9
Andre wartete auf dem Parkplatz auf mich, wo er neben einer der typischen schwarzen Mercedeslimousinen der Siedhe stand, bereit, mich zu Stefans Unterkunft zu fahren – als ob ich so dumm wäre, in ein Auto zu steigen, das von einem Vampir gelenkt wurde, den ich nicht kannte.
Trotz Andres Einwänden führte ich ihn zu meinem Wagen, statt mich von ihm fahren zu lassen. Es war nicht nur sicherer. Wenn wir fertig waren, würde ich auch direkt nach Hause fahren können und brauchte nicht darauf zu warten, dass er mich zu Onkel Mikes Bar zurückbrachte.
Er hatte Recht, es wäre nützlich gewesen, miteinander einen Plan zu entwickeln – wenn ich ihm ein bisschen mehr vertraut hätte oder wenn ich am nächsten Morgen nicht hätte arbeiten müssen. Die Rechnungen warteten nicht, nur weil man einen Freund von mir zu Hackfleisch verarbeitet hatte, und die Herrin der Vampire wollte, dass ich einen Zauberer fand, der mehr als vierzig Personen getötet hatte.
Ich packte das Lenkrad fester und versuchte, nicht die Delle im Armaturenbrett anzusehen, wo Stefan, der ruhige, stille Stefan, mit der Faust zugeschlagen hatte. Was hatte ihn so wütend gemacht? Dass der Zauberer ihn besiegt hatte?
Was hatte Stefan gesagt? Dass er wusste, dass etwas mit seinen Erinnerungen nicht stimmte, weil er sich nicht an mich erinnert hatte. Weil ich für ihn nicht unwichtig war.
Stefan war ein Vampir, rief ich mir vor Augen. Vampire sind böse.
Ich streckte die Hand aus und berührte das Armaturenbrett. Er hat das getan, weil man mir wehgetan hat, dachte ich.
Er war mir ebenfalls nicht unwichtig – ich wollte nicht, dass er tot war und blieb.
Stefans Haus lag in den Hügeln von Kennewick, in einer der neueren Siedlungen an der Westseite des Highway 395. Es war ein weitläufiges Backsteinhaus auf einem großen Grundstück, die Art von Haus, in der mehrere Generationen von Kindern aufwachsen sollten. Umgeben von Gebäuden mit falschen Säulen und zwei Stockwerke hohen Fenstern hätte es fehl am Platz wirken sollen. Stattdessen sah es aus, als sei es zufrieden mit dem, was es war. Ich konnte mir Stefan in diesem Haus gut vorstellen.
»Es wäre am besten, wenn du anklopfst, und nicht ich«, sagte Andre, als ich aus meinem Auto stieg. »Sie haben sich heute Abend bereits einmal geweigert, mich hereinzulassen – und das ist nur gerechtfertigt. Stefan hat mir Daniel vielleicht verziehen, aber seine Herde wird es nicht vergessen haben.« Er klang milde bedauernd, wie ein Kind, das mit seinem Baseball ein Fenster eingeworfen hat.
Es war spät, aber überall im Haus brannten Lichter. Mir kam es nur vernünftig vor, dass die Gesellschaft eines Vampirs lange aufblieb. Ich zögerte, bevor ich anklopfte. Ich wollte Stefans Leute nicht kennenlernen, wollte nicht erfahren, dass er sie hielt wie ein Bauer sein Vieh. Ich mochte Stefan, und ich wollte, dass das so blieb.
Der Vorhang am Fenster neben der Tür bewegte sich ein bisschen. Sie wussten, dass wir hier waren.
Ich klingelte.
Hinter der Tür war ein Rascheln zu hören, als bewegten sich mehrere Personen, aber als die Tür aufging, stand nur eine einzige Frau vor mir.
Sie schien ein paar Jahre älter zu sein als ich, Mitte oder Ende dreißig. Ihr dunkles, lockiges Haar fiel ihr auf die Schultern. Sie trug eine konservative Bluse und eine Freizeithose und wirkte wie eine Geschäftsfrau am Feierabend.
Sie hätte attraktiv sein können, aber ihre Augen und die Nase waren geschwollen und rot, und ihr Gesicht war zu blass. Sie trat in einer Geste schweigender Einladung zurück, als sie mich sah. Ich ging hinein, aber Andre blieb abrupt vor der Schwelle stehen.
»Du wirst mich noch einmal einladen müssen, Naomi«, sagte er.
Sie holte bebend Luft. »Nein. Nicht, ehe er zurückkommt.« Sie sah mich an. »Wer sind Sie, und was wollen Sie?«
»Ich heiße Mercedes Thompson«, antwortete ich. »Ich versuche herauszufinden, was Stefan zugestoßen ist.«
Sie nickte und schloss ohne ein weiteres Wort die Tür vor Andres Nase.
»Mercedes Thompson«, sagte sie. »Stefan mochte Sie, das weiß ich. Sie haben ihn vor den anderen Vampiren verteidigt, und jetzt, da Sie glauben, er habe Ärger, kommen Sie zu uns.« Sie warf einen Blick zurück zur Tür. »Stefan hat Andres Recht, dieses Haus zu betreten, widerrufen, aber ich war nicht sicher, ob ihn das immer noch aufhält, wenn Stefan … vermisst wird.« Sie schaute die Tür einen Moment lang an, dann wandte sie sich mir zu. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich wieder zu fassen, aber Selbstbeherrschung passte besser zu ihrem Gesicht als Angst.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Ms. Thompson?«
»Sie wirken nicht wie jemand, der …« Es gab wahrscheinlich einen höflichen Begriff für jemanden, der freiwillig einen Vampir nährte, aber ich kannte ihn nicht.
»Was haben Sie denn erwartet?«, fragte sie spitz. »Bleiche Kinder, die mit Tätowierungen und Bissspuren überzogen sind?«
»Mmm«, sagte ich. »Ich habe Daniel kennengelernt.«
Sie schloss die ausdrucksvollen Augen. »Ah, Daniel. Ja. Und wir haben hier noch einige wie ihn. Es gibt diesen Stereotyp, aber er ist nicht allgegenwärtig. Was Sie erwarten, würden Sie eher in der Herde eines anderen Vampirs finden. Stefan verhält sich selten typisch.« Sie holte tief Luft. »Warum kommen Sie nicht mit in die Küche, und ich gebe Ihnen eine Tasse Tee, während Sie mir Ihre Fragen stellen?«
Außer Stefan wohnten mindestens zehn Personen in dem Haus; ich konnte sie riechen. Sie ließen sich nicht sehen, als Naomi mich in die Küche führte, aber ich konnte jemanden in der Nähe flüstern hören. Ich war höflich genug, den Kopf nicht in den Raum zu stecken, aus dem das Flüstern kam.
Eine Frühstückstheke aus Rohholz, die für die meisten Zimmer meines Trailers zu groß gewesen wäre, stand in der Mitte der Küche. Naomi zog einen hohen Hocker heran und setzte sich. Sie bedeutete mir, mich ebenfalls hinzusetzen. Als sie sich bewegte, fiel ihr Haar von der unbeschädigten Haut ihres Halses zurück.
Sie sah meinen Blick und zog das Haar noch weiter zurück, so dass ich sehen konnte, dass es an ihrem Hals keine roten Bisswunden gab. »Zufrieden?«, fragte sie.
Ich holte tief Luft. Sie wollte offenbar, dass ich mich unwohl fühlte, aber nachdem der Adrenalinrausch aus Onkel Mikes Bar nachließ, war ich einfach nur müde.
Ich schob mein eigenes Haar zurück und drehte mich um, so dass sie die Bissspuren an meinem Hals sehen konnte. Sie waren inzwischen fast verheilt, also hatte ich sie nicht mehr verbunden, aber die Haut sah immer noch rot und glänzend aus. Ich würde wahrscheinlich eine Narbe zurückbehalten.
Sie schnappte nach Luft und beugte sich vor, um meinen Hals zu berühren. »Stefan hätte das nie getan«, sagte sie, aber ihre Stimme klang weniger überzeugt als ihre Worte.
»Warum sagen Sie das?«, fragte ich.
»Jemand hat Sie angenagt«, erklärte sie. »Stefan ist dafür zu vorsichtig.«
Ich nickte. »Diese Wunden wurden von dem Wesen verursacht, das Stefan und ich gejagt haben.«
Sie entspannte sich. »Stimmt. Er hat mir erzählt, dass es Sie angegriffen hat.«
Stefan hatte tatsächlich mit ihr gesprochen – ein gutes Zeichen.
»Ja.« Ich zog einen Hocker unter der Theke vor und setzte mich. »Wissen Sie, wohin Stefan gestern Abend gegangen ist?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn danach gefragt, aber er wollte es mir nicht sagen. Er sagte, er wolle nicht, dass wir hinter ihm herjagen, wenn er nicht nach Hause kommt.«
»Er hat sich Sorgen um Sie gemacht?«
»Ja, aber nicht so, wie Sie denken«, erklang eine neue Stimme hinter mir.
Ich drehte mich um und sah eine junge Frau in weit geschnittener Kleidung und mit langem glattem Haar. Sie sah uns nicht an, sondern öffnete nur den Kühlschrank und betrachtete den Inhalt.
»Wie also dann?«, fragte ich.
Sie blickte auf, sah Naomi an und zog eine Grimasse. »Er machte sich Sorgen, dass die da uns gefährden würde, weil sie ihn retten will. Sie müssen wissen, wenn er stirbt, stirbt sie auch … nicht sofort, aber bald.«
»Das ist es nicht, weshalb ich mir Sorgen machte«, log Naomi. Ich konnte an ihrer Stimme hören, dass sie die Unwahrheit sagte.
»Die Frau Professor hier hat Leukämie.« Die junge Frau holte einen Milchkarton aus dem Kühlschrank und trank direkt daraus. »Solange sie als Blutbank dient, halten Stefans Gegengaben ihren Krebs in Schach. Wenn er aufhört« – sie unterbrach sich und machte ein würgendes, keuchendes Geräusch, dann sah sie Naomi vage erfreut an. »Im Gegenzug arbeitet sie als Stefans Sekretärin – sie zahlt Rechnungen, macht die Steuererklärung, kauft ein. Hey, Naomi, wir haben keinen Käse mehr.« Sie stellte den Karton wieder in den Kühlschrank und schloss die Tür.
Naomi stand auf und baute sich vor der jüngeren Frau auf. »Wenn er tot ist, bedeutet das auch, dass nichts mehr für dich umsonst sein wird. Vielleicht solltest du wieder zu deiner Mutter und ihrem neuen Mann zurückkehren. Zumindest so lange, bis die Herrin dich findet und dich einem anderen Vampir gibt. Vielleicht möchte Andre dich haben.«
Die andere sah sie nur mit kühlem, spöttischem Blick an. Naomi wandte sich mir zu und sagte: »Sie weiß nicht mehr als ich.«
Sie warf noch einen letzten Blick zurück, dann verließ sie die Küche. Das Mädchen hatte den Streit eindeutig gewonnen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass sie einen guten Wolf abgeben würde.
»Ich bin Mercedes Thompson«, sagte ich und drehte den Hocker, so, dass ich die Ellbogen auf den Tisch stützen und möglichst unbedrohlich dasitzen konnte. »Ich bin auf der Suche nach Stefan.«
Sie sah sich um, als suchte sie ebenfalls nach ihm. »Hier ist er offenbar nicht.«
Ich nickte und schürzte die Lippen. »Ich weiß. Einer der Wölfe, die ihn letzte Nacht begleitet haben, ist uns in sehr schlechter Verfassung zurückgegeben worden.«
Sie hob das Kinn. »Sie sind kein Werwolf. Das weiß ich von Stefan.«
»Ich bin kein Werwolf«, stimmte ich zu.
»Alles, was Stefan aus dem Verkehr ziehen konnte, könnte mit Andre den Boden aufwischen.« Sie wies mit dem Kinn zur Haustür. »Wie kommen Sie darauf, dass Sie Stefan helfen können?«
»Marsilia glaubt, dass ich es kann.« Ich sah, wie der Name sie traf. Einen Augenblick entdeckte ich trotz des Haarschleiers, der ihr Gesicht verbarg, etwas von der Angst, die aus den Tiefen des Hauses aufstieg. Alle hier hatten große Furcht. Das Haus stank förmlich danach.
»Wenn Stefan nicht zurückkommt«, sagte sie sehr leise und wirkte plötzlich erheblich älter, »sind wir wohl alle tot, nicht nur Doktor Spitznase. Früher oder später sind wir alle erledigt. Die Herrin wird nicht wollen, dass wir frei herumlaufen und über sie reden können. Also wird sie uns an die anderen Vampire verteilen, die uns in ihre Menagerien stecken. Die meisten von ihnen sind mit ihrem Essen nicht so vorsichtig wie Stefan. Sie kennen keine Selbstbeherrschung, wenn sie Hunger haben.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also zog ich einen Faden aus ihren Worten und zupfte daran. »Stefan hält Sie länger am Leben, als es die andern können?«
»Er bringt die Leute in seiner Menagerie nicht um«, sagte sie. Ich erinnerte mich daran, dass der Zoo von London einmal als Menagerie bekannt gewesen war. Sie zuckte mit bewusster Lässigkeit die Achseln. »Jedenfalls überwiegend. Wenn er uns holt, müssen wir ein paar Jahre bleiben – mit Ausnahme von Naomi, und das ist wirklich nicht Stefans Schuld –, aber dann können wir gehen, wohin wir wollen.«
»Warum ein paar Jahre?«, fragte ich.
Sie versetzte mir einen »Wie dumm kann man eigentlich sein?«-Blick. »So lange braucht es, bis sich eine Verbindung gebildet hat, die dafür sorgt, dass wir niemandem, dem wir begegnen, etwas von Vampiren erzählen.«
»Wie lange sind Sie schon bei Stefan?«
»Im August sind es fünf Jahre«, sagte sie, obwohl sie kaum älter als zwanzig sein konnte. Ich verbarg, wie schockiert ich war, aber offenbar nicht gut genug, denn sie grinste mich spöttisch an. »Zwölf. Ich war zwölf. Stefan stellte gegenüber meinen Eltern eine gewaltige Verbesserung dar, glauben Sie mir.«
Vampire sind böse. Komisch, dass ich diese Tatsache bei Stefan immer wieder vergaß.
»Sie wissen wahrscheinlich mehr über Vampire als ich«, sagte ich und wechselte das Thema, um mehr Informationen zu erhalten. »Ich bin bei Werwölfen aufgewachsen, und obwohl ich Stefan schon lange kenne, geht es bei unseren Gesprächen überwiegend um Autos. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich ein paar Fragen stelle?«
»Was wollen Sie wissen?«
»Wie viel wissen Sie über das Wesen, das er jagte?«
»Er spricht nicht viel mit uns«, sagte sie. »Außer mit Daniel. Aber er hat gesagt, es wäre eine Vampir-Dämonen-Kombination.«
Ich nickte. »Das trifft es ungefähr. Der Dämon wird offenbar einfach verschwinden, wenn ich den Vampir töten kann. Marsilia hat mir gesagt, wie man Vampire umbringt.« Ich hielt inne und ließ sie einen Moment darüber nachdenken. Sie war ziemlich intelligent, und es dauerte nicht lange, bis sie zu dem gleichen Schluss kam, den ich auch schon gezogen hatte.
»Ziemlich beängstigend, ausgerüstet mit Informationen in den Kampf zu ziehen, die direkt von der Herrin kommen. Ich werde Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen.« Sie sah mich genauer an und schien nicht sonderlich beeindruckt zu sein. »Sie glaubt wirklich, dass Sie dieses Ding töten können?«
Ich setzte dazu an zu nicken, aber dann bremste ich mich. »Ich habe keine Ahnung, was Marsilia denkt.« Onkel Mike hatte es ebenfalls nicht für eine dumme Idee gehalten, dass ich den Zauberer jagte. Ich war allerdings nicht sicher, ob ich dem Feenvolk mehr trauen konnte als den Vampiren. Schließlich zuckte ich die Achseln und sagte die Wahrheit: »Das ist mir eigentlich egal. Ich werde diesen Zauberer umbringen oder bei dem Versuch sterben.«
»Was hat Sie Ihnen gesagt?«
»Sie sagte, man könne einen Vampir töten, indem man ihm einen Holzpflock durchs Herz treibt, oder mit Weihwasser oder Sonnenlicht.«
Sie lehnte sich seitlich gegen den Kühlschrank und schüttelte den Kopf. »Also gut. Die Sache mit dem Holzpflock funktioniert, aber es funktioniert am besten mit Eichen-, Eschen- oder Eibenholz. Und wenn Sie auf diese Weise Vampire töten, müssen Sie ihnen auch die Köpfe abschneiden und sie verbrennen, um dafür zu sorgen, dass sie auch tot bleiben. Wenn es noch eine Leiche gibt, kommen sie zurück – und sie werden ziemlich sauer auf Sie sein. Ihnen den Kopf abzuschneiden, ist wirksam, aber schwierig. Sie werden nicht einfach dastehen, um auf die Kettensäge zu warten. Sonnenlicht ist auch gut. Aber der Pflock und Sonnenlicht, das ist, wie wenn man jemanden in die Eier tritt, verstehen Sie mich?«
Ich schüttelte fasziniert den Kopf.
»Sie wissen es alle. Sie werden sich dieser Gefahr nicht aussetzen, wenn sie etwas dagegen tun können. Und wenn Sie es verderben, macht es sie noch wütender. Weihwasser können Sie eigentlich vergessen. Sie bräuchten einen ganzen Swimmingpool voller Weihwasser, um einen Vampir umzubringen.«
»Wie würden Sie also einen Vampir töten, damit er auch tot bleibt?«
Sie schürzte die Lippen. »Feuer ist das Beste. Stefan hat mir erzählt, dass sie ziemlich gut brennen, wenn das Feuer erst einmal Fuß gefasst hat.«
»Stefan hat Ihnen all das erzählt?« Ich versuchte, mir das Gespräch vorzustellen.
Sie nickte. »Sicher.« Sie sah mich nachdenklich an. »Ich weiß wirklich nicht, wo er hingegangen ist, aber ich weiß, dass er die Lokalnachrichten und die Tageszeitung ziemlich genau verfolgt hat. Er hat auf einem Stadtplan markiert, wo es zu Gewalttätigkeiten gekommen war. Gestern war er ziemlich aufgeregt über ein Muster, das er entdeckt zu haben glaubte.«
»Ist dieser Stadtplan noch hier?«, fragte ich.
»Nein. Er hat ihn mitgenommen. Und er hat ihn keinem von uns gezeigt.«
Ich rutschte vom Hocker. »Danke …«
»Rachel.«
»Danke, Rachel.«
Sie nickte, dann öffnete sie den Kühlschrank wieder und entließ mich damit. Ich ging langsam zur Haustür, aber niemand sonst zeigte sich, also verließ ich das Haus.
Andre saß auf der Motorhaube seines Autos und wartete auf mich. Er sprang herunter und fragte: »Wussten sie irgendwas?«
Ich zuckte die Achseln. »Sie wussten nicht, wo er ist, aber ich habe herausgefunden, wie er zu dem Schluss gekommen ist, wo er suchen sollte. Vielleicht kann uns das helfen.«
Ich sah Andre an und fragte mich, ob Marsilia die Sache mit dem Kopfabscheiden wohl absichtlich mir gegenüber nicht erwähnt hatte.
»Wie würden Sie Littleton töten?«, fragte ich.
»Mit Feuer«, antwortete er sofort. »Das ist das Einfachste. Pfählen funktioniert ebenfalls, aber Sie müssten ihm hinterher den Kopf abschneiden.«
Seine Ehrlichkeit hatte nichts zu bedeuten. Er würde wohl erraten haben, dass ich zuvor auch Stefans Leute gefragt hatte.
»Das ist nicht, was Marsilia mir gesagt hat.«
Er lächelte dünn. »Wenn Sie ihn nur pfählen, könnte Marsilia ihn zu einem der Ihren machen. Es gibt nicht viele Vampire, Mercy, und es braucht lange, um jemanden zu einem zu machen. Wenn Daniel nicht schon so lange Stefan gehört hätte, wäre er dauerhaft gestorben. Marsilia will keinen Vampir verschwenden – besonders keinen, dem alle Kräfte eines Dämons zur Verfügung stehen. Wenn er schwer genug verletzt ist, gibt es Möglichkeiten, ihn zurückzubringen und unter die Herrschaft eines mächtigeren Vampirs zu stellen, wie es Marsilia ist. Es würde ihre Position unangreifbar machen.«
»Sie haben also vor, ihn gefangen zu nehmen?«
Andre schüttelte den Kopf. »Ich will, dass der Mistkerl stirbt. Und tot bleibt.«
»Warum?«
»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass Stefan und ich lange Zeit Freunde waren.« Er drehte sein Gesicht in das Licht, das die Einfahrt beleuchtete. »Wir haben unsere Differenzen, aber das ist wie … wie ein Familienstreit. Ich weiß, Stefan war diesmal wirklich wütend, aber er wäre schon darüber hinweggekommen. Und wegen dieses Zauberers werde ich nun niemals die Möglichkeit haben, Frieden mit ihm zu schließen.«
»Sind Sie so sicher, dass Stefan tot ist?«
Stefans VW-Bus stand neben der Garage, mit einer Plane zugedeckt, um seine ungewöhnliche Lackierung zu schützen. Welcher Vampir fuhr schon einen alten Bus, der wie Scooby Doos Mystery Machine angemalt war? Letzte Weihnachten hatte ich ihm einen lebensgroßen Scooby Doo geschenkt, der jetzt auf dem Beifahrersitz saß.
Er musste meiner Stimme entnommen haben, was ich hören wollte, denn er schüttelte langsam den Kopf. »Mercedes, es ist schwierig genug, einen Menschen gefangen zu halten. Einen Vampir gefangen zu halten, ist beinahe unmöglich. Stefan hat viele Möglichkeiten … und dennoch ist er nicht nach Hause gekommen. Ja, ich denke, es gibt ihn nicht mehr. Und ich werde alles tun, was ich kann, um dafür zu sorgen, dass dieser Littleton ihm so bald wie möglich folgt.«
Das war einfach zu vernünftig, genau wie das, was Adam gesagt hatte. Ich musste glauben, dass es Stefan nicht mehr gab – und dass auch Ben tot war, ebenso wie der junge Vampir, dem ich nur einmal begegnet war. Aber ich würde nicht vor Andre weinen. Ich musste jetzt wirklich gehen.
Ich warf einen Blick auf die Uhr. »Ich muss in drei Stunden aufstehen.« Wenn ich wüsste, wie lange es dauern würde, bis wir den Zauberer fanden, würde ich Zee bitten, die Werkstatt zu übernehmen, aber ich konnte es mir nicht leisten, das öfter als ein paar Tage im Monat zu machen, nicht, wenn ich weiter meine Hypothek und meine Brötchen bezahlen wollte.
»Gehen Sie nach Hause und legen Sie sich hin.« Er nahm ein kleines Lederetui aus der Tasche und zog eine Karte heraus, die er mir hinhielt. »Hier ist meine Handynummer. Rufen Sie mich morgen nach Anbruch der Dämmerung an, und wir können besprechen, was wir als Nächstes tun.«
Ich steckte die Karte in meine Jeanstasche. Wir blieben an der Tür zu meinem Auto stehen. Ich setzte mich gerade hinein, als mir noch eine Frage einfiel.
»Stefan sagte, Littleton sei neu. Bedeutet das, dass ein anderer Vampir ihn beherrscht?«
Andre nickte. »Ein neuer Vampir steht unter der Herrschaft seines Schöpfers.« Er versetzte mir ein leicht bitteres Lächeln. »Es ist keine freiwillige Unterwerfung. Wir müssen alle dem gehorchen, der uns gemacht hat.«
»Sogar Sie?«
Er deutete eine knappe, traurige Verbeugung an. »Sogar ich. Wenn wir älter werden und an Macht gewinnen, verringert sich die Kontrolle jedoch. Oder wenn unsere Schöpfer sterben.«
»Also gehorcht Littleton einem anderen Vampir?«
»Wenn der Vampir, der ihn gemacht hat, nicht tot ist, wird Littleton ihm gehorchen müssen, ja.«
»Wer hat Stefan zum Vampir gemacht?«
»Marsilia. Aber Stefan musste nie ihren Sklaven spielen wie wir anderen.« Bei diesen Worten schwang purer Neid in seiner Stimme mit. »Er war nie Leibeigener. So etwas passiert manchmal, aber solche Vampire werden immer getötet, wenn sie noch neu sind. Jeder andere Vampir hätte Stefan ebenfalls umgebracht, sobald klar wurde, dass er nicht unter ihrer Herrschaft stand, aber Marsilia war in ihn verliebt. Er schwor, ihr zu gehorchen, und ich weiß sicher, dass er diesen Schwur nie gebrochen hat.« Er blickte zum Nachthimmel auf.
Dann schloss er abrupt meine Tür. »Fahren Sie nach Hause und schlafen Sie, solange Sie noch Zeit haben.
»Wurden Sie ebenfalls von Marsilia zum Vampir gemacht?« , fragte ich und drehte den Zündschlüssel.«
»Ja.«
Verdammt, dachte ich, das hier war so dumm! Ich wusste nichts über Vampire, und ausgerechnet ich sollte einen umbringen, der bereits zwei Vampire und zwei Werwölfe getötet hatte. Ich könnte mir genauso gut gleich einen Kopfschuss verpassen. Das würde mir Zeit und Arbeit sparen.
»Gute Nacht, Andre«, sagte ich und verließ Stefans Einfahrt.
Ich war müde genug, um einzuschlafen, sobald mein Kopf das Kissen berührte. Ich träumte von Stefans armer Menagerie, die durch seinen Tod ebenfalls zum Untergang verurteilt war, wenn Rachel Recht hatte. Ich träumte von Stefan, der seinen Bus fuhr, und dieser alberne Stoff-Scooby-Doo saß auf dem Beifahrersitz. Ich träumte, dass er versuchte, mir etwas zu sagen, aber ich konnte es wegen des Lärms nicht hören.
Ich drehte mich um und schob den Kopf unters Kissen, aber der Lärm ging weiter. Es war nicht mein Wecker. Ich konnte noch ein wenig schlafen. Ich war müde genug, um selbst Träume von Toten dem Wachsein vorzuziehen. Und Stefan war tot, ob ich nun schlief oder wach war.
Es war kein wirklich lautes Geräusch. Wenn es weniger unregelmäßig gewesen wäre, hätte ich es vielleicht ignorieren können.
Kratz. Kratz – kratz.
Es kam von dem Fenster neben dem Bett. Es klang wie der Rosenbusch, der vor dem Fenster des Hauses meiner Mutter in Portland gestanden hatte. Manchmal hatte er nachts am Haus gekratzt und mir Angst gemacht. Aber ich war keine sechzehn mehr. Es gab niemanden außer mir, der aufstehen, nach draußen gehen und wegräumen konnte, was immer das war, damit ich weiterschlafen konnte.
Ich zog das Kissen fester über die Ohren. Aber dieses Geräusch ließ sich einfach nicht fernhalten. Dann dachte ich – Stefan?
Sofort war ich wach. Ich warf das Kissen auf den Boden, setzte mich schnell auf und drehte mich dann um, um das Gesicht gegen die Fensterscheibe zu drücken und nach draußen zu blicken.
Aber auf der anderen Seite hatte jemand bereits sein Gesicht gegen das Fenster gedrückt. Jemand, der nicht Stefan war.
Schimmernde, schillernde Augen starrten mich durch das Glas an, keine sechs Zoll entfernt von meinen eigenen. Ich rief laut Samuels Namen und sprang aus dem Bett, weg vom Fenster. Erst als ich zitternd inmitten des Schlafzimmers hockte, fiel mir ein, dass Samuel bei Adam war.
Das Gesicht bewegte sich nicht. Es wurde so fest gegen das Glas gedrückt, dass Nase und Lippen verzerrt waren, aber es fiel mir nicht schwer, Littleton zu erkennen. Er leckte über das Glas, dann legte er den Kopf schief und verursachte das Geräusch, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Ein Reißzahn hinterließ eine weiße Markierung, als er das Glas damit beschädigte.
Es gab viele dieser kleinen weißen Kratzer, bemerkte ich. Er war schon lange hier gewesen und hatte mich beobachtet, während ich schlief. Das ängstigte mich, ebenso wie die Erkenntnis, dass er, wenn er nicht sehr, sehr groß war, in der Luft hängen musste.
All meine Waffen waren in dem dummen Safe eingeschlossen. Ich konnte sie unmöglich erreichen, bevor er durch das Fenster brechen würde. Nicht, dass ich sicher war, dass ein Gewehr gegen einen Vampir von großem Nutzen sein würde.
Ich brauchte einige Zeit, um mich zu erinnern, dass er nicht ohne eine Einladung hereinkommen konnte. Irgendwie war dieses Wissen nicht so beruhigend, wie es hätte sein sollen, während er mich durch die Glasscheibe anstarrte.
Abrupt löste er sich vom Fenster und verschwand. Mein Kopf dröhnte vom Schlafmangel, und ich taumelte ins Bad, holte Aspirin aus dem Arzneischrank und schluckte es.
Ich starrte mich im Spiegel an. Im Dunkeln sah ich blass und völlig erschöpft aus.
»Also gut«, sagte ich. »Du weißt, wo er ist, warum gehst du also nicht raus und erledigst ihn?«
Ich grinste mein feiges Gesicht höhnisch an, aber etwas von dem Effekt ging im Dunkeln verloren, also streckte ich den Arm aus und schaltete das Licht ein.
Nichts passierte.
Ich drückte den Schalter zwei weitere Male. »Blöder Trailer.« Die Sicherungen sprangen oft von selbst heraus – irgendwann würde ich die Leitungen neu verlegen lassen müssen.
Der Sicherungskasten befand sich auf der anderen Seite des Trailers, vorbei an den großen Fenstern im Wohnzimmer und dem kleineren in der Küche. Das Fenster in der Küche hatte keinen Vorhang.
»Furchtlose Vampirjägerin!«, murmelte ich, denn ich wusste, dass ich zu verängstigt war, um unbewaffnet zum Sicherungskasten zu gehen. Also schlich ich aus dem Bad und öffnete den Waffensafe. Ich ließ die Pistolen liegen und entschied mich für die Marlin-444, die ich mit Silber lud – obwohl ich nicht wusste, ob das Silber gegen einen Vampir mehr ausrichten konnte als gewöhnliches Blei. Weniger würde es jedenfalls nicht sein.
Wie auch immer, die Marlin würde mir genug Selbstvertrauen geben, dass ich wieder einschlafen konnte.
Ungeduldig lud ich die fingerlangen Geschosse. Wenn diese Dinger einen Elefanten aufhalten konnten, musste ich einfach glauben, dass auch ein Vampir sie unangenehm finden würde.
Ich wusste, dass ich das Schlafzimmerlicht nicht einschalten sollte. Falls Littleton immer noch da war, würde es meine Nachtsicht verderben und mich selbst zu einem guten Ziel machen, falls Littleton, der Vampir und Zauberer, eine Schusswaffe benutzte – unwahrscheinlich, wenn man bedachte, wie viel Spaß es ihm gemacht hatte, dieses arme Zimmermädchen langsam sterben zu lassen.
Ich drückte trotzdem auf den Schalter neben der Badezimmertür. Nichts passierte. Das Schlafzimmer und das Bad hatten unterschiedliche Sicherungen; sie konnten wohl kaum beide gleichzeitig durchgebrannt sein. Hatte Littleton die Stromleitung durchgeschnitten?
Ich starrte den Schalter immer noch an, als jemand Samuels Namen rief. Nein, das war nicht irgendwer – das war ich! Nur dass ich nicht geschrien hatte.
Ich lud die Marlin durch und versuchte, mich von ihrem vertrauten Gewicht und dem Wissen, dass Littleton nicht hereinkommen konnte, trösten zu lassen.
»Kleiner Wolf, kleiner Wolf, lass mich herein.« Das Flüstern erfüllte das Zimmer. Ich hätte nicht sagen können, woher es kam.
Schwer durch die Nase atmend, um meine Panik zu beherrschen, kniete ich mich auf das Bett und spähte vorsichtig durchs Fenster, aber ich konnte nichts sehen.
»Ja, Mercy?« Diesmal war es Samuels Stimme, spielerisch und lässig. »Süße Mercy. Komm raus zum Spielen, Mercedes Thompson.« Er beherrschte also auch Samuels Stimme. Wo hatte er Samuel sprechen gehört?
Etwas kratzte unten an der Seite meines Trailers, nahe dem Fenster, und verursachte das unmissverständliche Geräusch von Metall, dass verbogen wird. Ich huschte davon und legte die Marlin an, wartete darauf, dass sein Schatten vor dem Fenster erschien.
»Kleiner Wolf, kleiner Wolf, komm raus, wo immer du sein magst.« Diesmal war es Warrens Stimme. Dann schrie er, ein schmerzerfülltes Brüllen, das einfach unerträglich war.
Ich bezweifelte nicht, dass Warren diese Laute tatsächlich von sich gegeben hatte, aber ich hoffte, er tat das nicht jetzt und nicht vor meinem Trailer. Ich hoffe, dass er sich sicher in Adams Haus befand.
Es war gut, dass Littleton mit meiner Stimme begonnen hatte – wenn ich geglaubt hätte, dass Warren vor meinem Trailer schrie, hätte ich niemals im Inneren bleiben können. Wo ich in Sicherheit war. Vielleicht.
Die letzten Schreie Warrens verklangen, aber Littleton war noch nicht fertig mit mir. Er tappte entlang der Wand, zum Ende des Trailers hin. In dieser Wand gab es ebenfalls ein Fenster, aber ich sah ihn, obwohl es sich anhörte, als tippte er wieder ans Glas.
Er kann nicht hereinkommen, erinnerte ich mich lautlos, aber ich zuckte immer noch zusammen, als die metallene Verkleidung meines Heims kreischte, und der Trailer ein wenig wackelte. Dann war es kurze Zeit ruhig.
Er fing wieder an zu tappen, aber diesmal hörte es sich mehr wie ein Klopfen an. Jedes Mal, wenn er die Wand berührte, erzitterte mein Haus, und ich zuckte zusammen. Er ging weiter nach hinten, und die Geräusche, die er verursachte, veränderten sich, als er die Badezimmerwand traf. Eine der Kacheln fiel in die Duschwanne und zerbrach.
Ich richtete die Marlin auf die Geräusche aus, nahm aber den Finger vom Abzug. Ich konnte nicht sehen, wo ich hinzielte, und die Häuser meiner Nachbarn befanden sich durchaus in Schussweite des Gewehrs. Selbst wenn es mir gelang, keinen von ihnen umzubringen, würde ein Schuss sie nur aufmerksam machen. Meine netten Nachbarn hätten keine Chance gegen einen Vampir, besonders nicht gegen diesen Vampir.
Was meine anderen, zäheren Nachbarn anging … ich war ein wenig überrascht, dass der Krach, den Littleton machte, sie nicht schon hergelockt hatte. Andererseits war Adams Haus gut isoliert. Sie hörten Littletons Stimme vielleicht nicht gut genug, um sich deshalb Gedanken zu machen, aber ein Schuss würde sie sofort herholen.
Werwölfe und Zauberer waren jedoch, wenn man Onkel Mike glauben durfte, eine schlechte Kombination. Ich glaubte ihm – und deshalb hatte ich nicht versucht, Hilfe herbeizurufen. Ich war einigermaßen überzeugt, dass Littleton wirklich nicht ins Haus kommen konnte. Er konnte mir Angst machen, aber nicht hereinkommen, solange ich ihn nicht einlud.
»Und das werde ich ganz bestimmt nicht tun«, murmelte ich.
Wieder schlug er gegen die Wand, und ich zuckte zusammen. Sekunden vergingen, eine Minute, dann zwei, und nichts geschah. Keine Schreie, keine Schläge, kein Abreißen der Verkleidung mehr – wie sollte ich die Schäden nur der Versicherung erklären?
»Genau, Ma’am«, probierte ich es aus. »Diese Vampirkönigin hat mich gebeten, ein Vampir-Dämon-Doppelpaket zu jagen. Er hat das irgendwie herausgefunden, und es hat ihn so geärgert, dass er die Verkleidung von meinem Haus gerissen hat.«
Ich setzte mich auf den Boden, die Waffe unter dem Arm. »Wahrscheinlich werde ich mich selbst darum kümmern müssen. Ich frage mich, wie viel so eine Verkleidung kostet. Und was er da draußen sonst noch kaputt gemacht hat.«
Ich konnte mich nicht erinnern, ob ich Medea hereingelassen hatte, bevor ich ins Bett gegangen war. Normalerweise tat ich das, aber ich war so müde gewesen … sobald ich wieder Mut genug aufbringen konnte, würde ich mich überzeugen, dass meine Katze in Samuels Zimmer schlief, wo sie die Nacht derzeit am liebsten verbrachte. Ich hätte Andre anrufen können – aber …
Meine Schultern waren steif von der Anspannung, und ich legte den Kopf schief und streckte mich. Plötzlich bog sich der Boden unter dem Teppich mit einem schrecklichen Getöse nach oben. Ich sprang auf und feuerte in den Boden, während er noch vibrierte. Ich mochte nicht superstark sein, aber ich war schnell. Ich schoss noch zweimal sehr schnell hintereinander. Dann wartete ich ab und starrte die Löcher im Boden und die Schmauchspuren auf meinem cremefarbenen Berberteppich an.
Etwas bewegte sich in einem der Löcher, und ich sprang zurück und schoss nochmals, als mehrere kleine Gegenstände durch Löcher gedrückt wurden, für die sie eigentlich zu groß waren. Einen Augenblick später wurde in meiner Einfahrt eine Autotür zugeworfen, und ein deutscher Motor erwachte schnurrend zum Leben, ein BMW, wie Littleton ihn gefahren hatte. Er fuhr ohne Eile davon, nur ein weiteres Auto auf der Straße, und ich starrte die vier unförmigen, blutigen Silberkugeln an, die er mir zurückgegeben hatte.
Als mein Wecker klingelte, saß ich mitten im Schlafzimmer auf dem Boden und hatte die schnurrende Medea auf dem Schoß, um mich von ihr trösten zu lassen. Wieso müssen die Heldinnen in Abenteuerfilmen nie aufstehen und zur Arbeit gehen?
Ich hatte eine Stunde gebraucht, um meine Nachbarn wieder nach Hause zu schicken. Ich hatte ihnen gesagt, der Schaden müsse von einem verärgerten Kunden verursacht worden sein – oder von einer der hiesigen Gangs. Ja, ich hatte geschossen, um sie zu verscheuchen – aber ich glaubte nicht, einen von ihnen verletzt zu haben. Vielleicht hatten sie nicht gewusst, dass jemand zu Hause war. Selbstverständlich würde ich es der Polizei melden, aber es hätte keinen Sinn, sie zu so später Stunde zu verständigen. Ich würde am Morgen mit den Cops telefonieren. Wirklich.
Ich hatte ohnehin vorgehabt, mit Tony zu sprechen, obwohl ich bezweifelte, dass ich Littletons Angriff erwähnen würde. Es gab nichts, was die Polizei gegen ihn tun konnte.
Ich hätte Zee anrufen und ihn bitten können, nur für diesen einen Tag die Werkstatt zu übernehmen, aber ich würde sowieso nicht mehr schlafen können. Ich sollte mir Zees Hilfe lieber für eine andere Gelegenheit aufheben. Also stellte ich den Wecker ab, schob die protestierende Medea von meinem Schoß und zog mich schnell an, damit ich mir im Morgenlicht ansehen konnte, welchen Schaden Littleton meinem Trailer zugefügt hatte.
Es war schlimmer, als ich gedacht hatte. Er hatte die Verkleidung nicht einfach abgerissen, er hatte sie vom Dach bis zum Boden in fingerlange Stücke zerschnitten. Außerdem erfuhr ich, wie er unters Haus gekommen war. In das gemauerte Fundament hinten am Haus war ein personengroßes Loch gebrochen worden.
Mein Trailer war Jahrgang 1978, vierzehn mal siebzig Fuß, und hatte schon bessere Zeiten gesehen. Er war nichts Besonderes, aber zumindest in einem Stück gewesen, als ich ins Bett gegangen war. Ihn zu reparieren würde mich arm machen – wenn er überhaupt repariert werden konnte.
Also sollte ich lieber arbeiten gehen, oder es würde überhaupt kein Geld reinkommen, nicht mal fürs Frühstück.
Während ich duschte, dachte ich darüber nach, was ich bei dem nächtlichen Besuch erfahren hatte und was nicht. Ich wusste nicht, wo Littleton sich aufhielt. Ich wusste nicht, ob ein Gewehr etwas gegen einen Vampir nutzte. Ich hatte vier Kugeln, die besagten, dass es wahrscheinlich nichts nutzte, aber sie waren blutig gewesen, also hatten sie zumindest einen gewissen Schaden angerichtet. Ich wusste nicht, wieso es gefährlich für Vampire war, dass ich Geister sah, oder wie meine Immunität gegen ihre Magie mir gegen einen Vampir helfen sollte, der das tun konnte, was er mit meinem Trailer gemacht hatte. Und nach der Demonstration, die Littleton mir letzte Nacht gegeben hatte, wusste ich, dass ich Andres Hilfe brauchen würde, um ihn zu töten.
Ich rief bei Adam an, bevor ich zur Arbeit ging, um mich nach Warren zu erkundigen. Ich wunderte mich auch, warum nach den Schüssen niemand gekommen war, um nach mir zu sehen. Das Telefon klingelte zehnmal, bevor jemand an den Apparat ging.
»Hey, Darryl«, sagte ich. »Wie geht es Warren?«
»Er lebt«, entgegnete Adams Stellvertreter. »Er ist bewusstlos, aber am Leben. Wir haben die Schüsse letzte Nacht gehört, aber der Wolf, den wir hinübergeschickt haben, sagte, du hättest die Situation unter Kontrolle. Ist Samuel da?«
»Samuel ist letzte Nacht bei euch gewesen«, sagte ich.
Er gab ein unverbindliches Knurren von sich. »Samuel ist nicht hier, und Adam ist offenbar gegen zwei Uhr morgens gegangen. Ich habe nicht daran gedacht, die Wache nach Samuel zu fragen.«
Darryl musste sich wirklich Sorgen machen, wenn er mir das alles erzählte. Ich rieb mir die Stirn. Zwei Uhr – das war ein paar Stunden, bevor Littleton zu mir gekommen war.
»Hat jemand Kyle gefragt, worüber sie gesprochen haben, bevor sie gingen?«
»Warrens … Freund hat geschlafen. Warren wird hin und wieder wach, und dann ist er ziemlich aufgebracht. Er weiß etwas, aber seine Stimmbänder sind so beschädigt, dass wir kein Wort von dem verstehen können, was er zu sagen versucht.«
Ich stellte fest, dass er meine Fragen beantwortete, als hätte ich tatsächlich Autorität, als spräche er wirklich mit Adams Gefährtin.
»Was glaubst du, was passiert ist?«, fragte ich.
»Ich denke, Adam – und Samuel ebenfalls – haben herausgefunden, wo der verdammte Zauberer steckt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Adam Warren ansonsten allein lassen würde, solange er sich in einem so schlechten Zustand befindet.«
Das konnte ich ebenso wenig. Ich zwickte mich in die Nasenwurzel. »Das könnte schlecht sein.«
»Wieso?«
»Gestern Abend hat Onkel Mike mir gesagt, dass es sehr gefährlich ist, einen Dämon und einen Werwolf zusammenzubringen. Dämonen haben eine vernichtende Wirkung auf die Selbstbeherrschung, und das ist sehr, sehr schlecht für Werwölfe. Onkel Mike machte sich große Sorgen.«
Er verdaute das einen Moment. »Das könnte wirklich schlecht sein. Es wäre nett gewesen, das früher zu wissen.«
»Mmm.« Ich hielt die Luft an. Es gab noch mehr, was er wissen musste, aber ich war nicht froh, es ihm sagen zu müssen. Dennoch, da Samuel und Adam beide nicht da waren, wäre es nicht klug, einem der wenigen Verbündeten, die ich noch hatte, Informationen vorzuenthalten.
Das hier war Darryl, und da er mich behandelte, als stünde ich im Rudel tatsächlich höher als er – und da ich ihm darüber hinaus wahrscheinlich ohnehin egal war –, würde er nicht versuchen, mir etwas zu verbieten. »Ich habe mich bei Onkel Mike mit Marsilia getroffen. Sie will, dass ich Littleton finde und den Zauberer für sie umbringe.«
Es gab eine lange, vielsagende Pause.
»Sie glaubt tatsächlich, dass du dazu in der Lage bist?« Sein Unglaube war vielleicht nicht gerade schmeichelhaft, aber ich empfand kaum anders, also war das schon in Ordnung.
»Offensichtlich. Sie hat mir die Hilfe von einem ihrer höherrangigen Vampire angeboten.«
»Mmm«, sagte er.
»Ich glaube, er ist in Ordnung. Er ist ein Freund von Stefan.«
»Adam würde dich das nicht tun lassen.«
»Das weiß ich. Aber er ist nicht da. Wenn Warren wieder bei Bewusstsein ist, ruf mich bitte an.« Ich gab ihm meine Handynummer und die Festnetznummern meines Hauses und der Werkstatt.
Nachdem er sie aufgeschrieben hatte, sagte ich: »Du musst Bran anrufen und ihm alles sagen.«
»Sogar das mit dir?«, fragte er. Er wusste, was Bran davon halten würde, dass ich zusammen mit einem Vampir einen Zauberer jagte.
»Ja«, antwortete ich. Ich würde ihn nicht in eine Position bringen, wo Bran wütend auf ihn werden würde. Bran konnte wütend auf mich sein – ich hatte einmal viel Übung darin gehabt, damit fertig zu werden. Wahrscheinlich würde ich mich auch jetzt wieder daran gewöhnen können. Es half, dass er Hunderte von Meilen entfernt war und ich seine Nummer auf dem Handydisplay angezeigt bekam, wenn er anrief.
Ich legte auf.
Adam und Samuel waren verschwunden, bevor Littleton diese kleine Vorstellung mit meinem Trailer gegeben hatte.
Littleton beherrschte Samuels Stimme perfekt. Wenn Littleton anderen Vampiren irgendwie ähnelte, würde er tagsüber nicht aktiv sein. Es bestand eine Chance, dass sie noch lebten. Littleton genoss das Spiel mit seiner Beute.
Ich musste ihn vor Einbruch der Nacht finden.
Ich rief Elizaveta an, erwischte aber nur ihren Anrufbeantworter.
»Hier ist Elizaveta Arkadyevna. Ich bin nicht zu erreichen. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht mit Namen und Telefonnummer, und ich rufe Sie zurück.«
»Hier ist Mercy«, sagte ich nach dem Piepton. »Adam und Samuel sind verschwunden. Wo sind Sie? Rufen Sie mich oder Darryl an, sobald Sie können.«
Ich hatte nicht genug Ahnung von Hexerei, um zu wissen, ob sie uns helfen konnte oder nicht. Aber ich würde sie zumindest nach Vampiren und Zauberern ausfragen können – wenn ich sie überzeugen konnte, dass Adams Befehl, nicht mit mir zu sprechen, inzwischen überholt war.
Ich rief alle drei Nummern an, die ich von Tony hatte, und sagte ihm, er solle mich auf dem Handy anrufen. Ich rief Zee an, erreichte aber ebenfalls nur den Anrufbeantworter. Auch dort hinterließ ich eine ausführliche Nachricht. So würden sowohl Darryl als auch Zee wissen, was ich vorhatte.
Dann nahm ich mein Handy und ging zur Arbeit. Ich würde Gabriel nach Hause schicken und die Werkstatt zumachen.
Meine Armbanduhr zeigte an, dass ich eine Viertelstunde zu früh war, also überraschte es mich, Mrs. Hanna zu sehen. Es war Stunden vor ihrer üblichen Zeit.
Als ich das Auto auf meinem gewohnten Parkplatz abstellte, war sie sofort da. Ich war in Hektik, aber Mrs. Hannas Anwesenheit verlangte Höflichkeit. »Hallo, Mrs. Hanna. Sie sind heute früh dran.«
Sie wartete einen Moment, bevor sie aufblickte, und einen Augenblick lang erkannte sie mich nicht. Noch ein Monat oder zwei, dachte ich, und es würde nicht mehr viel von ihrer Persönlichkeit übrig sein.
Aber heute hellte sich ihre Miene schließlich doch auf. »Mercedes, Kind, ich habe gehofft, Sie heute zu sehen. Ich habe eine besondere Zeichnung, nur für Sie.«
Sie wühlte erfolglos in ihrem Wagen herum und wurde sichtlich immer aufgeregter.
»Schon gut, Mrs. Hanna«, sagte ich. »Ich bin sicher, Sie finden sie später. Warum warten Sie nicht bis morgen?«
»Aber sie war gerade noch hier«, murmelte sie nervös. »Ein Bild von diesem netten Jungen, der Sie mag. Dem dunklen Burschen.«
Adam.
»Es hat sicher Zeit bis morgen, Mrs. Hanna. Was bringt Sie so früh hierher?«
Sie sah sich um, als verwirrte die Frage sie. Dann entspannte sie sich und lächelte. »Ach, das war Joe. Er sagte mir, ich sollte lieber meine Route ändern, wenn ich ihn weiterhin besuchen wollte.«
Ich lächelte sie an. Als sie noch am Leben gewesen war, hatte sie immer über John Sowieso und Peter Dingsbums geredet. Ich war mir nie sicher gewesen, ob sie diese Männer wirklich kannte oder nur gerne so tat als ob.
Sie beugte sich vertraulich nach vorn. »Wir Frauen müssen uns für unsere Männer immer verändern, wie?«
Verdutzt starrte ich sie an. Genau das war es. Ich hatte das Gefühl, dass Adam veränderte, was ich war.
Sie sah, dass ihre Worte mich getroffen hatten, und nickte vergnügt. »Aber sie sind es wert. Gott segne sie. Sie sind es wert.«
Dann machte sie sich in ihrem üblichen schlurfenden Schritt davon, mit dem sie erstaunlich schnell vorankam.