Juni
Es geht mir irgendwie besser. Das Körpergefühl ist anders und ich kann wieder atmen. Jetzt muss nur noch das Herz heilen. Ich könnte es vielleicht flicken, indem ich versuche die Stücke wieder zusammenzusetzen. Das Stück, das ich bei Aveiro im Meer gelassen habe, wird wohl für immer in Aveiro im Meer sein, aber das Stück, das im Winter in Vancouver geblieben ist, das will ich zurückhaben. Das bedeutet: keine Gedanken an Paul mehr. Und damit mir auch ernst damit ist, schreibe ich einen Abschiedsbrief. Einen Abschiedsbrief an Paul.
Lieber Paul, vielen Dank, dass du mich nicht besucht hast. Und das ist nicht ironisch gemeint. Ich bin dir wirklich dankbar, dass du mich nicht besucht hast. Ehrlich.
Es stimmt schon, dass ich mich auf deinen Besuch gefreut habe. Klar habe ich mich auf deinen Besuch gefreut. Aber mal ganz ehrlich, Paul, dein Besuch hier war wirklich keine gute Idee.
Es wäre doch nur kompliziert geworden. Und zwar kompliziert in jeder Hinsicht. Und zwar egal, was gewesen wäre. Und zwar schon deswegen, weil ich viel zu viele Erwartungen hatte. An deinen Besuch. Und an dich. Und überhaupt.
Klar war Vancouver toll. Und als wir da im Café saßen, in diesem angesagten Café am West Broadway, ein alternativer Laden mit Biokuchen und Fair trade Kaffee und alle um uns rum mit ihren Laptops und Schreibheften, mit Büchern und Zeitschriften, in lockerer Kleidung und gut drauf, in diesem Café - da hat es sich einen Moment lang wie ein Date angefühlt. Als wir uns die Fotos auf unseren Kameras gezeigt haben zum Beispiel. Ich habe dir ein paar von meinen Beerenfotos gezeigt, diese lila Beeren, die ich am Tag zuvor in Nickis Garten in Dunbar aufgenommen hatte und ein paar von meinen Blumenfotos, auch das schöne von der weißen Rose und das mit dem Papageienschnabel, und du hast mir Fotos vom Prinzesschen gezeigt.
Ich denke, zu diesem Zeitpunkt haben wir gar nicht gewusst, was wir da taten. (Nicht dass ich sonst immer wüsste, was ich täte, aber du verstehst schon, was ich meine). Wir haben uns gegenseitig das gezeigt, was für uns im Moment das Wichtigste auf der Welt ist. Mir die Schönheit der Natur und dir die Prinzessin.
Du hast verständnislos auf die Blumen geguckt und gesagt, deine Mutter würde auch immer solche Blumenfotos machen und ich habe uninteressiert aufs Prinzesschen geguckt, auf den Schmollmund und den blonden Pferdeschwanz und gesagt: Yep, eine typische maulige Dreizehnjährige.
Und am nächsten Nachmittag im Stadtpark an der Uni, wo mitten in der Großstadt dieser Urwald erhalten ist, da hat es sich dann nochmal wie ein Date angefühlt. Du hast mir von der Ehe mit Lenas Mutter erzählt. Und dass es schon ein paar Jahre nicht mehr so gut lief und ihr im Grunde beide gelitten habt. Und dass du froh und traurig zugleich warst, als es vorbei war. Und ich habe dir von Jan erzählt und wie es sich anfühlt, jemanden durch Krankheit und Tod zu verlieren. In diesem Moment habe ich eine Verbindung zu dir gespürt. Aber am nächsten Tag ging mein Flugzeug und da war die Verbindung weg.
Lieber Paul, mit anderen Worten und in kurz: Ich bin dir dankbar für alles, was gewesen ist, und ehrlich gesagt noch viel dankbarer für alles, was nicht gewesen ist. Anna.
Ist ja klar, dass ich diesen Brief nicht abschicke. Weder als Brief, noch als Facebook-Nachricht, noch als Anhängsel auf Skype. Denn der Brief ist im Grunde nicht für Paul, sondern für mich. Es ist nämlich kein Abschiedsbrief an Paul, sondern ein Brief, in dem ich Abschied nehme. Von Paul.