Hubert Lawinsky starrte zu Britte hoch. Ihr Gesicht war von leidenschaftlicher Verzückung entstellt. Er unten, sie über ihm. Er der Mustang unter der Reiterin, die ihn immer schneller jagte, genau so, wie er's liebte: Ihr Keuchen; die Haare, die sich bei diesen Wahnsinnsbewegungen wie goldene Flügel entfalteten – das war es doch! Oh ja, das war es immer gewesen, wird es immer sein … jetzt, jetzt – nein, noch nicht, ich will noch nicht kommen, denk an was anderes, das dich ablenkt, denk etwas Unangenehmes!

Und Lawinsky zwang die Szene aus der vergangenen Woche in sein Gedächtnis: Das Jagdhaus auf Florida. Ricco Martins Vogelgesicht. Die Sonnenbrille. Die schmalen Lippen. Seinen Satz: »Ich vertraue niemandem. Ich arbeite nie ohne Garantie …«

Nein, es nutzte nichts, es ging nicht mehr. Nicht einmal Ricco Martin konnte Hubert dabei helfen, den Orgasmus zu verzögern. Hubert stöhnte, explodierte, es war wie ein Feuerwerk, wie tausend farbige Sterne, die dann langsam erloschen …

Britte bedeckte sein Gesicht, seinen Hals, die Schultern mit tausend hastigen, winzigen Küssen. »Hubert, mein Liebling, du machst mich noch verrückt … daß es das gibt … Nie hätte ich gedacht, daß sowas möglich ist …«

Er lächelte und streckte sich im Bett. Er genoß ihre Worte, obwohl er sie kannte – es waren doch überall die gleichen. Wie oft hörte er sie, hier, dort, schön um den Globus verteilt, von allen seinen Mädchen, in all seinen Dependancen …

Zum Teufel mit Ricco Martin!

Mit dem Absturz aber, der zu jedem Höhepunkt zu gehören schien, kam die Ernüchterung.

Sanft löste sich Hubert von seinem selig lächelnden, blonden deutschen Schäfchen, holte Zigaretten vom Beistelltisch, zündete zwei an, steckte die eine Britte zwischen die wunden Lippen, nahm selbst einen tiefen Zug und schloß die Augen.

Zum Teufel mit Ricco Martin?

Mach dir bloß nichts vor; der Typ ist gefährlich. Du mußt handeln … heute noch …

»Was ist, Schatz?«

Brittes Fingernägel spielten mit den Haarlöckchen auf seiner Brust. Das liebten sie. Sie taten es immer, die Mädchen …

Seit dem Gespräch in der Jagdhütte war eine Woche vergangen. Und das war einfach zuviel Zeit für Hubert Lawinsky, denn zuviel Zeit hieß bei ihm zu viele verpaßte Gelegenheiten – verpatzte Chancen, Geld zu gewinnen, zum Beispiel.

Oder zu verlieren wie bei dieser beschissenen Poker-Partie im Tokio-Hilton vergangenen Mittwoch … Er war sich so sicher gewesen, hatte doch den ›Royal flush‹. Aber Freddy Heller hatte ihn souverän über den Tisch gezogen. Elftausend Dollar hatte der Spaß gekostet. Ja nun, hatte er gedacht, du brauchst ja nur ins Kuvert greifen – und dann zu gewinnen.

Aber er verlor wieder. Das Geld, das ihm nicht gehörte.

Und damit hatte Hubert Lawinsky hier in Frankfurt nun ein Problem. Ein ziemlich dickes sogar.

Er richtete sich auf, streckte die Hand aus und spielte mit Brittes Haar.

»Hör mal, Süße, ich hab da eine kleine Schwierigkeit …«

»Ja?«

»Und du könntest mir helfen. Willst du das?«

»Natürlich. Wenn ich kann.«

Wie sie ihn ansah, mit diesem Schafsblick, voll Hingabe und Ergebenheit. Den hatten sie nach dem Sex alle. Na, um so besser …

»Es ist ein Klacks.« Er streichelte ihren rechten Oberschenkel. »Aber er muß rasch erledigt werden. Du müßtest nur in die Innenstadt fahren, Moment mal …« Er griff zur Brieftasche: »In die Fürstenberger-Straße, und zwar ins Hotel ›Merlin‹ und dort irgendeinem Typ, einem Jugoslawen offensichtlich, einem Herrn Radonic – ja, Stefan Radonic heißt er – ein Kuvert überbringen.«

»Klar«, lächelte sie. »Wenn's weiter nichts ist. Und wann?«

Lawinsky kontrollierte die Datumsanzeige seiner Uhr. »Die Übergabe muß zwischen dem einundzwanzigsten und dem dreiundzwanzigsten erfolgen«, hatte Ricco gesagt. »Radonic ist in diesen Tagen zwischen sieben und zehn Uhr im Hotel zu erreichen. Dort erwartet er Sie. Klar?«

Heute war der zweiundzwanzigste. Und es war sieben Uhr.

Was würde er sagen, wenn ein Mädchen aufkreuzte mit elftausend Greenbacks weniger im Kuvert?

Na, über eine Erklärung konnte er später nachdenken. Das Geld müßte aufzutreiben sein. Sicher war nur: Es mußte etwas geschehen. Und heute! Sonst konnte er sich nie mehr in Atlanta, womöglich nirgendwo in den USA mehr zeigen. »Wir gehören alle ein bißchen zur Mafia«, hatte Mortimer gesagt. Okay – aber soll ich mich deshalb am nächsten Baum oder in Brittes Kleiderschrank aufhängen? Das wäre dann doch zu schade.

Britte hatte sich aufgerichtet, sah ihn voll kindlichem Vertrauen an. Mit einem Auge. Das andere bedeckten ihre Haare. Sie war süß, also wirklich …

Lawinsky stupste mit dem Zeigefinger ihre Nasenspitze an: »Am besten, wir bringen das gleich hinter uns, was meinst du, Kleines? Und am Abend, wenn du zurück bist, dann hauen wir so richtig einen drauf. Wir gehen dann … wie heißt diese Gegend, wo immer was los ist?«

»Sachsenhausen«, sagte sie. »Und gleich um die Ecke.«

»Ja, wir gehen nach Sachsenhausen. Oder in eine Disco. Oder in ein Nobel-Restaurant. Was du willst, du kannst dir's aussuchen. Und morgen gibt's auch was zur Belohnung. Was hältst du von 'nem Ring?«

»Viel«, strahlte sie und wunderte sich ein wenig, wieso er ein solches Theater machte wegen einer so kleinen Gefälligkeit.

Sie stand auf, ging unter die Dusche, schrubbte sich ab, band ein Tuch um das nasse Haar, schlüpfte in ihren Hosenanzug; das war immer am schnellsten und praktischsten. Schon nach fünf Minuten war sie fertig.

»Na, was sagst du nun? Weltrekord, was? Und wie seh ich aus?« Sie drehte sich kokett und zog doch eine Schnute. »Na, ist egal; für einen Stefan Radonic muß es in jedem Fall genügen.«

»Für einen Stefan Radonic bist du noch viel zu hübsch«, entschied er. »Und jetzt ab mit dir! Das heißt, gib mir noch einen Kuß.«

Sie küßte ihn. Er hielt sie fest: »Und hör mal, Kleines, wenn dieser Radonic nach mir fragt – du kennst mich nicht; sag ihm, daß ich für dich nichts anderes bin als ein flüchtiger Bekannter, den du von deiner Airport-Arbeit her kennst. Ein Purser, den du mal verarztet hast und der dich um einen Gefallen gebeten hat, weil er sich in Frankfurt nicht auskennt. Klar?«

»Klar«, nickte sie, machte sich widerstrebend aus seinen Armen los und ging.

Als sie auf der Straße ihren alten, verbeulten Golf anließ, warf sie noch einmal einen Blick hinauf zum dritten Stock, ganz so, als müsse er dort oben stehen und ihr nachwinken.

Niemand stand am Fenster. Na gut, auch das Haus würde für sie und ihr Leben bald der Vergangenheit angehören. Sie dachte an Hubert und versuchte gleichzeitig wieder einmal, sich von der tranceartigen, verrückten Zärtlichkeit zu befreien, in die seine Gegenwart sie stets versetzte. Sobald er weg war – und das geschah viel zu oft –, rief alles in ihr nach ihm. Und kam er ihr dann in seiner feschen Uniform entgegen, dieses freche Grinsen in den grünen Augen, wurde ihr ganz schwach vor Glück. Dieses Glück für immer festzuhalten – wie ging das? Wie konnte man es verwirklichen?

Elli, die Freundin, mit der sie die Wohnung teilte, war vernünftig genug, während der Zeit der Hubert-Landungen in Frankfurt zu ihrem Freund Ewald zu ziehen. Aber auf Dauer war ihr das ja nicht zuzumuten.

Eine eigene Wohnung müßte man haben. Wieviel besser wäre es doch, zu Hubert nach Australien zu ziehen, in das Land der Weite und der einsamen Strände, von denen er ihr immer erzählte. In das kleine Ferienhaus zum Beispiel, das seine Eltern bei Brisbane besaßen …

Träume … Aber waren sie unerfüllbar? Nie mehr Verbände wechseln, nie mehr eine Lukrezia Bonelli sehen, nicht mal einen Hansen … Australien! dachte sie und war über lauter Träumen bereits in der Fürstenberger-Straße gelandet, wo dieses Hotel ›Merlin‹ stehen sollte.

Und da konnte sie es auch schon lesen: MERLIN.

Britte fuhr den Wagen auf den Parkplatz und betrat die Halle, die mit ihren beiden verstaubten Gummibäumen und den durchgesessenen Kunstleder-Sofas ziemlich schäbig wirkte. In der Ecke saß ein dürrer, bebrillter Mann vor dem Fernsehgerät. SAT 1. Ein alter Kung-Fu-Film, in dem ein schwarzer Sheriff gerade dabei war, dem Helden mit dem Revolvergriff eine überzuziehen. Und der Held stöhnte nicht mal, schloß noch nicht mal die Augen; er lächelte.

Der Mann am Fernseher bemerkte jetzt die hereingekommene Frau, stemmte sich widerstrebend hoch, kam auf sie zu. Er zeigte sein schadhaftes Gebiß und fragte: »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Ja. Das wäre nett. Ich suche einen Herrn Radonic, einen Herrn Stefan Radonic. Der wohnt doch bei Ihnen?«

»Ja.«

»Könnte ich ihn sprechen? Ich habe ihm etwas zu übergeben.«

Britte steckte die Hand in die rechte Beintasche ihres Hosenanzugs. Sie tat es unabsichtlich. Aber irgendwie war sie froh, als sie die Kontur des Umschlags darin spürte. Der Brief war ziemlich dick.

»Zimmer 24. Das heißt, ich rufe Herrn Radonic erst mal an.«

»Bitte«, sagte Britte.

Der Mann ging hinter den Empfangstresen und nahm den Hörer: »Herr Radonic, da ist jemand für Sie und hat was für Sie gebracht … Gut. Ja, werde ich sagen.« Er legte auf und verkündete: »Er kommt sofort.«

Und er kam. Nach zwei Minuten schon schob sich die Lifttüre in der Halle auf. Britte sog überrascht die Luft in die Nase. Was immer sie sich unter einem Jugoslawen namens Stefan Radonic vorgestellt hatte – den hier hatte sie nicht erwartet. Und auch nicht hier. Das erste, was sie fast erschreckte, war seine enorme Leibesfülle. Groß war er auch. Rechts und links des mächtigen, fetten Gesichtes fielen korkenzieherartige Locken über die Ohren und stießen auf die Schultern eines blendend geschnittenen, in vornehmem Blaugrau gehaltenen Anzugs, der dem Bauch des Mannes einen Anschein von Würde verlieh. Auch die ungezählten Doppelkinne wuchsen aus einem blütenweiß gestärkten Hemd. An der Hand, die er nun halb grüßend erhob, blitzten Ringe.

Das Gesicht wie aus Fett gehauen. Beinahe starr. Es zeigte keine Regung.

»Bitte?«

»Herr Hubert Lawinsky hat mich geschickt«, sagte Britte und ärgerte sich selbst über ihre Stimme, die ihr plötzlich unsicher und schüchtern klang. »Er ist leider verhindert. Sie wissen ja, er ist Purser. Aber ich soll Ihnen etwas überbringen.«

»Aha? Ja … Ja, den Herrn Lawinsky habe ich erwartet.« Er zog die Lifttüre wieder auf und machte eine altmodisch elegante Handbewegung: »Wenn ich Sie bitten darf …«

Sie fuhren hoch. Er schnaufte ein wenig, doch er sagte nichts.

Und wieder öffnete er eine Türe, die Tür des Zimmers 24. »Bitte.«

Sie trat ein und hörte, wie sich hinter ihr der Schlüssel im Schloß drehte. Ihr Unbehagen wuchs.

»Setzen Sie sich bitte. Soll ich Ihnen einen Drink …?«

»Danke.«

Sie griff in die rechte Außentasche ihrer Hose und zog das Kuvert hervor: »Hier. Das habe ich gebracht. Das ist für Sie.«

Er nickte nur, riß das Kuvert auf und begann die darin enthaltenen Geldscheine im Stehen zu zählen. Er tat es mit der Fingerfertigkeit eines Trick-Künstlers. Nie in ihrem Leben hatte Britte einen Menschen so schnell Geld zählen sehen.

Dann steckte er die Scheine in den Umschlag zurück und warf ihn auf den kleinen Schreibtisch.

Noch immer blieb das Gesicht starr wie zuvor. Die rechte Augenbraue hatte sich in die Stirn geschoben, und in den dunklen Augen erschien ein gefährliches Flimmern.

»Es fehlen elftausend Dollar.«

Seine Stimme klang völlig ruhig.

»Wie bitte?«

»Ich sagte, es fehlen elftausend Dollar.«

»Das tut mir aber leid.«

»So? Das tut Ihnen leid? – Aha? Mir auch … Wo ist Lawinsky?«

»Ich sagte doch schon …«

»Was Sie sagten, interessiert mich nicht. Ich frage, wo er ist? Jetzt. Ich möchte mit ihm sprechen. Und das sofort.«

»Schon, aber wissen Sie, da kann ich Ihnen doch nicht helfen …« Ihre Stimme zitterte, sie registrierte es selbst. »Ich meine, wie soll ich denn das? Ich bin nur eine flüchtige Bekannte von Herrn Lawinsky, und er hat mich um diesen Gefallen gebeten. Ich wußte auch nicht, was sich in dem Kuvert … Ich weiß wirklich nicht, wo er gerade ist. Vielleicht ist er schon wieder abgefl …«

Weiter kam Britte nicht. Mit zwei blitzschnellen Schritten, die sie diesem dicken Menschen nie zugetraut hätte, war er bei ihr, packte sie am Arm, riß sie herum: »Na, wunderbar, das weißt du nicht? Nichts weißt du – was? …« Und dann durchfuhr ein Schmerz ihren Arm, als er sie zum Bett riß und mit einem einzigen gewaltigen Stoß daraufschleuderte.

»So, das weißt du nicht? Dieser Kerl gibt dir mehr als hunderttausend Dollar mit, du Flittchen. Aber du kennst ihn natürlich kaum. Ein flüchtiger Bekannter, was? … Daß ich nicht lache!«

Sie wollte sich hochstemmen, wollte schreien, um Hilfe schreien, aber da preßte sich seine breite Hand auf ihr Gesicht und würgte ihr den Atem ab. Es ging alles so schnell. Sie war in Panik, sah mit schreckgeweiteten Augen, wie er eine breite Leukoplast-Rolle aus dem Nachttisch holte, sie aufriß und ihr ein ekelhaft klebendes Band quer über die Lippen zog.

Sie schlug mit den Füßen nach ihm. Es war ein letzter, beinahe blinder Reflex, doch er hatte schon eine Plastikschnur in der Hand, und eine Minute später war sie gefesselt. Gefesselt an Händen und Füßen, stumm gemacht, diesem fetten Monster ausgeliefert.

Völlig ausgeliefert. Das Gesicht, aus dem fettschwer und schlaff die Backen hingen, beugte sich über sie. Alle Starre schien nun auf einmal daraus gewichen, die Augen wieselten, der Mund öffnete sich zu einem breiten, halb schmierigen, halb heiteren Lächeln.

»So … so hab ich's gern. Ist das Bett auch bequem? Aber sicher ist es … Reden kannst du nicht, brauchst du auch gar nicht. Nicken hilft uns genauso weiter, was meinst du?«

In ihren Augen war ein Abgrund von Angst. Das schien ihm zu gefallen, denn das Lächeln wurde noch breiter. Nun stand er auf, ging im Raum hin und her, fast übermütig, mit schaukelnden, beinahe tänzerischen Bewegungen.

»So einfach hat er sich's also gedacht?« hörte sie. »Ein netter Junge, dein Freund. So richtig liebenswert. Nimmt sich elftausend Dollar in cash, schickt dann sein Mädchen, und die kennt ihn gar nicht, hat ihn nur ganz flüchtig gesehen. Er ist ja auch nur ein kleiner, harmloser Purser bei der Quantas … So? … Phantastisch!«

Radonic lachte. Trotz seines Umfangs und seiner Größe war die Stimme hoch, dünn und ein wenig kehlig, fast die einer Frau: »Phantasie hat er aufgeboten. Viel Phantasie. Ich mag Phantasie. Ich hab auch Phantasie.«

Und dann war er mit drei Schritten wieder bei ihr und starrte sie an: »Soll ich es dir beweisen? Du glaubst ja gar nicht, was sich mit ein bißchen Phantasie machen läßt.«

Mit einem Griff hatte er eine Schublade aufgerissen, und dann hielt er eine Schere in der Hand, öffnete die Schenkel der Schere, schloß sie wieder, hielt sie ans Licht, so daß sie blaustählern aufschimmerte.

Britte konnte nichts anderes, als die Schere anzusehen; der Anblick ließ ihr Herz rasen. Der Kerl ist ein Sadist. Und was für einer! Er wird doch nicht …

Noch immer saß er da und betrachtete sie. Und noch immer zuckte dieses heitere Lächeln um seine Mundwinkel.

»Hübsche Augen haste. Ganz hübsche Augen … Heißt das nicht kornblumenblau?«

Er hatte bisher beinahe ohne Akzent gesprochen. Doch nun, an dem ›r‹ konnte sie seine Herkunft deuten. Serbisch … slawisch in jedem Fall.

»Kornblumenblau. Blau wie eine Blume. Ich kannte einmal ein Mädchen …«

Er brach ab und betrachtete träumerisch die Spitze der Schere. Dann drehte er wieder den Kopf, und die Locken fielen nach vorn, als er sich nun auf die Bettkante niederließ.

»Welches Auge ist dir lieber, Mädchen? Das rechte, das linke?«

Sie versuchte tiefer zu atmen, sog die Luft in den Brustkorb, schloß die Augen – doch was half, was änderte das schon? Seine Stimme blieb.

»Fangen wir nochmal an! Ich hab Geduld. Was als erstes? Zuerst? Sage! Das rechte? Dann kannst du nicken. – Das linke? Dir lieber? Wie du willst … Aber eine Kornblume wirst du verlieren. Vielleicht tut's weh. Soll's ja auch. Sterben wirst du daran nicht. Ein kurzer Stich. Also?«

Sie bäumte sich auf, aber seine mächtige Hand drückte ihre Schulter wieder aufs Bett. »Mach die Augen doch mal auf. Hast ja noch beide.«

Und wie unter einer Suggestion öffnete sie ihre Augen, um auf die funkelnde Spitze der Schere zu starren, die direkt vor ihrem Gesicht schwebte, noch keine vier Zentimeter entfernt.

Sie riß Kopf und Kinn zurück. Er lachte.

»Ach, der Hals ist dir lieber? Wollen wir doch mal probieren …«

Einen kleinen Schmerz spürte sie. Blut floß jetzt dort, er hatte die Kehle angeritzt.

Doch der Schmerz verklang. »Der Körper einer Frau ist schön«, sang die Stimme des Sadisten. »Geradezu einladend für eine Schere. Meinst du nicht?«

Er nestelte an ihrem Hals, riß den Reißverschluß herunter. Wieder spürte sie den spitzen Stahl, jetzt unterhalb ihrer linken Brust. Nun am Magen, Druck um Druck, noch tiefer, Stich um Stich.

»Ein ganz hübsches Spielchen, nicht?« lachte er. »Nun wollen wir mal. Ich hab die Nummer schon einige Male abgezogen, aber noch nie so genossen wie heute. Eigentlich bin ich kein Sadist. Aber bei dir, ich weiß nicht, da könnte man es werden.«

Er schüttelte den Kopf, daß seine fettigen Locken flogen, und der Blick der Augen war fast noch schlimmer als die Schere, die sich härter gegen ihr Fleisch bohrte. »Bisher war es Spaß. Jetzt wird es ernst. Was ist mit Lawinsky? Wo steckt er? Los … Ich brauch das Geld. Ich brauch es, und zwar sofort. Elftausend Dollar – ja, wie stellt ihr euch das eigentlich vor? Meinst du, die schreiben das einfach ab? Und der Typ hat schon fünf Riesen als Belohnung kassiert. Insgesamt sechzehn also. Ich werde dir jetzt einen Block geben, und du schreibst die Telefonnummer und die Adresse drauf. Und dann fahren wir da hin. Okay?«

Sie konnte ihn nur ansehen. Was sonst? Sie konnte nicht einmal denken. Doch, eines: Er wird mich umbringen!

»Hier, da ist ein Block und ein Bleistift. Schreib mir die Adresse auf, wo ich ihn finde.«

Der Bleistift zitterte in ihrer Hand. »Ich weiß es nicht«, schrieb sie.

»Du machst wohl Witze? Gefällt dir das Spiel? Schön, solche Spielchen? – Also …« Der schreckliche, spitze Druck gegen ihren Unterleib verstärkte sich. Dann ein Schmerz. Er hatte die Haut durchtrennt. Und nun, nun würde er …

Doch er tat es nicht.

Er nahm die Schere hoch und betrachtete sie. »Ganz schön stur, was?« seufzte er und ließ die Schere plötzlich fallen wie ein lästiges Insekt.

»Du weißt nichts? Du wirst auch weiter nichts wissen? … Wo wohnst du?«

»Schongauer Straße.« Sie versuchte es auf den Block zu schreiben, doch die Buchstaben entgleisten.

Er betrachtete das Blatt, und das Gesicht war wieder wie zuvor, starr, unbeweglich, ruhig.

»Ist er dort?«

Sie schüttelte den Kopf.

Ich darf dich nicht verraten, dachte sie. Ich werde es nicht tun, Hubert. Auch wenn ich sterbe. Ich werde es nicht tun …

»Und wo sind meine Dollar? Hältst du das für richtig, daß ich das einfach so akzeptiere? Und meinst du, ich würde das tun?«

Er ergriff ihr Handgelenk, riß sie hoch, mit einem Ruck. Ihr Anzug glitt ihr über die Schulter, sie versuchte ihn festzuhalten. Da streifte er ihn selbst zurück und zog ihr den Reißverschluß wieder zu.

»Ich krieg's raus. Ich hab schon ganz andere Sachen rausgekriegt. Und sei froh, daß du's mit mir zu tun hast. Wir werden Lawinsky auf jeden Fall schnappen. Darauf kannst du dich verlassen. Das ist so absolut sicher wie das ›Amen‹ in der Kirche. Wenn nicht hier, dann woanders … Da kann er hundertmal Purser sein und durch die Gegend flitzen, wir kriegen ihn! – So, das ist das eine. Und jetzt der nächste Schritt.«

Mit einem Ruck riß er ihr das Pflaster vom Mund, es tat teuflisch weh. Sie fing an zu weinen. Endlich! Die Tränen schossen aus ihren Augen, liefen über ihr Gesicht, den klebrigen Mund.

Er gab ihr eine Ohrfeige, sie schrie auf. Sie konnte nicht mehr denken. Es gab keinen Widerstand mehr. Sie bestand nur noch aus Angst.

Er löste ihr die Fesseln: »Da drüben ist ein Waschbecken. Reib dir das Zeug vom Gesicht. Und deine Tränen gleich mit. Geheult wird nicht mehr, klar?«

Sie nickte stumm.

»Wir werden jetzt das Hotel verlassen und zu dir fahren. Du sagst keinen Ton. Wenn du zickig wirst oder irgendeine falsche Bewegung machst, bist du dran. Dann bist du geliefert, wirklich, Mädchen. Ich hab nichts gegen dich, aber das ist ein Auftrag, und ich pflege meine Aufträge zu erledigen. Hast du das kapiert?«

Sie fühlte sich wie eine Marionette, als er sie aus der Empfangshalle des Hotels führte. Er nickte dem Portier zu, ließ sich die Tür öffnen, sagte »Danke«. Und sie ging die ganze Zeit still neben ihm.

Draußen mußte sie in einen großen Citroën einsteigen. Er startete den Wagen und fuhr mit gemächlicher Sicherheit, ohne daß sie ihm irgendwelche Hinweise zu geben brauchte, durch die Innenstadt.

Als sie vor dem Haus anlangten, in dem sie wohnte, warf er ihr wieder einen seiner langen, starren Blicke zu. Keine Drohung war darin, nichts als kalte, nüchterne Sachlichkeit.

»Wo ist es?«

»Vierter Stock«, sagte sie. Es war keine Kraft mehr in ihr, Hubert weiterhin zu schützen.

»Gut. Wir gehen jetzt hoch. Du schließt auf. Du sagst nichts. Du verhältst dich so vernünftig, wie sich jeder Mensch in deiner Situation verhalten würde, klar? Ich spiel nicht nur mit Scheren rum. Ich habe wirksamere Mittel. Zum Beispiel hier …«

Er klopfte auf seine weite Nadelstreifen-Jacke. Dann stieg er aus und ließ sie selbst aus dem Wagen. Stumm, ohne ein Wort ging sie auf das Haus zu, auch jetzt noch völlig in seinem Bann. Sie erlebte dies alles nicht wirklich, es kam ihr vor wie ein schrecklicher Traum. Dann, als sie oben in der Wohnung erkannte: Hubert war weg – da fiel es wie eine Betäubung von ihr ab, sie brach im Sessel zusammen, zitterte am ganzen Körper, weinte. Sie weinte vor Erleichterung.

Radonic ging durch die Räume, schnüffelte auch im Badezimmer, klapperte in der Küche, kam zurück, sah Britte an: »Abgehauen. Das ist es doch, nicht wahr, Mädchen?«

Sie saß zusammengesunken im Sessel beim Fernseher und zog nur die Schultern hoch.

»Du hast ein Riesenglück, Kornblumenauge. Weißt du das? Vielleicht habe ich heute meinen sentimentalen Tag … Jedenfalls gehe ich jetzt. Und dann kannst du noch ein bißchen heulen und zum Telefon laufen und nach der Polizei schreien. Ganz wie du willst. Auf die Paar Hemden im Hotel kommt's mir nicht an. Aber vielleicht verschwinde ich doch nicht ganz aus deinem Leben. Möglich, daß wir uns bald wiedersehen. Und das könnte sein, wenn du weiterhin darauf stehst, bei diesem Lumpenhund von Lawinsky das Flittchen zu spielen. Denn der ist dran, glaub's mir. Schmink ihn dir ab. Ist nichts als ein guter Rat …«

Schwere Schritte. Die Tür klappte. Und es kam genauso, wie es das Monster vorausgesagt hatte: Sie konnte nicht dagegen an, nicht gegen das krampfhafte Zittern, das ihren Körper befiel, nicht gegen das Würgen im Hals. Sie weinte.

Aber zum Telefon ging sie nicht. Sie mußte erst nachdenken.

Wie lange sie so gesessen hatte, Britte wußte es nicht. Irgendwann hörte sie jedenfalls ein Klopfen an der Tür. Sie fuhr hoch. Die Angst raste in ihrer Kehle: Der Fette, das Monster, kam er zurück?

Es klopfte wieder. Das Herz hämmerte. Und dann vernahm sie eine leise, unterdrückte Stimme: »Britte? Britte, mach auf …«

Hubert! Es war Lawinskys Stimme!

Sie ging zur Tür, ihre Knie waren schwach. Sie schob den Riegel zurück. Und da stand er vor ihr, lächelte auf sie herab, schob sie ins Zimmer zurück, schloß ab, schob den Riegel vor, sah sie an aus seinen grünen Augen, in denen ein triumphierendes Grinsen saß.

»Ich hab's gerochen. Hab mir gleich gedacht, da läuft was schief.«

»So?« sagte sie, ging ins Wohnzimmer, ließ sich wieder in ihren Sessel fallen, zog die Beine hoch.

»Natürlich. Du bist so lange nicht zurückgekommen. Und da sagte ich mir: Mensch Hubert, jetzt sei vorsichtig! … Ich konnte natürlich nicht annehmen, daß dir irgendetwas dabei passiert. Aber immerhin …«

Immerhin, dachte sie. Er hat ganz genau gewußt, welche Gefahr mir bei diesem Radonic drohte.

»Ich sah mich ein bißchen hier um«, erzählte er weiter. »Unterm Dach oben gibt's einen Trockenraum. Die Tür war offen, und durch die Luke konnte man auf die Straße sehen. Da habe ich mich hingestellt und sah euch kommen.«

»Clever!«

»Nicht wahr?« Er überhörte den Hohn in ihrer Stimme. »Dieser Dicke? Was war denn mit ihm? Wieso kam er mit dir?«

Britte berichtete in allen Einzelheiten, was im Hotel passiert war. Hubert lief im übertrieben gespielten Zorn auf und ab, den Kopf vorgestreckt wie ein gefangener Tiger.

»Mit einer Schere hat er dich bedroht?«

Sie schwieg. Sie schloß die Augen. Sie wollte, daß dieser Alptraum endlich aufhörte. Denn nun gehörte auch Hubert noch dazu …

»Arme Britte! Mensch, da hab ich dich ja in eine schöne Situation gebracht … Sorry! … Tut mir ehrlich leid. Weißt du was? Das nächste Mal gibt's nicht nur 'nen Ring, da bring ich dir auch …«

»Schenk's dir! Hör auf damit!«

Er blieb überrascht stehen. Dann nickte er nur zerstreut. Seine Augen waren ganz woanders. »Diese Drecksäcke! Mafiosi sind das, tatsächlich. Ich war viel zu leichtsinnig.«

»Scheint mir auch so«, sagte sie.

»Na, jedenfalls verzieh ich mich wohl besser. Weiß der Teufel, was denen noch alles einfällt. Vielleicht beobachtet dieses Schwein schon das Haus … Gibt's da noch einen zweiten Ausgang?«

»Unten, die Waschküche, da geht's hinten raus auf die nächste Straße.«

»Na, phantastisch! Ist das Beste so. Und die nächsten zwei Tage treffen wir uns nicht. Ich zieh zu einem Kumpel, der hier in der Gegend eine Frau hat. Aber du hörst wieder von mir. Bald.«

Sie spürte seinen Kuß auf dem Haar und seine Hand auf ihrer Hand, ein flüchtiges Streicheln nur, und wieder schloß sie die Augen, und wieder hörte sie die Tür klappen.

Dann war es endlich still. Sie stand auf. Die Wohnung kam ihr fremd, ja unwirklich vor. Sie ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Mineralwasser heraus und goß sich ein Glas voll. Doch obwohl sie sich auf einen Stuhl gesetzt hatte, war ihre Hand so unsicher, daß das Glas umkippte und das Wasser über die Tischplatte und von dort über ihre Knie floß. Sie blieb dennoch sitzen und rührte sich nicht.

Drüben läutete das Telefon. Sie ließ es läuten.

Hubert war es, der Mann, mit dem du nach Australien wolltest? Es gibt keine Träume, die sich erfüllen, keine Flucht und keine Wunder.

Dein Wundermann ist nichts weiter als ein kleines, mieses, dreckiges, egoistisches Schwein … Jawohl! Ein Meter achtzig und grüne Augen! Vergiß ihn! Will dir einen Ring schenken und dies schenken und das schenken und behauptet, daß er dich glücklich sehen möchte – und dann läßt er dich in eine Falle laufen und entschuldigt sich am Ende noch nicht einmal! Ein Egoist, nein, viel mehr: Einer, der nichts kennt als sich selbst und der andere, ohne mit der Wimper zu zucken, ans Messer liefert.

Da war wieder dieses ekelhafte Telefon. Britte stand langsam auf, ging hinüber und nahm den Hörer ab.

Es war Bärbel Rupert, die Lernschwester in der Airport-Klinik.

»Britte? Bist du's?«

»Ja.«

»Britte, da ist was passiert. Was Schlimmes. Mit Rolf Gräfe …«

»Ja?« Sie umklammerte den Hörer.

»Ich wollte es dir nur sagen: Er ist verunglückt. Heute Nacht. Gerade hat die Uniklinik angerufen. Sie haben den ganzen Tag an ihm herumgeflickt. Deshalb hat er sich erst jetzt gemeldet …«

»Und?« Sie brachte die Frage kaum heraus. »Was ist es?«

»Er ist mit seinem Motorrad gestürzt. Irgendwas am Knie, am Bein und weiß der Teufel was. Es ist noch nicht klar heraus.«

»Danke.« Britte legte auf und betrachtete ihre Hände. Sie zitterten.

Er kam an verschleierten Pakistanifrauen vorbei, die erschöpft in ihren Liegesesseln lagen. An dunklen Männern aus Dubai oder Ghana. An den Schaufenstern der Andenken-Shops, der Boutiquen, der Kosmetik- und Blumengeschäfte. In der Leonardo da Vinci-Bar saßen ein paar Mädchen an der Theke und drehten über ihren Gläsern die Köpfe nach ihm – auf Kundenfang; die Aperitifstunde war die beste Zeit dazu. In der ›Rotisserie‹ hielt irgendein Politiker eine improvisierte Pressekonferenz. Am ›Brücken-Bistro‹ steckten Geschäftsleute die Köpfe in erregtem Gespräch zusammen. Es tat gut sich im Gehen zu entspannen. In fünf Minuten mußte er ohnehin zurück in die Klinik, der Chefarzt Dr. Fritz Hansen.

Er ging über schwarze, genoppte Kunststoffmatten, auf elegantem Marmorbelag, über blaue, graue und grüne Bodenmarkierungen, und hatte plötzlich den Eindruck, die ganze Zeit verfolgt zu werden.

Den Typ dort drüben – hatte er den nicht schon vorher im Tabakladen gesehen? Und dann beim Blumengeschäft? Was will der eigentlich? Was läuft er dir immer nach?

Es war ein eher unscheinbarer Mann in braunen Kordhosen und einem karierten, etwas altmodisch schäbigem blauen Sport-Blouson. Die Hände hielt er in den Taschen. Das Gesicht unter dem graublonden Haar wirkte blaß, angespannt.

Na, was soll's? Hier laufen viele rum …

Dr. Hansen ging weiter und vergaß seinen Schatten.

Zwischen den Säulen in der Ladengalerie blieb er vor dem Geschäft des Herrenausstatters Burresi stehen und betrachtete in einer Art tranceartigen, verzückten Hingabe ein paar schwarze Abendschuhe – nicht, weil er sich für Abendschuhe sonderlich interessierte oder selbst keine besäße, sondern weil sie ihn daran erinnerten, wie lange er schon nicht mehr in einer Oper oder in einem Konzert gewesen war. Und auf der rechten Seite der Schaufensterauslage schmuggelte sich auch noch ein raffiniert verlockendes Poster in seinen Blick. Es zeigte einen Strand mit Fischerbooten vor einem weißen griechischen Dorf.

Urlaub! dachte Fritz Hansen. Einmal wieder irgendwo Urlaub! Aber was soll's? Obwohl du ihn immer wieder träumst, den Urlaubstraum, es läuft ja doch jedesmal aufs Gleiche hinaus: Keine Zeit für Dinge, die beweisen, daß das Leben auch sorgenlos und fröhlich sein kann. Sich selbst finden, sich freuen, ein freier Mensch sein, Evi an die Hand nehmen, dort über den Strand rennen, dich ins Wasser werfen, sie im Sand lieben – Herrgott, es wird langsam Zeit!

Eine Schattenspiegelung im Glas. Und dann eine Stimme: »Herr Hansen? Sind Sie Herr Doktor Hansen?«

Die Stimme war hoch, scharf und unangenehm.

Fritz Hansen drehte sich um.

Da stand er wieder, der Verfolger.

Er mochte zwischen vierzig und fünfzig sein. Der Mund war zusammengepreßt. Er hatte ein kräftiges Kinn, flache, drohende Augenbrauen. Und der Blick, mit dem er Hansen anstarrte, war stetig, genau und brennend: die Augen eines Menschen in Erregung. Die Augen eines Fanatikers.

Fritz Hansen nickte. »Ja! Wünschen Sie etwas?«

Der rechte Mundwinkel zuckte. Die Worte kamen schnell und heftig: »Daß Sie sich aufhängen, Herr Doktor! Es wäre das einfachste. Hängen Sie sich auf! Sie könnten dem ganzen Laden hier 'ne Menge Scherereien ersparen.«

»Wie bitte?«

»Ach? Das fragen Sie auch noch?«

»Ich versteh kein Wort.«

»Schon mal den Namen Roser gehört?«

Der Mann war unangenehm aufdringlich. Schlimmer noch: Er schien gestört. Hansen wollte ihn einfach stehen lassen. Doch dieser Name … Roser? Irgendwie schien er ihm vertraut. Fritz Hansens Gedächtnis spulte Namen ab. Patientennamen. Laut sagte er: »Ich weiß nicht, was das soll und wie Sie zu derartigen Unverschämtheiten …«

»Wie ich dazu komme?« Der Mund des anderen wurde nun ganz dünn und weiß. »Dann gehen Sie mal ins Rotkreuz-Krankenhaus, Königswarter Straße, Zimmer 324. Da werden Sie noch einen treffen, der Ihnen das sagen kann. Falls er in der Lage ist zu sprechen. Da liegt nämlich mein Junge Werner. Werner Roser! Ja, geht Ihnen langsam ein Licht auf? Der Junge, den Sie auf dem Gewissen haben, den ihr in der Airport-Klinik alle auf dem Gewissen habt! Seit Tagen kämpft er mit dem Tod.«

Roser? Werner? – Das war doch … ja, das Thorax-Trauma! Der Unfall aus der Halle 5 des Flughafens. Pneumo-Thorax, Baueisen in der Brust … die Operation. Dann eine Nacht auf der Intensivstation, ehe sie ihn – stimmt! – ins Rotkreuz-Krankenhaus in der Königswarter Straße transportieren konnten. Die Situation hatte sich also anscheinend verschlechtert und dieser Mann hier – war er der Vater?

»Hören Sie, Herr Roser! Ich weiß jetzt Bescheid. Ich kann auch Ihre Erregung verstehen. Aber es wäre doch immerhin angebracht und hilfreich, wenn Sie mir etwas genauer …«

»Angebracht?« Das war, wie es der Mann aussprach, kein Wort mehr; das war nichts als ein Zischlaut. Kleine Bläschen entstanden in den Mundwinkeln. Er starrte wirklich wie ein Wahnsinniger. »Angebracht, sagen Sie?! Hab ich mir schon alles selber überlegt, was da angebracht ist. Weiß ich bis in die Fingerspitzen, jawohl, bis ins letzte Detail. Den ganzen Laden hochgehen lassen, das ist angebracht! Sie, Ihre Scheißklinik! Das hier! Ja, alles, alles …«

Was war mit ihm? Drehte er durch? Dieser Blick … und nun, nun machte er eine kurze, fahrige Handbewegung: »Alles hochgehen lassen!«

Ehe Fritz Hansen überhaupt realisieren konnte, was das ›alles‹ bedeutete, kam, noch aus der Bewegung heraus, der Schlag. Er kam vollkommen überraschend und traf Hansens Gesicht seitlich zwischen Kiefer und Wangenbein. Und er war so heftig, mit einer solchen Gewalt geführt, daß er gegen die Schaufensterscheibe geschleudert wurde. Seine Wange brannte. Nur mühsam fand er sein Gleichgewicht wieder und nahm den Arm, den er schützend vors Gesicht gerissen hatte, von den Augen. Er schaute sich um: Roser war verschwunden …

Nur eine ältere Dame stand da und hielt ihre Handtasche entschlossen vor die Brust gepreßt.

»Hören Sie, mein Herr!« sagte sie. »Ich war Zeuge. Wenn Sie wollen, gehen wir zur Polizei. Einfach so zuschlagen? … Ich weiß ja nicht, was Sie mit dem anderen Herrn hatten, aber das – nein, das würde ich mir wirklich nicht gefallen lassen!«

Hansen rieb sich das schmerzende Gesicht. Die Lippe war ein wenig geschwollen, fühlte sich zumindest taub an. Trotzdem versuchte er ein Lächeln: »Sie haben vollkommen recht. Das werde ich auch nicht. Herzlichen Dank!«

Dann wandte er sich zum Gehen und blickte dabei noch einmal kurz auf das verlockende Ferienplakat: Blauer Himmel. Das blaue griechische Meer. Fischerboote …

Als er in der Airport-Klinik den Flur zu seinem Arbeitszimmer durchquerte, ging er mit eisernem Gesicht, warf hart die Tür zu und ließ sich in seinen Sessel fallen.

Verdammter Mist! Was heißt denn: Den habt ihr auf dem Gewissen? Ja wieso denn, Herrgott nochmal?

Gut, an diesem Tag ging eine Menge schief, weil Rolf Gräfe nicht in Form war. Aber er hatte es doch am Ende hingekriegt. Die Blutung stand. Und in der Nacht schon, nein, am Morgen konnten sie den jungen Roser aus der Intensivstation ins Rotkreuz-Krankenhaus überweisen. Hatten die dort vielleicht …?

Fritz Hansen nahm eine Zigarette. Und noch etwas, dachte er, als er das Feuerzeug aufspringen ließ: Was sollte das denn, diese Drohung? Ihr seid alle dran. Die Klinik, den ganzen Laden hochgehen lassen.

Ein Verrückter? Ein Depressionsschub? Ein Anfall verzweifelter Wut? Man sagt vieles … Und trotzdem: Hatte die alte Dame mit der Handtasche nicht vollkommen recht gehabt mit dem Vorschlag, die Polizei zu alarmieren?

Wen rufst du zuerst an? Brunner vom Schutzdienst – oder das Rotkreuz-Krankenhaus?

Ach Quatsch – du siehst wieder einmal Gespenster!

Er nahm den Hörer ab: »Verbinden Sie mich mit dem Rotkreuz-Krankenhaus in der Königswarter Straße.«

»Rotkreuz-Krankenhaus, Zentrale«, meldete sich eine Männerstimme.

»Hier ist Hansen, Airport-Klinik. Hören Sie, wir haben Ihnen einen Fall überwiesen, einen gewissen Werner Roser … Der Mann liegt meines Wissens auf Zimmer 324. Könnte ich den diensthabenden Kollegen der Station mal sprechen?«

»Das ist Doktor Schuhmann. Einen Augenblick.«

»Schuhmann.« Die Stimme, die sich meldete, wirkte ziemlich jung. Anscheinend ein Assi.

»Hansen. Hören Sie, Herr Schuhmann, wir haben Ihnen von der Airport-Klinik vor zehn Tagen, das Datum hab ich im Moment nicht, einen Unfallverletzten überwiesen. Ein ziemlich übles Thorax-Trauma. Der Mann bekam eine Ladung Baueisen in die Brust. Wir machten hier die Erstversorgung, brachten die Blutung zum Stehen und schickten ihn zu Ihnen. Der Mann heißt …«

»Roser. Werner Roser.«

»Richtig. Sie kennen den Fall?«

»Und ob! Wir haben mit diesem Roser mehr zu tun, als mit dem ganzen Rest der Station zusammen. Soweit ich weiß, wurde Ihnen sogar ein Bericht übersandt, Herr Dr. Hansen.«

»Ein Bericht?« Hansen zog an seiner Zigarette. Er hatte ihn nicht gesehen oder nicht beachtet. In dieser verdammten Horror-Hektik hier übersah man vieles. »Leider, Herr Kollege: Ich kann mich nicht entsinnen. Wissen Sie, bei uns geht's ziemlich rund.«

»Es war ja auch nur Routine.« Die junge Stimme am anderen Ende klang verständnisvoll: »Aber um Sie kurz aufzuklären: Es gab Komplikationen. Und so ziemlich die miesesten, die es in solchen Fällen geben kann. Na, ein paar Baueisen im Brustkorb zu verdauen, ist ja auch nicht so einfach.«

»Eine Sepsis?«

»Richtig! Und eine Multi-Infektion dazu. Sie wissen ja, wie schnell so etwas bei einem offenen Thorax passieren kann. Wir haben Lavagen gemacht, mit den schwersten Mitteln gebombt …«

»Und der Erreger?«

»Ein Streptokokus epidermidis. Ziemlich poli-resistent.«

»Und nieren-toxisch«, sagte Hansen.

»Das ist es ja. Da liegt der Hund begraben. Es kam ein akutes Nierenversagen hinzu, und seitdem müssen wir ihn dialysieren. Bei so einer Geschichte pendelt man immer hin und her bei der Frage, was wichtiger ist: die Infektions-Bekämpfung oder die Niere? Heikle Geschichte.«

»Aber der Junge, der ist doch eigentlich ziemlich kräftig?«

»Sicher. Und er kommt auch durch. Nur, das dauert.«

»Danke«, sagte Hansen. »Vielen Dank. – Ah, noch was: War der Vater bei Ihnen?«

»Jeden Tag, Mann, jeden Tag zieht der bei uns eine Schau ab, das ist gar nicht mehr auszuhalten. Und Ihnen … Ihnen gibt er die Verantwortung, dabei …«

»Dabei kann er sich den Erreger überall eingefangen haben – auch in eurem Laden«, vollendete Hansen den Satz.

»So ist es. Unter uns natürlich …«

»Nochmals vielen Dank.«

Hansen legte auf, verschränkte die Finger und legte das Kinn auf die Knöchel. Schön sehen wir aus … Dieser Dr. Schuhmann, so jung er war, schien ziemlich kompetent. Und auch optimistisch. Und ein Vater, der in einer solchen Situation durchdreht, auch das war schließlich zu verstehen. Also, vergiß es! Hak es ab. Gestrichen.

Er stand auf und ging zum Spiegel, betrachtete sein Gesicht. Eine kleine gerötete Schwellung; das würde alles sein, was davon bleibt.

Der Junge kommt durch … Das werden wir schon sehen. Wäre ja noch schöner …

Hansen hatte den Schlüssel kaum ins Schloß seiner Wohnungstür gesteckt, als sie schon von innen geöffnet wurde. Und da stand Evi.

»Mensch, was für ein Glück, daß du kommst!« rief sie. »Ich wollte schon telefonieren.«

»Etwa wieder ein Notfall?« Er grinste. »Laß mich bloß zufrieden.«

»Von wegen zufrieden lassen. Den Unfall hab ich in der Küche. Mein Essen …«

Ihre Augen blitzten voll Eifer. Die Augen einer Evi, die auf nackten Füße, mit blanken Beinen und mit seinem alten, geflickten Jeanshemd auf dem Leib vor ihm her in die Küche rannte, aus der ein ziemlich exotischer Geruch herüberwehte.

»Verdammt nochmal! Und mein Kuß? Ist das 'ne Art, seinen Typ zu begrüßen?«

»Später!« schrie sie. Und: »Au!« Anscheinend hatte sie sich die Finger verbrannt. Und: »Himmel, hoffentlich ist mir das Zeug nicht verbrannt …«

»Soll es doch.« Hansen grinste. Er war zufrieden. Nein, mehr noch, auch wenn das Wort so großspurig klang: glücklich war er, rundum glücklich. Und das, obwohl ein weibliches Wesen seine geheiligte Junggesellen-Küche durcheinander brachte und ihm obendrein noch Befehle an den Kopf schmiß.

Ach, Evi … Bei ihr war es ganz einfach, sich an die schwierigsten Dinge zu gewöhnen. Er wollte sie in den Arm nehmen …

»Der Reis!« keuchte sie. »Los, schütt ihn ab.«

Hansen schüttete ab.

»Das Tablett!«

Hansen gab ihr das Tablett. Na gut, üben muß man schon. So würde es auch in Zukunft sein. Und schlimmer.

»Was ist dann das für ein Essen?«

»Hab ich aus Thailand. Fisch mit Mango und Curry.«

»Wenn du jetzt noch damit kommst, daß es nur mit Stäbchen zu essen ist, schrei ich.«

»Kriegst 'nen Löffel.« Sie strahlte ihn an, und plötzlich schlang sie ihre Arme um ihn, wollte ihn küssen.

Sie tat es nicht. Sie nahm den Kopf zurück und betrachtete ihn aus schmalen, fragenden Augen: »Was ist denn mit dir los? Was hast du denn da? Du bist ja ganz rot, und die Unterlippe richtig geschwollen? Hast du dich gestoßen oder hat da einer …«

»Da hat einer«, grinste er.

»Nein? Dich?«

»Ja. Mich.«

»Und wer?«

»Ein Verrückter. Die Welt steckt nun mal voll davon. Laufen alle frei rum. Jede Menge.«

»Mein Armer …« Sie berührte vorsichtig seine rechte Gesichtsseite. »Kann man sich gar nicht vorstellen. Einen so schönen, vornehmen, gutaussehenden Herrn zu schlagen! Dazu noch einen Arzt, einen Helfer der Menschheit! Also wirklich! Jetzt erzähl schon.«

»Den Teufel werd ich! Meinst du, ich will mir den Appetit auf deine Thai-Erfindung verderben lassen?«

»Das ist keine Erfindung, das ist original.«

Das war's wohl auch und schmeckte hervorragend; wenn auch so scharf, daß man ausgiebig dazu trinken mußte.

Mein Gott! Hansen lehnte sich satt und zufrieden zurück. Und die Teller trägt sie auch noch ab … Ein Traumwunder, meine Evi, und dazu noch ein Traumwunder auf den herrlichsten Beinen der Welt! Und diese Beine werden wir bald woanders spazierenführen. An einem griechischen Strand oder in Thailand … Wie hieß doch noch dieser berühmte Badeort? Da wolltest du doch schon immer mal hin? Phuket, natürlich. Das ist es doch? Und als Begleiter einer LH-Stewardeß zahlst du nur zehn oder fünfzehn Prozent, man muß noch nicht einmal verheiratet sein. Obwohl, auch das wäre vielleicht gar keine so üble Idee …

»Also, wie war das?« Sie warf die Haare zurück und machte ein sehr entschlossenes Gesicht: »Jetzt will ich's wissen. Jetzt erzählst du.«

Er erzählte, knapp, ironisch, und als er von der Dame mit der Handtasche sprach, die die Polizei holen wollte, kam ihm der Schlag, den er abbekommen hatte, eher komisch als wichtig vor.

»Dabei hast du dem Jungen doch das Leben gerettet, oder?«

»Ja, das kann man sagen.«

»Mir gefällt das gar nicht, überhaupt nicht … Schön, der Mann mochte erregt, am Durchdrehen gewesen sein, aber diese Drohungen? Nicht nur dich, nicht nur die Klinik hochgehen lassen? Was kann er damit meinen?«

»Keine Ahnung. Ich hab's mich auch gefragt. Aber ich werde mir deshalb nicht den Kopf zerbrechen.«

Sie saß auf der Couch, zog die Beine unter sich, setzte die Hände auf ihre Knie und beugte sich vor, um ihn anzusehen, lange, eindringlich. »Die Frau hatte recht. Also, wenn du mich fragst: Du solltest wirklich zur Polizei und es melden. – Ich war übrigens auch heute dort …«

»Du? Wieso?«

»Auch wegen eines Falles aus deiner Klinik. Unseres Falles.«

»Der Kolumbianer? Dieser Caldas?«

»Er heißt gar nicht Caldas. Das stand nur in seinem Paß. In Wirklichkeit heißt er Ramon. Ramon Garcia.«

»Und? Wieso bist du deswegen zur Polizei?«

Wieder sah sie ihn an. Mit demselben eindringlichen, fast vorwurfsvollen Blick: »Das fragst du? – Weil ich ihm helfen will. Er ist ein armes Schwein. Zuhause hat er zwei Kinder. Ein kleiner Land-Geometer. Er liebt seine Frau und seine Familie. Und er ist in die ganze Geschichte nur reingeschlittert.«

»So, reingeschlittert?« Was ging ihn ein Ramon Garcia an? Diesen Drogen-Kurier hatte er über die Runden gebracht. Aber der andere, der kleine Roser … eine massive Sepsis, eine Multi-Infektion, die die Nieren ausschaltete … War es meine Schuld, Herrgott? Bei einem derartigen Unfall-Trauma am Brustkorb? Aber die im Rotkreuz würden das schon schaffen …

»Ich muß ihm helfen«, hörte er Evi sagen. »Ich hab ihm auch einen Rechtsanwalt besorgt. Du verstehst das, nicht wahr?«

»Ich versuche es.«

»Du verstehst es.«

Er nickte und wollte die Schatten loswerden. Da fiel ihm ein, was Evi ihm gestern erzählt hatte. Auch sie fühlte so etwas wie Schuld, ohne schuldig zu sein. Bei ihr war es ein Toter, der ihr diese seelische Last aufbürdete. Ein Mann in Kalifornien, den sie geliebt hatte, ohne je seine Geliebte gewesen zu sein. Ein Vertrauter, der ihr sehr nahe gewesen war. Der, wie sie sagte, sie besser verstanden hatte als je ein anderer Mensch. Und dieser Chris, dessen Existenz sie ihm gegenüber stets unterschlagen hatte, war gestorben, allein, ohne ihre Nähe, ohne ihre Hilfe …

»Und als ich auf dem Rückflug nach Frankfurt über dem Kolumbianer kniete, diesem wildfremden Menschen, und sein Herz wieder zum Schlagen bringen wollte, da war's mir irgendwie, als hätte ich Chris unter mir. Die beiden wurden plötzlich identisch. Gleichzeitig aber war Chris wieder bei mir und half mir, wenn ich aufgeben wollte. Begreifst du das?«

Er begriff es. Er hatte selbst erlebt, daß man sich Vorwürfe für etwas machen kann, an dem man keine Schuld trägt.

»Ach, Evi«, sagte er und stand auf. »Komm, ich hol uns einen Whisky. Und dann schlucken wir einfach alles hinunter.«

Doch sie schüttelte nur den Kopf: »Geht nicht. Funktioniert nicht immer – und was diesen Mann betrifft, der da zugeschlagen hat: Nimm den ernst! Das ist keiner wie Ramon Garcia. Nein, irgendwie habe ich das Gefühl, daß der gefährlich ist …«

Nicht, daß sie Schmerzen hatte – es war eher, als greife eine fremde Gewalt nach ihrem Leib. Zwei Hände, die ihren Rücken zusammenpreßten und sich ihres Innersten bemächtigten.

Maria Schuster ballte die Fäuste. Sie wollte nicht stöhnen. So etwas schickt sich nicht. Und hier auf dem Frankfurter Flughafen schon gar nicht, wo alles so schrecklich vornehm war und so teuer. Die Menschen, die Kleidung, die sie trugen! Alles reiche Leute.

Zu Hause, in der Ukraine, und auch sonst, wenn man als Volksdeutsche nach Moskau flog wegen der Ausreisepapiere, zog jeder an, was er so hatte … Aber hier? Die sahen aus wie Millionäre. Dazu der Flughafen. Und diese wunderschönen schwarzen, federweichen Sessel! Sie konnte doch hier nicht … oh Gott!

Nun kam der Schmerz. In einer einzigen großen Welle … Mund zu! Bleib still!

Aber sie stöhnte.

Der Mann gegenüber ließ seine Zeitung sinken und rückte die Brille zurecht. Die Frau neben ihm setzte sich plötzlich ganz aufrecht, und die beiden Kinder, die wohl zu dem Paar gehörten, hatten die Münder offen.

Sie konnte es ja nicht verhindern. Wie denn? Nichts war zu verhindern. Maria hielt nun beide Hände auf ihr Umstandskleid gepreßt, schloß die Augen und biß sich die Lippen wund.

»Fehlt Ihnen was?« fragte der junge Mann, der neben ihr saß.

Sie wollte den Kopf schütteln, wollte erklären, aber wie konnte sie? Der Schmerz war zu stark, war wie eine Woge, die sie hochtrug. Nun … Nein! Nein! … Warm rann es zwischen ihren Schenkeln, rann über den Polsterrand auf den Boden, bildete eine Lache.

Die Fruchtblase geplatzt! Lieber Himmel …

»Maria?« hörte sie den Ruf. Gott sei Dank – dort drüben kam Heinrich angerannt, ihr Mann. Daß sie ihm das antun, daß ihr das passieren mußte! Nach allem, was sie hinter sich hatten … Und es war doch gutgegangen bisher. Sie hatten einen so weiten Weg zurückgelegt. Von Kalanow – dem Dorf, wo sie zu Hause waren – zuerst nach Saporoschje, von Saporoschje nach Kiew, von Kiew nach Moskau, von Moskau nach Leipzig – in dieses merkwürdige Land, das nur die ganz Betagten im Dorf noch die ›alte Heimat‹ nannten. Ja, und es war noch immer weitergegangen: Leipzig – Frankfurt. Hier in der Nähe sollten sie eine Wohnung und auch eine Arbeit bekommen.

Aber nun – nun kam das Kind …

»Bitte, Heinrich. Hilf mir doch!«

Er nickte nur. Er blickte auf das, was da am Boden entstand, starrte ihr ratlos ins Gesicht, starrte die anderen an, beugte sich über sie und flüsterte, als habe er Angst, diese fremden Menschen könnten es mithören: »Kannst du gehen? Da drüben ist eine Toilette.«

»Ich glaube«, flüsterte sie.

»Dann versuch es mal. Ich stütze dich.«

Und wieder biß sie die Zähne zusammen, als er sie hochschob – doch es ging.

Oh Gott, es schien ihr, als müsse sie durch ein Spalier von Blicken gehen; und die Blicke waren wie Peitschen, die auf sie einschlugen. Wieso half denn niemand? Wo war denn die nette Dame vom kirchlichen Sozialdienst? Die hatte doch gesagt, sie sollte hier warten. Und sie bekämen im Restaurant sogar etwas zu essen, ehe sie den Bus zusammen besteigen konnten.

»Hören Sie, ich werde den Notarzt rufen«, war eine Stimme zu hören. »Wo gehen Sie denn hin?« Es war der junge Mann.

»Dorthin!« Heinrich hob die Hand und deutete auf ein Hinweisschild auf grünem Grund. Es zeigte das Symbol einer Frau. »In die Toilette. Wo sollen wir denn sonst hin?«

In der Airport-Klinik war es Oberpfleger Fritz Wullemann, der den Hörer abnahm, als der Anruf von einem der Mädchen des Informationsdienstes kam, kühl, professionell: »Wir haben da ein etwas ausgefallenes Problem. Da ist 'ne Frau, und die bekommt ein Kind.«

»Was soll denn daran ausgefallen sein?«

»Mir ist nicht nach Witzen zumute.«

»Und wo?«

Ein leises Getuschel war zu hören, dann kam die Antwort: »Ich hab hier einen jungen Mann, der uns Bescheid gab. Anscheinend hat sich die Dame auf die Damentoilette bei der Gepäckausgabe ›Inland‹ verzogen.«

›Verzogen‹, dachte Fritz Wullemann, ›verzogen‹ nennt sie das, die blöde Zicke!

Er schmiß den Hörer auf die Gabel, drehte sich um: »Los! Dalli, dalli!« Ja – aber wer …? Und in diesem Moment hatte der liebe Gott ein Einsehen: Der junge Arzt Olaf Honolka schob den Kopf durch die Tür. Na, Gott sei Dank!

»Wo iss 'n der Chef? 'ne Frau kriegt 'n Kind.«

Honolka riß die Augen auf: »Was?«

»Nu frag nich, Doktor. Et iss nu mal so.«

»Ja aber, ich habe …«

»Du brauchst auch jar nich, Doktorchen … Wenn du mit deinen scheenen Locken in der Damentoilette aufkreuzt, dann laufen die Damens doch schreiend davon. Sogar Gebärende. Wo iss 'n der Chef?«

»Beim Gipsen.«

»Na, dann hol ihn. Lauf schon!«

Das Bild, das sich Wullemann und Chefarzt Dr. Hansen dann bei ihrer Ankunft bot, war eher komisch als besorgniserregend: Da stand eine ältere, grauhaarige Frau, die Plakette des kirchlichen Sozialdienstes am Aufschlag ihrer Schneiderjacke, und schob mit ausgebreiteten Armen ein paar Frauen zurück, die entweder protestierten oder sie ungläubig anblickten. »Haben Sie doch Verständnis. Es gibt ja schließlich genügend Toiletten hier im Airport.«

»Ein Kind, sagen Sie?«

»Ja. Ein Kind sage ich.«

»Ach Gottchen, die Arme!«

»Können wir mal vorbei?« Hansen und Wullemann öffneten und betraten den kühlen, von Wasserplätschern erfüllten Raum und hörten bereits das Stöhnen. Die Kacheln reflektierten das Licht. Und dort, am Boden … ein Mann beugte sich über die Frau, die da auf dem Rücken lag, die Knie hoch, die Hände auf dem Leib, das Gesicht verzerrt, in der typischen Haltung der Gebärenden.

Der Mann hielt ihren Kopf, der immer wieder hin- und herpendelte. Und neben dem Paar lag blutige Wäsche. Blutige Flüssigkeit floß auch über die Bodenfliesen.

»Na, hoffentlich komm wer da nich zu spät, Doktor«, brummte Wullemann.

Sie kamen nicht zu spät. Die Austreibungs-Periode hatte eingesetzt, ohne Zweifel. Der Puls heftig, sehr gesund. Dabei war die Frau schon an die Vierzig, wenn nicht darüber, soweit sich in ihrem Zustand überhaupt ein Alter schätzen ließ.

»Wie alt ist sie denn?«

»Einundvierzig«, sagte der Mann neben ihr mit flatternder Stimme.

»Sie brauchen nicht hier zu bleiben.«

»Aber das muß ich doch. Ich kann doch mei Maria net allein lasse.«

Er sprach ein sonderbares Deutsch, mit schwäbischem Akzent, aber er stammte nicht aus Schwaben. Man sah's. Doch das war nun weiß Gott nicht wichtig, wo er zu Hause war.

Zwei Minuten darauf kam die nächste Wehe. Ein Transport war im Moment nicht möglich. Sie preßte. Aus dem Leib wölbte sich bereits schwarz und naß der Kopf des Kindes.

»Tief einatmen!« Hansen beugte sich über ihr Gesicht. Er lächelte. »Es geht wunderbar, Sie werden es sehen. Ich heiße Hansen und bleibe jetzt bei Ihnen. Und Ihr Mann ist auch da, Maria … So, und jetzt das Kinn auf die Brust, die Luft anhalten und mit aller Kraft drücken – ja, so ist es richtig, wieder mit aller Kraft nach unten drücken.«

Die Frau sah zu ihm auf. Graue Augen hatte sie.

Er strahlte sie an, legte die Hand leicht auf ihren Bauch. »Atmen, Maria … so wie ich … sooo, ja, machen Sie's mir nach … Durch die Nase ein, nun aus, durch den Mund …«

Sie lächelte. Tatsächlich. Trotz der Schmerzen.

»Wunderbar, Maria. Wieder tief, tief atmen. Mit dem Bauch atmen, wenn es möglich ist … Unser Kind soll ja Luft bekommen. Und wenn Sie tief atmen, bekommt es die auch. Dann kriegt es Sauerstoff, verstehen Sie?«

»Oh, Herr Doktor … Dauert es noch lange?«

»Nein.« Der Kopf des Kindes hatte sich gedreht, schon war die Schulter da, vorsichtig, ganz vorsichtig griffen Hansens Hände zu.

»Nochmal … Maria. Ihr Kind ist da. Drücken!«

Ein Schrei.

Es war geschafft. Und es war blendend gegangen. Nicht einmal der Damm war gerissen.

»Ham wir prima jemacht, wat?« strahlte Wullemann. Der Mann der Frau neben ihm wischte sich den Schweiß vom knochigen Gesicht und nickte dankbar.

»Schau zu, ob die Bahre da ist!«

Wullemann rannte zur Tür. Wegen der Gefahr möglicher Blutungen war es angebracht, die Nabel- und Nachgeburts-Versorgung in der Klinik vorzunehmen.

Hansen hatte die Spritze mit Oxytocin, einem Mittel, das die Plazentalösung beschleunigte und etwaigen massiven Blutungen vorbeugte, bereits vorbereitet. Er führte sie ein, ohne daß Maria Schuster überhaupt etwas merkte. Dann kam die Bahre angerollt.

»So, Maria, jetzt sind wir gleich in einem Bett. Bei mir.«

»Danke, Doktor! Oh, vielen Dank.«

»Nein, Sie haben das doch gemacht! Und ich muß Ihnen sagen, ganz großartig sogar.«

Die Lider fielen über ihre Augen.

Sie hoben den Körper an, legten ihr das Kind über den Leib, verpackt in sterile Tücher, warfen die Decke darüber und rollten die Bahre hinaus.

»Na, sowas! Was man hier alles erleben kann. Sogar eine Kindsgeburt.«

Die Frau draußen vor der Tür hatte ungläubige Augen.

»Na, Menschliches eben, Madame«, knurrte Fritz Wullemann. »Wat 'n sonst?«

Karl Roser hörte den Fernseher bereits auf dem Treppenabsatz und wußte, was ihn erwartete: Seine Frau Pia würde auf der Couch liegen, leidend, das Bier neben sich, und in die Glotze starren. Nach Hause kommen? – Auch das war nicht mehr einfach. Nichts mehr war einfach. Aber das Elend würde bald ein Ende nehmen …

Er steckte den Wohnungsschlüssel ins Schloß.

Wieder einmal hatte er recht gehabt: Sie lag auf der Couch, eine halbe Flasche Bier vor sich, und aus dem Fernseher strahlte ihm Peter Alexander entgegen. Noch schlimmer: Sie trug noch ihren Morgenmantel! Als er eintrat, richtete sie sich halb auf: »Tat so schlimm weh heute, Karl. Konnte mich kaum bewegen. Mein Kreuz bricht mir noch richtig ab … Wie ist das? Haste was zum Essen mitgebracht?«

Er schüttelte den Kopf. Sie schaltete den Ton ab, denn Peter Alexander sang jetzt.

»Ich war bei Werner. Im Krankenhaus.«

»Ach Gott! Mein armer Kleiner …« Ihre Stimme sackte ab, gleich würde sie quengeln, dann womöglich flennen. »Und? Wie sieht's denn heute aus?«

»Wie immer.«

»Warum sind wir nur so gestraft, Karl? Weißt du das? Zuerst haben sie ihm die Brust kaputt gemacht«, sie schluchzte, »und jetzt auch noch die Nieren … Das hat uns noch gefehlt. Der arme Kleine …«

Der ›arme Kleine‹? Karl Roser betrachtete den Mann im Fernseher, Strahleaugen, ein weit aufgerissener Mund – und er dachte an das weiße, abgemagerte Gesicht seines Sohnes, an die Schläuche, durch die sie den versagenden Nieren die vorübergehend rettende Flüssigkeit zuführten, die sie retten sollte … Und nun das Gesicht seiner Frau, alt, aufgedunsen, verlebt. Und zu allem sah er über ihrem Kopf noch das Hochzeitsbild hängen: Er in der Uniform eines Luftwaffen-Feldwebels, sie im weißen Kleid. Pia war hübsch gewesen, bei Gott! Blond und schlank, ein bißchen faul damals schon, aber sie hatten so viel gelacht …

Sein Mund war ganz trocken. Wieviel kriegst du noch ab? dachte er. Und: Das Leben, warum läuft es immer bergab, schneller und schneller? Wenn du jetzt nichts unternimmst, geht alles sowieso in die Binsen …

»Da drüben liegt die Post, Karl. Ich hab sie gar nicht aufgemacht.«

Er nickte und lächelte schief: »Brauchst du auch nicht. Sind ja nur Rechnungen und Mahnungen.«

»Da ist noch 'n Mettbrötchen. Wülste das?«

Er schüttelte den Kopf.

»Bier ist keines mehr im Eisschrank. Brauchst gar nicht zu kucken.«

»Ich mach mir einen Tee und geh damit in die Werkstatt …«

Die Werkstatt befand sich einen Stock tiefer, im Anbau. Der Anbau ragte in den Hinterhof, in dem ein kümmerlicher Kirschbaum wuchs.

Karl Roser hatte den Tee in eine Thermosflasche gefüllt. Er hielt sie in der linken Hand, während er den Schlüssel zog und einen kurzen Blick auf das Schild warf, das er vor Jahren, nach seinem Ausscheiden aus dem Bund an die Tür montieren ließ:

KARL ROSER – ELEKTRISCHE SYSTEME UND MESSTECHNIK.

Das Schild war aus Messing, und da er es immer wieder polierte, glänzte es wie neu. Aber wer las es schon? Damals vor zehn Jahren, als er die Airport-Aufträge übernommen hatte, mußte er alle andere Kundschaft ablehnen. Dann hatten sie ihn abserviert – und nun, nun kam kein Schwein.

Na ja: Bald würde er keine Kundschaft mehr brauchen.

Er drückte auf den Schalter. Das Neonlicht zitterte in dem großen Raum auf und warf seinen kalten Schein auf Geräte, Werkbänke, Arbeitsplätze. Alles leer. Dort in der Ecke hatte sein Sohn Werner gesessen. Ein Poster hatte er über seinem Tisch angebracht, auf dem eine Jeans-Blondine zu sehen war, Busen und Oberkörper nackt, die Jeans schon halb offen. Was hatte es damals für einen Krach gegeben, als er verlangte: »Das Ding muß weg!«

»Du kommandierst mich sowieso nur rum«, hatte Werner protestiert. »Wenn du das auch noch durchsetzen willst, Papi, hau ich in den Sack! Das sag ich dir gleich, dann mach ich eine Fliege.«

Weg war er jetzt sowieso. Und wie es aussah, womöglich für immer …

Karl Roser stellte die Thermosflasche auf seinen Schreibtisch, goß sich eine Tasse ein, ging zu seinem alten Panzerschrank und holte die Schaltpläne raus. ›Streng geheim‹, versteht sich ja wohl von selbst. Als die Airport-Bauleitung ihn holte, vor zehn Jahren, da waren sie heilfroh gewesen, einen zusätzlichen, beim Bund ausgebildeten System-Techniker zu finden, der sich auf ihren Krempel verstand. So bekam er auch ohne weiteres den Sicherheitsausweis und die Pläne. Ein Satz Pläne konnte ja mal bei ihm hängen bleiben? Sie hatten es nicht einmal gemerkt.

Roser zündete seine Pfeife an und beugte sich über das Labyrinth der Linien und technischen Angaben.

Wo er die Zünder und Sprengkörper unterbringen würde, hatte er mit kleinen roten Kreuzen markiert. Nicht der große ›Bang‹ sollte es werden – nein, stufenweise sollte der Schrecken kommen. Schön langsam. Immer ein wenig wollte er die Schraube anziehen. Über Tage, Wochen, wenn's drauf ankam. Zuerst der Brief. Dann das Info-System ausschalten. Phase zwei: Klinik-Fahrzeuge. Phase drei: Frachtzentrum. Vier: Die Abflughalle … Schlag auf Schlag, jawohl. Effizient, ordentlich, sauber.

Die Pläne würde er zuvor vernichten müssen. Klar. Aber dazu hatte es noch Zeit …

Seufzend setzte er sich an den Computer, schaltete ihn ein und begann den ersten Brief zu tippen.

»Was heute passierte«, tippte Karl Roser, »war eine Warnung und soll Ihnen zeigen, daß ich es ernst meine …«

»Was hast du denn, Oskar? Fühlst du dich nicht gut?«

»Oh nein, mein Liebes. Es ist nichts. Wo bleiben denn nur die Koffer?«

»Da steht's doch, drüben an der Tafel: Kairo. LTU. Das sind wir.«

»Ach ja?«

Das Transportband setzte sich in Bewegung. Es war ja alles wirklich sehr praktisch. Da kam schon das erste Gepäckstück, irgend etwas schaukelte heran. Ein kleiner Korb war es.

»Meinst du, der Jürgen freut sich über den Teller?«

Es war ein herrlicher silberner Teller, und sie hatten ihn im Gepäck. Darauf standen sonderbare Schriftzeichen. Arabisch. Das sei ein Koran-Vers, hatte der Verkäufer im Bazar gesagt, und der Teller echt Silber. So ›echt Silber‹ konnte er allerdings wohl kaum sein, dazu war er viel zu billig gewesen.

»Oskar! Wir hätten dem Kleinen doch den Kamel-Sattel mitbringen sollen.« – Aber ach, der war einfach zu schwer gewesen. Es war überhaupt alles so viel und so verwirrend gewesen, die ganze Reise eigentlich – und doch so gut gemeint von den Kindern. So lieb, ihnen zur Goldenen Hochzeit eine Reise an den Nil zu schenken. Ja, der Nil: Palmen, Pyramiden, Assuan, die Königs-Gräber, sogar auf einem Dromedar waren sie geritten … Und all diese dunklen Menschen … nun ja, sie bettelten ein bißchen arg, aber lieb waren auch die.

Und dann der Flug zurück über Meer und Berge. Und plötzlich wird alles grün, und eine Stimme sagt: »Wir haben gerade Stuttgart überflogen. Wir setzen bald zur Landung in Frankfurt an und bitten sie deshalb, sich festzuschnallen.«

»Die Kinder holen uns ganz bestimmt ab, Oskar«, meinte Wilma Koch jetzt.

»So, meinst du?« zweifelte ihr Mann.

Wilma war nun doch besorgt, denn Oskar schien ein bißchen blaß unter seiner Bräune. Und warum waren die Augen so eingefallen? Vielleicht kein Wunder, wenn man bedachte: In ein paar Stunden von einem Kontinent zum anderen zu hüpfen, und das mit sechsundsiebzig Jahren …

»Dort kommt der Koffer!« – Na also! Oskar hatte es sogar zuerst gemerkt.

»Das ist meiner«, sagte sie. »Und deiner, der kommt gleich dort hinten. Der grüne.«

»Ja«, sagte er, »stimmt!«

Menschen beugten sich über das Band, Hände griffen zu. Die braungebrannten Gesichter wirkten starr und gespannt. Viele dieser Gesichter kannte Wilma Koch noch, man hatte im selben Bus gesessen, war auf demselben Nil-Dampfer an der Reling gestanden und hatte gemeinsam zum Ufer geblickt. – Schöpfräder, Pyramiden, alte, verwitterte Festungen und kleine Dörfer, das alles zog vorüber. Und an den Ufern der Dörfer spielten Kinder. Auf dies und auf jenes hatte man sich gegenseitig aufmerksam gemacht, hatte fotografiert und war glücklich gewesen … Nun standen hier nur noch fremde Menschen, die sich ihr Gepäck schnappten. Und überall Beton, Licht, Ordnung und Organisation: Die Heimat hat dich wieder! Auch sie selbst dachte ja bereits daran, ob Frau Scheuer ihr die Geranien gegossen und ob sie nicht vergessen hatte, die Wohnungstür zweimal abzuschließen …

»Ach, Wilma …« Seine Hand griff nach ihrer Hand. »Nicht wahr, es war doch so schön, so wunderschön! Und wir werden wieder nach Ägypten …«

Sie drehte sich um, ganz schnell, aufs höchste alarmiert: »Oskar? Was ist denn?«

Ja, was war? Der Fußboden, so weich? Und die Beine … meine Beine … warum spüre ich sie nicht mehr … nur Wärme spüre ich, Wärme, die in mir aufquillt, hochsteigt … Wärme, die wie fließendes Wasser ist, mein Herz erreicht, und nun den Hals …

»Oskar, was ist denn?«

Ihre Augen waren weit aufgerissen. »Nein!« rief sie. »Nein …«

Sie mußte ihn festhalten. Er war ja so groß, das war er immer gewesen, so groß und knochig, wie konnte sie ihn … er fiel, fiel jetzt, fiel über das Band, zwischen die Koffer, und da waren nun Leute und Rufe, und jemand hielt sie fest, und sie zogen Oskar auf den Boden. – Oh, Oskar! Mein armer, lieber Oskar …

»Krieg ich kein Eis, Papi?« fragte der kleine Junge.

»Es gibt kein Eis! Wir haben keine Zeit. Und paß auf den Strauß auf, Himmelherrgott nochmal!«

»Jetzt hör mal zu«, sagte Traudl Koch irritiert: »Was hast du eigentlich? Die Maschine aus Kairo ist gerade erst gelandet. Und bis die Eltern durch den Zoll sind und ihr Gepäck geholt haben … Ich versteh überhaupt nicht, was biste so nervös? Was stellst du dich bloß so an?«

Doch Jürgen warf ihr nur einen seiner berüchtigten Blicke zu. Was war eigentlich in ihn gefahren? Dabei kannte er sich auf Flughäfen bei Gott aus. Vielflieger war er, ständig unterwegs. Die Firma jagte ihn überall herum. Er hatte alle Routine der Welt, was das Fliegen anging. Und nun, wenn sein Vater und seine Mutter mal landeten, benahm er sich wie eine aufgeregte Braut. Und überhaupt die ganze Geschichte – ein Geld hatte das vielleicht gekostet! Als ob irgendein hübsches Geschenk zur Goldenen Hochzeit nicht auch gereicht hätte. Nein, eine Nil-Reise mußte es ausgerechnet sein! Und von der Firma hatte er sich heute auch noch freigeben lassen.

»He, renn doch nicht so!«

»Nun komm schon.«

Traudl Koch stolperte ihrem Mann und ihrem Sohn hinterher. Langsam hatte sie die Nase voll. Wirklich …

»Können Sie sich denn nicht etwas beeilen?«

Er saß auf dem Hocker im Gips-Raum, und sein Gesäß benötigte eine Menge Platz. Dünn an ihm war nur der Mund und die Goldränder seiner Brille.

Er trug eine großkarierte, italienische Seidenkrawatte zu seinen Unterhosen, da er die Beine freimachen mußte und das rechte Bein hochgelagert hatte, damit der junge Arzt Dr. Olaf Honolka den Knöchel eingipsen konnte.

»Ja, Herrgott, wird das denn heute nicht mehr?« schimpfte er weiter. Seine kräftigen Hände hielten die Herrentasche fest umklammert wie eine Axt.

»Was heißt denn ›heute‹?« fragte Honolka.

»Mann, in vierzig Minuten geht mein Flieger!«

Der Arzt warf einen kurzen Blick auf die Karteikarte: »Herr Piess!«

»Priess – nicht Piess.«

»Aha? Na, dann haben wir uns wenigstens einmal verstanden.«

Vom Tisch, wo Oberpfleger Fritz Wullemann noch Gips anrührte, kam ein anerkennendes Grinsen.

»Verstanden? Wir verstehen uns anscheinend überhaupt nicht. Ich habe Sie gefragt, wie lange das noch dauert.«

»Das Gipsen ist in zehn Minuten vorbei. Aber Ihren Flieger, den vergessen Sie besser.«

»Wieso? Was soll das heißen?«

»Na, daß Sie hier bleiben mit so 'nem frischen Bruch.«

»Sind Sie verrückt? Wissen Sie, um was es geht?«

»Das interessiert mich nur in Grenzen.«

»Kann ich mir vorstellen. Es geht um Millionen, Mann!«

»Honolka heiße ich«, sagte der Arzt, »Dr. Olaf Honolka.«

»Um so besser. Den Namen werde ich mir merken. Wer weiß, vielleicht kann ich Sie noch regreßpflichtig machen für diese … diese Verzögerung.«

»Stehen Sie auf.«

»Wie bitte?«

»Sie sollen aufstehen. Und treten Sie mal fest auf, ja? Damit's auch schön weh tut. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Da ist die Tür!«

»Sie sind ja verrückt. Ich verlange, daß Sie die Behandlung …«

»Hier können Sie überhaupt nichts verlangen, damit das mal klargestellt ist. Sie wurden hier reingebracht. Sie wurden geröntgt, hier!« Honolka hielt eine Aufnahme hoch. »Schauen Sie es sich doch an. Die Kapsel zweimal gesprungen. Und da wollen Sie einfach …«

Der Mann sackte in sich zusammen. Dann nickte er. »Entschuldigen Sie bitte, die Nerven … Wissen Sie, der Dauerstreß …«

»Und die Millionen, wat?« kam es von Fritz Wullemann. »Wo wollen Sie überhaupt hin?«

»Dresden.«

»Hab ick mir schon jedacht. Natürlich … Wo kriegt man die Kohle heutzutage noch? Bei unseren Brüdern im Osten.«

»Das verstehen Sie doch nicht. Was wissen Sie von meinem Risiko? Ich bin da voll reingegangen. Und wenn da 'ne Million drin ist, dann ist es schließlich nur wegen …«

»Wejen des Aufbaus, nich?«

»Ich will mich nicht mit Ihnen rumstreiten. Ich will wissen, wie ich zu meinem Flugzeug komme. Sie haben doch hier sicher Rollstühle?«

»Ham wer. Aber wenn Sie meinen, dat ich Sie schiebe?«

»Ich meine nichts. Ich verlange nichts. Ich bezahle.«

»Na, dann zahlen Sie, Mann, schmieren Sie doch …«

Der Lautsprecher unterbrach: »Notfall. Ankunfts-Ebene. Gepäckausgabe vierzehn …«

Honolka nickte Wullemann zu. Von seinen Händen troff der Gips. Er machte einen neuen, den letzten Bindenschlag. »Frag mal nach, Fritz. Wir sind ja doch dran. Der Chef ist im Moment nicht zu haben. Der operiert.«

Fritz Wullemann hatte den Hörer bereits in der Hand. »Was Schlimmes?« fragte er ins Telefon.

»Ein älterer Herr. Anscheinend ein Schlaganfall.«

»Kann er sich noch rühren?«

»Nein, völlig gelähmt.«

Arzt und Oberpfleger sahen sich an. Honolka seufzte. »Na denn, nichts wie los!«

»Wir nehmen den Wagen. Dat iss bei der Jepäckausgabe Ausland. Da kommen wer gleich durch die Tür, dat iss nich weit«, sagte Wullemann.

»Hören Sie«, meldete sich der Dicke, »was soll denn das?«

»Was das soll?« Honolka sah ihn an, und sein Blick glitt von den vergipsten Zehen bis zu den spärlichen Haaren auf dem Kopf des Patienten. »Das bedeutet: Es gibt noch andere Menschen auf der Welt, nicht nur Sie! Ob Sie's glauben oder nicht … Komm, Fritz!«

»Herr Doktor!« rief ihnen der Mann hinterher. »Das können Sie doch mit mir nicht machen! Herr Doktor, nun hören Sie doch! Seien Sie vernünftig … ich meine, ich kann Ihnen ja ein Sonder-Honorar oder für die Klinik 'ne Spende …«

Aber Honolka und Wullemann waren bereits draußen, rannten mit der Notfall- und Katastrophen-Ausrüstung durch den Korridor bis zum Fahrerraum und durch den Fahrerraum hinaus auf den Fahrzeug-Hof. Der Wagen wartete vor der Tür. »Na, los schon!« Wullemann warf sich auf den Sitz, Honolka nahm neben ihm Platz.

»Mensch, Doktor, wieso haste dem deinen Jips bloß nich ins Maul jestopft? Also so 'n Arsch! Depressionen kann man da kriejen, wat? Armes Dresden, nicht?«

Olaf Honolka hörte gar nicht zu. Er dachte an das, was sie erwartete. Beidseitig gelähmt? Und noch ein älterer Jahrgang? Das bedeutete eine Blockierung der Gehirnblutversorgung. Entweder war die Halsschlagader oder die Gehirnarterie direkt geschlossen … Gerinnungsmittel? Na, hoffentlich halfen die. Herrgott, das wäre ein Fall für Hansen gewesen, aber der hatte diese Speisenröhren-Ruptur.

Seine Nervosität wuchs. Dann war es wie immer: Er mußte eingreifen, handeln. Mußte Menschen zurückscheuchen, die lachend und schreiend mit sich selbst beschäftigt waren: Urlauber, Geschäftsleute, Vergnügungs-Reisende. Die einen braun und fröhlich, die anderen hektisch oder konzentriert. Der Anblick der rennenden Sanitäter mit ihrer Bahre und der hinterher eilende Arzt machten sie nur für Sekunden betroffen.

Der Mann lag auf dem Rücken, die Arme von sich gestreckt, die Beine geschlossen, wie ein Gekreuzigter. Über ihm kniete mit gekrümmtem Rücken eine zierliche, weißhaarige, alte Frau und hielt seinen Kopf. »Mein Oskar …« sagte sie immer wieder, es war nur ein Flüstern, doch Honolka schien es lauter als das Tosen der Stimmen und das Knacken der Bänder in der lärmerfüllten Halle. »Mein Liebster … Bitte, bleib doch. Bleib bei mir …«

Jetzt sah sie auf. Sie hatte dunkle Augen, die voller Tränen waren.

»Darf ich mal?« Honolka schob sie sanft ein wenig zur Seite. Er legte die Fingerspitzen an die Halsschlagader.

»Er lebt doch, nicht wahr, Herr Doktor?«

Honolka nickte. Der Puls war da – doch wie lange noch? Er ging sehr schwach. Und ein einziger Blick auf die erschlafften Gesichtsmuskeln genügte für die Feststellung, daß beide Seiten bereits betroffen waren. Ein derart blitzartiger Ablauf sprach für eine Hirn-Embolie, also für einen Verschluß. Aber wenn es eine Blutung war? Dann würden Anti-Gerinnungsmittel sie verstärken … Verdammt, wie konnte er das jetzt entscheiden?

Das muß in der Klinik festgestellt werden. Wenn bloß Hansen …

»Fritz! Glukose!« Zart – so zart es überhaupt in dieser Situation möglich war – führte er die Kanüle ein, durch die die Traubenzucker-Lösung fließen konnte.

Dann gab er den Sanitätern das Zeichen, die Bahre anzuheben.

»Kann ich mitkommen?« fragte die kleine Frau. »Bitte, Herr Doktor.«

»Aber natürlich können Sie das. Kommen Sie.« Er legte die Hand auf ihre Schulter, dann lief er neben der Bahre her. Die Menschen, die neugierig stehengeblieben waren, machten Platz. Ein Spalier von Gesichtern bis zum Wagen.

Er half der Frau hinein. »Hier, hier können Sie sich setzen.«

Der Wagen zog an. Der Oberpfleger hatte bereits die Elektroden angelegt und beobachtete auf dem Monitor zusammen mit Dr. Honolka, wie das Herz seinen Kampf fortsetzte, aber schwächer wurde, noch schwächer …

Der Wagen schwankte. Wullemann griff, ohne ein Wort zu sagen, zum Spritz-Etui. Er sah Honolka an und las die Antwort in seinem Blick. Winzig und unregelmäßig wurden die Zacken auf der Kurve. Das Herz mit dem Adrenalin-Hormon wieder anzutreiben – wozu konnte das noch gut sein. Es würde nur zu weiteren Zerstörungen führen. Würde eine Entscheidung des Schicksals hinausschieben, gegen die kein Veto mehr möglich war.

Und da kam es schon; der Hirntod mußte bereits eingesetzt haben: Ein leises Piepen, dann die lange, gerade, schreckliche Linie … Herzstillstand.

Das Gesicht der alten Frau war jetzt gefaßt und ruhig. Ihr Blick ging zwischen Wullemann und Honolka hin und her, blieb schließlich am Monitor hängen.

»Ist es … ist es das, nicht wahr?«

Dr. Honolka nickte.

Der Wagen hielt. Sie stand auf, Fritz Wullemann stützte sie. Sie ging zu der Bahre, breitete die Arme aus und drückte ihr Gesicht gegen das Gesicht auf dem Polster. Und blieb ganz lange so.

Olaf Honolka verließ den Wagen. Wullemann räusperte sich; als die Frau sich wieder aufrichtete, nahm er sie vorsichtig, unendlich vorsichtig um die Schulter und führte sie hinaus: »Geht es so?«

Sie nickte. »Es muß … Ich muß wohl weitermachen, nicht?«

»Sie sind sehr tapfer«, sagte Fritz Wullemann und hielt sie fest.

Als Dr. Honolka die für die Todesbescheinigung erforderlichen Personalien aufnahm, traf er die alte Dame wieder. Zusammen mit ihren Familienangehörigen. Sie saß aufrecht auf einem Stuhl, ihr Blick ging irgendwohin in die Ferne. Ein kleiner Junge stand neben ihr. Auf ihrem Schoß lag ein großer Rosenstrauß. An der Wand stand eine junge Frau in einer sehr eleganten, weitgeschnittenen Seidenjacke. Sie hatte rote Haare und war ein wenig zu stark geschminkt – aber vielleicht schien es nur so, weil dieses Lippenrot nicht zur Situation passen wollte; nicht zum Tod und auch nicht zu dem zitternden, bleichen, schweren Mann an ihrer Seite, der nur mühsam Antworten zustande brachte.

Und auch nicht zu der alten Dame mit ihrem abgekehrten, wie entrückten Gesicht.

»Es war unsere Hochzeitsreise, Herr Doktor«, sagte sie. »Unsere Goldene Hochzeitsreise. Und Jürgen hier hat sie uns geschenkt.«

Honolkas Gesicht zeigte die verstehende Trauer, die Ärzte in solchen Situationen zu zeigen pflegen. Lieber Himmel, man konnte nicht jeden Schmerz mitleiden, jeden Tod nachvollziehen … Er brauchte die Daten. Und dann würde es weiter rundgehen. Aber die alte Frau tat ihm wirklich von Herzen leid. Außerdem bewunderte er sie.

»Wir waren in Ägypten. Eigentlich bin ich immer noch dort. Wir hätten wohl dort bleiben sollen – nicht wahr, Jürgen?«

Jürgen sagte nichts. Er tupfte sich neue Tränen von den geröteten Augen. Der Mann hat seinen Vater wirklich geliebt, dachte Honolka.

»Sie haben dort sehr schöne Gräber«, sagte die alte Dame. »Wunderschöne Gräber. Und riesengroß. Aber wir lebten und waren fröhlich. Vielleicht ist er dort geblieben, Jürgen, was meinst du? Vielleicht sollte ich wieder hinfahren …«

»Ja, Mutter.«

»Ich denke es doch. Und wollt ihr wissen, was er zuletzt gesagt hat: Es war so schön, hat er gesagt, so wunderschön … Und hat dabei gelächelt …«

Die Leute hier an der Universitäts-Klinik waren wirklich Klasse! Da war nichts zu sagen. Jede erdenkliche Mühe hatten sie sich gegeben: Verschraubt, genagelt und weiß der Teufel was sonst noch hatten sie ihn, dann nochmals geöffnet und wieder korrigiert, gearbeitet nach allen Regeln der Kunst. Und nicht nur der Chef der Chirurgischen, sondern auch noch ein Professor und ein Orthopäde waren ständig bei ihm. Vermutlich, dachte der durch seinen Motorradunfall schwerverletzte Arzt Dr. Rolf Gräfe, ist es Fritz Hansen gewesen, der ihnen derartig eingeheizt hat. Denn, Kollege hin oder her: Nur seiner Wenigkeit wegen hätten sie bestimmt nicht soviel Aufwand getrieben.

So weit, so gut. Daß sich alles irgendwie zusammenflicken läßt, weiß man ja selbst am besten. Doch da blieb noch ein Rest, blieben ein paar scheinbar ganz unwesentliche Kleinigkeiten, die so sonderbare Namen tragen wie Herz, Seele, Lebensmut, Sinn des Lebens überhaupt und so weiter und so weiter … Rolf Gräfe starrte hinauf zur Zimmerdecke.

»Was ist denn, Herr Doktor? Sie machen ja scho wieder a G'sicht, als würd's glei graue Katzen hageln.«

Die junge, pausbäckige Bayerin, die das Bett richtete und die Zugvorrichtung kontrollierte, durch welche das Bein in Strecklage gehalten wurde, sah ihn strafend an. Im Grunde mochte Gräfe sie, aber sie konnte einem auch ganz schön den Nerv töten mit ihrer ewig putzmunteren Fröhlichkeit.

Wie sie auch jetzt wieder durchs Zimmer tobte!

»Was ist denn mit den Blumen da draußen vor der Tür? So schöne Rosen – und stehen da im Dunkel rum!«

»Die brauch ich nicht.«

Nein, Rolf Gräfe konnte die Rosen nicht einmal sehen. Die dazugesteckte Karte mit der Aufschrift ›Ich denke an Dich. – B.‹, die hatte er sofort im Aschenbecher verbrannt. Wieso ließ ausgerechnet Britte ihn nicht in Frieden? Zweimal war sie außerdem hier gewesen, und zweimal hatte er sie durch die Stations-Schwester abwimmeln lassen. Bei Airport-Chefarzt Dr. Fritz Hansen war ihm das nicht gelungen. In der vergangenen Woche flog einfach die Türe auf, und Fritz Hansen stand bereits mitten im Zimmer.

»Hör mal, was soll denn das? Die sagen, du bist nicht zu sprechen.«

»Die sagen das Richtige.«

»Gilt das auch für mich?«

Sein ›für alle‹ hatte Rolf Gräfe Mühe gekostet. Sein jetziges Kopfschütteln war ein Kraftakt an Diplomatie.

Hansen hatte sich den Hocker herangezogen und Gräfes Bein und dann die Röntgenaufnahmen betrachtet, die der Orthopäde Professor Wollgiebel auf dem Tisch liegengelassen hatte.

»Die mußten ja ganz schön was tun bei dir!« konstatierte er.

»Ja. Und um es gleich zu sagen, Fritz: Wenn du mich jetzt fragst, was ich mir damit beweisen wollte, schmeiß ich dich raus … Nein, ich kann dir sogar die Antwort geben. Ich wollte meiner BMW beweisen, wie schnell sie auf nassen Stadtstraßen werden kann, wenn ich besoffen im Sattel sitze.«

»Wunderbar! Und das ist natürlich 'ne ganz starke Antwort, oder?«

»Sieh es, wie du's willst.«

Hansen hatte gezögert, sich dann doch eine Zigarette angesteckt und ihn lange angesehen. Durch die Rauchbällchen hindurch. Mit seinem blauen, genauen Blick. Aber er hatte geschwiegen.

»Und noch was, Fritz: Wenn du mir jetzt damit kommst, wie wichtig meine Arbeit für euch in der Airport-Klinik ist, und daß ich deine Klinik im Stich lasse …«

»Es ist nicht meine Klinik, Rolf.«

»Genau so führst du dich aber auf.«

»Du würdest dich kein bißchen anders aufführen an meiner Stelle, das weißt du genau.«

Ehe Gräfe etwas erwidern konnte, hatte Hansen die Hand auf seinen Arm gelegt: »Verdammt nochmal, Rolf – was ist los? Was ist eigentlich aus uns geworden? Wir waren doch mehr als Kumpel oder Kollegen. Wir waren doch richtige Freunde.«

Gräfe schloß die Augen. Freunde? Es war was dran, an dem, was er sagte … Und jetzt? Nun, dies war Frankfurt und nicht Hannover. Vielleicht lag's auch an der verdammten Stadt und nicht allein am Airport? Vielleicht war es überhaupt nur die Stadt, das ganze Pflaster hier? Verdammt, dachte er, wie ich es hasse, dieses aufgemotzte, geldbesoffene, arrogante, protzige Main-Hattan!

»Ich steig aus, Fritz. Mach dich schon jetzt darauf gefaßt. Besser, du suchst dir gleich einen Nachfolger für mich. Ich mach nicht weiter.«

»Und warum?«

»Wir waren Freunde, du hast es doch zuvor gesagt.«

»Und jetzt, jetzt hänge ich den Chef raus?«

»Du bist mir einfach zu schön.« Gräfe versuchte zu grinsen. »Neben dir komme ich mir immer so häßlich vor.«

»Keine Witze jetzt! Die Wahrheit!«

»Vielleicht hängt es mit der Stadt zusammen, Fritz«, versuchte er zu erklären, doch während er den Gedanken aussprach, hatte diese Begründung plötzlich ihre Überzeugungskraft verloren. »Nein, es ist der Job. Ich hab's dir schon mal gesagt. Er frißt mich auf. Dieser Job ist der totale Frust. Ich such mir eine andere Stelle. Es ist doch Wahnsinn, was wir tun. Die Leute kommen rein, werden versorgt, wir schuften uns einen ab – und dann sind sie schon wieder weg. Unter einem Arzt stell ich mir einfach was anderes vor …«

»Die Patienten bis zur Wiederherstellung begleiten, ist es das?«

Gräfe nickte. Fritz Hansen hatte den Punkt getroffen: Die Fließbandarbeit, die ewig rotierenden Gesichter, immer dieselben Handgriffe … An einem Bett wollte er sitzen und einem Menschen, einem Patienten, sagen können: So, nun haben wir's geschafft. Sie sind wieder gesund …

»Das ist es wohl wirklich«, antwortete er. »Jedenfalls werde ich mir eine neue Stelle suchen.«

Und Fritz Hansen hatte genickt, als habe Gräfe etwas ausgesprochen, das er erwartet hatte. »Ich denke im Grunde auch so wie du, Rolf. Oft, sehr oft. Das kannst du mir glauben.«

»Warum machst du dann weiter?«

Hansen war aufgestanden und hatte auf ihn herabgeblickt, und in seinen Augen war etwas, das Rolf Gräfe noch nie an ihm entdeckt hatte: Melancholie, Ratlosigkeit? Was war es?

»Mir würde es sehr leid tun, Rolf … Das brauche ich dir wohl nicht zu sagen. Damals, in Hannover, als wir die Koffer packten – na, damals habe ich mir auch manches anders vorgestellt.«

»Vielleicht liegt's an mir selbst, Fritz? Ich komme mit dem Laden nicht zurecht. Und mit mir schon gar nicht. Und auch nicht mit dieser Stadt … Manchmal fühle ich mich schon ziemlich im Stich gelassen.«

»Britte?«

»Ach die!« Wie er das ausrief, hatte es fast verächtlich geklungen. »Es findet sich immer eine Britte.«

»Vielleicht, Rolf.« Fritz Hansen zuckte die Schultern. »Aber sie arbeitet jetzt bis zum Umfallen. Steht nur noch in der Klinik, macht nichts als Überstunden. Und die Geschichte, die sie da hatte … mit diesem Australier …«

»Das weißt du also auch?«

»Gegen Klinik-Tratsch kann sich keiner wehren, Rolf. Jedenfalls, die Geschichte ist vorbei.«

»Na und? Was kratzt mich das?«

Aber das war nicht die Wahrheit gewesen. Die Information hatte Dr. Gräfe sehr beschäftigt. Bis heute. Aber was würde es ändern? Verzeihen war ein großes Wort und traf doch nicht den Kern der Dinge. Verzeihen kann man, aber vertrauen? Andererseits hatte er ein Recht darauf, Vertrauen zu erwarten? Hatte er Britte je ernstgenommen? Ja, das hatte er – aber erst, als es zu spät, als es zu Ende war …

Du kannst wirklich alles haben, und das meiste nur vom Feinsten: Kaviar oder Klamotten, Uhren und Schmuck. Wie wär's denn mit dem Collier da drüben im Schaufenster? Sind ja nur 74.000 D-Mark an Smaragden und Brillis. Weiter: Blumen oder Zigaretten, Tabak oder Parfümerie-Waren. Der letzte Schrei aus Italien: das Design der Silber-Bestecke und das Edelgeschirr.

Was ist? Gehen wir in die Disco? Ins Porno-Kino? Oder einfach nur essen? Aber was heißt hier ›einfach‹? Chinesisch, französisch, italienisch? Oder wieder mal ein arabisches Couscous?

Der Flughafen ist eine Stadt in der Stadt. Und dazu ein ewig währender, rund um die Uhr geöffneter Bazar der Träume und Wünsche. Was soll's noch sein? Ein hübsches Mädchen? Gleich drüben an der Bar sitzen sie, und die Kreditkarte genügt.

Oder eine letzte Nacht mit der Braut vor dem Start nach Copacabana? Aber sicher: Dafür stellt das Airport-Sheraton seine Honeymoon-Suite zur Verfügung. Für den Klacks von 1.800 D-Mark.

Ja, alles ist hier zu haben. Alles! Die exotischsten Städte, die schönsten Strände, die abenteuerlichsten Dschungel – am Counter gibt's das Ticket. Ein Moloch ist der Airport, mit 50.000 Menschen, die rund um die Uhr für ihn arbeiten. Ein Moloch, der die Welt verknüpft und doch die Menschen zu trennen scheint von dem, was diese Welt bedeutet. Denn ewig herrscht hier Frühling. Man kennt weder Kälte noch Hitze. Die Klimaanlagen sorgen für permanente dreiundzwanzig Grad.

Wie in einer der utopischen Städte, von denen die Architekten der sechziger Jahre träumten mit gewaltigen Kunstgebilden aus Glas und Beton auf dem Mond oder unterm Meer – so herrschen auch hier, von Neonlicht und Glaskuppeln erhellt, die ewig gleichen Bedingungen. Und die gleichen menschlichen Muster: Armut und Protzentum, Verzweiflung, Verlorensein, Einsamkeit … Die einen sind oben, die anderen unten. Es gibt die Ganoven und die Strichjungen, die Banker und die Penner.

Und diejenigen, die auf all das ein Auge haben müssen.

Als Friedhelm Brunner die Leitstelle des Flughafen-Schutzdienstes verließ, war es kurz nach sieben. Drüben im Lage-Zentrum flirrten auf den Monitoren die Bilder, die aus allen Winkeln des riesigen Airport-Komplexes von jeweils dort installierten Kameras kamen. Aber diese elektronische Kontrolle reichte ja nicht aus. Der Mensch mußte sie ergänzen.

Brunner hakte das Funkgerät unter seiner Jacke fest. Wie immer bei seinen Runden, trug er auch heute Zivil. Selbst auf die ID-Karte hatte er verzichtet. Das machte ihm die Arbeit nicht nur bei den Ganoven leichter, es half ihm auch, den eigenen Leuten vom Flughafen-Schutzdienst ein wenig auf die Finger zu sehen. Die merkten nicht sofort: Der Chef kommt …

Bereits in der Werkhalle traf er das erste Paar: Walter Scheidt und ›Greif‹ auf Streife. Eine ungleiche Kombination, denn ›Greif‹ war ein sechsjähriger Deutscher Schäferhund-Rüde mit bernsteinklaren, intelligenten Augen und einem wunderschön gezeichneten grauweißen Fell.

»Bist schon unser Bester!«

Brunner tätschelte ›Greifs‹ breiten Kopf. Er war wirklich der Beste. Nicht nur, daß man ›Greif‹ auf das Aufspüren von Sprengstoffen dressiert hatte – in jeder Ecke, aus jeder Verpackung und jedem Koffer witterte er den leichten Kerosin-Duft von Plastiksprengstoff –, seine übersensible Nase fand außerdem auch Schwarzpulver, ›Unkraut-Ex‹, präparierte Zünder oder Sprengstoff-Röhrchen. Dabei war er unter den zwanzig Tieren der Hunde-Staffel des Flughafen-Schutzdienstes der gutmütigste und freundlichste, ›Greif‹ trug Zeitungen hin und her, mochte jeden, ließ sich von allen streicheln …

»Na dann, ihr beiden!« rief Brunner zum Abschied und ging weiter, fuhr Rolltreppe. Verdammt, vor dem Porno-Kino standen schon wieder ein paar herrenlose Koffer! Na, wenn die leichtsinnigen Besitzer es so haben wollten, bitte schön! Lange würden die wohl nicht stehen bleiben …

Die Mädchen an der Theke des ›Otto Lilienthal‹ drehten rasch den Blick weg, als er auftauchte. Er kannte sie, sie kannten ihn … Daneben ein paar Inder, die ihm auch nicht gefielen. Und drüben, dieser Junge, der am Zeitungsladen lehnte? Na, laß ihn mal, den schaust du dir später an.

Dies war Brunners Revier und in gewissem Sinne seine Heimat. Jede Ecke kannte Brunner, jeden Winkel und jedes Versteck, die angenehmen und die Schattenseiten – so, als wäre es seine Stadt. Und sowas wie eine Stadt war der Airport ja auch: Ein Leben konnte man hier verbringen und sich am Ende vom Pfarrer mit einem Segen verabschieden lassen. Pfarrer gab's gleich zwei oder drei – nur der Friedhof fehlte noch.

Aber den, dachte Brunner, den werden sie ja wohl auch noch anlegen. Für die Dauerkunden.

Dort, dort hatte er schon einen …

Brunner sah ihn von oben, von einer neuen Rolltreppe aus, als er sich in die ›Ebene unter dem Flughafen‹ hinabtragen ließ. In die Halle, wo die US-Gesellschaften ihre Check-in-Schalter besaßen.

Der ›Kunde‹ trug eine runde, blaue, abgespeckte Lotsenmütze, unter der ein Kranz weißlich gelber Haare hervorquoll, die auf eine alte, grüne Kordjacke herunterhingen.

Er hieß Sievers, und Brunner ging langsam auf ihn zu und überlegte, ob er den Alten mit einem festen Griff an der Schulter erschrecken sollte. Aber dann ließ er es doch sein.

»Na, Captain?« sprach er ihn an.

Den Titel ›Captain‹, manchmal auch ›Skipper‹ hatte Sievers seiner speckigen Mütze zu verdanken. Wie von der Tarantel gestochen, fuhr er jetzt hoch, rückte die Stahlbrille zurecht und musterte Brunner aus seinen wässrigen Penner-Augen. Immerhin, registrierte Brunner, er hat sich rasiert. Aber diese Knochen und die dünne Haut? ›Leberzirrhose‹, hatte er mal gesagt. Aber die Augen wirkten schon wieder munter. Es waren Augen, die niemals aufgaben.

»Buona sera, comandante«, revanchierte sich Sievers. Er war nun wirklich ein echter Fall: Sprach fünf Sprachen, hatte als Schiffs-Ingenieur die ganze Welt gesehen und war nach einer kaputtgegangenen Ehe auf das geraten, was man so die ›schiefe Bahn‹ nennt.

Er selbst empfand es nicht so. »Ich fühl mich wohl in meiner Haut, solang sie noch hält«, war sein Wahlspruch.

Jetzt allerdings blickte er nun doch ein wenig unsicher. »Willst mich wohl rausschmeißen, Comandante? So wie letzten Dienstag? Und weißte, was mir dann in der S-Bahn passiert ist? Da hat mich der Kontrolleur geschnappt. Na, das war vielleicht ein Theater!«

»Was heißt Theater, Skipper? War doch prima, konntest wieder mal in den Knast. Wurdest versorgt.«

»'ne Fahrkarte reicht doch nicht mehr dafür, Comandante. Hast du 'ne Ahnung. Das waren die guten alten Zeiten. Aber heute …«

Heute? – Genau das war die Frage und das Problem. Im Schnitt wurde Sievers zwei- bis dreimal in der Woche im Flughafen geschnappt. Und wenn Brunner ihn in die Finger bekam, hielt er jedesmal dieselbe Predigt. Aber es war in etwa wie mit den Mäusen und den Grillen und den Schaben, die sich trotz aller Putzfrauen-Kolonnen und Kammerjäger zwischen Gummi und Stahlbeton in Ritzen und Papierkörben festsetzten; man schmiß sie zwar raus, aber sie kamen zur Hintertür wieder rein.

Mit den Stadtstreichern wurde keiner fertig, obwohl sie nun bei Gott nicht so recht zu dem feinen Image passen wollten, das die Flughafen-Leitung so gern dem ›Drehkreuz Europas‹ verpaßt hätte.

»Also weißte, Comandante«, fing Sievers wieder an, »sei mal ein Mensch. Ich hab' heute Geburtstag.«

»Das hast du das vorletzte Mal auch gesagt.«

»Trotzdem …« Sievers fiel nichts mehr ein, als ein bettelnder Blick. Der Brunner war ja in Ordnung, alles war verloren, wenn der Schutzdienstboß, verdammt nochmal, jetzt auf die Idee kam, seinen Matchsack öffnen zu lassen? Na dann, verflucht nochmal, dann findet er zunächst 'nen halben Brotlaib, die Schnapsflasche – und darunter das geklaute Kroko-Täschchen …

Lieber Gott, betete Sievers, laß diesen Ordnungsheini doch endlich weitergehen! War ja nun wirklich nicht der Hit gewesen, das Täschchen: Siebzig Mark und sechs Dollar, was ist das schon? Und bei der reichen Araberin, der er es abgeknöpft hatte, wäre eigentlich mehr zu erwarten gewesen. – Und Brunner? Vielleicht ist der ›Comandante‹ der einzig Vernünftige unter den ganzen Schutz-Heinis, die dir das Leben schwermachen – aber was den ›schnellen Griff‹ angeht, da verstand nicht mal er Spaß.

»Na dann, Sievers«, sagte er jetzt, »weißte was, ich mach dir 'nen Vorschlag: Bis zwanzig Uhr noch – und dann hast du dich verdünnisiert, dann biste weg hier.«

»In Ordnung«, beeilte sich Sievers zu versichern. »Versprochen!«

Der große Mann lächelte dünn, tippte kurz mit der Hand an die Schläfe und marschierte weiter.

Sievers sah ihm nach. Ein Stein, ein ganzer Berg, der ihm vom Herzen fiel. Schwein gehabt … Und jetzt, na, jetzt ein süßes, kaltes, gutes Bier! An der Bar bedienen sie dich ja nicht, aber im Supermarkt ist's sowieso billiger. Und dann runter zum Flughafen-Bahnhof!

Es begann jedesmal mit einem feinen Zittern. Man spürte es an den Fußsohlen. Und aus dem Zittern wuchs Lärm, ein dunkles Grollen, das näher und näher kam und einen kalten Luftstrom aus dem dunklen Tunnel-Eingang herausschleuderte. Bis dann, wie zwei Raubtieraugen, die Zugscheinwerfer auftauchten …

Karin hatte es nun zum zehnten, vielleicht schon zum zwölften Mal mitangesehen. Sie hatte alles registriert und sich nicht bewegt. Sie saß auf ihrer Bank und hielt die Umhängetasche in den verkrampften Händen.

Nun wieder. Diesmal war es der LH-Express.

Die Schnauze war schnittig gelb wie bei einem dieser Hochgeschwindigkeitszüge. Und es waren nur wenige Wagen. Weißgekleidete Kellner sah sie und Gläser auf den kleinen Tischen, auf denen Lampenschirme leuchteten. Ein Dutzend Leute stiegen ein. Dann ruckte der Zug an, gewann an Fahrt, verschwand. Der Tunnel lag wieder leer und still.

Sie nahm die Bilder in sich auf; fast so, wie man einen Film im Fernseher betrachtet. Es war alles unwirklich. Unwirklich und unwichtig. Nun, da sie ihren Entschluß gefaßt hatte, fühlte sie eine sonderbare Schwerelosigkeit. Keine Abschiedsstimmung, nein. Überhaupt: Abschied wovon? Von all dem beschissenen Kram? Von der Gemeinheit, die man Leben nennt?

Es würde sehr einfach sein. Sehr, sehr einfach … Es brauchte nur wenige Schritte. Und nicht einmal Mut.

Sie dachte an ihren früheren Mitschüler Matis Görris aus dem Gymnasium in Stade. Sie hatten so viel darüber gesprochen. Auch in der Klasse waren sie eigentlich der Ansicht, daß es gar nicht so schwierig sein konnte. Matis hatte Schlaftabletten genommen. Dabei war es lächerlich, unbegreiflich, daß er es getan hatte. Es gab ja gar keinen Grund. Eine Fünf in Deutsch, eine verpatzte Physik-Arbeit und der Krach mit seinem Alten, weil er das Auto genommen hatte …

Bei ihr war es anders. Und sie würde auch nicht friedlich im Bett liegen. Sie würde schrecklich aussehen: Nichts als Fleischstücke … Aber spüren würde sie nichts davon, gar nichts. Das wußte sie nun, als sie die Züge sah. Und den Mut dazu hatte sie auch. Mami würde es als Letzte erfahren … Aber zu Vera und zu Papa würde die Polizei kommen. Und Papa würde seine geliebte Vera, dieses miese Stück, in den Arm nehmen und trösten. Bei Vera war er einsame Spitze im Trösten! – Aber du, wann hat er es jemals bei dir versucht …?

Nun, jetzt hatte er wieder Grund, sich um Vera zu kümmern!

Karin blickte den Bahnsteig entlang auf die Leute, die mit der S-Bahn vom Flughafen zurückfuhren. Angestellte waren das. Oder Touristen ohne Geld. Sie sahen alle ziemlich ärmlich aus … Und der alte Mann dort drüben mit seiner Schiffermütze? Der saß ganz gemütlich da und ließ es sich schmecken. Ab und zu nahm er die Flasche hoch.

Ein Penner. Aber irgendwie, fand Karin, sieht er aus wie der einzige Mensch in dem ganzen Haufen hier.

Sie öffnete ihre Tasche. Die mußte sie vorher wegschmeißen, sonst würde sie auch von den Rädern zerrissen werden.

Den Abschiedsbrief hatte sie oben in einer Bar geschrieben, kurz nachdem Thommy zornschnaubend die Mücke gemacht hatte.

»Wenn du glaubst«, hatte er geschimpft, »daß du mit deinem ewigen Geseire über deine blöde Stiefmutter unseren Urlaub versauen kannst, bist du auf dem falschen Dampfer, Karin!«

»Dann fahr halt alleine«, hatte sie geantwortet. Da war er wortlos aufgestanden und war gegangen. Auch Thommy paßte also nun ins Bild. Er war genau wie die anderen …

Und das tat am meisten weh!

Sie faltete das Stück Papier auseinander. Drei Linien standen darauf: »Ihr wolltet es ja alle so! Na gut, ich hab es mir überlegt und tu euch den Gefallen. – Karin.«

Daneben hatte sie einen Grabstein gemalt mit einem Kreuz darauf. Und eine kleine Rose.

Das war alles. Und mußte reichen. Und tat's wohl auch.

Wieder ein Zug. Eine S-Bahn. Die nächste kam in zehn Minuten. Die nächste? Die letzte …

Sie stand auf. Sie konnte nicht gegen die Tränen an; die liefen ihr einfach so aus den Augen. Sollten sie! Auch, wenn diese Idioten sie schief ankucken.

Sie ging hinüber zur Bahnsteigkante und war stolz darauf, daß ihre Beine sie so gut trugen. Es wird nicht schwer sein, dachte sie. Ein bißchen näher mußt du ran. Noch zwei Schritte. Sie hätte jetzt ganz gern noch eine Zigarette geraucht, aber sie verkniff es sich. Und dann …

Wieder das Zittern unter den Sohlen; wieder das Grollen, das lauter und lauter wurde; wieder die Luft. Gleich kommen die Lichter … Karin zog tief den Atem ein, duckte sich ab, sprang …

Nein, sie wollte springen, doch da kam ein Stoß von der Seite, der sie taumeln ließ. Sie begriff nicht, sie schrie. Jetzt! dachte sie – jetzt!! … Dann fühlte sie, wie sie aufschlug, spürte den stechenden Schmerz im Hinterkopf. Alles wurde dunkel …

Benno Sievers bekam keine Luft. Das war das erste: Wo bloß die Luft hernehmen? Er keuchte. Die anderen Typen, die da jetzt angerannt kamen …

»Hören Sie?! – sind Sie denn verrückt? Warum schlagen Sie dieses junge Mädchen nieder? Da sieht man's mal wieder: Ein Penner! Was glaubt der eigentlich?«

Sievers gab keine Antwort. Er setzte sich erst mal auf den Boden. Das war schon gut. Dann stützte er die Hand auf: »Hol doch einer die Polizei.«

Ignoranten, dachte Benno Sievers. Ignoranten wie immer! Blind vor Blödheit.

»Sie wollte sich umbringen.« Er sagte es eher zu sich selbst und wandte den Blick zu dem Mädchen.

Dunkelhaarig und hübsch, und so schrecklich blaß. Dunkelhaarig und hübsch, wie es einst seine Tochter gewesen war.

Die Augen hatte sie geschlossen, aber sie atmete. Unter dem Zug dort hätte sie nicht mehr geatmet. Ganz sacht streichelte er ihre Schulter. Dann sah er endlich hoch. Und blickte in versteinerte Gesichter. Aber auch in das Gesicht einer Frau, einer Dame, die gerade sagte: »Ich hab es genau beobachtet. Der Mann hier hat ihr das Leben gerettet. Sie wollte sich umbringen, er aber warf sich dazwischen und hat sie von der Bahnsteigkante gestoßen. Dabei ist sie auf den Hinterkopf gefallen.«

Sievers nickte: »Nun ruft doch endlich einen Arzt! Ist denn hier niemand, der helfen will?«

An der Ecke des Postamts sah Brunner vom Schutzdienst einen seiner Leute neben einem wild gestikulierenden jungen Mann stehen und ging etwas schneller hin.

Der Flughafenschutzbeamte nahm Haltung an.

»Was ist denn, Abner?«

»Der Herr hier«, sagte Abner und schob sich die Maschinen-Pistole zurecht, »der Herr hier sucht sein Mädchen.«

Der Herr? Achtzehn oder neunzehn Jahre alt, schätzte Brunner, eher achtzehn. Bartflaum am Kinn, aufgeregtes Gesicht und dunkelbraune Augen unter dem blonden Haar.

»Ich hab es versucht, die ganze Zeit«, haspelte er heraus, »aber was heißt denn hier suchen? Richtig suchen kann man ja gar nicht. Nur verrückt werden … Ich laufe hier herunter, ich renn durch diesen ganzen beschissenen Terminal, ich frag die Info-Tanten – und nichts. Dabei geht unser Flug doch in zwanzig Minuten.«

»Welcher Flug?«

»Ibiza. – Neckermann.«

»Und Ihre Begleiterin haben Sie also verloren?«

»Verloren? Ja, so kann man's nennen. Den Flugschein hab ich doch. Hier.« Er klopfte sich auf die dünne Lederjacke.

»Na, dann gehen Sie zum Abfertigungsschalter. Dort muß sie sich melden.«

»Da war ich ja schon die ganze Zeit. Die haben schon den dritten Ausruf raus. Aber niemand … Keine Karin!«

Das schien nun auch Brunner ein wenig sonderbar. Vielleicht hatte es sich die Kleine – jung mußte sie ja sein, wenn man ihn ansah – vielleicht hatte sie es sich im letzten Moment anders überlegt?

»Wie ist der Name?«

»Karin.«

»Das hab ich schon kapiert«, lächelte Brunner. »Der Nachname natürlich. Die Stadt, Alter? Und eine Beschreibung sollten Sie auch liefern.«

»Andersen«, sagte der Junge. »Karin Andersen. Aus Stade. Siebzehn Jahre alt. Ein bißchen kleiner als ich. Ich bin einsachtzig – also sie, sagen wir, einsfünfundsiebzig. Blond, kurze Haare.«

Brunner nickte, ging einige Schritte seitwärts und gab Name und Beschreibung sowie den Code für die Schnellfahndung an die Leitstelle des Flughafen-Schutzdienstes durch. Die Anfrage würde jetzt im Eilverfahren an die Schutzstreife, die Polizeiwache im Gebäude, den Bundesgrenzschutz, aber auch an die ›Sozialen Dienste‹ und die Klinik durchgehen.

Er schaltete das Gerät ab und ging zu dem jungen Mann: »Gesund ist sie doch, Ihre Karin, nicht?«

»Was heißt gesund?«

»Gesund heißt gesund. Was glauben Sie, was hier auf dem Airport alles los ist? Wir haben jede Menge Menschen mit Drogenproblemen. Und dann haben wir die Desorientierten, Leute mit Angstproblemen, Depressive.«

»Depressive?« sagte der Junge. Er nagte an seiner Unterlippe.

Doch ehe Brunner nachhaken konnte, meldete sich die Leitstelle. »Flughafenklinik«, hörte Brunner die knappe Stimme des Wachhabenden. »Da wurde gerade ein Mädchen eingeliefert, auf das die Beschreibung ziemlich zutrifft. Blond, kurzes Haar, zirka einsfünfundsiebzig. Anscheinend ein Suizidversuch unten am Bundesbahn-Bahnhof.«

»Und?« fragte Brunner und hielt den Atem an.

»Nichts. Sie wurde zurückgerissen und ist dabei gefallen und hat eine Gehirnerschütterung erlitten.«

Brunner ließ den Hörer sinken. Der Junge blickte ihn an aus weitaufgerissenen, fragenden Augen.

»Kommen Sie mit!« sagte Brunner. »Wir haben vielleicht Ihre Karin.«

»Teheran?!« Chefarzt Hansen seufzte: »Was tust du bloß in Teheran?«

»Das frag ich mich auch.« Evis Stimme kam kristallklar; beinahe so, als wäre sie nur einige hundert Meter entfernt und würde aus einer der Flughafen-Hallen telefonieren. Eine Satelliten-Verbindung, die Wunder der Technik! – Aber gerade sie rückten ihm sein Mädchen immer weiter weg.

»Heiß ist es hier«, sagte sie, »heiß und staubig.«

»Und die Frauen? Die laufen alle im Schleier rum?«

»Tun sie tatsächlich. Aber ich setze kaum einen Fuß vors Hotel.«

Er versuchte es sich vorzustellen. Für sie war es stets dasselbe, ob Teheran oder Dallas: Hotelzimmer, überall die gleichen Gespräche. Sie hatte sich so oft darüber beklagt. Traum-Job? – Von wegen!

»Ich habe Sehnsucht nach dir.« Ihm war der Satz einfach herausgerutscht, denn eigentlich wollte er derartige Dinge am Telefon nicht sagen.

»Fang nicht damit an, bitte …«

»Zieh dir auch 'nen Schleier über, Evi. Versprochen? Dann bin ich wenigstens die Zwangsvorstellung los, daß irgendwelche Mullahs nach dir grapschen, sobald du auftauchst.«

Sie lachte. »Daß du grapscht, reicht mir schon. Ich brauch keine Mullahs. Übrigens, Fritz, ich hab mir das überlegt: Ich werde mit der ›Einsatzplanung‹ reden. Ein bißchen Einfluß haben wir nämlich auf unseren Dienst. Ich werde vorschlagen, daß sie mich mehr auf den Mittelstrecken einsetzen. Dann wär ich jeden zweiten, dritten Tag in Frankfurt. Allerdings nur eine Nacht oder einen Tag, aber dafür zwei- oder dreimal in der Woche. Ich bin's langsam auch leid.«

»Himmelherrgott nochmal«, beklagte er sich, »warum gibst du nicht zu, was wirklich los ist? Wieso sagst du nicht: Fritz, ich halt's ohne dich so lange nicht aus? Was glaubst du, wie mir das runterginge!«

Da kam ihr Lachen; ihr kurzes, leises, etwas heiseres Lachen, das er so mochte. »Gut. Ich halt's einfach nicht aus, so lange von Ihnen getrennt zu sein, Herr Doktor!«

»Sie sind bereits auf dem Weg der Besserung, gnädige Frau.« Und dann fiel ihm noch etwas ein: »Die erste Mittelstrecke, die machen wir gemeinsam. Wir fliegen nach Griechenland. Ich bin gerade dabei, meinen Urlaub zu organisieren, und dann …«

Die Tür ging auf. Bärbel Rupert steckte ihr aufgeregtes Gesicht durch den Spalt: »Herr Doktor, die Aufnahme will sie. Es ist dringend.«

Hansen nickte ihr zu: »Ich komme gleich.« Dann drehte er sich dem Fenster zu, als wolle er nichts mehr sehen und habe mit all dem nichts zu tun. »Scheißladen! Aber ich krieg meinen Urlaub. Das schwör ich dir … Leider, Kleines, es geht wieder los.« Er warf einen Blick auf seinen Notizblock auf dem Schreibtisch. »Bleibst du im Hotel? Ich ruf dich nochmal an. Und dann erzähl ich dir das alles. Und du wirst mir sagen, daß es nichts Schöneres gibt, als mit mir über den Strand, einen griechischen Strand zu rennen.«

»Das kann ich schon jetzt: Es gibt nichts Schöneres, Fritz!«

Er legte auf. Schön, diese Stimme zu hören, dachte er. Was wäre, wenn du Evi nicht hättest … Aber Teheran? Lieber Mann! Wenn die Telefonrechnung fällig ist, wird es dir schlecht werden. Eine Evi Borges zu lieben – nichts ist einfacher als das! Aber wer zahlt die verdammten Telefonate?

Die Rollbahre stand im Vorbereitungsraum. Die Patientin, ein junges Mädchen: blasses Gesicht, offene Augen, leicht vergrößerte Pupillen. Offensichtlich ohne Bewußtsein oder im Schock.

Schwester Britte Happel war gerade dabei, ihren Kopf seitlich zu betten.

»Ein Schädel-Trauma«, sagte sie. »Sie ist gefallen.«

»Ja, im Bahnhof«, ergänzte eine Stimme. »Da kam der Zug, und sie wollte sich unter die Räder werfen. So ist das!«

Hansen drehte sich um. An der Wand saß ein Mann, welch sonderbare Erscheinung: Spitzes Alkoholiker-Gesicht, Schmuddelhaare, die Jackenärmel ausgefranst, einen Match-Sack neben dem Hocker. Und ein paar wieselflinke, intelligente blaue Augen hinter einer Brille.

»Waren Sie dabei?«

»Richtig. Ich heiße Sievers, wenn ich mich vorstellen darf.«

»Bleiben Sie ruhig sitzen, Herr Sievers. Und?«

Hansen war inzwischen an die Trage getreten, fühlte einen matten Puls und begann mit dem Tastbefund. »Reden Sie ruhig weiter.«

Aber das tat Sievers nicht. Die Türe hatte sich geöffnet, und im Rahmen stand groß und grauhaarig Brunner vom Schutzdienst.

»Du hier, Skipper? Ja, was soll denn das schon wieder?«

»Ich wart auf meine Medaille. Ich bin der Lebensretter.«

»Was?«

Und nun tauchte auch noch ein blonder Junge auf, schob Brunner einfach zur Seite und rief erstickt: »Karin …«

Hansen hatte genug. Er erhob sich in seiner vollen Größe und breitete die Arme aus: »Jetzt mal alle raus, wenn's recht ist. Dies ist kein Zirkus. Ich bin beim Untersuchen. Also bitte, meine Herrschaften …«

»Karin?« Das Gesicht des Jungen war fahl. Aus den Augen rannen Tränen. »Herr Doktor, ich bin …«

»Wer Sie sind, ist im Moment gar nicht wichtig. – Bitte!«

Die Tür schloß sich. Dr. Hansen konnte sich konzentrieren.

Ein Schmutzstreifen lief quer über die Stirn der Patientin, aber die Farbe kehrte zurück. Und wenn er sich nicht täuschte – ja, ihre Lider zitterten.

»Hören Sie mich?«

Nichts.

Für Hansen bestand nach dem Tastbefund kein Zweifel: Dies war eine Commotio cerebri, eine Gehirnerschütterung. Ob der Schädel intakt geblieben war, das würden die Röntgenaufnahmen ja noch beweisen. Trotzdem: Auch eine leichtere Prell-Verletzung ersten Grades wie diese konnte zu Komplikationen führen.

»Britte! Was wir brauchen, ist Forte-Cortin. Und wenn du das nicht zur Hand hast, tut es auch Dexamethason. Das ist in jedem Fall gut zur Vorbeugung eines Gehirn-Ödems, verstehst du?«

Sie nickte. In den letzten Tagen hatte er mehr und mehr Gefallen an Brittes Arbeit gefunden. Sie arbeitete schweigend, mit höchster Konzentration, nahm alles auf sich, schuftete bis zum Umfallen. Wie sehr er dies anerkannte, zeigte er, indem er ihr jeden seiner Handgriffe und jede Therapie-Phase zu erklären versuchte.

»So, und jetzt das Hämmerchen. Wir machen einen Reflex-Status.«

Die Patientin reagierte deutlich, die Reflexe waren vorhanden und dazu noch ziemlich kräftig. Es kamen ihm Zweifel, ob ihr Zustand, dieses wie gelähmte Daliegen, tatsächlich von einer Bewußtlosigkeit herrührte. Es konnte auch psychosomatisch bedingt sein. Ja, möglicherweise befand sie sich in einer Art seelischem Schock.

Zwei Selbstmordversuche in einem Monat, dachte er, und wieder handelt es sich um eine Frau. Doch was hieß Frau? Die vor ihm lag, war noch ein halbes Kind … Was ist eigentlich in dieser Welt los, wenn sich Kinder unter einen Zug werfen wollen?

Er beugte sich über sie. Er lächelte. »Karin? Hören Sie mich?«

Er suchte ihre Hand und ließ die Finger sanft über den Handrücken streichen, zärtlich, lange, so wie man es bei Kindern tut. »Karin … Hier bei mir bist du in Sicherheit. Hier ist alles gut. Du mußt dir keine Sorgen mehr machen.«

Die Pupillen drehten sich ihm zu. Sie stöhnte leise, nun bewegte sich ihre rechte Hand, preßte sich jäh gegen den Magen.

»Britte!« rief Hansen.

Die Patientin erbrach sich in die Schüssel. Hansen nahm Zellstoff und tupfte ihr vorsichtig den Mund ab.

»Ein Glas Wasser, Britte! – Du hast jetzt Durst, nicht?«

Ein Nicken. Die erste Reaktion. Sie verstand also seine Worte.

»Tut was weh, Karin? Der Kopf, nicht?«

»Ja … schrecklich.«

»Und schwindlig ist dir's auch?«

»Ja.«

»Na, nicht mehr lange. Das geht vorbei. Du wirst sehen …«

Sie legte den Kopf wieder seitlich gegen das Polster, um den Schmerz an der Schwellung zu vermeiden, und schloß die Augen. Tränen quollen durch die langen Wimpern und rannen über die blasse Haut. Sag was! befahl sich Hansen; irgend etwas wird dir doch einfallen. Das letzte Mal warst du ja auch so gut, bei … wie war noch der Name? Ja, Herta. Richtig, Herta Frieske … Doch Herta war ein erwachsener Mensch gewesen und vielleicht mitschuldig an der fehlgeschlagenen Inszenierung, die man ›Schicksal‹ nennt. Aber hier … Ein Kind!

Und ein Kind dazu, von dem er nichts, rein gar nichts wußte …

»Karin?« Er hielt die schmale, schmutzige Hand fest, die seitlich an der Bahre lag. Er drückte sie leicht. »Karin, als sie dich hereinbrachten, kam auch ein junger Mann angerannt. Dein Freund, nicht?«

Sie schwieg. Sie bewegte nur leicht die Lippen.

»Er hat auch geweint, Karin. Er war vollkommen entsetzt.« Und dann stellte er die Frage, die ihm sein ärztlicher Instinkt eingab: »Es war schlimm dort unten im Bahnhof, nicht wahr? Aber bist du nicht froh, daß du jetzt hier bist?«

»Bahnhof«, sagte sie, und die Hand verkrampfte sich. »Bahnhof, ja …«

»Der Zug?«

»Ich weiß nicht … ich weiß wirklich nichts.«

Er hatte es erwartet. Es war nicht der psychische Schock, der sie das Geschehen verdrängen ließ; es war eine retrograde Amnesie. Auf der Landkarte ihres Gedächtnisses war ein weißer Fleck entstanden. Sie würde sich nicht erinnern. Nie würde sie das. Und das war in diesem Fall sehr gut.

»Karin, wir werden noch Röntgenaufnahmen machen müssen. Und dann wirst du schlafen, ganz lange schlafen – ja?«

Sie sah ihn wieder an. Das Flehen ihrer Augen war fast unerträglich.

»Hör zu, Karin«, begann Hansen, aber draußen waren Stimmen. Er hob den Kopf. Und da erschien auch schon Wullemann.

»Herr Doktor, wenn Sie hier fertig sind … Da iss eener im Fracht-Zentrum von der Bühne jesejelt. Ein offener Bruch. Schienbein oder sowat. Und mit dem Schädel stimmt's auch nich, bewußtlos iss er.«

»Bring ihn in den OP.«

Wieder wandte er sich dem weißen Mädchengesicht zu. »Siehst du, Karin: Es gibt noch viel schlimmere Dinge. Und er konnte noch nicht einmal was dafür …«

›Jan Puschinsky, 32 Jahre‹, stand auf der Karte, die der Schichtführer den Sanitätern ausgefüllt hatte. Ein Pole. Und schön sah's nicht aus mit Jan Puschinsky – nein, ziemlich schlimm stand es um ihn. Später würden ihm die Kollegen erzählen, wie es passierte. Wie beim Beladen der Container die Palette ausschwang und ihn wie einen Lappen von der Brücke wischte. Wie er fiel, zuerst im Gestänge hängen blieb, wieder fiel, auf die Stück-Waage und von dort auf den Gabelstapler – Später? Wenn es ein ›Später‹ für ihn gab. Wenn er durchkam …

Jetzt war er ein von Blutergüssen und Wunden entstellter, regloser Körper auf dem OP-Tisch. Dr. Olaf Honolka war da. Und Schwester Britte Happel, die ›eiserne Tina‹, die die anderen mit kurzen Worten umsichtig anwies. Ferner die Anästhesistin und Oberpfleger Fritz Wullemann. Für diesen Fall von Poli-Trauma, von Mehrfachverletzung, brauchte es ein großes Aufgebot.

Während sie den Patienten vorbereiteten und Plasma den Blutverlust ausglich; während der Sauerstoff, den die Anästhesistin fließen ließ, die Atmung sicherte, und während durch die Kanülen die schmerzbetäubenden, entspannenden und kreislaufstützenden Medikamente flossen, überlegte sich Hansen die Strategie, nach der er vorzugehen hatte. Die Schockbehandlung und die Reanimation liefen. Ein jüngerer Mann lag auf dem Tisch, ein Pole, und wie die Instrumente anzeigten, einer mit der Konstitution eines Ochsen.

Dennoch: Für diesen Fall brauchte es die Hochtechnologie, die Spezialisten-Schar eines Groß-Klinikums. Das stand fest. In Frage kam jetzt nur die erste, unaufschiebbare operative Versorgung. Olaf Honolka war dabei, an den offenen Wunden die Blutung der kleineren Gefäße zu stillen. Die Schwellung deutete auf eine Milz-Ruptur, doch die Milz-Kapsel schien nicht verletzt zu sein. Die Weiterbehandlung des verletzten Organs war Sache des Klinikums. – Weiter? Das rechte Bein: offener Schienbeinbruch. Die Knochensplitter ragten aus der blutenden Fleischwunde hervor. Ein Spiralbruch, ganz offensichtlich, dazu einer mit einem Keil. Ein Bruch, ähnlich wie Rolf Gräfe ihn erlitten hatte. Rolf … Er wurde den Gedanken an ihn nicht los: Ist doch Wahnsinn, was wir tun. Dieser Job ist der totale Frust …

Wahnsinn? Vielleicht. Aber jetzt könnte ich dich brauchen, Mann!

Und hier – das ganze Schultergelenk im Eimer, die Pfanne auch, und ein Hämatom dabei. Ein größeres Gefäß blutete noch.

»Das machen wir auf. Dazu brauche ich den Knochenhebel. Tina, den mit der kurzen Spitze.«

»Ja, den kurzen.«

»Und Olaf! Das Bein, da müssen wir reponieren. Übernimm du das. Und dann fixierst du mit der pneumatischen Schiene.«

»Okay. Mach ich.«

Die Arbeit begann. Es war eine verbissene, eine nervenzehrende Arbeit unter äußerster Anspannung. Ein zerstörtes Schultergelenk, Brüche am Schienbein, Rippenbruch und dazu noch eine Unterkiefer-Fraktur, Mundverletzungen …

Im Rotkreuz-Krankenhaus wartete bereits das Unfall-Team. Nach vierzig Minuten waren sie soweit, daß sie Jan Puschinsky für transportfähig erklären und in den Wagen zu seiner Fahrt in den nächsten OP schieben konnten …

Hansen wusch sich die Hände. Er fühlte sich todmüde, dabei war es erst vier, und der Zirkus würde erbarmungslos weitergehen. Hoffentlich brachten sie ihm nicht nochmal so ein armes Schwein auf den Tisch wie diesen Polen …

Unglaublich.

Er rieb sich die Schläfen, um den sirrenden, permanenten Schmerz zu beruhigen, der sich dort einnistete.

Evi wartet in ihrem Hotel? Muß weiter warten … Er erhob sich und blieb stehen: In Hannover hatte er nach ähnlichen Streß-Situationen einen Spaziergang durch den Garten gemacht. Flieder wuchs dort, Stiefmütterchen gab es. Narzissen und Tulpen. Jede Menge blühender Sträucher. Und er hatte sich die Blüten angekuckt und gefühlt, wie seine innere Ruhe zurückkehrte. Hier aber? Airport-Klinik – draußen vor der Tür hasteten die Streßgeplagten. Na gut, blieb die Hintertür: Dort konnte er im Fahrzeug-Hof eine Runde drehen zum fauchenden Heulen der Düsen und dem Donnern der Maschinen, die zum Start über die Pisten jagten …

Er nahm doch eine Tablette. Dies war der Tag der Kopfweh-Pillen.

Im Patienten-Trakt stand vor einer der Türen ein junger Mann in einem olivgrünen Freizeitanzug, blond, groß, schmal – eigentlich eher ein Junge … Ach ja, Hansen erinnerte sich: Der Ibiza-Fahrer, Karins Freund!

»Herr Doktor! Gut, daß Sie kommen. Ich muß doch mit Karin sprechen können. Unbedingt muß ich das. Aber die wollen mich nicht reinlassen.«

»Da haben die aber recht.«

»Ja, aber …«

»Na schön, Thomas, dann kommen Sie mal mit mir in mein Arbeitszimmer. Und dort werden Sie mir erzählen, was eigentlich los ist.«