Das Gesetz der Gegenwart
Wie man im jetzigen Augenblick lebt

Die Zeit ist ein Widerspruch in
sich.
Sie erstreckt sich zwischen
einer «Vergangenheit» und einer
«Zukunft»,
die nur in unseren Köpfen
existieren.
Der Begriff der Zeit
ist nur eine Konvention unseres Denkens und unserer
Sprache,
eine Übereinkunft unserer
Gesellschaft.
Die tiefere Wahrheit lautet:
Wir haben nur diesen einen Augenblick.
Nur wer von Augenblick zu
Augenblick lebt,
kann ein ganzes Leben lang glücklich
sein.
Margaret Bonnano

Der Abstieg ging schneller vonstatten als der Aufstieg, aber das fiel mir kaum auf, so sehr war ich in Gedanken versunken. Wohin gehen wir jetzt? Was haben wir als nächstes vor? Werde ich mir alles merken können, was die Frau gesagt hat? Wann komme ich nach Hause? Ob ich sie morgen wohl wiedersehen werde?
Als habe sie meine Gedanken erraten, sagte die weise Frau: «Dich scheinen viele Fragen zu beschäftigen. Also ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt gekommen, dir das Gesetz der Gegenwart zu erklären. Ja», wiederholte sie nachdenklich, «jetzt ist immer der richtige Zeitpunkt.» Die weise Frau deutete auf die Hügel, die unter uns lagen. «Siehst du, wie die Sonne die Narzissen dort bescheint, die einen so schönen Kontrast zu dem smaragdgrünen Gras bilden? Für mich sind diese Blumen genauso prächtig wie die Kunstwerke in allen Museen dieser Welt.» Schweigend wanderten wir weiter. Allmählich wurde es dunkel, und die Farben um uns herum verblaßten.
Etwas später umrundeten wir ein paar Felsblöcke, die mir bekannt vorkamen, und die Hütte der Frau tauchte wieder vor uns auf. Sie öffnete die strohverkleidete Tür. Wie beim erstenmal forderte sie mich auf einzutreten. Bald knisterte ein Feuer im Kamin. Dann erhob sie sich und bat mich, sie einen Augenblick zu entschuldigen. Ich vermutete, daß sie sich erleichtern wollte, wie ich es vorhin auch getan hatte.
Doch es verging Minute um Minute, und sie kam nicht wieder. Ich begann nervös zu werden und mich zu fragen, wann sie wohl zurückkehren würde und wie ich im Dunkeln den Weg nach Hause finden sollte, falls das heute abend überhaupt noch möglich war. Wahrscheinlich konnte ich im Freien schlafen; draußen war es zwar kühl, aber nicht kalt, und meine Familie wollte erst am Montag nachmittag zurückkommen; also hatte ich noch zwei Tage Zeit.
Was als nächstes geschah, war so eigenartig, daß ich meinen Augen nicht traute. Statt der weisen Frau kam eine große Katze in die Hütte geschlendert. Bedächtig bewegte sie sich vorwärts, so als wisse sie genau, wo sie hinwollte. Sie hatte ein dunkles, glänzendes Fell und ähnelte halb einer Siamkatze und halb — na ja, halb der weisen Frau. Denn ehe ich wußte, wie mir geschah, begann sie zu mir zu sprechen, und zwar nicht mit dem Mund, sondern mit ihren Gedanken. Ihre Stimme klang genauso wie die der weisen Frau, nur leiser. Sie saß stolz aufgerichtet nach Katzenart da, schaute mir direkt in die Augen und kam sofort zum Thema. «Hast du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, was für eine paradoxe Sache die Zeit ist?» fragte sie mich und begann sich anmutig die Schulter zu lecken.
Mir kam das alles sehr seltsam vor. «Eigentlich nicht», antwortete ich laut. «Jedenfalls nicht seit dem letzten Zeitreiseroman, den ich gelesen habe.»
Wieder erklang ihre Stimme in meinem Ohr oder eher in meinen Gedanken: «Die Zeit erstreckt sich zwischen einer Vergangenheit und einer Zukunft, die keine objektive Realität besitzen. Sie ist nur eine Konvention unseres Denkens und unserer Sprache, eine Übereinkunft unserer Gesellschaft.»
«Mit anderen Worten: Die Zeit existiert nur, weil wir behaupten, daß sie das tut?»
«Genau», flüsterte sie. «Deine Lebenszeit ist wie ein Film, der aus lauter verschiedenen Einzelbildern besteht, die an einem Projektionsobjektiv vorbeiziehen. Jedes Einzelbild zeigt einen Ort, an dem du in einem gegenwärtigen Augenblick deines Lebens existierst, aber die Bilder scheinen sich zu bewegen. Du kannst dich in Gedanken in die sogenannte Vergangenheit oder Zukunft hineinversetzen, aber leben kannst du nur in der Gegenwart. Meine Artgenossen und ich sind Meister in dieser Kunst.» Nach diesen Worten räkelte sie sich, legte sich graziös auf dem Boden nieder und beschäftigte sich mit der Pflege ihres Fells.
Ich dachte über ihre Worte nach. Schon immer hatte ich eine Vorliebe für Katzen gehabt, trotz der unnahbaren Überlegenheit, die sie zur Schau trugen. Und wenn es auch verrückt sein mochte, das Gesetz der Gegenwart ausgerechnet von einer Katze zu lernen, so kam es mir doch andererseits sehr passend vor. Katzen scheinen sich nicht sonderlich um Vergangenheit oder Zukunft zu kümmern. Wie die weisesten aller Menschen leben sie jeden Augenblick so, als sei er etwas völlig Neues.
Die Katze blickte mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu mir empor. «Meine Artgenossen und ich sind so eindrucksvolle Persönlichkeiten, weil wir immer voll und ganz präsent sind: Jetzt und hier. Kannst du das gleiche von dir behaupten?»
«Von mir? Eigentlich schon. Ich — manchmal habe ich schon das Gefühl, jetzt in diesem Augenblick dazusein. Das heißt...», stammelte ich. Aber die Katze hatte sich unterdessen wichtigeren Dingen zugewandt. Im Augenblick beobachtete sie einen Nachtfalter, der im Feuerschein umherflatterte.
«Was du heute früh oder gestern oder letztes Jahr getan hast, existiert nur noch in deinem Kopf», fuhr sie schließlich fort, als verdienten meine Worte keinen weiteren Kommentar. «Und was als nächstes kommen wird, ist bis jetzt nichts weiter als ein Traum. Wir haben nur diesen Augenblick. Verstehst du, was ich meine?»
«Ja, ich verstehe!» rief ich, obwohl mir noch gar nicht so klar war, was ich eigentlich verstehen sollte.
«Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen. Ist dir klar, daß dieses Gefühl von der Vergänglichkeit der Zeit in Wirklichkeit nur eine Reihe von Eindrücken und Erinnerungen ist, die jetzt in diesem Augenblick an deinem inneren Auge vorüberziehen? Wenn wir etwas Vergangenes bedauern, so sind das Eindrücke, die jetzt, in dieser Sekunde in uns aufsteigen. Und auch unsere Sorgen um die Zukunft existieren nur in diesem Moment in unserem Kopf — als Bilder, Geräusche und Empfindungen. Mit anderen Worten: Vergangenheit und Zukunft existieren jetzt in diesem Augenblick, und du selbst erschaffst sie.»
«Und das soll das Gesetz der Gegenwart sein? Mir kommt das reichlich abstrakt vor», sagte ich in dem vagen Versuch, in diesem Gespräch die Oberhand zu gewinnen.
«Das Abstrakte daran ist die Zeit», erwiderte sie. «Aber du kannst das Gesetz der Gegenwart auch ganz praktisch anwenden, um Sorgen, Reue und Verwirrung aus deinem Denken zu verbannen. Je mehr du übst, um so leichter wird es dir fallen, deine Aufmerksamkeit immer wieder auf den gegenwärtigen Moment zurückzulenken. Eines Tages wird dir diese Einstellung vielleicht genauso selbstverständlich sein wie mir.»
Sie muß wohl immer das letzte Wort behalten, dachte ich. Aber irgendwie hatte diese Katze ja recht, und ganz offensichtlich praktizierte sie selbst, was sie mir da predigte. In diesem Augenblick schweiften meine Gedanken ein paar Sekunden lang ab, und ich schaute zur Tür. Wo blieb die weise Frau denn nur? Eigentlich hätte sie längst zurück sein müssen.
«Hallo!» hörte ich die Katze rufen, und mit einem Schlag kehrten meine Gedanken wieder in die Gegenwart zurück. «Verstehst du jetzt, daß das Gesetz der Gegenwart dein Leben für immer verändern kann? <Für immer> bedeutet natürlich jetzt, in diesem Augenblick.»
«Ich weiß schon lange, wie wichtig es ist, in der Gegenwart zu leben», erwiderte ich scharf in dem kläglichen Versuch, wenigstens ein bißchen von meiner Selbstachtung zu retten.
«Wissen und Tun sind oft zweierlei, vor allem bei dir», schnurrte sie mit selbstzufriedenem Gesichtsausdruck. «Alle deine Probleme haben mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun. Du nährst die Probleme in deinem Inneren, indem du ihnen Aufmerksamkeit, Energie und kostenlose Unterkunft in deinem Kopf gewährst. Ich dagegen würdige sie keine Sekunde meiner Beachtung. Das Leben ist einfach zu kurz», erklärte sie in sehr bestimmtem Ton.
«Danke, Eure Hoheit», spottete ich. «Ist der Vortrag nun zu Ende?»
«Noch lange nicht. Erst wenn du wirklich begriffen hast, daß Vergangenheit und Zukunft nur eine schlechte Angewohnheit des Denkens sind — deines Denkens. Die Sorgen, die man sich um die Vergangenheit oder die Zukunft macht, ähneln den Halluzinationen eines Verrückten, der Stimmen hört oder nicht existente Wesen sieht. Ich bin selbstverständlich kein solches Wesen.»
Mir entging nicht die Ironie, die darin lag, solche Worte ausgerechnet von einer sprechenden Katze zu hören.
«Aber», fuhr sie fort, «je mehr du dir dein augenblickliches Tun bewußtmachst, um so leichter kannst du diese Verhaltensweise überwinden, so wie alle anderen schlechten Angewohnheiten auch. Du brauchst nur an das Gesetz der Gegenwart zu denken und es anzuwenden.» Sie hörte auf, sich das Fell zu lecken, und wandte mir ihre volle Aufmerksamkeit zu. «Ich hoffe sehr, daß du das Gesetz der Gegenwart zu schätzen weißt und auch die Zeit, die ich mir genommen habe, um es dir zu erklären.»
Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: «Die Gegenwart gleicht einer Zeitmaschine, die deinen Geist erleuchtet, dich von allen Sorgen befreit und einer neuen Lebensweise den Weg ebnet. Mit anderen Worten: Du wirst mehr wie ich.»
«Ich kann es kaum erwarten», lachte ich.
«Wie bereits gesagt: Um Persönlichkeit zu haben, mußt du in der Gegenwart leben und dir stets bewußt sein, wann und wo du bist; dann wirst du auch wissen, wer du bist. Das Gesetz der Gegenwart lehrt dich die Wichtigkeit dessen, was du heute tust, denn schließlich gibst du einen Tag deines Lebens dafür her. Also befreie dein Denken mit Hilfe dieses Gesetzes von allem Überflüssigen, damit du wieder in einen Zustand der Klarheit und Einfachheit und des inneren Friedens zurückkehren kannst.»
«So wie du», sagte ich.
«Schön, daß dir das aufgefallen ist», schnurrte sie. «Und vergiß nicht: So zwanghaft und real dir deine Gedanken auch vorkommen mögen, du kannst dir jederzeit das Gesetz der Gegenwart ins Gedächtnis zurückrufen. Dann weißt du, daß nur das Jetzt existiert und nur der gegenwärtige Augenblick real ist. Wenn du daraus einen Akt der Andacht machst und dir der Heiligkeit des Augenblicks bewußt wirst, verneigst du dich vor jenem gelassenen, katzenhaften Ich in deinem Inneren, das diese Weisheit schon lange kennt — und alles wird gut.»
«So leicht ist es, wie eine Katze zu werden?»
«Dich dürfte es schon einige Anstrengung kosten», erwiderte sie, machte einen Buckel, gähnte und schlenderte um den Kamin herum zur Tür. «Heiße diesen Augenblick willkommen, setze einen Fuß vor den anderen und erledige das, was gerade vor dir liegt. Denn auch wenn deine Gedanken in die Ferne schweifen, dein Körper existiert immer nur jetzt und hier. Hast du es eilig, dann ruhe in der Gegenwart. Hole tief Luft und kehre ins Jetzt und Hier zurück.» Wieder räkelte sich die Katze genüßlich. Dann verließ sie die Hütte ohne weiteren Kommentar.
Kaum war sie verschwunden, da tauchte die weise Frau wieder auf und setzte sich ohne jede Erklärung zu mir. «Wo war ich stehengeblieben?» fragte sie. «Ach ja, wir hatten vom Gesetz der Gegenwart gesprochen.»
«Ich glaube, das habe ich inzwischen ganz gut begriffen», sagte ich. Glitzerte da nicht so etwas wie Belustigung in ihren Augen? «Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?»
«Ach, ich bin nur ein wenig nach draußen gegangen, habe mich an die Mauer der Hütte gelehnt und die kühle Nachtluft genossen.»
«Sag mal, warst du etwa...?» Ich brauchte meinen Satz gar nicht zu beenden. Ich brauchte der weisen Frau nur zuzusehen, wie sie bedächtig einen kleinen Kessel an einen grünen Stock über das Kaminfeuer hängte und ein paar Teeblätter hineinwarf. Ich überlegte, ob wir unser Gespräch wohl noch bis tief in die Nacht hinein fortsetzen würden. Doch dann schob ich den Gedanken beiseite und genoß ganz einfach den Augenblick — und den Tee, der phantastisch schmeckte.