7

Hey, Mercy, an was arbeitest du denn da? Sieht aus wie eine Mini-Corvette.«

Als ich aufblickte, sah ich Tony vor mir, Polizist und alter Freund – für gewöhnlich in dieser Reihenfolge –, der sich an eine meiner Werkbänke lehnte. Heute war er lässig gekleidet; er trug ein dünnes Hemd und Khakishorts, die zu dem heißen Sommertag passten. Und er wirkte ein bisschen erschöpft. Es war kaum mehr als zwei Wochen her, seit der Zauberer in unsere Stadt gezogen war, und wenn man den Lokalnachrichten glauben durfte, war die Verbrechensrate schlagartig gestiegen.

»Gutes Auge«, antwortete ich. »Es ist ein 71er Opel GT, vom gleichen Mann entworfen, der auch für das Design der Corvette verantwortlich war. Ein Freund von mir hat ihn von jemandem gekauft, der den eher schwachen Originalmotor durch einen Hondamotor ersetzt hat.«

»Und das hat er nicht richtig gemacht?«

»Richtig schon. Hervorragende Anpassungsarbeit, wenn ich ehrlich sein will. Ich hätte es selbst nicht besser machen können.« Ich grinste ihn an. »Das einzige Problem ist, dass ein Hondamotor nach rechts dreht und der Opel für links entworfen wurde.«

»Und das bedeutet?«

Immer noch grinsend, tätschelte ich die elegante Stoßstange. »Er fährt vorwärts nicht schneller als zwanzig Meilen in der Stunde, aber rückwärts über hundert, wenn du alle vier Gänge benutzt.«

Er lachte. »Das ist wirklich witzig.« Er starrte das Auto noch einen Moment an, dann verschwand sein Lächeln plötzlich. »Hör mal, kann ich dich zum Essen einladen? Es ist geschäftlich, also zahle ich.«

»Die Polizei von Kennewick braucht eine Mechanikerin?« , fragte ich.

»Nein, aber ich denke trotzdem, dass du uns helfen kannst.«

Ich wusch mich, zog mich um und ging dann wieder ins Büro. Honey blickte auf, als ich hereinkam. Irgendwann in der letzten Woche war sie in gebügelten Jeans und mit einem Klappstuhl, einem kleinen Klapptisch, einem Handy und einem Laptop in der Werkstatt erschienen. In meinem Büro zu arbeiten war, wie sie behauptete, beinahe so einfach wie in ihrem eigenen. Seit dem Vorfall mit Black behandelten wir einander mit vorsichtiger Freundlichkeit.

»Ich gehe mit Tony essen«, kündigte ich an. »Ich werde in einer Stunde oder so wieder da sein. Gabriel, würdest du bitte Charlie wegen des Opels anrufen und ihm den Preis nennen, für den man uns diesen gebrauchten Mazda-RX7-Motor angeboten hat? Er wird nicht gerade begeistert über die Kosten sein, aber der RX wird passen.«

Honey blickte zu mir auf, aber sie hatte nichts dagegen, dass ich ging, obwohl ich das schon halb erwartet hatte.

»Ich hoffe, es stört dich nicht, zu Fuß zu gehen«, sagte Tony, als wir in die drückende Hitze hinauskamen. »Ich kann besser denken, wenn ich mich bewege.«

»Kein Problem.«

Wir nahmen eine Abkürzung zur Innenstadt von Kennewick, über die Gleise und durch ein paar freie Grundstücke. Honey trabte hinter uns her, aber sie war gut; ich glaubte nicht, dass Tony sie bemerkte.

Die Innenstadt ist einer der älteren Teile der Stadt, kleine Geschäfte in alten Häusern, umgeben von Wohnhäusern im Art-Deco-Stil, die überwiegend in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gebaut worden sind. Man hatte sich angestrengt, den Einkaufsbereich einladender zu gestalten, aber es gab zu viele leer stehende Läden, als dass die Shoppingmeile wohlhabend ausgesehen hätte. Ich hatte erwartet, dass Tony unterwegs etwas sagte, aber das tat er nicht. Also schwieg ich und ließ ihn nachdenken.

»Es ist ziemlich heiß«, sagte er schließlich.

»Ich mag die Hitze«, erwiderte ich. »Und Kälte. Ich lebe gerne an einem Ort, wo es wirklich vier Jahreszeiten gibt. Montana hat zwei. Neun Monate Winter und drei Monate, in denen es beinahe warm wird, und dann wird es wieder Winter. Manchmal schaffen es die Blätter tatsächlich, die Farbe zu wechseln, bevor es zum ersten Mal schneit. Ich erinnere mich, dass es einmal am 4. Juli schneite.«

Er sagte nichts weiter, also nahm ich an, dass er keine Konversation hatte machen wollen – aber ich wusste auch nicht, was er sonst mit dieser Bemerkung gemeint hatte.

Er brachte mich zu einem kleinen Restaurant, wo man uns in einen dunklen, kühlen Raum mit kleinen Tischen führte. Wahrscheinlich hatte den Eigentümern die Atmosphäre eines englischen Pubs vorgeschwebt. Da ich nie in England gewesen war, konnte ich nicht sagen, wie gut sie ihr Ziel erreicht hatten, aber es gefiel mir.

»Weshalb bin ich also hier?«, fragte ich ihn schließlich, nachdem die Serviererin eine Suppe und ein ziemlich großes Sandwich vor mir abgesetzt hatte und wieder gegangen war. Es war spät fürs Mittagessen und noch zu früh fürs Abendessen, also hatten wir den Raum für uns.

»Also gut«, sagte er einen Moment später. »Dieser muffige alte Knabe, der mal dein Boss war und immer noch hin und wieder vorbeikommt – der gehört zum Feenvolk, oder?«

Zee hatte sich zu seiner Herkunft schon lange öffentlich bekannt, also nickte ich und biss ein Stück von dem Sandwich ab.

Er trank einen Schluck Wasser. »Ich habe Hauptman, den Werwolf, mindestens zweimal in deiner Werkstatt gesehen.«

»Er ist mein Nachbar«, sagte ich. Das Sandwich war ziemlich gut. Ich hätte wetten können, dass sie ihr eigenes Brot backten. Aber die Suppe hätte besser sein können – zu salzig.

Tony sah mich an, verzog das Gesicht und sagte eindringlich: »Du bist die Einzige, die immer weiß, wer ich bin, ganz gleich, welche Verkleidung ich trage.« Tony führte verdeckte Ermittlungen durch und war sehr begabt darin, sein Aussehen zu verändern. Wir hatten einander näher kennengelernt, nachdem ich ihn wiedererkannt hatte und seine Tarnung beinahe aufgeflogen wäre.

»Mmm?« Ich behielt absichtlich einen vollen Mund, denn ich wollte nicht mehr sagen, bevor ich wusste, worauf er hinauswollte.

»Angeblich können die Angehörigen des Feenvolks ihr Äußeres ändern. Erkennst du mich deshalb immer?«

»Ich gehöre nicht zum Feenvolk, Tony«, sagte ich, nachdem ich geschluckt hatte. »Zee schon. Das Feenvolk verändert sein Aussehen durch Magie – einen Schutzzauber nennen sie das. Ich bin nicht vollkommen sicher, ob sie die Schutzzauber von anderen durchschauen können – ich kann es jedenfalls nicht.«

Tony schwieg einen Augenblick und arrangierte im Kopf neu, was er sagen wollte.

»Aber du weißt einiges über das Feenvolk. Und über Werwölfe.«

»Weil Hauptman mein Nachbar ist?«

»Weil du mit ihm ausgegangen bist. Ein Freund von mir hat dich mit ihm in einem Restaurant gesehen.«

Ich sah ihn an, dann schaute ich mich demonstrativ im Restaurant um.

Er verstand. »Er sagte, es habe ausgesehen, als könntet ihr kaum die Finger voneinander lassen.«

Geschlagen gab ich zu: »Ich bin ein paarmal mit ihm ausgegangen.«

»Tust du das immer noch?«

»Nein.« Das hatte ich zu heftig betont.

Seit der Szene in seiner Garage hielt ich mich bewusst von Adam fern. Als ich mich daran erinnerte, kam ich mir wie ein Feigling vor. Ich wollte nicht über Adam reden, wenn es sich vermeiden ließe. Wenn ich ehrlich sein wollte, wusste ich nicht, was ich in dieser Sache tun sollte.

»Ich gehöre nicht zum Feenvolk.« Ich beschloss, den Rest der Suppe nicht zu essen, aber ich öffnete das kleine Päckchen Cracker und begann, an einem zu knabbern. »Ich bin auch kein Werwolf.«

Er sah nicht aus, als glaubte er mir, sprach meine Antwort aber nicht direkt an. »Aber du kennst einige von ihnen. Feenvolk und Werwölfe.«

»Ja.«

Tony legte den Löffel hin und packte die Tischkante mit beiden Händen. »Also gut, Mercy. Die Rate der Gewaltverbrechen steigt im Sommer immer. Die Hitze macht alle aufbrausender. Das wissen wir. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Es fing vor ein paar Wochen mit Mord und Selbstmord in einem Hotel in Pasco an, aber damit hat es nicht aufgehört. Wir arbeiten Doppelschichten, um damit fertig zu werden. Letzte Nacht habe ich einen Mann verhaftet, den ich seit Jahren kenne. Er hat drei Kinder und eine Frau, die ihn innig liebt. Gestern kam er von der Arbeit nach Hause und versuchte, sie totzuschlagen. Das ist einfach nicht normal, nicht mal mitten in einer Hitzewelle.«

Ich zuckte die Achseln und kam mir so hilflos vor, wie ich zweifellos auch aussah. Ich wusste, dass es schlimm war, hatte aber bisher nicht begriffen, wie schlimm.

»Ich werde Zee fragen, aber ich glaube nicht, dass es mit dem Feenvolk zusammenhängt.« Diese Idee musste ich aus Tonys Kopf bekommen – es könnte gefährlich für ihn werden, gegen das Feenvolk zu ermitteln. Sie mögen es nicht, wenn sich die Polizei in ihre Angelegenheiten einmischt. »Die Bevölkerung zu erschrecken, ist das Letzte, was sie wollen. Wenn einer von ihnen so etwas tun würde, würde die gesamte Gemeinschaft nach ihm Ausschau halten und sich darum kümmern.«

Ich hatte zuletzt vor ein paar Tagen mit Zee gesprochen. Vielleicht sollte ich ihn anrufen und andeuten, dass die Polizei das Feenvolk als mögliche Verantwortliche für diese Gewalttätigkeit ansah – ohne Tonys Namen zu verwenden. Ich wusste nicht, was sie gegen einen Vampir tun konnten, der auch ein Zauberer war. Das Feenvolk war nicht sonderlich organisiert und neigte dazu, anderer Leute Probleme zu ignorieren. Sie wussten von Littleton – weil Zee es wusste –, aber es schien ihnen zu genügen, dass die Vampire und Werwölfe nach ihm suchten. Aber wenn die Situation für sie ein bisschen unangenehmer wurde, würden sie vielleicht helfen, ihn zu finden – Warren und Stefan hatten bisher nicht viel Erfolg gehabt. Man würde allerdings dafür sorgen müssen, dass sich das Feenvolk auch wirklich um den Schurken kümmerte und nicht um die Polizei.

»Was ist?«, fragte Tony scharf. »Worüber grübelst du nach?«

Ups. »Ich dachte gerade, es wäre eine gute Idee, Zee wissen zu lassen, was du mir gerade gesagt hast. Nur für den Fall, dass sie etwas dagegen tun können.« Ich kann lügen, aber ich war auch ziemlich geschickt darin, die Wahrheit zu meinem Vorteil zu nutzen.

»Und die Werwölfe?«

Ich schüttelte den Kopf. »Werwölfe sind ziemlich einfach gestrickt – deshalb geben sie so gute Soldaten ab. Wenn es da draußen einen abtrünnigen Werwolf gäbe, wären es vielleicht tote Tiere, die du findest,« – von menschlichen Leichen wollte ich lieber nicht reden – »aber nicht normale Leute, die ohne offensichtlichen Grund durchdrehen. Die Wölfe können keine Magie wirken wie das Feenvolk.«

Ich schlug leicht mit den Händen auf meine Oberschenkel und beugte mich vor. »Ich werde dir mit dem, was ich über Feenvolk und Werwölfe weiß, wirklich gerne helfen. Also werde ich auf jeden Fall mit Zee sprechen – aber wie du schon gesagt hast, wir stecken mitten in einer Hitzewelle. Das dauert jetzt schon ziemlich lange, und wir haben noch keine Aussicht auf Abkühlung. Es würde jeden durchdrehen lassen.«

Er schüttelte den Kopf. »Nicht Mike. Er hat nicht mal die Nerven verloren, als seine Frau seinen 57er T-Bird zu Schrott fuhr. Ich sage dir, ich kenne diesen Mann. Ich habe in der Highschool Basketball mit ihm gespielt. Er ist kein bisschen aufbrausend. Er würde nicht durchdrehen und seine Frau verprügeln, nur weil seine Klimaanlage ausfällt.«

Ich hasse Schuldgefühle. Und es ist noch schlimmer, wenn es eigentlich nichts gibt, weshalb ich ein schlechtes Gewissen haben sollte. Ich war nicht für Littleton verantwortlich.

Dennoch, wie würde es sich anfühlen, jemandem wehzutun, den man liebte? Ich konnte sehen, wie die Situation seines Freundes an Tony nagte, empfand starkes Mitgefühl … und hatte ein schlechtes Gewissen. Aber ich konnte nichts tun.

»Beschaff deinem Freund einen guten Anwalt – und schick ihn und seine Familie zur Therapie. Wenn du Namen brauchst, ich habe einen Freund, der Scheidungsanwalt ist – ich weiß, er kennt ein paar gute Therapeuten, die er seinen Klienten empfiehlt.«

Tony ließ seinen Kopf mit einer abrupten Bewegung nach vorn fallen. Ich nahm an, dass er nickte, und wir aßen schweigend zu Ende. Ich nahm ein paar Dollar aus der Tasche und schob sie als Trinkgeld unter meinen Teller. Sie waren schweißnass, aber Serviererinnen waren in diesem Sommer wohl an so etwas gewöhnt.

Sobald wir das Restaurant verließen, konnte ich einen Werwolf riechen – und es war nicht Honey. Ich sah mich um und bemerkte, dass einer von Adams Wölfen sich das Fenster eines Secondhand-Ladens anschaute. Da er nicht wirkte wie jemand, der sich wirklich für gebrauchte Babybuggys interessiert, bewachte er mich wohl. Ich fragte mich, was aus Honey geworden war.

»Was ist denn?«, fragte Tony, als wir an meinem Leibwächter vorbeikamen.

»Hab an was ganz anderes gedacht«, antwortete ich. »Wahrscheinlich macht mich die Hitze ebenfalls mürrisch.«

»Mercy«, sagte er. »Ich weiß zu schätzen, dass du mit mir gekommen bist. Und ich möchte dein Angebot gerne annehmen. Seattle und Spokane haben Spezialisten, die sich ums Feenvolk kümmern – einige von deren Cops gehören sogar dazu. Aber wir haben niemanden. Wir haben nicht mal Werwölfe« – das hatten sie doch, zumindest bei der Polizei von Richland, aber das wussten sie nicht, und ich würde es ihm nicht verraten –, »und es wäre gut, zur Abwechslung nicht nur im Trüben zu fischen.«

Ich hatte nicht vorgehabt, der Polizei offiziell meine Hilfe anzubieten – das wäre zu gefährlich. Ich setzte schon dazu an, ihm das zu sagen, hielt dann aber inne.

Der Trick dabei, Ärger zu vermeiden, sagte Bran immer, bestand darin, die Nase nicht in die Angelegenheiten fremder Leute zu stecken. Und wenn herauskam, dass ich die Polizei beriet, konnte ich gewaltigen Ärger bekommen.

Mit Adam würde ich zurechtkommen, aber ich machte mir Sorgen wegen des Feenvolks und wegen der Vampire. Ich wusste zu viel und erwartete nicht, dass sie darauf vertrauen würden, dass ich der Polizei nur ungefährliche Dinge sagte.

Dennoch, es kam mir auch ungerecht vor, dass die Polizei dafür verantwortlich war, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, aber nur die Dinge wusste, die das Feenvolk und die Werwölfe freiwillig preisgaben. Es gab zu viele Möglichkeiten, dass diese Kombination sich als tödlich erweisen würde. Wenn Tony oder einem anderen auf der Seite der Guten etwas zustieß und ich es hätte verhindern können, würde ich nie wieder ruhig schlafen können. Nicht, dass ich in der letzten Zeit besonders gut geschlafen hätte.

»Also gut«, sagte ich. »Ich gebe dir einen guten Rat. Pass auf, dass keiner deiner Mitarbeiter wegen dieser Sache das Feenvolk gegen sich aufbringt.«

»Warum nicht?«, fragte er.

Ich wagte meinen ersten Schritt in den Abgrund und sagte ihm etwas, was mir echten Ärger einbringen konnte. Ich sah mich um, aber falls der Werwolf uns immer noch verfolgte, leistete er gute Arbeit. Da Adams Leute normalerweise mehr als kompetent waren, senkte ich die Stimme sicherheitshalber zu einem Flüstern. »Weil das Feenvolk nicht so sanftmütig oder machtlos ist, wie es sich gern gibt. Es wäre nicht gut, wenn sie zu dem Schluss kämen, dass ihnen jemand die Schuld für den Anstieg der Gewalttaten in die Schuhe schieben will.«

Tony geriet aus dem Tritt und wäre beinahe über eine Eisenbahnschwelle gestolpert. »Wie meinst du das?«

»Ich meine, dass du dich nie in eine Situation bringen sollst, wo das Feenvolk sich sicherer fühlen würde, wenn dir etwas zustieße.« Ich lächelte ihn beschwichtigend an. »Es liegt nicht in ihrem Interesse, irgendwem zu schaden – und für gewöhnlich regeln sie Probleme unter sich, so dass die Polizei nicht eingreifen muss. Wenn einer von ihnen das Gesetz bricht, kümmern sie sich darum. Du musst einfach nur aufpassen, dass sie dich nicht für eine Gefahr halten.«

Einen halben Block lang dachte er darüber nach. »Und was kannst du mir sagen, was die Werwölfe angeht?«

»Die hiesigen Werwölfe?« Ich deutete vage auf die Stadt, die uns umgab. »Rede mit Adam Hauptman, bevor du versuchst, jemanden zu verhören, den du für einen Werwolf hältst. In einer anderen Stadt solltest du herausfinden, wer das Rudel führt, und dann mit diesem Mann reden.«

»Ich soll die Erlaubnis des Alpha einholen, bevor ich mit seinen Werwölfen spreche?«, fragte er ein wenig ungläubig. »Du meinst, wie ich mit den Eltern sprechen muss, bevor ich einen Minderjährigen verhöre?« Bran hatte die Öffentlichkeit über die Existenz von Alphas unterrichtet, sie aber nicht weiter über die Rudelstruktur informiert.

»Mmm.« Ich hielt am Himmel nach Inspiration Ausschau. Es kam keine, also versuchte ich, allein weiterzukommen. »Ein Kind kann dir nicht den Arm abreißen, Tony. Adam kann dafür sorgen, dass sie deine Fragen beantworten, ohne jemandem wehzutun. Werwölfe können … aufbrausend sein. Adam kann dir helfen.«

»Du meinst, sie werden uns sagen, was er will, dass sie uns sagen.«

Ich holte tief Luft. »Es ist wichtig, dass du mir glaubst: Adam ist einer von den Guten. Wirklich. Das trifft nicht auf alle Rudelführer zu, aber Adam steht auf deiner Seite. Er kann dir helfen und wird das auch tun, solange du ihn nicht gegen dich aufbringst. Er ist schon lange hier Rudelführer, und zwar, weil er gute Arbeit leistet – das solltest du nutzen.«

Ich weiß nicht, ob Tony mir glaubte oder nicht, aber das Nachdenken darüber beschäftigte ihn, bis wir neben seinem Auto auf meinem Parkplatz stehen blieben.

»Danke, Mercy.«

»Ich habe nicht viel tun können.« Ich zuckte die Achseln. »Aber ich werde auf jeden Fall mit Zee reden. Wer weiß, vielleicht kennt er jemanden, der uns zumindest mit dem Wetter helfen kann.« Das kam mir jedoch eher unwahrscheinlich vor. Wetterbeeinflussung war große Magie, nicht etwas, wozu die meisten Angehörigen des Feenvolks in der Lage waren.

»Wenn du eine echte Indianerin wärest, könntest du einen Regentanz veranstalten.«

Tony durfte mich necken, weil seine venezolanische Hälfte überwiegend indianisch war.

Ich schüttelte feierlich den Kopf. »In Montana haben die Indianer keinen Regentanz, sondern einen Hör-auf-mitdem-verdammten-Wind-und-Schnee-Tanz. Und wenn du je im Winter in Browning, Montana, warst, weißt du auch, dass er nicht funktioniert.«

Tony lachte, als er ins Auto einstieg und es startete. Er ließ die Tür offen, um die Hitze herauszulassen und hielt eine Hand vor einen Ventilationsschlitz, um die erste kühle Luft aufzunehmen.

»In diesem Auto wird es wahrscheinlich erst anfangen abzukühlen, wenn ich das Revier erreiche«, sagte er.

»Reiß dich zusammen«, riet ich ihm.

Er grinste, schloss die Tür und fuhr davon. Erst jetzt wurde mir klar, dass Honeys Auto nicht auf dem Parkplatz stand.

Gabriel blickte auf, als ich hereinkam. »Mr. Hauptman hat für dich angerufen«, verkündete er. »Er sagte, du sollst dein Handy abhören, er hat dort eine Nachricht hinterlassen.«

Ich fand das Handy, wo ich es liegengelassen hatte, oben auf einem Werkzeugkasten in der Werkstatt.

»Ich habe gerade Warren aufgelesen.« Adams Stimme hatte diesen ruhigen, forschen Klang, den er nur benutzte, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert war. »Wir bringen ihn jetzt zu meinem Haus. Du solltest ebenfalls dorthin kommen.«

Ich rief Adams Haus an, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Also versuchte ich es auf Samuels Handy.

»Samuel?«

»Ich bin gerade auf dem Weg zu Adam«, sagte er. »Solange ich nicht dort bin, weiß ich nicht mehr als du.«

Ich fragte nicht, ob Warren verletzt war. Adams Stimme hatte das schon sehr deutlich gemacht. »Ich bin in zehn Minuten da.« Nicht, dass das zählte, dachte ich, als ich das Handy wegsteckte. Es gab nichts, was ich tun konnte.

Ich wies Gabriel an, die Stellung zu halten und um fünf Uhr abzuschließen.

»Werwolfprobleme?«, fragte er.

Ich nickte. »Warren ist verletzt.«

»Kannst du fahren?«, fragte er.

Ich nickte erneut und eilte hinaus. Ich war schon halb bei meinem Auto, als mir einfiel, dass wahrscheinlich niemand daran gedacht hatte, Kyle anzurufen. Ich zögerte. Warren und Kyle waren nicht mehr zusammen – aber ich glaubte nicht, dass das daran lag, dass sie sich nicht mehr füreinander interessierten. Also suchte ich Kyles Büronummer im Speicher meines Handys und rief seine hochkompetente Büroleiterin an.

»Tut mir leid«, sagte sie »Er ist im Augenblick nicht zu sprechen. Möchten Sie mir Ihren Namen und die Nummer geben?«

»Hier spricht Mercedes Thompson.« Es war nicht einfach, sich mit einer Hand anzuschnallen, aber ich schaffte es. »Meine Telefonnummer –«

»Ms. Thompson? Warten Sie, ich verbinde.«

Ha! Kyle hatte mich offenbar auf seine Liste wichtiger Leute gesetzt. Ich lauschte klassischer Warteschleifenmusik, während ich auf den Chemical Drive einbog und Gas gab. Ich war ziemlich sicher, dass der Fahrer des grünen Taurus hinter mir der Werwolf war, der mich beschattet hatte.

»Was ist los, Mercy?« Kyles beruhigende Stimme ersetzte Chopin, bevor ich es bis zum WILKOMMEN-IN-FINLEY-Schild geschafft hatte.

»Warren ist verletzt. Ich weiß nicht, wie schlimm es ist, aber Adam hat alle zusammengerufen.«

»Ich bin im Auto, nahe der 27. und der 365.«, sagte er. »Wo ist Warren?«

Hinter mir sah ich Lichter blitzen, als der Streifenwagen, der sich normalerweise hinter der Eisenbahnbrücke versteckte, den Taurus anhielt. Ich gab mehr Gas.

»In Adams Haus.«

»Ich komme sofort.« Bevor er auflegte, hörte ich noch, wie der große V-12-Motor seines Jaguars aufröhrte.

Er war nicht schneller da als ich, aber ich stritt mich immer noch mit dem Idioten an der Haustür, als er so scharf bremste, dass Kies aufspritzte.

Ich holte mein Handy heraus und spielte der Türwache Adams Botschaft vor. »Er erwartet mich«, knurrte ich.

Der Idiot schüttelte den Kopf. »Meine Befehle lauten nur Rudel.«

»Sie gehört zum Rudel, Elliot, du Idiot«, sagte Honey, die hinter dem großen, kräftigen Mann aufgetaucht war. »Adam hat sie als seine Gefährtin benannt – was du genau weißt. Lass sie rein.« Sie packte Elliot am Arm und zog ihn von der Tür weg.

Ich nahm Kyle am Arm und führte ihn an dem unverschämten und dummen Wachmann vorbei. Überall waren Werwölfe. Ich wusste, dass es nur etwa dreißig Wölfe in Adams Rudel gab, aber ich hätte schwören können, dass doppelt so viele im Wohnzimmer warteten.

»Das hier ist Kyle«, sagte ich zu Honey und brachte Kyle zur Treppe.

»Hallo, Kyle«, sagte Honey leise. »Warren hat mir von Ihnen erzählt.« Mir war nicht klar gewesen, dass sie mit Warren befreundet war, aber ihre verschmierte Wimperntusche verriet mir, dass sie geweint hatte.

Sie folgte uns nicht die Treppe hinauf – sie würde wahrscheinlich einen unangenehmen Augenblick mit Elliot verbringen müssen, bevor sie etwas anderes tun konnte. Idiot oder nicht, Elliot war dominant und stand daher höher in der Rudelhierarchie als Honey, die ihren Rang von ihrem unterwürfigen Ehemann bezog. Hatte ich erwähnt, dass die Werwolf-Etikette noch im vergangenen Jahrhundert feststeckt? Honey hatte einiges für uns riskiert.

Adams Haus hat fünf Schlafzimmer, aber ich musste nicht raten, in welchem Warren sich befand. Ich konnte das Blut schon riechen, als wir gerade die Treppe hinter uns hatten, und Darryl, Adams Stellvertreter, hielt an der Tür Wache wie ein Nubier, der den Pharao schützt.

Er sah mich mit gerunzelter Stirn an. Ich war mir ziemlich sicher, dass er verhindern wollte, einen Menschen in Rudelangelegenheiten zu verwickeln, aber ich hatte im Augenblick keine Geduld für diese Dinge.

»Geh runter und rette Honey vor diesem Idioten, der versucht hat, mich nicht ins Haus zu lassen.«

Er zögerte.

»Geh.« Ich konnte Adam nicht sehen, aber es war sein Befehl, der Darryl die Treppe hinuntereilen ließ.

Kyle betrat das Zimmer als Erster, dann blieb er abrupt stehen und blockierte meinen Blick in den Raum. Ich musste mich unter seinem Arm durchducken und an ihm vorbeischieben, bevor ich sehen konnte, was los war.

Es war schlimm.

Sie hatten das Bett bis auf das Laken abgezogen, und Samuel arbeitete hektisch an dem zerschlagenen, blutigen Warren. Ich konnte Kyle nicht übel nehmen, dass er zögerte. Ohne seinen Geruch hätte ich den Mann auf dem Bett nicht einmal erkannt, so schlimm sah er aus.

Adam lehnte an der Wand, um Samuel nicht in die Quere zu kommen. Manchmal können Fleisch und Blut des Alpha helfen, wenn ein Rudelangehöriger schwer verletzt ist. Adams linker Arm war frisch verbunden. Er sah zu uns hinüber und erkannte Kyle. Als er mich ansah, nickte er anerkennend.

Samuel sah Kyle ebenfalls und befahl ihn mit einer Bewegung des Kinns zum Bett, neben Warrens Kopf.

»Sprich mit ihm«, sagte Samuel. »Er kann es schaffen, wenn er es wirklich will. Du musst ihm nur einen Grund geben.« Dann sagte er zu mir: »Steh mir nicht im Weg, solange ich dich nicht um etwas bitte.«

Kyle, in einer Hose, die mehr gekostet hatte, als ich in einem Monat verdiente, setzte sich ohne zu zögern auf den blutigen Boden neben dem Bett und fing an, leise über Baseball zu reden – ausgerechnet über Baseball. Ich blendete ihn aus und konzentrierte mich auf Warren, als könnte ich ihn durch reine Willenskraft hier bei uns behalten. Er atmete flach und unsicher.

»Samuel denkt, es ist letzte Nacht passiert«, murmelte Adam. »Meine Leute suchen nach Ben, der mit Warren zusammen war, aber wir haben noch keine Spur von ihm gefunden.«

»Was ist mit Stefan?«, fragte ich.

Adam kniff die Augen ein wenig zusammen, aber ich sah ihn trotzdem direkt an. Ich war zu aufgeregt, um mich um verdammte Dominanzspielchen zu scheren.

»Wir haben auch keine Spur von einem Vampir entdeckt«, sagte er schließlich. »Wer immer Warren so zugerichtet hat, hat ihn bei Onkel Mike abgesetzt.« Onkel Mikes Bar war eine Kneipe in Pasco, die ausschließlich von Feenvolk besucht wurde. »Der Mann, der die Bar heute aufmachte, fand ihn im Container, als er den Müll rausbrachte. Er rief Onkel Mike an, und der hat mich angerufen.«

»Wenn es schon letzte Nacht passiert ist, wieso heilt er nicht?«, fragte ich und schlang die Arme um meinen Oberkörper. Wenn ein Wesen Warren so etwas antun konnte, konnte es mit Stefan das Gleiche oder noch Schlimmeres machen. Was, wenn Warren starb? Was, wenn Stefan schon tot war – so tot, dass er nie wieder wach wurde – und irgendwo in einem anderen Müllcontainer lag? Ich musste wieder daran denken, wie genüsslich Littleton das Zimmermädchen getötet hatte. Warum hatte ich mir erlaubt zu glauben, dass die Wölfe und die Vampire es mit ihm aufnehmen konnten?

»Der größte Teil des Schadens wurde wahrscheinlich mit einer Silberklinge angerichtet«, sagte Samuel mit abwesender Stimme – er konzentrierte sich auf seine Arbeit. »Die anderen Wunden, die gebrochenen Knochen, heilen langsamer, weil sein Körper damit beschäftigt ist, sich um die Silberwunden zu kümmern.«

»Weißt du, wohin sie letzte Nacht gegangen sind?«, fragte ich. Samuel konnte gut mit Nadel und Faden umgehen. Ich hätte nicht sagen können, woher er wusste, wo er nähen sollte – für mich sah ein Großteil von Warrens Körper wie Hackfleisch aus.

»Keine Ahnung«, sagte Adam. »Warren hat mich angerufen und mir berichtet, was sie bisher getan haben, aber nicht, was sie vorhatten.«

»Hast du Stefan angerufen?«

»Selbst wenn er zu Hause ist, wäre er jetzt nicht wach.«

Ich holte das Handy heraus, rief Stefan an und wartete auf seinen Anrufbeantworter. »Hier spricht Mercedes Thompson«, sagte ich klar und deutlich, in der Hoffnung, dass jemand zuhörte. Ich weiß, dass Stefan nicht in der Siedhe wohnte, aber er lebte wahrscheinlich nicht allein. Vampire brauchen Blutspender, und willige Opfer waren viel sicherer, als jemanden von der Straße zu holen.

»Letzte Nacht ist Stefan auf die Jagd gegangen. Einer seiner Begleiter wurde in wirklich schlechter Verfassung aufgefunden, und wir wissen nicht, wo der zweite ist. Ich muss wissen, ob Stefan letzte Nacht nach Hause gekommen ist.«

Es klickte, als jemand das Telefon abnahm. Eine Frauenstimme flüsterte »Nein«, dann wurde aufgelegt.

Adam bog die Finger durch, als hätte er die Hände zu lange verschränkt gehalten. »Littleton hat zwei Werwölfe und einen alten Vampir –«

»Zwei Vampire«, sagte ich. »Zumindest war ein anderer Vampir damit beauftragt, ihm zu helfen.«

»Warren sagt, der zweite Vampir hätte nicht viel genutzt.«

Ich zuckte die Achseln.

»Also zwei Werwölfe und zwei Vampire«. Adam schien über etwas nachzudenken. »Stefan hatte er zuvor bereits besiegt, damit wurde Warren zum Stärksten der Gruppe. Es ist kein Zufall, dass wir Warren gefunden haben. Littleton will uns damit sagen, selbst wenn wir unseren Besten gegen ihn einsetzen, schickt er ihn in dieser Verfassung zurück. Er hat Warren nicht umgebracht, weil er uns wissen lassen wollte, dass er ihn nicht als Gefahr betrachtet. Ihm ist egal, ob Warren überlebt und ihn weiter jagen wird oder nicht. Dieses …« Adams Stimme wurde zu einem Knurren. »Dieses Ding hat eine Linie in den Sand gezeichnet und fordert mich heraus, sie zu überqueren.«

Adam wusste, wie man jemanden manipulierte. Ich denke, ein Alpha muss so etwas können. Oder vielleicht kam es auch von seiner Zeit in der Armee, die sich, wenn man seinen Geschichten glauben kann, politisch gesehen nicht so sehr vom Rudel unterschied.

»Und die anderen?«, fragte ich.

Er sagte nichts, sondern schüttelte nur den Kopf. Ich umarmte mich weiterhin selbst, denn mir war kalt.

»Was wirst du also tun?«, fragte ich.

Er lächelte unglücklich. »Ich werde mitspielen. Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich kann nicht zulassen, dass er einfach in meinem Territorium sein Unwesen treibt.«

In diesem Augenblick hörte Warren, auf den ein Teil von mir gebannt lauschte, auf zu atmen. Adam hörte es ebenfalls und duckte sich leicht, als befände sich ein Feind im Raum. Was durchaus der Fall sein konnte. Der Tod war ein Feind, nicht wahr?

Samuel fluchte, aber es war Kyle, der aufsprang, Warrens Kinn nach hinten kippte und mit schweigender Verzweiflung begann, ihn zu beatmen.

Ich hatte Warrens Herz nicht hören können, aber es musste ausgesetzt haben, denn Samuel fing an, auf seine Brust zu drücken.

Wieder einmal war ich zu nichts gut und konnte nur zusehen, wie sie um Warrens Leben kämpften. Ich hatte wirklich genug davon, nichts unternehmen zu können, während rings um mich her die Leute starben.

Nach einem Zeitraum, der mir wie eine Ewigkeit vorkam, zog Samuel Kyle weg und sagte: »In Ordnung, er atmet wieder. Du kannst jetzt aufhören.« Er musste es mehrmals wiederholen, bevor Kyle ihn verstand.

»Wird er überleben?«, fragte er und klang ganz anders als sonst.

»Er atmet ohne Maschine, und sein Herz schlägt«, sagte Samuel.

Das war nicht unbedingt ein »Ja«, aber Kyle schien es nicht zu bemerken. Er ließ sich wieder auf den Teppich sinken und erzählte seine Geschichte weiter, als wäre er nie unterbrochen worden. Man hörte seiner Stimme nichts von der Anstrengung an, die sich so deutlich auf seinem Gesicht abzeichnete.

»Sag mir, was ich über Dämonen wissen muss«, bat ich Adam, obwohl ich den Blick nicht von Warren lösen konnte. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass er sterben würde, wenn ich nicht mehr hinschaute.

Adam schwieg lange. Er wusste, wieso ich das wissen wollte. Wenn er mir jetzt nicht sagte, was er konnte – wenn er mir nicht bei dem half, was ich vorhatte –, war er nicht der richtige Mann für mich.

»Dämonen sind böse und unangenehm, aber machtlos, solange es ihnen nicht gelingt, sich wie ein Parasit an einen verdammten Narren zu binden. Entweder werden sie dazu eingeladen – was Zauberer mitunter tun – oder sie schleichen sich ein, weil ein willensschwaches Geschöpf etwas Böses tut. Eine einfache Besessenheit dauert nicht lange, weil man den Besessenen leicht erkennen kann. Ein Dämon will nur eines: zerstören. Ein Zauberer, eine Person, die den Dämon durch ein Abkommen kontrolliert, ist erheblich tödlicher. Es kann sein, dass die Menschen einen Zauberer jahrelang nicht entlarven. Irgendwann verliert er dann allerdings doch die Kontrolle, und der Dämon übernimmt die Herrschaft.«

Nichts, was ich noch nicht wusste.

»Wie bringt man einen Dämon um?«, fragte ich. Samuel zog wieder Nadel und Faden durch blutiges Fleisch.

»Das kannst du nicht«, sagte Adam. »Du kannst die Gefahr nur vernichten, indem du den Wirt tötest. In diesem Fall Littleton, der ein Vampir ist, unterstützt von der Magie des Dämons.« Er holte tief Luft. »Das ist keine Beute für einen Kojoten. Du solltest es uns überlassen, Mercy. Wir werden uns darum kümmern, dass er stirbt.« Er hatte Recht. Das wusste ich. Ich war nutzlos.

Mir fiel auf, dass Kyle uns aus großen Augen anstarrte, obwohl er mit seiner Baseball-Geschichte nicht aufhörte – eine Anekdote aus seiner Kinderzeit.

»Dachtest du, Werwölfe wären die schlimmsten Monster auf der Welt?«, fragte ich Kyle erbost. Erst als ich es aussprach, wurde mir klar, wie wütend ich war. Es war nicht richtig, meinen Zorn an Kyle auszulassen, aber ich konnte mich einfach nicht bremsen. Er hatte Warren abgewiesen, weil er ihn für ein Ungeheuer hielt – vielleicht sollte er ein bisschen mehr über Monster erfahren. »Es gibt erheblich Schlimmeres da draußen. Vampire, Dämonen und alle Arten von bösartigen Kreaturen, und das Einzige, was zwischen ihnen und den Menschen steht, sind Leute wie Warren.« Schon bei diesen Worten wusste ich, dass ich ungerecht war. Mir war klar, dass Warrens Lüge Kyle ebenso gestört hatte, wie herauszufinden, dass sein Geliebter ein Werwolf war.

»Mercy«, sagte Adam. »Still.«

Es war, als trügen seine Worte einen kühlen Wind des Friedens mit sich, der mich umfing, und allen Zorn, die Frustration und die Angst wegblies. Der Alpha-Werwolf beruhigte einen Wolf aus seinem Rudel – nur dass ich nicht sein Wolf war. Er hatte es schon wieder getan.

Ich fuhr herum und starrte ihn an; er konzentrierte sich auf Warren. Wenn er es absichtlich gemacht hatte, schien es ihn nicht zu stören. Aber ich war ziemlich sicher, dass er einfach einer Gewohnheit gefolgt war, denn es hätte bei mir nicht funktionieren sollen.

Verdammt noch mal!

Warren gab ein Geräusch von sich, das erste, was ich von ihm hörte, seit ich den Raum betreten hatte. Ich wäre erfreuter gewesen, wenn er nicht so verängstigt geklungen hätte.

»Immer mit der Ruhe, Warren«, sagte Adam. »Du bist hier in Sicherheit.«

»Wenn du stirbst, wirst du es nicht mehr sein«, bemerkte Kyle mit einem Knurren, das den Werwölfen im Zimmer alle Ehre gemacht hätte.

Zerschlagen, voller Prellungen und blutig, wie er war, konnte Warren immer noch lächeln. Aber nur ein klein wenig.


Samuel, der offenbar fertig war, zog den alten Schaukelstuhl aus dem Flur und stellte ihn neben das Fußende von Warrens Bett. Den Platz am Kopf überließ er Kyle. Samuel beugte sich auf dem Stuhl vor, die Ellbogen auf den Armlehnen aus Bugholz und das Kinn auf den gefalteten Händen. Er sah aus, als betrachtete er seine Schuhe, aber ich wusste es besser. Seine Aufmerksamkeit galt seinem Patienten, und er lauschte auf eine Veränderung des Atems oder des Herzschlags, die Ärger bedeuten konnte. Er war in der Lage, stundenlang so dazusitzen – Samuel hatte den Ruf, ein sehr geduldiger Jäger zu sein.

Der Rest von uns machte es ihm nach, bis Warren einschlief – bis auf Kyle, der wieder mit seinem Bericht darüber begonnen hatte, wie es war, ein zehnjähriger Baseballspieler auf dem dritten Mal zu sein.

Während Warren ruhelos schlief, kam ein stetiger, aber lautloser Strom von Besuchern. Einige waren Freunde, aber die meisten wollten nur sehen, was passiert war. Wenn Adam – oder Samuel – nicht da gewesen wären, hätte das für Warren gefährlich sein können. Werwölfe außerhalb eines gut geführten Rudels töten die Verwundeten oder Schwachen.

Adam lehnte sich an die Wand und betrachtete die Besucher grübelnd. Ich konnte die Wirkung seines Blicks erkennen, wenn seine Wölfe das Zimmer betraten – denn auch in Menschengestalt waren sie immer noch seine Wölfe. Sobald sie ihn sahen, wurden ihre Schritte noch leiser. Sie senkten die Köpfe, verschränkten die Arme, steckten die Hände in die Achselhöhlen, betrachteten kurz Warrens Wunden und gingen dann wieder hinaus.

Als Honey zur Tür kam, hatte sie einen blauen Fleck an der linken Seite ihres Gesichts, der jedoch sichtlich schnell heilte. In einer halben Stunde würde es keine Spur mehr davon geben. Von der Tür aus warf sie Adam einen raschen Blick zu. Er nickte – es war die erste Reaktion, die er den Besuchern zeigte.

Sie ging um Samuels Stuhl herum, dann setzte sie sich neben Kyle auf den Boden. Sie warf Adam noch einen weiteren Blick zu, und als er keinen Einwand erhob, stellte sie sich Kyle leise vor und berührte ihn an der Schulter, dann lehnte sie sich zurück, den Kopf an die Wand gestützt, die Augen geschlossen.

Ein paar Besucher später kam ein blonder Mann mit kurzem, rötlichem Bart herein. Ich glaube nicht, dass ich ihn je zuvor gesehen hatte, aber sein Geruch sagte mir, dass ich einen Wolf aus Adams Rudel vor mir hatte. Ich hatte aufgehört, auf Besucher zu achten – und hätte auch diesen ignoriert, wenn nicht zwei Dinge an ihm anders gewesen wären.

Seine Haltung änderte sich nicht, als er durch die Tür kam – aber die von Adam tat es. Adam stieß sich mit den Schultern von der Wand ab und richtete sich auf. Dann machte er zwei Schritte vor, bis er zwischen Warren und dem Fremden stand.

Der Mann mit dem roten Bart war einen Kopf größer als Adam, und eine Sekunde versuchte er, das auszunutzen – aber er stellte keinen Gegner für den Alpha dar. Ohne ein Wort oder eine aggressive Geste besiegte Adam ihn.

Samuel schien das alles nicht zu bemerken. Ich bezweifle, dass irgendwer sonst Bereitschaft in der Art erkannt hätte, wie er langsam die Schultermuskeln anspannte.

»Wenn er wieder gesund ist«, sagte Adam, »werde ich einen Kampf nicht aufhalten, wenn du ihn offiziell herausforderst, Paul.«

Unter der Herrschaft des Marrok gab es unter Werwölfen nur wenige genehmigte Kämpfe – echte Kämpfe, nicht nur ein paarmal Schnappen und Beißen. Das stellte einen der Gründe dafür dar, dass es in der Neuen Welt mehr Werwölfe gab als in Europa, woher die Werwölfe, ebenso wie das Feenvolk, ursprünglich kamen.

Ich kann für gewöhnlich ein Rudel nach der Körpersprache sortieren, vom Dominantesten zum Unterwürfigsten (oder umgekehrt). Wölfe können das noch besser als ich. Menschen gruppieren sich übrigens ähnlich – obwohl es für sie nicht so wichtig ist wie für die Wölfe. Für einen Menschen steht vielleicht eine Beförderung auf dem Spiel oder ein Sieg bei einem erbarmungslos ausgefochtenen Streit. Für einen Werwolf hängt das ganze Überleben vom Rudel ab – und im Rudel herrscht eine komplizierte gesellschaftliche Hierarchie, die ihrerseits davon abhängt, dass jedes Mitglied seinen Platz ganz genau kennt.

Dominanz unter Wölfen ist eine Mischung aus Kraft und Persönlichkeit, Willenskraft, körperlichen Fähigkeiten und noch einigen anderen Komponenten, die ich niemandem erklären könnte, der nicht die richtigen Sinne hat, um sie wahrzunehmen. Bereitschaft zu kämpfen ist vielleicht die beste Annäherung. Und wegen diesen anderen Kriterien kann die natürliche Dominanz eines Wolfs sich in einem ziemlich breiten Spektrum verändern, wenn er nicht mit dem Rudel zusammen ist. Wie wir alle, können sie müde sein, deprimiert oder glücklich – all das beeinflusst die natürliche Dominanz.

In einem Rudel machen alle irgendwann solche Veränderungen durch. Wölfen, die beinahe dominant sind, erlaubt ein Kampf manchmal zu erkennen, wo sie im Rudel stehen. Der Stellvertreter des Alpha und der Dritte sind die beiden Männer im Rudel, die dem Alpha an Dominanz am nächsten kommen.

Warren verhielt sich unter Feinden ruhig und wachsam, statt die typische Aggressivität eines Dominanten anzunehmen. Er konnte Körpersprache nicht einmal so gut deuten wie ich, weil er nach seiner Veränderung so wenig Zeit bei einem Rudel verbracht hatte. Er befand sich außerhalb des Rudels, selbst wenn er mit ihm jagte. Deshalb war er verwundbar gegenüber Herausforderungen von Wölfen, die glaubten, stärker, besser und schneller als er zu sein.

Ich weiß, es war Adam, der den anderen gesagt hatte, dass Warren der Dritte im Rudel war. Wäre Adam weniger dominant, beliebt oder respektiert gewesen, wäre es wegen dieser Entscheidung zu Blutvergießen gekommen. Ich wusste, dass Adam Recht hatte – aber ich gehörte auch zu den wenigen Personen, denen gegenüber Warren seine Vorsicht aufgab.

Eine bedeutende Minderheit der Wölfe war der Ansicht, dass Warren nicht stark genug für die Position sei, die er innehatte. Ich wusste – eher von Jesse als von den Wölfen selbst –, dass einige der Rudelmitglieder Warren aus dem Rudel verbannen oder noch lieber im Kampf töten wollten.

Dieser Paul war offenbar einer von ihnen, und er war dominant genug, um Warren herausfordern zu können. Und Adam hatte ihm gerade die Erlaubnis dazu erteilt.

Paul nickte knapp und erfreut und verließ das Zimmer mit raschen Schritten, nicht ahnend, dass Warren mit ihm den Fußboden aufwischen würde. Falls Warren überlebte – und ich sah an Samuels Konzentration, dass das immer noch nicht sicher war.

Adam schaute Paul mit einem brütenden Blick hinterher. Dann hob er den Kopf und sah, dass ich ihn beobachtete. Er kniff die Augen zusammen, kam zu mir, nahm meinen Arm und zog mich aus dem Raum.

Er führte mich zu Jesses Zimmer, zögerte und ließ dann meinen Arm los. Er klopfte leise an ihre Tür, und dann öffnete er sie. Jesse saß auf dem Boden, mit dem Rücken ans Bett gelehnt, die Nase rot, und Tränen liefen ihr über die Wangen.

»Er wird es schaffen«, sagte Adam.

Sie kam auf die Beine. »Kann ich ihn sehen?«

»Wenn du leise bist«, erwiderte er.

Sie nickte und ging zur Tür. Als sie mich sah, zögerte sie, dann lächelte sie mich an, und es war, als spähte Sonnenschein unter den schweren Wolken hervor, die wegen Warrens Zustand über uns allen hingen. Dann eilte sie an mir vorbei.

»Komm.« Adam griff wieder nach meinem Arm – das gefiel mir wirklich nicht – und führte mich zu einer anderen geschlossenen Tür. Er öffnete sie, diesmal ohne vorher anzuklopfen.

Ich klammerte mich fest an meinen Zorn, als ich mich losriss und in den Raum hineinstolzierte. Solange ich wütend war, würde ich keine Angst haben. Ich hasste es, Adam zu fürchten.

Ich verschränkte die Arme und drehte ihm weiterhin den Rücken zu, und erst jetzt erkannte ich, dass er mich in sein eigenes Schlafzimmer geführt hatte.

Ich hätte es selbst dann als Adams Zimmer erkannt, wenn es nicht nach ihm gerochen hätte. Er liebte warme Strukturen und Farben, und der Raum spiegelte das wider, von dem dunkelbraunen Berberteppichboden bis zu den rau verputzten buttercremefarbenen Wänden. Es gab ein Ölgemälde, das so groß war wie ich und doppelt so breit, und eine Bergwaldszene zeigte. Der Künstler hatte dem Impuls widerstanden, einen Adler in die Luft oder ein Stück Wild an den Bach zu malen.

Ein Mensch hätte das Gemälde vielleicht langweilig gefunden.

Ich berührte die Leinwand, bevor mir auch nur klar wurde, dass ich mich bewegt hatte. Ich kannte den Namen des Künstlers nicht, der beinahe unleserlich in die untere rechte Ecke gekritzelt war und außerdem auf einer kleinen Messingplakette in der Mitte des Rahmens stand. Der Titel des Bildes lautete Zuflucht.

Als ich mich von dem Bild abwandte, bemerkte ich, dass Adam mich anstarrte. Er hatte die Arme verschränkt, und weiße Stellen an seinen hohen Wangenknochen verrieten mir, dass er wütend war. Dieser Umstand an sich stellte nichts Ungewöhnliches dar. Er war von Natur aus aufbrausend, und ich konnte ihn ziemlich gut zur Explosion bringen – wenn auch nicht in letzter Zeit. Und auch nicht, das hätte ich geschworen, heute.

»Mir blieb nichts anderes übrig«, fauchte er mich an.

Ich starrte ihn an, ohne auch nur im Geringsten zu wissen, wovon er sprach. »Es wird verhindern, dass Paul einen Hinterhalt legt. Er wird Warren offiziell herausfordern müssen, vor Zeugen.«

»Ich weiß«, sagte ich. Hielt er mich für dumm?

Adam sah mich noch ein paar Sekunden an, dann wandte er sich ab und begann, rasch auf und ab zu gehen. Als er aufhörte, schaute er mich wieder an und sagte: »Warren hat seinen Wolf besser unter Kontrolle als die meisten anderen, und Ben ist trotz seiner Haltung beinahe ebenso gut. Sie waren am besten geeignet, um sie den Zauberer jagen zu lassen.«

»Habe ich etwas anderes gesagt?«, zischte ich. Das Gemälde hatte mich abgelenkt – aber Adam erinnerte mich wieder daran, dass ich versuchte, zornig zu sein. Zum Glück war das gerade nicht schwierig.

»Du bist wütend auf mich«, sagte er.

»Du schreist mich an«, erwiderte ich. »Selbstverständlich bin ich wütend.«

Er machte eine ungeduldige Geste. »Nicht jetzt. Ich meinte vorhin, in Warrens Zimmer.«

»Ich war wütend auf den dummen Wolf, der kam, um Warren herauszufordern, sobald er auf dem Rücken lag.« Was mich daran erinnerte, wie sehr Adam mich zuvor erschreckt hatte, als er diese Alpha-Sache benutzt hatte, um mich zu beruhigen. Aber darüber wollte ich noch nicht sprechen. »Ich war nicht wütend auf dich, ehe du mich am Arm gepackt und aus dem Zimmer gezerrt hast, um mich anzuschreien.«

»Verdammt«, sagte er. »Tut mir leid.« Er sah mich an und wandte dann den Blick ab. Seines schützenden Zorns beraubt, wirkte er müde und besorgt.

»Du bist nicht Schuld an dem, was Warren und Ben zugestoßen ist«, sagte ich. »Sie haben sich beide freiwillig gemeldet.«

»Sie wären nicht gegangen, wenn ich es nicht erlaubt hätte. Ich wusste, dass es gefährlich war«, fauchte er, sein Zorn war so schnell wiederhergestellt, wie er zuvor verschwunden war.

»Glaubst du, du bist der Einzige, der ein Recht hat, sich wegen Warren schuldig zu fühlen – und wegen Ben?«

»Du hast sie nicht losgeschickt«, erwiderte er. »Das habe ich getan.«

»Der einzige Grund, wieso sie überhaupt von dem Zauberer wussten, bin ich«, sagte ich. Und dann gestand ich ihm meine eigene schlimmste Tat, weil ich sah, dass er sich wirklich schuldig fühlte. »Ich habe gebetet, dass sie den Zauberer erwischen würden.«

Er sah mich ungläubig an, dann lachte er, ein harsches, verbittertes Geräusch. »Du glaubst, dass ein Gebet dich für Warrens Zustand verantwortlich macht?«

Er war nicht religiös. Ich weiß nicht, wieso mich das so schockierte. Ich kenne viele Leute, die nicht an Gott glauben – an keinen Gott. Aber alle Werwölfe, mit denen ich aufgewachsen war, waren gläubig. Adam sah mir ins Gesicht und lachte noch einmal über meine Miene.

»Du bist so unschuldig«, sagte er mit leisem Grollen. »Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass Gott ein Mythos ist. Ich habe sechs Monate in einem stinkenden Sumpf in einem fremden Land gebetet, jede einzelne Stunde, bis ich endlich die Augen öffnete – und ein verrückter Werwolf schloss meine Ausbildung ab, indem er mir beibrachte, dass es keinen Gott gibt.« Seine Augen wurden bei seinen Worten heller, wechselten von einem warmen Braun zu kaltem Gelb. »Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es einen. Aber wenn das der Fall ist, ist er ein Sadist, der zusieht, wie seine Kinder aufeinander schießen und sich gegenseitig in die Luft jagen, ohne etwas zu unternehmen.«

Er war ziemlich aufgeregt, denn er redete wirklich Unsinn – und das tat Adam normalerweise nicht, selbst wenn er so laut brüllte, wie er konnte. Er merkte das ebenfalls, denn er drehte sich abrupt um und trat an das große Fenster, das auf den Columbia hinausging.

Der Fluss war dort beinahe eine Meile breit. Manchmal, wenn es stürmte, wirkte das Wasser fast schwarz, aber an diesem Tag verlieh ihm die Sonne ein glitzerndes, leuchtendes Blau.

»Du bist mir aus dem Weg gegangen«, sagte er nun ruhiger.

Aus dem anderen Fenster konnte man mein Haus sehen. Ich stellte dankbar fest, dass sich der teilweise sezierte Golf mitten im Blickfeld befand.

»Mercy.«

Ich schaute weiter aus dem Fenster. Es wäre sinnlos gewesen zu lügen, und die Wahrheit zu sagen, hätte nur zur nächsten Frage geführt, die ich nicht beantworten wollte.

Er stellte sie trotzdem. »Warum?«

Ich schaute über die Schulter, aber er sah immer noch aus dem anderen Fenster. Ich drehte mich um und setzte mich halb auf die Fensterbank. Er wusste, warum. Ich hatte es in seinen Augen gesehen, als ich seine Garage verlassen hatte. Und wenn er es nicht wusste … nun, dann würde ich es ihm nicht erklären.

»Ich weiß es nicht«, sagte ich schließlich.

Er fuhr herum und sah mich an, als hätte er unerwartet Beute vor sich, seine Augen immer noch jägergelb. Ich hatte mich geirrt. Lügen war noch schlimmer als sinnlos vor mich hinzuplappern.

»Doch, das weißt du«, sagte er. »Warum?«

Ich rieb mir das Gesicht. »Mir ist heute Abend wirklich nicht nach einem Streit zumute. Kann das nicht warten, bis Warren außer Gefahr ist?«

Er beobachtete mich aus zusammengekniffenen Bernsteinaugen, aber zumindest bohrte er nicht weiter nach.

Verzweifelt bemüht, das Thema zu wechseln, sagte ich: »Hat sich der Journalist mit dir in Verbindung gesetzt? Der Typ mit der Tochter?«

Er schloss die Augen und holte tief Luft. Als er die Augen wieder öffnete, hatten sie erneut die Farbe eines guten Schokoladenriegels. »Ja, und danke, dass du mir das ohne Vorwarnung aufgeladen hast. Er dachte, du hättest mich bereits angerufen. Wir brauchten beide eine Weile, bis wir begriffen, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er redete.«

»Sie kommen also her?«

Adam deutete in die Richtung von Warrens Zimmer. »Während es hier etwas gibt, das einem meiner Wölfe so etwas antun kann? Wir hatten geplant, dass sie herkommen, aber jetzt werde ich ihn anrufen und ihm sagen müssen, dass das nicht ratsam ist. Ich weiß allerdings nicht, wohin ich sie schicken soll. Ich kenne keinen Alpha, dem ich zutrauen würde, auf meine Tochter aufzupassen – und sein Mädchen ist sogar noch jünger als Jesse.«

»Schick ihn zu Bran«, schlug ich vor. »Bran sagte, er habe schon ein paar Streuner aufgezogen.«

Adam sah mich abschätzend an. »Du würdest dem Marrok ein Kind anvertrauen?«

»Er hat mir nichts getan«, entgegnete ich. »Und das hätten viele Alphas.«

Adam grinste plötzlich. »Und das will etwas heißen. Hast du wirklich seinen Lamborghini an einen Baum gefahren?«

»Das war nicht, was ich meinte«, erwiderte ich hitzig. »Viele Alphas hätten einen Kojotenwelpen, der ihnen aufgedrängt wurde, einfach umgebracht.«

Ich ging zur Tür. Dort blieb ich stehen.

»Es war ein Porsche«, verkündete ich würdevoll. »Und die Straße war vollkommen vereist. Wenn es Samuel war, der dir das erzählt hat, hoffe ich, er hat dir auch gesagt, wer mich dazu gebracht hat, das Auto zu nehmen. Ich gehe nachsehen, wie es Warren geht.«

Adam lachte leise, als ich die Tür hinter mir schloss.


Ein paar Stunden später fuhr ich allein nach Hause. Samuel würde in Adams Haus bleiben, um sicher sein zu können, dass nichts schiefging – zumindest nicht mehr, als bereits schiefgegangen war. Kyle blieb ebenfalls: Ich war ziemlich überzeugt, dass es mehr brauchen würde als ein Rudel Werwölfe, um ihn von Warrens Seite zu lösen.

Ich konnte nichts für Warren tun, und auch nichts für Stefan. Oder Ben. Warum brauchten die Leute, die ich gerne hatte, nicht einfach jemanden, der ihre Autos reparierte? Das konnte ich tun. Und wann hatte ich angefangen, mir wegen Ben Sorgen zu machen? Er war ein Mistkerl.

Aber das elende Gefühl in meinem Magen galt zum Teil auch ihm. Verdammt. Verdammt!

Als ich nach Hause kam, warteten zwei neue Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Eine stammte von meiner Mutter, die andere von Gabriel. Ich rief Gabriel zurück und sagte ihm, Warren sei schwer verletzt, würde aber wieder gesund werden. Meine Mutter konnte ich jetzt nicht aushalten. Ich wäre in Tränen ausgebrochen, und ich hatte nicht vor zu weinen, ehe ich herausgefunden hatte, was passiert war.

Ich aß japanische Instantnudeln zum Abendessen und gab das meiste davon Medea, die schnurrte, als sie die Brühe auflecken durfte. Ich räumte das Geschirr weg, dann saugte und wischte ich Staub. Man sieht immer, in welcher Verfassung mein Leben sich befindet, wenn man mein Haus betrachtet. Wenn ich aufgebracht bin, koche ich entweder, oder ich mache sauber. Ich konnte nichts mehr essen, also putzte ich.

Schließlich stellte ich den Staubsauger ab, um mich dem Sofa zuzuwenden, und bemerkte, dass das Telefon klingelte. War doch etwas schiefgegangen?

Ich nahm ab. »Thompson.«

»Mercedes Thompson, die Herrin möchte mit Ihnen sprechen.« Das war die Stimme einer effizienten Assistentin. Ich sah aus dem Fenster und sah, dass die Sonne gerade unterging und die Horse-Heaven-Hügel in leuchtend orangefarbenes Licht tauchte.

All der frustrierte Zorn, den ich eben abgearbeitet hatte, kehrte nur noch stärker zurück. Wenn Stefans Herrin all ihre Leute nach dem Zauberer ausgeschickt hätte, statt sich kleinlichen Machtspielchen zu widmen, würde Warren jetzt nicht um sein Leben kämpfen müssen.

»Es tut mir leid«, log ich. »Bitte informieren Sie Ihre Herrin, dass ich kein Interesse daran habe, sie aufzusuchen.« Ich legte auf. Als das Telefon wieder klingelte, stellte ich den Ton ab und zog die Kissen von der Couch, damit ich darunter saubermachen konnte.

Als mein Handy klingelte, hätte ich es beinahe ignoriert, denn ich erkannte die angezeigte Nummer nicht. Aber es hätte jemand von Adams Rudel sein können oder Stefan.

»Hallo?«

»Mercedes Thompson, ich brauche Ihre Hilfe dabei, Stefan zu finden und diesen Zauberer zu töten«, sagte Marsilia.

Ich wusste, was ich hätte tun sollen. Wenn sie irgendetwas anderes gesagt hätte, hätte ich aufgelegt. Ich hätte es auch getan, ganz gleich, wie dumm es gewesen wäre, einfach aufzulegen, wenn die Herrin der örtlichen Vampirsiedhe anrief. Aber sie brauchte mich, damit ich etwas unternahm.

Sie brauchte mich, um den Zauberer zu töten.

Das war lächerlich – was konnte ich ausrichten, was zwei Vampiren und zwei Werwölfen nicht gelungen war?

»Warum ich?«

»Das erkläre ich Ihnen, wenn wir uns sehen.«

Sie war gut, das musste man ihr lassen – wenn ich nicht darauf gelauscht hätte, wäre mir die Zufriedenheit in ihrer Stimme wahrscheinlich entgangen.