12. Der e-Smog-Eisberg
Der US-Präsident hört sich die Nachricht schon zum dritten Mal an. Was wollen sie denn jetzt noch? Er hat doch der Forderung der Kooperative nach mehr Land schon nachgegeben. Er hat sogar den CIA, der ihm noch einen Gefallen schuldig war, angewiesen, über eine Sicherheitslücke hinwegzusehen, die durch eines der neuen Mitglieder der Kooperative bei der Einreise in die USA verursacht wurde. Der Kooperative ist offenbar nicht klar, welche Fäden er alle ziehen musste, um bei den extrem strengen Sicherheitsbestimmungen die junge Frau ohne ein Verhör durchzubekommen. Man hatte ihm gesagt, die Frau sei die Tochter des Chefs der Kooperative. Er hatte also keine andere Wahl, er musste die Frau frei bekommen und es durfte keinerlei Anschuldigung gegen sie bestehen bleiben.
Er weiß nur zu gut, welchen Aufruhr Töchter machen können. Bei den Anrufen und Nachrichten, die er in letzter Zeit von der Kooperative bekommen hat, ging es meist um seine Tochter Stephanie. Offenbar ist sie – wieder – in Gruppen involviert, die lautstark ihren Unmut gegen Elektrosmog äußern. Der Präsident kann nicht anders: Er muss über ihre Hartnäckigkeit und Überzeugung schmunzeln. Sie wird es weit bringen in ihrem Leben. Vorausgesetzt, sie kann dem langen Arm der Kooperative entgehen. Nur mit knapper Not hat sie den »Autounfall« überlebt, der Ramu das Leben gekostet hat. – Wird sie noch einmal so viel Glück haben?
Das Telefon klingelt schon wieder, also zieht er den Stecker. Er verlässt das Weiße Haus durch eine Geheimtür, den Hut tief ins Gesicht gezogen, sodass ihn auf der Straße niemand erkennt. Er braucht Zeit um nachzudenken. Nicht als Präsident, sondern als Vater … In letzter Zeit hat er sich viele Gedanken über sein Vermächtnis gemacht. Er hat bereits mehr als die Hälfte seiner zweiten Amtsperiode hinter sich und doch hat er noch nichts Denkwürdiges erreicht, weder als Präsident noch als Vater … Er beschließt, Stephanie anzurufen und ihr seine uneingeschränkte Unterstützung zu geben. Es ist nicht wirklich das, was er sich als sein Vermächtnis vorgestellt hat, aber es ist das richtige Vermächtnis. Als Vater hätte er das schon vor mehr als zehn Jahren tun sollen …
20. März 2014
Borobudur, Java, Indonesien
Para-Barrys Abbild nimmt in der Dunkelheit des Tunnels Gestalt an. Auf der Suche nach Maria blickt er um sich. Er hat angenommen, sie hier wartend vorzufinden, aber sie ist nirgends zu sehen. Para-Barry lugt um die Ecke in den hell erleuchteten Raum: Da ist niemand, außer zwei Wachen, die vor einem schweren Metalltor stehen.
Para-Barry möchte wissen, was auf der anderen Seite der Tür ist, also beendet Barry die Projektion und projiziert einen anderen Para-Barry auf die andere Seite der Metalltür.
Als Para-Barry sich materialisiert, steht er in der Mitte eines kleinen, aber einigermaßen gemütlich eingerichteten Raumes, in dem sich ein runder Tisch, zwei Stühle und ein Bett befinden. Auf dem Bett liegt Mandi. Para-Barry geht zu ihr hin, stupst sie an und flüstert ihr ihren Namen ins Ohr, aber sie reagiert nicht. Er hält ihr seine Hand vor die Nase und den Mund. Mandis Atem ist flach.
»Sie lebt. Wenn es das ist, was Sie wissen wollen«, ertönt plötzlich die Stimme. »Sie hat sich aufgeregt und war nicht besonders kooperativ, deshalb haben wir ihr etwas zur Beruhigung gegeben.«
Para-Barry spannt sich an. Er blickt sich in dem Raum um und entdeckt eine kleine Überwachungskamera, die in der Wand versenkt installiert ist. Auf dem Tisch sind einige Zeitschriften, ein paar große Plastikflaschen mit Trinkwasser und eine ungeöffnete Packung Müsliriegel zu sehen. Para-Barry öffnet eine der Wasserflaschen und trinkt ein paar Schluck. Dann geht er mit der Flasche zur Kamera hinüber und stößt die Öffnung der Flasche fest gegen die Linse. Er hofft, dass er die Kamera damit zerstört hat oder dass zumindest die Sicht getrübt ist. Aber er wartet nicht ab, um es herauszufinden. Stattdessen beendet Barry die Projektion wieder und projiziert sich zurück in den dunklen Nebentunnel.
Während Para-Barry auf Marcus wartet, hört er plötzlich Dave in der Ferne rufen. Er macht einen Schritt zur Seite und versucht um die Ecke zu sehen, da tritt er gehen etwas Kleines, Helles auf dem Boden. Er bückt sich und tastet den Boden mit den Händen ab; es ist eine indonesische Silbermünze. Als er sich aufrichtet, spürt er, wie jemand oder etwas ihn berührt. Im Schreck zuckt er zusammen und holt zu einem Schlag aus. Mit einer Pseudohand hält Marcus ihn zurück und fängt den Schlag auf.
»He, Vorsicht!«, flüstert Marcus. »Was tust du!? Wo ist Maria?« »Tut mir Leid«, sagt Para-Barry. »Mandi ist in dem Raum hinter dieser Tür, aber ich weiß nicht, wo Maria ist. Ich habe gerade eine Münze vom Boden aufgehoben.«
Marcus nimmt
die Münze von Para-Barry, bückt sich und tastet kriechend den Boden
ab. Er findet eine weitere Münze. Und auf der anderen Seite das
Ganges ist eine dritte auf dem Boden zu sehen. »Die sind von Maria,
ich bin sicher«, sagt Marcus hastig. »Sie sammelt Münzen für
Stephan – er liebt Geld aus verschiedenen
Ländern.«
Den hell erleuchteten Gang zu überqueren könnte schwierig werden. Die Wachen haben sich niedergesetzt und lehnen mit dem Rücken gegen die versperrte Tür, den Blick auf den Gang gerichtet. Marcus schnellt über den Gang und versucht dann mit seinen Pseudohänden durch die Tür zu greifen, aber es ist unmöglich. Er klopft an die Tür. Das Geräusch bestätigt seinen Verdacht und beunruhigt die Wachen. Jetzt läuft auch Para-Barry über den Gang. Marcus klopft ein weiteres Mal gegen die schwere Metalltür.
»Natürlich – Blei!«, denkt er. Er kann nicht mit seinen Pseudohänden durch die Tür greifen, weil sie aus Blei gemacht ist, die einzige Substanz, die er nicht durchdringen kann. Sie müssen auf andere Weise in den Raum gelangen. Aber zuerst müssen sie Maria finden!
Marcus und Para-Barry fühlen sich beobachtet, während sie den schwach erleuchteten Tunnel entlanglaufen und Münzen aufsammeln. In einem Seitentunnel gibt es lauten Aufruhr. Sie haben Dave in einem ähnlichen Raum wie Mandi eingesperrt und man kann weithin seine Schreie und Tritte gegen die Tür hören.
Plötzlich ist
die Münzenspur zu Ende. Marcus und Para-Barry stehen reglos da und
lauschen. Geradeaus ist schwach Marias Stimme zu vernehmen. Marcus
rennt los, Para-Barry hinterher. Schließlich kann Marcus Maria in
einem Nebengang erkennen. Sie wehrt sich heftig gegen ein paar
Männer, die sie in einen Raum zerren wollen.
»Es reicht«, sagt Sarif. Aus einer Rückentasche zieht er ein festes, dünnes Bambusrohr hervor, hantiert kurz daran herum, setzt es an die Lippen, und schießt. Maria krümmt sich nach hinten und fällt schlaff zu Boden. Einer der Männer zieht ihr den Pfeil aus der Schulter und schleudert ihn gegen die Felswand.
Aber bevor die
Männer Maria packen können, werden sie von Marcus’ Pseudohänden
niedergeschlagen. Inzwischen hat auch Para-Barry den Ort des
Geschehens erreicht. Er entreißt Sarif das Blasrohr und ringt ihn
zu Boden. Unter Ausnutzung sämtlicher seiner Pseudohände schleppt
Marcus Sarif und die Männer in den Raum und schlägt das schwere Tor
zu. Dann nimmt er Maria und wiegt sie in seinen
Armen.
Die Stimme meldet sich wieder zu Wort: »Was für eine Zugabe! Wirklich, Sie müssen mich in Ihre Geheimnisse einweihen. Wir könnten so ein herausragendes Team sein …!«
»Marcus, es gibt hier Überwachungskameras«, sagt Para-Barry leise. »Sie sind klein, haben ungefähr die Größe einer Münze. Sie sind schwarz und bündig in der Wand installiert. Ich glaube, wir können sie mit den Münzen abdecken.«
Auf der Suche nach den Kameras tastet Marcus den Raum mit seinen Pseudohänden ab. Die zu untersuchende Oberfläche ist sehr groß, aber die Kameras sind sofort erkennbar. Sie fühlen sich wie kleine Murmeln an. Marcus entdeckt zwei Kameras, eine gleich links von ihnen und die andere im Fels über der Tür. Mit zwei Pseudohänden deckt er die Linsen mit den Münzen ab.
Leider sind die Münzen zu klein, also drückt Marcus sie so fest in die Linsen hinein, dass diese zerbrechen. Er folgt mit einer Pseudohand der Verdrahtung der Kamera in den Fels, bis er an ein unpassierbares Hindernis stößt. Er reißt die Kabel heraus und ein Funkenregen geht nieder. Auf Marcus’ Pseudohand fühlt es sich wie ein leicht stechendes Prickeln an. Marcus nimmt an, dass sich hinter dem Hindernis eine zentrale Überwachungsstelle befinden muss, aber er kann nicht dorthin vordringen.
»Gut gemacht.
Ich kann Sie jetzt zwar nicht mehr sehen, aber werden Sie durch den
kleinen Erfolg nicht übermütig«, ist die hämische Stimme zu
vernehmen. »Ich kann immer noch Ihre Position aufgrund Ihrer
Körpertemperatur ausmachen. Nicht einmal Sie können dieses System zerstören. Es ist in den
Fels des Tunnels eingebaut … Ich denke, ich will in diesem
Spielchen großzügig sein. Sie bekommen einen Siegespunkt für die
Zerstörung des Kamerasystems. Das heißt, im Spiel SR Inc. gegen die
Kooperative steht es eins zu eins. Oder hat die Kooperative nicht
schon drei Punkte? Mandi und Dave zählen je einen und Mandis
Forschung noch einen Punkt. Es ist wirklich eine Schande, dass
Mandis Forschungsergebnisse gerade in diesem Moment zerstört
werden. Es sieht nach so viel Arbeit aus«, ätzt die
Stimme.
»Los«, sagt
Marcus gepresst zu Para-Barry. »Nach der Verkabelung zu schließen
glaube ich, dass der Kontrollraum links von uns liegt. Ich weiß
nicht, welche Gänge hinführen, aber wir müssen nach
links.«
Marcus hebt Maria hoch und beschleunigt seine Individualzeit. Er rast die Tunnels rauf und runter, zugleich bestürzt und beeindruckt von dem Gewirr von Gängen und Räumen. Wie gerne würde er einen Plan des Tunnelsystems sehen. Der Fels fühlt sich abgewetzt an und die Luft ist abgestanden. Marcus fragt sich, wofür die Tunnels früher benutzt wurden und wofür sie jetzt benutzt werden. Er ist auch perplex über die Verwendung von Bleitüren …
Schließlich erreicht er eine Reihe von Türen, von denen jede mit einem anderen Mechanismus gesichert ist.
»Tut mir wirklich Leid«, meldet sich die Stimme wieder. »Sie sind nicht in unserer Datenbank. Sie benötigen den richtigen Fingerabdruck und die Iris mit dem richtigen Muster, um Zutritt zu diesem Areal zu haben. Außer natürlich, ich lasse Sie rein, aber so großzügig fühle ich mich auch wieder nicht. Der Ball ist wieder bei Ihnen.«
Während des dröhnenden Lachens der Stimme sieht sich Marcus um. Para-Barry ist noch nicht da. Marcus kann mit einer Pseudohand problemlos durch die Sicherheitseinrichtungen hindurch und durch die erste und zweite Tür greifen. Bei der dritten Tür allerdings wird er abgeblockt – sie muss aus Blei sein.
»Schon wieder eine Bleitür. Warum verwenden sie Blei?«, fragt sich Marcus erneut. Aber plötzlich dämmert es ihm …
»Ich wette, die machen hier auch Tests mit elektromagnetischer Strahlung«, denkt er. »Blei ist eine der wenigen Substanzen, durch die elektromagnetische Strahlung nicht dringen kann. Die Dschungelanlage ist nicht die einzige Forschungs- und Teststation. Ich muss dieses Tunnelsystem näher untersuchen.«
Auf der Suche nach einer Stelle – egal wie schmal –, durch die er eine Pseudohand stecken kann, tastet Marcus die Ränder der Tür und die umgebende Wand ab. Dabei denkt er an die Schutzmaßnahmen, die SR Inc. gegen elektromagnetische Strahlung ergriffen hat. Nachdem sie den e-Helper entworfen, entwickelt und getestet hatten, hat er seine Aufmerksamkeit der Auswirkung der elektromagnetischen Strahlung zugewandt, die von Computern ausgeht. Dabei hat er von der Undurchlässigkeit des Bleis erfahren.
Marcus hat darauf bestanden, dass das Forschungslabor herausfinden sollte, wie die Computer und die Laborausstattung von SR Inc. vor der Strahlung, die sie in ihren Experimenten erzeugten, geschützt werden konnten. Als sie mit der Untersuchung der elektromagnetischen Strahlung begannen, die im Labor von ihren e-Helpern abgestrahlt wurde, gab es auffällig viele Ausfälle und Zusammenbrüche der Computersysteme. Sie beobachteten auch einen starken Anstieg an sehr kurzzeitigen Stromschwankungen. Sie waren meist nicht stark genug, um Sicherungen durchbrennen zu lassen, aber sie konnten die Speicherung der Messwerte stören.
Als sie die Anzahl dieser Stromschwankungen aufzeichneten, zählten sie mehr als 12.000 pro Monat, aber sie hatten keine Vergleichsdaten, da sie bisher solche Störungen nicht beachtet hatten. Allerdings konnte er sie mit den Zahlen eines Labors im Nachbargebäude vergleichen. Sie fanden heraus, dass man in diesem Labor nur 3.000 derartige Störungen im Monat verzeichnete. Obwohl es noch andere Gründe für diese Abweichung geben konnte, war Marcus überzeugt, dass die Hauptursache mit der elektromagnetischen Strahlung zu tun haben musste.
Als Folge
dieser Experimente beauftragte Marcus Klaus damit, eine
Abschirmungsstrategie zu entwickeln. Da das Computerlabor
entscheidend für den Erfolg von SR Inc. ist, wurde es von einem
Schutzschild umgeben. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Schildes
ist Blei, da dieses Element undurchlässig für elektromagnetische
Strahlung ist.
Marcus war bereits von Blei fasziniert, bevor Klaus seine Abschirmung entwickelte hatte. Er hat sich für das Metall und seine Legierungen interessiert, seit er entdeckt hatte, dass er mit seinen Pseudohänden dieses Material nicht durchdringen kann. Gleich nachdem Marcus seine Pseudohände bewusst geworden waren, hat er viele Wochen damit verbracht, ihre Möglichkeiten und Grenzen zu erkunden. Damals hat er Blei als ein lästiges Hindernis angesehen. Er schien durch nichts besiegbar – außer durch Blei!
Diese Sichtweise hat sich inzwischen geändert. Zur Abschirmung des Computerlabors eignet sich Blei vorzüglich, es bildet eine Schutzbarriere. Jetzt allerdings, da Marcus ausgeschlossen vor dem Steuerraum des Tunnelsystems steht, wird Blei für ihn wieder zum ärgerlichen Hindernis.
Para-Barry legt ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich bin an zwei Sicherheitstoren vorbei, aber ich suche immer noch nach einer Öffnung bei der dritten«, sagt Marcus frustriert.
»Na?«, fragt die Stimme ungeduldig. »Die Zeit ist um. Das Spiel ist aus.« »Nein, das Spiel hat gerade erst begonnen«, widerspricht Marcus. »Um 1 Uhr nachts Ortszeit – das ist in weniger als sieben Stunden – wird eine Serie von weltweiten Protesten losbrechen, die sich gegen Ihre illegale Produktion von e-Helpern richten. Morgen Früh wird die Sache auf den Titelseiten der Zeitungen sein. Das wird interessanten Lesestoff abgeben.«
Die Stimme seufzt. »Ach ja, die Klage wegen Patentbruchs. Wir nennen Ihr Patent ‚Monopol‘, und wir hängen der Idee des freien Marktes an. Wir machen e-Helper für Milliarden von Menschen verfügbar, die ihn sich zu Ihren Preisen nicht leisten könnten. Ich denke, wir werden unsere Sache gut vertreten können – Unterstützung der Armen, Sie verstehen schon.«
»Bilden Sie sich nur nichts ein«, entgegnet Marcus nicht weniger sarkastisch. »Ich glaube nicht, dass man das halbe Dutzend internationale Konzerne, aus denen Ihre Kooperative besteht, als philantropischen Verein ansehen wird. Weder Ihre Philosophie noch Ihre Produkte. Sie verdienen sich dumm und dämlich an den raubkopierten e-Helpern. Sie vernachlässigen die Qualität. Und was am schlimmsten ist, sie gefährden Milliarden Menschen mit den Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung.«
»Sie haben nichts gegen uns in der Hand«, sagt die Stimme. »Keine Fotos, keinen Beweis. Ihre und Mandis Forschung ist gründlich, konsistent und gut gemacht, aber sorglos.«
»Sorglos!?«, fragt Marcus aufgebracht.
»Ja, sorglos«, lacht die Stimme. »Ihre Arbeit ist gut, ja sogar pedantisch, aber Sie und Mandi sind sorglos. Sie haben die besten Werte in Ihren Labors herumliegen. Unfälle in Labors passieren manchmal, wissen Sie? Versuchsobjekte, wie zum Beispiel Ratten, infizieren sich mit Viren und sterben. Daten gehen verloren … lassen Sie uns sehen. Während wir sprechen, sollten Mandis Daten bereits fast vollständig zerstört sein. Ihre Daten folgen gleich danach.«
»Sie werden es nicht schaffen, ins Labor von SR Inc. vorzudringen«, sagt Marcus zuversichtlich. »Und was ‚sorglos‘ anbelangt, haben Sie zwei Aspekte übersehen, die alle Ihre sechs Unternehmen in wenigen Monaten in den Bankrott treiben werden. Der eine ist der Aspekt des unfairen Handels, der andere ist die Gefährdung der Öffentlichkeit durch die Missachtung empfohlener Standards für elektromagnetische Strahlung. Wenn wir an die Öffentlichkeit gehen, werden wir alle sechs Unternehmen beim Namen nennen. Wir haben Beweise für gefährlich hohe Mengen von e-Smog und wir können sie direkt auf Ihr Produkt zurückführen und auf Ihre Firmen. Sie werden die Mitteilung nicht ignorieren können, die zur weltweiten Verbreitung veröffentlicht wird. Wenn diese Nachricht rausgeht, können Sie und die anderen zusperren. Ihre Ware wird weltweit boykottiert werden. Sie können glücklich sein, wenn Sie nicht persönlich wegen grober Fahrlässigkeit verklagt werden.«
Schweigen.
Marcus sieht Para-Barry an und sagt leise: »Ich glaube, er braucht noch ein bisschen ‚Überzeugungsarbeit‘. Ich werde Maria und mich selbst mit meinen Pseudohänden abschirmen, für den Fall, dass er komisch wird, aber ich werde diesen interessanten Dialog fortsetzen. Ich werde auch dich schützen, so lange ich kann. Wie wäre es mit ein bisschen überzeugendem Chaos?«
Para-Barry lächelt und verschwindet. Marcus formt seine Pseudohände wie eine Ritterrüstung um Para-Barry, dann rennen sie beide durch den Tunnel los, so schnell sie können. Als Para-Barry abwechselnd vor Mandis und Daves Türe erscheint, werden die Wachen von Panik ergriffen. Sie schießen auf ihn, aber ihre Kugeln treffen Marcus’ Pseudohände und fallen plump zu Boden. Para-Barry bleibt unverletzt vor ihnen stehen. Die Männer nehmen an, dass dieser Mann, den sie nicht töten können, ein Geist sein muss!
Im Laufen erkundet Para-Barry verschiedene Bereiche der Tunnelgänge. Immer wieder sieht er Männer, solche, die als Wachen erkennbar sind, und andere. Schreie und Schüsse sind zu hören und Marcus spürt die Kugeln an seinen Pseudohänden. Den Schutzschild, den er mit einen Pseudohänden um Para-Barry bildet, kann er aber nicht länger in dieser Größe aufrechterhalten. Er gibt Para-Barry ein Zeichen, dass er seine Pseudohände zurückziehen muss.
»Ich weiß
nicht, wer oder was er ist, aber rufen Sie ihn zurück«, brüllt die
Stimme. »Das hier ist ein Unternehmen, kein Zirkus. Und blasen Sie
Ihren Protest ab oder Sie werden hier ohne Ihre Kollegen
fortgehen.« »Wir müssen verhandeln«, gibt Marcus ruhig zur
Antwort. »Verhandeln! Ha!«, ruft die Stimme. »Sie haben nichts zu
verhandeln!«
»Nichts außer einer weltweiten Kampagne in sieben Stunden – nein, sechs Stunden und 45 Minuten«, sagt Marcus provozierend ruhig. Während er das sagt, trifft ihn eine neue Salve von Schüssen. Er kann dem Feuer nicht mehr länger standhalten, seine Parafähigkeiten sind durch die Anstrengungen des Tages fast erschöpft.
Para-Barry ist von seiner Runde mit den Störaktionen zurückgekehrt und beobachtet Marcus aus einiger Entfernung. Um einen Angriff planen zu können, müssen sie wissen, was in diesem Kontrollraum ist. Barry beendet seine Projektion und projiziert sich erneut in den ersten der abgesicherten Räume, dann in den zweiten und schließlich in den dritten Bereich, den Kontrollraum. Er materialisiert sich in der Mitte des Raumes, in dem sich eine Reihe Computer und Bildschirme befinden und eine kleine Gruppe von indonesischen und europäisch-stämmigen Männern, die alle ihre Blicke auf die Bildschirme gerichtet haben, also von Para-Barry weg in Richtung Wand sehen. Ohne ein Geräusch zu machen überblickt Para-Barry den Raum.
Der Raum ähnelt in gewisser Hinsicht dem klimatisierten Computerlabor von SR Inc. In den Tunnels ist die Luft zwar kühl, aber doch feucht und stickig. Hier im Kontrollraum hingegen ist die Luft nicht nur kühl und trocken, sondern auch frisch. Die meisten der Männer tragen Sweatshirts und Jacken.
Das helle Weiß
der Wände in dem Raum blendet fast die Augen, besonders nach der
Düsternis der Tunnels. Alles ist weiß – die Wände, die Decke, die
Bürostühle und die Tischtücher. Und alles ist tadellos sauber. Der
Mann, der die Stimme spricht, sitzt in einem ledernen Armstuhl mit
einer hohen Rückenlehne, sodass Para-Barry ihn nicht sehen kann.
Nahe der Tür hängen ein paar weiße Arbeitsmäntel.
Über einigen bestimmten Bereichen des Computerlabors hängen Tafeln mit indonesischen Schriftzeichen, die Para-Barry nicht lesen kann. Unter einem solchen Zeichen befinden sich einige Bildschirme, die verschiedene Bereiche der Tunnelgänge zeigen.
»Die roten Punkte, die sich da bewegen, müssen Menschen sein«, denkt Para-Barry. »Das muss das Überwachungssystem auf Körpertemperaturbasis sein, das er erwähnt hat.«
Unter einem anderen Zeichen sind Monitore, die nichts anzeigen. Man sieht Brandstellen – offenbar haben Stromstöße und Funken die Systeme lahm gelegt. »Das ist sicher das Überwachungssystem, das Marcus mit seinen Pseudohänden zerstört hat«, denkt Para-Barry.
In einem dritten Bereich stehen einige Taschencomputer, auf die die Beschreibung passt, die Mandi über ähnliche Geräte in der Dschungelanlage abgegeben hat. Daten werden langsam, aber kontinuierlich auf den großen Bildschirmen angezeigt. Es gibt fünf zusammengeschaltete Gruppen solcher Geräte, die alle durch ein starkes Netzwerksystem unterstützt werden.
Para-Barry hat genug gesehen, also beendet Barry seine Paraprojektion, um sich neben Marcus wieder zu materialisieren, der immer noch mit Maria in den Armen dasteht. Er möchte Marcus berichten, was er gesehen hat, aber Marcus und die Stimme sind mitten in einer hitzigen Diskussion.
»Ich glaube Ihnen kein Wort«, sagt die Stimme. »Nennen Sie Namen.« »Es war nicht allzu schwer«, fährt Marcus fort. »Wir haben einen Ihrer e-Helper auseinander genommen, seine Komponenten analysiert und dann ihre Hersteller herausgefunden. Wie Sie wissen, ist unsere Branche überschaubar. Und wir haben ausgezeichnete Analyseinstrumente.«
Wenn Marcus »Analyseinstrumente« sagt, meint er hauptsächlich Marias Parasicht. Durch ihre Fähigkeit, die Augen nicht nur wie ein Fernglas zu nutzen, sondern auch wie ein Mikroskop, haben sie Stunden – ja Tage – an Analysezeit eingespart. Marcus spricht mit niemandem, außer den Kollegen von SR Inc., über Marias Parasicht, aber oft wünscht er, er könnte es. Sie hat ihre Parafähigkeit zu einer wahren Kunst verfeinert.
Aus der Art, wie die Stimme spricht, hört Marcus heraus, dass sie nahe davor ist, Verhandlungen zuzustimmen. Die Anschuldigung des unfairen Handels birgt finanzielle Gefahren in sich, die noch kein Unternehmen je überlebt hat. Zusammen mit dem Vorwurf der fahrlässigen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit bedeutet das den schnellen Todesstoß für die beteiligten Firmen. Und dem Zusammenbruch der Unternehmen folgt ziemlich sicher die persönliche Haftbarmachung der Geschäftsführer.
Marcus sieht
die Zeit gekommen, seinen Trumpf auszuspielen: »Während Sie im
Gefängnis sitzen, werde ich hinter der Kooperative aufräumen,
sowohl im wörtlichen Sinne als auch in finanzieller Hinsicht. Wir
sind mit einem Produkt in der Testphase, das die Leute ihren
e-Helpern hinzufügen können. Dieser Zusatz wird die Menge der
emittierten elektromagnetischen Strahlung drastisch reduzieren. Wir
sind gerade dabei, nach einem Partner für die Produktion zu
suchen.«
Marcus hofft, dass die Stimme anbeißen wird. Moralisch gesehen kann Marcus nicht mit der Kooperative zusammenarbeiten, so wie sie sich momentan darstellt. Die Mitglieder der Kooperative gefährden nicht nur Menschenleben, sondern Marcus macht die Stimme auch persönlich für Ellys Tod verantwortlich.
Die Kooperative ist eine Anomalie, eine destruktive Entartung von ansonsten sehr sozial agierenden Unternehmen. Marcus’ Nachforschungen haben ergeben, dass die anderen Produkte der großen, internationalen Konzerne, aus denen die Kooperative besteht, durchaus umweltverträglich sind. Er wird daher geschäftliches Interesse vortäuschen, um sie bei der Stange zu halten, und dann wird er nicht nur unter den »schwarzen Schafen« aufräumen, sondern auch sicherstellen, dass sie strafrechtlich im größtmöglichen Ausmaß verfolgt werden.
Im Tunnel herrscht Schweigen. Nach einer Pause sagt Marcus: »Oh, habe ich vergessen zu erwähnen, was das volle Potenzial des e-Helper-Zusatzes sein wird? Er wird nicht nur für e-Helper anwendbar sein, sondern für alle Elektrogeräte – für alles, was elektromagnetische Strahlung abgibt. Die finanzielle Perspektive ist gewaltig.«
Marcus wird der Stimme zehn Minuten Zeit für eine Entscheidung lassen und dann gehen. Er hat noch die eine Drohung der Stimme im Kopf: den Angriff auf ihre Labors. War es eine leere Drohung oder hat er die Wahrheit gesprochen? Marcus ist zuversichtlich, dass das Labor von SR Inc. einem Einbruchsversuch standhalten kann, aber bei Mandis Labor ist er nicht so sicher. Er muss Klaus bei SR Inc. und Kevin in Mandis Labor vorwarnen.
In Mandis Universitätslabor, in dem es normalerweise sehr geschäftig zugeht, ist es ungewöhnlich ruhig. Kein Geräusch ist zu vernehmen – kein Trappeln von Rattenfüßen, kein Summen der Computer. In den sauberen Käfigen liegen Dutzende schlaffe Körper von weißen Laborratten, die als Versuchstiere gedient haben. Kevin, der Assistent, findet die toten Ratten am nächsten Morgen und erst nach langwierigen Untersuchungen wird er herausfinden, dass sie einem eigenartigen Virus zum Opfer gefallen sind, der den gesamten Bestand infiziert hatte.
Allerdings wird es vieles geben, was sich Kevin nicht erklären kann. Er stellt fest, dass auch sämtliche Daten durch einen technischen Ausfall verloren gegangen sind. In seiner Panik ruft er die Abteilung Informationstechnologie der Universität zu Hilfe. Die Leute reagieren rasch, können aber nicht helfen. Sie schreiben den Datenverlust einem Computervirus zu, der irgendwie in das System eingedrungen sein muss – auf die Idee der Firmenspionage kommen sie nicht. Die IT-Abteilung muss auch mitteilen, dass die Sicherheitskopien der Daten unauffindbar sind – bedauerlicherweise sind sie anscheinend verlegt worden.
Im Laufe das
Tages wird es Kevin langsam klar werden, dass das Labor gezielt
angegriffen und geplündert worden ist. Er wird entdecken, dass
umfangreiche Dateiordner verschwunden sind, einschließlich der fast
fertigen Förderanträge. Er wird ratlos sein, was zu tun ist, und
schließlich wird er auf die gesprochene Nachricht reagieren, die
Marcus hinterlassen hat, denn Mandis e-Helper antwortet
nicht.
»Sie entschuldigen«, sagt Marcus zur Stimme. »Ich muss ein paar Anrufe tätigen. In dreißig Minuten startet die Produktion der Flugblätter für den Protest. Die Spruchbänder sind bereits fertig. Auf ihnen stehen – in großen Lettern – die Namen der sechs Unternehmen, um die es geht.«
Er nickt Para-Barry zu und sagt ihm leise, sie sollen sich beim Eingang des Tunnels treffen – er will eine Entscheidung der Stimme erzwingen. Beim Eingang kann die Stimme ihn und Maria immer noch am Wärmekontrollsystem sehen, also kann sie bis zu diesem Zeitpunkt noch einlenken und einem Treffen zustimmen. Aber, wenn nötig, können Marcus, Maria und Para-Barry dann auch schnell durch den Ausgang verschwinden.
Der Bluff funktioniert. Nur Sekunden, nachdem sie den Eingang erreicht haben, spricht die Stimme: »Sprechen wir miteinander. Aber vorher müssen Sie den Protest absagen.« »Nein«, sagt Marcus. »Der Protest bleibt aufrecht. Ich werde ihn aufschieben, aber ich brauche von Ihnen ein Zeichen des guten Willens. Sie müssen Mandi und Dave freilassen.«
Das dröhnende
Lachen der Stimme hallt durch die Gänge und sogar Maria zuckt in
Marcus’ Armen zusammen. »Sie können Dave haben – er ist wertlos für
mich. Aber Mandi nicht. Sie kann nicht gegen uns aussagen, wenn –
na ja – wenn sie einem Unfall zum Opfer fällt. Nein, Mandi bleibt
hier.« »Dann muss Mandi bei der Verhandlung dabei sein«, sagt
Marcus. »Zusammen mit den maßgeblichen Vertretern jedes
Unternehmens. Wir kennen die Leute – sie sind auf den
Fotos.«
»Die Verhandlung muss noch 24 Stunden warten. Diese Zeit brauche ich, um das Produkt zu prüfen, von dem Sie sprachen und das Sie mir natürlich ausliefern werden«, fordert die Stimme.
»Ich gebe Ihnen eine allgemeine Beschreibung dieses Zusatzes, mehr nicht«, sagt Marcus. »Mandi und die zwölf Männer müssen bei der Besprechung dabei sein.«
»Sie werden nicht im Ernst glauben, dass zwölf Unternehmensleiter alles liegen und stehen lassen, um mit einem Niemand aus Neuseeland zu sprechen, dessen Beweise gerade in diesem Moment zerstört werden? Seien wir doch realistisch, oder?«, sagt die Stimme mit wiedergewonnener Arroganz.
»Ihre Entscheidung. Entweder bekomme ich innerhalb von zwei Stunden eine Bestätigung von jedem der Männer persönlich oder der Protest findet statt wie geplant. Ein paar der Firmenchefs können sich über Videokonferenz dazuschalten, wenn es nicht anders geht, aber die Mehrheit muss anwesend sein.«
Während Marcus und die Stimme weiterverhandeln, wird Dave, begleitet von vier bewaffneten Männern, zu ihnen gebracht. Als die Wachen Para-Barry sehen, bleiben sie stehen und heben ihre Pistolen. Marcus kann sehen, wie ihre Arme zittern.
»Rufen Sie sie zurück! Wie kann ich Ihnen vertrauen, wenn Sie nicht einmal Ihre eigenen Leute unter Kontrolle haben?«, ruft Marcus. Er fühlt sich erschöpft und er weiß, dass er mit seiner Parafähigkeit die Grenze erreicht hat.
Die Stimme sagt schnell und laut etwas in Indonesisch zu den Männern, die daraufhin ihre Waffen sinken lassen und einige Schritte zurückweichen.
»Einverstanden«, sagt Marcus. »Wir sehen uns in genau 24 Stunden. Ich werde den Protest so lange aussetzen. Und Sie garantieren Mandis Erscheinen und ihre Sicherheit bei der Verhandlung.«
Nachdem sie die Villa verlassen haben, führt Marcus auf dem Weg zum Hotel einige kurze Gespräche. Er ruft Evette an und diskutiert mit ihr die Situation. Sie stimmt seinem Vorschlag zu, alles für 24 bis 32 Stunden auf Abruf bereitzuhalten. Allerdings warnt sie ihn, dass sie die Unterstützung von einigen Protestierenden verlieren könnten. Aber Marcus meint, dass sie das riskieren müssten.
Als Nächstes ruft er Klaus an. Dieser erzählt eine seltsame Geschichte: Sandra sei überraschenderweise beim Labor von SR Inc. vorbeigekommen und habe ihn zum Abendessen mitgenommen. Es war ein regnerischer, kalter Tag und so hatten sie beschlossen, dass ihnen eine warme Mahlzeit in einem ihrer Lieblingsrestaurants gut tun würde. Sandra sah besonders »reizend« in ihrem neuen marineblauen Kleid aus und so kamen sie nicht so schnell aus dem Labor raus, wie sie es geplant hatten.
»Als wir so richtig bei der Sache waren«, fährt Klaus fort, und man hört an seiner Stimme, dass es ihm ziemlich peinlich ist, »hörten wir, wie jemand versuchte, ins Labor einzudringen. Sie wollten das Sicherheitssystem umgehen, das ich aber noch gar nicht aktiviert hatte. Und Sandras Parafähigkeiten sprachen sofort an. Sie las die Emotionen der Eindringlinge und sagte, sie wären von der besonders schlimmen Sorte. Sie bestand darauf, sofort den höchsten Alarm auszulösen.«
»Binnen Sekunden waren alle Türen und Fenster verschlossen und die Lichter gingen an. Sandra und ich versteckten uns unter meinem Schreibtisch. Glücklicherweise war auch meine Bürotüre verschlossen worden, denn Sandra fürchtete, dass die Einbrecher brutal vorgehen würden, wenn sie uns finden würden. Sie rannten im Labor herum wie Ratten im Käfig, die versuchen zu fliehen. Nach wenigen Minuten wurden sie von der Polizei abgeführt. Wir haben sie uns genau angesehen, aber sie waren mir völlig unbekannt und sie haben kein Wort gesprochen«, beendet Klaus seinen Bericht.
»Das heißt, er hat nicht gelogen«, sagt Marcus. »Klaus, du musst mir so schnell wie möglich die Kontaktdetails von Kevin besorgen. Wenn sie versucht haben, unser Labor zu knacken, bin ich sicher, dass sie es auch bei Mandis Labor versucht haben.«
Marcus erreicht Kevin nicht an seinem e-Helper. Er sendet ihm eine dringende e-Mail, aber sie bleibt ohne Antwort. Marcus weiß nicht, dass Kevin seinen e-Helper ganz bewusst im Auto lässt. Nach all der Forschung über elektromagnetische Strahlung, die er betreibt, trägt er den e-Helper nur noch selten bei sich und er liest nur einmal am Tag seine e-Mails.
Die 24 Stunden bis zur Besprechung verstreichen schnell. Maria erwacht mit schrecklichen Kopfschmerzen auf der Couch des Hotelzimmers. Marcus besteht darauf, dass sie einige Flaschen Wasser trinkt, damit das Gift aus ihrem Körper gespült wird.
Die Polizei ist auch schon bald, nachdem sie selbst dort angekommen sind, im Hotel. Die Nachricht von Ellys Tod hat sich schnell verbreitet. Dave übernimmt die Gespräche mit der Polizei und geht mit, um die Formalitäten zu erledigen. Er lässt seine Verbindungen spielen, nutzt seine Sprachkenntnisse und Marcus’ Amplop, um die Angelegenheit so reibungslos wie möglich ablaufen zu lassen.
Nachdem Dave und Marcus ins Hotel zurückgekehrt sind, fährt Dave nach Yogyakarta, von wo er mit seinem Flugzeug Ellys Leichnam zurück nach Palankaraya fliegen wird. Er besteht aber darauf, bis zur Verhandlung zurück zu sein, und sagt, dass er auch Unterstützung in Form von einigen Dayak mitbringen werde. Er weiß, dass die Javanesen – Sarifs Männer vor Ort – die Dayak fürchten.
»Es gibt viele Hebel, die wir hier ansetzen können«, erklärt Dave, »und wir müssen sie alle nutzen. Ich will, dass Mandi hier lebend rauskommt.«
Marcus will
die Verhandlung an einem öffentlichen, neutralen Ort abhalten. Aber
die Villa ist der einzige Ort mit einer geeigneten Ausstattung für
die Telekonferenz. Daves Bemerkung mit den Hebeln inspiriert Marcus
– er führt ein paar Telefonate nach Neuseeland.
Als Marcus, Maria und Para-Barry zur Verhandlung erscheinen, kommen sie nicht mit leeren Händen. Sie bringen Marcus’ Beweise und sie werden eskortiert von zwei Wagen der neuseeländischen Botschaft. »Ich möchte Ihnen zwei Vertreter der neuseeländischen Botschaft vorstellen«, sagt Marcus lächelnd. Diese Rückendeckung hat Marcus Jenny zu verdanken, der neuseeländischen Premierministerin. Sie hat in Jakarta die Fäden gezogen, sodass Marcus nicht nur von den Botschaftsvertretern begleitet wird, sondern auch von einigen indonesischen Bodyguards. Jenny hat auch versucht, eine alte Schuld einzufordern, die der australische Premierminister ihr gegenüber hat, aber er hat darauf nicht reagiert. Sie findet das eigenartig, wenn sie die Freundschaft zwischen beiden Ländern bedenkt. Sie hat Marcus gesagt, dass sie nicht nachgeben wird, bis sie eine annehmbare Antwort auf ihre Bitte erhalten hat. Außerdem hat sie ihr Personal angewiesen, jeden Anruf von Marcus sofort zu ihr durchzustellen, egal, wo sie gerade ist oder was sie gerade tut.
Marcus führt die Botschaftsvertreter und die Bodyguards in der Villa in ein Zimmer neben dem Besprechungsraum und bittet sie zu warten.
Ein Mitglied
der Kooperative, das sie empfängt, ist sichtlich verärgert über die
unerwarteten Gäste. Er kann sie aber nicht bitten zu gehen, denn
das wäre natürlich verdächtig. Aus demselben Grund darf an diesem
Tag nichts Unerfreuliches passieren. Sie können es nicht riskieren,
internationale Komplikationen vom Zaun zu brechen.
»Willkommen in unserer Villa«, sagt der Mann also nur lustlos.
Beim ersten Wort erkennt Marcus den Mann sofort als die Stimme, die er im Tunnel gehört hat. Er ist erstaunt über dessen Erscheinung. Erwartet hatte er einen großen, stattlichen Mann, aber »die Stimme«, deren Name Max Turner ist, ist klein gewachsen und wirkt wie ein Stubenhocker. Das einzige Auffällige an ihm sind seine ungewöhnlichen Brillen mit grünem Metallrahmen.
Max führt
Marcus, Maria und Para-Barry in einen großen Besprechungsraum, wo
bereits Mandi und sieben Mitglieder der Kooperative sitzen. Mandi
wirkt erschöpft und hat einige blaue Flecken im Gesicht, ansonsten
scheint es ihr aber so weit gut zu gehen. Die anderen vier
Mitglieder der Kooperative werden angerufen und über eine
Videokonferenz zugeschaltet. Während die Verbindungen hergestellt
werden, schaltet Marcus Klaus im SR Inc. Labor auf einem fünften
Bildschirm dazu. Dave ist noch nicht aus Palankaraya
zurückgekehrt.
Gleich beim Betreten des Raumes fällt Marcus Mandis grübelnder Gesichtsausdruck auf. Sie starrt einen Mann an der Ecke des Tisches an. Ungläubig den Kopf schüttelnd, murmelt sie unsicher und erstaunt vor sich hin: »… Dr. Schuler? Dr. Lawrence Schuler?«
Marcus stutzt.
Dr. Schuler ist der Forscher, der nach Dr. Ramu Visras Tod dessen
elektromagnetische Forschung fortführte. Das letzte Mal, als Marcus
ihn gesehen hat, trug er eine Brille mit dicken Gläsern, kurzes
weißes Haar und war glatt rasiert. Der Mann am Tisch hat langes
schwarzes Haar, einen ordentlich geschnittenen Schnurrbart und
trägt keine Brillen … aber er ist Dr. Lawrence
Schuler!
Nach kurzem Schweigen sagt Mandi: »Ich hätte es wissen müssen … jetzt, wo ich darüber nachdenke … diese Forschung in der Dschungelanlage trägt alle Ihre Markenzeichen, Ihre typischen Versuchsparameter … Es kam mir alles irgendwie vertraut vor, aus der Zeit unserer Zusammenarbeit, aber ich konnte es nicht einordnen … Wie können Sie das mit Ihrem Berufsethos vereinbaren? Nicht nur die Produktion der raubkopierten e-Helper, sondern auch der anderen Produkte – alle elektrischen und elektronischen Produkte? Wo Sie doch wissen – es durch Forschungsergebnisse belegen können –, dass ihre kombinierte Strahlung ernsthafte negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat! … Ich glaube, ich habe Sie wohl nicht wirklich gekannt …«
Und dann ist es an Marcus, die zweite irritierende Verbindung zu Dr. Schuler herzustellen: »Die e-Helper … als Mitglied des neuseeländischen Komitees für Maßnahmen gegen Elektrosmog haben Sie zu der vertraulichen Prüfung der e-Helper von SR Inc. beigetragen. So sind die technischen Spezifikationen des e-Helpers also nach außen gelangt … nur, dass Sie eine Billigvariante bevorzugt haben … mit dem Resultat der enormen e-Smog-Raten …«
Das Treffen hat also bereits begonnen, allerdings auf sehr unerfreuliche Weise. Die Runde stellt sich vor, außer Dr. Schuler, der nicht mehr vorgestellt werden muss. Der Ton der Gespräche ist gespreizt und kühl. Alle sitzen kerzengerade da – Blickkontakt findet nur sehr flüchtig statt. Das Misstrauen im Raum ist regelrecht greifbar. Da anscheinend niemand von der Kooperative – einschließlich Dr. Schuler, der jeden Blickkontakt mit Marcus vermeidet – das Gespräch beginnen will, macht Marcus den Anfang.
»Beginnen wir mit einer schnappschussartigen Analyse der Ausgangslage. Ich denke, unsere Forschungen beweisen ganz klar, dass Änderungen notwendig sind«, sagt Marcus.
Max
unterbricht ihn: »Unsere Forschungen?« »Ja, Mandis
Universitätsforschung und die von SR Inc.«, antwortet Marcus. »Ich
habe Gerüchte gehört«, sagt Max sarkastisch, »dass es unlängst
einige sehr unglückliche Vorfälle im Universitätslabor gegeben hat,
die recht ungelegen kamen. Oh, tut mir Leid, Mandi – Sie wissen
nichts davon? Also, kurz gesagt, Ihre Ratten sind an einem
eigenartigen Virus verstorben und Ihre Daten gingen bei einem
Computerzusammenbruch verloren. Ich konnte es gar nicht glauben,
als ich hörte, dass Ihre IT-Abteilung die Sicherheitskopien nicht
finden kann. Sehr bedauerlich, wirklich!«
Mandi hat das Gefühl eines schrecklichen Déjà-vu. Eine Erinnerung kommt wieder hoch: die Erinnerung daran, wie sie bei einer Konferenz über elektromagnetische Strahlung in Colorado aufs Podium gegangen ist. Sie musste dem akademischen Publikum berichten, dass ihr Hauptredner, Dr. Ramu Visra, auf der Fahrt vom Flughafen zur Konferenz bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Später erfuhr sie, dass alle seine wissenschaftlichen Daten bei einem ähnlichen »Laborunfall« verloren gegangen waren. Steckte die Kooperative auch damals schon dahinter?
»Es tut mir Leid, Mandi«, sagt Marcus leise. »Ich habe heute einen Anruf von Kevin erhalten. Was Max sagt, ist wahr. Alles ist verloren – Daten, Sicherungen, Ausdrucke, alles.« Die Farbe schwindet aus Mandis Gesicht. Sie, Kevin, alle im Universitätslabor haben so hart gearbeitet die letzten drei Monate. Ihre vorläufigen Ergebnisse waren konsistent mit denen von SR Inc. und sie hatten solide Grundlagen für ihr Projekt.
Aber es dauert
nur wenige Sekunden und Mandis Schock wandelt sich in Zorn. »Ich
habe alle Schlüsselergebnisse bei mir«, faucht sie Max an. »Sie
haben gar nichts.« »Beruhigen Sie sich«, sagt Max mit einem
hämischen Grinsen. »Leider passieren ‚Unfälle‘ nun mal überall auf
der Welt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Dave noch nicht
hier ist. Ebenfalls gerüchteweise habe ich vernommen, dass bei Dave
vor einigen Nächten eingebrochen wurde. Seine Wohnung wurde auf den
Kopf gestellt und viele Sachen wurden gestohlen. Wenn Sie ihn
treffen, drücken Sie ihm bitte mein Mitgefühl
aus.«
Marcus
versucht, das Treffen nicht scheitern zu lassen. So wie Mandi ist
auch er entsetzt darüber, auf welch skrupellose Weise die
Kooperative ihre Interessen vertritt. Aber er weiß etwas, das Mandi
nicht weiß. Er hat einen Mitarbeiter von SR Inc. darauf angesetzt,
so viel Information wie möglich aus den Berichten und den e-Mails,
die sie in den letzten zweieinhalb Monaten ausgetauscht haben, zu
rekonstruieren. Marcus hat bereits eine Zusammenfassung von Mandis
Statistiken in eine eigene Arbeit übernommen, die bei den Protesten
veröffentlicht werden soll. Es sind nicht die vollständigen
Ergebnisse, aber es ist genug, um ein Horrorszenario
heraufzubeschwören.
Marcus gibt nun einen zusammenfassenden Bericht über die Ergebnisse der Forschungen bei SR Inc. Er teilt ein zweiseitig bedrucktes Blatt Papier aus, das er seinen »Eins-zwei-Schlag« nennt. Der Text ist eine Zusammenstellung der vorläufigen Ergebnisse der Labors von SR Inc., Mandis Universität und der Dschungelanlage. Die Botschaft der wenigen Zahlen ist klar: Die illegalen e-Helper sind eine Gefahr für die Gesundheit der Öffentlichkeit. Und es wird klar gemacht, dass die e-Helper nur die Spitze des Eisberges sind. Ein zweiter Bericht wird in Kürze veröffentlich werden, der noch beunruhigendere, vernichtende Fakten aufdecken wird …
»Das ist die Information, die heute Abend verbreitet werden wird, wenn wir keine Einigung erzielen können«, sagt Marcus. »Wenn meine Kontaktperson bis zur vereinbarten Zeit nichts von mir hört, wird diese Information sämtlichen großen Fernsehstationen rund um die Welt übergeben und allen Personen, die die Protestierenden nur erreichen können. Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass diese Leute Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen damit erreichen können.«
Diese Aussage
trifft alle wie ein Donnerschlag. Marcus sieht zu Mandi, die ihn
dankbar anlächelt. Er deutet auf eine Zusammenfassung ihrer
Ergebnisse und sie antwortet mit dem Daumen-nach-oben-Zeichen. Mit
dem Mund formt sie das Wort »Evette« und er nickt kaum merklich. Er
hat mit Evette gesprochen, und er ist zuversichtlich, dass – wenn
es jemand schafft – sie es schafft, einen erfolgreichen Protest auf
die Beine zu stellen. Sie klang extrem leidenschaftlich in ihrem
ersten längeren Telefongespräch und sie wird sich nicht aufhalten
lassen.
Für Marcus ist
es offensichtlich, dass nicht alle Mitglieder der Kooperative voll
informiert waren. Fünf der Männer sind sichtbar irritiert und Dr.
Schuler ist unter ihnen. Marcus wirft noch einen Blick auf Mandi
und sie nickt ihm zu. Sie sehen eine Möglichkeit, die Einigkeit der
Kooperative zu sprengen, wenn sie sich darauf konzentrieren, die
Bindungen zu lockern, die zwischen ihnen bestehen.
Mandi, Marcus
und Klaus kontern eine Serie von Fragen und Angriffen, die die
Anwesenden auf sie loslassen. Mindestens drei von der Kooperative
sind anscheinend Wissenschafter. Mit gezielten Fragen löchern sie
Marcus und Klaus über ihre Untersuchungsmethoden. Sie versuchen
verzweifelt, die Forschung von SR Inc. zu
diskreditieren.
Mitten in der hitzigen Diskussion betritt Dave den Raum. Er trägt eine große Aktentasche bei sich. Nach einem kurzen Rundblick durch den Raum geht er zu Mandi und stellt die Tasche neben ihrem Stuhl auf dem Boden ab. »Du hast das in Palankaraya vergessen. Ich dachte, du kannst es gebrauchen«, sagt er und zwinkert Mandi zu. Mandi stockt der Atem. »Meine Forschungsergebnisse! Max sagte, deine Wohnung und die Daten …« »Sie bekommen eine detaillierte Auflistung der Schäden in meiner Wohnung«, sagt Dave zu Max, bevor er sich neben Marcus an den Tisch setzt.
Dave lächelt in sich hinein und denkt: »Wer würde schon mitten in der Nacht den Garten umstechen, außer er wollte etwas vergraben!« Dave sieht über den Tisch zu Mandi, die hinter der Aktentasche mit einer Hand voll Papieren auftaucht.
Mit diesen Dokumenten in der Hand spürt Mandi, wie ihr Selbstvertrauen und ihre Kräfte steigen. Gemeinsam mit Marcus verteidigt sie ihre Forschung und versucht gleichzeitig, einen Keil zwischen die Mitglieder der Kooperative zu treiben. Mandi bringt in die Diskussion ihre Erfahrung mit Unternehmen ein, die des unfairen Handels beschuldigt werden. Die Angelegenheit sieht nicht gut für die Kooperative aus und auch nicht für die einzelnen Mitglieder.
Als Nächstes bringt Mandi ihre Forschungen mit mehreren und anderen Geräten als e-Helpern ins Spiel, wie es Marcus schon erwähnt hat. Mandi glaubt, dass sie gerade damit die Kooperative in die Enge treiben kann, denn hier wurde hochbrisante Information wissentlich zurückgehalten, die die gesamte Menschheit betrifft.
Als sich die Diskussion um die Messergebnisse merklich abschwächt, bittet Marcus Klaus, ihre raffinierte Zusatzkomponente zu präsentieren, die die Strahlung der raubkopierten e-Helper abschirmen wird. Sie ist nicht als dauerhafte Korrektur gedacht, sondern eine zwischenzeitliche Notlösung, um der Kooperative Zeit zu geben, ihre e-Helper zurückzuholen. Denn sie brechen ja immer noch das Patentrecht. Außerdem bekommt SR Inc. so etwas Zeit, den Zusatz mit allen Typen von Geräten zu testen, die elektromagnetische Strahlung aussenden.
»Der Zusatz wird wirken«, sagt Marcus, »aber damit sind Sie noch nicht aus dem Schneider. Die Kooperative muss sämtliche illegal produzierten e-Helper durch solche von SR Inc. ersetzen – e-Helper, die gemäß dem Patentrecht hergestellt wurden.
Marcus erklärt
der Gruppe, dass SR Inc. allein nicht die Kapazität hat, schnell
genug die Menge von e-Helpern herzustellen, die die Kooperative
benötigen wird – nicht einmal dann, wenn die Produktion 24 Stunden
am Tag, sieben Tage die Woche läuft. Bis es so weit ist, kann die
Kooperative als Partner von SR Inc. die Zusätze produzieren. Die
Kooperative übernimmt die Herstellungskosten und nutzt die bereits
bestehenden Vertriebskanäle für den Verkauf.
Klaus betont noch einmal, dass der e-Helper-Zusatz auf einen weitaus größeren Markt abzielt, der zum Beispiel auch Fernseher, Waschmaschinen, Trockner und Computer sowie Küchengeräte wie Kaffeemaschinen und Mixer umfasst. Geräte, die von Menschen in aller Welt täglich benutzt werden.
Zum Abschluss dieses Teils der Diskussion stellt Marcus noch einmal den Bezug zwischen dem Zusatzgerät und den alarmierenden Fakten her, die durch die Forschung von SR Inc. belegt sind, nämlich zum schädlichen, ja gefährlichen Ausmaß von e-Smog, von dem wir alle ständig umgeben sind. Dieser e-Smog beeinträchtigt das körperliche und psychische Wohlbefinden von allen Menschen, nicht nur von Elektrosensitiven. Schon geringe Dosen von e-Smog können die Gesundheit sehr konkret gefährden, auch wenn die Auswirkungen oft nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.
Während des
ganzen Gesprächs macht Maria ausführliche Notizen. Max und die
anderen Mitglieder der Kooperative denken, sie führe Protokoll,
aber das tut sie nicht. Mit ihrer Parasicht liest sie die Notizen,
die die anderen schreiben! Das gibt ihr wertvolle Hinweise darüber,
wie die Leute denken und was für sie wichtig ist. Diese Information
könnte im weiteren Verlauf der Diskussion noch sehr nützlich sein
und sie erlaubt es, die Mitglieder danach zu unterscheiden, ob sie
konform mit der »Politik« der Kooperative gehen oder bloße
Mitläufer sind.
Um 4 Uhr nachmittags gibt es eine Verhandlungspause. Marcus, Maria, Para-Barry, Dave und Mandi gehen nach draußen, begleitet von den Botschaftsangehörigen und einigen der Bodyguards. Es bleiben noch zwei Stunden, bis Evette die Aktion ins Rollen bringen wird – dann können auch sie nichts mehr aufhalten.
»Sie glauben,
sie sind unangreifbar«, sagt Maria. »Sie vertrauen auf ihre Größe
und ich fürchte, sie haben damit nicht ganz Unrecht. Die größte
Bedrohung, die wir für sie darstellen, ist der internationale
Protest … Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: Verachtung
untereinander. Ich habe aus den Notizen von einigen der Männer
gesehen, dass ihnen nicht die Wahrheit über die e-Helper gesagt
worden ist. Sie waren der Meinung, sie würden die Produkte von SR
Inc. vertreiben. Und diese Männer sind sicher nicht über die
gesundheitlichen Folgen und die Dschungelanlage informiert und sie
wissen nichts über Ellys Tod. Wenn wir die Gruppe weiter spalten
können, dann haben wir gewonnen. Sie werden sich selbst
zerstören.«
Während sie Marias Notizen durchgehen und sich die weitere Strategie überlegen, entschuldigt sich Para-Barry – er will noch einmal »auskundschaften« gehen. Er weiß, dass Max in das große Schlafzimmer im Obergeschoß gegangen ist, also projiziert Barry ein Abbild von sich dorthin in den Wandschrank. Para-Barry hört, wie Max im Zimmer auf und ab geht. Gelegentlich bleibt er stehen und schreibt etwas auf ein Blatt Papier. Nach ein paar Minuten nimmt er seinen e-Helper und wählt.
»Peter? Hier
ist Max. Verkauf alles. Was heißt, ob ich sicher bin? In einer
Stunde will ich am Kontostand sehen, dass der Verkauf stattgefunden
hat. Du weißt, auf welches Konto alles überweisen wird«, sagt Max
und legt abrupt auf. Er geht zum Schrank, also projiziert Barry
sein Abbild schnell ins untere Stockwerk zu Marcus und den anderen.
Diese Information ist sicher ein weiterer Anstoß, die Gruppe zu
spalten. Wäre Para-Barry im Raum bei Max geblieben, er hätte ein
zweites, mindestens ebenso interessantes Gespräch
gehört …
»Peter? Ja, noch einmal Max. Noch etwas. Ich möchte, dass der Inhalt des Tresorfaches mit den Dokumenten für die australische Forschungsanlage sofort meiner Tochter Samantha zugestellt werden. Sie ist wahrscheinlich immer noch dort, um die Bauarbeiten zu beaufsichtigen. In dem Tresorfach ist auch eine Vollmacht, die alles ihr überträgt – sie muss nur noch datiert werden. Mach dieses Dokument fertig und hinterlege es in einem anderen Tresorfach unter ihrem Namen. Die Anlage steht kurz vor der Fertigstellung, das heißt, wir werden sie von der Kooperative abtrennen, so wie wir es mit der Anlage in den USA gemacht haben. Vor dem Gesetz wird es dann eine separate legale Einheit sein, aber wir müssen die Übertragung so schnell wie möglich durchziehen. Sag ihr, ich ruf sie in Kürze an …«
Eine weitere Stunde mühsamer Gespräche führt zu nichts. Durch Mandis Verhandlungsgeschick vergrößert sich zwar merklich das Misstrauen zwischen den Mitgliedern, aber die Verbindungen sind noch nicht komplett abgebrochen. Die fünf Mitglieder, auf die Marcus und Mandi abzielen, kennen offensichtlich noch immer nicht das ganze Ausmaß der verwerflichen Aktionen der anderen. Schließlich nickt Marcus Mandi zu und erhebt sich vom Tisch.
Marcus überrascht die Gruppe, indem er auf seinem e-Helper ins Internet einsteigt und das Bild auf einen der großen Monitore projiziert. Er bittet Max, der Gruppe die letzten Aktientransaktionen seiner Firme mitzuteilen.
Die Mitglieder der Kooperative sehen irritiert um sich – Max wirft Marcus einen zornigen Blick hin. »Max verlässt das sinkende Schiff und überlässt dem Rest von Ihnen die finanziellen Folgen«, erhebt Marcus seine Anklage.
Max streitet
das ab, aber das Misstrauen ist bereits groß genug, sodass Dr.
Schuler darauf besteht, dass Max Einblick in sein Konto gewährt,
wenn er nichts zu verbergen habe. Max sieht gefasst drein, als er
den e-Helper von Marcus nimmt, aber seine Hand zittert
leicht.
Max identifiziert sich und zeigt die relevanten
Buchungen auf seinem Konto. Ein
Seufzer der Erleichterung entfährt ihm, als er sieht, dass die
Transaktion noch nicht verbucht ist, und blasiert fragt er Marcus,
ob er noch etwas anderes sehen wolle. Vielleicht sollten sie die
persönlichen Konten von Marcus offen legen? Während Max mit
gespielter Empörung Marcus attackiert, werden alle Anwesenden
Zeugen des Verkaufs seiner Anteile. Der Anteil seiner Aktien steht
plötzlich auf null, sein Barvermögen schnellt um mehr als 1,5
Millionen US$ in die Höhe. Nun ist es an Marcus zu lächeln.
Schweigen erfüllt den Raum.
»Ja, danke, dass Sie fragen, Max«, sagt Marcus. »Es gibt tatsächlich noch etwas, das ich Ihnen zeigen möchte.« Marcus reicht Para-Barry den e-Helper, der den Server von SR Inc. anwählt. »Ich habe diese Bilder auf unseren Server gestellt, um sicherzugehen … Haben Sie bitte einen Moment Geduld«, sagt Para-Barry. Während Para-Barry den e-Helper bedient, werfen fünf Mitglieder der Kooperative Max bohrende Blicke zu. Die Kollegen, die über Videokonferenz teilnehmen, enthalten sich jeden Kommentars.
»Ah, hier ist
es«, sagt Para-Barry, als er ein Video startet, das etwas zeigt,
was wie ein Handgemenge aussieht. »Ich habe das aufgezeichnet, als
wir in Ihrem Tunnelsystem unter dem Haus waren. Entschuldigen Sie
bitte die schlechte Qualität, aber ich habe meinen Stroboskop-Blitz
verwendet, um den dunklen Tunnel etwas aufzuhellen. Hier ist das,
was ich Ihnen zeigen will: Ich schalte um auf Einzelbildschaltung.
Sie sehen, wie auf Elly und mich geschossen wird.«
»Aber Sie
sind …«, sagt Dr. Schuler verwirrt. »Ja, ich hatte eine
kugelsichere Weste an und wurde daher nicht ernsthaft verletzt«,
lügt Para-Barry. »Allerdings starb Elly kurz nach ihrer
Verwundung.« Mandi versucht einen Schluchzer zu unterdrücken. Ihre
Schultern zucken.
Max
entschuldigt sich und geht schnell zur Tür. Als er sie öffnet, wird
ihm allerdings der Weg durch zwei Bodyguards mit gezogener Waffe
versperrt. Max schließt die Tür, dreht sich langsam um und geht
zurück zu seinem Stuhl. Da erhebt Dr. Schuler die Stimme:
»Entschuldigen Sie uns bitte für ein paar Minuten.« Nur die
Mitglieder der Kooperative bleiben sitzen, die anderen verlassen
den Raum.
Als Marcus und die anderen wieder in den Raum gebeten werden, herrscht eisige Stille. Rundum blasse Gesichter. Die Mitglieder der Kooperative sitzen jetzt anders: Max und zwei Kollegen auf einer Seite des Tisches, Dr. Schuler und die restlichen vier Männer auf der anderen.
Marcus nickt den Bodyguards zu, die daraufhin den Raum betreten, die Waffen bereit. Schnell steht Max auf und ruft den Männern etwas auf Indonesisch zu. Diese lassen ihre Pistolen sinken und sehen verunsichert von Max zu Marcus. In diesem Moment springt Dave auf, ruft etwas über den Kopf von Max hinweg und läuft zum Fenster. Als er kurz gegen die Scheibe hämmert, erscheinen draußen die Gesichter von zwei Männern – Dayak-Männern –, die in den Raum hineinschauen. Dave stellt sich hinter die Bodyguards und spricht laut auf sie ein, während er zum Fenster deutet. Die Bodyguards sehen noch einmal zum Fenster und richten dann schnell ihre Pistolen auf Max und die anderen Mitglieder der Kooperative. Sie haben ihre Augen starr auf die Leute gerichtet, nicht einmal ein Blinzeln lassen sie sehen.
»Bevor wir von
dieser Party auseinander gehen«, sagt Marcus, »habe ich noch eine
Überraschung.« Marcus ruft Evette an und fragt sie, ob er sie zu
dem Gespräch über Freisprechanlage dazuschalten
könne.
Rauschen und andere Hintergrundgeräusche übertönen beinahe Evettes aufgeregte Stimme. »Wir sind im Plan – nein, wir sind dem Plan voraus. Wir haben nichts von euch gehört, also haben wir schon begonnen. Alle hier sind mit unglaublichem Elan und Motivation bei der Sache, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Und Sie werden es nicht glauben, wer als Hauptsprecherin unseres Protestes zugesagt hat: Stephanie McGrath, die Tochter des US-Präsidenten! Sie hat jahrelang an der Front gearbeitet wie ich und hat auf den richtigen Zeitpunkt gewartet – und der ist jetzt gekommen. Diese Firmen sollten sich lieber anschnallen, denn in weniger als sechs Stunden geht alles an die Presse.«
Marcus hat Evette absichtlich nicht in die Videokonferenz eingebunden, denn er will diesen Männern ihre Identität noch nicht preisgeben. Sie wird früh genug eine öffentliche Person sein. Seine Vorsichtsmaßnahme ist allerdings vergeblich. Einer der Männer im Raum, Peter Birch, Finanzdirektor eines der beteiligten Unternehmen, hat die Stimme seiner Tochter Evette erkannt.
Marcus lässt seinen Blick über die teuren Möbel der Luxusvilla schweifen und sieht dann auf die Männer, die dies geschaffen haben. Dreien von ihnen, einschließlich Max, werden Handschellen angelegt und mit vorgehaltener Waffe werden sie zusammen mit den anderen fünf abgeführt. Auf den Bildschirmen sieht man, dass mit den Videokonferenzteilnehmern ebenso verfahren wird. Die Bildschirme – einer nach dem anderen – werden schwarz. Das Urteil ist klar. In Indonesien – dem Land der Möglichkeiten – kann sogar das Unmögliche geschehen.
Nur zwei Tage sind vergangen, seit die Schlagzeilen rund um die Welt gegangen sind: Sechs große, multinationale Konzerne sind des unfairen Handels beschuldigt und der fahrlässigen Gefährdung öffentlicher Gesundheit. Der Text von SR Inc. und Mandi wurde weltweit verbreitet, nicht nur durch die Protestierer selbst, sondern auch durch alarmierte Gesundheitsexperten und er ist auf der Homepage der Protestorganisation öffentlich verfügbar.
Ein mit großem Interesse erwarteter Bericht, nämlich die Zusammenfassung der Ergebnisse der langjährigen Versuche zur kumulativen Wirkung von Elektrosmog, die die Kooperative im Dschungel durchgeführt haben, wird in sechs Monaten im angesehenen wissenschaftlichen Journal der International Medical Association erscheinen. Dieser Zusammenfassung wird ein längerer, umfassender Artikel über Ergebnisse der e-Smog-Forschung folgen. Beiden Veröffentlichungen wird große Bedeutung beigemessen wegen der weitreichenden Behauptung, die sie aufstellen: e-Smog beeinträchtigt nicht nur Elektrosensitive, sondern alle Menschen.
Eine
internationale Kommission unter Mandis Vorsitz wurde bereits
eingerichtet. Sie soll die wissenschaftlichen und patentrechtlichen
Anklagen gegen die Kooperative koordinieren. Inoffiziell hat der
Anwalt von Dr. Lawrence Schuler, des Chefwissenschafters der
Dschungelanlage, die unbezahlten Dienste seines Klienten angeboten,
um für ihn ein geringeres Strafausmaß zu erreichen, wenn er vor
Gericht muss.
Die
Kooperative ist keine zusammenhängende Gruppe mehr, jedes Mitglied
sucht für sich Rechtsberatung. Die Liste der Anschuldigungen ist
lang, aber Bruch des Patentrechts und unfairer Handel sind noch die
geringsten Vergehen, die der Kooperative angelastet werden. Die
Mordanklagen, nicht nur an Elly, sondern auch an einem Dayak-Mann
und an Dr. Ramu Visra, sind ernst zu nehmen. Wenn sie überführt
werden, droht den Männern das Todesurteil. Die Männer versuchen
verzweifelt, ihren Fall vor ein Gericht außerhalb Indonesiens zu
bringen, denn ansonsten fürchten sie, dass es vielleicht nicht
einmal zu einem Prozess kommen wird. Sie wissen, dass sie auch in
ihren Gefängniszellen nicht sicher vor dem indonesischen Volkszorn
sind. Die indonesische Öffentlichkeit ist sehr aufgebracht darüber,
dass die Kooperative ihr Land für Dumpingproduktion missbraucht
hat, noch dazu für ein Gerät, das ihre eigene Gesundheit
gefährdet.
Mandis Forschungen haben sie ins Rampenlicht gerückt und von vielen wird sie bereits der nächste Dr. Visra genannt. Sie ist eine Wissenschafterin, die sich gleichermaßen ihrem Beruf und der Menschlichkeit verpflichtet fühlt. Sie hat ernst gemeinte Unterstützungszusagen von vielen unerwarteten Seiten erhalten, unter anderem von Stephanie McGrath, der Tochter des US-Präsidenten, die angeboten hat, Mandi bei der Beantwortung der unzähligen Anrufe, e-Mails und Briefe zu helfen, die sie jeden Tag erhält. Diese vielen Kontakte machen deutlich, dass die Öffentlichkeit nicht will, dass diese wichtige Forschungstätigkeit abgewürgt oder auf ein Abstellgleis gestellt wird, so wie ein Jahrzehnt zuvor. Die Menschen sind jetzt besser informiert und sie bestehen darauf, dass e-Smog – ein stilles, aber alles durchdringendes Gift – weiter untersucht wird.
SR Inc. vermeidet es weiterhin, im Rampenlicht der Presse zu stehen, und wird selten in Verbindung mit e-Smog-Forschung oder der Kooperative erwähnt. Um keine Aufmerksamkeit auf SR Inc. und die Parafähigkeiten von deren Mitarbeitern zu lenken, stellt Marcus Mandi alle gewünschten Daten und Informationen zur Verfügung, aber die Pressekonferenzen überlässt er ihr.
Im Namen von SR Inc. hat Marcus mit Mandi vereinbart, die zukünftigen Versuche mit e-Smog gemeinsam mit ihr durchzuführen. Evette – Mandis neue Forschungsassistentin – und Kevin werden eng mit Klaus zusammenarbeiten, der nicht nur die Arbeiten leiten, sondern die beiden jungen Forscher auch persönlich fördern wird. Weiters planen Marcus und Klaus den Abschluss der Testserien mit dem neuen Zusatzprodukt. Dieses Gerät erzielt ein unglaubliches Echo in der Presse, denn man erwartet von ihm einen Schutz gegen die gefährliche – manchmal tödliche – Wirkung des e-Smog.
Dave bereitet in seiner Wohnung alles für einen Besuch Mandis vor, die in vier Tagen ankommen wird. Eko hilft ihm dabei, nach den Verwüstungen von Max’ Leuten alles wieder so weit in Ordnung zu bringen. Die körperliche Arbeit hilft Dave dabei, sich über seine neue »Familie« klar zu werden: Eko und Mandi. Elly hat mit Dave gesprochen und ihn gebeten, Mandi ihre Grüße zu übermitteln. Sollte Elly irgendetwas geschehen, so war ihr Wunsch, dass Mandi für Eko sorgen sollte. Dave hat Elly gebeten aufzuhören, solchen Unsinn zu reden – nichts würde ihr geschehen. Aber Elly hat auf dem Gespräch bestanden. Sie erzählte Dave von einer Vorahnung, dass sie ihren eigenen Sohn bald wiedersehen würde. Dave erzählte Mandi von der Diskussion mit Elly und als er fragte, ob er Teil der Mandi-Eko-Familie werden könnte, brach Mandi in Tränen aus.
Mandi sieht mit Spannung und Freude der Herausforderung entgegen, die Untersuchungskommission zur Kooperative zu leiten. Diese Aufgabe erfordert es, dass sie einen Großteil ihrer Zeit in Kalimantan verbringt. Da die Position international angesehen ist, hat die Universität Unterstützung für ihre Vortragstätigkeit und Administration zugesagt. Die Mittel werden auch die Forschungsmöglichkeiten erweitern, sowohl im Labor als auch in Feldversuchen. Mandi ist zuversichtlich, in etwa einem Jahr fließend Indonesisch sprechen zu können, besonders mit der Hilfe von Dave und Eko. Es ist nicht genau die Familie, die sie sich vorgestellt hat, aber es ist eine Familie, von der sie ein Teil sein will.
In den
kommenden Monaten werden die verlassene Dschungelanlage in
Kalimantan und das Tunnelsystem bei Borobudur auf Java noch viele
Geheimnisse preisgeben. Marcus wird an der Erkundung der Tunnel
teilnehmen und über deren Komplexität und Zweck erstaunt
sein.
Mandi und ihr Untersuchungsteam werden in der Kooperative ein Netzwerk von Geldwäscherei und Ausbeutung aufdecken, wie man es noch nie zuvor gesehen hat. Allerdings werden sie dennoch viele »Ableger« der Kooperative übersehen. Max hat die Struktur der Kooperative so genial angelegt, dass ihr Überleben noch lange über sein eigenes hinaus gesichert ist …
Während der Untersuchung der Dschungelanlage wird Eko Mandi und Dave an viele besondere Stellen führen. Er wird ihnen sein Lieblingsversteck zeigen – seinen Geheimgarten, eine Gruppe hochgeschossener Bäume nahe bei der Anlage.
Mandi wird das Versteck in den Riesenbäumen mit den Augen Ekos als stillen Zufluchtsort sehen, aber sie wird den Unterstand auch mit ihren eigenen Augen – den Augen einer Wissenschafterin – betrachten. In ihrem Notizbuch wird sie die ungewöhnliche Höhe, die abnormalen Ringe an den Stämmen und die aufgeblähten Blätter festhalten. Und sie wird Proben fürs Labor sammeln.
Die abnormal großen Bäume im Regenwald werden Mandi an die ungewöhnlichen Bäume in Jabiru erinnern. Die entsprechenden Untersuchungsergebnisse aus dem Labor sind bei der Plünderung ihres Universitätsinstitutes verloren gegangen. Sie wird sich daran erinnern, dass die Bäume in der Nähe von großen Satellitenschüsseln und Generatoren standen, und sie wird sich vormerken, die Bäume von Jabiru noch einmal zu analysieren. Beim Gedanken daran läuft es ihr in einem Anflug spontaner Intuition kalt über den Rücken – sie wird dieser Angelegenheit baldigst nachgehen.
Mandi fürchtet, dass die schädliche Wirkung der elektromagnetischen Strahlung auf den Menschen nur die Spitze des e-Smog-Eisberges ist …