13
Eine kühle und bittere Flüssigkeit tropfte in meinen Mund. Ich hätte sie ausgespuckt, aber es war zu anstrengend. Sanfte, eiskalte Finger berührten meine Wange, und jemand flüsterte mir Koseworte ins Ohr.
Ein Grollen erschütterte meine Welt, während die eisige Flüssigkeit zu Feuer wurde, durch meine Kehle in meinen Magen lief und mich zwang, wieder zu Bewusstsein zu kommen. Der wilde Zorn in der Tonlage dieses Wolfs hatte einen Beiklang von Angst, der mich vollkommen aufwachen ließ.
Ich hatte mich an Stefans Käfig geschmiegt. Der Pflock lag unter mir und drückte sich unbequem zwischen meine Rippen. Das Licht war wieder ausgegangen, und ich konnte brennendes Fleisch riechen, selbst über den Geruch des Dämons hinweg.
Ein Teil von mir wusste, dass ich nicht imstande sein sollte, etwas zu sehen, aber aus irgendeinem Grund war meine Nachtsicht besser als je zuvor. Ich konnte sehen, wie Adam über meinen Kopf hinwegstarrte, die Nase kraus zog und seine Augen in mörderischer Wut gelb leuchteten.
Ich drehte den Kopf ein wenig, um herauszufinden, was Adam anstarrte. Ich sah nur Stefan.
Der Vampir hatte die Finger aus dem Käfig gestreckt, ein paar Zoll oberhalb meines Kopfs. Er hatte einen Schnitt an der Hand, eine große Wunde, aus der Blut floss. Einiges davon lief an den Stangen hinunter, aber das meiste tropfte von seinen Fingern zu Boden. Mein Hals und meine Wange waren nass davon.
Ich leckte mir die Lippen und schmeckte etwas, das vielleicht ebenfalls Blut war – oder das wunderbarste Elixier eines mittelalterlichen Alchimisten. Einen Augenblick schmeckte es wie Blut, nach Eisen und süß, und im nächsten Augenblick verbrannte es meine Zunge.
Funken blitzten in dem dunklen Blut am Käfig auf und zischten auf Stefans Haut, wo sie den Käfig berührte.
Er hatte das Gesicht an seinen hochgezogenen Knien verborgen. »Es ist geschehen«, murmelte er.
Ich wich von dem Käfig zurück und drückte ungeschickt mit meinen unverletzten Fingern auf seine rauchende Hand, die sich sehr kühl anfühlte, und schob sie wieder hinein, weg von den Käfigstangen.
Langsam zog er die Hand zurück, dann hob er den Kopf und schloss die Augen, als die schwache Glühbirne, befreit von der seltsamen Wirkung des Banns, der auf dem Käfig lag, wieder aufflackerte.
»Es wird nur kurz andauern«, sagte er. »Du bist immer noch verletzt, also pass auf, dass du dir nicht mehr wehtust als unbedingt notwendig.«
Ich wollte ihm eine Frage stellen, aber Samuel heulte, und Adam, der seine Aufmerksamkeit nun auf etwas anderes gerichtet hatte, schloss sich ihm an. Als ihr Heulen verklang, hörte ich, dass jemand die Treppe hinunterkam. Es klang, als schleppe Littleton etwas hinter sich her.
Ich ließ mich wieder auf den Boden fallen, das Haar über dem Gesicht, um es zu verbergen – und erst jetzt bemerkte ich, dass es mir besser ging. Erheblich besser. Viel, viel besser.
Eine der Türen zum Flur wurde mit einem lauten Krachen aufgestoßen. Durch den Vorhang meines Haars beobachtete ich, wie Andre durch die Tür flog und würdelos und ungelenk auf dem Boden landete.
Littleton warf gerne mit Dingen um sich.
»Du hast es nicht richtig gemacht«, beschwerte der Zauberer sich und zerrte dabei einen schlaffen roten Werwolf an einem Hinterbein durch die Tür. »Du musst tun, was ich dir sage. Ich habe dir nicht befohlen, den Wolf zu töten, es ist noch nicht einmal Mitternacht. Du wirst meinen Spaß nicht verderben, indem du zu früh tötest.«
Dann blickte er zu uns, oder genauer gesagt, zu Stefan. Ich schloss die Augen beinahe und hoffte, er würde nicht bemerken, dass ich wach war.
»Es tut mir wirklich leid«, sagte er reumütig, als er auf Stefan zukam und dabei immer noch Ben mitschleppte. »Ich war kein besonders guter Gastgeber. Mir war nicht klar, dass du Durst hattest, sonst hätte ich dir etwas angeboten. Aber zumindest habe ich gerade dafür gesorgt, dass es bald etwas zu trinken gibt.«
Er ließ Ben vor mir liegen, dann schubste er mich mit dem Fuß weg. »Ich hätte vielleicht ein bisschen mit der da gespielt«, seufzte er. »Aber Menschen halten nicht lange. Vielleicht bringe ich ein paar mehr her, damit du dich nähren kannst. Es könnte Spaß machen, sie hier freizulassen und zu sehen, wie du sie zu dir rufst.«
Ben war nicht tot; ich konnte sehen, wie sich sein Brustkorb hob und senkte. Aber es ging ihm auch nicht gerade gut. An seiner Hüfte, unter einer blutenden Wunde, hing ein halb abgerissener Hautlappen, und ein Vorderbein war zwei Zoll unter dem Gelenk seltsam verbogen. Seinen Kopf konnte ich nicht sehen, weil der Rest seines Körpers im Weg war.
Littleton ging zurück, um Andre zu holen. Er hob ihn hoch und trug ihn wie einen Geliebten in das Licht, das die Käfige beleuchtete. Den Vampir noch immer auf den Armen haltend, setzte er sich neben die Lampe. Er legte Andre auf dem Boden zurecht wie eine Puppe und zog seinen Kopf auf sein Knie. Andres Gesicht war blutig.
Ich leckte meine Unterlippe und versuchte, den Rausch von Vampirblut auf meiner Zunge nicht zu genießen.
Littleton biss sich selbst ins Handgelenk, zeigte dabei ganz kurz seine Reißzähne, und dann drückte er die offene Wunde auf Andres Mund.
»Du verstehst es«, murmelte er. »Nur du. Du verstehst, dass der Tod mächtiger ist als das Leben. Mächtiger als Sex. Mächtiger als alles. Wenn du den Tod beherrschen kannst, beherrschst du das Universum.«
Es hätte melodramatisch klingen sollen, aber das fiebrige Flüstern sorgte dafür, dass sich meine Nackenhaare sträubten.
»Blut«, sagte er zu dem bewusstlosen Andre. »Blut ist das Symbol von Leben und Tod.«
Schließlich bewegte sich Andre, packte Littletons Handgelenk, hielt es fest und legte es sich um den Arm, ganz ähnlich, wie der hungrige Daniel sich bei Stefans Verhandlung um Andres Handgelenk zusammengerollt hatte. Ich wünschte, Stefans Blut, das ich immer noch spüren konnte, hätte nicht so gut geschmeckt.
Andre öffnete die Augen.
Ich erwartete, dass seine Augen glühten, wie Daniels Augen es getan hatten. Stattdessen wirkte sein Blick angespannt. Wie Adam sah auch er Stefan an.
Littleton murmelte etwas in Andres Haar und hielt dabei die Augen geschlossen. Also nutzte ich die Gelegenheit und bewegte mich nur ein klein wenig, um Andres Aufmerksamkeit zu erregen. Als er mich ansah, schob ich mich etwas weiter zur Seite, so dass er den Pflock sehen konnte.
Wieder schloss er die Augen, ließ Littletons Arm abrupt fallen und zog sich auf alle viere, wobei er sich so bewegte, dass Littleton schließlich zwischen uns war.
»Blut ist Leben«, sagte Andre in einem Tonfall, den ich zuvor noch nie bei ihm gehört hatte. Seine Stimme schwebte durch den Raum wie Nebel und ließ sich kalt auf meiner Haut nieder. »Blut ist Tod.«
»Ja.« Littleton klang berauscht, und ich erinnerte mich daran, wie es sich angefühlt hatte, als Stefan sich von mir genährt hatte. Bis zu diesem Augenblick hatte ich das beinahe vergessen.
Littleton ließ sich von meiner Angst nicht stören und sagte: »Blut ist das Leben und der Tod.«
»Wer befiehlt dem Tod?«, fragte Andre, und seine Stimme verlangte eine Antwort, die mein Mund bilden wollte.
Littleton kam auf die Knie hoch, und ich konnte sehen, wie sich seine Wirbelsäule unter dem Hemd abzeichnete. »Ich!«, kreischte er. Er streckte den Arm aus, packte Andre unter dem Kinn und zog den Vampir dorthin, wo er ihn haben wollte. Er biss direkt oberhalb der Wunde zu, die er zuvor an Andres Hals hinterlassen hatte.
Eine bessere Gelegenheit würde ich nicht bekommen. Ich versuchte aufzustehen und wäre beinahe wieder umgefallen. Eines meiner Fußgelenke wollte mein Gewicht nicht halten, obwohl es nicht wehtat.
Aber ich hatte es nicht weit.
Als er sich über Andre beugte, waren Littletons Rippen deutlich unter seinem Hemd zu erkennen. Jemand hätte ihm sagen müssen, dass dünne Leute keine Stoffe tragen sollten, die an der Haut klebten. Ich wählte eine Stelle zwischen den zarten, sich biegenden Knochen, direkt links der Wirbelsäule, und schlug mit meiner ganzen Körperkraft zu, wie mein Sensei es mir beigebracht hatte.
Wenn mein Fußknöchel in Ordnung gewesen wäre, hätte es vielleicht funktioniert. Mein Training arbeitete gegen mich, und instinktiv versuchte ich, mein Gewicht zu benutzen, um das angespitzte Holz in den Körper zu treiben. Doch mein Bein gab unter mir nach, und der Pflock drang nur einen Zoll tief zwischen seinen Rippen ein.
Littleton sprang mit einem empörten Aufschrei auf. Er schlug blind zu und verfehlte mich nur, weil ich mich bereits wegrollte. Zum Glück war ich schneller als der Vampir. Ich rollte, bis ich gegen die Autobatterie stieß, von der die Lampe gespeist wurde.
»Miststück!«, zischte Littleton.
Ich hob die Hand an den Hals, aber die Kette mit dem Schafsanhänger war weg, abgerissen, als er mich durch den Raum geschleudert hatte. Während ich noch danach tastete, sprang der Zauberer mich an.
Andre packte ihn um die Taille, und beide fielen kurz vor mir auf den Boden. Littleton drückte Andre unter sich, und ich sah, dass der Pflock immer noch in seinem Rücken steckte.
Ich packte die Autobatterie mit der rechten Hand an ihrem Plastikgriff. Knurrend vor Anstrengung hob ich sie über die kämpfenden Vampire und ließ sie auf das Ende des Pflocks niedersausen.
Die Lampe, die immer noch mit der Batterie verbunden war, fiel scheppernd um, und es wurde wieder dunkel im Raum. Diesmal fiel es mir schwer, klar zu sehen – die Gaben, die ich durch Stefans Blut gewonnen hatte, ließen offenbar nach.
Ich drehte mich, bis ich Zees Messer aus der Scheide ziehen konnte. Es war ein wenig schwieriger, als es hätte sein sollen.
Littleton lag schlaff da, mit dem Gesicht nach oben, nachdem Andre ihn von sich heruntergerollt hatte. Der Pflock war ganz durch ihn hindurch gedrungen und ragte mehrere Zoll aus seiner Brust. Er hatte auch Andre getroffen, direkt oberhalb des Schlüsselbeins, aber das schien ihm nichts auszumachen. Er lag flach auf dem Rücken und lachte, obwohl er alles andere als glücklich wirkte.
Meine Schmerzen waren mit Zinsen zurückgekehrt, und mir war schlecht und schwindlig. Ich schluckte die aufsteigende Galle herunter und setzte mich hin, indem ich mich auf meinen gesunden Arm stützte und in eine bessere Position rückte. Das Messer in meiner Hand machte klickende Geräusche auf dem Boden.
Ich hatte Mäuse, Kaninchen und einmal ein Reh getötet, als ich in Kojotengestalt gewesen war. Ich hatte zwei Männer umgebracht – drei jetzt. Aber all das half mir nicht, mich der nächsten Aufgabe zu stellen. Bryan, mein Pflegevater, jagte, sowohl als Wolf als auch mit dem Gewehr. Er und Evelyn, seine Frau, hatten das Fleisch zerlegt, während ich es zum Einfrieren einpackte. Aber ich hatte nie einen Kadaver selbst zerlegen müssen.
Zees Messer schnitt mit einem feuchten, schlürfenden Geräusch in Littletons Hals.
Ich hatte Littleton für tot gehalten – zumindest toter als vorher, meine ich. Aber als das Messer in ihn eindrang, krümmte sich sein Körper.
Die Bewegung erregte Andres Aufmerksamkeit, und er setzte sich hin. »Was? Nein, warte!«
Er schloss die Hand fest genug um meine, dass es blaue Flecken verursachen würde, und riss meine Hand zurück. Littletons Kopf fiel zur Seite. Die Wirkung war irgendwie noch grausiger, als wenn der Kopf vollkommen abgetrennt gewesen wäre.
»Lassen Sie los«, sagte ich und erkannte das Krächzen beinahe nicht als meine Stimme. Ich versuchte, die Hand loszureißen, aber er löste seinen Griff nicht.
»Marsilia braucht ihn. Sie kann ihn beherrschen.«
Man hörte Metall scheppern: die Macht des Zauberers ließ nach, was seinen Gefangenen erlaubte, auszubrechen. Adam war nur einen Sekundenbruchteil schneller neben mir als Samuel an meiner anderen Seite erschien. Beide Werwölfe fletschten die Zähne beinahe lautlos, und ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass ihre menschlichen Anteile gerade Pause machten und nur die Raubtiere zurückgelassen hatten.
Dass mir das keine Todesangst einjagte, zeigt nur, wie traumatisiert ich war.
»Lassen Sie mich los«, sagte ich noch einmal, diesmal leise, um die Werwölfe nicht zu alarmieren, die vor Jagdfieber bebten und nach frischem Blut rochen. Ich war nicht sicher, warum sie nicht einfach angegriffen hatten.
Andre starrte erst Adam, dann Samuel an. Ich weiß nicht, ob er versuchte, sie zu beherrschen, aber falls er das tat, funktionierte es nicht. Adam knurrte, und Samuel winselte eifrig und kam einen halben Schritt näher.
Andre ließ mein Handgelenk los. Ich wartete nicht länger und drückte das Messer durch Fleisch, Knorpel und Knochen, bis Littletons Kopf sich löste und wegrollte und das Messer ins Linoleum drang.
Ich hatte mich geirrt: Es war doch schlimmer, wenn der Kopf vollkommen abgetrennt war.
Du kannst dich später übergeben, dachte ich. Vernichte ihn erst.
Der Rucksack war nicht mehr als zwei Schritte von mir entfernt, aber ich konnte die Kraft nicht aufbringen, ihn zu holen.
»Was brauchst du?«, fragte Stefan, der sich auf der anderen Seite von Littleton niedergelassen hatte, neben Andre. Mir war entgangen, dass er seinen Käfig ebenfalls verlassen hatte. Er hockte einfach plötzlich vor mir.
»Den Rucksack«, sagte ich.
Er stand auf, und bewegte sich dabei, als habe er Schmerzen, aber er brachte mir den Rucksack. Beide Wölfe erstarrten, als er ihn mir über Littletons Körper hinweg reichte. Stefan bewegte sich langsam, weil er in schlechter Verfassung war – aber das erwies sich als gut für ihn. Plötzliche Bewegungen in der Nähe der Werwölfe hätten ein schlimmes Ende nehmen können, obwohl sie sich ein bisschen entspannt hatten, nachdem der Kopf des Zauberers abgetrennt war.
Als ich die Hand ausstreckte, um den Rucksack zu nehmen, sagte Andre: »Marsilia braucht ihn, Stefan. Wenn sie einen Zauberer hat, der tut, was sie ihm sagt, werden sich die anderen ihr beugen müssen.«
»Marsilia kann das auch so erreichen«, erwiderte Stefan müde. »Ein Zauberer ist kein gutes Haustier. Marsilia hat bereits zugelassen, dass ihre Gier stärker war als ihre Vernunft.«
Das Medaillon war kein sehr großer Gegenstand, und es versteckte sich vor meinen suchenden Fingern. Aber es war schwer, also fand ich es schließlich ganz unten im Rucksack. Ich holte es heraus und legte es auf Littletons Brust.
»Was ist das?«, fragte Stefan.
Statt ihm zu antworten, beugte ich mich über Littletons Brust und flüsterte: »Drache.« Brenne, du Mistkerl!
Die Metallscheibe fing an, kirschrot zu glühen. Einen Augenblick dachte ich, das wäre alles, was sie tun würde. Aber dann flackerten Flammen über die Leiche hinweg, die beinahe unsichtbaren bläulichen Flammen eines Bunsenbrenners mit perfekt eingestellter Gaszufuhr. Ich hielt einen Moment inne, um zu bestaunen, wie plötzlich sie aufgetaucht waren, dann sprang Stefan auch schon über die Leiche, packte mich unter den Armen und zog mich zurück, bevor ich ebenfalls von den gierigen Flammen erfasst wurde.
Sein Griff erinnerte mich daran, dass meine Schulter verletzt war. Der plötzliche Schmerz war so heftig, dass ich aufschrie.
»Ruhig«, sagte Stefan und ignorierte die Werwölfe, die ihn mit hungrigen Augen ansahen. »Es wird in einer Minute besser werden.«
Er setzte mich hin und legte meinen Kopf zwischen die Knie. Seine Hände waren immer noch so kalt wie die eines Leichnams. Was er ja auch war.
»Atme«, sagte er.
Ich konnte nicht anders, ich gab ein glucksendes Lachen von mir. Ausgerechnet ein Toter befiehlt mir zu atmen.
»Mercy?«, fragte er.
Ich brauchte nicht zu erklären, warum ich lachte, denn die Außentür wurde genau in diesem Augenblick mit dem Kreischen sich biegenden Metalls aufgerissen.
Stefan fuhr zu dieser neuen Gefahr herum, einen Werwolf an jeder Seite. Auch Andre stand auf. Alle vier verhinderten, dass ich die Tür sehen konnte, aber ich konnte riechen, wer da gekommen war.
Darryl und zwei andere. Das verängstigte Kind in meinem Herzen, das selbst Littletons Verbrennung nicht hatte beruhigen können, entspannte sich schließlich doch.
»Du bist spät dran, Bran«, sagte ich, als das Licht des brennenden Vampirs noch einmal aufflackerte und dann verging.
Es war nicht der Marrok, der mir antwortete, sondern sein Sohn Charles, Samuels jüngerer Bruder. »Ich habe Darryl gleich gesagt, er solle nicht zu schnell fahren. Wenn die Polizei uns nicht angehalten hätte, um uns einen Strafzettel zu verpassen, wären wir zehn Minuten früher hier gewesen.«
Bran ging an den Vampiren vorbei, als existierten sie nicht. Er berührte zuerst Samuel und dann Adam. »Charles hat Kleider für euch«, sagte er, und sie verschwanden im Dunkeln, wahrscheinlich, um sich zu verändern und sich anzuziehen. Brans Gegenwart half ihnen ebenso wie Littletons Tod – sein dauerhafter Tod –, sich wieder so weit zu beherrschen, dass sie sich zurückverwandeln konnten.
Das trübe Licht von draußen machte aus Brans Silhouette einen Schattenriss, so dass es schwierig war, sein Gesicht zu erkennen.
»Du bist ziemlich beschäftigt gewesen«, sagte er in neutralem Tonfall.
»Mir blieb nichts anderes übrig«, erwiderte ich. »Hast du gelesen, was ich für dich hinterlassen habe?« Weißt du nicht, dass noch nicht alle Schurken Asche sind?
»Ja«, sagte Bran, und etwas in mir entspannte sich. Er konnte nicht wissen, wer von den Vampiren Andre war – aber er würde es schon erfahren, darauf vertraute ich.
Er kümmerte sich nicht um die Vampirasche – oder was sonst von Littleton übrig geblieben war – sondern kniete sich vor mich, so dass er sich vorbeugen und mir einen Kuss auf die Stirn drücken konnte.
»Was du getan hast, war wirklich verdammt dumm«, sagte er so leise, dass nur ich ihn hören konnte, und auch das nur knapp.
»Ich dachte, du würdest es vor dem Morgen nicht schaffen«, erwiderte ich.
»Ich habe mich beeilt.« Er legte die Hand auf meine Schulter.
»Aua«, sagte ich und rollte mich noch mehr zusammen.
»Samuel«, rief er. »Wenn du dich ein bisschen beeilen könntest – ich glaube, du hast hier eine Patientin.«
Meine Schulter war nur ausgerenkt, und Samuel renkte sie so sanft er konnte wieder ein. Es tat aber immer noch verdammt weh. Ich schauderte und zitterte, und es gelang mir gerade eben so, mich nicht zu übergeben, während Adam, der seine Stimme vor Wut kaum beherrschen konnte, allen erzählte, was passiert war, nachdem Andre und ich aufgetaucht waren.
Andre war offenbar immer noch verdutzt über Littletons Tod. Stefan kniete neben ihm, eine Hand auf seiner Schulter und ein misstrauisches Auge auf alle Wölfe gerichtet.
Ich wartete, bis ich sicher war, dass ich sprechen konnte, ohne mich zu zittrig anzuhören – und bis Adam zu Ende berichtet hatte. Dann sah ich Stefan an und sagte: »Andre ist derjenige, der Littleton geschaffen hat.«
Andre sah mich schockiert an, dann warf er sich nach vorn – ich weiß nicht, ob er mich angegriffen oder nur versucht hätte zu fliehen, aber Stefan hatte ihn ohnehin im Griff. Bevor es zu einem echten Kampf kommen konnte, halfen Charles und Darryl ihm dabei, den anderen Vampir festzuhalten.
»Ich hatte dich fragen wollen, ob du wirklich sicher bist«, sagte Stefan und überließ Andre den Werwölfen, die sichtbar in besserer Verfassung waren als er selbst. »Aber Andre hat die Frage schon beantwortet.«
»Ich habe Beweise«, sagte ich.
»Darüber würde ich gern mehr hören«, erwiderte Stefan. »Und sei es nur, um der Herrin Bericht zu erstatten. Aber erst habe ich eine andere Frage – hat jemand ein Handy, das ich benutzen könnte, um meine Siedhe anzurufen? So dankbar ich für Ihre Hilfe bin, Adam, aber ich glaube, es wäre nicht gut, Ihre Wölfe jetzt in die Siedhe zu bringen, wenn die Gemüter immer noch so aufgebracht sind.«
Die Vampire kamen und brachten Andre weg. Ich hatte erwartet, dass Stefan mit ihnen gehen würde, aber das tat er nicht. Samuel bestand darauf, mich ins Krankenhaus zu fahren, obwohl Charles und Darryl Ben, der viel schlimmer dran war als ich, in Darryls Auto zu Adams Haus brachten.
»Wie kommt es, dass ich nicht nach Hause gehen darf?«, wimmerte ich. Meine Schulter tat weh, und ich wollte einfach nur in mein Schlafzimmer gehen und mir die Decke über den Kopf ziehen.
»Weil du kein Werwolf bist«, sagte Stefan. »Wenn dein Knöchel gebrochen ist, brauchst du einen Gips.«
Die Werwölfe, die nicht fuhren – Adam und Samuel –, warfen ihm einen kalten Blick zu. Bran hatte Adams SUV mitgebracht, und mit drei Werwölfen und einem Vampir im Auto zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung in Sachen Testosteron. Als Samuel und Adam sich mit mir auf dem hinteren Sitz platziert hatten, kletterte Stefan auf den Beifahrersitz. Bran ignorierte den Vampir weiterhin.
Wir taumelten alle fünf in die Notaufnahme. Der Einzige, der auch nur halbwegs achtbar aussah, war Bran, und er trug mich auf den Armen. Erst als ich uns im grellen Licht des Krankenhauses betrachtete, erkannte ich, wie schlimm wir aussahen. Ich war mit Blut bedeckt. Stefan war mit Blut bedeckt. Er sah abgehärmt und müde aus, obwohl seine Miene friedlich war. Ich wollte nicht wissen, wie mein Gesicht aussah.
Samuels Kleidung mochte sauber sein, aber er machte den Eindruck, als hätte er eine ganze Woche lang gezecht, und Adam … Die Schwester an der Aufnahme warf einen Blick auf ihn und drückte dann den unschuldig aussehenden Knopf unter ihrem Schreibtisch.
Es war jedoch nicht unser abgerissenes Aussehen, das sie so in Angst und Schrecken versetzte, sondern der Ausdruck in Adams Augen. Ich war wirklich froh, dass Bran uns begleitete.
»Schon gut, Elena.« Samuels Stimme war ein raues Knurren, das kaum mehr menschlich klang. »Ich kümmere mich um sie.«
Sie sah ihn noch einmal an und wirkte schockiert. »Dr. Cornick?« Sie hatte ihn nicht erkannt, als wir hereingekommen waren.
»Rufen Sie die Polizei von Kennewick an«, sagte ich. »Fragen Sie nach Tony Montenegro. Sagen Sie ihm, Mercy habe Neuigkeiten für ihn, falls er hierherkommen kann.«
Die Bürokraten des Krankenhauses würden Samuel früher oder später ausfragen, dachte ich. Ich wusste nicht, ob er eine Schicht verpasst hatte oder nicht, aber sie würden nicht übersehen, dass er mit Leuten wie uns zu tun hatte. Die Polizei konnte ihm Schützenhilfe geben – und ich dachte, es wäre vielleicht auch gut für Tony zu wissen, dass die Werwölfe seine Sorgen ernst genommen hatten. Außerdem würden die Wölfe erfahren, dass sie bei der Polizei Verbündete hatten. Leute, denen sie vertrauen konnten. Das war wichtig, wenn sie sich jemals wirklich integrieren wollten.
Es gab nur wenige Leute im Warteraum, und alle hielten mit dem, was sie gerade taten, inne, um Adam anzusehen. Der Geruch nach Angst wurde plötzlich stärker als der nach Krankheit und Blut. Selbst Bran verkrampfte sich ein wenig unter der Flut von frischen Witterungen.
Samuel ging direkt durchs Zimmer und ignorierte die Frau, die tapfer auf uns zukam, um uns nach unseren Versicherungen zu fragen.
Bran wartete einen Moment, bevor er Samuel durch eine doppelte Schwingtür folgte. »Keine Sorge«, sagte er freundlich zu der Frau. »Dr. Cornick wird sich schon darum kümmern, dass alle notwendigen Formulare ausgefüllt werden.«
Tony kam so zielstrebig in die Notaufnahme, als wäre er schon ein- oder zweimal dort gewesen. Er trug Zivilkleidung, Jeans und T-Shirt, aber der junge Mann mit dem freundlichen Gesicht, der ihn begleitete, war in Uniform.
Er schlenderte in meine mit Vorhängen abgetrennte Nische und sah sich um. Samuel war unterwegs, um irgendwelche Arztdinge zu tun, aber die anderen warteten alle an meiner Seite. Stefan und ich hatten uns gewaschen. Ich trug eins dieser albernen Krankenhaushemden, aber Stefans Kleidung war immer noch voller Blutflecke. Bran saß auf dem Stuhl des Arztes und drehte sich damit langsam im Kreis. Er sah aus wie ein gelangweilter Teenager. Wie die Leute im Wartezimmer ignorierten auch Tony und sein Begleiter Bran und konzentrierten sich stattdessen auf Adam, der sich gegen eine Wand gelehnt hatte. Stefan war in einer Ecke zusammengesackt und erhielt nur einen schnellen abschätzenden Blick, bevor die Polizisten beide wieder Adam anschauten.
»Tony, das hier ist Adam Hauptman – wir haben erst gestern über ihn gesprochen. Adam, das hier ist mein Freund Tony.«
Die anderen wollte ich ihm lieber nicht vorstellen.
Tonys Miene erstarrte, und er blieb stehen. Ich nehme an, er hatte Adams Gesicht nicht mit seinen Fotos in der Zeitung in Verbindung gebracht, bevor ich den Namen genannt hatte. Adams offizielles Foto zeigte einen konservativen Geschäftsmann. Heute Nacht hatte er nichts Geschäftsmäßiges oder Konservatives an sich. Zorn strahlte auf eine Weise von ihm ab, dass wahrscheinlich selbst Menschen seine Aura spüren konnten.
»Hey, John«, sagte Tony lässig zu dem Uniformierten, nachdem er schnell den Blick von dem Alpha abgewandt hatte. Ich nehme an, auf dem Informationsblatt über Werwölfe, das die Polizei ausgegeben hatte, stand unter anderem, dass es keine gute Idee war, einen von ihnen niederstarren zu wollen. »Warum holst du uns nicht einen Kaffee?«
Der andere Cop sah Tony einen Moment misstrauisch an, aber dann fragte er nur: »Wie lange soll es denn dauern?«
Tony warf mir einen Blick zu. Ich zuckte die Achseln und bedauerte das sofort. »Nicht länger als zehn Minuten.«
Als der andere Polizist weg war, zog Tony die Vorhänge zu. Das gab uns nicht viel Abgeschiedenheit, aber die lauten Geräusche von geheimnisvollen medizinischen Maschinen würden unsere Gespräche vor Menschenohren verbergen.
»Du siehst aus, als ginge es dir ziemlich schlecht«, sagte er.
»Es war nicht die Polizeiwache«, erwiderte ich, zu müde, um ihn wie sonst zu necken. »Aber sein Versteck war nicht mehr als eine halbe Meile entfernt.«
»Du hast es gefunden.«
»Ich habe ihn umgebracht«, sagte ich. »Ich denke, du wirst feststellen, dass sich das Nachtleben von jetzt an wieder ein wenig beruhigt.
Tony sah mich fragend an. »Er?«
»Ja.« Stefan klang müde. »Ein Wesen, das es niemals hätte geben dürfen. Es war kein Mord, Sir. Es war Notwehr.«
»Keine Sorge«, fuhr Bran nüchtern fort. »Es gibt keine Leiche.« Das war nur deshalb der Fall, weil ihm aufgefallen war, dass Littletons Kopf noch herumlag, und wir Zees Medaillon benutzt hatten, um auch diesen letzten Rest noch loszuwerden. Das hatte ich alles fast schon wieder vergessen. Wahrscheinlich hätte der Kopf jeden, der ihn gefunden hätte, zu Tode erschreckt – immerhin war der Rest des Körpers verschwunden –, und ich war froh, dass selbst dieser letzte Teil erledigt war.
Tony sah Bran forschend an. »Möchte ich fragen, wer Sie alle sind?«
»Nein«, antwortete ich.
»Warum hast du mich dann herkommen lassen?«, fragte er.
Ich setzte zu einer Antwort an, und in diesem Augenblick zog Samuel den Vorhang beiseite und kam herein, eine Röntgenaufnahme in der Hand.
»Dr. Cornick.« Tony begrüßte ihn wie einen alten Freund – ich nehme an, Cops kommen oft mit Notaufnahmeärzten in Kontakt. Dann schien ihn etwas an der Zurückhaltung in dem von Vorhängen abgeteilten Raum auf eine Idee zu bringen.
»Samuel braucht den Schild der Polizeiarbeit, um sich dahinter verstecken zu können«, sagte ich, bevor er fragen konnte, ob Samuel etwa auch ein Werwolf war.
Tony runzelte die Stirn, sah sich die Anwesenden noch einmal genau an und vermied dabei jeden Augenkontakt. »Also gut«, sagte er bedächtig. »Bist du sicher, dass jetzt alles wieder normal werden wird?«
Eigentlich hatte ich abermals mit den Schultern zucken wollen, aber dann zog ich es doch vor, schlicht zu nicken. »So normal es eben geht.«
»Gut.« Er blickte Samuel an. »Sagen Sie mir, dass Sie keine Gefahr für Ihre Patienten sind.«
Ich wartete nervös auf eine boshafte Bemerkung, aber Samuel war ebenfalls müde. Also sagte er nur: »Ich bin keine Gefahr für meine Patienten.«
»Na gut«, sagte Tony. »Na gut. Dr. Cornick, falls jemand fragt, sagen Sie einfach, es ginge um eine Polizeiangelegenheit, bei der Sie uns geholfen haben.« Er zog seine Brieftasche heraus und gab Samuel eine Karte. »Geben Sie meine Nummer weiter, wenn es sein muss.«
»Danke«, sagte Samuel.
Dann wandte sich Tony wieder Adam zu. »Mr. Hauptman«, sagte er. »Mercy sagt, ich sollte bei Dingen, die mit Werwölfen zu tun haben, in Zukunft zuerst mit Ihnen sprechen.«
Adam rieb sich müde das Gesicht. Er brauchte so lange, um etwas zu sagen, dass ich mir schon Sorgen machte. Schließlich antwortete er jedoch beinahe höflich: »Ja. Hat Mercy Ihnen meine Nummer gegeben?«
»So weit sind wir nicht gekommen.«
Adam nahm sich zusammen und lächelte sogar, aber das ließ ihn nur aussehen wie einen hungrigen Tiger. Tony machte unauffällig einen Schritt zurück. »Ich habe heute Nacht meine Karten nicht dabei«, fuhr Adam fort, »aber wenn Sie mein Büro anrufen, werde ich meine Leute anweisen, dass man Ihnen meine Handynummer gibt – und Mercy weiß für gewöhnlich, wie man sich mit mir in Verbindung setzen kann.«
Mein Knöchel war nur verrenkt. Stefan verließ die Notaufnahme, während Tony noch mit Adam sprach. Niemand außer mir schien das zu bemerken. Ich weiß nicht, ob er irgendeine Vampirmagie benutzte, oder ob es den anderen einfach egal war.
Adam wollte, dass ich in seinem Haus blieb. Aber dort hatten sich schon die Hälfte des hiesigen Rudels, ein Teil des Montana-Rudels und Kyle niedergelassen. Ich hatte nicht vor, mich dieser Meute anzuschließen.
Nachdem die anderen uns abgesetzt hatten, trug Samuel mich in meinen halbzerstörten Trailer und ging dann auf mein Schlafzimmer zu. Aber ich wollte nicht schlafen. Niemals wieder.
»Kannst du mich stattdessen ins Büro tragen?«, fragte ich.
Er sprach immer noch nicht viel, wechselte aber gehorsam die Richtung und brachte mich in den winzigen dritten Raum, in dem diverse elektronische Geräte summten.
Er setzte mich auf einen Stuhl, dann ließ er sich vor mir auf die Knie nieder. Seine Hände zitterten, als er sie um meine Beine schloss und sie auseinanderzog, damit er dazwischenrutschen konnte. Er war erhitzt, als er sich an mich schmiegte und sein Gesicht an meinem Hals vergrub.
»Ich wusste, dass du kommen würdest«, flüsterte er, und die Macht des Wolfs, die auf mich eindrang, war so gewaltig, dass sich mir die Haare im Nacken aufstellten. »Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Und dann … und dann kam der Wolf. Adam behielt die Beherrschung – er versuchte, mir zu helfen, aber ich war in einem schlimmeren Zustand als Ben, der viel länger dort gewesen war. Ich verliere allmählich die Beherrschung über meinen Wolf. Ich bin eine Gefahr für dich. Ich habe meinem Vater gesagt, sobald es dir wieder besser geht, werde ich nach Montana zurückkehren.«
Ich zog ihn mit meinem gesunden Arm an mich. »Dämonen sind nicht gut für die Selbstkontrolle eines Werwolfs.«
»Von uns dreien«, murmelte er an meinem Hals, »hatte ich die geringste Selbstbeherrschung.«
Das war nicht wahr. Ich hatte gesehen, wie er immer noch kämpfte, als Ben sich schon lange dem Wolf ergeben hatte. Aber noch bevor ich dieses Argument vorbringen konnte, wurde mir etwas anderes klar.
»Diese Kirche liegt weniger als eine halbe Meile vom Krankenhaus entfernt«, begann ich. »Onkel Mike sagte mir, dass die Anwesenheit eines Dämons überall in seiner Nähe zu Gewalttätigkeit führe – und die Polizei bestätigt das. Als Tony die Daten für mich zusammengestellt hat, sahen wir, dass sein Wirkungsbereich über drei Meilen Durchmesser hatte. Du kämpfst schon seit der Nacht, in der ich Littleton zum ersten Mal begegnet bin, gegen diesen Dämon. Er hatte Ben für ein paar Tage in seiner Gewalt – an dir arbeitete er seit Wochen.«
Er wurde sehr still und dachte darüber nach.
»Die Nacht, in der du nach diesem Unfall die Beherrschung verloren hast«, sagte ich. »Das warst nicht du, das war der Dämon.«
Die Armlehnen meines Schreibtischstuhls knarrten protestierend unter dem Griff seiner Hände. Er atmete noch einmal tief meinen Duft ein und zog sich dann ein wenig zurück, damit er mir ins Gesicht sehen konnte. Sehr langsam, damit ich viel Zeit hatte, um vielleicht zurückzuweichen, küsste er mich.
Ich dachte, ich könnte Adam lieben. Samuel hatte mir schon einmal wehgetan – sehr weh. Vielleicht wollte er mich jetzt nur aus dem gleichen Grund wie damals. Dennoch konnte ich mich nicht losreißen.
Ich war so nahe daran gewesen, ihn zu verlieren.
Ich erwiderte den Kuss, beugte mich zu ihm und fuhr mit den Fingern durch sein feines Haar. Es war Samuel, der den Kuss beendete.
»Ich mache dir einen Kakao«, sagte er und ließ mich auf dem Stuhl sitzen.
»Sam?«, sagte ich.
Er blieb an der Tür stehen, mit dem Rücken zu mir und hielt den Kopf gesenkt. »Es wird alles gut, Mercy. Lass mich uns heute Nacht einfach einen Kakao kochen.«
»Vergiss die Marshmallows nicht.«