Ellbogen, Speiche auch noch – die Röntgenaufnahmen, die ihm der junge Arzt der Airport-Klinik gezeigt hatte, bewiesen es: eine Doppelfraktur. Es hatte gleich beide Unterarmknochen erwischt.
Rüdiger Göttner fühlte sich zerschlagen und leergebrannt. Und es war weniger der Schmerz, auch nicht die Analgetika, die sie ihm gegeben hatten – es war Zorn.
WENN SIE DIE FALSCHE KARTE ERWISCHEN, GÖTTNER, SIND SIE DRAN …
Vielleicht war es die falsche Karte gewesen, okay, aber dran? Nein, eine Niederlage war das noch lange nicht. Er würde das Gesindel mit Anzeigen zudecken. Er würde einen Artikel schreiben – was heißt schreiben, diktieren mußte er ihn ja. Jedenfalls würde das ein Artikel werden, der sich gewaschen hatte. Margot hatte er bereits mit dem BMW in die Redaktion geschickt, um den Chef heiß zu machen. Und wenn dieses Affentheater hier in der Klinik vorbei sein würde – so ein kaputter Arm machte sich in der Redaktion ja auch nicht übel. Zumindest war er ein Beweis für seinen Einsatzwillen. Wenn dies also vorbei war, dann würde er …
Die Tür ging auf. Die Schwester kam mit der Armschiene.
»Schwester, Moment mal …«
Er verstummte schon wieder. Himmelarsch, dieses Mädchen kennst du doch? Schwarze Haare. Und hübsch, wo man hinsah. Dunkle, tiefe Italiener-Augen, dazu diese Unterlippe! Von der hast du doch schon mal geträumt. Aber wann denn? Richtig: Der Presse-Ball vor zwei Jahren! Heute hatte sie züchtiges, frisch gestärktes Weiß am Leib, aber damals, Mannomann: Korsage, Netzstrümpfe, Strapse. Und mit diesen Strapsen hat sie dich vollkommen verrückt gemacht. Ließ sich auch ohne weiteres anbaggern. Und du hattest schon vom Schnellfick des Jahrhunderts geträumt, aber anschließend im Wagen war's bereits vorbei.
»Auf dem Liegesitz?« hatte sie gelacht. »Ich doch nicht! Was ich brauche, ist ein breites Bett.«
Damit konnte er damals nicht dienen, weil schon die Margot in seinem Bett gelegen hatte und auf ihn wartete.
Und jetzt? – Jetzt stand diese Schöne einfach da und lächelte und sagte: »Noch immer ziemlich stürmisch, was? Komisch, du änderst dich auch gar nicht. Aber manchmal geht's halt schief. Jetzt gib mal her!«
»Mein Lichtblick«, sagte Göttner. »Gestern, heute, morgen.«
»Ruhighalten!«
Seine Hand wurde kalt, in seinen Arm-Arterien schossen tausende winzige Wasserflöhe hin und her, um ihn zu quälen. Er spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Es tat schon höllisch weh, aber dann sah er die langen Wimpern und den dunklen Flaum auf ihrer Oberlippe und versuchte verzweifelt, sich abzulenken. Klasse ist sie, verdammt hübsch sogar. Dieser zarte, fast unsichtbare Flaum wuchs sicher auch an ihrem Nacken und in der Linie, die ihr Rückgrat bildete … Sie hatte wunderschöne, schneeweiße Schenkel gezeigt, damals …
»Au!«
»Ja – au! Jetzt sind wir schon fertig, Rüdiger? Nicht wahr, Rüdiger? Das war's doch?«
Er nickte. »Und du?«
»Lukrezia. – Komisch. Ich bilde mir immer ein, so einen Namen vergißt man nicht.«
»Den Namen vielleicht«, sagte er. »Ein Mädchen wie dich? Ausgeschlossen!«
Es half, tatsächlich. Der Schmerz wollte ihn wieder anfallen, aber er brauchte ja nur in ihre Augen zu schauen, nur ein wenig zu flirten.
»Was ist passiert?« Sie deutete auf die Schiene. »Gefallen?«
»Gefallen worden. Die haben mich einfach umgebügelt. Wie ist das? Trinkst du mit mir eine Tasse Kaffee? Draußen? Ich erzähl's dir. Aber falls du ein besseres Thema hast, ist's mir auch lieber.«
Eine zögernde Falte entstand über ihrer Nase. »Na gut, aber keinen Kaffee. Macht mich noch nervöser, als ich ohnehin schon bin. Und genau das kann man sich in diesem Laden hier nicht leisten.«
»Hört sich aber nicht besonders begeistert an?«
Sie gab keine Antwort. Sie sah ihn nur an.
Rüdiger Göttner stand auf, als er sie kommen sah. Und schon fing der Arm an, ihm wieder Schwierigkeiten zu machen. Er trug ihn in einer Tuchschlinge: Dunkelgrau und schauerlich. Er mußte sich was Schickeres zulegen. Er winkte ihr mit der linken Hand. Lukrezia hatte sich die schwarzen Haare gekämmt, weich und schimmernd fielen sie ihr über die Schultern. Und so, in ihren Jeans und der stahlblauen, breitschultrigen Bluse fand er sie viel aufregender als mit ihrer Straps-Sexy-Schau beim Presse-Ball.
Das sagte er ihr auch und erzielte lediglich ein desinteressiertes: »So, meinst du?«
Der Kellner kam. »Martini«, sagte sie. »Und bitte ohne Eis, mit viel Wasser.« Sie nahm Platz und deutete auf seinen Arm: »Also? Wie ist das gekommen?«
Er berichtete ihr von seiner Auseinandersetzung mit den Leuten des Staatssekretärs Reinbacher und spürte, wie bei jedem Wort sein Zorn und mit dem Zorn diese elenden, kleinen Wasserflöhe zurückkamen, die heiß durch sein Fleisch kribbelten. »Du kannst es ruhig wissen«, sagte er grimmig zum Schluß, »das geht morgen sowieso raus. Dann ist der ehrenwerte Herr Staatssekretär so gut wie tot. Das ist er schon jetzt – er weiß es nur noch nicht.«
»So?« sagte sie nur und nippte an ihrem Martini.
Ihr Desinteresse ärgerte ihn. »Du kümmerst dich wohl nicht viel um Politik?«
»Wenn das Politik sein soll, daß einer achtzigtausend oder wieviel Mark verschiebt? Da laufen hier ganz andere Dinge …«
»Hier? Wieso denn hier? Auf dem Airport?«
Wieder griff sie nach ihrem Glas, und jetzt wußte er auch, was ihr Gesicht so aufregend machte: die passend abgestimmte Form der Augen und des Mundes. Mandelförmig. Zwei dunkle Mandeln die Augen; eine große, feuchtglänzende rote Mandel der Mund. Er fing ihren abschätzenden Blick ein. Sie wollte sich interessant machen. Na, um so besser.
»Also, zier dich nicht, Lukrezia. Erzähle!«
Lukrezia ließ den süß-herben Geschmack des Martinis auf ihrer Zunge zergehen. Sie überlegte. Doch nicht lange. Der Typ – nun ja, sie kannte die Sorte. Rüdigers liefen zu Hunderten herum und machten sie an. Aber immerhin, er war Reporter, und das hieß, er kannte Gott und die Welt. Nein, er war nicht uninteressant, gar nicht …
Und daß er übel aussah, konnte man auch nicht behaupten.
»Ich hab die Sensation da im Haus. Da brauch ich noch nicht mal vor die Tür. Bei uns in der Klinik sitzt seit zwei Stunden die Polizei.«
»Ach ja?«
Sie überhörte den ironischen Unterton. »Erinnerst du dich, daß 1985 gleich dort drüben eine Bombe explodierte?«
»19. Juni 85«, sagte er. »Halle B. Und ob ich mich erinnere! Drei Menschen mußten damals daran glauben.«
»Ja, und jetzt geht's wieder um so etwas. Ich habe vorhin mitangehört, wie Brunner, einer der Sicherheits-Chefs, mit Dr. Hansen darüber gesprochen hat. Es handelte sich um einen Drohbrief. Ein kleines Attentat ist schon verübt worden. Ich hab das nicht so genau verstanden. Aber jetzt soll die ganz große Bombe platzen.«
Göttner fuhr hoch. Und daß er dabei den Arm anschlug, war ihm auch egal. »Was sagst du da? Ist das dein Ernst?«
Da saß sie auf ihrem Kaffeehaus-Stühlchen, süffelte ihren Martini, lächelte mit ihren Mandelaugen – und sprach von Bomben? Von Bomben und Attentaten! Nichts weniger … Und er dachte noch immer an Hensche und an Margot, an Reinbacher, das korrupte Schwein, an die beiden Bundesgrenzschutz-Leute und an diesen verfetteten, jungen Typ im grauen Zweireiher: »Der Herr Staatssekretär läßt ihre Machenschaften bereits seit einiger Zeit verfolgen.«
Und jetzt auch noch eine Bombe? Wenn Hensche das erfährt! Wenn das wahr ist … Ein glatter Aufmacher!
Was, Herrgott nochmal, was ist das eigentlich für ein Tag?!
»Was für eine Bombe?« Er hatte plötzlich Mühe zu sprechen. »Und der Drohbrief? Von wo kommt der? Hat er einen Absender? Ist ein Name genannt worden?«
»Nun, das ist so – oder vielmehr scheint es so zu sein … Kannst du mir mal Feuer geben?«
Sie hielt eine Zigarette in der Hand. Er beugte sich nach vorne, um ihr Feuer zu geben.
»Ja?« sagte er. »Also los! Nun red doch.«
»Wir hatten vor vier oder fünf Wochen einen ziemlich üblen Fall.«
Warum ließ sie sich bloß soviel Zeit, verdammt nochmal?
»Damals passierte in der Halle 5 ein Unglück. Ein junger Elektriker montierte irgendwas, und dann kam so ein Elektrokarren und durchbohrte ihm mit einer Ladung Baueisen den Rücken und die Brust.«
»Schlimm?«
»Na was. Buchstäblich aufgespießt wurde der.«
»Um Gottes Willen!«
»Richtig! Um Gottes Willen! … So war's auch. Aber der Junge kam durch. Sie schafften ihn ins Rotkreuz-Krankenhaus. Dann aber gab's Komplikationen. Er fing sich eine gewaltige Infektion ein, ein Nierenversagen kam dazu, er mußte an die Dialyse und so weiter … Jedenfalls sah es aus, als würde er jeden Tag abkratzen. Sein Vater machte einen Riesenaufstand; kann man ja auch verstehen. Aber das ganz Üble daran war: Er machte uns, also Chefarzt Dr. Hansen und alle anderen, die seinen Sohn operiert hatten, für die Infektion verantwortlich.«
»Und was ist bereits passiert? Was ist da schon explodiert hier?« Rüdiger Göttner versuchte die Dinge in die Reihe zu bekommen, sich ein Bild zu machen aus dem, was Lukrezia sagte.
»Das weiß ich nicht. Ich habe bloß einen Teil des Gespräches mitbekommen. Und das auch nur deshalb, weil ich ins Archiv mußte und die Tür zur Bibliothek offenstand.«
»Wie hieß der Junge, der diese Eisen abbekam?«
»Roser. Werner Roser.«
»Ist dir bekannt, wo er liegt?«
»Ja«, nickte sie. »Rotkreuz-Krankenhaus. Wir haben ja zwei hier in Frankfurt. Es ist das RK in der Königswarter Straße.«
»Vielen Dank!« Friedhelm Brunner vom Flughafen-Schutzdienst nickte dem Sicherheitsbeamten zu, der ihm die Personalakte aus dem Archiv der Bauleitung gebracht hatte. Sie stammte noch aus den Unterlagen der Kontraktfirmen für den Flughafenausbau.
»Aber bitte!« Der Mann ging zur Tür. Nun waren Brunner und Chefarzt Dr. Hansen wieder allein.
»Roser, Karl«, las Brunner aus der Akte vor, »geboren, Moment … ja hier: neunter Achter Zweiundvierzig. Ausbildung bei der Bundes-Luftwaffe, Jagdgeschwader vier. Und zwar als System-Techniker. Feldwebel wurde er auch. Wenn er zweiundvierzig geboren ist, dann ist er heute über fünfzig. Also noch einer der alten Zwölfender aus den Anfangszeiten. Hervorragende Beurteilung: Gutes Aufnahmevermögen. Pünktlicher und umsichtiger Arbeiter. Hoher Leistungsstandard. Was noch? Etwas introvertiert, steht hier. Und dann: Ende des Vertragsverhältnisses bei der Airport-Fertigstellung 1972. Da war's mit der Arbeit hier also vorbei. Der Flughafen war ja fertig. Das heißt. Moment mal: Die Firma System-Technik bekam noch ein paar Aufträge, und zwar einen im Jahr sechsundsiebzig, noch einen neunundsiebzig und einen weiteren im Jahr dreiundachtzig. Und jetzt wieder? Richtig: Firma Karl Roser System- und Meßtechnik. Schaltkasten in der Halle fünf.«
»Dort hat's seinen Jungen dann auch prompt erwischt«, sagte Hansen und stand auf. Es hielt ihn nicht länger im Sessel. Für diese Besprechung hatte er alles abgesagt. Wichtig genug war sie ja auch. Doch die Vorstellung, daß da ein Irrer herumlief, der zunächst die Überwachungskameras des Air-Ports mit einem inzwischen entdeckten Relais-Zünder außer Betrieb setzte – daß derselbe Mann unter Berufung auf dieses entsetzliche Palästinenser-Attentat vor sieben Jahren damit drohte, eine Bombe oder sonst etwas hochgehen zu lassen – und das, nachdem man hier in der Klinik alles drangesetzt hatte, seinen Jungen zu retten – es war einfach zu viel!
Brunners dicker Zeigefinger glitt über die Akte: »Introvertiert? Das heißt doch mehr oder weniger kommunikationsgestört? War er also schon vor zwanzig Jahren. In diesen zwanzig Jahren hat er wahrscheinlich zugelegt. Ich kenne solche Typen. Reden überhaupt nichts mehr, reden nur mit sich selbst. Das geht bei denen alles nach innen – und dann, eines Tages, macht es – Bang! Die berühmte Implosion. Dreht durch!«
Er legte den Kopf schief: »Es tut mir leid, Doktor. Sie hätten es mir damals gleich sagen müssen.«
»Ach, Sie und Ihr Persönlichkeitsprofil.« Hansen wurde es zuviel. »Und was heißt denn ›kommunikationsgestört‹? Mir hat er eine geschmiert. Soviel Kommunikationsbereitschaft brachte er immerhin noch auf.«
Brunner klappte seine Akte zu und zuckte die Schultern.
»Hören Sie, Brunner!« erregte sich Hansen weiter, »das sind doch alles nur Gedankenspielchen, die wir hier treiben. Weil ich zufällig durch Sie von dem Ausfall der Überwachungskameras erfuhr, sind wir doch überhaupt erst darauf gekommen. Wer sagt Ihnen denn, um Himmelswillen, daß dieser Herr ›Ypsilon‹, der den Drohbrief unterzeichnet hat, überhaupt mit Roser identisch ist?«
»Niemand, Doktor.« Brunner ging zur Tür, drehte sich aber dann noch einmal um: »Wissen Sie, was wir Kriminalisten unter Prophylaxe verstehen? Übertreibung. – Übertreibende Hysterie oder Paranoia … nennen Sie es, wie Sie wollen. Oder sagen Sie einfach: Man hat schon Pferde kotzen gesehen. Und weil wir so sind und das ständig denken, kotzen vielleicht ein paar Pferde weniger, als sie könnten. Aber ob Herr Ypsilon und Herr Karl Roser was miteinander zu tun haben und ob es wirklich um seinen Sohn Werner Roser geht, das kann ich Ihnen vielleicht in schon einer Stunde erzählen. – Tschüs!«
Oben im Regal – die Hemden. Und alle noch so sauber auf Kante gepackt, wie mein Vater sie hingelegt hatte. Ich nehm das Blaue, der Rest kommt in den Koffer.
Werner Roser zog seine Schlafanzugjacke aus und spürte die Baumwolle des Hemdes kühl und frisch auf seiner Haut. Wie das gut tut. Er nahm Hemden, Wäsche und Socken und legte alles sorgfältig in den Koffer. Nun der Schlafanzug. Die Zeitungen läßt du hier, die Orangen auch, die verdammten Tabletten sowieso. Für den nächsten Patienten in diesem Zimmer des Rotkreuz-Krankenhauses zur Erinnerung.
Himmelarsch, und um fünf Uhr bist du draußen. Der Zwanziger auf dem Nachttisch reicht für ein Taxi. Und nach Hause? – Von wegen! Zuerst fährst du ins ›Tivoli‹ zu Rosi und stellst dich vor: Rundumerneuert. Aufrecht und mit neuem Dampf. Die wird staunen!
Er begann die Hemdknöpfe zu schließen. Zuvor strich er wie immer über die Narben. Es war zu einer Gewohnheit geworden – so, wie man manche Dinge berührt, um sich zu vergewissern, daß man auch selbst existiert. Dann setzte er sich doch nochmal aufs Bett, schob den Koffer zur Seite, nahm die Beine hoch und streckte sich aus: Drüben der Balkon. Einzelzimmer. Alles Eins A … Die hatten ihn von Anfang an behandelt wie einen Luxuspatienten, und in ihren Augen, so bescheuert sind die Ärzte nun mal, war er's wohl auch. Ein interessanter Fall war er für sie. Einer auf Abruf. Und den ›Abruf‹ wollten sie, mußten sie ja verhindern, obwohl es eine Menge gekostet und er doch gar keine Chance hatte. Im Bett hatte er gelegen wie ein weggeworfener Scheuerlappen, lag, ohne zu wissen, wo und wem das Bett gehörte. Und durch die geöffnete Balkontür hatte er die Glocken die Zeit schlagen hören. Aber die hatten nicht so geklungen, wie er das von zu Hause kannte; vielmehr kamen die Töne buchstäblich herangeschwommen, merkwürdig langgezogen, verzerrt. Gedämpfte Klänge, die wie Ölschlieren im Wasser waren. Und wenn er Stimmen hörte; die Stimmen der Leute, die an seinem Bett standen, war es das Gleiche: undeutlich. Alles verwaschen. Selbst die Konturen der Dinge waren es. Über die weiße Wand hatte er grünliches Wasser rinnen sehen und der Krankenhauskalender mit seinen Bildchen und frommen Sprüchen war nichts als ein schwarzer fließender Fleck.
Aber jetzt! Heute? – Heute hatten sie ihm jede Menge Suppe und Fleisch serviert. Und sogar Salz war da drin. Phantastisch hatte es ihm geschmeckt. Und an die verdammten Dialyseschläuche dort unten im Keller mußte er auch nicht mehr.
»Mach's gut«, hatte die Assistentin gesagt und ihm die Hand geschüttelt. »Und besuch mich mal, wenn's dir langweilig ist.«
Sie war nett, die Rosemarie. Spitze sogar. Aber besuchen – nie.
Werner Roser lächelte. Dann schwang er die Beine vom Bett, stand auf und ging hinaus auf den Balkon, um seine letzte Zigarette im Rotkreuz-Krankenhaus zu rauchen.
Als er zurückkam, stand Stationsarzt Dr. Brügge in seinem Zimmer. Er war mager, klein, hatte semmelfarbenes Haar und eine Brille auf der Nase. Die Schwestern nannten ihn den ›Fliegenden Elefanten‹, weil er so große Ohren hatte. Na, und man konnte ganz gut mit ihm auskommen.
»Ich hab nochmal mit dem Chef geredet, Werner. Alles okay. Sie können abmarschieren.« Der Fliegende Elefant sah sich um und staunte: »Schon gepackt? Jetzt haben Sie's eilig, was?«
»Und ob!«
»Ich kann Sie verstehen. War 'ne harte Zeit. Für uns übrigens auch.«
Werner Roser nickte. Er überlegte kurz, aber es war ja schließlich angebracht: »Danke, Doktor«, sagte er, »danke für alles.«
Der Stationsarzt lächelte. Dann wurde er ernst: »Da war noch etwas, Herr Roser. Ein paar Kontrollen sind für Sie noch fällig. Den Rest … nun. Sie können sich auch zu Hause therapieren. Dazu wär's allerdings ganz gut, wenn ich kurz mal mit einem Ihrer Angehörigen sprechen könnte. Die Diät, die Flüssigkeitsmengen, Medikamente … Also in Ihrer Situation sollte man schon ein bißchen kontrollieren, ob Sie auch brav sind und sich so verhalten, wie wir Ihnen das vorgebetet haben. Wie ist das denn? Ihr Vater war doch immer hier …«
»War«, sagte Werner.
Dr. Brügge zog fragend die Augenbrauen hoch, aber Werner Roser schwieg. Gleich nach dem Unglück und auch lange Zeit danach hatte sein Vater hier rumgesessen. Nicht nur einmal, oft zwei- oder dreimal am Tag. Richtig mitbekommen hatte er das gar nicht … doch, die Augen hatte er gefühlt. Irgendwie. Weil der Vater ihn die ganze Zeit nur anstarrte. Und oft redete er vor sich hin, ganz leise. Direkt zu ihm sagte er kaum etwas, aber wenn er glaubte, daß sein Sohn schlief, fing er an zu reden. Mit sich selbst. Wie ein Verrückter. »Ich bring sie um …«, hatte er gesagt, »ich bring sie alle um.« Das war damals, als Werner so getan hatte, als schliefe er; dann hatte er plötzlich die Augen geöffnet und gefragt: »Und wen? Wen, Papa?« Doch da war keine Antwort gekommen.
Sollte er das vielleicht jetzt dem Arzt sagen? Wieso? Und woher sollte er wissen, warum sich der Alte plötzlich nicht mehr sehen ließ? Dienstag vor einer Woche, ja, Dienstag war es das letzte Mal.
»Wenn ich Ihren Herrn Vater nicht mehr sehe«, meinte jetzt der Stationsarzt, »könnte ich eventuell mit Ihrer Mutter sprechen?«
Werner schüttelte den Kopf: »Die ist selber krank.«
Dr. Brügge seufzte. »Trotzdem! Irgendwie muß da was passieren. Der Chef hat es ausdrücklich verlangt. Schließlich haben wir, bei Gott, genug für Sie getan, finden Sie nicht?«
»Doch, doch, das …«
Er unterbrach sich, denn die Türe hatte sich geöffnet, und herein kam, ein leicht schiefes Grinsen auf dem Gesicht, sonst aber ungeheuer selbstsicher, ein langer blonder Typ und sagte einfach: »Hallo!«
Dr. Brügge stand auf. Vielleicht hatte er etwas anderes zu tun; vielleicht fand er das Gespräch unergiebig, oder er wollte einfach nicht stören – jedenfalls ging er mit einem lächelnden »Wir sprechen nochmals darüber« aus dem Zimmer. Vielleicht auch, dachte Werner, vielleicht hatte Brügge den Typ hier wegen seiner Armschlinge für einen Krankenhausfreund gehalten. Stimmte aber nicht. Er hatte ihn noch nie gesehen. So musterte er ihn schweigend und abwartend.
»Sie sind Werner Roser, nicht?«
Werner nickte.
»Und ich dachte, Sie sind schwerkrank. Dabei sind Sie am Packen.«
»Ich war schwerkrank.«
»Na, dann kann ich ja gratulieren.«
»Was wollen Sie eigentlich?«
»Mein Name ist Göttner. Rüdiger Göttner. Rauchen Sie, Herr Roser?«
»Das hab ich gerade. Kein Bedarf.«
»Darf ich?«
Er fischte mit der linken Hand in seiner Wildlederjacke herum, sündteures Ding, Spitze. Alles, was recht ist. Auch das Seidenhemd, das er da anhatte. Und dann noch Designer-Jeans.
»Rüdiger Göttner?« Werner wußte damit nichts anzufangen.
»Ich komm vom Express.«
Ein Reporter? Daß die mit solchem Kleinkram Mäuse machen, hatte er noch nicht gewußt. »Und?«
Göttner verzog das Gesicht, als habe er Schmerzen. »Bin da gefallen. Arm gebrochen. Könnten Sie mir mal helfen? Ist so 'ne Fummelei. Haben Sie vielleicht 'n Feuerzeug?«
Werner drehte das Rädchen seines Feuerzeugs und ließ die Flamme aufspringen.
»Danke.« Der Reporter nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch durch die Nase und starrte dabei Werner unablässig durch den dünnen Schleier an. »Es handelt sich um eine sehr ernste Sache. Sehr ernst, glauben Sie mir; ich übertreibe selten. Und Sie sollten mir helfen. Und sich selber helfen. Vielleicht auch noch 'nem Haufen Leute, die womöglich bald hier ins Rotkreuz gefahren werden – falls sie nicht gleich auf dem Friedhof landen.«
»Was reden Sie denn da? Ich versteh kein Wort.« Werner Roser setzte sich fassungslos wieder aufs Bett. Was zog denn der hier ab? Spinnt der?
»Es handelt sich um Ihren Vater, Herr Roser. Die Polizei hat bereits eine Untersuchung eingeleitet.«
»Das ist doch unmöglich, und wieso kommen Sie …«
»Jetzt hören Sie mir endlich zu! Ich sagte Ihnen ja, es ist eminent wichtig. Unter Umständen können wir beide dazu beitragen, Menschenleben zu retten. Sie und ich! Wie gesagt – die Polizei ist bereits hinter Ihrem Vater her. Er hat nämlich auf dem Flughafen ein kleineres Sprengstoffattentat verübt und dazu einen Drohbrief geschrieben, daß er jetzt das ganz große Ding starten will. Wissen Sie, wie so etwas aussieht? – Nein, da sind Sie wohl noch zu jung. Sie haben den Bombenanschlag 1985 nicht erlebt. Aber ich war draußen. Ich sage ihnen, da lagen die Fleischfetzen nur so rum.«
Werner schluckte. Für eine hoffnungsvolle Sekunde hatte er das alles noch für einen Witz gehalten, für irgendeinen Gag, den der Kerl da machen wollte, aber nun spürte er: Der meinte es ernst!
»Ja, aber … wieso?« stotterte er. »Warum …«
»Ja. Habe ich mich auch gefragt. Ich kann's mir nur so zusammenreimen, Herr Roser, daß Ihr Vater den Flugplatz, dort ist ja der Unfall passiert, und dann die Airport-Klinik … wie ich hörte, wurden Sie dort behandelt, und es ging Ihnen anschließend ziemlich schlecht …«
»Schlecht? – Saudreckig ging es mir.«
»Na eben! Daß er also Flugplatz und Airport-Klinik für Ihren Zustand verantwortlich gemacht hat.«
Werner fühlte, wie ihm das Blut aus dem Kopf in die Beine strömte. Die Narben begannen zu schmerzen. Was sagte der da? Wahnsinn war das doch alles! Der Alte …? – Und dann erinnerte er sich wieder: Das leise Gemurmel an seinem Bett. Die tiefe, abwesende, heisere Stimme seines Vaters, die immer das eine wiederholte: DIE WERDEN MICH KENNENLERNEN. ICH BRING SIE UM. JA, DIE WERDEN ALLE NOCH DRAN GLAUBEN …
»Wie ist das, Herr Roser? Trauen Sie Ihrem Vater sowas zu?«
Werner wollte schlucken, doch woher den Speichel nehmen? Er sah hoch und sagte mühsam: »Was wollen Sie für 'ne Antwort? Was soll ich denn darauf sagen? Das ist doch alles verrückt. Attentat? Bombe?«
»Sie trauen es ihm also nicht zu?«
»Natürlich nicht.«
»Eine andere Frage: Hätte er die technischen Möglichkeiten, so etwas durchzuführen? Ich meine, zu einem Attentat gehören Zünder, Sprengstoff, vielleicht ein Sender, der die Detonation auslöst. Könnte das von ihm beschafft und eingebaut werden?«
»Was weiß ich? Könnte, würde … Logo, könnte er. Er war schließlich zwölf Jahre beim Bund. Da lernt man sowas, nicht? Und anschließend hat er auf dem Flughafen gearbeitet. Das Zeug beschaffen? Seine Kumpel hat er überall noch sitzen …«
Göttner nickte. Es war genau die Antwort, die er erwartet hatte.
»Aber er würde das doch nie tun«, fügte Werner hinzu.
»So? Meinen Sie?« Die Augen des Reporters, grüngraue Augen, wollten Werners Augen festhalten, sahen ihn suggestiv beschwörend an. »Wo ist Ihr Vater jetzt?«
»Was weiß ich?«
»Ist doch keine Antwort, Werner! Ich sage jetzt Werner zu Ihnen … zu dir! Damit kannst du mir doch nicht kommen. Ich hab's doch vorhin erklärt, und wir sind uns einig: Es geht darum, Menschen zu retten! Und vor allem auch deinen Vater. Denk dran, daß du vielleicht selbst mit in diese Scheiße hineingerätst, und das wäre nicht gerade sehr erfreulich – oder?«
»Wirklich, ich weiß es nicht. Glauben Sie mir's doch. Als ich hierher ins Rotkreuz gebracht wurde, und als es dann wirklich auf Spitz und Knopf stand, da hockte er jeden Tag im Zimmer. Dort, genau wo Sie jetzt sitzen. Auf dem gleichen Stuhl. Da konnte er gar nicht genug kriegen vom Krankenhaus. Nicht nur einmal, manchmal ist er dreimal kurz hintereinander hier aufgekreuzt.«
»Und jetzt?«
»Das ist es ja eben! Funkstille. Seit sechs Tagen. Nichts gehört, nichts gesehen. Nicht mal ein Anruf. Nur einmal von meiner Mutter. Ich hab sie gar nicht nach ihm gefragt.«
Göttner schmiß seine Zigarette in den Aschenbecher, drückte sie noch nicht mal aus, guckte hinüber zum Fenster, drehte wieder den Kopf: »Werner, die Adresse!«
»Von mir zu Hause? Meine?«
»Welche sonst?«
Er sagte sie und mußte sie ihm auch noch aufschreiben. Na gut. Wenn er bloß endlich abzischt. Ein Attentat? Der Alte? – Ja, was denn noch?!
»Ich meld mich wieder, Werner. Bald. Und falls es tatsächlich knallt, müssen wir noch über die Exklusiv-Rechte reden. Ich meine damit den Artikel, den ich schreibe. Aber das alles später … Ich bin ja nachher wieder zurück. Jetzt hab ich's eilig, verstehst du?«
Werner verstand überhaupt nichts.
Göttner aber war schon draußen.
Und keine Minute, nein, keine dreißig Sekunden waren verstrichen, seit hinter dem Reporter die Tür zugeklappt war; nicht mehr Zeit, als er brauchte, den Koffer auf dem Bett wieder zurechtzurücken und den Deckel zu öffnen – da klingelte es.
Telefon … Die Verwaltung vielleicht?
Werner hob ab.
Er hörte feines, metallisches Singen. Und dann ganz klar: »Werner?«
Er brachte keinen Ton heraus, konnte kaum atmen und sein Herz schlug jäh schneller.
»Werner, mein Junge … Wie geht's?«
»Vater?«
»Ich weiß schon, du hast dich gefragt, wo ich bin … ich … ich konnte nicht kommen. Ich mußte was erledigen. Glaub mir, es war wichtig. Aber ich hab immer an dich gedacht … Werner, Junge, sag, wie geht's heute? Schmerzen?«
»Wie's mir geht? – Gut geht's mir!«
»Wirklich? Im Ernst?«
»Was heißt denn im Ernst? Und ob im Ernst! Ich bin am Packen hier. Hat's dir denn die Mutti nicht gesagt? Die hat doch vorgestern angerufen.«
Schweigen. Eine lange, eine endlose Pause … Es war, als sei plötzlich die Leitung zerschnitten worden. Aber Werner hörte ihn doch atmen. Ganz deutlich. Er hatte nicht aufgelegt, nein.
»He, Vater? Was ist denn?«
Und immer noch dieses Atmen.
Endlich: »Hab ich das richtig verstanden? Am Packen, hast du gesagt?«
»Ja. Was denn sonst? Die haben mich entlassen. Als geheilt entlassen. Mir geht's ganz prima. Du, ich hab schon wieder ein bißchen Salz ins Essen gekriegt. Und pinkeln kann ich; ich piss' wie ein Weltmeister. Die Nieren funktionieren prima, alles okay jetzt. Hat ja schließlich auch lang genug gedauert, findest du nicht?«
»Bitte? … Find ich … find ich was? Was hast du gesagt?«
Was war mit ihm los? Hatte er gesoffen? Tat er nie. Könnte es womöglich stimmen, was der Reporter …? Schön: Er war schon lange nicht mehr so richtig auf dem Teppich, die ganzen letzten Monate eigentlich, hatte einfach abgehoben, marschierte wie eine Maschine stundenlang durch den Grüneburg-Park – und reden zu Hause? Null. Da schloß er sich immer in die Werkstatt ein.
Aber was sollte er auch sonst? War ja kein Wunder bei dem Geschwätz und Gemeckere, das er in der Wohnung zu hören bekam. Aber es war nicht sie, es war nicht Mutti, oder sie war es nicht alleine. Daß keine Aufträge kamen, dies war's. Daß sie ihn am Flughafen nicht nur rausgebolzt, sondern auch noch hängengelassen hatten, daran lag's. Das hatte er nie verwunden.
Und jetzt auch noch der Unfall von mir. Okay! – Aber Bomben? Der Alte montierte doch keine Bomben? Scheiß ist das. Bomben, da knallt's. Da fliegen die Fetzen. Da wird geschrien und gestorben. Da fließt Blut. Man kennt's doch aus der Glotze.
Der Alte mag manchmal bescheuert sein, aber er ist ja dein Vater. Er ist kein Mörder. Sowas machten doch nur diese dämlichen RAF-Ärsche, und selbst die haben's gesteckt. Aber doch nicht einer wie er!
»Bist du noch da, Vater? Was ist denn mit dir los, he? Und noch was: Da war gerade einer da. Deinetwegen. Und hör mal – ein Reporter! Der hat einen ganz verrückten Scheiß da an mich rangequasselt.«
»Werner, mein Junge … Werner …«
Die Stimme? Hat er doch 'ne Meise? Seine Stimme hat sich völlig verändert, klingt irgendwie krank … Dieses ›Werner, mein Junge‹: wie aus dem Grab; wie in einem der Horror-Filme, wo eine Türe quietscht und es dir aus einem dunklen Gewölbe entgegendröhnt: WERNER, MEIN JUNGE …
»Gesund? Du hast gerade gesagt, du bist gesund? So gesund, daß sie dich entlassen?«
»In 'ner Stunde bin ich zu Hause. Oder 'n bißchen später. Ich will noch bei Lotti vorbei.«
Diesmal sprach Vater Karl Roser nicht. Er atmete nur, aber immer lauter, und dieses laute Atmen wurde zu einem Geräusch, das wie ein Stöhnen klang. Ein erschreckendes, aufwühlendes, weinerliches Stöhnen … Ja, was war denn jetzt? Fing er auch noch am Telefon an zu flennen? Wieso? Weil es gut ausgegangen war? Aus Dankbarkeit oder sowas?
»Ist doch okay«, versuchte Werner zu trösten und zu beruhigen.
Aber es war nicht Dankbarkeit. Und es hatte auch nichts mit ihm zu tun. Gar nichts.
»Hör zu, Werner!« Jetzt konnte der Vater plötzlich reden. Kurz und abgehackt. Seine dämliche Kommando-Stimme. Der Herr Feldwebel. Und was er sagte, kam genau in dem Ton, mit dem er früher seine Rekruten gescheucht und später seinen Sohn während der Lehrlingsausbildung angeschissen hatte: »Du hörst jetzt auf jedes Wort, ist das klar? Und du merkst dir auch jedes Wort!«
»Was ist denn jetzt schon wieder?«
Aber er wußte es. Es stieg in ihm hoch, und so furchtbar es sein mochte, die Wahrheit konnte er nicht abwehren: Es war so, wie dieser Reporter gesagt hatte, Himmelarsch, der Göttner hat recht … Verflucht nochmal, mein Vater hat's getan!
»Werner! Du rufst jetzt sofort den Flughafen an! Die haben dort eine Polizei-Nummer. Die findest du schon raus. Du tust es sofort. Verstanden?«
Er hat's getan! Ich spinne … Das kann doch einfach nicht wahr sein.
»Und jetzt zweitens: Du sagst, was du durchgibst, ist eine Attentats … nein, das ist eine Detonations-Warnung. Du sagst, es handelt sich um einen Zeitzünder. Und um ein halbes Kilo verformbare Sprengmasse vom Typ ZD-4. Pionier-Material. Verstanden?«
»Ja, ja. – Ja, bist du übergeschnappt?«
»Das ist jetzt nicht das Thema, Werner. Du hältst die Schnauze. Tu das, was ich dir sage. – Jetzt weiter: Sag ihnen, der Zünder ist leicht und gefahrlos zu entschärfen. Sie brauchen nur das Minus-Pol-Kabel zu kappen. Und nun das Wichtigste. Hast du 'nen Bleistift?«
»Brauch ich doch nicht, Mann.«
»Doch! Den brauchst du. Nimm 'nen Bleistift.«
Gut. Er hatte zuvor 'ne Postkarte an Ulf geschrieben, seinen Baseball-Trainer, und der Kugelschreiber lag noch auf dem Nachttisch. Er nahm ihn und langte sich auch noch den Taschenbuch-Krimi, den Lotti ihm gebracht hatte, und riß das erste Blatt heraus.
»Hast du?«
»Ja.«
»Paß auf: Die Ladung befindet sich zwischen C-64 und C-65.«
»Was ist 'n das?«
»Flug-Gates natürlich. Was denn sonst? Es ist nicht schwer zu finden. Da ist eine Steigenberger-Reklame. Hörst du, Steigenberger? Hast du das aufgeschrieben?«
»Ja.«
»Und da in etwa zehn oder fünfzehn Meter entfernt in Richtung C-65, da steckt die Ladung. Hinter der Verkleidung. Hast du das?«
»Hinter der Verkleidung … Ja.«
»Wiederhol das.«
»Einen Scheiß werd ich! Ich hab alles. Und jetzt hör du mal zu! Bist du eigentlich …«
Der Vater hörte nicht zu, sondern redete weiter: »Sag ihnen, das Ding ist auf siebzehn Uhr programmiert. Sie haben also von jetzt an noch vierzig Minuten Zeit. – Und das ist reichlich …«
Dann hängte er auf.
Werner Roser starrte auf den Hörer in seiner Hand. Dann ließ er ihn fallen, als habe er sich in diesem Augenblick die Finger daran verbrannt.
Nun aber sprang er auf und lief los, schob sich im Laufen das herausgerissene Buchblatt mit den Notizen in die Tasche, ließ die Tür offen, stieß draußen im Korridor gleich auf den Dicken mit dem Kehlkopf-Krebs, der ihn aus weit ausgerissenen Augen ansah – protestieren konnte der nicht, hatte ja keine Stimme –, rannte weiter, merkte nicht einmal, daß er keine Schuhe an den Füßen hatte – und als er es merkte, war's ihm auch egal.
Polizei-Nummer? Flughafen …
Im Türrahmen der Teeküche stand eine der Jungschwestern.
»Was ist denn mit dir los?«
»Ich brauch 'n Telefonbuch, Bärbel. Na, los schon, ihr habt doch eines?«
»Weiß ich doch nicht. Die schließen das immer weg. Und Schwester Telma ist gerade nicht hier.«
Telma, die Stationsschwester … Bruchbude!
»Scheiß-Bruchbude!«
»Sag mal, spinnst du eigentlich?«
Aber er lief schon weiter. Nochmals zwei Bademäntel-Ärsche. Er schob sie einfach zur Seite …
»He!«
Und dann war er draußen bei den Aufzügen. Die liefen beide auf ›besetzt‹. Gut, die Treppe … Unten am Empfang lagen Telefonbücher wahrscheinlich massenweise rum.
Werner rutschte, fühlte plötzlich Stiche in der Brust, fing sich wieder.
»Auch noch barfuß!« schrie jemand hinter ihm her.
Ja, Blödmann! Auch noch barfuß. Wenn du wüßtest, warum – ohne Unterhosen würdest du laufen!
Er kam in die Halle. Sie war fast leer. – Aber die Lederjacke dort, die kennst du. Und diese Haarlocke auch? Da war ja noch Göttner, und der redete gerade auf das Aufnahme-Mädchen ein, schrie: »Ja, und das Taxi? Ist das noch nicht bald da?«
Jetzt war er genau der Richtige.
»Herr Göttner!« Er bekam kaum Luft. Und hatte wieder diese verdammten Stiche … »Herr Göttner!«
»Werner? Was ist denn passiert?«
»Sie waren kaum draußen, da hat er angerufen. – Er ist verrückt! Wirklich.«
»Und was heißt das?«
»Es ist so, wie Sie's gesagt haben, genau so. Und das Ding geht in dreißig oder vierzig Minuten hoch, hat er gesagt. Und er will, daß wir die Polizei benachrichtigen. Draußen am Flugplatz. Oben hatten sie kein Telefonbuch und deshalb …«
»Mein lieber Mann!« Göttner griff in die Brusttasche seiner Jacke, riß ein Notizbuch heraus und hörte dabei nicht auf, ihn anzustarren. »Das ist doch – na ja, unglaublich ist das. So wie … Moment … Hier! Hier hab ich die Nummer: 6 90 14.«
Göttner machte sich nicht die Mühe, hinüber zu den beiden Telefonzellen zu rennen. Er hatte bereits die Tür zu dem Glaskasten offen und schrie auf das Aufnahme-Mädchen ein. Sie schob ihm einen Apparat zu. Er wählte. »Komm her, Werner! Du erzählst jetzt alles, was er dir am Telefon sagte. Jedes Wort. Hörst du?«
»Ich hab's mir auch aufgeschrieben.«
»Na, um so besser. Los schon!«
Er gab Werner den Hörer.
»Heusch«, sagte eine Männerstimme. »Flughafen-Schutzdienst.«
Werner Rosers Alarm war um 16.24 Uhr eingetroffen und sofort ins Lage-Zentrum weitergegeben worden. Drei Minuten später, um 16.27 Uhr, gab Wolters, der Diensthabende, ›Alarmstufe eins‹ bekannt.
Inzwischen waren weitere zehn Minuten vergangen. Mit stechenden Lungen und hämmerndem Herzen rannte Schutzdienstboß Brunner über die Treppe der Bus-Zuführung am Flugsteig-Ausgang C-65, um aufs Vorfeld zu gelangen, wo Hallbach und Ott landen mußten, die beiden Sprengstoff-Experten des Landeskriminalamts.
Der ganze C-Bereich war inzwischen abgesperrt worden. Über seinem Kopf dröhnten noch immer die Lautsprecheransagen: »Infolge eines technischen Defekts sind wir gezwungen …« Um eine Panik zu vermeiden, Personal und Flugplatz-Benutzer nicht aufzuscheuchen, war der Befehl ausgegeben worden, eventuelle Fragen mit dem Hinweis auf eine harmlose ›technische Störung‹ zu beantworten.
Entscheidend kam es darauf an, die Leute zügig und ohne Nervosität aus dem zweihundert Meter langen ›C-Finger‹ zu entfernen. Das Flug- und Wartungs-Personal aber wußte Bescheid. Trotzdem herrschte auf dem Vorfeld überraschende Ruhe. Die Anordnungen wurden schnell und umsichtig ausgeführt; überall waren die Grenzschutz-Beamten ausgeschwärmt, um dafür zu sorgen. Cartering- und Versorgungs-Fahrzeuge rollten ab. Zwei Schlepper zogen gerade einen Swiss-Air-Jumbo und eine DC-10 der Kuwait-Airlines langsam zum Stern, um sie aus dem Gefahrenbereich zu bringen.
Weiter unten, auf dem Vorfeld von B-42, stand eine russische Tupolev der ungarischen Luftlinie Malev. Die Hecktriebwerke spuckten Rauch aus, die Düsen begannen zu singen. Der Lufthansa-Airbus, der eben noch bei B-43 gewartet worden war, hatte bereits das Weite gesucht. Die Positionen des ›C-Fingers‹ waren um diese Zeit ohnehin nicht besetzt.
Und der verdammte Hubschrauber ließ weiter auf sich warten? – Nein, da kam er …
Die Bell setzte ihre Kufen weniger als zwanzig Meter vor Brunner auf den ölbeschmierten Beton.
Die Türen flogen auf. Zwei Männer sprangen heraus und rannten gebückt auf ihn zu: die Feuerwerker. Sie trugen bereits ihre Arbeitskleidung; knielange, mit irgendwelchem resistenten Material gefüllte Westen, die im Falle einer Explosion den Körper schützen sollten.
Brunner fragte sich, wozu das gut sein sollte. Aber es sind immer die frommen Illusionen, von denen die Menschen im Wahnsinn aufrecht gehalten werden. Der jüngere Feuerwerker, der mit der Werkzeugtasche, mußte Ott sein. Und der lange Hagere? Sicher Hallbach, bei den Terroristen-Bekämpfern schon seit langem eine Legende.
Der LKA-Pilot setzte noch eine Werkzeugkiste heraus, dann fing das Triebwerk wieder an zu pfeifen, und in einer steilen Kurve, mit knatternden Rotoren, zog der Polizei-Hubschrauber in den grauen Himmel.
Der kleinere Feuerwerker war jetzt heran. Er hatte schütteres, blondes Haar und das flache, runde, Zutrauen erweckende Gesicht eines jungen Bauern: »Ott«, stellte er sich vor.
»Kommen Sie mit, Herr Ott. – Herr Hallbach?«
»Ja. Haben Sie schon lokalisieren können?«
Brunner schüttelte den Kopf. »Wir sind gerade dran.«
Greif, der Schäferhund, reagierte immer auf die gleiche Art. Sobald Hundeführer Walter Scheidt ihm die Worte: »Greif! – Riech! Jetzt!« zurief, lief ein Zittern über die schwarzschimmernde Zeichnung seines Rückens, die Ohren stellten sich steil auf, und der lange, geschwungene Schwanz machte drei oder vier rotierende Bewegungen – das Tier war in diesem Moment freudige, spannungsgeladene Konzentration. Der noble Schädel ging hoch, drehte sich seitlich, links, rechts, die lange Nase sog Luft ein und nahm Witterung.
Doch selbst für einen Greif war die neue Situation vertrackt.
In erster Linie war er auf das Auffinden von Sprengstoffen in Gepäckstücken, Ladecontainern und Flugzeug-Verstecken trainiert. – Und nun? Ein endloser, korridorähnlicher Bau. In der Mitte das stählerne Personen-Beförderungsband, das inzwischen abgeschaltet worden war. Die Wände – Beton, Glas, Kunststoff-Verschalungen. Der Boden schwarzer, mit Rundnoppen verstärkter Kunststoffbelag, der für Greif das flache Duftgemisch von Tausenden von Schuhsohlen ausströmte. Und außerdem: Wie sollte der Schäferhund herausfinden, was sich zwei, womöglich drei Meter über seinem Kopf in den Wänden verbarg?
Brunner beobachtete die Arbeit des Hundes und dachte erbittert: Dieser Scheißkerl von Roser! Hatte der doch tatsächlich alle Ausweise für den Zutritt zu den Flughafen-Einrichtungen. Seine eigenen von der Arbeit früher, und außerdem Kopien von den Papieren seines Jungen. Aber wenn die Kontrolle genauer hingesehen hätte, wäre trotzdem herausgekommen, daß da was nicht stimmte …
Feuerwerker Hallbach hatte tiefe Falten rechts und links der Mundwinkel. Die Haut über seinen Backenknochen wirkte gespannt. Aber er schien noch immer vollkommen ruhig und blickte nur ab und zu auf seine Armbanduhr, einen großen, flachen Hochleistungs-Chronometer. Den braucht er ja auch, dachte Brunner. Und: Was für ein Job!
»Noch zweiundzwanzig Minuten.«
Brunner nickte.
»Oder fünfzehn«, sagte Hallbach.
»Wieso?«
»Weil man das nie weiß. Weil Spinner nun mal spinnen. Und das am Laufmeter. Können Sie mir glauben!«
Er glaubte es ihm. – Aber Greif dort, was war mit Greif?
ZIRKA ZEHN ODER FÜNFZEHN METER VON DER STEIGENBERGER-REKLAME IN RICHTUNG C-65. So hatte die Durchgabe gelautet.
Dort war nun die Steigenberger-Reklame. Sie leuchtete noch immer, leuchtete in Rot, Gold und Weiß: rot die Polster und Portieren einer Hotelhalle, weiß die Wände, gold wiederum die Lüster, Leuchten und die Verzierungen an den Säulen. Darüber aber stand:
STEIGENBERGER – EIN BEGRIFF FÜR EXKLUSIVE ERHOLUNG.
Was denn sonst? Genau, was ich brauche! – Brunner setzte sich in Marsch. Keine zehn und schon gar keine fünfzehn Meter waren es, nein, noch nicht mal die Hälfte. Der Hund hatte zu hecheln begonnen, setzte sich nun auf die Hinterläufe, den Blick der bernsteinhellen Augen nach oben gerichtet, die Ohren ganz vorn – und dann sprang er, sprang aus dem Sitz. Brunner hatte noch nie erlebt, daß ein Hund so etwas kann und macht. Er sprang tatsächlich gegen die Wandverkleidung, richtete sich in seiner ganzen Länge auf und war damit so groß wie Scheidt, der Hundeführer, der jetzt abwehrend die rechte Hand gegen Brunner hob, damit das Tier in seiner Aufmerksamkeit nicht gestört wurde.
Brunner blieb stehen.
Auch die anderen hatten alle die Köpfe gedreht. Und in jedem Gesicht war derselbe Ausdruck gespannter Erwartung.
Greif begann zu bellen. Er kratzte bellend weiter und setzte sich wieder, um durchdringende, fiepende Laute auszustoßen und dann erneut gegen die Wand zu springen.
»Gut, Greif! Brav, Greif … Bist unser Größter!« Scheidt zog die Leine straff und nahm den Hund zurück.
»Hier!« sagte er und hob den Arm.
»Na, dann wollen wir mal«, nickte Feuerwerker Hallbach.
Sie brauchten nicht länger als fünf Minuten, um die erste Platte der Wandverkleidung abzuschrauben. Sie maß einsfünfzig auf ein Meter und war auf eine Leichtmetall-Tragekonstruktion geschraubt, die aus gitterförmigen U-Trägern bestand und auch die beleuchteten Kästen der Reklame-Vitrinen trug.
»Nichts.«
»Doch! Da ist was«, sagte der Hundeführer. »Entweder rechts oder links. Oder weiter oben?«
Hallbach steckte den Kopf in die Öffnung und suchte mit einem starken Handscheinwerfer das Innere der Konstruktion ab.
»Nichts«, sagte er. »Zumindest sehe ich nichts. Wir nehmen die nächste Platte. Die obere.«
Die Leiter wurde herangerollt und gesichert.
Brunner blickte auf die Uhr. Er tat es heimlich, um keine Nervosität zu provozieren. Noch 21 Minuten. Verdammt, ist wirklich Kino hier. Aber 21 Minuten müßten eigentlich reichen?
Er warf einen Blick durch eines der Fenster. Der Flugsteig B mit seinem sternförmigen Fingerende lag nun völlig verwaist bis auf die ungarische Tupolev-Maschine, die noch immer dort drüben mit gedrosselten Triebwerken vor B-42 stand. Falls es tatsächlich knallen sollte, passieren konnte ihr nichts. Die Distanz war zu groß.
An der Absperrung sah er nun einen langen, blonden Kerl in einer karamelfarbenen Lederjacke, der auf seine Leute einfuchtelte. Das Gesicht mit der komisch hochgewölbten Haartolle kannte er doch? Journalist, dachte er. Stimmt: ›Express‹. Wie hieß er noch? Götter oder so ähnlich. Nun kam auch noch einer der BGS-Beamten vom Bundesgrenzschutz angerannt.
»Herr Brunner, da ist …«
»Ja. Ich weiß. Götter vom ›Express‹.«
»Göttner heißt der, Herr Brunner. Er behauptet, er sei's gewesen, der veranlaßte, daß die Warnung sofort durchgegeben wurde.«
»Der?«
»Ja. Und nun will er hier rein. Können wir ihn durchlassen?«
»Sind Sie verrückt? – Nie!«
Wieder schielte Brunner auf die Uhr. 16.44 Uhr. Es war eigentlich wie bei einem Endspiel. Zuerst zog sich die Zeit wie Gummi – dann begann sie plötzlich zu schnurren.
»Er sagt, er habe Ihnen dringend etwas mitzuteilen.«
»Na gut.« Brunner seufzte.
Der Schäferhund fing schon wieder an zu fiepen. Die beiden LKA-Experten aber standen auf der Leiter und schraubten eine neue Platte ab.
»Wie wird es denen jetzt wohl zumute sein, verflixt nochmal?« dachte Brunner.
Natürlich hatte ihm dieser Saftsack von Journalist nichts ›mitzuteilen‹. Alles, was er von ihm erfuhr, war, daß Göttner im Rotkreuz-Krankenhaus Rosers Sohn die Polizei-Nummer gegeben hatte. Über den Tisch ziehen wollte der ihn. Ob er nicht Fotos schießen könne? Und wedelte mit einer Kamera herum: »Habe ich für diesen Zweck am Kiosk gekauft. Bis meine Fotografin hier ist – na, Sie wissen ja …«
»Machen Sie Selbstportraits, damit es nicht umsonst war. Hier kommen Sie nicht durch. Keine Fotos. Das ist doch keine Veranstaltung.«
»He, Brunner! Schließlich haben Sie es mir zu verdanken …«
Brunner schüttelte den Kopf. Typen wie der? Verwechseln das ganze Leben mit einer Marktplatz-Kirmes. Selbst bei einer solchen Situation! – Er rannte zurück und sah im Laufen, daß die Maschine aus Ungarn nun doch ihren Platz verlassen hatte. Langsam rollte sie zwischen den beiden Flugsteigen B und C dem Flugfeld entgegen.
Sieht eigentlich aus wie eine 727, dachte er noch. Nur kleiner …
Und dann blieb Brunner stehen. Denn Greif und Scheidt kamen ihm entgegen. Scheidt tätschelte den muskulösen Hals des Schäferhundes, der stolz, mit hocherhobenem Kopf und hocherhobener Rute neben ihm herschritt.
»Das Ding ist gefunden«, sagte Scheidt und nickte seinem Hund zu: »Er hat's gefunden.«
»Wirklich?« Brunner sah zu den beiden Männern hinüber. Beide standen noch auf der Leiter, standen ganz oben. »Wie hat er das nur geschafft?« Brunner strich über Greifs Kopf.
»Da reichen ein paar Duftmoleküle, Herr Brunner. Wenn die nach Kerosin stinken, fängt er sie immer ein. – Aber jetzt sollen wir zurück in Deckung, hat der LKA-Mensch gesagt. Sie fangen an zu entschärfen.«
Der Gang hier? Flugsteig oder wie immer das heißt – weit war er. Weit, leer und doppelt so lang als zuvor. Dort hinten, hinter der Absperrung, lauerten nur noch ein paar verlorene Figuren.
Horst Ott, der jüngere der Feuerwerker, drehte wieder den Kopf zur Leiter, betrachtete die Absätze seines Kollegen Hallbach und dachte: Ich mag weder Fliegen noch Flieger … Ist mir irgendwie zu unsicher. Da fahr ich lieber mit dem Auto in den Urlaub, als daß ich mich auf 'nem Airport mit Koffern abschleppe und in so 'nen Konservenvogel pressen lasse … Was brauche ich Mallorca oder USA? Die Eifel ist mir lieber. Oder auch mal Schwarzwald. Schwarzwald ist eigentlich noch schöner …
»Gib mal die Flachzange, Ott!« wurde er aus seinen Gedanken gerissen. »Die Nummer drei.«
»Hier. – Wie sieht's denn aus, Herr Hallbach?«
»Gut! Das ist 'ne Anfänger-Schaltung. Ziemlich primitiv … Aber die Uhr hat sich verkantet, und ich komm nicht so recht ran.«
»Und die Ladung?«
»Noch nicht mal 'n halbes Kilo. Das kriegen wir hin, ohne weiteres.«
Ohne weiteres? Was wäre denn das ›weitere‹? – Der hat vielleicht die Ruhe weg, der Hallbach. Kalt wie 'n Hering. Das letzte Mal, bei diesem Mafia-Ding, eine Autoladung – da nimmt er einfach den Handschweißbrenner und schneidet sich bis auf drei Zentimeter an den Zünder ran … Und ich? Blut und Wasser hab ich geschwitzt, konnte ja nicht weglaufen – was für 'ne Zitterpartie! Beinahe in die Hosen hätte ich geschissen … »Gibt sich«, sagte Hallbach zu sowas, »mit den Jahren …« Die Jahre hat er immerhin geschafft … Wie sagte es der Pfarrer, damals, bei Bennos Taufe? »Beten hilft, Herr Ott. Beten Sie: Herr, ich lege mein Leben in deine Hände, denn dort weiß ich es gut beschützt … Sie müssen es aber nicht nur beten, Herr Ott! Sie müssen es glauben, Wort um Wort.«
Einen Scheiß tu ich! Wenn's knallt, gibt's keinen Herrn. Was ist das überhaupt für ein Job? Jedesmal spürst du, wie's dir aus den Achseln läuft und der Schweiß dir an den Rippen kitzelt.
»Ich komm da einfach nicht ran«, kam die Stimme von oben. »So? – Ne, so auch nicht …«
Na, wie denn, Hallbach? Kommst nicht ran? Es eilt. Sind noch elf Minuten, bis die Post abgeht. Und wenn die Angabe nicht stimmt? – Muß ja. Er hat doch die Uhr vor sich. Er hätte es längst gesagt. Oder wäre selbst gerannt.
»Ott?«
»Ja, Herr Hallbach.«
»Steig auf der anderen Seite hoch, das heißt – Moment! Bring mir das Ding gleich mit.«
Das ›Ding‹. Sein ›Ding‹. Es war ein nach Hallbachs Angaben konstruierter Spezialschneider mit zwei langen, stahlharten Kunststoffblättern, die an jedem Punkt unter dem gleichen Druck standen. Dafür sorgte die Mechanik. Das ›Ding‹ konnte beides: rasiermesserscharf trennen und zugleich isolieren. Wenn er es aber brauchte – hatte er die Kontakte nicht losbekommen? Es wurde haarig … Na gut: Das ›Ding‹ hatte bisher immer funktioniert. Aber jedesmal, wenn Hallbach es benutzte, drückte er selbst beide Lider zu.
Ott fühlte ein Prickeln im Nacken. Dann spürte er Wärme. An der Innenfläche seiner Hand. Feuchte Wärme.
Er stieg hoch: »Hier!«
Hallbach nickte. Nun konnte Ott die U-Eisen sehen. Und die Uhr – so ein billiger Kaufhaus-Wecker. Das Schwein hatte ihn mit grünem Isolierband festgeklebt. Da waren die Drähte, die zur Ladung führten: Ein fahlbraunes Rechteck, nicht viel größer als seine Hand.
»Amonal?«
Hallbach schüttelte den Kopf. »Pionier-Material. – Steig noch eine oder vielleicht zwei Stufen höher. Und dann kante die Uhr ein bißchen nach links. Das geht. Ich hab's probiert.«
Otts Herz schlug nun nicht mehr schnell, sondern erstaunlich ruhig, fast quälend langsam. Er schwitzte auch nicht länger. Er beobachtete seine Hände, kein Zittern drin. Er tat, was Hallbach ihm gesagt hatte und spürte den Druck des Uhrengehäuses an seinen Fingerspitzen. Sie kribbelten.
Hallbach setzte das ›Ding‹ an, drehte an der Einstellschraube, drehte ein wenig zu – noch eine Drehung …
In den Thriller-Filmen, in denen sie immer so 'ne dicke, runde, chromglänzende Atombombe entschärfen, stehen in solchen Augenblicken meist vier Mann rum. Jeder hat ein Kabel in der Hand. Und der fünfte zählt: »Drei-zwei-eins.« Und dann: »Jetzt!«
Hallbach drückte die Augen nicht zusammen.
Er schnitt.
Und sah dabei genau hin.
Stille. Nichts. – Nur ein leeres Gefühl im Magen und tausend Mäuse im Darm. Und dann endlich das Grinsen: »Na ja, Herr Hallbach. War ja eigentlich gar nicht so schlimm …«
Hallbach legte das ›Ding‹ auf eine Leiterstufe und sah ihn versonnen an.
»Ist schon ein komischer Heini, dieser Attentäter!«
»Wie? – Wie bitte?« Horst Ott versuchte seine Stimme in Gewalt zu bekommen, damit sie genauso cool und ruhig klang wie die des Chefs.
»Überleg dir doch, Ott! Bis siebzehn Uhr war für den Flugsteig überhaupt keine Maschine angesagt. Gut, wenn da vielleicht irgendeine Figur vom Service oder von den Kollegen über das Förderband runtergegondelt wäre, die hätte es erwischt. Aber bei dem bißchen Sprengstoff hier drin, dazu noch unverdämmt, wäre es vielleicht nicht mal unbedingt tödlich …«
Und wir? dachte Ott. Wir wären doch in jedem Fall dran …
Es war der letzte Gedanke, den er dachte.
Was geschah, wie hätte er es begreifen können? Die Detonation nahmen seine Gehörnerven nicht mehr auf. Er erkannte nur noch eine Art Silbernebel, Wolken von in tausend Fragmente zersplitterndem Glas. Und fühlte sich hochgehoben und durch die Luft geschleudert.
Auch den Aufprall spürte Horst Ott nicht. Er war sofort tot. Zwei seiner Nackenwirbel waren gebrochen …
Die Druckwelle der Explosion wirbelte die schwere Leiter wie ein Kinderspielzeug über das Personen-Förderband gegen die andere Wand des Flugsteigs. Feuerwerker Hallbach lag drei Meter weiter am Boden. Er versuchte sich aufzustützen und schüttelte dabei benommen den aus vielen Schnittwunden blutenden Kopf. An der Absperrung am Zugang zum Flugsteig hörte man entsetzte Rufe, Stöhnen und Geschrei. Die meisten der Männer, die dort standen, hatten sich bereits beim Heranfauchen der Druckwelle und spätestens bei dem sengenden Krach der Detonation zu Boden geworfen. Nur Brunner und Göttner, die sich instinktiv hinter dem Mauervorsprung am Knick geduckt hatten, begriffen, was geschehen war.
Die Explosion hatte nicht im Gebäude stattgefunden, sondern draußen auf dem Vorfeld, zwischen Flugsteig B und Flugsteig C.
Brunner aber hatte es gesehen, ehe ihm die Stichflamme die Augen schloß: Es war die ungarische Tupolev-Maschine.
Sie war in die Luft geflogen …
Die Tupolev 124-A war 32 Stunden vorher in Budapest Richtung Hamburg gestartet, um in Fuhlsbüttel eine größere Ladung an Medikamenten und medizinischen Hilfsgütern aufzunehmen. Norddeutsche katholische und evangelische Kirchen-Organisationen hatten dies alles in einer Gemeinschafts-Aktion für die durch den Bürgerkrieg betroffene Bevölkerung in Bosnien gesammelt und zur Verfügung gestellt.
Es handelte sich um einen Charterflug. Weder in Zagreb noch in Ljubljana war ein geeignetes Flugzeug aufzutreiben gewesen, und so hatte sich der mit der Abwicklung der Operation befaßte kroatische Regierungsbeauftragte Jan Maric mit seinem Hilfeersuchen an die ungarische ›Hungarian Airlines Malev‹ gewandt und dort für einen Freundschafts-Preis die Flug-Zusage erhalten.
Ehe die Maschine am Dienstag in aller Frühe startete, war der größte Teil der Sitze ausgebaut worden, um Platz für Tonnen von Medikamenten und medizinischen Geräten zu schaffen.
Am Dienstag nachmittag belud dann eine Gruppe engagierter und begeisterter Mitglieder der Jugend-Organisation des Evangelischen Hilfswerks die Tupolev, während Herr Maric und die ungarische Besatzung von einem freundlichen Oberkirchenrat bewirtet und zu einer Stadtrundfahrt durch Hamburg eingeladen wurde.
Später dann, gegen 21 Uhr, brachte ein Lkw noch eine weitere Fracht zu der Maschine. Wiederum waren es Kisten. Die einen trugen den Aufdruck des Deutschen Roten Kreuzes, andere wiesen als Absender-Angabe den Namen einer namhaften pharmazeutischen Firma auf. Der Transport-Lkw gehörte zum Fuhrpark einer Hamburger internationalen Spedition. Und wie zuvor schon führte der Zoll seine Stichproben durch. Resultat: Medikamente.
Mag sein, daß es die Beamten angesichts von soviel ungebremster und begeisterter Hilfsbereitschaft nicht allzu genau nahmen. Die Folgen jedenfalls waren katastrophal. Wären die Zöllner streng nach Dienstvorschrift vorgegangen, hätten sie unter einer Schicht von pharmazeutischen Produkten einen anderen, höchst gefährlichen Fund gemacht: Panzerminen! Und die gleich zu Dutzenden. Panzerminen aus den Beständen der ehemaligen Nationalen Volksarmee der untergegangenen DDR.
Jeder dieser tellerförmigen Explosivkörper aus hochwertigem Stahl war so konstruiert, daß er einen sechzig oder siebzig Tonnen schweren Abraham- oder Tiger-Panzer zerreißen und außer Gefecht setzen konnte. Die Tupolev mußte gut hundert der teuflisch-brisanten Sprengkörper an Bord genommen haben. Dies ergaben die Untersuchungs-Berichte, die nach dem Unglück veröffentlicht wurden.
Die Maschine startete um 14.40 Uhr zu ihrem Flug nach Zagreb. Nach einer Stunde Flug allerdings würde sie in Frankfurt am Main eine Zwischenladung einschalten, um dort Mitglieder einer kroatischen Regierungs-Kommission aufzunehmen, die sich zu einem Experten-Austausch in der Bundesrepublik befanden, sowie zwei Ärzte der Hilfsorganisation ›Medizin ohne Grenzen‹.
Das große, schwere Flugzeug mit den drei Triebwerken am Heck und dem charakteristischen, auf das Seitenleitwerk aufgesetzten Höhenruder verließ in Frankfurt den Standplatz B-42 erst nach viermaliger Aufforderung des Towers.
Zeugen sagten später, daß zwei Männer, nach den Pässen gleichfalls Kroaten, aber offensichtlich nicht zur Funktionärs-Delegation gehörend, mit Frachtbändern und anderem Ladegeschirr an Bord gegangen wären.
Wie auch immer: Die Tupolev bewegte sich mit eigener Kraft zwischen den Flugsteigen hindurch und erreichte kurz vor 17 Uhr das sternförmige Ende des Flugsteigs B.
Auch hier waren inzwischen alle Positionen geräumt.
Wer immer in dieser infernalischen Inszenierung des Grauens die Regie führen mochte – für exaktes Timing war gesorgt.
Zur selben Minute nämlich näherte sich dem Stern aus westlicher Richtung einer der großen Gliederbusse der Flughafen-AG. ›Sonderfahrt‹ stand auf dem Schild neben dem Fahrer.
Der Bus war bis auf den letzten Platz besetzt. Seine Passagiere waren 42 junge Männer und sieben Mädchen, Schüler einer Gewerbeschule aus Hameln in Westfalen. Dazu befanden sich noch zwei Lehrer, eine Lehrerin und der Rundfahrt-Betreuer an Bord.
Die jungen Leute mochten ein wenig müde sein, aber sie waren bester Laune. Zwei Stunden waren sie nun bereits auf dem Riesengelände unterwegs, hatten Cola und Würstchen bekommen, waren in Flugzeuge geklettert, standen stumm und überwältigt in den riesigen Lufthansa-Werfthallen, hörten sich Vorträge über Navigations-Systeme, Flug-Kontrolle, Anflugs-Befeuerung und Landekurs-Sender an, betrachteten Radarschirme und was sich auf Rollbahnen, Start- und Landebahnen so abspielte. Sie waren sogar bei der Platz-Feuerwehr, im Fracht-Zentrum und im Luftpost-Gebäude gewesen.
Nun ging das ›Sight seeing‹ seinem Ende zu – und nun trafen sich Flugzeug und Bus zu einem tragischen, letzten, tödlichen Rendezvous …
Der Ablauf des Geschehens wurde, als alles vorüber war, aus Tausenden von Zeugenaussagen mosaikartig zusammengesetzt. Wer immer es miterlebte, er erlebte es anders.
Die exakteste Beschreibung lieferte wohl Sven Bergström, ein junger schwedischer Speditionskaufmann, der sich um die kritische Siebzehn-Uhr-Zeit im Büro eines Fracht-Agenten gegenüber des Sterns befand. Trotz des verhangenen Tages trug Bergström eine Brille mit getönten Gläsern, so daß er die Augen vor dem Explosionsblitz nicht zu schließen brauchte. Außerdem stand er etwas seitlich hinter einer Türleibung und duckte sich auch nicht instinktiv ab, wie es die meisten Zeugen beim Heranbrausen der Druckwelle taten; zum Beispiel all die Zeugen, die sich oben im Stern befanden, dessen Terrassen gleichfalls aus Vorsichtsgründen längst geräumt worden waren.
»Ich konnte ganz genau beobachten, wie die Tupolev in einen Rollweg einbiegen wollte, und wie zur selben Zeit ein großer Anhängerbus um den Stern bog. Das kam mir schon irgendwie komisch vor. Der Fahrer stoppte den Bus, um die Tupolev vorbeizulassen. Und dann kam der Krach. Eine lanzettenförmige Stichflamme stieg in die Höhe und hörte gar nicht auf. Drumherum war ein roter Feuerball. Und um den Feuerball schwarze Kerosin-Wolken. Riesige Wolken. Riesig, fett und pilzförmig, so daß ich für einen verrückten Augenblick lang dachte: Das ist der Krieg, eine Atombombe hat eingeschlagen. Oder einer hat sie gezündet, und jetzt gehen wir alle hopps.
Natürlich war es keine Atombombe. Es war Feuer. Und das Feuer machte einen Irrsinnskrach. Das donnerte wie zehn Jumbo-Triebwerke auf Höchstleistung. Noch schlimmer aber war diese riesenhafte Wolke. Und die Menschen, die starben. Und dieser grauenhafte Trümmerhagel, der dann runter kam …«
Die monströse, feuerdurchwobene Wolke aus kugelförmigen Hitzegebilden stieg höher und höher. In ihrem Innern trug sie Tausende von Trümmer-Fragmenten, die dort oben ein gigantisches, grausiges Ballett zu tanzen schienen: Aluminium- und Metall-Teile, zerrissene Flugzeug-Sessel, Stoff- und Bespannungsfetzen und Reste von menschlichen Körpern.
Am unteren Rand des schrecklichen Pilzes aber, dort, wo er das Vorfeld berührte und man nur noch die linke Fläche und den schlanken Bug der Maschine erkennen konnte, taumelten Gestalten aus dem fetten, schwarzen Rauchvorhang: Menschen, junge Menschen, mit ausgebreiteten Armen und brennenden Kleidern und Haaren.
Auch Friedhelm Brunner hatte die Katastrophe beobachtet. Er erkannte nichts als ein weißes, grelles Licht, dort, wo sich gerade die Tupolev noch bewegt hatte. Den Bus hatte er gar nicht gesehen.
Rüdiger Göttner wiederum hörte nur den Schlag, der sein Trommelfell zu zerfetzen drohte. Er warf sich zu Boden. Der Schmerz fuhr in seinen Arm, so heftig, so unerträglich, daß er zu schreien begann.
»Mein Arm! … Gott verdammt nochmal, mein Arm!«
Brunner sah ihn nur an: Damit mußt du jetzt wohl alleine fertig werden, Junge … Er sagte es nicht. Er dachte es. Und er dachte daran, was Dr. Hansen und die Airport-Klinik wohl jetzt erwartete …
Alarmstufe eins!
Nachdem Rosers Attentats-Warnung durchgegeben war, hatte Chefarzt Dr. Fritz Hansen veranlaßt, was der Katastrophen-Einsatzplan für diesen Fall vorsah: Die Teams standen bereit. Das zusätzliche Gerät, einschließlich der Brandschutzanzüge und Rauchmasken, war in die Notarztwagen geschafft worden. Auch die beiden gewaltigen Großraumfahrzeuge – wahre Technologie-Monster, die jeweils bis zu 130 Verletzte zur Erstversorgung aufnehmen konnten – standen einsatzbereit. Die Dauerverbindung mit der Katastrophen-Leitstelle FS-2 der Feuerwehr war gleichfalls hergestellt. Alles hatte geklappt. Wie auch nicht? Schließlich spielten sie Jahr um Jahr solche Fälle mit Routine-Übungen durch. Jeder Griff, jede Aktion war eingepaukt, so, wie es die Bundesanordnung ›Not- und Katastrophenfall‹ vorsah.
Eine Routine-Übung, nur unter etwas realistischeren Vorgaben, darauf würde es hinauslaufen. Fritz Hansen war davon überzeugt.
Auch die kurze Schaltkonferenz, die der Einsatzleiter von FS-2, der diensthabende Polizei-Chef Oberkommissar Riedl sowie Schutzdienst-Boß Brunner mit ihm geführt hatten, bestärkte ihn darin. Man war sich in zwei Punkten einig geworden: Der Attentäter hatte den C-Bereich für seine Aktion gewählt, um auch die Klinik zu ›bestrafen‹. Schließlich befand sie sich knapp hundertfünfzig Meter weit von den Gates C-64 und C-65. Zum zweiten: Bei der massiven Gebäudekonstruktion und der Entfernung konnte die Klinik auch dann nicht von dem Anschlag in Mitleidenschaft gezogen werden, falls die Entschärfung der Bombe mißlang. Der Klinik-Betrieb würde, nein, mußte aufrechterhalten bleiben.
Entsprechend lautete Hansens Anweisung: »Weitermachen. Business as usual …«
Die Türen blieben zwar verschlossen – auch die Notruf-Nummer 690-3000 wurde abgeschaltet, da sich durch den geräumten C-Bereich der Klinik ohnehin niemand nähern konnte –, doch gab es noch genügend Patienten zu versorgen. Zum Beispiel einen älteren Mann mit schlimmen Gallen-Koliken, offensichtlich die Folge eines Gallengang-Verschlusses. Eigentlich hätte er sofort zur Weiterbehandlung transportiert werden müssen; doch ehe nicht Entwarnung kam, war das nicht möglich. So wurde er mit starken Schmerzmitteln ruhiggestellt und in ein Zimmer gebracht.
Dann war da eine Frau, die sich offensichtlich unter einem starken psychotischen, durch Hysterie oder eine Neurose ausgelösten Schub befand. Man hatte sie in hochgradigem Erregungszustand in einem Waschraum gefunden. Eine Schutzdienst-Beamtin, die sie zu beruhigen versuchte, war von ihr in die Hand gebissen worden. Aus dem Strom verstörter und verwirrter Worte, die sie unter Tränen herauspreßte, vermochte niemand herauszufinden, was ihre Wahnvorstellungen ausgelöst hatte. Eine organische Hirnerkrankung schien nicht vorzuliegen, und so blieb Dr. Hansen angesichts der gespannten Situation auch in diesem Fall nichts anderes übrig, als die Frau mit starken Neuroleptika zu beruhigen und in einem der Krankenzimmer unterzubringen.
Oberpfleger Fritz Wullemann, den er hier hinzugezogen hatte, weil schon seine pure Anwesenheit auf seelisch belastete oder gestörte Menschen oft beruhigend wirkte, führte sie hinaus.
Hansen griff zum Telefon: »So. – Und was hätten wir jetzt?«
»Da ist noch dieser Junge mit den Asthma-Anfällen. Und dann ein Wespenstich … Allergikerin. Sieht übel aus.«
Er sah auf seine Uhr. 16.50 Uhr.
»Ich muß mich im Augenblick freihalten. Sagen Sie dem Kollegen Honolka, er möge das bitte übernehmen.«
Die Tür öffnete sich. Fritz Wullemann kam zurück.
»Wie steht's?«
»Wie schon? Die Spritze hat im Jang anjefangen zu wirken. Ick hab se richtig ins Bett schleppen müssen. Brauchte nich mal Händchen zu halten. Die iss jleich einjeschlafen. – Doktor? Was jetzt?«
Die letzten Worte konnte Hansen schon nicht mehr hören. Ein gewaltiger Höllenschlag schien in seinen Trommelfellen zu explodieren, ein Widerhall in seinem Schädel, ein Krachen im Raum, der Boden zitterte, die Wände schwankten.
Der Chefarzt war aufgesprungen, als habe ihn eine unheimliche Kraft hochkatapultiert. Nach einer Sekunde totaler Lähmung erhoben sich draußen Schreie und Angstrufe. Und da war Fritz Wullemann, der ihn anstarrte und aussprach, was er selbst dachte: »Det war nich im Bau, Doktor. Det war uff 'm Platz. Und det war ooch mehr als 'ne kleene Bombe.«
Hansen rannte zum Fenster. Die Klinik lag geschützt in ihrem Innenhof, die Scheiben waren heil geblieben, doch der Flügel klemmte.
Er riß ihn auf.
Rauch. Eine riesige, schwarze Rauchwolke. Und nun, überall, auf Terrassen, Dächern, Zementplatten – sonderbare klatschende und scheppernde Geräusche. Dort, noch keine zehn Meter vor der Kühlerhaube des zweiten Notarztwagens, zitterte ein großes, silberglänzendes Stück Blech auf den ölfleckigen Hof: Aluminium. Die Ränder brandgeschwärzt und verbogen.
»Oh heiliger Jesus«, stöhnte Wullemann.
»Raus, Fritz!«
Sie rannten. Als sie mit den anderen den Hof erreichten, war die Luft erfüllt von dem tosenden Donnern eines Brandes, durch das aus allen Richtungen das Winseln der Polizei-Sirenen und das Klirren des Feuerwehr-Alarms drang.
Hansen und Wullemann liefen zum Notarztwagen eins, um ihre Einsatzpositionen einzunehmen. Die Mauervorsprünge, der Hof selbst … überall Trümmer. Die anderen drei Ärzte – Walter Hechter, der junge Fred Wicke und Olaf Honolka – waren bereits beim Wagen zwei. Sie alle, wie jeder der zwanzig Pfleger und Sanitäter, kannten ihre Plätze. Es gab nichts zu sagen. Der erste Krankentransporter preschte bereits an ihnen vorbei. Auch in den beiden Großraumfahrzeugen, diesen Ungetümen auf Rädern, mobilen Kliniken, ließen die Fahrer die schweren Dieselmotoren aufdröhnen.
»Na, los schon, Reisser«, rief Hansen, »gib endlich Gas!«
Der Wagen bog aus dem Hof. Dort vorn brannte es. Mußte gleich neben dem Stern sein. Auf den Rollwegen, den Abstellplätzen, selbst auf geparkten Fahrzeugen und Containern lagen verschieden große Trümmer. Manche waren winzig, nur splittergroß.
»Mann! – Um Himmelswillen, paß auf!« schrie Wullemann. Der Fahrer riß den Notarztwagen in eine gefährliche Rechtskurve. Die Reifen kreischten.
Nun hatte es auch Hansen gesehen: Auf den verschmierten Zementplatten lag der Torso eines Menschen. Der Kopf fehlte. Arme und Beine waren abgerissen. Aus dem zerschmetterten Unterkörper floß das Blut …
»Ach, kommen Sie doch am besten um siebzehn Uhr bei mir vorbei«, hatte Professor Wollgiebel am Telefon gesagt …
Daß Dr. Rolf Gräfe bereits zehn Minuten vor dem Termin in Wollgiebels Vorzimmer saß, schien dem vielbeschäftigten Uni-Star der Orthopädie nichts auszumachen. Gräfe wurde sofort hereingebeten. Und warum? dachte Gräfe. Weil er ein schlechtes Gewissen hat. Was sonst? Am Anfang schien bei der Behandlung der Unfallfolgen noch alles glattzugehen, doch dann begannen die Komplikationen: Die Verschraubung der Knochenplatte löste sich bereits zum zweiten Mal, die Kallusbildung schien verzögert, das verdammte Bein fing wieder an zu schmerzen. Und er – nun, er hockte jetzt schon wieder in diesem dämlichen Chef-Zimmer und hatte die Wahl, die gerahmten Prominenten-Fotos mit Widmungen an der Wand anzustarren oder diesen beschissenen Befund, den der Herr Professor gerade mit vielen Röntgenaufnahmen am Leuchttisch vorführte.
Gräfe betrachtete den Rücken des Professors und den schmalen, noblen, weißhaarigen Ordinarien-Schädel.
Er ist einfach zu alt, das ist es. Ich hätte auf einem jüngeren Operateur bestehen müssen, aber dazu hatte ich ja nie die Chance.
Professor Wollgiebel drehte sich um: »Nun kommen Sie doch hierher!«
Und Gräfe humpelte zum Leuchttisch.
»Sehen Sie, hier, das kriegen wir hin. Drei, vier Wochen noch, nicht länger. Ich garantier' es Ihnen.«
»Drei, vier Wochen? Für mich ist das ziemlich unangenehm, Herr Professor.«
»Nicht nur für Sie, lieber Kollege, nicht nur für Sie …« Wollgiebel blickte ihn halb betrübt, halb vorwurfsvoll über seine Halbbrille an. »Sind die Beschwerden denn wirklich so schwer zu ertragen, Herr Gräfe?«
»Es sind nicht die Beschwerden. Es handelt sich um meine neue Stelle. Man hat mir in Göppingen die Übernahme einer Chirurgischen Station angeboten. Und ich kann in voller Selbständigkeit arbeiten, was für mich besonders interessant ist. Ich wollte nächsten Montag dort hin. Zur Vorstellungs-Tour. Die Leute warten auf mich.«
»Nun, angesichts der besonderen Umstände hat man doch sicher Verständnis? Das läßt sich doch verschieben?«
»Verschieben läßt sich alles, Herr Professor. Bloß …«
Er kam nicht weiter. Der kleine Lautsprecher auf Wollgiebels Schreibtisch knackte, und dann war die Stimme seiner Sekretärin zu hören: »Herr Professor! Es ist was ganz Wichtiges. Darf ich Sie einen Moment stören?«
Wollgiebel drückte auf den Intercom-Schalter. »Was ist denn?«
»Ein schreckliches Unglück am Flughafen, Herr Professor. Eine Groß-Katastrophe anscheinend. Da muß ein Flugzeug mitten im Gelände explodiert sein. Eine Bombe. Wir sollen uns bereithalten. Alle Kliniken sind alarmiert. Im Radio kommt gerade die Meldung durch.«
Die beiden Ärzte sahen sich an. Wollgiebel lief ohne ein weiteres Wort zur Tür. Gräfe humpelte, so gut es ging, hinter ihm her und biß die Zähne zusammen, um die Schmerzen zu unterdrücken.
Groß-Katastrophe? Was soll denn das?
Die Sekretärin schob ihm einen Stuhl zu. Er setzte sich nicht. Mit vorgestrecktem Kopf und ungläubig aufgerissenen Augen lauschte er der Sprecherstimme aus dem Radiogerät:
… HANDELT ES SICH UM EINE MASCHINE DER UNGARISCHEN LUFTLINIE MALEV, DIE VON DER KROATISCHEN REGIERUNG ZUM TRANSPORT VON HILFSGÜTERN IN DAS KRISENGEBIET VON BOSNIEN UND MONTE NEGRO GECHARTERT WORDEN WAR. NACH DEM UMFANG UND DER GEWALT DER EXPLOSION ZU URTEILEN, HATTE DAS FLUGZEUG JEDOCH NICHT NUR MEDIKAMENTE, SONDERN AUCH KRIEGSMATERIAL, VOR ALLEM SPRENGSTOFF AN BORD.
DIE EXPLOSION TÖTETE AUF DER STELLE DIE VIERKÖPFIGE BESATZUNG UND DIE PASSAGIERE, UNTER DENEN SICH NICHT NUR KROATEN, SONDERN AUCH ZWEI ÄRZTE DER ORGANISATION ›MEDIZIN OHNE GRENZEN‹ BEFANDEN. SIE ZERSTÖRTE AUCH EINEN ZUFÄLLIG VORBEIKOMMENDEN OMNIBUS DER FRANKFURTER FLUGHAFEN-GESELLSCHAFT AG, IN DEM SICH NEUNUNDVIERZIG SCHÜLER DER GEWERBESCHULE HAMELN SOWIE DREI LEHRKRÄFTE DIESER SCHULE BEFANDEN. DIE ZAHL DER TODESOPFER UND VERLETZTEN UNTER DEN SCHÜLERN UND LEHRKRÄFTEN, DIE ZU EINER BESICHTIGUNGSTOUR …
»Mein Gott«, flüsterte Wollgiebel, »lauter Kinder!«
… IST NOCH NICHT BEKANNT. ALLE KRANKENHÄUSER UND KLINIKEN DES RHEIN-MAIN-GEBIETS SIND WEGEN DER KATASTROPHE IN ALARMBEREITSCHAFT GESETZT WORDEN. DIE FEUERWEHR HAT DEN BRAND BEREITS UNTER KONTROLLE. DIE EINSATZKRÄFTE DES ROTEN KREUZES UND DER MEDIZINISCHEN HILFSORGANISATIONEN …
Der Radiosprecher redete weiter, und für Rolf Gräfe wurde jedes einzelne Wort zur Folter.
»Ein Taxi!« schrie er.
Die Frau hinter ihrem Schreibtisch starrte ihn verständnislos an.
»Ein Taxi, verdammt nochmal! Haben Sie nicht gehört? Besorgen Sie mir sofort ein Taxi.«
»Sie können doch nicht in diesem Zustand …«
»Und ob ich kann! Na, los schon. Machen Sie doch zu.«
»In solchen Situationen, wenn ein paar Dutzend unversorgter Schwerstverwundeter herumliegen und sie draußen immer mehr ankarren, möchtest du nichts, als erst mal davonrennen. Und da du das ja nicht kannst, hast du das Gefühl, unterzugehen. Aber das gibt sich schon, wenn sie dir den ersten auf den Tisch legen …«
Das hatte Oberstabs-Arzt Jakob Hansen berichtet, Chef eines Front-Lazaretts in Stalingrad.
Fritz Hansens Vater hatte nie viel vom Krieg erzählt. Er war ja auch bald nach seiner Entlassung aus russischer Gefangenschaft gestorben. Und Fritz hatte höflich zugehört; hatte auch versucht, sich das alles vorzustellen. Doch es war ihm nicht gelungen. Nun aber – oh ja! Nun sah er es. Und erinnerte sich an das, was sein Vater gesagt hatte. Erinnerte sich Wort um Wort:
»In solchen Situationen schlägt die Stunde der Wahrheit. Dann weißt du, mit wem du es zu tun hast. Nicht nur bei den anderen, auch bei dir selbst. Da lernst du dich kennen, mein Junge … Das Wichtigste ist eiserne Ruhe. Ganz klar und eiskalt die Situation analysieren, die Fälle nach ihren Möglichkeiten einteilen und sich dran halten. Alle kannst du nicht retten. Und die Zeit, die du an einen Todgeweihten verschwendest, nimmst du dem, der vielleicht durchkommen könnte. Du mußt handeln und denken wie eine Maschine. Und das ist man ja dann auch – nichts als eine Maschine …«
Nichts als eine Maschine?
Was bedeutete das?
Das Entsetzen zurückdrängen vor dem Anblick zerrissener Körper, abgetrennter Gliedmaßen, von Hitze zerstörter, schwarzverbrannter, aufgedunsener junger Gesichter, aus denen die Augen verzweifelt um Hilfe flehen.
Sich eisern an die Regeln halten, die er für die Airport-Klinik ja selbst mitformuliert hatte.
Für diesen Fall, bei dem die Mehrzahl der Opfer schwerste thermische Verbrennungen erlitten hatte, war vorgesehen, das Großraumfahrzeug ›Alpha‹ als Verbrennungs-Versorgungs-Einheit einzusetzen.
Doch die Explosions-Opfer wiesen nicht nur die schrecklichsten Hautzerstörungen, sondern auch andere Verletzungen auf. Walter Hechter, der schon einige Kurse in der Versorgung von Verbrennungsopfern absolviert hatte, würde die Verantwortung im Wagen ›Alpha‹ übernehmen. Er hatte zur Unterstützung Dorothe Öhlers, die neue Anästhesistin, bei sich, und außerdem noch die beste der OP-Schwestern, die ›eiserne Tina‹.
Olaf Honolka und der junge Fred Wicke wiederum sollten mit dem Rest des Teams im zweiten Großraumwagen ›Beta‹ die Nichtverbrannten behandeln.
Chefarzt Dr. Fritz Hansen und Oberpfleger Wullemann nahmen sich sozusagen als ›Springer‹ der schlimmsten Fälle in beiden Wagen an. Das verhalf Hansen zudem dazu, die Übersicht zu bewahren. Zunächst aber rannten sie noch zwischen den beißenden Rauchschwaden herum, um die Opfer zu versorgen und einzusammeln.
»Wissen Se, wat det iss, Doktor?« hustete Wullemann. »Dante iss det! Det schiere Inferno.«
Und das war es auch.
Hansens Augen tränten. Er nahm das Funkgerät hoch: »O2-Masken bereitstellen! Alle. Wir brauchen jede Menge Sauerstoff. Die Leute sterben uns hier an Rauchvergiftung, ehe wir sie drin im Wagen haben.«
Er lief weiter. Seine Lungen stachen. Aus dem Gewoge der dunklen, beißenden Schleier kam das Stöhnen der Verletzten und der Sterbenden. Keine Schreie darunter, schwach nur noch die Stimmen – und doch ein wahrer Höllen-Chor.
Dann wurde es schlagartig hell um sie. Und auch das grausam röhrende Flammengeräusch war leise geworden. Die Schaum-Kanonen der Flughafen-Feuerwehr begannen den Sieg davonzutragen.
Sie aber sahen! Und das Herz setzte ihnen aus.
»Oh Gott«, stöhnte Wullemann. »Sind Kinder. Sind doch alles Kinder …«
Links, seitlich, noch keine fünf Meter entfernt – das erste Opfer.
»Nein, Doktor … Oh Gott, oh Gott …«
Der liebe Gott half jetzt auch nicht weiter. Wann tat er das je in solchen Augenblicken? … Aber der Anblick des verstümmelten und verbrannten Körpers dort auf dem blutbefleckten Beton war beinahe unerträglich. Von den Beinen des Mädchens existierten nur noch Stümpfe. Sie waren oberhalb des Knies abgetrennt. Und aus rohem Fleisch sah man die Knochen herausragen. Eine Jeansjacke hing in Fetzen um den Oberkörper. Das Gesicht schwarz wie Kohle – und darin die Augen! Das Mädchen lebte noch und blickte Hansen an, als er sich niederkniete, versuchte sogar den Kopf mit den vollkommen abgesengten Haaren hochzunehmen.
»Die Druckmanschetten, Fritz.« Er sagte es fast automatisch. »Dann Plasma.«
DAS WICHTIGSTE: GANZ KLAR UND KALT DIE SITUATION ANALYSIEREN …
Er schob mit den Fingerspitzen vorsichtig die Jeansfetzen zur Seite. Das Mädchen kämpfte um Luft, röchelte. Es fühlte keine Schmerzen, es befand sich im Schock. Dazu kam vermutlich eine Rauchvergiftung.
Fritz Wullemann hatte in fliegender Hast unterbunden und gleichzeitig am rechten Oberschenkel einen venösen Zugang für die Plasma-Infusion geschaffen.
»Wir müssen sie inhibieren, Fritz. Sauerstoff … Möglichst hier schon, wenn's geht.«
»Sani!« brüllte Wullemann. »Los, hier rüber! Sauerstoffmaske!«
Sie kamen angerannt. Einen Endotracheal-Tubus? Durch die Nase ging es nicht, sie war zugeschwollen. Aber auch Mund und Gaumen schienen geschädigt.
Hansen seufzte: Der erste Fall, die erste Entscheidung. Hier fiel sie leicht. Gesicht und Oberarme wiesen zwar schwere Brandverletzungen zweiten und dritten Grades auf, dazu der Verletzungs-Schock – aber sie hatte trotzdem Chancen. Es lohnte, um sie zu kämpfen.
Er gab ein kreislaufstützendes Mittel in die Infusion.
»Bringt sie sofort auf den Tisch von ›Alpha‹«, schärfte Hansen den Sanitätern ein. »Und sagen Sie Dr. Hechter, er soll sofort einen Luftröhrenschnitt vornehmen. Sie läßt sich nur so intubieren. Es ist lebenswichtig bei ihr. Haben Sie verstanden?«
»Und ob, Herr Doktor!«
Die Sanis rannten los …
Der nächste – tot. Ein Junge … Oberkörper, Arme, Gesicht verbrannt. Nur die Haare schimmerten noch blond. Sein Schädel war eingedrückt.
Und wieder ein Opfer. Keine zehn Meter weiter. Hansen kauerte sich auf den Beton. Um ihn die Rufe der Sanitäter. Nun waren auch Bundesgrenzschutz-Beamte aufgetaucht, um bei der Bergung mitzuarbeiten. Der Mann, der hier lag jedoch … Sein Alter war nicht mehr zu bestimmen. Jung jedenfalls war er nicht. Die schwarze leder-, fast krustenartige Hautschicht war kaum von der verbrannten Kleidung zu unterscheiden.
Hansen suchte die Halsschlagader: Lebte! – Noch …
Aber dies hier war eine vollständige dermale Verbrennung. Das Feuer hatte sich durch alle Hautschichten in die unteren Gewebebezirke durchgefressen. – Die Hautgefäße hier? Kein Blut, sie waren verstopft, thromboisiert … Er dachte an die alte Grundregel: Nimm die Prozentzahl der Verbrennungsausdehnung und zähle die Lebensjahre hinzu. Falls die Summe eine Zahl über hundert ergibt, ist der Fall hoffnungslos.
Er war es.
»Bringen Sie ihn zu dem Großraumwagen mit den Verbrennungsfällen«, sagte er zu den beiden BGS-Männern, die mit ihrer Trage vor ihm standen. »Und sagen Sie dem Arzt nur eine Zahl: Vier. Verstanden?«
»Vier! – Jawohl.«
VIER. – Für derartige Katastrophen hatten sie vier Kategorien geschaffen: Erstens die Fälle, die sofortiges Handeln notwendig machten. Dann die Fälle, die nach einer Erstversorgung in die Kliniken abgeschoben werden konnten. Drittens Fälle, die nicht transportfähig waren und daher einer intensiven Versorgung bedurften. Schließlich die Kategorie vier: hoffnungslos … Das Einzige, was noch getan werden konnte, war Linderung der Schmerzen.
Kategorie vier – ein Todesurteil? Nein. Er war nicht zu retten …
Er dachte es, als er der Bahre nachsah und den schmerzenden Rücken streckte. Überall rannten die Retter-Paare, mit den Tragen zwischen sich. Auch er mußte sofort zurück, um am OP-Tisch die notwendigsten Eingriffe zu machen.
Er begann wieder zu laufen, mäßigte dann seinen Schritt. EISERNE RUHE … Was nützt es, wenn du mit fliegendem Puls an einem der OP-Tische im Wagen stehst?
Und als er so ging, die Wracks und Trümmer sah und die ausgebrannte Maschine dort, deren gesamter Heckteil vollständig weggesprengt worden war, sowie den umgekippten Bus – da konnte er ungefähr rekonstruieren, was passiert sein mußte. Die gewaltige Detonation hatte den Bus zur Seite geschleudert und umgekippt. Doch den Brand hatte nicht das auslaufende Flugkerosin verursacht, wie er zunächst angenommen hatte, sondern das Benzin aus dem Bus-Tank. Und es mußte sich auch nicht gleich entzündet haben, denn die Schiebetüren standen offen, und viele dieser armen jungen Menschen hatten sich noch ins Freie retten können, ehe das Höllenfeuer losbrach …
»Mensch, Doktor«, keuchte Fritz Wullemann neben ihm, »wann kommen denn bloß endlich die anderen?«
Ja, wann?! Wann endlich kamen andere Ärzte? Wann kam Hilfe? Gegen diesen Ansturm von Tod und Schmerz waren sie nichts als ein verlorener Haufen …
Die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren. Sekunden, die sich ins Endlose zogen. Minuten, die wie Stunden wogen. – Am Wagen ›Alpha‹, dem Großraumfahrzeug, in dem man die Verbrennungsfälle versorgte, waren die Seitenwände ausgezogen und mit einem Segeltuch-Dach versehen worden. In dem so gewonnenen Raum standen die Bahren mit den Opfern. Die meisten waren bereits für den Transport in Metallfolie gekühlt. Helfer rannten an den Reihen entlang, kühlten die verbrannten Hautbezirke mit kaltem, sterilem Wasser, Eisbeuteln, Eiskompressen und bekämpften die Rauchvergiftung, die viele der Schüler erlitten hatten, mit Sauerstoff-Inhalationen. Sie legten Blasen-Katheter und Magensonden, gaben die schweren Analgetika, um die unerträglichen Schmerzen nicht aufkommen zu lassen, und versuchten mit Ringer-Lactat-Lösungen und Plasma-Infusionen die ständige Gefahr eines Verbrennungs-Schocks zu bannen.
Still war es hier. Aber vielleicht bildete Hansen sich die Stille auch nur ein. Nichts als unterdrückte Stimmen, Röcheln, geschlossene Augen, verbrannte Gesichter.
Innen, in einer der beiden Operations-Zellen, versorgte Walter Hechter gerade eine offene Rippen-Fraktur, denn ehe die Verletzten in eines der Verbrennungs-Zentren gebracht werden konnte, mußte die wichtigste Primär-Versorgung geleistet sein. Er arbeitete schweigend, verbissen und geschickt. Lukrezia und Tina Zander halfen. Lukrezia liefen Tränen über die Wangen.
Himmelherrgott nochmal, wann kamen sie endlich?! Wann fuhren hier die ersten Klinik-Sankas auf?
Hansen lief hinüber zum ›Beta‹-Wagen. Auch hier dasselbe Bild: Sanitäter, die sich über Bahren knieten und Plasma-Behälter hochhielten. Blutdurchtränkte Verbände. Aufgerissene, um Atem kämpfende Münder und stille, blasse, so unendlich junge Gesichter …
An zweien der drei Tische waren Fred Wicke und Olaf Honolka an der Arbeit. Fred Wicke nähte gerade mit raschen, umsichtigen Stichen eine gewaltige Fleisch-Rückenwunde, tamponierte, ließ sich von Bärbel Rupert eine Drainage geben. Olaf Honolka aber …
Hansen kam im rechten Augenblick. »Sehen Sie sich das an, Herr Dr. Hansen! Ein stumpfes Bauch-Trauma – und was für eines!«
Britte Happel, die ihm assistierte, hatte denselben Ausdruck ratloser Verzweiflung im Blick. Kornblumen-Auge – er dachte es plötzlich. Dabei war es doch so absurd in dieser Umgebung.
Eine akute, lebensbedrohende Situation, ohne Zweifel. Der Bauchumfang dieses armen Jungen hatte gewaltig zugenommen. Als Hansen das Stethoskop ansetzte, waren deutlich Darmgeräusche zu vernehmen. Blutansammlung – sicher. Eine Pfortader-Verletzung vielleicht?
Britte Happel hatte sich ohne ein Wort abgewandt und brachte das Lavage-Gerät. Er bewunderte sie in dieser Sekunde. Zweifellos war es angebracht, eine Kanüle einzuführen, die Flüssigkeit abzusaugen und so zu einer genaueren Diagnose zu kommen. Für alle anderen Untersuchungen fehlte die Zeit …
Eine zweite Hand legte sich neben die seine und betastete die gespannte, feuchte Haut des Jungen.
Fritz Hansen sah hoch. Er blickte in ein paar dunkle, konzentrierte Augen.
»Du?«
»Ja. – Ich!« Rolf Gräfe leistete sich ein leichtes Grinsen. »Wundert dich das?«
Hansen schüttelte nur den Kopf. Und er erinnerte sich nicht, je im Leben ein solches Gefühl von Wärme und Dankbarkeit über das Auftauchen eines Menschen erlebt zu haben.
»Fritz – könnte eine Pfortader sein. Aber für mich ist das eine Leber-Ruptur. Bestimmt ist es das. Wir sollten sofort öffnen. Auch die Lavage ist doch nur Zeitverlust.«
»Wir?«
»Ich«, sagte Rolf Gräfe.
»Damit?« Hansen blickte auf sein Gipsbein.
»Ja. Damit. Wullemann, kannst du den Patienten rüber in die sterile Zelle bringen?«
Wullemann nickte.
»Und Britte … ach, Britte! Würdest du mir helfen? Ich meine, falls du mich als Arzt noch akzeptierst?«
Britte nickte, wollte etwas sagen, zögerte kurz, sagte es dann doch und vor allen anderen: »Nicht nur als Arzt …«
»Na, dann ist doch alles bestens.«
Fritz Hansen fand das auch. Für diese einzige Sekunde wenigstens, für einen langen, schwebenden Augenblick des Glücks.
Sie schoben den jungen Patienten hinüber in die sterile Operations-Zelle. Der Tisch hier wurde bereits für die Aufnahme des nächsten Verletzten vorbereitet.
Und dann sagte irgendeine Stimme plötzlich: »Sie kommen! Endlich … sie kommen.«
Jetzt hörte es auch Fritz Hansen: das wilde, ferne Auf und Ab unendlich vieler Sanka-Wagen-Sirenen.
»Los schon«, sagte er. »Der nächste …«
Weiß und schlank waren die Fischerboote. Und die Rümpfe bis zur Wasserlinie meist grün gestrichen. Vorn am Bug hatten sie zwei schwarze Augen aufgemalt. Vielleicht zur Abwehr der bösen Meeresgeister.
Auf den rotbraunen und grauen Bergkuppen erhoben sich Klöster und Kapellen. Es gab den Schatten der Schirmpinien und Olivenbäume, die sich an den verrücktesten Stellen festklammerten. Und es gab den weißrosa Schaumstreifen der Brandung. Und natürlich das Meer! Ein Meer von tiefem tintigen Blau, ewig und endlos. Und dort, wo sich seine Wogen an den Felsen brachen, schimmerte es wie Smaragd.
Das Paradies auf dem Werbe-Poster! Kein Zweifel. Doch der Wind, der die Haut streichelte, die Stille und der Gesang der Brandung waren echt.
Hansen konnte stundenlang auf seinem Handtuch liegen, die Sandalen unter den Hinterkopf geschoben. Nichts wünschen, vor allem nichts denken. Sich von der Brise das Meerwasser auf der Haut trocknen lassen.
Wie jedes Paradies war auch dies ein Paradies mit kleinen Fehlern. Am Ende der Bucht nämlich erhob sich der weiße Klotz eines Hotels. Zum Meer servierte man dort den Swimming Pool. In der Halle konnte man den Besuch von Kanzler Kohl bei Mitterand miterleben oder das letzte Bundesliga-Spiel; denn auf dem Dach, nicht wahr, waren Satelliten-Schüsseln montiert; und die fingen ein, was ›Aktualität‹ genannt wurde.
Aber die Bucht war groß und das ›Troja-Palace-Hotel‹ weit. Manchmal bekam Evi sehnsüchtige Augen; gelegentlich rafften sie sich dann gemeinsam auf, liefen durch den Sand oder wateten bis zu den Knöcheln im Schaumstreifen, kauften sich am Empfang des ›Troja‹ deutsche Zeitungen, nahmen einen Drink und kehrten zurück zum alten Fischerhaus, der Boots-Rampe und den vier Hühnern, die zwischen dem Ziehbrunnen und der Oleander-Hecke herumpickten.
Und manchmal ging Evi auch ohne ihn zum ›Troja‹. Nicht, weil sie Sehnsucht nach einer Hotelhalle empfand, sondern weil sie wußte, daß Hansen manchmal allein sein wollte und ihr Verständnis erwartete – ohne es auszusprechen.
Als sie an diesem Nachmittag zurückkam, sah sie nur sein Handtuch. Ein verwaister, roter Fleck auf weißem Sand. Sie blieb stehen. Wo war er selbst? Schließlich entdeckte sie ihn. Er saß auf einem der Felsen dicht an der Brandung. Gleich neben ihm schob sich der violette Schatten des Berghangs in die Höhe.
Er wirkte verloren und so allein, daß sich ihr das Herz zusammenzog. So, wie zu Beginn ihrer Reise … Er hatte von vornherein darauf bestanden, den Wagen zu nehmen: »Versteh doch, Evi, ich will und kann kein Flugzeug mehr sehen …« Drei Tage waren sie durch halb Europa gerollt. Außer einigen krampfhaften Versuchen, höflich oder aufgekratzt zu wirken, hatte er kaum etwas gesprochen. Schon gar nicht von dem, was hinter ihm lag.
Auch in der ersten Woche am Strand hatte sich nicht viel geändert.
»Vielleicht bin ich diesmal nicht der ideale Urlaubspartner, Evi. – Aber du wirst sehen, das gibt sich.«
In der dritten Nacht, ehe die Fähre sie nach Korfu übersetzte, hatten sie sich geliebt. – Und es gab sich.
Nun, als sie ihn dort oben bei den Felsen sah, verloren und einsam, war sie versucht, die Zeitung, die sie am Kiosk des ›Troja‹ gekauft hatte, aus ihrer Strohtasche zu ziehen und einfach wegzuwerfen. Oder zu verbrennen. Sie unterließ es.
Sie zog das Hemd aus und rannte zur Brandung, warf sich in die Wellen, und die Kühle empfing sie wie eine vertraute Umarmung. Sie durchschnitt die gläserne, knisternde Stille des Wassers, durchbrach die Oberfläche, holte tief Luft und winkte.
Fritz winkte zurück.
Na also!
Sie legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Und dann tat sie noch etwas: Sie öffnete den Verschluß der kleinen Kette, die sie um den Hals trug, hob sie an den Mund, küßte sie und ließ die Kette und das Amulett von Chris aus der Hand gleiten. Die Kette schimmerte noch einmal auf, ehe sie versank …
Als sie zum Ufer kam, suchten ihre Augen erneut nach Hansen. Ja, dort war er! Und er schien es sehr eilig zu haben. In großen Sätzen setzte er über die Felsen, kam nun über den Sand auf sie zu, begann zu laufen, rannte, rutschte aus und platschte mit rudernden Armen ins Wasser.
»Oh!«
Sie lachte auf ihn herab.
Aber er hatte ganz ehrfürchtige Augen: »Mensch, Evi, ich weiß überhaupt nicht, wie ich zu einer solchen Frau komme! Wie ich dich da sah – wie heißt's noch: Venus, die Schaumgeborene … Toll, zuzugucken, wie eine Evi Borges der Ägäis entsteigt …«
»Red keinen Quatsch.«
»Mein völliger Ernst! Schade, daß ich die Kamera nicht dabei hatte. Wär ein Spitzenbild geworden. Ein Vogue-Titel!«
Er lachte: braungebrannt, weiße Zähne, selbst das Haar beinahe weiß, so hatte es die Sonne ausgebleicht. Da hatte sie ihn also wieder, den alten Fritz!
Er faßte sie um die Taille, als sie gemeinsam zum Strand zurückliefen, und gab ihr selbst beim Rennen noch kleine Küsse auf Hals und Haar. Und die Wellen rauschten, wie Wellen nun mal zu rauschen haben. Und drüben, wo zwischen Gregors Haus und ihrer kleinen Fischerhütte der Brotofen stand, stieg ein dünner Faden Rauch in den blauen Himmel. Es war beinahe zuviel.
»Weißt du, was mir gerade klargeworden ist, Fritz? – Laß das … Hör mit der Fummelei auf.«
»Die sollen ruhig sehen, was ich an dir schätze. – Was ist dir klargeworden?«
»Daß ich ein neues Talent entwickelt habe. Das Talent zur Aussteigerin.«
»Wirklich?«
»Als ich dort drüben war, im ›Troja‹, und all die Figuren in ihren Liegestühlen sah, da sagte ich mir: Evi, das wär's doch! Nie mehr in ein Hotel müssen. Nur noch freiwillig oder zum Zeitungkaufen. Nie mehr irgendwelchen Affen in einer Boeing den Kaffee servieren … Aber dafür Baden, Fische braten, Wein trinken. So wie gestern …«
»Richtig!« Er sah sie an, überwältigt vom Glücklichsein: »Nie mehr ein Hotel. Nie mehr ein Flugzeug. Nie mehr eine Klinik!«
Sie waren bei Evis Tragkorb angekommen. Sein Blick fiel auf die Zeitung.
»Willst du das wirklich lesen? Es ist die ›Frankfurter‹. Von gestern.«
»Von wollen kann keine Rede sein. Aber ich sollte … Steht was drin?«
Sie nickte.
»Und was?«
»Ich hab's nicht gelesen. Nur die Inhaltsangabe auf der ersten Seite.«
Er setzte sich neben den Korb, und sie kauerte sich neben ihn und ließ Sandkörner über die Handfläche rieseln.
Der Wind schlug gegen das Papier.
Es war eine Arbeit, die Zeitung zu bändigen. Und dann fand er den Artikel.
Er stand auf der Seite sechs im lokalen Teil. Seit der Frankfurt Airport-Katastrophe waren erst zwei Wochen vergangen, doch das Interesse der Menschen flachte bereits ab; die Nachrichten wanderten von den Frontseiten in den Innenteil.
»Flugplatz-Attentäter begeht Selbstmord«, lautete die Überschrift.
Roser …? Der arme Hund. Hansen versuchte sich Rosers Gesicht zu vergegenwärtigen, dieses von Haß erstarrte Gesicht. Es gelang ihm nicht. Er erinnerte sich nur an den Mund; an einen zuckenden Mundwinkel, in dem sich Speichelbläschen gebildet hatten.
»Der 49jährige Frankfurter Elektrotechniker Karl Roser, der sich in der vergangenen Woche als Urheber eines im letzten Augenblick vereitelten Bombenanschlages selbst der Polizei stellte, hat in einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses Selbstmord durch Erhängen verübt.
Die Vollzugsbeamten fanden den leblosen Körper Rosers bei ihrem Morgenrundgang. Zu den vielen merkwürdigen Begleitumständen der Frankfurter Flughafen-Katastrophe gehört es, daß zwei Beamte des Bundeskriminalamtes gerade bei der Entschärfung des von Roser gelegten Sprengkörpers waren, als draußen vor den Flugsteigen B und C die ungarische Düsenmaschine explodierte. Einer der Beamten fand dabei den Tod.
Die Polizei schließt einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen als absolut unwahrscheinlich aus. Was die Auslösung der Tupolev-Detonation angeht, wird von der Pressestelle des Frankfurter Polizei-Präsidiums der Leiter der Untersuchungs-Kommission, Flughafen-Kriminaldirektor Alfred Meisel, zitiert:
DIE WAHRE URSACHE DIESES UNGLÜCKS, DEM 24 JUNGE MENSCHENLEBEN ZUM OPFER FIELEN, WIRD WOHL NIE ERGRÜNDET WERDEN KÖNNEN. UNTERSUCHUNGSTECHNISCH ZUMINDEST SCHEINT DIES AUSGESCHLOSSEN, OB ES SICH NUN UM SCHLAMPEREI HANDELTE – UNTER DEN DDR-SPRENGKÖRPERN KÖNNTE SICH JA EINE UNGESICHERTE MINE BEFUNDEN HABEN –, OB UM EIN UNSACHGEMÄSSES VORGEHEN BEIM STAUEN DER LADUNG, ODER OB DIE EXPLOSION SABOTAGE WAR – ES WIRD WOHL IM DUNKEL BLEIBEN MÜSSEN. ALS GESICHERT KANN NUR EINE EINZIGE URSACHE GELTEN: KRIEG UND HASS, DIE NOCH IMMER MITTEN IN EUROPA DIE KÖPFE DER MENSCHEN VERWIRREN.
Roser jedenfalls hatte mit der Sache nichts zu tun. Er galt nach Aussagen seiner Angehörigen schon seit längerer Zeit als depressiv und zu unkontrollierten Handlungen fähig …«
Roser? Nein, ich will mich nicht an ihn erinnern, dachte Hansen – aber die Zahl bleibt:
VIERUNDZWANZIG …
Nein, gegen diese Zahl konnte Hansen sich nicht wehren. Und auch nicht gegen das, was sich damit verband, was sie für ihn bedeutete: Stöhnen, Flüstern, flehende Augen in verbrannten Gesichtern, das Klirren der Instrumente, das Blasebalg-Geräusch des Beatmers …
Vierundzwanzig!
Jeder dieser Menschen könnte neben dir sitzen, könnte über den Sand laufen, zum Fischen hinausfahren, sich ins Meer werfen, tauchen … Jeder.
»Es hätten mehr sterben können, Fritz«, hatte Rolf Gräfe gesagt, als er ihn vor der Abreise nach Korfu besuchte. »Viel mehr … Was willst du eigentlich? Es hat sich gelohnt, was wir taten. Und ob! – Und deshalb mach ich auch weiter und bleib euch erhalten …«
Hansen blickte über die Schaumstreifen am Strand.
Die Wellen kamen, gingen, kamen. Und jedesmal, wenn sie den Sand freigaben, bildeten sich kleine Deltas, in denen das Wasser zurückfloß, um sie dann wieder zu füllen …
Evi schwieg.
Er legte die Hand auf ihre Hand. Es war gut, sie zu spüren.
Und dann fiel sein Blick auf ihren schmalen, gebräunten Nacken.
»Da fehlt was, Ev. Die Kette?«
»Es fehlt nichts …« Sie drehte sich ihm zu, lächelte. Und der Wind warf ihr die Haare über das Gesicht. »Ich brauche sie nicht länger.«
»Aber ich brauch dich«, sagte er und legte den Arm um ihre Schultern …