt das gleiche wie bisher: Heiz ihm ein! Um die Klett kümmere ich mich.«

»Was hast du vor mit ihr?«

»Sie mir zu meiner Geliebten zu machen.«

»Siegurd! Das verbiete ich dir!«

»Thildchen, denk an deine Schulden«, sagte er trocken, und sie steckte auch prompt zurück: »Mußt du denn gleich ins Bett steigen mit ihr? Du weißt doch, wie eifersüchtig ich bin, Siegurd.«

»Nun gut«, lenkte er ein, »vielleicht genügen notfalls auch ein paar Küsse, um sie für einen spanischen Bastard zu erledigen.«

»Gegen ein paar Küsse hätte ich nichts einzuwenden.«

»Dazu wäre es auch zu spät«, lachte er.

»Was heißt das?« fuhr sie hoch.

»Das heißt, daß die Küsse schon über die Bühne gingen.«

Mathilde sprang auf. »Wann? Wo? Du Schuft! Du Lump! Das hättest du mir nie gesagt, wenn dich die Situation jetzt nicht mehr oder minder dazu gezwungen hätte. Sei vorsichtig, ich habe dich in der Hand.«

»Wer hat wen in der Hand, du mich oder ich dich?«

»Ich dich, täusch dich nicht.«

»Wieso du mich?«

»Weil ich, wenn du zu weit gehst, nicht zögern werde, deinem Bruder die Augen zu öffnen und ihm das Komplott zwischen uns beiden aufzudecken. Kapiert, mein Lieber?«

Er war so perplex, daß er nur hervorstoßen konnte: »Du bist ja verrückt!«

Doch er machte sich keine Illusionen und setzte hinzu: »Aber zuzutrauen wäre dir das.«

»Absolut!« schwor sie ihm.

Die allgemeine Stimmung war verdorben, und er sah kein anderes Mittel als das altbewährte, mit dem vor allem Mathildes Laune wieder aufzubessern war, und so waren die paar Sachen, die jeder von ihnen nur anhatte, rasch ausgezogen …

Im Wald war es völlig still. Wie ausgestreute Perlen hing der Tau an den Farnen und Gräsern der Lichtungen. Der weiche Waldboden roch herb nach Pilzen, verfaulendem Laub und dürren Tannennadeln.

An den Beinen dicke Gummistiefel und eingehüllt in ihren weiten, langen Lodenmantel, stapfte Marianne Klett neben Pedro von Aarfeld durch den herrlichen Forst. Stiefel und Mantel hatten Aufgaben des Schutzes zu erfüllen. Daneben konnten sie nicht auch noch die Aufgabe erfüllen, die Schönheit dessen, was sie schützten, zu unterstreichen. Beine und Figur wurden von ihnen verdeckt, nicht hervorgehoben. Trotz der Vermummung glitt Pedros Blick aber immer wieder zufrieden über das Geschöpf an seiner Seite.

Um ihr lockiges Haar hatte Marianne ein hauchdünnes Chiffontuch geschlungen. Tief atmete sie die reine Luft ein und blieb ab und zu stehen, wenn es im Gebüsch knackte oder ein Eichhörnchen vor ihnen im Geäst einer Fichte herumturnte.

Ehe sie auf eine Lichtung hinaustraten, hielt Pedro plötzlich an und faßte Marianne am Ärmel ihres Mantels. Zugleich legte er den Zeigefinger auf die Lippen und nickte nach vorn.

Lautlos schlüpften sie hinter einen dicken Baum. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite der Lichtung, entdeckte Marianne ein Reh, eine Ricke. Was eine Ricke war, nämlich ein weibliches Reh, wußte Marianne damals noch nicht, aber Pedro erklärte es ihr in einigen kurzen Worten, die er ihr ins Ohr hauchte. Dies geschah zu ihrem Vergnügen freilich, wie sie sich eingestehen mußte, weniger der Worte als des Hauches wegen.

Die Ricke äugte nach allen Seiten, sicherte; da aber der Wind ungünstig für sie stand, konnte sie keine Witterung nehmen und senkte deshalb beruhigt den Kopf, um die saftigen Spitzen der Gräser zu äsen. Zwischendurch hob sie immer wieder den Kopf und suchte mit ihren glänzenden Augen mißtrauisch die Waldränder ab. Langsam, Schritt für Schritt, näherte sie sich, während sie äste, den beiden Beobachtern.

Leise zogen sich Marianne und Pedro zurück und schlugen einen weiten Bogen um die Lichtung.

»Man soll das Wild nicht vergrämen«, erklärte ihr der Baron und blieb stehen. »Sehen Sie, wenn uns das Reh bemerkt hätte, wäre es sofort geflüchtet und hätte lange, vielleicht sogar für immer, diesen Platz gemieden. Die Tiere kennen die Gefahr durchaus, die ihnen vom Menschen droht.«

Sie gingen wieder weiter, schritten eine Weile stumm nebeneinander her, bahnten sich, Pedro voraus, einen Weg durch dichtes Unterholz, kletterten über einige kleine, bewaldete Hügel und kamen schließlich zu einem Abhang, dessen Fuß das Ufer eines kleinen Sees bildete. Verträumt, einsam, verlassen lag der See inmitten des Waldes. Das klare Wasser wurde von der Sonne bespiegelt, Gebüsch säumte das Ufer, und auf der gegenüberliegenden Seite erhoben sich wieder dicht bewaldete Hügel.

»Wunderschön«, sagte Marianne, die sich nicht sattsehen konnte. »Dieser Frieden! Diese Stille! Auch der See gehört Ihnen?«

»Ja«, sagte er. »Ich nenne ihn ›Das schlafende Mädchen‹. Ich habe ihn so getauft, weil er noch unberührt ist, jungfräulich inmitten einer prangenden Natur. Nur der Förster Recke kennt ihn genau … und ich.«

Er sah Marianne lächelnd an. Ihr kastanienbraunes Haar schimmerte in der Sonne. Das schöne Gesicht war ein wenig zur Seite geneigt. Leise atmend hob und senkte sich ihre Brust.

»Wunderschön«, sagte sie wieder, den Blick auf den See, über dem Libellen tanzten, gerichtet.

Pedro faßte sie an der Hand. »Kommen Sie, ich habe Ihnen noch etwas zu zeigen, ein Geheimnis. Sie müssen mir aber versprechen, es für sich zu behalten.«

Sie nickte.

Wie hatte doch Siegurd gesagt? ›Du darfst unser Geheimnis nicht verraten, kleines Mädchen. Wenn man sich liebt, muß man das ganz tief im Herzen behalten.‹

Wenn man sich liebt …

Liebte sie Siegurd wirklich? Liebte sie ihn, weil sie sich von ihm hatte küssen lassen? Weil sie seine Küsse erwidert hatte?

Oder konnte sie diesen großen Mann neben sich lieben, der so ganz anders war als sein Bruder, so ehrlich, so tief mit der Natur verbunden, so klar wie der See, der zu ihren Füßen lag?

»Kommen Sie«, sagte Pedro noch einmal, als sie versunken dastand und den Eindruck erweckte, als ob sie sich nicht in Bewegung setzen wollte, »es ist nicht weit.«

Er führte sie ganz hinunter ans Ufer, stützte sie, machte sie auf Stolperstellen aufmerksam. Jedesmal, wenn seine starken Finger an ihrem Arm fester zugriffen, um ihr Halt zu verleihen, durchströmte es Marianne, und sie verspürte den Wunsch, ihn zu umfangen, sich an seinen Hals zu hängen und sich in ihrer Gänze von ihm tragen zu lassen … immer … bis ans Ende der Welt.

Nur ein schmaler Pfad, der sich rasch verengte, führte um das Wasser herum. Pedro mußte nun vorausgehen. Er bog die in den Weg hineinragenden Zweige der Büsche zur Seite, Marianne diese lästige Arbeit ersparend, und strebte einem dichten Tannenwald entgegen. Schließlich wurde der Pfad wieder etwas breiter, das Ufer schien in den Wald hineinzuwachsen, es wurde flach – und plötzlich stand Marianne, als sie hinter einem Busch hervortrat, vor einem kleinen Holzhaus mit grünen Läden, das nahe an den See herangebaut worden war. Ein Bootssteg führte ins Wasser. Das Boot selbst lag kieloben auf dem schmalen Streifen zwischen Haus und See.

»Das Geheimnis«, sagte Pedro von Aarfeld, mit einer kreisenden Handbewegung auf die ganze Idylle weisend. »Was Sie hier sehen, Fräulein Klett, ist niemandem bekannt, meinem Bruder nicht, der Freiin von Bahrenhof nicht, Dr. Faber nicht – keinem, außer Recke. Sie sind die erste, der ich es zeige. Es handelt sich um das Atelier des Malers Ralf Torren.«

»Der Ort«, fragte sie ihn, »wohin Sie oft spurlos verschwinden?«

Und da er nickte, trat sie an das Häuschen heran und strich mit der Hand über das harte, rissige, dringend wieder eines Anstrichs bedürftige Holz.

»Ein Ort des Glücks«, sagte sie dabei. »Wie unverstanden von seinen Nächsten muß einer sein, den es in solche Einsamkeit treibt.«

Er stand hinter ihr. »Sagen Sie das nicht, Marianne. Hier fühle ich mich wohl. Gut Aarfeld ist meine Welt der Arbeit, das hier meine Welt des Glücks, des Künstlers – wenn ich mich einen solchen nennen darf. Hier sitze ich Stunden um Stunden und male: das Reh, den Hirsch, die Bäume um mich herum, die Nebel, die aus dem See steigen, die Schatten der Dämmerung, den Regenbogen, der sich über die Wälder spannt, den Fuchs, den Igel im Kampf mit einer Otter, das Eichhörnchen, das Zapfen knabbert, die Wildgänse, wenn sie gen Süden ziehen oder zurückkommen nach Norden. Ich male sie alle, die meine Freunde geworden sind, doch am meisten beschäftigt mich immer wieder mein Hauptmotiv: ›Das schlafende Mädchen‹.«

Er drehte den Schlüssel im Schloß und stieß die Tür des Häuschens weit auf. Ein Geruch nach Farben, Terpentin, Leinwand und Leim strömte ihnen entgegen. Rasch war Pedro bei den Fenstern, öffnete sie und ließ frische Luft und helles Tageslicht in den einzigen großen Raum der Hütte hereinquellen.

Links in der Ecke standen eine einfache Couch, ein Tisch und zwei Flechtsessel. Am hinteren Fenster befand sich die große Staffelei mit dem Farbenkasten. Die Wände waren über und über behängt mit den Gemälden Ralf Torrens. Den einzigen Gegenstand des Komforts, der vorhanden war, bildete ein guter Teppich. Er bedeckte einen großen Teil des roh gedielten Bodens. Ein alter Küchenschrank in der rechten vorderen Ecke und ein wackliger Herd daneben vervollständigten die Ausstattung des Raumes.

Marianne ging von Bild zu Bild und betrachtete jedes. Im Grunde wiederholten sich die Motive oft, waren aber immer abgewandelt. Derselbe Fleck Erde mit verschiedenen Gesichtern – bei Regen, Gewitter, bei strahlender Sonne, unter Schnee, im Nebel. Marianne staunte über die Vielfalt der Natur und die Könnerschaft, mit der Pedro sie eingefangen hatte.

Was sie dachte und empfand, sammelte sich alles in einem einzigen Wort, das sich endlich ihrem Inneren entrang: »Herrlich!«

»Ich freue mich, daß Ihnen die Bilder gefallen«, sagte Pedro schlicht.

»Was heißt ›gefallen‹? Ich bin begeistert, hingerissen! Wie machen Sie das nur?«

Er stand hinter ihr und antwortete: »Man muß die Stimme der Natur hören. Man muß ihr Antwort geben können aus der Seele heraus, denn fast alles, was wir sehen, ist irgendwie beseelt, hat Leben. Und man erschließt das Zauberreich jeder Seele nur, wenn man ihr mit offenem Herzen entgegentritt.«

Halb unbewußt strich er Marianne von hinten über das kastanienbraune Haar, von dem das Chiffontuch geglitten war. Das Mädchen fuhr unter der Berührung seiner Hand zusammen, und sofort trat er einen Schritt zurück und schlug einen Imbiß vor – wahrscheinlich, um sie sein keckes Tun vergessen zu lassen.

Marianne bedauerte beides: ihr Zusammenfahren und seine überstürzte Reaktion darauf.

»Haben Sie denn hier Vorräte, Herr Baron?« fragte sie ihn.

»Bitte«, sagte er, »lassen Sie endlich den Baron weg.«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Aber ich kann Sie doch nicht Pedro nennen …«

»Warum nicht?«

»Nein, unmöglich!«

»Und wenn ich Sie Marianne nenne?«

»Auch dann nicht, der Unterschied ist zu groß.«

»Wissen Sie was?« meinte Pedro von Aarfeld nach kurzer Überlegung. »Nennen Sie mich Ralf.«

»Ralf?«

»Ja, das ginge doch. Ich fühle mich hier als Ralf Torren. Alles um uns herum zeugt nur von Ralf Torren. Oder gefällt Ihnen der Name nicht?«

»Doch, aber …«

… aber Pedro würde mir schon noch besser gefallen, dachte sie.

»Kein ›aber‹, Verehrteste! Es bleibt also bei ›Ralf‹, einverstanden?«

Den ›Pedro‹ bringe ich dir schon noch bei, dachte er.

Marianne nickte, wobei sie immer noch etwas zaghaft seufzte: »Einverstanden.«

»Prima!« freute er sich, rieb sich die Hände und schritt zum Herd. Dies veranlaßte Marianne, ihre ursprüngliche Frage nach den Vorräten, die ihm zur Verfügung stünden, zu wiederholen. Wie angenagelt blieb er auf halbem Wege stehen, um nachzudenken.

»Vorräte?« fragte er sich selbst. Die Antwort, die er an die eigene Adresse richtete, folgte auf dem Fuße: »Keine imposanten, weder der Menge noch der Qualität nach.«

Marianne lachte. »Dann werde ich mich also auf ein paar Eier gefaßt machen.«

»Eier!« strahlte Pedro alias Ralf. »Sie sind phantastisch, Marianne, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Lassen Sie mich ausrufen: Die Eier des Kolumbus! Wie wünschen Sie sie, Marianne: weich, halbweich oder hart?«

Nachdem damit die Wahl, die auch an Spiegel- oder Rühreier hätte denken lassen können, entscheidend eingeengt war, antwortete Marianne vergnügt: »Halbweich, bitte.«

Der Küchenchef hätte auch gar kein Fett für Rühr- oder Spiegeleier greifbar gehabt.

Wasser gab's im See.

Marianne hatte den Mantel ausgezogen, saß in einem der einfachen Flechtsessel, streckte die Beine mit den dicken Gummistiefeln weit von sich und blickte abwechselnd auf letztere und auf ihren am Herd hantierenden Gastgeber.

Stiefel gefielen ihr nicht, deshalb zog sie sie aus.

»Sie werden mir hier drinnen zu warm«, sagte sie, um Ralf alias Pedro die Notwendigkeit dieser Maßnahme zu erklären.

Recht hat sie, dachte er, wer solche Beine hat, soll sie nicht unter den Scheffel stellen.

Das Wasser begann zu kochen. Pedro alias Ralf schickte sich an, die Eier in den Topf zu werfen, ohne vorher, um die zerbrechlichen Dinger vor dem Zerplatzen zu schützen, Salz ins Wasser gegeben zu haben. Marianne sprang auf, lief über den Teppich zum Herd und bemächtigte sich der Eier.

»Soll nicht doch lieber ich …«

»Wieso, stimmt etwas nicht?«

»Ins Wasser muß Salz, Herr Baron.«

»Wenn Sie noch einmal ›Baron‹ sagen, gebe ich Zucker hinein.«

»Ralf.«

»So ist's richtig. Wieso Salz, Marianne?«

»Damit die kalte Schale nicht im kochenden Wasser zerspringt.«

Er blickte sie verdutzt an, schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und rief: »Sieh mal einer an! Das war's also: Salz! Deshalb hatte ich so oft Pech. Warum hat mir das nicht schon früher jemand gesagt?«

Marianne blickte sich nach Salz um, sah einen entsprechenden Topf am Fenster stehen und streute eine tüchtige Menge ins sprudelnde Wasser. Dabei sagte sie so nebenhin: »Frau von Bahrenhof weiß das vielleicht selbst nicht.«

»Was weiß die selbst nicht?«

»Daß man Salz ins Wasser geben muß. Sie hat dazu ihre Leute.«

»Schon möglich, aber wieso kommen Sie jetzt gerade auf die?«

»Sie hätte Ihnen den Tip geben können.«

»Die?« Er schüttelte absolut verwundert den Kopf. »Wann? Wo?«

»Vielleicht hier.«

»Hier?« Er starrte ihr ins Gesicht. »Was habe ich Ihnen gesagt? Wer kennt dieses Refugium hier? Niemand. Aber nun sehe ich, daß Sie mir nicht glauben, Marianne …«

»Doch«, stieß sie, ihren Fehler erkennend, rasch hervor. »Ich wollte es nur noch einmal hören, verzeihen Sie mir, Ralf.«

»Sie wollten es noch einmal hören?« hakte er, im Nu besänftigt, ein.

»Ja.«

»Wäre Ihnen denn das so wichtig?«

Sie wich seinem Blick aus und sagte: »Die Eier müssen ins Wasser. Können Sie mir einen Löffel geben?«

Protestierend trat er zwischen sie und den Herd.

»Bleiben Sie mir jetzt mit diesen verdammten – entschuldigen Sie – Eiern vom Hals, Marianne!« regte er sich auf. »Ich habe Sie etwas gefragt!«

Er legte ihr die Hände auf die Schultern und zwang ihr seinen Blick auf.

Eine rote Welle strömte ihr ins Gesicht.

»Ja oder nein, wäre es Ihnen wichtig oder nicht, Marianne?«

Sie entwand sich seinen Händen und sah zum Fenster hinaus. Ihr war klar, daß die Antwort, auf die er wartete, von entscheidender Wichtigkeit für sie beide war. Seine Augen hingen an ihr. Sie waren wie ein offenes Buch, in dem sie lesen konnte. Ihr Herz wollte jubilieren, aber im nächsten Moment drohte es ihr stehenzubleiben. Sie dachte an Siegurd, an den Abend mit ihm in der Ohio-Bar, an die halbe Verpflichtung, die sie eingegangen zu sein glaubte. Dies mußte erst bereinigt werden.

Über dem See stand hell die Sonne. Das Wasser glitzerte wie bewegliches, flüssiges Silber. Dunkel ragten die hohen Tannen empor, standen wie Wächter, welche die Unberührtheit zu bewachen hatten.

»Marianne …«

Sie wandte den Blick vom Fenster. Seine Stimme hatte leise geklungen, traurig.

»Du sagst also nein, Marianne. Warum?«

»Das stimmt nicht. Ich muß dich nur bitten, zu warten.«

Beide duzten sich plötzlich und merkten es nicht einmal.

»Warten heißt ›nein‹, Marianne«, sagte er dumpf. »Ich fühle das, nein, ich weiß es, ich mache mir da nichts vor.«

Er senkte den Kopf und blickte zu Boden.

»Du irrst dich!« rief Marianne mit leidenschaftlicher Stimme, doch als er sie daraufhin spontan in seine Arme reißen wollte, hob sie abwehrend die ihren. »Noch nicht, Ralf … nein, Pedro!«

»Warum nicht?«

»Ich kann dir das nicht erklären, du würdest mich nicht verstehen, gerade du nicht, weil bei dir alles so einfach, so natürlich, so unkompliziert ist. Aber ich verspreche dir, daß du nicht mehr lange warten mußt.«

»Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Nein.«

»Handelt es sich – verzeih meine Frage – um einen anderen Mann?«

Sie schüttelte den Kopf. Als sie sah, wie er befreit aufatmete, wandte sie sich ab. Ich habe ihn belogen, durchzuckte es sie. Und er ist glücklich über diese Lüge, weil er sie glaubt. Er kann sich gar nicht vorstellen, daß ich ihm nicht die Wahrheit sage. Um wieviel ist er besser als ich! Oh, wie schlecht bin ich, wie abscheulich feige und kleingläubig …

Pedro fuhr fort, glühende Kohlen auf ihrem Haupt zu sammeln. »Ich vertraue dir. Hauptsache, kein anderer hat Rechte auf dich. Alles andere ist für mich unwichtig. Ich erhalte jedoch mein Angebot aufrecht, dir bei der Lösung jedes Problems behilflich zu sein.«

»Danke, Pedro.«

»Glaube aber nicht«, sagte er lachend, »daß ich dich lange in Ruhe lassen werde. Meine ständige Frage wird dich verfolgen: ›Warum sagst du nein – warum immer noch?‹ Jede Woche werde ich dir damit mindestens einmal in den Ohren liegen – bis zu dem Tage, an dem du ja sagst.«

Sie schämte sich innerlich und verfiel deshalb auf die Frage: »Wie lange soll nun das Wasser noch kochen?«

Auf diese Weise ging es vier Eiern – für jeden zwei – doch noch an den Kragen. Das Mahl vervollständigten zwei Scheiben Knäckebrot pro Nase, und Salz, soviel jeder haben wollte. Marianne fragte auch nach Pfeffer. Pedro mußte sie enttäuschen.

Marianne zog aus allem lachend das Resümee: »Deshalb sind also deine Bilder so gut.«

Pedro antwortete: »Ich sehe keinen Zusammenhang. Was willst du damit sagen?«

»Du verwöhnst hier draußen deinen Magen nicht. Und es heißt, daß der Hunger die Künstler schon immer zu ihren größten Werken in der Kunstgeschichte beflügelt hat.«

Sie alberten eine Weile herum. Pedro fühlte sich glücklich, Marianne auch, sie vergaß fast ganz auf Siegurd und das Problem, das mit ihm zusammenhing. Schließlich entschlossen sie sich noch einmal zu einem Spaziergang um den See herum, und Marianne schlüpfte wieder in ihre Stiefel.

Sie erreichten eine von Büschen dicht umgebene Landzunge, die etwas in den See hineinragte, und blickten hinaus aufs Wasser, auf dem lautlos die Blätter trieben, die der Herbst bunt in den See streute.

»Hier will ich ein Haus bauen«, sagte Pedro und deutete auf den Platz dicht am Ufer. »Ein kleines Haus mit vier oder fünf Räumen. Darin möchte ich leben. Um das Gut mag sich dann ein Verwalter kümmern. Die Leute werden mich zwar sicher für verrückt halten, denn in ihren Augen dürfte es sich gewissermaßen um den Tausch eines Schlosses gegen eine Hütte handeln, doch das soll mir egal sein. Leichten Herzens werde ich den Majoratsherrn ablegen, um nur noch Maler zu sein …«

»… und Jäger«, sagte da eine tiefe Stimme hinter ihnen.

Sie fuhren herum, etwas erschrocken, doch dann stieß Pedro einen erfreuten Laut aus und trat auf den großen Mann im Lodenmantel zu, der aus den Büschen kam, mit einem Gewehr auf dem Rücken.

»Sie verstehen sich aufs Anschleichen.« Pedros Zeigefinger war in gespielter Drohung erhoben. »Aber das müssen Sie mir nicht erst beweisen.«

Und zu Marianne gewandt, sagte Pedro: »Das ist Peter Recke, mein Förster. Ein Recke von Gestalt, Namen und Gemüt.«

Der Förster wollte auch den spaßhaften Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen.

»Herr Baron«, sagte er, »Sie haben mir doch aufgetragen, gerade das Gelände hier im Auge zu behalten. Das kann man aber nicht, wenn man herumtrampelt.«

»Schon gut, Recke.«

Marianne und der Forstmann beschnupperten sich, und das Resultat schien auf beiden Seiten zufriedenstellend auszufallen.

»Am unangenehmsten wäre es mir«, sagte dann Pedro zu Recke, »wenn mein Bruder hier herumgeistern würde. Ich habe Ihnen das ganz offen gesagt. Worum's ihm geht, wissen wir. Er ist ein Schießer und kein Heger. Außerdem sucht er ständig nach Schlupfwinkeln für sich und seine zweifelhaften Damenbekanntschaften. Dabei macht er nicht einmal vor Hochsitzen halt. Sie haben ihn doch selbst schon zweimal beobachtet und mir berichtet, was sich da tat. Pfui Teufel!«

Marianne Klett schien plötzlich wie mit Blut übergossen zu sein.

»Entschuldige«, sagte Pedro, als sein Blick auf sie fiel. »Ich vergaß deine Anwesenheit. Aber der Kerl regt mich einfach immer wieder auf, wenn ich an ihn denke, und es schadet nicht, wenn du von Anfang an über ihn Bescheid weißt. Es ist traurig, daß es in einer Familie so aussehen kann.«

Die Entladung tat Pedro offenbar gut, denn wesentlich beruhigter schloß er: »Na ja, wenigstens heute sind wir sicher vor ihm. Er mußte nach Boltenberge.«

»Sagte er das zu Ihnen, Herr Baron?« fragte Recke.

»Ja.«

Recke strich sich über die Augen. »Dann muß ich wohl Sehstörungen haben.«

»Wieso?«

»Weil ich ihn erst vor einer halben Stunde gar nicht so weit von hier zusammen mit Frau von Bahrenhof durch die Gegend reiten sah.«

»So?«

Pedro sagte nichts mehr. Marianne dünkte es, als müsse der See gleich über die Ufer treten. Eine tiefe Scham erfüllte sie. Siegurd und die blonde Baronin? Hatte er nicht gerade über diese in der Ohio-Bar ungefragt einige Dinge gesagt, die alles andere als schön gewesen waren?

Lustige Witwe? Schönheitschirurgengoldgrube? Lebender Lift? Vollreiflese? Nymphomanin?

Die brave Marianne hatte nicht gewußt, was eine Nymphomanin ist, und anderntags in ihrer Naivität Dr. Faber, ihren Chef, gefragt. Der hatte sie überrascht angeblickt und dann nur gesagt: »Sie sind keine.«

Damit konnte sie auch nichts anfangen, und sie besorgte sich deshalb ein Lexikon und sah unter ›Nymphomanin‹ nach. Das dicke Buch fiel ihr fast aus der Hand; dort stand: ›Mannstolles Weib‹.

Pedro schlug vor, den Spaziergang fortzusetzen.

»Und Sie, lieber Recke«, sagte er zum Förster, »melden mir heute abend, wo ein guter Bock steht, für den es dann morgen früh ernst werden soll. Fräulein Klett kann's schon gar nicht mehr erwarten.«

»Das stimmt nicht!« rief Marianne, damit unwillkürlich Zeugnis dafür ablegend, daß ihr das arme Tier jetzt schon leid tat.

Recke blickte den beiden, als sie sich entfernten, nach, bis sie hinter den Büschen verschwunden waren. Er steckte seine Pfeife, die ihm erloschen war, wieder in Brand und brummte vor sich hin: »Wenn das wahr wird, was sich da abzeichnet, gibt es noch ein Drama auf Aarfeld. Nur gut, daß man weiß, auf wessen Seite man zu stehen hat.«

Dann drehte er sich um und schritt in entgegengesetzter Richtung davon, um die Wildwechsel zu erreichen, von denen er wußte, daß er dort am ehesten den vom Baron erwünschten kapitalen Bock aufspüren würde.

Eine dringende Angelegenheit hinderte Pedro von Aarfeld daran, nach der erfolgreichen Jagd am Sonntag Marianne Klett selbst mit dem Wagen in die Stadt zurückzubringen. Dazu mußte also Lulatsch eingeteilt werden, den ein Führerschein dazu befähigte, als Chauffeur einzuspringen. Er lieferte Marianne vor ihrer Haustür ab, wendete den Wagen und fuhr sofort nach Aarfeld zurück.

Beschwingt, noch ganz im Banne der Erlebnisse, die hinter ihr lagen, glücklich und in seliger Stimmung, stieg Marianne leise summend die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf und kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel, um aufzusperren, als sie von innen eine wohlbekannte Stimme hörte: »Komm nur rein, es ist offen. Ich erwarte dich schon seit Stunden.«

Ein eisiger Schreck durchfuhr sie. Sie lehnte sich an die Flurwand und sammelte ein bißchen Kraft, ehe sie sich stark genug fühlte, die Tür aufzudrücken und in das Zimmer zu treten. Mit starren Augen sah sie den Besucher an.

»Siegurd …«

»Ja, ich bin's«, sagte der junge Baron und winkte in seinem Sessel zur Begrüßung lässig mit der Hand. »Ich wundere mich, daß dir mein Name überhaupt noch geläufig ist. Hatte schon damit gerechnet, gar nicht mehr erkannt zu werden.«

»Was willst du hier?« fragte sie ihn schroff.

»Was für ein Ton! Empfängt man so einen Freund?«

»Wie bist du hereingekommen?«

»Wie denn wohl? Durch die Tür.«

»Ich weiß genau, daß ich sie abgeschlossen hatte.«

»Wenn du das so genau weißt, dann muß ich sie wohl aufgesperrt haben.«

Sie blickte ihn fassungslos an. »Mit welchem Schlüssel?«

»Mit einem der meinen.«

»Das mußt du mir schon genauer erklären.«

»Siehst du«, sagte er grinsend, wobei er aus seiner Tasche einen Bund mit sechs oder acht Schlüsseln zum Vorschein brachte, »ich verfüge davon über mehrere Exemplare. Auf Aarfeld, diesem alten Gemäuer, gibt's viele Schlösser, nicht die besten, genau wie das deine hier. Das war meine Theorie. Von ihr ging ich über zur Praxis und startete hier einige Versuche. Schon der dritte führte zum Erfolg.«

Marianne rang buchstäblich nach Luft. »Siegurd«, sagte sie mit gepreßter Stimme, »du weißt doch, was du da gemacht hast? Du hast eingebrochen!«

»Welch hartes Wort!« Sein Lächeln war widerlich glatt. »Nimm mich als modernen Troubadour. – Einbruch aus Liebe. – Leidenschaft kennt keine Fesseln. – Ich hatte Sehnsucht nach dir.«

»Was willst du?«

Marianne war an der Tür stehen geblieben, jeden Augenblick dazu bereit, die Tür wieder aufzureißen und sich abzusetzen, wenn er sich ihr nähern sollte. Siegurd schien das zu erkennen und blieb sitzen, aber um seinen lächelnden Mund erschien ein grausamer, harter Zug.

»Diese Frage stellst du jetzt zum zweitenmal. Ich sagte es inzwischen schon: Ich hatte Sehnsucht nach deinen Küssen.«

»Das ist vorbei. Ich will nicht mehr daran erinnert werden.«

»Und du meinst, damit ist der Fall erledigt?«

»Warum nicht?«

»Weil man einen Baron Aarfeld nicht in dieser Weise abserviert, du Luder«, explodierte er. »Was glaubst du denn eigentlich, wer du bist, du Kröte? Du kannst dein ganzes kleines, miserables Leben lang nur stolz darauf sein, daß dich ein Edelmann angefaßt hat. Hattest du dir denn überhaupt die Zähne geputzt, ehe du es wagtest, mich zu küssen?«

Marianne fing an zu zittern. »Verlassen Sie sofort mein Zimmer! Augenblicklich, sonst schreie ich!«

»Schrei doch. Weißt du, was ich denen dann erzähle? Daß du mich in dein Zimmer gelockt hast und gemein wurdest, weil mir die Bezahlung, die du gefordert hast, zu hoch war. Du kannst es ja darauf ankommen lassen, wem man glauben wird – dir oder einem Baron?«

»Du … du Schwein!«

»Danke.« Er verbeugte sich spöttisch im Sitzen. »Solche Schmeicheleien höre ich öfter. Wie mir scheint, hat mein Bruder Pedro, der stille Träumer mit den Märchenaugen, der Mann mit der tiefen Seele, einen großen Eindruck auf dich gemacht, dir sozusagen die Unterschiede der Aarfelds bewußt gemacht. Und nun träumst du vielleicht gar davon, Herrin auf Aarfeld zu werden, du kleine Goldgräberin. Ja, stimmt's? Aber das werde ich dir versalzen. Sicher wäre Pedro, der Majoratsherr, der keine Zeit zu verlieren hat, eine Frau zu finden, wenn er im Besitz des Erbes bleiben will, eine gute Partie für eine kleine Kokotte, aber …«

»Hinaus!«

»… aber ich werde ihm die Augen öffnen, werde ihm sagen, wie du's in jenem Ohio-Séparée mit mir getrieben hast. Dafür gibt's Zeugen, die Kellner nämlich, und schon ein Kuß ist in den Augen meines stinkseriösen Bruders etwas ganz anderes als anscheinend hundert Küsse in den deinen, das kannst du mir glauben. Sollte er aber immer noch nicht genug haben, werde ich ihm erzählen, welchen Kampf es mich gekostet hat, mich von dir, als ich dich nach Hause brachte, nicht in dein Zimmer mit hineinziehen zu lassen. Wenn er das hört, bist du in seinen Augen ganz sicher nur noch eine Dir…«

Er hatte das Wort noch nicht ganz ausgesprochen, als Marianne schon mit einem Satz vor ihm stand und mit der ganzen Kraft, die ihr Wut und Verachtung verliehen, zuschlug und klatschend seine Backe traf.

Sie hatte ihn überrascht, so daß er gar nicht dazugekommen war, den Schlag abzuwehren.

Stumm, mit lodernden Augen blieb er noch zwei, drei Sekunden lang sitzen, dann aber sprang er ruckartig auf. Sein Mund war verzerrt. Wie eine Fratze sah sein Gesicht aus, wie eine diabolische, schauderhafte Fratze.

»Das wirst du mir büßen«, preßte er zwischen den Zähnen hervor. »Auf den Knien wirst du liegen und wimmern und mich anflehen, diesen Schlag zu vergessen …«

Er riß Mantel und Hut an sich, die auf der Bettcouch lagen, und eilte zur Tür. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und blickte haßerfüllt auf Marianne, die zitternd im Zimmer stand. »Ich spreche heute abend noch mit Pedro. Und wenn du wieder auf dem Gut erscheinen solltest – ob mit oder ohne Dr. Faber –, werde ich die Jagdhunde auf dich hetzen, und niemand, kein Pedro, wird mich daran hindern können.«

Die Wut sprach aus ihm, sonst wäre ihm selbst auch klar gewesen, wie lächerlich er übertrieb.

Er warf die Tür hinter sich ins Schloß. Marianne hörte seine Schritte auf der Treppe verhallen, dann sah sie ihn über die Straße gehen … elegant, beherrscht, ganz Gentleman, der Herr Baron von Aarfeld, ein Adeliger vom Scheitel bis zur Sohle.

Da schlug Marianne die Hände vors Gesicht und fiel weinend auf ihre Couch. Immer und immer wieder wurde ihr Körper von heftigem Schluchzen durchgerüttelt.

»Pedro«, stammelte sie, »ich habe dich verloren, es ist vorbei, für immer vorbei … vorbei … vorbei …«

Sie vergrub ihr tränennasses Gesicht in den Kissen und lag so, bis sie vor Erschöpfung einschlief. Aber selbst im Schlaf noch zuckte bisweilen ihr Körper und kam ein leises Wimmern von ihren bebenden Lippen. Und plötzlich schrie sie auf und schlug wild um sich. Jagdhunde verfolgten sie im Traum.