Lieber Hans!

Nun, wo ich am Ende meines Berichtes angelangt bin, will ich Dich, meinen Vater, noch einmal selber ansprechen. Natürlich habe ich nicht vergessen, daß es mein Wunsch ist, vor allem mit Dir zu reden.

Wenn meine Mutter nicht trotz allem immer zu mir gehalten hätte, würde ich diesen Brief nicht geschrieben haben. Sie bewahrte mich am Ende davor, Terrorist zu werden und im Untergrund zu verschwinden. Sehr wichtig sind für mich auch meine neuen Freunde. Sie helfen mir, mich in dieser anderen Zeit, in der wir jetzt leben, zurechtzufinden. Sie akzeptieren mich so, wie ich bin, und nur deshalb kann ich mich ändern. Ich muß mich einer Zeit anpassen, in der nur Geld und Erfolg zählen. Der Sinn des einzelnen für alle anderen ist kaum mehr gefragt, mit ihm kann aber auch nicht, wie damals in der DDR, in so schändlicher Weise Mißbrauch getrieben werden. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, niemand nimmt ihm das Denken ab. Nationalsozialistische Gedanken und Organisationsformen, die den einzelnen unterordnen und ihm die Chance zu seiner Entfaltung als Mensch nehmen, sind unbrauchbar für die Zukunft. Da sind wir uns gewiß einig.

Ich muß mit Dir über meine und Deine Vergangenheit sprechen, darüber, wieviel unmenschlicher dieser autoritäre Staat DDR gegenüber dem Land war, in dem wir jetzt leben, in wie vielen Bereichen das Leben in der DDR aber auch menschlicher war, nicht nur in dem, was stets und ständig verkündet wurde.

Ich weiß nicht, welchen Eindruck Du jetzt von mir hast. Das wußte ich aber auch vorher nie. Immer wieder habe ich versucht, Deine Anerkennung zu bekommen, als ich merkte, wie zwecklos das war, fing ich an, Dich anzugreifen. Dafür möchte ich mich bei Dir entschuldigen.

Als ich vor zwei Monaten mit dem Schreiben begann, war ich an den Prenzlauer Berg gezogen, nun habe ich mich in eine Engländerin verliebt und lebe für eine Zeit in London. Winfried lebt jetzt in Italien, ich war öfters bei ihm. Ich lerne nebenbei Englisch und bin Ausländer in einer multikulturellen Gesellschaft. Manchmal kommt mir meine Neonazizeit nur noch wie ein böser Traum vor. Es ist ein gutes Gefühl, durch die Straßen einer Stadt gehen zu können und sich nicht dauernd umdrehen zu müssen, wer hinter einem geht. Jetzt, wo ich selbst Ausländer bin, begreife ich den Schwachsinn, Ausländer diskriminieren zu wollen. Vielleicht wäre es witzig, Neonazis als Missionare nach Afrika zu schicken. In der DDR waren Ausländer bewußt isoliert, und die Jugendlichen hatten kaum Kontakt zu ihnen, höchstens wenn es um die Mädchen ging, denn Ausländer sind nicht selten echte Konkurrenten für so manchen verpickelten Bierbauch von zwanzig Jahren. Viele junge Leute hatten Vorbehalte aus Unwissenheit, das hat die menschenverachtende Ideologie der Nazis geschickt auszunutzen verstanden.

Früher hatte ich einen Traum, ich wollte Journalist werden, so wie Du, ich wollte schreiben für die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Meine Mutter sagte manchmal, ich wäre Dir so ähnlich, und ich finde es interessant, daß Du in meinem Alter ein Buch geschrieben hast. Ich denke, es gibt viele Parallelen zwischen uns, die wir beide nur noch nicht kennen.

Heute will ich nicht mehr Journalist werden, ich habe fast nur solche getroffen, denen es allein um ihre Exklusivstory geht. Das allein reicht nicht, weder für die Leute, über die sie schreiben, noch für die Leser. Ich kann auch nicht anderen Leuten Freundschaft heucheln, und an sensationellen Berichten über mich bin ich nicht mehr interessiert. Viele kleine Nazis sind scharf darauf, in die Medien zu kommen, und manch ein Leser hat sein festgefügtes Bild, das er immer wieder bestätigt haben will. Eine gewisse Art von Journalismus und Neonazis bedingen einander, sie brauchen sich gegenseitig. Für den Journalisten ist jede Story Geld, für den Nazi ist sie Werbung.

Sicher wird mich meine Neonazivergangenheit immer mal wieder einholen, obwohl ich wirklich nicht mehr darüber sprechen mag. Ich bin ausgestiegen und werde alle Gründe dafür nicht nennen können, ich kenne sie selbst nicht. Ich spürte, das, was ich da predigte, war falsch, gefährlich und lächerlich in dieser so weit zusammengewachsenen Welt, in der allein aus technischen und wirtschaftlichen Gründen ein Land nicht mehr ohne das andere auskommt.

Ich habe Dir die entscheidenden Momente meines Lebens geschildert. Ich interessiere mich auch für Dein Leben. So könnten wir’s beide besser meistern. Neonazismus löst keine Probleme, er vertieft sie nur. Sich irgendeinem Verein anzuschließen und zu glauben, so könne es nun gehen, ist zu einfach. Man ist allein verantwortlich für sich, und niemand nimmt einem diese Verantwortung ab. Hoffnung kommt nicht von allein, man muß sie sich selbst erarbeiten. Mein Leben kann jetzt nur besser werden. Jeder Mensch kann sich zu jeder Zeit verändern. Du und ich. Wir glaubten, uns hassen zu müssen, aber vielleicht hätten wir nur ohne Vorbehalte und ohne Absichten miteinander reden sollen. Das hätte vielleicht schon etwas genutzt.

Ich würde mich jedenfalls wirklich freuen, wenn ich Dich mal zum Kaffee einladen dürfte.