V Hitze - Elf Jahre zuvor

Das Gasthaus Zum Anker war bekannt für seinen Bohneneintopf.

Wenn Ma mich morgens weckte, standen schon große Töpfe auf dem Herd, und es duftete im ganzen Haus nach Majoran und Bohnenkraut. Draußen, auf der Schotterstraße, wartete Jenny Ziegler mit ihrem pinkfarbenen Scout-Ranzen auf mich. Ich konnte sie nicht leiden, aber das hielt sie nicht davon ab, mich jeden Morgen abzuholen. Kam ich mittags aus der Schule zurück, waren die Tische gewischt, der Boden gescheuert. Eine Handvoll Leute saß im Schankraum und aß etwas, doch das richtige Geschäft begann erst am Abend. Dann stand Ma am Tresen und zapfte Bier. Ich lag im Dunkeln im Bett, und wenn ich keine Kassetten mit dem Walkman hörte, dann lauschte ich auf das Lachen und die leise Musik von unten.

Papa machte nicht mehr hinterm Tresen mit. Er arbeitete nur noch „im Hintergrund“, wie er sich ausdrückte. Tagsüber saß er in seinem Arbeitszimmer, telefonierte mit den Brauereien, erledigte die Bestellungen. Er tippte Zahlen in den Taschenrechner und klapperte mit der Schreibmaschine. Wenn er die Buchhaltung machte, lag der ganze Schreibtisch voller Zettel. Gegen Mittag kam er die Treppe herunter in die Küche, setzte sich auf seinen Stuhl, einen Zeichenblock auf dem Schoß. Wenn ich ihn bestürmte, mir etwas vorzulesen, las er Der Goldkäfer und Die Grube und das Pendel oder Der Untergang des Hauses Usher.

„Geschichten sind etwas ganz Besonderes“, sagte er mir. „Wenn jemand dir eine Ohrfeige gibt, dann geht das irgendwann weg. Aber Worte – die bleiben manchmal für immer.“

Ma ärgerte sich darüber. „Mila ist zu klein für Edgar Allan Poe! Da kriegt sie Alpträume!“ Sie legte uns Bootsmann auf der Scholle hin. Das war auch ganz okay, doch sobald sie aus der Küche war, bettelte ich Papa an, bis er schließlich den Bootsmann-Umschlag um das Poe-Buch legte und weiter vorlas.

Lieber als Bücher mochte Ma Spruchweisheiten. Sie hatte eine Sammlung Geschirrtücher, die sie in unserer Küche und im Schankraum über dem Klavier aufgehängt hatte. In den Stoff war gestickt: Borgen bringt Sorgen. Oder: Verlierst du auch die Schuhe, so behältst du doch die Füße.

Warum das Gasthaus Zum Anker hieß, war rätselhaft, denn es stand an keinem See- oder Flussufer, sondern in der Mitte des Dorfs, direkt an der Straße. Die Elbe floss drei Kilometer weiter. Das einzige Gewässer in der unmittelbaren Nähe war ein Weiher.

Das Rätsel um den Namen des Hauses ließ mir keine Ruhe. Ich fing an, systematisch nach dem geheimnisvollen Anker zu suchen. Ich war mir sicher, dass er in einem vergessenen Versteck ein einsames, rostendes, bleischweres Leben führte, womöglich auf dem weitläufigen Boden mit seinen spinnwebbehangenen Holzbalken, hinter den ausrangierten Sesseln, aus denen die Polsterung quoll, unter dem staubigen Weihnachtsbaumschmuck, der in Pappschachteln auf seine Zeit wartete, oder aber im Keller, bei Papas Weinbrandvorräten, neben den Kiepen mit Kartoffeln und Zwiebeln.

- - -

Vielleicht hatte der Anker etwas mit dem Weiher zu tun.

Dieser Weiher. Er übte einen Sog aus. Er lag am Ende des Dorfs, hinter einem Schilfwald. Still wie der Tod lag er und übte diesen Sog aus. Auf jeden, glaube ich. Aber im Sommer war er für Kinder verboten. Für alle, außer für mich.

Die Wiesen dort waren feucht und fett. Ein modriger Geruch hing in der Luft. Flecken gelbgrüner Entengrütze schwammen auf der dunklen Oberfläche, und Libellen standen in reglosen Wolken darüber. Spinnen liefen langbeinig über das Wasser, als wäre es fest. Ich ging immer hin, um Kaulquappen zu fangen. Manchmal schloss sich Jenny Ziegler mir an, aber sie sah sich dauernd um und jammerte.

„Es ist doch verboten, Mila!“

Ich reagierte nicht.

„Und es stinkt so. Als ob …“ Sie verstummte und ging schneller, bis sie mit mir auf gleicher Höhe lief. Sie betrachtete sehr aufmerksam das Schilf, in das wir jetzt hineingingen. Es reichte bis über unsere Köpfe. Sie griff nach meiner Hand. „Als ob …“

„Als ob was?“

„Na ja …“, sagte sie nervös und leckte sich über die trockenen Lippen. „Du weißt schon: als ob etwas … etwas …“

„… Totes im Wasser ist?“

Jenny Ziegler zuckte zusammen.

Es gab eine Geschichte in Schönewalde. Vor Jahren war einmal ein Mädchen verschwunden. Sie hatten sie überall gesucht. Erst hatten sie den Wald durchkämmt, dann die Felder, und schließlich wurde der Weiher mit Stöcken abgesucht. Und dort hatte man sie endlich gefunden. Sie war nicht ertrunken. Sie war ertränkt worden. Man habe sie aus dem Weiher geborgen, hieß es, aber sie sei nicht vollständig gewesen. Etwas Wichtiges an ihr hatte gefehlt.

Dieses Etwas ließ mir keine Ruhe. Mir nicht, Jenny nicht und auch keinem anderen meiner Mitschüler. Es geisterte durch unsere Träume. Manchmal schreckte ich nachts hoch, weil ich von einer Armee abgetrennter Hände, Nasen und Finger verfolgt worden war.

Aber vielleicht war das Etwas noch etwas ganz anderes?

Wenn wir die Erwachsenen darüber ausfragen wollten, sagten sie: „Das ist doch alles Blödsinn. Der Schäfer hat einmal die Nachgeburten seiner Schafe in dem See entsorgt, das ist alles.“ Sie sagten: „Das ist nur ein dummes Gerücht.“ Oder sie wurden schweigsam, sahen uns abweisend an und schickten uns weg. So aber huschte das Gerücht flüsternd zwischen uns Kindern hin und her, und das Unbegreifliche hielt sich darin und wuchs. Ich sah von der Seite zu Jenny, die jetzt mit aufgerissenen Augen auf das Wasser starrte.

„Du denkst doch nicht etwa an die Nachgeburten, oder?“, flüsterte ich.

„Woran denn sonst?“ Jennys Stimme klang piepsig.

„An … etwas anderes.“

Offiziell tat natürlich jeder so, als wäre diese Geschichte mit den Nachgeburten der Grund, weshalb der Weiher gemieden wurde. Doch wenn jemand am Ufer stand und in das trübe Wasser schaute, sah keiner eine Nachgeburt dort auf dem Grund, sondern etwas anderes. Etwas Unkenntliches, etwas Formloses. Etwas, was dem ermordeten Mädchen fehlte, als es aus dem Weiher gezogen wurde. Es lag da unten. Vollgesogen, schlafend und von Fischen angenagt.

An dieser Stelle wurde Jenny hysterisch: „Hör auf, Mila! Du machst mir Angst! Wir dürfen überhaupt nicht hier sein. Was ist, wenn … ich meine … wann gehen wir endlich zurück?“ Ich reagierte gar nicht. „Meine Eltern sind heute nicht da. Wir könnten bei uns Videos gucken“, sagte sie lockend. „Pretty Woman.“

„Keine Lust“, sagte ich und lief weiter durchs Schilf.

Jenny war ein Mädchen mit roten Locken, dicht wie ein Schaffell, mit einem blassen, weichlichen Körper und ängstlichem Mund. Alles an ihr wirkte plump und unförmig, nur dieser Mund hatte etwas erstaunlich Bewegliches. Sie neigte zu häufigen Tränenausbrüchen, die von einem lebhaften Zittern ihrer Unterlippe angekündigt wurden. Anfangs hatte mich diese Unterlippe brennend interessiert, so wie alle anderen Kinder auch, und wir hatten uns vor Jenny gestellt und sie so lange angestarrt, bis sie vor Verlegenheit nicht mehr weiterwusste, bis die Unterlippe endlich bebte und die Tränen kamen. Später war mir das Weinen peinlich gewesen, und wie jeder übersah ich es.

Jenny war eine Klette, doch während alle anderen Kinder es schafften, die Klette auszureißen, hing sie an mir fest.

Ich zog eine Tüte aus meinem Rucksack, und Jennys Hysterie sackte zusammen. Ich wusste, dass sie lieber in einem Keller ohne Licht eingesperrt gewesen wäre, als hier am Weiher zu sein, aber sie lief nicht weg. Hatte sie Angst, mich allein hier zu lassen? Oder traute sie sich ohne mich nicht zurück durchs Schilf? Es war mir egal. Ich legte mich auf den Bauch und zog die Tüte langsam durchs Wasser, und während sie sich mit Kaulquappen und Seewasser füllte, stand Jenny reglos da. Dann und wann zog sie einen Fuß in die Höhe, unter dem sich eine Lache brackigen Wassers gebildet hatte. Sie jammerte nicht, sie bettelte auch nicht mehr, sondern fügte sich stumm in ihr Schicksal. Als die Tüte voll war, stand ich auf und wir gingen zurück.

Im Winter war der Weiher zugefroren, der Schilfwald versteinert. Die Halme ließen sich brechen wie Glas. Im Winter durften alle Kinder zum Weiher. Sie fuhren Gleitschuh und kickten Tannenzapfen mit Stöcken über die winzige Eisfläche.

Ich mochte den Weiher im Sommer lieber. Wenn ich Jenny Ziegler erst vergrault hatte, gehörte er mir allein. Ich hatte einen geheimen Fleck. Unter einer Trauerweide, direkt am Ufer. Die Zweige griffen auf einer Seite ins Wasser, zur Landseite hin hingen sie bis auf den Boden herab. Bog ich sie zurück und schlüpfte in den Zwischenraum, war ich in Halbreich. Halb Wasser, halb Land. Halb Licht, halb Schatten. Das Reich, das zum Totensee führte.

Alle Kinder redeten nur vom Totensee, wenn sie den Weiher meinten. Der Name gehörte uns, er war eins dieser Geheimnisse, das die Erwachsenen ausschloss, und das wir flüsternd untereinander weitergaben. Jedes Besuchskind wurde eingeweiht. Vielleicht wussten wir Kinder mehr als die Erwachsenen. Wir wussten, dass alle Dinge mindestens zwei Namen haben.

Einmal dachte ich: Wenn Erwachsene vorher Kinder waren, müssten sie den Namen des Weihers kennen. Aber niemand schien sich zu erinnern. Und so stellte ich mir das Erwachsensein wie eine Krankheit vor, die nach und nach das Gedächtnis löschte. Ich wollte nie so werden.

Der Totensee. Und ich hatte herausgefunden, dass er sich nur tot stellte. Denn wenn ich lange Zeit ganz still in Halbreich saß, vergaß der Totensee irgendwann, dass ich da war, und fing an zu atmen. Winzige Blasen stiegen auf und platzten auf der Oberfläche. Hin und wieder hörte ich ein schnappendes oder gurgelndes Geräusch, doch sobald ich auf die Stelle im Wasser schaute, wo etwas von ganz unten nach oben geschwommen war, um Luft zu holen, war es bereits vorüber, und nur die auslaufenden Kreise zeugten vom versteckten Leben unter der Oberfläche.

Ich saß unter der Weide, nahm meinen Rucksack ab und griff in das Seitenfach. Ich zog den silbernen Löffel heraus, über dessen Griff sich ein graviertes „Mila“ zog. Mit den Händen schaufelte ich ein Loch in die lockere, feuchte, schwarze Erde, legte den Löffel hinein und schaufelte die Erde wieder auf. Dann zog ich einen hellen Kiesel aus meiner Hosentasche und legte ihn auf die Stelle. Zufrieden sah ich mich um. In regelmäßigen Abständen lagen Kiesel überall, meine Geheimschrift.

Seit ich schreiben konnte, faszinierten mich Buchstaben. Ma hieß Marie, das waren fünf Buchstaben. Der fünfte Buchstabe des Alphabets war E. Ich hatte lauter E’s aus Zeitungen geschnitten und sie überall verteilt. Unter dem Federkissen. In ihrem Brillenetui. In dem Glas mit den Herztabletten – Schutz-E’s. Papa hieß Arnim, das waren auch fünf Buchstaben, für ihn galten die E’s gleich mit. Eins hatte ich zwischen die Polster seines Sessels gesteckt.

Bevor ich geboren wurde, war Papa Zeichner in Dresden gewesen. Er hatte die ganzen grausigen Bilder in dem Buch von Edgar Allan Poe gezeichnet: das scharfe Pendel, das sich über den Gefesselten senkte, die kochenden Strudel des Malstroms und Berenice, die in ihrem weißen Totenkleid wiederauferstanden war. Dieses Totenkleid war ein Kunstwerk. Es bauschte sich in hundert Falten und weißen Spitzenrüschen über eine ganze Buchseite. Papa hatte auch die Klaviertasten und die Fingerübungen in dem Heft Unterm Notenbaum gezeichnet und alle Pflanzen, die in der Großen Enzyklopädie der Heil- und Giftpflanzen abgebildet waren, sämtliche Blüten und Samen und Stängel. Von vorn, von oben und in der Mitte durchgeschnitten.

Die Pflanzenzeichnungen waren überall im Haus verteilt: Wiesenschaumkraut und Eberwurz hingen in der Küche. Lila Disteln, Trompetenbaum und Goldlack rauschten, in helle Rahmen gespannt, im Korridor. Durch Mas Zimmer rankten sich Blumenrohr und Frauenhaar. Und ich selbst schlief, seit ich denken konnte, in einem Bett, das von Zaunrinde und Lerchensporn umgeben war.

Im Schankraum aber hing Schierling. Federgezeichneter Schierling in allen Größen und von allen Seiten, mit weißen Blüten und weinrot überlaufenen Stängeln, bläulich bereift. „Schierling“, hatte Papa immer gesagt, und die Fältchen kräuselten sich dabei um seine Augen, „ist das beste Mittel gegen Trunkenheit.“

Nach der Schule suchte ich bei meinen Streifzügen durch den Wald nach Schätzen. Ein besonders schönes Ahornblatt, eine Libelle mit regenbogenfarbenen Flügeln, eine leere Zigarettenschachtel mit ausländischen Worten. Papa sah sich alles ganz genau an und verstaute es dann in einer Blechdose.

Ma war damals dreiundfünfzig, Papa war zwanzig Jahre älter. Ich war sieben und ihr kleines Wunder. Ich hatte es mir nie anders gewünscht, weil ich es mir anders gar nicht vorstellen konnte.

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Als Papa starb, war ich neun.

Am Abend nach der Beerdigung machte Ma den Anker zu. Sie hängte einen Zettel an die Tür, und wir gingen nicht mehr aus dem Haus. Es waren Sommerferien, ich musste nicht zur Schule, und im Haus gab es Arbeit genug.

So viel Arbeit, dass ich vergaß zu weinen. Eine fiebrige Strömung ging durch alle Räume, unsichtbar, etwas wie Elektrizität, und Ma und ich trieben mit.

„Ein Herz ist so groß wie eine Faust“, sagte sie und legte einen Stapel Seidenpapier auf den Tisch. „Und Papa …“ Sie sah mich an. „Papa heißt …“

„Arnim“, sagte ich. Und da verstand ich.

Wir gingen langsam durch die Zimmer. Wir sammelten alle faustgroßen Dinge ein, die mit A anfingen. Wir schlugen sie in das Seidenpapier und legten sie in die vielen Truhen. Den Anspitzer mit der kleinen Kurbel, Mas Armreifen, den Anzünder fürs Gas. Den Alleskleber, mein Aufziehauto, Aluminiumdosen.

Der Anker war nicht dabei.

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Ma und ich putzten die Zimmer, zogen Laken über die Möbel und wohnten nur noch in Küche und Wohnzimmer. Wir zupften den Stecker aus dem Telefon und hielten die Uhren an. Wir hängten die Spiegel ab. Wir sahen die Vorräte in Kammer und Gefriertruhe durch. Und in den Pausen, wenn wir staubig in der Küche saßen, las sie mir aus dem Tierlexikon vor.

„Welcher Buchstabe?“, fragte sie.

„M“, sagte ich. Wie am Vortag und am Vorvortag. „M wie Marie.“

„Und wie Mila“, sagte sie und lächelte.

Und dann begann sie beim Mauersegler, wo wir aufgehört hatten, und las bis zum Maulwurf.

Jeden Tag kochte sie eins meiner Lieblingsessen – Eierkuchen, Nudeln mit Tomatensoße oder Königsberger Klopse. Wir machten kein elektrisches Licht an.

Draußen brütete die Hitze, Grillen zirpten, der Eierpflaumenbaum roch drückend süß und summte vor Insekten. Wir aber schoben die Vorhänge vor die Fenster, sogar im Tanzsaal, und der Sommer hörte auf zu brennen und floss nur gedämpft und in fadendünnen Streifen herein. Die Dörfler standen ratlos vor dem verschlossenen Anker. Sie riefen nach Ma, doch wir reagierten nicht.

Abends machte Ma nur die Notlampen im Tanzsaal an. Sie legte eine Kassette in den Rekorder, drückte auf Play, und aus allen vier Boxen in den Saalecken kam ein leiser Walzer. Dann goss sie Bohnerwachs auf die Holzbohlen, band Lappen um unsere Füße, und wir fingen an zu tanzen.

Das Licht der Flammen über ihrem Gesicht. Die in Rot getauchte Stirn. Sie wiegte sich in den Hüften und sah jung aus und gelöst. Ich lachte zurück, drehte Pirouetten und warf Kusshände in ein nichtexistierendes Publikum.

„Bist du nicht traurig?“, fragte ich, als sie eines Nachts eine neue Flasche Bohnerwachs aus dem Schrank holte.

„Oh doch“, sagte sie leise. „So sehr, dass es kein Wort dafür gibt.“

„Warum weinst du nie?“

„Weil ich nicht mehr damit aufhören könnte.“

„Darf man denn tanzen, wenn man so traurig ist?“

„Aber ja!“, rief sie. „Es ist ja die einzige Möglichkeit! – Gib mir deinen Fuß, wir dürfen keine Zeit verlieren. Wir haben noch die ganze Nacht zu tun!“ Und ich hob meine Füße, damit sie die Lappen darumwickeln konnte.

Vielleicht war es anders, doch in meiner Erinnerung ist es so gewesen. Womöglich vergingen Wochen so, ich wusste es nicht, weil alle Uhren standen. Aber eines Mittags hupte jemand vor dem Anker. Wir sahen von meinem Zimmer durch einen Spalt im Vorhang nach unten. Es war ein Motorrad, so glänzend und riesig, wie ich noch nie eins gesehen hatte. Wir sahen, wie zwei Fremde abstiegen und die Helme abnahmen. Wir sahen, wie sie laut an die Tür klopften, dann um das Haus herumgingen und durch die Fenster spähten.

„Wer ist das?“, fragte ich und drehte mich zu Ma um. Schweiß stand auf ihrer Oberlippe, sie sah grau aus, eine Hand hatte sie auf die Brust gepresst.

Ich erschrak. „Schick sie weg!“

„Das geht nicht“, sagte sie. „Das sind Ina und Carsten.“

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„Warum hast du uns nichts gesagt, Marie!“

„Warum sollte ich?“ Ma atmete kurz und schnell.

Wir sahen zu, wie Ina zum Herd ging, um einen Kaffee aufzubrühen. Es war kein Anzünder da, und wir schwiegen, als sie sich fragend umdrehte. Da zog sie ein silbernes Feuerzeug aus ihrer Tasche.

Ina war meine Schwester. Aber ich kannte sie überhaupt nicht! Als Papa und Ma von Dresden nach Schönewalde gezogen waren und den Anker übernahmen, war ich ein Baby gewesen. Aber wenn Ina meine Schwester war, wieso war sie nicht mit uns hier hergezogen?

„Ich war ja schon erwachsen“, sagte Ina ausweichend.

Ma sagte: „Ina hatte damals … andere Pläne.“ Mehr nicht. Egal, wie sehr ich bohrte.

Ina war sechsundzwanzig. Warum hatte sie uns nie besucht? Hatten Ma, Papa und Ina sich zerstritten? Irgendwas war seltsam, aber keiner antwortete auf meine Fragen.

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Ina und Carsten kamen mit der geräuschvollen Wucht von Städtern in den Anker, sie füllten das Haus und vertrieben die schwere Stille der letzten Zeit. Ich stand unter Strom. Ich sprudelte wie Limonade und reichte meine Schätze herum: das Tierlexikon und Die Grube und das Pendel von Edgar Allan Poe mit dem Goldschnitt und Papas Zeichnungen. Ma blieb zurückhaltend, sie lächelte kaum. Es war ganz klar, dass irgendwas vorgefallen sein musste, aber ich wusste nicht, was.

Sie waren sehr freundlich, blätterten in den Büchern, stellten mir Fragen, und nach und nach taute Mutter auf. Sie ging wieder in den Garten. Zeigte den beiden die Bohnenbeete. Zeigte den Geräteschuppen, die Pumpe, den Kompost. Sie zeigte das ganze Haus, auch Boden und Keller, und Carsten wackelte am Geländer, klopfte gegen die Wände und die Treppenstufen, entdeckte morsche Stellen. „Ziemlich marode das Ganze“, murmelte er. „Zeit, einiges zu erneuern.“

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Sie wollten eine Weile bleiben. Abends, als Ma und ich einmal allein waren, fragte sie mich: „Gefallen sie dir?“

Ob sie mir gefielen, wusste ich nicht, aber die Vorstellung von Gästen mochte ich.

Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Ich sah zu, wie sie die Laken von den Möbeln nahmen, die Spiegel wieder aufhängten und die Uhren aufzogen. Sie entfernten auch den Zettel von der Tür, und der Anker hatte wieder geöffnet.

Ina war schlank und sehr schick. Sie trug klingelnde Ohrringe, so groß wie Henkel, und Blusen mit riesigen Blüten darauf. So etwas trug hier niemand. Ihr Haar war auch nicht einfach blond, sondern irgendwie silbrig. Eine Farbe, die ich noch nie gesehen hatte und die mich faszinierte, weil es sie in meinem Tuschkasten nicht gab, eine Farbe, die man erst mischen musste: viel Weiß und ein Tupfer Hellbraun und eine klitzekleine Pinselspitze Schwarz. „Das ist Maiblond“, klärte Ina mich auf, als ich fragte. Sie fuhr sich durch Haar. „Aber nur das von L’Oréal ist gut. Alle anderen Maiblonds sehen aus wie Matsch.“

Carsten war groß und schwer. Wenn er auf sein Motorrad stieg, trug er Ledersachen. Ansonsten hatte er schwarze Jeans an. Sein Gürtel hatte eine auffällige Schnalle: ein silberner Adler.

Hin und wieder spürte ich eine Anspannung zwischen ihm und Ina. Nichts Schlimmes. Manchmal schob er sich von hinten an sie heran, flüsterte ihr etwas ins Ohr, zwinkerte mir dabei zu. Ich saß am Tisch, trank meinen Tee und zwinkerte zurück, doch plötzlich wurde Ina alles zuviel, sie schlug seine Arme weg und wich aus.

Da seufzte er, machte mir ein Zeichen, und wir verschwanden nach draußen. Er riss die morschen Latten vom Zaun und nagelte neue auf. Es war eine schweigsame Arbeit, und der Zaun war lang. Hin und wieder brummte er mir „Zange“ oder „den größeren Hammer“ zu, und ich flitzte in den Geräteschuppen und brachte das Gewünschte. Ohne mich anzusehen, arbeitete er, und ich fühlte mich wichtig, so als würden wir ein Geheimnis teilen, das ich nur nicht verstand.

Am nächsten Tag flatterte Ina durch den Schankraum in die angrenzende Küche, wo ich mit Carsten frühstückte, und rief von der Schwelle aus: „Bärchen!“ Ihr Haar flog, sie sah wunderschön aus, und ich warf ihr ein breites Grinsen zu. Er aber zog die Tür zum Schankraum zu und zischte: „Nicht vor den Gästen!“

Sie wurde rot, und das Glitzern in ihren Augen verschwand. Wenn Carsten dann gegangen war, hockte sie sich vor mich, wühlte ihr Gesicht in mein Haar und murmelte: „Du bist ganz anders als der böse Carsten, du bist mein Kätzchen, meine Milanakatze“, und wenn ich mich versteifte, gluckste sie und sagte: „Oder nein, du bist mein kleiner, bockbeiniger Kater. Aber du gehörst mir …“ Dann ließ sie mich los und strahlte.

Ja, sie waren eigenartig, alle beide, aber das faszinierte mich. Zumindest am Anfang. Am Anfang bogen sich die Tage unter all den neuen, ungewohnten Ereignissen.

Dann fing das Schuljahr wieder an, und fast bedauerte ich es, weil ich einen halben Tag im Anker verpasste. Gleich nach Schulschluss stürzte ich nach Hause. Ich wusste noch immer nicht, ob die zwei mir gefielen, aber ich fand sie spannend, denn sie waren Gäste. Das Aufregende an Gästen war, dass sie nur kurz blieben.

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Ein paar Wochen später aber waren sie immer noch da.

Und langsam geschah, was stets nach einer gewissen Zeit mit Neuigkeiten geschieht: Ich gewöhnte mich daran. Ich verspürte nicht mehr den Drang, jede ihrer Bewegungen zu verfolgen, sondern stromerte wieder draußen im Wald herum. Ich kletterte auf die Hochsitze und sammelte Kastanien für die Rehe in großen Beuteln, die ich zum Förster brachte.

Ich wusste nicht, dass ich eine Katastrophe provozierte. Ich wusste nicht, dass Carsten und Ina sich an das Mädchen gewöhnt hatten, das nichts Aufregenderes kannte, als jede Minute bei ihnen zu sein.

Eines Abends, als ich durchs Gartentor rannte und wie immer die Abkürzung durch den Vordereingang in den Schankraum nahm, als ich, vom Gelächter der Männer begleitet, die ihr Feierabendbier tranken, in der Küche landete, schauten Carsten und Ina mich ernst an. Sie schauten, als wäre irgendeine Entscheidung gefallen.

„Wo warst du?“, fragte Carsten.

Ich löffelte meinen Bohneneintopf; ich war hungrig.

„Es ist nach sechs. Willst du uns mit Absicht Angst einjagen?“

Ich sah Carsten interessiert über meinen Teller an und sagte: „Quatsch.“ Dann löffelte ich weiter.

Ma sagte: „Mila hat ihren eigenen Kopf. Sie war schon immer so.“

Ina drehte sich zu ihr um und sagte: „Sie ist noch nicht mal zehn. Wenn sie sich jetzt schon rumtreibt – wie soll das erst mit fünfzehn werden!“

Ich ließ den Löffel sinken und dachte darüber nach. Nach einer Weile entschied ich, dass es überflüssig war, darauf zu antworten. Ma dachte das offenbar auch, denn sie sagte: „Hättest du dich das nicht damals selbst fragen sollen?“

Ina zog scharf die Luft ein und wollte etwas erwidern, da sagte Ma: „Es gibt keinen Grund für dich … hörst du, Ina, keinen Grund. – Daran hat sich nichts geändert!“ Die Worte waren leiser als vorher. Ich verstand nicht, was Ma meinte, aber es brachte Ina zum Schweigen.

„Na, na – ihr werdet euch doch wohl nicht streiten“, sagte Carsten und lachte ein bisschen. Ina saß da wie ein Denkmal, aber dann lachte sie mit. Es klang künstlich.

Kurz darauf, zu meinem zehnten Geburtstag, schenkten sie mir eine rote Digitaluhr. „Damit du das Abendessen nicht verpasst“, sagte Carsten und legte sie mir um das Handgelenk.

Ich war stolz und lachte. Ich sagte: „Dafür brauch ich sie nicht. Ich seh die Zeit doch an der Kirche.“ Die Kirchenglocke schlug jede halbe Stunde. Sie schreckte dabei die Hunde auf, die dann aufgebracht in den Höfen herumliefen und jaulten, solange der Gong anhielt.

Doch die Armbanduhr gefiel mir. Sie war cool. Sie zeigte nicht nur die Uhrzeit in Deutschland an, sondern auch die in den USA und in Japan. Man konnte sie als Stoppuhr benutzen, als Wecker, und im Dunkeln leuchtete sie. Keiner hatte so eine Uhr. Sie gefiel mir sogar so gut, dass ich sie neben dem Heidekraut in der lockeren Erde auf Papas Grab vergrub. Ich ging nach der Schule oft auf den Friedhof. Ich wanderte herum und sah mir die anderen Gräber an. Manche waren prachtvoll bepflanzt, blühten über und über. Andere lagen unter einer schlichten Efeudecke, deren Ränder akkurat geschnitten waren. Die Gräber im hinteren Teil des Friedhofs hatten gar nichts.

Eins davon mochte ich. Es war mit Unkraut überwachsen, der Stein war bemoost – niemand kümmerte sich darum. Es lag ganz im Schatten, und immer pflückte ich einen Strauß aus Kamille, Schafgarbe und Kuhblumen und stellte sie ihn einer Vase auf das verwahrloste Grab. Dann setzte ich mich in die Oktobersonne vor Papas Grab und schrieb die ersten und letzten Sätze von Poes Geschichten ab. Die vergrub ich rund um die Uhr.

Eines Tages wollte ich ihm auch seine Pfeife bringen, aber als ich die Klinke zu seinem Zimmer herunterdrückte, war die Tür zu. Carsten, der die Treppen hochkam und mich am Schloss herumfummeln sah, sagte: „Das ist jetzt mein Arbeitszimmer, Mila. Ich will nicht, dass jemand meine Sachen durcheinander bringt.“

Papas Zimmer? Es war auch meins! Die Wände dort rochen nach Büchern und Eitempera, nach Papas würzigem Pfeifentabak und dem verbrannten Staub des Diaprojektors. Er hatte in diesem Zimmer nicht nur die Buchhaltung gemacht, sondern manchmal auch gezeichnet. Mit Bleistift oder feinen Pinseln. An einer Wand entlang waren noch die Farbtöpfchen auf altem Zeitungspapier aufgereiht. Die dünnen Pinsel standen in Wassergläsern da. Seit ich denken konnte, hatte ich in diesem Zimmer auf dem Boden gelegen und gelesen, während Papa arbeitete. Umgeben von Edgar-Allan-Poe-Landschaften an den Wänden. Traumlandschaften voller lebender Schatten.

Ich ging zu Ma. Das erste Mal, seit Carsten und Ina angekommen waren, fragte ich, wann sie wieder fahren würden. Ma schnitt Bohnen und sagte: „Sie bleiben noch ein Weilchen. Carsten will einfach nur einen Raum für sich, Mila.“

Ich ließ mir das durch den Kopf gehen. Ich hab ein Zimmer, dachte ich, Ma hat eins, Carsten und Ina haben eins zusammen. Drei Zimmer für vier Menschen. Rein mathematisch war das eins zu wenig, also hatte Carsten recht, und ich beschloss, ihm ein Geschenk zu machen, indem ich auf das Zimmer verzichtete.

Aber dann entdeckte ich, dass Die Grube und das Pendel und das vierbändige Tierlexikon aus meinem Regal verschwunden waren.

„Sie sind alt und haben einen Wert“, sagte Ina am Küchentisch beim Abendessen. „Wir haben sie weggepackt, für später. Man muss solche Bücher vorsichtig behandeln, man malt vor allem nichts hinein!“

„Es sind meine“, sagte ich.

„Es sind Vaters. Sie gehören dir und mir. Ich heb sie für dich auf, bis du groß genug bist.“

Ich drehte mich zu Ma: „Gib mir einen Schlüssel für mein Zimmer. Bitte.“

„Marie!“, sagte Carsten, als Ma eine Schublade aufzog.

„Hört auf!“ Mas Stimme war scharf. „Ihr würdet das auch nicht mögen, wenn jemand in eurem Schlafzimmer rumschnüffelt, oder?“ Sie hielt mir einen plumpen Schlüssel hin. Dann ging sie zurück in den Schankraum zum Tresen. Die Bücher bekam ich nicht zurück.

Die Wochen vergingen, und es wurde nicht besser. Ich zog mich mehr und mehr in meine eigenen Beschäftigungen zurück. Sammelte Bierflaschen aus den Gebüschen und brachte sie zum Laden. Besuchte den traurigen Ochsen auf seiner Koppel. Ich ging auch auf den Friedhof und malte Papa mit Kreide einen Anker auf den Stein.

Eines Tages kam Ina vom Friedhof zurück und legte die Armbanduhr auf den Tisch. „Was soll das, Milana! Die Uhr war teuer. Magst du unsere Geschenke nicht?“

Ich schaute auf die Uhr. „Doch. Ich mag sie.“

„Das macht sie schon immer“, sagte Ma lächelnd. „Mila vergräbt Schätze.“

„So ein Blödsinn!“, unterbrach Carsten. „Sich auf dem Friedhof rumtreiben. Uhren vergraben. Was denn noch alles?“

Ich ignorierte ihn.

„Das ist doch unsere Uhr?“, fragte Ina.

„Es ist meine“, sagte ich und wendete mich an Ma. „Oder nicht?“

Im Schankraum rief jemand „Marie!“, und sie sprang auf und eilte zum Tresen.

Jetzt frage ich mich, ob alles anders gekommen wäre, wenn sie in jenem Moment geblieben wäre, wenn sie Carsten weiter ausgelacht und mir Recht gegeben hätte. So aber saß ich nur am Tisch, aß meine Suppe und antwortete nicht, weil Carsten mich dasselbe fragte wie eben, als könnte ich plötzlich eine andere Antwort haben. Ich aber hasste es, Dinge doppelt zu sagen.

„Marie hat sie total vertuttelt“, sagte Ina. Sie sprach so, als würde ich gar nicht mit am Tisch sitzen.

„Sie weiß nicht, was Werte sind“, bestätigte Carsten. „Sie würde wahrscheinlich auch einen Hundertmarkschein vergraben.“

„Kein Wunder“, sagte Ina. „Sie kommt ja auch nicht in Kontakt mit der Realität. Sie hängt nur im Wald rum. Marie gibt ihr keine richtigen Aufgaben, bereitet sie auf nichts vor. Wenn man nichts dagegen unternimmt, seh ich schwarz. Wie soll sie sich denn später mal durchsetzen?“, sagte sie. „Marie kümmert das gar nicht. Sie ist und bleibt ein sturer Hahn.“

„Sture Hähne geben keine gute Suppe“, sagte Carsten.

Ich starrte auf meinen Teller und dachte: Ihr sollt Ma ja auch nicht essen.

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Carsten und Ina fuhren eines Morgens im Januar ab.

Als sie fort waren, sagte Ma: „Sie werden den Anker übernehmen.“

„Nein!“

„Jetzt kann ich ihnen noch alles zeigen. Ich bin ja nicht mehr die Jüngste.“

„Ich will nicht, dass die wiederkommen!“

„Mila, jetzt hör mal zu. Hier fehlt ein bisschen … frischer Wind. Junges Volk. Es wird wieder Tanz geben, jedes Wochenende. Und sie werden eine Bar im Saal einbauen. Sie haben Kraft und neue Ideen, sie sind jung, Mila.“

Sie verschwieg mir etwas, ich war mir sicher, aber als ich weiterfragte, lachte sie. Sie strich mir über den Kopf, ließ dann Wischwasser in einen Eimer und verschwand damit in den Schankraum. Darin bestand die Macht von Erwachsenen: Sie konnten einfach weggehen.

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Als Carsten und Ina zurückkamen, war es Anfang März. Als Erstes räumten sie die Holztische und Stühle aus dem Schankraum. Sie hatten lauter neue in einem Möbelwagen mitgebracht. Schwarz und mit Metallbeinen. Sie wollten auch das Klavier entsorgen, aber das ließ Ma nicht zu.

„Das ist Vaters“, sagte sie. „Das hat sogar den Krieg überlebt.“

„Ach, das alte Ding“, sagte Ina verärgert. „Da hat doch nie einer drauf gespielt! Das hat doch schon in Dresden nur rumgestanden. Es nimmt nur Platz weg! Wir könnten da noch einen Tisch hinstellen. – Jetzt sei nicht so sentimental!“

Aber Ma blieb hart, und als Carsten vorschlug, das Klavier müsse ja nicht weggeworfen werden, aber es könne doch in meinem Zimmer stehen, damit im Schankraum mehr Platz war, war sie einverstanden.

Danach räumten Carsten und Ina den Dachboden aus. Sie räumten die Sessel, die Kisten und Truhen heraus, die Schachteln und Kiepen und Koffer, die alten Lampen und den Weihnachtsbaumschmuck, sie trugen alles in den Hof und warfen es übereinander, bis der Dachboden leer war und traurig und ausgehöhlt wirkte. Dann bestellten sie den Sperrmüll.

Ina nahm Papas Zeichnungen von den Wänden, sie pflückte Goldlack, Trompetenbaum und lila Disteln. Die Schierlinge im Schankraum. Zaunrinde und den Lerchensporn in meinem Zimmer. Sie hängte auch Mas schöne Geschirrtücher ab. Dummheit, die man bei anderen sieht, wirkt meist erhebend aufs Gemüt. Und: Wer immer Recht hat, wird sehr einsam.

Ich protestierte nicht. Aber ich war wütend. Total wütend! Ich rannte aus dem Haus zum Weiher. Den Friedhof hatten sie irgendwie beschädigt. Kaputt gemacht, dachte ich, aber der Weiher gehörte immer noch mir!

Als ich die Zweige der Trauerweide zur Seite schob, blieb ich erschrocken stehen. Ein Mädchen stand mitten in Halbreich und schob Unrat mit den Füßen raus. Sie hatte ein weißes Kleid an, keine Jacke, und über ihre Stirn zog sich ein Streifen Dreck.

Ein weißes Kleid, dachte ich. Wer trug denn freiwillig ein weißes Kleid? Sie sah aus, als wäre sie von einer Kommunion abgehauen.

„Hi“, sagte sie, als sie mich sah. „Hier sieht’s ja aus!“ Ich fühlte mich ertappt und sah mich um. Es roch intensiv nach etwas Verrottetem. Im Laufe meiner langen Abwesenheit war Laub hineingeweht, das schwarz geworden war, nun vor sich hinglitschte und anfing zu faulen. Sie summte ein bisschen. Ein lila Haargummi hing schief in ihrem verfilzten Haar. Sie stellte sich nicht vor, und sie fragte auch nicht, wer ich war. Sie wischte einfach weiter mit ihren Füßen herum, schubste Zweige und Vogelkot fort, kickte braune Moosstücke hinaus, schleuderte eine schlammige Plastiktüte weg. Nur meine Geheimschrift aus Kieseln ließ sie sorgfältig liegen.

„Ja … äh … hi!“, sagte ich. Dann betrat ich Halbreich und half ihr ein bisschen. „Der Weiher ist eigentlich verboten“, sagte ich. „Du bist zu Besuch hier, oder?“

Sie versuchte die halblangen Ärmel ihres Kleids lang zu ziehen. Sie war ein bisschen zu dünn, oder das Kleid war zu groß.

„Er heißt Totensee“, sagte ich.

„Ich weiß.“ Sie lachte.

Ich sah auf die Adern, die durch ihre Haut schienen. Es war erst März, viel zu kühl, um keine Jacke zu tragen. Und dann schaute ich das Mädchen ganz genau an. Da war etwas. Irgendwas war total seltsam. Ihr Gesicht war so dünnwandig, transparent beinahe. War sie krank? Etwas stimmte jedenfalls nicht mit ihr, und mein Herz ging plötzlich einen Tick zu schnell.

„Was glotzt du so“, fuhr sie mich an.

„Das hier ist eigentlich mein Versteck“, sagte ich schnell.

„Und?“, sagte sie. „Soll ich weggehen?“

„Nee, ist schon okay“, murmelte ich und bückte mich, um Steine einzusammeln.

Später saßen wir nebeneinander in Halbreich und warfen die Steine ins tote Wasser. Sie saß mit ihrem weißen Kleid mitten auf der Erde. Sie fröstelte. Da zog ich, ohne weiter darüber nachzudenken, meine rote Jacke aus und hängte sie ihr um.

„Wollen wir Freunde werden?“, fragte sie und richtete ihren Blick auf mich.

Irgendwas, dachte ich, irgendwas stimmt hier nicht! Ich kam einfach nicht drauf! Mein Blick flog über sie, über dieses Kleid, das so schrecklich feierlich aussah und gar nicht zu ihr passte. Es war ziemlich schmutzig, hatte aber feine Spitze am Ärmel, und um die Taille war ein Seidenband geflochten. Es sah aus, als hätte sie es einer Braut gestohlen. Mein Blick flog über ihr Zottelhaar, die schmutzigen Nägel, abgebissen und hässlich, über die aufgeschlagenen Knie und diese papierweiße Haut. Das dünne Gesicht. Spitz wie ein Eichhörnchengesicht. Als hätte sie … als hätte sie … schon lange nichts mehr gegessen.

Ich sprang auf.

„He“, sagte sie. „Was ist los?“ Ich stolperte aus Halbreich heraus.

„Ich muss … nach Hause …“, stotterte ich.

Ich nahm ihr nicht mal die Jacke ab. Als ich mich auf der Wiese noch einmal umdrehte, winkte sie.

- - -

Ina bekam anhand der Morastflecken auf meiner Hose heraus, wo ich gewesen war.

„Der Weiher ist kein Spielplatz!“ Sie rauchte und aschte auf einen kleinen Unterteller. Der Teller war schon voll. Sie saß im Schankraum zwischen lauter Farbeimern und Farbrollen und zog mich mit einer Hand heran. Sie drückte mich so fest an ihre Brust, dass es an den Ohren wehtat.

„Willst du ertrinken, oder was?“, sagte sie schrill. Ob vor Angst oder vor Ärger war nicht klar. „Du gehst da nicht mehr hin! Das ist eine Regel. Du weißt doch, was eine Regel ist?“ Ich riss mich los. „Bleib da! Ich bin noch nicht fertig!“ Ich blieb stocksteif stehen. Ina drückte die Zigarette so heftig auf dem Teller aus, dass die alten Filter über den Rand rutschten. „Mein Gott, warum gibt es in diesem ganzen Haus eigentlich keinen einzigen gottverdammten Aschenbecher! Das ist doch ein Gasthaus hier, oder etwa nicht?“

Ich ging rückwärts. Langsam. An der Wand entlang, die Carsten und Ina erst geweißt hatten und dann bunte Flecken darauf gemalt hatten, als hätte jemand Farbbomben an die Wände geworfen.

„Das ist modern“, hatte Ina zu Ma gesagt. „Holzwände sind so was von out – damit vergraulst du alle.“ Als ich auf der Schwelle stand, sagte ich: „Es gibt hier keine Aschenbecher, weil sie so groß wie eine Faust sind!“ Dann drehte ich mich um und rannte nach oben.

- - -

Es hatte so gut angefangen. Inas und Carstens Liebenswürdigkeit. Die Aufregung, die sie aus der Stadt mitgebracht hatten. Ihre geräuschvolle Art. Aber manche Dinge, die gut anfangen, werden später ungenießbar. Wie die Eierpflaumen, wenn sie im Sommer vom Baum fielen und niemand sie aufsammelte. Sie platzten, sie gärten, sie verströmten den widerwärtig süßen Geruch von Fäulnis. Sie zogen Ungeziefer an.

Carstens und Inas Beschluss, ihre Stadtwohnung aufzugeben, um für immer in den Anker zu ziehen, musste von vornherein einen zweiten, geheimen Beschluss enthalten haben. Einen Beschluss, der mich betraf.

Ich entschied, trotz der neuen Regel wieder zum Weiher zu gehen. Ich brauchte meine rote Jacke zurück. Ich hatte sie von den beiden bekommen. Wenn sie herausfanden, dass ich sie einfach verborgt hatte, würden sie wieder ausrasten. Aber nicht nur deshalb wollte ich zurück, sondern auch, weil es mir leid tat, dass ich so weggerannt war. Ich wollte das Mädchen wiedersehen.

Auf dem Dachboden stand ein Sack mit ausrangierten Sachen. Ma ließ ihn immer dort stehen, bis das Rote Kreuz eine Kleideraktion ankündigte. Dann stellte sie ihn vor die Haustür. Draußen war gerade ein Handwerker dabei, die alten verschnörkelten Buchstaben Zum Anker abzumontieren. Sie sollten mit Neonlichtbuchstaben in Pink und Blau ersetzt werden. Ich kramte in dem Sack herum.

Aus dem Dachbodenfenster hörte ich, wie Ma und Ina sich draußen unterhielten. „Ich freu mich wirklich, dass wieder Tanz sein wird an den Wochenende“, sagte Ma. „Papa und ich haben das einfach zu selten gemacht.“

„Kein Tanz, Marie“, sagte Ina. „Disko! Zu einem Tanznachmittag kannst du heute keinen mehr hinterm Ofen vorlocken.“ Sie lachte. „Carsten hat das Mischpult schon bestellt. Mit einem Kassettenrekorder Musik zu machen, ist wirklich ein Witz!“

„Es ist gut, dass ihr etwas Schwung reinbringt“, sagte Ma.

„Hier ist die Zeit ja auch wirklich stehen geblieben“, hörte ich jetzt Carsten. „Na ja, nicht nur im Anker, eigentlich überall hier. „Wie habt ihr den Saal überhaupt beleuchtet? Mit dem Lüster?“

Ha, da war sie! Meine alte Jacke! Die tarngrüne, die mir an den Ärmeln zu kurz geworden war.

„Womit denn sonst?“, fragte Marie erstaunt.

„Direktes und stetiges Licht beim Tanzen ist der Tod!“, klärte Ina sie auf. „Heute hat man bewegliches Licht. Damit kommt Dynamik in die Sache.“

„Man darf den Anschluss nicht verpassen“, bestätigte Carsten. „Das machen die Jugendlichen nicht mit. Die sind doch die wichtigste Zielgruppe. Und die wollen was erleben. Wenn man da mit ’ner Technik wie für ’n Rentnertreff anrückt, kommen die nur einmal und dann nie wieder …“

„Wir haben gedacht, wir bauen eine professionelle Lichtanlage ein“, sagte Ina.

„Wenn ihr meint“, sagte Ma.

„Farbiges Licht“, sagte Carsten, „Stroboskoplicht. Und eine Lichtkugel, die bewegliche Lichtspuren durch den Saal zieht.“

Ich hörte nicht mehr hin. Ich schnappte mir die Jacke, schlich nach unten und durch den Kücheneingang aus dem Gasthaus. Ich lief über die Wiesen nach Halbreich und wartete. Dann wanderte ich einmal um den Weiher herum. Ich rief nach dem Mädchen, und da erst fiel mir auf, dass ich nicht mal ihren Namen wusste.

Am Ende ließ ich die Jacke in Halbreich hängen. Nach dem Abendessen ging ich aber noch einmal hin. Als ich die Weidenzweige von Halbreich aufschob, war die grüne Jacke weg und meine rote hing an dem Ast. Sie war über und über mit Blättern und Tannennadeln beklebt, als wäre das Mädchen damit auf die Bäume geklettert. Oder als hätte sie sie absichtlich durch den Dreck geschleift, um eine Tarnjacke daraus zu machen. Es war mir egal. Wozu gab es Waschmaschinen? Erleichtert zog ich sie an und steckte die Hände in die Taschen. Meine Finger ertasteten einen Zettel. Ich zog ihn heraus.

Die grüne Jacke passt gut. Danke. Polly

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Ina stand gerade auf einer Leiter und bemalte eine Wand im Schankraum mit blauen Flecken, als ich hereinkam. Sie sah mich an, die total verdreckte Jacke, ließ den Pinsel in den Eimer fallen und kam zu mir gelaufen.

Sie war wütend. Sie griff mich an den Schultern und schüttelte mich: „Das kann doch nicht wahr sein! Das Ding kostet ein Vermögen, und du hast nichts Besseres zu tun, als dich damit im Dreck zu suhlen!“ Erst wollte ich protestieren, aber dann war es mir einfach zu aufwändig. Sie würde mir sowieso nicht zuhören. Ich schwieg. Sie zwang mich, die Jacke auszuziehen, starrte auf die Moderflecken und die Grasspuren, roch an der Jacke und hob dann den Kopf: „Du hast es schon wieder getan“, sagte sie. „Das hier ist Schlamm vom Weiher!“ Sie zeigte auf einen Ärmel. „Du warst da, obwohl wir es dir verboten haben! Milana, das geht so nicht!“

Ich bekam Fernsehverbot.

Ich hätte vielleicht dagegen rebellieren sollen. Aber Fernsehen hatte mich noch nie besonders interessiert. Ich guckte zwar hin und wieder mal einen Film mit, doch ich war viel lieber draußen. Trotzdem hätte ich ins Wohnzimmer gehen, mit dem Fuß auftreten und lärmend auf mein Recht bestehen sollen. Ich hätte Ina wegstoßen und Carsten in den Arm beißen sollen, wenn sie versucht hätten, mich aus dem Wohnzimmer zu schieben. Es wäre eine heftige Szene mit Schreien und Tränen gewesen, und vielleicht hätte es eine Art Rettung bedeutet. Für jeden von uns.

Aber ich hatte so etwas nie getan. Ich hatte mich noch nie lautstark gegen irgendwas gewehrt. Es war vorher einfach nicht nötig gewesen. Und weil ich nicht wusste, wie man sich wehrte, zog ich mich zurück. Ich machte, was ich immer machte: Ich ging stromern. Und das war ein Fehler.

Denn die beiden waren verliebt gewesen. Nicht in mich, aber in die Vorstellung, ein Kind zu haben. Sie hatten auf einen Ausbruch gewartet. Sie wollten ein Kind, und ein rebellisches Kind wäre zwar schwierig gewesen, aber ihre Leidenschaft wäre zumindest mit einer Leidenschaft erwidert worden. Meine Gleichgültigkeit nahmen sie mir übel.

Und nach dem kurzen, anfänglichen Rausch, der immer bei einer Verliebtheit entsteht, verwandelte ihr Gefühl sich in Eifersucht. Sie wollten etwas von mir. Sie wollten mich, und gleichzeitig waren sie eifersüchtig auf mich. Sie taten so, als würde ich sie bestehlen. Als wäre ich jemand, der ihnen das Mädchen vom Anfang mit Absicht unterschlagen würde.

Als Ina und Carsten merkten, dass mir das Fernsehverbot nichts ausmachte, wandelten sie die Strafe in Hausarrest um. Am lächerlichsten war, dass Carsten sogar den Riegel von außen vor meine Tür schob. Dass er lauschend vor der Tür stand.

Ich trommelte nicht dagegen. Ich schrie nicht: „Lass mich raus! Du hast mir gar nichts zu verbieten, du bist nicht mein Vater!“ Ich stand einfach nur da, die Stirn gegen die Wand gelehnt, still wie das Klavier, das seit Neuestem unterm Fenster stand. Und während ich seine Anwesenheit hinter der Tür spürte, tastete meine Hand über die Wand, zupfte an der Tapete, die sich lautlos in winzigen Flöckchen löste, und die Wut war ein heißer roter Ball, der sich in meinem Kopf blähte.

Ma war nie in der Nähe, wenn so etwas passierte. Sie machte einen Arztbesuch in der Stadt, war bei einer Bekannten oder auf dem Friedhof. Sie zog sich nicht nur aus dem Geschäft im Anker zurück, sie schien sich auch von mir zurückzuziehen.

Ich stand stumm in meinem Zimmer, bis Carsten aufhörte, auf eine Reaktion von mir zu warten, bis seine schweren Schritte die Treppe hinuntergingen. Dann ließ ich die bröselnde Tapete los, nahm meinen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss und versperrte meine Tür von innen. Wenn ich schon nicht mehr hinaus konnte, so konnten sie jetzt auch nicht mehr hinein.

Kurzentschlossen zog ich das Fenster hoch und schaute nach unten. Mich schwindelte, aber ich stieg aufs Klavier und von da aus aufs Fensterbrett, griff nach einem starken Ast und zog mich nach draußen, in den Eierpflaumenbaum hinein. Ich kletterte die vier Meter nach unten und verschwand durchs Tor auf die Wiesen.

Ich dachte nie, dass mir etwas passieren könnte. Carsten und Ina verwechselten mich mit jemand anderem. Mir konnte nichts geschehen, nur dieser Tochter, die es nicht gab.

Das Mädchen sah ich nicht mehr. Aber manchmal fand ich eine Spur. Ich weiß nicht, ob von ihr oder einer anderen. Ich wünschte mir einfach, dass die Zeichen von ihr waren. Der lila Haargummi, der am Zweig einer Birke hing und den ich abrupfte und in meine Tasche stopfte. Kleine Fußtritte in Form eines Kreises am Ufer des Weihers, als hätte sie dort heimlich getanzt. Und einmal einen neuen, ganz weißen Kieselstein mitten in Halbreich, unter dem ich ein krakeliges, auf Pappe geschriebenes P entdeckte.

Und dann, ein paar Wochen später, war sie endgültig weg. Ich fand nichts mehr. Irgendwann danach sagte ich mir, dass da nie etwas gewesen war. Ich vergaß sie sogar.

Ich wurde elf. Ich wurde zwölf. Ich hatte gelernt, ohne Türen auszukommen und mich heimlich über Verbote hinwegzuhangeln.

- - -

Zwölf Jahre alt. Und der Sommer brach an.

Jener Sommer, als sich alles noch einmal veränderte. Ein Sommer, der Fäden spannte, ein spinnwebfeines Netz, das sich mit jedem Tag fester zog.

Ich bettelte Ma an, mir die Haare kurz zu schneiden. Mein langes Haar verfilzte ständig, und der Kamm blieb drin stecken. Es störte mich einfach. Ich wollte es kurz haben, so kurz wie Karina, Jennys große Schwester. Ina machte einen Riesenaufstand deswegen. Trotzdem setzte Ma sich durch.

„Aber nur bis zur Schulter“, sagte Ina. Sie stand neben Ma und sah ihr auf die Finger. „Nicht weiter. Es reicht, dass sie sich schon wie ein halber Junge benimmt. Sie muss nicht auch noch so aussehen!“

„Erinnerst du dich noch, wie du damals ausgesehen hast?“, fragte Ma, während sie schnitt. „Deine Haare waren grün. Und du hast niemanden gefragt …“

„Das war doch was ganz anderes“, sagte Ina. „Das war Auflehnung! Außerdem war ich drei Jahre älter.“

Seit ein paar Tagen waren Sommerferien, und ich hatte ständig Hausarrest. Immer wegen Kleinigkeiten. Immer ein Verstoß gegen irgendeine Regel.

Wenn ich heimlich aus dem Fenster kletterte, zog es mich zum Campingplatz.

Der Campingplatz war neu seit dem letzten Jahr. Der Elberadweg war ausgebaut worden, und plötzlich kamen Ausflügler ins Dorf. Für die war auch der Campingplatz gedacht. Er war am Waldrand errichtet worden, auf einer Wiese, ganz in der Nähe des Weihers. Die Gemeinde hatte ein Toilettenhäuschen und zwei Duschen dort gebaut, eine kleine Küche und einen Feuerplatz. Es gab Strom.

„Da sind sie!“, hatte Carsten im letzten Jahr gesagt, als die ersten ins Dorf gerollt kamen. Er hatte es gesagt, wie man „Hurra!“ rief.

Carstens heimlicher Traum war zwar, aus dem Anker eine Raststätte für Biker zu machen, das hatte er Ma und mir an dem Tag erzählt, als er eine Harley-Davidson-Flagge an dem Fahnenmast vorm Haus hochzurrte. Doch genauso wenig, wie der Weiherweg die Route 66 war, gab es Biker, die es nach Schönewalde verschlug. Und so hatte Carsten sich wohl oder übel damit abgefunden, Radler bedienen zu müssen.

Er hatte an ein Jahrhundertgeschäft geglaubt. Er hatte rote Sonnenschirme liefern lassen. Er hatte Biergartentische und Stühle bestellt und drei nagelneue Liegestühle aufgestellt. Er hatte sogar überlegt, Sand heranzufahren und eine Art künstliche Strandlandschaft zu imitieren.

Als die ersten Radler kamen, hatte er in der Tür gestanden und ihnen breit entgegengelächelt. Doch die Radler fegten am Anker vorbei. Sie fegten vorbei, einer nach dem anderen, Tag für Tag. Nur selten hielt mal einer an, kam herein und trank eine Cola oder eine Apfelschorle, stieg dann wieder aufs Rad, um den Weg zum Campingplatz einzuschlagen, wo später feiner Lagerfeuerrauch aufstieg, wo Gitarre gespielt, Bratwürste gegrillt und Biere getrunken wurden, und alles hatten sie im Kiosk am Campingplatz gekauft. Da hatte Carsten aufgehört zu lächeln. Und als dieses Jahr der Sommer begann und die ersten Radler auftauchten, sagte er nur noch „Scheißcamper!“ und spuckte auf den Boden. „Gucken nur, kaufen nix.“

Der Kiosk war eigentlich nur ein Klapptisch vor einem Bauwagen und gehörte Jamie, einem Aussteiger, den alle in der Schule cool fanden. Ich auch. Jamie war zwanzig. Keine Ahnung, wie er wirklich hieß, alle nannten ihn nur Jamie. Bevor es den Campingplatz gab, hatte sein Bauwagen auf dem ehemaligen LPG-Gelände gestanden. Das Gelände lag brach, Unkraut überwucherte die Ställe, niemanden störte es, dass Jamie dort wohnte. Vor dem Wagen hatte er einen Sessel aufgestellt. Im Winter war er mit einer Plane bedeckt, aber sobald die Tage wärmer wurden, zog Jamie die Plane ab und verlagerte sein Leben von drinnen nach draußen.

Dieser Sessel war ein Monstrum in Lila, das er wahrscheinlich mal aus dem Müll gezerrt hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand sich so etwas freiwillig in die Wohnung stellte. Wann immer man an der LPG vorbei kam, saß er da. Die Beine über die Seitenlehne geworfen, spielte er Gitarre, las irgendeinen Schmöker, rauchte. Manchmal hatte ich ihn Übungen machen sehen. Wie er in die Luft boxte, Liegestütze machte, aber nie lange. Er sah nicht sportlich aus, dafür hockte er einfach zu viel rum, aber er war lässig. Auf eine Art gutaussehend, die Ina nicht mochte. Die langen Haare, die Tätowierungen auf den Armen, das rote Tuch, das er als Sonnenschutz um den Kopf gebunden trug.

Als Ina über Jamie herzog, sagte Ma nur kurz: „Früher hast du genau auf solche Jungs gestanden.“ Ich staunte.

„Ach, Quatsch“, sagte Ina. „Ich hab nie auf Assis gestanden, sondern auf wilde Typen. Der da ist doch garantiert schon ganz verlaust.“

Schon weil Ina ihn verabscheute, mochte ich ihn. Nicht, wie die Mädels aus den höheren Klassen ihn mochten, anders. Ich wollte ihn nicht küssen oder so. Ich wollte wie er sein. Ich glaube, die Jungs aus der Zehnten wollten das auch. Ich sah sie oft aus meinem Fenster mit den Mopeds auf das alte LPG-Gelände knattern.

„Wovon der wohl lebt?“, fragte Ina.

„Der bettelt und klaut sich was zusammen“, sagte Carsten.

„Ach was“, sagte Ma. „Du weißt doch gar nichts über ihn.“

„Ich weiß, dass er zwei Hände hat, um zuzupacken, und dass er gesund ist“, sagte Carsten. „Aber der kommt einfach nicht hoch, der sitzt bloß auf seinem Arsch. Aber was reg ich mich eigentlich auf“, brummte er. „Ein bisschen was davon habt ihr hier ja alle.“

Als der Campingplatz errichtet wurde, hatte Jamie schnell reagiert. Er hatte den Bauwagen an seinen uralten Opel angekoppelt und ihn von der LPG zum Waldrand gefahren. Zehn Meter vom Zeltplatz entfernt koppelte er ihn wieder ab. Und dort stand er nun.

Seinen Sessel hatte er mitgebracht. Genau wie eine erste Ladung an Bier, Limo und Wasser. Gleich am ersten Abend stellte er einen Grill auf. Kaum waren die Würstchen fertig, rissen die Camper sie ihm aus den Händen. Sie standen um den Wagen herum, aßen mit großem Appetit, tranken das Bier, lachten. So gab es plötzlich einen „Kiosk“ am Campingplatz. Niemand nahm es Jamie übel, nur Carsten.

- - -

Ich hockte jetzt fast jeden Abend hinter einem Gebüsch ganz in der Nähe des Campingplatzes. Ich sah zu, wie Jamie Gitarre spielte, wie die Leute sich Getränke von dem Klapptisch nahmen und Geld in ein leeres Saure-Gurken-Glas steckten.

Manchmal war Jamie nicht in seinem Sessel, und das Licht im Bauwagen war an. Dann beobachtete ich, wie irgendwann Karina Ziegler herauskam, Jennys Schwester. Karina war sechzehn und ging in die Zehnte. Im Gegensatz zu Jenny war Karina ein Mädchen, das ich bewunderte. Es schien, als hätte Jenny sich von allen zur Verfügung stehenden Eigenschaften nur die einfallslosen und ermüdenden gegriffen, während ihre Schwester sich die interessanten und spannenden herausgezupft hatte. Karina machte Judo und war die beste Schwimmerin an der Schule. Jenny konnte nicht mal einen einzigen Klimmzug. Karina trug die Haare bis zum Ohr, was ich toll fand. Am meisten aber bewunderte ich, dass sie sich nichts gefallen ließ. Während Jenny bei jeder Kleinigkeit in Tränen ausbrach, schrie Karina jemandem, der absichtlich in sie hineinlief, zu: „Biste blind, oder was? Hier, wie viele Finger halte ich hoch?“ Und dann ließ sie ihre Hand mit dem ausgestreckten Mittelfinger nach oben fliegen.

Wenn sie aus dem Bauwagen kam, sah sie aus, als würde sie glühen. Sie ging die Stufen hinunter, als wären sie nur für sie angebracht. Ich starrte sie aus meinem Versteck heraus an, und ich konnte ihre Hitze fast spüren; sie strahlte sie aus jeder Pore ab wie ein Radiator.

Ich stellte mir vor, was Jamie jetzt tat. Da drin. Ob er sich anzog? Oder ob er noch im Bett lag, die Arme hinter dem Kopf verschränkt? Ich sah Karina hinterher, die pfeifend zum Weiher ging und sich ans Ufer setzte. Wie gern wäre ich Jamie gewesen. Jamie, der in seinem Bauwagen Besuch von so einem Mädchen bekam.

Wenn Karina nicht da war, saß Jamie draußen, und ich sah von meinem Versteck aus zu, wie das Lagerfeuer die Luft rot färbte. Es gefiel mir. Ich kam mir rebellisch vor. Niemand wusste, wo ich war. Carsten nicht, Ina nicht, niemand.

Bis Jamie einen Tages aufhörte zu spielen. Er stellte die Gitarre auf den Boden und begann, sich eine Zigarette zu drehen. „Na, komm schon vor“, sagte er. Er sprach nicht laut. Es war fast, als spräche er zu sich selbst.

Ich reagierte nicht. Er konnte nicht mich meinen.

Er leckte an dem Blättchen und drückte die Zigarette fest. „Mach schon“, sagte er. „Ich weiß, dass du da bist.“ Da kam ich hinter dem Gebüsch hervor.

„Hi“, sagte er und zündete sich die Zigarette an. „Ich bin Jamie.“ Er nahm einen tiefen Zug und atmete dann Rauchkringel aus. „Und wer bist du?“

„Milana“, sagte ich trotzig.

„Die aus dem Anker?“

Mein Gesicht versteinerte. „Wenn du mich verpfeifst, dann … dann …“ Ich wusste nicht, womit ich ihm drohen konnte, ich hatte noch nie jemandem gedroht. Ich wusste nur, dass Carsten und Ina auf keinen Fall davon erfahren durften, dass ich hier war. Das hier war mein Geheimnis. „… dann stech ich die Reifen an deinem Opel platt!“

Jamie sah mich interessiert an. Dann sagte er: „Warum sollte ich dich verpfeifen? Wir stehen doch auf derselben Seite.“

Dann, als ich immer noch mit verschränkten Armen dastand, erhob er sich und sagte: „Hilfst du mir, die leeren Bierflaschen wieder einzusammeln?“

- - -

Von diesem Tag an hatte ich einen Freund.

Tagsüber musste ich im Anker bleiben. Ina wollte wie immer, dass ich ihr in der Küche half, aber ich stellte mich absichtlich blöd an, ließ die Tomaten fallen, stellte die Temperatur am Ofen zu hoch ein, schnitt das Gemüse entweder zu groß oder viel zu klein, bis Ina die Geduld verlor und mich wieder hochschickte.

In meinem Zimmer schrieb ich Briefe an Jamie und Karina, die ich nicht abschickte, sondern in meinem Schreibtisch versteckte, lange, verliebte Briefe, auf die ich Kleeblätter klebte, und währenddessen wartete ich ungeduldig auf die Abende, wartete, dass die trinkenden Gäste eintrafen, dass Carsten und Ina aufhörten, an meine Tür zu klopfen und zu verlangen, dass ich runterkam und irgendwas arbeitete – die Tische im Biergarten abwischte, den Gehweg vorm Gasthof fegte, Gläser polierte. Ich wartete auf den Moment, wenn Carsten den Riegel vor meine Tür schob. Dann flüchtete ich übers Klavier aus dem Fenster zum Campingplatz.

Während ich bei Ina und Carsten immer mein abschreckendstes Schlechte-Laune-Gesicht aufsetzte, sobald ich am Tresen helfen oder die Gäste bedienen sollte, schenkte ich bei Jamie die Getränke aus wie eine geborene Wirtin. Ich lachte die Radler an, ich gab das Wechselgeld mit einem Scherz raus. Wenn Jamie pfeifend am Grill stand, sammelte ich die herumstehenden Bierflaschen wieder ein. Manchmal fegte ich sogar den Bauwagen aus.

Jamie spielte mir später was auf der Gitarre vor, das heißt, er spielte für alle, die sich um den Sessel versammelten, aber ich saß neben ihm auf der Armlehne und wünschte mir die Titel.

Ich hatte also plötzlich einen Freund. Aber das war nicht alles. Ich hatte auch eine Freundin. Denn wenn Karina kam, scheuchte sie mich nie weg. Ich weiß nicht, was sie in mir sah, aber auf keinen Fall eine Konkurrentin. Sie lachte mich an, fuhr mir durchs Haar, und während ich das bei Ina hasste, hielt ich bei Karina ganz still und wünschte mir, sie würde ihre Hand für immer da liegen lassen.

Wir waren ein seltsames Gespann. Jamie, Karina und ich. Wenn Karina und Jamie im Bauwagen verschwanden, stand ich hinterm Klapptisch und passte auf, dass alle die Getränke auch bezahlten, die sie sich nahmen. „Na“, fragte einmal einer der Radler mit einem komischen Grinsen in Richtung Bauwagenfenster. „Da hat dein Freund dich wohl abgeschrieben?“

Idiot, dachte ich, stellte das Bier auf den Tisch und sagte zuckersüß: „Wie kommen Sie denn darauf, dass Jamie mein Freund ist?“ Er ist mein Bruder, dachte ich. Ich lächelte, doch am liebsten hätte ich ihm das Bier ins Gesicht geschüttet.

Der Gedanke, dass Jamie mein Bruder sein könnte, fing an, mir zu gefallen. Das brachte mich beiden noch näher. Ihm. Und ihr.

Wenn Karina und Jamie aus dem Bauwagen kamen und alle anderen sich in ihre Zelte zurückgezogen hatten, weil sie am nächsten Morgen früh aufbrechen wollten, saßen wir noch zu dritt am Weiher. Die Frösche quakten.

Es war ein unglaublicher Sommer. Selbst gegen Mitternacht war es noch warm. Zwar war die glühende Hitze dann aus der Luft gewichen, hatte aber einer drückenden Schwüle Platz gemacht, die die Mücken anzog. Es roch nach den Algen aus dem Weiher, es roch nach Laich und noch nach etwas anderem. Etwas Schwelendem, das unter allem lag, unter diesen maßlosen Sommertagen, nach etwas, das nur darauf wartete, aufzuflammen. Aber das wusste ich noch nicht.

Der Mond beleuchtete die fettgrüne Wiese. Der Boden war warm, er gab noch die Hitze des Tages ab, und Karina rieb Jamie mit Mückencreme ein, dann rieb sie mich ein. Dann legte Jamie seinen Kopf in ihren Schoß, und sie pflückte ein Huflattichblatt und streichelte sein Gesicht oder beugte sich über ihn, um ihn zu küssen. Einmal machte ich ein Foto von ihnen mit Papas alter Polaroidkamera. Ich fotografierte sie, wie sie so lagen – ineinander verknäult, die Hände überall. Sie fuhren auseinander, als der Blitz sie traf, und als das Polaroidfoto unten herausgefahren kam, lachten sie und zogen mich zu sich herunter, zogen mich zwischen sich, und wir sahen uns das Foto an.

„Das ist aber nicht jugendfrei“, sagte Karina grinsend und überließ es mir. Ich schob es in meine Gesäßtasche, lehnte mich an Jamie an und fühlte mich gut. Sie schickten mich nie weg, und ich hatte nie das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein.

Ich sah Karina an, wie sie Jamie küsste, sah seinen ausgestreckten, entspannten Körper, die Tätowierungen an seinen Oberarmen, die zu leben anfingen, wenn er die Schultern bewegte, das schwarze Haar. Ich war nicht eifersüchtig. In diesen Stunden zwischen Abend und Mitternacht, wenn ich bei Karina und Jamie war, war ich glücklich.

- - -

Die Hitze dieses Sommers erreichte Jahrhundertwerte. Die Temperatur stieg von Tag zu Tag – als läge dieser Juli in einem Fieber. Und während ich selbst innerlich immer überdrehter wurde, verlangsamte sich alles um mich herum. Versiegte. Die Hühner legten keine Eier mehr, und die Spatzen flogen nicht. Sie hüpften mit hängenden Flügeln über den staubigen Hof. Die Zitronencreme, die Ina am Morgen gemacht hatte, hatte mittags schon einen Stich. Die Katzen lagen wie betäubt auf den schattigen Treppenstufen, die Bäuche auf den Beton gepresst, sie hoben nicht einmal die Köpfe. Die Wäsche wurde brüchig in der Sonne, und Ma spannte die Laken nur noch in der Scheune auf. Ina stand an der Pumpe im Garten, sie goss Wasser in das Pumpenloch, um das Wasser aus der Erde zu locken, sie bewegte den Schwengel – dreißig, vierzig Mal, und hatte immer noch keinen Erfolg, und erst wenn sie anfing zu schimpfen, kam es – widerwillig, speiend, in einem heißen Schwall.

Im ganzen Dorf roch es nach glühendem Stroh, das Korn gedieh nicht, es war im Frühjahr gewachsen und verdorrte jetzt. Tagsüber stand Carsten missgelaunt in der Tür und schaute auf die Straße. Die Straße war ausgestorben, kein Gast kam, der Anker blieb leer. Die Radler zogen wie immer vorbei, Richtung Campingplatz. Aus dem Fenster sah ich ihnen nach.

Erst zur Abenddämmerung erschienen die ersten Männer aus dem Dorf. Wenn die Hitze nachließ. Sie holten Bier vom Tresen und standen in Gruppen im Biergarten. Sie setzten sich nicht auf die weißen Plastikstühle mit den roten Polstern darauf. Sie standen einfach nur herum. Sie murmelten von der Hitze, sie murmelten von Unheil, immer sprachen sie vom Sommer – es gab kein anderes Thema. Später sahen sie nur noch in den Himmel, nachdenklich und stumm, und ein jeder schien auf etwas zu warten. Auf eine Veränderung, auf Regen, auf ein Wunder.

Es war ein Sommer wie eine geheime Verschwörung gewesen. Er brannte im Haar, er backte das Grün aus dem Gras. Teer tropfte von den Dächern. Er saß in meinen Poren und floss mit dem Schweiß herab. Ich schluckte ihn, Brennnesselsommer, Mückensommer, er war ein beständiger Juckreiz, alle Fenster standen auf, und ich schlug nach den Insekten, ich rannte im oberen Stockwerk umher, rannte auf den Dachboden und kam staubig zurück, ich lachte hysterisch und kratzte mich immerzu. Ich hatte keinen Hunger mehr, nur noch Durst. Ich war leicht und fühlte mich fast durchsichtig vor Glück. In jenen Tagen hatte ich das Gefühl gehabt, ich könnte alles, selbst fliegen. Ich war nicht mehr vorsichtig. Ich war übermütig geworden.

So übermütig, dass ich eines Abends, als ich vom Fensterbrett in den Baum sprang, plötzlich daneben griff und die vier Meter nach unten stürzte.

Der Krankenwagen. Die Liege. Carstens und Inas Gesichter. Der Schmerz, und ich hatte nicht geweint.

Der Tag, an dem ich im Krankenhaus war, war auch der Tag, an dem Ina und Carsten mein Fenster verschraubten. Sie hatten einfach Schrauben durch den Rahmen gebohrt, und jetzt ließ sich das Fenster nicht mehr hochschieben. Als ich mit einem Gipsbein zurückkam, war es zu. Nur die kleine Dachgaube ließ sich noch öffnen. Sie war zu schmal für mich. Sie war zu schmal für jeden.

Ich war sprachlos vor Zorn. Wo war Ma? Warum war sie nie da, wenn ich sie brauchte! Ich sah die beiden an. Die Hitze gloste, und da war etwas im Raum, irgendeine geheimnisvolle Substanz, dichter als Luft.

Ina sagte: „Wir wollen nur, dass dir nichts passiert.“

„Und ich?“, sagte ich bebend. „Weißt du eigentlich, was ich will?“

„Na, dann pack mal aus“, sagte Carsten. Er stand vor mir. Er hielt meine Briefe in der Hand. All die Briefe, die ich an Jamie und Karina geschrieben hatte. Ich wurde blass. Er blätterte sie vor meinen Augen durch und zeigte mir die Seite, auf die ich das Polaroid geklebt hatte.

„Ich war heut draußen, am Campingplatz“, sagte er leise. „Hab mit deinem Freund hier gesprochen. Hab ihm gesagt, wenn er nicht macht, dass er Land gewinnt, hat er ganz schnell einen Haufen Ärger am Hals. Nicht nur wegen Schwarzarbeit, sondern wegen Verführung Minderjähriger. Da geht’s dann nicht nur ihm an den Kragen, sondern auch ihr hier.“ Er tippte auf Karina und als er ihr sagte, klang es, als würde er über eine widerliche Krankheit sprechen.

„Du hast dich rumgetrieben, hinter unserem Rücken, Milana!“, rief Ina. „Du hast uns hintergangen! Und wir haben gedacht, wir können dir vertrauen.“ Sie stand vor mir, die Arme in die Hüfte gestemmt. Sie sah aus wie das „Ungewitter“, das Papa zu Poes Gedicht Annabelle Lee gezeichnet hatte. Da kam eines Tages stracks ein Ungewitter und spieh seinen Geifer aus, Höllengraus … „Und jetzt sag uns noch einmal, dass wir nicht wissen, was du willst!“, rief sie schrill.

Ich schwieg. Ich saß mit meinem Gipsbein auf dem Stuhl und starrte durch beide hindurch. Ich starrte durch das Fenster hinter ihnen nach draußen.

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Ich blieb im Haus, zur Bewegungslosigkeit verdammt. Ma war ebenfalls krank. Das Telefon stand in Carstens Zimmer, ich kam nicht ran, weil ich keinen Schlüssel für seine Tür hatte. Ich hörte sie einige Anrufe machen, konnte aber nicht verstehen, worum es ging. Von niemandem erfuhr ich, was am Campingplatz passiert war. Was mit Jamie war. Mit Karina.

Nach zwei Tagen beobachtete ich vom Fenster aus, wie ein Laster die Straße entlanggefahren kam. Er bremste vorm Anker ab, und ich sah, wie Carsten aus dem Haus kam, kurz mit dem Fahrer redete und dann auf der Beifahrerseite einstieg. Der Lastwagen fuhr an und verschwand in Richtung Campingplatz. Erst nach einer langen Weile senkte sich der Staub auf der Straße

Eine Woche nach meinem Unfall kam Jenny Ziegler zu Besuch.

„Du machst ja Sachen!“, sagte sie und klopfte auf meinen Gips. „Kann ich da was raufschreiben?“

Ich schüttelte den Kopf. Auf gar keinen Fall wollte ich irgendeinen blöden Spruch von Jenny Ziegler auf meinem Bein haben.

„Wieso nicht?“, schnappte sie. „Das ist gemein! Bei Ron haben damals auch alle was auf den Gipsarm geschrieben.“ Ron war ein Idiot. Er war achtzehn, ging aber immer noch in die Zehnte. Den Arm hatte er sich damals bei einer dieser bescheuerten Mutproben gebrochen. Er war als Einziger vom Dach der Sporthalle gesprungen. Jenny fand ihn offenbar toll. Seit Neuestem hockte er oft im Anker rum. Schleimte Carsten an.

Um Jenny wieder aus der Schmollecke rauszuholen, sagte ich: „Okay, du kannst nachher was raufschreiben.“

Sie lachte. Und dann wurde sie plötzlich ernst und raunte geheimnisvoll: „Wo mag er jetzt bloß sein?“

„Wer? Ron?“

„Quatsch“, sagte sie. „Weißt du’s etwa noch nicht?“ Sie machte große Augen.

„Was denn?“, fragte ich genervt.

„Jamie ist weg“, sagte sie. Über ihr Gesicht zog sich eine hektische Röte. Sie suhlte sich darin, es mir als Erste zu sagen. „Seit einer Woche! Über Nacht, stell dir mal vor. Er hat alles mitgenommen, den Opel, den Bauwagen, den Sessel! Er ist einfach auf und davon. Kein Mensch weiß, wohin.“

Ich schluckte und sah nach draußen.

„Der hatte bestimmt was laufen“, sagte sie, lachte dann komisch und klang für einen Moment so wie Carsten. „Hatte Schulden oder so was, garantiert! Sonst haut man doch nicht einfach ab!“ Sie kam zu mir rüber ans Fenster, boxte mich leicht gegen den Oberarm. „Na ja, gut für euch, oder? Dein Onkel hat ja jetzt einen richtigen Kiosk aufgestellt.“

Ich sah sie an, sah auf ihren plappernden Mund und hasste sie.

„Einen richtigen Kiosk?“ Das also war neulich in dem Laster gewesen.

„Ja“, sagte Jenny eifrig. „Achteckig, aus weißem Holz und mit Glühlampen oben dran. Sieht total schick aus. Und Plastikstühle gibt’s jetzt auch da draußen! Und Musik aus Boxen. Ron schmeißt den Laden. Dein Onkel hat ihn dafür eingestellt, dass er abends die Getränke verkauft und grillt, wusstest du das nicht?“

„Wie geht’s eigentlich Karina?“, flüsterte ich.

„Ach die“, sagte Jenny verächtlich. „Kannste vergessen. Hat schlechte Laune bis sonst wohin, hockt stundenlang in ihrem Zimmer und telefoniert mit Rebecca.“ Rebecca war Karinas beste Freundin. Sie standen in der Schule immer zusammen auf dem Schulhof. „Spielt sich tierisch auf, wenn ich den Stecker rausziehe, weil wir nicht so viel telefonieren sollen. Kann ich doch nichts dafür, dass unser Alter immer ausrastet, wenn er die Telefonrechnung sieht. Und nicht nur Karina kriegt es ab, sondern ich auch!“ Jenny steigerte sich rein, kam sich richtig wichtig vor. „Dabei geht’s wieder mal bloß um irgend’n Typen. Macht’n Riesengeheimnis drum. Heult die ganze Zeit. Die ist einfach bescheuert.“

Sie hatte sich einen Filzstift aus meiner Federmappe geschnappt, beugte sich über mein Gipsbein und schrieb quer über mein Schienbein: Mit Feuer und Kanonen – soll dich der Teufel holen – wenn du vergisst – wer Jenny Ziegler ist.

„Vielleicht liebt sie ihn ja“, sagte ich und sah Jenny nicht an.

„Quatsch“, sagte Jenny, sah von meinem Bein hoch und prustete los. „Die doch nicht.“

Wann immer Jenny nach diesem Nachmittag zu Besuch kam, gab ich vor, müde zu sein, und schickte sie weg. Ich konnte ihre dicke, rosige, schwitzende Anwesenheit einfach nicht mehr ertragen. Lieber humpelte ich mittags auf Krücken zu Ma ins Zimmer, beobachtete sie beim Schlafen und sah dann aus dem Fenster in den Garten, der ein langsames und endgültiges Ende nahm.

Schönewalde schien nur noch aus Staub zu bestehen. Staub, der auf der Straße aufstieg, wenn ein Trecker vorbeikam, Staub, der die Fenster überzog, Staub, den ich auch nachts roch. Jeder Regen, der jetzt noch kommen würde, das hatte ich die Bauern unterm Fenster sagen hören, käme für die Felder zu spät.

Die Wochen vergingen, mein Bein schwitzte unter dem Gips, und ich ging mit dem Lineal darunter, um zu kratzen. Die Hitze hielt an.

Ina brachte mir Bücher aus der Bibliothek, damit ich meine Zeit „sinnvoll verbringe“, wie sie sagte. Biografien von Robert Koch und Marie Curie, aber ich schlug sie nicht mal auf.

Stattdessen griff ich immer öfter nach Unterm Notenbaum, ein Heft, das Ina damals übersehen hatte, als sie Papas illustrierte Bücher aus meinem Regal genommen hatte, weil sie angeblich zu wertvoll waren. Unterm Notenbaum war unscheinbar. Es war eine Notenlehre, ebenfalls mit Zeichnungen von Papa. Früher fand ich es langweilig, es war mir einfach nicht unheimlich genug, doch jetzt studierte ich jede Seite.

Ich las mir alles durch – ich las, was eine Oktave ist, was halbe und ganze Noten sind, ich las, was ein Kreuz und ein b ist, ich schaute mir die von Papa gezeichnete Klaviatur genau an, schaute, wie die Finger auf den Tasten lagen, humpelte mit dem Heft zum Klavier hinüber, klappte den Deckel auf und legte meine Finger genauso hin. Ich betrachtete das Bild, auf dem ein A aus dem Klavierkörper herausflatterte wie ein Grünfink, betrachtete ein Fis, das wie Rauch über einer schwarzen Taste aufstieg, und ein E, das sich wie ein Kreisel über einer weißen Taste drehte. Ich drückte die entsprechenden Tasten auf dem Klavier und hörte mir genau an, wie A, Fis und E klangen. Dass Buchstaben eine Melodie erzeugen konnten, war mir neu. Sie konnten traurig oder fröhlich, abgehackt und langschwingend klingen. Manche Tasten ergaben, wenn man sie gemeinsam drückte, einen Wohlklang, andere etwas Schrilles. Tag für Tag nahm ich dieses Heft vor, das ich von den Büchern, die Papa illustriert hatte, immer am wenigsten gemocht hatte, ich las es langsam, ich lernte es auswendig, ich saß am Klavier, das nie jemand gespielt hatte, und legte die Finger so, wie Papa es gezeichnet hatte, ich zählte die Sekunden mit, um den Unterschied zwischen Viertel- und Achtelnote herauszufinden, und während ich all das tat, war mir, als wäre Papa im Raum, als sähe er mir zu, als lägen seine Hände auf meinen.

Ma lag viel im Bett in jenem Sommer; sie konnte nicht atmen. Als ich sie besuchen ging, erzählte ihr aus dem Kopf Der entwendete Brief von Poe. Sie lauschte, und als die Geschichte zu Ende war, sagte sie: „Erzähl mir noch eine, Mila“, und da dachte ich plötzlich an das Mädchen.

Ich hatte schon ewig nicht mehr an sie gedacht. Ich hatte sie sogar vergessen. Aber jetzt fiel sie mir wieder ein. Wie sie in Halbreich gestanden hatte. Wie ich ihr meine rote Jacke umgehängt hatte. Und wie ich dann diese Riesenangst bekommen hatte. Jäh. Und wieder fing mein Herz an, wild zu schlagen. Genau wie damals. Wieder sah ich, wie ich flüchtete, rückwärts und ohne ihr meine Jacke abzunehmen, weil sie aussah … weil sie aussah wie jemand, der …

Die verfilzten Haare, ihre zerfledderten Schuhe …

Die abgeschürfte Haut an den Ellbogen …

Sie war eine Ausreißerin! Sie hatte ausgesehen, als wäre sie schon seit Wochen unterwegs. So schmutzig. Und so dürr. Und dieses schreckliche, weiße Kleid, mit der Spitze und diesem Seidenbändchen und völlig verdreckt … es war das Kleid einer … einer … nein! Ich wollte nicht daran denken. Ich wollte nicht wissen, wo sie hergekommen und was aus ihr geworden war. Ich wollte mich überhaupt nicht an sie erinnern. Ich presste die Lippen zusammen.

„Mila?“

„Ich weiß keine Geschichte mehr“, sagte ich und sah aus dem Fenster.

Ma folgte meinem Blick und wurde unruhig. Sie wollte wissen, was draußen vor sich ging, und leise beschrieb ich ihr die trockene, hartgeröstete Landschaft.

Einmal öffneten wir die Truhen. Wir wickelten die faustgroßen Dinge mit A aus und wieder ein. Ich aber dachte an einen dünnen, krakeligen Buchstaben, der unter einem weißen Kiesel in Halbreich schlief.

Manchmal brachten Ina und Carsten den Fernseher in Mas Zimmer, und wir schauten alle zusammen Menschen unserer Zeit oder Die Entstehung der Welt. Ich spürte, dass Ina das Klavier nicht mochte, dass sie es nicht mochte, wenn ich stundenlang davor saß und meine Finger mit den gezeichneten in Unterm Notenbaum verglich, aber sie sagte es nicht laut.

Ich schloss mich nie aus, wenn sie den Fernseher aufstellten, ich schaute brav alle Filme, die sie aussuchten. Nur sprechen mochte ich nicht mehr mit ihnen. Nicht, seit sie mein Fenster zugeschraubt hatten. Ich erzählte nichts mehr von mir, ich schrieb auch nichts mehr, ich antwortete nur noch, wenn sie etwas fragten.

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Die Bäume standen dicht vor dem Fenster, sie machten das Licht grün, und ich fühlte mich in dem Wirtshaus wie in einer Flasche. Eingesperrt und verkorkt. Es gab Nachmittage, an denen ein Schauer aufkommen wollte, und ich beschrieb Ma den Schauer. Aber er war zu zaghaft, denn bevor er in den Boden dringen konnte, verdampfte er auf der rissigen Erdschale.

Ina kam oft herein. Sie hatte eine Schürze umgebunden, weiß wie der Winter und frisch gestärkt, sie wischte Staub und verrückte dabei meine Sachen auf dem Regal. Sie legte mir Aufklärungsbücher auf das Klavier, was ich peinlich fand. Dann setzte sie sich auf mein Bett. Ich erwiderte ihren Blick. Ich hasste sie nicht einmal. Nein. Dafür war sie mir zu fremd.

Nach einer Weile wich Inas Lächeln und machte einem anderen Ausdruck Platz. Sie presste den Mund zusammen, und ihre Augen verengten sich. Als hätte sie eine Frage gestellt und keine Antwort bekommen. Dann stand sie abrupt auf und verließ das Zimmer. Ich drehte mich zur Wand.

Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Und weil ich schon alles durchgedacht hatte, dachte ich an das Mädchen, das ganz für sich am Weiher getanzt haben musste, ich dachte an ihr feines Gesicht, an die deutlich sichtbaren Adern unter ihrer weißen Haut. Ich hörte wieder ihre Stimme und schaute aus dem Fenster, ich schaute, so weit das Auge griff, bis zum Ende der Dorfstraße, wo die Felder begannen, und dann in die Wiesen, die in den Campingplatz, den Schilfwald und in den Weiher hineinliefen. Ich sank in die Erinnerung, in das Gefühl einer fremden Einsamkeit, das ich an jenem Nachmittag in Halbreich verspürt hatte, und mehr als alles fühlte sich diese Erinnerung wie ein Zuhause an.

Ma spürte, dass etwas Unaussprechliches mit mir passierte. Sie setzte sich auf. Sie sagte meinen Namen und griff nach meiner Hand. Aber meine Hand war schon nicht mehr da. Sie war dort, wo meine Augen waren, draußen, in diesem Sommer, den keiner wollte. Nichts wurde groß in jenem Jahr, selbst die Tomaten blieben winzig und fielen von den dürren, gelben Stängeln. Ma spürte es, und sie hatte Angst. Denn es war der Sommer gewesen, in dem ich langsam verschwand.

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Ma stand wieder auf. Sie stand abends, als wir wieder alle vor dem Fernseher saßen, auf. Sie schaltete den Fernseher ab und sagte: „Ohne das Verbot, rauszugehen, hätte Mila nicht das Fenster, sondern die Tür benutzt! Sie hätte sich nie das Bein gebrochen!“

Ein letztes Mal lehnte sie sich auf. Ein letztes Mal war sie dort, wo wir einander brauchten: miteinander.

Ina fing zu schreien. Ma sprach ungerührt weiter: „Ich hab nichts von Schuld gesagt. Hör auf. Ich bin ihre Mutter.“

Da war Ina still. Ihre Lippen waren blass, und rote Flecken wanderten über ihr Gesicht.

Gegen Ina und Carsten setzte Ma durch, dass alle Verbote aufgehoben wurden. - - -

Manchmal tut jemand genau das Richtige, und später stellt es sich als der wunde Punkt der Geschichte heraus.

Als mir der Gips abgenommen wurde, war der Sommer noch immer wie flüssiger Stahl. Er glühte, als gäbe es kein Ende. Selbst der Wind brachte keine Kühlung, er schwelte auf der Haut. Ich aber fühlte mich nach den Wochen zwanghafter Ruhe wie ein freigelassenes Pferd. Ich probierte ein paar vorsichtige Schritte in meinem Zimmer, ich hüpfte, ich stampfte auf, und dann lief ich durch das Tor hinaus. Es gab kein Verbot mehr, ich durfte auch zum Campingplatz, zum Weiher, einfach so.

Jener Nachmittag. Ich war weit draußen auf den Wiesen, als es anfing. Auf dem Campingplatz war niemand gewesen, er lag verwaist da. Der Kiosk hob sich vor dem Wald ab. Weiß und fremd und leer wie eine Kirche.

Vielleicht hätte ich auf die Vögel achten sollen. Als noch Vögel zu sehen waren. Wie tief sie geflogen waren. Knapp über der Erde, ihre Bäuche mussten schon die Grashalme gestreift haben. Vielleicht hätte ich auch an das Murmeln der Bauern vor dem Anker denken sollen, an ihre stummen Blicke in den Himmel – diese unausgesprochene Kenntnis eines kommenden Unheils.

Denn ohne Vorwarnung stand plötzlich die Landschaft still. Ich hielt an und sah mich um. Vorsichtig. Nichts bewegte sich. Nicht die Bäume, nicht das Schilf am Ufer. Sogar die Wiese um mich herum war wie eingefroren. Alles schien in Erwartung zu verharren. Dann fiel der Ton aus. Keine Grillen mehr, keine Frösche. Kein Vogel.

Ich stand und schaute, und ganz langsam wurde die Wiese grau, als zöge jemand die Farbe heraus, dann wurde sie wieder grün … grau … grün, und endlich sah ich nach oben, zum Himmel.

In die Wolken, die mit einer solchen Heftigkeit über die Sonne gerissen wurden, dass sie dabei zerfetzten. Pechschwarze Wolken, doch die Ränder waren grell. Als die Baumkronen sich zu bewegen begannen, war alles Lebendige schon geflüchtet. Alles, außer mir.

Etwas Gewaltiges schoss von oben nach unten. Ein Rauschen setzte ein, schwoll an, jagte die Stämme entlang nach unten, erreichte die Büsche, das Schilf, die Wiese … mich. Als die ersten Äste fielen, rannte ich los.

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Ich lag in Halbreich, die Arme über dem Kopf, der Sturm hatte die Weidenzweige in Peitschen verwandelt. Der Weiher versuchte nach mir zu greifen, er hatte alle Scheinheiligkeit abgelegt, schwarz und schmierig leckte er das Ufer hoch. Meine vergrabenen Schätze kamen wieder zutage. Meine unterirdische Schutzschicht. Und alles rutschte ins Wasser, und das Wasser lebte, es schnappte, zermalmte und schluckte.

Und plötzlich. Plötzlich zwischen dem Chaos. Zwischen der unnatürlichen Dunkelheit. Zwischen dem Keuchen der Landschaft. Hörte ich etwas.

Jemand rief.

Ich hob den Kopf und schaute durch die Zweige über den Weiher. Als ein Blitz den Himmel zerriss.

Und da sah ich sie.

Sie waren auf der anderen Seite, und sie schienen zu brennen. Sie bewegten sich nicht. Sie standen da wie in Erz gegossen. Sie starrten in den Weiher. Und riefen nach mir. Sie hielten sich fest umklammert, und jeder Ruf schien sie noch weiter ineinander zu treiben. Während um sie herum die Äste von den Bäumen krachten. Ich musste sie retten! Ich sprang aus Halbreich heraus in den Sturm, ich winkte und schrie: „Hier! Ich bin hiiier!“

Da drehten sie sich um. Langsam. Mitten in der Katastrophe. Granit, Grabmale oder Giganten, dachte ich fasziniert, und als sie sich in Bewegung setzten und um den Weiher herumkamen, wich ich zurück, denn mir fiel ein, dass Halbreich mein letztes Geheimnis war, das Ina und Carsten noch nicht kannten.

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Sie schoben die Weidenzweige auseinander.

Irgendwas stimmte nicht. Sie waren größer als sonst. Das schäumende Wasser im Hintergrund hob das Weiß in ihren Augen, das Weiß der Zähne hervor. Wenn sie Angst gehabt hatten, so sah man es ihnen nicht mehr an. Sie wirkten so frisch. Als wäre dies ihre natürliche Heimat. Als würde die Umgebung, in der ich sie sonst kannte, sie grau machen, damit sie nicht auffielen. Das war ein seltsamer Gedanke … und er war noch nicht zu Ende … da war noch irgendwas … aber mein Kopf … er tat plötzlich so weh.

„Milana“, sagte sie mit der vertrauten, schrillen Stimme. „Wie oft, wie oft hab ich dir gesagt …“

„Sie macht das mit Absicht“, unterbrach er.

Ich verstand noch nicht. Ich hatte sie gerettet. Ich schaute ihnen ins Gesicht. Sie lächelten ein enges, geheimes, unbekanntes Lächeln. Ich lächelte vorsichtig zurück.

Ich erinnere mich an die Schatten, die sie geworfen hatten, als sie eintraten. Der Blitz stand in ihren Rücken, und ihre Schatten waren ungewöhnlich lang, die Arme schienen in schmalen Schaufeln auszulaufen, die Finger in Klingen. Ich wollte etwas sagen, als plötzlich eine Wucht meine Stirn traf und explodierte, und noch während ich fiel, erlosch der Blitz und mit ihm die Schatten.

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Als ich die Augen aufschlug, ging mein Blick als Erstes zum Fenster. Es war wieder fest verschraubt. Draußen stürmte es immer noch.

Mein Gesicht war heiß und trocken. Mein Kiefer tat weh, als hätte ich stundenlang auf einen harten Gegenstand gebissen. Ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund, und mein Kopf schmerzte. Ich bin krank, dachte ich. Wenn ich einfach liegen bleibe, dann ist nichts gewesen. Dann bin ich nur krank.

Doch dann sah ich meine Hände auf der Bettdecke. Fremd. Ein fahles Grau, als wären sie schon eine Weile tot. Es war viel zu kalt im Zimmer. Eiskalt.

Worte waren das Schlimmste; Vater hatte recht gehabt. Sie gingen nie mehr weg. Diese Worte, nachdem sie mich nach Hause geschleppt hatten. Als sie mit Ma in meinem Zimmer waren und dachten, ich würde nichts hören.

‚Es reicht! Erst wird sie fast vom Ast erschlagen, dann rutscht sie ins Wasser und ertrinkt um ein Haar! Ich werde mir das Sorgerecht zurückholen. Du bist krank, du kriegst es nicht auf die Reihe, auf sie aufzupassen! Denkst du, ich seh einfach zu, wie sie sich umbringt, Marie? Sie ist doch meine Tochter.‘

S

Ich trug einen Verband um den Kopf, und als wäre das nicht genug, hatte ich noch eine Bronchitis. Ich war in den Weiher gestürzt oder hineingeflüchtet, ich wusste es nicht mehr, aber dass ich unter Wasser gewesen war, daran erinnerte ich mich genau.

Ich konnte kaum reden, nur husten. Ich ging nicht nach unten, wo Ina im Schankraum hinterm Tresen stand. Ich blieb im Bett und wartete, bis Ma mir Hühnerbrühe und Tee brachte. Sie stellte Fragen, aber ich zeigte auf meinen Hals und schüttelte den Kopf. Ich war zu schwach für alles. Nur nicht für das entsetzliche Gefühl, verraten worden zu sein.

Ich werde mir das Sorgerecht zurückholen.

Ich las nichts, ich schrieb nichts, ich spielte auch nicht Klavier. Ich lag nur da, mein Kopf unter dem Verband war heiß, und die genähte Wunde darunter pochte.

Denkst du, ich seh einfach zu, wie sie sich umbringt, Marie? Sie ist doch meine Tochter.

Immerzu kamen die Worte, aber weil ich es vermeiden musste, sie in einen Zusammenhang zu bringen, lenkte ich mich ab, indem ich ein Stück hochrutschte und zu dem zugeschraubten Fenster sah, durch die zitternden Blattspitzen des Eierpflaumenbaums über den Rasen, zu der niedrigen Pforte, die zum Garten führte, auf die Laube mit den winzigen Fenstern, in die Papa mir ein Sofa gestellt hatte, damals, als es ihm noch gut gegangen war. Die Holzkante des Betts drückte sich in meinen Nacken, aber ich blieb reglos liegen. Noch war ich eingehüllt in meinen Schutz aus Empörung.

Als Inas Worte wiederkamen … Sie ist doch meine, ist doch meine, ist doch meine Tochter … versuchte ich, mir die Landschaft draußen als Teil meines Körpers vorzustellen und diesen Körper als Lied. Die Wiesen dort, die Schmetterlinge, die an der Hauswand ausruhten, die Luft, die das Haus von allen Seiten berührte, die hin- und herschwingende Gartenpforte und der Himmel – all dies war eine Erweiterung meines Körpers. A, Fis und E. Ich war gar nicht hier drin, ich war schon lange draußen. Und ich klang. Aber dieser Gedanke war so anstrengend, dass mein Kopf ganz langsam von selbst von der Kante ins Kissen rutschte und ich einschlief. Wenn Carsten oder Ina die Tür öffneten, um nach mir zu sehen, schlief ich jetzt immer.

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Etwas klopfte gegen meine Schläfen, klopfte sich in meinen Traum hinein, klopfte mich wach. Ich schlug die Augen auf. Die Dunkelheit war dicht. Ich hörte gedämpftes Gelächter, auf- und abebbende Stimmen, verzerrte Klänge von Musik. Es drang durch die Bodenbretter. Samstagnacht. Es war Disko im Anker.

Da war es wieder! Mein Kopf schnippte in die Höhe. Ein Scharren. Das Geräusch kam nicht vom Saal unten. Es kam von draußen. Von der anderen Fensterseite.

Da war nur der Eierpflaumenbaum. Die Nacht zog an den Ästen, schlug sie aufs Fensterbrett, gegen die Scheibe. Wie Knöchel. Es wurde lauter. Ich setzte mich auf.

Im Dunkeln war das Fenster ein hellgrauer Fleck, vor dem sich etwas bewegte. Kein Ast. Ein Tier, dachte ich, aber es war zu groß für eine Katze. Ich tastete nach der Nachttischlampe und schaltete sie an. Das Zimmer brüllte vor Helligkeit, doch das Fenster war sofort tiefschwarz. Es klopfte wieder.

Ich schwang die Beine aus dem Bett und fühlte mich nackt. Wenn wirklich etwas da draußen war, würde es mich in all der Helligkeit deutlich sehen. Ich machte das Licht wieder aus und schlich zum Fenster, schirmte die Hände gegen das Glas. Und prallte zurück.

Das Mädchen! Ich sah es deutlich. Blasse Lippen, die Haare lose. Ich starrte hinaus, und das Mädchen starrte herein. Sie machte Zeichen. Dann legte sie die Hände flach gegen das Glas und versuchte, das Fenster hochzuschieben. Sie wird herunterstürzen, dachte ich erschrocken. Ich schüttelte den Kopf und zeigte zur Dachgaube, das einzige Fenster, das sich öffnen ließ. Kaum war die Gaube auf, hielt sie mir ihre Hände hin. Ich stieg aufs Klavier und griff zu. Wie eine Ringelnatter schlängelte sie sich durch die winzige Öffnung, und ich hielt sie fest und zog sie herein.

„Na endlich“, sagte sie. „Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr aufwachen!“

Die Gardine wehte, wir standen uns gegenüber, ich und das Mädchen, dem ich vor zwei Jahren in Halbreich begegnet war. Es wurde kühl im Zimmer.

„Ich friere“, sagte sie.

Ich starrte sie an. Sie trug keine Jacke, keine Schuhe. Das Kleid war dasselbe wie damals, nur bis zur Unkenntlichkeit zerschlissen. Sie war so schmutzig.

„Woher weißt du, wo …“ Meine Stimme war mir fremd. Vielleicht weil ich sie in letzter Zeit kaum benutzt hatte. Oder es lag an dem Verband, der meine Ohren bedeckte. Sie klang, als hätte sich etwas an den Stimmbändern abgelagert. „… wo ich wohne?“

Das Mädchen schwankte und hielt sich am Schrank fest. Wer weiß, wie lange sie schon da draußen auf dem Baum gehockt hat, dachte ich. Endlich kam Bewegung in mich. Ich ging an ihr vorbei zum Klavier, stieg darauf und schloss die Glaube wieder.

Als ich mich umdrehte, saß sie auf dem Bett. Sie war nackt und schob ihr Kleid mit den Füßen zu einem Bündel zusammen. Das muss gewaschen werden, dachte ich automatisch. Noch besser wäre, es endlich wegzuwerfen. Es war ein Totenkleid.

Ich wusste es von Papas Zeichnungen. In dem Buch von Poe gab es eins in der Geschichte Berenice. Berenices Totenkleid war weiß, voller Spitze und wunderschön, und es sah genauso aus wie das, was dort am Boden lag.

Vielleicht wusste sie nicht einmal, dass es ein Totenkleid war. Ich selbst hätte es ohne Papas Zeichnung auch nicht gewusst. Vielleicht hatte sie es in einem Laden gestohlen und gedacht, es wäre ein Sommerkleid. Ich fröstelte. Sie wickelte die Decke um sich. Sie hatte den Finger auf dem Knopf der Nachttischlampe. „Willst du da anwachsen?“, fragte sie. Sie knipste das Licht aus und an und lachte. Ein kleines, lebhaftes Lachen, das sprang im Zimmer umher. Ich zögerte noch. Dann knipste sie das Licht wieder aus, und ich schlüpfte zu ihr unter die Decke. Sie war warm und sie roch nach Wald und Wasser, als sie die Arme um mich schlang und wir einschliefen.

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Aber als ich morgens die Augen aufschlug und das Mädchen in meinem Bett sah, erschrak ich. Sie schlief, und ich schrieb einen Zettel, den ich gut sichtbar auf den Boden legte: „Bitte ganz leise sein!“ Dann schob ich die Tür hinter mir fest zu, drehte den Schlüssel im Schloss und ging im Bademantel hinunter in die Küche. Zum Frühstück.

Sie könnte einfach verschwinden, dachte ich am Tisch, während ich Brennnesseltee trank. Sie war viel kleiner und dünner als ich, und sie hatte kein Problem damit gehabt, durch die Gaube zu kommen. Sie könnte auf demselben Weg wieder verschwinden. Wenn ich hochkäme, wäre alles wie vorher.

Ma nähte etwas an der Manschette von Carstens Hemd. Der hatte die Zeitung vor sich und hielt den Arm still auf dem Tisch. Ich fand es schrecklich, dass Ma Carstens Manschette nähte. Ina stand mit dem Rücken zu uns und schnitt Fleisch. Keiner sprach. Ich lauschte in Richtung Küchendecke. Ich lauschte auf Geräusche von meinem Zimmer oben. Auf nackte Füße über den Bohlen. Auf ein Scharren des Stuhls, ein Kichern. Nichts.

Die Tatsache, dass jemand, der nicht ich war, sich in meinem Zimmer aufhielt, vielleicht gerade auf meinem Stuhl saß und in meinen Büchern blätterte, hatte etwas schwindelerregend Verwirrendes. So als wäre ich an zwei Orten gleichzeitig.

„Können wir nicht das Radio anmachen, es ist so still, Ma.“

Ina drehte sich um, das Messer in der Hand. „Musik beim Essen ist nicht gesund. Genau wie Lesen.“

Ich hab nicht dich gemeint, dachte ich und wischte über die Tischplatte, dabei kam mir der Ärmel meines Bademantels vor Augen. Ein verblichenes Blau, an den Ellenbogen ausgebeult. Der Stoff war zu dünn. Ich fror.

Es war still, aber ich hörte noch ihre Sätze. Ich hörte sie deutlich, sie dröhnten in meinem Kopf.

‚Sie braucht eine feste Hand. Du bist zu alt, Marie. Sie tanzt allen auf dem Kopf herum. Ich finde, du solltest darüber nachdenken.‘

‚Es gibt eine Abmachung, Ina. Erinnere dich. Du bist einfach abgehauen damals. Mila war dir egal. Wir alle waren dir egal. Wir haben nicht mal gewusst, ob du lebst!‘

‚Das war vor zwölf Jahren! Es war eine andere Zeit damals! Jetzt ist eine ganz andere Situation.‘

‚Es ist ein Wunder, dass sie mir Mila gegeben haben, Ina! Weißt du das überhaupt? Sie war nicht mal ganz ein Jahr. Sie hätten sie wegnehmen und ins Heim stecken können. Wir hätten sie nie wieder gesehen!‘

‚Ich konnte nicht hier bleiben, Marie. Du weißt genau, dass ich verreckt wäre. Dass sie fünf Jahre später die Grenzen aufmachen, hab ich nicht wissen können. Das hat keiner gewusst!‘

Ich hatte den Schlüssel in der Hand, beruhigend groß. Ma legte das Nähzeug weg, kam zu mir, löste den verrutschten Verband und legte ihn wieder an.

‚Sie klettert auf Bäume und bricht sich das Bein, sie ertrinkt fast im Weiher. Du hast sie nicht erzogen, Marie. Du hast sie nur aufwachsen lassen. Sie ist wie ein kleiner Junge. Aber in ihrem Alter sollte sie sich langsam für andere Sachen interessieren. Du musst das lenken! Sie sollte was am Computer lernen. Und wenn sie schon so viel liest, dann gib ihr englische Bücher. Wie soll sie denn später Chancen auf Arbeit haben, vor allem hier im Osten, wenn du sie aufwachsen lässt wie Heidi?‘

‚Sie ist ein Kind, Ina.‘

‚Eben nicht! Sie ist fast dreizehn!‘

In der Küche war es warm und trocken. Ich zitterte. Meine Zähne schlugen aufeinander. Ma sagte: „Geh wieder ins Bett, Mila.“

Es roch nach Zwiebeln. Draußen bellten Hunde. Der Vorhang bebte, und ein Sonnenfleck stand unruhig neben dem Ofen. Inas Haare. Sie hatten die bleierne Farbe des Weihers.

„Ich bring dir nachher Hustensaft hoch“, sagte Mutter.

„Nein!“ Als ich merkte, dass ich geschrien hatte, senkte ich sofort die Stimme. „Ich meine … ähm … gib mir jetzt den Saft. Du weckst mich auf, wenn du später kommst.“

Und in meinem Kopf hämmerten die Sätze, die sie gesprochen hatten, immer weiter. Diese Sätze, als sie dachten, ich schlief.

‚Gib sie mir zurück, Marie, du musst nur zustimmen.‘

‚Ich kann nicht.‘

‚Es geht nicht um dich, sondern um Milana! Sie braucht ein stabiles Zuhause! Liebst du sie nicht?‘

Da war der Rücken von Ina, die weiter Fleisch schnitt. Ob die Kälte der Hand durch den Griff des Messers bis in die Klinge drang? Ob das Fleisch an den Schnittstellen kalt wurde?

‚Du musst nur zustimmen.‘

Ich stürzte den Hustensaft hinunter und sprang vom Stuhl. Ich lief die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Als ich drinnen war, drehte ich den Schlüssel herum und stellte mich mit dem Rücken gegen die Tür. Mein Zeigefinger schnellte vor. „Du musst jetzt gehen!“

„Feigling …“

„Irgendwer wird dich schließlich suchen!“

„Mich sucht niemand.“

Sie stand am Glasschrank und versuchte ungeschickt, sich einen Zopf zu flechten. Sie hatte eine meiner Jeanshosen an und mein knallblaues Supergirl-Shirt.

„Wovor hast du eigentlich Angst?“, fragte sie.

„Ich hab keine Angst!“

„Na dann.“

Sie lächelte. Ihr Gesicht war im Spiegelschrank so deutlich, dass es ausgehöhlt wirkte. Ich sah mich selbst daneben und kam mir unscharf vor, hastig dahingewischte Züge. Sie lächelte mich einen Augenblick lang aus einer Leere heraus an, die größer war als alles, was ich je gesehen hatte.

„Du bist abgehauen“, sagte ich kalt.

„Wollen wir denn wirklich keine Freunde sein?“ Und dann streckte sie die Hand aus und berührte den Verband um meinen Kopf. Ich dachte an den Ast, der daraufgeknallt war. Von der Seite. Ich dachte an Jamie, an Karina, und mir war, als müsste ich losheulen.

„Warum kommst du überhaupt zu mir?“, rief ich wütend. „Vielleicht brauch ich ja keine Freunde!“

„Das glaub ich nicht“, sagte sie.

Plötzlich wurde mir warm. Meine Adern tauten seit Tagen der Starre endlich auf, und schmerzhaft heißes Blut rauschte hindurch. Ich sah in ihre Augen und musste dann den Blick senken, als wäre da etwas, das zu hell war, um es direkt anzusehen.

Ich spürte, wie die Spannung der letzten Jahre sich dehnte, sich bis zum Äußersten in meinem Kopf aufblähte, bis ich die Hände an die Schläfen riss, wo der Verband saß.

„Meine Mutter ist gar nicht meine Mutter“, flüsterte ich. „Ich bin Inas Tochter. Ich gehöre ihr.“ Plötzlich war ich müde, hundemüde.

„Das stimmt nicht“, sagte das Mädchen. „So lange du etwas hast, von dem nur du weißt, gehörst du ihnen nicht!“

„Und was soll das sein?“, fragte ich.

„Nicht was“, sagte sie und grinste. „Sondern wer.“ Sie machte einen gespielten Knicks.

„Du?“

Sie nickte. „Wollen wir Freunde sein?“, fragte sie noch einmal. Wie damals in Halbreich. Sie streckte mir ihre Hand hin und sagte: „Ich bin Polly.“ Und als ich einschlug, spürte ich es: Dies hier war der Anfang von etwas, was Ina und Carsten nicht zähmen konnten.

Schritte kamen die Treppe hoch, und Polly, die die Panik in meinem Gesicht gesehen haben musste, sprintete zur Gaube, sprang aufs Klavier und zog sich mühelos hoch und aus der winzigen Luke hinaus in den Baum. Leicht und schnell wie ein Gedanke. Nur das Laub des Eierpflaumenbaums raschelte und bewegte sich noch.

Als die Tür aufging und Ina hereinkam, sich geräuschvoll in meinem Zimmer bewegte, Staub saugte, ein Buch über Energie und Atomkraft aufs Klavier legte und dann all meine Sachen berührte, sah ich zum leise zitternden Baumlaub am Fenster, das aussah, als würde es mir zuzwinkern, und fühlte mich plötzlich leicht. Fast glücklich.

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Ich schlief den ganzen Tag, und in der Nacht fing ich an zu fiebern. Ich warf mich im Bett hin und her, während das Gasthaus unter den Schritten der Tanzenden vibrierte. Ich schnappte nach Luft, ich schwitzte und spürte die Bässe, die von unten durchs Gemäuer stiegen und durch die Bohlen, das Bett und die Matratze hindurch in meinen Körper drangen, sich mit meinem Herzschlag vermischten, meinem Atem.

Der Schlaf hatte mich geschluckt. Ich sah Polly unten im Garten. Es gibt diese Träume, in denen man genau weiß, dass man träumt. Polly war im Geräteschuppen. Kam mit etwas Großem, Glänzenden wieder heraus. Stand jetzt auf der Schotterstraße vorm Haus, winkte mir. Mir? Wo war ich eigentlich? Es gibt diese Träume, da weiß man ganz genau, dass man alles tun kann, eben weil es ein Traum ist. Ich stand auf dem Klavier zur Gaube, zog mich hinaus, breitete meine Arme aus und flog. Ich flog Polly hinterher. Zu den Wiesen. Der Mond schüttete sein Licht über die Wiesen, freigebig, maßlos, was mich an die Nächte mit Karina und Jamie erinnerte, und mein Herz zum Ziehen brachte. Zugleich machte es mich wütend, während alles so merkwürdig bleich war unter mir, fremd, wie verschoben. Ich sah den Kiosk unter mir, diesen Glaspavillon mit knochenweißen Holzstreben, dessen Scheiben im Mondlicht aufglitzerten wie Wasser. Ich sah Polly etwas Großes durch die Luft wirbeln, es war aus Metall, eine Box, ein Kanister? Sie tänzelte um den Pavillon herum und schwenkte das Ding immer in diese Richtung. Ich flog über allem, zog Kreise und lachte und lachte, denn es sah einfach zu lustig aus, wie Polly da wirbelte. Dann war die Box plötzlich weg, und sie hatte etwas anderes in der Hand, einen Spaten? Einen Stab? Eine Axt? Und plötzlich schossen Flammen in die Luft, und ich fegte durch sie hindurch, und ein funkelndes Lachen zuckte vom Himmel wie ein Blitz und zertrümmerte weißes Holz, immer wieder weißes Holz, und hunderte kleine Explosionen zerschossen die Stille, und über allem der Mond, dieser Mond, so ein unglaublicher Mond.

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Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, musste ich sofort wieder lächeln. Ich fühlte eine neue Kraft in mir. Dabei taten meine Hände und Füße irgendwie weh. Ich sah meine Hände an, sie waren rot und hatten Bläschen. Eine Allergie wahrscheinlich, dachte ich. Ich hatte keine Lust mehr, krank zu sein. Ich war gesund!

Ich schlug die Decke zurück, wollte aufstehen, sah auf mein Bettlaken. Auf die Schlammspuren, den Dreck. Vor dem Bett lagen meine Sachen. Die Jeans, das knallblaue Supergirl-Shirt. Ich hob sie ans Gesicht und roch Rauch.

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„Mila! Was machst du so lange da drin!“ Ina hämmerte gegen die Badezimmertür.

Ich hatte das Bad versperrt, hatte das Bettzeug und meine Klamotten in die Waschmaschine gestopft, Pulver in das Fach geschüttet und auf Start gedrückt, hatte mir eine Wanne voll Wasser eingelassen, den Verband abgenommen und war unter dem Schaum verschwunden. Das tat gut. Ich atmete aus.

Die Schlammspuren waren natürlich von Polly. Als sie sich gestern nackt und dreckig in mein Bett gelegt hatte.

„Mila!“

„Ich bade! Ich hab in der Nacht total geschwitzt!“

„Komm raus, es ist etwas passiert!“

Mir doch egal, dachte ich und lauschte, wie Ina wieder nach unten ging. Und wie dann in der Küche ein Streit losging, ein Schreien und Schimpfen, und da wusste ich wieder, dass es das gewesen war, was mich geweckt hatte. Das Gebrüll.

„… selber Schuld. Wer kommt auch auf die hirnrissige Idee, einen Kiosk in der Wildnis aufzubauen, wo keiner ein Auge drauf hat!“, kreischte Ina. „Nicht mal versichert ist das Ganze!“

„Das weiß ich selber!“, brüllte Carsten. „Das können nur diese Scheißnazis gewesen sein, die letzte Woche da waren! Verdammte Mistbande. Schlagen alles zu Klump und zünden es an!“

Ich lag in der Wanne, fühlte mich irgendwie zerschlagen. Zerschlagen, aber auch gut. So als hätte ich einen Stall ausgemistet. Oder ein großes Stück Land umgegraben.

Ich schloss die Augen. Und sah wieder Mondlicht, zuckend, grell und zerhackt wie das Stroboskoplicht, das Carsten unten im Saal anmachte, wenn Disko war, und in diesem Licht sah ich eine Kaskade von Bewegungen, hörte das Knirschen und Krachen von weißem Holz und Glas, und dann, am Ende, ein hohes Kreischen, wie von einem Tier. Oder einem Menschen. Einem Mädchen, das sehr, sehr wütend war. Ich machte die Augen wieder auf und lächelte.