Teil drei

Rückzug

Kapitel 18

FBI an Falcone: Hau ab!

Bereiten Sie sich auf ein überraschendes Ende vor.

Man könnte meinen, das FBI sei begeistert gewesen, als es erfuhr, dass einer seiner Agenten Mitglied in der Mafia werden sollte.

Irrtum.

Die Bürokraten flippten aus, als sie davon hörten, und wollten den Fall sofort beenden.

Warum? Die Ausrede – eine schwache Ausrede –, die sie mir nannten, lautete: Wir haben nicht genug Leute.

Wie bitte? Ich bin der erste FBI-Agent seit Joe Pistone, der einen Mafia­clan unterwandert hat, und dem FBI fällt nicht mehr dazu ein als »Wir müssen aufhören!«. In meinem Kopf drehte sich alles.

Ich kämpfte verzweifelt, und im Nu wurde unser Personal aufgestockt. Was aber tat unser Vorgesetzter? Er ließ die neuen Kollegen Aufzeichnungen protokollieren, die ich bereits gemacht hatte! Er hätte sie beauftragen können, uns bei der Überwachung zu helfen und neues Material aufzuzeichnen, das ich liefern wollte. Fast zweieinhalb Jahre lang hatte ich jeden Tag eine Wanze bei mir getragen, wenn ich mit Gambinos zusammen gewesen war. Doch anstatt den Fall weiterzuverfolgen, sollten die neuen Kollegen Unerledigtes bearbeiten und den Abschluss des Falles vorbereiten.

Jeder neue Agent, der aus Quantico kam, hätte sich die Finger danach geleckt, die Abhörgeräte zu überwachen und neue Informationen aufzubereiten, die bei den umfangreichsten Ermittlungen des FBI gegen das organisierte Verbrechen anfielen. Aber das interessierte unseren Vorgesetzten nicht.

Er wollte niemanden mit der Abhöraktion beauftragen. Wir kämpften weiter, weil uns der Fall wichtig war. Doch selbst die Leute, die uns hätten unterstützen sollen, waren nicht dazu bereit. Wenn überhaupt, behinderten sie uns.

Als uns klar wurde, dass unsere Chefs den Fall Gambino beenden wollten, baten wir sie um ein Gespräch, um den genauen Grund zu erfahren. Sie meinten, wir hätten die Gambino-Bosse und ihre Untergebenen identifiziert und damit »unsere Ziele erreicht«.

Ich ging an die Decke.

»Soll das ein Witz sein?«, fragte ich. »Sie sehen doch, was wir in so kurzer Zeit erreicht haben! Und jetzt sagt DePalma, dass ich demnächst Mitglied der Cosa Nostra werden soll!«

Das ließ sie kalt. »Nun, es ist nicht verboten, jemanden zu initiieren«, sagte einer unserer Vorgesetzten.

Was? Hatte ich richtig gehört? Es ging doch nicht darum, ob eine Ini­tiationszeremonie verboten ist. Das weiß jeder. Es ging um den enormen Nutzen, den meine Mitgliedschaft in der Mafia uns bringen würde. Ich hätte für verdeckte Ermittler im ganzen Land bürgen können. Aber unsere Chefs waren viel zu kurzsichtig, um den Wert unserer Arbeit zu erkennen. Es war ihnen sogar gleichgültig, dass ich die Chance hatte, ins Allerheiligste des Gambino-Clans vorzustoßen. Greg hatte angekündigt, dass ich alle großen Bosse treffen und bei Besprechungen anwesend sein würde. Auch das war den Bürokraten egal. Sie behaupteten, ich wolle die Ermittlungen fortsetzen, weil es mir Spaß mache, mich als Mafioso auszugeben. Wie lächerlich! Das war meine Rolle, der Hauptzweck des ganzen Falles. Ich erfüllte nur meine Pflicht und hatte dabei mehr Erkenntnisse gewonnen, als irgendjemand sich erhofft hatte. Und als Mitglied hätte ich sogar noch mehr Informationen liefern können.

Ich musste meinen Vorgesetzten widersprechen.

»Lassen Sie mich eines klarstellen«, erklärte ich. »Ich will nicht deshalb weitermachen, weil ich Spaß an den Ermittlungen habe. Es ist ein ge­fährlicher Job! Das ist ein großer Fall für uns, und wenn wir weitermachen, können wir dem gesamten organisierten Verbrechen einen gewaltigen Schlag versetzen. Ich mache das alles, weil es notwendig ist. Eine derartige Chance kommt etwa so oft wie der Halleysche Komet! Wenn wir die Gambinos und die anderen Clans in New York zerschlagen, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit bei der sizilianischen Mafia und in der Öffentlichkeit. Wir haben einen Fuß im Nacken der New Yorker Mafia, und Sie wollen, dass ich aufhöre? Das ist absurd.«

Ich konnte mich nicht mehr bremsen – meine Gefühle schwappten über.

»In diesen Fall sind Ganoven verwickelt, von denen Sie keine Ahnung haben, weil sie nicht auf Ihrem hübschen Schaubild stehen. Wie viele Ganoven auf Ihrem Schaubild sind wirklich Mafiamitglieder? Woher wissen Sie, dass Ihre Diagramme und Listen korrekt sind? Ich weiß von Greg ­DePalma persönlich, dass der Gambino-Clan 26 Capos hat. Auf Ihrem Schaubild stehen nur 21. Wo sind die anderen fünf? Außerdem fehlen eine Menge Soldaten! Wo ist Robert Vaccaro? Wo sind Louis Filippelli, Vinny Pacelli, Peter Vicini, Andrew Campos, Nicky LaSorsa, um nur einige zu nennen? Wir haben auch Gottis Nachfolger iden­tifiziert. Sie hatten doch keine Ahnung, dass Squitieri, Megale und JoJo Corozzo der Boss, der Stellvertreter und der Consigliere sind!«

Vielleicht hätte ich mich ein wenig abregen sollen; aber ich war empört. Andere versuchten, mich zu unterbrechen.

»Was soll das?«, fuhr ich wütend fort. »Sie sagten, wir seien unterbesetzt. Und was taten Sie, als wir verstärkt wurden? Sie versuchten alles, um den Fall trotzdem zu beenden. Leute, wir sind die Ersten, die den Gambino-Clan unterwandert haben! Und es wird höchstwahrscheinlich nie wieder vorkommen, dass ein FBI-Agent für eine Mitgliedschaft in der Cosa Nostra vorgeschlagen wird! Diese Chance dürfen wir nicht vergeben!«

Und so weiter und so fort.

Als ich neu im Büro war, dachte ich: Wenn du mein Vorgesetzter bist, salutiere ich. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass einige meiner Chefs wenig oder gar keine Ahnung davon hatten, was es bedeutete, ein Agent auf der Straße zu sein. Eines Tages fragte ich einen Vorgesetzten: »Wie viele Jahre waren Sie auf der Straße? Was haben Sie dort gemacht? Wie viele Stunden haben Sie Verdächtige überwacht? Hatten Sie einen Informanten, der eine Wanze bei sich trug? Haben Sie jemals Verbrecher abgehört? Sind sie als Zeuge vor Gericht aufgetreten?« Wenn ein Vorgesetzter all diese Fragen mit Ja beantworten kann, höre ich ihm zu. Ich gehe meilenweit für Leute, die sich auf der Straße bewährt haben. Aber wer glaubt, er sei ein erfahrener Agent, nur weil er Berichte über die Fälle anderer liest, ist ein Narr. Erzähle mir nicht, was du gelesen hast. Erzähle mir, was du getan hast.

Manchmal behauptet ein frischgebackener Supervisor: »Klar habe ich Fälle bearbeitet. Ich habe Verdächtige festgenommen.« Na und? Angenommen, ein Agent tritt die Tür ein und setzt sein Leben aufs Spiel, und der andere hält sich zurück. Ja, er war bei der Festnahme dabei. Aber ist etwas vorgefallen, was ihm die Augen übergehen ließ? Hat er etwas gesehen oder getan, was Mut, eine blitzschnelle Reaktion oder Zusammen­arbeit mit Kollegen verlangte? Die Antwort lautet allzu oft: Nein, niemals. Wer einen ungefährlichen Job sucht, soll in einer Bibliothek arbeiten und die Verbrecherjagd den Profis überlassen. Aber so läuft es nicht. Einige Kollegen wollen ihr Abzeichen nur haben, um ihre Nachbarn zu beeindrucken oder eines Tages eine staatliche Pension zu bekommen, während sie gleichzeitig in der Privatwirtschaft arbeiten, um doppelt zu verdienen. Solche Leute sind während ihrer Laufbahn beim FBI nicht wirklich produktiv.

Ich bin nicht der Einzige. Viele Agenten, mit denen ich gesprochen habe, vor allem die verdeckten Ermittler, sind über gewisse FBI-Chefs ebenfalls enttäuscht. Das FBI ist wie jede andere Organisation, die aus Menschen besteht. Es gibt Agenten, die die eigentliche Arbeit erledigen, und es gibt einige, die herumhängen, viel reden und so tun, als seien sie wichtig.

Fehler passieren, vor allem wenn mehr als eine Justizbehörde an einem Fall beteiligt ist. Ein Beispiel dafür ist die Operation Reciprocity (Gegenseitigkeit), ein äußerst umfangreicher Fall, bei dem nicht nur das FBI, sondern auch die DEA und der Zoll mitmischten, weil es um internationalen Drogenschmuggel ging. Charlie Cunningham, der damals Case Agent war und vor Kurzem als Leiter einer Außenstelle in Richmond, Virginia, pensioniert wurde, ist ein Kumpel von mir. Er arbeitete in Washington an dieser Operation und sichtete alles, was die FBI-Analysten über Drogenhändler, Geldwäscher und Schmuggler im mexikanischen Kartell gesammelt hatten. Plötzlich sah er eine Telefonnummer, die ihm bekannt vorkam.

Das war kein Wunder, denn es war meine Nummer.

Die Behörden, die an dem Fall arbeiteten (DEA, FBI usw.), waren irgendwie auf die Idee gekommen, ich sei kein FBI-Agent, sondern ein Gangster. Charlie klärte sie auf. »Jack ist einer von uns! Er spielt nur die Rolle eines Geldwäschers, und er ist verdeckter Ermittler in einem anderen Fall!«

»Oh, tut uns leid!«

Hätte Charlie nicht aufgepasst, hätte das FBI womöglich meinen Piepser und mein Handy angezapft! Sie hielten mich für ein wichtiges Mitglied des mexikanischen Kartells.

Diese Buchstabensuppe aus Behörden ist das eigentliche Problem bei Drogenfällen. Es kam vor, dass ich zu einer Verabredung mit einem Ganoven fuhr und der Treffpunkt von Agenten und Polizisten anderer Behörden wimmelte.

»Was tut ihr hier?«

»Was tun Sie hier?«

»Ach, ich möchte nur ein bisschen Geld waschen.«

»Wirklich? Wir auch. Wir waschen es für einen Drogenhändler.«

Das kann zu einem echten Chaos führen. Theoretisch sind die Justizbehörden eine kleine Welt. Aber es gibt so viele verschiedene Behörden, die den Drogenhandel bekämpfen, dass es hektisch wird: das FBI, die DEA, die New Yorker Polizei, die gemeinsame Einsatztruppe, die Staatsanwaltschaft, die Polizei des Bundesstaates, der Zoll, die Finanzbehörde und das ATF (Büro für Alkohol, Tabak und Schusswaffen) des Finanzministeriums. Es gibt mehr Drogenfahnder als Drogenhändler!

Oft werden Informationen nicht ausgetauscht. Manche Leute hüten ihre Macht oder ihr Wissen eifersüchtig, damit nicht andere den Lohn ernten. Und wenn eine Behörde eine andere ins Vertrauen zieht, wirbt diese häufig den Informanten ab. Das kommt ständig vor. Im Idealfall sollte eine einzige Behörde für Drogen zuständig sein. Aber Menschen und Organisationen haben ihre eigenen Reviere und Pläne; darum glaube ich nicht, dass sich in nächster Zeit etwas ändern wird.

Nun ja, ich machte mir mit meinem Auftritt vor meinen Vorgesetzten keine Freunde. Aber das war mir egal. Immerhin konnte ich etwas mehr Zeit herausschinden. Es ist lächerlich, wenn man seine Vorgesetzten dazu überreden muss, eine einzigartige Chance zu nutzen und dem organisierten Verbrechen einen schweren Schlag zu versetzen.

Kapitel 19

»Beim Bumsen lasse ich mich gerne küssen!«

Die Einmischung meiner Chefs machte mir schwer zu schaffen. Obwohl wir Beweise gegen mehrere Dutzend Mafiosi sammelten, obwohl ich bald als Jack Falcone in die Mafia aufgenommen werden sollte und obwohl wir ­unaufhörlich Informationen über das organisierte Verbrechen lieferten, waren die New Yorker Außenstelle und Washington fest entschlossen, den Fall abzuschließen. Aber ich wusste von Greg, dass meine Initiation nur noch ein paar Wochen entfernt war. Was tun?

Unsere Ausbilder hatten versprochen: »Wenn ihr ein Problem nicht lösen könnt, helfen wir euch.« Okay, dachte ich, jetzt stehe ich vor einem Problem, das ich nicht lösen kann. Wir haben einen großen Fall, aber das Büro hört mir nicht zu.

Während eines Telefongesprächs mit meinem Dienstvorgesetzten erfuhr ich, dass der Fall in zwei Monaten abgeschlossen werden sollte. Auch er wollte nicht weitermachen. »Die hohen Tiere haben uns vor vollendete Tatsachen gestellt«, sagte er.

Damit meinte er, der Chef in Washington habe eingegriffen und ihm Anweisungen erteilt. Aber ich tat so, als kapierte ich nicht.

»Tatsächlich?«, sagte ich voller Sarkasmus. »Was ist denn passiert?«

»Sie haben beschlossen, dass die Ermittlungen nicht in sechs, sondern in zwei Monaten eingestellt werden.«

»Moment mal!«, rief ich. »Üblich sind sechs Monate. Was hat es mit dieser Zweimonatsfrist auf sich?«

»Das haben sie entschieden«, erklärte er. »Tut mir leid, Jack. Es gibt nichts, was ich oder mein Kollege im Hauptquartier tun könnten.«

Ich hielt das für totalen Blödsinn, weil ich wusste, dass dieser Fall ihnen von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen war. Und ich bin kein verrückter Hitzkopf, der sich so etwas ausdenkt.

Also rief ich die Abteilung für verdeckte Ermittlung im Hauptquartier an und sagte: »Ihr seid da, um mir zu helfen, oder? Dann helft mir. Man will mich abservieren.«

Das Glück war mir hold, denn ich erreichte einen großartigen Kollegen: Mike Costanzi, der später die Leitung der Operation Steal Pier übernahm, bei der es um Korruption im öffentlichen Dienst von Atlantic City ging. Ich berichtete ihm, was vorgefallen war.

»Was sagen die?«, fragte er wütend. »Moment mal! Das dürfen die nicht machen!«

Er verlangte eine Besprechung in New York. Niemand im New Yorker Büro ist sonderlich erfreut, wenn das Hauptquartier sich einmischt, schon gar nicht, wenn es um verdeckte Ermittlungen geht. Wir hielten also eine Konferenz ab, um darüber zu diskutieren, warum der Fall vorzeitig beendet werden sollte.

Vor diesem Meeting bat ich Mike Campi, den Koordinator für alle Maßnahmen gegen das organisierte Verbrechen im New Yorker Büro, um Unter­stützung. Er ist ein Kenner der Cosa Nostra. Neben den einzelnen leitenden Verwaltungsbeamten in den Dezernaten gibt es in großen FBI-Büros auch einen koordinierenden Beamten, der darauf achtet, dass alles reibungslos läuft. Ich schilderte Mike, was vor sich ging.

Dann bat ich Nat Parisi und Chris Munger, mir einen Gefallen zu tun. Ich wollte, dass sie mich in der Nähe des FBI-Büros in White Plains abholten und nach Manhattan ins Büro brachten. Dort sollten sie in der Tief­garage parken. Dann würde mich niemand sehen, und ich konnte einen anderen Aufzug nehmen, ohne mich im Gebäude ausweisen zu müssen.

Ich traute mich nicht, den normalen Eingang zu benutzen; denn andere Agenten hätten mich womöglich als Kollegen begrüßt. Und wenn einer der Zielpersonen der vielen Ermittlungen, an denen ich beteiligt war, mich gesehen hätte, wäre meine Tarnung aufgeflogen und meine gesamte Karriere als verdeckter Ermittler zu Ende gewesen. Das hätte nicht nur die Ermittlungen gefährdet, sondern auch mein Leben. Ich wollte weder meine Tarnung noch mein Leben aufs Spiel setzen.

Chris und Nat versprachen, mich abzuholen. Aber ein paar Minuten später riefen sie zurück.

»Der Chef hat uns verboten, dich abzuholen«, erklärten sie bestürzt. »Er hat uns sogar verboten, mit dir zu sprechen.«

»Was soll das heißen, ihr dürft mich nicht abholen?«, fragte ich verdutzt.

»Obendrein wirst du wegen Ungehorsams entlassen – weil du dich ans Hauptquartier gewandt hast!«

»Wollt ihr mich verarschen?«, fragte ich ungläubig. »Es ist mein Recht, das Hauptquartier einzuschalten! Sie haben eine Abteilung, die verdeckte Ermittler unterstützt, und ich bin ein verdeckter Ermittler! Das ist doch kein Dienstvergehen!«

»Es tut uns wirklich leid, Jack«, sagten sie enttäuscht und wütend. »Aber wir können dich wirklich nicht mitnehmen.«

»Sie erwarten also«, sagte ich entrüstet, »dass ich in das verdammte FBI-Gebäude gehe, mich ausweise, mein Leben riskiere und alle meine Ermittlungen sabotiere, nur weil ich ein Meeting im Hauptquartier beantragt habe?«

Das war grotesk! Wer hat je gehört, dass FBI-Agenten einen Kollegen nicht mitnehmen dürfen? Ich konnte es nicht glauben. Denn genau das hatte ich in Quantico gelernt: dass ich mich ans Hauptquartier wenden sollte, wenn ich ein Problem hatte. Ich rief wieder Mike Campi an.

Mike rastete aus. Er stauchte meinen Chef zusammen und befahl ihm, Nat und Chris zu mir zu schicken, damit sie mich zu der Besprechung brachten. Ich konnte also doch durch den Hintereingang ins Hauptquartier gehen und meine Tarnung aufrechterhalten.

Wir gingen zum Meeting, das an einem langen Tisch in einem Konferenzzimmer abgehalten wurde. Auf einer Seite saßen die Leute, die den Fall abschließen wollten: der Stellvertreter des leitenden Agenten im New Yorker Büro, der Leiter der Ermittlungen im FBI-Büro in White Plains, der Leiter des Dezernats für das organisierte Verbrechen im Hauptquartier (ein guter Freund seines New Yorker Kollegen) und ein anderer mit dem Fall befasster Agent. Ihre Namen möchte ich nicht nennen.

Auf der anderen Seite saßen diejenigen von uns, die weitermachen wollten: Mike Campi, meine Sachbearbeiter und Case Agents Chris Munger und Nat Parisi, Joe Della Penna, ein Mitglied unserer Einsatzgruppe, den das Arbeitsministerium abgeordnet hatte8, Mike Costanzi, der Leiter des Dezernats für verdeckte Ermittlungen im Hauptquartier, Mike Pollice, ein weiterer mit dem Fall befasster Agent, und ich.

»Wir wurden überrumpelt«, begann unser Chef. »Das Hauptquartier ordnete an, den Fall abzuschließen. Wir haben nichts damit zu tun. Wir führen nur einen Befehl aus.« Sein Kollege im Hauptquartier erklärte, davon wisse er nichts und die Anweisung müsse von einer viel höheren Stelle erteilt worden sein.

Aber die Beamten auf der anderen Seite bestritten, dass sie irgendetwas mit dem Abbruch der Ermittlungen zu tun hätten. Es war eine glatte Lüge!

»Verdammt noch mal, ihr habt mich reingelegt«, rief ich. »Ihr habt diese Anweisung selbst fabriziert, nicht das Hauptquartier!«

»Das Hauptquartier will den Fall beenden, nicht wir«, beharrten sie. Ich wusste, dass sie logen, und die übergeordneten Kollegen wussten es ebenfalls.

»Moment mal!«, rief Mike aus. »Ihr behauptet, wir hätten euch aufgefordert, den Fall zu beenden? Ich habe eine Nachricht von euch, in der ihr genau das beantragt!«

Das war ein Schlag ins Gesicht! Es war zum Totlachen! Unser Chef und sein Kollege im Hauptquartier waren sprachlos. Sie hatten vor uns allen die Hosen runterlassen müssen. Jetzt fingen sie an, alles abzustreiten.

»Na schön, dann erklärt es uns«, verlangte Mike.

Natürlich konnten sie es nicht erklären. Es war peinlich für sie und für uns alle. Der Leiter der Abteilung für organisiertes Verbrechen in New York sagte übrigens gar nichts. Offenbar war das sein Führungsstil. Ich an seiner Stelle hätte mich sehr über die beiden Kollegen geärgert, die diese Behauptungen aufgestellt hatten. Leider saß er nur da und griff nicht ein.

So ging es eine Weile hin und her. Dann änderte unser Chef seine Story. »Wir wollten den Fall beenden«, sagte er jetzt, »weil alle Ziele erreicht und übertroffen wurden. Es war die richtige Zeit, ihn abzuschließen.«

Ich hatte genug gehört. Darum sagte ich ihnen, was ich von all diesem Bockmist hielt.

»Erstens finde ich es unerträglich, dass ihr von mir verlangt habt, allein hierher zu fahren«, begann ich. »Zweitens glaube ich nicht, dass ihr euch ärgert, weil ich das Hauptquartier eingeschaltet habe. Ihr versucht seit einem Jahr, die Ermittlungen einzustellen!«

Es gab Widerspruch allenthalben. Dann sprachen wir über den Fall und seinen potenziellen Wert im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Sonst passierte nichts. Einige Leute hätten zumindest verwarnt werden müssen, weil sie gelogen hatten. Von Washington überrumpelt? Dass ich nicht lache!

Ich wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Der Fall war unseren Vorgesetzten in New York und im Hauptquartier zu heiß geworden. Nur deshalb wollten sie ihn beenden – sie vertrugen die Hitze nicht. Dabei brauchten sie gar nicht viel zu ertragen. Sie brauchten den Dingen nur ihren Lauf zu lassen. Joe Pistone war sechseinhalb Jahre als Donnie Brasco in der Mafia gewesen. Ich bat nur um einen Bruchteil dieser Zeit. Mir war klar, dass ich tun musste, was Roberto Durán im Kampf gegen Sugar Ray getan hatte: die Hände heben und »No más« sagen. Ich wusste, dass ich verloren hatte.

Meine Gegner wollten sich nur im Glanz des Falles sonnen. Ich hatte versucht, ihnen begreiflich zu machen, was der Fall bedeutete und was er uns noch einbringen konnte. Ebenso gut hätte ich mit Zweijährigen reden können. Wenn sie mir nur ein paar weitere Monate gegeben hätten, würde dieses Buch ein Kapitel über die Zeremonie enthalten, die mich zum initiierten Mitglied der Mafia gemacht hätte, und ein weiteres Kapitel darüber, wie wir dank meiner Bürgschaften alle fünf New Yorker Clans mit verdeckten Ermittlern unterwandert hätten.

Viele Kollegen hatten eine Menge Arbeit in diesen Fall investiert. Es war Teamarbeit. Wir profitierten voneinander. Gemeinsam waren wir unbesiegbar. Vielleicht hätten wir der Mafia Paroli bieten können; aber im Kampf gegen die Bürokratie des FBI waren wir offensichtlich nicht unbesiegbar.

Das Gegenargument lautet: Wäre ich in der Mafia geblieben und initiiert worden, hätten die Mafiosi mich womöglich umgebracht oder ich hätte den Befehl erhalten, jemanden zu ermorden. Der Fall wäre vielleicht zu groß und unhandlich geworden, und die Ermittlungen gegen die ursprünglichen Verdächtigen wären im Sand verlaufen. Meiner Meinung nach ist das Quatsch. Als verdeckter Ermittler musste ich jeden Tag mit dem Tod rechnen – das ist mein Berufsrisiko. Und wie könnte ein Fall zu groß werden? Je größer, desto besser! Warum 32 Ganoven verhaften, wenn wir alle fünf Mafiaclans aufreiben oder ihren Terror gegen die Menschen in New York zumindest erheblich eindämmen können? Warum ermittelt das FBI überhaupt gegen das organisierte Verbrechen, wenn es nur halbherzig ­geschieht?

Kapitel 20

Das Volk gegen Greg DePalma

Jetzt, da die Undercover-Operation vorbei war, begann die Zusammen­arbeit mit dem Generalstaatsanwalt. Wir stellten die Beweismittel gegen die 32 Gambinos und anderen Mafiosi zusammen, die wir anklagen wollten. Ich habe enormen Respekt vor den Staatsanwälten, mit denen wir zusammenarbeiteten. Während der Ermittlungen hatten wir sie ständig über die Straftaten unterrichtet, deren Zeugen wir gewesen waren. Ab und zu hatte ich sie persönlich getroffen; aber normalerweise macht das der Case Agent. Wir brauchten die Erlaubnis des Generalstaatsanwalts, um Abhörgeräte einzusetzen, zum Beispiel in Restaurants. Außerdem muss der Generalstaatsanwalt zustimmen, wenn das FBI einem verdeckten Ermittler eine neue Aufgabe zuweist.

In diesem Fall mussten die Staatsanwälte Tausende von Seiten durchlesen – die schriftliche Rohfassung aller aufgezeichneten Gespräche – und nach Aussagen suchen, die als Beweise für die zahlreichen Delikte der Verdächtigen in Frage kamen. Sie hatten die Absicht, die Verdächtigen gemäß dem Bundesgesetz gegen das organisierte Verbrechen (RICO) anzuklagen. Voraussetzung ist zunächst das Geständnis, einem Verbrecherclan anzuge­hören. Sie lasen sämtliche Aufzeichnungen durch und markierten alle ­Stellen, an denen Greg DePalma den Ausdruck »Gambino-Clan« oder »Gambino-Familie« so benutzte, dass es einem Eingeständnis seiner Mitgliedschaft gleichkam.

Sie arbeiteten Tag und Nacht. Es ist erstaunlich, wie hart und präzise sie arbeiteten. Das mussten sie auch. Ich hing einen Tag lang mit Greg DePalma herum und verbrachte den nächsten mit den Staatsanwälten. Sie arbeiteten zwölf bis 13 Stunden täglich. Wenn sie sagten: »Ich brauche dies und das; sag mir, wo es steht«, half ich ihnen, es zu finden. Es war eine Ehre, mit diesen Leuten zu arbeiten: Ed O’Callaghan, Chris Conniff und Scott Marrah. Sie unterstützten die Ermittlungen von Anfang an und wollten sie fortsetzen; aber sie wussten, dass das FBI nicht genügend Agenten dafür abstellte.

Schließlich legten die Staatsanwälte die Beweise gegen die 32 Gambinos dem Großen Geschworenengericht vor, das alle Verdächtigen anklagte. Dann schmiedeten wir einen Festnahmeplan und besprachen, welche Teams aus FBI-Agenten und Spezialagenten des Arbeitsministeriums für welche Verdächtigen zuständig waren. Frühmorgens am 9. März 2005 schwärmten die Teams in New York und New Jersey aus und nahmen alle bis auf einen fest. Die Teams hatten Durchsuchungsbefehle bei sich und beschlagnahmten gestohlene Gegenstände: die Uhren und Fernseher, die wir den Ganoven während der Ermittlungen geschenkt oder verkauft hatten.

Ironischerweise war Chris Sucarato, den ich im Laufe der Ermittlun-gen zuerst kennengelernt hatte, der Einzige, der damals entkam. Sobald die Festnahmen begannen, lief das »Mafiatelefon« heiß. Angenommen, ein Verdächtiger wurde mit seiner Freundin angetroffen. Er wurde ver­haftet, und sie fing an zu telefonieren. Außerdem erfuhr die Mafia von dem Einsatz, weil in allen Nachrichtensendungen darüber berichtet wurde. Chris floh und tauchte neun Monate lang unter. Dann schnappten wir auch ihn.

Jeder Verdächtige erfuhr, dass ich FBI-Agent war. Das geschah, um mich zu schützen. Als die ganze Gruppe dem Richter vorgeführt wurde, um die Anklage zu hören, erfuhr ich, dass sie alle Greg ächteten – weil ich Gregs Mann war! Einige von ihnen wollten nicht glauben, dass ich ein FBI-Agent war. Deshalb setzten sie ein Kopfgeld auf mich aus. Sie dachten, ich sei genau das, was ich behauptet hatte: ein Ganove aus Florida, den man umgedreht hatte und der jetzt mit der Justiz zusammenarbeitete.

In den Tagen vor dem Prozess verteidigten sich alle außer Greg – alle anderen 31 Mafiosi und Verbündete, die wir angeklagt hatten. Ich wunderte mich nicht darüber, dass Greg schwieg. Zwar hatte er sich im Fall Scores verteidigt; aber ich vermute, dass er das nur für seinen Sohn getan hatte und weil John Gotti jun. ihn dazu gedrängt hatte. Greg gehörte zur alten Schule. Er würde nie seine Schuld eingestehen.

Ich erwartete, Greg werde versuchen, den Richter und die Geschworenen mit seinen Gesundheitsproblemen übers Ohr zu hauen. Ich kannte Greg. Er hatte wirklich alle Leiden, die er für sich reklamierte. Er war Diabetiker, er hatte nur noch eine halbe Lunge, er hatte Krebs, und er hatte einen Herz­anfall überlebt. Aber er ließ sich von all diesen Krankheiten nicht unterkriegen. Er ging immer mit forschen Schritten und war immer in Eile. Er war ein starker Mann, der sehr charmant sein konnte und dann plötzlich den kränklichen, todkranken Alten spielte, um Mitleid zu erregen. Er konnte blitzschnell umschalten, wann immer er wollte. Dann wurde aus dem harten Burschen das, was wir im Spanischen pobrecito nennen – ein armer Kerl.

Als der Prozess begann, fürchtete ich, dass meine Tarnung auffliegen würde, denn die Medien hatten ausführlich über den Fall berichtet, und wir wussten, dass das Verfahren ein Medienzirkus sein würde. Wir vermute­ten, dass jemand mich fotografieren und meine Identität enthüllen würde. Aber ich arbeitete ja noch an anderen Fällen! Darum baten wir nachdrücklich darum, meinen Namen aus den Protokollen zu streichen, um meine Identität zu schützen. Der Richter lehnte ab. Er sagte, mein Name sei bereits öffentlich bekannt. Das konnte ich nicht bestreiten, so sehr es mir auch missfiel. Wir hätten die Bänder redigieren sollen, um mein Inkognito zu wahren. Das war mein Fehler gewesen; aber wer dachte an solche Feinheiten, als wir noch ermittelten?

Am Tag der Verhandlung hoffte ich, dass Greg sich verteidigen würde. Ich habe vor Gericht oft erlebt, dass ein Angeklagter in letzter Minute um ein mildes Urteil bat. Ich beobachtete Greg und dachte: Der arme Kerl ist 73. Er könnte im Gefängnis sterben – wofür? Für welche Prinzipien? Für die Einheit der Mafia? Kein Einziger der 31 anderen Angeklagten war ein Gangs­ter der alten Schule, der den Prozess und die Gefängnisstrafe einfach hinnahm. Alle handelten mit dem Staatsanwalt, auch der Boss. DePalmas ­Angehörige tauchten in keiner Verhandlung auf. Seine Frau und sein anderer Sohn wollten nichts mit ihm zu tun haben. Sie wuschen ihre Hände in Unschuld wie Pontius Pilatus. Er war wirklich der letzte standhafte Mafioso, der letzte, der die Ehre der Cosa Nostra – soweit vorhanden – über seine Freiheit stellte.

Besonders empört war ich darüber, dass seine Frau sich gegen ihn wandte. Sie trug eine goldene Rolex President – das wusste ich, weil ich sie ihr geschenkt hatte. Dank der Umschläge, die er bekam, und der Geschäfte, in die er seine Krallen versenkt hatte, konnte sie sich hübsch anziehen, teuren Schmuck kaufen und vieles mehr. Trotzdem ließ sie ihn im Stich. Gregs Familie hätte da sein sollen. Dies war das einzige Mal, dass er mir irgendwie leidtat. Er war gerne Mafioso, aber niemand war für ihn da. Alle verließen ihn. Er leistete seinen Beitrag; aber für ihn blieb nichts ­übrig. Das war traurig.

Sein Clan war fertig mit ihm, weil er mich herumgeführt hatte. Er war dafür verantwortlich, dass die Gambino-Hierarchie nach John Gotti zerschlagen wurde und dass Mitglieder der Familien Lucchese und Genovese verhaftet wurden. Das alles ließ Greg kalt. Er ging das Risiko ein – er stellte sich dem Gericht.

Der Prozess fand im Bundesgericht in Foley Square in Lower Manhattan statt. Die zwölf Geschworenen waren ziemlich jung und gehörten verschiedenen Rassen an. Man sagte ihnen, sie hätten mit einer Verhandlungsdauer von zwei bis drei Wochen zu rechnen. Für uns war es einfach. Wir hatten alles gründlich vorbereitet. Anfangs wussten wir nicht, wie DePalma sich verteidigen wollte, weil seine Anwälte sofort einräumten, dass er dem Gambino-Clan angehörte. Wenn es um das organisierte Verbrechen ging, war die erste Voraussetzung für einen Schuldspruch die Mitgliedschaft in einem kriminellen Unternehmen oder in einer kriminellen Organisation – und genau das gaben sie zu. In seinen früheren Verfahren hatte DePalma nie zugegeben, ein Gambino zu sein. Ich nehme an, dass er es sich anders überlegt hatte, weil ich so viele Gespräche mit ihm aufgezeichnet hatte, in denen er sich selbst als Gambino bezeichnete.

Wie sich herausstellte, bestand ihre Taktik darin, Greg DePalma als alten Mann darzustellen, der gerne übertrieb und in der Vergangenheit lebte. Bei den Prahlereien und Drohungen, die er vor mir geäußert habe, handle es sich lediglich um die Übertreibungen eines alten Mannes, dessen Erinnerungen lebhafter als seine Gegenwart seien. Greg sah nicht sehr bedrohlich aus. Seine körperliche Verfassung war bemitleidenswert. Im Gericht erschien er jeden Tag mit zwei Rettungssanitätern, die hinter ihm stehen blieben. Es war eine große Show, um die Geschworenen zu beeinflussen. Er pflegte während der Verhandlung zu dösen und zu sabbern. Dabei sank er im Rollstuhl zusammen und atmete Sauerstoff ein. Seine Anwälte wollten, dass ihr Mandant die Verhandlung auf einer fahrbaren Krankenbahre verfolgte; aber Alvin Hellerstein, ein erfahrener Richter, lehnte dieses offenkundige Werben um Mitleid ab.

Einer unserer Zeugen war ein Bauunternehmer in den Dreißigern, von dem Greg im Laufe von etwa zwei Jahren 50 000 Dollar erpresst hatte.

»Fürchten Sie sich vor Greg DePalma?«, fragte der Staatsanwalt vor den Geschworenen.

»Ja«, sagte er. »Er war kein alter Mann. Er war ein harter Mann.«

»Glauben Sie, dass Sie sich wehren könnten, wenn er Sie angreifen würde?«, wollte der Verteidiger wissen.

»Ehrlich gesagt, nein«, erwiderte er und löste damit Gelächter unter den Geschworenen aus.

Sie warfen Greg einen Blick zu, einem Mann in den Siebzigern, der mit Schläuchen in der Nase im Gerichtssaal saß und um Mitleid bettelte. Die Zeitungen nannten den Zeugen einen Feigling; aber Gregs bloße Anwesenheit beschwor den Geist der Mafia herauf. Der Zeuge war nicht feige. Er fürchtete sich nicht vor Greg; sondern er hatte mit Recht Angst vor dem, was Greg repräsentierte. Ein Wink mit der Hand genügte, und man war tot. Sie löschten Menschen einfach aus. Ich kannte diesen Zeugen persönlich. Er war ganz bestimmt ein tapferer Mann. Aber diese Tapferkeit konnte nichts gegen die Angst vor der Mafia ausrichten. Als der Zeuge sagte, er fürchte sich vor Greg, meinte er, er habe Angst vor der Cosa Nostra, die Greg vertrat.

Ironischerweise raffte Greg sich jedes Mal auf, wenn die Geschworenen den Saal verließen. Dann wurde er plötzlich lebhafter. Ich bin sicher, dass er damit keinen guten Eindruck auf den Richter machte.

Ich betrat den Gerichtssaal vor Greg. Als er in seinem Rollstuhl hereingeschoben wurde, musste ich einfach lachen. Mann, Greg, dachte ich, du bist unglaublich. Kaum hatte ich ihn gesehen, hatte ich das Gefühl, wieder mit ihm dort draußen zu sein. Du bist gut, Greg. Du versuchst alles. Du tust, was du tun musst – um davonzukommen. Er hatte eine gestrickte blaue Decke auf dem Schoß, sein Haar war zerzaust, und auf dem Tisch lagen ein paar Kekse. Ganz zu schweigen von den Sauerstoffschläuchen in seiner Nase. Er benahm sich, als sei er bereit zu sterben, saß schräg im Stuhl, sah todkrank aus und tat, was er am besten konnte – manipulieren, seinen Kopf durchsetzen.

Greg gab nie auf. Die Gerichtsdiener fanden sogar Zigaretten in seinem Krankenzimmer. Und im Gefängnis entdeckten sie zwei 50-Dollar-Scheine in seinem Toupet. Bargeld ist im Gefängnis verboten! Aber so ist Greg eben. In gewisser Weise, dachte ich, als ich ihn im Gerichtssaal beobachtete, muss man den Mann dafür respektieren, dass er ein solcher Gangster ist. Als Mensch war er eine Katastrophe, ein Versager, ein Blutsauger in der Gesellschaft. Aber er war ein großer Gangster; denn nur dafür lebte er.

Wieder war er der Einzige, der zum Prozess ging. Er gab nie etwas zu und bekannte sich nie schuldig, um eine Strafmilderung zu erreichen. Als guter Mafioso bestritt er alles. Was seine Verhaftung anbelangt, bin ich froh darüber. Die Welt ist ein besserer Ort, wenn er hinter Gittern sitzt. Unternehmer werden nicht mehr erpresst, Menschen werden nicht mehr zusammengeschlagen – alles ist besser. Zumindest so lange, bis jemand ihn ersetzt.

Als ich mit meiner Aussage an der Reihe war, wurde der Saal geräumt. Ein Sondereinsatzkommando holte mich in einem Hotel im Stadtzentrum ab und brachte mich in einem schwarzen Geländewagen, der ansonsten für den Direktor des FBI reserviert war, in den Keller des Gerichtsgebäudes. Von dort aus fuhr ich mit dem Aufzug zum Hintereingang, ständig umringt von Polizisten. Da ich immer noch an anderen Undercover-Aufträgen arbeitete, ließ der Richter meine Aussage in einen anderen Saal übertragen, wo Reporter zuhörten, ohne mich zu sehen.

Nach unserem Rechtssystem hat ein Angeklagter das Recht, einem Zeugen gegenüberzutreten. Darum muss dieser in fast allen Fällen im ­Gerichtssaal anwesend sein. Auch die Gesellschaft hat das Recht zu wissen, was in einem Prozess vorgeht. Andererseits musste der Richter berücksichtigen, dass die Regierung ein Interesse daran hatte, meine Identität geheim zu halten. Darum ließ er den Saal räumen. Anwesend waren nur er selbst, die Gerichtsdiener, die Anwälte, die Geschworenen, der Angeklagte und ich.

Der Generalstaatsanwalt spielte ein Band nach dem anderen vor und belastete Greg schwer. Kein Geschworener wäre jetzt noch auf die Idee gekommen, dass Gregs Aussagen bloße Nostalgie waren. Greg wusste einfach zu genau, was auf den Straßen vorging, und er war zu schwatzhaft, um den Mund zu halten. Er redete über absolut alles, was er tat, und zwar in allen Einzelheiten – mit jedem, der bei ihm war, und auch über das Telefon. Nicht die Justiz verurteilte Greg; er verurteilte sich selbst.

Der Richter hatte Sinn für Humor. Auf den Bändern war zu hören, dass Greg mit vollem Mund sprach, und der Richter ermahnte ihn, das nicht zu tun, weil es schlechtes Benehmen sei. Gregs Sprache ließ viel zu wünschen übrig. Er fluchte unaufhörlich. Aber auf einem der Bänder prahlte er damit, er habe für seinen letzten Prozess einen Oscar verdient, weil er den Richter total eingeseift und davon überzeugt habe, er sei Invalide. In Wahrheit sei es ihm gut gegangen. Diese Worte brachen ihm das Genick. Er ­erzählte mir – laut genug für das Aufnahmegerät, das ich umgeschnallt hatte –, er habe sich vier Tage lang nicht rasiert und sich zugedeckt auf eine Trage gelegt. Obendrein machte er sich auch noch über den Richter lustig, und das schadete ihm am meisten.

»Er gab mir mildernde Umstände«, erzählte er. Damit spielte er darauf an, dass ein Richter das Strafmaß verringern kann, wenn ein Angeklagter krank ist. »Ich hätte den Oscar bekommen sollen! Er gab mir fünf Jahre anstatt zwölf!«

Ich glaube, dies war der Moment, in dem die Geschworenen Greg verurteilten, genau dort im Gerichtssaal. Greg wurde rot, als das Band abgespielt wurde. Dann sagte der Staatsanwalt: »Wir haben keine weiteren Fragen an Mr. Garcia.«

Als Richter Hellerstein sagte: »Okay, Mr. Garcia, Sie dürfen gehen«, musste ich an Greg vorbeigehen. Es war das erste Mal seit Beginn des Prozesses, dass er mich ansprach. Ich hörte ihn murmeln: »Du Schwanz­lutscher!«

Ich musste lachen.

Denken Sie daran, dass die Reporter nichts davon sahen und mich nie zu Gesicht bekamen. Alle 15 Bänder, die wir dem Richter vorspielten, hatte ich beim Essen aufgenommen. Einmal fragte mich der Richter, wie viel ich im Laufe der Ermittlungen zugenommen hatte, und ich sagte es ihm: 36 Kilo. Für die Presse war das ein gefundenes Fressen. Die Reporter nahmen an, ich sei ein normalgewichtiger Mann, der 36 Kilo zugenommen hatte. Sie wussten nicht, dass ich schon vorher ein Schwergewicht gewesen war. Am nächsten Tag verkündeten die Schlagzeilen: »Dicke Burschen – Verdeckter Ermittler nimmt 36 Kilo zu, während er sich mit Ganoven durch New York isst.« Der Artikel von Thomas Zambito in den Daily News vom 17. Mai 2006 war hysterisch:

Der Mann, der die Mafia unterwanderte, nahm in seinen ersten zwei ­Jahren 36 Kilo zu und musste erfahren, dass die Goodfellas [Mafiosi] eher FatFellas [Dickwänste] sind und sich durch ganz New York fressen. Auf ihrem Speiseplan standen jeden Tag Steaks, Nudeln und frische Meeresfrüchte. Sie speisten in Lokalen wie La Villetta in Larchmont, Westchester, wo sie überlegten, ob sie Schweinefilet mit Portobello-Pilzen und Balsam­essig oder Risotto mit Steinpilzen und weißem Trüffelöl bestellen sollten.

Wenn sie Lust auf blutiges Fleisch hatten, gingen sie ins Ye Olde Tollgate Steakhouse in Mamaroneck, ebenfalls in Westchester, über das die New York Times einst schrieb, es serviere »Steaks, wie ein Sumoringer sie lieben würde«.

Wenn sie Appetit auf einfachere italienische Gerichte hatten, zogen sie ins Spaghetti Western in Bronxville, wo sie unter einem italienischen Plakat von The Good, The Bad and The Ugly speisten.

Und nach nur 24 Monaten musste der einst schlanke verdeckte Er­mittler des FBI plötzlich feststellen, dass er Hosen mit weiterer Taille brauchte – viel weiter.

Zugegeben, mir gefiel die Behauptung, ich sei einst schlank gewesen! Aber das ist lange, lange her, Mr. Zambito!

Ebenfalls in den Daily News schrieb David Hinckley, es sei keine Überraschung, dass ich im Laufe der Ermittlungen 36 Kilo zugenommen hätte: »Die Ernährungsgewohnheiten der Mafiosi sind vielleicht die schlimmsten, die es gibt. Wenn die Sopranos… am Drehort erscheinen, kippt New Jersey.«

Greg DePalma kehrte ins Gefängnis zurück.

Kapitel 21

Kopfgeld

Nach Abschluss des Falles Royal Charm, bei dem es um die asiatischen Fälscher und potenziellen Waffenschmuggler ging, rief mich mein Kollege Lou Calvarese mit überraschenden Nachrichten an. Auf ihn und auf mich waren Kopfgelder ausgesetzt worden!

Ein kanadisches Mitglied der Schmugglerbande wurde in den Vereinigten Staaten eingesperrt. Er erzählte seinem Zellengenossen, er habe Kontakt mit der organisierten Kriminalität und einen Killer beauftragt, Lou und mich umzubringen. In solchen Fällen ist beim FBI eine »Risikobeurteilung« vorgeschrieben. Meist wird ein anderer Gefangener mit einer Wanze ausgestattet, damit er die Drohung aufzeichnet. Dann können wir abschätzen, wie ernst die Lage ist, und denjenigen anklagen, der das Leben eines FBI-Agenten bedroht. Ein weiterer wichtiger Schritt besteht darin, den Agenten zu verständigen, dessen Leben bedroht wird, damit er die notwendigen Vorkehrungen zu seinem Schutz treffen kann. Mich ließ man völlig im Dunkeln, und ich weiß bis heute nicht, ob jemals eine Risikobeurteilung anberaumt wurde. Wenn Lou mich nicht angerufen hätte, wäre ich vielleicht nie informiert worden.

Am 8. August 2005 wurde bekannt, dass auf mich ein Kopfgeld von 250000 Dollar ausgesetzt worden war. Die Schlagzeile der New York Post lautete an diesem Tag: »Mafia-Komplott – 250000 Dollar für Mord an verdecktem Ermittler«. Der Artikel deutete an, Mafiosi sollten »für die Gesundheit von Jack Falcone beten«. Wäre der Auftrag je ausgeführt worden, wäre das Leben der New Yorker Clanmitglieder ein »lebender Albtraum« geworden. FBI-Agenten schwärmten zu »Blitzbesuchen« bei den Bossen, Stellvertretern und Consiglieres aller fünf Mafiafamilien aus und teilten ihnen mit, jeder Mordversuch an Jack Falcone werde beispiellose Maßnahmen zur Folge haben… und die Todesstrafe für alle Beteiligten.

Viele Leute fragen mich, was für ein Gefühl es sei, von der Mafia mit dem Tod bedroht zu werden. Natürlich ist das beängstigend – weniger für mich als für meine Familie. Hätte meine Mutter noch gelebt, wäre es ihr sehr schwergefallen, mit dieser Situation fertig zu werden. Selbstverständlich hätte ich ihr nichts gesagt. Meine Frau war entsetzt, und alle anderen Betroffenen waren es ebenfalls. Ich reagierte so wie fast alle Kollegen in dieser Lage: Ich passte noch besser auf meine Familie auf und handelte in Situationen, die potenziell gefährlich waren, noch umsichtiger.

Aber ich glaubte eigentlich nicht, dass jemand mich umlegen würde. Trotzdem trage ich heute immer eine Waffe. Mein Haus ist von oben bis unten mit Abhörgeräten bestückt. Mein Auto starte ich mit einer Fernbedienung. Kameras und Bewegungsmelder schalten sich sofort ein, wenn Rehe und andere Tiere mein Grundstück betreten.

Das Kopfgeld veränderte mein Leben beträchtlich. Ich fahre jeden Tag eine andere Route. Ich weiche vom richtigen Weg ab, ich wechsle die Straße, ich schaue oft in den Rückspiegel. Ich fahre durch Stadtviertel, in denen ich nicht wohne. Früher brauchte ich eineinviertel Stunden, um von der Innenstadt nach Hause zu fahren; heute dauert es wegen all dieser Vorsichtsmaßnahmen eine zusätzliche halbe Stunde.

Ich erzähle nur wenigen Menschen, dass ich bei der Justiz arbeite, und ich achte genau darauf, wohin ich gehe. Ich kann beispielsweise nicht in einen Countryclub, auf eine Hochzeit oder zu einer anderen Feier gehen und mich im Schwimmbad nicht einmal an den Beckenrand setzen; denn ich weiß nie, wen ich dort treffe. Eine Zeitlang lief ich mit einer Waffe im Schulterhalfter herum. Phil Scala, der leitende Special Agent der Gambino-Spezialeinheit, ein guter Freund und großartiger Chef, versprach mir, seine ganze Mannschaft vor meinem Haus kampieren zu lassen, wenn es notwendig sein sollte. Manchmal frage ich mich, ob die Ermittlungen anders verlaufen wären, wenn Phil sie im Gambino-Dezernat in Queens anstatt vom Büro in White Plains aus geleitet hätte. Ich bin sicher, er hätte viel vernünftigere Entscheidungen getroffen und wir wären erfolgreicher gewesen. Meine Case Agents Chris und Nat setzten durch, dass die örtliche Polizei regelmäßig in meiner Straße auf Streife ging. Mein Haus gleicht Fort Knox – es gibt so viele Kameras, dass ich mich wie in meiner eigenen Show fühle!

Auf die Unterstützung meiner FBI-Kollegen kann ich mich verlassen. »Du kannst uns anrufen«, sagten sie zu mir. »Wir verbinden dich sofort mit der Polizei, mit jedem, den du brauchst.« Die Jungs gaben mir das Gefühl, geschützt zu sein. Aber ich lasse nicht zu, dass dieses Problem mein Leben bestimmt. Es ist einfach ein Teil meiner Arbeit für Amerika.

Aber ich muss die FBI-Führung für die Art und Weise kritisieren, wie sie mit den Drohungen gegen mich umging. Es war eine jämmerliche Vorstellung. Das FBI bekam einen Brief von einem Informanten im Gefängnis, den wir Pete nennen wollen. Pete hatte mit einem Häftling gesprochen, nennen wir ihn Al, der Mitglied im Gambino-Clan war und wegen Mordes im Gefängnis saß. Dieser Typ hatte Pete verraten, dass ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt worden sei. Offenbar prahlte Al damit, er und seine Komplizen hätten sich von peinlich berührten Mafiabossen anheuern lassen, um Jack Falcone zu erledigen. Und was geschah mit diesem Brief?

Das FBI verschlampte ihn! Erst Wochen später fiel er Nat und Chris in die Hände.

Ich weiß, es klingt unglaublich, und ich bin sicher, dass die Bürokraten, die den Brief verloren haben, eine hübsche Erklärung dafür parat haben, die nichts mit der Realität zu tun hat. Tatsache ist, dass sie den Brief ganz einfach verloren und mich nicht darüber informiert haben. Es kam ihnen nie in den Sinn zu sagen: »He, Jackie, ein Häftling behauptet, die Gambinos hätten einen Killer auf dich angesetzt!«

Einige Wochen später tauchte der Brief irgendwie auf. Das Einfachste war, Pete mit einem Abhörgerät zu Al zu schicken. Mehr war nicht notwendig. So konnte man die Wahrheit schnell und ein für allemal ans Licht bringen. Stattdessen erzählte die FBI-Leitung mir eine verrückte Geschichte: Sie habe versucht, einen Mann zu finden, der aus dem Gefängnis entlassen worden und nach Florida gegangen sei. Der wisse etwas. Es war lächerlich. Nat, der Case Agent, der ganz auf meiner Seite war, befand sich damals im Urlaub. Die Ermittlungen als Ganzes lagen jetzt in den fähigen Händen von Chris Munger. Er ist ein großartiger Kollege, ein engagierter, sehr erfah­rener und kompetenter Agent. Deshalb wollten die hohen Tiere ihn natürlich nicht mit der Todesdrohung gegen mich belasten. Stattdessen nahmen sie ihm die Sache aus der Hand und übertrugen sie einem anderen Agenten, der ebenfalls sehr gut war, sich aber in seiner Laufbahn hauptsächlich mit Gegenspionage beschäftigt hatte. Spione leben in einer anderen Welt als wir! Ich will diesen Kollegen und seine Bemühungen nicht herabsetzen; aber ich arbeitete mit Chris zusammen, der viel Erfahrung auf diesem Gebiet hatte. Am liebsten hätte ich gerufen: »Hört mal – dieses verdammte Kopfgeld ist auf mich ausgesetzt! Habe ich denn gar nichts zu sagen?«

Natürlich nicht. Sie behaupteten, Pete sei nicht auffindbar, die Strafvollzugsbehörde habe ihn irgendwo anders untergebracht und die ganze Sache sei ein einziges Chaos. Und selbst wenn sie wüssten, wo er war, hätten sie kein Recht, ihn zu verlegen.

»Moment mal!«, sagte ich. »Das sind Häftlinge! Ihr braucht ihnen keine Begründung zu geben! Ruft einfach den Strafvollzug an und beantragt eine Verlegung dieses Mannes!«

Greg DePalma hatte mir oft erzählt, manchmal habe jemand mitten in der Nacht an die Tür seiner Zelle geklopft und ihn dann in ein anderes Gefängnis gebracht. Damit musste er leben – so wie jeder andere Häftling.

Aber meine Argumente stießen auf taube Ohren. »Wir reden mit ihm«, versicherten sie.

Mit ihm reden? Was zum Teufel wird er euch erzählen? Er ist ein hartgesottener Gangster, ein Mörder! Aber sie hörten nicht auf mich und fragten ihn einfach. Selbstverständlich leugnete er alles, und nach einigem Hin und Her stellte er sich einem Test mit dem Lügendetektor. Die erste Frage lag auf der Hand:

»Ist auf Jack Falcone ein Kopfgeld ausgesetzt?«

»Nein«, antwortete er. Die Nadel fiel fast aus dem Gehäuse! Er hatte auf keinen Fall die Wahrheit gesagt, als er die Existenz des Mordauftrages geleugnet hatte.

Jetzt platzte mir der Kragen. Ich ging auf und ab, schwitzte und war-tete auf das Ergebnis des Tests. Dann kamen sie und sagten: »Raten Sie mal! Der Kerl ist beim Test durchgefallen!« Also rief ich sofort den ASAC an und sagte: »Sehen Sie? Wir hätten dem Burschen eine Wanze verpassen sollen, anstatt diesen Blödsinn zu veranstalten. Jetzt werden wir es nie ­erfahren.«

Der ASAC erklärte: »Oh, wir wussten, dass er lügen würde! Sie wissen doch, wie diese Kerle sind.«

»Nein, das weiß ich nicht«, erwiderte ich empört. »Aber wenn Sie wussten, dass er lügen würde, warum waren Sie so versessen darauf, ihn zu testen?«

»Das mussten wir tun«, sagte er. Die FBI-Leitung hatte also nie an den Mordauftrag geglaubt.

»Und was haben Sie jetzt vor?«, fragte ich. »Wie wollen Sie mich schützen? Oder meine Familie?«

Sie behandelten den Fall einfach mit der üblichen saudummen Routine. Warum auch nicht? Ihr Leben und das ihrer Angehörigen war ja nicht in Gefahr. Das alles war grotesk. Der Gambino-Clan der Mafia hatte eine Viertelmillion Dollar Kopfgeld auf mich ausgesetzt, und diese Leute reagierten, als habe eine Abteilung mehr Coca-Cola beantragt. Möglicherweise war das Kopfgeld nicht von der Kommission – den versammelten fünf Clanbossen – genehmigt worden. Aber vielleicht wollte ein freischaffender Ganove sich auf meine Kosten einen Namen machen. Für Geld würde er es nicht tun; denn wo sollte er es einkassieren? Beim nächsten Mafiositreffen? »He, ich hab Falcone erledigt! Wo sind meine 250 Riesen?« Nein, er würde es tun, um zu zeigen, was für ein harter Kerl er war. Deshalb passe ich bis zum heutigen Tag genau auf, wohin ich gehe.

Ich sagte zu ihnen: »Ich weiß, warum ihr den Test mit dem Lügendetektor gemacht habt. Damit ihr eure Hände in Unschuld waschen könnt. Deshalb habt ihr das gemacht. Ihr wolltet mit Al beweisen, dass es keine Morddrohung gibt, damit ihr sagen könnt: ›Seht ihr? Keiner hat ein Kopfgeld ausgesetzt! Das war nur Angeberei!‹ Und was nun?«

Darauf hatten sie keine Antwort. Sie wussten jetzt, dass die Geschichte stimmte.

Die Wahrheit ist, dass ich die Mafia blamiert hatte. Ich war mitten unter ihnen gewesen, hatte sie unterwandert. Schlimmer noch, ich war nicht einmal Italiener, sondern kubanischstämmiger Amerikaner! Die Leute mussten einander fragen: »Sind diese Typen blöd?« Das war die schlimmste Beleidigung: Ein Nichtitaliener hatte sich sehr überzeugend als Italiener ausgegeben. Die Mafia will allwissend und allmächtig sein. In Sizilien haben sie sich bestimmt die Haare gerauft. Wahrscheinlich lachten sie ihre amerikanischen Kameraden aus und betrachteten mich durch die Linse ihrer Vorurteile gegen Lateinamerikaner. Gewiss, Andy García fiel es leicht, in Die Unbestechlichen und in Der Pate, Teil III einen Italiener zu spielen. Auch er ist Kubaner. Aber das war ein Film, nicht die Realität.

Ich will nicht nur Dampf ablassen, wenn ich sage, dass die Ermittlungen wegen des Kopfgeldes schlecht geführt wurden. Das Ergebnis bleibt offen, und schuld daran sind die Ungeschicktheit, Dummheit, Unfähigkeit und vor allem die fehlende Erfahrung einiger Ermittler. Das gilt nicht für alle von ihnen, wohl aber für die Leitung. Also kommen Sie mir nicht zu nahe, wenn Sie mir je begegnen sollten!

Kapitel 22

Jack Falcones Abschied

Sobald du sagen kannst: »Ich habe alles gesehen und alles gemacht«, musst du dich zurückziehen. Das war schon immer mein Standpunkt.

Am 3. März 2006 schied ich aus dem Staatsdienst aus. Der Tag des Ausscheidens ist für einen FBI-Agenten eine einzige Kränkung. An unserem letzten Tag nehmen sie uns unsere Abzeichen und Ausweise weg. Die New Yorker Polizei macht es richtig: Am letzten Tag bekommen die Beamten einen Ausweis mit Foto, aus dem hervorgeht, dass sie pensionierte Polizisten sind. Beim FBI machen sie nur ein Foto – und es dauert neun bis zehn Monate, bis man den Ausweis bekommt.

Ich war ein Vierteljahrhundert lang verdeckter Ermittler. Überall leben Ganoven, die ich in den Knast gebracht habe und die inzwischen entlassen wurden. Einige waren bereits einige weitere Male hinter Gittern, andere haben ein Kind, das schon im Gefängnis war. An einer roten Ampel beobachte ich immer noch das Auto neben mir, und ich achte darauf, wer auf der Autobahn hinter mir fährt. Ich muss eine Waffe tragen, und natürlich sehe ich nicht wie ein FBI-Agent aus. Angenommen, ein Polizist stoppt mich, und ich versuche ihm zu erklären, dass ich beim FBI war. Er wird es mir nicht glauben. Wenn er meine Waffe findet, bin ich schneller im Knast, als man J. Edgar Hoover sagen kann. Ja, es dauerte wirklich zehn ganze Monate, bis ich meinen Ausweis als pensionierter FBI-Agent bekam. Hatte ich in diesen zehn Monaten jeden Tag eine Waffe bei mir? Das verrate ich nicht!

An meinem letzten Tag musste ich nicht nur mein Abzeichen und meinen Dienstausweis zurückgeben, sondern auch ein paar andere Dinge. Als Jack Falcone hatte ich schöne Schmuckstücke und Uhren getragen. Das alles gab ich selbstverständlich dem Büro zurück. Für mich war das kein Problem. Das einzig Gute am Abschluss des Falles war, dass ich mich nicht mehr jeden Tag herausputzen musste, um mit DePalma herumzuhängen. Das war wirklich anstrengend gewesen. Ich lieferte die Ringe, den Schmuck und die Rolex-Uhren ab und war zum ersten Mal seit fast 30 Jahren wieder Zivilist.

Zumindest war ich jetzt für das FBI ein Zivilist. In meinem Kopf brauchte ich etwas länger, um mich daran zu gewöhnen, dass ich nicht mehr Joaquin Garcia vom FBI oder Jack Falcone vom Gambino-Clan war. Die Arbeit als verdeckter Ermittler ist gefährlich wie eine verführerische Geliebte. Meine Frau behauptet bisweilen, ich benähme mich immer noch wie ein Mafioso! Das passiert meist im Restaurant. Wenn ich dem Oberkellner sage, ich hätte einen Tisch reserviert, schaut er jetzt in seiner Liste nach und bittet mich, an der Bar zu warten. Glauben Sie mir, wenn ich als Jack Falcone gekommen wäre, hätte er mich niemals an die Bar geschickt, einerlei, ob ich eine Reservierung gehabt hätte oder nicht. Er hätte einen Tisch für mich gefunden, groß genug für mich und alle meine Begleiter. Aber ich bin nicht mehr beim FBI, und ich bin nicht mehr Jack Falcone. Also trotte ich an die Bar und warte, bis ich an der Reihe bin, wie die anderen Gäste.

Manchmal muss ich ein wenig zu lange warten, vor allem dann, wenn ich sehe, dass andere Leute bevorzugt werden. Dann stapfe ich zum Oberkellner und knurre mit meiner besten Jack-Falcone-Stimme: »He, Kumpel, hast du mich auf die Beachte-mich-nicht-Liste gesetzt? Du hast anderen erlaubt, sich vorzudrängeln! Haben wir uns verstanden?«

Dann bekommen wir immer eine Entschuldigung und sofort einen Tisch; aber meine Frau wirft mir einen Blick zu, als wolle sie sagen: »Du bist nicht mehr Jack Falcone!«

Nun ja, es geht mir eben auf die Nerven. Ganoven gehen in ein Restaurant und bekommen sofort einen Tisch. Ehrliche Bürger sollten zuerst Plätze bekommen – der Mann, der sich abrackert, um seine Familie zu ­ernähren, der Polizist, die Lehrerin, der Feuerwehrmann. Diese Leute sollte man an die Spitze der Warteschlange stellen! Aber in unserer verrückten Welt ehren wir die Mafiosi und entehren den anständigen Bürger, der die Gesellschaft schützt oder sich um seine Familie kümmert.

Warum ich aus dem Dienst schied? Erstens sah ich die Schriftzeichen an der Wand. Nach dem Gambino-Fall setzte man mich nicht mehr als verdeckter Ermittler ein. Ich hatte den Eindruck, dass meine Vorgesetzten mir die Undercover-Arbeit nach all diesen Jahren ersparen wollten. Aber der Gedanke, ein ganz normaler Agent zu sein, reizte mich nicht sonderlich. Gleichzeitig wurde mir klar, dass es nur noch abwärtsgehen konnte, nachdem ich Jack Falcone gespielt hatte. Konnte ich jetzt noch einen anderen Fall übernehmen? Das FBI nennt mich immer noch »Berater«, und sogar während ich diese Zeilen schreibe, arbeite ich undercover an mehreren Fällen. Aber wenn dieses Buch veröffentlicht wird, dürften alle diese Fälle abgeschlossen sein, und das wird höchstwahrscheinlich das Ende meiner Laufbahn sein, sei es als FBI-Agent, sei es als Berater. Aber ich wollte wirklich auf dem Höhepunkt meines Spiels abtreten wie ein Jim Brown oder ein Tiki Barber im Football und nicht wie jene Sportler und anderen Leute, die nicht wissen, wann es Zeit zum Aufhören ist. Ich wollte gehen, als ich ganz oben war.

Aber ich wollte auch mehr Zeit – viel mehr Zeit – mit meiner Frau und meiner Tochter verbringen. Meine Tochter war sechs, als ich das FBI verließ, und sie hatte wirklich keine Ahnung, ob ich ein guter oder ein schlechter Vater war. Ich hatte ihr nie genau erklärt, welchen Beruf ich ausübte, weil sie einfach zu jung war, um es zu verstehen. Ich wollte ihr eine Kindheit ermöglichen, die frei von den Greg DePalmas dieser Welt war. Außerdem wollte ich mehr Zeit für meine Frau haben, die wahre Heldin dieser Geschichte. Stellen Sie sich vor, wie viele Opfer sie im Laufe der Jahre bringen musste, damit ich sieben Tage in der Woche, von morgens bis abends, in gefährlichen Situationen und mit extrem gewalttätigen Menschen arbeiten konnte – mit den brutalsten Menschen und Gruppen in der Gesellschaft.

Sie ist diejenige, die sich ständig Sorgen um mich machte und sich fragte, wo ich war – als angeblicher Drogenhändler in den Badlands von Philadelphia oder bei Mafiosi wie DePalma und seiner Gang. Ich möchte mir einen Augenblick Zeit nehmen und alle Ehepartner und Kinder der Justizbeamten grüßen. Sie bekommen weder Orden noch Lob für die ­Opfer, die sie bringen; aber sie sind den Agenten, Polizisten und Feuerwehrleuten gleichwertig, deren Karriere sie selbstlos unterstützen.

Der Tag, an dem ich das Büro verließ, war für mich ein Tag der gemischten Gefühle. Dieser Behörde hatte ich mein ganzes Leben als Erwachsener gewidmet. Ich hatte den amerikanischen Traum wahrhaft gelebt. Denken Sie daran, dass ich kubanischer Einwanderer war. Ich kam als Junge in dieses großartige Land, dessen Sprache ich nicht verstand. Und jetzt erwähnte mich der bekannte Journalist Jerry Capeci, ein Experte für das organisierte Verbrechen, in einer Kolumne mit dem Titel »Die besten verdeckten Ermittler des FBI«. Das ist ein ziemlich großer Sprung für ein Kind, dessen Familie aus Kuba geflohen ist. Dieses Land gab mir eine unglaubliche Chance, und ich hatte das Glück, sie erfolgreich nutzen zu können.

Natürlich hatte ich zahllose Freunde unter den Agenten und Angestellten des Büros. Obwohl ich bisweilen mit den Bürokraten und Aktenabstaubern aneinandergeriet, traf ich auch so viele hervorragende Verwaltungsbeamte und Agenten, dass ihre Namen allein ein Buch füllen würden. Es war schmerzlich zu wissen, dass ich nicht mehr täglich mit ihnen arbeiten würde. An meinem letzten Tag brachten mich Sean McMullen, Jimmy ­Lopez und Rich Shaw nach Hause, drei gute Freunde und vorzügliche Case Agents in meiner Drogeneinsatzgruppe. Es war ein seltsames Gefühl, vor meinem Haus auszusteigen, ohne am folgenden Morgen einen Auftrag zu haben. In den nächsten paar Wochen stand ich sogar zur üblichen Stunde auf, zog mich an und bereitete mich im Geiste auf einen weiteren Tag beim FBI vor. Vermutlich machen das alle Pensionäre durch. Ich besuchte das Büro aus irgendwelchen Gründen so häufig, dass die Jungs mich zu necken begannen. »Hast du noch nicht gemerkt, dass du pensioniert bist?«, fragten sie mich.

Damals, als ich anfing, schickte man neue Agenten in ein Großraumbüro. Man alberte mit den Kollegen herum, und wenn die Frau anrief, ­zogen sie einen auf: »He, Schatz, ich liebe dich auch!« Wir hatten eine Schreibzentrale, junge Leute, die für die Papierarbeit zuständig waren. Wir waren wie eine Familie – nach Feierabend gingen wir zusammen aus, aßen Pizza, was auch immer.

Das Großraumbüro und die Schreibzentrale gibt es nicht mehr. Jetzt ist alles viel nüchterner. Man arbeitet in einer »Box« – einer kleinen Arbeitsstation mit hohen Wänden –, sodass man keinen Kontakt mit seinen Kollegen hat. Und was die Stenografen anbelangt, so wurden Agenten zu Schreibkräften gemacht! Sie sollten aber nicht tippen, sondern draußen auf der Straße arbeiten. Und heute bekommt man nur noch Voice-Mail. Niemand greift mehr zum Telefon und sagt: »Nein, er ist nicht da, soll ich ihm etwas ausrichten?« Wir arbeiten nicht mehr eng zusammen, wie es früher einmal war.

Die Jungs kommen voller Tatendrang aus Quantico zurück, bereit für die Gangsterjagd. Stattdessen gibt man ihnen Laptops und Kameras – und Stühle in diesen verdammten Boxen –, und prompt verwandeln sie sich in kleine IBM-Angestellte. Manche neue Kollegen sind den aktiven Agenten nicht einmal bekannt!

»He, wer ist denn der Neue dort?«

»Weiß ich nicht!«

»Was macht er?«

»Tja, mich hat er grün und blau geschlagen!«

Ich konnte bei Bedarf zu den anderen Jungs sagen: »Los, kommt alle mit, ich muss diesen Typ einlochen!« Und alle fuhren gemeinsam los. Heute läuft es nicht mehr so, weil man niemanden mehr findet. Alle Agenten hocken eingemauert in ihren kleinen Boxen! Hallo, wo seid ihr alle?

Diese Klage höre ich heutzutage oft von FBI-Agenten. Ich ging gerne in dieses Großraumbüro. Wenn jemand deprimiert hereinkam, gingen alle zu ihm und munterten ihn auf. So sollte es wieder sein. Ist das Wunschdenken? Vielleicht ein wenig. Doch selbst wenn wir die Sache streng beruflich betrachten, müssen wir einräumen, dass die Kameradschaft verloren geht, die das FBI zu einer so großartigen Truppe gemacht hat. Herr Direktor, reißen Sie diese Boxen ab! Und wenn Sie schon dabei sind, dann führen Sie die Schreibzentrale wieder ein!

Meine Pensionierung hatte auch einige Vorteile. Anstatt Greg DePalma durch ganz New York zu chauffieren, bringe ich jetzt meine Tochter zur Schule und hole sie dort wieder ab. Wenn das kein radikaler Wandel ist – von DePalma und den Mafiosi zum ersten Schuljahr –, was dann? Aber ich liebe sie so sehr und bin glücklich, wenn ich bei ihr sein darf.

Vor einem Monat wurde ich von Kojoten geweckt. Ich bin in der Bronx aufgewachsen! Was zum Teufel habe ich mit Präriewölfen zu tun? Aber wir wohnen jetzt am Stadtrand, wo es Truthähne, Rehe, Rotluchse und Kojoten gibt. Ich lebe in der Hölle! Aber ich muss dieses Kreuz tragen.

Eines Nachts klingelte ein Junge aus der Nachbarschaft um elf Uhr abends. Meine Frau drehte fast durch, und ich holte meine Pistole. Dann merkten wir, dass es nur ein Kind war, das aus Übermut an Türen klingelte.

»Mein Gott!«, rief meine Frau. »Sie wissen, wo wir sind. Sie forschen uns aus.«

Ein andermal geriet sie in Panik, weil jemand unseren Briefkasten abgerissen hatte. »Beruhige dich«, sagte ich, »es ist doch nichts passiert!«

Habe ich jeden Tag Angst? Nein. Eines ist klar: Wenn ich in Angst lebe, haben sie gewonnen. Ja, ich muss einige Vorkehrungen treffen; aber das ist der Preis, den ich zahle. Sollen sie doch beschämt sein. Es sind Gangster. Alle haben sich schuldig bekannt. Wir haben sie alle geschnappt. Und jetzt sitzen sie im Knast.

Ich besuche Manhattan nur noch gelegentlich. Es gibt dort immer noch viele Ganoven, die mich kennen und die vielleicht keine Bedenken hätten, mich zu erschießen. Ich muss genau darauf achten, wohin ich gehe und wie ich an mein Ziel komme. Aber das ist ein kleiner Preis für das Privileg, all diese Jahre auf der richtigen Seite gewesen zu sein.

Man hat mir auch Jobs angeboten. Das wohl attraktivste Angebot kam von der Major League Baseball. Sie wollten, dass ich die Baseball-Akademien in Lateinamerika bereiste und vor jungen Spielern, die Profis werden wollten, über die Gefahren sprach, die sie in den Vereinigten Staaten erwarteten. Glücksspieler würden sich an sie heranmachen, Mafiosi würden versuchen, ihnen Informationen zu entlocken oder sie sogar zu bestechen oder irgendwie in Schwierigkeiten zu bringen.

Das Angebot war verlockend, aber ich hätte 60 Prozent meiner Zeit auf Reisen verbringen müssen. Deshalb lehnte ich ab. Die Leute sagten: »Du kannst doch nicht die Major League Baseball hängen lassen!« Aber ich bin Footballfan, und Baseball reizt mich nicht sonderlich. Mir war es am wichtigsten, bei meiner Familie zu sein. Die meisten FBI-Agenten, die nach ­ihrem Ausscheiden einen neuen Beruf ergreifen, gehen zu privaten Sicherheitsdiensten. Ich habe von alldem genug. Ich suche eine ganz neue Herausforderung. Das war einer der Gründe dafür, dass ich dieses Buch schrieb! Auch als Schauspieler würde ich gerne arbeiten – denn ein verdeckter Ermittler ist ja ein Schauspieler, und seine Rollen sind gefährlicher als Filmrollen. Wir dürfen nie aus der Rolle fallen, denn sobald wir unglaubwürdig wirken, riskieren wir unser Leben. Wenn ich zu Hause mit meiner Frau die Sopranos anschaue, sage ich zu ihr: »Das ist doch nicht schwer! Sie wiederholen eine Szene so oft wie nötig! Ein verdeckter Ermittler hat nur eine Chance!« Also, wenn ihr in Hollywood einen Hauptdar­steller braucht, der eins 93 groß ist und 177 Kilo wiegt, dann sucht nicht länger!

Es ist ernüchternd, dass alle, mit denen ich als Jack Falcone »befreundet« war, jetzt im Gefängnis sitzen. Dort gehören sie auch hin – sie sind Gangster, die trotz des »Mafiakodex« mit Drogen handeln. Sie haben Gewerkschaften und legale Unternehmen erpresst und aus gesetzestreuen Geschäftsleuten nicht nur Opfer gemacht, sondern auch willige Komplizen des organisierten Verbrechens. Sie waren Kredithaie, machten Milliarden­umsätze mit illegalem Glücksspiel, brachen in Geschäfte ein, verletzten und töteten Menschen. Mit tut es nicht leid, dass sie alle im Knast sind. Im Gegenteil – ich wünschte, sie würden länger einsitzen. Ich mache mir keinerlei Illusionen über diese »Freundschaften«, weil es nie echte Freundschaften waren. Von meinem ersten Fall als verdeckter Ermittler – damals klopfte ich an die Tür eines »Massagesalons« in Manhattan – bis zu meinem letzten Tag mit DePalma und sogar bis zu den Fällen, an denen ich noch arbeite, war es nie mein Ziel, Freunde zu gewinnen. Ich war dort draußen, um Ganoven hinter Gitter zu bringen und die Welt ein klein wenig sicherer zu machen.

Man sagt, es gebe für alles, was geschieht, einen Grund. Wer weiß? Vielleicht hätte ich als Jack Falcone nicht mehr lange Glück gehabt. Es ist einfach, nur an mögliche positive Ergebnisse zu denken – wir hätten vielleicht verdeckte Ermittler in jeden Mafiaclan einschleusen können, nicht nur in New York, sondern im ganzen Land. Möglicherweise hätten wir dieser Hydra einen schweren oder gar tödlichen Schlag versetzen können. Es tut weh, daran zu denken. Andererseits hätte Robert Vaccaros Freundin Donna die Puzzleteile jederzeit zusammenfügen können, und das wäre nicht nur das Ende des Falles, sondern das Ende von Joaquin Garcia gewesen.

Kollegen haben ihr Leben geopfert, und obwohl ich es bis ans Ende meines Lebens bedauern werde, dass der Gambino-Fall so früh abgeschlossen wurde, ist mir bewusst, dass ich Glück hatte, so lange unter Mafiosi zu überleben.

Ich werde nie wissen, ob einer der Mordaufträge jemals widerrufen wurde und wer die 32 Gambinos, die wir eingebuchtet haben, daran hindern wird, sich gegen mich zu verschwören. Es war eine wilde Fahrt in den Chevrolets, Hummers und anderen Autos, die mir als Jack Falcone zur Verfügung standen. Ja, es war nur ein Fall von vielen in meiner Laufbahn, wenn auch ein großer. Es gibt noch viele andere Fälle, die ich wegen Zeit- oder Platzmangels in diesem Buch nicht unterbringen konnte – russische Mafia, korrupte Polizisten in Boston und San Juan, Puerto Rico… ich könnte noch lange so weitermachen. Aber der wohl erfreulichste Schlusskommentar zu meiner Karriere lautet: Wir haben die 32 ranghöchsten Mitglieder eines der mächtigsten Mafiaclans im Land aus dem Verkehr gezogen. Im nie endenden Krieg zwischen den Guten und den ­Bösen haben die Guten endlich einmal für einen Moment die Oberhand behalten.

Das ist gar nicht schlecht für ein Flüchtlingskind, dessen Familie mit wenig mehr als dem Hemd am Leib in dieses Land kam. Klar, es war der schlimmste aller Albträume, als ich meine Rolle als Jack Falcone so plötzlich aufgeben musste. Aber alles andere in meiner Laufbahn, einschließlich meines FBI-Abzeichens und der Verhaftung all dieser Gangster… glauben Sie mir, das war der amerikanische Traum.

8 Joe Della Penna ist ein großartiger Kollege, der sich für diesen Fall zerriss und besonderes Lob verdient. Er ist ein brillanter Ermittler auf dem Gebiet des Arbeitsrechts und der Krimi­nalität in Gewerkschaften.