Das Gesetz des Handelns
Die Kunst, mitten im Leben zu stehen

Gleichgültig, was wir fühlen oder
wissen,
welche Gaben oder Talente wir in uns tragen
–
nur durch Handeln erwecken wir sie zum
Leben.
Viele Menschen verstehen abstrakte Begriffe
wie
Engagement, Mut und Liebe,
doch wir kennen nur das wirklich,
was wir tun können.
Tun führt zum Verstehen,
und durch Handeln verwandelt sich Wissen in
Weisheit.
Du kannst keinen Ozean
überqueren,
indem du einfach nur aufs Wasser
starrst.
Rabindranath Tagore

Wir verließen das Tal wieder, kletterten eine steile kleine Anhöhe empor und standen schließlich auf der Kuppe eines Hügels, direkt über der Hütte der weisen Frau. Mein Magen knurrte. Außer einer Handvoll Beeren hatte ich seit fast zwei Tagen nichts mehr gegessen. Ausgerechnet in diesem Moment verkündete die weise Frau: «Es wird Zeit, daß wir uns stärken.»
«Komisch», wunderte ich mich. «Daran habe ich gerade gedacht...»
«Ich weiß, ich habe deinen Magen knurren gehört.» Lächelnd führte sie mich in einen von ihr angelegten Garten. Durch den Garten floß ein Bach, mit dem sie die Kräuter, Früchte und Gemüsebeete bewässerte. «Pflück dir, was du haben möchtest.»
Wir kochten einen Eintopf aus Kürbis und Kartoffeln, gewürzt mit Petersilie und noch ein paar anderen Kräutern, die ich nicht kannte. Dazu gab es einen frischen Salat. Als wir uns zum Essen hinsetzten, erzählte die weise Frau mir vom Gesetz des Handelns. «Gute Vorsätze kann man nicht essen», begann sie. «Um diese Mahlzeit zuzubereiten, mußte ich erst einmal das Land roden, den Boden umgraben und Samen in die Erde legen. Dann erst konnte ich die Früchte meiner Arbeit ernten. In dieser Welt zu leben erfordert mehr als nur Träume und gute Absichten; man muß handeln.»
Während des Essens erzählte sie mir von einer Begebenheit, die sie wahrscheinlich in einer ihrer früheren Existenzen hatte. «Der Unterschied zwischen Idee und Aktion war mir nicht immer so klar wie heute», berichtete sie. «Als junge Gelehrte in Indien habe ich einmal etwas sehr Wichtiges gelernt. Ich stammte aus einer privilegierten Familie und brachte den größten Teil meiner Zeit mit Lesen zu. Als ich einmal während einer Reise einen breiten Fluß überquerte, beschrieb ich dem Fährmann, wie ich mir mein vieles Wissen erworben hatte. Der Fährmann hörte aufmerksam zu. Nach einer Weile fragte er mich, ob ich schwimmen könne. ‹Nein›, antwortete ich. ‹Dann ist, fürchte ich, dein ganzes Wissen umsonst›, erwiderte der Fährmann. ‹Unser Boot sinkt nämlich.›»
Ich begriff, was sie mir damit sagen wollte, und wir lachten beide.
«Und was passierte dann?» fragte ich sie.
«Ich bin ertrunken», antwortete sie. «Diese Lektion werde ich nie wieder vergessen. Wir leben in einer Welt der Energie und Aktion. Es spielt keine Rolle, was du alles weißt oder wer du bist, wie viele Bücher du gelesen hast und was für Talente du besitzt. Letztlich kannst du nur durch Handeln diese inneren Möglichkeiten zum Leben erwecken. Es gibt unzählige Ideen und beeindruckende Philosophien, doch Worte sind billig, so gewählt sie auch klingen mögen. Es ist einfach, von Engagement, Mut und Liebe zu sprechen, aber verstehen wird man das alles erst, wenn man entsprechend handelt. Die Weisheit erwächst aus der Praxis.»
Ich folgte ihr ans hintere Ende des Gartens. Wir erkletterten ein paar Felsblöcke, von denen aus wir den riesigen Wald unter uns überblicken konnten.
«Vielen Menschen würde so ein Ausblick gefallen», sagte die weise Frau. «Vielleicht würden sie auch gern auf diese Felsen klettern und das befriedigende Gefühl haben, hier oben zu stehen. Aber sie sind nicht bis zum Gipfel gekommen und können deshalb die Aussicht nicht genießen. Wir dagegen haben es geschafft, nicht weil wir stärker oder intelligenter sind oder diesen Ausblick eher verdient haben als die anderen, sondern weil wir hinaufgestiegen sind. Nur wer den Aufstieg nicht scheut, kann die Freude genießen, auf dem Gipfel zu stehen.»
Als wir wieder zu unserem Mahl zurückkehrten, fuhr die weise Frau fort: «Handeln war in dieser Welt noch nie einfach. Überall lauern die Mächte des Zweifels und der Trägheit, selbst in unserem eigenen Geist und unserem eigenen Körper. Ideen in die Tat umzusetzen, erfordert Energie, Opfer und Mut, denn Handeln bedeutet, Risiken einzugehen. Kein guter Grund darf dazu verleiten, uns im Sessel der guten Vorsätze zurückzulehnen und das Handeln auf später zu verschieben oder jemand anderem zu überlassen. Das Gesetz des Handelns hat immer wieder die gleiche Botschaft für uns: Es ist besser, das Beste zu tun, als es nicht zu tun und eine gute Ausrede dafür zu haben.»
«Manchmal habe ich das Gefühl, daß schon das Aufstehen am Morgen Mut erfordert. Also leben eigentlich alle Menschen nach dem Gesetz des Handelns.»
«Alle Lebewesen handeln, aber die meisten Menschen reagieren nur, und auch das erst dann, wenn es unausweichlich wird. Schmerz oder Angst, Verlust des Beziehungspartners, Krankheit oder Streß zwingen sie dann dazu. Das Gesetz des Handelns lehrt uns, sowohl unsere Trägheit als auch unsere Ungeduld zu überwinden und aus Mut, klarer Absicht und Engagement heraus zu handeln.»
«Und wie überwindet man seine Trägheit?»
«Indem man drei grundlegenden Realitäten ins Auge sieht», antwortete sie. «Zunächst einmal müssen wir unsere Menschlichkeit und unser physisches Dasein in dieser Welt akzeptieren; zweitens müssen wir uns darüber klar werden, daß niemand uns unser Leben abnimmt und daß wir nur durch eigene Bemühungen stärker werden; und drittens müssen wir in Kauf nehmen, daß unser Handeln uns auch Unannehmlichkeiten einbringen kann. Wir müssen trotzdem wirken!
Wir dürfen nicht warten, bis wir uns ganz sicher fühlen und die Inspiration oder Motivation zum Handeln in uns spüren. Wir dürfen auch nicht mehr darauf warten, daß unsere Ängste und Zweifel zufällig gerade einmal wegschauen und daß uns jemand die Erlaubnis zum Handeln erteilt. Unsere Zeit wird allmählich knapp. Deshalb bin ich in dieser Zeit und an diesem Ort wieder auf die Erde gekommen; deshalb spreche ich jetzt mit dir. Es wird Zeit, daß wir unsere höchsten Ideale in die Tat umsetzen, trotz aller Ängste, Zweifel und Ungewißheiten. Nur im Angesicht der Angst können wir Mut zeigen. Und wir brauchen jeden Tag neuen Mut, denn wir werden täglich mit Ängsten konfrontiert. Es sind nicht unbedingt dramatische Situationen, die uns fordern; wir müssen nicht immer gleich einen Bankräuber überwältigen oder einen Menschen vor dem Ertrinken retten. Unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen, eine alte Angewohnheit zu überwinden oder sich einfach einmal anders zu verhalten als bisher, schon das erfordert Mut.»
Wir standen auf und begannen die Überbleibsel unserer Mahlzeit wegzuräumen. «Ich streue die Reste gern für die Tiere aus, aber nicht zu nah bei der Hütte.» Sie führte mich durch eine Baumgruppe an den Rand eines Abhangs, der fast so steil war wie eine Felswand.
Die weise Frau stand am Rande des Abgrunds und begann ein paar Reste für die Rehe hinunterzuwerfen, die tief unter uns grasten. Da gab plötzlich der Boden unter ihr nach; die heftigen Regenfälle der vergangenen Tage hatten ihn aufgeweicht. Vor meinen entsetzten Augen verschwand sie in der Tiefe. Mit einem Satz war ich vorn und sah sie die Böschung hinunterrollen. Ohne zu überlegen, sprang ich ihr nach und versuchte das Gleichgewicht zu halten. Jetzt rutschten wir beide auf einen senkrechten Abhang zu.
Die Frau war wohl noch bei Bewußtsein, denn sie griff nach Baumwurzeln, um ihren Fall zu verlangsamen. Das Ganze lief wie im Zeitlupentempo vor meinen Augen ab, und ich sah jedes Detail gestochen scharf vor mir. Ich holte mir blaue Flecken und Kratzer, aber ich spürte keinen Schmerz.
Ich wollte ihr helfen, wenn es irgendwie möglich war, aber dazu mußte ich erst einmal mir selbst helfen. Wie sie begann auch ich nach Wurzeln und Grasbüscheln zu greifen. Ich hatte Glück: Als ich an ihr vorbeistürzte, konnten wir uns an den Händen fassen. In diesem Augenblick muß mir ein herabfallender Stein auf den Kopf gefallen sein, denn an das, was danach passierte, kann ich mich nicht mehr erinnern.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Ufer eines Teichs. Mein Kopf war blutverschmiert. Ich schlug die Augen auf und sah die weise Frau. Ihr Gesicht war schmutzig, aber sie lächelte, als sie meinen Kopf mit einem nassen Tuch abwusch. «Die Blutung hat aufgehört», sagte sie. «Du bist wohl noch einmal mit dem Leben davongekommen.»
«Du auch», meinte ich mit einem mühsamen Lächeln.
Später, als wir wieder in ihrer Hütte saßen und uns in der abendlichen Kälte eng aneinanderdrängten, dachte ich über unser Erlebnis nach. Jetzt erst überkam mich die Angst: «Das hätte uns das Leben kosten können! Mich jedenfalls. Ob du auch in Lebensgefahr warst, weiß ich nicht.»
«Es wäre ein bißchen klüger und auf jeden Fall wesentlich sicherer gewesen, wenn du oben auf dem Hügel geblieben wärst», antwortete sie. «Aber es war mutig von dir, mir nachzuspringen. »
«Das war kein Mut; ich habe überhaupt nicht nachgedacht. Ich habe dich nur fallen sehen und bin einfach hinterhergesprungen.»
«Trotzdem war das eine perfekte Demonstration des Gesetzes vom Handeln.»
«Falls du noch mehr solche Demonstrationen brauchst: In Zukunft würde ich lieber wieder mit Steinen nach Bäumen werfen. »
Sie lächelte. «So etwas passiert eben manchmal.»
«Das scheint nicht gerade dein bestes Jahr zu sein. Du stürzt wohl öfter Abhänge hinunter», sagte ich in Anspielung auf ihren kürzlichen Sturz von dem Hügel, von dem sie mir erzählt hatte.
«Hältst du das für einen Wink des Schicksals, daß ich mehr in der Nähe des Meeresspiegels leben sollte?» spottete sie. Dann setzte sie in ernsterem Ton hinzu: «Es hätte aber auch anders kommen können. Du hättest dir tatsächlich das Genick brechen können. Dein Impuls, mir zu helfen, war löblich, aber gleichzeitig auch kurzsichtig.»
«Was?»
«Du bist von der Voraussetzung ausgegangen, daß ich mir nicht selber helfen könnte.»
«Na ja, du hast tatsächlich so ausgesehen, als könntest du ein bißchen Hilfe gebrauchen.»
«Konnte ich auch. Trotzdem darfst du nicht vergessen, daß jedes Gesetz den Keim seines Gegenteils in sich trägt. Manchmal drängt unser Mitgefühl uns zum Handeln. Aber das Gesetz lehrt uns auch, daß es hin und wieder klüger ist, passiv zu bleiben: die Aktion des Nichthandelns.»
«So wie beim Meditieren», warf ich ein.
«Ja. Alles hat seine Zeit, das Handeln und die Tatenlosigkeit. Manchmal ist es am mutigsten, geduldigsten und weisesten, nichts zu tun, selbst wenn deine Wünsche oder Impulse dich unwiderstehlich zum Handeln drängen.»
«Und woher soll ich wissen, wann ich handeln soll und wann nicht?»
«Menschen, die zu Angst oder Trägheit neigen, müssen sich auf den Willen zum tapferen, entschlossenen Handeln konzentrieren. Impulsive und spontane Menschen sollten lieber erst in Ruhe Luft holen und ihre Impulse einfach beobachten, ohne sofort danach zu handeln. Gleichgültig, zu welchem Typ du gehörst: Höre auf die Weisheit deines Herzens, dann wirst du wissen, wann du passiv bleiben und wann du aktiv werden sollst.»
Nach diesen Worten saßen wir in der Stille des Abends beisammen und blickten in die Flammen. Die Wärme des Feuers linderte die Schmerzen und Schrecken des überstandenen Abenteuers. Allmählich wurde es dunkel, und die Erschöpfung machte mich schläfrig. Ich legte mich auf die Seite, warf noch einen letzten Blick in die Flammen und hörte die weise Frau sagen: «Feuer verwandelt Materie in Energie und erinnert uns daran, daß alle Dinge sich verändern und schließlich vergehen. Am Ende werden wir alle vom flammenlosen Feuer des Lebens verzehrt. Also sei tapfer, lieber Wanderer, solange du noch Zeit dazu hast – solange du noch einen Körper hast.» Dann verstummte sie.