Punk und Bürgerschreck in
Lichtenberg
In unserem Neubau-Wohngebiet existierte bald eine ziemlich große Clique von Jugendlichen, in der es Hippies, Punks und auch schon Rechte gab. Als Dreizehnjähriger war ich noch immer am meisten von den Hippies fasziniert. Die waren im Durchschnitt alle sechs bis acht Jahre älter als ich. Sie taten nur das, worauf sie gerade Lust hatten, und diese Lebensauffassung kam meinem Naturell sehr entgegen. Mit Arbeit hatte kaum einer von ihnen etwas am Hut.
Wir waren ständig unterwegs. Am Wochenende nahmen mich die Hippies immer zu irgendwelchen Konzerten mit, und im Sommer fuhren wir regelmäßig an die Ostsee. Alle kümmerten sich rührend um mich, ich war ja mit Abstand der Jüngste von ihnen. Jeder fühlte sich für mich verantwortlich. Mal wurde aufgepaßt, daß ich nicht zu viel Alkohol trinke, ein anderes Mal, daß ich genügend zu trinken hatte.
Die Nachmittage verbrachte ich meist damit, Alkohol aus der nächsten Kaufhalle zu klauen. Auf diese Diebestouren kam manchmal mein ältester Freund mit, Frieder Meisel, genannt Freddy. Er war der einzige Gleichaltrige in der Gruppe. Freddy fühlte sich schon mehr den Punks zugehörig, aber das hatte damals keinerlei Bedeutung. Fast jedesmal, wenn wir beide unterwegs waren, passierte irgend etwas.
Einmal, als ich mit ihm in einer Kaufhalle stand, fielen mir die gestohlenen Flaschen aus der Tasche. Angestellte und Kunden starrten mich fassungslos an. Ich nutzte das aus und rannte, so schnell ich konnte, aus der Kaufhalle. Freddy schrie mir nach: »Haltet den Dieb!« Eine halbe Stunde später traf ich Freddy auf dem Spielplatz unseres Neubauviertels wieder. Ich fragte ihn, warum er »Haltet den Dieb« gerufen hatte. Freddy holte ein paar Flaschen Schnaps aus seiner Tasche hervor: »Das war doch nur ein Ablenkungsmanöver!« Dann betranken wir uns zusammen mit den Hippies.
Tabus kannte Freddy damals schon längst keine mehr. Er amüsierte sich, wo er nur konnte.
Irgendwann hatten wir damit begonnen, zu schnüffeln. Wir verwendeten meist Fleckenentferner oder Benzin. An manchen Abenden war ich so dicht, daß ich nicht mal mehr wußte, wie ich heiße. Wenn ich dann nachts nach Hause kam, ging ich immer sofort ins Bett. Mein Stiefvater und meine Mutter bemerkten nie etwas. Beide waren durch ihre Arbeit sehr ausgelastet, was Du Dir ja denken kannst. Es war ja bei Dir nicht anders. »Alle Kraft für den Sozialismus«, da blieb für die Familie kaum mehr Zeit übrig.
In dieser »Schnüffelzeit« lernte ich Gabi kennen. Sie war meine erste richtige Freundin.
Nach und nach spalteten sich die Punks von den Hippies ab. Freddys Irokesenfrisur provozierte die braven Bürger in der Öffentlichkeit. Und provozieren wollten wir. Je mehr ich mich mit Freddy herumtrieb, um so mehr verlor ich die Hippies aus den Augen. Ich habe dann nie wieder etwas von ihnen gehört. Nur einmal, vor zwei Jahren, sah ich einen im Gefängnis in der Keibelstraße. Ich befand mich gerade in Untersuchungshaft. Der Althippie begrüßte mich freundlich, obwohl ich zu dieser Zeit bereits ein stadtbekannter Neonazi war: »Das habe ich immer gewußt, daß ich dich hier wiedertreffen werde!« Er lachte selbstzufrieden.
»Warum?«
»Weil du hierher gehörst, ganz einfach.«
Die Hippies waren mir im Laufe der Zeit einfach zu brav geworden. Da ging es bei den Punks schon ganz anders zur Sache. Die Punks fielen durch ihr aggressives Verhalten in der Öffentlichkeit auf. Die Leute in unserem Wohngebiet waren mit den Nerven fertig, als sie den ersten Punk mit Irokesenfrisur gesehen hatten. Am Anfang genügte es mir, mit grünen Hosen und hochgekämmten Haaren herumzulaufen. Nach und nach steigerte ich mich dann. Auf meiner Jacke standen provokative Sprüche wie: »Mach kaputt, was dich kaputtmacht«, »Keine Macht für niemand« und »Du bist frei, wenn keiner dich beobachtet«.
Ich hatte große Freude daran, in die geschockten Gesichter der Leute aus unserem Wohngebiet zu sehen, die ich alle für Stasispitzel hielt. Ich fühlte mich stark, und es gefiel mir, zu einer Gruppe von jungen Leuten zu gehören, die sich von niemandem mehr etwas sagen ließen und die durch nichts zu beeindrucken waren. Endlich hatte ich durch mein Auftreten eine eigene Identität gewonnen. Wir nahmen keinen mehr ernst und machten uns über jeden lustig. Wir waren jetzt keine Kinder mehr.
Freddy übertraf jeden anderen, wenn er alles ins Lächerliche zog. Ich trank von Tag zu Tag mehr, Freddy und ich stahlen täglich bis zu fünfzehn Flaschen Schnaps aus immer anderen Kaufhallen der Stadt. Wenn wir mal nichts zu trinken hatten, gingen wir zum Spielplatz, um dort zu schnüffeln. Manchmal ließen wir aus der Kaufhalle auch Spaghetti mit Tomatensoße mitgehen, schütteten den Büchseninhalt einfach auf einen Betontisch und aßen alle zusammen davon. Als Besteck benutzten wir unsere Hände. Die Gesichter der ihre Kinderwagen vorbeischiebenden Mütter werde ich nicht vergessen. Sie zerrten ihre kleinen Kinder hysterisch vom Spielplatz.
Die Musik von den »Sex Pistols«, von »UK Subs«, »Plast-matics«, »Fehlfarben« und »Hansa plast« putschte uns manchmal derartig hoch, daß wir, angetrunken, wie wir waren, zum Alexanderplatz zogen. Dort pöbelten wir Touristen und Polizisten an.
Manchmal beschränkten wir uns aber nicht allein darauf. Natürlich konnten wir, wie alle DDR-Bürger, die Westdeutschen ganz leicht an ihrem Verhalten und ihrer Kleidung erkennen. Freddy und ich machten uns einen Spaß daraus, gelegentlich einen der gut angezogenen älteren Herren auf die öffentliche Toilette zu begleiten. Meist in dem Moment, wenn der Mann am intensivsten beschäftigt war, rempelten wir ihn von hinten an, daß der Erschrockene gegen die schmutzige Wand fiel. Dabei verlor er manchmal seine Brieftasche. Die Volkspolizei schien sich für derartige Übergriffe nicht besonders zu interessieren. Einmal sahen wir eines unserer Opfer sich gerade bei einem Polizisten beschweren, der zuckte jedoch mit den Schultern. Wir betrachteten solche kleinen Überfälle schlimmstenfalls als Jugendstreiche.
Irgendwann ging einer von den Hardcore-Punks zu weit. Er wurde angeklagt. Frieder Meisel und ich waren als Zeugen in seinem Prozeß geladen. Wir sollten gegen den Punk, unseren Kumpel, aussagen. Nachdem ich dran gewesen war, fragte mich die Richterin, ob ich hier Zeuge in einer Strafsache oder Verteidiger des Angeklagten sei. Ich hatte in meiner Zeugenaussage das ehrenvolle Verhalten, die untadelige Lebensweise und die hervorragenden Tugenden des Angeklagten gebührend herausgestellt. Die meisten Punks hielten auch in für sie kritischen Momenten zusammen, und das Bewußtsein um die Gemeinschaft machte jeden einzelnen von uns nur um so radikaler.
Wir gingen nun überhaupt nicht mehr arbeiten und klauten, was das Zeug hielt. Die Volkspolizei kontrollierte regelmäßig unsere Ausweise. Freddy und ich hatten für solche Gelegenheiten unsere Standardsprüche drauf wie: »Den Ausweis können Sie gleich behalten, der gehört mir sowieso nicht.« Im Personalausweis der DDR, er gilt noch bis heute, ist vermerkt, daß er nicht uneingeschränktes Eigentum seines Besitzers sei. Für unsere Bemerkungen wurden wir in der Regel für vierundzwanzig Stunden eingesperrt.
Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehörte es damals, in den Tierpark zu gehen und Schnaps in die Tröge der Hänge-bauchschweine zu schütten. Wir amüsierten uns köstlich, wenn die besoffenen Schweine dann in ihren Boxen herumtorkelten.
Unser Verhalten eskalierte immer mehr, und wir konnten gar nicht mehr normal mit unserer Umwelt umgehen. Ich glaube, wir hatten zu dieser Zeit, ohne es richtig begriffen zu haben, bereits vollkommen mit der DDR abgeschlossen.
Nun wurden Kriminalpolizei und Staatssicherheit auf uns aufmerksam. Einer der Punks hatte weiche Knie bekommen und der Kripo alles über unsere Diebstähle erzählt. Er hatte vor allem Frieder Meisel und mich belastet, und nun schob uns die Polizei Diebstähle im Wert von fünftausend Mark in die Schuhe. Zweitausendfünfhundert Mark mußte meine Mutter für mich auf den Tisch legen. Zweitausendsiebenhunden Mark hatte meine Oma für mich gespart. Damit wurde der Sachschaden bezahlt. Ich empfand damals diese Geldstrafe als in höchstem Maße ungerecht, niemand hatte ernsthaft versucht, mir ein Unrechtsbewußtsein beizubringen. Alle hatten zu dieser Zeit wohl schon resigniert, und dabei stand doch alles erst am Anfang.
Frieder Meisel hatte in der Zwischenzeit versucht, die DDR illegal zu verlassen. Er wurde gefaßt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Ich war damals für den Knast noch zu jung. Die Jugendhilfe verbannte mich aus Lichtenberg. Ich erhielt also ein Jahr Bewährung auf drei Jahre Jugendgefängnis. Viele Punks wanderten zu dieser Zeit in den Knast.