Teil zwei
Der Fall entwickelt sich
Kapitel 10
Treffen mit Großvater Munster
Am 28. Februar 2003 wurde der ehemalige Gambino-Capo Greg DePalma aus dem Gefängnis entlassen. Zuerst war diese Nachricht für uns nicht mehr als eine Randnotiz. Später wurde aus Greg mein Hauptziel und mein Entree in die Welt des organisierten Verbrechens; aber das hätte damals keiner von uns vorhersagen können. Soweit wir wussten, war DePalma längst abgehalftert. Klar, einst hatte er Paul Castellano und dann John Gotti nahegestanden, den legendären Bossen des Gambino-Clans in den 1970er- und 80er-Jahren. Zudem gründete und leitete er damals das Westchester-Premier-Theater, das dem Westbury Music Fair auf Long Island nachempfunden war und der Mafia zig Millionen Dollar einbrachte, weil sie es finanzierte, baute und betrieb. Auf dem berühmten Foto von Frank Sinatra, Carlo Gambino, Castellano und anderen Mafiagrößen steht DePalma vorne in der Mitte.
Das Foto kam zustande, als Sinatra im Theater sang und zahlreiche führende Mitglieder der Cosa Nostra in New York waren, um »familiäre Probleme« im ganzen Land zu lösen. Anwesend waren unter anderem Jimmy »das Wiesel« Fratianno aus San Francisco, Mike Rizzitello aus Los Angeles, Tony Spilotro aus Las Vegas, Russell Bufalino aus Scranton und mehrere Partner von Angelo Bruno, dem Boss aus Philadelphia. Außerdem wollten sie Aniello »Neil« Dellacroce und Carmine Galante »huldigen«, die das Magazin Time 1977 als »Favoriten im Kampf um die Nachfolge des Mafia-Oberhauptes Carlo Gambino« bezeichnete.
Im Westchester-Premier-Theater waren die Betrügereien ebenso erfinderisch wie lukrativ. Die Abendkasse verkaufte beispielsweise ganze Sitzreihen gegen Barzahlung. Es waren Plätze, die in keinem bekannten Saalplan des Theaters eingezeichnet waren. Diese Einnahmen waren reiner Profit für die Mafia und tauchten in den Büchern des Theaters nie auf. Bevor das Theater bankrottging, verdienten die New Yorker Mitglieder des organisierten Verbrechens daran über neun Millionen Dollar. DePalma allein schöpfte Hunderttausende von Dollar ab.
Bevor DePalma beim Theater mitmischte, führte er mehrere kriminelle Unternehmen. Er war Hehler, hatte ein Büro in der Canal Street und spezialisierte sich auf den Verkauf gestohlener Juwelen. Als Kredithai gab er verzweifelten Geschäftsleuten und heruntergekommenen Spielern Darlehen zu Wucherzinsen. Zudem besaß er eine stille Beteiligung an einer trendigen Diskothek namens Fudgie. Er brachte viele Stars in die Clubs, um ihnen Glanz und Publicity zu verschaffen. Gregs »stille Beteiligung« bedeutete in Wirklichkeit, dass er den wahren Eigentümer erpresste, wie es bei der Mafia Tradition war.
Nach der Pleite des Theaters war der Nachtclub Scores in Manhattan DePalmas nächstes einträgliches Opfer. Er und sein Sohn Craig verdienten damit Millionen Dollar. Dann wanderten Greg DePalma, Craig DePalma und John Gotti jun. wegen gemeinschaftlicher Erpressung in den Knast.
Als DePalma das Gefängnis verließ, gab es wenig Grund zu der Annahme, dass er wieder beim organisierten Verbrechen mitmischen würde. Immerhin war er über 70 Jahre alt; sein Sohn Craig lag im Koma und musste rund um die Uhr betreut werden; seine Bosse und Förderer im Clan waren längst tot – und zu allem Überfluss war da noch die Sache mit Nicky LaSorsa.
LaSorsa war ein Mafioso, den Greg zunächst zur Aufnahme in den Gambino-Clan vorgeschlagen hatte, ehe er beschloss, ihn zu beseitigen. Darum hatte er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis allen Grund, um sein Leben zu fürchten; denn einige Gambinos wollten den eigenmächtigen Mordversuch an LaSorsa rächen.
Aber Greg DePalma hatte keine Lust, sich zur Ruhe zu setzen. Stattdessen hatte er die Lage sofort im Griff. Er besuchte Jerry Spogliari im Naked Truth und sagte: »Das war mein Club, und ich will ihn zurückhaben. Wenn du Schutzgeld zahlst, dann zahlst du künftig an mich.«
Greg verlangte von Spogliari einen Briefumschlag mit Bargeld. Das FBI erfuhr von Informanten, dass er versuchte, seine Machtbasis in der Bronx und im Westchester County, das im Norden an die Stadt grenzt, wiederherzustellen. Wir nahmen an, dass jemand ihn umbringen würde – LaSorsa, die Gambinos der neuen Generation, die den Club übernommen hatten, die Albaner oder jemand anders. Doch der zähe DePalma war plötzlich in seinem alten Revier allgegenwärtig, um seine Autorität wiederherzustellen. Andere Informanten berichteten, er strebe nach einem Bündnis mit Anthony Megale, dem neuen stellvertretenden Gambino-Boss, den man »das Genie« und »Mac« (kurz für Machiavelli) nannte. Wir erfuhren, dass Greg sich bemühte, seine Probleme mit der Führung der Gambinos beizulegen. Aber auf ihn wartete immer noch ein Auftragskiller.
Wenn die Justizbehörden glaubhafte Hinweise auf eine Todesdrohung erhalten, müssen sie den Betroffenen warnen, selbst wenn er ein Krimineller ist. Also ging Nat Parisi zu DePalma. Das war nicht schwierig, weil DePalma unter Bewährung stand. Parisi brauchte also nur seinen Bewährungshelfer einzuschalten.
»Wir haben erfahren, dass einige Gambino-Mitglieder Sie ermorden wollen«, sagte Parisi. »Es geht um Nicky LaSorsa.«
DePalma, inzwischen 71 und ein eiskalter Mafioso, schüttelte den Kopf. »Davon weiß ich nichts«, sagte er. »Danke für die Information. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.« Er empfahl Parisi, beim Hinausgehen nicht gegen die Tür zu stoßen.
Wir hätten DePalma gerne sagen hören: »Es stimmt. Ich habe ein großes Problem. Die Gambinos wollen mich umlegen. Wenn Sie mich ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen, kann ich Ihnen eine Menge Informationen liefern.« Aber ich muss zugeben, dass ich großen Respekt vor Gregs Standhaftigkeit hatte – er war ein harter Kerl, ein echter Mafioso. Wenn er Schwierigkeiten hatte, wollte er sie selbst lösen, ohne »Hilfe von außen«. Ich fand sein Verhalten vorbildlich, gemessen am Ehrenkodex der Mafia.
Während seiner gesamten Laufbahn war Greg 20 oder 30 Mal verhaftet worden. Er stellte sich fast immer dem Gericht, verpfiff nie seine Komplizen und saß seine Strafe immer ab – ein wahrer Gangster. Er respektierte die Mafia, lebte für sie und drückte immer Geld an seine Bosse ab. In der Welt der Kriminellen war er ein echter Samurai. Bald wurde uns klar, dass DePalma wieder an die Macht kommen würde, so hartnäckig war er. Meine Case Agents und ich entschieden, dass ich DePalma treffen und mir selbst einen Eindruck von seiner Zukunft in der Mafia verschaffen sollte.
An seiner Stelle hätte ich aller Welt zugerufen: »Ich hab genug. Ich bin 71 Jahre alt. Ich möchte nie wieder ins Gefängnis gehen, sondern mich nur noch um meinen Sohn kümmern. Wenn Sie mir mit ein paar Dollar helfen wollen, großartig. Aber meine kriminelle Zeit liegt hinter mir.« Doch das war nicht DePalmas Art. Er wollte zurück ins Leben, und es schien, als werde es ihm bald gelingen.
Jeder hätte Greg jederzeit ermorden können: die Gambinos, die Albaner, LaSorsa und all jene, die ihn aus einem Grund hassten, den andere längst vergessen hatten. Aber es war klar, dass DePalma demnächst im Gambino-Clan wieder eine beachtliche Rolle spielen würde. Ich musste ihn treffen. Die Frage war nur, wann und wo.
Am 4. März 2003, sechs Tage nach Greg DePalmas Entlassung aus dem Gefängnis, erhielten wir einen Tipp: Er wollte im Spaghetti Western essen, zusammen mit einigen Gangstern aus verschiedenen Mafiaclans, von denen ich einige kannte. Das Mahl sollte am späten Abend stattfinden, nachdem die anderen Gäste das Restaurant verlassen hatten. Wir beschlossen, dass ich an diesem Essen teilnehmen sollte.
»Ich trage eine Wanze, oder?«, fragte ich.
Nat schüttelte den Kopf.
»Warum nicht?«, wollte ich wissen.
»DePalma hat zu Protokoll gegeben, dass er keine neuen Bekanntschaften schließen will. Er will nicht mehr in den Knast.«
»Aber ich habe immer eine Wanze bei mir«, beharrte ich.
Nat war ebenso stur. »Nein.«
»Aber ich könnte wichtige Beweise verpassen!«
»Egal«, sagte Nat. »Auf keinen Fall.«
Also trug ich keine Wanze. Ich werde den Augenblick nie vergessen, als ich das Restaurant betrat, um schnell etwas zu trinken. Am anderen Ende des ansonsten leeren Speisesaals sah ich zehn Mafiosi an einem Tisch essen und trinken. Am oberen Ende saß Greg DePalma. Ich hatte Fotos von ihm gesehen und erkannte ihn sofort. Aber ich war nicht auf seine neue, bizarre Frisur vorbereitet, mit der er aussah wie der Großvater aus der Comedyserie The Munsters. Er hatte das schüttere Haar von hinten nach vorne gekämmt.
Ich dachte daran, was DePalma Gerüchten zufolge mit Leuten anstellte, die ihn seiner Meinung nach bestohlen hatten. Spogliari erzählte mir, DePalma habe einmal einen Schlagbohrer an den Kopf eines Typen gehalten, der ihm im Naked Truth angeblich etwas gestohlen hatte. Einen anderen habe er mit einer Viehpeitsche in den Unterleib geschlagen. Greg selbst erzählte mir, er habe auf das Auto eines armen Kerls geschossen, nur um ihn zu ärgern. Der Betroffene – der damals im Auto gesessen hatte – bestätigte mir diesen Vorfall.
Gleich als ich Greg sah, dachte ich daran, dass er nach unseren glaubhaften Informationen jederzeit ermordet werden konnte, und dieses Restaurant war dafür ebenso geeignet wie jeder andere Ort. Obendrein wussten wir von unseren Informanten, dass er das FBI leidenschaftlich hasste, weil es ihn angeklagt und dann alles beschlagnahmt hatte – sein Haus, seine Autos, sein Geld, seine Kunstsammlung, alles. Sollte er je den Verdacht haben, ich sei FBI-Agent, würde er mich womöglich auf der Stelle umbringen, ohne Rücksicht auf die »Regel« der Mafia, keine Justizbeamten zu ermorden. Wer zum Teufel bin ich? Wie kann ich es wagen, mich mit ihm an den Tisch zu setzen, obwohl er kein Risiko mehr einge-hen darf?
Ich stand am Eingang und betrachtete die Szene. Zugegeben, ich war ganz schön aufgeregt, aber es machte auch Spaß. Ich liebte den Nervenkitzel, den diese gefährliche Situation auslöste. Dann trat ich zuversichtlich ein, weil ich wusste, dass ich jeder Situation gewachsen war. Und falls diese Kerle mich filzten, würden sie nichts finden. Vielleicht hatte Net recht. Das alles stärkte mein Selbstvertrauen, als ich zum Tisch ging.
Gregs laute Whiskystimme hallte durch das leere Lokal. Er erklärte lang und breit, wie er Geld verdienen wolle und wie hart sein Leben sei. Ich kannte die Hälfte der Leute am Tisch von meinen Nächten in der Stadt. Auch Jerry Spogliari, der Eigentümer von Naked Truth, war da. Ich küsste die Männer, die ich kannte, auf die Wange, und sie küssten mich. Jetzt zahlte es sich aus, dass ich so viele Beziehungen geknüpft hatte. Greg beachtete ich nicht und sah ihn nicht an. Aber ich spürte – ich wusste –, dass er mich ansah und sich fragte: »Wer zum Teufel ist der Kerl?«
Ich begann mich laut mit meinen Bekannten zu unterhalten, die einen Stuhl von einem anderen Tisch wegzogen und mich in ihre Mitte quetschten. Aus den Augenwinkeln warf ich DePalma einen Blick zu. Er rauchte Camel-Zigaretten ohne Filter, als würde er am nächsten Morgen den elektrischen Stuhl besteigen. Er war Diabetiker und war an Rachenkrebs erkrankt, und ich wusste, dass er nur noch etwa eine halbe Lunge besaß. Trotz dieser und anderer gesundheitlicher Probleme hielt er Hof. Er sah sogar besser, stärker und selbstsicherer aus als ich!
Jetzt redete er von seinem Hass auf das FBI.
»Die FBI-Agenten sind Scheißkerle«, sagte er mit rauer Stimme. »Sie haben meine Juwelen und meine Kunstwerke mitgenommen, alles. Hundesöhne. Schwanzlutscher.«
Ich saß ihm gegenüber und unterhielt mich mit den Lucchese- und Genovese-Jungs, die ich kannte, und mit Spogliari. Andere kamen an den Tisch und reichten DePalma Briefumschläge. Wenn ein Mafiamitglied aus dem Gefängnis kommt, sind alle in seinem Clan verpflichtet, ihm etwas Geld zu geben, damit er wieder auf die Füße kommt. DePalma redete ohne Unterlass davon, wie dringend er das Geld brauchte. Er musste zum Zahnarzt gehen, ein Auto kaufen und wieder ein Geschäft gründen. Ich saß bei meinen Kumpels und sprach DePalma nicht an. Übereifer hätte mich verraten können.
DePalma zündete eine neue Zigarette an. Einer der Anwesenden sagte sehr emotional: »Greg, warum rauchst du schon wieder? Das Zeug kann dich umbringen!«
»Zum Teufel damit!«, krächzte DePalma. »Wenn ich rauchen will, dann rauche ich.«
Dann begann er mit einer Schimpftirade gegen die hohen Zigarettenpreise. Wegen der hohen Steuern kostete eine Packung damals acht Dollar. Für DePalma war dies die größte Sünde der Regierung. Sie hatte ihm nicht nur alles genommen, sondern verdiente nun auch noch an seinem Lieblingslaster.
DePalmas rechte Hand und Fahrer, ein wieselartiger Kerl Anfang 40, der Joe Moray hieß, ging um den Tisch herum, um mich in Gregs Auftrag zu beäugen.
Das war meine Chance.
»Ich kann euch gefälschte Zigaretten besorgen«, sagte ich.
»Tatsächlich?«, fragte er und starrte mich misstrauisch an.
Ich nickte. »Es ist nicht mein Job, aber ich kann Zigaretten für acht Dollar pro Stange beschaffen.«
Moray blinzelte rasch.
»Acht Dollar pro Stange?«, fragte er ungläubig. »Wir zahlen acht Dollar für eine Packung!«
Ich nickte. »Ich habe ein paar im Auto«, sagte ich lässig. »Soll ich sie holen?«
Moray dachte einen Augenblick nach und warf DePalma einen Blick zu. Der sah mich an. Es schien, als wären alle am Tisch verstummt.
»Mach schon«, sagte Moray leise.
Ich erhob mich, und DePalma schaute zu, wie ich mich zu meiner vollen Größe aufrichtete. Während ich das Restaurant verließ, hoffte ich, dass ich den Bogen nicht überspannt hatte. Ich wusste, dass sie jetzt über mich redeten.
Zufällig hatte ich wirklich gefälschte Zigaretten im Auto, weil ich am Fall Royal Charm in Atlantic City arbeitete. Ich holte jeweils eine Packung Marlboro Light und Marlboro Red aus dem Kofferraum und ging zurück ins Lokal. Kein Mensch konnte meine gefälschten Zigaretten aus China von echten unterscheiden. Vielleicht merkte es jemand am Geschmack, aber nicht am Aussehen. Meine Stangen trugen die staatlichen Konzessionsstempel und waren ansonsten absolut nicht von der Ware zu unterscheiden, die es im Supermarkt gibt.
Ich warf die beiden Packungen Moray zu, der jetzt wieder neben Greg saß. Wir hatten immer noch kein Wort miteinander gesprochen, und dies war unser erster Blickkontakt. Er musterte mich, nahm eine Packung in die Hand, öffnete sie, schüttelte eine Zigarette heraus, brach den Filter ab und steckte den Rest in den Mund. Er schmeckte den Tabak, als wäre er ein Kenner aus Virginia. Dann zündete er die Zigarette an und inhalierte.
»Nicht schlecht«, sagte er zu mir, während der ganze Tisch auf sein Urteil wartete. »Kannst du mir Camels besorgen?«
»Ich frage mal nach«, sagte ich ganz locker, aber innerlich war ich alles andere als ruhig. Ich hatte DePalma auf völlig unverdächtige Weise geködert. Und von der Beziehung, die sich daraus entwickelte, profitierte ich während der nächsten zweieinhalb Jahre.
Schließlich war das Essen zu Ende, und wir standen alle auf. Greg verabschiedete sich nicht von mir. Warum sollte er?
Ich hatte den Abend überstanden, ohne dass jemand mich verdächtigt hatte, ein FBI-Agent zu sein. Das war ein gutes Ergebnis für einen Tag. Jetzt hatte ich einen Auftrag: Camels für DePalma zu besorgen.
So wurde eine Freundschaft geboren.
Kapitel 11
Greg zündet sich eine an
Am nächsten Tag hing ich wie gewöhnlich im Naked Truth herum, als ein Typ, den ich am vorigen Abend beim Essen gesehen hatte, auf mich zukam und sagte: »Moray will dich sehen.«
Moray und DePalma waren unzertrennlich, und das blieben sie, bis ein Streit zwischen ihnen zu einem Zerwürfnis führte. Sehr wahrscheinlich ging es um Geld. Soweit das FBI wusste, sprachen sie nie wieder miteinander.
Ich war aufgeregt – meine improvisierte List mit den Zigaretten hatte ein Gespräch in Gang gesetzt. Genau das hatte ich gewollt. Da ich aber nicht nervös erscheinen wollte, sagte ich dem Mann, ich sei auf dem Weg zum Essen.
»Wo ist Moray«, fragte ich.
»Er ist unterwegs. In einer halben Stunde wird er hier sein.«
»Das hoffe ich«, sagte ich gelassen. »Andernfalls bin ich weg.«
Der Typ ging telefonieren und kam nervös zurück.
»Moray ist in fünf Minuten hier«, sagte er.
»Dann warte ich.«
Moray erschien prompt und fragte, ob wir reden könnten. Wir gingen in den VIP-Raum.
»Der Alte ist an Zigaretten interessiert«, berichtete Moray.
»Freut mich«, sagte ich. »Ich werde euch einen Gefallen tun. Eigentlich ist es nicht mein Job. Aber ich kann die Kartons für 400 Dollar pro Stück bekommen. Das sind 50 Stangen pro Karton und zehn Packungen pro Stange. Aber es sind Fälschungen aus China.«
Moray versuchte, mich herunterzuhandeln.
»Der Alte ist wirklich knapp bei Kasse«, sagte er. »Übrigens, sag nie Greg DePalma – nicht auf der Straße, nicht am Telefon, nirgends. Ich möchte, dass du den Codenamen ›der Alte‹ benutzt. Klar?«
»Kein Problem«, versicherte ich. Was für Schlaumeier, dachte ich. Was für ein dämlicher und durchschaubarer Spitzname.
Wir feilschten eine Weile. Ich wollte mit ihnen ins Geschäft kommen – und ich wollte ihnen klarmachen, dass es für sie ein sehr gutes Geschäft war. Dank meiner Ausbildung in der Drogenszene war ich gut im Feilschen.
»Ich verdiene nichts daran«, sagte ich. »Ich könnte euch einen Karton für 390 Dollar geben. Rechne nach – jeder Versandkarton enthält 50 Stangen. Die könnt ihr für 20 Dollar je Stange verkaufen, während sie im Einzelhandel 40 Dollar kosten. 20 mal 50 sind tausend Dollar! Damit verdient ihr gutes Geld, 610 Dollar pro Karton! Eine einfache Rechnung.«
Ich merkte, dass er im Rechnen etwas schwach war; aber er war eindeutig interessiert.
»Kannst du mehr davon besorgen?«, fragte er.
»Klar«, sagte ich. »Aber ich möchte das nicht regelmäßig machen. Ich mache es ab und zu, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Hier, nimm diese Stangen.«
Ich gab ihm eine Stange Marlboro Light und eine Stange Marlboro Red. Obwohl die Packungen keine Stempel hatten, war klar, dass sie leicht verkäuflich waren. Er konnte sie mühelos in Bars und Weinschänken loswerden. Moray versprach, sich wieder zu melden, und verabschiedete sich.
Inzwischen berichteten unsere Informanten immer häufiger, dass DePalma sich erfolgreich beim Gambino-Clan einschmeichelte. Er beschäftigte sich jetzt mit Bauvorhaben und kriminellen Aktivitäten aller Art. Greg war überall. Wo immer wir hinschauten, er war da, ständig auf Achse. Am 18. März geschah zweierlei. Zuerst kam die Anordnung von der Führung des Gambino-Clans: »Greg ist wieder das, was er war.« Auf diese Weise wurde der Welt kundgetan, dass DePalma seine Streifen, seinen Rang als Capo oder hochrangiger Captain in der Familie zurückbekommen hatte. Eines musste man ihm lassen: Aus einem unerwünschten, abgehalfterten Typen war in weniger als drei Wochen ein Mann geworden, mit dem man rechnen musste.
Das zweite wichtige Ereignis an diesem Tag war eine Nachricht von Moray: DePalma wollte mich in zwei Tagen sehen.
Jetzt saßen meine Case Agents und ich in der Zwickmühle. Sollten wir weiter an dem Trio Louis, Chris und Funzi festhalten oder uns mit DePalma zusammentun? DePalma wollte ein Stück vom Naked Truth haben, um die Macht wiederherzustellen, die er nach seiner Verurteilung im Fall Scores verloren hatte. Zusammen mit seinem Sohn Craig war er Miteigentümer von Naked Truth gewesen. Darum fühlte er sich berechtigt, seinen Anteil am Stripclub einzufordern, einerlei, wem er jetzt gehörte, und egal, wie viel Geld andere während seiner Abwesenheit in das Lokal investiert hatten. Wir mussten uns entscheiden: Wer sollte das Schutzgeld bekommen: Filippelli und seine Leute oder DePalma? Der Alte war nicht ausgemustert worden, er hatte sich gewaltsam zurück ins Spiel gebracht, und jetzt mussten wir überlegen, welche Folgen das für uns hatte. Vielleicht konnte ein Gespräch mit DePalma unser Dilemma auflösen.
Am folgenden Donnerstag fuhr ich wieder ins Spaghetti Western, um DePalma zu treffen. Ich hatte von einem der Jungs im Naked Truth erfahren, dass Moray und DePalma im Restaurant sein würden. Aber als wir dort ankamen, war noch niemand da. Also setzte ich mich an die Bar und unterhielt mich mit den Eigentümern, während ich wartete.
Ich ging mit einer Idee ins Restaurant. Anstatt einen Handel mit DePalma anzustreben, beschloss ich, ihm zehn Versandkartons Zigaretten zu schenken. Das sollte mein Willkommensgeschenk nach seiner Entlassung aus dem Knast sein. Ich berichtete Nat Parisi, meinem Case Agent, dass DePalma unsere Zigaretten mochte. Das sei eine Chance für einen taktischen Schachzug. Alle überreichten dem Alten Briefumschläge, und ich würde ihm Zigaretten geben. Vor diesem Treffen mit Greg sprach ich auch mit Jerry Spogliari. Er war damit einverstanden, dass diese Zigaretten DePalmas Willkommensgeschenk vom Club sein sollten.
Das Restaurant füllte sich langsam mit einigen Jungs aus dem Club. Wir beschlossen, einen großen Tisch hinten im Saal zu belegen. Bald trafen Moray und DePalma ein. Ich zog Moray zur Seite.
»Ich möchte dem Alten ein Willkommensgeschenk machen«, erklärte ich leise. »Die zehn Versandkartons mit Zigaretten sind für mich viertausend Dollar wert. Ich könnte sie für das Zehnfache verkaufen; aber ich bin nicht in diesem Geschäft. Stattdessen möchte ich sie Greg als Zeichen meines Respekts schenken.«
Moray starrte mich an. Meinte ich es ernst? Wer zum Teufel war ich eigentlich?
Ich hatte gehört, dass DePalma unbedingt ein Auto kaufen wollte, einen Chrysler PT Cruiser. Das wunderte mich. Er hatte sein Leben lang Mercedes und Jaguar gefahren – was in aller Welt wollte er mit einem Chrysler PT Cruiser? Aber er hatte sich dieses Auto in den Kopf gesetzt, und das genügte.
Joe Moray dachte über mein Angebot nach und reichte mir dankbar die Hand.
»Das wäre wunderbar«, sagte er. Dann flüsterte er Greg etwas ins Ohr.
Greg sah mich an. »Ich schätze deine Großzügigkeit«, sagte er mit ernstem Gesichtsausdruck.
»Gern geschehen«, sagte ich. »Ich werde die Lieferung mit Moray absprechen.«
Dann wurde Greg plötzlich jovial und begann mit den Genovese-Jungs am Tisch zu plaudern. Aus einer angespannten Runde wurde eine Art Klassentreffen. Allerdings waren diese Burschen zuletzt nicht in der Schule, sondern im Gefängnis gewesen. Sie unterhielten sich über ihre Zeit in Lewisburg, Fort Dix, Allentown und anderen Strafanstalten. Sie tauschten Erinnerungen an ihre Knastkumpels aus: »Ja, ich war mit Joey Potsandpans in Fort Dix! Wie geht es ihm?«
Ich fand das erstaunlich. Das Gefängnis war ihre Mafiaschule! Wie bereits erwähnt, gab ich nicht vor, eine Strafakte zu haben, aus dem einfachen Grund, weil es ihnen allzu leicht fallen würde, sie zu überprüfen. Also hielt ich den Mund und hörte ehrfürchtig zu, wie Greg erzählte, er habe von korrupten Gefängniswächtern im Austausch gegen Schmuggelware kostenlose Eintrittskarten für den Broadway und Essen erhalten.
Dann hielt er einen langen Monolog und schwärmte davon, welche Ehre es für ihn gewesen sei, sich um John Gotti zu kümmern, während dieser im Gefängnis saß und langsam an Krebs starb. Jeden Abend bereitete er ihm spezielle italienische Gerichte zu – alles, was Gotti wollte. Es gelang ihm, zusammen mit Gotti im Gefängniskrankenhaus unterzukommen, wo es besseres Essen, Mikrowellenöfen und Küchengeräte gab. Er versorgte Gotti und badete ihn sogar. Hätte Gotti Nudeln aus Engelshaar gewollt, DePalma hätte sie ihm besorgt. Hätte er Huhn mit Ziegenmilchmozzarella gewünscht, hätte Greg es für ihn zubereitet. Die Pflege Gottis bedeutete ihm alles, weil Gotti sein Boss und in seinen Augen ein waschechter Mafioso war. Ich fand das faszinierend.
Ein weiteres erfolgreiches Abendessen ging zu Ende, und ich spürte, dass DePalma mich mochte. Ich war ihm zwar völlig fremd, und er wusste nichts über meine kriminelle Vergangenheit; aber nun sprach ich die Sprache, die ihm am besten gefiel: Geld. Geld bedeutete ihm alles, und die Tatsache, dass ich ihm Geld gab, machte mich in seinen Augen zu einem echten Ganoven, zu einem Kumpel, der wusste, wie wichtig es war, seinem Boss zu huldigen.
Der Abend war ein überwältigender Erfolg.
Einige Tage später meldete Joe Moray, seinem Mann falle es schwer, die Zigaretten auszuladen, weil der Geruch zu streng sei. Davon verstand ich nichts. Also verzichteten wir auf den Zigarettendeal, und ich überreichte DePalma stattdessen bei unserer dritten Begegnung einen dicken Umschlag mit 50-Dollar-Scheinen.
»Wir haben die Zigaretten für Sie verkauft«, sagte ich. »Viel habe ich nicht bekommen; aber hier sind drei Riesen drin.«
DePalma sah mich dankbar an. Jetzt hatte er den Beweis, dass ich in kriminelle Aktivitäten verwickelt war. Ich zeigte ihm gleich am Anfang, dass ich kein Möchtegernganove, Groupie oder Aufschneider war.
»Sie haben auch für mich gesessen«, sagte ich respektvoll. »Sie waren 30 Jahre Ihres Lebens im Knast. Ich habe eine Menge angestellt, wurde aber nie geschnappt. Also haben Sie auch für mich gesessen! Das bedeutet, ich stehe in Ihrer Schuld. Andere wären längst zusammengeklappt.«
DePalmas Augen füllten sich mit Tränen, als ich ihm diese allerhöchste Mafia-Laudatio hielt.
Ich hatte begonnen, Greg DePalma zu verführen.
Kapitel 12
Greg DePalmas Verführung
Ein Mann will eine Frau kennenlernen. Er ist nett zu ihr und kauft ihr Blumen. Er taucht »zufällig absichtlich« dort auf, wo sie ist. Genau so behandelte ich Greg DePalma. Ich wollte, dass er mich gernhatte.
Ich wusste, dass er sich nicht mit neuen Leuten einlassen wollte. Er hielt sich zurück – er stand unter Bewährung und konnte jederzeit festgenommen werden, wenn man ihn mit bekannten Gaunern erwischte. Für ihn war es gefährlich, neue Leute zu treffen. Er wusste, dass das FBI ihn im Visier hatte, und er hatte allen Grund anzunehmen, dass man ihn immer noch beobachtete, sogar in seinem achten Lebensjahrzehnt. Also hatte ich die Aufgabe, sein Interesse zu wecken, ohne dass seine Alarmglocken schrillten.
Es war eine Gratwanderung. Ich durfte nicht als großes Tier in der Ganovenszene auftreten. Das hätte seinen Verdacht erregt. Er hätte sich gefragt: »Warum habe ich von diesem Jack Falcone nie etwas gehört oder gesehen?« Das andere Extrem wäre gewesen, mich wie ein Typ aufzuführen, der ihm nichts zu bieten hatte. Wenn ich für ihn keine Geldquelle erschließen konnte oder wenn ich als erfolgreicher Ganove nicht überzeugte, würde er mich ansehen und sagen: »Wer ist diese Niete? Er ist ein kaputter Koffer, eine Mülltonne, ein Aufschneider. Er taugt nichts! Er hat mir nichts zu bieten!«
Die Mafia interessiert sich nur für Leute, die ihr ein lukratives Angebot machen. Die Schlüsselfrage für DePalma lautete: Kann ich mit diesem Burschen Geld verdienen? Die Mafia saugt jeden aus, den sie einmal in den Krallen hat. Sie gründet mit ihm ein Geschäft, ruiniert es und behält alles für sich. Gangster denken nur an sich und an den Clan, dem sie angehören. Es geht nicht darum, Menschen zu erschießen. Es geht ums Geld. Zu Morden kommt es nur, wenn jemand nicht zahlt oder für den Clan nicht das Richtige tut.
Für mich war es eine Herausforderung, mich in eine völlig neue Rolle einzuleben. Es war anstrengend, einen etwas unterwürfigen Gauner zu spielen. Normalerweise war ich der Steuermann, der Häuptling, der Leitwolf. Wenn ich mit Drogen handelte, war ich entweder ein großer Kurier, der eine Menge Stoff transportierte, oder ich war der Dealer, der viele Kilos kaufte oder verkaufte. Hier musste ich von Anfang an viel zurückhaltender sein. Es gab eine Hackordnung, und ich durfte nicht übermütig werden. Das wäre gefährlich gewesen. Bescheidenheit war Pflicht.
Die Zigarettenofferte und die 300000 Dollar als Willkommensgruß machten mich zum Mitglied der Gang. Wir legten alle zusammen, um Greg ein Auto zu kaufen. Danach war er mir noch dankbarer.
Aber das Liebeswerben musste wechselseitig sein. Ich wollte mich ansprechend verpacken – ich spielte und lebte die Rolle und wurde von den anderen Ganoven und ihren Kumpels akzeptiert. Aber ich musste erreichen, dass ich nicht mehr der Jäger war, sondern der Gejagte. Er sollte mir nachlaufen; das war das Ziel meiner Verführung. Wenn er mich nur für eine Beute hielt, würde er mich ausnutzen, und das wollte ich nicht. Nein, ich wollte, dass er sich fragte, wer ich war und wie er unsere Beziehung vertiefen konnte.
Dank unserer Überwachung wussten wir fast genau, wo er den Tag verbrachte und wen er traf. Und die Jungs im Club erzählten mir immer öfter, dass DePalma Erkundigungen über mich einzog. Andere hörten sich in seinem Auftrag um: »Wer ist dieser Typ aus Florida? Was macht er?« Das gefiel mir. Ich sah, dass er überlegte, wie viel er aus mir herausholen konnte – dass er die entscheidenden Ganovenfragen stellte: »Wer ist dieser Neue, und wie kann ich ihn ausnehmen?«
Ein typischer Tag während dieser Werbungsphase begann mit einem Anruf im Büro. Ich fragte meinen Case Agent: »Nat, wo ist DePalma jetzt?«
So erfuhr ich, dass er in diesem oder jenem Restaurant saß, ein Treffen in Manhattan hatte oder was auch immer. Also zog ich mich an und spielte den legeren Ganoven aus Miami, denn dafür sollte Greg mich halten. »Zufällig« tauchte ich in dem Restaurant auf, das er an diesem Tag besuchte. Das tat ich natürlich nicht jeden Tag, aber so oft, dass sein Interesse an mir nicht erlosch. Er sollte ständig an mich denken.
Wenn es nicht angezeigt war, DePalma zu treffen, rief ich einfach die Jungs an, die ich im Club kennengelernt hatte, und fragte sie, wann sie wohin gehen wollten, in welches Restaurant. Dann kreuzte ich dort auf und bestellte etwas zu essen. Es ist eine Beleidigung, in ein Restaurant zu gehen und nichts zu bestellen. Wenn ich reinkam, sagten die Jungs: »Bestell eine Kleinigkeit. Iss ein bisschen Suppe! Die Pasta e Faglioli ist hier fantastisch! Blamier mich nicht – bestell etwas!«
Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, denn man muss mich nicht zweimal zu Tisch bitten. Und mit diesen Leuten ging ich zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen, dann in den Club, und gegen zwei Uhr morgens sagte jemand: »Kommt, wir fahren in dieses Lokal in City Island. Ich verhungere fast. Gehen wir etwas essen!« Also nahmen wir um zwei Uhr morgens eine üppige Mahlzeit ein, und am nächsten Tag fing das Ganze von vorne an.
Während ich daran arbeitete, Greg zu ködern, erfuhren wir von Informanten, dass er versuchte, Ballast abzuwerfen. Er verbrachte eine Menge Zeit mit Anthony »dem Genie« Megale, dem stellvertretenden Boss des Gambino-Clans, um ein Problem aus der Welt zu schaffen: seinen Mordversuch an LaSorsa.
Der Ärger zwischen LaSorsa und DePalma begann, als Greg wegen der Scores-Erpressung im Gefängnis saß. Greg hatte empfohlen, Nick in den Clan aufzunehmen. Aber jetzt, da er hinter Gittern saß, verlangte Nick von einem Geschäftsmann, den er bisher in DePalmas Auftrag erpresst hatte, 2500 Dollar an ihn und nur an ihn zu zahlen.
Greg DePalmas schlimmster Feind war… Greg DePalma. Über ein Gefängnistelefon stieß er Drohungen aus, die natürlich aufgezeichnet und an die Polizei weitergeleitet wurden. Als er hörte, dass ein anderer Mafioso dabei war, sein einträgliches Geschäft zu übernehmen, drehte er offenbar durch. Er sagte: »Dem werde ich das Handwerk legen. Ich hoffe, es ist nicht Nicky.« Er beschrieb in allen grässlichen Einzelheiten, was er mit LaSorsas Genitalien anstellen werde. Dann schmiedete DePalma einen wirklich bizarren Plan, um LaSorsa zu ermorden. Später behauptete er, John Gotti habe dem Vorhaben zugestimmt; aber das war vermutlich frei erfunden und der Versuch, sich selbst zu rechtfertigen.
DePalma, dem es gesundheitlich nicht gut ging – auch er war jetzt ein kranker, an den Rollstuhl gefesselter Mafioso hinter Gittern –, erteilte den Befehl, LaSorsa zu töten. Das Problem war nur, dass ein initiiertes Mitglied ein anderes nur mit Erlaubnis der Bosse ermorden durfte, es sei denn, er ist dreist genug, eigenmächtig zu handeln. Zur Vergeltung setzte LaSorsa seinerseits einen Auftragskiller auf DePalma an. LaSorsa, ein Autohändler und Mafioso, hatte von DePalmas komischen Racheplänen wenig zu fürchten. Für den Alten war der wütende LaSorsa hingegen eine viel größere Gefahr. Übrigens gestand DePalma seine Beteiligung an dem geplanten Mord ein und ließ sich als standhafter Mafioso den Prozess machen. Niemand war überraschter als er, das Urteil »nicht schuldig« zu hören!
Nun aber war DePalma wieder zurück und als Capo anerkannt. Deshalb hielten die Gambino-Bosse eine Sitzung nach der anderen ab, um das Problem mit dem eigenmächtigen Mordversuch zu lösen. Joe Moray schied aus Gregs »Diensten« aus, und ich brachte Greg zu seinen Besprechungen. Von Nat erfuhr ich, dass unsere Informanten von weiteren Sitzungen berichteten, bei denen immer der Anschlag auf LaSorsa das Hauptthema war. Auch dieser war inzwischen zu einem Capo des Gambino-Clans aufgestiegen.
Während er sich um die Lösung des Problems LaSorsa bemühte, festigte Greg seine Macht und half dem Clan, John Gottis Fehler auszubügeln. Greg war schlau. So sehr er Gotti geliebt hatte, erkannte er doch, dass dessen Vorliebe für das Rampenlicht dem Clan schwer geschadet hatte: Die Einnahmen waren gesunken, und die Privatsphäre, die das organisierte Verbrechen für seine schmutzigen Geschäfte brauchte, war nicht mehr gewährleistet.
Also teilte Greg seine Soldaten in einzelne Zellen ein, fast wie kleine, individuelle Terrorzellen. Eine Gruppe wusste nie, was die anderen taten, und kannte nicht einmal deren Mitglieder. Nur Greg wusste alles und behielt alles im Auge. Auf diese Weise behielt er seinen Wert für die Bosse – es war eine Art Lebensversicherung. Greg DePalma hatte etwas geschafft, was in der Mafia unvorstellbar war: Er hatte seine Verbannung selbst aufgehoben. Er hatte die Macht. Aber eines wusste ich damals noch nicht – dass ich Teil der Pläne war, die seine Zukunft in der Mafia betrafen.
Kapitel 13
Auf der Liste
Inzwischen sagten die Leute: »Big Jack, der Neue im Viertel, der ist in Ordnung. Er gehört zu Greg DePalmas Gang.« Obwohl Greg mich nicht offiziell aufgenommen hatte, brachte mich die kriminelle Szene immer häufiger mit ihm in Verbindung. Ich wusste, dass ich ihn am Haken hatte. Ich hatte ihm Geld gegeben – angeblich mit Zigaretten verdient – und dadurch seine Einstellung verändert. Ich war vom Jäger zum Gejagten geworden. Das wusste und spürte ich. Es war nur eine Frage der Zeit. Ich hatte ihn neugierig gemacht.
Ende April 2003 aßen wir im Spaghetti Western zu Mittag. Plötzlich fragte Greg: »He, Jackieboy, brauchst du eine Krankenversicherung? Oder hast du schon eine?«
Das ist ein wichtiges Thema unter Mafiosi. Da sehr wenige von ihnen einem ehrlichen Beruf nachgehen, ist eine erstklassige, preiswerte Krankenversicherung für sie und ihre Familien unerlässlich. Greg sagte, er könne mich einem Gewerkschafter vorstellen, der mich versichern würde.
»Ich bin interessiert«, bestätigte ich. »Weißt du, wie ich das hinkriege?«
»Keine Sorge«, sagte er. »Ich regle das bald für dich.«
Die nächsten paar Wochen verbrachte ich damit, mich bei den Ganoven beliebt zu machen, sowohl im Naked Truth als auch in den Restaurants in ganz New York, je nachdem, wo gerade etwas los war. Außerdem fuhr ich unter anderem nach Atlantic City und Miami, um an den Fällen zu arbeiten, die ich in anderen Kapiteln beschrieben habe. Ein paar Drogendelikte und andere kleinere Fälle kamen hinzu.
Ich erzählte einigen Leuten, denen Greg vertraute, von gestohlenen Uhren, die ich zu einem guten Preis verscherbeln musste. Klar, dass er anbiss. Am 17. Mai rief er mich an. Wir sprachen nicht offen über Juwelen, aber ich sagte Greg, ich sei nicht nur mit Sonnenbräune aus Miami zurückgekehrt.
Wir trafen uns zwei Tage später in einem Restaurant namens La Villetta im Westchester County. Ich zeigte Greg die Uhren und einen Diamant-ring. Wenn er interessiert sei, könne er sie vielleicht versilbern und da-mit etwas Geld verdienen. Er war ganz offensichtlich interessiert. Insgesamt legte ich ihm sieben Stücke vor: sechs Uhren und einen Diamantring, angeblich Diebesgut aus Florida. Die Uhren waren Rolex Presidents, Corums und Piagets, alle aus reinem Gold und wunderschön. Es han-delte sich um fast neue Stücke, die das FBI bei anderen Ermittlungen beschlagnahmt hatte. Greg fragte mich, was ich für die Sachen haben wolle, und ich verlangte 25000 Dollar. Natürlich musste Greg mich herunterhandeln.
»Marron!«, rief er und betrachtete die Juwelen. »Das ist eine Menge Geld. Es sind alte Stücke!«
»Machst du Witze?«, fragte ich empört. Ich musste beweisen, dass ich wusste, wovon ich redete. Andernfalls hätte er mich als leichte Beute betrachtet.
»Sie sind aus purem Gold!«, protestierte ich. »Schön und fast neu!«
»Das glaube ich nicht«, meinte er abschätzig.
»Schau mal«, erklärte ich, »ich habe einen potenziellen Käufer für die Dinger; aber ich wollte wissen, ob du sie für einen höheren Preis verhökern und dabei ein paar Kröten verdienen kannst. Wenn du willst, frag herum und erkundige dich, welchen Preis du dafür bekommst.«
Ich wollte ihn ein wenig reizen und herausfinden, ob er den Köder schluckte.
Am nächsten Tag rief er mich an.
»Jackieboy«, begann er aufgeregt, »ich hab für dich einen Termin bei diesem Gewerkschafter vereinbart, wegen der Krankenversicherung.«
»Im Ernst?«, erwiderte ich erfreut. Ja, er hatte den Köder geschluckt.
»Aber vorher möchte ich diese ›Sachen‹ noch einmal sehen.«
»Was immer du willst, Greg«, sagte ich.
Er bestellte mich in eine Schneiderei in Westchester. Anscheinend war dieser Schneider einst sehr gefragt, denn er hatte sein Büro mit Fotos von Joe DiMaggio und anderen Größen der alten Zeit verziert, und alle trugen seine Anzüge. Ein Besuch in seinem Geschäft war wie eine Reise in die Vergangenheit. Er machte Anzüge in hellen Farben und in einem altmodischen Stil. Nichts für mich. Aber er hatte auch eine Ecke mit guten und modernen Anzügen. Früher hatte Greg 20 Anzüge bei ihm gekauft, und nun wollte er einen für mich kaufen.
Ich wollte aus mehreren Gründen keinen Anzug. Erstens trug ich eine Wanze und wollte daher nicht befummelt werden. Zudem wollte ich nicht, dass Greg für mich einen Anzug bestellte, weil ich wusste, dass er den Schneider übers Ohr hauen würde, und das gefiel mir nicht.
Greg war hartnäckig. »Komm schon, lass ihn Maß nehmen«, sagte er. »Ich tu dir gerne einen Gefallen.«
»Nimm es nicht persönlich«, sagte ich. »Aber ich habe genug Anzüge, und ich mag seinen Stil nicht. Vielleicht war er vor ein paar Jahren ein großartiger Schneider; aber die Zeit ist ein wenig über ihn hinweggegangen. Ich hab jemanden an der Hand, der für mich Anzüge macht. Trotzdem vielen Dank, Greg.«
In Wahrheit wollte ich Greg klarmachen, dass ich nichts von ihm haben und ihm in keiner Weise verpflichtet sein wollte. Wäre er stur geblieben, hätte ich natürlich nachgegeben. Aber als Jack Falcone, der Unterweltler aus Miami, konnte ich mir eigene Anzüge leisten. Greg sagte, er wolle mich am nächsten Tag wegen meiner Krankenversicherung treffen.
Wir trafen uns mit einem Typen, den ich Teddy nennen möchte. Er war der Vorsitzende einer Gewerkschaft, die von der Mafia gesteuert wurde. Teddy reichte mir ein Formular, auf dem ich meinen Namen, meine Sozialversicherungsnummer und mein Geburtsdatum eintragen sollte. Dann bekäme ich eine Versicherung, die ärztliche und zahnärztliche Dienste, Brillen und Medikamente bezahlte und sogar eine Rente anbot. Ironischerweise fand die Besprechung in einem Restaurant mit Imbissstube gleich neben dem Gewerkschaftsbüro statt. In diesem Lokal hatte ich als Schüler eine Weile gearbeitet. Hier hatte mein bester Freund geheiratet. Und jetzt war ich hier, ein Ganove, den ein korrupter Gewerkschafter mit einer Krankenversicherung versorgte.
Ich trug Jack Falcone als Namen ein, dazu meine Sozialversicherungsnummer, mein Geburtsdatum und alle Daten meines zweiten Ichs. Dann gab ich ihm einen Scheck – und schon war ich versichert! Wer behauptet, die Mafia habe keine Privilegien? Einmal drehte ich mich zu Greg um und fragte, ob die Sache legal sei.
»Mach dir darüber keine Gedanken, Jackieboy!« Er lachte. »Natürlich ist sie legal. Obendrein ist die Versicherung echt gut. Du wirst zufrieden sein!«
Ich glaube kaum, dass es Greg kümmerte, ob ich mir eine neue Brille oder eine ärztliche Untersuchung leisten konnte. Er brauchte eine glaubhafte Begründung dafür, mir meine Sozialversicherungsnummer, mein Geburtsdatum und andere persönliche Daten zu entlocken, damit er meine Identität genauer ausforschen konnte. Das war ziemlich raffiniert von ihm. Ich war mir fast sicher, dass er mich überprüfen ließ. Da wir aber im Büro eine Menge Zeit geopfert hatten, um mir einen lückenlosen Lebenslauf zu verschaffen, wusste ich, dass ich jeden Test bravourös bestehen würde.
Zwei Tage später begegnete ich Greg »zufällig« im Raceway Diner in Yonkers. Aus seiner Sicht war es einfach Dusel, dass er mich zur rechten Zeit am rechten Ort traf. Er sah sehr enttäuscht aus.
»Was ist denn los?«, fragte ich. Ich nahm Platz und griff nach der Speisekarte.
»Moray ist nicht da«, nörgelte er. »Und ich muss in die City.«
»Kein Problem, Greg«, sagte ich. »Ich fahr dich gerne hin.«
Genau deshalb war ich in dem Lokal aufgekreuzt. Greg dirigierte mich zu einem Bürogebäude in der Madison Avenue. Er ging rein, und ich blieb wie verloren im Auto sitzen. Sonst spielte ich immer den großen Boss, wenn ich undercover arbeitete. Darum musste ich mich erst daran gewöhnen, wie ein Chauffeur behandelt zu werden. Später, beim FBI, überprüften wir die Anschrift und stellten fest, dass er einen Anwalt der Mafia konsultiert hatte.
Eine Stunde später tauchte Greg wieder auf. Wie verließen die Innenstadt, und ich sagte kein Wort. Es wäre für einen Rangniedrigen unklug – und unangemessen – gewesen, einen Capo zu fragen, worum es bei seinem Termin gegangen sei. Aber für einen gesprächigen Typen wie Greg war Schweigen eine Last, die er nicht tragen konnte. Also plauderte er während der Rückfahrt ein wenig.
»Sie haben mich herbestellt, um die Sache mit Nicky zu lösen«, erklärte er. »Es wird ein paar neue Regeln in der Familie geben. Es ist eine Angelegenheit der Gambino-Familie.«
»Verstehe«, sagte ich, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.
Es wäre nicht klug gewesen, Fragen zu stellen. Damit hielt ich mich sehr zurück, denn echte Ganoven stellen keine Fragen.
Am 3. Juni trafen wir uns erneut, um essen zu gehen. Sein Vertrauen zu mir war jetzt viel größer. Er wusste bestimmt schon, dass meine Sozialversicherungsnummer in Ordnung war. Er erzählte mir ganz offen, er habe schon wieder mit »der Nummer zwei und der Nummer drei« – dem Stellvertreter Anthony Megale und dem Consigliere Joseph »JoJo« Corozzo – über die Angelegenheit LaSorsa gesprochen.
»Die Sache ist aus dem Ruder geraten«, sagte er und erklärte mir ausführlich, was für ein Bastard LaSorsa sei.
Ich aß, hörte zu und dachte: LaSorsa hat immer noch einen Killer auf ihn angesetzt – darum versuchen die Bosse, das Problem zu lösen. LaSorsa konnte jederzeit die Erlaubnis bekommen, DePalma umzulegen, und dann würde er mich ebenfalls umlegen. Es gibt ein berühmtes Foto von Carmine Galante, einem Mafiaboss, der im Hof eines italienischen Restaurants erschossen wurde und immer noch seine Zigarre zwischen den Zähnen hatte. Den Leuten, die mit ihm speisten, erging es nicht besser. Ich wollte kein Statist auf einem Polizeifoto sein, wenn DePalma ermordet wurde; aber solche Risiken hatte ich in Kauf genommen. Positiv war aus meiner Sicht, dass seine Chance, begnadigt zu werden, mit jedem Besuch bei den Bossen stieg.
Unsere Beziehung wurde immer enger. Ich sprach fünf- bis zehnmal am Tag mit Nat Parisi, meinem Case Agent beim FBI. Wir waren uns darüber einig, dass ich etwas tun musste, was meine Glaubwürdigkeit als Ganove erhöhte, und gleichzeitig musste ich Greg zu Geld verhelfen. Wir beschlossen, dass ich Greg immer mehr geschmuggelten und gefälschten Schmuck bringen und als Beute meiner Coups ausgeben würde. Wir hatten unsere »Ware« schätzen lassen, sodass ich genau wusste, was für Diamanten wir hatten und was jedes Stück wert war. Immer, wenn ich Greg neue Stücke brachte, zog er seine Juwelierslupe aus der Tasche – genau für solche Zwecke hatte er immer eine bei sich – und erzählte mir von seinem früheren Schmuckgeschäft in der Canal Street.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Kohle ich damit gemacht habe«, prahlte er.
Einerlei, wie gut meine Diamanten waren, er behauptete immer, sie seien fehlerhaft, schrecklich, verhunzt – er wollte immer schnorren. Oder ich brachte ihm eine Rolex President und verlangte von ihm nur 4500 Dollar, wohl wissend, dass er sie für 6000 verscherbeln konnte. Ein Mafioso will jeden Tag Geld verdienen; das liegt ihm im Blut. Für DePalma und die anderen spielte es keine Rolle, ob sie Geld mit Schmuck, Brot, Käsechips, DVDs, Raubüberfällen oder Kreditbetrug verdienten – sie machten alles, wenn sie Geld witterten.
»Woher hast du das Zeug?«, fragte Greg. Er legte die Lupe auf den Tisch und sah mich an.
»Meine Leute in Miami zocken Drogenhändler und Geschäftsleute in Miami ab«, erklärte ich. »Ich habe einen Hehler dort; aber manche Sachen sind so heiß, dass er lieber die Finger davon lässt. Wenn du willst, kannst du sie haben und hier in New York für mich verkaufen.«
Greg nickte. Die Erklärung überzeugte ihn. Er stellte keine weiteren Fragen.
Mit den Juwelen trafen wir bei Greg voll ins Schwarze. Er war geradezu gierig nach Schmuck und Uhren, die er verkaufen konnte. Jetzt verdienten wir zusammen Geld und ich hatte eine Krankenversicherung.
Ein paar Tage später sagte DePalma die ominösesten Worte, die ein Ganove zu einem anderen sagen kann: »Hör mal, wir machen ’ne kleine Fahrt.«
Eine kleine Fahrt? Ich wurde ein wenig nervös. Was zum Teufel meinte er damit? War etwas schiefgegangen? Hatten sie herausgefunden, wer ich war oder womit ich wirklich meinen Unterhalt verdiente? Oder wollten sie mich auf die Probe stellen? Ich hatte keine Ahnung. Aber was blieb mir anderes übrig? Ich stieg ins Auto.
Sie wollten, dass ich vorne saß, aber ich bin zu korpulent für den Vordersitz eines PT Cruiser. Also fuhr Joe Moray, Greg setzte sich neben ihn, und ich quetschte mich auf den Rücksitz. Ich war nicht begeistert von alledem, weil ich die Lage nicht im Griff hatte. Egal, wohin wir fuhren, wir konnten jemandem begegnen, den ich verhaftet hatte, oder sogar jemandem, der mit mir in der Highschool gewesen war. Ich konnte jederzeit auffliegen. Vielleicht brachten sie mich auch an einen einsamen Ort, um mich umzulegen. Ich hatte keine Ahnung. Eine Waffe hatte ich nicht bei mir, wohl aber ein Aufzeichnungsgerät. Wenn sie das fanden, würde alles noch schlimmer werden. Würden sie mich umbringen, weil sie mich für einen Spitzel anstatt für einen verdeckten Ermittler hielten? Ich war total verwirrt.
Wir verließen Bronxville und fuhren plaudernd weiter. Wie sich herausstellte, war unser Ziel ein Juwelier in Westchester. DePalma stieg aus dem Wagen, ging rein und kam mit einem großen, pompösen, mit Diamanten besetzten Ring für den kleinen Finger zurück.
Er war für mich.
»Du hast nie zu einer unserer Familien gehört, stimmt’s?«, fragte er.
»Nein, nur zu einer kubanischen Organisation«, bestätigte ich.
Ich hatte keinen blassen Schimmer, worauf er hinauswollte.
»Dann beanspruche ich dich für mich und meine Familie«, sagte er.
Ich war freudig erregt, bemühte mich aber, es nicht zu zeigen. Das bedeutete, dass ich alle Tests bestanden hatte. Greg wollte mich für sich haben. Ich arbeitete für ihn, und kein anderer Mafiosi hatte ein Recht auf meine Zeit, mein Einkommen oder meine Loyalität. Ich war Gregs Mann.
»Okay«, sagte ich vorsichtig, um meine Gefühlsaufwallung zu verbergen.
»Du weißt, was das heißt, oder?«, fragte er.
»Klar«, erwiderte ich in einem Ton, der ihm verriet, dass ich es nicht wusste, aber zu stolz war, es einzugestehen. Ich wollte, dass er es mir sagte, und ich wollte die Worte auf Band haben.
Greg erklärte es mir. »Niemand darf dich belästigen, niemand darf dir zu nahe treten. Keiner von uns und kein anderer. Es ist mir egal, ob es der Boss, sein Stellvertreter oder eine andere Gang ist. Vorige Woche habe ich noch nicht einmal deinen Nachnamen gekannt! Falcone, stimmt’s?«
»Es ist mir eine Ehre«, sagte ich, tief bewegt von dem Vertrauen, das er mir schenkte.
»Selbstverständlich!«, sagte Greg lächelnd. »Das will ich schwer hoffen! Jetzt bist du einer von uns.« Er zeigte mir den Ring.
»Das ist ein Zeichen meiner Freundschaft. Ich habe dich in meine Crew aufgenommen. Kein anderer Capo hat dir etwas zu sagen. Niemand darf sich mit dir anlegen.« Jetzt war ich Gregs Gefolgsmann und mit der Gambino-Familie verbunden. Ich war ein offizieller associate (Anwärter oder Verbündeter) der Cosa Nostra.
Zwischenspiel 2
Atlantic City – einflussreiche Freunde
Während ich für die FBI-Außenstelle in Atlantic City am Fall Royal Charm arbeitete, traf ich auch die Agenten Jim Eckel und Ed Corrigan, die ich seit vielen Jahren kenne. FBI-Büros werden in Dezernate eingeteilt, je nachdem, welche Delikte in einem bestimmten Gebiet am häufigsten vorkommen. Ich arbeitete im Dezernat für das organisierte Verbrechen; ihre Dienststelle war das Dezernat für Korruption im öffentlichen Dienst.
»Was machst du denn hier?«, fragte Jim überrascht.
»Ich arbeite am Royal Charm«, antwortete ich.
»Ich hatte eben eine Idee«, rief er aufgeregt. »Hast du eine Minute Zeit? Dann gehen wir ins Besprechungszimmer.«
»Wie sieht dein Terminkalender aus, mein Großer?«, fragte er.
»Voll bis zum Rand«, erwiderte ich, denn ich merkte, woher der Wind wehte.
»Das wissen wir«, sagte Jim. »Aber vielleicht kannst du uns ein paar Minuten zuhören.«
»Für eine gute Story habe ich immer Zeit.« Und ihre Geschichte war tatsächlich gut.
»Wir haben da einen Typen im Baugewerbe, einen tollen kooperierenden Zeugen«, begann Jim, »eine sehr, sehr gute Quelle. Ein Schwarzer. Er kennt einen anderen Baulöwen hier in Atlantic City – diesen Gauner, der das eine oder andere Ding dreht. Wir wissen, dass er Mitglieder des Stadtrates und Politiker schmiert. Erst wollten wir einen schwarzen verdeckten Ermittler einsetzen; aber dann dachten wir immer öfter an dich. Möchtest du einen kubanischen Drogenhändler aus Miami und New York spielen, der sein Geld waschen will?«
»Wie soll das gehen?«, fragte ich.
»Du freundest dich mit ihm an, und nach einiger Zeit machst du ein Geschäft mit ihm, und vielleicht zieht er dich ins Vertrauen«, erklärte Jim. »Dann schmiert ihr gemeinsam Politiker, um Bauaufträge in Atlantic City zu ergattern. Er hat eben seine Minoritätenlizenz als Bauunternehmer bekommen; darum wissen wir, dass er bald loslegen wird.«
Die Bundesstaaten und die Bundesregierung haben Programme aufgelegt, die Angehörige von Minoritäten bei der Vergabe öffentlicher Aufträge begünstigen. Um die dafür notwendige Lizenz zu erhalten, müssen die Firmeninhaber nachweisen, dass sie einer Minderheit angehören. Unser Mann hatte diese Lizenz eben erst bekommen.
Es ist mir immer schwergefallen, Nein zu sagen.
»Hör zu«, sagte ich. »Ich mach’s für dich, Jim. Aber ich kann nicht sofort voll einsteigen. Heute Abend habe ich eine Besprechung wegen des Royal Charm.«
»Wie wär’s mit morgen?«, fragten sie.
»Okay«, sagte ich, und plötzlich hatte ich einen neuen Fall am Hals, zusätzlich zu all den anderen.
Am nächsten Morgen traf ich den kooperierenden Zeugen, einen wirklich netten Kerl, der mich sofort sympathisch fand. Wir vereinbarten, am folgenden Tag miteinander zu frühstücken. Dann würde er mich dem Ganoven vorstellen, den wir Speed nennen wollen. Ich sollte Manny spielen, einen ehemaligen kubanischen Drogenhändler mit viel Geld zum Waschen. In dem Szenario, das wir uns ausdachten, hatte ich keine Verbindung zur Mafia, sondern verkaufte eine Menge Drogen in Florida und New York. Da ich mich aber aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, suchte ich nach günstigen Geldanlagen und wollte vielleicht eine legale Firma in Atlantic City gründen.
Am nächsten Morgen trafen wir uns zu dritt bei Denny. Speed war ein großer, muskulöser Schwarzer – etwa so groß wie ich. Sein Gehabe verriet mir, dass er ein Gauner und Ehrgeizling war. Gleichzeitig war er schlau und vorsichtig. Er war umgänglich und bei den Afroamerikanern von Atlantic City beliebt. Später, als wir zusammen herumfuhren, winkten ihm die Leute zu, als wäre er eine lokale Berühmtheit. »He, Speed, was läuft?«, riefen sie.
Bei diesem Frühstück nahmen wir einander unter die Lupe. Meinen Lebenslauf legte ich ihm nicht vor.
»Dieser Kumpel bürgt für mich«, sagte ich und deutete auf unseren Informanten. »Und er bürgt auch für dich.«
»Was hast du für Pläne?«, erkundigte sich Speed.
»Ehrlich gesagt, möchte ich mich endlich zur Ruhe setzen«, erklärte ich. »Legal Geld investieren. Mein Problem ist, dass ich sauberes Geld brauche.«
»Wie soll es laufen?«, fragte er.
»Ich brauche Bargeld«, sagte ich. »Es muss auf ein spezielles Konto überwiesen werden, das ich in Los Angeles und New York eingerichtet habe. Niemand darf Verdacht schöpfen. Außerdem möchte ich Bargeld in bestätigte Schecks umtauschen.«
Speeds Gesicht hellte sich auf. »Das lässt sich machen!«
Wir wussten, dass er an solchen Geschäften beteiligt war. Also verhandelten wir.
»Wie hoch wäre deine Provision?«, fragte ich.
»Fünf Punkte«, antwortete er. Das hieß, dass er fünf von hundert gewaschenen Dollar für sich haben wollte. Das war fair. »Okay«, sagte ich, »damit bin ich einverstanden.«
»Um welche Summe geht es?«, wollte er wissen.
Wie bereits erwähnt, sollte man im Umgang mit solchen Leuten nie voreilig sein.
»Ich kenne dich nicht, und du kennst mich nicht«, sagte ich. »Also fangen wir klein an. Ich habe jemanden an der Hand, der Geld wäscht; aber es ist mir lieber, wenn ich Alternativen habe. Wenn ich mit meinen kolumbianischen Freunden Geschäfte mache, wende ich mich an einen bestimmten Geldwäscher. Aber wenn ich ihnen noch jemanden bringe, dem sie trauen können, sind sie glücklich, und ich stehe gut da. Die Sache lohnt sich für mich, weil ich dem Mann der Kolumbianer acht Punkte zahle und du nur fünf verlangst.«
Alles, was ich sagte, gefiel Speed. Ich erklärte ihm, dass ich kürzlich mehrere Kilo Kokain an einen zuverlässigen Abnehmer verkauft hätte. Jetzt müsse ich meine kolumbianischen Lieferanten bezahlen. Jim hatte ein Bankkonto eröffnet, damit wir Speed veranlassen konnten, Geld darauf einzuzahlen. Wir starteten unser Geschäft mit 50000 Dollar.
»Ich gebe dir das Geld«, sagte ich zu Speed. Dann zeigte ich auf unseren Informanten. »Dieser Bursche bürgt für dich. Ich war ein paar Mal hier in der Gegend, und ich will nicht, dass meinem Geld etwas passiert. Verstehen wir uns?«
»Hör mal«, versicherte er mir, »ich bin hier eine feste Größe. Ich bin in der Geschäftswelt bekannt.«
»Wie lange brauchst du dafür?«
»Höchstens eine Woche«, sagte er. »Ich mache das scheibchenweise.«
Ich fand das großartig. Er wollte Geld waschen, das aus illegalen Geschäften stammte. Damit hatten wir ihn.
Am nächsten Morgen gab ich ihm auf dem Parkplatz vor Denny’s einen Koffer voller Bargeld. Ich hatte ihm gesagt, dass ich nicht auf ihn warten würde, wenn er unpünktlich sei – dann würde ich verschwinden und nie zurückkommen. Ich übte von Anfang an meine Autorität aus, meine Dominanz, wenn Sie so wollen.
Alles klappte hervorragend. Das Geld, das ich ihm gegeben hatte, floss zurück auf das Konto, abzüglich fünf Prozent. Und ein Teil des Geldes kam in Form eines Schecks, dessen Aussteller wir nicht kannten. Natürlich wollten wir wissen, wer es war. Ich erklärte Speed bei einem weiteren Treffen, es gefalle mir nicht besonders, dass eine dritte Partei bei unserem Geschäft mitmische – ich wolle diesen Typen sehen. Er stellte sich als angehender Mafioso heraus, der mit einem Clan in Philadelphia zusammenarbeitete. Wir trafen ihn, und kurze Zeit später gab ich Speed 100000 Dollar zum Waschen.
Es ging uns nicht darum, Speed als Geldwäscher zu verhaften. Unser Auftrag lautete, die Amtsträger zu überführen, die, wie wir erfahren hatten, von Speed bestochen wurden. Speed wurde sehr pflegeaufwendig. Er rief mich fast Tag und Nacht an und wollte mehr Geld waschen. Meist saß ich mit Greg im Auto, und das Telefon klingelte. Wenn es Speed war, legte ich auf.
»Wer war das?«, fragte Greg dann.
»Irgend so ein Blödmann«, antwortete ich. »Ich habe ihm schon oft gesagt, er soll mich nie wieder anrufen.«
Das sagte ich Greg übrigens auch, wenn mich ein Kollege anrief.
Speed brauchte kein Geld mehr für uns zu waschen – wir hatten ihn ja schon der Geldwäsche überführt. Jetzt wollten wir endlich an die korrupten Beamten herankommen. Deshalb hatten Speed und ich unterschiedliche Ziele: Ich wollte mit ihm ein Bauunternehmen gründen, damit wir uns an Ausschreibungen beteiligen und Stadträte oder wen auch immer bestechen konnten. Er wollte unbedingt Geld für mich waschen.
Dann hatte er eine neue Idee – er wollte eine Spedition gründen und Drogen in speziellen verschlossenen Fächern in seinen Autos und LKW transportieren (in den Badlands nannten wir diese Verstecke caletas und clavos).
Speed wusste, dass ich mich zwar aus dem Drogenhandel zurückziehen wollte, aber immer noch Drogen verkaufte, und er wollte der Kurier sein und anschließend mein Geld waschen. Auf diese Weise hätte er doppelt absahnen können. Ich versuchte, ihm klarzumachen, dass es nichts Schlimmeres gebe als Drogenhandel. Ich hätte fast schon aufgehört, erklärte ich ihm, und keine Lust, wieder damit anzufangen.
Den wahren Grund konnte ich ihm nicht nennen: Wenn er Drogen transportierte, würde er ein paar Kilos als Lohn abzweigen. Wir hätten ihm zwar gefälschte Drogenpäckchen unterjubeln und ihn mit Geld anstatt mit Kilos bezahlen können; aber dadurch wären wir unserem eigentlichen Ziel – korrupte Politiker zu überführen – nicht näher gekommen. Er löcherte mich andauernd wegen der Geldwäsche, und ich konnte ihn einfach nicht dazu überreden, mit mir ein Bauunternehmen zu gründen. Und jetzt hatte er auch noch diese brillante Idee mit dem Drogentransport.
Speed war unglaublich stur. Eines Tages kam er zu mir und erzählte mir, was ich gar nicht hören wollte: Er werde nach Florida fahren, um eine Testfahrt mit Drogen zu machen. Er wollte eine kleine Menge, nur ein paar Kilo, in einem speziell ausgerüsteten LKW von Florida nach Atlantic City bringen. Ich dachte: Will er etwa, dass ich mich für ihn freue? Er war nahe daran, unsere gesamten Ermittlungen zu torpedieren. Aber ich konnte nichts dagegen tun.
»Speed, das solltest du lieber nicht tun«, sagte ich so ernst wie möglich. »Vertrau mir. Lass dich nicht darauf ein.«
Ein angeblicher Drogenhändler versuchte, einen Ganoven vor dem Drogenhandel zu warnen! Immer wenn Drogen ins Spiel kamen, ging nämlich etwas schief. Ich sage es noch einmal: Drogen dürfen nicht auf die Straße gelangen!
Er fuhr mit seinem frisch umgebauten LKW nach Florida und versteckte ein wenig Stoff darin. Es schien, als löse sich die ganze harte Arbeit des FBI in Rauch auf.
Nun ja, er war stur wie immer und rief mich alle paar Stunden an, um mir mitzuteilen, wo er sich befand.
»Ich bin jetzt in North Carolina – alles klappt hervorragend!«
Meine Kollegen und ich hielten Kriegsrat. »Wenn er mit dem verdammten Stoff eintrudelt«, beschlossen wir, »lassen wir ihn hochgehen.« Also bereiteten wir uns darauf vor.
Ein paar Stunden später klingelte das Telefon erneut.
»Ich bin in Virginia!«
Er kam immer näher, und unsere Hoffnung, den Fall zu retten, begann zu schwinden … doch stattdessen verschwand Speed.
Wir starrten einander im Büro an und dachten: Wo zum Teufel ist Speed?
Ich hatte ihn gebeten, mich anzurufen, sobald er New Jersey erreichte, damit ich wusste, dass alles in Ordnung war. Irgendwann hielten wir es nicht mehr aus und schickten Kollegen zu seinem Haus. Zu unserer Überraschung entdeckten wir, dass Speed festgenommen worden war – von der Polizei des Staates New Jersey und der Drug Enforcement Administration (DEA)! Sie hatten ihn von Anfang an überwacht.
Verdammter Mist. Das hätte unsere Verhaftung und unsere Beschlagnahme sein sollen! Dann hätten wir den Korruptionsfall Atlantic City weiterverfolgen können. Was sollten wir jetzt tun?
Also ging Agent Jim Eckel zur Polizei von New Jersey und zur DEA. »Jungs«, sagte er, »wir haben diesen Fall bearbeitet. Könnt ihr die Strafverfolgung aufschieben? Können wir uns irgendwie einigen? Wir versuchen, korrupte Politiker zu schnappen, und er kann uns dabei helfen.«
So erfuhren wir auch, wie die DEA herausgefunden hatte, dass Speed Drogen befördern wollte. Sie hatte einen Spitzel, der von den Verstecken in Speeds LKW wusste und auch darüber informiert war, dass Speed einem Typen namens Manny eine große Menge Drogen, etwa 500 Kilo, bringen wollte. Allerdings befand sich Speed auf seiner Testfahrt, als man ihn erwischte, und hatte nur fünf Kilo Stoff bei sich! Die DEA überließ den Fall uns, weil sie von dem kleinen Fang enttäuscht war. Sollte doch das FBI diesen Kerl anklagen!
Also ging Jim ins Gefängnis und schlug Speed vor, mit dem FBI zusammenzuarbeiten. Er war sofort einverstanden.
»Ich schäme mich«, sagte er. »Das hätte ich nicht tun sollen. Ich mache mit, aber unter einer Bedingung: Ihr müsst mich vor Manny schützen! Er ist ein großer Drogenboss, Kubaner. Wenn er herausfindet, was passiert ist, legt er mich um! Ich gebe euch alles, was ihr wollt; aber bitte schützt mich vor Manny!«
Jim lachte. »Wissen Sie, für wen Manny arbeitet?«, fragte er.
»Für ein kolumbianisches Drogenkartell?«
Jim schüttelte den Kopf. »Für das Team America!«, sagte er. »Er ist ein verdeckter Ermittler des FBI!«
»Oh, Scheiße!«, rief Speed aus. »Das gibt’s doch nicht!«
Offenbar war er erleichtert. Er hatte keine Angst vor dem Gefängnis, der Staatspolizei, der DEA oder dem FBI. Er hatte Angst vor mir! Jetzt hatten wir ihn da, wo wir ihn haben wollten. Um sich selbst zu helfen, musste er uns helfen. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. Ich hätte einen Oscar für meine Schauspielkunst verdient gehabt, so sehr hatte er mich bestürmt, ihm mehr Geld zum Waschen zu geben. Ich erfand eine Ausrede nach der anderen – ich fahre nach Florida, meine Katze ist gestorben, mein Kind ist krank, meine Tante Maria braucht ein künstliches Hüftgelenk und so weiter. Aber jetzt war er zum Team America übergelaufen, und wir änderten das gesamte Drehbuch.
Darum ist es so wichtig, dass mich niemand für einen Angeber hält, wenn ich als verdeckter Ermittler arbeite. Man musste mich fürchten und respektieren… und mögen. Wenn die Ganoven mich mögen, kommt die Furcht von selbst. Man fängt harmlos an und zieht die Schraube bei Bedarf an. Man kann nicht anfangs hart sein und dann weich werden. Ich sagte immer zu Dealern: »Verwechselt meine Freundlichkeit bloß nicht mit Schwäche!«
Jetzt wurde Speed als kooperierender Zeuge Jim Eckel zugeteilt. Er stellte mich den Politikern von Atlantic City als Manny vor, einen großen Drogenhändler mit viel Geld zum Investieren. Ich schlug vor, noch einen Agenten am Fall zu beteiligen: Michael Grimm alias Mikey Suits, der meinen Geldwäscher und engen Mitarbeiter darstellen sollte. Mikey spielte einen Wall-Street-Investor, der Verbindungen zu der Mafia und Gangstern wie mir hatte. Prompt begann Speed, Treffen mit Stadträten in den Kasinos von Atlantic City zu vermitteln.
Zuerst führten wir den Ratsvorsitzenden aus und zogen eine prächtige Schau ab. Wir gingen ins Restaurant Old Homestead im Hotel Borgata, amüsierten und entspannten uns, hingen einfach herum und plauderten über Finanzen, Politik, Frauen, Sport und vieles andere. Bei der nächsten Begegnung zog Mikey Suits die Stadträte beiseite. »Ich habe viele wählerische Klienten«, sagte er, »darunter Big Manny hier.«
Ich nickte nur. Mike ist mein Lieblingspartner, weil er das Reden selbst übernimmt.
»Wir wollen in Bader Field investieren«, erklärte Mikey, und sie nickten verständnisvoll.
Bader Field ist eine alte Landepiste in Atlantic City, ein sehr begehrtes Gelände, das demnächst neu erschlossen werden soll.
»Mein Problem ist, dass Manny niemanden in dieser Stadt kennt«, erklärte Mikey. »Er möchte mitmischen und braucht Freunde im Rathaus, die dafür sorgen, dass seine Gebote immer beachtet werden. Das ist unsere Wunschliste.«
Alle kapierten, was Mikey meinte. Ich verschwand für eine Weile, und Mikey Suits regelte das Finanzielle. Craig Callaway, Stadtrat in Atlantic City und Beamter in Camden, New Jersey, sowie Ramón Rosario, Stadt-rat in Camden, bekamen Geld. Ich entschuldigte mich immer, wenn Mikey jemanden schmierte; danach gingen wir alle gemeinsam essen. Ramón und ich verstanden uns gut – er war Dominikaner, ich spielte einen Kubaner.
Bald informierten wir Craig darüber, dass wir FBI-Agenten waren, und er willigte ein, mit uns zusammenzuarbeiten und bei Besprechungen eine Wanze zu tragen. Auf diese Weise konnten Mikey Suits und ich noch tiefer in den Stadtrat eindringen und ein paar weitere Räte überführen, die das Gesetz brachen.
Callaway stellte sich als sehr schwieriger Mitarbeiter heraus. Einmal nahm er ohne unser Wissen ein Sexvideo auf. Um einen Kollegen im Stadtrat zu verführen, machte er sich die Mühe, ein Motelzimmer zu mieten, eine versteckte Kamera aufzustellen und eine junge Frau anzuheuern, die den Kollegen ins Motel lockte, wo sie mit ihm Oralsex hatte – genau vor der versteckten Kamera. Der Anwalt des Betroffenen behauptete später, Callaway habe mit dem Video und der Drohung, es zu veröffentlichen, den Rücktritt seines Mandanten erzwingen wollen.
Als wir diesen hübschen Fall richtig im Griff hatten, kam der Schock: Der Generalstaatsanwalt setzte das FBI unter Druck und verlangte, die Ermittlungen einzustellen. Soweit ich es mitbekam, sagte er: »Es ist genug. Ihr habt das Ende der Fahnenstange erreicht.«
Wir waren dagegen. Anstatt den Fall abzuschließen, wollten wir noch mehr Leute umdrehen und weitere korrupte Beamte schnappen.
Jim Eckel war ein hervorragender Agent. Er konnte Verdächtige so leicht umdrehen wie ein Koch seine Pfannkuchen. Aber der Generalstaatsanwalt gab nicht nach, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht wollten er und sein Stab positive Schlagzeilen mit der Verurteilung jener Leute machen, die wir bereits überführt hatten. Oder es war nichts weiter als die übliche Politik und Bürokratie. Wer weiß das schon. Auf jeden Fall mussten wir aufhören.
Alle Angeklagten erklärten sich in ihren Prozessen für schuldig und gingen ins Gefängnis. Was mich heute noch abstößt, ist nicht nur die Tatsache, dass sie sich überhaupt bestechen ließen, sondern auch, wie unverfroren sie waren. Wir trafen uns nicht bei Nacht und Nebel vor Lagerhäusern. Nein, die korrupten Politiker, mit denen Mikey Suits und ich es zu tun hatten, verabredeten sich mit uns dort, wo jeder sehen konnte, wie die Spitzenpolitiker ihrer Stadt das Brot mit Leuten brachen, die eigentlich nur Gangster sein konnten.
Wir waren nicht nur hinter ein paar bösen Politikern her. Wir wollten den Einwohnern von Atlantic City auch die kriminelle Kultur vor Augen halten, die sich in ihrer Stadt ausgebreitet hatte. Einige Ganoven wanderten damals in den Knast, und wir veränderten die politische Landschaft in Atlantic City.
Kapitel 14
»Wenn es Titten geregnet hätte, dann hätte uns jemand einen Schwanz über den Kopf gehauen«
Dank des geschenkten Fingerrings und der Mitteilung, dass ich jetzt zur Gang des Alten gehörte, war ich plötzlich ein connected guy, ein Verbündeter der Mafia. Davon träumen manche Leute. Es war wie der Anfang des Films GoodFellas. Dort wächst Henry Hill in Brooklyn auf und beobachtet jeden Tag die gut gekleideten Mafiosi, die tolle Autos fahren und massenhaft Geld haben, obwohl sie nie etwas tun, was auch nur im Entferntesten wie Arbeit aussieht. Als Heranwachsender träumt er davon, einer von diesen Burschen zu sein – und genau das passiert. Die Filmfigur Hill ist nicht der Einzige. Zahllose Menschen, die in dieser Welt aufwachsen, träumen davon, eines Tages der Mafia anzugehören.
Im Grunde ist es wie ein Volltreffer im Lotto. Wenn man etwas vermurkst oder stiehlt, was ein anderer Mafioso haben will, wird man nicht umgelegt, nicht einmal vermöbelt. Man sagt einfach: »Ich gehöre zu Greg DePalma.« Das bedeutet, dass DePalma den Fall regelt – und solange jeder Geld verdient, lässt sich fast alles in Ordnung bringen, einerlei, was man verbockt hat.
Wäre ich ein echter Mafioso gewesen, hätte ich mich bei Straftaten sicher fühlen können. Angenommen, ich stehle einen LKW, und es stellt sich heraus, dass er einer Spedition gehört, die unter dem »Schutz« von Vinny Bagadonuts, einem Capo des Lucchese-Clans, steht. Okay, dann hab ich’s vermasselt. Dennoch werde ich weder umgebracht noch zusammengeschlagen. Stattdessen setzen sich Greg und Vinny zusammen. Das Ergebnis: Ich teile die Ladung oder den Gewinn mit Vinny oder gebe ihm alles zurück. Natürlich verlangt Greg seinen Anteil, weil er mein Capo ist. Und wenn der LKW gestohlene Waren im Wert von 100000 Dollar geladen hat, können wir Vinny weismachen, wir hätten sie für weniger Geld verscherbelt, und den Rest selbst einstecken. Niemand hat Lust, wegen solcher Lappalien zu streiten! Sollen wir etwa vors Amtsgericht ziehen oder Richterin Salesch fragen?
Ich werde nie vergessen, was Greg zu mir sagte: »Wir verklagen einander nicht – wir bringen einander um!« Jeder nimmt sich, was er kriegen kann. Diebe sind Diebe, und sie bestehlen sich vor allem gegenseitig. Deshalb sind die Schlichtungsverfahren für die Mafia so wichtig – sie lösen Probleme, die man nicht der Polizei vortragen kann. Wenn jemand beispielsweise seine Schulden oder die Wucherzinsen auf seinen Kredit nicht zahlt oder seine Reviergrenzen überschreitet, setzen die Capos sich zusammen, um den Streit friedlich zu schlichten, damit alle auf ihre Kosten kommen. So etwas wie Ehre gibt es nicht unter Dieben. Wenn ein Ganove zum Beispiel behauptet: »Ich habe die Ware für 20000 Dollar verscherbelt«, hat er sie mit Sicherheit für 50000 Dollar verkauft. Und der andere weiß, dass es eine Lüge ist. Aber das spielt keine Rolle. Alle verdienen daran.
Für mich war es ein großer Vorteil, dass ich jetzt kein Erpressungsopfer der Mafia mehr war, sondern ein Teil der Truppe. Anstatt im Club herumzusitzen und zu warten, dass etwas passierte, erlebte ich nun aus erster Hand, was DePalma und seine Leute taten. Mein Status als verdeckter Ermittler ermöglichte es mir, viele initiierte Mitglieder der Mafia zu identifizieren, die noch nicht auf der Fahndungsliste des FBI standen. Ich konnte dem Büro berichten, wer die Capos und Soldaten waren, wer mit wem sprach und worüber sie sprachen. So sammelten wir Beweise gegen die Mafiosi, denen ich begegnete, und gegen die Leute, die sie in aufgezeichneten Gesprächen erwähnten.
Ich möchte jedoch klarstellen, dass ich mich nie an einem Verbrechen beteiligte und auch nie dabei war, wenn jemand getötet oder zerstückelt wurde. Vergessen Sie diesen Hollywood-Quatsch. Ich habe diese Grenze weder im Gambino-Fall noch in all den anderen Fällen überschritten, an denen ich für das FBI im Laufe der Jahrzehnte arbeitete.
Da ich jetzt Insider war, konnten wir Aufzeichnungsgeräte anfordern, die es uns ermöglichten, die Bewegungen der Verbrecher genauer denn je zu verfolgen. Auf diese Weise fand das FBI heraus, ob ich in Gefahr war, und das war ein enormer Vorteil. Wir verwanzten DePalmas Tisch im Pasta Per Voi, einem Restaurant in Port Chester, New York, in der Nähe der Grenze zu Connecticut. Dort traf sich Greg häufig mit Anthony Megale, dem Stellvertreter der Gambinos. Das Lokal gehörte Joe Fornino, einem altbewährten Verbündeten des Clans, den Greg möglicherweise zum Mitglied machen wollte. Man nannte ihn »Automaten-Joe«, weil er in ganz New York viele Spielautomaten in Restaurants aufstellte. Während Greg im Gefängnis war, schickte Joe ihm einzelne Speisen und sogar ganze Mahlzeiten. Greg bewirtete damit John Gotti jun. und die bestochenen Wachen, die für einsitzende Mafiosi die Regeln brachen. Jetzt speiste er in Joes Restaurant, damit »alles in der Familie« blieb und weil er nie bezahlen musste.
Unsere Aufzeichnungen im Pasta Per Voi waren sehr schlecht, weil die drei wie alle guten Mafiosi ein Radio laut aufdrehten, wenn sie etwas Wichtiges besprachen.
Aber das hielt uns nicht davon ab, eine Wanze in DePalmas Telefon zu verstecken. Ein Richter erlaubte uns aber nur, Gespräche zu belauschen, bei denen es um Straftaten ging. Private Gespräche waren tabu. Das zeigt, wie weit unsere Justiz geht, um die Rechte von Personen zu schützen, die ihr ganzes Leben lang kriminell waren und sich immer noch mit Ganoven treffen. Das Zimmer seines Sohnes im Pflegeheim hörten wir nie ab, auch wenn Zeitungen das Gegenteil behaupteten.
Manche Tage waren großartig – wir nahmen interessante Gespräche auf, deren Thema Kreditwucher, Körperverletzung und viele andere Straftaten waren. Ein andermal hörten wir gar nichts, weil Greg und sein Gefolge das Telefon im Auto ließen und sich draußen unterhielten. Das ist FBI-Alltag: »Manchmal frisst du den Bären, und manchmal frisst er dich.« Ein Kollege pflegte zu sagen: »Heute hatten wir viel Pech. Wenn es Titten geregnet hätte, dann hätte uns jemand einen Schwanz über den Kopf gehauen.« Aber wir blieben am Ball. Wir hörten viele Anrufe ab und kannten seinen Terminplan jetzt viel besser.
Aber die Sache hatte einen kleinen Haken: Greg war ein zorniger, gewalttätiger Mann, der sein Telefon jedes Mal auf den Tisch knallte, wenn er etwas hörte, was er nicht hören wollte. Und jedes Mal, wenn das passierte, musste ich sein Handy durch ein neues, verwanztes ersetzen. Am Ende des Falles war ich mit dem Handyverkäufer per Du!
Nat und ich nutzten unsere Beziehung mit den Mafiosi kreativ. Jeder in New York weiß zum Beispiel, dass bei den Ausschreibungen für Bauvorhaben geschmiert wird. Kein Tropfen Beton wird irgendwo in der Stadt vergossen, kein Nagel wird in eine Wand geschlagen, ohne dass die Mafia mitmischt… und mitverdient. Wir wollten ein Bauunternehmen gründen, um die Gangster der Bestechung zu überführen. Aber unsere Vorgesetzten lehnten ab. Das Haftungsrisiko sei zu hoch.
»Haftungsrisiko?«, fragte ich erstaunt. »Was meinen Sie damit?«
Dies war die Antwort, die sie mir gaben: »Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Zementsilo-LKW stößt mit einem Schulbus zusammen, es kommt zu einer Explosion, und alle sterben. Dann wäre das FBI verantwortlich.«
»Habe ich recht gehört?«, fragte ich. »Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Zementsilo-LKW mit einem Schulbus zusammenstößt? Was ist, wenn ein Meteorit auf einen Schulbus stürzt? Soviel ich weiß, macht sich das FBI darüber keine Sorgen.«
»Nun ja, aber euer Zement könnte minderwertig sein. Dann gibt es Schadensersatzklagen, oder jemand könnte verletzt oder getötet werden.«
In New York nennt man Zement »italienisches Gold«. Die Mafia spart nie am Zement, denn das würde ihr nur Ärger einbringen. Wird manchmal schlechter Zement zum Bauen verwendet? Natürlich. Alles passiert irgendwann. Aber davor können wir uns mit Informanten und verdeckten Ermittlern schützen. Aber ein Rotlicht überfahren und auf einen Schulbus prallen? Minderwertiger Zement? Was soll das? Sagt doch einfach Nein, und wir wissen Bescheid!
Obwohl wir also kein Bauunternehmen gründen durften, wurde mein Leben allmählich echt kompliziert. Wie verrückt mein Leben in dieser Zeit war, illustriert das folgende Beispiel: Eines Tages aß ich mit Greg in Westchester zu Mittag. Dann fuhr ich nach Atlantic City zu mehreren Besprechungen im Fall Royal Charm. Gleichzeitig kümmerte ich mich dort um den Fall der korrupten Politiker, den ich im vorigen Kapitel beschrieben habe. Zudem erhielt ich einen Anruf aus Miami, bei dem es um einige bestechliche Polizisten in Hollywood, Florida, ging. Also buchte ich einen Flug vom Liberty-Flughafen in Newark aus, wo ich mein Auto parkte. Nach einigen Tagen in Hollywood flog ich zurück zum Kennedy-Flughafen, wo ich sicher landete. Als ich ankam, fiel mir ein, dass mein Auto in Newark stand. Also fuhr ich im Mietwagen nach Hause. Am nächsten Tag fuhr mich meine Frau nach Newark, um mein Auto zu holen, und hielt mir eine geharnischte Predigt über das Thema »Warum du diesen irren Beruf aufgeben musst«.
»Siehst du nicht, was du anrichtest?«, rief sie. »Du machst dich kaputt! Du weißt nicht mehr, wo dein Auto steht, und manchmal weißt du nicht einmal, wer du bist!«
Sie hatte recht. Ich jonglierte mit verschiedenen Identitäten für verschiedene Fälle und verbrachte nur die Hälfte meiner Zeit mit ihr und meiner Tochter. Und ich war immer in Gefahr.
Viele Kollegen arbeiten im Laufe ihres Berufslebens undercover – aber keiner war je an mehreren Fällen gleichzeitig beteiligt. Darum sage ich, dass die Agenten großartig sind; aber die wahren Helden sind die Frauen und Kinder, denn sie opfern am meisten.
Es ist eine Ironie – ich bin immer sehr vorsichtig und gut vorbereitet, ehe ich einen Fall anpacke. Ich informiere mich genau über die Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, über die Situation, in der ich mich befinde, über die Leute, denen ich begegne, und über meine Rolle. Nur im wahren Leben vergaß ich, mir eine gute Geschichte zurechtzulegen. Natürlich wurde ich bisweilen nach meinem Beruf gefragt.
Nun ja, wenn ich den Leuten dann erzählte, ich sei FBI-Agent, verdrehten sie die Augen und sagten: »Ja, klar!« Andererseits sollte nicht jeder wissen, dass ich beim FBI war, denn ich wusste ja nicht, wen die Leute kannten und mit wem sie darüber sprechen würden. Darum dachte ich mir einfach Geschichten aus. Vor einem Nachbarn trat ich als Bauarbeiter auf, vor einem anderen als Immobilienmakler und vor einem dritten als Restaurantpächter. Das alles dachte ich mir spontan aus.
Meine Frau machte mir Vorhaltungen: »Als ich unsere Tochter zur Schule brachte, traf ich eine Bekannte und wusste nicht, was ich ihr sagen soll. Du hast ihr erzählt, du wärst Italiener, aber ihrem Mann hast du erzählt, du wärst Kubaner. Du brauchst eine Geschichte, die Hand und Fuß hat!«
Obendrein bat mich meine Tochter damals, mit ihr in die Schule zu gehen und ihrer Klasse zu erklären, welchen Beruf ich hatte. Das taten alle anderen Väter. Sie war sehr enttäuscht, weil ich ihren Wunsch unmöglich erfüllen konnte. Übrigens kannte sie nicht einmal meinen richtigen Namen, bevor sie sechs Jahre alt war. Wenn sie mir am Telefon zuhörte, war ich Hector, Antonio, José, Manny und so weiter – sie wusste nur, dass ich Papa war. Ja, ich investierte viel Energie in meine Rollen; aber ich hätte mich auch um eine Rolle im realen Leben bemühen sollen. Als wir in Manhattan lebten, merkten meine Nachbarn nur einmal, dass ich beim FBI war. Meine Frau und meine kleine Tochter wurden nämlich in der Nähe der UNO von einem Obdachlosen überfallen. Jetzt wohnten wir in einer Vorstadt, und ich fürchtete, meine Nachbarn würden herumerzählen, dass ich beim FBI war.
In Wirklichkeit sagten meine Nachbarn wohl: »Dieser Kerl ist der größte Schauspieler auf Erden!« Mein Aussehen, mein Verhalten und meine häufige Abwesenheit brachten sie auf die Idee, ich sei ein Fall für das Zeugenschutzprogramm. Ich war wie Steve Martin in My Blue Heaven – etwas stimmte einfach nicht mit mir. Heute sagen sie zu meiner Frau: »Wir hatten immer den Eindruck, dass Ihr Mann ein wenig sonderbar ist – gestern war er Italiener, heute ist er Kubaner, und morgen ist er halb Italiener, halb Kubaner.«
Daran konnte ich keinen Gedanken verschwenden; denn als DePalma mich in seine Gang aufnahm, änderte sich der Fall. Anfangs wollten wir nur herausfinden, welche Ganoven den Stripclub besuchten und was wir ihnen anhängen konnten. Aber jetzt ergaben sich völlig neue Aspekte. Als Verbündeter DePalmas war ich Zeuge einiger, wenn auch längst nicht aller seiner Gespräche, bei denen es um die kriminellen Machenschaften des Gambino-Clans ging. Ich erhielt Informationen aller Art und hatte keine Ahnung, wohin das alles noch führen würde. Beim FBI fragten wir uns: »Wie können wir das alles noch steigern?«
Ich war kein initiiertes Mitglied der Mafia. Manche »Verbündete« werden nie aufgenommen, andere schlägt jemand zur Aufnahme vor, sofern sie loyal und lukrativ sind. Ich weiß, das ist Mafia-Einmaleins, aber ich erwähne es, weil Greg DePalma mich jetzt anderen Mafiosi als »mein Freund« vorstellen konnte. Das war ein Schritt über die Herzlichkeit hinaus, die unsere Beziehung bis dahin geprägt hatte; aber es war immer noch etwas anderes als eine Mitgliedschaft. Wäre ich initiiertes Mitglied gewesen, hätte Greg mich einen »Freund von uns« (amico nostro) genannt. Der Unterschied zwischen »mein Freund« und »unser Freund« war enorm, weil Mitglieder sich ganz offen unterhalten konnten. Diese Ebene hatte ich noch nicht erreicht. Im Grunde rechnete ich nie damit, als Mitglied vorgeschlagen zu werden. Ich machte mir weder Illusionen, noch erwartete ich, nach Joe Pistone der zweite Agent zu sein, dem die Cosa Nostra diese Ehre erweisen würde.
Als Teil von Gregs Gang musste ich meinen Tageslauf ändern. Er wollte seine Jungs jeden Tag sehen. Er wollte immer wissen, wo wir am Abend zuvor gewesen waren, denn er fürchtete, die Polizei werde uns festnehmen und umdrehen, was ihn und die ganze Gambino-Familie in Gefahr gebracht hätte. Wenn seine Jungs jeden Abend erreichbar waren, fühlte er sich sicher.
Meine Kontakte zu Greg wurden häufiger, und wir sprachen fast täglich miteinander. Das wurde immer anstrengender, weil Greg unbedingt Schmuck verschieben wollte. Am Telefon sprach er nur von »Trophäen«.
»Jackieboy«, pflegte er zu sagen, »ich brauche mehr Trophäen! Zum Teufel, wann bringst du mir mehr davon?«
Das machte mich fast verrückt.
Naked Truth war die perfekte Basis für meine Rolle, weil der Club/es mir die Gelegenheit verschaffte, Mafiosi aus allen fünf Familien zu treffen, nicht nur Gambinos. Das war eine hervorragende Kulisse für die anderen Kriminalfälle, an denen das Büro arbeitete. Um meine Beziehung zu Greg voll zu nutzen, wollten meine Case Agents und ich zum Beispiel einen weiteren Kollegen in den Fall einführen: Mike Grimm alias Mikey Suits, der auch an den Ermittlungen gegen die korrupten Politiker in Atlantic City beteiligt gewesen war. In seinem Armani-Anzug und mit seinen Ferragamo-Schuhen sieht Mike wie ein Model oder wie ein Wall-Street-Broker aus. Er ist immer perfekt manikürt und rasiert. Frauen lieben diesen Burschen, der ein großartiger verdeckter Ermittler ist. Ich wusste, dass er ein Gewinn für meinen Fall war. Gleichzeitig würde sein Ansehen bei den Zielpersonen seiner eigenen Fälle steigen, wenn sie ihn in Gesellschaft von Gambinos wie Greg DePalma und Jack Falcone sahen. Damals arbeitete Mikey undercover an der Operation Wooden Nickel (Holznickel), einer umfangreichen Ermittlung gegen korrupte Devisenmakler in der Wall Street.
Also sagte ich zu DePalma: »Ich kenne da einen guten Mann, den du treffen solltest. Er hat eine Menge Freunde. Sie könnten dem Club viel Geld einbringen.«
»Na, dann bring ihn her!«, sagte DePalma.
Mikey Suits brachte 20 oder 30 Devisenmakler in Limousinen zum Club in der Bronx und befahl ihnen, einen guten Eindruck zu machen.
»Ihr werdet ein paar Leute treffen, die mit den Gambinos verbunden sind«, sagte er zu seinen Zielpersonen. »Mädchen, Alkohol – ihr kriegt alles, was ihr wollt. Aber denkt daran, ihr seid nicht in New York! Ihr seid in der Bronx, in einem Club der Mafia. Also benehmt euch respektvoll. Ihr werdet eine Menge Ganoven sehen. Wenn ihr euch nicht benehmt, könnte jemand zu Schaden kommen.«
Greg war in Hochstimmung, denn sie gaben viel Geld im Club aus. Auch die Männer waren begeistert, denn es war aufregend, mitten unter Mafiosi zu sein. Sie hatten keine Ahnung, dass sie auch mitten unter FBI-Agenten waren. Sie gaben das Geld mit vollen Händen aus, und DePalma war von mir entzückt.
»Großartige Arbeit, Jackie!«, sagte er.
Ich stellte ihm Mike vor.
»Mike«, sagte ich, »das ist Greg DePalma.«
Mike erwies ihm den gebührenden Respekt, dankte ihm für die Party und ging zu seinen Leuten zurück. Er spielte seine Rolle perfekt. Die Folge war, dass er einen guten Eindruck hinterließ. Der »Ausflug« mit seinen Wall-Street-Maklern kam seinen Ermittlungen zugute und hatte spürbar positive Auswirkungen auf meine.
Bald war ich Gregs Vertrauter. Nach seiner rätselhaften Trennung von Moray musste er eine Leere füllen: Fahrer, Geschäftspartner, bester Freund. Ich übernahm alle diese Rollen. Einige der Aufgaben waren ziemlich leicht. Zuerst wollte er den Mafiabossen einen kostenlosen Abstecher nach Las Vegas vermitteln. Außerdem schickte er mich in einen Club, den er erpressen wollte. Erst dann wurde es schwieriger. Er befahl mir, jemandem in die Kniescheiben zu schießen, weil er seine Schulden nicht rechtzeitig bezahlt hatte. Diesen Auftrag erteilte er mir eines Tages im Pflegeheim, in dem sein Sohn im Koma lag.
In meinen zweieinhalb Jahren bei den Gambinos fiel es mir besonders schwer, vor dem komatösen Craig DePalma Geschäfte abzuwickeln. Als Teenager hatte Craig zu den Tanglewood Boys gehört, einer Mafiagang auf dem Land. Sie bestand aus Söhnen von Mafiosi, die gemeinsam nördlich von New York aufgewachsen waren. Diese Jugendlichen begingen Straftaten und Selbstverstümmelungen aller Art und wurden irgendwann von der Mafia aufgenommen. Einige sagten, Craig sei nicht von Natur aus ein harter Bursche gewesen wie die anderen – nur weil die Tanglewood Boys und die Mafia hinter ihm standen, habe man ihn gefürchtet. Craig war ein Kind, das den Betrieb seines Vaters übernahm, aber nicht das richtige Händchen dafür hatte.
John Gotti schlug Craig DePalma Mitte der 1990er-Jahre zur Aufnahme vor, gleichzeitig mit Mikey »Scars« DiLeonardo und Nicky LaSorsa – sie waren im selben »Anfängerkurs«. Während der Aufnahmezeremonie für Craig geschah etwas Lustiges. Es ist Tradition, den Bewerber zu fragen: »Weißt du, warum du hier bist?« Und die Etikette verlangt, dass er mit Nein antwortet. Nun, John Gotti stellte Craig DePalma die schicksalhafte Frage, und Craig schaute ihn an und sagte: »Klar! Ich bin hier, um Mitglied zu werden!«
Greg lachte oft darüber. Es hörte sich an wie: »Ha, ha, mein Sohn – ein toller Hecht!«
Gotti und die anderen schüttelten den Kopf. Sie dachten wohl: »Was ist denn mit dem los?«
Im Jahr 1999 wurden Craig DePalma, sein Vater und John Gotti jun. wegen Erpressung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Drei Jahre später erklärte sich Craig bereit, mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten, überlegte es sich jedoch in letzter Minute anders. Sein Vater ließ ihm mitteilen, er habe furchtbare Schande über die Gambino-Familie gebracht, seinen Eid gebrochen und so weiter. Craig, der nie in der Mafia sein wollte, schämte sich so darüber, seinen Vater enttäuscht zu haben, dass er versuchte, sich in seiner Zelle zu erhängen. Er überlebte mit knapper Not, fiel aber in ein irreversibles Koma und lag von da an bewusstlos in einem Gefängniskrankenhaus in Atlanta.
Hartnäckig wie immer bemühte sich Greg monatelang um eine Begnadigung seines Sohnes, und sechs Monate, bevor ich meine Arbeit am Fall Gambino aufnahm, hatte er Erfolg. Dann musste er sich überlegen, wo er Craig unterbringen sollte. Es gibt nicht gerade viele Einrichtungen für Dauerpflegefälle, die Mafiosi und Söhne von Mafiosi aufnehmen. Greg zog verschiedene Heime in New York und Florida in Betracht und entschied sich schließlich für das United Hebrew Geriatric Center in New Rochelle. Die Heimleitung wollte Craig nicht aufnehmen, aber Greg bestand darauf.
»Ich will nichts mit der Mafia zu tun haben!«, erklärte der Direktor.
»Wir sind nicht mehr wie früher«, versicherte Greg ihm mit einer Stimme, die Aufrichtigkeit und Reue ausdrückte. »Ich bin ein anständiger Bürger geworden, nachdem diese Sache mit meinem Sohn passierte. Ich verspreche Ihnen, dass wir niemanden stören werden.«
»Ich will nicht, dass die Mafia durch mein Haus geht!«, beharrte der Direktor. »Wir haben ältere Leute hier, und die brauchen ihre Ruhe.«
»Ich habe mit Kriminellen nichts mehr zu tun«, sagte Greg. »Die einzigen Besucher werden meine Frau und ich sein. Wir werden Ihnen nicht den geringsten Ärger machen. Sie haben mein Wort.«
Der Direktor gab nach und sollte es bald bereuen. Es dauerte nicht lange, und Greg hielt mit bis zu acht oder neun Mafiosi gleichzeitig Hof. Wir trafen uns dort und sprachen vor Craigs Körper über Geschäfte. Oder wir trugen ihn auf einer Bahre ins Freie, damit er ein wenig frische Luft bekam. Craigs Zimmer wurde zu Gregs Büro. Squitieri, der niemanden in der Öffentlichkeit traf, kam einmal mit Baseballmütze und Baseballbrille ins Heim. Trotzdem gelang uns ein Beweisfoto. Dies war der unangenehmste Teil meines Jobs. Ich hasste es, ins Heim zu gehen, aber ich musste es fast jeden Tag tun.
Greg nahm im Pflegeheim viele Schutzgelder von Bauunternehmern und anderen Leuten in Empfang. Sie gingen direkt vor dem bewusstlosen Craig ihren Geschäften nach. Mal ordnete Greg Gewaltanwendung an, mal fragte er seinen Sohn fürsorglich: »Liegst du bequem? Soll ich dieses Video für dich einlegen? Siehst du Big Jack hier? Er wird bald einer von uns sein.«
Ich schaute mich um und dachte: Was für ein Leben ist das? Hier liegt Craig DePalma, den John Gotti persönlich initiiert hat und der zu Gottis Gang gehörte – aber kein Mafioso hat ihn jemals besucht. Sie kamen nur, um mit Greg übers Geschäft zu reden. Wo ist dieses enge Band, von dem die Mafia schwärmt? Es hält nur so lange, wie man zusammen im Restaurant sitzt, Chianti kippt und sich am Kalbfleisch labt. Danach geht jeder seinen eigenen Weg. Es war entsetzlich, ins Pflegeheim zu gehen und Greg bei seinen Geschäften zuzusehen. Die alten Leute im Heim waren krank und in kläglichem Zustand, aber das kümmerte Greg nicht.
Warum muss ein Mafioso sein Kind zu einem Leben in der organisierten Kriminalität verdammen? Greg hätte seinen Sohn aus dem Spiel lassen sollen. Stattdessen sorgte er dafür, dass Craig in die Mafia aufgenommen wurde. Die Leute mochten sagen: »Was für ein guter Vater! Er besucht seinen Sohn jeden Tag.« Aber ein wirklich guter Vater hätte es nie so weit kommen lassen.
Gregs Frau warf ihm vor, ihren Sohn in die Mafia hineingezogen zu haben. »Du hast ihm dieses Leben aufgezwungen!«, sagte sie vor mir und vielen anderen. Damit meinte sie, dass Craig nicht im Koma liegen würde, wenn Greg ihn in Ruhe gelassen hätte. Immer, wenn Greg liebevoll zu Craig war, fragte ich mich, ob er das tat, weil Craig sein Sohn war, oder weil Craig Mafioso war.
Wie dem auch sei, als ich eines Tages ins Heim kam, fiel mir auf, dass Greg vor Wut kochte. Schon im Flur hörte ich ihn wüst schimpfen.
Ich ging ins Zimmer und traf Greg mit Neil Delieto an, einem Verbündeten der Gambinos, dem eine Baufirma gehörte.
»He, Greg, ist alles in Ordnung?«, fragte ich und gab ihm wie immer einen Kuss.
»Dieser Mistkerl Joe Blow schuldet mir Geld«, sagte Greg.
Greg hatte mit »Joe« irgendein Geschäft abgeschlossen. Joe musste Neil Geld geben, und Greg sollte davon seinen Anteil bekommen. Ich kannte die Einzelheiten nicht, weil Verbündete ihren Vorgesetzten keine Fragen dieser Art stellen.
»Jack, ich will, dass du diesem Schweinehund in die Kniescheiben schießt«, fauchte Greg.
Ich wusste, dass er wütend war – immer wenn er derart tobte, wusste man, dass jemand dafür bezahlen musste.
»Greg, was hast du gesagt?«, fragte ich und versuchte, meinen Schrecken zu verbergen. Ich machte mir Sorgen, aber ich erinnere mich auch daran, wie erfreut ich war, weil er mir so sehr vertraute, dass er mir einen solchen Auftrag gab. Ich befand mich in einer Subkultur, die sich vom Rest der Welt unterschied. Wenn der Capo einen Befehl erteilt, dann hat er einen guten Grund dafür. Denken Sie an Luca Brazi in Der Pate – er nickte nur, ging weg und brachte jeden um, den er umbringen sollte.
Eines durfte ich in meiner Rolle als Mitglied in Gregs Truppe niemals tun: jemanden verletzen oder gar töten. Aber wenn ich zu viele dieser Aufträge abgelehnt oder zu oft nach einer Ausrede gesucht hätte, wäre es mir sehr schlecht ergangen, und ich hätte die ganzen Ermittlungen gefährdet.
»Ich will, dass du diesem verdammten Joe Blow in seine verdammten Kniescheiben schießt!«, wiederholte Greg. »Er schuldet uns Geld!«
Ich kannte Joe Blow. Ich hatte ihn schon einmal getroffen. Er war nur ein junger Geschäftsmann, ein harmloser Kerl. Ein Zivilist.
»Okay, Greg«, sagte ich, »was immer du willst.«
Ich zögerte die Sache hinaus, bis es nicht mehr anders ging. Wie sich herausstellte, schuldete Joes Firma dem Bauunternehmer namens Neil Delieto, der für Greg arbeitete, kein Geld. Greg folgte seiner Mafialogik: Da Joe seinen Mann nicht als Subunternehmer beteiligte, schuldete er Neil die 30000 Dollar, die Neil verdient hätte. Das waren also Joes »Schulden«.
Eines Tages erfuhr ich von den Jungs im Stripclub, dass Joe in einem Restaurant in Yonkers zu Mittag aß. Ich durfte ihn nicht erschießen oder zusammenschlagen. Also musste ich einen Weg finden, den Fall ohne Gewalt zu lösen… ohne Gregs Verdacht zu erregen.
Als Joe mich hereinkommen sah, wusste er genau, warum ich da war. Die Leute wussten, dass ich Gregs Mann war. Joe erbleichte. Stellen Sie sich vor, ich gehe auf Sie zu, um Sie zu erschießen oder Ihnen ein Bein zu brechen. Selbst einem Mafioso konnte der Appetit vergehen, wenn er mich mit tückischem Grinsen auf sich zukommen sah!
Doch anstatt ihn umzulegen oder ihm in die Knie zu schießen, sagte ich zu ihm: »Hör zu, wir haben da ein Problem. Wie können wir diese Sache mit Greg lösen? Er ist richtig sauer auf dich. Aber ich mag dich, und ich weiß, dass du nichts auf dem Kerbholz hast.«
Joe war froh, dass er immer noch atmen konnte. »Ich schulde Delieto kein Geld«, sagte er.
»Tja«, erwiderte ich, »Greg ist anderer Meinung. Wie können wir dieses Problem lösen?«
»Ich habe Delieto nicht als Subunternehmer vorgeschlagen, weil mein Partner ihn nicht leiden kann. Übrigens ist der Bruder meines Partners ein FBI-Agent.«
Das war alles, was ich hören musste. Das war für mich ein vorzüglicher Grund zum »Aussteigen«. Wer mit der Justiz zu tun hat, ist in der Welt der Mafia fast unberührbar.
»Pass auf dich auf«, warnte ich Joe. »Es ist so, wie es ist. Ich werde Greg informieren und versuchen, ihn zu beruhigen.«
Ich ging zu Greg DePalma zurück.
»Hast du mit dem Schweinehund gesprochen?«, fragte er.
Ich nickte. »Hab herausgefunden, dass sein Partner einen FBI-Agenten in der Familie hat.«
»Dieser Mistkerl!«, sagte Greg abschätzig.
»Willst du dich mit dem FBI anlegen?«, fragte ich. Natürlich tat er das bereits, weil er mit mir herumhing; aber das wusste er damals nicht!
Zu meiner großen Erleichterung sprach Greg mich nie mehr auf diese Sache an. Doch sechs Monate später erzählte er mir voller Freude, sein Schlägertrupp habe Joe Blow auf einer Baustelle ordentlich verprügelt. »Sie haben es diesem Bastard gezeigt!«, berichtete er zufrieden.
Ein andermal befahl er mir mitzukommen und »diesem verfluchten Kerl die Fresse zu polieren, der mich wegen eines Versicherungsanspruchs beschimpft«.
Also besuchten Greg und ich den Mann bei dem Autohändler, für den er arbeitete. Das war eine heikle Sache. Greg wollte ihn zusammenschlagen, und ich hätte das verhindern müssen. Als FBI-Agent durfte ich bei einer Körperverletzung nicht einfach zusehen. Das hätte womöglich das Ende des Falles bedeutet. Zum Glück war nur der Sohn des Gesuchten anwesend – göttliche Vorsehung, dachte ich. Greg schrie den Jungen eine Weile an, aber wenigstens wollte er ihn nicht schlagen.
»Dein alter Herr muss sich bei Greg entschuldigen«, sagte ich so furchterregend wie möglich. »Vergiss nicht, es ihm zu sagen!«
Das war alles, Gott sei Dank.
Ein anderer Auftrag war, mit einem Baseballschläger zu einem Typen zu gehen, der nicht spuren wollte.
»Jack«, sagte er, »hier steht, welches Auto er fährt, in welches Fitnesscenter er geht und wie er zur Arbeit fährt. Nimm einen Baseballschläger und kauf ihn dir!«
Irgendwie gelang es mir, auch diese Prügel abzuwenden. Wurde ich auf die Probe gestellt? Oder bekam ich einfach deshalb solche Aufträge, weil ich jetzt zum Team gehörte? Ich werde es nie wissen. In solchen Situationen behauptete ich immer, der Typ sei nicht da gewesen, er sei auf der Flucht oder ich hätte ihn verpasst. Aus irgendeinem Grund forschte Greg nie genauer nach.
Wie alle anderen bei der Mafia war Greg heuchlerisch, was Drogen anbelangte. Einmal sagte er zu mir: »Jack, du musst mir versprechen, dass du keinen Stoff verkaufst. Tu, was du willst, aber das nicht. Es verstößt gegen die Regeln. Wenn du dich mit diesem Dreck einlässt, bringst du dich und mich um, ist das klar? Handelst du mit Drogen?«
»Ich hab’s mal getan, Greg, aber –«
»Ist mir scheißegal, was du getan hast«, unterbrach er mich. »Mich interessiert nur, was du jetzt tust.«
Ich versicherte ihm, dass ich solche Geschäfte schon vor langer Zeit aufgegeben und nichts mehr mit Drogen zu tun hätte. Aber wir wussten beide, dass ich log. Wie sonst hätte ich das Geld verdienen sollen, das ich anscheinend hatte? Was für eine Heuchelei.
Eines Tages stellte sich die Frage, ob die Familie Greg vom Capo zum Stellvertreter befördern würde. Kollegen in Bridgeport, Connecticut, hatten Megale wegen eines Drogendelikts verhaftet, und nun sprach Greg immer wieder davon, dass er vielleicht der neue Stellvertreter sein werde.
Greg war hin und her gerissen. Sein Leben lang war er über den Rang eines Capos nicht hinausgekommen, und jetzt war er 73 Jahre alt. Als Stellvertreter hätte er viel mehr Geld verdient, denn viel mehr Leute hätten an ihn abgedrückt: alle 26 Capos des Gambino-Clans (auf der FBI-Liste standen nur 21), alle Soldaten und alle Verbündeten. Andererseits fürchtete er, dass diese Beförderung ihn schnurstracks zurück ins Gefängnis bringen würde.
»Sie haben nicht sehr viele erfahrene Leute«, erzählte er mir und fügte hinzu, es gebe nur wenige andere Bewerber für diesen Posten. »Aber ich will ihn nicht. Er ist zu auffällig. Ich will nicht mehr in den Knast. Ich spiele nur mit dem Gedanken, weil sie so viel Blödsinn machen.«
Mit anderen Worten, Greg regte sich über die geringe Qualität der modernen Mafiosi so auf, dass er sogar erwog, das Risiko einer Verhaftung in Kauf zu nehmen, um neue und bessere Ganoven zu rekrutieren.
Dank der aufgenommenen Gespräche, deren Zeuge ich war, und der Aufzeichnungsgeräte, die wir wegen meiner Tätigkeit als verdeckter Ermittler bekommen hatten, konnten wir eine Anklage nach der anderen gegen Mitglieder des Gambino-Clans vorbereiten, von Squitieri und Megale bis hinunter zu den Capos, Soldaten und Verbündeten. Wir hatten meine aufgezeichneten Gespräche mit Greg und den anderen Mafiosi, wir hatten Wanzen an verschiedenen Orten, an denen sie sich versammelten, und wir hatten Wanzen in ihren Handys. Es war ein wahrer Schatz an belastenden Aussagen und Besprechungen. Der Fall war so groß geworden, dass Nat einen zweiten Case Agent einbrachte: Chris Munger, einen unermüdlichen Kollegen, der die Tanglewood Boys ausgeforscht hatte. Nat und Chris arbeiteten ohne Unterlass mit dem Generalstaatsanwalt zusammen, um aus dem Rohmaterial der Aufzeichnungen Beweise gegen die Mafiosi zu schmieden.
Die Liste von denjenigen, die wir eines Tages festnehmen wollten, wurde immer länger. Dies war der beste Fall, an dem ich je gearbeitet hatte – die Zahl der Gangster, gegen die wir wasserdichte Beweise sammelten, nahm buchstäblich kein Ende. Die einzige Frage war, ob das FBI den Mut hatte, den Fall so lange durchzuhalten, dass wir optimale Ergebnisse erzielen konnten … und ob ich meine wahre Identität so lange geheim halten konnte, dass ich unter den Mafiosi überlebte.
Kapitel 15
»Wenn du das Loch hast, dann hast du das Gold«
Wie verdient die Mafia Geld? Lassen Sie mich ihre Methoden aufzählen.
Besonders aktiv war und ist sie im Baugewerbe. Das ist die logische Folge des ersten newtonschen Gesetzes: An allem, was in New York City gebaut oder abgerissen wird, ist die Mafia beteiligt.
Greg DePalma liebte Erde. Als Mafioso und Geschäftsmann wusste er, dass man mit Erde Geld verdienen kann. Wenn gebaut wird, muss man Erde ausheben und irgendwo anders hinbringen. Und wer beides tut, verdient doppelt. Darum waren Bauvorhaben für Greg ein Dauerthema. Er sprach ständig über große und kleine Projekte, die es ihm ermöglichten, Erde auszubuddeln, Erde zu verkaufen, Erde zu lagern, seine Leute in der Gewerkschaft unterzubringen, obwohl sie am Arbeitsplatz nie auftauchten, Material zu verkaufen oder einfach die zwei Prozent Mafiasteuer einzutreiben. Hätte uns jemand beim Mittag- oder Abendessen zugehört, hätte er uns nicht für Kriminelle, sondern für Bauunternehmer gehalten.
Gregs Erfolge im Baugeschäft führten dazu, dass er Capo wurde. John Gotti, der berüchtigte Gambino-Boss, beförderte Greg in den 1990er-Jahren als Belohnung dafür, dass er die DeFoe Corporation, die in New York und Umgebung viel Geld im Autobahnbau verdiente, unter den »Schirm« des Clans gebracht hatte. Greg erhielt häufig Umschläge mit Bargeld von John Amicucci, dem Präsidenten von DeFoe, den er »Daffy Duck« nannte. DeFoe war ursprünglich mit der Familie Genovese verbunden, aber DePalma konnte die Verantwortlichen dazu überreden, ins Lager der Gambinos zu wechseln. Deswegen wurde er Capo. Angeblich bot er Amicucci sogar die Mitgliedschaft im Gambino-Clan an, was Amicucci respektvoll ablehnte. Amicucci wurde wegen illegaler Lohnzahlungen angeklagt; aber im Jahr 2006 sprachen ihn Geschworene am Bundesgericht in Manhattan nach zweitägigen Beratungen in allen Punkten frei.
Eines der größten Projekte auf Gregs mentalem Reißbrett betraf den Golfplatz Van Cortlandt in der Bronx. (Wer Mitte der neunziger Jahre dort spielte, erinnert sich vielleicht an den verlassenen Buick links neben dem siebten Fairway.) Die Stadt plante, dort eine unterirdische Wasseraufbereitungsanlage zu bauen. Dafür musste man die Erde des Golfplatzes abtragen, die Anlage bauen und die Erde zurückbringen. Besser hätte es für Greg DePalma nicht laufen können.
Aber diesmal hatte er Pech. Eine Bürgerbewegung protestierte gegen das Vorhaben. Ältere Leute klagten, sie hätten nicht fünf Jahre Zeit, um auf die Wiedereröffnung des Golfplatzes zu warten. Es kam immer wieder vor, dass beschlossene Projekte von Bürgerinitiativen gestoppt oder verzögert wurden. »Mann, ihr habt keine Ahnung, wie viel Geld wir damit verdienen werden!«, sagte Greg vergnügt, wann immer ein aufgeschobenes Projekt wieder aktuell wurde. Das Wort »wir« benutzte er immer für künftige Vorhaben, die noch in seinem Kopf spukten. Sobald das Projekt real wurde, verschwand das »wir«. Dann ging es nur noch um Greg und die Gambino-Bosse. Die Umschläge wurden immer herumgereicht, aber für die Gang blieb nichts übrig. So war es eben – die Leute am Ende der Nahrungskette bekamen nichts.
Bevor Greg wegen Erpressung ins Gefängnis kam, lebte er in seinem schönen Haus in Scarsdale wie ein König. Als er entlassen wurde, mietete er ein Apartment mit zwei Schlafzimmern und Standardgarten in Tuckahoe, New York. Er musste Rechenschaft über seine Ausgaben ablegen, wenn er sich mit seinem Bewährungshelfer traf – Miete, Telefon, Strom. Das war eine Bewährungsauflage. Er konnte sich bei diesen Treffen nicht einmal gut anziehen, weil man ihn sofort gefragt hätte: »Woher kommt das Geld für diese Klamotten?« Insofern lebte auch er undercover – gegenüber den Cops. Manchmal nahm er diese Einstellung mit in die Welt der Mafia und klagte, er sei bankrott – sogar vor mir.
Damit zog ich ihn gerne auf. Ich neckte ihn wegen des Mineralwassers aus Norwegen, das er bevorzugte, und dafür, dass jeder Quadratzentimeter seines Hauses mit (gefälschten) Fanartikeln und (gestohlenen) Kunstwerken bepflastert war. In seiner Küche standen etliche Kisten, gefüllt mit Wasser, Limonade und Nahrungsmitteln aller Art, mit vielen Dingen, die von irgendwelchen LKW gefallen waren. Besonders gerne trank er Voss-Wasser, ein sehr teures norwegisches Wasser aus einem artesischen Brunnen. Eine Kiste mit 24 Flaschen kostete über 43 Dollar.7 Warum wollte ein Kerl, der rauchte wie ein Schlot und fraß wie ein Schwein, unbedingt so reines Wasser trinken? Weil es ihn nichts kostete.
Mit den vielen Kisten sah Gregs Haus wie ein Lager aus. Einmal rief sein Bewährungshelfer seine Frau an, die ihm Gregs Handynummer gab. Greg ärgerte sich sehr darüber – offiziell konnte er sich kein Handy leisten, nicht mit dem Geld, das er angeblich verdiente. Er lebte sehr einfach für einen Mann, der als Capo des Gambino-Clans neue Energie getankt hatte und riesige Geldbeträge scheffelte.
Wie viel Geld er verdiente? Wenn ich an die vielen Umschläge denke, die ich sah, an alle seine Gaunereien – Erpressung, Glücksspiel, Kreditwucher, Gewerkschaftsaktivitäten und vieles andere –, dann schätze ich ganz vorsichtig, dass er innerhalb von sechs bis neun Monaten nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis jeden Monat 25 000 Dollar steuerfrei einnahm. Das summiert sich auf über eine Viertelmillion Dollar im Jahr und beweist, wie verbissen Greg kämpfte, um seinen Status in der Gambino-Hierarchie zurückzuerobern und Geld zu verdienen.
Als Capo fiel ihm alles zu. Jeder Bauunternehmer, der unter seinem »Schutz« stand, zahlte ihm zwei Prozent, und zwei Prozent von zahlreichen Bauprojekten in New York summieren sich schnell. Justizbehörden schätzten, dass die zwei Prozent Mafiasteuer auf Bauvorhaben in New York mehr als zehn Millionen Dollar in die Kasse des Gambino-Clans spülten.
Je mehr Zeit ich mit DePalma verbrachte, desto selbstsicherer spielte ich meine Rolle. Ich war dabei, das Unvorstellbare zu erreichen; denn ich verkehrte als Verbündeter, als Mafioso-Praktikant unter echten Mafiosi. Die Folge war, dass meine wahre Persönlichkeit erst recht zum Ausdruck kam. Ich bin von Natur aus ein geselliger Mensch, der sich gerne amüsiert. Vermutlich akzeptierte mich der Alte deshalb so schnell. Ich weiß nicht, ob ich mich je vor ihm fürchtete. Auf jeden Fall respektierte ich ihn, weil er seine Pflichten als Gambino-Capo sehr ernst nahm. Doch als unsere Freundschaft enger wurde, konnte ich manches tun, was meiner Persönlichkeit wirklich entsprach. Ich umarmte ihn, alberte mit ihm herum und zog ihn ein klein wenig auf. Und ich weiß, dass er das liebte. Ich weiß, dass er mich liebte.
Ich befand mich unter seinem Schirm, in seinem Kreis; doch selbst innerhalb unserer Gruppe gab es eine Hackordnung. Wenn Greg sich mit einem Initiierten unterhielt, flüsterte der ihm direkt ins Ohr, sodass wir nicht zuhören konnten. Manchmal konnte man den Eindruck haben, als knabbere der Typ an ihm und flüstere ihm süße Worte ins Ohr! Oder sie gingen an einen anderen Tisch oder sogar hinaus. Dann fühlten wir anderen uns wie die zweite Wahl. Wir wollten so gerne dabei sein! Es war verführerisch. Wenn wir von einem Gespräch auf diese Weise ausgeschlossen wurden, dachten wir: Ich bin auch nicht anders als diese Penner! Warum sind sie Greg so nahe, und warum bin ich es nicht? Ich dachte, ich hätte einen besonderen Draht zu ihm! Aber das war nicht so wichtig. Solange ich nicht initiiert war, waren bestimmte Gespräche für mich tabu, und das musste ich akzeptieren.
Greg verstand es meisterhaft, Menschen zu manipulieren. Er konnte weinen, flüstern und den Zustand seines Sohnes, seinen Geldmangel oder die Beschlagnahme seines schönen Hauses in Scarsdale beklagen – je nachdem, was bei seinem Gesprächspartner wirkte. Doch sobald er sie unter seinem Schirm hatte, war das Spiel vorbei. Er saugte sein Opfer aus. Wenn er mit einem Unternehmer sprach, mit dem er Geschäfte machen wollte, glich er einem Fußballspieler, der mit einem weiblichen Fan ausgehen will. Er war verführerisch, herzlich und charmant. Er war ein Mann, mit dem Männer gerne herumhängen. Ich beobachtete immer wieder, dass er allen Leuten alles aufschwatzen konnte.
Andererseits habe ich nie einen Menschen getroffen, der ein so hitziges Temperament hatte wie Greg. Er brauchte nur einen Herzschlag, um vom Schmeichler zum Finsterling zu werden. Wenn er süß wie Honig war und jemand den Namen einer Person erwähnte, die ihn geärgert oder nicht schnell genug gezahlt hatte, änderte sich seine Laune sofort. Dann ließ er eine wahre Schimpfkanonade vom Stapel: »Verflucht soll er sein! Den knöpfe ich mir bald vor!«
Allmählich lernte ich, wie ich Greg beeinflussen konnte. Ich wusste, wann er Streicheleinheiten brauchte und wann ich den Mund halten musste. Dieses Gespür verdankte ich den Rollen, die ich als verdeckter Ermittler gespielt hatte. Greg merkte, dass ich mich seinen Stimmungen anpasste, und das festigte unsere Beziehung noch mehr.
Das andere häufige Thema bei Gregs Besprechungen mit den Bossen war die mangelnde Eignung der neuen Mafiamitglieder. Greg zog jedes Mal gegen sie vom Leder – ihm gefielen weder die neuen Mitglieder noch die Kandidaten. »Ich habe eine Liste der Bewerber gesehen«, knurrte er. »Das sind doch alles Versager, Mülltonnen.« Er fand, die Männer hätten keine Erfahrung, sie seien nicht lange genug an der Front gewesen, um Vollmitglieder zu werden. Sie hätten nicht hinreichend bewiesen, dass sie tüchtige Kerle seien, die Geld herbeischaffen können. Vielleicht waren sie kurze Zeit im Knast gewesen oder hatten ein paar krumme Dinger gedreht. Wie dem auch sei, für Greg waren sie unwürdige Nachfolger der Ehrenmänner, denen er jahrzehntelang in der Mafia gedient hatte. Sie waren nur Kinder.
Im Grunde verstand ich ihn sehr gut – ich hatte das gleiche Problem mit einigen meiner unerfahrenen Vorgesetzten beim FBI! Meine Case Agents Nat Parisi und Chris Munger waren großartig; aber ich hatte andauernd Streit mit den höheren Rängen, die echte, lebendige Kriminelle kaum zu Gesicht bekamen. Im Büro wurde sogar darüber gesprochen, die gesamten Ermittlungen abzubrechen. Das trieb mich zum Wahnsinn.
Greg konnte fast jede Situation zu seinen Gunsten wenden. Er hatte beispielsweise gehört, dass Louis Filippelli ein Restaurant in der Nähe des Rao eröffnen wollte. Das Rao liegt an der Ecke Pleasant Avenue und 114. Straße in East Harlem, einem traditionell italienischen Viertel. Da dieses Lokal immer das Lieblingsrestaurant der Mafiosi gewesen war, ist es fast unmöglich, dort einen Tisch zu bekommen. Frankie »No« Pellegrino, der Eigentümer, erhielt seinen Spitznamen, weil er immer Nein sagte, wenn ihn jemand fragte, ob ein Tisch frei sei oder ob er einen reservieren könne.
Der Gedanke, nicht weit vom Rao ein weiteres italienisches Restaurant zu eröffnen, war für einen Geschäftsmann durchaus vernünftig. Greg entwickelte einen brillanten Plan. Er sprach mit einem Mann, den wir Tommy nennen wollen, einem ehemaligen Angestellten bei Scores. Greg hatte ihn kennengelernt, als er diesen Club erpresst hatte. Tommy war damals ebenfalls verhaftet worden und arbeitete jetzt bei einem Rundfunksender in New York. Greg sagte ihm, er wolle eine Menge kostenlose Werbung für das neue Restaurant haben. Das ermöglichte es ihm, zu Louis, dem Initiator des Restaurants, zu gehen und zu sagen: »Schau mal, was ich für dich getan habe! Ich habe dir all diese kostenlosen Werbeminuten besorgt!« Das war typisch Greg DePalma – sein Einsatz kostete ihn nichts, ein anderer zahlte die Rechnung, er wurde wegen seiner Großzügigkeit gelobt und obendrein fühlte er sich berechtigt, kostenlos im Restaurant zu essen, wann immer es ihm beliebte. Natürlich stieg dadurch auch sein Ansehen bei den Gambinos.
Das einzige Problem war, dass Tommy nichts mit Greg, dem Restaurant oder geschenkter Werbezeit zu tun haben wollte. Das machte Greg wütend; denn er fürchtete, vor Louis das Gesicht zu verlieren, dem er bereits unaufgefordert seine Hilfe angeboten hatte.
»Geh zu diesem Schwanzlutscher«, befahl mir Greg, »und zieh ihm mit einem Baseballschläger eins über die Rübe!«
»Alles klar, Greg«, sagte ich, und schluckte schwer. »Was immer du willst.«
Ich kannte Tommy. Er war ein netter Kerl, und er wusste, wer ich war. Da wir gemeinsame Freunde hatten, durfte ich mich vor ihm nicht blicken lassen. Der Fall wäre sofort zu Ende gewesen, wenn er jemandem erzählt hätte, dass ich verdeckter Ermittler war. Ich ging ihm aus dem Weg, obwohl ich Greg immer wieder versicherte, ich sei ihm hart auf den Fersen.
Greg hatte viele Männer, die für ihn Gewaltakte verübten, doch selbst in den 1970ern scheute er sich nicht, jemanden persönlich zu ohrfeigen. Der Eigentümer eines Bauunternehmens haute DePalma einmal übers Ohr, und Greg tobte vor Wut. Eines Abends sah er ihn bei einem Essen. Greg ging zu ihm und schlug ihm voll ins Gesicht. Der Mann schrie regelrecht: »Greg, bitte tu mir nicht mehr weh!«
An dieser Geschichte weidete Greg sich monatelang.
»Dem habe ich eine gescheuert«, grollte er. »Dieser Kerl respektierte mich nicht. Ich hab ihm gesagt: Dafür wirst du bezahlen!«
Wir kannten auch einen ehemaligen Bodybuilder, der jeden das Fürchten lehrte, wenn er ihn nur schief ansah. Greg ließ sich nicht im Geringsten von ihm beeindrucken. Der Mann wollte in einem Stripclub Ärger machen; aber Greg brachte ihn sofort zum Schweigen.
So hart Greg auch war, er respektierte sein Leben lang die Traditionen der Mafia. Eine davon verlangt, dass der Boss alles bekommt, was er haben will. Greg erzählte mir oft die Geschichte von seinem schönen Jaguar XJ12. Eines Tages waren er und John Gotti zusammen in Pennsylvania, und John sah das Auto. Gotti war damals der Boss der Gambino-Familie, Greg nur ein Capo. Der Wagen gefalle ihm sehr, sagte Gotti.
»O nein!«, pflegte Greg zu sagen, wenn er davon erzählte. »Was sollte ich tun? Ich gab ihm die Schlüssel.«
Nach Gregs Erinnerung sagte John Gotti: »Was soll das?«
»Ich schenke ihn dir«, erwiderte DePalma, der die Tränen nur mühsam unterdrückte. Sein geliebtes Auto war verloren.
»Nein, das kann ich nicht annehmen«, erklärte Gotti; aber er meinte es nicht ernst. Greg hatte recht: »Was soll man machen – dem Boss eine Rechnung schicken?«
Dennoch kannten Gregs Finanzen nur einen Weg: aufwärts. Er achtete immer darauf, an die Bosse abzudrücken, vor allem Geld, das nicht ihm gehörte. Ich war sehr oft dabei, wenn Leute Greg einen Umschlag überreichten, der prall mit Bargeld gefüllt war. Es handelte sich um Schutzgeld oder um seinen Anteil an einem Coup, einem Kreditwucher oder einem Glücksspiel. Greg nahm nie Geld heraus und sagte: »He, Jackieboy, das ist für dich.« Er steckte alles, was er bekam, selbst ein, abgesehen vom Anteil der Bosse.
Es ist ganz einfach: Je mehr Geld ein Mitglied abdrückt, desto wertvoller ist es für die Mafia. Ein lukrativer Mafioso muss nur bei schweren Verstößen gegen die Regeln der Organisation mit Strafe rechnen. Da er viel Geld einbringt, sitzt er näher am Thron. Sein Capo oder Boss arbeitet enger mit ihm zusammen und macht ihn zu seinem Vertrauten. Die beste Analogie, die mir einfällt, ist der College-Football. Die Spieler des Ohio State College haben kleine Kastaniensymbole an den Helmen. Warum? Weil ein Helm voller Aufkleber Respekt einflößt. Nun, Capos wie DePalma bemühen sich, so viel Geld wie möglich einzunehmen und an die Bosse zu zahlen; denn eines Tages sind sie vielleicht selbst ganz oben und wollen Geld verdienen. Sie wollen Macht und Respekt.
Greg DePalma zu kennen war sehr einträglich. Die meisten Leute denken dabei an Schutzgeld. Aber die Opfer bekamen auch etwas für ihr Geld. Erstens hatten sie keine Wahl. Was hätten sie tun sollen? Sie konnten die Zahlung verweigern und die Polizei einschalten; aber sie waren nicht dumm. Sie arrangierten sich lieber mit der Mafia und nutzten dann ihre neue Verbindung, um das Geschäft anzukurbeln.
»Siehst du den Typen dort drüben?«, hieß es dann, wenn das »Opfer« irgendwo auftauchte. »Der arbeitet mit den Gambinos zusammen! Am besten geben wir den Auftrag ihm – wer weiß, was sonst passiert!«
Geschäftsleute, die Greg DePalma bezahlten, profitierten im Grunde sehr von ihm. Viele Firmen waren sehr gerne bereit, zwei Prozent »Mafiasteuer« zu zahlen; denn die Mafia vermittelte ihnen als Gegenleistung Aufträge. Greg nutzte eine Koalition von Minderheiten, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Wenn ein Unternehmer nicht spurte, drohte er ihm, vor seinem Betrieb Streikposten aufzustellen. Das hätte dem Geschäftsmann eine Menge Ärger bereitet. Darum fand Greg meist ein offenes Ohr für sein Angebot, solchen Problemen vorzubeugen.
Natürlich schuf er auch Probleme. Wenn er einen Gewerkschaftsvertrag für eine Baustelle erhielt, ließ er die Arbeit von Leuten erledigen, die nicht organisiert waren. Dennoch verlangte er Löhne für Gewerkschafter und steckte die Differenz ein. Die Mafia bekam Geld, und die Leute, die die Baustellen kontrollierten, machten keine Schwierigkeiten, weil Greg sie bestochen hatte. Wenn die Mafia an einem Bauvorhaben beteiligt war, standen dem Unternehmen Arbeiter, die Gewerkschaft und Material zur Verfügung. Außerdem wurden Ausschreibungen manipuliert. Greg fand, zwei Prozent seien ein Schnäppchenpreis für all diese Dienste. Ich war überrascht, dass die Mafia nicht mehr verlangte.
Greg hatte noch eine andere Idee. Ich habe das jahrhundertealte italienische Restaurant namens Rao in der Pleasant Avenue in East Harlem bereits erwähnt. Ein Tisch im Rao war ebenso schwierig zu bekommen wie eine Luxusloge im Stadion. An einem Tisch mit acht Plätzen mussten acht Leute jede Woche zur gleichen Zeit zu Abend essen – und zahlen. Taten sie das nicht, verloren sie den Tisch und das damit verbundene Prestige. John Gotti hatte viele Jahre lang seinen eigenen Tisch im Rao, und als er ins Gefängnis kam, erbte Greg den Tisch und machte daraus eine Goldgrube. Eines Abends, als er ihn nicht brauchte, rief er jemanden an und sagte: »Rate mal! Du kannst John Gottis Tisch im Rao bekommen! Ich hab alles für dich arrangiert!«
Natürlich war das Opfer begeistert von dieser großartigen Chance. Es war beinahe so, als hätte Clinton das Schlafzimmer Lincolns an zahlungskräftige Spender vermietet. Nachdem Gregs Opfer zusammen mit seinen sieben engsten Freunden im Rao ein Mahl genossen hatte, das zweifellos einige Tausend Dollar kostete, tauchte Greg bei ihm auf und jammerte.
»Du, ich bin pleite. Ich hab dir neulich den Tisch im Rao besorgt. Jetzt musst du mir mit ein paar Dollar aushelfen.«
Greg DePalma machte aus allem Geld.
Greg ging gerne in Restaurants, um seine Leute zu treffen, Schutzgelder in Empfang zu nehmen und stundenlang zu essen. Aber für die Restaurants war er nicht unbedingt der beste Kunde. Wir blieben meist viele Stunden in einem Lokal. Manchmal kamen wir zum Mittagessen und blieben bis zum Abendessen. Greg rauchte auch, obwohl er damit gegen ein Gesetz des Staates New York verstieß. Das machte den Eigentümer nervös, zumal die anderen sich belästigt fühlten. Gregs Anwesenheit – seine laute, bedrohliche, grollende Stimme und die Gruppe von Mafiosi, die ihn umringte – störte die Atmosphäre im Restaurant. Aber niemand traute sich, Greg um Mäßigung zu bitten, auch nicht der Eigentümer. Der Alte war über 70, gesundheitlich ein Wrack, aber immer noch groß und äußerlich ein harter Bursche – eine Furcht einflößende Gestalt in der Welt des Verbrechens.
Wie jedes kluge Unternehmen vergab auch die Mafia bestimmte Aufträge an freie Mitarbeiter, vor allem wenn es galt, jemanden einzuschüchtern, zu verprügeln oder mit dem Kopf nach unten an die Decke seines Geschäfts zu hängen. Die Freiberufler, an welche die Mafia sich bei solchen Gelegenheiten wandte, gehörten zu einem albanischen Gangsterclan in New York. Es waren die gleichen Leute, die den Stripclub zertrümmert und dadurch unsere Ermittlungen ausgelöst hatten. Früher hatten die Westies diese Aufgabe übernommen, eine brutale Bande von Iren, die im Vorhof zur Hölle aufgewachsen waren. Nachdem die Westies sich aufgelöst hatten, sprangen die Albaner ein.
Als Greg ins Gefängnis kam, übernahmen die Albaner auch den Tisch im Rao. Sie wurden in der Welt des New Yorker organisierten Verbrechens immer gefährlicher. Anfangs wurden sie als Auftragskiller und Schläger eingesetzt. Ich hörte Greg oft sagen: »Wenn wir ein Problem haben, sagen wir einfach den Albanern, sie sollen sich darum kümmern.« Aber bald begannen die Albaner zu denken: Warum müssen wir die Muskeln und diese Leute das Hirn sein? Und da ich die begrenzten geistigen Fähigkeiten mancher Mafiosi selbst erlebt hatte, hielt ich das sogar für eine recht gute Frage.
Die Albaner beschlossen, der sechste Verbrecherclan in New York zu werden, auf Augenhöhe mit den fünf anderen. Natürlich gefiel das den Sizilianern nicht besonders. Die Albaner gingen ins Waldorf-Astoria – das Revier der Familie Lucchese – und stellten Pokermaschinen in Lucchese-Lokalen auf. Sie schlugen Menschen zusammen. Dann drangen sie ins Revier der Cosa Nostra ein und erpressten Geschäftsleute.
Die Albaner waren furchtlos. Im Jahr 1998 gingen sie ins Restaurant Valbella in der eleganten Vorstadt Greenwich in Connecticut. Der Eigentümer dieses Lokals, das viele Stars besuchten, zahlte den Gambinos monatlich 5000 Dollar Schutzgeld, und sie durften essen, so viel sie wollten. Die Mafiosi hatten in dieser Goldmine einen reservierten Tisch. Als die Albaner das merkten, sagten sie sich: Warum bekommen wir dieses Geld nicht? Also gingen sie hinein und hängten den Eigentümer an die Decke, bis er einwilligte, nicht mehr an die Gambinos, sondern an sie zu zahlen. Jetzt hatten sie also den Tisch im Rao und das Schutzgeld von Valbella. Und sie unternahmen weitere Vorstöße ins heilige Land der Gambinos.
Greg war im Gefängnis und konnte das Problem daher nicht selbst lösen. Stattdessen beauftragte er Nicky LaSorsa damit, den er persönlich zum Mitglied gemacht und später auf seine Abschussliste gesetzt hatte. Kaum hatte LaSorsa erfahren, dass die Albaner das Valbella erpressten, sagte er: »Zur Hölle mit diesen Mistkerlen!« Er ging in das Lokal, stellte sich als Gregs Vertreter vor und setzte durch, dass die Albaner kein Geld mehr bekamen. Dafür durften die Gambinos wieder kostenlos und nach Herzenslust essen. Als Greg im Gefängnis davon hörte, ging er an die Decke. Was nützte ihm das kostenlose Essen, solange er im Knast saß? Was war mit dem Geld? Nach seiner Entlassung sorgte er dafür, dass das Schutzgeld an ihn floss und dass er für sein Essen nicht bezahlen musste.
Die Albaner waren hart und böse und taten, was immer sie wollten. Eben deshalb hatte die Mafia sie für Gewalttaten engagiert. Sie ermordeten Menschen und hackten sie in Stücke. Greg erzählte mir von einigen Mafiosi, die sich in der Bronx mit den Albanern getroffen hatten. Man warf sie splitternackt auf die Straße, und die Mafia unternahm nichts. Greg hielt das für eine Schande.
Er beschloss, selbst ins Café Dion zu gehen, wo die Albaner meist herumhingen, um einiges klarzustellen.
»Brauchst du Hilfe?«, fragte ich, beeindruckt von seiner Furchtlosigkeit. »Ich halte dir den Rücken frei.«
»Nein, nicht nötig«, sagte Greg abschätzig. Er konnte seine Geschäfte auch ohne mich erledigen. Ich muss zugeben, dass er Mumm hatte. Er hielt sich an die Regeln und erwartete, dass diese Typen kuschen würden. Angst hatte er nicht. Greg ging ins Café Dion und löste das Problem mit dem Tisch im Rao und die meisten anderen Streitfälle zwischen den Albanern und der Mafia. Eines muss ich ihm lassen – er hatte den Mut, ins Lager des Feindes zu gehen und die Dinge auf die altmodische Art und Weise zu klären.
Allerdings konnte er nicht alle Probleme ausräumen, und die Beziehungen zwischen den beiden Lagern verschlechterten sich. Ende September 2005 war die Lage so unerträglich geworden, dass die Gambinos sich zu einer entscheidenden Machtprobe mit den Albanern entschlossen. Arnold Squitieri, der Boss, nahm selbst daran teil. Die Gambinos waren der Meinung, dass man die Albaner zurechtstutzen musste – und zwar kräftig.
Greg erzählte mir, die Konfrontation sei an der Tankstelle einer Autobahnraststätte in New Jersey ausgetragen worden. Vielleicht hört es sich wie eine Filmszene an; aber es geschah wirklich. Squitieri nahm eine Menge Feuerkraft mit: 20 bewaffnete Männer. In der Zwischenzeit zapften brave Bürger mit Familie bleifreies Benzin ab und fragten sich, was zum Teufel dort vorging. Die Albaner waren ähnlich ausgerüstet. Das Gespräch begann feindselig und eskalierte rasch.
»Was ihr gestohlen habt, könnt ihr behalten«, erklärte Squitieri. »Aber jetzt ist Schluss. Andernfalls bekommt ihr Ärger. Habt ihr das verstanden?«
Die Albaner antworteten auf diese Drohung draufgängerisch wie James Cagney. Ihr Anführer wandte sich an einen seiner Männer und sagte: »Wenn sie auf uns schießen, zielst du auf die Zapfsäulen; dann laufen wir alle weg.«
Es war wie in Hollywood. Im Grunde sagten die Albaner: »Wir sind auch harte Jungs. Ihr wollt euch mit uns anlegen? Dann legen wir uns mit euch an!«
Die Konfrontation hätte so oder so ausgehen können. Aber die Gambinos hatten 20 Männer und die Albaner nur ein halbes Dutzend. Und die Albaner hatten lange genug mit den Gambinos gearbeitet, um vor der Cosa Nostra Respekt zu haben. Darum blinzelten die Albaner an der Tankstelle zuerst. Irgendwie, erzählte mir Greg, kamen die Albaner zur Vernunft… oder sie nahmen Squitieris Drohung ernst. An der Tankstelle waren sie in der Minderheit, und offenbar hatten sie endlich kapiert, dass der Gambino-Clan zu mächtig war, als dass man ihm in die Quere kommen durfte.
Greg berichtete, die Albaner seien in ihre Schranken verwiesen worden und hätten sich nie zum sechsten Verbrecher-Clan in New York entwickelt.
Natürlich verbrachte Greg nicht seine ganze Zeit damit, Albanern zu drohen. Einer der Ärzte, die er kannte, leitete eine Stiftung, die jedes Jahr ein Golfturnier veranstaltete, um Geld für herzkranke Kinder zu sammeln. Diese Stiftung nahm viel Geld ein, und ich weiß nicht, wie der Alte ins Spiel kam. Jedenfalls brachte er eine Menge Artikel für Sportfans mit, die während des Turniers versteigert wurden.
Aber Greg brachte nicht nur die Fanartikel mit, sondern auch einen ganzen Tisch voller Mafiosi und mit ihm verbündeter Geschäftsleute, von denen jeder 500 Dollar zahlte. Er nahm mich ein paar Mal mit, und ich muss zugeben, dass dies eine der am besten organisierten und einträglichsten Veranstaltungen war, die ich je gesehen habe.
Sie fand in einem schönen Country-Club im Westchester County statt und begann mit einem fantastischen Frühstück. Dann folgte ein Schießwettbewerb (sehr passend für Mafiosi). Jedes Loch hatte seinen eigenen Sponsor. Wer an einem Par-3-Loch nur einen Schlag brauchte, gewann ein Auto von einem Händler in der Nähe und so weiter. Da ich kein Golfspieler bin, fuhr ich mit meiner Vierergruppe lieber im Golfkarren herum. Danach gab es ein Essen mit Stars, Sportlern und führenden New Yorker Geschäftsleuten, eine stille Auktion für Fanartikel und eine Modenschau, auf der man Pelzmäntel kaufen konnte. Sie hatten einen umwerfenden Komiker, und das Essen war fantastisch. Alles war perfekt… abgesehen von meiner Gesellschaft.
Der Alte hatte sich zum Essen in Schale geworfen. Ich saß neben ihm an unserem Tisch. Den ganzen Abend kamen Gratulanten vorbei – Geschäftsleute, Politiker und viele andere –, um Gregs Ring zu küssen oder ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Sie behandelten ihn nicht wie einen Mann, der sein Leben lang kriminell gewesen war, sondern wie einen Star. Ich konnte es nicht glauben, dass all diese Leute sich öffentlich mit DePalma sehen lassen wollten, und es schockierte mich, dass seriöse Geschäftsleute für einen Platz an unserem Tisch bezahlt hatten. Unter ihnen waren Leute, die von Greg erpresst worden waren oder noch erpresst wurden, und solche, die er als Opfer im Auge hatte. Als Jack Falcone lernte ich, dass es keinen Mangel an Speichelleckern gibt, die gerne mit Mafiosi zusammen sind. Es ist erstaunlich. Die ganze Veranstaltung war für Greg eine »Akquisition«, weil er seine nächsten Opfer um sich versammelte und sich überaus charmant gab.
Ich hoffe, dass dies seine gute Seite war; denn eine andere habe ich nie gesehen. Aber es fällt mir schwer zu glauben, dass Greg von seiner jährlichen Teilnahme an diesem Ereignis nicht auf die eine oder andere Weise finanziell profitierte. Behielt er die 500 Dollar für einen Platz am Tisch ganz oder teilweise für sich? Oder machte er nur Werbung für sich und lernte Leute kennen, die er erpressen konnte? Bekam er einen Teil des Auktionserlöses? Übrigens – wer weiß, woher er die Fanartikel hatte. Sehr wahrscheinlich bekam er sie kostenlos im Austausch für einen freien Tisch und strich dann auch noch 500 Dollar pro Kopf ein. Wie dem auch sei, wir gehörten nicht auf diese Veranstaltung, so nett sie auch war. Wir waren verdammte Mafiosi! Aber das war Greg egal. Jedes Jahr sagte er: »Jackieboy, du musst unbedingt kommen! Wie viele Plätze willst du?«
Nach Monaten voller Besprechungen gelang es Greg endlich, sein Problem mit Nicky LaSorsa zu lösen. Jeder der beiden hatte versucht, den anderen umzubringen, aber Greg hatte Nicky in den Clan aufgenommen. Jetzt waren sie bereit, sich in einem Restaurant in der Bronx zu treffen und mit einem Kuss zu versöhnen. Und dieser Kuss ist in der Mafia wörtlich gemeint. Greg hörte auf, Nicky bei jeder Gelegenheit zu beschimpfen. Seine Lieblingsbezeichnung für Nicky war »Schwanzlutscher«; aber das bedeutete nicht viel, weil er sehr viele Leute so nannte. Jetzt erzählte er uns, was für ein toller Kerl LaSorsa sei. Das war ein Befehl von oben, um Streit zu verhindern.
So sehr Greg Geld liebte, ein bestimmtes finanzielles Angebot konnte nicht einmal er annehmen. Lenny Minuto war 64 Jahre alt und seit Jahrzehnten ein Gambino-Mitläufer. Er hatte ein Vermögen als Buchmacher und Kredithai für den Clan verdient. Und er hatte Paulie Castellano, den Gambino-Boss, den John Gotti später umbrachte, immer wieder gebeten, ihn für Geld in die Organisation aufzunehmen.
Castellano weigerte sich, die fünfzig- bis hunderttausend Dollar anzunehmen, die Minuto ihm anbot, obwohl man munkelte, dass mehrere Leute sich ihre Mitgliedschaft gekauft hatten. Alle wussten, um wen es sich handelte, und keiner respektierte sie, weil sie sich die Aufnahme nicht verdient hatten. Dennoch wurde Minuto von Castellano ebenso abgewiesen wie von Gotti und allen anderen Bossen einschließlich Arnold Squitieri. Greg meinte, Minuto sei ein »Aufschneider« und ein »Wichser«, der nicht den Mumm habe, ein echter Soldat zu sein. Als ich mich in den Fall einschaltete, hatte Minuto sein Angebot auf eine Million erhöht – er war bereit, einen siebenstelligen Betrag zu zahlen, um in die Mafia aufgenommen zu werden.
Greg spielte mit der Idee, das Geld zu nehmen und Minuto dann einfach ins Gesicht zu lachen. Aber soviel ich weiß, tat er es nie. Dieses eine Mal waren seine Skrupel als Mafioso stärker als seine enorme Gier. Als der Gambino-Fall abgeschlossen war, wurden Minuto und sein Sohn verhaftet und verurteilt, weil sie auf das Auto eines Zeugen geschossen hatten. Schließlich arbeitete er mit der Staatsanwaltschaft zusammen. Wie sich herausstellte, hatte Greg recht gehabt. (Minutos Anwalt behauptete, sein Mandant habe nie versucht, sich in den Gambino-Clan einzukaufen. »Aus den Tonbändern kann ich nur den Schluss ziehen, dass es sich hier um Mafiaklatsch handelt«, erklärte der Anwalt. »Wenn Sie dieses Beweismittel bewerten wollen, müssen Sie berücksichtigen, welche Leute die Aussagen gemacht haben.«)
Greg war bei Weitem der schwierigste Mensch, dem ich in meiner jahrelangen Arbeit als verdeckter Ermittler je begegnet bin. Auch der Fall war für mich sehr schwierig. Es war anstrengend genug, nur bei ihm zu sein. Einerseits wollte ich ihm so viele Informationen wie möglich entlocken, andererseits versuchte er, möglichst viel Geld mit mir zu verdienen. Ich habe ihn nie als Mensch respektiert; aber ich muss anerkennen, dass er als Mafioso immer die Regeln einhielt.
Das gleiche Gefühl hatte Greg auch bei mir. Obwohl er mich gründlich überprüft hatte, wollte er, dass ich die Bosse traf, damit auch sie mich testen konnten.
Warum? Weil er mich zu einem Mitglied und Soldaten des Gambino-Clans machen wollte. Greg wollte mich durchchecken, damit ich ein Soldat, ein einfaches Mitglied der Mafia werden konnte, ein amico nostro – »ein Freund von uns«.
Zwischenspiel 3
Abstecher nach Hollywood
Im Dezember 2002, kurz bevor ich bei Nat in die Mafiaschule ging, rief mich FBI-Agent Kevin Luebke aus Miami an. Er hatte von mir gehört und wusste, dass ich dort bereits einige wichtige Fälle gelöst hatte.
»Wir könnten dich in einem Fall einsetzen, in dem es um Hehlerei geht«, erklärte er. »Ein Typ, der sich um Strafmilderung bemüht, hat uns verraten, dass ein bestimmter Juwelier Diebesgut kauft. Er schmilzt die Stücke ein und verkauft die Edelmetalle.«
»Und warum ist das ein Fall fürs FBI?«, fragte ich.
»Darauf wollte ich gerade kommen«, sagte Kevin. »Der Juwelier hat viele Polizisten bestochen. Sie handeln mit gestohlenen Juwelen und sind an allem beteiligt, vom Versicherungsbetrug bis zum Raub.«
Das hörte sich gut an. Also flog ich nach Miami und stieg in den Fall ein. Ronnie war der Kerl, der im Knast saß und uns Informationen gab, und ich sollte seinen Onkel spielen. Ronnie war oft bei diesem Juwelier gewesen, sowohl als Kunde, der gestohlenen Schmuck kaufen wollte, wie auch als Verkäufer von Diebesgut. Dabei freundete er sich mit den vielen Polizeibeamten in Hollywood an, die nach Dienstschluss den Verkaufsraum bewachten, weil sie ein wenig Geld dazuverdienen wollten. Die Cops mussten mitbekommen haben, dass der Eigentümer gestohlene Ware verkaufte.
Eines Tages wurde Ronnie vom FBI wegen Bandendiebstahls verhaftet. Die Gauner hatten sich auf den Diebstahl von Geld, Juwelen und anderen Wertsachen in Privatwohnungen spezialisiert. Jetzt beschloss er, die Seiten zu wechseln, um ein milderes Urteil zu erwirken. Er berichtete dem FBI von den korrupten Polizisten, die im Juweliergeschäft herumhingen. Deshalb brauchte das Büro einen verdeckten Ermittler, der sich mit dem Juwelier – nennen wir ihn Freddy – anfreundete und Kontakt mit den bestochenen Cops aufnahm.
An einem heißen Sommertag schaute ich bei Freddy vorbei. Vorher zog ich mich an wie ein New Yorker Gangster, der in Miami Urlaub macht: seidene Guayabera, modische Hose, teure Schuhe, Rolex President aus reinem Gold und der unvermeidliche Diamantring am kleinen Finger. Ich fuhr sogar einen neuen Cadillac, den ich am Flughafen gemietet hatte.
Zurückhaltung ist die Basis für eine erfolgreiche verdeckte Ermitt-lung. Also versuchte ich nicht sofort, ein Geschäft mit Freddy abzuschließen oder ihn zu schröpfen, sondern sagte nur zu ihm: »Ich bin Big Jack, Ronnies Onkel aus New York. Ich weiß, dass Sie gewisse Geschäfte mit ihm gemacht haben, und er lobt Sie sehr. Er ist im Knast, aber es geht ihm gut. Er wollte, dass ich Sie von ihm grüße, und er sagte, Sie seien ein guter Mann.«
Ich merkte Freddy an, dass seine Alarmglocken schrillten. Aber ich redete nicht von Hehlerei oder korrupten Cops. Ich sagte nur, ich sei aus New York und hätte gehört, er sei ein zuverlässiger Mann. Ich wollte mich nur vorstellen. Das war alles. Kein Grund zur Aufregung. Bei der ersten Begrüßung wollte ich niemandem Angst einjagen.
Ein paar Wochen später besuchte ich Freddy erneut. Inzwischen war ich in den Fall Naked Truth eingestiegen und ermittelte gleichzeitig gegen die korrupten Politiker und die asiatischen Fälscher in Atlantic City. Zwischendurch nahm ich kleinere Dealer fest und bearbeitete ein paar andere Fälle. Ja, ich hatte als verdeckter Ermittler einen ziemlich vollen Terminkalender.
»Hören Sie«, sagte ich zu Freddy, »ich möchte etwas für meine Freundin kaufen. Nicht wertvoll, aber hübsch.«
Freddy hatte tatsächlich etwas für mich – ein wunderschönes Schmuckstück, das zweifellos gestohlen war. Er bot es mir für 800 Dollar an.
»Das ist entzückend«, sagte ich. »Sie haben mir aus der Klemme geholfen. Vielen Dank.«
»Keine Ursache«, sagte Freddy. »Übrigens stellen wir auch Schmuck her. Vielleicht können wir irgendwann einmal etwas Hübsches für Ihre Freundin machen.« Ich zog mein Bündel mit dem Brokkoligummiband aus der Tasche und zählte acht 100-Dollar-Scheine ab.
»Durchaus möglich«, sagte ich und ging.
Während meines nächsten Aufenthalts in Miami ging ich wieder in das Geschäft, diesmal nicht, um etwas zu kaufen, sondern nur, um Freddy besser kennenzulernen. Es war ein privater Besuch. Ich lud ihn zu einem Drink ein. Ich hofierte ihn und merkte, dass er jetzt in meiner Gegenwart entspannter war. Er deutete an, dass er mich für einen Mafioso aus New York hielt. Er sagte beispielsweise: »Sie haben bestimmt Freunde hier. Sicher kennen Sie den Soundso.« Dann nannte er den Namen eines Ganoven, den ich wirklich nicht kannte.
»Nein«, sagte ich jedes Mal, »den kenne ich nicht. Eigentlich kenne ich niemanden. Ich habe keine Freunde. Niemand mag mich. Sie sind der Einzige, den ich hier kenne! Ich bin eben ein fieser Typ!«
Das verblüffte ihn. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein so umgänglicher Typ wie ich in einer Gegend wie Südflorida keine Freunde haben sollte. Aber er wusste, dass Mafiosi solche Antworten geben, damit sie keine weiteren Fragen beantworten müssen.
Normalerweise trug ich in solchen Situationen ein Aufnahmegerät. Aber dies war ein Juweliergeschäft mit einem Metalldetektor. Jedes Mal, wenn ich den Laden oder die angrenzende Werkstatt betrat, musste ich durch ein Magnetometer gehen, das eine Wanze aufgespürt hätte. Bald ließ Freddy mich nicht mehr hindurchgehen – er dachte, ich sei nicht gefährlich. Aber ich freundete mich nicht nur mit ihm an, sondern versuchte, Eindruck auf sein gesamtes Personal zu machen. Ich erwies ihnen kleine Gefälligkeiten, zum Beispiel indem ich ihnen eine ganze Kiste Cannoli schenkte.
»He, schaut mal, was ich hier habe!«, rief ich jovial und zog meine ganze Show ab.
So ging es weiter, bis ich das Gefühl hatte, jederzeit vorbeikommen und mit Freddy von Freund zu Freund plaudern zu können. Eines Tages war ich mir sicher, dass ich die Grenze zwischen Freundschaft und Geschäft überschreiten konnte. Dieser Augenblick lässt sich nicht definieren – der verdeckte Ermittler muss ihn spüren. Es ist ein Gefühl, das sich nach jahrelanger Erfahrung entwickelt. Man muss der Zielperson zuhören, mit ihr Cocktails trinken und mit ihr herumhängen. Das Wichtigste ist, dass man sympathisch wirkt.
Der richtige Moment war gekommen, und ich zog Freddy ins Vertrauen.
»Hör mal«, sagte ich, »ich habe etwas vor. Stell nicht zu viele Fragen. Ich weiß, du hast einiges mit meinem Neffen gedreht. Jetzt möchte ich wissen, ob du etwas für mich tun kannst.«
Ich sah es in seinen Augen – seine Gier kochte sofort hoch.
»Worum geht es?«, fragte er.
An diesem Punkt fragen manche Leute, ob wir uns nicht selbst einer Straftat schuldig machen. Aber es gibt einen Unterschied. Wenn der Typ nicht interessiert ist, sagt er: »Raus hier! So etwas mache ich nicht! Verschwinde!«
So reagiert ein ehrlicher Mensch. Ein Krimineller setzt das Gespräch fort und will mehr erfahren. Ich wäre Anstifter, wenn mein Gegenüber sagen würde: »Kein Interesse – hau ab!«, und ich ihn hartnäckig bedrän-gen würde: »Du musst mitmachen. Ich brauche dich. Bitte. Du musst mir helfen!«
Wenn ich versuche, einen Menschen zu überreden, der kein Interesse an einer Straftat hat, bin ich Anstifter. Freddy brauchte ich nicht zu drängen. Er war sofort interessiert und hörte zu.
Ich hatte einen braunen Beutel bei mir, der ein paar Juwelen enthielt, die das FBI anlässlich verschiedener Ermittlungen beschlagnahmt hatte, meist Kautionen, die Drogenhändler hatten verfallen lassen. Darunter waren ein Ring aus reinem Gold mit der Inschrift »SEXY«, große Kruzifixe und Halsbänder mit Namen wie »Foxy« – das protzigste Zeug, das man sich denken kann. Aber es war pures Gold.
»Mann, was für ein Mist!«, rief Freddy. »Das Zeug kann ich nicht absetzen – ich muss es einschmelzen.«
»Also gut, das verstehe ich«, erwiderte ich. »Es reicht mir, wenn du mir den Schrottwert zahlst.«
Wenn Goldschmuck für einen Hehler schwer zu verkaufen ist, wiegt er ihn ab, schmilzt ihn ein und verkauft das Metall zum aktuellen Goldpreis. Genau das hatte Freddy vor. Er holte seine Juwelierswaage, und wir wogen das Gold gemeinsam.
Er bot mir einen Preis, den ich für lächerlich niedrig hielt. »Willst du mich umbringen? Ist das alles, was du mir geben kannst? Von meinem Mann in New York würde ich mehr bekommen – aber ich wollte die Ware hier in Florida verkaufen, weil sie im Norden heiß ist.«
Wir feilschten eine Weile und einigten uns schließlich auf 5000 Dollar für alles. Freddy hatte nur ein paar Tausender dabei und bat mich, am nächsten Tag noch einmal zu kommen. Dann gab er mir den Rest des Geldes in Hundertern. Das Verrückte war, dass ihm eine Kette gefiel, die in meinem Beutel gewesen war. Er legte sie um und trug sie, solange ich ihn kannte.
»Danke für den Deal«, sagte ich.
»Wenn du wieder mal so einen braunen Beutel hast, dann komm zu mir«, erwiderte er.
Natürlich hätten wir ihn auf der Stelle wegen Hehlerei festnehmen können; aber er war nicht unsere Zielperson. Wir hatten es auf die korrupten Polizisten abgesehen, die er eingestellt hatte. Es dauerte nicht lange, bis er mir von den Cops erzählte, mit denen er zusammenarbeitete. Genau das wollte ich hören. Er hatte wilde Geschichten auf Lager. Einmal ging er ins Polizeirevier, um beschlagnahmte Gegenstände zu begutachten, und die Cops stahlen vor seinen Augen Juwelen aus dem Schließfach! Jetzt hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte. »Hör mal, ich könnte ab und zu Bewacher brauchen. Manchmal bringe ich einen Sattelschlepper mit heißer Ware nach Norden, und wenn der Fahrer sich mal ein paar Stunden aufs Ohr haut, möchte ich nicht, dass Cops oder Diebe etwas mitgehen lassen.«
»Ich hab ein paar Leute an der Hand«, versprach er.
»Wer ist es?«, wollte ich wissen.
»Komm morgen wieder«, sagte er. »Aber denk dran, die Jungs wollen nicht wissen, was im Laster ist, und es kümmert sie auch nicht. Sie passen nur auf. Also sag ihnen nichts, dann stellen sie keine Fragen!«
Die »Jungs« waren Beamte des Polizeireviers von Hollywood. Aber für mich kam es nicht in Frage, die Cops im Unklaren über die Ladung zu lassen – es ist schließlich nicht verboten, einen LKW zu bewachen, wenn man nicht weiß, dass er Schmuggelware enthält.
»Sie müssen wissen, was drin ist«, widersprach ich. »Ich kann nicht zulassen, dass ihnen in letzter Minute Bedenken kommen und sie mich verhaften und meine Ware beschlagnahmen!«
»Kein Problem«, versicherte mir Freddy. »Das werden sie nicht tun. Ich kenne die Jungs. Sag mir, wann sie hier sein sollen. Sie werden dich nicht nach einer Frachtliste, einem Lieferschein oder sonst was fragen.«
Also schlossen wir den Handel ab. In der folgenden Woche würde ich mit einem leeren und versiegelten Sattelschlepper ankommen. Falls jemand hineinschaute, würde ich es merken. Sollten die Polizisten ihn öffnen, würde ich sagen: »Ich hab ihnen nicht getraut, Freddy, und wollte sie erst mal auf die Probe stellen.«
In der nächsten Woche parkte ich den Sattelschlepper 24 Stunden lang hinter Freddys Geschäft. Uniformierte Polizisten des örtlichen Reviers bewachten ihn ununterbrochen. Wir hatten uns zunächst auf 30 Dollar pro Stunde geeinigt; aber die Cops wollten 38 haben. Dann konnten sie das Geld als Einkommen angeben und versteuern. Sie würden also Bei-hilfe bekommen, falls ihnen etwas zustoßen sollte; denn sie durften einer Nebenbeschäftigung nachgehen, wenn sie nicht im Dienst waren. Aber durften sie auch für einen Mann arbeiten, der offensichtlich kriminell war?
Als ich auf der Szene erschien, sah ich, dass die uniformierten Cops meinen LKW auf dem Parkplatz bewachten. Ich fuhr in einem schwarzen Cadillac vor und war wie ein Gangster angezogen. Zum Teufel, dachte ich, ich gehe wie ein Mafioso, ich rede wie ein Mafioso – ich muss ein Mafioso sein! Diese Polizisten waren nicht dumm. Sie wussten, wie ein Verbrecher aussah und wie er sich benahm. Und nun bewachten sie einen LKW auf einem verlassenen Parkplatz. Was für eine Heuchelei! Sie behandelten mich wie einen ehrlichen Geschäftsmann, der ihre Dienste benötigte.
Der Fahrer des Sattelschleppers war ein Kollege vom FBI in Miami. Er hatte langes Haar, und ich bat ihn, sich drei Tage lang nicht zu rasieren. Ich brachte ihn zu den Cops und sagte: »Das ist mein Fahrer. Ich möchte, dass er sich ausschläft, weil er morgen eine lange Reise vor sich hat. Bitte bewacht inzwischen den Laster.«
Niemand fragte nach Frachtliste, Lieferschein, Führerschein oder KFZ-Schein. War dies das Polizeirevier in Hollywood? Also hing ich mit den Cops herum, kaufte ihnen Kaffee und plauderte mit ihnen. Mein sechster Sinn warnte mich davor, einen Schritt weiterzugehen – die Zeit war noch nicht reif. Ich festigte nur meinen Ruf für künftige Geschäfte.
Als die 24 Stunden vorbei waren, fuhr der Sattelschlepper »nach Norden«, und ich bezahlte die Polizisten.
Freddy wies mich immer wieder darauf hin, dass die Cops nicht wissen wollten, ob der LKW heiße Ware enthielt. Und ich erwiderte jedes Mal: »Sie müssen es wissen, weil ich ihnen nicht traue.« Dabei blieb es. Freddy war nicht beteiligt. Er hatte einen Bruder, den wir Stevie nennen wollen. Stevie war ein Spieler, aalglatt und ein Möchtegernmafioso. Kriminelle faszinierten ihn, aber er war ein Punk. Er wollte andauernd mit mir herumdiskutieren, um den Eindruck zu erwecken, er sei mir ebenbürtig und habe ebenfalls mit der Mafia zu tun. Ich hatte es ihm echt angetan, und er wollte wie ich sein; gleichzeitig wollte er mich beeindrucken. Manchmal hätte ich ihn am liebsten geohrfeigt. Eines Tages kam er mit einem blauen Auge zu mir, was mich angesichts seines Verhaltens nicht überraschte.
»Ich hab dir gesagt, dass dir jemand eine scheuern wird«, schalt ich ihn.
Jetzt arbeitete ich also mit Freddy und Stevie zusammen, und es war Zeit für den nächsten Schritt.
»Ich hab ein Problem«, sagte ich eines Tages zu Freddy. »Ein Typ schuldet mir Geld, und ich brauche jemanden, der ihm Angst einjagt. Wie wär’s mit einem Uniformierten? Der Kerl ist ein Schläger, und ich muss ihm vielleicht eine Abreibung verpassen.«
»Ich kenne da jemanden«, sagte Freddy. »Einen wie dich. Er heißt Kevin Companion und ist Polizist in Hollywood.«
»Wunderbar«, sagte ich. »Er soll uns morgen Mittag im Restaurant Mamma Mia treffen.« Dies war der Plan des FBI: Ein Kollege spanischer Herkunft, der wie ein Doper aussah, sollte an der Bar aufkreuzen. Er war ein sehr guter verdeckter Ermittler. »Tu mir einen Gefallen«, sagte ich. »Wenn du ins Restaurant kommst, geh zur Bar. Ich komme zu dir, rege mich ein wenig auf, haue auf die Theke und schreie dich ein bisschen an.«
Er kapierte.
Am nächsten Tag um Viertel vor zwölf ging ich ins Juweliergeschäft und traf dort Kevin, den Cop, mit den zwei Brüdern. Freddy, der nette Bruder, blieb im Laden, während sein Bruder Stevie, der Mafioso in spe, uns begleitete. Kevin trug die Sommeruniform der Polizei von Hollywood – ein weißes Polohemd mit der Aufschrift Police auf dem Rücken sowie sein Abzeichen und seine Pistole. Ich hatte ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose angezogen, die Kluft eines New Yorker Gangsters.
»Also, hör zu«, erklärte ich Kevin. »Ich weiß nicht, ob es kritisch wird; aber wenn du dabei bist, wird nichts passieren. Ich will mit diesem Kerl nur reden. Wenn er reinkommt, merken wir ja, ob er aufsässig wird.«
»Ich sorge für Ihren Schutz«, versicherte Kevin.
Wir fuhren ins Restaurant und setzten uns an die Bar. Kevin war kein bisschen misstrauisch. Er benahm sich wie bei einer Verabredung zum Essen. Es war keine große Sache. Und ich hätte einem Mafioso nicht ähnlicher sein können.
Wir saßen an der Bar und warteten auf meinen Kollegen. Und wer kam? Der Polizeichef und vier oder fünf Kommissare! Sie gingen in das Restaurant, um Mittag zu essen. Ich kannte keinen von ihnen, weil ich aus New York war. Aber Kevin kannte sie.
»Verdammt«, zischte er. »Mein Chef ist hier!«
Ich dachte, der Plan sei geplatzt. Kevin würde schleunigst Reißaus nehmen. Er konnte sich nicht vor seinem Chef mit einem Mafioso sehen lassen. Aber was tat er? Er stellte mich seinem Chef und seinen Kollegen vor! Ich konnte es nicht glauben. Als wären wir Bekannte, die zusammen essen gehen!
Der Chef sagte sogar zu Stevie: »Vielleicht komme ich diese Woche mal vorbei. Ich muss ein Geschenk kaufen.«
Ich glaubte es nicht.
Der Chef setzte sich etwa sechs Meter von uns entfernt an einen Tisch, und ich wusste, dass es jetzt interessant wurde. Ich sagte zu Kevin: »Los komm, wir hauen ab!«
»Machen Sie sich keine Sorgen!«, erwiderte er.
»Ich soll mir keine Sorgen machen?«, fragte ich ungläubig.
»Ja, es ist alles in Ordnung«, sagte Kevin.
»Woher weißt du das?«, fragte ich. Doch bevor Kevin antworten konnte, kam mein Kollege herein.
Ich warf Kevin und Stevie einen Blick zu, damit sie wussten, dass dies der Typ war und sie am Tisch bleiben sollten. Dann schlenderte ich hinüber zu dem Kollegen und schaute zu unserem Tisch zurück. Kevin behielt mich im Auge. Ich musste zugeben, dass er seinen Auftrag ernst nahm.
Ich legte dem Agenten die Hände auf die Schultern, als sei ich wütend auf ihn. Wir hatten ein lebhaftes Gespräch – zumindest redete ich lebhaft auf ihn ein. Für Kevin und alle anderen Zuschauer musste es sich anhören wie: »Halt mich ja nicht zum Narren, Kumpel!«
Der Agent reichte mir einen Umschlag und ging. Ich kehrte zu Kevin und Stevie zurück und aß weiter.
Kevin freute sich – er hatte nicht eingreifen müssen. Alles war gut gegangen. Nun ja, er brauchte sich nicht einzumischen. Es ging uns nur darum, dass er in Uniform einen Drogenhandel bewachte. Das hatte geklappt.
Aber das Beste kommt noch. Als ich zahlen wollte, warf Kevin ein: »Passen Sie auf, dass sie Ihnen Rabatt geben. Sie geben uns immer 20 Prozent Skonto!«
»Mann, das ist ein gutes Geschäft!«, staunte ich. In der alten Zeit aßen Polizisten in jedem Restaurant kostenlos. So war es eben. Aber heute dürfen sie weder kostenloses Essen noch Rabatte annehmen.
»Ja, alle Restaurants geben uns Rabatt«, verriet mir Kevin.
Ich zahlte, und Kevin verabschiedete sich von seinen Vorgesetzten. Ich fuhr Kevin zum Juwelierladen und gab ihm die 200 Dollar, auf die wir uns geeinigt hatten. Er schaute sich vorsichtig um, als er das Geld nahm. »Das nächste Mal geben Sie das Geld Stevie. Nur für den Fall, dass das FBI Fotos macht.«
Juristisch betrachtet hatten wir Kevin bereits überführt – denn was konnte er seiner Meinung nach geschützt haben, wenn nicht einen Drogendeal? Aber das war nur der Anfang der Ermittlungen. Wir wollten so tief wie möglich in diesen Sumpf aus Korruption graben. Wir wollten wissen, wie tief er war.
Dies war auch der Beginn meiner Freundschaft mit Kevin. Ich muss sagen, er war einer der sympathischsten und lustigsten Burschen, denen ich je begegnet war. Er konnte jemandem in die Eier treten und gleichzeitig laut lachen. Zudem war er fasziniert vom organisierten Verbrechen und unterhielt sich gerne darüber. Er konnte ganze Szenen aus Scarface und Der Pate zitieren. Aber er kannte nicht nur die Dialoge dieser Filme auswendig, sondern beherrschte auch die Akzente perfekt. Er sagte Sätze wie »Ich machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte.«
Ich fragte ihn oft: »Kevin, was zum Teufel machst du den ganzen Tag? Sitzt du nur rum und schaust dir diesen Mist an?«
Dann lachte er und zog jedes Mal die gleiche Show ab. Detective Companion liebte alles Italienische, so sehr, dass er an seinem Auto eine italienische Flagge anbrachte und die Stimmen von Dean Martin und Frank Sinatra als Handy-Klingeltöne benutzte. Er erzählte gerne, dass er nach Kalifornien gefahren sei, um an der Beerdigung seines Idols Frank Sinatra teilzunehmen.
Nun waren Kevin und ich also Freunde, und was die Ermittlungen in Sachen Korruption anbelangte, war nur der Himmel die Grenze.
Bis ich zurück ins Büro ging. Der damalige Direktor der FBI-Außenstelle Miami war der Meinung, dass wir in dem Fall zu langsam vorankamen.
Statt gegen korrupte Polizisten musste ich auf einmal wieder gegen Bürokraten kämpfen.
»Es geht zu langsam? Was soll das heißen?«, fragte ich ungläubig. »Alles läuft hervorragend! Die Korruption hat sich im gesamten Polizeiapparat ausgebreitet! Wir wissen aus zahlreichen Quellen, wie korrupt diese Leute sind. Wir können sie nicht alle gleichzeitig schnappen. So ein Fall braucht Zeit!«
Mein Chef blieb stur. »Das geht zu langsam«, sagte er. »Ich schließe den Fall ab – es sei denn, Sie bringen sie dazu, eine Ladung Drogen für Sie zu befördern!«
Ich versuchte ihm zu erklären, dass man das Vertrauen eines Ganoven nur langsam erwirbt… und das eines korrupten Cops noch langsamer! Leider hatte ich keinen Erfolg. Mein Chef schloss den Fall ab. Trotzdem bekam ich anderthalb Jahre später, als ich schon mit DePalma herumhing, immer noch gelegentlich Voice-Mails und Anrufe von Freddy. Er wollte wissen, ob ich Juwelen zu verkaufen und Jobs für die Polizei hätte. Kevin habe nach mir gefragt. Es war unglaublich frustrierend. Es war ein perfekter Fall gewesen, aber die Bürokraten im FBI hatten ihn geschlossen. Das FBI beauftragt oft Leute, die wenig oder gar keine praktische Erfahrung mit der Leitung sehr wichtiger Fälle haben.
Als das Büro in Miami anderthalb Jahre später einen neuen Direktor bekam, wollte dieser unbedingt größere Fälle anpacken. Special Agent Mario Tariche, der im Fall Willy Falcon und Sal Magluta mein Case Agent gewesen war, wurde Abteilungsleiter. Mario war als Vorgesetzter ebenso gut wie als Agent. Seine erste Amtshandlung bestand darin, den Fall der korrupten Polizisten in Hollywood, Florida, wieder zu eröffnen. Mario Tariche und Kevin Luebke riefen mich an und fragten, ob ich die verdeckte Ermittlung gegen den Polizeiapparat von Hollywood wiederaufnehmen könne. Also packte ich den Koffer und fuhr nach Hollywood, wo ich mich wieder mit Freddy, dem Juwelier, und Kevin Companion, dem korrupten Cop, traf. Bald war alles so, als wäre ich nie fort gewesen. Wir unterhielten uns über gemeinsame kriminelle Aktivitäten aller Art.
Da ich gleichzeitig für das New Yorker Büro an den Fällen Gambino, Royal Charm und Steal Pier sowie an einem großen Drogenfall arbeitete, hatte ich keine Zeit, mich ganz dem Fall Hollywood zu widmen. Darum stellte ich einige verdeckte Ermittler als meine »Gang« vor. Es waren Kollegen, denen ich vertraute und vor denen ich größten Respekt hatte: meine Freunde und Partner Mikey »Suits« Grimm und die Agenten Dave und Joe. Ich sagte den Ganoven, ich sei zum Capo befördert worden und müsse daher einen Teil meiner Verantwortung auf diese anderen Mafiosi abwälzen. Bei wichtigen Besprechungen erschien ich nach wie vor, zum Beispiel wenn wir Schmiergelder auszahlten oder als wir Kevin einluden, Kollegen mitzubringen.
Wie ich erwartet hatte, akzeptierten Kevin, seine Kollegen und die Besitzer des Juweliergeschäftes diese drei verdeckten Ermittler total. Meine Jungs gaben den korrupten Polizisten »gestohlene« Diamanten, Kunstwerke und Wertpapiere, und die Cops beförderten die Ware nach Atlantic City. Wir erklärten jedes Mal, es handle sich um Hehlerware. Das störte die Cops nie, weil sie an jeder Fahrt verdienten.
Wir unternahmen mehrere solche Fahrten und beauftragten Kevin Companion, jedes Mal einen anderen Kollegen mitzubringen. Wir wollten alle korrupten Polizisten in Hollywood überführen. Verbotene Provokation? Selbstverständlich nicht! Was muss ein Polizist sagen, wenn man ihm anbietet, gestohlene Waren in einen anderen Bundesstaat zu bringen? Er muss sagen: »Kommt nicht in Frage! Sie sind verhaftet!«
Wir haben niemanden angestiftet, sondern das Recht durchgesetzt.
Einmal sagte ich zu Kevin: »Du hast uns sehr geholfen. Kann sein, dass ich dich eines Tages bei uns unterbringen kann.«
Ich deutete also an, dass er irgendwann Mitglied in der Mafia werden könne. Wo hatte ich gelernt, wie ein Capo zu reden? Vom Meister persönlich – von Greg DePalma. Ich wiederholte nur die Worte, die ich von Greg gehört hatte.
»Man kann nie wissen«, ergänzte ich.
»Es wäre mir eine Ehre«, sagte er, und es klang fast schwärmerisch. »Ich tu alles für dich. Ich würde deine Florida-Gang von hier aus leiten oder nach New York gehen und dort für dich arbeiten.«
Er hatte keine Ahnung, dass er dabei war, sich selbst für ein Jahrzehnt ins Gefängnis zu bringen. Tommy Simcox, einer der korrupten Polizis-ten, die später mit dem FBI zusammenarbeiteten, berichtete, Kevin sei zutiefst davon überzeugt gewesen, dass die Mafia ihn aufnehmen werde. Kevin habe ihm und den anderen korrupten Cops gesagt, Jack werde ihn als Mitglied vorschlagen. Waren diese Polizisten geisteskrank? Offenbar zuckte keiner von ihnen mit den Wimpern, als Kevin ihnen die erstaunliche Neuigkeit über seine Zukunft im organisierten Verbrechen verkündete.
Kevin sagte oft: »Ich kenne viele Jungs, die mitmachen wollen. Aber sie wollen nicht wissen, was in den Lastwagen ist und dass es gestohlen ist.«
Dann erwiderte ich: »So geht das nicht. Ich will nicht, dass sie plötz-lich Gewissensbisse kriegen. Wenn sie dabei sind, dann sind sie ganz dabei.«
Immer wieder fragte Kevin, warum er nicht mehr Geld für seine Dienste und die seiner Kollegen bekam.
»Wenn du mehr Geld verdienen willst«, erklärte ich ihm, »musst du Gift anfassen.« Das bedeutete: Du musst uns helfen, Heroin von Florida nach New York zu bringen.
Er schüttelte den Kopf. »Gift möchte ich lieber nicht anfassen oder im Auto haben«, sagte er. »Wenn man uns stoppt und den Stoff bei uns findet, können uns nicht einmal unsere Abzeichen retten.«
»Wer sagt, dass ihr es in euren Autos befördern sollt?«, erwiderte ich »Ihr braucht die Fracht nur zu begleiten.«
Sein Gesicht hellte sich auf. »Begleiten? Kein Problem! Das können wir machen!«
Sie machten es tatsächlich.
Die korrupten Cops schauten zu, wie der verdeckte Ermittler Joe mehrere Koffer mit jeweils zehn Kilo Heroin in das Auto eines anderen FBI-Agenten lud, der die Rolle eines kolumbianischen Lieferanten spielte. Dann stiegen Joe, Dave und ich in meinen gemieteten Hummer H2 und beobachteten die Cops, die in vier Mietwagen von Nordmiami nach Hollywood Bockspringen spielten. Wir fuhren zum hinteren Ladedock einer Lagerhalle. Während der ganzen Fahrt blieben wir mit ihnen in Kontakt und zeichneten alle ihre Funksprüche auf.
Da ich 20 Jahre lang in der Drogenszene ermittelt habe, kann ich beurteilen, dass die Cops, taktisch gesehen, optimal arbeiteten. Einer von ihnen fuhr auf der Autobahn ganz rechts, um sich zu vergewissern, dass niemand folgte. Sie verhielten sich wie erfahrene Drogenkuriere. Wenn ich an Drogenfällen arbeitete, trat ich meist bei der Übergabe der Ware in Erscheinung, nicht beim Transport. Diese Fahrt war in meinen Augen skurril. Die Polizisten spielten die Rolle der Ganoven perfekt, und die FBI-Agenten schlüpften in die gleiche Rolle.
Als die Cops in ein Hotel in Hollywood gingen, um sich mit uns zu treffen und ihr Geld abzuholen, führten die Agenten Dave und Joe sie einzeln in mein Zimmer. Dort saß ich mit einem Stapel 100-Dollar-Scheinen und zahlte jeden der Beamten aus – vor einer versteckten Videokamera, die alles festhielt. Alle glaubten, sie hätten zehn Kilo Heroin eskortiert. Gemäß den Wünschen des stellvertretenden Generalstaatsanwalts, der für den Fall zuständig war, sagten wir ihnen genau, was sie schützten, vor und nach dem Transport. Kein Einziger murmelte einen Protest.
Noch überraschter war ich, als ich zu Kevin Companion im Hotelzimmer sagte: »Diesem Cop zahlen wir 8000 Dollar«, und er antwortete: »Nein, gib ihm nur 6000. Zur Hölle mit ihm.«
Wieder nahmen wir alles auf Video auf und sammelten solide Beweise. Trotzdem war es ein deprimierender Tag für die Justiz. Immerhin handelte es sich um Polizeibeamte, die sich bedenkenlos von »Mafiosi« für die Eskorte eines Herointransports bezahlen ließen! Heroin tötet Menschen. Ja, wir hatten klare Beweise … aber es war keine angenehme Erfahrung.
Während der gesamten Ermittlungen redete Kevin immer wieder davon, Mitglied der Mafia zu werden und für mich eine Gang aus korrupten Cops zu führen. Wie gesagt, es besteht nie ein Mangel an Speichelleckern, Möchtegernganoven und Groupies – wie immer man sie nennen mag –, die Mafiosi faszinierend finden. Aber das waren Polizisten! Das waren die Vorbilder kleiner Jungs!
Und so lautete die Anklage gegen vier Polizisten aus Hollywood: Hehlerei und Transport gestohlener Waren von einem Bundesstaat in den anderen, Duldung eines illegalen Spielsalons, der hohe Einsätze verlangte, Frachtgutdiebstahl, Transport von Heroin sowie Schutz und Transport gestohlener Inhaberschuldverschreibungen. Kevin Companion war seit 20 Jahren Polizist, als er verurteilt wurde. Die drei anderen Beamten waren 15, 24 und acht Jahre bei der Polizei gewesen. Insgesamt hatten sie knapp 100000 Dollar Schmiergelder erhalten (Kevin Companion: 42000, Jeffry Courtney: 22000, Thomas Simcox: 16000, Stephen Harrison: 12000 Dollar). Für diese relativ geringen Beträge sah jeder der vier Männer einem Leben im Gefängnis entgegen.
Ein Nachspiel zu diesem Fall diskreditierte die Polizei von Hollywood noch mehr (sofern das überhaupt möglich war). Das FBI hatte den Polizeichef – selbstverständlich vertraulich – über seine Ermittlungen informiert. Bevor wir Simcox festnahmen, wollten wir uns mit Kevin treffen, um die Begleitung unseres nächsten Transports von Diebesgut zu besprechen. Aber er antwortete nicht auf unsere Anrufe. Nach einigen Tagen fanden wir heraus, dass Kevin Companion und Jeffry Courtney ein Rücktrittsgesuch eingereicht hatten, um ihre Pension zu retten. Ganz offensichtlich hatte ihnen jemand verraten, dass wir vom FBI waren. Es gab eine undichte Stelle im Polizeikommissariat von Hollywood.
Zum Glück waren diese Cops keine kaltblütigen Mörder. Andernfalls wären sie vielleicht zu unserem Treffen erschienen und hätten uns zwei Kugeln in den Hinterkopf geschossen, um uns als Zeugen mundtot zu machen.
Wie hatten sie von dem Fall Wind bekommen? Später erfuhren wir, dass der Polizeichef nicht weniger als acht Personen – unter anderem dem Bürgermeister, dem Oberstadtdirektor und einigen Mitarbeitern, darunter ein Polizeimajor – von den Ermittlungen des FBI erzählt hatte. Der Polizeimajor informierte einen Polizeileutnant, dieser einen einfachen Polizisten… und der gab Courtney einen Tipp. Companion wurde von Courtney eingeweiht. Simcox arbeitete bereits mit uns zusammen. Companion und Courtney ließen also Stephen Harrison, das vierte Mitglied ihres Teams, im Regen stehen. Die Zuträger wurden degradiert und für 30 Tage vom Dienst suspendiert. Man hätte sie auch wegen Behinderung der Justiz anklagen können. Der Leutnant wurde verhaftet, weil er FBI-Agenten über seine Beteiligung am Verrat belogen hatte. Er bekannte sich schuldig.
Kapitel 16
Ich könnte als Jack Falcone sterben!
Nach all diesen Frühstücken, Mittagessen und Abendessen überschritt mein Gewicht die 200-Kilo-Marke. Ich wusste, dass ich mein Herz stark belastete. Beim FBI mussten wir uns jedes Jahr medizinisch untersuchen lassen. Man schickte uns in ein exklusives Zentrum in Manhattan, wo uns eine ganze Serie von Tests erwartete. Es war eine erstklassige Einrichtung. Das einzige Problem war, dass ich gegen Ende des Fiskaljahres Geburtstag hatte. Deshalb hatte das FBI meine Untersuchung sechs oder sieben Jahre lang gestrichen, weil kein Geld mehr im Budget war. Für mich war das ein Vorteil; denn wenn man mich getestet hätte, wäre ich erneut wegen meines Gewichts belästigt worden. Meine Einstellung war: Ich arbeite hier auf den Straßen – was geht es sie an, wie viel ich wiege oder wie ich aussehe?
Eines Tages erwähnte ich gegenüber Greg, dass ich mich ärztlich untersuchen lassen wollte. Das war bei einem Essen Mitte Dezember 2003.
»Ich überlege, ob ich einen Kardiologen konsultieren soll«, sagte ich.
»Du bist über die Gewerkschaft versichert«, erinnerte er mich. »He, ich kenne einen sehr guten Kardiologen. Gehen wir doch alle zu ihm!«
Also marschierte die ganze Truppe in die Praxis des Kardiologen, den wir Dr. Medavoy nennen wollen. Wir wollten unser Herz untersuchen lassen.
»Wir gehen alle hin!«, hatte Greg jovial verkündet. »Jackieboy, ich möchte dich noch lange bei mir haben!«
Also ging ich zum Test, den die Krankenkasse meiner Gewerkschaft freundlicherweise bezahlte. Dr. Medavoy war ein netter Mann und sehr gründlich. Ich ging rein, er untersuchte mich, und siehe da – er stellte ein Vorhofflimmern fest! Das ist eine Herzstörung, die man mit Medikamenten behandeln muss. Er gab mir drei verschiedene Arzneien, die ich regelmäßig einnahm. Aber sie hatten Nebenwirkungen. Also ging ich wieder zum Arzt, und er riet mir zu einem Kontrastechokardiogramm, einem Belastungstest. Allerdings konnte sein Gerät nur Patienten verkraften, die höchstens 136 Kilo wogen. Deshalb vereinbarten wir einen Termin im New York Hospital in Manhattan.
Ich ging hin, immer noch als Jack Falcone und mit meiner Versicherungskarte von der Gewerkschaft. Sie rasierten mir die Brust, schlossen das EKG an und starteten den Test. Auf einmal liefen alle Ärzte ins Zimmer und redeten durcheinander.
»Entschuldigen Sie, Mr. Falcone«, sagte einer von ihnen. »Wissen Sie, dass Sie Vorhofflimmern haben?«
Ich nickte.
»Wir dürfen diesen Test nicht machen! Ihr Ruhepuls ist 220! Der Normalwert bei Männern Ihres Alters ist 80! Sie gehen sofort in die Notaufnahme!«
»Machen Sie Witze?«, rief ich.
»Merken Sie denn nichts?«, fragte der Arzt. »Wir schicken Sie in die Notaufnahme! Wir haben Dr. Medavoy angerufen, und er ist der gleichen Meinung.«
Ich war entsetzt. Sie brachten mich in die Notaufnahme. Es war eine typische Notaufnahme in New York City: Ich sah blutende Schwerverletzte und andere schreckliche Dinge. Plötzlich lag ich auf einer Trage mit Infusionsnadeln im Arm, und dabei umringten mich so viele Schwestern und Ärzte, die mich alle knufften und anstupsten, dass ich dachte: Was geht hier vor? Überall Monitore und Nadeln – ich bin ein Wrack!
Meine Frau wusste nicht einmal, wo ich war, und ich konnte sie nicht anrufen. Ich durfte kein Telefon benutzen, weil ich an all diese medizinischen Geräte angeschlossen war. Wenn man in einem Krankenhaus ein Handy benutzt, flippen alle aus. Ich war sicher, dass Dr. Medavoy Greg DePalma anrufen würde und dass Greg und die anderen Mitglieder der Gang mich besuchen würden. Also rief ich heimlich bei Dr. Medavoy an und erzählte ihm, mein Herzschlag habe sich normalisiert und ich würde das Krankenhaus verlassen. Er wollte mich gleich am nächsten Morgen sehen. Ich hatte nichts dagegen. Ich wollte nur nicht, dass er Greg informierte, weil ich befürchtete, er werde vorschlagen, meine Frau und mein Kind zu mir zu bringen.
Auf einmal dämmerte es mir: Ich lag mit erhöhter Herzfrequenz in der Notaufnahme, niemand wusste, wo ich war – weder meine Frau noch das FBI. Was wäre, wenn ich als Jack Falcone sterben würde? Ich schätzte, dass ich etwa eine Stunde dort bleiben würde … aber sie behielten mich acht lange, lange Stunden! Erst dann war meine Pulsfrequenz so weit gesunken, dass ich gehen durfte.
Das passierte zwei Tage vor Weihnachten. Ich hatte eine Menge Zeit zum Nachdenken, während ich auf der Trage in der Notaufnahme lag. Ich dachte an meine Tochter. Ich dachte an Weihnachten. Ich dachte: Warum zum Teufel mache ich diesen Job? Wieso habe ich es zugelassen, dass ich so fett und schlapp wurde? Habe ich den Verstand verloren? Sollte ich allein in einem Krankenhaus sterben, unfähig, meine Frau und meine Tochter anzurufen?
Endlich wurde ich entlassen; aber ich wusste, dass meine Probleme erst begonnen hatten. Sofort rief ich Nat Parisi an und berichtete ihm, was geschehen war.
»Nat«, sagte ich, »du musst mir etwas versprechen. Ich kenne unsere verdammten Chefs. Wenn sie davon erfahren, ziehen sie mich vom Fall ab.«
»Aber das ist ernst!«, sagte Nat. »Zur Hölle mit dem Fall! Ich mache mir Sorgen um dich!«
Das war typisch Nat. Er kümmerte sich immer um mich. Ein ganzer Kerl!
»Ich will, dass es dir gut geht und dass du ärztlich betreut wirst«, erklärte er.
Das versprach ich ihm.
Dann sagte er: »Mal sehen, was ich tun kann.«
Jetzt folgte der Anruf, den ich fürchtete: bei meiner Frau.
Wie ich erwartet hatte, rastete sie aus, als sie von meinem Herzproblem erfuhr.
»Das war’s, jetzt ist Schluss!«, sagte sie. Sie war ohnehin wütend auf das FBI, weil man mich nie medizinisch untersuchen ließ. »Sie haben dich jahrelang ausgenutzt.«
»Ich muss diese Sache durchstehen«, sagte ich. »Es ist Gregs Arzt. Ich muss zu ihm gehen.«
Das haute meine Frau um. »Du musst was tun?«, schrie sie. »Du gehst nicht zu einem Mafia-Kardiologen!«
»Was soll ich denn tun?«, flehte ich. »Einen Kardiologen in den Gelben Seiten suchen?«
»Nun, warum eigentlich nicht?«, fragte sie.
»Er ist kein Mafia-Kardiologe«, versuchte ich zu erklären. »Er ist einer der besten Ärzte in Westchester.«
In diesem Augenblick meldete sich mein Piepser. Es war Greg. Was für ein perfektes Timing!
»Du wirst diesen Anruf nicht beantworten!«, sagte meine Frau, die bereits entsetzt darüber war, dass sie mich fast verloren hatte – nicht durch die Kugel eines Mörders, sondern wegen des Übergewichts, das ich mit mir herumschleppte.
»Ich muss antworten!«, erwiderte ich. »Sonst denkt Greg, die Cops hätten mich geschnappt.«
»Du arbeitest nicht mehr an diesem Fall!«, sagte meine Frau. »Schluss damit!«
Irgendwie überredete ich sie, über die ganze Sache noch einmal nachzudenken. Sie war einverstanden, dass ich weitermachte. Später rief ich Greg an und berichtete ihm, was passiert war. Wie erwartet war er wütend, weil ich ihn nicht von der Klinik aus angerufen hatte. Nat leistete großartige Arbeit. Er behielt meinen Aufenthalt in der Notaufnahme für sich, nachdem ich ihm ein ärztliches Attest gezeigt hatte, in dem es hieß, alles sei in Ordnung, solange ich meine Medikamente nähme. Nat sorgte dafür, dass unsere Vorgesetzten nur seine geschönte Version der Ereignisse hörten. Ich ging wieder zu Dr. Medavoy, der mir neue Medikamente und weitere Untersuchungen verordnete. Was für ein großartiger Arzt! Seine Mitarbeiter waren so gut, dass ich sie bedauerte, weil sie Greg behandeln mussten, der aufkreuzte, wann immer es ihm passte. Greg vereinbarte keine Arzttermine – er ging einfach in die Praxis, ignorierte die Patienten im Wartezimmer und ging sofort zum Arzt. Ich war immer peinlich berührt, wenn wir an zehn Senioren vorbeigingen, die geduldig warteten, und Greg die Arzthelferin an der Anmeldung fragte: »Ist er da?« Kaum hatte sie genickt, ging er schnurstracks hinein. Ich habe nie jemanden getroffen, für den eine Vorzugsbehandlung so selbstverständlich war.
Ich fragte ihn: »Greg, machst du denn nie Termine?«
»Zum Teufel damit!«
Wenn ich zu einem vereinbarten Termin vorsprach, hofierten mich alle und wollten auch mich so behandeln, wie Greg es von ihnen erwartete. Aber ich lehnte ab und wartete, bis ich an der Reihe war.
Als FBI-Agent wurde ich nicht einmal untersucht. Aber dank der Mafia hatte ich Zugang zu den besten Fachärzten der Stadt.
Ich glaube wirklich, dass all diese Ereignisse ein Beweis für mein Engagement sind. Das soll kein Eigenlob sein – vielleicht bin ich ja ein Dummkopf. Ich vertraute dem Arzt, den ich im Laufe meiner Ermittlungen kennengelernt hatte; darum musste ich bei ihm bleiben. Der Fall bedeutete mir eben viel. Hätte das FBI mich vom Fall abberufen, hätte ich einen anderen Kardiologen suchen müssen.
Es gibt einen Nachtrag zu dieser Geschichte, einen schlimmen Vorfall, der sich ein paar Tage später ereignete. Wir aßen alle zu Mittag. Greg machte sich große Sorgen um mich. Ich sah es in seinen Augen. »Jackie, geht es dir gut?«, fragte er. »Alle hatten Angst um dich.«
»Klar, Greg. Es ist nichts Schlimmes«, versicherte ich ihm.
Dann ließ Greg eine Bombe platzen. »Wir haben eine miese Ratte unter uns.«
Plötzlich hörte das Gelächter auf, und alle schauten sich um. »Wir müssen uns unbedingt um diesen Kerl kümmern«, beharrte Greg.
»Was ist denn los? Wer ist es?«, fragte ich unschuldig. »Wer ist es?«
Greg zeigte mit einem langen Finger auf mich. »Du bist es, Jack!«, sagte er.
Ich war im New York Hospital gewesen, um meine Herzfrequenz zu senken. Aber jetzt war ich sicher, dass mein Herz 300 Mal in der Minute schlug! Plötzlich erkannte ich, was er tatsächlich gemeint hatte: das kleine Gerät, das meine Herzfrequenz 24 Stunden am Tag überwachte. Er hatte gar nicht das Aufzeichnungsgerät gemeint, das ich immer bei mir hatte, wenn ich mit ihm und den anderen zusammen war.
»Ach ja, du meinst dieses Ding hier!«, sagte ich und deutete auf den medizinischen Apparat. Alle lachten herzhaft.
Ich lehnte mich zurück und dachte: Verdammt noch mal! Das war ein Klassiker!
»Du wirst wieder gesund, Junge!«, sagte der Alte und grinste mich an. Er freute sich diebisch, dass er mir Angst eingejagt hatte. Dies war ein entscheidender Augenblick für mich. Ich wusste, wenn ich diesen Moment überleben konnte, dann konnte ich während der Ermittlungen alles überleben. Jeder normale Mensch hätte sofort einen Herzanfall bekommen.
Kapitel 17
Begegnung mit Robert Vaccaro
Während ich dem FBI neue Puzzleteile über die Gambinos lieferte, versorgte das Büro mich ebenfalls mit neuen Informationen. So erfuhr ich beispielsweise von Nat Parisi und Chris Munger, dass Greg mit einigen neuen Leuten herumhing. Unsere Informanten identifizierten einen dieser Leute als Robert Vaccaro, der seit Langem der Mafia angehörte. Am 7. Oktober 2003 kam Greg ins Restaurant La Villetta und stellte mir Robert vor. Dann sagte er zu meiner Überraschung: »Wenn mir etwas passiert, sprich mit ihm. Er ist dein Ansprechpartner.«
Als ich Robert Vaccaro zum ersten Mal traf, wusste ich sehr wenig über ihn. Obwohl er ein initiiertes Mitglied der Mafia war, blieb seine Rolle dem FBI verborgen. Er war das Gegenteil von Greg DePalma – diskret, wie man es von Mafiosi erwartete. Greg telefonierte endlos mit seinem Handy, während Vaccaro unseren Informanten zufolge nie ein Mobiltelefon benutzte. Später fanden wir heraus, dass er zwar ein Handy besaß, aber nur einen Taschenpiepser mit einem Codesystem benutzte, wie es Drogensüchtige zu tun pflegen. In der zivilisierten Welt waren alle von Rufmeldern auf Handys umgestiegen – aber nicht Vaccaro. Er war sehr vorsichtig, besonders in meiner Gegenwart, und es dauerte eine Weile, bis er mich akzeptierte.
Er war Ende 40, groß, neigte zur Glatze und hatte eine durchschnittliche Figur. Man durfte ihn auf keinen Fall unterschätzen. Seine Augen strahlten eine finstere Entschlossenheit aus, die mich frösteln ließ. Robert wohnte in einer offenen Anstalt in New York, weil er unter Bewährung stand; aber nachts, wenn die Bewährungshelfer schliefen, fuhr er nach New Jersey und Connecticut, um sich mit den Chefs des Gambino-Clans zu treffen: Squitieri und Megale.
Die Frage blieb: Wer war dieser Robert Vaccaro, und warum war er plötzlich mit Greg zusammen? Wir stellten eine Kurzbiografie von ihm zusammen, die sich auf Gregs Bemerkungen und unsere Informanten stützte. Vaccaro hatte 15 Jahre im Gefängnis des Staates New York verbracht, weil er Heroin verkauft hatte, und war vor Kurzem entlassen worden. Er wechselte zum Gambino-Clan. Greg erzählte mir, dass die Clans ab und zu Mitglieder austauschen. »Er war ein Lucchese und ist jetzt einer von uns.«
Meine Kollegen und ich überlegten, welche Aufgabe Vaccaro haben mochte. Uns fielen zwei Möglichkeiten ein. Vielleicht sollte Greg ihn in alle seine kriminellen Aktivitäten einweihen, damit Vaccaro einspringen konnte, falls Greg sich zurückzog, starb oder zum Consigliere, Stellvertreter oder Boss aufstieg. Aber es war auch denkbar, dass die Bosse ihn beauftragt hatten, alles über Greg zu lernen – und ihn dann zu beseitigen.
Ich fragte mich, ob Robert beabsichtigte, mich in seine Gang aufzunehmen, falls er Gregs Nachfolger werden sollte, oder ob er mich umlegen würde, weil ich Gregs Freund und Vertrauter war.
Das Lustige war, dass Vaccaro den Alten darüber aufklärte, wie man sich in unserer modernen Zeit einer Verhaftung entziehen konnte. »Hör auf, das Telefon zu benutzen«, sagte er. »Schau dich um, wenn du Auto fährst, damit du siehst, ob man dich beschattet.« Vaccaro erklärte, dass die Cops den Begriff »Trockenreinigung« verwendeten, wenn ein Gangster plötzlich die Fahrtrichtung änderte oder das Auto wechselte, um Verfolger abzuschütteln.
Wenn Greg von Vaccaro etwas Neues lernte, erzählte er mir alles. Es hörte sich an, als besitze er sensationelle Tipps, um eine Festnahme zu verhindern.
»Jackieboy«, knurrte er, »sprich nie am Telefon übers Geschäft!«
Am liebsten hätte ich erwidert: »Danke Sherlock! Übrigens – wer plaudert denn andauernd am Telefon?«
Anfangs war Gregs Verhältnis zu Vaccaro zwiespältig. Er bewunderte ihn als Mafioso, doch gleichzeitig ärgerte er sich darüber, dass der Neue ständig anwesend und eine potenzielle Bedrohung war. Deshalb gab es Spannungen zwischen Robert und Greg, die sogar auf meine Beziehung zu Greg abfärbten. Wenn ich Zeit mit Robert verbrachte, wurde Greg eifersüchtig.
»Warum hängst du die ganze Nacht mit ihm rum?«, fragte er mit rauer Stimme. »Vergiss nicht, dass du da sein musst, wenn ich dich brauche.«
Vielleicht fürchtete er, dass wir zwei uns gegen ihn verbünden würden, um ihn hinauszudrängen. Wer weiß, was ihm durch den Kopf ging? Ich wusste, dass es zu meinen Aufgaben gehörte, mehr über Robert Vaccaro herauszufinden – wer er war und was er vorhatte.
Robert stand den Gambino-Bossen sehr nahe und redete anfangs nur über Geschäfte, und zwar so vorsichtig wie möglich. Er flüsterte Greg selbst dann ins Ohr, wenn außer mir niemand anwesend war. Wenn andere Leute in der Nähe waren und er etwas zu sagen hatte, ging er mit Greg an einen entfernten Tisch. Ich bewunderte seine Nüchternheit.
Das bisschen Geld, das Robert am Anfang verdiente, sickerte nie zu Greg durch. Darüber regte er sich dauernd auf. Ehrlich gesagt verriet mir Greg nie, was er wirklich von Robert hielt. Nach einigen Monaten fühlte er sich nicht mehr bedroht und fand langsam Gefallen an Robert; aber er hielt ihn für einen Versager, ein Kreuz, das er tragen musste, weil der Typ nicht ständig Geld abdrückte. Natürlich war es ungewöhnlich, dass ein Capo ein initiiertes Mitglied in seine Gang aufnahm, das ihm nicht viel Geld einbrachte. Deshalb hatte die Beziehung zwischen den beiden immer ihre Grenzen. Zudem erinnerte Robert den Alten natürlich unablässig daran, dass man ihn jederzeit beseitigen oder abservieren konnte. Kein Wunder, dass Greg sich in Roberts Gesellschaft nie ganz wohlfühlte.
Mit Greg wusste ich umzugehen; aber es war schwieriger, an Vaccaro heranzukommen. Darum begann ich, bei ihm Wetten abzuschließen. Er unterhielt sich gerne über Sport, und wer ihn auflockern wollte, redete mit ihm über dieses Thema. Je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, desto klarer wurde mir, dass er ein echter, konservativer Mafioso der alten Schule war. Sein ganzes Gehabe drückte aus, dass Greg, ich und alle anderen ihn nicht die Bohne interessierten. Es war, als schreie er: »Ich wurde in diese Gang versetzt, aber ich kenne euch nicht wirklich, und ich traue niemandem. Und dabei soll es bleiben.«
Tja, genau das erwartet man von einem Mafioso.
Allmählich lernte ich Vaccaro also besser kennen, und da ich bei ihm wettete, hatten wir mehr zu reden. Und weil ich bei ihm Geld verlor, hatten wir noch mehr zu reden! Wie sich herausstellte, gehörte sein Wettbüro zu einem Glücksspielring mit Hauptsitz in Costa Rica, der Milliarden Dollar umsetzte. Kleine Buchmacher haben immer ein Problem damit, Wet-ten unterzubringen, vor allem wenn zu viele Kunden auf den Favoriten oder die Heimmannschaft setzen. Deshalb hatte die Mafia dieses Computerwettsystem in Costa Rica eingerichtet. Der Spieler bekam einen Codenamen und eine Codenummer. Dann rief er eine 800er-Nummer an, wurde nach Costa Rica durchgestellt und nannte seinen Namen und seine Nummer.
Ich war »der Falke« und hatte eine vierstellige Codenummer. Sobald ich mich auf diese Weise identifiziert hatte, konnte ich auf alles unter der Sonne wetten – nicht nur auf Spielergebnisse, sondern auf alles, was in Las Vegas angeboten wird: Wer gewinnt die Seitenwahl, wer erzielt den ersten Touchdown, wie steht das Spiel am Ende des ersten Viertels und vieles mehr. Jede Woche erhielt der örtliche Buchmacher einen Bericht aus Costa Rica, in dem stand, wie viel jeder Kunde gewonnen hatte oder noch schuldete und wie viel der Buchmacher selbst dem Syndikat schuldete oder was er von ihm zu bekommen hatte. Es lief wie geschmiert und war eine der kriminellen Hauptbeschäftigungen Vaccaros, soviel wir wussten.
Vaccaro hatte eine Freundin, die ihm treu geblieben war, als er wegen Drogenhandels im Gefängnis gesessen hatte. Nennen wir sie Donna. Sie sah aus wie Marisa Tomei … und ihretwegen wurde ich fast umgebracht. Lange vor dem Gambino-Fall besuchte ich häufig ein Restaurant mit Bar in New York, wo ich eine Menge Leute kannte. Dort traf ich Donna häufig, weil sie mit dem Eigentümer befreundet war. Außerdem war sie eine Nichte oder Cousine von Gigi dem Wal, einem der beiden Typen im organisierten Verbrechen, die mit Sicherheit wussten, wer ich war.
Donna war immer in diesem Restaurant in Manhattan zu finden. Alles, was ich von ihr wusste, war, dass sie die Freundin eines Mafioso war, der im Knast saß. Robert Vaccaro kannte ich damals natürlich nicht. Ich grüßte sie, und wir führten ein kurzes, freundliches Gespräch. Sie war immer in Gesellschaft. Ich musste annehmen, dass Gigi sie über meinen Beruf informiert hatte. Wie sich herausstellte, stimmte das.
Greg, Vaccaro und ich schlossen einen ungemütlichen Burgfrieden oder eine ungemütliche Freundschaft. Eine gewisse Spannung war immer noch da, vor allem weil Greg auf jeden eifersüchtig war, der Zeit mit mir verbrachte. Als meine Ermittlungen in Sachen Vaccaro Fortschritte machten, fanden wir heraus, dass seine Freundin eben die Donna war, die ich vor Jahren kennengelernt hatte.
Deshalb war es für mich lebenswichtig, ihr aus dem Weg zu gehen. Sie hätte mich zweifellos sofort erkannt und zwei und zwei zusammengezählt. Ich will nicht behaupten, dass ich unvergesslich bin. Aber es gibt eben nicht viele Männer mit meiner Leibesfülle. Also sagte ich oft zu den Jungs: »Ist es nicht toll, dass wir ganz unter uns sind? Wer braucht schon Weiber und all ihre Probleme? So ist es doch einfacher!« Trotzdem wusste ich, dass Donna und ich einander irgendwann über den Weg laufen würden.
Eines Tages war es so weit. Robert erwähnte, seine Freundin versuche, Pelzmäntel zu verkaufen, und wolle sich deswegen mit mir treffen. Also saßen Greg, zwei andere Jungs und ich am nächsten Tag an unserem Tisch im La Villetta. Ich saß an meinem Stammplatz – gegenüber der Tür. Ein blauer BMW fuhr auf den Parkplatz, und Robert Vaccaro und Donna stiegen aus. Ich schluckte schwer. Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Was würde passieren?
Mein üblicher Plan – leugnen, dass ich der FBI-Agent Jack Garcia war – würde nicht funktionieren. Ich wusste, dass sie mich bloßstellen würde, sobald sie mich sah. Dann würde ich zur Tür hinausgehen, und der Fall wäre zu Ende. Ich kann gar nicht beschreiben, wie enttäuscht ich war und welche Angst ich hatte. Nicht um mein Leben. Ich wusste, sie würden einen FBI-Agenten nicht erschießen. So dumm war Greg nicht. Aber wir hatten so viel Arbeit in diesen Fall investiert, und die Chancen, die er uns bot, hatten exponentiell zugenommen, seit der Eigentümer von Naked Truth zu uns gekommen war. Im Laufe von Monaten wurde ich vom Opfer zum Bekannten und Verbündeten Greg DePalmas, eines der führenden Mitglieder des Gambino-Clans, und bald sollte ich Mitglied werden. Und nun sah es so aus, als würde alles zusammenbrechen, sobald Donna mich erblickte.
Es hätte Gigi der Wal oder Randy Pizzolo sein können. Aber es war Donna. Sie und Vaccaro kamen herein, und er stellte mich vor.
Sie erkannte mich nicht. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, wer ich war. Die Mahlzeit verlief sehr angenehm, alle amüsierten sich. Donna erkannte mich nicht.
Langsam dämmerte es mir. Sie ließ sich nur nichts anmerken, wollte vor all den anderen keine Szene machen. Selbstverständlich würde sie Vaccaro informieren, sobald die beiden das Restaurant verließen. Dann würde Robert es Greg sagen, und alles wäre vorbei.
Dankbar dafür, dass sie mich nicht vor all diesen Männern hatte auffliegen lassen, verließ ich das Lokal. Vielleicht war ich nicht so sicher, wie ich glaubte. Vielleicht hätte einer von ihnen mich niedergeschossen, wenn Donna mit dem Finger auf mich gezeigt hätte. Darum rief ich am selben Abend Greg an, nur um ihm auf den Zahn zu fühlen, nur um zu hören, was er zu sagen hatte.
Alles war wie immer.
Bald merkte ich, dass Donna wirklich nicht wusste, wer ich war. Wenn sie in einem Winkel ihres Gedächtnisses irgendwelche Erinnerungen an mich hatte, dann stiegen sie nicht an die Oberfläche. Ich betete darum, dass es so blieb, denn wir würden uns wahrscheinlich wieder begegnen. Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass Donna jedes Mal, wenn ich sie gesehen hatte, während Vaccaro im Knast saß, einen betrunkenen Eindruck gemacht hatte. Gott, ich danke dir für den Alkohol, dachte ich. Andernfalls wäre unser Fall im Eimer gewesen und ich vielleicht auch.
Oder hatte sie mich erkannt und glaubte, ich hätte etwas gegen sie in der Hand. Immerhin war ihr Freund anwesend, und sie hing oft in einer Bar herum. Bis heute kann ich nicht begreifen, dass sie mich nicht erkannte. Ich war ein nervöses Wrack und machte mir von da an ständig Sorgen. Früher oder später musste ihre Erinnerung doch einsetzen. Aber es geschah nie.
Ich überlebte den Schock, Donna getroffen zu haben, und meine Freundschaft zu Robert wurde sogar enger. Eines Tages wollte er ein paar Geschäfte mit mir machen. Zwei seiner Ideen waren überaus interessant. Zum einen wollte er in Florida eine Filiale des berühmten italienischen Restaurants Patsy eröffnen. Das ist ein Pizzalokal im alten Stil mit einem Holzkohleofen aus roten Backsteinen, der seiner Pizza einen überaus typischen – und köstlichen – Geschmack verleiht. Vaccaro kannte den Eigentümer, und der war mit einer Filiale in Florida einverstanden.
Beim bloßen Gedanken daran lief mir das Wasser im Mund zusammen. Wenn das klappte, konnten wir alle Verbrecher in ganz Südflorida schnappen. Wir würden alle Ganoven dort antreffen – es wäre ein enormer Erfolg geworden.
Das andere Projekt, an dem Robert mich offenbar beteiligen wollte, war Heroin. Jetzt, da wir uns besser kannten, vertraute er mir an, dass er in den 1970er-Jahren in New York in den Fall Pizza Connection verwickelt gewesen war. Das war ein umfangreicher Kriminalfall, bei dem es um den Import von Heroin und um Geldwäsche gegangen war. Seinen Namen erhielt der Fall, weil die Drogen aus Sizilien in Pizzerias verteilt worden waren.
»Damals habe ich eine Menge Geld verdient«, erzählte er mir.
»Bist du nach Sizilien geflogen?«, fragte ich.
Er nickte. »Zehn, 20 Mal.«
»Ich würde gerne in die alte Welt reisen«, sagte ich so sehnsüchtig, wie ich konnte. »Ich möchte Europa sehen. Bin nie dort gewesen.«
»Wenn du willst, dann fliegen wir«, erwiderte er.
Ich strahlte ihn an. »Kennst du noch Leute dort?«, fragte ich.
Wieder nickte er. »Eine Menge.«
Ich wollte nach Sizilien fliegen, damit Vaccaro mich seinen dortigen Verbindungsleuten vorstellte. Aber wir mussten die Sache sehr vorsichtig anpacken, weil Drogenhandel in der Mafia tabu war. Und da ich als Mitglied vorgeschlagen werden sollte, musste ich so tun, als würde ich Drogen meiden. Alles Blödsinn – aber so lief das Spiel.
Innerhalb von sechs Monaten betrachtete Robert mich nicht mehr als Fremdling und potenzielle Bedrohung, sondern als Geschäftspartner. Und das nur, weil wir über Sport redeten, Wetten abschlossen und zusammen abhingen.
Eines Tages im Oktober 2004 unterrichtete mich Greg darüber, dass er Robert zu seinem Acting Capo ernannt habe. Ich fragte ihn, was das bedeute, und tat so, als sei ich bestürzt, da ich ihm Informationen entlocken wollte. Jack Falcone gehörte nicht zu seinem Kulturkreis. Ich kannte zwar die kubanische Unterwelt, nicht aber meine angeblichen italienischen Wurzeln. Darum fragte ich: »Greg, was zum Teufel ist ein Acting Capo?« Wie immer machte es Greg großen Spaß, mich weiterzubilden. Er redete gern, und ich war der ideale Schüler – ich sog alles in mich auf, was er mir beibrachte. Natürlich klärte er nicht nur mich auf, sondern das ganze FBI.
Greg erklärte mir, dass die Mafia immer mehr »agierende« oder »geschäftsführende« Capos ernannte, weil so viele Mitglieder im Knast saßen. Der Acting Capo ist derjenige, der sich der Gefahr aussetzt, nicht der eigentliche Capo, Boss oder Stellvertreter. Wenn Greg ein Problem hatte, das ihm zu brenzlig war, oder wenn er einer bestimmten Person nicht begegnen wollte, schickte er Vaccaro als seinen Vertreter hin. Dieser musste sich dann den Wanzen und den Informanten stellen. Und wenn etwas Schlimmes geschah, lag der Agierende als Erster auf dem Hackblock des Schlächters. Mit anderen Worten: Er war das Opferlamm, der Mafioso, den die Bosse entbehrlich fanden.
Als wir zu Bloomingdale’s gingen, um Petey Chops zu stellen, begleitete uns Vaccaro in seiner neuen Rolle als Acting Capo. Davon habe ich im Prolog berichtet. Jetzt möchte ich schildern, was nach dieser Konfrontation geschah. Selbst Acting Capos wie Robert haben ihre Grenzen. Da Robert ein initiiertes Mitglied des Gambino-Clans zusammengeschlagen hatte, musste Arnold Squitieri, der Boss des Clans, sich mit der Sache befassen.
Dieses Ereignis hatte zwei Nachwirkungen. Erstens hatte Petey das Recht, sich beim Boss zu beschweren, weil er als Mitglied nicht geschlagen werden durfte. Zweitens glaube ich, dass DePalma und Vaccaro an mir zu zweifeln begannen. Ich hätte mich an der Schlägerei beteiligen sollen. Aber aus irgendeinem Grund kamen sie nicht darauf zurück, und Greg erwähnte auch nie, wie oft ich seine Befehle, jemanden zu verprügeln oder umzulegen, nicht befolgt hatte. Sie versuchten nie, mich umzubringen, und Greg wollte mich anscheinend immer noch zum Mitglied machen. Litt ich an Verfolgungswahn, oder lag es an meiner Ausbildung und an meiner Erfahrung, dass ich fürchtete, aufgeflogen zu sein? Wie dem auch sei, ich überlebte – und der Fall auch.
Am nächsten Tag traf ich Greg im Pflegeheim. Er erzählte mir, Vaccaro sei beim Boss, um den Fall zu besprechen.
»Jackieboy«, knurrte er, »du verstehst das nicht. Ein Mitglied darfst du nicht anfassen. Man könnte dich dafür umlegen. Es ist nicht erlaubt.«
»Greg, wird er heil aus dieser Sache rauskommen?«, fragte ich.
»Keine Ahnung«, räumte er ein. »Wenn Petey sich beim Boss beschwert, schickt der ihn zu mir, weil ich sein Capo bin. Ich weise die Beschwerde dann sofort ab. Darum glaube ich nicht, dass etwas schiefgeht.«
»Dieser Petey Chops ist ein verdammtes Arschloch«, sagte ich, und Greg nickte weise.
An diesem Tag geschah nichts. Petey Chops erschien nicht, um Bericht zu erstatten. Später erfuhren wir, dass er beim Arzt gewesen war, um sich verbinden zu lassen. Am folgenden Tag kam er in aller Frühe ins Pflegeheim, ganz unterwürfig. Er fragte Greg sogar, ob ich ebenfalls Mitglied sei. Und er begann tatsächlich mit seinen Zahlungen an Greg. Nun ja, er hatte keine andere Wahl. Er konnte nicht zur Polizei gehen und sagen: »Robert Vaccaro, Greg DePalma und ein hünenhafter Schläger, den ich nicht kenne, haben mich überfallen. Es ging darum, dass ich meine Vorgesetzten im Gambino-Clan nicht an meinen Profiten aus verbotenem Glücksspiel und Kreditwucher beteiligte.«
Bald waren Greg und Vaccaro unzertrennlich. Robert gab Nummern in seinen Piepser ein, um Greg mitzuteilen, wo er ihn treffen wollte. Eins war das Restaurant La Villetta. Zwei war Agostino an der Grenze zwischen Pelham und der Bronx. Drei war Savini, ein anderes Restaurant. Vier war das Pflegeheim. Und fünf war Bentley’s Diner. Mafiosi sind Gewohnheitstiere. Darin unterscheiden sie sich von den Kolumbianern, die bei Nacht und Nebel verschwinden, wenn sie eine bevorstehende Festnahme wittern. Drogenhändler wollen unbedingt anonym bleiben. Mafiosi sehnen sich dagegen nach dem Rampenlicht. Wir beim FBI wissen, wann sie aufstehen, wohin sie gehen und welche Freundinnen sie haben. Wenn wir einen von ihnen während einer Überwachung aus den Augen verlieren, finden wir ihn innerhalb von zehn Minuten wieder. Andererseits kennen die Ganoven die Agenten – wie im Fernsehen oder im Kino. Zwischen beiden besteht eine symbiotische Verbindung. Die Mafiosi hassen uns und wünschen uns einen schrecklichen Tod… aber wenn wir nicht da sind, vermissen sie uns.
Übrigens ist ein verdeckter Ermittler nur so gut wie seine Kollegen vom Überwachungsteam. Zum Glück hatten wir eine sehr gute Truppe. Viele FBI-Agenten glauben, sie könnten sich hinter abgedunkelten Autoscheiben verstecken, sodass niemand hineinschauen kann. Aber wenn ein Auto mit dunklen Scheiben vorbeifährt, ist das so, als würden Pfeile auf den Wagen zeigen und verkünden: »Hier kommt das FBI.« Sicher, die Leute können unser Gesicht nicht sehen, aber sie sehen eindeutig ein glänzendes, neues, viertüriges amerikanisches Auto mit getönten Scheiben!
Vaccaro war ein Meister der Spionageabwehr. Wenn er mit dem Auto fuhr, machte er plötzlich Kehrtwendungen und nutzte alle Arten von Fluchttechniken. Er spielte mit den Agenten, die ihm folgten, foppte sie; denn genau das machte ihm Spaß. Ich schulde ihm keinen Respekt, aber ich muss einräumen, dass er ein guter, unauffälliger Mafioso und ein loyaler Soldat war. Greg, Robert und ich waren ein eingespieltes Team.
Der schlimmste Augenblick für mich kam, als Greg mich anrief und sagte, er wolle mich sofort sehen. Ich eilte zu ihm, und Greg und Vaccaro stiegen in meinen H2 Hummer. Greg setzte sich auf den Rücksitz, Robert auf den Beifahrersitz.
»Unter uns befindet sich eine Ratte«, begann Greg und starrte mich zornig an.
Mein Magen verkrampfte sich. Ich zermarterte mir das Hirn und versuchte herauszufinden, wer mich als FBI-Agent enttarnt haben mochte. Vielleicht Donna oder Gigi oder Randy Pizzolo. Oder jemand, von dem ich noch nie gehört hatte? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Unter uns?«, fragte ich nach einer Weile. Ich wollte Zeit gewinnen und über meine Möglichkeiten nachdenken.
Greg nickte langsam. Nie zuvor hatte ich ihn so wütend gesehen. Ich hätte mich umdrehen und Vaccaro ins Gesicht schlagen können; dann hätte ich Greg wegstoßen und aus dem Auto springen können. Aber sie hätten mich erschossen, bevor ich dazu gekommen wäre. »Wer ist es? Einer in unserer Crew?«, fragte ich.
»Nein, er ist einer von uns«, antwortete Greg.
Das bedeutete, es war kein Verbündeter wie ich, sondern ein initiiertes Mitglied.
Die Erleichterung, die ich spürte, war greifbar. Ich war nicht gemeint.
»Es ist der Boss der Bonannos«, sagte Greg verächtlich. Die Bonannos sind ein konkurrierender Clan in New York. »Joe Massino. Er ist eine verdammte Ratte. Eine ganze Truppe von Bullen bewacht ihn jetzt. Darum wird derzeit niemand mehr aufgenommen. Die Regeln wurden geändert. Aber du wirst der Nächste sein.«
Er bildete mich aus und hatte schon einige Male angedeutet, dass er mich aufnehmen wolle. Aber diesmal sagte er, ich stünde auf der Liste der Anwärter. Das ist der nächste Schritt: eine Liste, die unter den Clanmitgliedern und den anderen Clans zirkuliert, um herauszufinden, ob jemand am Anwärter etwas auszusetzen hat. Es ist meist der letzte Schritt vor der Aufnahme.
»Greg, das wäre mir eine Ehre«, sagte ich. Das versicherte ich ihm immer, wenn er dieses Thema erwähnte.
»Willst du es wirklich?«, fragte er dann, um mich zu prüfen.
»Selbstverständlich!«
Vaccaro sagte nichts – wenn der Capo zuständig ist, hat der Soldat zu schweigen.
Ich nickte, hielt den Mund und fuhr weiter. Über diese Unterhaltung musste ich gründlich nachdenken. Offenbar war Greg mit mir als Lehrling so zufrieden, dass er mich zu einem initiierten Mitglied der Mafia machen wollte. Allmählich ebbte mein Gefühlsschwall ab, den seine Enthüllung ausgelöst hatte … und die Erkenntnis, dass er mit der »Ratte« nicht mich gemeint hatte.
Zuerst glaubte ich, in großer Gefahr zu sein, dann war ich unend-lich erleichtert, und schließlich musste ich die Nachricht verdauen, dass Greg mich zur Aufnahme in den Gambino-Clan vorschlagen wollte. Und das alles innerhalb weniger Sekunden! Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Darum schwieg ich. Das ist immer die beste Taktik.
Natürlich informierte ich Nat und Chris und sagte: »Jungs, wir müssen die Zeremonie aufzeichnen!«
Sie stimmten beide zu, aber wir fürchteten, dass man mich vor der Zeremonie filzen würde oder dass ich mich nackt ausziehen musste. Letzteres war, wie ich von Greg erfahren hatte, bei einigen Clans üblich.
Doch als der beispiellose Moment – ein FBI-Agent sollte initiiertes Mitglied des Mobs werden – näher rückte, gab es eine noch größere Überraschung. Vielleicht hatten unsere Vorgesetzten Angst, oder sie waren der Meinung, dass sie bereits genügend Fälle gelöst hatten, um ihre eigene Karriere zu fördern. Jedenfalls wollten sie den ganzen Fall abschließen.
Zwischenspiel 4
Der Fall des neugierigen Taxifahrers
Er hatte eine dunkle Haut, war durchschnittlich groß und schwer und sprach mit deutlichem Akzent. Er ging in einen Computerladen in Queens und erklärte, sein Rechner sei zu langsam.
»Kein Problem«, versprach ihm der Eigentümer des Geschäfts. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«
Der Mann nickte. Er hatte etwas Seltsames an sich – obwohl es heiß war, trug er einen Mantel und nahm fast nie die Hände aus den Taschen. Er hatte keinen Humor, und seine Augen blickten starr. Ein Typ, der Angst einflößte.
»Da ist noch etwas«, sagte der Fremde. »Ich suche eine Website, die ›Leitfaden für Anarchisten‹ heißt, aber ich finde sie nicht im Internet. Vielleicht können Sie mir helfen.«
Im Kopf des Kaufmanns schrillten die Alarmglocken. »Worum geht es auf dieser Website?«, fragte er.
»Man kann dort lernen, wie man Bomben baut«, erwiderte der Mann mit einer gruseligen, flachen Stimme, die dem Ladenbesitzer verriet, dass er es ernst meinte.
»Bomben? Warum wollen Sie Bomben bauen? Was sind Sie von Beruf?«
»Ich bin Taxifahrer in der Stadt.«
Also nahm der Ladenbesitzer den Computer des Mannes entgegen und versprach, ihn schneller zu machen. Er schaute zu, wie der Mann mit seinem Taxi wegfuhr; dann rief er das FBI an. Zufällig war das Geschäft nur eine Nebentätigkeit des Kaufmanns. Im Hauptberuf arbeitete er für die Strafvollzugsbehörde in New York.
Damals arbeitete ich an einer ganzen Reihe von Fällen: DePalma und Mafia, Korruption bei der Polizei in Miami, Royal Charm, asiatische Fälscher, Banknoten- und Waffenschmuggler sowie korrupte Politiker in Atlantic City.
Mein Freund Tom Donlon, damals ASAC (Assistant Special Agent in Charge, also stellvertretender Leiter) des Dezernats für Terrorismusabwehr und Mitglied der Joint Terrorist Task Force, sowie Special Agent Todd Renner, mein Case Agent, fragten mich:
»Hast du eine Minute Zeit?«
Ich wusste, was das bedeutete.
»Wir sind hinter einem Verrückten her, der in einen Computerladen ging, den Mantel nicht auszog und eine Website über Bombenbau suchte. Wir finden, du solltest mal mit ihm reden.«
»Das finde ich auch«, sagte ich. Am nächsten Tag fuhr ich zu diesem Tante-Emma-Computerladen in Queens. Mir war klar, dass ich voll einsteigen musste, wenn der Fall ernst war. Deshalb musste ich die Wahrheit gegenüber meinen Vorgesetzten ein wenig zurechtbiegen – ich würde behaupten, es seien nur ein paar Gastauftritte notwendig, damit sie nicht auf die Idee kamen, ich sei nicht ausgelastet. Manchmal war ich von acht Uhr bis Mittag im Büro, nur damit man mich sah; dann ging ich nach Hause, machte ein Nickerchen, zog mich um und ging zur Arbeit. Das geschah oft, und es zermürbte mich. Aber ich arbeitete so gerne undercover, dass ich den Stress in Kauf nahm.
Der Eingang des Computerladens war so klein, dass ich mich gebückt hindurchzwängen musste. Ich war da, als der Taxifahrer kam, um seinen Computer abzuholen.
Kaum hatte ich ihn gesehen dachte ich: Verdammt, das ist heiß!
Ich bin bestimmt kein Rassist. Aber mir war sofort klar, dass der Mann aus Afghanistan oder Pakistan stammte. Was wusste ich von der Materie? Ich war nur ein Mafioso aus der Bronx. Ich spielte einen Kriminellen, der über alles Bescheid weiß. Also sprach ich den Typen an und bemühte mich, wie ein Ganove aus der Umgebung zu klingen. Kein zu hohes Tier bei der Mafia.
»Das ist mein Revier«, erklärte ich ihm mit meinem besten Brooklyn-Akzent. »Du brauchst ’ne Bombe? Ich rate dir, hier in der Gegend keine Bombe hochgehen zu lassen. Wie ich höre, suchst du ein Handbuch für Anarchisten.«
»Ich möchte Sprengstoff herstellen«, gab er zu.
»Wofür?«, fragte ich. »Was soll das? Hast du ’nen Knall?«
»Ich will etwas in die Luft sprengen, was groß wie ein Berg ist«, erklärte er. Noch mehr Alarmklingeln schrillten. Das war im Jahr 2003, weniger als 18 Monate nach dem 11. September.
»Du vergeudest deine Zeit mit diesem Anarchistenquatsch«, sagte ich. »Du brauchst ein Diplom vom MIT, um diese Website zu kapieren. Hör zu, ich kann dir Sprengstoff von einer Baustelle besorgen.«
»Wirklich?«, fragte er fasziniert.
»Klar«, sagte ich. »He, dieses Handbuch für Anarchisten ist was für Anfänger. Gib mir deine Nummer, und ich ruf dich zurück.«
Er gab sie mir.
Eine Woche später rief ich ihn an und verabredete mich mit ihm am Computerladen. Während wir uns unterhielten, schlenderten wir zu McDonald’s, wo ein Überwachungsteam wartete, um ihn zu fotografieren. Ich versprach ihm, alles zu besorgen, was er neben dem Sprengstoff noch brauchte. »Was willst du haben?«
Er wollte eine Menge – Nachtsichtferngläser, fünf schusssichere Westen, eine Kamera, die man am Armaturenbrett eines Autos befestigen konnte, und obendrein einige Schlaftabletten. Er hatte Schlafstörungen und brauchte die Tabletten, um sich zu entspannen.
Tja, dieser Kerl sah voll und ganz wie ein Selbstmordattentäter aus. Wir beschatteten ihn Tag und Nacht. Das Team beobachtete ihn, wie er trotz brütender Hitze im Mantel in die U-Bahn stieg. Es war einfach beängstigend. Wir folgten ihm durch New York und behielten ihn auch im Auge, als er mit seinem Taxi herumfuhr. Wir wollten wissen, wen er sonst noch traf. Doch obwohl wir uns die größte Mühe gaben, entwischte er uns.
Zu unserer Überraschung tauchte er eine Woche später in Miami wieder auf. Er war nach einer Schiffsrundfahrt für Touristen durch den Hafen festgenommen worden. Er hatte den Schiffsführer gefragt, wie nahe er an eine Brücke oder an ein Kreuzfahrtschiff heranfahren durfte, und er fotografierte Gebäude, die nichts mit den Sehenswürdigkeiten zu tun hatten, für die sich Touristen interessieren – zum Beispiel das Haus des NBA-Basketballers Shaquille O’Neal.
Deshalb hatte der Schiffsführer Angst bekommen und die Küstenwache alarmiert. Diese rief das FBI, das den Mann festnahm. Sie nahmen ihm den Film ab und ließen ihn dann frei. Wie sich herausstellte, war er legal im Land, und es ist nicht verboten, mit einer Videokamera Brücken in Großstädten zu filmen.
Nun, er kehrte nach New York zurück, und wir wussten jetzt eine Menge über ihn. Sein Name war Sayed Abdul Malike, er war 43 Jahre alt und in seiner Nachbarschaft in Queens dafür bekannt, dass ihn sehr viele Frauen in seinem Apartment besuchten. Die Nachbarn hielten ihn nur für einen komischen Kauz. Ein 16-Jähriger fragte ihn einmal, ob er ein Terrorist sei. Sayed schaute ihm starr in die Augen und sagte: »Ja.«
»Du bist Saddam Hussein!«, rief der Junge. Daraufhin rastete Sayed aus.
»ICH BIN NICHT SADDAM HUSSEIN!«, schrie er. »Sag das nie wieder! Dein Tag wird bald kommen!«
Bald danach traf ich mich erneut mit Sayed am Computerladen, und wir gingen wieder zu McDonald’s. Ich sagte ihm, ich hätte Sprengstoff im Wert von 10000 Dollar von einer Baustelle.
»Ich kann ihn nicht nehmen«, erklärte Sayed. »Ich kann ihn nicht in meinem Haus aufbewahren.«
Ich war verärgert. »Also, was soll ich damit machen?«, fragte ich.
Aber er weigerte sich, den Sprengstoff zu kaufen. Wir wollten, dass er ihn kaufte, damit wir ihn festnehmen konnten. Es ist selbstverständlich illegal, Sprengstoff zu kaufen, es sei denn, man besitzt eine gültige Lizenz und einen guten Grund. Aber es klappte nicht. Wir gaben auf, und ich ging.
Dann meldete er sich wieder und fragte mich, ob er schusssichere Westen, eine Kamera fürs Auto sowie Valium und Schlaftabletten bekommen könne. Den Kameratyp, den er haben wollte, benutzt auch die Polizei – sie befestigt die Kamera am Armaturenbrett und filmt alles, was auf der Straße geschieht. Als wir das Gewünschte zusammenstellten – Westen, Sprengstoff, Kamera, Nachtsichtferngläser –, deutete alles in eine Richtung: Er plante ein Attentat bei Nacht, er wollte etwas in die Luft sprengen, er arbeitete mit einer Gruppe zusammen, und er wollte das Ganze mit seiner Kamera aufzeichnen, weil irgendeine Organisation das Video für Propagandazwecke brauchte. Nun, dieser Kerl flößte uns zu viel Angst ein. Wir mussten ihn aus dem Verkehr ziehen.
Da er immer noch an Schlafstörungen litt, versprach ich ihm alle Medikamente, die er benötigte. Das gefiel ihm, und wir schlossen den Handel ab.
Er kam zum vereinbarten Treffpunkt. Da die Tabletten rezeptpflichtig sind, kann man sie nicht einfach auf der Straße kaufen. Nachdem ich ihm alles ausgehändigt hatte, fuhr ich mir mit der Hand durchs Haar. Dies war für meine Kollegen das Signal, uns beide festzunehmen. Genau das taten sie. Wir hatten einen sehr hübschen Grund gefunden, diesen Burschen von der Straße zu holen und ins Gefängnis zu bringen. Und es funktionierte.
Sie nahmen auch mich fest, damit er mich nicht mit der Justiz in Verbindung brachte. Er glaubte, ich sei ein Ganove, der Sachen besorgen kann. Wenn er mit seinen Freunden sprach, würde er sie also nicht auffordern, nach einem eins 93 großen und 170 Kilo schweren FBI-Agenten Ausschau zu halten. Übrigens macht es mir nichts aus, verhaftet zu werden. Ich möchte, dass der Ganove denkt: »Wer ist der Kerl, den sie mit mir eingesperrt haben?«
Außerdem ist dies eine sehr gute Methode, um die Glaubwürdigkeit eines Verdächtigen zu überprüfen. Der Ganove sieht, dass ich mit ihm festgenommen werde, und hält mich daher auch für einen Ganoven. Und wenn die Agenten ihn verhören, fragen sie: »Was wissen Sie über den Mann, der zusammen mit Ihnen verhaftet wurde?«
Wenn er dann antwortet: »Ich kenne ihn seit ein paar Monaten und habe ihn sechs oder sieben Mal getroffen«, wissen wir, dass er die Wahrheit sagt. Sagt er hingegen: »Den habe ich noch nie gesehen«, wissen wir, dass er lügt. Wer die Wahrheit über mich sagt, lässt sich wahrscheinlich umdrehen und kann uns helfen, höherrangige Kriminelle zu schnappen.
Als Sayed nach seiner Festnahme vernommen wurde, leugnete er, mich zu kennen. Er leugnete alles – er sei nie in Florida gewesen, habe mich nie gesehen, habe nie nach einem Leitfaden für Anarchisten gesucht. Deshalb wurde er auch wegen Falschaussage gegenüber FBI-Agenten angeklagt. Wir durchsuchten seine Wohnung und fanden Reiseschecks im Wert von 14000 Dollar und Bankkonten mit einem Guthaben von 41000 Dollar. Obendrein entdeckten wir eine Liste der Nummernschilder von allen unseren Überwachungsautos – er hatte jeden einzelnen Beamten durchschaut.
Seine Nachbarn sagten alle das Gleiche: Sein Haar sei immer unordentlich gewesen und er habe immer seinen Mantel getragen, bei jedem Wetter. Ich versuchte oft, ihn zum Ablegen seines Mantels zu bewegen. Manchmal drehte ich sogar die Heizung im Computerladen voll auf, nur um zu sehen, was er unter dem Mantel verbarg. Aber er zog ihn nie aus.
Ich frage mich nur, was dieser Typ und seine Freunde wohl in die Luft gesprengt hätten, wenn er nicht zufällig in ein Computergeschäft gegangen wäre, das einem Beamten der Strafvollzugsbehörde gehörte. Von allen Kriminellen, die ich je geschnappt habe, jagte mir dieser am meisten Angst ein. Er hatte einen finsteren Plan hier in New York, und ich frage mich heute noch, welchen Terroranschlag wir möglicherweise verhindert haben.
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