Das Gesetz der Erwartung

Wie wir unsere Realität erweitern können

e9783641078720_i0017.jpg

Die Energie folgt dem Gedanken.
Wir steuern stets auf die Dinge zu,
die wir uns vorstellen können,
aber nicht darüber hinaus.
Unsere Vorstellungen, Erwartungen und Überzeugungen
erschaffen und prägen unsere Erfahrungswelt.
Wenn wir unsere innersten Vorstellungen
von dem, was möglich ist, erweitern,
können wir unsere Lebenserfahrung verändern.

 

Unser Leben wird nicht so sehr
von unseren Erfahrungen geprägt
wie von unseren Erwartungen.

George Bernard Shaw

e9783641078720_i0018.jpg

Schweigend wanderten wir über die Wildwechsel, die sich durch die Hügellandschaft schlängelten, bis wir schließlich eine Hochebene erreichten. Da blieb die weise Frau plötzlich stehen. Wieder drückte sie mir einen Stein in die Hand und zeigte auf einen Baum in ungefähr sieben Metern Entfernung.

«Ich habe eine schwierige Aufgabe für dich», verkündete sie.

«Schon wieder ein Baum?»

«Ja. Aber diesmal hast du nur einen Stein zur Verfügung. Es gibt nur eine einzige Chance, den Baum zu treffen: gleich beim erstenmal.»

«Und wenn ich es nicht schaffe?»

«Ich habe noch mehr geistige Schätze, die ich gern mit dir teilen würde, aber wenn du diesen Baum verfehlst, ist unsere gemeinsame Zeit abgelaufen», sagte sie.

«Meinst du das ernst?»

«Ich meine immer alles ernst.»

«Und warum ist es so wichtig, daß ich ihn gleich beim ersten Versuch treffe?» fragte ich und zeigte auf den Baum.

«Nicht diesen hier», korrigierte sie mich. «Den da hinten.» Sie wies auf eine große Eiche in dreißig Metern Entfernung.

«Den kann ich unmöglich mit einem einzigen Wurf treffen! Was ist mit dem Gesetz des schrittweisen Vorgehens? Sollte ich nicht lieber erst einmal ein paar Schritte näher herangehen?»

«Diesmal geht es nicht um dieses Gesetz. Diesmal geht es um das Gesetz der Erwartung, um die unterschwelligen Vorstellungen und Überzeugungen, die deine Erfahrungswelt prägen.»

«Na gut, ich gebe es zu. Ich glaube nicht, daß ich diesen Baum treffen kann.»

«Aber ich glaube es», sagte sie lächelnd.

«Wenn du daran glaubst, dann triff ihn doch selbst!» erwiderte ich und wog den Stein nervös in der Hand hin und her. Sie ignorierte meine Bemerkung, setzte sich hin und forderte mich auf, ebenfalls Platz zu nehmen. Aber ich lehnte ab. «Ich bleibe lieber stehen, wenn du nichts dagegen hast. Ich bin ein bißchen nervös.»

«Bleib in der Gegenwart», ermahnte sie mich. «Später kannst du dir immer noch Gedanken wegen dieses Baums machen, wenn du unbedingt willst.»

Also setzte ich mich neben sie und hörte ihr zu. «Ehe sich irgend etwas in dieser Welt manifestiert», begann sie, «taucht es erst einmal als Gedanke oder Bild im Geiste eines Menschen auf. Deine Gedanken färben die Fenster, durch die du diese Welt betrachtest; deine Vorstellungen sind das Fundament, auf dem deine Erfahrungen aufbauen. Anders ausgedrückt ist jeder positive Gedanke ein Gebet, und jedes Gebet wird erhört.»

«Glaubst du das wirklich?» fragte ich.

«Was ich glaube, ist im Augenblick nicht so wichtig wie das, was du glaubst», antwortete sie. «Aber nicht das, was du zu glauben meinst; solche oberflächlichen Annahmen haben keinen großen Einfluß. Nur deine innersten Überzeugungen sind mächtig genug, um deine Realität zu prägen.»

«Das erinnert mich an ein altes Gedicht», fiel mir ein. «<Zwei Männer betrachteten die Welt durch Gefängnisstäbe; der eine sah den Schmutz am Boden, der andere die Sterne.>»

«Ja», stimmte sie zu. «Was du siehst, hängt davon ab, wohin du schaust, und dabei wiederum kommt es auf deine Erwartungen an. Wenn du zum Beispiel glaubst, daß man den Menschen nicht trauen kann, wirst du die ganze Welt durch den Filter dieser Erwartung betrachten und überall Beweise dafür entdecken. Deine Überzeugungen beeinflussen die Entscheidungen, die du triffst, die Richtung, in die du gehst, ja sogar die Freunde und Feinde, die dir begegnen — letztlich dein ganzes Schicksal. Sie setzen innere Prozesse und Verhaltensweisen in Gang, die beeinflussen, wie du dich bewegst und verhältst und wie du dich fühlst. Auf feinstofflicher Ebene bestimmen deine Gedanken sogar Größe und Farbe deines Energiefeldes, auf das die anderen Menschen reagieren. Wenn du die Menschen in deiner Umgebung beispielsweise als Freunde betrachtest, gehst du locker und entspannt auf sie zu, und dann werden deine Energie und dein Verhalten sie zu dir hinziehen. Das ist eine der Arten, wie deine Erwartungen wiederum deine Erfahrungswelt prägen.»

«Das klingt ja alles ganz plausibel. Ich kann es kaum erwarten herauszufinden, wie diese Erkenntnis mir helfen soll, den Baum da drüben gleich bei meinem ersten Versuch zu treffen.»

«Bei deinem einzigen Versuch», korrigierte sie mich und forderte mich mit einer Handbewegung auf, mich zu erheben. «Und jetzt konzentriere deine ganze Aufmerksamkeit auf diesen Baum. Bereite dich auf deinen Wurf vor und sprich dabei laut vor dich hin: <Es ist ein Kinderspiel für mich, diesen Baum zu treffen.>»

Das Ganze kam mir zwar ein bißchen albern vor, aber ich wiederholte trotzdem gehorsam: «Na gut. <Es ist ein Kinderspiel für mich, diesen Baum zu treffen.>» Doch natürlich glaubte ich nicht daran. In Wirklichkeit nagten Zweifel an mir: Es war völlig ausgeschlossen, daß ich diesen Baum aus dreißig Metern Entfernung beim ersten Versuch oder überhaupt bei irgendeinem Versuch treffen würde. Ich hatte keine Chance, weder wenn ich zuerst nach links und dann nach rechts zielte, noch wenn ich ganz nah heranginge, was sie mir ohnehin nicht erlaubte, und selbst dann nicht, wenn ich ein Baseballwerfer der Nationalliga wäre. So einen Volltreffer konnte man von niemandem erwarten. Der Baum war einfach zu weit weg!

«Es ist leicht, den Baum zu treffen», sagte die weise Frau, als habe sie wiederum meine Gedanken erraten. «Das Schwierige daran ist nur, die negative Erwartungshaltung zu überwinden. Sie ist es, die dich hemmt.»

Sie hob einen Stein auf. Mit offenem Mund sah ich zu, wie sie den Stein schleuderte und den Baumstamm mit einem weithin schallenden Krachen genau in der Mitte traf. «Das habe ich nur getan, um dir Mut zu machen», sagte sie lächelnd, während ich sie immer noch mit großen Augen anstarrte. «Es genügt nicht, einfach nur zu wiederholen: <Ich schaffe es, ich schaffe es>, solange deine unbewußten Zweifel dich entmutigen und dir deine ganze Kraft und Konzentration rauben», erklärte sie. «Du sollst diese negativen Erwartungen offen aussprechen, sie ans Licht deines Bewußtseins zerren und als das entlarven, was sie sind. Na los, schrei sie dir von der Seele!»

Diesmal kam ich mir wirklich dumm vor. Trotzdem folgte ich ihrer Aufforderung und brüllte aus voller Kehle alle Gründe heraus, warum ich diesen Baum nicht treffen konnte. Auf ihr Drängen hin faßte ich meine ganzen Zweifel in Worte, wieder und wieder, und schrie sie in die Welt hinaus.

«Und jetzt», sagte sie, «sieh dir den Baum noch einmal an und schaffe in deinem Inneren die Erwartungshaltung: ‹Es ist ein Kinderspiel für mich, diesen Baum zu treffen.›»

Also sagte ich wieder mein Sprüchlein auf: «Es ist ein Kinderspiel für mich, diesen Baum zu treffen.» Und diesmal geschah etwas ganz Merkwürdiges: Kein einziger Zweifel stieg in mir auf. Es stimmte einfach, ich spürte es; ich glaubte felsenfest daran! Meine Worte klangen wahr und echt. Als ich den Baum anvisierte, fühlte ich eine unsichtbare Energielinie zwischen mir und ihm und wußte, daß der Stein dieser Linie folgen würde bis an sein Ziel. Fest und sicher stand ich da, mein Körper befand sich in vollkommenem Gleichgewicht. Es gab nichts mehr als mich und diesen Stein und diesen Baum. Ein paar Sekunden lang gab es nicht einmal mehr dieses «Ich». In diesem Augenblick holte ich Luft und warf. Schon als ich den Stein losließ, wußte ich, daß er sein Ziel treffen würde. Ich sah ihn zu dem Baum fliegen wie von einem Magneten angezogen. Als der Stein den Baumstamm genau in der Mitte traf, veränderte sich etwas in mir. Ich hatte das Gesetz der Erwartung begriffen: Um etwas schaffen zu können, mußte ich erst einmal daran glauben; ich mußte wirklich ganz fest damit rechnen.

Die weise Frau nickte mir zu: «Ehe du warfst, hast du vor deinem geistigen Auge gesehen, wie der Stein sein Ziel traf. Genauso ist es auch im täglichen Leben: Wenn du dir positive Bilder, günstige Umstände und erfolgreiche Resultate ausmalst, dann werden diese Bilder in deinem Unterbewußtsein Wirklichkeit. Dein Unterbewußtsein wird auf solchen Erfahrungen aufbauen und immer ähnliche Ereignisse anziehen. Das Gesetz der Erwartung erinnert dich an deine Fähigkeit, dein Leben nach den Bildern und Erwartungen zu gestalten, die du in deinem Inneren erschaffst. Indem du deine Zweifel offen aussprichst, entziehst du sie deinem Unterbewußtsein, und sie lösen sich im Lichte des Bewußtseins auf.»

«Und wenn ich nun in meinem Inneren die Erwartungshaltung schaffe, daß ich fliegen kann? Würde das auch funktionieren?»

«Ich möchte deinen Enthusiasmus nicht dämpfen, lieber Wanderer, aber die spirituellen Gesetze, die sich auf dieser Ebene der Realität manifestieren, sind mächtiger als unsere menschlichen Vorstellungen und Überzeugungen. Das Gesetz der Schwerkraft gilt unabhängig davon, ob du daran glaubst oder nicht.»

«Aha. Fliegen könnte ich also nicht, selbst wenn ich all meine Zweifel aus meinem Denken verbanne.»

«Aber du kannst doch fliegen!» sagte sie. «Du kannst durch die Wolken gleiten, in den Weltraum fliegen, ja sogar auf dem Mond landen! Die Menschheit mußte sich erst einmal über ungeheure Zweifel und <wissenschaftliche Tatsachen > hinwegsetzen, ehe ihr das <Unmögliche> gelang: sich in die Lüfte emporzuschwingen. Die spirituellen Gesetze kennen keine Grenzen außer unseren eigenen Vorstellungen. Die Zukunft wird zeigen, ob wir als Individuen und als Spezies das Gesetz der Erwartung richtig verstehen und anwenden...»

Während wir ins Tal hinunterstiegen, fuhr die weise Frau fort: «Das Gesetz der Erwartung weist uns darauf hin, wie wichtig es ist, unsere alten Annahmen und Überzeugungen einmal genau zu untersuchen. An die Stelle selbstzerstörerischer Zweifel sollten wir leuchtende Bilder setzen und neue Vorstellungen schaffen, die auf klaren Intentionen beruhen.»

«Und was ist, wenn es für diese Vorstellungen keine Beweise gibt?» wollte ich wissen.

«Das habe ich dir ja gerade zu erklären versucht», sagte sie. «Glaube trotzdem daran! Mit dieser Erwartung wirst du die Beweise anziehen.»

«Ich werde mein Bestes tun», versprach ich. «Aber da wir gerade von selbstzerstörerischen Zweifeln sprechen», fuhr ich fort, «manchmal deprimiert es mich, die Zeitung zu lesen; besonders globale Probleme wie Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, wachsende Kriminalität und Habgier lassen mich dann die Hoffnung für die Menschheit verlieren.»

«Mich erfüllt auch keine Hoffnung», erwiderte die weise Frau, «sondern Glaube. Natürlich gibt es große Probleme. Doch selbst bei den wirklich akuten Krisen erscheint es mir am klügsten, positive Ziele vor Augen zu haben und sich auf unsere menschlichen Möglichkeiten zu konzentrieren. Das Gesetz der Erwartung lehrt uns, daß alles, worauf wir uns konzentrieren, größer wird. Wenn wir Probleme bekämpfen, verstärken wir sie dadurch nur, indem wir ihnen Energie verleihen. Deshalb sollten wir uns auf Lösungen konzentrieren und nicht auf Probleme.»

Die weise Frau blickte zu einem Habicht empor, der sich über unseren Köpfen wie ein Papierdrachen vom Wind tragen ließ, und gab mir noch eine letzte Ermahnung mit auf den Weg: «Wie die alten Alchemisten, Wanderer, kannst du Zweifel in Zuversicht und Angst in Mut verwandeln. Aus neuen Erwartungen erwachsen neue Entscheidungen. Warte nicht, bis deine Erfahrungen dir diese Entscheidungen bestätigen. Schaffe einfach eine Vision des Menschen, der du gern sein möchtest, dann wirst du auch zu diesem Menschen werden.»