Teil eins
Einführung
Prolog
Die Schlacht bei Bloomingdale’s
Petey Chops drückte nicht ab.
Und wenn er nicht bald handelte, würde man ihn umlegen.
Bei der Mafia, auch Mob genannt, bedeutet »abdrücken«, das Geld mit seinen Vorgesetzten im Mafiaclan (in der »Familie«) zu teilen, das man mit Kreditwucher, Baubetrug, illegalen Glücksspielen und Lotterien, Prostitution, Drogen, gestohlenem Schmuck, Artikeln für Sportfans, Internetpornografie oder anderen kriminellen Aktivitäten verdient. Peter »Petey Chops« Vicini leitete ein sehr erfolgreiches Glücksspiel- und Lotteriegeschäft in der Bronx, das ihm Millionen Dollar einbrachte. Als Mobster oder initiiertes Mitglied des Gambino-Clans war er dafür verantwortlich, dass alle ihren Anteil an diesem Reichtum erhielten: sein Capo oder Captain – der Mann, der ihm übergeordnet war, sowie die »Regierung« der Familie – der Boss, seine rechte Hand und sein Berater.
Niemand darf einem Gambino oder einem Lucchese oder dem Mitglied einer anderen Familie, aus denen die New Yorker Cosa Nostra besteht, in die Quere kommen. Niemand darf in sein Revier eindringen, ihm Erpressungsopfer wegschnappen oder bei anderen Geschäften stören. Aber der Schutz eines Mafiaclans hat seinen Preis. Der Mafiasoldat – so heißt das »einfache Mitglied« – muss abdrücken. Was er verdient, muss er mit den Leuten teilen, die über ihm stehen. Außerdem muss ein Mafiasoldat seinen Vorgesetzten regelmäßig Bericht erstatten. Manche Capos bestehen auf täglichen Treffen. Und der Soldat tut gut daran, bei seinem Capo abzudrücken. Wer das versäumt, begeht in der Mafia ein Kapitalverbrechen, und Petey Chops hatte seine Pflicht schon monatelang nicht mehr erfüllt. Er versteckte sich vor den anderen Mafiosi.
Chef der Gambinos war Arnold »Zeke« Squitieri, ein Mafioso vom alten Schlag, der das Rampenlicht so sehr scheute, wie sein illustrer Vorgänger John Gotti es gesucht hatte. Squitieri war wegen Drogenhandels vorbestraft – so viel zum »Kodex« der Mafia, der angeblich Drogengeschäfte verbietet. Squitieri hatte Petey Chops einem anderen Mafioso der alten Schule unterstellt: Greg DePalma, der seit den neunziger Jahren ein Gambino-Capo und seit 1977 initiiertes Clanmitglied war. Greg war Anfang 70, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde; er hatte gesessen, weil er den Stripclub Scores in Manhattan erpresst hatte, den der Radio-Discjockey Howard Stern berühmt gemacht hatte.
Die Mafia und das FBI hielten Greg für ein Relikt, einen abgehalfterten Typen oder, in der blumigen Sprache der Mafia, für einen kaputten Koffer. Aber Greg war alles andere als eine gescheiterte Existenz. Wenige Monate nach seiner Entlassung war er bei den Gambinos wieder obenauf. So sehr, dass Squitieri, das Familienoberhaupt, Greg mit zahlreichen Aufgaben betraute. Unter anderem hatte er den Gambino-Elitesoldaten und Goldesel Petey Chops zu beaufsichtigen und von ihm Geld einzutreiben.
Petey Chops war für Greg ein Dorn im Auge geworden. Er spurte einfach nicht und hatte immer eine Ausrede. Er pflegte zu sagen: »Greg, ich kann dich nicht treffen. Man beobachtet mich. Gegen mich laufen Ermittlungen. Ich möchte kein Risiko eingehen.«
»Ach was«, erwiderte Greg dann. »Wir werden alle beobachtet! Und jetzt bring mir sofort das Geld!«
Aber Petey kam nicht.
Monate vergingen. DePalma war Peteys Gejammer allmählich leid. Schließlich hatte er eine Idee.
Er fand heraus, dass Petey Chops und seine Freundin jeden Montagabend um sechs ins Buffet-Restaurant im Kaufhaus Bloomingdale’s in White Plains essen gingen. Am 22. Februar – es war zufällig der President’s Day, der Nationalfeiertag – beschloss der Alte, wie Greg genannt wurde, Petey zusammen mit seinem Gambino-Soldaten Robert Vaccaro und mir bei Bloomingdale’s abzupassen und Klartext mit ihm zu reden.
Wer ich bin? Ein verdeckter FBI-Ermittler, dem es gelungen war, Greg DePalmas Bande zu unterwandern. Er hielt mich für Jack Falcone, einen Juwelendieb aus Südflorida, und er hatte mich in seine Gang aufgenommen. Er ahnte nicht, dass ich erst der zweite FBI-Agent in der Geschichte war, den das FBI für längere Zeit tief in die Mafia hatte einschleusen können. Der erste war Joe Pistone in der Rolle des Donnie Brasco.
Ich wusste, dass die Sache an Greg nagte; denn Geld war ihm wichtig. Außerdem ging es ums Prinzip – jemand profitierte von seiner privilegierten Stellung im organisierten Verbrechen und teilte seinen Reichtum nicht. Ein fataler Fehler.
An diesem Feiertag saßen Greg, Vaccaro und ich im Restaurant La Villetta in Larchmont, New York. Greg wandte sich mir zu und krächzte: »Hör mal, wir machen einen Ausflug.«
Wie gewöhnlich verschwieg er mir den Anlass unserer Fahrt. In solchen Momenten war ich immer ein wenig nervös, weil ich die Lage nicht im Griff hatte. Man konnte mich überall hinbringen – zum Schauplatz eines Mordes oder sogar an mein eigenes Grab. Ich wusste es nie.
»Wohin fahren wir?«, fragte ich und versuchte, meine Besorgnis zu verbergen.
»Kümmere dich nicht darum«, sagte der Alte. »Wir fahren nach White Plains.«
Was sollte ich tun? Damals fuhr ich einen Hummer, passend zu meiner Rolle als erfolgreicher Juwelendieb aus Südflorida. FBI-Agent Bim Liscomb, ein Mitglied des FBI-Überwachungsteams, deckte mich. Wir sahen beide nicht wie Agenten aus. Bim war Afroamerikaner, korpulent, und er trug einen Bart, was zu J. Edgar Hoovers Zeit verpönt war. Damals genügten drei Verstöße gegen die FBI-Regeln, und man flog raus. Ich hatte mich für ihn als Bewacher entschieden, weil er überhaupt nicht wie ein Agent aussah und weil er keines dieser brandneuen Autos mit getönten Scheiben fuhr, mit denen Überwachungsteams immer wieder aufflogen. Wie ich aussehe? Ich bin eins 93 groß, wiege 177 Kilo und sehe ebenfalls nicht wie ein FBI-Agent aus.
Wir verließen La Villetta und stiegen in meinen Hummer. Ich konnte nicht ans Telefon gehen und sagen: »Bim, ich fahre nach White Plains. Fahr mir nach.« Stattdessen hoffte ich, dass er uns in meinem H2 wegfahren sah und uns diskret folgte. Wie üblich fuhr ich langsam, um meinen Beschatter nicht zu verlieren. Meine Trägheit am Lenkrad brachte Greg immer in Rage.
»Du fährst wie ein altes Weib!«, beschwerte er sich. »Beeil dich, Jackieboy! Verdammt, du brauchst ja ’ne Stunde, wenn ich ’ne halbe brauche!«
»Ich fahre immer langsam«, erklärte ich ihm. »Wegen der Erinnerungen an einen Unfall, den ich als Kind hatte.«
Hätte Greg es eilig gehabt, hätte er gesagt: »Unsere Zeit ist knapp. Reiß dich gefälligst zusammen!« Dann hätte ich ihm gehorcht und so getan, als hätte ich mich verfahren, nur um es ihm heimzuzahlen. Aber diesmal passierte das nicht. Wir saßen alle in einem Auto, und ich wusste immer noch nicht, worum es ging.
Unterwegs klärte Greg uns endlich auf.
»Wir fahren zu Bloomingdale’s«, sagte er, »und suchen diesen Schleimer Petey Chops.«
Okay, heute sollte ich also nicht umgelegt werden. Das war beruhigend. Aber warum suchten wir in einem Kaufhaus einen aufmüpfigen Mafiasoldaten? Greg rückte keine weiteren Informationen heraus, und als Mitglied seiner Gang stand es mir nicht zu nachzufragen.
Wir kamen bei Bloomingdale’s an und wussten nicht, wo zum Teufel das Restaurant war. Wir waren von Haushaltsartikeln und Teppichen umgeben. Natürlich gehörten wir nicht zu den Leuten, die mit dem Grundriss von Kaufhäusern vertraut waren. Mafiosi kaufen nicht im Einzelhandel ein. Wir drei sahen ganz bestimmt nicht wie Kunden aus. Wir sahen wie Mafiosi aus – piekfein gekleidet, perfekt manikürt und rasiert.
Wir brauchten eine Weile; aber wir fanden das Restaurant und warteten auf Petey Chops.
Um sechs Uhr war nichts von Petey zu sehen.
Zehn nach sechs. Keine Spur von ihm.
Viertel nach sechs. Nichts.
Dann erkannte einer der Kellner Greg. Der Kellner hatte das geschniegelte Aussehen eines Typen, der lässig am Geländer einer Rennbahn lehnt oder bei einem Buchmacher in Vegas herumhängt. Wer einen Grund hatte, mit dem organisierten Verbrechen im Westchester County Kontakt zu pflegen, kannte Greg DePalma, und dieser Bursche kannte ihn auf jeden Fall.
»Wollt ihr Jungs einen Tisch?«, fragte der Kellner Greg zaghaft. Jeder fasste Greg mit Samthandschuhen an, denn er ohrfeigte selbst in seinen Siebzigern Leute, die er für respektlos hielt.
»Wir haben eben gegessen«, sagte Greg, der sich ärgerte, weil Petey Chops nicht da war.
In diesem Augenblick atmete ich auf. Egal, was geschehen würde, sie hatten es nicht auf mich abgesehen.
Greg murmelte leise vor sich hin. »Wo ist dieser Scheißkerl?« Er rief den Kellner zu sich. In der Öffentlichkeit benahm er sich immer wie ein typischer Mafioso.
»Kennst du meinen Freund Pete, der montags hier isst?«, knurrte Greg.
Der Kellner nickte. »Er kommt meist mit seiner Freundin«, antwortete er zögernd, denn er wusste ja nicht, welche Antwort möglicherweise die falsche war.
»Wenn er wieder aufkreuzt, dann sag ihm, ich will ihn morgen im Pflegeheim in New Rochelle sehen.«
In diesem Pflegeheim im United Hebrew Geriatric Center lag Gregs Sohn Craig im Koma. Nach einem Selbstmordversuch im Gefängnis war Craig seit mehreren Jahren ohne Bewusstsein. Als initiiertes Mitglied des Gambino-Clans war er zusammen mit Greg wegen Erpressung des Scores verurteilt worden. Aber er hatte mit der Polizei zusammengearbeitet, im Austausch gegen ein milderes Urteil. Für Greg, einen Mafioso der alten Schule, war das Verhalten seines Sohnes verwerflich. Das schrieb er ihm auch, und der beschämte Craig hatte versucht, sich das Leben zu nehmen. Seither lag er im Koma. Greg widmete sich vor dem Körper seines Sohnes regelmäßig seinen Mafiageschäften, weil er zu Recht annahm, dass das FBI nicht so taktlos sein würde, das Zimmer seines komatösen Sohnes zu verwanzen.
Der Kellner nickte.
Greg starrte ihn an. »Was habe ich eben gesagt?«, fragte er drohend.
»Er soll Sie im Pflegeheim in New Rochelle treffen«, wiederholte der Kellner mit aufgerissenen Augen.
Greg nickte, und wir dachten, das war’s. Petey tauchte nicht auf; also verließen wir das Restaurant und machten uns auf den Weg zum Ausgang.
Wir gingen gerade durch die Haushaltswarenabteilung – und da stand er. Petey Chops höchstpersönlich … nicht mit einem, sondern mit zwei Mädchen an der Seite. Als er uns sah, wurde er nervös. Er hatte allen Grund dazu.
»Da ist der Wichser!«, rief Greg und steuerte auf ihn zu.
Robert und ich blieben zurück. Greg ging zu Petey, der ihn auf die Wange küsste, und wandte sich an Peteys Begleiterinnen.
»Darf ich, meine Damen?«, fragte er, direkt wie immer. »Ich habe mit ihm zu reden.«
»Mädels, sucht euch einen Tisch im Restaurant«, sagte Petey mit belegter Stimme. »Ich muss mit diesen Jungs etwas besprechen. Bin bald wieder da.«
Die Damen ahnten wohl, dass es besser für sie war, in die folgenden Ereignisse nicht hineingezogen zu werden, einerlei, worum es ging. Also schwirrten sie ab.
Greg und Petey lehnten an der Wand und redeten leise. In der Zwischenzeit betrachteten Robert und ich die Waren.
»Schau dir das an!«, rief Robert erstaunt und hob eine Vase auf. »Sie wollen 400 Dollar für diesen Schrott!«
Also zog ich ihn auf. »He, du hast sie fallen lassen – jetzt musst du sie kaufen!«
Ich versuchte mich aufzumuntern, weil ich nicht wusste, was geschehen würde. Aber ich hatte das Gefühl, dass es nichts Gutes war. DePalma begann die Stimme zu erheben.
»Was ist los mit dir?«, fragte er so laut, dass Robert und ich alles mitbekamen. Verdammt, das halbe Kaufhaus konnte ihn hören, so laut war er.
Petey sagte nichts.
»Du lässt dich nie blicken. Hundert Mal hab ich dich zu mir bestellt, aber du kommst nicht!«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich nicht kann«, sagte er und sah Greg, Robert und mich unbehaglich an.
»Ich will das Geld, das mir zusteht!«, beharrte Greg.
Später erfuhr ich, dass Petey seine Profite in eine Marmormine gesteckt hatte – ausgerechnet in Guatemala. Die Firma war pleitegegangen. Vielleicht fand Petey nichts dabei, seine Verluste mit Gewinnen aus Mafiageschäften auszugleichen.
»Man beobachtet mich«, erwiderte er störrisch. Auch er wurde lauter. »Ich will nicht, dass man mich mit jemandem sieht!«
Er war laut und gestikulierte. In meinen 24 Jahren als verdeckter Ermittler hatte ich noch nie einen Untergebenen so frech mit seinem Boss reden hören. Wäre ich ein echter Mafioso und kein Polizist gewesen, hätte ich ihm in diesem Augenblick eine gescheuert. Ich dachte: Was für ein blödes Arschloch! Hör zu, Petey, wenn du in der Mafia sein willst, dann zahl deine Schulden! Wir schützen dich, und du bezahlst dafür!
Ich ging in meiner Rolle auf. Klar, ich war FBI-Agent, aber dieser Kerl hielt sich nicht an die Regeln. Es war ein Streit, und ich stellte mich an die Seite von Greg, meines Capos. Petey benahm sich wie ein Idiot. Ich konnte kaum glauben, wie laut, grob und respektlos er mit einem Capo der Familie umging, dem er Treue geschworen hatte.
»Reg dich ab«, befahl Greg. Schließlich war er der Capo, und Petey war ein Soldat, und Leute standen in der Nähe. Wir befanden uns an einem sehr öffentlichen Ort.
»Das ist Schwachsinn!«, knurrte Greg. »Ab sofort meldest du dich regelmäßig und rechnest ab.«
»Ich will nicht gesehen werden!«, sagte Petey, der immer nervöser wurde. »Was willst du eigentlich?«
»Was ich will?«, schrie der Alte, als hätte man ihm eben die dümmste Frage aller Zeiten gestellt. »Ich will, dass du anfängst, Bericht zu erstatten, so wie es deine Pflicht ist!«
Jetzt wurde das Gespräch noch lebhafter. Es spielte sich nicht in einer dunklen Gasse ab. Wir standen am Nationalfeiertag um 18.15 Uhr in der Haushaltswarenabteilung von Bloomingdale’s in White Plains. Überall waren Leute, die einkauften, herumliefen, was auch immer. Ich tappte im Dunkeln – ich wusste, dass dieser Kerl sich respektlos benahm; aber ich ahnte immer noch nicht, wo das alles hinführen würde.
»Ich möchte dir jemanden vorstellen«, sagte DePalma und drehte sich zu Vaccaro um, dem neuen stellvertretenden Capo unserer Gruppe. Er war der »Straßencapo«, der die Interessen seines Chefs in der Öffentlichkeit wahrnahm, damit dieser sich nicht der Gefahr aussetzen musste, von der Polizei erkannt zu werden. Viele Bosse der Familie waren nur gegen Kaution auf freiem Fuß und konnten jederzeit in den Knast wandern, wenn man sie in Gesellschaft eines bekannten Kriminellen sah.
»Ich will niemanden treffen«, protestierte Petey. Aber der Alte kümmerte sich nicht darum. Ich lauschte aufmerksam, denn mir war klar, dass die Lage sich jeden Moment zuspitzen konnte.
»Du wirst ihn treffen«, beharrte DePalma. »Das ist Robert. Er ist ein Freund von uns.« Der Ausdruck »ein Freund von uns« wird verwendet, wenn man einen Mafioso einem anderen vorstellt.
»Er ist mit dem Boss befreundet«, fügte Greg hinzu, um Roberts Rang im Gambino-Clan hervorzuheben.
»Es ist mir scheißegal, wer er ist oder was er macht oder wen er kennt«, erwiderte Petey. »Ich tanze nicht bei dir an. Das ist Schwachsinn.«
Robert schäumte vor Wut.
Ich schaute argwöhnisch zu und rückte näher, um alles zu hören, was sie sagten.
»He, du Angeber«, mischte der verärgerte Robert sich ein. »Mach mal halblang!«
»Ach, leckt mich doch!«
Ich war überrascht. Niemand sprach so mit einem Capo wie Petey.
Robert drehte durch. Er griff in die nächste Auslage, packte einen schweren gläsernen Kosta-Boda-Kerzenhalter, etwa 30 Zentimeter lang1, und haute ihn Petey auf den Schädel. Ich hörte ein Knacken wie von einer berstenden Melone. Einige Zuschauer keuchten. Petey Chops fiel bewusstlos zu Boden. Blut strömte aus seiner Kopfwunde.
Plötzlich änderten sich meine Gefühle. Aus »Der Kerl ist ein Arsch und braucht eine Abreibung« wurde »Verdammter Mist, ich bin Polizist und habe eben gesehen, wie jemand niedergeschlagen wurde. Ich muss verhindern, dass man ihn umbringt«.
Hätte Robert ihn nur am Kragen gepackt und angeschrien, okay. Aber dies war Körperverletzung, offenbar mit Tötungsvorsatz. Von mir aus durfte man ihn anschnauzen, aber nicht totschlagen. Allein dieser Schlag hätte ihn umbringen können.
Robert wollte noch einmal zuschlagen, während Petey auf dem Boden lag. Also riss ich ihm den Kerzenhalter aus der Hand und warf ihn weg.
»Steh auf, du Scheißkerl!«, schrie Robert. »Steh auf, du Angeber! Was ist los? Hast du keinen Mumm mehr? Komm schon! Sag was, du Drecksack!«
Greg mischte sich ein. »Ja, du Wichser!«, schrie er.
Das war Wahnsinn. Ich musste die beiden von Petey Chops abbringen, sonst würden sie ihn hier in der Haushaltswarenabteilung von Bloomingdale’s ermorden.
»Hört auf!«, schrie ich Robert und Greg an. »Wir müssen raus hier, sonst sind wir geliefert!«
Aber sie rührten sich nicht. Mafiosi fürchten sich nicht vor einer Festnahme. Stattdessen redete Robert wieder auf den halb bewusstlosen Petey Chops ein.
»Jetzt hat der Schneid dich verlassen, was?«, höhnte er. »Sag was, harter Bursche. Komm schon!«
»Warum hast du das getan?«, fragte Petey Chops, der langsam zu sich kam. Er war total benebelt und blutete immer noch stark aus dem Kopf.
»Du wirst ausgestoßen!«, knurrte Greg ihn an.
Das hieß, der Gambino-Clan würde ihm jeglichen Schutz bei seinen kriminellen Aktivitäten entziehen. Ein anderer Gambino würde sein Geschäft übernehmen. Die Strafe war nicht unbedingt von Dauer; aber eine Begnadigung hing davon ab, ob Petey aktive Reue demonstrierte. Abgesehen von einem Todesurteil ist dies eine der schlimmsten Strafen für einen Mafioso.
Plötzlich erkannte ich, dass Robert und Greg überrascht und enttäuscht sein würden, weil ich mich an der Prügelei nicht beteiligt hatte. Aber DePalma sah auch besorgt aus. Petey war initiiert, und Robert hatte kein Recht, ihn niederzuschlagen, einerlei, wie respektlos er war. Ich stand zwischen den Stühlen. Wenn ich nicht mitmachte, flog ich auf; aber wenn ich es tat, konnte es Petey das Leben kosten.
Blutüberströmt setzte Petey sich auf. Wieder fragte er Vaccaro und DePalma: »Warum habt ihr das getan? Ich hab doch nur Spaß gemacht!«
»Du hast keinen Spaß gemacht«, erwiderte Greg angeekelt. »Du warst ein Wichser!«
Petey war es nicht gewohnt, so beleidigt zu werden, nicht einmal von seinem Capo. Wütend erhob er sich und kam auf uns zu. Aber Robert griff nach einem Messer, das auf einem Tisch mit Besteck von Ralph Lauren Polo lag.2
»Ich stech dich ab, du Bastard!«, schrie er.
Inzwischen waren wir von Leuten umringt. Sie waren Zeugen dieser unglaublichen Brutalität in der Öffentlichkeit. Greg achtete nicht auf sie.
»Wenn du morgen nicht kommst, wirst du ausgestoßen, kapiert?«, sagte er zu Petey.
Ich hatte beim FBI gelernt, Leben zu retten. Irgendwie gelang es mir, Robert das Messer abzunehmen und zurück auf den Tisch zu werfen. Schließlich zog ich die beiden in den Aufzug, weg von Petey; sonst hätte Vaccaro ihm das Messer ins Auge oder ins Herz gerammt. Aber Petey folgte uns. Er besudelte meinen Mantel mit Blut und kreischte: »Warum habt ihr das getan? Ich verstehe nicht, warum ihr das getan habt!«
»Hör zu, Arschloch«, sagte ich zu ihm. »Hau endlich ab, wenn du deine Haut retten willst!«
Petey sprang hinter mir in den Lift und bespritzte mich von oben bis unten mit noch mehr Blut. Irgendwie drehte er mich um – ich habe keine Ahnung, wie der kleine Bursche das schaffte. Er pflanzte sich vor Vaccaro und DePalma auf.
»Bleib draußen, verdammt noch mal!«, schrie ich ihn an. »Oder es wird dir leidtun!«
Zu spät.
Zuerst sagte Robert: »Jack, halt mir diesen Mistkerl vom Leib!«
Dann schrie er ihn an: »Du Wichser! Ich mach dich kalt!«
Er verpasste ihm einen Schlag, der ihn umwarf. Jetzt saß Petey bewusstlos im Aufzug. Aus seiner Kopfwunde floss immer noch Blut. Das Einzige, was fehlte, waren die kleinen Kanarienvögel, die den Comicfiguren zwitschernd um den Kopf fliegen. Was sollte ich tun? Eingreifen und riskieren, dass ich aufflog? Oder nichts tun und zulassen, dass ein Mensch vor meinen Augen totgeschlagen wurde?
Zudem fürchtete ich, dass man Petey im Erdgeschoss tottrampeln würde. Wir waren ja nicht allein – Bloomingdale’s veranstaltete anscheinend einen großen Ausverkauf, und der Laden wimmelte von Kunden.
Also zog ich Petey mit einer Hand hoch, weckte ihn auf und schrie: »Was bist du eigentlich, ein Vollidiot?«
Unten drängten sich Sicherheitsleute durch die Menge und kamen auf uns zu. DePalma schaltete schnell. Er zeigte auf Petey und rief den Wachen zu: »He, der arme Kerl ist die Treppe runtergefallen. Er wird euch verklagen!«
Eins muss ich Greg lassen: Das war raffiniert.
Die Sicherheitsleute schauten sich um und schienen zu denken: »Was zum Teufel geht hier vor?«
Ich war immer noch mit Petey beschäftigt.
»Hör zu, du verdammter Wichser«, sagte ich zu ihm. »Scher dich sofort hier raus!«
Dann liefen Vaccaro, DePalma und ich aus dem Kaufhaus. Aber vorher schaute DePalma noch zurück zu Petey und schrie: »Das war’s. Du bist draußen!«
Ich weiß nicht, warum keiner von uns festgenommen wurde, als wir Bloomingdale’s verließen.
Im Auto sah ich Bim, meinen loyalen Kollegen, im Schatten auf mich warten. Ich sah ihn an, als wollte ich sagen: »Du glaubst nicht, was eben passiert ist!«
Damals war ich seit fast zweieinhalb Jahren bei den Gambinos und konnte es selbst nicht glauben.
Als ich zurück zum Restaurant fuhr, machte ich mir große Sorgen. Vielleicht gefiel es Robert und Greg nicht, dass ich ihnen nicht geholfen hatte, Petey zu verprügeln. Schlimm genug, dass ich Petey nicht ein oder zwei Dinger verpasst hatte – aber ich hatte obendrein versucht, den Streit zu schlichten, und die Befürchtung geäußert, man werde uns festnehmen. Welcher echte Ganove würde das tun? Hatten sie Verdacht geschöpft? Hatte ich unabsichtlich meine wahre Identität als verdeckter Ermittler preisgegeben?
Mehr noch: Ich war Zeuge einer Körperverletzung gewesen. Greg und Robert mussten damit rechnen, dass ich bei anderen Mitgliedern unserer Gruppe plauderte und ihnen damit enormen Ärger einbrockte. So wie ich die Mafia kannte, bestand die vernünftigste Lösung aus ihrer Sicht darin, mich endgültig zum Schweigen zu bringen. Oder sie konnten, wenn der Fall dem Boss des Clans vorgetragen wurde, mir die ganze Schuld zuschieben. Dann würde man mich als Opferlamm schlachten.
Umbringen würden sie mich auf jeden Fall.
Würden sie jetzt gleich auf mich losgehen? Robert saß auf dem Rücksitz, Greg saß neben mir auf dem Beifahrersitz. Ich fuhr das Auto. Wenn Robert sich bewegte, beschloss ich, schlage ich ihn mit dem Ellbogen k.o. und boxe Greg in die Kehle. Da ich in der Bronx aufgewachsen bin und in meiner Jugend Rausschmeißer war, hatte ich genug Straßenkämpfe hin-ter mir, um zu wissen, dass ein Kerl nach einem Schlag auf den Kehlkopf umfällt.
Und wenn sie mich mit einer Waffe bedrohten, würde ich das Auto gegen das nächstbeste Gebäude fahren.
Oder mit Bims Auto zusammenstoßen.
Auf diese Weise wäre ich Herr der Lage gewesen. Ich wusste ja, dass ein Zusammenstoß bevorstand. Sie wussten es nicht. Ich konnte entkommen.
Oder ich konnte mit ihnen zu einem Polizeirevier fahren.
Oder schnurstracks zum FBI-Büro in White Plains, das von Bloomingdale’s nur ein paar hundert Meter entfernt war.
Schließlich brach Greg die äußerst ungemütliche Stille.
»Also, jetzt hört mal zu«, krächzte er. »Wenn die Bullen uns anhalten, ist dieser Wichser die Treppe runtergefallen. Und du, Robert, gehst morgen zum Boss. Du musst ihm die Sache erklären.«
Der Boss musste Bescheid wissen. Es war undenkbar, dass er von dem Vorfall aus der Zeitung erfuhr. Man musste ihn auf dem Laufenden halten.
»Ja, ich weiß«, sagte Robert missmutig.
Die 20 Minuten zurück zum Restaurant waren qualvoll. Ich fuhr langsam und war auf einen Angriff gefasst. Mir war klar, dass ich Mist gebaut hatte; aber ich hatte keine andere Wahl gehabt. Hatte ich die ganze Chose vermasselt? Würde man mich deshalb umlegen? Und selbst wenn ich überlebte, würde Greg weiter versuchen, mich in die Cosa Nostra einzuführen?
Wie kam ein in Kuba geborener FBI-Agent dazu, sich als Italiener und Mitglied einer Ganovengruppe des Gambino-Clans auszugeben? Wie gelang es mir, meine Tarnung fast zweieinhalb Jahre aufrechtzuerhalten und gleichzeitig verdeckt an vier anderen großen Fällen zu arbeiten – es ging um Terrorismus in New York, korrupte Polizisten in Florida, korrupte Beamte in Atlantic City und einen internationalen Schmugglerring, der gefälschte Zigaretten, Waffen und Superbanknoten (falsche Hundert-Dollar-Scheine, die, wie man uns sagte, in Nordkorea gedruckt worden waren) ins Land brachte? Und warum beendete das FBI den Fall Gambino nur zwei Wochen vor der Zeremonie, die mich zu einem initiierten Mitglied der Mafia gemacht hätte, das für eingeschleuste verdeckte Ermittler in jedem Mafiaclan des Landes hätte bürgen können?
Auf die letzte Frage suche ich heute noch eine Antwort.
Kapitel 1
Komm, flieg mit mir
»Hier ist Special Agent Joaquin M. Garcia vom FBI. Ich bin damit einverstanden, dass mein Gespräch mit Greg DePalma und anderen, noch unbekannten Personen aufgezeichnet wird…«
Dann drehe ich die Musik laut und singe dazu. Meist wähle ich Opern wie Puccinis »Nessun Dorma« oder Klassiker von Frank Sinatra und Dean Martin oder vielleicht etwas von Tony Bennett. Ich singe, um mich in Stimmung zu bringen und um die armen Schweine zu unterhalten, die im FBI-Hauptquartier jedes Wort dieser Gespräche mitschreiben müssen.
Ich bin seit mehr als 25 Jahren verdeckter Ermittler des FBI und habe Hunderte von schweren Jungs in den Knast gebracht: Drogenhändler, Terroristen, korrupte Polizisten und Politiker und viele andere. Der Unterschied zwischen den meisten Agenten und mir besteht darin, dass ich als verdeckter Ermittler gleichzeitig an mehreren Fällen arbeite. Manchmal muss ich in fünf oder sechs verschiedene Identitäten und Rollen schlüpfen. Das mache ich seit etwa 24 Jahren. Seit 26 Jahren arbeite ich beim FBI und war an 45 umfangreichen und langwierigen Undercover-Ermittlungen sowie an zahllosen kurzen Einsätzen beteiligt.
Diese einleitenden Worte spreche ich jeden Tag in das Aufzeichnungsgerät, das an meinem Körper befestigt ist und mit dem ich die Gespräche zwischen Greg DePalma und den anderen Personen in seiner Welt festhalte.
Greg leidet an jeder schweren Krankheit unter der Sonne, von Herzschwäche über Lungenkrebs bis wer weiß, was sonst noch. Trotzdem hat dieser Mann, den sowohl die Mafia als auch das FBI für einen abgehalfterten Oldie hielt, innerhalb weniger Monate nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis seine Autorität im Clan wiederhergestellt. Er hat wieder die Leitung der »Firmen« übernommen, die ihm früher gehörten und die sich mit Kreditwucher, Erpressung und Glücksspielen beschäftigen. Derzeit kämpft er wie ein Löwe, um ein Problem zu lösen, das er sich selbst einbrockte, als er versuchte, einen anderen Mafioso aus dem Weg zu räumen.
Jede Woche sehe ich die Umschläge mit den »Tributzahlungen«, die Mitglieder seiner Gang ihm bringen. Hinzu kommen Schutzgelder von Baufirmen und anderen Unternehmen. Ich schätze, dass Greg DePalma mindestens eine Million Dollar im Jahr einnimmt, alles steuerfrei. Dabei sind die Fanartikel, Kunstwerke, Juwelen, Uhren und alles, was er sonst noch stiehlt und verkauft, noch gar nicht berücksichtigt. Wie den anderen modernen Mafiosi geht es Greg nur ums Geld. Er ist sein Leben lang im Gefängnis ein und aus gegangen, weil er selten Absprachen mit der Anklage trifft, niemanden verpfeift, immer zur Verhandlung kommt und niemals zugibt, ein Mitglied der Cosa Nostra zu sein. Er hat die Mafia nie verraten, weil er vor Gericht nie ihre Existenz einräumt. Darum nenne ich ihn einen standfesten Mobster der alten Schule.
Zudem ist er einer der vorsichtigsten und schillerndsten Mafiosi, die je auf den Straßen New Yorks wandelten. Man wird als Mafioso nicht 73 Jahre alt, wenn man Fehler macht oder den falschen Leuten traut.
Wenn es darum ging, wem er vertrauen konnte, wen er in seine Welt aufnehmen sollte, machte Greg DePalma nur einen einzigen schweren Fehler.
Dieser Fehler war ich.
Ich bin gerade unterwegs zu einem Treffen mit Greg. Wieder werden wir einen Tag lang essen, Besprechungen abhalten und festlegen, wer verprügelt werden muss. Es ist nur ein Tag von vielen in der Mafia, nur ein weiterer Tag der Vorbereitung einer Anklage gegen »Greg DePalma und andere, noch unbekannte Personen«.
Ich hätte nicht glücklicher sein können. Am liebsten hätte ich wie Sinatra gesungen: »Komm, flieg mit mir.«
Kapitel 2
Serpico schickt mich
Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal verdeckter Ermittler beim FBI sein würde. Ich wurde 1952 in Havanna, Kuba, geboren, in einer wohlhabenden Familie mit Kindermädchen, Haushälterinnen und einem Regierungschauffeur für meinen Vater, einen wichtigen Beamten im Finanzministerium. Meine Mutter war Opernsängerin, die bei fast jeder Hochzeit der High Society in Havanna »Ave Maria« sang. Ich hatte einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester, und wir waren eine liebe-volle Familie, die fest zusammenhielt und in einem schönen Haus in einer noblen Gegend wohnte. Mein Vater war einen Meter 93 groß und wog 109 Kilo. Ich erinnere mich gut daran, wie hart er zu Hause in dem riesi-gen Büro arbeitete, das er zusätzlich zu seinem Regierungsbüro eingerichtet hatte. Ich kann ihn mir kaum ohne Zigarre vorstellen – er rauchte mindestens zehn am Tag. In Kuba war er als Señor Garcia bekannt, und alle mochten ihn. Er war ein großartiger Mensch, und meine Mutter war ein Engel.
Im Jahr 1959 startete Fidel Castro seine Revolution und beseitigte die Regierung Batista, angeblich um die Inselnation von Korruption zu säubern. Da mein Vater um sein Leben fürchtete, setzte er sich mit der amerikanischen Botschaft in Havanna in Verbindung. Eines Abends im Jahr 1959 küsste er uns zum Abschied und wurde vom FBI-Attaché in Kuba weggebracht. Am nächsten Tag kam Castros Miliz und suchte ihn; aber er war bereits verschwunden. Wäre er eine einzige Nacht länger geblieben, hätten sie ihn wohl mitgenommen und umgebracht.
Mein Vater musste drei Jobs in Manhattan annehmen, um so viel Geld zu verdienen, dass er den Rest der Familie aus Kuba herausholen konnte. Er arbeitete während der Nachtschicht als Buchhalter in einem Hotel und schuftete tagsüber als Hilfsarbeiter. Er erledigte jede Arbeit, die er bekam, und arbeitete ein Jahr lang rund um die Uhr, damit wir fliehen konnten. In Havanna zerriss die Einstellung zu Castro ganze Familien. Immer wenn mein Vater anrief, benutzten er und meine Mutter eine Geheimsprache, denn sie wussten, dass Telefongespräche aus den USA abgehört wurden. Es kostete uns ein Vermögen, in die Staaten zu telefonieren; darum warteten wir, bis mein Vater von New York aus anrief. Die Gespräche wurden immer überwacht und sofort unterbrochen, wenn meine Eltern Themen anschnitten, die bei den kubanischen Zensoren Missfallen erregten.
Als mein Vater endlich genug Geld beisammen hatte, konnten meine Mutter, meine Geschwister und ich den kurzen Flug von Havanna nach Miami buchen. Von dort aus brachte mein Vater uns nach New York. Ich werde nie vergessen, wie Castros Soldaten mich, einen Neunjährigen, auf dem Flughafen von Havanna auszogen, um nach Schmuggelware zu suchen. Es ist eine Ironie, dass das FBI Exkubaner in den 1960er- und 70er- Jahren und sogar noch Anfang der 80er-Jahre nur ungern als Special Agents einstellte – man fürchtete, wir seien Spitzel des Castroregimes. In Wahrheit empfand fast jeder, der in jenen Jahren Havanna verließ, bleibenden und leidenschaftlichen Hass auf Castro, der Familien und Existenzgrundlagen zerstörte und viele Menschen einsperrte und tötete. Als ich 1980 zum Special Agent des FBI ernannt wurde, war ich erst der zweite Kubaner, dem diese Ehre zuteilwurde.
Ich war immer ein kontaktfreudiger Mensch, schon als Kind. Darum lernte ich schnell Englisch, machte mich mit der amerikanischen Kultur und Lebensweise vertraut und gewann Freunde. Mein Vorname wird Joaquin geschrieben und Wakien gesprochen. Das war den meisten Amerikanern, die ich traf, zu schwierig; darum nannten sie mich Jock (Sportfan), weil ich gerne Sport trieb. Denken Sie daran, dass Joaquin Phoenix damals noch gar nicht geboren war!
In den 1960er-Jahren wollten die Menschen sich anpassen, anstatt aus der Reihe zu tanzen und sich hauptsächlich mit ihrer ethnischen Herkunft zu identifizieren, wie es heute oft der Fall ist. Damals war mir mein Akzent peinlich. Ich sagte »choos« statt shoes und »jello« statt jellow. Meine Freunde zogen mich oft damit auf. Wenn ich sehr nervös bin oder mich in einer spanisch sprechenden Umgebung befinde, bricht mein Akzent heute noch durch. Meine Frau lacht mich dann aus und nennt mich Ricky Ricardo.
Nach einiger Zeit gründete mein Vater eine erfolgreiche Praxis als Steuerberater und wurde eine Art Mentor der Gemeinde – alle liebten »Mr. G.«, wie man ihn in New York nannte. Er ging mit seiner dicken Zigarre durch die Straßen und half Leuten, ihre Probleme zu lösen – mit Steuern, mit der Buchhaltung in ihren kleinen Geschäften, mit allem, was sie brauchten. Er schrieb sogar ein Buch mit dem Titel El Income Tax y Usted (Ihre Einkommenssteuer und Sie), um den Latinos das amerikanische Steuersystem zu erklären. Er war ein großartiger Mann, und alle hatten ihn gern. Ich bin sicher, dass mir das Wohl der Gemeinschaft deshalb so am Herzen liegt, weil seine Einstellung zur Arbeit mein Vorbild war.
Ich wurde ein typischer Teenager und interessierte mich hauptsäch-lich für Football. Da ich eins 82 groß war und 108 Kilo wog, war ich wie geschaffen für dieses Spiel und fühlte mich wohl in einem Team. An der Highschool spielte ich in einer Wettkampfmannschaft und wurde ins All-Star-Team unserer Liga gewählt. Infolgedessen wurden mir eine Menge Stipendien angeboten. Ich muss zugeben, dass meine Noten schlecht waren, was meine Eltern sehr ärgerte. Die beste Schule, rein akademisch betrachtet, befand sich in Texas. Was für ein Erlebnis für einen kubanischen Jungen aus der Bronx! Die Schule stand mitten im Niemandsland und vermittelte mir meine ersten echten Erfahrungen mit Vorurteilen.
Ich erzählte den Leuten, ich sei Kubaner.
»Nein«, entgegneten sie, »du bist Mexikaner. Du heißt Garcia, also bist du Mexikaner.«
Ich versuchte zu erklären, dass es Puertoricaner, Dominikaner, Kubaner und Mexikaner gibt, alle mit ihrer eigenen Kultur. Aber niemand kümmerte sich darum oder verstand mich. Wer einen Nachnamen wie Garcia hatte, war Mexikaner, basta. Ich glaube, ich habe es dem Football und den vielen Freunden in der Mannschaft zu verdanken, dass ich nicht durchdrehte. So war das eben im Jahr 1970 im Panhandle3von Texas.
Nach einem erfolgreichen ersten Schuljahr beschloss ich, wieder nach Hause zu gehen und ein Junior College in New York zu besuchen. Die Jungs hatten eine Landesmeisterschaft gewonnen. Auch dort spielte ich Football. Anschließend bekam ich ein Football-Stipendium von einer erstklassigen Schule in Virginia. Also spielte ich Football und machte meinen Abschluss. Etwa um diese Zeit führten zwei Ereignisse dazu, über das FBI nachzudenken. Erstens hatten zwei Brüder, mit denen ich Football spielte, einen Vater, der FBI-Agent war. Und der Film Serpico kam heraus, der mich stark beeinflusste. Al Pacino spielt einen New Yorker Polizisten namens Frank Serpico, der sich unter dem Namen Paco in die Welt der Drogenhändler und anderen Kriminellen einschleusen lässt. Im Film hat er langes Haar und sieht richtig hart und cool aus. Ich konnte von diesem Film nicht genug bekommen.
Nach meinen Erfahrungen als Kind mit der Gesetzlosigkeit in Castros Kuba hatte sich in mir ein tief sitzender Hass gegen Verbrechen und Korruption aller Art entwickelt. In Serpico sah ich einen Mann, der über die Barrikaden stieg und sich unter Kriminelle mischte. Er ertappte sie bei Verbrechen und brachte sie in den Knast. Ich liebte Serpico! Das war einer der Augenblicke, in denen ich plötzlich meine ganze Zukunft sah – was ich aus meinem Leben machen wollte. Und wenn ich zur Polizei ging, dann wollte ich nach den Sternen greifen und Teil der angesehensten Polizeibehörde der Welt sein: des FBI. Also wurde das mein Lebensziel.
Ich bewarb mich beim FBI, hörte aber lange Zeit nichts. Eines Tages sah ich in einem spanischsprachigen Fernsehprogramm einen Werbespot des FBI – sie suchten Polizisten, die spanisch sprachen. Das war irre! Ich war doch ein spanisch sprechender Bewerber mit gutem Leumund, der alle Anforderungen erfüllte – trotzdem rührten sie sich nicht! Also rief ich den FBI-Anwerber an.
»Wieso bekomme ich keine Antwort auf meine Bewerbung?«, fragte ich.
Seine Antwort war ganz einfach.
»Sie sind kein amerikanischer Staatsbürger«, sagte er.
Ich konnte es nicht glauben. Na schön, ich beantragte sofort meine Einbürgerung! Ich wäre liebend gern amerikanischer Staatsbürger! Hier hatte ich fast mein ganzes Leben verbracht; darum fühlte ich mich bereits als Amerikaner, obwohl ich auf meine kubanischen Wurzeln stolz war und bleiben würde. Also meldete ich mich für die Prüfung, bestand sie und machte mich auf den Weg zu meiner Vereidigung. Ich werde nie vergessen, wie ich 1976 während der 200-Jahr-Feier der Nation nach Newark in New Jersey fuhr, um gemeinsam mit Hunderten von Einwanderern aus aller Welt die rechte Hand zu heben und amerikanischer Staatsbürger zu werden. Die Szene war lustig, und ich schwöre, dass sie sich genau so abspielte wie in den Filmen. Wir bekamen kleine amerikanische Fahnen, und der Beamte, vor dem wir den Eid ablegten, befahl uns, die rechte Hand zu heben und seine Worte zu wiederholen: »Ich …« Alle sagen: »Ich …« Dann fuhr er fort: »Nennen Sie Ihren Namen«, und natürlich sagten alle: »Nennen Sie Ihren Namen«!
Ich schüttelte den Kopf, schaute mich um und dachte: Mein Gott – habe ich richtig gehört?
Kaum war ich eingebürgert, meldete ich mich beim FBI, und sie wählten mich für die Eignungsprüfung aus. Es waren wirklich schwere Tests mit viel knallharter Mathematik. Ich bin kein Genie in Mathe und war nicht der beste Schüler. Als ich mit diesem Teil fertig war, dachte ich: Tja, aus dieser Karriere wird wohl nichts. Welche anderen Möglichkeiten hatte ich? Aber ich glaube an das Schicksal, und es stellte sich heraus, dass ich beim Test sehr gut gewesen war. Ich musste oft raten, aber irgendwie bekam ich gute Noten.
So erklomm ich die nächste Ebene des Bewerbungsverfahrens: Ich saß vor einer Gruppe von Polizisten und wurde befragt. Sie wollten wissen, was ich erreicht, welche Chancen ich mir erarbeitet und welche Ziele ich hatte. Ihre Mienen verrieten mir, dass sie beeindruckt waren, und später erfuhr ich, dass sie meine Gesamtnote heraufsetzten. Die Folge war, dass ich im Februar 1980 zu einem Ausbildungskurs des FBI zugelassen wurde. Ich brach nach Quantico in Virginia auf, wo ich 16 Wochen lang die FBI-Akademie besuchte.
Meine Eltern waren von meiner Berufswahl nicht begeistert. Sie hatten mir nahegelegt, Steuerberater oder Anwalt zu werden wie meine Geschwister. Meine Mutter fürchtete, man werde mich auf der Straße verletzen oder töten. Mein Vater war zu Beginn seines Berufslebens in Havanna Polizist gewesen; aber er wollte nicht, dass ich seinem Beispiel folgte. Dennoch gaben sie meiner Entscheidung etwas zögernd ihren Segen. Ihre Einstellung war: Das haben wir ihm nicht gewünscht, aber wenigstens macht es ihn glücklich.
Ich hatte bereits ein wenig Erfahrung als Polizist gesammelt, als ich im Union County in New Jersey eine Weile bei der Staatsanwaltschaft als Ermittler gearbeitet hatte. In Quantico sagte man uns: »Vergessen Sie alles, was Sie bisher über Strafverfolgung gelernt haben. Wir bringen Ihnen bei, wie es beim FBI gemacht wird – Gerichtsmedizin, Schießtraining und alles andere. Dass Sie zu diesem 30-wöchigen Programm zugelassen wurden, bedeutet nicht unbedingt, dass das FBI Sie einstellt. Sie können jederzeit aus dem Kurs fliegen – aus vielen Gründen. Dann ist Schluss für Sie, so einfach ist das.« Also rissen wir uns immer zusammen.
Der körperliche Aspekt der Ausbildung – Laufen, Liegestütze, Rumpfheben, Klimmzüge – war kein Problem. Ich war außer Form, als ich ankam; aber dank meiner Erfahrung als Footballspieler wusste ich, dass ich schnell fit werden konnte. Auch die Waffen waren kein Problem. Das FBI ist stolz auf die Schießkünste seiner Beamten, aber ich war schon recht gut, bevor ich auf die Akademie ging. Im Laufe der Jahre hatte ich mit meinen Kumpels gelegentlich Schießübungen gemacht, und bei der Staatsanwaltschaft im Union County hatte ich ebenfalls ein wenig trainiert. In Quantico musste man mindestens 85 Ringe schaffen, um zu bestehen. Meine Ergebnisse lagen konstant knapp über 90. Für das FBI war ich demnach ein guter oder sogar sehr guter Schütze.
Meine Schwäche war die Theorie. Darum suchte ich mir ein paar schlaue Burschen im Kurs, die mir Nachhilfe gaben. Als ich im College Football spielte, wollte ich nur Spaß haben. Die Schule nahm ich nie ernst. Meine Eltern legten großen Wert auf Bildung, ich nie. Jetzt musste ich mich richtig hinter die Bücher klemmen. Was ist die Bill of Rights? Was heißt suchen und festnehmen? Bei der Prüfung war ich vorbereitet und schnitt gut ab. Zum ersten Mal im Leben musste ich büffeln, und das fiel mir nicht leicht.
Leider war ich einem stellvertretenden Direktor in Quantico sofort unsympathisch – wegen meines Aussehens. Damals legte das FBI großen Wert darauf, dass man wie J. Edgar Hoovers Idealbild eines FBI-Beamten aussah: in Höchstform, gut gekleidet und so weiter. Der stellvertretende Direktor, der unsere Gruppe ausbildete, erklärte, ich sei übergewichtig. Nun ja, das hörte ich nicht zum ersten Mal! In medizinischen Büchern stand, dass ein eins 93 großer Mann 95 Kilo wiegen durfte. Zum Teufel, ich hatte in meinem ganzen Leben nie 95 Kilo gewogen, außer vielleicht als ich 15 war!
Zwei Wochen nach meiner Ankunft in Quantico ließ der Ausbilder mich zu sich rufen.
»Sie müssen Ihre Bewerbung wegen Ihres Gewichts zurückziehen«, erklärte er unverblümt. »Andernfalls werden Sie entlassen und können sich nie wieder bewerben. Wenn Sie es tun, können Sie abnehmen und sich für den nächsten Kurs anmelden.«
Ich war stinksauer! Warum hatte man mir das nicht vorher gesagt? Ich hatte an meinem früheren Arbeitsplatz bereits eine Abschiedsparty geschmissen, und jetzt war ich arbeitslos! Ich war schneller und stärker als einige andere Anwärter in meinem Kurs, die viel weniger wogen als ich. Aber ich hatte keine Wahl. Ich zog meine Bewerbung zurück und fuhr beschämt und deprimiert nach Hause.
Mein Kursberater, Special Agent Jim Pledger, rief mich an.
»Man hat dich reingelegt«, sagte er. »Nimm ab, komm zurück und belehre sie eines Besseren.«
Meine üble Laune verschwand, und plötzlich war ich Rocky. Ich verlor in zwei Monaten 18 Kilo, ließ mich wiegen und wurde im Mai 1980 erneut als FBI-Anwärter vereidigt. Ich ging sogar hinauf zum stellvertretenden Direktor und sagte: »Ich hab Ihnen gesagt, dass ich es schaffe. Sie hatten keinen Grund, mir das anzutun.«
Er konnte mir nicht in die Augen sehen. Ein typischer Bürokrat. Aber was soll’s. Ich bestand die Prüfung in Quantico mit Bravour, unterstützt von meinem besten Freund T.J. Murray, der inzwischen leider verstorben ist. Ich half ihm bei den Waffen, er half mir bei der Theorie. Ich wurde ins FBI aufgenommen. Meine Karriere hatte begonnen.
Kapitel 3
Der »FNG«
Für Beamte, die beim FBI bestimmte Positionen oder Aufgaben anstreben, gibt es ein kompliziertes System, an das sich alle halten müssen. Es würde zu lange dauern, alle Möglichkeiten zu prüfen; aber das FBI hat eine ausgeklügelte Methode, um die Wünsche seiner Beamten zu ermitteln und die Leute optimal einzusetzen. Das einzige Problem ist, dass sich niemand an diese Methode hält. Fragt man einen beliebigen FBI-Beamten danach, antwortet er, das FBI beschäftige einen Affen, der einen Dartpfeil mit dem Namen des Bewerbers auf eine Landkarte der USA wirft. Wer in den Osten will, kommt in den Westen. Wer in den Westen will, wandert nach Osten. Das Ganze ist lächerlich.
Wenn eine Entscheidung gefallen ist, kann ein Beamter sie nicht mehr ändern. Das ist total unlogisch, und es geht auf die Zeit Hoovers zurück. J. Edgar wollte seine Beamten nicht dort einsetzen, wo sie aufgewachsen waren, damit sie nicht korrupt wurden. Aber das ist verrückt! Es wäre schlauer, Beamte in ihre Heimat zu schicken, wo sie Verbindungen haben und die Straße kennen. Andernfalls vergeudet der Beamte Zeit, um jede einzelne Stadt kennenzulernen – welche Gegenden sind gut, welche schlecht, welche »Gesetze der Straße« gelten hier und so weiter. Es ist lächerlich.
Ich hatte Glück – mein Pfeil landete in der Nähe meiner Heimat. Mein erster Auftrag führte mich nach Newark. Normalerweise bekommen Neulinge öde Aufträge in irgendeinem Dezernat. Die Außenstellen (Field Offices) des FBI werden in Dezernate eingeteilt, die jeweils bestimmte Delikte verfolgen, zum Beispiel Bankraub, Wirtschaftskriminalität und so weiter. Das FBI besteht aus Abteilungen, deren Größe die Zahl der Dezernate bestimmt. Die Abteilung in Newark hatte etwa 25 Dezernate. Der Leiter kümmert sich um alle Fälle in seiner Region, für die sein Dezernat zuständig ist. Einzelne Beamte im Dezernat, die Case Agents, bearbeiten jeden dieser Fälle, und der Rest des Dezernats hilft ihnen, ihr Ermittlungsziel zu erreichen. Angenommen, ich bin in Newark und bekomme einen Hinweis auf einen Bankraub in Alabama, dann gebe ich den Tipp an den Dezernatsleiter und an den Case Agent in Mobile weiter, damit sie eingreifen können.
Natürlich sind manche Fälle grenzüberschreitend. Wenn ich in Newark arbeite und herausfinde, dass Kokain aus der Bronx geliefert wird, informiere ich den zuständigen Beamten im New Yorker Büro, das womöglich versucht, den Fall an sich zu ziehen. Das kommt andauernd vor. Im Idealfall sollten wir uns das FBI als Einheit vorstellen, als die Gesamtheit aller Bestrebungen, das Recht durchzusetzen – als Teamwork.
Neue Agenten durchlaufen verschiedene Dezernate und enden meist in einer langweiligen, unbedeutenden Dienststelle. Aber jemand oder etwas hatte wohl ein Auge auf mich. Nach nur drei oder vier Wochen im Dezernatskarussell wurde ich dem nobelsten, wichtigsten, begehrtesten aller Dezernate zugewiesen: dem Dezernat C-1, das für flüchtige Gangster, Bankräuber und Terroristen zuständig ist. Ich sollte bei erfahrenen Veteranen von der Pike auf lernen. Meine Kollegen, die sich mit gestohlenen Autos und anderen banalen Fällen herumplagen mussten, beneideten mich.
Während meiner ersten paar Wochen forderte mich niemand auf zu arbeiten. Also saß ich von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends nur am Schreibtisch. Um sechs gingen alle nach Hause, und das Geplapper per Funk zwischen den Beamten im Außendienst ebbte ab. Niemand wollte mich einsetzen. Niemand wollte auch nur mit mir reden. Ich war der einsamste Mann beim FBI.
Mein inoffizieller Titel lautete »FNG«, eine Abkürzung für »Fucking New Guy«, eine abwertende Bezeichnung für jeden Neuzugang einer Einheit während des Vietnamkrieges.
Wer ist der Kerl, fragten sich die FBI-Kollegen. Wie hat er diesen beliebten Job ergattert? »Was bist du denn für einer?«, fragten sie mich. »Der Liebling des Chefs?«
Ich hielt den Mund und wartete auf meine Chance. Immer wieder kam die Meldung, dass ein Flüchtiger in einer Wohnung in Newark aufgespürt worden sei oder dass gerade eine Bank ausgeraubt werde. Alle Beamten im Raum legten ihre Ausrüstung an – Pistole, Sicherheitsweste, Handschellen, das übliche Handwerkszeug der Polizei. Aber wenn ich in kläglichem Ton fragte: »Darf ich euch begleiten, Jungs?«, war die Antwort immer die gleiche: »Nein, Kleiner. Du bleibst hier.«
Das nagte an mir. Es brachte mich schier um, dass man mir nicht erlaubte, an den Einsätzen meiner Kollegen teilzunehmen. Ja, ich hatte zu tun; aber ich hatte nichts Sinnvolles zu tun. Wie allen Neulingen gab man mir Akten zu lesen; doch dabei handelte es sich um Fälle, die man »alte Hunde« nannte, etwa um Täter, die schon so lange flüchtig waren, dass die Idee, sie jemals zu schnappen, lächerlich gewesen wäre. Eine Akte war sogar in eine Hundefuttertüte gewickelt, wohl um zu unterstreichen, was für ein alter Hund der Fall war.
Ich war ein rangniedriger GS-10, ein Jungfuchs, der 20 Kollegen Kaffee und belegte Brote brachte und ansonsten nichts zu tun hatte. Wenn die Kollegen sich darüber unterhielten, was sie nach Feierabend unternehmen würden, fragte ich: »Jungs, geht ihr heute Abend aus?« Und sie antworteten immer: »Nein, tut uns leid, Kleiner!« Natürlich gingen sie aus, aber sie wollten mich nicht mitnehmen. Das war in Ordnung. So war es eben damals. Ich musste mich damit abfinden.
Eines Tages, nach ein paar Monaten im Dienst, erhielt ein Kollege einen heißen Tipp: Ein flüchtiger Straftäter hatte sich in einem Haus in einer üblen Gegend von Jersey City versteckt. Der Beamte war Pat Johnson, der den Spitznamen »Superman« trug, weil er Christopher Reeve ähnlich sah. Johnson schaute sich nach einem Begleiter um. Er galt als »schwerer« Polizist; das heißt, man rief ihn in Krisensituationen, etwa bei einem Bankraub, der noch im Gange war. »Schwer« drückte im FBI-Jargon Anerkennung für die tapfersten Beamten aus, die mit den gefährlichsten Fällen beauftragt wurden.
Ich sah, dass er sich umschaute, und fragte: »Brauchst du Hilfe?«
Er wies mich ab. »Nee, wir schaffen das schon.«
Vielleicht bemerkte er meine Enttäuschung, oder es waren keine anderen Beamten verfügbar.
»Also gut, komm mit«, sagte er in einem Ton, den man nur benutzt, wenn man den jüngeren Bruder zu einem Date mitnehmen muss. Ich war so aufgeregt, dass ich mich kaum beherrschen konnte.
Wir fuhren nach Jersey City, und es stellte sich heraus, dass die Information richtig gewesen war. Der Flüchtige versteckte sich tatsächlich in diesem Haus. Also gingen wir hinein, genau wie im Film. Mein Herz klopfte, so nervös war ich. Ein Kollege bewachte die Hintertür. Dann schrie Johnson: »FBI! Öffnen Sie die Tür!«
Wir hörten Geräusche von innen. Offenbar wollte der Kerl abhauen. Pat, der enorm stark war, holte aus und trat die Tür ein. Zumindest versuchte er es. Aber sie zeigte nicht einmal einen Kratzer.
»Ich mach’s! Ich mach’s!«, rief ich. Nichts konnte mich zurückhalten. Ich rammte die Tür wie einst meine Gegenspieler auf dem Footballfeld. Kein Problem. Die Tür zerbarst. Wir fanden den Burschen im ersten Stock und nahmen ihn fest.
Zum ersten Mal hatte ich an der Festnahme eines Verdächtigen mitgewirkt. Wichtiger noch, die zerbrochene Tür verschaffte mir Respekt. Endlich wurde ich von den Kollegen des Dezernats akzeptiert.
Johnson konnte es sich nicht verkneifen, mich zu necken. »Ich hab die Tür für dich gelockert, Kleiner«, erklärte er.
Das musste er sagen, weil alle anderen ihn aufzogen. »He, Superman«, sagten sie, »hat der FNG dir gezeigt, wie man Türen eintritt?«
Von da an war ich einer von ihnen. Bald wurde ich bei Terroranschlägen eingesetzt, die auf das Konto der Anti-Castro-Gruppe Omega 7, der Weather Underground, der New World of Islam und der Fuerzas Armadas de Liberacíon Nacional (FALN) gingen. Die FALN kämpften für die Unabhängigkeit von Puerto Rico. Zu meiner Überraschung fand ich meinen Namen auf einem »Fahndungsplakat«, das die Gruppe überall in Union City, New Jersey, verteilte und aufhängte. Oben stand Condenados a Muerte – Zum Tode verurteilt. Die Ziele waren hauptsächlich FBI-Informanten und Agenten des kubanischen G-2, das mit dem FBI vergleichbar ist. Aber ich stand auch deshalb auf dem Plakat, weil ich einen FBI-Informanten angeworben hatte.
Mein wichtigster Fall in diesen ersten paar Jahren meiner FBI-Karriere war die Fahndung nach Ronald Turley Williams, einem der zehn meistgesuchten Flüchtigen. Dieser Fall war für mich deshalb so bedeutsam, weil ich dabei einen Vorgeschmack auf die Arbeit als verdeckter Ermittler bekam. Ron Williams war dafür bekannt, dass er in New York häufig »Massagesalons« besuchte, und eine bestimmte »Masseuse« schätzte er besonders. Wir hatten den Auftrag, diese Frau zu finden, da sie uns zu Williams führen konnte. Wir überwachten »Massagesalons« in Manhattan und schickten sogar ein paar Agenten in die »Salons«, damit sie sich Zutritt verschafften und Informationen sammelten. Aber sie wurden alle abgewiesen. Sie sahen zu sehr wie Polizisten aus.
Das FBI ist eine sehr konservative Behörde. Wir sind die Jungs – zumindest waren wir die Jungs – mit dem engen Kragen, der schmalen Krawatte, dem weißen Hemd und den Oxfordschuhen mit gebogener Kappe, die man »Tausendaugenschuhe« nennt. Wir brauchten keine Pistole, keine Handschellen, kein Funkgerät und kein Abzeichen – wenn wir auf die Straße gingen und wie typische FBI-Agenten gekleidet waren, schrie alles an uns »FBI!«. Im Spanischen gibt es einen treffenden Ausdruck dafür: tiene la pinta de un policia – »Er hat die Farbe eines Cops«. Mit anderen Worten, wenn jemand Polizisten in Zivil malte, dann malte er uns.
Als Neuling strahlte ich dieses FBI-Flair überdeutlich aus. Ich benahm mich wie ein Cop und sprach wie ein Cop – es gab keinen Zweifel daran, welchem Beruf ich nachging. Ich war ein kubanischer Emigrant, und meine Familie besaß absolut nichts, als wir das Glück hatten, in dieses Land auszuwandern. Und jetzt war ich Special Agent beim FBI. Wenn das nicht der amerikanische Traum ist! Ich wollte nur eines: Türen eintreten, flüchtige Ganoven fangen und Kriminelle verhaften! Ich weiß, das hört sich fast kindlich unschuldig an; aber ich empfand wirklich so. Und so fühle ich heute noch, nach fast 30 Jahren in diesem Beruf. Ich arbeitete zwar nicht undercover wie Serpico, der Held meiner Kindheit; aber ich war an schwierigen Ermittlungen beteiligt und lernte von den besten Kollegen: Ed Petersen, Pat Johnson, Dan McLaughlin, Ron Romano, Ron Butkiewicz – echte FBI-Legenden. Aber in jeder anderen Hinsicht lebte ich meinen Traum.
Dann erhielt ich eines Tages den Auftrag, mir als verdeckter Ermittler Zutritt zu diesen »Massagesalons« zu verschaffen.
Ich hielt das für verrückt. »Sie werden mich durchschauen!«, rief ich aus. »Ich bin doch der typische Cop! Sie entlarven mich in zwei Sekunden!«
Sie ignorierten meinen Protest und schickten mich los. Ich legte die Krawatte, das weiße Hemd und die Oxfords ab und zog Turnschuhe und ein Polohemd an. Das Hemd lag im Kofferraum meines Autos, und ich benutzte es beim Fitnesstraining. Ein Polizist kann nicht in einen »Massagesalon« gehen, wenn er diese Oxfordschuhe mit gebogener Kappe trägt, mit denen die Regierung ihn ausrüstet!
Das erste Etablissement auf meiner Liste befand sich in einem Sandsteinhaus im Osten der Stadt. Damals waren fast alle »Massagesalons« in Sandsteinhäusern untergebracht. Es gab keinen lauten Türsteher, der herumschnüffelte. Ein Kunde brauchte einen Termin oder musste den Leuten bekannt sein.
Da stand ich nun, nervös wie ein Teenie, und klopfte an die Tür. Eine kleine Luke öffnete sich.
Ich wusste, dass jemand mich musterte.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Lassen Sie mich rein«, sagte ich mit bebendem Herzen – ungelogen. »Ich will reinkommen.«
Einen Augenblick später hörte ich, wie die Tür aufgeschlossen wurde, und ich war drinnen.
Das Lokal war nichts Besonderes. Es war nicht schmuddelig, ramponiert oder schäbig; aber es war auch kein Luxussalon. Im Hauptraum, der offenbar ein Wohnzimmer gewesen war, als noch jemand in dem Haus gewohnt hatte, standen zwei Sofas und ein Tisch. An einer Bar saßen ein paar Typen und tranken. Sie sahen aus wie Nachbarn – Geschäftsleute, Freiberufler. Niemand schlich herum, keiner hatte ein verschlagenes Gesicht. Die Kunden waren total entspannt. Sie kamen herein, tranken ein paar Cocktails, taten, was sie nicht lassen konnten, und gingen dann nach Hause zu ihren Frauen oder Freundinnen.
Niemand stand unter Drogen oder lag auf dem Boden. Es ging sehr manierlich zu. Manchmal tauchten Mädchen im Morgenmantel auf. Man wählte eine von ihnen aus und ging mit ihr in ein Hinterzimmer. Damals kostete eine »Massage« 50 bis 75 Dollar. Die Salons glichen den Vereinten Nationen – es gab Frauen jeder Rasse und Herkunft. Heute sind es meist Asiatinnen; aber damals war es eine bunte Mischung.
Ein sehr attraktives Mädchen kam im Morgenmantel heraus und führte mich in ein Hinterzimmer.
»Zieh dich aus«, sagte sie.
»Ich – ich suche nur eine Freundin«, stotterte ich.
»Kein Problem«, sagte sie. »Zieh einfach die Hose aus.«
Ich fühlte mich wie Jackie Gleason, der Ralph Kramden spielt. Alles, was ich sagen konnte, war: »Äh, hm, äh.« Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Dafür war ich bestimmt nicht ausgebildet worden.
Also zog ich meine Hose aus. Da stand ich nun in meinen Boxershorts und sagte: »Hören Sie, ich will eigentlich nicht massiert werden. Ich suche nur ein Mädchen namens China. Sie ist eine Freundin von mir, und ich habe ein paar Sachen, die ihr gehören. Wissen Sie, wo sie ist?«
»Ich kenne sie«, sagte das Mädchen. »Aber ich weiß nicht, wo sie steckt. Sie hat mal hier gearbeitet, aber jetzt ist sie woanders. Kann Ihnen nicht sagen, wo. Wollen Sie wirklich keine Massage?«
Glauben Sie mir, das Mädchen war wunderschön – langes braunes Haar und eine großartige Figur. Aber ich war dienstlich hier, und eine Massage stand nicht auf dem Dienstplan. Also zog ich meine Hose an und ging. Ich sah noch, dass sie mit dem Rausschmeißer über mich sprach; aber niemand machte mir Ärger. Ich verließ einfach das Haus, und das war’s.
Als ich wieder im Büro war, wollten die Kollegen die ganze Geschichte hören. Ich erzählte ihnen, dass ich die Hose ausgezogen hatte, und sie krümmten sich vor Lachen. Sie hielten das für den größten Witz, den sie je gehört hatten – immerhin hatte ich in Unterwäsche eine »Masseuse« vernommen. Sie fragten mich, wie sie ausgesehen habe und ob ich erregt gewesen sei. Typische Männerfragen eben. Aber das Wichtigste war, dass ich reingekommen war und niemand mich für einen Cop gehalten hatte.
Das war für mich eine Offenbarung.
Bald wiederholte ich das gleiche Verfahren in einem zweiten »Massagesalon« ein paar Straßen weiter. Diesmal war ich ein wenig selbstsicherer, als ich mich der Tür des Sandsteinhauses näherte. Ich klopfte nicht wie ein ängstlicher FBI-Agent an, sondern wie ein typischer Geschäftsmann, der sein Leben lang jede Woche in »Massagesalons« geht. Keine große Sache. Auch dort ließen sie mich rein. Und diesmal wurde ich fündig. Ich traf ein Mädchen, das wusste, wo China arbeitete. Wir spürten sie auf und entdeckten mit ihrer Hilfe das Versteck des flüchtigen Verbrechers.
Als sie Williams fanden, kurz nach meinen ersten Abstechern in die Welt der verdeckten Ermittler, hatte man mich bereits nach Puerto Rico geschickt, wo ich am FALN-Fall arbeitete. Meine Kollegen Dan McLaughlin, Eddie Petersen und Ron Butkiewicz verhafteten Williams nach einem heftigen Schusswechsel in einem New Yorker Hotel. Mehrere Polizisten trafen ihn fünf oder sechs Mal. Zum Glück wurde keiner unserer Jungs verletzt. Wäre ich dabei gewesen, hätte Williams mich vielleicht erschossen, und ich könnte diese Geschichte nicht schreiben.
Es stellte sich heraus, dass ich großes Talent für die Arbeit als verdeckter Ermittler hatte. Damals hatten nur wenige FBI-Agenten einschlägige Erfahrungen. Hoover hatte wenig darüber nachgedacht, und das FBI neigte mehr dazu, sich auf Informanten zu verlassen. Aber mir wurde bald klar, dass die Aussagen solcher Informanten immer verdächtig waren – man wusste nie, ob sie die Wahrheit sagten, ob es ihnen um ihre eigenen Interessen oder um unsere ging und ob man sie fand, wenn man sie brauchte. Ein verdeckter Ermittler konnte sich dagegen selbst Informationen beschaffen und herausfinden, was wirklich vor sich ging. Auf einmal fand ich Gefallen an dieser Arbeit und wollte mehr davon haben. Das Dezernat beauftragte mich mit dreieinhalbjährigen Ermittlungen, bei denen es um die Sicherheit des Landes ging. Ich darf heute noch nicht darüber reden. Ich bekam eine hübsche Wohnung, ein gutes Auto und ein Spesenkonto, und ich betrat das Büro die ganze Zeit über kein einziges Mal. Das FBI war mit meiner Arbeit so zufrieden, dass ich selbst entscheiden durfte, in welche Stadt der USA mich mein nächster Auftrag führen sollte.
Also beantragte ich meine Versetzung nach Miami, Florida, wo es für einen kubanischstämmigen FBI-Agenten reichlich Gelegenheit gab, undercover Verbrechen aufzuklären.
Selbstverständlich schickte man mich nach Philadelphia, Pennsylvania.
Kapitel 4
Die Waage der Gerechtigkeit
Vor den Gambinos gab es für mich die Badlands.
Das Viertel im Norden von Philadelphia, das man Badlands (Ödland) nennt, ist eine der gefährlichsten Gegenden des Landes. Es wimmelt von Drogenhändlern aus Kolumbien, der Dominikanischen Republik, Mexiko und anderen Ländern. Ein verdeckter Ermittler, der überleben will, könnte sich kaum einen schlimmeren Ort aussuchen. Vier Jahre lang war ich Manolo, ein Drogenhändler und Geldwäscher, der einen Mercedes fuhr, Bacardi mit Cola trank und Zigarren rauchte. Zumindest spielte ich diese Rolle.
Meinen Abstecher in die Badlands verdankte ich der harten Arbeit meines Kollegen W. Van Marsh, der gegen einen der führenden Buchmacher der Gegend, einen Typen namens »Tony Oro« ermittelt hatte. Van Marsh hatte Tony dazu gebracht, den Verkauf von zwei Kilo fast reinem Kokain an einen anderen Kontaktmann zu vermitteln. Als der Handel abgeschlossen war, enthüllte Van Marsh seine Identität als FBI-Agent, nahm Tony mit zum Frühstück und stellte ihn vor die Wahl, entweder mit dem FBI zusammenzuarbeiten oder die nächsten paar Jahrzehnte hinter Gittern zu verbringen.
Tony war kein korpulenter Mann, aber er hatte den wiegenden Gang der Straßenleute. Er war Anfang 50, Vater und dank seiner Sportwetten und Lotterien sehr reich. Tony trug ein riesiges Halsband und einen Anhänger mit einem aztekischen Gott, verziert mit Diamanten, Rubinen und Smaragden. Es war bestimmt eine halbe Million Dollar wert. Tony stellte es stolz und furchtlos in den Badlands zur Schau – denn wer würde es wagen, ihn zu belästigen? Wenn ihm das Bargeld ausging, dienten ihm die riesigen Schmuckstücke als Notgroschen – er konnte einen der Edelsteine verpfänden und seine Schulden begleichen.
Das äußere Erscheinungsbild eines Drogenviertels kann täuschen. Von außen mögen die Häuser wie Mietsreihenhäuser aussehen, aber im Inneren leben viele Drogenhändler und die anderen schweren Jungs in erstaunlichem Luxus. Innen glichen die Häuser mancher Hauptverdächtigen – der Drogenbosse bestimmter Viertel – einer Elektronikhandlung mit den neuesten und besten Fernsehern, Stereoanlagen und Haushaltsgeräten. Sie hatten schöne Möbel, teure Teppiche und Luxusautos. Tony fuhr beispielsweise einen Rolls-Royce Corniche. Einige hatten zu Hause sogar kleine Manegen für Hahnenkämpfe.
Das Leben in dem Viertel, in dem sie mit Drogen handelten, verschaffte ihnen ein Gefühl der Sicherheit und bot einen ständigen Nachschub an zuverlässigen Helfern. Drogenbosse beschäftigten Verwandte und Freunde, um die Drogen zuzubereiten und zu verkaufen, Geld zu kassieren und andere Aufgaben zu übernehmen, die der Drogenhandel mit sich bringt. Sie fühlten sich dort wohl, weil alle in der Umgebung sich vor ihnen in Acht nahmen – so wie Mafiosi vom Schutz der Gemeinschaft in den fünf Stadtvierteln profitieren. Diese Drogenhändler könnten überall leben; aber sie wollen in dieser Gegend bleiben, weil sie sich dort sicher fühlen. Man verdiente offenbar eine Menge Geld, wenn man Wetten annahm und Drogengeschäfte vermittelte.
Damals, Ende der 1980er-Jahre, konnte man auf den Straßen von Philadelphia und jeder anderen Großstadt ein Kilo fast reines Kokain für 17000 bis 25000 Dollar kaufen. Aber der Verkaufswert auf der Straße war sehr viel höher. Zuerst verdünnte man es mit Babylaktose, Inositol oder einer anderen Chemikalie und verdoppelte dadurch das Gewicht. Drogenhändler nennen das »strecken«. Die Dealer investierten also Geld für ein Kilo Stoff und verkauften zwei Kilo. Für den durchschnittlichen Konsumenten, der sich verzweifelt nach einem schnellen Drogenrausch sehnt, ist die Verfügbarkeit wichtiger als die Reinheit. Er nimmt das Risiko in Kauf, verdünntes Kokain zu bekommen, meist in einem Papierbeutel, der ein Gramm enthält und hundert Dollar kostet. Rechnen wir es einmal durch: Ein Kilo Kokain, das zu 95 Prozent rein ist, wird zweimal verdünnt und liefert drei Kilo Stoff. Der Konsument zahlt hundert Dollar für ein Gramm. Die investierten 17000 bis 25000 Dollar werfen also einen Bruttogewinn von 300000 Dollar ab.
Viele Drogenhändler zahlen nicht einmal den vollen Preis, wenn sie einkaufen, und erzielen auf diese Weise eine Wertsteigerung, von der Immobilien- und Aktienhändler nur träumen können. Ein paar tausend Dollar »Anzahlung« für ein Kilo werfen einen Gewinn ab, der hundertmal höher ist als die Investition. Einfacher ausgedrückt: Nach Abzug aller Kosten ist für jedes verkaufte Kilo ein steuerfreier Reingewinn von einer viertel Million Dollar möglich.
Natürlich ist es nicht so einfach, als Drogenhändler zu leben. Zunächst einmal hat er es mit einem Netzwerk von schwer bewaffneten Lieferanten zu tun, die nicht zögern, jeden zu ermorden, der ihnen widerspricht oder auch nur im Geringsten verdächtig vorkommt. Zweitens ist es gesetzlich verboten, Rauschgift zu kaufen und zu verkaufen, obwohl man bei dem städtischen Drogensupermarkt auf dem Gehsteig einen anderen Eindruck haben könnte. Man muss immer damit rechnen, dass ein »Kunde« ein Polizist ist. Jetzt komme ich ins Spiel
Bei meiner Größe und meinem Gewicht – inzwischen wog ich 136 Kilo – passte ich nicht in das Bild, das Drogenhändler sich von einem Cop machten. Darauf bauten wir, als aus Tony, dem Buchmacher, ein kooperierender Zeuge wurde.4 Van Marsh stellte ihn mir vor, weil er jemanden suchte, der ihn ablöste, sich um Tony kümmerte, den Fall weiter bearbeitete und die verdeckte Ermittlung übernahm, während er seine wohlverdiente Beförderung an der FBI-Akademie genoss.
Tony hatte jetzt eine neue Aufgabe: Leute, mit denen er Geschäfte machte, davon zu überzeugen, dass ich ein echt schwerer Junge war, ein Drogenhändler und Geldwäscher. Und in den nächsten paar Jahren setzte Tony sein Leben aufs Spiel, als er mir half, diesen Ruf im Viertel aufzubauen, und ich riskierte mein Leben, weil ich in den Badlands arbeitete, oft sieben Tage in der Woche, und versuchte, Ganoven hinter Gitter zu bringen.
Um mein Image als Manolo und Oberganove zu pflegen, begann Tony, mich im Viertel herumzuführen. Anfangs bestanden unsere Vorstöße in die Unterwelt der Badlands darin, dass wir ein Restaurant mit Nachtclub namens El Kibuk im Herzen des Viertels mehrmals täglich besuchten, bis zu viermal am Tag. Die Eigentümer des Clubs waren kubanische Drogenhändler, und der Club war das Stammlokal, der Treffpunkt und der Marktplatz für die Dealer und anderen Kriminellen im Norden von Philadelphia.
Um mein Image aufzupolieren, fuhr ich einen neuen, nach Kundenwünschen gefertigten AMG-Mercedes SL 500, den das FBI bei einem Drogenhändler in Miami beschlagnahmt hatte. Ich stellte immer riesige Geldbündel zur Schau, die ich vom FBI bekam. Rasch lernte ich von Tony, wie man sich auf den Straßen und in den Clubs benahm. Tony sagte oft: »Wer mächtig aussieht, ist mächtig.« Ganoven fragten nie nach einer Rechnung, wenn sie in ein Restaurant oder in eine Bar gingen. Sie bestellten einen Kaffee oder einen Drink, zahlten aber nie sofort. Das wäre ein Verstoß gegen die Ganoven-Etikette gewesen. Tony brachte mir bei, stattdessen 50 oder 100 Dollar Trinkgeld zu geben. Ein Ganove würde nie in eine Bar gehen und fragen: »Was für Biermarken habt ihr?«, oder: »Habt ihr Bier vom Fass?« Solche Fragen stellen Versager.
Ein echter Ganove weiß genau, welche Biermarke er trinkt. Gib mir einen llave (spanisch für Schlüssel). Das war für den Barkeeper das Zeichen, dass der Gast ein Beck’s wollte; denn auf dem oberen Etikett der Flasche ist ein Schlüssel zu sehen. Und wenn ich als Kubaner Rum mit Cola wollte – meine Spezialität als Manolo –, bestellte ich nicht ein Cuba libre, was »freies Kuba« bedeutet und die übliche Bezeichnung ist, sondern eine mentira (spanisch für Lüge), weil alle wussten, dass es unter Castro niemals ein Cuba libre geben würde. Natürlich warf ich den Strohhalm sofort weg. Kein harter Kerl mit Selbstachtung saugt an einem Strohhalm!
Ein massiger Mann wie ich ist kaum zu übersehen, erst recht nicht, wenn er einen dicken Mercedes fährt, viermal am Tag im El Kibuk auftaucht und mit Tony abhängt, einer bekannten Größe in den Badlands. Schon nach wenigen Wochen fingen die Leute an, Tony nach meinem Leumund zu fragen. War ich ein Ganove? Konnte man mir vertrauen? Was machte ich? Was suchte ich? Um die Ganoven davon zu überzeugen, dass ich wirklich gefährlich war und zu ihnen gehörte, hatte ich mir ein Foto besorgt, auf dem ich als Drogenhändler und Mörder zu sehen war, den das FBI suchte.
Tony zeigte das Foto auf den Straßen herum und behauptete, er habe es von korrupten Cops bekommen. Bald wurde ich von Kriminellen angesprochen, die mit mir Geschäfte machen wollten. Andere FBI-Agenten zeigten ihren Informanten das gleiche Foto und fragten: »Habt ihr diesen Kerl gesehen?« Das machte mich noch glaubwürdiger, weil die Ganoven nun zusätzliche »Beweise« dafür hatten, dass ich einer von ihnen war.
Hatte ich Angst? Selbstverständlich. Einige der Drogenbosse, die Dutzende oder Hunderte von Kilos Kokain oder Heroin auf einmal kaufen und verkaufen, sind Geschäftsleute, die genauso aussehen und sich genauso benehmen wie Pendler, die morgens mit dem Zug zur Arbeit fahren. Die meisten denken nicht im Traum daran, selbst Drogen zu konsumieren. Ihnen geht es nur ums Geschäft. Obwohl ich in ihrer Gegenwart nie völlig sicher war, fühlte ich mich auch nie besonders gefährdet.
Die Drogenhändler auf der Straße waren von einem ganz anderen Schlag. Alle nahmen selbst Drogen. Sie waren bewaffnet und immer misstrauisch bis zum Verfolgungswahn, was sicherlich auch an ihrem Drogenkonsum lag. Sie waren eine ständige tödliche Gefahr und hätten mich umgebracht, ohne mit der Wimper zu zucken. Einmal ermordete ein Dealer einen Typen, der ihm Geld für ein paar Kilo schuldete. Er steckte ihn in ein Fass voller Lauge, nagelte das Fass zu und warf es in den Fluss.
Ich traf alle denkbaren Vorsichtsmaßnahmen. Wenn ich mit einem Dealer telefonierte, den ich noch nie getroffen hatte, sagte ich: »Man nennt mich Flaco (spanisch für »mager«). Ich bin eins 57 groß und wiege 68 Kilo. Ich trage Jeans und ein T-Shirt.«
Auf diese Weise war ich im Vorteil. Der Typ wusste nicht, wer ich war, und ich war ganz bestimmt kein kleiner Bursche mit Jeans und T-Shirt. Wenn mir die Situation verdächtig erschien, konnte ich mich verdrücken, ohne dass der Dealer mich als Bullen identifizierte.
Ich schloss ungefähr 45 Drogengeschäfte in den Badlands ab. Jeder Dealer hatte sein Revier, und es gab Arbeiter, Beobachter und geheime Lager. Trotz meiner Größe und meines Gewichts und obwohl Tony für mich bürgte, fragte mich gelegentlich ein hartgesottener, paranoider Dealer, ob ich ein Bulle sei. Diese Frage stellten sie jedem Neuling in ihrer Mitte. Viele Drogenhändler glauben, sie seien für alle folgenden kriminellen Handlungen strafrechtlich nicht zu belangen, wenn ein Polizist ihre Frage mit nein beantwortet. Das stimmt natürlich nicht; aber solche Irrtümer sind schwer aus der Welt zu schaffen. Ein Ganove verlangte sogar einen Führerschein von mir! Klar, dass ich ihm sagte, wohin er sich den Wisch stecken solle. Er sah ihn nie, wir machten das Geschäft, und er kam in den Knast.
Einmal gab mir der Eigentümer des El Kibuk sogar ein Gerät, mit dem man Wanzen aufspüren konnte. Es fing die Funksignale der Wanzen auf, die ich als FBI-Agent benutzte. Der Mann wollte mir einen Gefallen tun – er wollte mir helfen herauszufinden, ob ein Typ, mit dem ich mich verabredet hatte, ein Spitzel der Cops war. Zum Glück war das Ding nicht eingeschaltet, andernfalls hätte es die Wanze aufgespürt, die ich trug, und ich wäre vielleicht bald in einem Fass den Fluss hinuntergetrieben wie dieser andere arme Kerl!
Meine Rolle als Manolo war sehr aufwendig. Ich musste enorm viel Zeit mit Tony und den stets gefährlichen Ganoven auf den Straßen von Nordphiladelphia verbringen und dabei immer Manolo bleiben. Tony war selbst kokainsüchtig und so sprunghaft, wie es von einem Langzeitjunkie zu erwarten war. Für mich war er ein Mann mit zwei Gesichtern. In nüchternem Zustand war er ein netter Bursche, mit dem ich gerne herumhing. Aber unter Drogeneinfluss war er verrückt, mutlos, misstrauisch und als Kumpel ein totaler Albtraum.
Obendrein musste ich Tag und Nacht für ihn zur Verfügung stehen, um nicht aus der Rolle zu fallen. Manchmal kam er um drei oder vier Uhr morgens mit jemandem, der mich treffen wollte; oder er war von Drogen benebelt und wollte nur mit mir reden. Es machte meine Frau verrückt, dass ich mehr Zeit mit Tony verbrachte als mit ihr, dass ich ganze Wochenenden mit ihm zusammen war und dass ich immer für ihn da sein musste. Die hohen Anforderungen, die meine Rolle als Manolo an mich stellte, belasteten meine Ehe. Meiner Frau gefiel es nicht, dass ich jeden Tag in Gefahr schwebte und so viel Zeit für meinen Beruf opferte. Für einen verdeckten Ermittler ist es nicht leicht, verheiratet zu sein.
Gleichzeitig setzte mich mein neuer Vorgesetzter in der Außenstelle Philadelphia des FBI unter Druck. Er war ein ehemaliger Marinesoldat, den ich hier Martland nennen will. Aus irgendeinem Grund war ich ihm von Anfang an unsympathisch. Er war ein Marine, wie er im Buche steht, und er brachte seine Vorliebe für Dienstvorschriften mit ins Dezernat. In seinen Augen war ich wegen meines Gewichts eine Art Straftäter.
Wegen der psychischen Belastung durch meine Rolle als Manolo und meine Eheprobleme hatte ich zugenommen. Wenn ich angespannt bin, esse ich eben. Manche Kollegen trinken Whisky, ich verdrücke Äpfel im Schlafrock. Bald stellte sich die Frage: Was ist wichtiger – das Gewicht des Kokains und Heroins, das wir von der Straße holen wollten, oder das Gewicht des FBI-Agenten Joaquin Garcia?
Für Martland war entscheidend, dass ich zu schwer war, um dem Idealbild eines FBI-Agenten zu entsprechen, und dagegen musste er etwas tun. Er versuchte, mich auf eine Waage zu stellen; aber mit meinen 181 Kilo war ich zu schwer für jede handelsübliche Badezimmerwaage. Also ließ Martland seine ganze Arbeit liegen und opferte eine Menge Zeit, um eine Waage zu finden, die für mich tauglich war!
Schließlich fand er eine im Keller des Gebäudes, und er befahl einer ehemaligen Marinekrankenschwester, die im Büro arbeitete, mich jede Woche zu wiegen. Im Rückblick hört es sich komisch an, aber damals war es eine schwere Demütigung. Tag und Nacht setzte ich für das FBI und für amerikanische Bürger mein Leben aufs Spiel, manchmal rund um die Uhr, und mein Vorgesetzter beschäftigte sich nur damit, eine große Waage für mich zu finden!
Jede Woche musste ich mich wiegen lassen, und Martland erwartete, dass ich wöchentlich ein Pfund abnahm. Ich ging zu einem Arzt bei Camden in New Jersey, der mir Diättabletten verordnete, die mir zwar halfen, ein wenig abzunehmen, mich aber noch nervöser machten, wenn ich mich bemühte, als verdeckter Ermittler meine Pflicht zu tun. Trotz der Tabletten nahm ich wegen meiner Esssucht bald wieder zu. Ich wusste, dass Martland, falls er davon erfuhr, mir den Ermittlungsauftrag entziehen und vielleicht sogar versuchen würde, mich zu entlassen. Also dachte ich mir etwas aus. Wenn ich meine eigene Waage kaufte, brauchte ich mich nicht mehr im Keller des Regierungsgebäudes wiegen zu lassen.
Ich ließ meinen Fall erst einmal liegen – keine Ganoven, keine Drogen, kein Tony – und ging einkaufen! Ich glaube, ich war in jedem Kaufhaus von Philadelphia und South Jersey und probierte jede Waage aus, die sie hatten. Endlich fand ich die eine, den Heiligen Gral, eine Waage, die mein wahres Gewicht anzeigte. Und wenn ich mich ein klein wenig zur Seite neigte, konnte ich schwindeln, und es sah aus, als hätte ich ein Pfund verloren, obwohl mein Gewicht gleich geblieben oder sogar gestiegen war. In den ersten ein bis zwei Monaten klappte alles perfekt. Die ehemalige Krankenschwester ließ sich auf alle viere nieder, um die Skala abzulesen, während ich mich möglichst schräg hinstellte, um sie zu täuschen. Manchmal kam ich mir wie der schiefe Turm von Pisa vor!
Aber die Monate vergingen, und ich nahm weiter zu. Eines Tages übertrieb ich meine Schräglage ein wenig… und während sie auf Händen und Knien kauerte, fiel ich von der Waage und landete auf der Dame! Mein Schwindel flog auf, und Martland hatte die Munition, die er brauchte, um mir den Fall zu entziehen und mich zu feuern. Sofort brummte er mir eine Bewährungszeit auf, setzte Gehaltserhöhungen aus und überwachte mein Gewicht persönlich, um einen Grund für meine Entlassung zu finden. Ist es nicht lustig, dass ich mir bisweilen mehr Sorgen über mein Gewicht machte als über meine Sicherheit auf der Straße? Ich wusste, wie ich mich in gefährlichen Situationen in den Badlands herausreden konnte; doch im FBI-Büro in Philadelphia hatte ich ständig Angst.
Es war meine Rettung, dass ich als Manolo bereits erste Erfolge vorzuweisen hatte. Tony spielte seine Rolle perfekt, das muss ich ihm lassen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand in den Badlands je den Verdacht hatte, er sei ein Informant und ich ein verdeckter Ermittler. Ich bin Tony dankbar, weil er mir beibrachte, wie ich mich unter Ganoven verhalten musste. Das kam mir bis zu meiner Pensionierung zugute, vor allem als ich undercover bei den Gambinos war. Aber damals war ich in der Welt der verdeckten Ermittler eher ein Neuling. Wir zogen in Nordphiladelphia einen Drogenhändler nach dem anderen aus dem Verkehr.
Wie alle Geschäftsleute reden auch Dealer gerne. Sie plaudern über Geschäfte, neue Kunden, Lieferanten und Preise. Unter diesen Umständen war es für mich unmöglich, einfach hinaus auf die Straße zu gehen, bei einem Dealer nach dem anderen ein Kilo Kokain zu kaufen und die Täter dann der Reihe nach verhaften zu lassen. Die Neuigkeit, dass Manolo ein Bulle war, würde sich in den Badlands wie ein Lauffeuer herumsprechen.
Selbst wenn wir zunächst nur die Käufe abgewickelt und die Festnahmen so lange aufgeschoben hätten, bis wir eine hinreichend große Zahl von Gangstern hätten schnappen können, wäre der Plan misslungen. Zunächst einmal hatte das FBI nicht genug Geld herumliegen, um jedem Ganoven in der Stadt Kokain für 18000 bis 25000 Dollar abzukaufen. Zweitens hätte ein Dealer es den anderen erzählt, wenn ich von ihm ein Kilo gekauft hätte. Ich hätte mich verdächtig gemacht, wenn ich von einem Lieferanten zum anderen gewandert wäre. Nur ein verdeckter Ermittler würde von einem Dealer kaufen, ihm den Laufpass geben und dann versuchen, der Reihe nach mit mehreren anderen ins Geschäft zu kommen. Das hätte nicht geklappt.
Stattdessen entwickelten wir einen Plan, der es uns erlaubte, mehrere Drogenhändler zu erwischen, ohne massenhaft Geld auszugeben oder zu riskieren, dass ich als Cop entlarvt wurde. Tony stellte mich als Geldwäscher vor. Dealer wollen bekanntlich Bargeld sehen, und ihre Kunden zahlen mit kleinen Scheinen – ein, fünf, zehn und 20 Dollar. Alle Banknoten sind schmutzig und weisen unweigerlich Rückstände von Drogen auf. Angenommen, ein Dealer verkauft innerhalb kurzer Zeit vier Kilo Kokain. Dann besitzt er eine Million Dollar Bargeld in kleinen Scheinen. Es war ein gefährliches Unterfangen, dieses Geld aus Nordphiladelphia hinauszuschaffen und an einem sicheren Ort unterzubringen – in einem Banktresor in einem anderen Bundesstaat, in einem geheimen Versteck oder beim Lieferanten, um noch mehr Stoff zu kaufen. Der Dealer konnte wegen des Geldes beraubt und ermordet werden, und selbst wenn er kein schlimmes Ende fand, hatte er immer noch das Problem, Seesäcke voller Bargeld, das nach Drogen stank, zu transportieren.
Manolo war der Retter. Ich versicherte den Dealern, ich hätte Kontakt zu einer Bank, die Geld wasche. Für eine Gebühr von einem bis zwei Prozent könne ich ihr Kleingeld in Hundert-Dollar-Scheine umtauschen. Eine Million Dollar in Hundertern passt gut in einen Koffer. Lebt wohl, Seesäcke mit Bargeld, die Aufmerksamkeit erregen, sowohl bei anderen Kriminellen als auch bei der Polizei. Auf diese Weise kam ich mit zahllosen Dealern ins Geschäft.
Das lief meist so ab: Ich ging zu einem Typen und sagte: »Ich kenne jemanden, der ein paar Kilo Kokain kaufen möchte. Soll ich die Sache einfädeln?« Dann wurde der Handel abgeschlossen oder auch nicht. Sie kamen immer zurück und sagten: »Kein Problem. Ich verkauf dir einen Schlüssel.«
»Was ist für mich drin?«, erwiderte ich.
Mit anderen Worten: Wenn ich dir helfe, wer hilft mir? Eine Hand wäscht die andere. Was kannst du für mich tun? Vermittle mir ein Geldwäschegeschäft, und der Handel ist perfekt.
Je mehr Geld sie mir brachten, desto leichter fiel es uns, den Umfang ihrer Drogengeschäfte einzuschätzen. So gelang es dem FBI, Millionen von Drogendollars zu »waschen«, die von den Straßen Philadelphias stammten, und wasserdichte Anklagen gegen zahlreiche Dealer aufzubauen. Wir nannten das Unternehmen BT Express. Das B stand für Bureau wie in Federal Bureau of Investigation, das T stand für Tony, den Informanten. Das »Express« war nur Spaß. Es gab damals eine Musikgruppe mit diesem Namen, aber sie hatte nichts mit uns zu tun. Wir mieteten ein Ladenlokal in Nordphiladelphia im Herzen der Badlands. Im vorderen Raum wickelte Tony seine Wetten ab; ins Hinterzimmer gingen Drogenhändler, um ihr Geld zu waschen oder uns Kokain zu verkaufen. Sie hatten keine Ahnung, dass die Gespräche über Drogengelder mit Videokameras und Mikrofonen aufgezeichnet wurden. Die Dealer kamen mit Seesäcken voller Drogengeld und kiloweise Kokain und Heroin ins Büro des BT Express, und wenn sie hinausgingen, waren sie reif für die Festnahme.
Als Martland, der ehemalige Marine, der sich so über mein Gewicht aufregte, an Bord kam, missfiel ihm der Name BT Express, und er wollte ihn ändern… ausgerechnet in Warzenschwein. Fast wäre ich ausgerastet. Wir dachten gar nicht daran, unser schönes Unternehmen Warzenschwein zu nennen. Später erfuhr ich, dass Warzenschwein der Name eines Aufklärungsschiffes war. Das erklärte, warum er so an dem Wort hing. Letztlich bekam die Operation doch einen neuen Namen: Metroliner. Einige unserer Dealer fuhren nämlich im Amtrak-Zug von Washington oder New York nach Philadelphia, um dort Geschäfte abzuschließen.
Ein ganzes Jahr lang ging ich Tag für Tag in die Badlands, machte Geschäfte mit kriminellen, bewaffneten, paranoiden und gefährlichen Drogenhändlern, schaute viermal am Tag im El Kubik vorbei, um mir einen Kaffee oder einen Drink zu genehmigen, und war die ganze Zeit mit Tony und seinen Kumpels zusammen. Jeden Abend kehrte ich ins Büro zurück, um Berichte über alles zu schreiben, was ich gesehen und getan hatte. Am nächsten Morgen musste ich früh aufstehen und die Tretmühle erneut besteigen. Gleichzeitig musste ich auf mein Gewicht achten und meine Ehe am Leben erhalten. Es war nicht leicht, aber es lohnte sich. Als wir BT Express Metroliner beendeten, lieferten wir der Staatsanwaltschaft so viele Informationen, dass sie 85 Verfahren gegen Drogenhänd-ler aus Kolumbien, Kuba und der Dominikanischen Republik einleiten konnte.
Die Anklagen wurden am selben Tag in verschiedenen Städten von Philadelphia bis Los Angeles erhoben. 18 Beschuldigte flohen aus dem Land. Von den 67, die blieben, wurden 62 wegen Drogenhandels und Geldwäsche zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt. Zwei wurden freigesprochen, einer starb während des Prozesses. Als der Fall BT Express Metroliner abgeschlossen war, trat ich ein Jahr lang jeden Tag in irgendeinem Prozess als Zeuge auf. Es war einer der härtesten Schläge gegen den Drogenhandel in der Justizgeschichte.
Als alles vorbei war, wusste ich, dass ich Philadelphia verlassen musste. Martland setzte seinen Feldzug gegen mich unvermindert fort, trotz meiner langwierigen, harten Arbeit und aller Erfolge. Er schikanierte mich weiter und behauptete, ich verstoße gegen Regeln und Dienstvorschriften. Eines Tages explodierte ich. »Und was ist mit Ihnen?«, fragte ich. »Sie sind immer noch in der Nationalgarde. Warum kümmern Sie sich nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten?«
Trotz Martland gelang es uns, eine erhebliche Zahl von Ganoven festzunehmen und die Geschäfte der beiden größten kolumbianischen Cali-Drogenkartelle in den USA zu unterbinden. Für unsere Bemühungen wurden wir – die Case Agents und die verdeckten Ermittler, die Van Marsh und ich an den Ermittlungen beteiligt hatten – vom FBI mit Leistungsprämien und vom Büro des amerikanischen Generalbundesanwalts im Eastern District of Pennsylvania mit Preisen geehrt.
In dem Glückwunschbrief des FBI stand unter anderem: »Special Agent Garcia, dank Ihrer Tapferkeit und Ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten als verdeckter Ermittler ist es Ihnen gelungen, das volle Vertrauen der Verdächtigen zu erwerben.« Die Bundesstaatsanwaltschaft schrieb ebenfalls einen sehr freundlichen Brief an den damaligen FBI-Direktor Louis Freeh, in dem es hieß: »Special Agent Garcias Befähigung als verdeckter Ermittler verdient ebenfalls besonderes Lob. Er denkt in gefährlichen Situationen schnell und präzise, versteht Kriminelle, spricht ihre Sprache und gewinnt leicht ihr Vertrauen. Das FBI hat zwar viele gute Beamte, die verdeckt ermitteln können, aber Special Agent Garcia gehört zu den besten in dieser Elitegruppe. Er ist ein überaus wertvoller Beamter, der in der Lage ist, zahlreiche wichtige Fälle zu bearbeiten.«
Wie tapfer war ich wirklich? Ich hatte Angst davor, gewogen zu werden, weil ich fürchtete, meinen Job zu verlieren!
Meine Ehe hatte diese schwere Zeit irgendwie überlebt. Die verdeckte Ermittlung war ebenso aufregend wie anstrengend, und ich wusste, dass ich nicht nur bei der Justiz, sondern auch in meinem Leben meinen Platz gefunden hatte. Trotz der Schwierigkeiten, mit denen ich kämpfen musste, weil mein Vorgesetzter mich nicht unterstützte, wusste ich, dass es meine Lebensaufgabe war, undercover zu arbeiten und die Straßen von Gangstern zu befreien. Natürlich versetzten meine Bemühungen den Drogenimporteuren und Drogenhändlern des Landes keinen tödlichen Schlag; aber ich wusste auch, dass eine Menge Ganoven hinter Gittern saßen, weil meine Kollegen und ich gute Arbeit geleistet hatten.
Ich beantragte meine Versetzung, und diesmal wurde mein Wunsch erfüllt. Ich durfte nach New York zurückkehren.
Kapitel 5
Willkommen in New York
Als ich in New York ankam, knüpfte ich an frühere Erfahrungen an. Zuerst hatte ich hier als spanisch sprechender verdeckter Ermittler gearbeitet. Darum wollten die für Drogenkriminalität zuständigen Kollegen im New Yorker Büro mich unbedingt haben. Leider folgten mir meine wiederholten Zusammenstöße mit Martland nach New York, und wie sich herausstellte, hatte Martland hochrangige Freunde in der Stadt, die mich demütigen wollten. Ich hatte eben den vielleicht größten und wichtigsten Drogenfall in der Geschichte des FBI abgeschlossen. Aber Martland setzte durch, dass ich der Einheit zugeteilt wurde, die man abwertend Gipser-Einheit nannte. Diese Kollegen nehmen niemanden fest. Sie jagen keine Drogenkonsumenten, Terroristen, Bankräuber oder auch nur Autodiebe. Stattdessen überwachen sie den Bau und die Renovierung von FBI-Gebäuden – daher der Name Gipser-Einheit. Dorthin wollten sie mich abschieben.
Ich schrie. Ich stampfte mit den Füßen. Ich erklärte jedem, der mir zuhören wollte, das sei eine verrückte Idee – ich war zum verdeckten Ermittler berufen. Es wäre eine schreckliche Vergeudung von FBI-Ressourcen, wenn ich den ganzen Tag lang Bauarbeitern bei der Arbeit mit Gipskartonplatten zusehen musste. Ich bat ein paar Freunde um Hilfe, und sie konnten die New Yorker FBI-Führung davon überzeugen, dass Martland und einige andere in Philadelphia mich falsch einschätzten. Zum Glück nahm das FBI Vernunft an, und bald wurde ich der C-13 zugeteilt, der besten Spezialeinheit für Drogenbekämpfung des New Yorker Field Office. Diese Einheit hatte berühmte Fälle gelöst, zum Beispiel die »Pizza Connection«, einen der umfangreichsten Fälle im Bereich der organisierten Kriminalität. Ich erlebte meine Zeit als »FNG« in Newark neu. Die Jungs in der Einheit waren hart arbeitende, angesehene Agenten, und alle hatten von dem renommierten Dezernat für organisiertes Verbrechen der New Yorker Polizeibehörde Auszeichnungen erhalten. Die ganze Einheit verfolgte ein gemeinsames Ziel – »Ganoven in den Knast zu bringen«, wie wir zu sagen pflegten. Die C-13 war das Beste, was das FBI und die New Yorker Polizeibehörde vorzuweisen hatten, und ich war dankbar dafür, dass ich ein Teil von ihr wurde.
Ich arbeitete undercover an mehreren großen Fällen, bei denen es um Geldwäsche und Kokain ging. Jedes Mal spielte ich verschiedene Rollen. Für mich war es eine besondere Herausforderung, in die Rolle eines italienischen Mafioso zu schlüpfen, wenn ich unter spanisch sprechenden Leuten war. Ich verstand, was sie sagten, und wollte mich daher oft spontan an ihren Gesprächen beteiligen. Aber ich musste geduldig warten, bis der Informant für mich »übersetzt« hatte. In vielen Situationen hätte ich beinahe diesen Fehler gemacht. Hatte ich mit Jamaikanern zu tun, gab ich mich als kolumbianischer Drogenboss aus, der schlecht englisch sprach. Ich fand es nicht glaubhaft, aber zum Glück schluckten sie es.
Während diese Fälle sich entwickelten, schlugen wir etwa 30 Mal blitzschnell gegen Drogenhändler zu. Ich arbeitete mit Detective Paul Caroleo von der New Yorker Polizeidienststelle als Case Agent und mit Agent Craig Arnold zusammen. Craig kümmerte sich um meine Sicherheit. Wir beschlagnahmten etliche Kilo Heroin und Kokain und – wichtiger noch – brachten einige richtig böse Jungs in den Knast. Wir alle liebten diese schnellen Einsätze – sie jagten den Adrenalinspiegel hoch und stärkten den Teamgeist. Die ganze Truppe ging zusammen raus. Ich übernahm die verdeckte Ermittlung, andere die Festnahmen und so weiter. Es war für uns alle ein Riesenspaß.
Kurz nachdem ich zur C-13 abkommandiert worden war, berichtete ein Informant, dass einige Mitglieder einer Jugendbande an der Kreuzung 123. Straße und Lenox (dem Ground Zero des Drogenhandels) größere Mengen Kokain für die Kolumbianer verkaufen wollten. Diese Kreuzung ist so ungefähr der gefährlichste Ort, den ein verdeckter Ermittler aufsuchen kann. Also ließ ich durch den Informanten ausrichten, ich sei ein möglicher Käufer, wolle die Burschen aber nicht im Norden der Stadt treffen. Stattdessen schlug ich ein Gelände vor, das für einen wie mich erheblich angenehmer und sicherer war – die Mitte von Queens.
»Kein Problem«, lautete die Antwort. Wir vereinbarten ein Treffen am gleichen Abend im Georgia Diner in der Nähe der Queen Center Mall, wo der Queens Boulevard die Long-Island-Autobahn kreuzt.
An diesem Abend traf ich die Gangster. Es waren hartgesottene Straßenkriminelle, gefährlicher als die Dealer in den Badlands. Sie versprachen mir »Fishscale-Kokain«. Dieses Kokain ist von einer kaum zu übertreffenden Reinheit und Qualität. Der Name ist vom Aussehen des Kokains abgeleitet. Wenn man das Päckchen öffnet, sieht das Kokain sehr glänzend und weiß aus wie die Schuppen eines Fisches, den man aus dem Wasser holt. Die Gangster von der 123. und Lenox wollten den Handel an diesem Abend abschließen, hier und jetzt; aber das lehnte ich strikt ab, angeblich, weil ich große Mengen Kokain nur tagsüber kaufte – dann sei es leichter, in der Menge unterzutauchen. Das war ihnen recht, und wir verschoben den Termin einvernehmlich auf den nächsten Morgen.
Zum vereinbarten Zeitpunkt hatte sich die Umgebung des Georgia Diner in das verwandelt, was wir beim FBI »Drehort« nennen – eine Kulisse für eine Begegnung zwischen Kriminellen und Polizisten. In einem Lieferwagen, der vor dem Lokal parkte, saßen Agenten und Kripobeamte. Verdeckte Ermittler und weitere Kripobeamte hielten sich in mehreren PKW bereit, Fluchtwege in allen Richtungen zu blockieren, falls etwas schiefgehen sollte. Ein Agent lehnte sogar auf dem Gehsteig an einer Mülltonne, hielt eine Flasche in einer braunen Papiertüte in der Hand und gab sich als betrunkener Obdachloser aus. Natürlich beobachtete er alles genau. Solche Agenten nennt man Geister – sie sind für jeden sichtbar, passen sich der Straßenszene aber so gut an, dass die Ganoven sie nie bemerken. Und ich wartete selbstverständlich auf die Ankunft der Gangster. Wir hatten alles, was wir brauchten … außer den Drogenhändlern.
Dealer legen nicht so viel Wert auf Pünktlichkeit wie das Militär oder die Polizei. Dealer kreuzen auf, wenn sie aufkreuzen. Erfreulicherweise verspäteten diese sich nur um 45 Minuten, nicht schlecht in der Drogenwelt. Dann ging alles schief.
Wir hatten abgesprochen, dass ich neun Kilo erstklassiges Kokain kaufen würde; aber die Dealer hatten keine Drogen dabei. Plötzlich spielten wir Scarface: »Habt ihr den Stoff?«
Sie erwiderten: »Hast du das Geld?«
Niemand hatte etwas dabei. Es war eine Pattsituation. Mein sechster Sinn sagte mir, dass die Lage ernst wurde.
Die Typen behaupteten, die Ware würde jeden Augenblick da sein; und fünf Minuten später kam ein Kolumbianer. Also gingen wir rüber zu ihm – die zwei Gangster von der 123. und Lenox, die ich am Abend zuvor getroffen hatte, und ich. Der Kolumbianer wollte wissen, ob man dem Vermittler, der uns zusammengebracht hatte, trauen könne. Ich sagte, ich sei ihm noch nie begegnet, aber mein Partner kenne ihn. Das Vertrauen, das bei Drogengeschäften ohnehin rar ist, schwand rasch dahin. Immer mehr Leute erschienen – drei Partner des kolumbianischen Drogenhändlers. Plötzlich bildete eine Gruppe auf dem Parkplatz vor dem Georgia Diner einen Kreis.
Es war Mittagszeit. Jede Menge Zivilisten spazierten durch unseren »Drehort«. Jetzt waren es also sechs Gangster, ich und die beiden V-Männer, die den Fall ins Rollen gebracht hatten. Neun Leute standen herum, und keiner wusste, was vor sich ging oder was gleich passieren würde. Der eine bürgte für den anderen… und den Kolumbianern gefiel die Sache überhaupt nicht.
»Hört zu, Jungs«, sagte ich, während meine Verzweiflung wuchs. »Ziehen wir’s durch oder nicht?«
Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als wäre dies für mich das erste Mal. Ich wollte die Lage wieder im Griff haben.
»Nicht hier«, antworteten die Kolumbianer nervös. »Hier sind zu viele Augen. Wir haben ein Versteck um die Ecke. Dort ist der ganze Stoff. Du kannst Proben entnehmen und deine neun Kilo selbst aussuchen. Beide Seiten lassen als Absicherung einen Mann zurück, und dann gehen wir.«
Den jugendlichen Gangstern gefiel diese Idee, und sie bestanden darauf, dass ich mit den Kolumbianern in deren Unterschlupf ging. Sie würden für meinen Schutz sorgen. Aus irgendeinem Grund vermutete ein Kolumbianer – mit Recht, wie sich herausstellen sollte –, dass Cops in der Nähe waren. Er merkte nicht, dass ich undercover arbeitete, aber sein sechster Sinn, geschärft durch seine Erfahrungen als Drogenhändler, musste ihm gemeldet haben, dass nicht alles so war, wie es sein sollte. Im Versteck konnten wir den Handel ohne neugierige Augen abschließen. Wie es bei Dealern üblich war, würde ein Mann als menschliches Pfand zurückbleiben. Falls etwas schiefging, würde man ihn umlegen.
Jetzt zahlte sich meine Erfahrung als verdeckter Ermittler aus, vor allem die in den Badlands. Nichts auf der Welt konnte mich dazu bringen, die Sicherheit des »Drehortes« aufzugeben, wo wir Polizisten die Oberhand hatten, und in einen geheimen Unterschlupf zu gehen, wo Gott weiß was passieren konnte. Ein jüngerer, übereifriger Kollege hätte vielleicht die Chance genutzt, den Schlupfwinkel der Ganoven aufzuspüren. »Großartig«, würde er denken, »jetzt bekommen wir nicht nur die neun Kilo, sondern das gesamte Lager! Stell dir vor, wie dieser eine Einsatz sich auf meine Karriere auswirkt!« Ich hingegen überlegte, wie der Gang zu diesem Versteck sich auf meine Lebenserwartung auswirken würde. Die Antwort gefiel mir nicht.
Ich musste schnell reagieren. »Das kommt nicht in Frage«, sagte ich zu den Kolumbianern. »Ich habe gestern Abend meine madrina gefragt, und sie riet mir, das Geschäft mittags und hier abzuschließen.«
Eine Madrina ist eine Priesterin oder Seherin des Santería-Kultes, einer Sekte, die in vielen spanisch sprechenden Gegenden verbreitet ist. Was die Madrina sagte, wurde gemacht. Wer ihren Rat missachtete, brachte sich in Gefahr. Ich verkleidete mich oft als santero und trug dabei die bunten Santería-Halsbänder und den Goldschmuck der Sektenanhänger.
Die Kolumbianer waren verärgert. Sie hatten keine Lust, mit mir vor dem Restaurant zu verhandeln, und ich wollte sie nicht zu ihrem Unterschlupf begleiten. Um die Spannung abzubauen, bat ich mir Zeit für ein Gespräch mit meinem Partner aus – dem V-Mann. Während wir uns unterhielten, gingen wir über den Parkplatz zum Lieferwagen des FBI, in dem die Beamten der C-13-Sondereinheit saßen und über meinen Sender mithörten. Weil die ganzen Verhandlungen auf Spanisch geführt wurden, war ein Dolmetscher bei ihnen. Ich informierte die Jungs im Auto darüber, dass die Sache nicht gut aussah. Unterwegs bemerkte ich zwei Autos voller Ganoven, die mich beobachteten. In einem der Autos saß ein Kerl, der so tat, als lese er die New York Post – aber er hielt sie verkehrt herum!
Das wird gefährlich, dachte ich. Wer weiß, wie viele Gangster die Transaktion für die Dealer überwachen? Ich beschloss, mich dem Lieferwagen vorsichtshalber nicht zu nähern, und kehrte zur Gruppe zurück, wo die Kolumbianer auf meine Entscheidung warteten. Würde ich sie begleiten oder nicht? Die gierigen jungen Gangster bestanden auf dem Unterschlupf. Was kümmerte es sie, wenn man mich umlegte?
»Ich könnte meine Madrina anrufen«, sagte ich, um Zeit zu schinden. »Vielleicht ist es ja okay, wenn ich mit euch gehe.«
Die Kolumbianer, die offenbar Respekt vor Santería hatten, nickten zustimmend und erlaubten mir, ins Restaurant zu gehen, wo sich ein Münztelefon in der vorderen Diele befand. Ich rief das FBI an, das mich mit dem Lieferwagen auf dem Parkplatz verband. Handys gab es damals noch nicht.
»Es sieht ziemlich brenzlig aus«, sagte ich.
»Ja, die Situation ist gefährlich«, bestätigte Special Agent Arnold. Er hatte die Einsatzleitung und war wohl einer der besten Agenten, mit denen ich je arbeiten durfte.
»Wir wissen von den beiden Fahrzeugen«, fügte er hinzu. »Bleib, wo du bist. Wir ziehen sie sofort aus dem Verkehr.«
Ich legte auf und blieb in der Diele. Auf einmal kamen Agenten und Polizisten aus allen Richtungen angerannt. Ich wusste nicht, dass man im Büro auf höchste Alarmstufe umgeschaltet hatte. Jeder ließ alles stehen und liegen, steckte seine Waffe ein und raste zum Georgia Diner. Die Ganoven – insgesamt ein Dutzend – waren inzwischen aus den Autos gesprungen und flohen in alle Richtungen. Noch einmal: Wir befanden uns in einer der belebtesten Gegenden im Zentrum von Queens, und zwar mitten am Tag. Unser Sondereinsatzkommando blockierte jede Straße, die in den Queens Boulevard mündete, und schnappte jeden einzelnen Ganoven, einerlei, ob er durch Fenster sprang, über Zäune kletterte oder auf andere Weise zu entkommen versuchte. Ein Agent jagte ihnen mit einer MP5 – einer Maschinenpistole, die von Spezialeinheiten benutzt wird – auf dem Queens Boulevard nach.
Am Ende wurden zehn von ihnen verhaftet. In ihren Autos und am Körper fanden wir eine halb automatische Tec-9, eine .357 Magnum, eine 9-Millimeter-Patrone, ein riesiges Bowie-Messer, eine Menge Klebeband und Stricke. (Sie wollten mich fesseln, und ich nehme an, dass sie deshalb so spät kamen, weil sie erst noch mehr Klebeband und Stricke kaufen mussten, nachdem sie am Abend zuvor meine Leibesfülle gesehen hatten!) Wir vernahmen die beiden jugendlichen Gangster von der 123. und Lenox, die das ganze Geschäft vermittelt hatten. Sie hatten geplant, mir im Versteck das Geld und den Kolumbianern die Drogen abzunehmen.
So etwas wie Ehre gibt es nicht unter Dieben. Im Unterschlupf wäre die Situation extrem heikel geworden, und ohne meine Erfahrungen in den Badlands wäre ich fast mit Gewissheit umgebracht worden. Stattdessen machten wir in nur zwei Tagen einen großen Fang. Neun der zehn Festgenommenen wurden verurteilt. Es waren wichtige Drogenlieferanten des kolumbianischen Kartells. Die zehnte festgenommene Person war eine Frau, die nach Ansicht der Justiz an der Sache nicht beteiligt war. Zehn Verhaftungen, neun Ganoven von der Straße geholt, keine Verletzten. Wir nannten diesen Fall immer den Neun-Kilo-Albtraum.
Willkommen in New York.
Kapitel 6
Mittagspause: zwei Millionen Dollar Profit
Die Welt wird mit Drogen überflutet. Im Grunde stelle ich damit etwas Selbstverständliches fest. In diesem Augenblick werden Drogen im Wert von Milliarden Dollar – und das Geld, um die Drogen zu bezahlen – rund um den Globus befördert. Maultiere bringen die Drogen aus den kolumbianischen Anbaugebieten ins Tiefland. Anschließend werden sie mit Lastwagen zur Küste und mit Schiffen oder Flugzeugen nach Miami oder zu anderen Einfallstoren in den Vereinigten Staaten transportiert, von dort aus in große Verteilerzentren wie Los Angeles, Chicago oder New York und danach ins Hinterland gebracht.
Alle verdienen Geld – die Leute, die Drogen anbauen und aufbereiten, die Transporteure, die sie zu den Lagerhäusern im Herkunftsland bringen, jene, die für den internationalen Transport und die Verteilung sorgen, sowie jene, die das Geld der Kartelle anlegen, waschen und ins Ursprungsland der Drogen zurückschicken. Der Justiz obliegt es, diese Milliar-den-Dollar-Suppe zu versalzen, die Gangster einzusperren, das Geld zu beschlagnahmen und unsere Straßen und unsere Kinder vor Drogen zu bewahren.
Während meiner Arbeit beim FBI habe ich bei Drogenhändlern viele Millionen Dollar in bar beschlagnahmt. Mit der Zeit bedeuten einem die Banknoten kaum mehr als Papierschnitzel. Doch egal, wie viel Geld wir beschlagnahmen und wie viele Ganoven wir verhaften, das Frustrierende und Unerträgliche ist, dass wir das Drogenproblem nie lösen können. Es ist schwer, die Lieferanten auszuschalten, solange es in unserem Land so viele Menschen gibt, die Drogen nehmen wollen.
Das mag die Einstellung der Bevölkerung sein. Aber die Polizisten an der Front denken anders. Wir setzen unser Leben aufs Spiel, um die Straßen von Drogen und Dealern zu säubern. Einmal arbeiteten wir an einem Drogenfall in Queens. Paul Caroleo, einer der besten Ermittler der New Yorker Polizei und Mitglied unserer Einheit, bekam einen anonymen Hinweis in Form eines Briefes, der in gebrochenem Englisch geschrieben war. Darin stand, dass ein bestimmtes Apartment und eine bestimmte Luxuswohnung in einem Hochhaus in »Little Colombia«, einem Gebiet in Jackson Heights, Queens, als Lagerhaus für Drogen benutzt werden. Na schön, das schauen wir uns an, sagten wir. Was haben wir zu verlieren?
Während einer Mittagspause gingen ein paar Angehörige unserer Einsatzgruppe – Detective Caroleo, Special Agent Paul Cassidy und ich – in das Gebäude und klopften an die Tür des Apartments. Eine überaus attraktive junge Kolumbianerin im Bademantel öffnete.
»Wir sind von der Polizei«, erklärte Detective Caroleo. »Dürfen wir reinkommen?«
»Natürlich«, sagte sie und führte uns in das Apartment.
Wir schauten uns um. Das Mädchen war in dieser Umgebung eindeutig fehl am Platze. Jemand hatte die Wohnung in dem Stil eingerichtet, den ich gerne als »frühen Ralph Kramden« bezeichne – nur die notwendigsten Möbel, die obendrein nicht zueinanderpassten. Hier lebte kein gesetzestreuer Mieter. Dies war nichts anderes als ein Drogenversteck.
»Wir haben einen Tipp bekommen«, sagte Special Agent Cassidy. »Einer Ihrer Nachbarn behauptet, in diesem Apartment würden Drogen und Geld aufbewahrt. Dürfen wir uns umsehen?«
Caroleo zeigte ihr den Brief. Sie las ihn und sagte: »Fühlen Sie sich wie zu Hause!«
Zunächst prüften wir die Wohnung nur mit dem Auge. Dabei fiel uns auf, dass die Frau nervös wurde und den Küchenschrank anstarrte. Dann stellte ich auf Spanisch die Frage, die wir immer stellen, wenn wir ein Apartment oder Haus betreten, das ein Drogenlager sein könnte.
»Was ist in dem Schrank?«, fragte ich beiläufig.
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung.«
Vielleicht wunderte sie sich darüber, dass wir keinen Durchsuchungsbefehl hatten. Aber den brauchten wir nicht, wenn uns jemand freiwillig hereinließ. Und die junge Dame hatte uns bereits ihre Einwilligung erteilt. Niemand konnte uns also eine illegale Durchsuchung und Beschlagnahme vorwerfen. Und als sie sagte, sie wisse nicht, was im Schrank sei, wurde ich stutzig.
Wenn jemand Sie fragen würde, was Sie in Ihrem Schrank haben, dann könnten Sie es ihm sagen, oder? Angenommen, ein Verkehrspolizist stoppt Sie und will wissen, was sich in Ihrem Kofferraum befindet – würden Sie dann mit den Schultern zucken? Und wenn im Kofferraum ein großer, voller Sack läge, könnten Sie doch sagen, was darin ist, oder nicht? Nun, Rauschgifthändler geben immer die gleiche Antwort: »Ich habe keine Ahnung, was das ist. Ich weiß nicht, wem es gehört. Ich weiß nicht, wie es dorthin gekommen ist. Ich weiß überhaupt nichts.«
Mafiosi behaupten dagegen: »Ich weiß nichts, ich habe nichts gesehen, ich war nicht da, und wenn ich da war, muss ich geschlafen haben!« Alle Kriminellen haben ihre eigenen Ausreden.
Entweder der Betroffene leidet an Gedächtnisschwund, oder er hat etwas zu verbergen. Andere Erklärungen gibt es kaum. Und wenn mir jemand weismachen will, er wisse nicht, was in seinem Kofferraum oder Schrank ist, dann dürfen wir Bargeld beschlagnahmen, falls wir den Verdacht haben, es handle sich um Drogengeld. Drogen oder Waffen ohne Waffenschein sind natürlich kein Problem; denn es verstößt gegen das Gesetz, sie zu besitzen. Doch es ist nicht verboten, eine Million Dollar in einem Seesack im Kofferraum eines Autos oder in Kartons im Schrank aufzubewahren. Wenn jemand der Bank nicht traut und sein Geld so aufbewahren will, dann ist das seine Sache. Aber er sollte einem Polizisten sagen können, was es ist und woher er es hat. Andernfalls dürfen wir es beschlagnahmen – legal.
Ich fragte die Frau, ob wir in den Schrank schauen dürften. Wieder stimmte sie zu. Vielleicht hatte sie wirklich keine Ahnung. Die Leute, deren Geld es war, hatten ihr wahrscheinlich nicht viel gesagt. Warum sollten sie auch?
Also öffneten wir den Schrank und fanden sechs Schachteln, die Kopierpapier enthalten sollten. Wir öffneten alle Schachteln. Sie waren vollgestopft mit 20-Dollar-Scheinen. Sie hatte mehr als zwei Millionen Dollar in kleinen Scheinen in ihrem Schrank aufbewahrt und wusste überhaupt nichts davon!
Jetzt wurde sie noch nervöser.
»Brauchen Sie dafür keinen Durchsuchungsbefehl?«, fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf. »Sie waren doch einverstanden.«
Die junge Dame wohnte in einem Apartment mit ganz wenigen Möbeln und zwei Millionen Dollar in Zwanzigern in Pappschachteln. Wenn das für Sie nicht nach einem Drogenversteck riecht, haben Sie bei der Polizei keine Zukunft.
Was also taten wir? Wir nahmen die Frau und das Geld mit ins Büro des FBI. Wir fotografierten sie, nahmen ihre persönlichen Daten auf, bündelten das Geld und brachten es zu der Bank, in der das FBI unter solchen Umständen Geld aufbewahrt. Die Frau bekam eine Quittung über zwei Millionen Dollar. Nach dem Gesetz war es nun ihre Sache – oder die ihrer Freunde – zu beweisen, dass das Geld ehrlich erworben war und dass es einen glaubhaften Grund für sie gab, so viel Bargeld in Schachteln in einer kaum möblierten Wohnung in einem bekannten Drogenviertel aufzubewahren.
Die Frau wurde freigelassen. Sie hatte kein Verbrechen begangen, und wir hatten weder einen Grund noch den Wunsch, sie festzuhalten. Aber wir warteten darauf, dass jemand mit der Quittung zu uns kommen und das Geld für sich beanspruchen würde. Das geschah nie. Zwei Millionen Dollar in bar fielen so an die Regierung – Kleingeld für Leute, die Milliarden mit Drogen umsetzen.
Zwei Millionen Dollar mögen für einen Drogenhändler nicht viel sein, aber für das FBI ist das eine ganze Menge. Das Bargeld kommt dem Finanz- oder Justizministerium zugute, und jede beteiligte Polizeibehörde bekommt etwas davon ab. Das nennt man »gleichmäßige Verteilung beschlagnahmter Vermögenswerte«. Im Grunde läuft es ab wie bei der Mafia: Jeder bekommt seinen Anteil. Nun ja, jeder außer dem FBI. Ich habe nie verstanden, warum. Trotzdem kein schlechter Fang – zwei Millionen Dollar in bar, verdient während unserer Mittagspause, während wir an einem anderen Fall arbeiteten!
Aber das war ein kleiner Job verglichen mit den Ermittlungen gegen die Drogennetzwerke, die wir vernichten wollten. Ende der 1990er-Jahre hatten die Mexikaner begonnen, das Verteilernetz zu übernehmen, die Pipeline, die von Kolumbien und anderen Drogen produzierenden Ländern in die Vereinigten Staaten führte. Vorher waren die Mexikaner nur kleine Mitspieler beim Drogentransport gewesen. Eines Tages kamen sie dahinter, wie viel Geld sie verdienen konnten, wenn sie für den Transport und die Verteilung des Kokains und Heroins kein Bargeld verlangten, sondern sich stattdessen einen Teil – oft einen großen Teil – der Ware aushändigen ließen, die sie von Kolumbien über Mexiko in die Vereinigten Staaten schafften.
Jetzt verlangten und bekamen die Mexikaner bis zu 45 Prozent von jeder Ladung Drogen. Dadurch stiegen ihre Profite enorm. Wenn ich einem Kurier Geld dafür zahle, dass er eine Ladung Rauschgift transportiert, bekommt er einen festen Betrag für jedes Kilo. Auf diese Weise verdient er zwischen 500 und 3500 Dollar pro Kilo, je nach Entfernung und je nachdem, wie schnell er ist. Wenn ich ihm hingegen ein Kilo Rauschgift gebe, kann er damit auf der Straße 200000 bis 300000 Dollar verdienen. Die Mexikaner waren schlau und wussten das. Sie brachten jedes Jahr Kokain und Heroin im Wert von Hunderten Millionen Dollar in die Vereinigten Staaten.
Wer so viel Rauschgift verschiebt, muss natürlich einen Weg finden, das Geld zurück nach Mexiko und Kolumbien zu bringen. Wie bereits erwähnt, bekommt jeder einen Anteil, vom Pflanzer über den Hersteller, Mauleseltreiber, Lagerbesitzer, Transporteur und Verteiler bis zum Dealer an der Straßenecke. Obwohl so viele Mäuler zu füttern sind, bleibt genug Geld übrig, das aus den USA abgezogen werden muss. Hier kommt der Geldwäscher ins Spiel. Er nimmt das Bargeld entgegen und überweist es auf ganz legalem Weg von einer amerikanischen an eine ausländische Bank.
Diese Situation empört mich, weil die Banken eine Ahnung davon haben müssen, woher die Dollarmilliarden stammen, die sie für die Drogenhändler in deren Heimat transferieren. Aber sie schließen die Augen, weil sie daran verdienen. Es ist schwer, einen Krieg gegen Drogen zu führen, wenn fast alle sich kaufen lassen, entweder insgeheim oder, wie bei den Banken, auf ganz legale Weise.
Von 1999 bis 2004 arbeitete ich in New York für Special Agent Reynaldo »Rey« Tariche und Detective Frank Berberich von der New Yorker Polizei an mehreren Fällen, die Telewash I, Telewash II und Telewash III hießen. Sie waren Teil eines Großeinsatzes des FBI, der Antidrogenbehörde (DEA) und der New Yorker Polizei, der Operation Gegenseitigkeit hieß. Wir hatten erfahren, dass ein gewisser Amado Carrillo Fuentes eines der größten Drogenkartelle in Mexiko leitete. Er hatte einen Vertrauten nach New York geschickt, um sein Kokain in den Vereinigten Staaten zu vertreiben. Dieser Typ namens Martin Manzo war in den USA bald einer der größten Kokainhändler aller Zeiten. Darum wurde auch er zum Ziel der Ermittlungen, die sich über die ganze Ostküste erstreckten. Es gab sogar Verfolgungsjagden mit Schnellbooten in der Karibik.
Ein geheimer FBI-Informant machte Manzo weis, er kenne einen hoch angesehenen und vertrauenswürdigen Geldwäscher – mich –, der jede Menge Bargeld innerhalb von nur fünf oder sechs Werktagen umtauschen und legal überweisen könne. Ob Manzo mich treffen wolle?
Ja, er wollte. Also wurde ein Meeting in Washington Heights vereinbart, einer drogenverseuchten Gegend am Nordzipfel von Manhattan Island. Ich fuhr in einem teuren Mercedes neuester Bauart zu einem Restaurant. Soweit Manzo sehen konnte, war ich allein. Er konnte nicht wissen, dass der Mann, der ein paar Tische entfernt saß und still sein Mittagessen verspeiste, ein FBI-Agent war; dass der Betrunkene, der auf dem Gehweg in einem Papiersack steckte und hektisch mit den Armen fuchtelte, ein anderer FBI-Agent war und kein Bier, sondern Limonade trank und dass weitere FBI-Agenten und New Yorker Polizisten eine oder zwei Straßen vom Restaurant entfernt unser Gespräch über einen Sender an meinem Körper mithörten. Soweit Manzo wusste, war ich sauber – ein reicher, erfolgreicher Geldwäscher. Man stelle sich vor: Ich kreuze in einer gefährlichen Gegend in einem teuren Auto auf, parke genau vor dem Restaurant, steige in schicker Kleidung aus und trage eine Rolex aus purem Gold, Goldschmuck, Santería-Perlen und so weiter. Ich strahle Selbstsicherheit und Unbekümmertheit aus. Was wird Manzo oder ein anderer Dealer denken? Mein Mantra als verdeckter Ermittler lautete immer: »Denke groß, und du bist groß! Denke klein, und du bist klein!«
Die meisten Dealer glauben, dass jeder, dem sie begegnen, ein harter Kerl ist. Darum bestand meine Taktik darin, sie durch Leutseligkeit und Kontaktfreude zu entwaffnen. Ich betrat das Lokal mit federnden Schritten, als gehöre es mir. Dann machte ich eine Bemerkung über das Wetter: »Mann, diese Hitze bringt mich um! Wie fühlen Sie sich heute? Übrigens – was bekommt man hier zu essen?«
Die Dealer, die einen zwielichtigen Kerl erwarteten, waren unweigerlich erfreut zu sehen, dass ich ein netter Bursche war, mit dem man reden konnte. Ich schätzte es, diesen Leuten gerade ins Auge zu sehen. Das tat sonst niemand. Auf diese Weise drückte ich von Anfang an Dominanz aus. Als wir mit dem Gespräch begannen, war ich in Manzos Augen bereits ein Siegertyp.
Ich wusste, dass er dachte: »Wer ist der Mann? Warum traut er sich mit so einem Auto in diese Gegend, in meine Welt?« Aber ich zeigte keinerlei Furcht. Ich wurde gut beschützt und wusste, wie ich mich im Notfall verhalten musste. Manzo ging mir voll auf den Leim. Natürlich konnte ich auch anders. Wenn jemand frech wurde, wurde ich noch frecher. Aber ich wollte nicht als Rüpel anfangen. Ich wollte, dass der Ganove mein Freund wurde. Und einerlei, wie groß die Organisation war, die er zu vertreten behauptete, ich ließ mich nie einschüchtern und zeigte mich nie beeindruckt. Schließlich stand ein reicher Onkel hinter mir – Uncle Sam.
»Sie sind Kubaner, nicht wahr?«, fragte Manzo.
Latinos fragen mich immer, ob ich Kubaner bin, und ich sage immer Ja. Mein Akzent verrät mich ohnehin. Das ist vollkommen in Ordnung – hätte ich mexikanisch geklungen, hätten sie sofort nachgehakt und mich gefragt, aus welchem Teil Mexikos ich komme, wen ich dort kenne und so weiter. Darum ist es sogar ein Segen, dass ich aus Kuba stamme. Als Nächstes bemühte ich mich, Vertrauen aufzubauen und mich auf unseren gemeinsamen Freund als Bürgen zu berufen.
Die Bedeutung der Person, die für einen Geldwäscher bürgt, kann gar nicht überschätzt werden. Man stelle sich vor: Ein Drogenhändler, der kaum einem Menschen traut, gibt einem Mann, der ihm im Grunde völlig fremd ist, eine halbe bis zwei Millionen Dollar bar in die Hand. Er erwartet, dass dieser Fremde das Geld fünf oder sechs Werktage lang aufbewahrt und dann überweist. Das erfordert eine Menge Vertrauen. Was ist, wenn ich mich aus dem Staub mache und er mich nie wiedersieht? Sie würden nicht nur mich suchen, sondern auch den Vermittler. Darum muss der Vermittler, der für jemanden bürgt, von dessen Vertrauenswürdigkeit völlig überzeugt sein. Sein Einsatz ist sein Leben.
»Wir haben ja einen gemeinsamen Freund«, sagte ich, um zur Sache zu kommen. »Er sagt, Sie haben mehr Geld, als Sie bewältigen können.«
Ich merkte, dass ich Manzo gefiel und dass er mit mir ins Geschäft kommen wollte.
»Ich habe einen Insider an der Hand, der Ihr Geld waschen kann«, sagte ich leise. »Ich muss nur wissen, um welchen Betrag es sich handelt.«
Ich fange mit diesen Typen gerne klein an, nur um ihnen zu beweisen, dass ich meine Versprechen halten kann. Außerdem möchte das FBI nicht mehr Geld waschen als nötig! Wir müssen Verbrechern in gewissem Umfang helfen, um sie aus dem Verkehr zu ziehen; aber Geldwäsche gehört eigentlich nicht zu unseren Aufgaben. Darum steigen wir nie zu groß ein.
Ein andermal, als ich wieder die Rolle des Geldwäschers spielte, traf ich in der Queens Mall einen Typen, der mir eine Million Dollar gab – dachte er jedenfalls. Ich nahm das Geld mit ins Büro, und wir zählten es. Es waren drei Millionen! Wir wussten, dass der Ganove wahrscheinlich einen Herzanfall bekommen würde, sobald er merkte, was er getan hatte. Natürlich rief er mich 15 Minuten später an und bat mich inständig, ihm das Geld zurückzugeben. »Kommt nicht in die Tüte«, sagte ich ihm. Ich verriet ihm nicht, dass wir vom FBI waren und dass wir auf keinen Fall zwei Millionen Dollar zurück in den Drogenkreislauf pumpen würden. Ich erklärte ihm, das Geld befinde sich bereits »im System«. Er brauche sich keine Sorgen zu machen, denn der Betrag werde überwiesen. »Gib mir eine Telefonnummer, und ich ruf dich an, sobald alles erledigt ist.«
Der Typ gab mir die Nummer, und jetzt waren wir in der Lage, diesen Anschluss abzuhören. Wir überwachten alle seine Bewegungen, jeden, mit dem er Kontakt hatte, und die Orte seiner Drogengeschäfte. So konnten wir ihn und seine Organisation unschädlich machen. Am Ende der Operation hatten wir mehr als drei Millionen Dollar Drogengelder beschlagnahmt. Da wir an diesem Fall mit der New Yorker Polizei zusammenarbeiteten, bekamen sie zehn oder 20 Prozent des Geldes – so funktioniert das.
Übrigens werden bei den Gesprächen mit diesen Leuten nie Dollarbeträge am Telefon genannt. Aus Hunderttausenden von Dollar werden vielmehr »Einladungen« oder »Karten«. Zum Beispiel: »Ich habe ein paar Einladungen für die Party.«
»Echt? Wie viele Leute kommen denn?«
»300.«
Das bedeutet, der Typ will 300000 Dollar waschen lassen. Vielleicht sagt er auch: »Ich habe 300 Eintrittskarten für das Spiel.«
Nachdem Manzo und ich beschlossen hatten, Geschäftspartner zu werden, mussten wir über die Provision verhandeln, die ich für meine Dienste berechnete. Zunächst verlange ich immer einen hohen Anteil, etwa acht Prozent. Dann lasse ich mich meist auf fünf oder sechs Prozent herunterhandeln. Das ist in etwa die übliche Gebühr für das Waschen von Drogengeldern. Jetzt wollte Manzo nur noch eines wissen: Hatte ich ein paar Referenzen parat – ehemalige Kunden, mit denen ich Geschäfte gemacht hatte –, damit er meine Zuverlässigkeit genauer überprüfen konnte?
Ich sah ihn an, als wäre er ein Idiot. »Referenzen?«, knurrte ich. »Sie wollen Referenzen … von mir? Wissen Sie, mit wem Sie es zu tun haben? Ich will Ihnen eine Frage stellen. Angenommen, morgen unterhalte ich mich mit einem anderen Dealer, und er möchte Referenzen haben. Soll ich ihm dann Ihren Namen geben? Ist das Ihr Ernst?«
Manzo sah seinen Irrtum ein und ließ das Thema fallen. Wir gingen zum nächsten Punkt über – zu den Mitgliedern meines Teams. Wenn ich als Geldwäscher auftrete, erkläre ich den Drogenhändlern immer, dass ich niemals Geld oder Drogen anfasse. Ich begebe mich nie in die Gefahr, verhaftet zu werden. Außerdem will ich meinen Status als Nummer eins in meiner Organisation bekräftigen.
»Sehen Sie den Mann dort drüben?«, fragte ich und deutete mit einer Kopfbewegung zum FBI-Agenten Diego Rodriguez, einem verdeckten Ermittler, der ein paar Tische von uns entfernt saß. Bis dahin hatte ich nicht erwähnt, dass ich Diego kannte.
»Er besorgt die Transaktion für mich. Er trifft Sie oder einen Ihrer Partner an einem Ort Ihrer Wahl und holt das Geld in meinem Auftrag ab.«
In der Welt der Drogen hat niemand eine genaue Arbeitsplatzbeschreibung. Aus Manzos Sicht war Diego vielleicht nicht nur ein Kurier oder Maultier für mich, sondern auch ein Auftragskiller. Diego sah in solchen Situationen mit Sicherheit furchterregend aus. Manzos Respekt vor mir nahm deutlich zu, als er sah, dass Diego auf der anderen Seite des Lokals saß. Jetzt war ihm klar, dass mit mir nicht zu spaßen war, wenn Männer wie Diego für mich arbeiteten.
»Wie wär’s mit der Bar im Ramada Inn in New Rochelle?«, fragte Manzo. »Morgen Abend? Ich schicke meinen Mann Tony.«
Ironischerweise war das Hotel, das er ausgesucht hatte, der Sitz der FBI-Außenstelle für das Westchester County. Das passte ja perfekt!
»In Ordnung«, sagte ich.
Wir nickten uns zum Abschied zu. Ich warf einen Hundert-Dollar-Schein auf den Tisch, um unsere beiden Kaffees zu bezahlen, und ging.
Leider läuft nicht alles so glatt, wie es soll.
Pünktlich am nächsten Abend sah Diego Manzos Mann Tony in der Bar des Ramada Inn. Sie nahmen Kontakt auf, und Diego erklärte Tony, er werde ihm ein Auto mit einem Geheimfach geben, um das Geld zu verstauen. Das gefiel Tony. Diego gab ihm die Schlüssel zu einem VW Jetta des FBI, der nicht nur über ein Geheimfach verfügte, sondern auch über ein Satelliten-Ortungssystem und einen Zündunterbrecher, der es uns ermöglichte, das Auto aus einer Entfernung von fast hundert Metern anzuhalten.
Wir folgten Tony, als er das Hotel verließ und im Jetta wegfuhr. Das FBI hatte für das neue Auto 17000 Dollar ausgegeben. Leider entdeckte Tony seine Beschatter fast sofort. Er fuhr kreuz und quer durchs Westchester County und die Bronx und umkreiste mehrere Male Co-op City und City Island. Dann verschwand er in einer Weinschänke und trank ein paar Bier. Wir wurden langsam nervös. Womöglich trank der Kerl zu viel und fuhr dann in einem FBI-Auto einen Unschuldigen über den Haufen! Außerdem wollten wir unser Auto zurückhaben – wir hatten eben 17000 Dollar dafür ausgegeben und wollten es nicht einem Dealer schenken.
Also jagten wir ihn. Es war fast filmreif. Vermutlich waren ihm zehn Autos – des FBI und der New Yorker Polizei – auf den Fersen. Dann griff wieder einmal Murphys Gesetz ein. Das Ortungssystem versagte, sodass wir ihn eine Weile aus den Augen verloren. Wir dachten, er sei jetzt wohl davon überzeugt, seine Verfolger abgeschüttelt zu haben, und sei unterwegs, um das Geld für Diego zu holen. Nach einiger Zeit entdeckten wir ihn wieder in der Bronx. Er fuhr Richtung Hotel, wo Diego auf ihn wartete.
»Okay, wir haben ja den Zündunterbrecher«, sagten wir. »Stoppen wir die Kiste!«
Wir wollten eine Verkehrskontrolle vortäuschen und das Geld beschlagnahmen, ehe Diego es bekam. Also drückten wir auf den Knopf… und nichts passierte.
Auch der Zündunterbrecher hatte versagt.
Das Auto fuhr einfach weiter wie ein aufgezogener Hase. Tony fuhr am Hotel vorbei und dann nach Norden in Richtung Connecticut. Wir mussten ihn wohl doch von der Straße holen. Noch einmal – ein Betrunkener am Lenkrad eines FBI-Autos ist kein Erfolgsrezept. Also nutzten wir einen Stau, um Tony anzuhalten. Wir behaupteten, mit der Anmeldung des Autos sei etwas nicht in Ordnung und es müsse beschlagnahmt werden. Er ging einfach weg, die Ausfahrt entlang und dann in den Wald. Wir sahen ihn nie wieder. Der Coup war misslungen. Die ganze harte Arbeit rund um Manzo war umsonst gewesen.
Zumindest vorläufig.
Wir beschlossen, Manzo für die cola – spanisch für »Beschatter« – verantwortlich zu machen. Wir behaupteten, er sei schuld daran gewesen, dass Tony verfolgt worden sei, nicht wir. So würden Dealer reagieren – sie beschuldigen immer andere. Manzo schien das glaubhaft zu finden, denn er war bald wieder zu einem Geschäft bereit.
Es gelang uns, Manzos Telefon anzuzapfen. Innerhalb weniger Wochen beschlagnahmten wir zwei Millionen Dollar. Sie waren in einem Sattelschlepper versteckt, der südwärts nach Mexiko fuhr und den wir dank der Abhöraktion stoppen konnten. Wir vermuteten, dass es sich um das Geld handelte, das wir hätten waschen sollen; denn es war genau der Betrag, auf den wir uns geeinigt hatten. Jetzt kam wieder Bewegung in den Fall.
Bald wollten auch andere meine Dienste als Geldwäscher und Drogenhändler in Anspruch nehmen, da Manzo für mich bürgte. Am Ende der Operation wurde Manzo verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er arbeitete mit dem FBI zusammen und gab uns einige sehr gute Informationen, die zur Festnahme und Verurteilung anderer Mitglieder seines Kartells führten. Deshalb wurde seine Strafe auf elf Jahre reduziert. Aber als ich diese Worte schrieb, hörte ich in den Nachrichten, man habe Manzo wegen eines Drogendelikts erneut verhaftet und verurteilt. Diese Leute kann man einfach nicht zur Vernunft bringen. Für sie ist es nicht nur ein Geschäft, sondern eine Lebensweise.
Das Erstaunliche an der Arbeit mit Drogenhändlern ist, dass sie nie Lunte riechen, trotz meines auffälligen Erscheinungsbildes. Alle Kartelle sind in Zweigstellen aufgegliedert. Zum Schluss hatte Operation Gegenseitigkeit 35 Abhörgeräte in zehn Städten in Betrieb. Das Ziel der Aktion war der amerikanische Ableger des riesigen Drogenkartells, dem Amado Carrillo Fuentes vorstand. Wir beschlagnahmten elf Millionen Dollar Bargeld, 6,7 Tonnen Kokain und 1090 Kilo Marihuana. 53 Verdächtige wurden festgenommen. Diese Operation versetzte Fuentes’ Drogengeschäften einen schweren Schlag und war einer der Hauptgründe dafür, dass er sein Aussehen durch plastische Chirurgie verändern ließ. Als Drogenbaron konnte er nicht in die USA reisen, um sich operieren zu lassen; darum begnügte er sich mit mexikanischen Ärzten, die wohl nicht die richtige Ausbildung oder Erfahrung hatten. Fuentes, der mehrere blutige Revierkämpfe überlebt hatte, bevor er die Führung eines mächtigen Drogenkartells übernahm, starb auf dem Operationstisch.5
Unsere verdeckten Ermittlungen und die vielen Wanzen, die wir einbauten, trugen entscheidend dazu bei, den Drogenfluss nach New York zu unterbrechen. Danach galten wir in den Justizbehörden als Vorbilder im Kampf gegen große Drogenkartelle. Anschließend war ich an einem Fall in Südflorida beteiligt, der dazu beitrug, einen noch größeren Drogenring zu zerschlagen. Alle diese Erfahrungen sollten mir dabei helfen, einen glaubhaften Mafioso zu spielen, als die Zeit gekommen war, Greg DePalma zu treffen.
Kapitel 7
»Erinnerst du dich an Pulp Fiction? Ich bin Wolf!«
Während meiner ersten paar Jahre in New York ermittelte ich auch in der Umgebung von Miami. Ab und zu »borgte« sich eine FBI-Außenstelle einen verdeckten Ermittler von einer anderen aus. Es ging um zwei Drogenbosse namens Willy Falcon und Sal Magluta, genannt Los Muchachos (spanisch für »die Jungs«). Sie waren die erfolgreichsten und brutalsten Drogenhändler in der Geschichte Südfloridas, und das will etwas heißen.
Die beiden waren kubanische Einwanderer und beste Freunde, die sich an der Highschool in Miami kennengelernt hatten. Sie hatten gemeinsam die Schule geschmissen, um in Miamis Drogenhandel einzusteigen und ihn später zu beherrschen. Die Polizei wusste, dass Willy und Sal ihr Talent als Motorbootrennfahrer nutzten, um fast 70 Tonnen Kokain im Wert von bis zu zwei Milliarden Dollar nach Miami zu schaffen. Ihr Reichtum und ihr Drogenimperium inspirierten angeblich den Pilotfilm der in den 1980er-Jahren sehr beliebten Fernsehserie Miami Vice. Sie lebten wie Könige, besaßen Villen in Miami Beach und alle Insignien großen Reichtums. In Miami wurden sie wie Volkshelden verehrt. Natürlich wurden sie auch als Verdächtige behandelt, und die Bundesstaatsanwaltschaft hatte gegen die beiden eine scheinbar wasserdichte Anklage vorbereitet.
Es gab nur ein Problem. Die berühmtesten Drogenhändler in der Geschichte Südfloridas wurden von den am besten bewachten Geschworenen in der Geschichte der Region freigesprochen, obwohl es Berge von Beweisen gegen sie gab – so hoch wie die Berge von Kokain und anderen Drogen, die sie verschoben. Die Reaktionen der einzelnen Prozessbeteiligten waren erstaunlich.
Der leitende Staatsanwalt war so deprimiert, dass er vom Gericht in einen nahe gelegenen Stripclub ging, wo er über 900 Dollar Schulden machte und Ärger bekam, weil er angeblich eine Tänzerin ins Ohr gebissen hatte.
Willy und Sal schmissen eine Party, auf der die Bee Gees und die Miami Sound Machine auftraten.
Die Verteidiger gaben zu, dass sie überrascht waren. Roy Black hatte noch vor O.J. Simpson ein »Dreamteam« aus den teuersten Strafverteidigern zusammengestellt, einschließlich Albert Krieger, der ohne Erfolg John Gotti vertreten hatte, sowie den Kollegen Martin Weinberg und Frank Rubino. Rubino verteidigte später Manuel Noriega, den ehemaligen starken Mann in Panama. Black hatte nie geglaubt, dass seine Mandanten freigesprochen werden könnten; aber es waren nicht die Heldentaten der Verteidiger im Gerichtssaal, die Willy und Sal vor dem Knast bewahrten.
Niemand innerhalb und außerhalb der Justiz verstand, warum die Geschworenen das Paar trotz aller Beweise freigesprochen hatten. Gewiss, einige der geladenen Zeugen wurden in der Nähe von Miami tot aufgefunden. Andere entgingen dem Tod nur knapp, als ihr Auto oder Büro in die Luft flog. Deshalb äußerte einer der Geschworenen, ein mutiger Golfkriegsveteran, gegenüber der Anklage als Erster den Verdacht, dass die Jury gekauft und bezahlt worden sei… von Willy und Sal.
Daraufhin ermittelte das FBI. Die Antidrogenbehörde war an dem Fall nicht interessiert, weil es ihr peinlich war, das erste Verfahren verloren zu haben. Also machten sich die FBI-Agenten Mario Tariche und Michael Anderson zusammen mit dem Steuerfahnder Dennis Donnell an die Arbeit. Ins Fadenkreuz ihrer Ermittlungen gerieten bald Miguel Moya, der Sprecher der Geschworenen, der damals am Flughafen als Fahrer von Landetreppen 36000 Dollar im Jahr verdiente, sowie zwei andere Geschworene, die plötzlich sehr viel Geld ausgaben.
Warum war Moya der Hauptverdächtige?
Vielleicht wegen des wunderschönen neuen Hauses, das er in den Florida Keys kaufte.
Oder wegen seiner Saisonkarte für die Stadionloge der Florida Marlins.
Vielleicht auch wegen seiner Abstecher nach Vegas, wo er eine Menge Geld verspielte.
Oder wegen der neuen Rolex, die er zur Schau stellte.
Und das alles mit einem Jahresgehalt von 36000 Dollar.
Es war klar, dass Moya bestochen worden war und seine Stimme in der Jury für einen Geldbetrag verkauft hatte, den man später auf eine halbe bis eine Million Dollar schätzte. Erstaunlicherweise war er nur einer von drei Geschworenen, die von Willy und Sal bestochen worden waren. Das FBI fand heraus, dass Moya zwei Frauen hispanischer Herkunft je eine Million Dollar für ihre Stimme versprochen hatte. Die eine bekam fast so viel, die andere nur 20000. Wie sich herausstellte, hatten Willy und Sal die Geschworenen so skrupellos und effizient gekauft, wie sie ihr Drogenkartell führten.
Wie hartgesotten waren Willy und Sal? Eine beispielhafte Geschichte aus ihrer Laufbahn als Drogenhändler dürfte genügen. Ein Staatsanwalt hatte den Unwillen der beiden erregt. Also schickten sie einige kolumbianische Auftragskiller zu ihm, die ihn ermordeten. Als sie ins Büro stürmten, saß dort auch die Sekretärin des Staatsanwalts und wurde Zeugin der Bluttat. Anschließend diskutierten die Mörder darüber, ob sie die Frau ebenfalls umbringen sollten. Sie entschieden, es nicht zu tun, weil sie nicht dafür bezahlt worden waren. Aber sie nahmen ihr den Führerschein ab und warnten sie: »Wir wissen, wo du wohnst und arbeitest. Wenn du den Mund aufmachst, bist du die Nächste!«
Solche Leute waren Willy und Sal. Drei Geschworene zu bestechen war für sie nichts Besonderes.
Zufällig erhielt die Sekretärin, die Zeugin des Mordes geworden war, später die Chance, gegen Willy und Sal auszusagen. Einer der Killer, der wegen einer anderen Straftat verhaftet worden war, brach zusammen und legte ein Geständnis ab. Die Staatsanwaltschaft bat die Sekretärin, die Aussage des Verbrechers zu bestätigen. Aber sie wollte nichts damit zu tun haben. Sie hatte nichts gesehen, sie wusste von nichts und sie wollte sich aus allem raushalten.
Wahrscheinlich war ihre Entscheidung richtig.
Was Moya betrifft, standen die Ermittler vor einem Dilemma: Sie besaßen Beweise dafür, dass er viel mehr Geld ausgab, als er mit seinem einfachen Job auf dem Flughafen von Miami verdiente. Wie konnten wir ihn zu dem Geständnis bewegen, dass er von Willy und Sal Geld angenommen hatte, wenn dies eine Garantie für eine langjährige Gefängnisstrafe oder für seine Ermordung war – oder beides?
Das FBI und die Staatsanwaltschaft in Südflorida hatten eine kreative Idee: Ein verdeckter Ermittler sollte Moya nach dessen Schicht auf dem Flughafen ansprechen. Anstatt ihn zur Rede zu stellen und ein Geständnis zu verlangen – womit Moya sein Todesurteil unterschrieben hätte –, sollte der Agent vorgeben, ein Mitglied des Drogenkartells zu sein, und behaupten, er besitze ein unterschlagenes Schriftstück, aus dem hervorgehe, dass Moya demnächst wegen Bestechung angeklagt werden solle.
Mit anderen Worten: Der verdeckte Ermittler würde nicht fragen: »Warum haben Sie das getan?« Stattdessen würde er sagen: »Hör zu, Miguel. Wir wissen, dass du Ärger hast, und wir wollen dir helfen. Melde dich, wenn du etwas brauchst, und wir hauen dich raus. Wir lassen dich in Zeiten der Not nicht im Stich.«
Die Kollegen hofften, dass Moya unter diesen Umständen zugeben würde, Bestechungsgeld angenommen zu haben. Die Frage war nun: Welcher Agent war der Richtige?
Mario Tariche, einer der Agenten, die an diesem Fall arbeiteten, hatte einen Bruder namens Rey Tariche in der New Yorker Außenstelle. Mario unterrichtete Rey über den Fall und fragte ihn, ob er einen geeigneten Agenten kenne. Ich hatte das richtige Alter – Mitte 40 –, war Kubaner wie Willy und Sal und sah selbstverständlich nicht wie ein Cop aus. Also fuhr ich nach Miami, wo man mich mit dem Fall vertraut machte. Wir schmiedeten einen Plan. Ich würde einen Cadillac mieten und mit ihm zu dem Parkplatz fahren, auf dem Moya sein Auto während der Arbeit abstellte. Am frühen Morgen würde ein FBI-Lieferwagen vorfahren und ein paar Meter von Moyas Auto entfernt parken. Ein weiterer FBI-Agent würde in der Nähe parken, seinen Platz aber rechtzeitig für mich räumen, kurz bevor Moya Feierabend hatte. Im Lieferwagen sollten sich FBI-Agenten mit Kamera und Tonband aufhalten, und auch ich sollte einen Rekorder bei mir tragen.
Nun, der Tag kam. Am Morgen fuhr Moya auf einen Parkplatz, die FBI-Fahrzeuge stellten sich neben ihn. Die Welt war in Ordnung. (Klar, ich glaube an Murphys Gesetz.) Kurz bevor Moyas Schicht endete, fuhr ich zur Garage und stellte meinen gemieteten Cadillac (mit Videokamera und Tonbandgerät für den Fall, dass Moya der Hitze in Miami entfliehen und während des Gesprächs in einem bequemen, klimatisierten Auto sitzen wollte) auf dem für mich reservierten Platz ab. Dann wartete ich auf Moya.
Das Problem war: Moya kam nicht.
Wo war er? Hatte ihn jemand gewarnt? Niemand wusste es. Wir alle flippten schier aus. Er verließ seinen Arbeitsplatz immer zur gleichen Zeit, fuhr immer zur gleichen Zeit im Shuttle zum Parkplatz und so weiter. Trotzdem konnten wir ihn nirgends sehen.
Meine größte Furcht als verdeckter Ermittler – abgesehen natürlich von dem Risiko, ermordet zu werden – ist, dass mein Aufzeichnungsgerät nicht funktioniert. Darum schaltete ich es ein und hoffte das Beste, obwohl ich Moya noch nicht gesehen hatte.
Kurze Zeit später tauchte er scheinbar aus dem Nichts auf und wollte in sein Auto steigen.
Rasch sprach ich ihn an.
»Sie kennen mich nicht«, sagte ich auf Spanisch. »Ich gehöre zur Organisation von Willy und Sal. Ich habe Insiderinformationen über eine Anklage, die gegen Sie vorbereitet wird.«
Ich zeigte ihm das Dokument, das wir im Büro aufgesetzt hatten, angeblich eine Zusammenfassung der bevorstehenden Anklage.
Natürlich war er entsetzt. Ich redete weiter und hielt mich an das Drehbuch, das wir abgesprochen hatten.
»Willy und Sal sind auf Ihrer Seite«, versicherte ich ihm. »Wir werden nicht tatenlos zusehen, falls diese ärgerliche Anklage erhoben wird. Wir sind immer für Sie da und tun für Sie, was wir können.«
Moya fragte sich bestimmt, wer dieser hünenhafte Mann war, der ihm diese schlimmen Neuigkeiten überbrachte. Er hatte offensichtlich geglaubt, er sei mit seinem Verbrechen davongekommen, und war nun völlig niedergeschmettert, als er hörte, dass ihm der Staatsanwalt auf den Fersen war. Aber ich musste noch aus ihm herauskriegen, was er mit dem Geld gemacht hatte. Das käme dem Geständnis gleich, dass er Bestechungsgeld angenommen hatte.
»Erinnern Sie sich an den Film Pulp Fiction?«, fragte ich ihn. »Nun, ich bin Wolf. Ich bringe Dinge in Ordnung. Darum muss ich alles wissen. Was haben Sie mit dem Geld gemacht. Haben Sie es Ihrer Frau gegeben?«
Zufällig hatte seine Frau ihn kurz nach der Bestechung verlassen und dann einen Job als Fahrdienstleiterin angenommen – ausgerechnet bei der Polizei von Miami.
»Ich habe das Geld meiner Familie gegeben«, sagte er.
Jetzt hatten wir ihn. Vorausgesetzt, mein Rekorder funktionierte.
Das Gespräch war schnell zu Ende.
Nachdem Moya die Garage verlassen hatte, ging ich mit dem Rekorder in der Hand und mit klopfendem Herzen zu meinem Auto. Wenn dieses kleine Gerät versagt hatte, war der ganze Plan im Eimer. Ich betrachtete es und sah das wunderschöne rote Licht und wusste, dass wir es geschafft hatten.
Moya hatte während unseres Gesprächs deutlich genug eingestanden, von Willy und Sal Schmiergeld akzeptiert zu haben. Jetzt konnten wir ihn und danach auch die anderen Geschworenen vor Gericht bringen. Willy und Sal wurden später wegen Bestechung der Jury angeklagt. Moya und sein Anwalt beantragten, das Geständnis, das ich aufgezeichnet hatte, nicht als Beweismittel zuzulassen – ich sei derart groß und furchteinflößend, dass ich Moya eingeschüchtert hätte. Wir führten dem Gericht das Video und das Tonband vor, und die Geschworenen konnten sehen und hören, dass ich ihn keineswegs eingeschüchtert, sondern ihm als Vertreter von Willys und Sals Organisation sogar wiederholt meine Hilfe angeboten hatte.
Moyas Verteidigung: Er behauptete, er habe das Geld schon vor sechs Jahren als Drogenhändler verdient. Somit wäre dieses Delikt praktischerweise seit einem Jahr verjährt gewesen. Er war wirklich ein schlüpfriger Typ. Im ersten Verfahren konnten die Geschworenen sich nicht auf ein Urteil einigen. Er wurde noch einmal angeklagt, und diesmal erzählte er eine andere Geschichte: Er habe das Geld bei verbotenen Glücksspielen gewonnen. Und natürlich war diese Straftat ebenfalls verjährt. Das kaufte ihm die Jury nicht ab. Er wurde zu 17,5 Jahren Gefängnis verurteilt.
Was geschah mit Willy und Sal? Während eines neuen Strafverfahrens gegen Sal Magluta wegen Bestechung von Geschworenen verbrachte ich mehrere Tage im Zeugenstand. Diesmal wurden die Geschworenen vier Monate lang streng abgeschirmt und von der Polizei bewacht, und sie hatten den Mut, Magluta schuldig zu sprechen. Er wurde zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Danach legte Willy ein Geständnis ab.
Nicht lange, nachdem wir Willy und Sal aus dem Verkehr gezogen hatten, rief der Besitzer eines Stripclubs in der Bronx das FBI an und beantragte Polizeischutz. Damit erhielten wir bald die Chance, mich in den Gambino-Clan einzuschleusen.
Kapitel 8
Hilferuf aus der Bronx
Der berühmteste Stripclub in New York heißt Scores. Wenn Sie jemals Howard Stern gehört haben, dann wissen Sie alles über das renommierte Lokal im Stadtzentrum, über das luxuriöse Interieur, die illustren Gäste und die schönen Mädchen. Die Inhaber des Scores bewirten meist Geschäftsleute mit Firmenkreditkarten, Gruppen, die an einem Abend Tausende von Dollar ausgeben, ohne mit der Wimper zu zucken; denn es ist ja nicht ihr Geld. Aber wenn Sie nun glauben, dass die Gäste im Scores sich köstlich amüsieren, sollten Sie mal die Leute kennenlernen, die dort wirklich Spaß haben.
Die Mafia.
Wie jeder Stripclub bot Scores der Cosa Nostra unendlich viele Möglichkeiten, um Geld zu verdienen, von den Speisen und Getränken bis zu der Gebühr, welche die Mädchen dafür entrichten mussten, dass sie sich vor Fremden ausziehen durften. Was das Essen und Trinken anbelangt, sahnten die Gangster doppelt ab: Sie ließen sich von den Lieferanten bezahlen und strichen obendrein einen Anteil an der Zeche der Gäste ein.
Die Mafia hatte bei Scores von Anfang an die Finger im Spiel. Die Eigentümer des Clubs wurden von mehreren Mitgliedern des Gambino-Clans abgezockt: John Gotti jun., Mikey »Scars« DiLeonardo und, am wichtigsten für uns, ein mafiöses Vater-Sohn-Duo namens Greg und Craig DePalma. Greg, ein Capo des Gambino-Clans, verdiente jeden Abend Tausende von Dollar mit dem Club. Er nutzte jede erdenkliche Geldquelle. Das Lokal war ein Hit – jeden Abend war es brechend voll. Der Club gehörte nicht der Mafia; dennoch schröpfte sie ihn ständig um jeden Penny, dessen sie habhaft wurde. Im Winter brachte allein die Garderobe Tausende von Dollar pro Abend ein. Dieses Geld floss Greg und dem Gambino-Clan zu.
Die Tänzerinnen taten alles, um dort arbeiten zu dürfen, denn sie verdienten gut. Kunden kauften mit ihren eigenen Kreditkarten oder mit Firmenkarten Spielgeld in Form von Hundert-Dollar-Scheinen. Für 110 echte Dollar bekam man hundert Dollar Spielgeld, das die Besucher den Mädchen dann für einen Lapdance bezahlten. Die Tänzerinnen führten zehn bis 20 Prozent ihrer Einnahmen an den Club ab. Das Lokal war eine Goldgrube für die DePalmas und den Gambino-Clan, obwohl man in der Howard Stern Show kein Wort darüber hörte.
Nicht alle können es sich leisten, in einen Club wie Scores zu gehen. Das war Greg DePalma klar. Darum streckte er seine gierigen Finger nach einem ähnlichen Stripclub in der Bronx aus – die gleiche hochwertige Innenausstattung, der gleiche riesige Saal, der gleiche Grundriss mit Bars, Privaträumen und einem großen Tanzparkett. Nur die Kundschaft war anders. Die Gäste waren Arbeiter aus der Bronx, die keine Firmenkreditkarten besaßen, sondern nur ihr eigenes, hart verdientes Geld. Sie strömten ebenso in den Club Naked Truth6 (Nackte Wahrheit) wie Manager auf dem Heimweg nach Greenwich, die gerne 95 Dollar zahlten, um sich nach einem harten Arbeitstag in der Wall Street zu entspannen.
Männer, die diese Clubs besuchen, sehnen sich nach Kontakt mit schönen Frauen, aber mehr noch nach Anonymität. Sie wollen ihren Namen auf keinen Fall in der Zeitung lesen oder, schlimmer noch, bei einer Razzia oder einer Prügelei erwischt werden. Darum zahlten die Clubs meist Tausende von Dollar in der Woche als Schutzgeld an organisierte Banden, damit keine peinlichen Gewaltausbrüche die Kunden abschreckten und das Geschäft verdarben.
Ende der 1990er-Jahre wanderten Greg und Craig DePalma ins Gefängnis, weil sie Scores erpresst hatten. Der Club blieb geöffnet, aber Naked Truth wurde geschlossen. Im Jahr 2002 beschloss ein Geschäftsmann aus der Bronx, den wir Jerry Spogliari nennen wollen, das Lokal umzubauen und wieder zu eröffnen. Er stellte jeden ein, der etwas mit Naked Truth zu tun gehabt hatte, sei es als Pächter, sei es als Angestellter. Dann machte er das Lokal wieder auf. Immerhin war es sehr einträglich gewesen.
Spogliari kümmerte sich nur um sein Geschäft. Er kaufte Speisen und Getränke bei Lieferanten, die der Mafia gehörten, und war ansonsten ein aufrechter Bürger. Doch eines Abends bekam er großen Ärger. Eine der aufstrebenden ethnischen Verbrecherorganisationen, die Albaner, wollten an seinem Club mitverdienen. Nicht weniger als 30 Mitglieder der alba-nischen Bande stürmten in das Lokal, schlugen es kurz und klein und verprügelten jeden, den sie erwischten. Das macht dem Manager aus Greenwich oder dem Automechaniker in der Fordham Road verständlicherweise keinen Spaß. Das Geschäft war ruiniert, wenn er sich nicht mit den Albanern einigte, die in der Branche Fuß fassen wollten. Spogliari hatte zwei Möglichkeiten: jede Woche viel Geld an die Albaner zu zahlen oder zu uns zu kommen.
Sehr leise und sehr zögernd ging er zum FBI.
»Ich will denen kein Schutzgeld zahlen, aber ich brauche Schutz«, erklärte er. »Ich bin nur ein Geschäftsmann, der versucht, Geld zu verdienen. Wegen dieser Kerle möchte ich nicht mein Geschäft verlieren.«
Anfangs betrachtete das FBI diesen Fall als Gelegenheit, den albanischen Gangstern das Handwerk zu legen. Doch nachdem Spogliari mit dem FBI gesprochen hatte, besuchte ihn ein Trupp des Gambino-Clans. Es waren nicht die Leute, die vor einigen Jahren Scores und Naked Truth erpresst hatten. Diese neuen Gambinos boten ihm Schutz vor den Albanern an. Sie versprachen ihm, das Problem mit den Albanern zu lösen, wenn er jede Woche Schutzgeld zahlte. Natürlich sprach zu Beginn dieses Falles nichts dafür, einen Agenten als verdeckten Ermittler ins Herz des Gambino-Clans einzuschleusen, obwohl wir später genau das taten. Damals sah alles wie ein ganz einfacher Fall aus: Man schickt einen verdeckten Ermittler hin, der ein paar Albaner und Gambinos aus dem Verkehr zieht. So fing es jedenfalls an.
Die Außenstelle New York brauchte einen verdeckten Ermittler, der die Rolle von Jerry Spogliaris neuem Partner spielen konnte, einem Kerl, der in den Club investierte – vielleicht für eine Renovierung – und die Schutzgelder an die Mafia und/oder die Albaner abführte.
Mit anderen Worten: mich.
Es gab nur einen Haken.
Während meiner Laufbahn hatte ich undercover mit Drogenhändlern, Geldwäschern, Erpressern und anderen Ganoven zu tun, die entweder auf eigene Faust oder für ein Drogenkartell handelten. Ich spielte unter den Kolumbianern, Russen, Dominikanern, Puertoricanern und so weiter immer die Rolle eines Außenseiters. Ich war immer der harte Bursche, der Boss, der Mann, dem niemand etwas zu sagen hatte. Ich spielte einen kubanischen Dealer und war sogar in die Rolle eines italienischen, asiatischen, russischen und hispanischen Kriminellen geschlüpft, immer mit großem Erfolg. Doch jetzt sollte ich eine Welt betreten, die mir völlig neu war: die Welt des organisierten Verbrechens, die Welt der Mafia und speziell die Welt des Gambino-Clans in New York. Das ist ein ganz anderes und sehr viel gefährlicheres Spiel.
Werfen wir einen kurzen Blick zurück, denn ich weiß, dass es immer noch Leute gibt, die nicht an die Existenz der Mafia glauben. Begraben Sie Ihre Zweifel! Sie ist real und immer noch mächtig.
Die Kriege zwischen verschiedenen amerikanischen Verbrecherclans sizilianischer Herkunft endeten in den 1930er-Jahren, als eine Organisation gegründet wurde, die heute noch existiert. An der Spitze steht die Kommission, der die »Bosse« oder Paten der fünf New Yorker Clans oder Familien angehören: Gambino, Lucchese, Genovese, Bonanno und Colombo. Jeder Clan ist nach dem gleichen Schema aufgebaut. Der Boss legt die Richtung fest und schlichtet Streit zwischen seinem Clan und anderen. Ein Stellvertreter unterstützt den Paten. Der Consigliere (denken Sie an Robert Duvall als Tom Hagen in Der Pate) ist sein Berater. Unter den obersten drei stehen die Capos oder Captains. Sie befehligen die Gangs, die aus initiierten Mitgliedern der Mafia, Soldaten genannt, bestehen. Verbündete oder Komplizen dieser Banden bemühen sich, zu Soldaten befördert zu werden. Wie das geht? Treibe eine Menge Geld für deinen Clan ein, bringe genügend Menschen um oder beseitige deine Vorgesetzten.
So also steigt man auf. Aber wie steigt man ein?
Man muss aus dem Viertel stammen, in dem die Ganoven ihr Unwesen treiben. Henry Hill, um den es in dem Buch Wiseguy und im Film GoodFellas geht, wuchs in Brooklyn auf und beobachtete die Mafiosi am Taxistand an seiner Straße. Sie kannten ihn schon als kleines Kind. Sammy »the Bull« Gravano, John Gottis Stellvertreter im Gambino-Clan, wuchs in Bensonhurst in Brooklyn auf, einem italienischen Viertel, dessen Bewohner fest zusammenhielten. Hochrangige Mafiosi kannten ihn als mutigen Kämpfer, schon bevor er ein Twen war.
Ich wurde in Kuba geboren. Niemand kannte mich.
Konnte ich mich wirklich als einer von ihnen ausgeben? Als Gangster? Als Italiener? Als Mafioso?
Ich war Mitglied der Drogensondereinheit gewesen, die das FBI und die New Yorker Polizei gemeinsam aufgestellt hatten. Eine bessere Truppe hätte sich ein Polizist nicht vorstellen können. Ich kenne kein Team, das so viele herausragende, komplexe, langwierige Fälle gleichzeitig bearbeitet hat, und ich hatte die Ehre und das Vergnügen, an fast allen Einsätzen undercover mitzuwirken. Die Agenten, die sich um den Fall des Stripclubs in der Bronx kümmerten, brauchten unbedingt einen erfahrenen verdeckten Ermittler, der schnell von Begriff war, und sie mussten ihn nicht in der Ferne suchen; denn ich war ja einsatzbereit.
Allerdings sollte ich diesmal einen Italiener unter Italienern spielen, zum ersten Mal in meiner Laufbahn.
Taktisch gesehen war es sinnvoll, den verdeckten Ermittler in diesem Fall als Italiener auszugeben, da wir ja das Vertrauen der Mafiosi erwerben wollten, die versuchten den Club zu erpressen. Anfangs zweifelte das FBI an meiner Eignung, einfach deshalb, weil ich kein Italiener war. Was wusste ich über italienisches Essen? Meine Einstellung zum Essen lautet: Gebt mir ein paar pastelitos (Blätterteig mit Rindfleisch oder Guave oder Kokosnuss) und ein wenig ropa vieja con moros y maduros (gehacktes Rindfleisch, kubanische schwarze Bohnen, Reis und Kochbananen), und ich bin glücklich.
Italienisches Essen schmeckt mir durchaus – weil mir alles schmeckt. Wie könnte es anders sein, wenn man über 270 Pfund wiegt? Aber ich wusste sehr wenig darüber, wie Mafiosi sich benehmen. Bei diesem Einsatz sollte ich nicht in irgendeine Bande eingeschleust werden, sondern in den Gambino-Clan, eine der meistgefürchteten und mächtigsten der fünf New Yorker Mafiafamilien. Wenn das FBI mich als verdeckten Ermittler einsetzen wollte, musste ich in die Schule gehen und lernen, wie ich meine Rolle zu spielen hatte.
In die Mafiaschule.
Das FBI richtete eine solche Schule für mich ein.
Beim FBI gibt es im Wesentlichen drei bürokratische Ebenen. Zuerst kommt der verdeckte Ermittler, der einen Fall tatsächlich bearbeitet. Über ihm steht der Handler oder Case Agent (Fall-Agent), der den Fall Tag für Tag leitet und regelmäßig Kontakt mit dem verdeckten Ermittler aufnimmt. Sein Vorgesetzter ist der Supervisor, ein leitender Verwaltungsbeamter in der Außenstelle oder in Washington. Er bestimmt, welche Fälle geöffnet oder geschlossen werden und alles Übrige.
Im Fall Naked Truth war ich einem sehr erfahrenen Case Agent namens Nat Parisi unterstellt. Nat hatte sich während seiner ganzen Laufbahn mit dem organisierten Verbrechen und mit Drogenkriminalität befasst, sowohl in New York als auch in White Plains. Er stellte ein Ausbildungsprogramm zusammen, das einen verdeckten Ermittler, der fast hundert Einsätze hinter sich hatte, in einen Typ verwandeln sollte, der selbst vor den strengen Augen der stets misstrauischen Cosa Nostra bestehen konnte. Natürlich war das keine leichte Aufgabe. Seit »Donnie Brasco« – einem FBI-Agenten in der Rolle eines Gangsters – hatte die Mafia panische Angst vor einer Infiltration durch die Polizei. Wer in die Mafia aufgenommen werden wollte, wurde jetzt höchstwahrscheinlich ebenso gründlich überprüft wie ein Anwärter beim FBI. Wie konnte ein völlig fremder Mann die vorsichtigen, im Gefängnis gestählten Kriminellen davon überzeugen, dass er vertrauenswürdig war? Vor dieser Herausforderung standen Agent Parisi und ich, als der Unterricht begann.
Offen gesagt ist die Paranoia der Mafia in Bezug auf Spione beinahe komisch. Wer als Vollmitglied in den Bonanno-Clan aufgenommen werden wollte, musste sich vor dem Initiationsritus sogar nackt ausziehen. Pardon, aber wollt ihr einen Kerl, der bei seiner Initiation möglicherweise eine Wanze bei sich trägt, wirklich in die Cosa Nostra aufnehmen?
Eine kluge Vorsichtsmaßnahme der Gangster bestand darin, dass sie ihre Einweihungsriten nicht mehr im Keller von Privathäusern abhielten, wie es jahrzehntelang Tradition gewesen war. Sie wussten, dass die Polizei Privatwohnungen abhören durfte. Jetzt fand die Zeremonie in Hotelzimmern statt, die sie für einen Tag mieteten. Sie vollzogen ihr Ritual, dann verschwanden sie. Aber was taten sie wirklich? Sah ihr Leben wie eine Sopranos-Episode aus oder anders?
Bei der Mafiaschule im FBI ging es also darum, eine Identität, einen Hintergrund zu schaffen und zu lernen, wie man sich als Mafioso benimmt, damit niemand ernsthaft an mir zweifelte oder mich verdächtigte, ein Spitzel zu sein. Die Entlarvung als FBI-Agent fürchtete ich im Grunde am wenigsten. Mafiosi töten nie FBI-Agenten – sie wollen keine Scherereien. Die eigentliche Gefahr war, dass sie mich für eine Ratte hielten, einen Ganoven, der die Seiten gewechselt hatte und sie für das FBI oder eine andere Justizbehörde ausspionierte. Dann würden sich mich sofort umbringen.
Wenn die Kolumbianer eine Ratte aufspüren – einen Undercover-Polizisten oder einen Informanten –, verpassen sie ihm die »kolumbianische Krawatte«. Sie schlitzen ihm die Kehle auf und ziehen die Zunge durch die Wunde, zur Strafe dafür, dass er sie verpfiffen hat. Die Mafia verpasste ihm »zwei in den Hinterkopf« oder stopfte ihm Geld oder einen Kanarienvogel in den Mund. Die Leiche legte sie in den Kofferraum eines gestohlenen Autos, das auf einem Langzeitparkplatz am Flughafen stand.
Mein Unterricht begann mit dem Aufbau einer neuen Identität. Ich konnte nicht einfach spontan ein »Märchen« oder einen »Stammbaum« erfinden, wie ich es bisher getan hatte. Ich brauchte eine wasserdichte Vorgeschichte, die sich überprüfen ließ; denn das würden sie fast mit Sicherheit tun. Wir begannen mit einem neuen Namen, und das bedeutete, dass wir meine ethnische Herkunft festlegen mussten. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder war ich ein waschechter Italiener, der während der Batista-Ära in Kuba aufgewachsen war, oder ich war halb Italiener und halb Kubaner. Wir wollten diese Entscheidung treffen, sobald ich mit der Situation in der Bronx vertraut war.
Auch einen Namen musste ich mir aussuchen. Wir einigten uns auf Falcone, den Namen eines mutigen sizilianischen Richters, den die Mafia zusammen mit seiner Frau und drei Polizisten vor einigen Jahren ermordet hatte. Der damalige FBI-Direktor Louis Freeh ehrte Richter Falcone mit einer Bronzebüste in der FBI-Akademie für seine Tapferkeit im Kampf gegen die italienische Mafia. Später zuckten einige Gangster zusammen, als sie meinen Namen hörten, und fragten laut, ob ich mit diesem abscheulichen Kerl verwandt sei. Dennoch wurde Jack Falcone mein Name in der Mafia.
Außerdem brauchte ich eine Sozialversicherungsnummer, die zu meiner neuen Identität passte. Bald erfuhr ich, dass solche Nummern auf den Straßen New Yorks leicht zu kaufen sind. Ich bekam eine falsche Nummer, ging damit zur Führerscheinstelle nach White Plains und besorgte mir einen Führerschein auf meinen neuen Namen. Dann beantragte und erhielt ich eine Kreditkarte. Allmählich erhöhte ich meine Kreditlinie, bis ich eine Goldkarte und schließlich eine Platinkarte von American Express bekam. Ich bezahlte auch alltägliche Dinge wie Benzin oder Mahlzeiten mit der Karte, um meine Kreditwürdigkeit als Jack Falcone zu verbessern.
Später, als ich an dem Fall arbeitete und die Mafiosi mich fragten, warum ich eine Amexkarte besitze, erklärte ich ihnen, mein Steuerberater habe mir geraten, für Umsätze zu sorgen, um meine legalen Geschäfte als Immobilienhändler glaubhaft zu machen. Das kauften sie mir ab. Sie fragten mich danach, weil Mafiosi keine Kreditkarten benutzen. Normalerweise haben sie ein großes Geldbündel bei sich, zusammengehalten von einem dicken blauen oder grünen Gummiband, wie Supermärkte es benutzen, um Brokkoli zu bündeln. Das Geldbündel wird Knoten genannt wie die Astknoten auf einem Parkettboden, und oben liegt immer ein Hundert-Dollar-Schein. Je größer das Bündel ist, desto erfolgreicher ist der Besitzer. Einen Gangster, der etwas auf sich hält, sieht man nie eine Geldbörse zücken. Alle tragen ihr Geld in dicken Bündeln bei sich, umwickelt mit diesen Gummibändern. Um sich ausweisen zu können, haben sie meist einen Führerschein dabei, der oft in einem anderen Bundesstaat ausgestellt wurde und abgelaufen ist. Das alles musste ich lernen. Der kleinste Fehler hätte mich als verdeckten Ermittler enttarnen können, und das Spiel wäre aus gewesen.
Zu all meinen falschen Papieren brauchte ich eine passende Geschichte. Also verwandelte ich mich in einen Typen aus Miami mit eigener Gang – ausgebufften kubanischen Bootsflüchtlingen, die für mich in Häuser einbrachen, um Juwelen und Drogen zu stehlen. Es gab ein paar Gambinos in Florida, die jedoch wenig oder gar keinen Kontakt mit den kubanischen Dealern hatten. Die New Yorker Gambinos konnten mich also von ihren Leuten in Florida nicht überprüfen lassen. Meine Geschichte war auch deshalb gut ausgedacht, weil ich bei mehreren Einsätzen eine Menge Zeit in Miami verbracht hatte. Ich kannte die besten Clubs und Restaurants, die ganze Szene. Und ich konnte eine glaubhafte Story über meine Erlebnisse in der Stadt erzählen.
Was meine Familie anbelangt, so war ich meinem fingierten Lebenslauf zufolge das einzige Kind, und meine Eltern waren gestorben. Mein Vater war ein Italiener, der in den fünfziger Jahren in einem Kasino in Havanna gearbeitet hatte, und meine Mutter war entweder Kubanerin oder Italienerin – das wollten wir entscheiden, sobald es notwendig war. Ich wurde 1952 geboren, und als Castro 1959 an die Macht kam, wanderte meine Familie nach Miami aus. Nach dem Verlust beider Eltern ließ ich mich mit falschen Freunden ein und wurde wegen verschiedener Delikte mehrere Male festgenommen, war aber nie im Gefängnis. Ich fälschte eine Polizeiakte für Jack Falcone, damit ich meinen neuen Gambino-Kumpels bei Bedarf etwas zu erzählen hatte, wenn sie es nicht auf ihre Weise selbst herausfanden. Wichtig war, dass ich keine Gefängnisakte hatte. Gangster im ganzen Land knüpfen ihre Kontakte nämlich oft hinter Gittern. Ein Mitglied eines Mafiaclans verbringt vielleicht 20 Jahre in Bundesgefängnissen überall im Land. Jeder, der meine Vergangenheit überprüfte, konnte mühelos herausfinden, dass niemand einen Jack Falcone kannte, der zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Gefängnis gewesen sein sollte. Oder er stellte fest, dass ein bestimmter Ganove genau zu der Zeit in einem Knast war, als ich angeblich auch dort einsaß, und fragte mich nach ihm aus.
Gewiss, das FBI leistete gute Arbeit und half mir, eine neue Identität aufzubauen; aber ich wusste, dass ich einen Schritt weiter gehen musste. Immerhin steckte ich tiefer in der Sache drin als meine Kollegen. Wenn ich wegen eines Fehlers in meinem erfundenen Lebenslauf aufflog, würden sie trotzdem am nächsten Tag aufstehen, Kaffee trinken und zur Arbeit gehen – während ich tot war. Darum machte ich mit meiner Frau Urlaub in Florida und besuchte Friedhöfe, bis ich Falcones fand, die zu der Zeit gestorben waren, als ich heranwuchs. Falls ein Mafioso zu mir sagte: »Machen wir doch einen Abstecher nach Florida, und du zeigst mir, wo deine Eltern begraben sind«, konnte ich antworten: »Kein Problem, fliegen wir hin.«
Ich musste jede Einzelheit meiner Geschichte überprüfen.
Nun hatte Jack Falcone also eine Bankauskunft, ein Strafregister und eine Familiengeschichte. Aber das Leben in der Mafia dreht sich nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um das Hier und Jetzt. Für Ganoven bedeutet das, in Bars und Restaurants herumzuhängen. Leute, die GoodFellas, Die Sopranos, Der Pate und ähnliche Filme gesehen haben, glauben wahrscheinlich, dass Mafiosi immer auf Trab sind und ständig Menschen erschießen und in Stücke hacken. Das dachte ich damals auch. Aber die Wirklichkeit ist anders. Ja, sie tun das alles; aber den größten Teil des Tages verbringen sie damit, zu essen und über künftige Coups zu reden.
Wenn ich mit Gangstern essen wollte, musste ich über ihre Gewohnheiten Bescheid wissen. Also ging es bei meiner nächsten Lektion um Essen und Trinken. Mich muss man nicht zweimal zum Essen bitten; darum machte mir dieser Teil der Ausbildung besonderen Spaß. Mafiosi wissen genau, in welchem Restaurant sie welche Gerichte bekommen. Wer beispielsweise würzigen Hummer mag, geht zu F.illi Ponte am West Side Highway. Wer Frikadellen schätzt, besucht das Rao in East Harlem. Und wer gutes Kalbfleisch vorzieht, findet es bei Il Mulino im Village. Natürlich gibt es viele gute Restaurants; aber Mafiosi wissen eben, welches am besten ist. Und wenn du das nicht weißt, stimmt etwas nicht mit dir.
Nat, mein Case Agent, nahm mich in italienische Restaurants mit und brachte mir bei, wie man bestellt, wie man das Essen kostet, worauf man achten sollte und wie echte Ganoven darüber reden. Ich lernte, prosciutt’ zu sagen, nicht prosciutto, manicot’, nicht manicotti. Ich erfuhr, was würziger Hummer ist, wie die Soße im Rao schmeckt, was regionale Küche ist – alles. (Übrigens bezahlten wir diese Mahlzeiten aus eigener Tasche; denn für diesen Teil meines Unterrichts übernahm das FBI die Spesen nicht.)
Sobald ich wusste, wie ein echter Italoamerikaner Essen bestellt, setzte ich meine Ausbildung beim Food Channel fort. Besonders gern sah ich Molto Mario mit Mario Batali, Lidia’s Family Table mit Lidia Bastianich und Everyday Italian mit Giada De Laurentiis. Diese Shows sind wie Pornos für den Magen; sie machten mich hungrig! Ich informierte mich nicht nur über die Zubereitung der Gerichte, sondern auch über die korrekte italienische Aussprache der Worte. Außerdem lud ich meine Frau und unsere Freunde in italienische Restaurants ein, wo ich das Bestellen übte. Für einen Mann wie mich war dies bestimmt nicht der schwerste Teil meines Jobs.
Hinzu kommt, dass ein Mafioso die Speisekarte nicht einmal ansieht. Er platzt herein, als gehöre ihm der Laden, begrüßt den Kellner und den Oberkellner wie Verwandte, die er lange nicht gesehen hat, und fragt jovial: »Na, was esse ich denn heute?«
Dann macht der Kellner ein paar Vorschläge, die der clevere Ganove ignoriert.
Stattdessen sagt er: »He, wisst ihr was? Macht mir ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, etwas Prosciutt’ mit Parmigiano reggiano, ein wenig Antipast’ und etwas Polenta mit Gorgonzola und Wurst. Danach bringt ihr mir ein bisschen Linguine mit Muschelsoße. Was haltet ihr davon?«
Die Kellner sind begeistert!
Ich lernte auch, wie man »italienische Kriegsorden« erwirbt. So nennen es die Mafiosi, wenn jemand bei einer ihrer vielen Fressorgien sein Hemd mit Soße oder Spuren italienischer Speisen bekleckert. Das waren jedoch keine Ehrenzeichen, weil die Einzigartigkeit und das gepflegte Erscheinungsbild darunter litten. Wenn man einen Orden bekommen hatte, wussten alle, wie man ihn entfernt. Meiner Erfahrung nach war Sodawasser am besten. Sobald der Fleck trocken war, entfernte ich das Fett mit etwas Talkum.
Für das Trinken gab es ebenfalls Regeln. In Philadelphia lernte ich, dass ein echter Ganove immer Macht ausstrahlt, selbst wenn er Bier bestellt. »He, gib mir ein Johnnie Walker Black on the Rocks. Oder ein Ketel One on the Rocks.« Ein Mafioso weiß, wer er ist und was er trinkt. Für Unfug hat er keine Zeit. Zumindest muss er diesen Eindruck vermitteln. Mafiosi sind zudem äußerst großzügig. Warum auch nicht? Es ist nicht ihr Geld – sie haben es gestohlen!
Das soll nicht heißen, dass Mafiosi pflegeleichte Gäste sind. Sie brechen die Regeln und verweisen arbeitende Menschen in ihre Schranken, um anzugeben. Ich habe dieses Benehmen immer verabscheut. Ich fand es abstoßend und unnötig, wenn Mafiosi schwer arbeitende hispanische Kellner und Hilfskräfte, die eine Familie hatten und nur etwas Geld verdienen wollten, wie Abschaum behandelten. »He, was bist du, Mexican oder Mexican’t?«, fragten sie, wenn der Lehrling vergaß, ihnen mehr Brot oder Wasser zu bringen, obwohl sie es verlangt hatten. Immer wenn ich dabei war, winkte ich den Kellner oder Hilfskellner zu mir – natürlich wenn die anderen nicht zusahen –, gab ihm einen Zehner, Zwanziger oder gar Hunderter und sagte, mein Freund habe es nicht so gemeint. Mafiosi können großzügig und grob zugleich sein.
Diese Großzügigkeit bewiesen sie gegenüber Kollegen in der Weihnachtszeit. John Gotti sen., der ehemalige Boss der Gambinos, war dafür bekannt, dass er vielen Leuten einen ganz besonderen Cognac namens Louis XIII. von Rémy Martin schenkte, der 1500 Dollar pro Flasche kostete. Selbstverständlich bekam er ihn kostenlos von jemandem, den er erpresste, oder er »fiel von einem LKW runter«. Es waren sehr hübsche Flaschen aus Baccarat-Kristall, und der Cognac war der feinste. Wie gesagt, es ist leicht, großzügig zu sein, wenn man fremdes Geld verschenkt.
Wenn am Ende einer Mahlzeit die Rechnung kommt, greift einer in der Runde danach. Mafiosi sagen nie: »Okay, mal sehen. Du hattest die Makkaroni, ich das Huhn parmigian.« Nein, jemand nimmt die Rechnung mit großer Geste an sich, und wenn die anderen sie ihm streitig machen wollen, sagt er: »Wollt ihr mich beleidigen? Ihr kriegt die nächste!« Es geht nur darum, den wundervollen, großzügigen Typen zu spielen.
In Wahrheit sind diese Leute weder wundervoll noch großzügig. Greg DePalma sagte oft zu mir, seine Mafiafamilie sei ihm wichtiger als seine eigene Familie. »Wenn dein Kind auf dem Operationstisch liegt«, pflegte er zu sagen, »und nur noch zehn Sekunden zu leben hat und dein Boss ruft dich, dann musst du die Klinik sofort verlassen und zu ihm gehen. Später kannst du ja Blumen für die Beerdigung deines Kindes schicken.« So steht es auch in Underboss, Peter Maas’ packender Lebensgeschichte von Sammy »the Bull« Gravano, einem stellvertretenden Boss. Entweder handelte es sich also um einen Mafiabrauch, den DePalma übernommen hatte, oder er hatte dieses Buch gelesen. Mafiosi achten sehr darauf, wie sie in der Populärkultur wahrgenommen werden. In den 1970er-Jahren schauten sich alle Gangster den Paten an, und vor ein paar Jahren versäumten sie keine Episode der Sopranos. An Sonntagen zwischen 21 und 22 Uhr wurden sehr wenige Verbrechen begangen (abgesehen davon, dass die meisten Ganoven das Kabel illegal anzapften).
Außerdem küssen sie sich oft auf die Wange. Ich brauchte eine Weile, um mich daran zu gewöhnen. Warum können Gangster sich nicht einfach die Hände schütteln? Ich hätte ohne all die Knutscherei leben können.
Als Kerle, die kaum auf ihr Gewicht achten, legen sie großen Wert auf eine gepflegte Erscheinung. Mafiosi gehen andauernd zur Maniküre und Pediküre. Sie lackieren die Nägel nie – nur Polieren ist erlaubt. Als ich zum ersten Mal mit den Jungs zur Maniküre ging, musste ich zunächst meinen Schock überwinden; denn was ich tat, war ja unmännlich. Ehrlich gesagt, es fühlte sich großartig an! Kein Wunder dass Frauen es regelmäßig machen – und vor uns geheim halten. Ein paar Mal ließ ich mir sogar eine Gesichtsbehandlung und eine Massage verabreichen, und alles, was ich dazu sagen kann, ist: Mann, wie wundervoll!
Auch regelmäßige Besuche beim Friseur sind unerlässlich, denn Mafiosi und Möchtegernmafiosi müssen sauber rasiert und frisiert sein. Gesichtshaare sind verboten, weil Mafiosi der Meinung sind, dass sie nichts zu verbergen haben und sich vor niemandem verstecken müssen. Zudem finden sie, dass andere Männer sich einen Bart wachsen lassen, um maskulin und einschüchternd zu wirken – aber das sind sie ohnehin. Vielleicht wollen sie sich auch von der Ganovengeneration ihrer Großeltern unterscheiden, die man wegen ihrer geliebten Bärte »Moustache Petes« nannte. Das also ist die Körperpflege-Etikette für Mafiosi.
Außerdem haben sie viel Sinn für die schönen Dinge des Lebens. Sie kennen sich mit Schmuck aus. Glanz und Schnitt der Diamanten an ihren unvermeidlichen Ringen am kleinen Finger verleihen ihnen Ansehen. Sie lieben schönen Schmuck aller Art: Manschettenknöpfe, pompöse Armbänder, Halsbänder aus massivem, purem Gold, verschiedene Markenuhren und Krawattennadeln mit Diamanten. Ohrringe sind nicht erlaubt – wahrscheinlich sind sie in ihren Augen nicht männlich genug.
Die Kleidung ist ebenfalls wichtig. Mafiosi wissen einen Brioni oder Zegna von einem schlichteren Anzug zu unterscheiden. Sie bevorzugen maßgeschneiderte Anzüge aus den besten italienischen Stoffen, getragen mit einer Seidenkrawatte und passenden Handschuhen, um die Abendgarderobe zu vervollständigen. »Italienische Smokings« sind bei den Jungs sehr beliebt. So nennen sie einen Trainingsanzug von Fila oder Sergio Tacchini, den sie meist über einem Muskelshirt tragen, das den Blick auf ein Halsband und ein Kreuz aus massivem, purem Gold freilässt. Neue Turnschuhe von bester Qualität vervollständigen diese Kluft. Die Trainingsanzüge sind im Alltag aus Velours, bei formellen Anlässen aus Seide und im Sommer aus Nylon oder Polyester.
Auch die richtigen Schuhe gehören dazu – Ferragamo, Bally oder Gucci. Eine besondere Schwäche haben sie für Alligatorschuhe. Es ist gut für das Image, sie in Schwarz, Braun oder sogar Blau zu tragen. Die Socken bestehen aus Kaschmir oder Nylon. Cooles Aussehen vom Kopf bis zu den Füßen ist enorm wichtig, denn man will ja nicht mit einem »morte d’fam«, einem verarmten Kleinkriminellen, verwechselt werden. Das wäre eine Katastrophe. Gute Kleider, eine Rolex und edler Schmuck beweisen, dass man es geschafft hat, dass man erfolgreich ist.
Von Nat lernte ich, dass Gangster peinlich genau auf den Status achten, den ihnen bestimmte Aspekte ihrer Kleidung und ihres Schmucks verleihen. Sie werfen einen kurzen Blick auf eine Armbanduhr, und schon wissen sie, ob das Ding echt ist – schneller als ein Experte. Sie erkennen einen Diamanten schneller als ein Fachmann bei Cartier oder Tiffany. Deshalb musste ich selbst zum Experten werden. Ich musste nicht nur die verschiedenen Marken und Modelle edler Uhren kennen, sondern auch wissen, was einen Diamanten wertvoll macht. Ich musste erkennen, ob ein Schmuckstück von Jacob and Company oder von Harry Winston oder von einer anderen erstklassigen Firma stammte. Außerdem musste ich wissen, was Schmuckstücke im Einzelhandel, als heiße oder gestohlene Ware sowie neu und gebraucht kosteten und wie eine fehlende Seriennummer oder Garantie sich auf den Preis auswirkte.
Ich konnte nicht vortäuschen, Uhren zu stehlen, und dann 10000 für eine Uhr verlangen, die man auf der Straße schon für 4500 oder 5000 Dollar bekam. Also prägte ich mir die Unterschiede zwischen Audemar Piguet, Chopard, Patek Philippe, Breitling und vor allem Rolex ein. Eine hübsche Rolex aus rostfreiem Stahl war das eine, aber wie ernst konnte man einen Typen nehmen, der keine Day-Date Rolex President aus 18-karätigem purem Gold besaß?
Mafiosi kaufen übrigens nie im Fachgeschäft. Wenn sie ein hübsches Schmuckstück haben, dann ist es von einem LKW gefallen, oder sie haben es durch Erpressung oder als Geschenk bekommen. Vielleicht haben sie von einem der Jungs in der Nachbarschaft gehört: »Wir haben ein paar Uhren besorgt – willst du sie dir ansehen?« Oder sie gehen auf Shoppingtour und plündern ein Konto mit gestohlenen Kreditkarten. Aber der alte Witz von Woody Allen, die größte Sünde in seiner Familie sei das Einkaufen beim Einzelhändler, trifft auch auf Ganoven zu.
Ich lernte, dass es nicht allein um Selbstdarstellung ging. Ganoven achten auch sehr darauf, mit wem sie sich zeigen. Angenommen, ich will einen ruhigen Abend mit meiner gumara (gumod gesprochen), meiner Freundin, verbringen, dann ist es ratsam, einen »Bart« mitzunehmen, einen Typen, der uns in die Bar oder ins Restaurant begleitet. Es wäre ja möglich, dass mich jemand sieht, der meine Frau kennt, oder dass ich irgendwann auf einem Video des FBI auftauche, das mich in Schwierigkeiten bringen könnte. Dann kann mein Kumpel behaupten, das Mädchen sei mit ihm gegangen und nicht mit mir.
Die nächste Frage, um die es in meiner Mafiaschule ging, betraf meine Sicherheit. Gab es jemanden in der kriminellen Szene der Bronx, der mich kannte und für mich gefährlich war? Dies waren schließlich nicht die Badlands von Philadelphia, wo ich keinen Menschen kannte. Ich bin in der Bronx aufgewachsen und habe dort in der Highschool Football gespielt. Ich war Rausschmeißer in New Yorker Nachtclubs – im Second Floor, im Pemoes, im Glen Island Casino und in einigen anderen beliebten Lokalen. Wenn mich jemand in einem Restaurant ansprechen sollte, weil er mich zu kennen glaubte, würde ich einfach behaupten, es handle sich um eine Verwechslung, und meiner Wege gehen. Es ist erstaunlich, wie viele schwergewichtige Männer mir ähnlich sehen. Viele hielten mich für einen Vinny oder Tony aus Brooklyn. Vermutlich hat jeder Mensch einen Doppelgänger! Da ich aber in der Bronx aufgewachsen bin, wussten zwei ganz bestimmte Ganoven, dass ich in Wirklichkeit FBI-Agent war. Ich fürchtete, ihnen zu begegnen.
Einer von ihnen war Gigi der Wal, den ich häufig in den Bars der Bronx herumhängen sah. Einmal kam er zu mir und schüttelte mir die Hand.
»Nichts für ungut«, sagte er, »aber sie sind der korpulenteste Agent, den ich je gesehen habe.«
»Was meinen Sie damit?«, fragte ich, erstaunt darüber, dass er mich kannte. Ich wusste, wer er war – aber woher kannte er mich?
Es stellte sich heraus, dass ein gemeinsamer Freund ihm einen Tipp gegeben hatte. Dennoch wollte Gigi mein Freund sein.
»Gigi«, sagte ich genervt zu ihm, »du kaufst und verkaufst Heroin. Du bist ein Dealer. Du warst 24 Jahre im Knast. Das steigert vielleicht dein Ansehen bei gewissen Leuten, aber für mich bist du kein guter Umgang. Also mach deine Geschäfte nicht in meiner Anwesenheit; dann ist alles in Ordnung zwischen uns. Wenn ich dich beim Dealen erwische, bringe ich dich persönlich hinter Gitter. Haben wir uns verstanden?«
Ja, zwischen uns war alles klar. Aber wenn Gigi der Wal mich jemals zusammen mit DePalma oder anderen Mafiosi sehen sollte, wäre mein Spiel aus. Gigi gehörte zur Purpurgang, einer skrupellosen Bande von Heroindealern in der Pleasant Avenue von East Harlem. Man sagt, sie verdanke ihren Namen der Tatsache, dass verdorbenes Fleisch purpurrot sei. Alle, die ich in der Mafia je kennenlernte, mochten und verehrten Gigi, der bei allen Mafiafesten auftauchte. Er starb während meines Undercover-Einsatzes, und zum Glück kreuzten sich unsere Wege nie.
Der zweite Gangster, der mich als FBI-Agent identifizieren konnte, war Randy Pizzolo. Er hielt sich für einen harten Burschen. Obwohl er Freigänger war, tyrannisierte er ständig Männer und Frauen in seiner Umgebung. Jemand hatte ihm gesagt, ich sei ein Agent. Randy war ein Typ wie John Gotti – immer manikürt, immer im modischen Zweireiher, immer mit einer Schönheitskönigin im Arm, wenn er in seinem Mercedes S500 ausfuhr. Einmal kam er in ein Restaurant und sah mich mit einer Gruppe an einem Tisch sitzen. Das war einige Zeit vor meinem Einsatz als Jack Falcone. Er rief vor allen Leuten: »Gib jedem einen Drink, außer dem Bullen!«
Der Kellner sah mich an und wusste nicht, was er tun sollte. Ich riet Pizzolo, sich die Drinks in den Arsch zu schieben, und bestellte die Getränke für meine Kumpels selbst. Dann sagte ich zu Pizzolo: »Hast du ein Problem? Bist du blöd? Du hast Bewährungsauflagen, und ich könnte dich schon deshalb in den Knast bringen, weil du dich abends noch herumtreibst. Also bring mich nie wieder vor meinen Freunden in Verlegenheit!«
Bald danach traf ich ihn in einem anderen Restaurant. Er wollte mir die Hand schütteln und sagte: »Nichts für ungut!«
Ich ärgerte mich immer noch darüber, wie er mich in der Bar behandelt hatte.
»Nichts für ungut?«, sagte ich und verweigerte ihm meine Hand. »Nimm dich ja in Acht, Randy! Eines Tages brockt dir dein loses Mundwerk noch eine Menge Ärger ein!«
Das war der letzte Rat, den ich ihm gab; aber ich vermute, er befolgte ihn nicht. Eines Tages fand man ihn mit vier Kugeln im Kopf tot auf. Ein Capo des Bonanno-Clans hatte ihn wegen seiner großen Schnauze umlegen lassen. Doch als ich die Welt der Bronx-Mafia betrat, gingen diese beiden Männer immer noch dort draußen ihren Geschäften nach, und beide hätten mich enttarnen können.
Dank meiner Fortschritte in der Mafiaschule konnte ich mich nun wie ein echter Ganove benehmen und hatte eine gute Geschichte zu erzählen. Aber ich musste auch lernen, wie ein Mafioso zu reden und die Leute davon zu überzeugen, dass ich italienische Wurzeln hatte. Angenommen, ich wollte meinen Capo berichtigen. Dann durfte ich ihm nicht einfach sagen, er habe einen Fehler gemacht. Dafür gibt es eine spezielle Sprache. Nat brachte mir bei, so zu sprechen: »Hör mal, ich will nicht respektlos sein. Du bist mein Chef, und was du sagst, das gilt für mich. Aber ich habe noch von einer anderen Möglichkeit gehört.«
Die Mafiosi hatten wieder einmal ihre Antennen ausgefahren, und zwar wegen Donnie Brasco. Die Omertà, die Schweigepflicht, die einst in jeder Generation nur einmal verletzt wurde, etwa von einem Abtrünnigen wie Joe Valachi, war jetzt ein Witz, ein Ding der Vergangenheit. Die Mafia glich eher einem Vogelreservat. Alle sangen, wenn sie Schwierigkeiten hatten. Man blieb nicht mehr standhaft und saß seine Freiheitsstrafe ab, in der Erwartung, dass der Clan einem helfen würde. Stattdessen hatte sich die Mafia zu einer Organisation entwickelt, in der jeder seinen eigenen Vorteil suchte. Erzählen Sie mir nichts über Ganovenehre. Die Mafia beschäftigt sogar Privatdetektive, die einmal bei der Polizei waren, um Anwärter wie mich zu überprüfen. Mir war es unbegreiflich, dass Kollegen die Seiten wechselten; aber es geschah jeden Tag, sodass ich mit gründlichen Recherchen rechnen musste.
Auch den Umgang mit heiklen Situationen musste ich lernen. Angenommen, ich sitze irgendwo mit einigen Drogenhändlern in einem Keller, und sie halten mir eine Kanone an den Kopf und sagen: »Du bist ein Spitzel. Wenn du dieses Kokain vernichtest, machen wir dich kalt.«
Ich war von diesem Szenario nicht gerade begeistert und sagte: »Keine Ahnung, was ich tun würde. Wichtiger finde ich die Frage, wie und warum ich mich in diese Lage gebracht habe.«
Wenn ich clever genug war, würde ich nie in einen solchen Schlamassel geraten. Manchmal war ich ein wenig frustriert, weil einige meiner Vorgesetzten, die an diesem Fall arbeiteten, sich mit der Mafia nicht etwas besser auskannten. Ich hatte immer einen Plan B parat: Sollte mir jemals befohlen werden, jemanden zu erschießen, würde ich einen Herzanfall vortäuschen. Ich würde zusammenbrechen, mir an die Brust greifen und stöhnen: »Verdammt! Ich habe einen Herzinfarkt!« Dann würde man mich in ein Krankenhaus bringen und den Mord auf einen anderen Tag verschieben, sodass das FBI genug Zeit hätte, das potenzielle Opfer zu schützen und zu verstecken. Aber vielleicht irre ich mich ja. Wer schleppt schon einen 177-Kilo-Mann fort? Diese Kerle hätten mich wahrscheinlich liegen und sterben lassen. Vermutlich werde ich es nie erfahren.
Eines war klar: Ich brauchte niemanden umzubringen, um in die Mafia aufgenommen zu werden. In früheren Jahrzehnten, als die Omertà noch eingehalten wurde, musste man eine »Probearbeit« abliefern – jemanden im Auftrag seiner Vorgesetzten töten –, um in die Mafia zu kommen. Allerdings kam es zu häufig vor, dass jemand für die Mafia tötete und dann Informant wurde. Deshalb lohnte es sich bald nicht mehr, den Gangsternachwuchs jemanden erschießen oder erdrosseln zu lassen. Vermutlich mussten die Mafiabosse sich damit abfinden, dass ein Teil der Aufgenommenen letztlich zur Justiz überwechseln würde. Man konnte immer noch den Befehl erhalten, jemanden zu töten oder bei einem Mord anwesend zu sein, aber es war kein Automatismus mehr. Jetzt war es ihnen wichtig, wie viel man verdiente, und nicht so sehr, wen man umbrachte.
Um meine Kenntnisse über die Mafia zu ergänzen, las ich Jerry Capecis Kolumne »Gang Land« auf seiner Website www.ganglandnews.com und die Website www.AmericanMafia.com, die Detective Rick Porello geschaffen hat. Das sind Schatztruhen, gefüllt mit Fakten und Geschichten über die Mafia.
Bald begann ich zu denken wie ein Ganove. Zu Beginn von Nat Parisis Mafiaschule war ich ein kubanischstämmiger FBI-Agent. Als ich sie verließ, war ich für die Gambinos bereit. Aber würden die Gambinos mich als Juwelendieb aus Miami akzeptieren und mich in ihre Welt aufnehmen?
Kapitel 9
Die Abrechnung im Naked Truth
Meine Rolle als neuer Investor im Stripclub entpuppte sich als gute Idee, weil sie mir half, einen guten Ruf zu erwerben und mit den Gepflogenheiten, den Tänzerinnen und dem Personal des Lokals vertraut zu werden. Die Tänzerinnen waren sehr nett und hatten ein paar recht interessante Geschichten auf Lager. Sie waren Prostituierte, die ständig versuchten, jemanden zu einem Lap Dance zu überreden. Ich sagte dann immer: »Hör mal, ich bin Geschäftsmann. Nein, danke.« Auf diese Weise erfuhr ich ihre wahren Geschichten – Geldprobleme, Probleme zu Hause. Es überraschte mich, dass viele von ihnen zur Schule gingen. Das Strippen war für sie eine Methode, um Geld für ihre Familie zu verdienen, nichts weiter. Es war ein harter Job – viele finstere Gestalten wollten sie ausnutzen. Wir warfen immer wieder ein paar Kerle raus, die zu aufdringlich waren.
Ich beschloss, zur Sicherheit noch einen verdeckten Ermittler mitzunehmen, für den Fall, dass die Albaner zurückkamen, um den Club zu demolieren. Zudem wollte ich sicher sein, dass wir am Tag der Abrechnung nicht in Schwierigkeiten kamen. Die Leitung des FBI war einverstanden und wollte mir einen Kollegen an die Seite stellen, der so jämmerlich ungeeignet war, dass ist fast lachen musste. Ich will niemanden beleidigen, aber er ließ sogar seine Schuhe neu besohlen. Er hatte eine Frisur im Stil der 1970er-Jahre und trug weiße Baumwollstrümpfe zu seinen dunklen Anzügen und Hosen aus Polyester. Dazu trug er kurzärmlige Hemden und gestreifte Krawatten, wie nur ein Verkäufer für Haushaltsgeräte sie tragen durfte. Im Büro hatte er einen schrecklichen Ruf als Aufschneider und Hitzkopf, und weil er so verspannt war, das er schier explodierte, hatte man ihm den Spitznamen »Tick Tick« verpasst. Er hatte einen Schnurrbart wie ein Pornodarsteller. Kann man sich einen richtigen Mafioso vorstellen, der seine Schuhe neu besohlen lässt oder jemanden ernst nimmt, der das tut?
Ich konnte nicht fassen, dass sie mir diesen Versager aufdrängen wollten. Ich brauchte jemanden, der glaubhaft einen Gangster darstellte, selbst wenn es ihm an Eleganz fehlte. Meine Wahl fiel auf Jimmy Gagliano, einen West-Point-Absolventen, Ranger der US-Army und Mitglied des Geiselrettungsteams, einer Eliteeinheit des FBI. Der Bursche hatte ein Tattoo neben dem anderen und einen rasierten Schädel, und er wirkte sehr hart und einschüchternd. Er kannte sich im Milieu gut aus und hatte große Erfahrung mit der organisierten Kriminalität. Jimmy arbeitete während der Ära John Gottis für die Gambino-Eliteeinheit, die Agent Bruce Mouws leitete. Er sollte mein Kraftpaket sein; mit ihm wollte ich an dem Fall arbeiten. Leider waren wir nicht lange zusammen, weil sich herausstellte, dass einige der Zielpersonen ihn von früheren Fällen her kannten. Aber solange er da war, leistete er hervorragende Arbeit.
Jimmy und ich hingen im Club ab. Er spielte meinen Cousin. Der Job war wie für ihn geschaffen, denn er wusste, wann er den Mund zu halten hatte. Manche verdeckten Ermittler reden zu viel, vielleicht, weil sie nervös sind oder weil sie glauben, sie müssten beweisen, dass sie alles wissen, um sich Respekt zu verschaffen. Nicht Jimmy. Er kapierte seine Rolle. Er wusste, wann er einfach nur dastehen und Furcht einflößend aussehen sollte. Genau das brauchte ich.
Ich traf nicht nur Gambinos. Stripclubs sind Magnete für Ganoven aus jedem Clan; darum begegnete ich auch Mafiosi der Familien Genovese, Bonanno und Colombo. Ich behaupte nicht, dass ich keine Angst hatte, denn alles, was ich über die neue Mafia, die Gangster der Nach-Gotti-Ära gelernt hatte, war offen gesagt Furcht erregend. In der alten Zeit waren Ehre und Gier die Triebkräfte der Mafia, und zwar in dieser Reihenfolge. Sie waren zuallererst der »Familie« treu. Sie hielten die Regeln ein, auch jene, die festlegten, wer wann warum und wie umgebracht werden sollte. Die alte Mafia hatte Sinn für Teamwork und eine Art Mission; sie war, wenn man so will, stolz auf sich. Sie ähnelte der Football-Liga – es gab viele verschiedene Mannschaften, aber alle fühlten sich einer Liga zugehörig. Die Interessen der Mafia waren wichtiger als ihre persönlichen Bedürfnisse, weil sie wussten, dass von dieser Einstellung alle profitierten.
Nicht so die heutigen Gangster. Erstens nehmen viele von ihnen Drogen. Sie kiffen Kokain, was die vorige Generation nie getan hat. Diese Typen sind so high, dass man nie weiß, was sie tun werden. Sie bringen Menschen um, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken – sie sind viel gewalttätiger und gefährlicher als ihre Vorgänger, und das will etwas heißen. Jedes schlechte Geschäft konnte mit einer Schießerei enden. Das galt sogar für die Auszahlung des Geldes, wenn wir im Club die Abrechnung machten. Selbst das Raubein Jimmy Gagliano konnte nicht viel für mich tun, wenn die Albaner oder Mafiosi mir ans Leder wollten. Dennoch war mein Job klar. Ich musste mich am Club beteiligen, Louis Filippellis Leute treffen, meine Rolle als neuer Investor aus Florida spielen und Geld abdrücken. Das war meine Aufgabe, und ich würde sie erfüllen.
Als der Tag der Abrechnung kam, der 18. Dezember 2002, trafen sich Jimmy und ich in einem italienischen Restaurant namens Spaghetti Western in der Nähe von Naked Truth. Obwohl ich schon früh dort war, traf ich auf Jimmy. Wir warteten auf einen Anruf des Barkeepers aus dem Naked Truth. Er sollte uns informieren, sobald Louis Filippelli im Club eintraf. Denken Sie daran, Ganovenzeit und Dealerzeit ist nicht Militärzeit. Wenn ein Typ verspricht, um fünf Uhr nachmittags zu kommen, kann es durchaus sein, dass er um Mitternacht oder um drei Uhr morgens erscheint. Man muss einfach sitzen und warten.
Schließlich beschlossen wir, in den Club zu gehen und ein paar Cocktails zu trinken. Ich trank immer Bacardi und Cola, das passende Getränk für einen Mann aus Florida. Und ich achtete stets darauf, meine Marke zu verlangen.
Bald wurde unsere Geduld belohnt. Der Eigentümer des Clubs kam mit Chris Sucarato herein, einem der engsten Freunde von Louis bei den Gambinos. Zu meiner Überraschung trug Chris nicht die traditionelle Kluft des erfolgreichen Mafioso – kein Brioni-Anzug, keine Alligatorschuhe, kein Diamantring am kleinen Finger. Stattdessen sah er aus, als komme er gerade von einer Baustelle, und er trug ein Sweatshirt, Jeans und Stiefel. Er war sehr freundlich, ein netter Kerl, der aussah wie sieben- oder achtunddreißig.
Chris gehörte zu Alphonse »Funzi« Siscas Gambino-Gang und war ein enger Freund des Gambino-Soldaten Filippelli. Sisca wiederum war ein Vertrauter von Arnold Squitieri, dem Boss des Gambino-Clans. Da Squitieri nach einer Verurteilung wegen Drogenhandels unter Bewährung stand, musste er äußerst vorsichtig sein und durfte sich nicht mit anderen Kriminellen blicken lassen. Andernfalls wäre er sofort wieder im Knast gelandet. Deshalb leitete er den Clan hauptsächlich durch das Triumvirat von Funzi Sisca, Louis Filippelli und Chris Sucarato. Sie waren seine Augen und Ohren auf der Straße und ermöglichten es ihm, im Schatten zu bleiben.
Filippelli war vor seiner Ermordung nie verhaftet worden. In den Augen einiger Clan-Mitglieder, so erfuhren wir später, hatte er die Feuertaufe eines Gangsters nicht bestanden: eine Festnahme, einen Strafprozess, den Versuch des Staatsanwalts, ihn umzudrehen, und eine Gefängnisstrafe. Darum hielten ihn einige für einen unsicheren Kantonisten, und andere beneideten ihn wahrscheinlich, weil er dem Boss so nahestand.
Jerry Spogliari, der Clubbesitzer, mein Kollege Jimmy, Chris und ich tauschten Höflichkeiten aus; dann gingen Chris und ich ins Nebenzimmer, um zu reden. Wir saßen einander gegenüber – auf Sofas im VIP-Raum, der normalerweise spendablen Kunden vorbehalten war, die einen Lap Dance wünschten.
»Ihr habt das Problem mit den Albanern gelöst«, sagte ich zu ihm, als wir allein waren. »Wir wissen das wirklich zu schätzen. Mit diesem Geld möchten wir uns bei dir und Louis bedanken.«
Ich reichte ihm einen Umschlag mit Bargeld. Er öffnete ihn und sah mich verwirrt und unzufrieden an, weil der Umschlag nicht die 15000 Dollar enthielt, die er erwartet hatte, sondern nur 5000.
Ich zuckte mit den Schultern. »Schau dich um«, sagte ich gestikulierend. »Seit die Albaner hier waren, haben wir eine Flaute. Niemand will zu uns kommen. Weder unsere normalen Gäste noch die Manager auf dem Heimweg nach Greenwich. Wir kriegen kaum noch Tänzerinnen. Alle haben Angst, umgebracht zu werden, wenn die Albaner zurückkommen. Wir gehen pleite. Ich schätze, du siehst es selbst.«
»Ich verstehe«, sagte Chris und nickte.
»Dieses Geld ist nur der Anfang«, versprach ich. »Wenn ihr uns die Albaner endgültig vom Hals schafft, erholt sich der Club bestimmt – sobald die Leute merken, dass hier alles in Ordnung ist. Und dann ist auch für dich und deine Jungs viel mehr drin.«
Ich beobachtete Chris genau. Würde er mir die Geschichte abkaufen? War ich für ihn als Ganove glaubwürdig? Oder würde er seine Kanone ziehen und mich umlegen?
Chris befingerte das Geld, das ich ihm gegeben hatte. Dann nickte er.
»Das ist okay«, sagte er. »Ich verspreche euch, dass ihr mit den Albanern keinen Ärger mehr bekommt.«
Ich spürte eine Woge der Erleichterung, die ich natürlich nicht an die Oberfläche lassen durfte. Stattdessen grinste ich, und wir schüttelten uns die Hände. Beide hofften wir auf eine gute – und einträgliche – Freundschaft. Eines muss ich Chris lassen: Die Albaner kamen nie wieder. Das bewies entweder, dass die Mafia stark genug war, um sie in die Schranken zu weisen, oder dass beide zusammenarbeiteten und einen neuen Fisch am Haken hatten, nämlich uns. Ich glaube, so ist es wirklich gelaufen. Was kann der Besitzer eines Stripclubs oder eines anderen profitablen Geschäftes schon tun? Die Cops rufen? Sie können das Lokal nicht rund um die Uhr bewachen! Wer Schutz braucht, muss dafür zahlen, und das heißt, er muss Kontakt mit organisierten Kriminellen aufnehmen – genauer gesagt, er braucht nur auf sie zu warten.
Jetzt hatte ich genug Beweise, um Chris festzunehmen, wenn ich gewollt hätte – es ist illegal, Schutzgeld anzunehmen. Das ist Erpressung. Aber uns ging es nicht um Chris. Wir wollten uns im Club einnisten und schauen, wer uns sonst noch über den Weg lief. Das Lustige war, dass die FBI-Zentrale darauf beharrte, dass Chris, Louis Filippelli und Alphonse »Funzi« Sisca keine Mitglieder des Gambino-Clans seien. Schließlich standen sie nicht auf der offiziellen Liste der Mafiosi, und was nicht auf der Liste steht, kann nicht sein.
Ich konnte es nicht glauben. Diese Leute schworen, ihre Liste sei auf dem neuesten Stand und die einzige zuverlässige Informationsquelle über die Gambino-Familie. Anscheinend glaubten sie ihren eigenen Schlagzeilen, seitdem sie Gotti verhaftet hatten. Das Problem war, dass sie eine Menge Informationen von Gefängnisinsassen erhielten. Eine Liste ist nur so gut wie der Spitzel auf der Straße. Aber die Mafia ändert sich jeden Tag. Ihre Mitglieder lernen aus ihren Fehlern. Knastbrüder wissen nicht immer, was auf der Straße vor sich geht. Gangster sind Chamäleons, die sich andauernd ihrer Umgebung anpassen. Wer nicht auf der Liste steht, kann dennoch in der Mafia aktiv sein. Ich wollte neue, präzise Informationen aus erster Hand von der Straße liefern, damit wir beim FBI wirklich verstanden, mit wem und womit wir es zu tun hatten.
In diesem Zusammenhang ist interessant, dass John Gotti die Mafia ganz allein vernichtete, weil er darauf bestand, dass alle einmal in der Woche im Ravenite Social Club erschienen und ihn küssten. Er machte publik, was privat war, und daher konnte das Gambino-Einsatzkommando des FBI Diagramme zeichnen, welche die Machtverhältnisse und die Identität der Clan-Mitglieder genau widerspiegelten. Aber das war damals, und heute ist heute. Jetzt mischten Ganoven mit, die nicht einmal auf diesem Schaubild standen, und ich hatte einen Platz in der ersten Reihe.
Schritt für Schritt erwarb ich mir einen Ruf als Big Jack, der freundliche Typ aus Florida, dem ein Teil des Clubs gehörte und mit dem man jederzeit Spaß haben konnte.
Ich genoss die Gesellschaft der Ganoven, und bald hatte ich keine Angst mehr, mit ihnen auszugehen. Bei der Mafia dreht sich alles ums Essen. Manche dieser Männer begingen drei oder fünf Mal am Tag eine Straftat, andere nicht; aber alle speisten drei bis fünf Mal am Tag in einem guten Restaurant. Jeden Abend erwähnten sie ein anderes italienisches Lokal irgendwo in der 3-Staaten-Region, das sie ausprobieren wollten. Vielleicht sagte dann einer von ihnen: »Los, wir fahren nach Port Chester. Ich kenne dort einen neuen Schuppen, der Joey Potsandpans gehört, und Vinnie Bagadonuts ist der Chefkoch.« Ihr Motto hätte lauten können: »Immer hungrig, immer auf Achse.«
Ich schloss mich den Mafiosi an, aß mit ihnen, lebte auf großem Fuß, schloss Freundschaften. Geschäfte machte ich keine. Das wäre etwas zu früh gewesen. Unsere Ziele waren immer noch Louis, Chris und Funzi. Ich hing mit ihren Freunden herum und hoffte, dass die Neuigkeiten über mich zu ihnen durchsickern würden – dass ich ein zuverlässiger Kerl mit Beziehungen in Florida war.
Bald akzeptierten sie mich. Ich war nicht mehr der Neue. Man hielt mich für einen coolen Typen, der zu ihnen gehörte und ihre Sprache sprach. Niemand hielt mich je für einen Agenten. Stattdessen hieß es: »He, Jackie, komm schon, wir gehen aus!« Und sie stellten mich ihren Freunden vor. Mein Bekanntenkreis im Gangstermilieu wurde immer größer.
Wir feierten sieben Tage in der Woche – die Party hörte nie auf und dauerte bis spät in die Nacht. Es war echt anstrengend, diese Rolle unter diesen Leuten zu spielen. Wir dürfen keine Minute lang vergessen, womit Gangster ihr Geld verdienen. Sie waren Berufskriminelle und Mörder, und wenn sie mich als Spitzel verdächtigt hätten, wäre das Ende schnell gekommen, und es wäre nicht angenehm gewesen. Darum war es seelisch und emotional sehr belastend, mit diesen Leuten auszugehen. Gleichzeitig musste ich mich jeden Tag im Büro melden und meine Vorgesetzten über meine Aktivitäten informieren. Außerdem hatte ich eine Frau und eine Tochter, die mich immer seltener sahen, als der Fall Gambino Fortschritte machte.
Anfangs fuhr ich täglich ins Büro, erledigte den Papierkram, fuhr nach Hause, machte ein Nickerchen und ging dann zur Arbeit in den Club, um mich auf eine Nacht in der Stadt mit den Ganoven vorzubereiten. Nach einiger Zeit wies man mich an, nicht mehr ins Büro zu kommen. Die gemeinsame Anti-Drogen-Sondereinheit des FBI und der New Yorker Polizei und das Gambino-Team teilten sich praktisch einen Flur. Und der Vernehmungsraum befand sich genau neben unserer Truppe. Es konnte jederzeit passieren, dass mich ein Mafioso erkannte, der in der Nacht zuvor festgenommen worden war.
Aber es gab noch einen anderen Grund für mich, nicht mehr ins Büro zu gehen. Der hatte etwas mit der Antipathie einiger FBI-Agenten gegen verdeckte Ermittler zu tun. Außer Joe Pistone und mir gab es beim FBI keine »Undercover-Agenten«. Manche Kollegen arbeiten gelegentlich undercover, aber im Großen und Ganzen gibt es beim FBI keine Agenten, die ständig verdeckt arbeiten. Deshalb rümpfen die Kollegen über die verdeckten Ermittler die Nase. Sie gelten als Schnorrer, die auf großem Fuß leben, tolle Autos fahren und gut essen, während die »echten Agenten« zu McDonald’s und Burger King gehen. Diesen Kollegen ist einfach nicht klar, dass verdeckte Ermittler an vorderster Front gegen das Verbrechen kämpfen und jeden Tag ebenso gefährlich leben wie sie.
Egal. Meine Welt sollte sich bald verändern, weil ein gewisses Mitglied des Gambino-Clans aus dem Gefängnis entlassen wurde.
Sein Name war Greg DePalma.
Zwischenspiel 1
»Royal Charm« – Königlicher Charme
Während ich im Naked Truth am Mafia-Fall arbeitete, war ich auch an vier anderen großen Fällen und mehreren kleinen Einsätzen für das Drogendezernat beteiligt. Dabei täuschten wir vor, Drogen von einem Verdächtigen kaufen zu wollen, und nahmen ihn auf frischer Tat fest. Dies ist die Geschichte des ersten der anderen großen Fälle, an denen ich beteiligt war, während die Gambino-Ermittlungen sich entfalteten.
Das FBI erfuhr, dass eine Gruppe von Schmugglern gefälschte Zigaretten, Handtaschen und alle möglichen anderen Waren aus Asien einschleuste. Obendrein hatte sie den FBI-Agenten, die undercover arbeiteten, auch Waffen versprochen. Dabei sollte ihnen ein Verwandter helfen, der mit Armeewaffen handelte. Den Schmuggel mit gefälschten Waren zu unterbinden war wichtig. Den Waffenhandel zu unterbinden war von höchster Dringlichkeit. Wenn dieser Verwandte bereit war, Waffen an Mafiosi zu liefern, an wen verkaufte er sie sonst noch?
Also jagten wir sie.
Wir gaben vor, Waffen für kolumbianische Freiheitskämpfer zu kaufen, die uns Kokain zu einem wirklich guten Preis gaben. Deshalb halfen wir ihnen beim illegalen Import von gefälschten Zigaretten in die Vereinigten Staaten – um die Beziehungen zu pflegen, die schließlich zu den Waffengeschäften führten.
Beteiligt waren auch zwei verdeckte Ermittler des FBI aus Newark. Der eine war Lou Calverese, der andere Tom Zyckowski, auch Z-Mann genannt. Sie traten als Mafiosi auf, die im Seehafen von Elizabeth in New Jersey einen Zollbeamten bestochen hatten. Lou und Z-Mann sagten unseren neuen asiatischen Freunden, dieser Beamte könne Container so markieren, dass niemand sie durchsuchen oder die dazugehörigen Papiere prüfen würde. Natürlich verlange er ein saftiges Schmiergeld, aber dafür würden unsere Jungs den Container in ein geheimes Lager in South Jersey bringen und den Inhalt ausliefern.
Kaum hatten wir alles in Gang gebracht, wurde Z-Mann versetzt – eine rein bürokratische Entscheidung. Bevor er ging, stellte er mich den Hauptverdächtigen in diesem Fall vor, einer zierlichen Asiatin in den Fünfzigern, die ich Mei-Lin nennen möchte, und ihrem Mann Chris. Mei-Lin und ich verstanden uns von Anfang an gut. Nachdem Z-Mann sich verabschiedet hatte, übernahm Lou Calverese die Leitung des Falles, und ich wurde sein Vertreter.
Und so spielte sich der Handel ab: Mei-Lin und ihr Mann importierten Zwölf-Meter-Container, die fast tausend Versandkartons mit gefälschten Zigaretten enthielten. In jedem dieser Kartons waren 50 Stangen Zigaretten. Ein Container war demnach Hunderttausende von Dollar wert.
Die Zigaretten kamen, und FBI-Agenten, die sich als Mafiosi ausgaben, brachten die Schmuggelware in ein Lagerhaus. Dort holten Mei-Lins Leute das Zeug ab. Manchmal fuhren wir nach Jersey City oder Philadelphia, um die Zigaretten abzuliefern; doch das Szenario war immer das Gleiche. Wir halfen ihr, die Zigaretten zu holen, und sie bezahlte uns. Aber jedes Mal, wenn wir nach den Waffen fragten, hatte sie eine andere Ausrede. Der Zeitpunkt sei ungünstig. Sie könne sich jetzt noch nicht damit befassen; aber das werde sich bald ändern. Es war nervtötend.
Etwa um diese Zeit starb Case Agent Jodi Petracci, die den Fall zuerst bearbeitet hatte, an Krebs. Der ganze Fall war ihre Idee gewesen; wir folgten nur der Spur, die sie gelegt hatte. Wir brachten die Zigaretten weg und ermutigten Mei-Lin, mehr über die Waffen zu reden, die für uns im Mittelpunkt des Falles standen.
Aber auch der Schmuggel war keine Kleinigkeit. Ich erfuhr, dass in China eine Fabrik Polohemden für eine amerikanische Firma herstellte und nebenan eine andere Fabrik eben diese Hemden fälschte. Lieferanten brachten die Rohstoffe – das Tuch, den Faden und so weiter – in die eine Fabrik und noch mehr Material in die andere. In China werden oft Markenartikel gefälscht und Mei-Lin erklärte uns, sie könne uns Fälschungen aller erdenklichen Produkte besorgen. Selbst aufmerksame Leute könnten sie nicht vom Original unterscheiden. Ein Witz behauptete sogar: »Wenn du lange genug vor einer dieser Fälscherwerkstätten stehst, machen die Chinesen fünf Kopien von dir!«
Mei-Lin suchte auch Kontakte an der Westküste, um Zigaretten zu importieren. Wir stellten ihr einen verdeckten Ermittler des FBI vor, der im Hafen von Long Beach arbeitete. Unsere Operation hieß Royal Charm (Königlicher Charme); den Fall in Los Angeles nannten wir Smoking Dragon (Rauchender Drache). Für das FBI waren das recht passende Namen. Jetzt brachten wir Zigaretten an beide Küsten; doch was wir wirklich haben wollten, waren die Waffen. Vielleicht dachten die Fälscher: Wir verdienen eine Menge Geld mit falschen Zigaretten – warum sollten wir die Geschäfte mit Waffen komplizieren?
Wir wollten immer noch den Waffenhändler treffen. Er sollte in die Vereinigten Staaten kommen, um mit uns zu reden. Keine Chance. Er fürchtete sich vor der Reise in die USA. Also baten wir um ein Gespräch mit Mei-Lin und Chris.
»Wir haben genug von Zigaretten«, sagten wir. »Wenn ihr uns nicht mit den Waffen helft, schmuggeln wir die Zigaretten nicht mehr für euch rein.«
Das kapierten sie.
Nun endlich stellte Chris uns einen seiner Kumpels vor, der uns nützlich sein konnte. Nennen wir diesen Typen Ken. Nachdem wir für ihn einige Zigarettencontainer geschmuggelt hatten, schnitten wir das Thema Waffen an.
»Was kannst du für uns tun?«, fragten wir. »Mei-Lins Mann sagt, du kannst Waffen besorgen.«
»Ich kann Waffen besorgen«, antwortete Ken, »und ich kann Viagra fälschen. Ich kann alles. Ich kann euch auch dem Waffenhändler vorstellen, damit ihr in das Geschäft einsteigen könnt. Aber ihr müsst nach Thailand fliegen. Er kann nicht in die Staaten kommen.«
»Kein Problem«, sagte Lou.
Treffpunkt sollte der Urlaubsort Phuket sein, den der Tsunami an Weihnachten 2004 so schwer getroffen hatte.
Lou, der die Ermittlungen leitete, sagte zu mir: »Jack, pack deinen Koffer. Wir fliegen nach Thailand, um einen Waffenhändler zu treffen.«
Ich machte große Augen. »Wir?«, fragte ich. »Hast du ’ne Meise? Ich fliege nicht nach Thailand! 20 Stunden im Flugzeug? Niemals!«
»Warum denn nicht?«, wollte Lou wissen. Meine heftige Reaktion überraschte ihn.
»So lange halte ich es nicht im Flugzeug aus!«, rief ich. »Schau mich an! Wo soll ich zur Toilette gehen? Du brauchst einen Schneidbrenner, um mich aus einem Flugzeug-WC rauszuholen!«
»Du musst mitkommen!«, bat er.
»Ich fliege nicht!«, erwiderte ich unbeugsam.
So ging das eine Weile hin und her. Dann hatte ich Lou davon überzeugt, dass ich ihn nicht begleiten würde. Aber er musste jemanden zu seinem Schutz mitnehmen, darin waren wir uns einig. Wir entschieden uns für Melissa Shields, die ebenfalls undercover auftreten sollte. Wir hielten es für eine gute Idee, eine Frau zu wählen. Man könnte Thailand als Sexhauptstadt der Welt bezeichnen. Wenn ein verdeckter Ermittler oder gar zwei dort ohne weibliche Begleitung auftauchten, würden die Zielpersonen ihnen fast mit Sicherheit zwei oder womöglich sechs Mädchen ins Zimmer schicken und versuchen, sie mit einer Prostituierten zu filmen. Das wäre eine Katastrophe. Um dem vorzubeugen, sollten Lou und Melissa als Liebespaar einen romantischen Urlaub an der thailändischen Küste verbringen.
Sie flogen hin und leisteten großartige Arbeit. Lou traf Ken und seinen Verbindungsmann, den wir Johnny nennen wollen, während Melissa »Sehenswürdigkeiten besichtigte«. Sie kamen ganz aufgeregt zurück – wir würden nicht nur Waffen bekommen, sondern auch Crystal Meth, eine Droge, die damals immer beliebter wurde. Wir erklärten, die Drogen seien interessant, aber nicht das, was wir wirklich wollten. Drogen sind ein Problem, denn wir dürfen sie natürlich nicht auf die Straße lassen. Ja, Drogen waren für uns interessant, aber viel wichtiger war uns, einen kriminellen Waffenhändler mit einem korrupten asiatischen Hintermann festzunehmen.
Dann nahm der Fall eine noch überraschendere Wendung.
Als wir Ken fragten, welche anderen gefälschten Waren er uns besorgen könne, erkundigten wir uns beiläufig auch nach Falschgeld.
»Klar können wir Falschgeld liefern«, sagte er und deutete an, die Blüten kämen aus Nordkorea.
Falschgeld aus Nordkorea? Jetzt hatte der Ganove unsere volle Aufmerksamkeit.
Nach der Rückkehr von Lou und Melissa verabredeten wir uns in Atlantic City, und Ken gab uns eine 100-Dollar-Banknote. Nun, ich habe während meiner Jahrzehnte beim FBI eine Menge Blüten gesehen, aber nichts, was derart echt aussah.
»Mann, die ist doch echt!«, rief ich.
»Nein, nein, sie ist falsch!«, versicherte uns Ken.
»Sie ist sehr gut!« Ich war begeistert. »Was wollt ihr für diese Blüten haben?«
Nach einigem Feilschen einigten wir uns auf 30 Cent für einen Dollar. Die einzige Frage war, wie groß die erste Lieferung sein sollte.
Bevor wir uns entschlossen, das Falschgeld zu kaufen, wollten wir die Probe ins Büro bringen und Experten zeigen. Anschließend schickten wir dem Geheimdienst einige Scheine und trafen damit voll ins Schwarze. Es handelte sich offenbar um die berüchtigten Superbanknoten, die in Nordkorea mit dem gleichen Papier und den gleichen Farbstoffen gedruckt wurden, wie unser Finanzministerium sie verwendete. In den Augen des Geheimdienstes waren sie so gut wie echtes Geld.
Wir machten unsere eigenen Tests, um den Befund des Geheimdienstes zu überprüfen. Wir gaben die Banknoten einigen Angestellten in Kasinos und Banken in Atlantic City, die unserer Meinung nach am besten geschult waren, wenn es darum ging, Falschgeld zu entdecken. Diese Blüten erkannten sie nicht.
Falschgeld ist eine größere Gefahr für die nationale Sicherheit als fast jede andere Schmuggelware. Wenn Nordkorea die Vereinigten Staaten mit diesen falschen Banknoten überschwemmte, würde möglicherweise die ganze Volkswirtschaft zusammenbrechen. So gut waren diese Scheine. Also erteilten wir einen Auftrag und zahlten 30000 Dollar, um Superbanknoten im Wert von 100000 Dollar zu bekommen.
Die Operation Royal Charm finanzierte sich selbst – jedes Mal, wenn wir für Mei-Lin und ihren Mann eine Ladung gefälschter Zigaretten einschmuggelten, verlangten wir 50000 Dollar von ihnen, um sicherzustellen, dass der Zoll die Container nicht untersuchte. Die 30000 für die Superbanknoten stammten also nicht vom Steuerzahler, sondern von dem Geld, das wir »verdienten«, indem wir Mei-Lin halfen, die Zigaretten ins Land zu bringen.
Das Geld befand sich in einem der Container, in denen sie die Zigaretten transportierten. Die Scheine waren fortlaufend nummeriert. Wir konnten gar nicht glauben, wie gut sie waren! Ken informierte uns darüber, dass Johnny, der asiatische Waffenhändler, den Lou in Thailand getroffen hatte, in die Vereinigten Staaten kommen und uns treffen wolle. Er habe ein paar Fragen, und es gebe einige Schwierigkeiten, weil wir jetzt Falschgeld in größeren Mengen kauften. Ich war entzückt. Wenn Johnny noch Zweifel an einer Zusammenarbeit mit uns hatte, würde er sich beruhigen, sobald er mich sah – weil ich einfach nicht wie ein FBI-Agent aussehe.
Johnny kam, und wir gingen mit ihm in ein hübsches Hotelkasino in Atlantic City. Asiatische Gangster spielen gerne. Wir mussten sie fast aus den Kasinos zerren, um unsere Besprechungen abzuhalten. Endlich setzten wir uns. Johnnys Englisch war nicht perfekt, aber er sprach auf jeden Fall besser englisch, als wir chinesisch sprachen.
»Wir sind an den Superbanknoten interessiert«, sagten wir zu ihm. »Aber wir wollen die einzigen Verteiler sein. Wir wollen nicht, dass Typen an der Ostküste oder an der Westküste und überall sonst bei der Sache mitmachen. Wir wollen das Exklusivrecht haben.«
»Kein Problem«, sagte er. »Das lässt sich arrangieren.«
Wir verhandelten eine Weile und bestellten eine Million Dollar in falschen Hundertern. Johnny erklärte, er sei bereit, etwas mehr zu liefern. Als der Container kam, lagen nicht nur eine Million Dollar in Superbanknoten bei, sondern fast drei Millionen. Wir waren bereit, die 300000 Dollar zu zahlen, denn jetzt hatten wir die Chance, den Zustrom der Blüten ins Land zu unterbinden. Doch zuerst wandten wir uns wieder den Waf-fen zu.
»Ja, wir können Waffen besorgen«, versprach Johnny.
»Wir wollen Boden-Luft-Raketen«, sagten wir.
»Das lässt sich machen«, sagte Johnny. »Wir können alles machen, was ihr wollt.«
Er deutete an, die Waffen kämen aus China oder Nordkorea.
Als er merkte, dass wir gute Kunden und an fast allem interessiert waren, fragte er: »Wie wär’s mit Heroin, Ecstasy, Kokain und Crystal Meth? Was immer ihr wollt, ich kann es liefern.«
Uns wurde klar, dass es ein Netzwerk für chinesisches Heroin geben musste, das wir nach Abschluss des Falles zerstören konnten. Falsche Zigaretten waren schlimm genug; aber verbotene Drogen durften wir nicht auf die Straße lassen. Wenn wir Heroin in die Vereinigten Staaten einführten, mussten wir die Ermittlungen hier und jetzt beenden. Aber das wollten wir erst tun, wenn wir die Quelle der Superbanknoten und der Waffen aufgespürt hatten.
»Wir können die Drogen nach Italien bringen«, sagte Johnny, »und von dort nach ganz Europa.«
»Wie macht ihr das?«, fragte ich vorsichtig.
»Wir haben viele Freunde in ausländischen Botschaften, die uns ihr Diplomatengepäck zur Verfügung stellen«, sagte er, als wolle er Stahl, Kupferrohre oder Flachbildfernseher importieren. Es war unglaublich.
»Woher weiß ich, welche Waffen ihr habt?«, fragte ich. »Habt ihr einen Katalog?«
»Klar, wir schicken euch einen.«
Wir beendeten das Meeting und versprachen, uns wieder zu melden, sobald wir uns überlegt hatten, was wir kaufen wollten.
Wir hielten es für unmöglich, dass wir je einen Katalog sehen würden – aber ein paar Wochen später erhielten wir tatsächlich per E-Mail ein Buch mit allen Waffen, die Mei-Lins Leute besorgen konnten! Im Katalog wurden Boden-Luft-Raketen, Hubschrauber, Panzerfäuste, AK-47 Schnellfeuergewehre und M60 Maschinengewehre angeboten.
Wir beschlossen, die Superbanknoten zu kaufen, um an die Waffen heranzukommen. Also bestellten wir einige Waffen; aber die Lieferung verzögerte sich Tag um Tag. Sie behaupteten, die Sicherheitsvorkehrungen seien nach einem Terroranschlag in London weltweit verstärkt worden, und es sei zu befürchten, dass die Waffen nicht durchkämen. Nach einiger Zeit waren wir davon überzeugt, dass wir sie nie bekommen würden. Außerdem hatte Johnny als Zeichen des guten Willens Supernoten im Wert von über drei Millionen Dollar und etwas Meth geschickt, alles auf Kredit. Aber jetzt drängte er, uns zu zahlen. Deshalb beschloss der Case Agent, den Fall zu beenden.
Aber wie konnten wir alle Ganoven gleichzeitig und am gleichen Ort erwischen? Melissa schlug vor, alle Verdächtigen in den Staaten und in Asien, die wir verhaften wollten, zu einer Hochzeit einzuladen. Sie alle kannten Lou und Melissa, die verdeckten Ermittler, als Liebespärchen. Die Heirat war einfach der nächste Schritt. Also druckten wir wunderschöne Hochzeitseinladungen mit der Ankündigung, dass Lou Calverese seine Melissa heiraten werde. Ich war der Trauzeuge. Wir luden alle diese Typen nach Atlantic City ein – die Zigarettenschmuggler, Rauschgifthändler, Geldfälscher und sogar die Leute, die am Waffenhandel beteiligt waren, auch wenn er leider nie zustande kam.
Es sollte keine bescheidene kleine Feier werden. Wir hatten das ganze Wochenende verplant und in Morton’s Steakhouse in Atlantic City geprobt. Sogar Z-Mann war beim großen Finale dabei. Es war wirklich eine schöne Party. Wir saßen alle in schicker Kleidung im Saal, aßen Steaks und tranken den besten Wein – und bezahlten das Ganze mit unseren Einnahmen aus dem Zigarettenschmuggel.
Alle amüsierten sich königlich. Lou und Melissa waren das glückliche Paar, und ich als Trauzeuge brachte den Toast aus. Die Ganoven schenkten dem Paar zwei goldene Rolex; aber ich glaube heute noch, dass sie gefälscht waren. Mir gaben sie »kubanische« Zigarren. Nun, ich weiß alles über kubanische Zigarren, und diese waren garantiert nicht echt! Sie waren mittelprächtig, eindeutig keine Kubaner. Lou, Z-Mann und ich pafften unsere eigenen Zigarren und betrachteten die schweren Jungs, die wir am nächsten Tag festnehmen würden. Sie hatten nicht die geringste Ahnung, dass dies ihre letzte Nacht in Freiheit war, vielleicht jahre- oder gar jahrzehntelang. Ich genoss die fingierte Hochzeitsparty für Lou und Melissa. Keiner unserer Verdächtigen schöpfte Verdacht. Es waren Hollywood-Momente.
Am nächsten Tag ließen wir die Gäste in Limousinen abholen, um sie zum Hochzeitsempfang an Bord einer Jacht im Hafen von Atlantic City zu bringen. Wir nannten das Schiff, das gar nicht existierte, Royal Charm, was natürlich die offizielle Bezeichnung des FBI für den ganzen Fall war. Die Limousinen brachten unsere Gäste jedoch nicht zum Hafen, sondern zum FBI-Büro, wo sie alle in ihren Smokings und Abendkleidern verhaftet wurden. Ich werde diesen Anblick nie vergessen – sie standen entsetzt da, hielten immer noch ihre Hochzeitsgeschenke in der Hand und fragten: »Aber was ist mit Lou und Melissa? Werden sie trotzdem heiraten?«
Am nächsten Tag lauteten die Schlagzeilen der Zeitungen von Atlantic City: »Liebe, Ehre und Arrest«. Wir beschlagnahmten gefälschte Zigaretten im Wert von über 30 Millionen Dollar und Falschgeld im Wert von über fünf Millionen Dollar. Alles in allem hatte das FBI gute Arbeit geleistet.
1 29,5 cm, um genau zu sein. Laut www.bloomingdales.com »sind elegante Kerzenhalter von Kosta Boda ein Beleuchtungsmittel für unsere Zeit. Klarer Kristall, zu glatten, schlichten Säulen geformt, hat einen Bläschenglaseffekt, der beim Anzünden perfekt zum Ausdruck kommt.« Ich kann bestätigen, dass der Kerzenhalter Petey Chops ziemlich gut erleuchtete.
2 Das Messer gehörte zur Kollektion »Equestrian« von Ralph Lauren. Wie Bloomingdale’s Website versichert, »ist es inspiriert von der klassischen Schönheit eines ledernen Zaumzeugs, prachtvoll in allen Details. Rostfreier Stahl. Für Geschirrspüler geeignet.
3 Der Panhandle (dt. Pfannenstiel) ist der nördliche Ausläufer von Texas, bestehend aus 26 Countys.
4 Ein im FBI-Jargon »kooperierender Zeuge« genannter Helfer trägt im Gegensatz zu einem »Informanten« eine Wanze bei sich und kann in einem Strafprozess als Zeuge benannt werden.
5 Wenig später wurden alle am Eingriff beteiligten Ärzte ermordet. Man fand die Leichen auf einer staubigen Straße.
6 Der Name des Clubs wurde geändert.