Das Gesetz des schrittweisen Vorgehens
Wie man das Leben Schritt für Schritt meistert

Systematisches Vorgehen verwandelt
jede Reise
in eine Reihe kleiner Schritte,
die man nacheinander ausführt.
So läßt sich jedes Ziel erreichen.
Dieses Gesetz überwindet die Zeit,
lehrt uns Geduld,
ruht auf dem festen Fundament
sorgfältiger Vorbereitung
und beweist Vertrauen
in unsere sich allmählich entfaltenden
Möglichkeiten.
Der Weg in große
Höhen
führt über eine Wendeltreppe.
Francis Bacon

Der Pfad stieg so jäh an, daß ich das Gefühl hatte, eine steile Treppe hinaufzugehen. Er führte geradewegs den Berg hinauf. Obwohl ich ein geübter Wanderer war, ließ die Steigung mein Herz schneller schlagen und meine Atemzüge heftiger werden. Doch der weisen Frau schien die Anstrengung gar nichts auszumachen. Ohne jede Mühe sprach sie weiter: «Ist dir aufgefallen, wie sich in diesem Bergpfad unser Lebensweg widerspiegelt — wie wir jeden Tag ein Stückchen weiter auf unsere Ziele zuklettern?»
«Was — das hier soll ein Weg sein? Ist mir noch gar nicht aufgefallen», keuchte ich und blickte nach oben. «Im Gegenteil, der Gipfel scheint überhaupt nicht näherzukommen!»
«Wenn man sich nur auf das Ende seiner Reise konzentriert, dann scheint die Erfüllung immer in weiter Ferne zu liegen. Deshalb geben viele Menschen auf, wenn Hindernisse auftauchen oder wenn der Weg steil wird. Du weißt, jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt; aber man muß auch noch einen zweiten und dritten Schritt tun — so viele, wie nötig sind, um das Ziel zu erreichen. Das Gesetz des schrittweisen Vorgehens», erklärte die weise Frau, «ist das Versprechen der Natur, daß wir so gut wie jedes Ziel erreichen können, so hoch es auch gesteckt sein mag. Wir müssen nur den Weg dorthin in kleine Etappen aufteilen, die man jeweils mit Sicherheit erreichen kann.»
«Eigentlich logisch», stimmte ich zu.
«Vollkommen logisch», bekräftigte sie. «Deshalb entgeht es auch so vielen Menschen.»
«Du meinst, mit kleinen Schritten läßt sich beinahe jedes Ziel erreichen?»
«Na ja», lächelte sie, «einen Abgrund kann man nicht mit zwei Sprüngen überqueren. Aber man kann sich Schritt für Schritt auf den Sprung vorbereiten. Und da hier weit und breit kein Abgrund zu sehen ist...» Die weise Frau hob einen Stein auf, reichte ihn mir und zeigte auf eine Eiche in ungefähr zwanzig Metern Entfernung. «Glaubst du, daß du diesen Baumstamm treffen kannst?»
«Was? Aus einer Entfernung von zwanzig Metern? Um ehrlich zu sein, wohl kaum. Selbst wenn ich zuerst nach links und dann nach rechts ziele — der Baum ist einfach zu weit weg.»
«Na gut», meinte sie, nahm mich bei der Hand und führte mich zu der Eiche hin, bis sie direkt vor uns in die Höhe ragte. «Und jetzt?»
«Natürlich kann ich den Baum jetzt treffen.»
«Na, dann los!»
Ich zielte und traf. Daraufhin führte sie mich dreißig Zentimeter weiter weg, drückte mir wieder einen Stein in die Hand und sagte: «Noch einmal.» So traten wir jedesmal dreißig Zentimeter weiter zurück, und ich traf bei jedem Wurf. Erst in einer Entfernung von etwa zwölf Metern verfehlte ich mein Ziel. «Geh wieder einen Schritt vorwärts und probiere es noch einmal», forderte sie mich auf. Da traf mein Stein den Baumstamm genau in der Mitte. Wieder wichen wir allmählich zurück, bis ich mein Ziel in einer Entfernung von fünfzehn Metern zweimal verfehlte, traten wieder einen Schritt vor, und ich traf. Nachdem ich ein paarmal danebengeworfen hatte, gelang es mir schließlich tatsächlich, den Baumstamm aus einer Entfernung von zwanzig Metern zu treffen.
Dann stiegen wir wieder mühsam den steilen Bergpfad hinauf, und sie fuhr mit ihren Erklärungen fort: «Ist dir klar, daß dieses Gesetz in allen Lebensbereichen funktioniert? Wenn du deine Aufgabe in kleine, leicht zu bewältigende Schritte einteilst, brauchst du nicht mehr nur auf den einen Erfolg am Ende deiner Reise zu warten. Dann ist dein Weg von lauter kleinen Erfolgen gesäumt.»
Wir erreichten einen Bach, der durch die Regenfälle im Frühjahr zu einem breiten, tiefen Gewässer angeschwollen war. Die weise Frau durchquerte den Bach als erste; leichtfüßig trat sie auf die Steine, die hie und da aus dem Wasser ragten. Ich folgte ihr und hüpfte von einem Felsbrocken zum nächsten. Da sah ich zwei Steine ganz nah beieinander. Ich beschloß, mir den Weg abzukürzen, und sprang gleich zu dem weiter entfernten Stein hinüber. Aber mein Sprung war etwas zu kurz gewesen. Ich glitt auf einem Moospolster aus und landete im Wasser. Die weise Frau reichte mir die Hand und gab sich keine Mühe, ihr Grinsen zu verbergen. «Du siehst: Bei jedem Prozeß, selbst wenn du nur einen Bach durchquerst, ist es wichtig, keinen Schritt auszulassen; sonst holst du dir früher oder später nasse Füße.»
Jetzt verbreiterte sich der Weg, so daß wir nebeneinander hergehen konnten. Als meine Kleider fast trocken waren, erreichten wir einen Sumpf. Ich schaute nach rechts und nach links auf der Suche nach einem Weg, den Morast zu umgehen. Doch die kleine Schlucht, in der wir uns befanden, ragte zu beiden Seiten steil auf. Die weise Frau warf den Kopf zurück und lachte. «Von der Natur können wir so vieles lernen! Sie präsentiert uns ihre Lektionen immer zur richtigen Zeit.»
«Was soll das heißen?»
«Mach die Augen auf!» sagte sie. «Was ist diesem matschigen Weg und deinem Leben gemeinsam?»
«Tut mir leid, da kann ich wirklich keine Gemeinsamkeiten erkennen!»
«Dann will ich es dir erklären. Wird dir auf dem Weg zu deinen Zielen in der Regel ein roter Teppich ausgelegt?»
«Nein. Meistens ist es ein Sumpf.»
«Siehst du! Um Ziele zu erreichen, die sich wirklich lohnen, muß man sich bemühen, muß Risiken auf sich nehmen und Opfer bringen. Man muß durchhalten, auch wenn einen Ängste und Zweifel quälen. Man muß von seinen inneren Kraftreserven zehren, und schließlich wächst man daran. Jede neue Herausforderung ist eine Art Initiation: Du machst entmutigende Erfahrungen; du überwindest Unannehmlichkeiten, Langeweile und Frustrationen, und dabei findest du heraus, wer du bist.
Die Vision, die dich zu deiner Suche getrieben hat», fuhr sie fort, während wir bis zu den Knöcheln im Sumpf wateten, «führt dich durch den Morast des Lebens. Sie kann dich wie ein Magnet durch alle sumpfigen Abgründe ziehen. Der erste Schritt bei jedem Prozeß besteht also darin, eine Richtung zu finden, ein Ziel zu wählen, dessen Licht dir im Dunkeln leuchtet.»
«Gerade das fällt mir manchmal schwer — zu entscheiden, welches Ziel ich verfolgen soll.»
«Du wirst es nicht herausfinden, indem du auf eine himmlische Offenbarung, eine absolute Gewißheit, eine mystische Vision oder die Stimme Gottes wartest. Also überlege nicht lange. Zweifle nicht an deiner Richtung, und warte nicht darauf, daß andere dir sagen, was du tun und lassen sollst. Geh einfach in die Richtung, die dich anzieht, begeistert oder inspiriert, verfolge das Ziel, das dich innerlich berührt. Und frage dich, ob es all die Mühen und Opfer wert ist, die der ernsthafte Einsatz für eine Sache erfordert.»
Wir säuberten unsere schlammverkrusteten Füße und Schuhe in einem Bach. «Und vergiß nicht, lieber Wanderer: Hochfliegende, erst in ferner Zukunft erfüllbare Träume sind eine schwere Bürde», ermahnte sie mich. «Am besten setzt du dir Ziele, die du in der nächsten Woche, am nächsten Tag, in der nächsten Stunde oder mit deinem nächsten Schritt erreichen kannst. Du mußt ein Vorgehen wählen, das dir viele kleine Erfolge beschert.»
«Viele kleine Erfolge», murmelte ich vor mich hin, während wir an der steilen Wand einer Schlucht emporkletterten. «Aber was ist mit den Menschen, die über Nacht berühmt geworden sein sollen?» fragte ich. «Bei denen war es doch auch kein langsamer und allmählicher Prozeß!»
«Jedes wirklich erfolgreiche Unternehmen ist wie der Bau eines Hauses», entgegnete die Frau. «Man beginnt mit einem festen Fundament, und dann baut man geduldig weiter, bis das Haus fertig ist. Manche Häuser oder Karrieren entstehen sehr schnell, aber sie haben keine stabile Grundlage; sie sehen hübsch aus, aber sie halten nicht lange. Wenn du dir diese <plötzlichen> Erfolge einmal genauer anschaust, wirst du feststellen, daß in der Regel jahrelange Vorbereitung dahintersteckt.»
«Jahre...», wiederholte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr.
«Ja, stell dir das einmal vor!» ermutigte sie mich. «In zehn Jahren kannst du so gut wie alles schaffen. Du kannst Wissenschaftler werden. Du kannst es zu Höchstleistungen in einer Sportart, einem Spiel oder einem Kampfsport bringen. Du kannst Experte auf jedem x-beliebigen Gebiet werden. Du kannst Reichtümer anhäufen oder deinen Körper von Grund auf verändern.»
«Trotzdem kommen mir zehn Jahre immer noch sehr lang vor!»
«Wenn du nach vorn schaust, ja; doch im Rückblick vergehen Jahrhunderte im Handumdrehen.»
Plötzlich wies sie zum Himmel. «Schau mal nach oben, zum Gipfel!» Ich folgte ihrem Finger mit meinen Blicken; der Gipfel schien mir immer noch sehr weit weg zu sein. «Und jetzt wirf einen Blick zurück», forderte sie mich auf. Ich drehte mich um und ließ meinen Blick über die Hügellandschaft schweifen, die unter mir lag. «Wir haben einen weiten Weg hinter uns — und wir sind ihn Schritt für Schritt gegangen. Wir sind nun schon seit Stunden unterwegs und reden miteinander. Wenn ich dir das vorher angekündigt hätte, wäre es dir sicherlich lang vorgekommen. Doch jetzt, im nachhinein...»
«...ist es, als sei erst ganz kurze Zeit vergangen», vollendete ich ihren Satz.
Wir bahnten uns unseren Weg durch einen dichten, schattigen Wald und verloren den Himmel aus den Augen. Die weise Frau kniete nieder und hob eine Eichel vom Boden auf. «Genau wie aus dieser winzig kleinen Eichel eines Tages eine mächtige Eiche werden wird, genau wie ein Fluß sich geduldig seine Bahn in den Fels gräbt, genau wie du aus einem hilflosen kleinen Kind zum reifen Mann herangewachsen bist, so kannst und wirst du alles erreichen, was du dir wünschst — Schritt für Schritt.»
«Klingt so, als stünde das für dich hundertprozentig fest. Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Auch wenn man ein Ziel Schritt für Schritt angeht, kann es unerreichbar bleiben.»
«Es gibt nur wenige Gewißheiten auf dieser Welt», sagte sie, «aber tatsächlich haben die Menschen selten Mißerfolg; sie geben einfach nur auf.» Als wir das schützende Blätterdach hinter uns ließen und sich wieder das weite Dach des Himmels über uns wölbte, wandten wir uns um und blickten auf die Hügel herab, über die wir gekommen waren.
«Dauerhafter Fortschritt läßt sich nicht in einigen dramatischen Augenblicken erzielen; man muß Stunde um Stunde, Tag für Tag daran arbeiten», beschloß die weise Frau ihre Ausführungen über das Gesetz des schrittweisen Vorgehens. «Und wir müssen uns dabei immer wieder korrigieren: Die Straße zum Glück wird nie fertig, es wird ständig daran weitergebaut. Konzentriere dich darauf, das Leben Schritt für Schritt anzugehen; stelle alles zurück, was du später erledigen kannst. Aus Geduld und Disziplin erwächst eine Ausdauer, die alle Höhen und Tiefen überwindet und alle Pläne und Vorsätze in die Tat umsetzen kann. Die Begeisterung gibt uns Schwung, aber nur mit Ausdauer erreichen wir unser Ziel. Geduld, Ausdauer und das Gesetz des schrittweisen Vorgehens sind die Schlüssel, die das Tor zu jedem Ziel öffnen. Der Schatz liegt nicht erst am Ende der Reise; der Weg trägt seinen Lohn in sich selbst.»
Wir hatten den Gipfel erreicht. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und ließ meinen Blick über die herrliche Aussicht schweifen, die sich unter mir auftat; ich hatte sie mir schwer verdient, und das machte sie um so grandioser. Ich blickte zu der weisen Frau hinüber. Sie zeigte auf einen noch höheren Gipfel in der Ferne; und weiter hinten lag noch einer. «Sobald du ein Ziel erreicht hast, erschaffst du dir damit ganz von selbst ein neues; die Reise endet nie», sagte sie, als wir uns wieder an den Abstieg begaben.