Mittwoch
Der Wecker klingelt um 6.20 Uhr, wie jeden Morgen, seit ich ein Kind habe. Schrecklich. Aber heute kommen noch die Würmer dazu. Die Erdanziehung ist besonders stark und zieht den Körper zurück ins Bett, ich muss mich mit aller Kraft dagegen wehren. Alles, was ich an Über-Ich zur Verfügung habe, kratze ich zusammen und setze es ein, ich war zu spät im Bett und noch viel später eingeschlafen gestern. Genau in der Leichenstellung, in der ich eingeschlafen bin, wache ich jeden Morgen auf. Ich bewege mich wohl im Schlaf kein bisschen. Das nennt man dann Leichenschlaf. Georg könnte den Unterschied nicht feststellen, wenn er mich so daliegen sieht, ob ich lebe oder tot bin. Manchmal hält er seinen Zeigefinger unter meine Nase, dann spürt er den warmen Atem. Hat er mir mal erzählt. Der übt auch schon, wie das ist, wenn ich sterbe.
Das Aufstehen macht mir jedes Mal zu schaffen. Habe selber als Kind schon immer Theorien entwickelt, dass irgendwas nicht stimmt, wenn immer alles, Schule, Arbeit, Krankenhaus, so früh anfängt in diesem Land. Das macht doch das ganze Leben kaputt. In der Schule haben wir gelernt, dass jeder Mensch seinen eigenen Biorhythmus hat, das wird aber nicht in die Wirklichkeit übertragen. Man lernt hier in der Schule, dass das System falsch ist. Und trotzdem läuft es genauso weiter. Jetzt habe ich ein Kind und muss schon wieder so früh aufstehen. Mir war das bei der Schwangerschaft nicht ganz klar, wie lang das alles so geht mit der Verantwortung, meine Güte, die achtzehn Jahre ziehen sich jetzt schon extrem.
Der Morgen, eigentlich der ganze Tag, läuft immer gleich ab. Ich stehe alleine auf, mache für das Kind Frühstück, entweder Biomüsli mit einem ganzen Bioapfel drin mit Biomilch drüber oder von meinem Mann selbst gebackenes Vollkornbrot mit Hüttenkäse drauf, damit wir keine Zusatzstoffe zu uns nehmen müssen. Mir selber mache ich einen Milchkaffee, was ich mittlerweile für meinen Mann sehr gut gelernt habe, natürlich profitier ich auch selber davon, und gehe dann wieder runter, um das Kind zu wecken. Sie will nie aufstehen, niemals, wie ich früher, aber ich muss ihr vorspielen, dass es sehr wichtig ist, morgens aufzustehen und in die Schule zu gehen, auch wenn ich selber gar nicht daran glaube. Sie soll doch für das weitere Leben gewappnet sein und keine Pennerin werden oder Messie oder drogensüchtig.
Ich rede sie so lange mit Unsinn voll, bis sie lachend aufsteht. Ich rüttele sie mit beiden Händen richtig durch und erzähle ihr im Sommer, dass es geschneit hat, oder regelmäßig, dass sie Geburtstag hat, und gratuliere ihr dazu im Halbschlaf, oder dass ein großes, liebes Tier im Wohnzimmer auf sie wartet, damit sie diese erste Schrecksekunde hat und dann irgendwann lachend sagt: »Oh, Mama, hör auf, du bist peinlich.«
Der meistgesagte Satz zwischen Tochter und Mutter, seit sie sprechen kann.
So kriege ich sie zum Aufstehen. Ich muss Liza dann jeden Morgen wie ein Tierchen aus dem Winterschlaf nach oben locken, sie schlägt bei jedem Schritt die nackten Füße feste platschend auf, um mir zu signalisieren, wie schlapp sie noch ist. Jeden Morgen spüre ich den Impuls in mir, einfach zu sagen: »Weißt du was, Kindelein, leg dich einfach wieder hin, ist doch egal, die Schule heute, ich leg mich dann auch wieder hin. Ist nämlich alles Quatsch, du wirst auch so was, ohne Schule, wahrscheinlich sogar glücklicher.«
Aber ich tue es nicht. Ich würde so gerne. Ist doch alles sinnlos. Ich weiß das. Aber ich handele gegensätzlich. Ich muss eine gute Mutter sein. Besser als meine. Viel besser am besten. Das ist aber auch nicht schwer.
Sie setzt sich an den Esstisch und frühstückt und trinkt für ihre perfekte Gesundheit ein großes Glas lauwarmes Wasser zu dem Müsli.
Ich lasse sie erst mal in Ruhe frühstücken, um sie dann mit der Wurmproblematik zu konfrontieren. Ich versuche wie immer, so wenig wie möglich von meiner eigenen Panik auf das Kind zu übertragen.
»Kann ich bitte mal kurz dein Poloch sehen?«
»Warum?«
»Du hast doch gestern gesagt, es juckt. Also, ich habe Würmer. Und ich will mal gucken, ob du auch welche hast.«
»Na gut.«
Wir gehen zusammen ins Gästeklo, irgendwie kommt es mir komisch vor, solche Untersuchungen am Esstisch durchzuführen.
Ich lasse es mir nicht anmerken, aber ich bin entsetzt: Die kommen mir ja alle entgegengesprungen.
Also doch. Genau, wie ich vermutet hatte. Sie und ich sind auf jeden Fall befallen. Sie geht heute nicht zur Schule. Wir fahren sofort am Morgen noch zum Kinderarzt. Es ist mir zwar ziemlich peinlich, aber ich hoffe, dass er mir zusammen mit ihr Medikamente gibt dagegen, dass ich nicht noch zusätzlich zu einem Erwachsenenarzt muss. Mein Mann, der grad hochkommt, als wir die Wohnung verlassen, trägt mir auf, auch ihm vorbeugend Wurmmittel verschreiben zu lassen. Ist klar. Vorbeugend.
»Heute musst du nicht in die Schule, wir gehen zum Kinderarzt.«
»Hä? Warum?«
»Weil wir alle Würmer haben, du und ich auf jeden Fall, und hoffentlich kriegen wir auch Medizin für Papa und Georg.«
»Oh.«
»Ja, ist nichts Schlimmes, wenn man Würmer hat, hat jeder mal. Nach dem Kinderarzt gehst du dann vielleicht zu Papa, wenn der heute Morgen nicht arbeiten muss.«
»Okay.«
Braves Kind, hat noch nie aufgemuckt, was das angeht. Entweder es gefällt ihr gleich gut bei beiden Elternteilen, oder sie kommt einfach gar nicht auf die Idee, den einen gegen den anderen auszuspielen, weil wir versuchen, alles von dem Kind fernzuhalten. Kein Streit um das Kind, kein Druck auf das Kind. Wir beiden getrennten Eltern machen niemals Stimmung gegeneinander, auf jeden Fall nicht vor unserem Kind. Obwohl es bestimmt auf beiden Seiten genügend Gründe gäbe. Wieder: viel besser, als meine Eltern es gemacht haben.
In der Therapie habe ich gelernt, dass es das Wichtigste ist, dass die Eltern dem Kind unmissverständlich klarmachen, dass es nichts für die Trennung kann. Ich habe damals als Scheidungskind meinen Vater so sehr vermisst und habe mir insgeheim eingeredet, dass ich irgendwie schuld sein muss. Meine Eltern haben keine Therapieerfahrung und meinten, nicht mal ein Buch über Erziehung oder Scheidungskinder lesen zu müssen. Sie haben einfach damals in unserem Kopf rumgetrampelt, egoistisch, wie sie sind, sie haben nicht versucht, unsere kleinen Seelen zu schützen. (Auch wenn es natürlich keine Seele gibt!)
»Mama, muss ich wirklich nicht in die Schule heute?«
»Man darf nicht mit Würmern in die Schule.«
»Jey. Cool.«
Und schon sitzen wir im Auto auf dem Weg zum Kinderarzt.
Wir fahren einfach ohne Termin hin, das ist das Beste, einfach ins Wartezimmer, bis unsere Chance gekommen ist. Wenn jemand mit Termin zu spät kommt, sind wir schon dran.
Er will uns zum Glück nicht untersuchen, er glaubt der guten Mutter, also mir, und dem tollen Tesatest, wir bekommen eine Kinderration und drei Erwachsenenrationen für die ganze blöde Patchworkfamilie. Der Arzt erklärt uns, dass nach der Einnahme der ersten Tablette eigentlich schon nichts mehr juckt und die zweite abends nur zur Sicherheit genommen werden sollte, nur um wirklich den letzten Rest der Würmer plattzumachen. Er meint, das Kind solle nur heute nicht in die Schule wegen eventueller Ansteckungsgefahr. Vom Arzt aus telefoniere ich mit meinem Exmann und kündige an, dass ich Medizin für ihn habe, gegen das Jucken, und dränge ihm auf, das Kind schon am Morgen zu nehmen, damit ich mit meinem neuen Mann schon morgens kinderfrei habe. Er stimmt zu, und ich bekomme schlagartig bessere Laune. Würmer gleich weg und Kind gleich weg, toll.
Als wir aus der Kinderarztpraxis mit vier erbeuteten Rezepten gegen diese miesen Parasiten rausgehen, erzähle ich ihm am Telefon alles, was der Arzt über die Wirkung des Mittels gesagt hat. Das bestialische Jucken höre direkt nach Einnahme der ersten Tablette auf. Worüber man so reden muss mit seinem Expartner, nur weil man ein Kind zusammen hat. Und was für Bilder man dann im Kopf hat dabei. Ich weiß ja, wie sein Poloch aussieht, auch wenn ich es gar nicht mehr wissen will. Und ich weiß jetzt leider auch, wie das aussieht, wenn weiße Würmer da raushängen. Leider habe ich genug Phantasie, um diese beiden Eindrücke gegen meinen Willen übereinanderzulegen zu einem stimmigen Bild. Das macht mich wirklich aggressiv gegen meinen Exfreund. Dass ich weiß, wie er nackt aussieht. Dass er weiß, wie ich nackt aussehe. Dass er weiß, wie ich stöhne, wenn ich komme. Ich würde gerne seine Erinnerung löschen. Dann könnte ich besser mit ihm umgehen.
Auch ist es schwer, das schlechte Gewissen abzuschütteln, dass ich ihn verlassen habe. Ich habe ihm seine Familie zerstört. Er wollte ja mit mir und unserer Tochter eine Familie haben. Und ich habe gesagt: »Nein, ich jetzt doch nicht mehr.« Er muss einfach mit meiner Entscheidung leben. Und das sorgt regelmäßig für Aggressionsausbrüche, die wir aber möglichst nicht vor unserem Kind austragen. Er ist in Therapie, ich bin in Therapie, und ein wichtiger Grund für uns beide, das zu tun, ist, für unser Kind mit unserer Trennung so gut wie möglich umzugehen.
Therapeutisch gesprochen, darf man gehen, wenn man sich neu verliebt oder die Liebe weggegangen ist. Aber moralisch, und vor allem aus Sicht des Kindes und des Verlassenen, ist das niemals ganz in Ordnung. Ich hatte zeitweilig ein so schlechtes Gewissen, dass ich ihm als Ersatz für mich Geld überweisen wollte, ich dachte, er soll es wenigstens finanziell gut haben, wenn ich schon weg bin. Den geistesgestörten Gedanken hat mir meine Therapeutin in jahrelanger mühevoller Kleinarbeit ausgetrieben. Klar, denkt mein Exfreund, wenn die wegwill, muss ich sie gehen lassen, aber er wird dadurch fremdbestimmt und muss damit umgehen, dass ich damit auch das Leben unseres Kindes völlig durcheinanderbringe. Jeder hat die romantische Vorstellung, Papa und Mama bleiben für immer zusammen. Vor allem Kinder haben das, aber auch verlassene Erwachsene! Ich als Scheidungskind habe das auch. Die erste Regel, wenn man ein Kind kriegt, lautet: Bleibt auch gefälligst für immer zusammen. Und gerade ich, als kaputtes Scheidungskind, habe selber gegen diese Regel verstoßen, sogar direkt in dem Moment, wo Liza geboren wurde, weil ich praktisch da schon weg von ihrem Vater war.
Ich rede mir immer ein, dass das auch das Einzige ist, was es etwas weniger schlimm macht für das Kind. Es kann sich nicht mehr bewusst daran erinnern, wie es war, als seine Eltern zusammen waren. Ich als Kind habe es fünf Jahre erleben dürfen, wie es ist, eine heile Familie zu haben. Also, na ja, von heil kann in einem erwachsenen Sinne gar nicht die Rede sein, aber so genau haben wir das als Kinder nicht mitbekommen. Kein Streit oder Leid für uns. Nur die Trennung war für uns das Leid. Da fing es an, bergab zu gehen. Da fing die Traurigkeit in meinem Leben an. Die Risse, die einfach immer größer wurden und niemals heilen. Aber, und daran halte ich mich krampfhaft fest, meine Tochter hat nur einen virtuellen Verlust. Die kennt es nur von anderen Kindern, dass ihre Eltern zusammen sind, oder aus Filmen und Büchern. Wenn wir aber mit ihr darüber reden, dass ihre Eltern früher zusammen waren, fängt sie an zu lachen, weil sie, seit sie auf der Welt ist, mich nur zusammen mit meinem neuen Mann kennt. In ihrer süßen Kindervorstellung habe ich mich wegen der besseren Gene entschlossen, mit einem Nachbarn ein Kind zu zeugen. Ihr Vater wohnt nämlich in direkter Nachbarschaft zu uns, damit sie immer hin und her gehen kann. Alles ist darauf ausgerichtet, ihr so viel Schmerz wie möglich zu ersparen.
Das haben meine Eltern mir nicht geboten. Ich musste ständig umziehen, Schulen wechseln, Freunde verlieren, mich neu anpassen an die Begebenheiten, die Vergangenheit verdrängen, weil Mutter wieder einen ihrer Männer für tot erklärte. Immer das gleiche Muster: Mutter zog mit uns Kindern in das Haus eines Mannes, Vaterersatz, seid lieb zu ihm, nehmt ihn als Vater an, zwei Jahre Familienshow, Sex weg, Liebe weg, ausziehen, er wurde für tot erklärt.
Auch war immer der Mann schuld an der Trennung, mit allen Kindern, inklusive der dazugekommenen, raus da, Sozialwohnung mit einer verarmten Mutter, neuer Mann, alle wieder in sein Haus, Familienshow und so weiter und so fort. Viermal habe ich das als Älteste erlebt. Im Nachhinein bin ich sehr sauer auf meine Mutter, immer der Libido nach, ohne Rücksicht auf Verluste, das versuche ich bis jetzt bei mir zu unterdrücken. Hauptsächlich für das Kind, aber auch für die Beziehung. Ist verdammt schwer. Wenn man Kinder hat, muss man sich doch wenigstens etwas am Riemen reißen, damit die Wurzeln schlagen können. Ich habe keine Wurzeln. Ich habe kein Elternhaus, keine Heimatstadt oder -dorf, wohin ich zurückkehren kann. Meine Tochter hat das schon. Sie ist ihr Leben lang an einem Ort. Und wir werden für sie immer an einem Ort bleiben. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist für ein Kind, weil ich es nicht hatte. Ich finde es sehr schwer, an einem Ort zu bleiben, bei einem Mann zu bleiben, ich habe nur das Gegenteil gelernt: weglaufen.
Wenn ich mir so böse Gedanken über meine Mutter mache, fällt mir aber auch wieder ein, dass das nicht immer so war. Dann sitze ich wieder in der Küche bei meiner Tante und habe Angst davor, meine schwer verbrannte Mutter anzurufen.
Alles klar. Nicht anrufen ist also keine Option? Dann Augen auf und durch. Ich gehe ins Wohnzimmer und setze mich auf die Couch neben das Telefon. Ich gucke mich um, bemerke aus den Augenwinkeln, dass Freund, Tante und Onkel mir nachtrotten. Schrecklich, Familie! Sie sind so eingerichtet, wie Engländer eben eingerichtet sind. Etwas zu kitschig. Die Verneinung von Tod und Scheiße in der Tapete, in der Auswahl der Teppiche, der Couchgarnitur. Alles mit kleinen grünen Ranken, Blümchen in Rosa, ab und zu eine Blaumeise oder ein Eichhörnchen.
Elektrische Gardinenschieber in der Erkerbeule des Fensters. Glasfiguren auf dem falschen Kaminsims. Und in jedem Haushalt meiner ganzen Familie väterlicher- und mütterlicherseits hängt die Uhr, die stündlich verschiedene Vogelstimmen abspielt, statt zu bimmeln. Der Erfinder dieser Uhr muss sehr reich sein.
Sie setzen sich alle hin und beobachten mich. Ich mag diese Sonderrolle der alleine Leidenden. Was muss ich für Defizite haben, dass ich mir in dieser Rolle gefalle?
Wir haben wie im Krieg drei Kinder verloren. In einer einzigen Familie. Wenn mein Vater nicht bald anruft und Gegenteiliges berichtet. Sonst müssen wir davon ausgehen. Vorher waren wir fünf Kinder meiner Mutter, jetzt wären wir nur noch zwei. Wenn das so bleibt. Hat die vielleicht deswegen so viele Kinder bekommen? Ich fand das immer sehr asi in unserer Familie. Fünf Kinder. Wie die Kötten. Sehr maßlos für heutige Verhältnisse. Aber vielleicht hat meine Mutter geahnt, dass es mal so einen Einschlag geben würde. Viele Kinder in die Welt setzen, dann bleiben wenigstens noch welche übrig, wenn drei sterben sollten. Da steckte ein Masterplan dahinter. Die ist gar nicht so asi, wie ich dachte. Die kann nur besser rechnen als ich!
Ich wähle die Nummer, ohne mir vorher Gedanken zu machen, was ich genau sagen will.
Ich zähle die Klingeltöne. Fünf. Sie geht ran.
»Hello?«
Sie ist Engländerin, sie sagt hello und nicht hallo.
»Hallo, ich bin’s.«
Wir erkennen uns an der Stimme. Wir haben die gleiche Stimme. Wenn wir miteinander telefonieren, haben wir immer das Gefühl, mit uns selbst zu sprechen. Wir spiegeln uns. Sie hat mir in meiner Kindheit immer wieder folgenden Satz gesagt: »Du bist genauso wie ich. Das sagt jeder.«
Wie soll man da jemand anders werden? Nur durchs Töten wohl.
»Wie geht es dir, Mama? Ich war so froh, als Papa gesagt hat, dass du lebst. Das war das Wichtigste für mich.« Genau, scheiß doch auf alle anderen. Sie wäre wahrscheinlich lieber gestorben, wenn ihre Söhne dafür hätten überleben können. Aber Deals gibt es da nicht. Nur Zufall und Pech.
»Ich weiß. Ja. Ich lebe.« Sie sagt es mit einer lustigen Stimme. Ist sie wahnsinnig geworden? Sie klingt sehr … nicht so wie sonst. Sie spricht mit einer anderen Stimme. Höher. Piepsig. Als wär das alles richtig komisch, was passiert ist.
»Hast du Schmerzen?«
»Nein. Die geben mir starke Sachen dagegen. Ich habe die Füße verbrannt, ich kann es sehen, aber nicht fühlen. Ein Wirbel in der Mitte des Rückens ist zerbrochen. Hö.«
Oje, sie lacht. Sie ist verrückt geworden. Aber das ist wohl das Mindeste, was nach so was passieren darf. Meine eigene Mutter ist verrückt geworden. Oder machen die Medikamente das mit ihr? Hoffentlich! Schmerzmittel. Psychopharmaka?
»Ich will hier nicht bleiben. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mich nach Hause fahren. Das machen sie morgen, die sind hier sowieso überfüllt. Mit einem Liegendtransport komm ich nach Hause.«
»Mama? Meinst du das ernst? Du kannst transportiert werden? Du bist morgen wieder zu Hause?«
»Nein, doch nicht zu Hause, du Dummie.«
Mein Gott, wie spricht die denn mit mir? Das hat die noch nie gesagt. Dieses Wort war, soweit ich weiß, nicht in ihrem Wortschatz. Entfremdung. Sprachlich auf jeden Fall. Normalerweise spricht sie auch kein Deutsch mit mir. Ich immer Deutsch mit ihr und sie Englisch zurück. Normalerweise. Ab jetzt gibt es kein Normal mehr. Seit heute nicht mehr.
»Sie bringen mich in das Krankenhaus neben unserem Haus. Weißt du? Wo Lukas geboren wurde.«
Der ist ja jetzt … Themawechsel.
»Ja. Ach so, da. Dann fliegen wir morgen zurück nach Deutschland. Dann bin ich bei dir.«
»Ihr müsst aber erst heiraten. Ist doch nicht schlimm, wenn wir alle nicht dabei sind.«
»Ja, wir heiraten, und dann fliegen wir zu dir.«
Mein Freund guckt mich entsetzt an. Ich gucke zurück, presse die Lippen zusammen, reiße auch die Augen auf und ziehe die Schultern hoch.
Was soll ich dazu sagen? Ich will das jetzt beenden. Ich leg mich doch nicht mit einer Verrückten an. Heiraten. Klar.
»Bis morgen, Mama. Ich komm zu dir. Ich kümmere mich morgen um dich.«
»Viel Spaß morgen«, sagt sie mit zittrig abwesender Stimme. Um Jahre gealtert. Dafür aber auf Ecstasy.
Aufgelegt.
Meine Augen sind nur halb auf, ich stoße einen langen, tiefen Seufzer aus. Die ganze Anspannung der letzten Stunden und vor allem dieses Telefonats mit meiner durchgeknallten Mutter entweicht. Ich bin jetzt nicht mehr die Hauptmitleidsperson. Leider. Jetzt, wo meine Mutter das überlebt hat, müssen wir uns alle um sie kümmern. Ich kümmere mich nicht mehr um mich selber, sondern nur noch um meine Mutter. Im Kopf Kommando zurück und umschalten. Nicht mehr nehmen, sondern geben.
Im Kopf dreht sich alles. Ich bin besoffen. Endlich. Ich will schlafen. Es steht noch ein Anruf aus. Die Rückflüge müssen auf morgen verschoben werden.
Alles auf Englisch: »Guten Abend. Wir haben einen Notfall. Wir sind eine große Hochzeitsgesellschaft. Die Hochzeit wäre morgen gewesen. Es gab eine Massenkarambolage auf der Autobahn. Drei Brüder sind tot. Wir müssen morgen zurückfliegen, Verletzte im Krankenhaus besuchen.«
Sie erlauben uns zwei Notfallplätze in einem Flugzeug für morgen ganz früh.
Die Familie meines Freundes muss einen Tag länger auf den Rückflug warten. Er unterrichtet sie darüber. Sie müssen die Zeit totschlagen in England auf dem Land, an der Ostküste. Sie haben nur feierliche, schicke Hochzeitsklamotten mit. Niemand hat an Trauerkleidung gedacht. Glaub ich aber auch nicht dran, an so einen Quatsch, wir sind ja keine Christen, wir sind Zufall.
Damit müssen sie jetzt rumwandern oder was auch immer man macht, wenn eine Hochzeit platzt. Ich kann mich nicht weiter um sie kümmern. Die leben ja alle noch. Sie sind erwachsen und müssen gucken, wie sie klarkommen. Mehr geht nicht.
Wir legen uns ins Gästezimmer. Hier ist alles dunkellila, wie das Toilettenpapier auf dem Gästeklo. Wir starren an die Decke, erschöpft vom Verarbeiten, von den guten und den schlechten Nachrichten. Schweigen uns an und schlafen weg. Man kann einander nicht helfen dabei. Das hab ich am ersten Tag schon gemerkt. Jeder ist für sich allein.
Da fing das an. Das Alleineverarbeiten. Das unterschiedliche Trauern. Der Ekel vor der Trauer der anderen. So ein Erlebnis bringt nicht zusammen, das treibt auseinander. Wir halten nicht zusammen. Wir halten auseinander.
Wir werden mit Tee am Bett geweckt.
»Morning, wakiwaki.« Das sagen alle in unserer Familie, um jemanden aufzuwecken. We have to leave for the airport soon.
Kopfschmerzen, scheiß Alkohol. Kann nicht jemand was erfinden, was man mit dem Alkohol mittrinkt und über Nacht den Kater wegmacht? Superprimitiv, die Menschheit, eigentlich.
Wir waschen uns beide nicht. Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren in solch einer Situation. Lassen die Klamotten einfach an, in denen wir geschlafen haben, essen ungesundes englisches Frühstück. Es gibt Toastbrot mit salziger Butter und Marmelade, die mehr Zucker als Früchte enthält. Süßigkeiten schon zum Frühstück. Ekelhaft.
Mein Onkel ist normalerweise ein lustiger Kerl. Auf jedem Familienfoto hat er eine Dose Bier in der Hand, zeigt mit der anderen Hand einen Mittelfinger, lacht laut und rülpst. Das sieht man natürlich auf dem Foto nicht, aber man weiß, dass er gerülpst hat, weil man ja oft danebenstand, wenn Fotos gemacht wurden. Der Mund steht für den Rülpser auf jedem Bild weit offen. Er kann das ganz genau zeitlich abpassen, dass der Rülpser kommt, wenn das Blitzlicht geht. Das kann nicht jeder. Er fährt, und heute schweigt er. Er denkt bestimmt an seine große Schwester, die meine Mutter ist, die drei Kinder verloren hat, gestern. Gestern? Ja, gestern. Mein Zeitgefühl ist völlig hinüber. Wurde auch nie wieder gut. Bei einem Trauma ist das so: Das reißt so eine Wunde in die Seele, auch wenn es keine Seele gibt. Wie soll man das nennen? Herz? Bewusstsein? Es reißt jedenfalls so eine große Wunde in einen, dass man nie zeitlich Abstand dazu gewinnt. Die Wunde heilt nicht. Es schmerzt heute noch genauso wie an diesem ersten Tag auf dem Weg zum Flughafen im Auto mit meinem Fast-Ehemann und meinem Onkel.
Er setzt uns vor dem Gebäude ab. Wir checken ein und setzen uns in die Wartehalle. Da klingelt mein Telefon.
Eine fremde Nummer. Könnte das Krankenhaus meiner Mutter sein, mein Vater in Belgien, was weiß ich.
»Hallo?«
»Ja, spreche ich mit Elizabeth Kiehl?«
»Ja.«
»Hier spricht Paulsen, Druck-Zeitung. Frau Kiehl, es tut mir leid, dass ich Ihnen das jetzt mitteilen muss, Sie müssen jetzt sehr stark sein: Es hat einen Unfall gegeben, und dabei sind drei Brüder von Ihnen ums Leben gekommen. Eine erste Stellungnahme, bitte.«
Ich nehme das Telefon von meinem Ohr weg. Ich schweige. Ich bin klug. Ich will richtig reagieren. Wann kann man das schon von sich behaupten? Mein Freund fragt, wer das ist, was los ist. Ich habe schon wieder einen merkwürdigen Gesichtsausdruck. Muss sein, so wie der mich anguckt! Wir sitzen nebeneinander in der Wartehalle. Ich muss nachdenken. Halte meinen Zeigefinger vor meine Lippen, damit mein Freund nichts mehr sagt. Diese Bestie, das Böse, darf nicht noch mehr Informationen über uns bekommen. Gucke auf mein Telefon, die Leitung steht noch. Ich kann nicht fassen, was da grad passiert. Ich werde so wütend wie noch nie in meinem Leben. Die Wut ist bis heute genauso groß geblieben wie in dem Moment. Eine Zeitung, ein Mensch, der behauptet, da zu arbeiten, nimmt sich das Recht raus, bei mir anzurufen. In dieser Situation. Und meint auch noch, dass er befugt ist, mir diese Nachricht, wie er glaubt, als Erster zu übermitteln. Mich am Telefon für eine Geschichte, für Auflage, in dem schwächsten Moment meines Lebens zu vergewaltigen. Dieses Schwein übernimmt die Arbeit, die sonst die Polizei oder, in meinem Fall, mein Vater gemacht hat. Aber nicht um zu helfen, sondern um Geld damit zu machen.
Ich starre auf das Display. Der Mensch am anderen Ende hört nur in regelmäßigen Abständen meinen Mann flüsternd fragen, was los sei. Ich grusel ihn, weil ich so lange brauche, um zu antworten. So kriegen die also ihre Geschichten zusammen! Jeden Tag aufs Neue. So füllen die ihre Seiten. In dem Moment spürte ich, dass ich auf der Seite der Guten stehen will und die Bösen bekämpfen. Das sind für mich böse, verkommene Menschen. Alle. Denn sie alle profitieren von solchen täglichen Arbeitsmethoden. Kein Anstand, keine Moral. Kein Respekt vor trauernden Leuten. Kein Respekt vor Schmerz.
Ich sinne auf Rache. Dafür würde ich mich rächen. Ganz sicher. An den Menschen, die für diesen Anruf zuständig sind. An den Menschen, die direkt an einem solchen Anruf verdienen. Die damit reich geworden sind. Sich wahrscheinlich als gute Christen bezeichnen. Eine Grenze wurde überschritten. Und die haben da auch noch nicht lockergelassen. Der Eingriff in unser Leben, in unsere Trauer, für die Auflage der Zeitung, hatte dort erst begonnen. Ein Feind was born. Ein erbitterter Kämpfer. Eine Kämpferin. Track them down and smoke them out of their holes.
Ich drücke auf den leuchtenden roten Knopf, wie auf den Zünder einer Bombe.
Aufgelegt. Was jeder einzelne Mensch machen sollte, wo die anrufen, dieses Pack, beruflich, privat, dann würde sich das Problem schnell von alleine lösen. Schneiden, meiden. Das wäre eine friedliche Lösung. Dann gäbe es keine Geschichten über tote Kinder, Krebs, Alkoholismus, Scheidung, Insolvenz. Und es gibt nur was zu drucken, weil zu viele noch mit ihnen reden. Haltet alle dicht!
Legt auf. So, wie ich das gemacht habe. War nicht schwer. Mach den Mund auf, und du bist selber schuld. »Kein Kommentar« wird schon gedruckt. Damit hat man denen schon geholfen. Ganz einfach. Es ist ganz einfach, das Richtige zu tun, wenn man mal kurz nachdenkt. Jeder einzelne Leser, der diese Zeitung kauft, denen täglich die paar Cent gibt, ist an diesem Anruf bei mir an diesem Tag mit schuld. Die einzige Sprache, die die verstehen, sind rote Zahlen.
Ich erkläre meinem Freund, was uns da grade angetan wird. Dass sie es rausgefunden haben. Dass sie wohl meine Nummer irgendwie rausgefunden haben. Ich stehe nicht im Telefonbuch. Jemand, der mich persönlich kennt, muss sie weitergegeben haben für diesen Anruf. Natürlich werde ich nie rausfinden, wer das war. Damit brüstet man sich ja nicht. Jemanden verraten zu haben, jemanden ans Messer geliefert zu haben in einer Zeit, wo diese Person eher Frieden und Heilung brauchen würde. Ich verfluche auch diese Person. Der Unfall war, ohne dass ich jetzt viel wusste, natürlich aus Versehen. Unfälle sind immer aus Versehen, das sagt ja schon das Wort. Der Anruf war absichtlich. Das macht die Wut viel größer. Es beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit, gegen deren Anrufe. Ich rufe jeden einzelnen Verwandten an, sie wünschen mir herzliches Beileid. Was sagt man denn da zurück? Danke? Gleichfalls? Selber? Warum lernt man das nicht in der Schule. Wenn dir Verwandte sterben, sagen andere zu dir: »Herzliches Beileid«, darauf antwortest du dann: »Herzliches Beileid, ebenso.« Klingt steif. Ich entscheide mich für: »Selber.« Bisschen locker, nicht so schwer und steif.
Nachdem das erledigt ist, erkläre ich, dass ich grade belästigt wurde, von einem Menschen, der sich selber wahrscheinlich als Journalist bezeichnen würde, den wir in unserer Familie ab jetzt Drecksschreibtischtäter nennen. Ich erkläre, dass sie alle direkt auflegen sollen, kein einziges Wort sagen, nicht mal »kein Kommentar«, dass das uns nur schaden würde und denen in die Hände spielen, dass sie das ausschlachten wollen. Ich bringe alle auf Linie. Unsere Familie wird bedroht. Unser Frieden wird bedroht. Unsere Trauer wird bedroht.
Im Flugzeug ist endlich Ruhe. Ich halte die Hand meines Freundes und mache mir zum ersten Mal in meinem Leben große Sorgen, dass ich abstürzen könnte. Nicht mein Freund. Nur ich. Ich denke: Das wäre so schrecklich für meine Mutter. Die darf auf keinen Fall, bis sie stirbt, ein weiteres Kind verlieren. Drei reichen. Ich betrachte mich selber als Eigentum meiner Mutter. Ich muss auf mich aufpassen, dass ich nicht verloren gehe. Nicht wegen mir, meinem Freund oder unserem Leben. Das hoffentlich irgendwann wieder gut und einigermaßen normal wird. Sondern nur für meine Mutter. Meine Mutter darf nichts Schlimmes mehr erleben. Dafür muss ich sorgen.
Ich kralle mich in seine Hand, starre die ganze Zeit auf den Notausgang zwei Reihen vor uns und gehe im Kopf ganz genau durch, wie ich bei einer Landung auf Wasser über die beiden Reihen springe, um als Erste rauszukommen. Meinem Freund erzähle ich nichts von dem Plan. Wären wir zu zweit und hätten das vor, wäre es mühsamer, ich muss leicht bleiben, wendig, ich muss hier als Erste raus, damit meine Mutter nicht einen weiteren Bodycount erleben muss. Ich muss hier als Erste raus. Ich habe durch den Unfall gelernt, wie schnell das Leben vorbei sein kann, und ich möchte das verhindern. Ich möchte nicht für mich weiterleben. Ich lebe für meine Mutter.
Mir ist kalt, und ich bin nass geschwitzt, als wir landen. Ich war mir den ganzen Flug über sicher, dass wir abstürzen würden, ich habe mich innerlich schon von allen verabschiedet. Im Kopf habe ich mein Testament schon geschrieben, auch wenn ich fast nichts zu vererben habe. Immer noch mit den Hochzeitstaschen, gekauft für glückliche Tage, fahren wir zu dem Krankenhaus, das meine Mutter mir am Telefon genannt hat. Dort treffen wir auf drei Väter, die jeweils ihren einzigen Sohn verloren haben. Das heißt, es gibt väterlicherseits sechs trauernde Omas und Opas. Meine übrig gebliebene Schwester ist auch schon im Krankenhaus. Ich muss das immer wieder im Kopf durchgehen, wer jetzt eigentlich tot ist und wer lebt. Ich krieg es da nicht rein! Meine Schwester Emily lebt, sie ist vierzehn, und ich lebe. Wir sind nur noch zwei. Tot sind: Harry, 24. Lukas, 9. Und Paul, 6.
Wir umarmen uns, vor dem Krankenhaus. Ich lächle, weil ich mich so freue, sie zu sehen. Herzliches Beileid haben wir am Telefon schon gesagt. Alle sprechen noch ihr Bedauern aus, über unsere ausgefallene Hochzeit. Meine Schwester, die hier vor mir steht, war natürlich eingeladen. Sie wäre heute hingeflogen, nach England. Stimmt. Die Hochzeit wäre ja heute gewesen. Heute. Wenn nicht das Schlimmste unseres Lebens dazwischengekommen wäre. Ich hoffe doch, dass es das Schlimmste bleibt und es nicht noch schlimmer kommt. Ich gucke auf meine Armbanduhr. In vier Stunden wäre ich verheiratet gewesen. Ich sehe meinen Freund von der Seite an. Ich kann es nicht fassen, all die Organisation, alles umsonst. Ich liebe ihn. Werden wir es noch mal versuchen? Oder für immer unverheiratet bleiben? Es steigt eine Angst hoch in meiner Brust, die mir den Atem verschlägt bei der Vorstellung, eine weitere Hochzeit planen zu müssen und zu erleben, wie auf der Reise dahin wieder welche aus meiner Familie verunglücken. Und mit Reisen ist eine Hochzeit in unserer Familie immer verbunden. Die kommen von überallher. Oder wir feiern nur unter uns. Dann muss keiner kommen, und keiner muss sterben auf dem Weg zu uns.
Es ist Hochsommer. Wir setzen uns auf die Wiese vor der Klinik und warten auf unsere Mutter. Ich mache mir große Sorgen, dass sie schlimm zugerichtet aussehen könnte. Wie sieht man denn aus nach einer Massenkarambolage? Keine Ahnung. Ich geh mal lieber von dem Schlimmsten aus. Von den drei Vätern waren zwei gestern am geräumten Unfallort. Sie hatten viele neue Informationen, wie das alles überhaupt passieren konnte. Aus ihren Berichten, den Berichten der beiden Überlebenden, meiner Mutter und Rhea, und der Polizeiakte setzt sich folgendes Mosaikbild zusammen:
Sie fahren nach der Hochzeitskleidanprobe, die ich nie hätte machen dürfen, los. Ich bin nicht abergläubisch. Aber nach so einem Schicksalsschlag ist es viel Kopfarbeit, es nicht zu werden! Alleine wegen dem Herzeigen des Kleides denke ich, ich bin schuld an allem, was danach passiert ist. Sie fahren nur mit dem Auto, weil mein Kleid so groß ist. Ich bin eigentlich direkt schuld. Da braucht man nicht abergläubisch zu sein. Mein großer Bruder lässt seine Freundin, weil er ein Gentleman ist, vorne sitzen. Sie haben viel Spaß im Auto. Sie singen Lieder. Die Kinder fragen die Mutter ständig Dinge zur Hochzeit. Sie erzählt ihnen, dass sie alle das gleiche Hemd tragen werden, das wir gemeinsam ausgesucht haben. Es ist sehr heiß an dem Vormittag, und sie zieht wie immer beim Autofahren ihre Schuhe aus, hellbraune lederne Segelmokassins mit Bommeln dran, wie von Indianern gearbeitet. Ich habe sie vor der Abfahrt an ihren Füßen gesehen. Sie fährt die erlaubte Geschwindigkeit auf der Strecke in Belgien. 120 Stundenkilometer. Sie hat keinen Schluck getrunken. Und telefoniert nie während der Fahrt, wenn die Kinder mit im Auto sitzen. Das ist ganz wichtig für die Mutterschuldfrage nachher. Meine Mutter fährt an dem Tag der Tage, also gestern, mit den Jungs und der Freundin meines ältesten Bruders durch Belgien, auf dem Weg zum Eurotunnel. Es ist viel los auf der Autobahn, aber der Verkehr fließt. Auf der Gegenfahrbahn bildet sich ein Stau. Ein Lkw-Fahrer fährt auf der rechten Spur und transportiert einen riesigen Benzintank. Er sieht das Stauende vor ihm nicht rechtzeitig. Man weiß nicht, ob wegen Sekundenschlaf oder Unaufmerksamkeit. Vielleicht ist ihm eine Zigarette in den Schoß gefallen und hat ihm die Eier verbrannt. Jedenfalls hatte auch er nichts getrunken. Er fährt mit voller Geschwindigkeit auf das Stauende zu. Ungebremst. Das haben die Autofahrer, die am Stauende standen, im Rückspiegel gesehen und Glück gehabt. Er reißt sein Lenkrad kurz vor dem Aufprall nach links. Und reißt einen vollbesetzten Reisebus mit sich über die mittlere Leitplanke. Der Lkw und der Bus bilden eine Mauer auf der Gegenfahrbahn, also dort, wo meine Familie grad auf der rechten Spur fährt. Im Radio im Auto meiner Mutter läuft »Lucky Man« von The Verve. Zig Autos fahren ungebremst frontal in den schräg stehenden Bus und in den Lkw rein, die beide davon umkippen. Alle im Auto sehen die Mauer auf sich zukommen und schreien. Aufprall. Ohne dass meine Mutter den Fuß auf die Bremse stellen kann. Sieben Zentimeter. Zwischen Gas und Stopp.
Stille. Lange. Als Erste wacht die Freundin meines Bruders auf. Rhea lebt. Die Airbags liegen auf dem Armaturenbrett. Sie guckt nicht nach links. Sie sitzt einfach da. Sie hört nichts. Stille. Rauschen im Kopf. Alles in Zeitlupe. Sie macht ihre Tür auf und will aussteigen. Sie bricht zusammen. Sie kann nicht stehen, weil ihre Beine zertrümmert sind. Sie liegt auf dem Boden neben dem Auto und robbt sich wie die kranken Gorillas im Nebel aus dem Film, den wir viel zu jung gucken mussten, damit wir Tierforscher werden oder wenigstens Umweltschützer, mehrere Meter weit vom Auto weg. Sie legt sich auf den grünen Seitenstreifen und bleibt liegen. Sie dreht ihren Kopf von rechts nach links und guckt, was um sie rum passiert. Sie sieht viele Autos, die vor der riesigen Unfallstelle an der Ausfahrt einfach abfahren, anstatt auszusteigen und zu helfen. Ich möchte nicht zu so einer Menschheit gehören, die das fertigbringt! Viele sind tot, viele sind verletzt. Die Familien in dem Reisebus haben ein Loch in die Scheibe geschlagen und klettern nacheinander heraus.
Irgendwann, nachdem Rhea weg ist, erwacht meine Mutter aus ihrer Ohnmacht. Und sitzt einfach so da. So ist das wohl in einem solch schweren Schockzustand. Man macht eigentlich gar nichts mehr. Ist nur noch zurückgeworfen auf die minimalsten Dinge. Das Gehirn funktioniert nicht mehr richtig. Das Herz schlägt, mehr aber auch nicht.
Sie sitzt und sitzt und sitzt. Und wundert sich über die Stille im Auto. Sie dreht sich nicht um. Sie guckt nicht ihre Kinder an. Sie ist keine Mutter mehr, die sich um ihre Kinder kümmern kann. Sie kann sich nicht mal selber retten. Sie ist wie ein schwer verwundetes Tier. Sie blickt auch nicht in Rheas Richtung nach rechts. Das wäre die viel leichtere Kopfbewegung im Vergleich zu dem Nach-hinten-Gucken zu den eigenen Kindern. Sie sitzt einfach nur da und versucht zu verstehen, was gerade passiert ist. Minutenlang.
Jemand reißt ihre Tür auf. Ein anderer Lkw-Fahrer, der in den Unfall verwickelt ist. Nicht der Verursacher, der ist auf der Stelle tot. Er greift mit seinen starken Armen unter die Arme meiner Mutter.
Er kann sie anders nicht tragen. Sie ist ihm zu schwer. Der Tank des unfallverursachenden Lkws ist ausgelaufen, Hunderte Liter Benzin glänzen jetzt in einer riesigen Pfütze unter all den zerstörten Autos. Sie haben angefangen zu brennen, weil es Kurzschlüsse gab aus den umgerissenen belgischen Straßenlaternen in der Mitte der Fahrbahn. Der Lkw-Fahrer schleift meine Mutter wie einen Sack durch die Flammen am Boden. Alles brennt. Überall Qualm und Gestank und Schreie und Tod.
Dann legt er sie neben all die anderen Verletzten und Sterbenden.
Sie sagt ganz langsam zu ihm:
»Meine Kinder, meine Kinder sind noch in dem Auto.«
Er läuft los, um sie zu holen.
Dann fliegt vor ihm alles in die Luft. Eine riesige Explosion.
Sie weiß, sie hat ihre Kinder verloren.
Sie hat sie in Flammen aufgehen sehen. Mit ihren eigenen Augen.
Und es explodiert noch einmal und noch einmal. Die einzelnen Benzintanks der Autos.
Die Menschen, die sich noch retten konnten aus dem Reisebus, leisten meiner Mutter mit ihren Getränken Erste Hilfe. Sie schütten Cola, Fanta, Apfelschorle über die bis auf die Knochen verbrannten Füße. Damit tritt eine leichte Kühlung der Stellen ein. Die Ärzte sagen nachher im Krankenhaus, dass das sehr geholfen hat. Sonst wäre es noch schlimmer gekommen für sie.
Für mich, in meinem Kopf, ist das Schlimmste: dass wir alle nicht wissen, ob meine Brüder, als sie in Flammen aufgegangen sind, noch gelebt haben oder ob sie von dem Aufprall schon tot waren. Das klingt jetzt makaber, aber so ist das nun mal, ich hoffe seit acht Jahren inständig, dass der Aufprall so stark war, dass alle ihre drei schlanken Genicke gebrochen sind und sie nicht bei lebendigem Leibe gespürt haben, dass sie verbrennen. Das verfolgt mich täglich. Tagsüber und nachts in meinen Träumen. Ich werde es nie rausfinden, es wird nie eine Antwort geben. Weil sich die Mutter nicht nach ihren Kindern umgedreht hat. Frau Drescher sagt, es könnte sogar sein, dass sie es doch getan hat und uns alle anlügt, damit sie nicht beschreiben muss, was sie da gesehen hat. Oder es war so schlimm, was sie gesehen hat, dass ihr Gehirn es aus Liebe zu ihr gelöscht hat, weil sie sonst noch verrückter geworden wäre. Ein Gehirn weiß, was sein Träger aushalten kann und was nicht.
Wir sitzen in der Sonne und warten auf die Mutter. Die Horrormutter. Ich habe einen Horror davor, sie zu sehen. Ich habe Angst, dass meine hübsche Mutter nicht mehr hübsch ist. Sie ist sonst immer sehr gepflegt. Jetzt gleich bestimmt aber nicht. Mach dir keine Hoffnungen, Elizabeth! Sie wird bestimmt schrecklich aussehen, und du darfst es sie nicht spüren lassen. Genauso machen wir’s!
Eine Krankenschwester kommt und bittet uns rein. Die Mutter ist angekommen. Sie hat ein Einzelzimmer bekommen, bei der Schwere des Falls. Wusste ich doch. Weil sie drei Kinder verloren hat, muss sie sich nicht das Zimmer teilen mit irgendeinem Honk. Sehr gut. Danke, liebes Krankenhaus. Die Krankenschwester erzählt uns, dass meine Mutter schon einige Zeit hier ist und untersucht wurde. Gleich würde der Arzt mit mir sprechen wollen. Mit mir? Warum? O Gott, was will der denn von mir? Wir werden sehen.
Elizabeth, du musst tapfer sein. Da kommt jetzt so einiges auf dich zu, wo du keine Ahnung hast, wie das geht. Mein Wissen über solche Dinge speist sich nur aus Filmen, die Mutter mir gezeigt hat. Vielleicht deswegen? Damit ich das hier alles durchstehe und ihr helfen kann in dieser Situation? Kann sein. Der ist alles Perfide zuzutrauen. Die scheint immer einen Masterplan zu haben, zwar einen bösen, aber immerhin! Die Krankenschwester flüstert uns vor der Tür mit der 322 drauf noch zu, dass wir uns nicht wundern sollen, wenn sie sich etwas komisch benimmt. Wie? Noch komischer als sonst? Sie hätten sie unter starke Psychopharmaka gesetzt, damit sie das mit dem Verlust ihrer Söhne noch nicht kapiert. Sie hat das noch nicht verstanden. Die Psychopharmaka sorgen dafür, dass alle Rollos im Kopf runtergehen, und die schmerzhafte Einsicht über das Geschehen sickert erst Tage später langsam ins Bewusstsein. Sie weiß es noch nicht?
Aha. Gut zu wissen. Mann, ist das alles verrückt. Es gibt Medikamente, die machen, dass meine Brüder noch leben? Warum krieg ich die nicht, warum nur meine Mutter? Ich will da nicht rein. Ich will mich nicht befassen mit einer verbrannten Mutter. Das ist alles zu viel für mich.
Keiner sagt: »Herein.« Sie liegt da, ganz klein in dem großen Bett, und schläft. Gut. Dann kann ich mich erst mal an den Anblick gewöhnen, ohne dass sie, gespiegelt durch mein erschrockenes Gesicht, merkt, wie scheiße sie aussieht. Das ganze Gesicht ist übersät mit blutigen Kratzern. Aha, von der Windschutzscheibe bestimmt. Alle Kratzer zeigen in die gleiche Richtung. Als hätte Freddy von Nightmare on Elmstreet mal kurz Guten Tag gesagt. Sie hat ein geschwollenes blaues Auge und eine genähte Platzwunde an der Stirn. Bestimmt der Aufprall aufs Lenkrad oder Armaturenbrett. Und das Schlimmste, da war ich gar nicht drauf gefasst, ihre ganzen schönen blonden langen Haare sind zu kurzen, dicken, verkokelten Dreadlocks geschmort. Die Hitze! Daran hatte ich nicht gedacht. Haare schmilzen offensichtlich, wie man sich das eher bei einer Plastikperücke vorstellen würde. Das muss alles abgeschoren werden, das kommt doch nie wieder in Ordnung.
Sie öffnet die Augen und lächelt uns an. Ihr Blick sieht gehetzt aus. Sie hat die Augen weiter auf als sonst. Wie ein gehetztes Tier. Ja. Ich sehe ihr an, dass ihr Unterbewusstes längst weiß, was passiert ist.
Sie sagt: »Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was guckt ihr denn alle so. Mann, hört auf damit. Hast du geheiratet, Kind?«
Sie lächelt, wie eine Verrückte.
Alle im Zimmer erstarren merklich bei der Frage. Meine übrig gebliebene Schwester und ich, das sind wir nämlich: Übriggebliebene. Wir gehen an ihr Bett und legen ganz vorsichtig, um ihr nicht wehzutun, unsere Köpfe auf ihre Brust.
»Ja, Mama, wir haben geheiratet.«
Was soll’s? Ich denke, die ist auf Psychopharmaka, da kann ich doch auch antworten, was die hören will. Ist doch egal. Ich sag der einfach nachher, das hast du wegen der Medikamente falsch verstanden.
»Ich freu mich für dich.« Sie guckt meinen Freund an. »Euch. Ich freu mich für euch. Jetzt müsst ihr schnell drei Kinder bekommen.«
Aaah. Hilfe. Ich denk, die weiß das noch nicht oder nicht mehr, wegen der Medikamente. Die scheinen ja nicht gerade perfekt zu wirken.
Ich streichele ihre Hand. Die hat auch die Kratzer, wie im Gesicht, von der Windschutzscheibe. Ihr ganzer Körper scheint geschunden.
Ich gucke ihr wieder ins Gesicht. Ihre Augen sind zu. Sie atmet unruhig.
Wir schleichen alle wieder raus aus diesem Horrorzimmer. Weil wir wirklich auf Zehenspitzen in Zeitlupe raustrippeln, müssen wir alle kichern. Wir drehen uns schnell um, ob sie das geweckt hat. Nein. Weiter. Raus hier.
Im Flur treffen wir den behandelnden Arzt. Er guckt mich die ganze Zeit an, während er spricht. Ich bin die Ältere von uns beiden Kindern. Mit den Männern ist sie nicht mehr zusammen. Mit keinem von ihnen. Das heißt ja wohl, ich bin die nächste Verwandte und Ansprechpartnerin für jede Scheiße, die noch kommt.
»Frau Kiehl, wir haben Ihrer Mutter ein Einzelzimmer gegeben, weil das ein böses Erwachen geben wird, wenn wir langsam die Psychopharmaka reduzieren und ihr Schritt für Schritt bewusst werden wird, dass sie drei Kinder verloren hat. Sie fuhr ja das Auto. Auch wenn sie juristisch keine Schuld trifft, sie wird sich Vorwürfe machen. Das kann so schlimm werden, dass sie sich umbringen will. Bitte bleiben Sie Tag und Nacht bei ihr für die nächsten Wochen, und passen Sie auf, dass sie sich nicht suizidiert.«
Alles klar, ich habe eine neue Aufgabe. Die Heldenaufgabe: Mutter am Selbstmord hindern. Mach ich, kein Problem, das kann ich.
»Wir stellen noch ein Bett ins Zimmer, in dem Sie dann schlafen können. Das zur Psyche. Jetzt zum Körperlichen. Sie hat die Füße extrem stark verbrannt. Die müssen jeden zweiten Tag gebürstet werden, damit sich während des Heilungsprozesses keine Narbengeschwülste bilden. Die würden später die Bewegungsmöglichkeiten beeinträchtigen. Sie wird sehr große Schmerzen aushalten müssen, wenn wir mit einer groben Bürste über das offene Fleisch bürsten, dafür versetzen wir sie alle zwei Tage in Vollnarkose. Danach wird es ihr sehr schlecht gehen. Wenn die Narkose nachlässt, werden die Schmerzen nicht hundertprozentig unterdrückt werden können. Das wird sehr unangenehm für Ihre Mutter werden, und es wäre gut, wenn Sie in diesen Momenten bei ihr wären. Sie darf ganz lange nicht aufstehen, natürlich einmal wegen der Füße, aber auch wegen des gebrochenen Wirbels. Der muss wieder zusammenwachsen, und deswegen müssen wir Ihre Mutter ruhig stellen. Wir vermuten, dass da von der hinteren Sitzbank des Wagens eines der Kinder mit dem Kopf durch die Rückenlehne gegen den Wirbelknochen Ihrer Mutter geprallt ist und dadurch die Fraktur herbeigeführt hat.«
Anhaltspunkt. Das heißt, es könnte sein, dass wenigstens eines der Kinder, nämlich vermutlich das, das hinter Mutter saß, bei dem Feuer schon tot war.
Oder wenigstens bewusstlos.
»So viel erst mal von unserer Seite. Wenn Sie Fragen haben, gerne.«
Alle gucken sich gegenseitig an und schütteln die Köpfe.
Danke. Bis später.
Ich möchte allein sein. Ich sage den Verwandten, mein Freund gehört seit gestern auch dazu, dass ich die zwei Kilometer schnell alleine nach Hause gehe, um ein paar Sachen zu packen, für die Übernachtung. Sie sollen hierbleiben und auf sie aufpassen. Ich gehe los. Raus, an die frische Luft. Ich marschiere den Bürgersteig entlang, als wär ich auf der Flucht. Dieses Gefühl wird bei mir nie wieder aufhören. Mache alles schnell, damit ich so wenig schmerzhafte Gedanken wie möglich produziere. Ich ziehe jetzt in ein Krankenhaus ein. Habe Angst vor der Nacht mit Mutter. Ich will nicht dabei sein, wenn ihre Erkenntnis einsetzt.
Ich stelle mir vor, dass sie die Augen aufreißt und schreit, sich an mir festklammert und weint und bettelt, dass das nicht sein darf, dass sie zurückkommen sollen, dass wir die Zeit zurückdrehen sollen, dass sie ein paar Minuten früher losfahren und die Stelle unverletzt passieren, dass mein Kleid etwas kleiner und bescheidener ausfällt und in meinen Koffer passt, damit alle zusammen fliegen können. In einem sicheren Flugzeug. Sie krallt sich an mir fest und reißt mich mit runter in den Wahnsinn.
Ich gehe aus Liebe zu ihr mit, runter, runter, raus aus dem Leben. In die Dunkelheit. Hoffentlich passiert das tagsüber, wenn die anderen auch da sind. Ich grusele mich vor ihr und der noch ausstehenden Erkenntnis, dass drei ihrer Kinder tot sind. Ich spüre, dass ich Hilfe brauche. Ich stehe das alles nicht alleine durch. Warum bekommt sie Medikamente und ich nicht? Ich wäre auch gern ruhig gestellt. Ich muss mir einen Therapeuten suchen. Ich löse mich auf. Ich werde mich jetzt wochenlang um meine selbstmordgefährdete Mutter kümmern und dabei auf der Strecke bleiben. Sie hat das größte Leid erlebt. Von uns allen. Ich habe nur meine Brüder verloren. Was ist schlimmer? Na, wenn man seine Kinder verliert natürlich. Die Männer haben jeweils nur einen Sohn verloren. Was ist schlimmer? Na, wenn man drei Kinder verloren hat. Wir waren alle nicht dabei. Was ist schlimmer? Na, wenn man dabei war. Deswegen konzentriert sich unsere Hilfe ab jetzt komplett auf die Mutter, die drei Kinder verloren hat. Dagegen können wir alle nicht anstinken. Und darum kriegen wir auch keine Medikamente. Ganz einfach.
Ich will nicht darüber reden mit meinem Freund, nicht mit den ganzen Vätern, nicht mit meinem Vater, sondern mit einem Profi. Jemandem, der diese Scheiße, durch die ich muss, studiert hat. Jemandem, der mir hilft, das durchzustehen. Damit ich später ein erträglicher Mensch sein werde. Damit ich das hier überlebe. Bin mit den Gedanken und dem Stechschritt so schnell zu Hause wie noch nie. Ich wohne mit meinem Freund in der Nähe meiner Mutter. Zum Glück musste ich noch nicht in Mutters Haus. Da sind jetzt drei Kinderzimmer leer. Für immer. Da müssen dann wohl alle Verwandten schlafen, die jetzt aus England eintrudeln, um uns zu unterstützen. Um Mutter zu unterstützen, nicht uns! Die Hochzeit, nur umgekehrt. Eigentlich wären wir alle da, zu einem freudigen Ereignis, jetzt sind die alle hier, zu einem traurigen Ereignis. Hochzeit, Beerdigung.
Meine Mutter lässt die Zimmer bestimmt genau so, wie meine Brüder sie verlassen haben. Wie die das im Film immer machen. Und dann sitzt die Mutter täglich auf einem der Betten rum, hält einen Baseballschläger in der Hand und weint. Nur dass keiner meiner Brüder Baseball gespielt hat und auch keinen Baseballschläger besitzt. Wir sind nämlich in der ganzen Familie gegen alles Amerikanische. Wir sind Antiamerikaner. Wir sind gegen Krieg, Todesstrafe, Fettleibigkeit, Monsanto, Exxon. In unserer Familie steht Amerika nur für Schlechtes. Ja, ja, was einem da so durch den Kopf geht. Eine Hochzeit und drei Todesfälle. Und ich mittendrin. I cannot fucking believe it!
Ich renne in unsere Wohnung rein, packe das Nötigste. Der Körper funktioniert erstaunlich gut dafür, was passiert ist. Alles tut so, als würde es normal weitergehen. Ich funktioniere, mein Körper arbeitet, befolgt Befehle. Ja, mehr aber auch nicht. Das Gehirn hinkt doch sehr hinterher, das ist noch irgendwo in England. Oder ist es in Belgien, auf der Autobahn, geblieben?
Ich denke alles, was ich über den Unfall weiß, bis zum Erbrechen immer wieder durch. Bis ich das Gefühl habe, dass ich dabei war, aber nichts machen konnte. Ich konnte nicht helfen. Meinen kleinen Brüdern! Niemanden retten. Ich gucke nur zu und fühle schmerzhaft mit, wie das so ist, wenn man bei lebendigem Leib verbrennen muss, weil man nicht da rausgezogen wurde. Weil Menschen an der Ausfahrt rausfahren, weil sie keinen Bock auf Stau haben. Weil sie nicht zu spät kommen wollen zu ihrem unwichtigen Termin. Lassen sie Kinder in brennenden Büchsen sterben.
Wer weiß, wenn wir mehr Helfer gehabt hätten, dann wären sie da rausgezogen worden! Tot oder lebendig.
Wenigstens hätten wir dann Körper gehabt zum Beerdigen. Was beerdigen wir jetzt eigentlich? Da hab ich ja noch gar nicht drüber nachgedacht. Ich beneide jeden, der jemanden verliert, wenigstens aber einen toten Körper hat, zum Anfassen. Zum besseren Begreifen. Damit das lahme Gehirn verstehen kann, diese Person ist jetzt tot. Das Leben kommt nicht wieder in diesen toten Körper zurück. Niemals. Guck, fass ihn an. Er ist steif und läuft gelb an und ist kalt wie ein totes Hühnchen aus dem Kühlschrank. Das hätte ich gerne. So, ohne Körper zum Abschiednehmen, spielt mein Hirn mir Streiche. Ich will das Unausweichliche nicht akzeptieren und trickse mich aus: Wenn keine Körper gefunden wurden, könnten sie doch noch leben. Vielleicht haben sie sich gerettet. Sind vor der großen Explosion aus dem Auto rausgekommen und in den Wald gelaufen. Was weiß ich. Kann doch sein! Rhea hat es doch auch geschafft, die Tür aufzumachen und sich rauszurobben. Das haben die auch gemacht, kurz nachdem meine Mutter draußen war.
Sie leben jetzt im Wald von Belgien, bei all den Tieren, die noch nicht von uns brutalen Fortschrittswirtschaftswachstumsautofahrern überfahren wurden. Der Unfall hat sie natürlich sehr mitgenommen, sie sind seitdem verrückt, können sich an nichts erinnern, was den Unfall angeht, auch nicht an ihr früheres Leben in der Familie. Mein ältester Bruder ist der Anführer, er kümmert sich um die Kleineren. Das Kind, das hinter meiner Mutter saß, ich weiß ja nicht, welches es war, hat von dem größeren Bruder aus Ästen und Reisig etwas gebastelt bekommen, das er immer tagsüber feste um den Kopf tragen muss, da er durch den Aufprall gegen den Sitz meiner Mutter und ihren harten Wirbel den Schädel gebrochen hat. Das wächst aber durch die nützliche Kopfschiene meines Bruders langsam wieder zusammen. Der Kleine hat oft starke Kopfschmerzen deshalb. Die drei finden aber eine Borke von einem bestimmten Baum; wenn er darauf kaut, lindert das seine Schmerzen. Sie ernähren sich von Waldbeeren und jungen Trieben, wie Indianer, im Einklang mit der Natur. Sie sind nackt und schmutzig und haben lange Haare. Alle drei haben seit dem Unfall ihre Sprache verloren und verständigen sich nur durch Blicke. Sie verstehen sich eigentlich blind, denn sie sind Überlebende. Was braucht man da noch viel zu kommunizieren? Sie haben einen sehr langen Ast gegen einen Baum gelehnt, sie haben kürzere Stöcke gesammelt, Hunderte davon, und sie gegen den langen Ast gelehnt. So entstand langsam ein richtig großes Holzzelt für sie zum Schlafen. Alle Lücken zwischen den kürzeren Stöcken stopfen sie mit weichem Moos und Blättern, bis es wasserdicht und warm ist in ihrer Höhle. Sie polstern sich den Boden mit getrocknetem Moos aus und haben jetzt alles, was man zum Leben braucht. Sie trinken von einem kleinen Bach im Wald, sie sammeln viele Beeren von einer bestimmten Sorte. Einer isst ein paar, und die anderen beiden gucken zu, ob sich die Gesichtsfarbe verändert, ob die Haut Reaktionen zeigt, die Pupillen. Wenn ihm übel wird, wissen sie, dass die Beere für Menschen giftig ist, und helfen ihm zu erbrechen, mit einem abgerundeten Stock, den sie extra für diesen Zweck im Wald gesucht haben.
Wenn sie auf diese Weise Beeren als genießbar erkannt haben in den verschiedenen Jahreszeiten, sammeln sie davon viel mehr, als sie essen können, und trocknen sie in ihrer Schlafstätte, als Vorrat für den kalten Winter. Einer muss immer bei den Beeren bleiben, weil die Vögel und Eichhörnchen bei der Futtersuche direkte Konkurrenten sind. Bei jeder Unaufmerksamkeit meiner Brüder werden ihnen Lebensmittel aus ihrer Höhle stibitzt. Die Tiere im Wald sind auch so schlau, dass sie wissen, dass Klauen weniger Energie verbrennt als Selbersammeln.
Sie haben auch eine Währung eingeführt zwischen den dreien. Wenn der eine mal was Faszinierendes findet und der andere ihm das abkaufen will, diese Idee hatte natürlich mein geldbegeisterter großer Bruder, dann muss man ja was haben, um einen Gegenwert zu schaffen. Also haben sie einfach eine Währung erfunden. Sie schleichen nachts in die Nähe der Autobahn und suchen Scherben von Flaschen, die die Menschheit dort hingeworfen hat. Meine Brüder sammeln am liebsten die blauen Scherben. Die sind die wertvollsten in dem Land, in dem sie wohnen. Danach kommt jeder Grünton, dann braun, und die wertlosesten sind die durchsichtigen Scherben. Sie alle reiben sie mit der scharfen Kante so lange an einem Stein, bis man sie gut in der Hand halten kann, bis alle Ecken abgeschliffen sind. Das Kratzen der Scherben auf dem Stein ist ein nur schwer erträgliches Geräusch, sie lachen aus Unbehagen darüber, sie summen laut, sie wissen nicht, welches Lied sie summen, aber es ist »Lucky Man« von The Verve.
Mit den abgerundeten Scherben bezahlen sie sich gegenseitig und horten ihre Schätze. So leben sie tagein, tagaus, im Winter ist das Leben etwas beschwerlicher, aber sie sind fleißig und haben immer vorgesorgt. Der Schädelknochen von dem einen, der hinter Mutter saß, wieso weiß ich eigentlich nicht, wer das war? Das fehlt in meinem Unfallmosaik, diese Information. Ich kann auch niemanden mehr fragen von denen, die dabei waren. Zu den beiden Überlebenden, Mutter und Rhea, habe ich ja den Kontakt abgebrochen. Jedenfalls ist der Schädel etwas schief langsam wieder zusammengewachsen. Durch seine langen, dreckigen, verfilzten Haare spürt mein Bruder noch den Knochenhubbel von damals. Er ist froh, dass diese Kopfschmerzen nach ein paar Jahren aufgehört haben.
Ja, so ist das da in dem belgischen Wald. Und niemand kann mir das Gegenteil beweisen. Weil mir niemand die toten Körper zeigen kann. Weil nichts mehr da ist zum Beerdigen.
Oder fällt dann eine Beerdigung aus, wenn nichts mehr übrig geblieben ist nach dem Flammeninferno? Im Prinzip haben wir die Feuerbestattung ja schon gemacht, auf der Autobahn. Das Krematorium haben wir uns schon mal gespart. Nur hat keiner die Asche eingesammelt. Oder? Ist die dann weggeweht? Wohin? Oder festgeklebt, am Reifen eines anderen Fahrzeugs, an anderen Toten, in offenen Wunden? In den Haaren der Feuerwehrleute? Haben die meine Brüder nach dem Einsatz mit Männershampoo in den Abfluss gespült? Sind die zusammengekehrt worden, von dem Aufräumer an der Unfallstelle? Kurz bevor die Vollsperrung wieder aufgelöst wurde? Zusammen mit den in der Sonne glitzernden Scherben der kaputten Windschutzscheiben, verstreuten Kleidungsstücken, Verbänden und Pflastern der Ersten Hilfe, abgerissenen Stoßstangen, vergessenen Kinderstofftieren? Alles auf einen großen Haufen auf den Standstreifen. Und weiter geht die lustige Fahrt für die, die im Stau gestanden haben.
Seit dem Unfall fahre nur noch ich. Das heißt, ich lasse mich von niemandem mehr fahren. Ich habe das Gefühl, alle anderen fahren schlechter. Ich bin seitdem kein nervöser Fahrer geworden. Nicht schreckhaft oder angespannt. Nur sehr vorsichtig. Ich fahre vorausschauend und defensiv. Ich versuche alle Wahnsinnigkeiten aller anderen immer mitzudenken. Es liegt in meiner Hand, alle Insassen meines Autos heil ans Ziel zu bringen. Das, was meiner Mutter nicht geglückt ist. Ist meine Aufgabe. Wenn ich Beifahrerin bin, halte ich es nicht lange aus. Bei jeder Reise in den Urlaub, egal, wie viele Stunden, fahre ich die ganze Strecke immer ganz alleine. Und wer das nicht will, kann nicht mit mir fahren. Ich rede mir ein, dass ich besser aufpasse als alle anderen, weil ich ganz genau weiß, wie schnell es gehen kann.
Ich zähle alle toten Tiere auf dem Weg. Sie sind wie meine Brüder: unschuldig, klein, natürlich. Jeder, der Auto fährt, nimmt billigend in Kauf, Menschen zu töten. Ich sehe auf der Autobahn seitdem jede Spur eines Unfalls. Ich werde von Unfällen verfolgt. Nicht nur von unserem, sondern von allen, die ich sehe. Die neonbesprühten Stellen auf der Autobahn, die Kratzer und tiefen Beulen an den Leitplanken. Die langen Bremsspuren, die ins Feld gehen oder die Erdaufschüttung hoch. Und vor allem: Brandspuren. Schwarze Stellen von brennenden Fahrzeugen auf dem Asphalt. Ich sehe jede einzelne und versuche mir vorzustellen, wer denn da schon wieder gestorben ist, ob dieser Jemand Kinder hinterlassen hat, was schlimmer ist, oder ob er zum Glück keine Kinder hatte. Lebensgesetze dürfen nicht gebrochen werden. Ein Lebensgesetz ist: Die Eltern sterben immer vor den Kindern. Dann ist alles richtig. Oder jeder stirbt einen natürlichen Tod. Heißt: einschlafen, Herzstillstand im hohen Alter. Von mir aus auch Krebs im hohen Alter, Alzheimer, Parkinson, an irgendwas muss man ja sterben! So muss das sein. Aber doch nicht die Kinder vor den Eltern und dann auch noch durch einen Unfall, durch eine Katastrophe! Plötzlich aus dem Leben gerissen. Ohne Abschied. Das ist schon ganz schön brutal. Auf einer durchschnittlichen Autoreise auf der Autobahn zähle ich: vier tote Schleiereulen, zwei tote Igel, einen Fuchs und zwei Katzen. Die Haustiere sind mir eher egal. Die gehören ja jemandem. Die werden gefüttert. Die stehen nicht für meine Brüder. Aber die toten wilden Waldtiere reißen mir das Herz raus, wenn sie tot daliegen. Sie sind der Beweis für mich, dass es falsch ist, Auto zu fahren. Insgesamt falsch! Dass wir mal Autobahnen durch den Wald gebaut haben, um schneller irgendwo zu sein, kommt mir wie ein massiver Fehler vor. Die Tiere waren zuerst da. Die laufen im Wald rum und wissen nicht, wie sie lebend über die Straße kommen sollen. Sechs Spuren mit rasend schnellen Autos. Manche fahren über zweihundert. Da hoffe ich immer, dass sie sich, ohne anderen zu schaden, bald selber um den Brückenpfeiler wickeln, bevor sie ein großes Loch in eine Familie reißen, weil sie so wichtig sind und es so eilig haben. Geschwindigkeit tötet. Menschen und Tiere. Mir werden Menschen auch immer egaler. Die meisten von denen haben das Schlimmste verdient. Aber die Tiere tun mir doch sehr leid. Die haben in der Evolution noch nicht mitbekommen, dass es solche viel zu schnellen Autos gibt. Dann will ich lieber sterben, als unter diesen menschen- und tiertötenden Rasern zu leben. Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein Konzentrationsfehler, und bumm, schon ist sie da, die Katastrophe, die eine Familie zerstört! Ich marschiere schnellen Schrittes wieder zurück zu meiner verwundeten Mutter ins Krankenhaus, ich habe einen Auftrag: kümmern.
Ich komme im Krankenzimmer meiner Mutter an, bin völlig aus der Puste, der Marschschritt in der Sommersonne war vielleicht etwas übertrieben. Seit diesem Tag hetze ich nur noch. Ruhe tut weh. Besinnung tut weh. Flüchten macht alles erträglicher. Später beim Yoga würde ich immer alle Übungen gerne mit mitmachen, wenn das Herz klopft und man mehr Körper als Geist wird, das fühlt sich gut an. Wenn dann aber am Ende entspannt werden soll, stehe ich immer auf und gehe raus. Das kann die Lehrerin nicht von mir verlangen, dass ich mich da hinlege, als wär nie was Schlimmes passiert. Immer der Unfall. Er verfolgt mich noch acht Jahre danach, sodass ich Ruhe nicht aushalten kann, weil dann die Bilder und meine Brüder zurück in meinen Kopf kommen, die wahrscheinlich höllische Schmerzen aushalten mussten, bevor sie starben. Dann kommt das schreckliche schlechte Gewissen in meinen Kopf gekrochen, dass ich lebe und sie nicht.
Mutter schläft. Ich setze mich auf das Bett, in dem ich die nächsten Wochen die Nächte verbringen soll. Wie eine alte Frau halte ich die Tasche schützend auf meinem Schoß. Ich verstecke mich hinter der Tasche, ich habe Angst vor meiner Mutter, ich habe Angst vor meinen toten Brüdern, vor dem schlechten Gewissen, dass ich lebe.
Wenn ich mich neu verliebe, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass sie das nicht mehr können. Wenn ich einen Erfolg feiere bei der Arbeit, werde ich zerfressen von schlechtem Gewissen. Sie hatten doch noch das ganze Leben vor sich, hätten bestimmt auch viele Erfolge gefeiert. Können sie aber nicht mehr. Ich schon. Und daran ersticke ich! Wenn ich viel Geld verdiene, kann ich es nur halbherzig feiern, weil sie niemals eigenes Geld verdient haben. Und mein Bruder, der große, der mir am nächsten war, hat Geld so geliebt. Er hat doch auch seinen reichen Vater vermisst, weil meine Mutter ihn, warum auch immer, verlassen hat für den nächsten Mann. Mein Bruder hat das Geld so wie ich geliebt, weil es Vater bedeutete für uns.
Die stärkste Erinnerung, die ich an meinen größten Bruder habe, ist, als er und meine Mutter zusammen zur Bank fuhren, um eine Summe abzuheben, die meine Mutter für den Kauf eines gebrauchten Wagens brauchte. Sie wollten das gebrauchte Auto in Cash zahlen. Mein Bruder bat unsere Mutter, das Geld aus dem Umschlag nehmen zu dürfen. Fünftausend Mark. Sie erlaubte es lachend. Er breitete es wie einen Fächer aus und wedelte sich damit Luft zu. Er bestand darauf, dass meine Mutter das fotografieren sollte. Und die Bilder hängte er sich nachher über sein Bett. Er selber mit einem Haufen Bargeld in der Hand, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Wir zogen ihn oft damit auf. Er stand aber zu seiner Liebe zum Geld. Er war der HipHopper in unserer Familie. Wahrscheinlich bin ich genauso besessen von Geld, kann es nur besser verstecken als er. Vielleicht hab ich ihn deswegen ständig damit aufgezogen, weil ich es bei mir auch nicht nur gut fand. Es gilt ja in unserer Gesellschaft als verwerflich, sich für Geld zu interessieren oder Geld haben zu wollen. Dabei ist das ganze Scheißsystem, in dem wir leben, darauf aufgebaut.
Wenn wir mal unseren Vater sehen durften und er uns ausführte in ein Restaurant, das uns damals sehr teuer vorkam, und er nach dem Essen die Rechnung bestellte, machte mein Bruder, mein toter Bruder, so lange einen Aufstand, bis er einen Blick auf die Rechnung werfen durfte. Mein Vater hat vergeblich versucht, ihm beizubringen, dass das schlechtes Benehmen ist, dass einen nicht zu interessieren hat, wie hoch die Rechnung ist, wenn man eingeladen wird. Mein Bruder ließ sich aber niemals davon überzeugen. Für ihn war sehr wichtig, dass mein Vater eine große Kaufkraft besaß. Er guckte immer auf die Rechnung, und an den Geräuschen, die er machte, konnte man erkennen, dass er sie sehr hoch fand. Dann guckte er beruhigt und bewundernd unseren Vater an. Ich verdrehte jedes Mal die Augen und tat so, als fände ich ihn peinlich. Aber heute bin ich mir sicher, dass ich auch auf die Rechnung geguckt hätte, wenn er es nicht für mich getan hätte.
Auf dem Bett sitzend habe ich das Gefühl, ich ziehe in ein Gefängnis. Ich bekomme Atemnot, das ist alles ein bisschen viel auf einmal. Die Atemnot begleitet mich auch seit dem Moment. Man sieht schon, der Unfall ist das alles bestimmende Ereignis in meinem Leben. Jedem Menschen, den ich danach kennenlerne, der mir was bedeutet, erzähle ich bis ins kleinste Detail die Unfallgeschichte meiner Familie. Damit er weiß, was für eine Bedeutung der Unfall hat, für mich, mein Leben, meine Psyche, meinen Charakter, meine Ängste, meine Sorgen.
Eine Krankenschwester kommt rein. Sie stellt meiner Mutter eine Tablette im Glas auf den Nachttisch und flüstert mir zu, die solle sie einnehmen, um den Übergang in die Vollnarkose leichter zu machen. Ja, ich kümmere mich. Sie würde gleich abgeholt werden, für das Bürsten. Ach ja, so nennen die das alle hier. So umgangssprachlich. Was der Arzt uns heute Mittag beschrieben hat, die verheilende Kruste abbürsten, damit sich keine Narbengeschwülste bilden oder so.
Mit was man sich so beschäftigen muss in den jungen Jahren seines Lebens.
Ich sitze da und starre meine Mutter an, warte, bis sie die Augen aufmacht. Und entwickle eine neue Angst. Plötzlich fällt mir ihr Tropf auf, der steckt in ihrer Hand, die Kanüle steckt im Handrücken fest. Ich sehe die Flüssigkeit langsam tropfen, aber dazwischen sind Luftlöcher. Das geht doch in die Adern, klar, sonst bringt die Infusion doch nichts. Kann man nicht sterben durch Luft in den Adern, also im Blut? Ist das nicht eine krimibekannte Methode, jemanden umzubringen, ohne dass es aufgedeckt werden kann, wenn das Einstichloch vom Gerichtspathologen nicht entdeckt wird? Ich frage die Krankenschwester an der Tür, ob das nicht gefährlich ist, wenn da Luft mit reingeht. Meine Mutter ist ja kein Luftballon. Sie lacht und sagt, da müsste in dem Röhrchen schon ein Meter Luft am Stück sein. Ich bedanke mich, finde aber, dass da mit Unterbrechungen locker ein Meter Luft im Röhrchen ist. Ich werde das beobachten. Ich lasse nicht zu, dass meine Mutter jetzt stirbt, durch irgendeinen bescheuerten Kunstfehler, hier in dem Krankenhaus. Ich muss aufpassen wie ein Luchs.
Von dem Lachen der Krankenschwester ist Mutter wach geworden. Ich stehe auf, lege meine Tasche auf meinem Bett ab und gehe zu ihr rüber. Ich halte ihr das Plastikgläschen hin mit der Tablette und erkläre ihr, dass das die Vorbereitung für die Vollnarkose ist. Sie würden gleich das mit ihren Füßen machen. Da fängt sie schon an zu jammern, die sollen da nicht drangehen, die sollen den Verband so lassen. Ich erkläre ihr, in meiner gewohnten Härte, dass das nicht geht. Dass sonst der Verband am Fuß festwächst. Der muss alle zwei Tage erneuert werden. Und die Kruste muss abgebürstet werden. Klingt schrecklich, aber da muss die jetzt durch. Die Rollen drehen sich. Ich rede mit ihr, als wär sie das Kind und ich die Mutter.
Sie hört auf ihre Tochtermutter. Sie wirft das Ding ein und starrt an die Decke. Sie hat sich so verändert. Unglaublich. Ich denke, sie ist das gar nicht. Ist meine alte Mutter vielleicht mit meinen Brüdern im Auto verbrannt? Ist sie irgendwie mitgegangen? Kann das sein? Hat sie einen Teil ihrer Persönlichkeit verloren? Oder sind das allein die Medikamente? Wir werden sehen. Time will tell. Die Krankenschwester kommt rein und schiebt meine Mutter raus. Sie knallt sie gegen den Türrahmen, das finde ich nicht gut. »Bitte etwas vorsichtig, ja!«, fährt es aus mir raus. Behandle bitte mein Kind ordentlich. So!
Ich bin allein. Ich hasse es, allein zu sein. Ich laufe im Krankenhaus rum und suche meine Verwandten. Es werden immer mehr, bald ist die ganze Familie komplett. Fehlen nur noch meine Brüder. Dann können wir doch hier heiraten. Sie erzählen mir, dass sie Pizza für uns alle bestellt haben, dass sie das jetzt in Mutters Zimmer essen wollen. Und sie haben plastikbeutelweise Bier dabei. Von der Tanke um die Ecke. Schön. Betäubung, endlich. Wir tanzen mit Pizza und Bier auf den Gräbern meiner Brüder. Endlich essen. Ich habe Hunger! Ja. Jetzt merk ich das. Ich bin auch noch da, wenigstens ein bisschen, ich spüre Hunger. Die Verwandten setzen sich auf mein Bett und auf den Boden. Es geht auch ganz schön lustig zu mit den allen. Weil wir alle zusammen sind und uns so selten sehen und heute doch der Tag der Hochzeit gewesen wäre, kommt mir das fast vor wie ein Hochzeitsfest, nur Planänderung: im Krankenhaus. Als wäre uns nur eine Lappalie passiert und wir hätten hier im Krankenhaus die Hochzeit nachgeholt. Wir lachen und singen. Da laufen wir noch, wie Hühner, denen man den Kopf abgehackt hat, ein paar Meter weiter, ohne Kopf, bis der Unfall im Kopf bei jedem als Gewissheit angekommen ist.
Der Unfall hat meiner Familie den letzten Rest gegeben. Die Familie war vorher schon krank, kaputt und kaum zu retten, der Unfall war aber der Todesstoß. Keiner hat danach Kontakt zu keinem. Ja, so ist Psychologie. Verrückt!
Die Mutter kommt zurück, wir sind schon angetrunken von dem ganzen Dosenbier. Sie schläft erst, aber als sie langsam wach wird und die Betäubung nachlässt, vergeht der Spaß ganz schnell. Sie hat so höllische Schmerzen. Sie schreit, sie zittert, sie sagt, ihr sei unerträglich kalt. Wir laufen alle durcheinander, wir holen vier weitere Daunendecken, es hilft nichts. Ihr ist innerlich kalt. Wir können von außen nichts machen. Sie sagt immer und immer wieder nur diesen Satz: »Meine Füße, meine Füße, die sollen die in Ruhe lassen.« Das war, was der Arzt meinte: Das sind solche Schmerzen, die kriegt man mit Schmerzmitteln nicht hundertprozentig unterdrückt. Und da muss die jetzt für wer weiß wie lange alle zwei Tage durch. Ich denke, sie dreht durch und ich auch, ich bin doch wie sie. Wir sind doch gleich. Dein Schmerz ist mein Schmerz. Mutter. Ich muss mich um dich kümmern. Kümmern. Kümmern. Dann geh ich vielleicht in dir auf. Bin nicht mehr gerne ich. Will nicht alleine ich sein. Will in dir sein, in dir aufgehen. Dann tut das alles vielleicht weniger weh, dir und mir!
Nach einer elend langen Stunde von Schmerzensschreien ist es endlich wieder ruhig. Sie ist eingeschlafen, vor Erschöpfung. Alle Verwandten sind vor Entsetzen nüchtern und müssen sich wieder auf Pegel trinken.
Der Tag geht langsam zu Ende. Der erste Tag im neuen Leben. Ein Leben voller Angst und schlechtem Gewissen. Das neue Leben mit der unumstößlichen Gewissheit, dass der Tod uns bald alle holt. Jeden Einzelnen von uns, und dass man sich dem mit viel Geschick entgegenstellen muss, um zu überleben. Aber will ich überhaupt überleben? Das Leben ist eine Quälerei, es hängt immer am seidenen Faden. Oben hält sich eine Seidenraupe an der Decke fest, und viele Meter darunter hänge ich, eingewickelt in dem Faden, der aus ihrem Arsch kommt. So stellt sich mein Leben dar seit dem Unfall. Seit acht Jahren. In den acht Jahren bin ich mit Sicherheit um dreißig Jahre gealtert.
Die Verwandten gehen in das Haus, in dem es jetzt drei leere Kinderzimmer gibt, und saufen bestimmt die ganze Nacht durch, wie ich die kenne. Und sie lassen mich mit diesem Etwas, das früher mal meine Mutter war, alleine für die Nacht im Krankenhaus. Es ist wie in einem Horrorfilm. Wir sind eben auch stark vorbelastet durch die Filmbesessenheit meiner Mutter.
Ich kann lange nicht einschlafen, weil ich ständig überlege, was ich mache, wenn die Erkenntnis einsetzt, während ich alleine mit ihr bin. Ich stelle mir vor, dass sie mich mit in den Abgrund reißt, dass sie verrückt wird und sich in dem Moment an mich klammert, und ich bekomme den gleichen Wahnsinn wie sie. Die tickende Zeitbombe called Mutter. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, denn am nächsten Morgen werde ich von meinem Freund geweckt.
In dem Moment, wo der Unfall passierte, war unsere Liebe kaputt, das kann kein Paar verkraften. Auf dem Weg zur eigenen Hochzeit.
Er hat die Druck-Zeitung in der Hand. Ist der verrückt geworden? Wir waren doch anständige Menschen, die sich an ihre moralischen Gesetze auch halten. Meistens jedenfalls. Und was die Druck-Zeitung anging, immer! Er sieht sehr besorgt aus und bittet mich auf den Flur. Das Muttertier schläft noch. Ich schwinge mich aus dem Bett und gehe im Schlafanzug mit ihm raus. Es ist klar, dass es was mit dem Unfall zu tun hat. Klar. Was denn sonst, ich mache mich auf einiges gefasst. Aber darauf kann man sich nicht gefasst machen.
Er gibt mir das Blatt, es ist schon auf der richtigen Seite aufgeschlagen. Diese Schweine haben, wie auch immer sie daran gekommen waren, ein Foto von der Unfallstelle abgedruckt, über eine halbe Seite. Ich starre auf das ausgebrannte Auto. Das Gerippe, in dem meine Brüder ums Leben gekommen sind. Ich wollte das Bild niemals sehen. Aber in dem Moment brennt es sich für immer in mein Hirn, dank der Druck-Zeitung. Meinen Freund trifft meiner Meinung nach keine Schuld. Ich muss doch wissen, was jetzt jeder sehen kann. Der Tatort, abfotografiert für die Öffentlichkeit. Wo ist da der Nachrichtenwert? Für mich ist das Leichenfledderei. Sie haben unserer Familie was geklaut, nämlich das private Andenken, die privaten Bilder. Das geht niemanden was an, wie das ausgebrannte Auto aussieht, in dem sie starben. Niemanden. Nur die Polizei und, wenn überhaupt, die Angehörigen. Das Auto ist für mich heilig, die letzte Ruhestätte meiner Brüder, und die Schweine haben es beschmutzt. Sie haben das Andenken an meine Brüder und die Unfallstelle beschmutzt, indem sie es an die Öffentlichkeit zerren! Was für eine Vergewaltigung unserer Familie. Das hätte keiner sehen dürfen. Ihr seid schlecht für dieses unser Land. Ihr tut so, als wärt ihr Christen, dabei seid ihr das genaue Gegenteil. Für eure Arbeit hättet ihr äußerste gesellschaftliche Ächtung verdient. Das weiß ich jetzt. Ich habe es am eigenen Leib gespürt. Wenn man jemanden, der so verletzt und verwirrt ist, so öffentlich demütigt und vergewaltigt, dann züchtet man sich seinen eigenen Terroristen ran. Das werde ich rächen.
Ich sage wieder kein Wort zu meinem Freund, ich ziehe mich wie ein verletzter Indianer in mich zurück und schwöre Rache. Ich ziehe meinen Freund doch nicht mit da rein. Die würden schon sehen, was die davon haben. Ich schwöre mir da auf dem Flur, dass ich nicht ruhen werde, bis ich sie getötet habe dafür. Nachdem ich lange genug völlig entgeistert das Autowrack meiner Mutter angestarrt habe, sehe ich andere Details, die mich noch wütender machen. Diese Wut habe ich in einem kleinen, schönen, verschnörkelten Glasfläschchen mitten in meinem Herzen konserviert, die Flüssigkeit darin ist dunkelgrün, bis ich zuschlagen kann, mich wehren, ihnen zeigen, wie das so ist, was sie mir da angetan haben.
Da sind große Buchstaben auf der Seite. Ich kann den Sinn nicht entziffern, weil ich außer mir bin vor Wut. Ich kann vor Wut nicht mehr lesen. An den großen Buchstaben züngeln Flammen hoch. Das hat ein Grafikdesigner in den Redaktionsräumen gestern, nach unserem Unfall, gemacht. Er hat an seinem Rechner gesessen und mit seiner Computermaus züngelnde Flämmchen an jeden Buchstaben gepappt. Die Buchstaben dann über das ausgebrannte Auto meiner Mutter gelegt. Feuer, geh mit mir! Ich hoffe, er ist stolz auf seine Arbeit. Jeden Tag wünsche ich dieser Person, dass sie Handkrebs kriegen möge, und zwar in der Hand, die die Maus bedient. Vielleicht klappt es ja! Wer weiß? Hoffentlich!
Das war der erste und einzige Tag, an dem ich einem Verwandten von uns erlaubt habe oder ihn im Nachhinein nicht fertiggemacht habe dafür, dass er ihnen die paar Cent in den Rachen geschmissen hat. Er guckt mich komisch an, mein Freund. Mein lieber Freund. Er ist auch völlig überfordert von der Situation.
Er sieht mir an, dass sich da was zusammenbraut, aber das Ausmaß erahnen kann er nicht. Ich falte die Seiten ganz klein zusammen, gehe in unser Zimmer und lege sie unter mein Kopfkissen. Es soll mich immer erinnern. Die Wut aufrechterhalten. Bis ich zuschlage. Ich werde eine Heldin sein. Ich werde eine Heldin sein. Ich wollte schon immer mal was Heldenhaftes tun. Schön. Jetzt hab ich was!
Der zweite Tag vom Ende meines Lebens hat gerade begonnen. Ich teile mit meinem Freund das Graubrot mit Käse und einen Kaffee. Die Krankenschwester sagt, sie könne leider keine drei Frühstücke servieren, ist alles abgezählt. Kein Problem.
Wir wechseln uns immer ab mit der Betreuung meiner Mutter im Krankenhaus. Die Engländer wollen mich etwas entlasten, sie merken alle, dass ich für den Verlust, den auch ich erlebt habe, zu sehr zurückstecke hinter meiner Mutter. Bei dem Abwechseln begeht mein Onkel einen fatalen Fehler. Er denkt: Okay, die Schwester, also meine Mutter, schläft, ich geh mal kurz an die frische Luft, vertrete mir die Beine und hol mir in der Cafeteria einen Kaffee.
Das ist jetzt eine Rekonstruktion der Tat, da ich ja leider nicht dabei war, um sie zu verhindern. Ich hätte die grün und blau geschlagen, diese Schweine. Niemand war da, um meine verbrannte, verwirrte, vollkommen mit Medikamenten zugepumpte Mutter vor ihnen zu beschützen. Ein Kamerateam von Boulevard-TV schleicht sich mit Equipment ins Krankenhaus rein, unbemerkt vom Pförtner, als Tarnung mit Blumen in der Hand. Irgendwie finden sie heraus, wo Mutter liegt, gehen in ihr Zimmer und wecken sie. Sie lügen sie vorsätzlich an. Die Geschichte geht so: »Das tut uns wirklich wahnsinnig leid, dass Sie Ihre Kinder bei dem Unfall verloren haben. Ein Lkw-Fahrer war wohl schuld. Wir machen jetzt einen Bericht gegen Lkws auf Autobahnen, weil sie so viel Leid verursachen.« Und haben damit meine arme Mutter am Wickel. Sie richtet sich im Bett auf und denkt, verschlafen und verwirrt, wie sie ist von diesem grausamen Überfall, sie muss jetzt ein Interview geben, um weitere solcher Unfälle zu verhindern. Wir wissen ja alle, wie journalistisch unsauber Boulevard-TV arbeitet, die reinsten Blutgafferpornografen! Meine Mutter aber, als Engländerin in diesem Land, interessiert sich reichlich wenig für deutsches Fernsehen, hat keine Ahnung, was Boulevard-TV ist, und glaubt ihnen ihre ehrenhaften Beweggründe.
Sie lässt sich filmen, immer noch mit Schnitt- und Brandwunden im Gesicht, mit den verschmorten, wild abstehenden Haaren, ihrer von den Medikamenten getrübten und unter vielen Schichten brodelnden Erkenntnis, dass ihre Jungs tot sind. Noch vor irgendeinem Arzt, Seelsorger oder Verwandten hat sich dieses Kamerateam Vortritt verschafft, um mit meiner Mutter über ihre toten Kinder gesprochen zu haben. Mir hat der Arzt gesagt, das würde Tage dauern, bis man das dürfe. Und die brechen in das Zimmer meiner Mutter ein und ficken ihr in ihre kaputte Seele. Und ich kann es nicht verhindern. Ich habe mich auf den Onkel verlassen, und er hat versagt.
Als ich zurückkomme und von dem Überfall höre, schreie ich meine Mutter an: »Warum hast du das gemacht? Warum hast du mit ihnen geredet? Warum hast du nicht geklingelt, dass jemand sie rausschmeißt? Diese Vergewaltiger!«
Sie sagt ganz kleinlaut: »Sie haben gesagt, dass sie in Zukunft solche Unfälle mit diesem Bericht verhindern wollen.«
»Ja, haben die gesagt, damit du die Beine breit machst und die dich ficken können, verdammt.«
Ich habe den Bericht gesehen. Es ging natürlich in keinem einzigen Wort um Unfallverhinderungsmaßnahmen auf Autobahnen. Natürlich nicht, verdammt. Reinster Emotionsporno. Unsere Mutter hat uns Anstand beigebracht. Dem ersten Impuls zu gaffen widerstehen, sich nicht ergötzen am Leid des anderen. Jeder hat die Wahl: zu den Anständigen gehören und so was vermeiden oder zu den Unanständigen gehören und die Sensationsgier befriedigen, tatsächlich, nachweislich auf Kosten anderer!
Ich drücke die Gedanken an den Unfall weg, ich muss wirklich aufpassen, nicht zu viel darüber zu grübeln, das macht mich kaputt. Davon werde ich rasend aggressiv. Sagt Frau Drescher. Ich konzentriere mich auf meine Familie heute. Die Mutter bin ich ja jetzt äußerlich los. Ich habe Schluss gemacht. Innerlich werde ich sie niemals los, sagt Frau Drescher.
Weil ich es so hasse, wie sie ihr Leben, vor allem vor dem Unfall, gelebt hat, mit mir als Kind, muss ich jetzt zwanghaft spießig sein. Bleiben. Aber ohne Vorbild, von innen heraus, bringe ich es mir selber bei. Ich betrete jeden Tag Neuland, weil meine Mutter es mir nicht mitgegeben hat, wie man wo bleibt, wie man Wurzeln schlägt, wie man bei einem Mann bleibt. Wie man an etwas arbeitet. Investiert. Ich möchte das meinem Kind aber bieten. Man sagt doch: Ohne Wurzeln kann man später nicht fliegen. Ich kann nicht fliegen. Ich bin der lebende Beweis, dass dieser Spruch stimmt. Ich habe Angst, weil ich entwurzelt bin. Ich habe Angst, weil ich keine Vergangenheit habe.
Ich wünsche mir für meine Tochter, dass sie so spießige Eltern hat, dass sie wurzelt in einem Zuhause, dass sie denkt, Mann, sind die langweilig, und irgendwann einfach fliegt. In ihr Glück. Und ab und zu nach Hause kommt zu ihren spießigen Eltern. Dafür verbiete ich mir fast alles, was ich gerne machen würde: Drogen nehmen, mich kaputtsaufen, rumficken, feiern und vor allem – sterben. Vielleicht, wenn sie leben kann ohne mich. Ich hätte sie nie kriegen dürfen. Das war ein riesiger Fehler. Mir war schon damals klar, dass ich durch meine eigene Hand gehen werde. Aber ich wollte doch so sehr einen Kinderersatz für meine leidende Mutter. Und ich hänge jetzt selber so an ihr, ich liebe sie über alles, auch wenn sie mein Leben ruiniert hat, mir alle Lebenskraft absaugt, wie ein egoistisches kleines Vogelbaby, sie macht mir meinen Abgang so unglaublich schwer. Die Erfüllung meines Plans. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wann braucht ein Kind seine Mutter nicht mehr? Nicht mehr so? Wann darf ich mich umbringen und eventuell jemanden mitnehmen?
Nachdem ich die Tochter bei ihrem Vater abgesetzt und die Medikamente abgegeben habe, mit genauer Beschreibung, wie mit ihnen umzugehen ist, muss ich schnell in die Therapie fahren. Aber nicht zu schnell. Immer nur, was erlaubt ist. Ich stelle mir beim Fahren vor, wie sich das auf mein Leben auswirkt, wenn ich jemanden überfahre und ich zu schnell war, und wie dessen ganzer Verwandtschaft dann die Nachricht von der Polizei beigebracht wird, dass ihr Verwandter gestorben ist, durch eine Frau, die auf dem Weg war zu ihrer Therapie, um ihren Unfall in der Familie zu heilen. Nur weil sie knapp dran war, gab sie etwas zu viel Gas. Und dass ich wohl oder übel auf die Beerdigung müsste, wenn ich es geschafft hätte, ihn direkt totzufahren, oder eben im Krankenhaus besuchen, wenn er noch nicht tot wäre. Und was ich dann sagen soll und wie der Druck in meinem Gesicht sichtbar würde und wie ich fast wieder in Lachen ausbrechen müsste, weil der Druck für ein Trauergesicht so groß würde, dass ich fast platzen müsste.
Also fahre ich langsam und gucke auf die Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder, und sie werden meine Freunde und sind nicht mehr meine Feinde, die mich daran hindern, pünktlich zu kommen. Sie helfen mir, dieser trauernden Familie niemals in die Augen gucken zu müssen. Ich denke viel über meine Therapie nach, sie bestimmt mein Leben, ich brauche diese Stütze. Ich begreife mich selber als ein kleines Hortensienbüschchen, das regelmäßig geschnitten werden muss, von meiner Therapeutin, sonst wuchere ich aus mit all meinen kaum zu kontrollierenden Ängsten und psychischen Störungen, sodass ich alles und jeden, der mir lieb ist um mich herum, abtöte. Im Grunde bin ich lebensfeindlich und will mir immer selber beweisen, dass alles schrecklich ist, keiner mich liebt, dass ich alles alleine machen muss und auf dieser schrecklichen Welt ganz alleine bin. Dass es sowieso besser wäre, wenn ich früh ginge, dann würde ich weniger Leuten auf den Sack gehen.
Auf dem Weg zur Therapie versuche ich im Kopf klar zu bekommen, was ich mit Frau Drescher besprechen will. Ich versuche mir die Zeit und die Themen einigermaßen einzuteilen, damit ich nicht plötzlich vom Therapiestundenende überrascht werde.
Ich habe mir Agnetha direkt nach dem Unfall gesucht. Ich denke gerne daran zurück, wie ich auf sie getroffen bin. Ich durfte ja von der Krankenkasse aus eine Therapeutin suchen. Mir war völlig klar, dass es eine Frau sein muss. Man darf fünf verschiedene Therapeuten ausprobieren, bis man sich fest für einen entscheidet.
Seit acht Jahren, dreimal die Woche, gehe ich zu ihr. Ich liebe meine Therapeutin über alles. Ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben, zwanzigmal hätte ich mich in den letzten acht Jahren umgebracht. Wobei einmal ja schon reicht, um tot zu sein, wenn man es gut macht! Ohne sie hätte mein Mann mich verlassen, hundertmal, weil er ja denken musste, dass ich seinen Sohn hasse, so wie ich ihn früher behandelt habe. Sie hat schon so viel besser gemacht in meinem Leben. Seit ich sie habe, habe ich auch diese schreckliche Phantasie, dass ihr was zustoßen könnte. Natürlich auch ganz stark aus egoistischen Gründen. Ich möchte das alles nicht noch mal jahrelang jemandem erzählen müssen, bis er auf dem gleichen Stand ist wie sie jetzt. Ihr Gehirn ist ja eine riesige Psychogeschichtenfüttermaschine. Wie ein großes Gemälde, an dem ich schon seit acht Jahren jede Woche drei Stunden lang male. Und ich mag sie, auch deswegen darf ihr nichts zustoßen. Ich mag sie, obwohl ich nichts weiß über sie.
Nichts weiß ich. Vor einiger Zeit sagte sie einige Stunden ab, was aus Patientensicht sowieso eine Unverschämtheit ist. Mit der Begründung: Sie habe bald einen Eingriff. Ich bin fast in Ohnmacht gekippt. Ein Eingriff? Klar, Krebs. Sonst sagt man nicht Eingriff. Alles klar. Und zwar bestimmt Gebärmutterkrebs. Was soll Eingriff denn sonst heißen? Sie musste gar nicht weitersprechen, sie hat Gebärmutterhalskrebs, ich bin mir sicher, hundertprozentig sicher, sie wird ganz elendig daran zugrunde gehen, und ich kann nicht zu ihr ins Krankenhaus, damit sie wenigstens meine Stunden noch weitermachen kann. Damit sie mich, bevor sie selber ins Gras beißt, als halbwegs geheilt entlassen kann. Das klingt jetzt sehr egoistisch, aber das ist das Wesen der Therapie. Ich kann ihr schlecht irgendwas geben. Ich darf nicht. Ich darf nicht mal ein Stück selbst gebackenen Kuchen mitbringen. Der Therapeut darf es nicht annehmen, es könnte ja vergiftet sein. Keine Geschenke, keine Geburtstagseinladung. Alles schon probiert.
Es ist ja gar kein Geheimnis, dass ich sie habe, alle Freunde wissen von ihr, trotzdem würde sie nie auf eine Feier von mir kommen. Schade. Und ich habe sie auch noch nie in der Stadt getroffen, wie Tony Soprano seine Dr. Melfi zufällig in diesem Mafiarestaurant trifft und sie dann ihren Mann volllügen muss, woher sie diesen Mann kennt. Was für ein dummer Ehemann eigentlich, da noch nachzufragen, er bringt sie doch wegen ihrem Schweigegelübde, oder wie das bei Klapsendoktoren heißt, voll in Bedrängnis. Der muß doch wissen, dass jede Person, die sie grüßt und er nicht kennt, ein potenzieller Verrückter aus der Praxis ist.
Ich weiß nicht mal, ob Frau Drescher in unserer Stadt lebt. Sie erzählt ja nichts über sich, weiß aber von mir ganz genau, wie ich mich befriedige, wann es sexuell zwischen mir und meinem Mann gut läuft und wann nicht. Ganz schön unfair!
»Was meinen Sie, Eingriff?«
»Nichts Schlimmes, machen Sie sich keine Sorgen, Frau Kiehl, wirklich nichts Schlimmes.«
Würde die ganz sicher auch bei was ganz Schlimmem sagen. Außerdem weiß man doch oft nicht vor dem Rausschneiden, ob das schlimm ist oder nicht. Das kommt doch oft viel später, das Ergebnis. Sie muss aber weiter stabil und locker und beruhigend wirken, da würde sie nie zusammenbrechen und sagen: »Ja, ich habe so eine Angst, ich mache mir Sorgen, dass meine vier fettleibigen Kinder mit ihrer anderen Mutter ohne mich weiterleben müssen. Sie ist doch so eine schlechte Mutter, es war so ein Fehler, mit ihr diese Kinder durch eine künstliche Befruchtung mit dem Samen ihres Bruders zu bekommen, nur damit die DNA so nah wie möglich dran ist an ihr.« Niemals würde sie so mit mir sprechen, leider. Aber insgeheim weiß ich, dass ihr Leben so ist, wie ich es mir vorstelle, ich spüre das, die Arme.
Und ich wäre so gerne ihre beste Patientin. Ich löse mich fast auf in dem Wunsch zu gefallen. Meinem Mann, meiner Therapeutin, meinem Kind, den Nachbarn, den Freunden. Der Kellnerin im Café. Bis nichts mehr von mir übrig bleibt.
Ich fahre mit dem Auto vor. Nicht mehr lange, und wir schaffen unser Auto auch ab. Wenn ich im Winter frühmorgens Auto fahre, starre ich die ganze Zeit auf all den Qualm, der den anderen aus dem Auspuff kommt, und denke, das kann doch gar nicht wahr sein, dass das überhaupt noch erlaubt ist heutzutage. Jeder fährt alleine im eigenen Auto zur Arbeit, alle verursachen Smog und Stau. Immer nur ein einziger Mensch in einem Riesenauto. Da kann ich mich manchmal nicht halten. Nur wenn die Kinder nicht im Auto sind und unter totalem Protest meines Mannes, steige ich manchmal an der roten Ampel aus, wenn ich so einen Benzinschlucker-Jeep vor mir habe, und lächle von draußen ins Auto, dass sie denken, ich will was Nettes sagen, oh, eine nette Frau, will mich bestimmt anbaggern, weil ich so ein geiles verschwenderisches Penisauto fahre. Und ich sage ihm dann, dass ich es eine Unverschämtheit finde, gegen die ganze Welt und die Menschheit, dass man sich heutzutage noch so ein Auto zulegt, das extra viel Benzin verbrennt.
Die müssen doch vollkommen geistesgestört sein, die Leute da drin, und ich denke, man kann die Welt nicht verändern, wenn man jedes Arschloch einfach ungestraft machen lässt, was es will. Also, mein Mann wird unser Auto abschaffen, weil ich es in mein Testament geschrieben habe, dass wir ohne leben müssen. Wir wollen, auch wenn ich tot bin, eine gute Umweltschützerfamilie sein.
Wenn ich schon das Hochhaus bei der Anfahrt sehe, kriege ich Zustände. Agnetha hat einen Parkplatz mit einem großen Schild: ARZT. Na toll! Wie peinlich. Damit jeder weiß, dass man verrückt ist, wenn man da drauffährt. Die ganzen Jahre, die ich jetzt bei ihr bin, schäme ich mich, auf diesen Parkplatz zu fahren. Habe ich ihr noch nie gesagt. Dabei soll man doch der Therapeutin alles sagen. Sie sagt immer, das ist wichtig für unsere Beziehung, ja, das haben wir nämlich, eine Beziehung, das ist was Besonderes für mich. Ich habe es ihr nur noch nie gesagt, weil dieser Eindruck der Peinlichkeit durch Tausende anderer Eindrücke überlagert wird, bis ich bei ihr auf der Couch liege. Ja, genau, auf der Couch liegt man da bei ihr, wie bei Sigmund Freud. Nur dass sie schöner ist und frauenfreundlicher als Freud. Ich liege mit meinem Mann meistens auf der Couch, bei meiner Therapeutin liege ich immer auf der Couch. War mir noch nie so klar, dass die Couch das zentrale Möbelstück meines Lebens ist.
Ich steige in den Aufzug, gehe die ganzen Ängste durch, von denen ich früher so ins Schwitzen kam. Früher habe ich oft nach Angstschweiß gerochen, weil ich so viele Ängste hatte. Jetzt habe ich aber ein Deo gefunden, das praktisch die komplette Schweißbildung unter den Achseln stoppt. In normalen Deos ist ein bisschen Aluminiumchlorid drin, das verhindert die Schweißbildung. In diesem Deo ist hundert Prozent Aluminiumchlorid drin. Wenn ich es mit dem Roll-on direkt auf die Haut auftrage, sticht und juckt es stark, wenn ich aber erst den Roll-on auf zwei Fingerspitzen auftrage und das in beiden Achselhöhlen verteile, dann gibt es keine Probleme mit einer Überreaktion der Haut.
Ich klingele, ihr automatischer Summer summt mich rein. Hallo, guten Tag, Begrüßung, ekliges Händeschütteln, in Augen gucken müssen, endlich hinlegen, Teufelsbild anglotzen. Und an den Fingernägeln spielen. Ich bin nervös. Immer. Aber ich würde niemals Nägel kauen, weil es dann ja jeder sieht, dass ich ein psychisches Problem habe. An der Nagelhaut kauen würde ich mir auch nie genehmigen. Zu viel Einsicht in meine Psyche!
»Wir wollten ja eigentlich heute in den Puff, Georg und ich. Ich habe aber gestern Abend festgestellt, dass sowohl ich als auch Liza Würmer haben. Liza ist nicht in der Schule, dann dachte ich, ich muss den Puff absagen. Und Georg war wieder mal so enttäuscht, Sie wissen ja, wie oft ich aus Feigheit, oder besser vor Aufregung, einen Rückzieher gemacht habe. Wir müssen über die Würmer nicht reden, die sind schon tot. Wir waren heute Morgen beim Arzt und haben alle Wurmmittel bekommen. Problem schon gelöst. Gleich fahre ich zu Georg und kann den Ausflug wieder zusagen, unsere kleine sexuelle Verabredung.
Was ich gerne mit Ihnen besprechen würde, ist mein Verfolgungswahn wegen der Zeitung. Weil die uns doch so bedrängt haben damals, fühle ich mich immer noch verfolgt von ihnen. Ich gehe ja gleich zu Georg und werde ihm als Überraschung eröffnen, dass wir das doch durchziehen. Aber ich habe dann immer so eine Angst, dass jemand davon ein Bild bekommen könnte, wie wir hässlich nackt, mit dicken Bäuchen, zu dritt im Bett bumsen. Auch wenn die das nie veröffentlichen dürften, stelle ich mir das immer vor. Zum Glück mache ich es mit meinem Mann und nicht heimlich, sonst müsste ich ja noch dazu Angst haben, dass die meine Ehe zerstören. Diese Boulevardschweine haben uns doch von allen Seiten so bedrängt, damals nach dem Unfall. Das Fernsehteam, hab ich Ihnen ja schon tausendmal erzählt, das sich ins Krankenzimmer meiner Mutter geschlichen hat. Ich habe diese Phantasie, dass ein Produzent so einer Sendung, mit viel Blut und Schuld an seinen Händen, irgendwann so etwas wie einen Schlaganfall bekommt und mal am eigenen Leib zu spüren kriegt, wie das so ist, seiner eigenen Branche ausgeliefert zu sein. Von Fotos erfahren, die irgendjemand erschlichen hat im Krankenhaus, auf denen er weit entfernt von vorteilhaft getroffen ist.«
»Frau Kiehl, Sie sind so böse. Das müsste ja dann eine richtige Genugtuung für Sie sein, dass mal wenigstens einer von all den Tätern alles zurückkriegt, was er anderen angetan hat.«
»Oh, ja, genau, ich bin böse gemacht worden. Sehr böse. Wissen Sie, was ich letztens geträumt habe? Ich habe ein Training absolviert, mit einem Leihwagen, damit Georg nichts davon mitkriegt. Ich habe auf einem Feld hinter einem Wald mit einem Backstein versucht, das Gaspedal des Autos runter zu drücken. Damit ich irgendwann dazu fähig bin, das Auto weiterfahren zu lassen und selbst rauszuspringen. Ich habe geträumt, dass ich den Herausgeber der Zeitung ausspioniert habe, und irgendwann wusste, wo er wohnt, wo er essen geht, wann er das Büro verlässt. Alles. Und ich wusste von einem Termin, der jedes Jahr wiederkommt, wo er mit den engsten Mitarbeitern nach einer Art Kassensturz feiert und essen geht in einem bestimmten Lokal. Da würde es passieren. Ich stehe einige Meter entfernt, mache natürlich nicht meine Scheinwerfer am Auto an, der ganze Wagen ist voll mit Benzin, auf die Kanister auf der Rückbank male ich drei kleine Gesichter, eins mit Sommersprossen, eins mit leichten Segelohren, eins mit Brille, und ganz kurz bevor die Zeitungsleute alle aus dem Wagen aussteigen, rase ich auf sie zu. Manchmal träume ich, dass ich mitgehe, nur zur Sicherheit, um meinen Racheplan auch perfekt auszuführen. Und manchmal träume ich, dass ich es doch schaffe, wie ich es so oft trainiert habe, mit dem Backstein.«
»Das machen Sie mal schön nicht. In Wirklichkeit wollen Sie nicht sterben, Frau Kiehl, es kommt Ihnen nur manchmal alles ein bisschen viel vor.«
»Ja, ja, ist auch scheißegal, ob ich sterben will oder nicht, ich darf einfach nicht sterben, weil ich ein scheiß Kind habe. So einfach ist das. Es ist sehr unpraktisch, ein Kind zu haben, wenn man eigentlich die Welt von den Bösen befreien und in den Untergrund gehen will. Wenn die achtzehn ist, vielleicht dann?«
»Nein, Sie haben dann auch noch Ihren Mann.«
»Na, toll, der kann aber auf sich selber aufpassen. Und außerdem wäre er stolz auf mich. Glaub ich. Themenwechsel. Ich finde es schrecklich, dass mein Mann Angst hat vor mir, vor mir, wie ich früher, vor Ihrer Hilfe, war. Und könnte es nicht auch sein, dass ich deswegen unbedingt fremdgehen will, weil ich die Vorstellung so schön finde, ein bisschen neu anfangen zu dürfen? Jemandem mich neu erzählen? Wie ich jetzt bin? So! Das ist, glaube ich, eine große Sehnsucht von mir. Dass jemand mich bumst, der mich noch nie bei einem hässlichen Ausraster gesehen hat, dem ich noch nie die Hölle heißgemacht habe, wegen Sperma in der Socke oder sonst was Peinlichem. Sex mit jemandem haben, bei dem man noch nicht einen riesigen Beutel Beziehungsscherben hinter sich herschleppt.«
»Das kann schon sein, dass das Ihre Sehnsucht ist. Ich glaube aber, dass Sie sich nachher anders fühlen, als Sie sich das jetzt vorstellen. Sie werden geplagt werden von schlechtem Gewissen. Wenn Sie es heimlich machen, werden Sie es trotzdem durch Ihr Verhalten verraten. Ihr Mann wird es spüren, das verändert nämlich sehr, im Umgang miteinander. Und Sie wissen ja auch, was ich von der Idee des Einweihens halte.«
»Ich weiß, ich weiß. Aber wir könnten das doch hinkriegen. Ich glaube da ganz fest dran, dass das geht, mit dem erlaubten Fremdgehen. Irgendwann kriegen wir das hin. Ich bin fest davon überzeugt, dass das eine Einstellungssache ist. Georg ist ja leider noch nicht so weit. Aber irgendwann habe ich ihn da, wo er hin soll. Haben wir noch was Zeit?«
»Ja, wir haben noch Zeit.«
»Gut. Ich wollte was Blödes mit Ihnen besprechen. Ich wollte es schon lange mit Ihnen besprechen. Aber ich habe mich bis jetzt nicht getraut. Also, raus damit, oder?«
»Selbstverständlich, raus damit! Sie wissen ja, es bleibt alles in diesen vier Wänden. Nichts wird weitererzählt, Schweigepflicht, Sie kennen das ja.«
»Ja, also, da saßen wir auf dem Weg von irgendeiner Familienfeier, da war ich in dem Alter, wo grad das Drüsengewebe hinter dem Nippel anfängt zu wachsen. Was weiß ich, zwölf, dreizehn? Und ich saß nichts ahnend neben meinem Onkel, und er hatte betrunken wie fast immer seinen Arm um mich gelegt. Bis dahin alles in Ordnung. Dann wanderte seine Hand aber weiter runter von der Schulter, weiter runter zur Brust, und er kniff zwischen seinem großen Zeigefinger und seinem großen Daumen meine kleine wachsende Milchdrüse und rieb sie zwischen seinen Fingern hin und her. Als wenn er einen großen Pickel ausdrücken wollte. Ich dachte zuerst, das ist doch grad nur Zufall, dass seine Hand da ist, und dann ein paar Minuten später wusste ich: Das, was grad hier passiert, ist absolut nicht in Ordnung. Das darf der nicht, das gibt mir ein ganz schlechtes Gefühl. Ich habe es nie irgendjemandem erzählt, nicht meiner Mutter, nicht meinen Geschwistern, nicht meinem Mann, nur Ihnen jetzt.
Komisch, jetzt fällt mir auch noch eine Spielplatzerfahrung ein. Da waren die kleinen Jungs, die wollten alle die Mädchen küssen, und bei uns Kindern hatte sich das so eingebürgert, wenn sie ein Mädchen küssen wollten, mussten sie dafür bezahlen. Unsere Spielplatzwährung waren ›Mon Chéries‹. Ein ›Mon Chérie‹, ein Kuss. Aber richtig lange. Ist das schon Prostitution? Ist das die Vorbereitung auf die Ehe?
Ich kann mir vorstellen, dass der einzige Grund, warum meine Stiefmutter mit meinem Vater zusammenbleibt, die finanzielle Sicherheit ist. Dass viele Ehen nur deswegen Bestand haben. Aber das ist doch nichts anderes als Prostitution, oder? Und zwar ganz schön billige Prostituierte, wenn ich das mal sagen darf, nicht pro Stunde bezahlt und auch nie richtig Cash auf die Kralle, sondern nur so für Essen und ein bisschen für Putzmittel. Und irgendwann, wenn sie Glück hat, das Erbe, dann ist sie endlich frei. Aber ich muss mal vor meiner eigenen Türe kehren. Ich will auch unbedingt als Allererstes einen Mann, der mich versorgt. Egal, wie viel ich verdiene, er muss mehr haben, wie feministisch ist das denn? Null. Ich bin immer in den Köpfen der anderen, unserer Nachbarn, Freunde, ich stelle mir vor, dass sie alle denken, ich sei nur wegen des Geldes mit ihm zusammen. Ich will das auch selber gar nicht entkräften. Kann schon sein, dass ich mich von Geld ficken lasse. Aber auch von Lebenserfahrung. Alter! Aber wenn es doch so gut funktioniert im Bett wie noch nie, ist das denn dann falsch? Geld gleich Stärke. Und Stärke ist ja wohl im Bett für einen Mann von Vorteil. Wie man ja bei uns sieht, verdammt noch mal, sieben Jahre Beziehung. Das ist für mich ein Wunder. Das hat meine Schlampenmutter nicht hingekriegt. Und gestern noch den geilsten Sex der Welt gehabt! Das hat die bestimmt auch nicht hingekriegt! Jetzt bin ich aber weit weg vom Thema Missbrauch, fällt mir auf.«
»Ja, das sagt viel aus, Frau Kiehl.«
»Sie meinen, mein Kopf macht das extra, schnell weg vom Thema, schnell ablenken. Gut, dann gehen wir eben wieder zurück, eine Sache fällt mir noch dazu ein: Ich beschütze mein Kind auch gegen ihren Vater und Stiefvater. Also gegen die virtuelle Gefahr des sexuellen Missbrauchs. Ich wurde so erzogen, in Sachen Pädophilie niemandem zu vertrauen. Die größte Bedrohung für ein Kind liegt ja in der eigenen Familie. Scheiß doch auf die paar Fremden im Park, die ein Kind wegschnappen, das ist so selten wie ein Lottogewinn, nur umgekehrt, so ein großes Pech muss man erst mal haben als Familie, wenn einem das passiert. Viel wahrscheinlicher, und das scheinen die meisten Menschen immer noch nicht zu kapieren, ist die Gefahr in der Familie und der engeren Umgebung. Und auch wenn es ganz selten mal vorkommt, dass Frauen Kinder sexuell missbrauchen, meistens sind es doch die Männer, wie auch bei Eifersuchtsmorden, immer die Männer, die Männer machen die Familie zu einem gefährlichen Ort für Frauen und Kinder. Nur bei uns in der Familie ist das anders, da ist eindeutig die Frau am gefährlichsten, auf jeden Fall für den Stiefsohn! Und wenn dann bei sexuellem Missbrauch in der Familie auch noch die Mutter wegschaut und nicht wahrhaben will, dass der eigene Mann, oder welcher männliche Verwandte auch immer, das Kind missbraucht. Das soll meinem Kind nicht passieren. Ich schleiche immer lautlos durchs Haus. Wenn mein Mann und meine Tochter verabredet sind, was zusammen zu machen, tue ich so, als würde ich was Eigenes machen in einer ganz anderen Ecke der Wohnung. Dann schleiche ich aber, wie ein Indianer im Krieg, die Mutter im Kampf gegen Pädophilie, in das Zimmer, in dem die beiden sich aufhalten, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Vertrauen ist gut, aber bei diesem Thema ist definitiv Kontrolle besser. Auch wenn ich sicher ausschließen würde, dass mein Mann meinem Kind was tut, aber das haben viele andere Mütter schon getan und sind gerade deswegen mit ihren Kindern in die Falle getappt. Nicht bei uns!
Bis jetzt, die ersten sieben Jahre unserer Beziehung, habe ich nichts zu beanstanden. Aber es könnte ja sein, dass Liza in sein pädophiles Beuteschema reinwächst, und dann schlägt er zu, deswegen muss ich als Schutzmann meiner Tochter immer auf der Lauer sein, immer bereit, meine Beziehung zu verraten, für das Wohl des Kindes.
So, das dazu. Immer diese lauernde Alarmstellung, hab ich alles von meiner Mutter geerbt, bestimmt weil die irgendeinen Scheiß nicht bearbeitet hat. Fuck. Themawechsel, ja? Liza fährt nächstes Wochenende zu ihrem Opa.«
»Zu Ihrem Vater?«
»Der ist nicht mehr mein Vater. Ich sage lieber: ihr Großvater. Er hat aber auch schon viele Geburtstage von ihr vergessen. Und so lang ist sie noch gar nicht auf der Welt!«
»Und noch bemerkt das Kind die Probleme nicht?«
»Nein, überhaupt nicht, sie fragt nach, wann geh ich zum Opa, und wir antworten nett, als wäre es das Normalste der Welt. Wir reden auch nett über den Idioten. Oh, ja, toll, freust du dich schon, meine Kleine, zu deinem Opa, ja? Danach denke ich immer, mir fällt gleich vor lauter Lügengeschichten die Zunge ab. Ich gebe sie aber immer noch tausendmal lieber dem Opa mit als der Oma.«
»Also Ihrer Mutter.« Sie lacht. Ihr mildes Lachen. Ich liebe sie! Ich bin ihr so dankbar. Das glaubt die nicht.
»Ja, natürlich, Frau Drescher, Sie wollen, dass ich ›meine Mutter‹ sage. Sag ich aber nicht. So! Also, wenn Liza bei ihrer Oma ist, dann habe ich die ganze Zeit Todesangst um mein Kind. Ich stelle mir jede Minute vor, sie bringt sie nicht wieder. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, denke ich, es ist die Polizei, die mir von einem schrecklichen Unfall erzählen wird. In meinem Verständnis hat sie ja meine Brüder in den Tod gefahren, und das Gleiche wird sie mit meiner Tochter machen. Es ist schrecklich, dass ich praktisch wegen Ihnen, na gut, und auch wegen meiner Tochter, aushalten muss, dass sie da überhaupt hingeht. Fuck Therapie! Fuck Überforderung!
Nur damit meine bescheuerte Tochter eine Oma hat, muss ich da durch. Weil Sie sagen, das muss so sein. Das ist sehr schwer für mich. Ich stelle mir vor, sie ist so wütend auf mich, dass ich ein Kind habe, ein kleines, und ihre Kleinen alle tot sind, dass sie sich rächt oder sterben will und mein Kind dabei mitnimmt. In unserer Familie ist das ja schon mal vorgekommen, dass die Mutter ein Kind mitnimmt. Mitnehmen wollte. Das steckt uns allen noch tief in den Knochen. Das große Familiendrama, in den Genen sozusagen.
Ich finde, den Frauen in unserer Familie ist jeder Wahnsinn zuzutrauen! Inklusive mir. Ich würde eigentlich auch gerne meinen Traum in die Tat umsetzen, es kommt mir richtig vor. Aber wahrscheinlich ist mein Kopf kaputt! Höchstwahrscheinlich sogar! Haben wir noch was Zeit?«
»Ja, ein paar Minuten haben wir noch.«
»Finden Sie das nicht auch unglaublich, dass mein Mann ein Ferienhaus hat, das genau dort liegt, von allen Orten auf der Welt, wo der Unfall passiert ist, dass ich immer genau die Stelle mit dem Auto passieren muss, wo meine Brüder gestorben sind. Ich selber, fahrend, mit der ganzen Familie im Auto. Das ist doch komisch. Von allen Männern, in die ich mich hätte verlieben können, verliebe ich mich in den, der so ein Ferienhaus besitzt. Das finde ich wirklich krass. Ist das wohl ein Zeichen? Aber für was, haha, und von wem? Ich vergesse immer, dass ich überzeugte Atheistin bin!
Wenn ich auf dem Weg in unseren ewig gleichen Urlaub immer die Stelle in Belgien passiere, an der angeblich meine Brüder gestorben sind, suche ich verbrannte Stellen auf dem Asphalt. Ich suche verbeulte Leitplanken, Kreuze. Finde aber nichts. Nie. Ich suche. Immer. Ich gucke auch in den Wald. Ich suche Überlebende, Nackte, Verwirrte. Der Wunsch ist groß, das Lenkrad einfach rumzureißen und uns allen ein weiteres anstrengendes, sinnloses Leben zu ersparen. Es ist das gleiche Gefühl, nur viel stärker, wenn ich oben auf Ihrem Balkon stehe, Frau Drescher, in die Tiefe gucke, elf Etagen tief, und eine Stimme in mir sagt: Spring, dann hast du deine Ruhe, auch vor Frau Drescher. Interessanterweise ist das ja, was ich meiner Mutter immer unterstelle, wenn sie mit meiner Tochter im Auto unterwegs ist. Genauso wie ich meinem Mann ständig unterstelle, dass er fremdgehen will, also früher, jetzt wär ich ja froh, obwohl eigentlich ich fremdgehen will, muss ich jetzt nach Jahren von Paar- und Einzeltherapie zugeben.«
Wir sind aber auch sehr heftig zusammengekommen. Er hat mir gnadenlos alles über seine Sexualität erzählt. Ich machte auf, ließ alles rein und zerbrach erst mal dran. Es hat mich überfordert, als er mir alle Hardcore-Sexfotos zeigte, die er aus dem Internet zusammengesammelt hat. Ich wollte vor ihm und mir so tun, als wär ich cool und locker. Bin ich aber beides nicht. Das ging so rein. All diese Bilder von Frauen und ihren inneren Schamlippen. Er wollte nicht mehr, wie es früher immer war, alles heimlich hinter dem Rücken seiner Frauen tun. Das verstehe ich auch. Wie auch bei der Prostitution hatte er den Wunsch der weiblichen Absolution. Er will ohne schlechtes Gewissen sexuell sein. Das war aber mal eine Überforderung für mich! Für die kleine Elizabeth. Puh.
»Er hat schon oft zugegeben, dass es wohl ein Riesenfehler war, mich einzuweihen. Mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt, an das Wissen über seine sexuellen Phantasien. Ich glaube, jetzt bin ich bald dran, ihn mit meiner echten Sexualität zu konfrontieren. All die Jahre habe ich gedacht: Er ist so besonders, weiß genau, was er will. Und ich weiß nichts. Aber jetzt weiß ich was, und das darf nicht sein, das erlaubt er mir nicht. Das kann man doch vergleichen mit all seinen Pornofilmen und Prostituierten, oder? Mein Wunsch, mit anderen Männern zu schlafen. Und zwar gerne vielen. Der einzige Unterschied, und da wird es für ihn schmerzhaft: Seine Phantasien binden mich immer mit ein. Ich soll mit in den Puff, Pornofilme nachspielen, mit ihm zusammen die Bilder anschauen. In meiner Phantasie mit den anderen Männern spielt er aber gar keine Rolle. Ich möchte gerne was für mich. Das merke ich immer stärker, zwischen den Beinen vor allem, aber auch im Hirn. Vielleicht überfordere ich ihn jetzt mal die nächsten sieben Jahre mit meiner grad entdeckten wilden Sexualität?
Ich habe für morgen übrigens einen neuen heimlichen Notartermin gemacht. Ich muss Cathrin noch aus meinem Testament streichen, weil ich die doch bald verlassen will. Meine hoffentlich bald frühere beste Freundin. Was ist denn, wenn mir morgen was passiert? Ach, Quatsch, gleich, in Ihrem scheiß Aufzug, könnte ja schon was passieren, hier könnte auch ein Hubschrauber reinfliegen, und dann würde sie erben. Und das passt jetzt nicht mehr in meine Lebenssituation. Ich möchte, dass mein Exmann, mein Mann, meine Tochter und mein Stiefsohn alles bekommen. Die Eltern natürlich nur den Pflichtteil, mein Mann soll das regeln, dass meine Schwester genug bekommt.«
»Ihr Testament kenne ich ja. Haben Sie mich eigentlich bitte wieder rausgenommen? Ich darf das doch nicht annehmen. Das haben wir schon besprochen, dass das von Patientin zu Therapeutin nicht geht.«
»Und umgekehrt?«
»Sehr witzig, Frau Kiehl, auch das nicht. Wenn Sie das noch nicht geändert haben, können Sie das ja in einem Rutsch mit erledigen, wenn Sie schon dabei sind.«
»Hab ich schon längst. Was denken Sie von mir? Wenn Sie mir was sagen, mach ich das auch sofort. Ich denke doch die ganze Zeit, ich sterbe. Dann muss doch das Testament wenigstens stehen. Jedenfalls habe ich morgen, heimlich, Georg weiß nichts davon, wieder einen Notartermin. Sie wissen ja, meine Traumvorstellung, für wenn ich nicht mehr bin, ist, dass Liza von ihrem Stiefvater und ihrem Vater zusammen großgezogen wird. Das fände ich gut. Und ich meine das nicht so, wie Sie jetzt denken, dass mein Mann dann keine andere Frau haben darf. Ich habe ihm schon ganz oft gesagt, ich will, dass er sich so früh wie möglich wieder eine neue Frau nimmt. Ich hasse nämlich Tote, die aus dem Grab praktisch verbieten, dass ihr Witwer oder ihre Witwe jemand anderen haben darf, weil sie sich so wichtig nehmen und Treue nach dem Tod fordern. Das finde ich ekelhaft. Ich habe meinem Mann schon gesagt, dass er gerne schon mit einer Neuen zu meiner Beerdigung kommen darf. Der muss doch getröstet werden. Fickt euch, ihr Christen. Ich kenne nämlich nur Christen, die sich immer aufregen, wenn jemand nach dem Tod seines Partners irgendwann wieder jemand Neuen hat. Schlimm, diese Christen. Wirklich schlimm. Ich bin sehr für ganz schnell jemand Neuen haben. So schnell wie möglich.«
»Ich weiß, Frau Kiehl, ich weiß das doch schon. Und warum gehen Sie heimlich zum Notar, ohne dass Georg das weiß?«
»Hä, ja, weil der mich immer anmotzt, dass ich mich zu viel mit Tod im Allgemeinen und meinem Tod im Speziellen beschäftige. Finden Sie ja auch! Er sagt immer: Ja, Elizabeth, du stirbst aber nicht.«
»Ja, stimmt, Sie sterben nicht so bald. Sie sind doch kerngesund. Und so etwas wie Ihren Brüdern passiert Ihnen höchstwahrscheinlich nicht.«
»Das sagt mein Mann auch immer, Sie stecken wohl unter einer Decke, was? Ja. Jedenfalls habe ich den Termin morgen, direkt nach Ihnen.«
»So, die Zeit ist auch schon rum, Frau Kiehl. Bis morgen dann und viel Spaß im Bordell, egal, was ich davon halte. Ja?«
Das macht die doch auch geil, oder? Muss doch. Mein Mann sagt oft, die müsste mir eigentlich Geld geben, für die ganzen geilen Geschichten, die ich ihr immer erzähle. Andere würden dafür viel Geld bezahlen. Ja, ja, aber die würden nicht so kluge Sachen zurücksagen.
Ich schwinge mich hoch, richte meine Haare. Manchmal habe ich eine sogenannte Therapiepläät, dann liegen die Haare am Hinterkopf so, dass man entweder aussieht, als hätte man wie ein Alkoholiker tagsüber geschlafen oder als wäre man in Therapie. Und obwohl ich, was das angeht, versuche, sehr locker zu sein, will ich nicht, dass das jeder sieht. Ich wuschle mir die Haare zurecht, schnappe mir meine Tasche, gucke Frau Drescher fest in die Augen: »Danke, und bis nächste Stunde. Ich erzähle Ihnen dann alles.« Lasse schnell ihre Hand los, weil unsere Beziehung zum Anfassen nicht gemacht ist. Ich rede zwar mit ihr über alles, aber ich sehe sie dabei nie. Dann wundere ich mich, wenn ich sie sehe, weil ich sie mir in der Stunde leicht anders vorgestellt habe. Und dass die Hände sich berühren, geht eigentlich überhaupt gar nicht, na ja, gehört wohl dazu in Deutschland. Und ansprechen würde ich das bei ihr auch nicht, obwohl wir über alles reden, wo soll das denn hinführen? Nachher denkt die, ich bin verrückt!
Ab in den scheiß Aufzug und nach Haus zu Georg. Ich freue mich schon, dass ich ihm sagen kann, dass wir doch in den Puff können. Jetzt muss ich mich nur noch die elf Etagen im Aufzug nach unten kämpfen, ich halte einfach die Luft an, wie immer bei Angst, und schon bin ich im Freien und darf nach Hause fahren.
Auf der Rückfahrt habe ich euphorische Gefühle. Ich benutze meine Therapeutin und die Therapie als Müllhalde. Alles steht im Zeichen für das Immer-mit-meinem-Mann-zusammenbleiben-Können.
Ich höre im Auto immer nur Jan Delay. Der ist nach Elvis der Beste, den es gibt auf der Welt. Nicht nur musikalisch, sondern auch politisch. Das ist mir sehr wichtig. Er kämpft auch gegen die Druck-Zeitung. Ist Mitglied bei Attac. Ich höre ihn und nicht Elvis im Auto, weil ich Elvis nicht mehr aushalte, seit ich meinen Vater verlassen habe. Er hat mir damals, als ich Kind war, Elvis beigebracht, und der ist eigentlich noch vor Jan Delay der Beste der Welt, auch wenn er eine Nulpe war, politisch. Und es reißt mir heute das Herz raus, wenn ich ihn höre, weil es mich an meine Liebe zu meinem Vater erinnert. Deswegen muss Jan Delay herhalten.
Ich lasse alle Fenster des Autos elektrisch runter, damit jeder teilhaben kann an der sexiesten politisch korrekten Musik der Welt! Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter, weil ich wieder mal was Gutes geleistet habe, für meine geistige Gesundheit, für die Hygiene in der Familie, die psychische Hygiene. Ehehygiene. Und wie immer, wenn ich Auto fahre, sitzt der Unfall auf meiner Schulter und guckt mir und meinem Leben zu.
Die Beerdigung muss organisiert werden. Was droht, sehr lustig zu werden. Mindestens eine geistig verwirrte Verbrannte, drei trauernde Väter, sieben trauernde Opas und genauso viele Omas, Verwandte und Leute, die man noch nie leiden konnte, wollen alle am Grab einmal über uns drüberrutschen. Warum macht man das überhaupt mit? Ich denke, unserer Familie ist egal, was andere denken, und ich denke, wir glauben an den ganzen Scheiß nicht? Ich bin da schon immer sehr stolz drauf gewesen, aus einer komplett atheistischen Familie zu kommen. Weder väterlicher- noch mütterlicherseits ist auch nur eine Sau getauft. Das finde ich wunderbar. Wir geben den Druck des Unglaubens genauso weiter, wie es die Gläubigen tun, von Generation zu Generation, schön emotional erpressen. Man darf doch nicht alles kampflos den missionierenden Christen überlassen, weil man zu tolerant ist, nein. Bodycount, für jeden Umgedrehten gibt es ein Sternchen. Als Belohnung. Dazu wurde ich ausgebildet, Männer aus ihren katholischen Familien rauszulösen und umzudrehen. Klappt sehr gut, meistens mit Liebe und sexueller Hörigkeit.
Alle Verwandten versammeln sich im Krankenzimmer meiner Mutter. Die Väter sind da, und mein Vater hat seine neue Frau mitgebracht. Ich sage neue Frau, ist sie in meinem Gefühl auch. Sie gehört nicht dazu. Meiner Meinung nach hat sie sich disqualifiziert. Sie hat meinen Vater geheiratet, kurz nachdem meine Mutter ihn verlassen hat. Sie hat sich ganz klassisch, wie Stiefmütter das so machen, zwischen uns und unseren Vater gestellt. Auch ganz klassisch, mit welchen Methoden sie das gemacht hat.
Ich war fünf, mein jetzt toter Bruder vier, sie hielt uns grundsätzlich immer für böse. Stellte sich ständig auf eine Stufe mit uns in direkter Konkurrenz um die Liebe meines Vaters. Sie wollte nicht einsehen, dass er uns bedingungslos liebt. Sie wollte immer beweisen, dass wir das nicht wert waren. Schwer genug für alle Beteiligten. Außerdem fand sie immer, dass wir zu viel essen. Sie hielt uns ständig knapp, dachte bei sich: Das Geld können wir doch für uns sparen, indem wir die beiden Kinder verhungern lassen. Sie fand uns immer maßlos: laut, gierig, verfressen, egoistisch, verwöhnt. Und hat uns das jede Minute spüren lassen.
Das Schlimmste an meiner Stiefmutter war, dass sie uns die seltene wertvolle Zeit jedes Mal ruiniert hat, die wir mit unserem geliebten Vater hatten. Wir durften ihn nach der Scheidung alle zwei Wochen für eine Nacht sehen. Wir freuten uns so auf ihn, die ganze Zeit. Wir haben ihn ständig so sehr vermisst. Unseren reichen Papa, mit seinem roten Sportwagen und seinem tollen Job in der Spielzeugfabrik. Aber sie war immer dabei. Ich habe meinem Vater leider auch nie angemerkt, dass er versucht hat, sich schützend vor uns zu werfen, gegen seine neue Frau. Wir hätten uns das so sehr gewünscht. Ein Bekenntnis. Ein Liebesbekenntnis vom Vater an seine Kinder. Gegen die geistesgestörte Frau. Niemals. Er hat immer versucht, loyal zu allen zu sein. Schade.
Außer diesem einen Mal! Ein paar Tage nach dem Unfalltod seines einzigen Sohnes. Sie sind alle im Krankenzimmer meiner Mutter. Diese lächerliche Todesanzeige soll aufgesetzt werden. Damit alle über den Unfalltod meiner Brüder unterrichtet werden können. In Zeiten von Telefon, E-Mail und leider auch der beschissenen Druck-Zeitung gar nicht nötig. Und diese Todesanzeige und die Einladung zur Beerdigung müssen wir grotesk weit in die Zukunft datieren, weil die Körper von der Polizei nicht freigegeben sind. Welche Körper? Sehr witzig. Wir glauben alle nicht an Friedhöfe, Leben nach dem Tod, Beten, jede Form von christlichen Ritualen. Und dann das! Das volle Gegenprogramm. Sehr inkonsequent. Aber es gibt leider keine atheistische Alternative. Also setzen wir wie die Idioten Todesanzeigen in der lokalen Presse auf und laden zur Beerdigung in zwei Monaten auf dem heimischen christlichen Friedhof. Haben die uns doch gekescht, hintenrum.
Immer wenn jemand stirbt, spielt ja die lächerliche Reihenfolge der Genannten auf der Todesanzeige eine immense Rolle. Überhaupt darüber zu reden, wenn grad jemand gestorben ist. Wahnsinn! Aber bei uns spielt es plötzlich auch eine große Rolle. Ich will aus Protest zuletzt genannt werden. Darf ich aber nicht. Mit Freiwilligkeit hat das nämlich null zu tun. Ich muss vorne stehen, mit meiner Mutter und meiner übrig gebliebenen Schwester. Mutter will keinen Mann neben sich stehen haben, weil sie ja von allen getrennt ist.
Und als es dann schließlich um die Reihenfolge der Väter und ihrer neuen Frauen geht, sagt mein Vater diese ungeheuerlichen Sätze:
»Ich möchte nicht, dass meine Frau da überhaupt mit draufsteht. Sie hat Harry gehasst. Sie darf nicht mit auf die Anzeige.«
Sie ist mit im Zimmer. Hat das mit ihren eigenen Ohren gehört. Alle halten inne, um diese unglaubliche Aussage auf sich wirken zu lassen. Ich muss in mich reinlächeln, weil ich weiß, dass mein toter Bruder meinem Vater recht gegeben hätte. Dass er sich über diesen einzigen Liebesbeweis seines Vaters gefreut hätte. Nur schade, dass er so etwas zu Lebzeiten nie erleben durfte.
Mein Vater hatte recht. Sie hat Harry wirklich gehasst. Noch mehr als mich. Vielleicht weil mein Bruder meinem Vater noch näher war. Sie sahen genau gleich aus. Die weiblichen Gene der Mutter sind in die Tochter gegangen, ich sehe aus und bin wie meine Mutter, leider, mein Bruder sah aus und war wie mein Vater. Die Stiefmutter hat das mit der Nichtnennung auf der Todesanzeige so akzeptiert, da gibt es aber auch nichts dran zu rütteln. Bei dieser festen Stimme, die mein Vater bei dem Ausspruch hatte. Jetzt ist für mich nur unglaublich, dass die bis heute zusammen sind. Die Frau, die er nicht auf der Todesanzeige seines Sohnes haben will, weil sie ihn gehasst hat und ihn das jede Sekunde hat spüren lassen, ein kleines Kind, das für diese verpfuschten Familienverhältnisse nichts kann, keine Gnade, niemals, keine Besserung, bis es für immer zu spät ist, weil er tot ist. Ihr Verhalten ist manifestiert, in Marmor gemeißelt, dadurch, dass sie verschwiegen wird auf unserer Familienanzeige.
Und die sind noch verheiratet! Er lässt es zu, dass sie an seiner Seite ausgesorgt hat. Er lebt mit dem Feind seines toten Sohnes unter einem Dach, in einem Bett. Unglaublich. Alleine das reicht schon, um mit den beiden nie wieder was zu tun haben zu wollen. Die Treppchenplätze auf der Anzeige wurden ansonsten gerecht verteilt, wie das eben so geht bei einer armseligen Patchworkfamilie, da braucht man eigentlich viel mehr Platz als normalerweise, eine ganze Seite in der Zeitung, um alle unterzubringen, alle Väter, alle Omas und Opas.
Wegen dieser Erfahrung und auch wegen der schrecklichen angechristlichten Beerdigung nachher habe ich ein Testament geschrieben, damit ich erstens was Gutes tue, wenn ich tot bin. Ich habe einen Organspendeausweis ausgefüllt und trage ihn immer bei mir. Ich spende alles: Schamlippen, Klitoris, na, die- oder derjenige wird Spaß haben!, Augen, Nichtraucherlunge, die harten, dunklen Nippel, alles könnt ihr bei mir rausholen und verteilen unter den Bedürftigen. Und zweitens: die Sache mit meiner Asche, die in den Hausmüll entsorgt werden soll. Auch wenn das verboten ist. Steht im Testament, müssen meine Nächsten irgendwie hinkriegen. Ich bin gegen Gräber, gegen Beerdigungen, gegen Briefeverschicken und Angsthaben, Leute vergessen zu haben, gegen individualisierte Beerdigungen, mit Musik und Foto, und vor allem gegen ein Grab, wo jemand die Blumen pflegen muss. An die tote Person kann man auch denken, ohne so einen hässlichen, vom Steinmetz gehämmerten Stein auf die Erde zu stellen. Ich lehne das alles komplett ab. Und deswegen schwöre ich mir jetzt schon, niemals an das Grab meiner Brüder zu gehen. Was für ein riesiger Quatsch! Gräber und das ganze deutsche Drumherum, Geschäfte machen. Anzeigen, Stein, Umschläge, Miete für das Grab, das nach vierzig Jahren verfällt, belegte Brötchen, das Wort Leichenschmaus, Streuselkuchen, Magenkrebskaffee in Thermoskannen, schwarze Kleidung, Menschen, die von Kanzeln reden, den Toten verlogen hypen, seine schlechten Seiten weglassen. Fuck you, Deutschland und deine Toten! Ich mach da nicht mit. Kein minibisschen!
Ein einziges Mal kam ich da weg aus dem Krankenhaus. Und da durfte ich dann zu Hause schlafen bei meinem Freund. Meine Tante hat mich beim Mutterselbstmordverhindern abgelöst. Eine Nacht. Und da hatten wir das einzige Mal für lange Zeit verzweifelten Sex. Ich dachte währenddessen immer nur: Ich will leben. Fick mich ins Leben zurück! Es war das einzige Mal, dass ich mich ihm noch mal richtig hingegeben habe. Und dabei muss unsere Tochter entstanden sein. Wir hatten es vorher schon vier Jahre lang versucht. Als ich ihn gesehen habe, das erste Mal, dachte ich: Mit dem krieg ich Kinder. Es ist dann nur eins geworden. Auch weil ich geschockt bin, wie viel Arbeit und Sorgen ein Kind macht. Und ich weiß auch, warum das genau dann plötzlich geklappt hat. Ich dachte nämlich im Krankenhaus, dass ich meiner Mutter ein neues Kind schenken muss. Sie hat ihre drei Jüngsten verloren. Alles, worum sie sich kümmern konnte, war tot, war weg. Da musste Ersatz her! Ja. Das habe ich mir in meinem traumatisierten Kopf im Krankenhaus ausgedacht, und natürlich, wie das Leben so ist, hat genau da, zum ersten Mal nach vier Jahren Sex ohne Verhütung und so vielen Versuchen, schwanger zu werden, die Empfängnis funktioniert. Die Auster war offen. Das eine Mal noch für meinen Freund. Klappt in Friedenszeiten kein bisschen, aber in unseren Kriegszeiten hat es, bumsti, sofort geklappt.
Danach verstummte unsere Liebe. Und das Allererste, das uns verloren ging, war der Sex.
Die Geburt meiner Tochter ist also untrennbar mit dem Unfall verbunden. Ich kann nur sehr schwer über Daten aus der Zeit nachdenken. Dann tut mir sofort der Kopf weh, ist wie eine Schranke da drin. Wenn mich jemand fragt, wann meine Tochter geboren ist, weiß ich es auf Anhieb nicht, weil ich sehr ungern an diese Zeit zurückdenke. Ich denke immer diesen Umweg: Wann war der Unfall? Da wurde sie gezeugt, dann muss sie ja in dem Jahr nach dem Unfall geboren sein. Wenn ich an ihre Geburt denke, stelle ich mir drei tote Kinder daneben vor!
Ich hasste es, wie Stefan trauerte. Er versank in sich. Wurde teilnahmslos und dick. Er nahm innerhalb kürzester Zeit zwanzig Kilo zu. Er ging mir auch so auf die Nerven, weil er hauptsächlich um den Kleinsten trauerte. Ich aber am meisten um den Ältesten. Das passte einfach nicht zusammen. Natürlich wurde die Liebe auf eine unbestehbare Probe gestellt und ist kläglich gescheitert unter dem immensen Druck!
Ich fahre auf unseren eigenen Parkplatz vor der Wohnung. Spätestens dann, wenn man sich einen eigenen Parkplatz vor der Tür kauft, weiß man, dass man lebendig begraben ist. Weil man meint, ein Auto haben zu müssen, aber keine Lust hat, einen Parkplatz zu suchen. Wirklich, ich will so bald wie möglich unser Benzinauto loswerden, sobald es ein erschwingliches Viersitzer-Elektroauto gibt. Das ist aber so ziemlich das Einzige, was ökologisch bei uns schiefläuft. Meistens konzentrier ich mich auf das, was noch nicht gut ist, statt stolz darauf zu sein, was wir als Familie schon alles richtig machen. Ich hoffe, dass Georg zu Hause ist. Ist nicht oft, dass wir uns noch überraschen, wir sind ja schon lange zusammen und verheiratet. Man gewöhnt sich aneinander, man hat nicht das Gefühl, dass man noch viel machen muss, um sich voreinander interessant zu machen.
Ich schließe in der ewig gleichen Handbewegung die Wohnungstür auf und rufe, wie immer viel zu laut: »Hallo?«, wenn ich reinkomme, um rauszufinden, wo der Mann sich befindet. Er ruft zurück, ich orte ihn in der Waschküche. Ich rieche die Luft und erkenne unser Biowaschmittel, das riecht nach Zitronen und Nüssen.
Er ist zwar eine absolute Sexmaschine, platzt fast vor Testosteron, kann aber alles im Haushalt besser als ich. Er hängt grad Wäsche auf. Ich laufe runter und bedanke mich bei ihm, dass er das macht. Das soll man doch auch ab und zu machen: wenn schon alles leicht einschläft, nicht auch noch seinen Einsatz, der weit über meinem liegt, im Haushalt als gegeben hinnehmen. Er lächelt mich leicht müde an. Ihm ist es peinlich, wenn ich mich bei ihm bedanke für so etwas.
»Wo warst du so lange?« Das ist aber ein schroffer Ton für seine Verhältnisse.
»Wie? Beim Kinderarzt und danach bei Drescher.«
»Mit Liza? Warum bringst du die nicht vorher hier vorbei?«
Oh, nein, Mistverständnis sagen wir dazu, er hat auf uns gewartet. Ich habe in der Hektik vergessen, ihm Bescheid zu sagen, jetzt weiß ich auch, warum er so komisch ist, er hat sich Sorgen gemacht. Der Tod ist immer dabei bei uns, auch in der Waschküche. Sag ich ja.
»Das tut mir leid, stimmt, du dachtest, ich bring Liza vor der Therapie vorbei. Ich habe sie schnell noch bei Stefan abgesetzt, er konnte sie früher nehmen, als ich dachte. Ich hätte dir Bescheid geben sollen. Tut mir leid. Entschuldigung.«
»Ich wollte eigentlich auch weg, Sachen erledigen. Und warte dann hier so doof rum, ich habe dich ganz oft angerufen.«
Mist, Vorwurf, Stimmung am Arsch. Ich wollte ihn doch freudig überraschen.
»Handy war leise. War doch in Therapie. Dachtest du, uns wär was passiert?«
»Ja. Nee.«
»Ja, uns ist aber nichts passiert. Mein Siebgehirn hat nur vergessen, dir Bescheid zu sagen, okay? Verzeih mir! Okay?«
Ich umarme ihn und küsse ihn auf die große Narbe auf der Wange, auf meine Lieblingsstelle an seinem Körper, wo seine krebsverseuchte Haut entfernt wurde, bevor wir uns kennengelernt haben. Daran sehe ich, wie stark er ist, auch der Krebs kriegt den nicht kaputt. Auch kein Unfall. Und ich erst recht nicht. Mein Gebirge in der Brandung.
»Ich habe eine Überraschung für dich: Der Arzt hat uns Tabletten gegeben, schon wenn man die erste nimmt, sind die scheiß Würmer tot. Bei mir sind die schon weg, wenn du eine gleich nimmst, auch bei dir.«
»Ich habe keine Würmer, wie oft soll ich das denn noch sagen?«
Ich muss lachen. »Ja, ist ja gut, dann nimmst du die eben vorsorglich, und wir planen den Puffbesuch doch heute und gehen morgen früh, was meinst du, direkt, wenn die aufhaben. Liza ist die nächsten zwei Tage bei Stefan, und wir machen uns eine schöne kinderfreie Zeit.«
»Willst du wirklich? Ich denke immer, du freust dich, wenn es abgesagt wird.«
»Ja, stimmt auch. Da muss ich halt durch, für dich. Na ja, ich find’s ja auch geil, wenn ich dann da breitbeinig liege und die mich leckt, geht doch gar nicht anders, rein mechanisch schon. Machen wir das so? Dann vergessen wir den blöden Wurmabend gestern.«
Mit einem Arm hält er mich weiter fest, und ohne es selber zu merken, wandert seine andere Hand zu seinem Po, und er kratzt sich. Ich muss ihm unbedingt gleich die Tablette geben. Ich würde mich gerne mal so wohl in meiner Haut fühlen wie er. Er macht viele Dinge, die er nicht merkt, weil er sich nicht so gnadenlos selber beobachtet wie ich mich. Schön ist das.
Er grinst schon vor Vorfreude auf unseren Ausflug.
»Komm, ich räum noch den Kram weg, dann gehen wir Mittag essen.«
Ich setze mich auf die Couch und versuche ruhig zu atmen. Das soll ich laut Frau Drescher zwischendurch mal versuchen. Sonst mache ich hektisch immer irgendwelche Sachen, um vor mir und dem Unfall und meiner nicht vorhandenen Trauer zu flüchten. Irgendwann muss die ja mal kommen. Und dafür müsste ich langsam lernen, Ruhe auszuhalten.
Ich höre Georg unten klappern, habe natürlich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht helfe, die meiste Wäsche ist nämlich meine. Ich atme, ich mache die Augen zu. Als Erstes kommt mir, wie immer, ein Mosaikstück vom Unfall in den Kopf. Mein Verfolgungswahn, die Zeitung betreffend. Die Sorge, sie könnten ein Foto bekommen, von mir und meinem Mann, in einer Prostituierten steckend. Das kommt natürlich daher, dass sie uns damals so dermaßen bedrängt haben, als meine Brüder gestorben sind. Nach dem Überfall des Kamerateams von Boulevard-TV in dem Krankenzimmer meiner Mutter mussten wir wohl oder übel davon ausgehen, dass die gleichen Schweine wohl auch die Beerdigung stören würden. Sie hatten auch schon überall versucht, Fotos der toten Kinder zu bekommen. Zum Glück haben alle dichtgehalten. Die ganzen Securities, die den Friedhof abriegeln sollten, innen und außen patrouillieren, um ja jedes Foto zu verhindern, mussten wir bezahlen, damit wir uns schützen vor den Schweinen. Dass man sich nebenbei auch noch mit so was beschäftigen muss, macht schon bis ans Lebensende rasend wütend. Die haben sich einen lebenslangen Feind geschaffen. Im Krimi, wenn jemand ermordet wird, fragt die Kripo doch immer erst die Verwandten: »Hatte er Feinde?« In dem Fall von den Chefs des Zeitungsverlags müssten die Ehefrauen sagen: »Ja, Elizabeth Kiehl.« Warum die überhaupt Ehefrauen haben, ist mir ein Rätsel. Müssten nicht alle Frauen zusammenhalten und sich kollektiv weigern, mit den Machern einer solchen Zeitung Sex zu haben? Dann würden die doch schon aus Notgeilheit schnell aufhören damit, egal, wie viel Geld sie vorher verdient haben mit dem Bösen.
Die Körper, also die Urnen, wurden erst lange nach dem Unfall freigegeben. Die Urnen der drei toten Kinder standen am Tag vor der Beerdigung in einem kleinen Betonraum am Friedhof. Da kann man sich noch mal verabschieden. Aber von was? Mit meiner Lieblingstante war ich da.
Ich guckte sie verschmitzt an und fragte: »Soll ich mal eine hochheben?«
»Klar, warum nicht.«
Die ist einfach locker. Die kann man mit nichts schocken. Meine Lieblingstante. Ich hob erst die Urne von dem ältesten Toten auf. Harry. Und schüttelte sie mit beiden Händen. Dann die zweite und die dritte. Sie waren alle drei unterschiedlich schwer. Die Urne vom Vierundzwanzigjährigen war am schwersten, die vom Neunjährigen war mittelschwer, und die vom Sechsjährigen am leichtesten. Wie konnte das sein, wenn doch angeblich nichts von ihnen übrig war? Meine Tante und ich kamen irgendwann auf die ernüchternde Einsicht: Es war ja im verbrannten Auto schon nichts mehr von ihnen übrig. Was sollen sie denn von ihnen im Krematorium verbrannt haben? Wenn irgendwas in dieser Urne war, das mit dem Unfall zu tun hatte, dann war es verkohlter Schaumstoff vom Rücksitzpolster. Was sonst? Die kriegen die Rückbank vorbeigebracht. Hobeln da alles runter, was zu hobeln ist. Denen wird von der Polizei erzählt, wie alt die Toten waren, die gucken in einer Liste nach, wie viel Asche man für welches Alter braucht, und dann schmeißen die da weiß der Geier was rein. Holzasche, Asche von anderen, die Übergewicht hatten und gar nicht ganz in ihre Urne passten.
Was genau war in diesen Urnen drin? Eines Tages, wenn ich mich ganz stark fühle, finde ich das raus. Dann fahre ich nach Belgien in das Krematorium, wo meine körperlosen Brüder angeblich verbrannt wurden. Und ich knöpfe mir einen Mitarbeiter so lange vor, bis ich alles weiß. Jetzt geht das noch nicht. Ich kann das noch nicht machen. Bin nicht in der Verfassung. Bin nicht gut zurecht.
An den Tag der Beerdigung kann ich mich nur ganz vage erinnern. Er war ja acht Wochen nach dem Unfall. Vielleicht setzte da langsam eine gewisse Erkenntnis ein, der Schock, der lange auf sich hatte warten lassen. Mutter hatte von ihrem Krankenbett aus bestimmt, wo der Hase lang läuft. Ich weiß noch, wie wir in dieser Minifriedhofskapelle saßen, dass viel zu viele Leute gekommen waren, um da reinzupassen. Von den drei toten Jungs jeweils die ganze Schule. Inklusive Lehrer. Eltern von Schulkameraden. Nachbarn. Sportvereine. Alle Väter, alle Omas und Opas. Freunde von allen Toten. Freunde von allen Überlebenden. Viel zu viele Leute für eine Beerdigung, erst recht zu viele für einen Kopf.
Also, ich kannte die meisten nicht. Alle natürlich lächerlich in Schwarz, was soll der Scheiß eigentlich? Vorne in der Kapelle hingen die riesengroßen Fotos von den dreien. Ich fand meinen großen Bruder wahnsinnig schlecht getroffen. Ich habe keine Ahnung, wer was gesprochen hat. Alles zog so an mir vorbei. Beerdigungen sind doch nun wirklich fast alle gleich, wie soll man die auch auseinanderhalten? Außer den ständig wechselnden Fotos da vorne. Außer den Fotos hab ich alles in der Kapelle vergessen. Und draußen weiß ich auch nur noch, dass wir alle lächerlicherweise hinter diesen getürkten Urnen hergehen mussten. Schön langsam, wie sich das auf einer Beerdigung gehört. Und ich kann mich noch erinnern, dass ich mir ständig leise sagen musste: »Nicht lachen, nicht lachen, nicht lachen, Elizabeth.« Der Druck, so ein komisches Pietätsgesicht aufzusetzen (lernt man auch nicht in der Schule), ist so groß, dass ich das Gefühl hatte, das kann locker ins Gegenteil abrutschen.
Ich fühlte mich extrem beobachtet. Alle suchen den Wahnsinn in unseren Augen. Ja, aber den werdet ihr nicht finden, der kommt nämlich erst viel später! Und ich kann mich noch ganz klar an den Gedanken erinnern: Wo bleiben die drei Jungs eigentlich? Wir machen hier so ein Brimborium für die, und die kommen zu spät! Unverschämtheit! Typisch für die! Ich habe sie überall gesucht. Das ist auch bis heute so geblieben. Ich suche sie aber, wie sie vor acht Jahren aussahen, ich kann sie mir natürlich nicht älter vorstellen!
Ich schob Mutter in ihrem Rollstuhl, sie hatte Ausgang vom Krankenhaus, auf eigene Verantwortung, wie es so schön heißt, sie war vollgepumpt mit weiß der Geier was, gegen die Schmerzen im Rücken, an den Füßen, im Herzen, im Hirn. Ich schob sie so vor mich hin und dachte die ganze Zeit nur, ich will hier weg, das hier ist ihre Show, ganz sicher. Alle Väter raunten mir vorher zu: »Hoffentlich will sie nachher nicht am Grab stehen und sich von allen die Hand schütteln lassen!«
Ich konnte mir ja vorher nicht vorstellen, wie viele Leute drei tote Jungs anlocken würden, als ich sie aber alle sah, den ganzen Friedhof voll, hoffte ich auch inständig, dass sie sich nicht von all den Menschen die Hand schütteln lassen wollen würde. Sie war aber durch die Medikamente leider wie von der Tarantel gestochen. Alle engsten Verwandten hauten ab, sobald man diese sinnlosen Behältnisse in das Erdloch gelassen hatte. Alle, die noch alle Tassen im Schrank hatten, hauten ab. Pflichtteil erledigt. Jetzt begann die Kür. Meine nicht mehr als solche zu erkennende Mutter und ich, als ihr Rollstuhlsklave, standen stundenlang an der offenen Erdwunde und ließen jeden, der mal wollte, über uns drüberrutschen. »Herzliches Beileid.« Der Nächste bitte. »Herzliches Beileid.« Danke. Danke. Danke. Danke. Bla, bla, bla. Irgendwann war ich mir sicher, dass die sich alle wieder hinten anstellten, weil’s so lustig war, noch mal und noch mal, die Schlange der angeblich Trauernden riss nicht ab. Was für ein Fuckup! Ich geh nie wieder auf eine Beerdigung!
Der ganze Friedhof, alle Gänge, breit und schmal, war voller Kinder. Passt ja. Grab voller Kinder. Friedhof voller Kinder.
Irgendwann hatten wir Trauerarbeiterinnen Feierabend und durften im Liegendtransport zurück ins ruhige Krankenhaus.
Ich atme schwer, spüre Druck auf der Brust. Ich muss die quälenden Gedanken loswerden. Und wie mache ich das am besten? Mit Sexgedanken verdrängen, der ewig gleiche Trick im Kopf. Das funktioniert wenigstens.
Gut, jetzt habe ich ihm gesagt, dass wir morgen in den Puff gehen. Aber er glaubt mir sowieso nicht, dass ich das nur gut finde. Ich kann mich sexuell selber nur schwer verstehen. Es ist schwierig für mich, einen Draht dazu zu bekommen. Er und ich müssen mich manchmal ganz schön zwingen. Abgesehen von den ersten Monaten, habe ich mich die letzten Jahre doch sehr bitten lassen zum Sex im Allgemeinen und zu sexuellen Abenteuern, in die Dritte involviert sind, im Besonderen. Meine Therapeutin sagt, viele Frauen machen das. Sie nennt das »Tränchen verdrücken«. Das bedeutet, die Frau kann nicht einfach so Sex haben, es muss vorher ein kleiner, feiner Streit sein, der Mann muss eine Hürde überwinden, zum Beispiel die Unlust der Frau, durch Betteln, Verführen, was weiß ich, und dann allmählich macht man die Auster auf. Genauso bin ich. Wenn ich weiß, der Sex ist unausweichlich, breche ich einen Streit vom Zaun, für Aufschub oder sogar Ausfall, oder ich beichte ihm, dass ich wirklich keine Lust habe. Wenn er aber nicht lockerlässt und die richtigen Knöpfe drückt, die alle im Schritt liegen, dann geh ich ab, scheißegal, ob ich vorher wollte oder nicht. Dann will ich alles. Aber vorher immer schön wehren. Ziemlich anstrengend für meinen Mann. Er würde gerne auch mal von mir verführt werden. Geht aber nicht. Ich bin die Hürdenbauerin.
Das Gleiche mache ich bei jedem unserer Puffbesuche: Ich wehre mich. Und sobald ich da bin, ficke ich auf meine Mutter und bin glücklich mitten in dieser Orgie. Darf man bei drei Leuten schon Orgie sagen? Als wir angefangen haben, in den Puff zu gehen, hatte ich große Probleme mit Eifersucht. Es gab Bilder, die sich in mein Hirn eingebrannt haben und die ich nur schwer loswurde. Die lösten immer wieder im Kopf Eifersuchtsattacken aus. Bilder, wo mein Mann ganz lange und intensiv eine fremde Frau mit Zunge küsste. Ja, ich denk seit Pretty Woman, die küssen nicht, die bumsen nur. Von wegen! Und wie die küssen. Ohne Ende. Und wie mein Mann total lange eine andere Frau leckt, komm mal damit klar am Anfang! Und dann gewöhnt man sich irgendwann daran und merkt, dass es de facto gar keine, oder sagen wir: kaum eine Gefahr gibt. Eigentlich gar keine! Wir waren schon bei achtzehn Frauen. Ich habe mir alle Namen notiert. Und Notizen gemacht, wie es war. Damit ich das nicht vergesse. Grace, Amanda, Dina, Lumi, Lotus, Vanessa, Vivienne, Olga, Tina, Michelle, Melissa, Samara, Nesrin, Mira, Samantha, Jule, Ira, Diamond. Als wir Vivienne im Internet ausgesucht hatten und bei ihr reinkamen, stellte sie sich an der Tür aus Versehen als Vicky vor. Sie lachte und sagte schnell: »Vivienne, mein ich.« Sie arbeiten natürlich alle mit falschem Namen.
Am Anfang, bei den ersten Frauen, habe ich viel zu viel getrunken, weil ich so aufgeregt war, ich konnte mich nachher kaum an was erinnern und habe manchmal peinlicherweise während des Akts, der ja auch sehr teuer ist für ein Paar, Eifersuchtsanfälle bekommen, bis wir abbrechen mussten. Was vor allem für meinen Mann peinlich war, das dauert natürlich, bis die Erektion weggeht und man sich angezogen hat und dann mit schlechter Laune vor dem Puff steht am helllichten Tag. Das hat der sich anders vorgestellt. Ich aber auch.
Es hat sich für mich gelohnt, am Ball zu bleiben. Wir haben es immer wieder versucht. Ich vor allem für meinen Mann, als Geschenk, als Liebesbeweis. Die wenigsten glauben noch an Gott oder gehen in die Kirche, zum Glück, aber aus irgendeinem bescheuerten Grund glauben wir immer noch fest daran, oder hoffen es zumindest, dass Monogamie funktionieren kann. Ich habe die ersten Jahre solche Angst gehabt, meinen Mann zu verlieren, dass ich ein schreckliches Gefängnis um ihn herum aufgebaut habe. Ich habe ihm ständig unterstellt, dass er fremdgeht, mit jeder möglichen Frau in unserer Nähe. Freundinnen von uns, Kolleginnen von ihm, fremden Frauen auf der Straße, alles. Ich war wie in einem Wahn, ihm nachweisen zu wollen, dass er mich eigentlich gar nicht meint, sondern ständig wegwill, fremdbumst und sich fremdverliebt. Meine Therapeutin sagt, ich bekämpfe die Fremdgehlust in mir bei meinem Mann. Ich bekämpfe etwas bei ihm, was eigentlich nur bei mir vorhanden ist. Das sagt sie so, schon seit Jahren. Rational kann ich ihr folgen. Aha. Aber es kommt emotional nicht an. Das ist die Aufgabe der Therapie. Durch ständiges Drüberreden kommt es irgendwann auch in den Gedärmen an. Und plötzlich fühlt man sich befreit, ein Schalter ist umgelegt, als hätte die Therapeutin einen dicken Tumor rausoperiert. Man ist plötzlich frei davon, das Problem ist nicht nur rational erkannt, sondern auch emotional, und plötzlich ist es weg. Dafür liebe ich meine Therapeutin über alles und für immer! Sie befreit meinen Mann und mich von massiven lebensversauenden Problemen.
Ich habe das mit den Prostituierten so lange gemacht, bis alles gut war. Erst habe ich nur rational verstanden, dass sie mir den Mann nicht wegnehmen wollen und werden. Nach und nach habe ich es dann auch in den Gedärmen kapiert. Und jetzt bin ich frei. Wenigstens in dem Punkt. Die Eifersucht ist wie weggeblasen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die blasen mich ja auch, zwar nicht so gut wie mein Mann, aber immerhin. Durch mehrmaliges Ausprobieren haben sie für mich jeden Schrecken verloren, ich habe an mir gearbeitet, und wie! Und jetzt schicke ich ihn sogar ohne mich hin. Ich bin mir sicher, dass man das Prinzip auf Swingerclubs, Fremdgehen, Partnertausch, alles anwenden kann, wenn man nur ein paarmal mitmacht, kann man später auch den Partner locker alleine fremdgehen lassen. Plötzlich habe ich gemerkt, dass es nicht gut ist, dass er mich als Absolution immer dabeihaben will. Natürlich wird er besser behandelt, wenn seine Frau dabei ist. Es ist dann nicht so ein typisches trauriges Freier-Nutten-Verhältnis, er wird dann nicht so abgemolken, wie es den Männern meistens passiert, wenn sie allein dahin gehen. Trotzdem hatte ich irgendwann diese Eingebung, und ich dachte: Ich trau mich diesmal nicht, geh doch alleine, dann hab ich nicht immer den Druck, es hinkriegen zu müssen.
Um also für mich Druck aus der Sache zu nehmen, überwand ich meine Eifersucht und schickte ihn alleine hin. Danach habe ich, zum ersten Mal seit langer Zeit, Lust auf ihn verspürt. Richtig und in echt zwischen den Beinen. Da hat’s total pulsiert und gewummert, als er wieder zurückkam aus dem Bordell, am helllichten Tag. Ich war voller Liebe und Geilheit auf ihn. Ich habe nachher versucht, das mit meiner Therapeutin zu analysieren, damit ich diese marienhaften Erscheinungen zwischen den Beinen noch öfters haben würde. And it goes a little something like this: Gerade weil ich mich getraut habe loszulassen, weil ich keine Sorgen mehr haben muss, was da passiert, weil ich ihn freigelassen habe, ihn mit jemand anderem habe schlafen lassen, kam ich mir selber auch viel freier vor. Ich kann das nur empfehlen. Wir hatten danach den geilsten Sex aller Zeiten. Offen, frei, wild. Ich musste doch mein Revier wieder markieren. Der Arme, der musste direkt danach wieder abliefern.
In meinem Kopf ist aber noch etwas passiert, das ich gar nicht geplant hatte. Ich habe eine virtuelle Strichliste angefangen, für meine Sexgeschenke. Nach dem Motto: Ich habe dir so viel geschenkt, jetzt schenk du mir auch was. Ich habe vorher nicht gewusst, dass ich das will. Und auf einmal, nach acht Jahren Therapie, muss ich Frau Drescher recht geben. Ich habe auch Lust auf was anderes, auf einmal! Er hat es für sich immer formuliert, ich habe es bei mir nie wahrgenommen, und plopp, auf einmal ist es da, mein Verlangen, das ich so lange unterdrückt habe, ohne dass ich gewusst hätte, dass ich es tue oder was es ist.
Ich möchte gerne auch mal mit anderen Männern schlafen. Ich denke neuerdings: Warum darf er ständig mit anderen Körpern, anderen Frauen Sex haben, ich aber nicht mit anderen Männern? Das Problem ist, dass er seine Phantasie auslebt mit Prostituierten, auch weil die Situation dann so schön kontrollierbar ist. Da verliebt sich keiner in den anderen, in der Regel. Wenn ich mit anderen Männern schlafen will, schlägt er männliche Prostituierte vor. Wir haben mal im Netz recherchiert. Das kommt gar nicht für mich infrage. Die sehen alle so schwul aus. Die haben das auf der Stirn stehen. Ist doch auch klar. Der Markt existiert nur für männliche Freier, egal, ob es jetzt um weibliche oder männliche Prostituierte geht. Also sind die männlichen Prostituierten eher für Männer da. Das heißt, die sind wahrscheinlich auch schwul, sonst stell ich mir das ein bisschen schwer vor, als Heteromann für Geld mit einem Mann zu schlafen. Eher unwahrscheinlich, außer man braucht ganz dringend Geld. Ganz ganz dringend.
Ich weigere mich, das Gleiche zu machen, was mein Mann macht. Todesmutig, wie ich bin, habe ich ihm also eröffnet, dass ich jetzt auch mal dran bin und gerne Sex mit anderen Männern hätte, am liebsten – ich ließ die Bombe platzen – echten Männern, die wir schon kennen. Das ist meine Phantasie, mit Freunden von uns zu schlafen. Am liebsten mit Männern aus unserem direkten Umfeld, die verheiratet sind und Kinder haben. Jetzt muss mein Mann nur noch zustimmen. Es ist auf jeden Fall schon mal klar, dass er nicht dabei sein will. Er weigert sich, Männer anzufassen. Find ich komisch, weil ich zur Erfüllung seiner Phantasien doch auch Frauen anfasse, und wie! Na ja. Dann eben nicht. Auch mal schön, wenn ich wenigstens in einem Punkt unkomplizierter bin.
Früher, in meinen anderen Beziehungen, habe ich meinen Partner oft betrogen. Weil es irgendwann diesen Kick gibt, jemand anderes soll einen mal nackt sehen und nackt anfassen und alles weitere. Sonst spürt man sich nicht mehr, irgendwann. Ich hätte gerne mal einen anderen Schwanz im Mund, nur so. Ein bisschen Abwechslung muss sein, ohne dass jetzt direkt alles in die Brüche geht. Und obwohl man ein schlechtes Gewissen hatte, war doch ein Gefühl stärker: Ich bin attraktiv, ich werde begehrt. Und dann hat man sich direkt auch viel mehr Mühe mit dem eigenen Partner gegeben. Aus schlechtem Gewissen, der Partner hat doch auch so viel von dem schlechten Gewissen des anderen.
Und jetzt, nach dieser Erkenntnis, versuche ich das Unmögliche. Ich will, dass mein Mann mir erlaubt, mit anderen Männern zu schlafen. Ich werde ihn dazu kriegen, ich bin mir sicher, dass ich das schaffe. Es steht schließlich achtzehn zu null. Das weiß mein kluger Mann auch.
Georg fuhrwerkt immer noch in der Waschküche rum, er ist sehr genau bei allem, was er macht, ob es meine Vagina ist, die er bearbeitet, oder unsere dreckige Wäsche. Schön, hier zu liegen und zu denken. Ich denke über unser Leben nach. Unser gemeinsames Leben. Was der schon alles aushalten musste mit mir. Ich lasse immer alles raus, ich kann vor ihm nichts verbergen, immer wenn es mir schlecht geht, und das ist oft, muss er dran glauben, ich versuche mich immer weiter zurückzuziehen, ihn nicht so mit meinen Störungen zu belämmern, ich werde immer besser, aber alles, was früher geschehen ist, steht zwischen uns, ich kann es nicht ungeschehen machen. Er denkt das alles mit, wenn er mich anguckt, wenn er mit mir schläft, das gehört leider alles zu mir. Schrecklich.
Mir fällt eine schlimme, peinliche Sache ein, die ich ihm mal angetan habe.
Einmal habe ich im Wäschekorb eine Socke gefunden, die war voll mit Sperma. Ich bin mir sicher, dass es Sperma war, ich erkenne das auf zehn Meter Entfernung! Und ich bin, ohne nachzudenken, zu ihm hinmarschiert und habe ihn zur Rede gestellt. In dem Moment war ich mit Sicherheit von meiner Mutter besessen. Sie sprach aus mir raus und wollte wieder diese Beziehung zu diesem tollen, Socken vollwichsenden Mann zerstören. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie peinlich ihm das war, darüber reden zu müssen. Habe ich erst Jahre später erfahren. Jetzt ist mir das auch peinlich, aber ich habe einfach eine Tretmine nach der anderen in die Erde unter uns gelegt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Tretmine der Spermasocke ruht unter unserer Beziehung, und ich finde keine Möglichkeit, diesen peinlichen Ausraster meinerseits wieder ungeschehen zu machen.
Das ist tatsächlich das größte Problem in unserer Beziehung. All die psychischen Probleme, die ich mitbringe. Ich wollte, dass er übermenschlich stark ist und nicht all diese dreckigen Dinge macht, die Menschen so machen. Ich dachte, wenn er schon meine Eltern ersetzt, soll er auch perfekt sein. Wenn ich ihn kontrolliere, bleibt er bei mir. Und dann geht der praktisch mit einer Socke fremd. Wichst die voll anstatt mich. Warum fragt er nicht mich, ob ich Bock habe? Mir ist schon klar, warum er mich nicht fragt. Ich bin nämlich meistens depressiv, und wenn ich nicht depressiv bin, bin ich aggressiv. Da hat man keine Lust, so eine Frau zu verführen. Da ist eine alte stinkende Käsesocke attraktiver. Es war eine von seinen, nicht meine. Noch nicht mal das.
Das Schlimmste ist: Ich habe Verständnis! Ich habe so viel falsch gemacht in unserer Liebe. In meinem verzweifelten Kampf, ihn zu halten, habe ich ständig fast alles kaputt gemacht. Er hat dann in der Paartherapie gelernt, dass ich das Problem bin und nicht er, dass ich all diese Probleme in die Beziehung bringe. Dass ich ihn damit in Ruhe lassen muss. Dass er mich nicht glücklich machen kann. Dass er versuchen muss, sich so weit wie möglich aus meinen Problemen rauszuhalten. Was aber in dem Moment sehr schwer ist, wenn ich mit einer von ihm vollgewichsten Socke vor ihm stehe, die seine Frau und sein ärgster Feind aus den Untiefen der dreckigen Wäsche befördert hat. Heißt das Borderline? Wenn man das, was einem das Liebste ist, nämlich die Beziehung zu seinem Mann, täglich mit beiden Füßen tritt? Wenn man sich nichts Schlimmeres vorstellen kann, als dass er einen verlässt, aber alles dafür tut, tagtäglich, damit er es bald macht. Machen muss, um wenigstens sein Leben vor meiner verkorksten Seele zu retten.
Warum bleibt er bei mir? Warum lässt er sich das gefallen von mir? Wie kann er danach nur mit mir schlafen? Wir lieben uns abgöttisch, das ist schon mal klar, vor allem er mich, weil er immer noch bei mir ist, obwohl ich mich in den letzten Jahren leider ständig von meiner hässlichsten Seite gezeigt habe. Meine Therapeutin hat es jetzt geschafft, dass ich den Krieg nicht mehr außen ausfechte, sondern innen. Dadurch gab es eine radikale Erstverschlimmerung, aber mein Mann hat jetzt seinen Frieden. Er hat all die Ausraster, all den Hass, die Wut, die Enttäuschung über Sachen, für die er überhaupt nichts kann, nicht verdient. Nur meine Eltern sind schuld und der Lkw-Fahrer und die Zeitung!
Ich habe aber mit meinem Verhalten bis vor Kurzem so viele Wunden gerissen in ihm, dass er mich heute noch misstrauisch anguckt und einen Ausraster erwartet, wenn wir über bestimmte Dinge reden. Er hat totale Angst vor mir. Es wird Jahre dauern, bis diese Angst weggeht. Das hat meine Therapeutin sofort gewusst, sie hat gesagt, man könne nichts ungeschehen machen, sie hat mir praktisch bei allen problematischen Themen einen Maulkorb verpasst.
Ich glaube, es ist sehr eindrucksvoll, wenn ich ausraste. Ich habe schon kochende Milch über ihn geschüttet, einen Hundert-Kilo-Holztisch hochgehoben und versucht, den auf ihn draufzuwerfen. Mit allem Möglichen nach ihm geworfen und ihm körperlich wehgetan.
Im Film wird das ja oft als leidenschaftliche Beziehung dargestellt, wenn eine Frau mit Gegenständen um sich wirft. In Wirklichkeit ist das der Beweis dafür, dass die Frau komplett geistesgestört ist.
Mein Mann und ich haben mal an einem Tag sechs Pornofilme ausgeliehen. Es ist mir zwar immer peinlich, als Frau in die Pornoabteilung zu gehen. Ich fühle mich dann aber auch sehr machtvoll. Ich könnte Buh! machen, dann würden all die verklemmten Männer, die da rumstehen und normal tun, weglaufen. Gleichzeitig höre ich auch meine Mutter, die auf meiner Schulter sitzt und rumnervt: Aha, guck mal, die arme, unterdrückte Frau muss mit ihrem Unterdrückermann Unterdrückerfilme ausleihen, sonst verlässt er sie. Das denke ich alles, wenn ich da rumlaufe und nach dem Cover gute Filme aussuche. Sämtliche Arten von Fetisch kommen für uns nicht infrage. Wir mögen keine Achtzigjährigen, keine Hochschwangeren, keine Gewalt, keine Lolitas. Keine real fotografierten Filme, wo man an den Pobacken den Rasurbrand sieht. Am liebsten mögen wir alles, was so ist wie Andrew-Blake-Filme. Also haben wir von seinen Filmen sechs Stück ausgeliehen: Water, Aria, Girlfriends, Playthings, Wild und Wet. Der hat wohl einen Tick mit dem Buchstaben W, fällt mir grad auf.
An dem Abend haben wir dann nur einen geschafft. Wir gucken Pornofilme, um uns in eine Art Rauschzustand zu versetzen. Wir vergessen alles um uns rum, als hätten wir Sexdrogen genommen. Es hat was sehr Entspannendes, wenn man daliegt und anderen beim Sex zuguckt, wenn man es schafft, wie ich an diesem Abend, das kranke Eifersuchtszentrum auszuschalten. Wir haben dann wilderen Sex währenddessen oder danach als sonst. Dafür gucken wir die.
Ich musste am nächsten Tag weg für eine Nacht wegen meiner Arbeit, und schon ging mein Eifersuchtszentrum wieder an. Ich dachte, wehe, er guckt die anderen alleine und lügt mich womöglich an, wenn ich wieder zurück bin. Und guckt mit mir einen Film noch mal, obwohl er ihn ohne mich schon gesehen hat. Und während wir den gucken, gemeinsam, und während wir Sex haben, muss er immer überprüfen, was er sagt, damit er sich nicht verplappert. Das war auch die Zeit, in der ich wegen meines geringen Selbstbewusstseins nicht akzeptieren konnte, dass er alleine Pornofilme guckt. So gingen die schlimmen, einengenden Pärchenregeln, die vor allem ich aufgestellt hatte. Ich versuchte ja nur, Regeln aufzustellen, um alles besser zu machen, als es vorher in den anderen Beziehungen gelaufen war. Ich dachte damals, wenn er sich ohne mich einen runterholt, egal, ob mit oder ohne Film, dann ist das der Anfang vom Ende, ich war sehr nah an einer Taliban damals, und so sieht er mich leider auch heute noch. Ich habe viel Energie da reingesteckt, dass er dieses Bild von mir nicht mehr loswird. Niemals vielleicht.
Ich hatte einen teuflischen Plan. Als Erstes rang ich ihm unauffällig das Versprechen ab, dass er natürlich mit dem Gucken der anderen fünf Filme auf mich warten müsse. Dass er nicht ohne mich guckte. Damit fing es an. Ich wartete, bis er morgens die Wohnung verließ. Ich riss mir sechs Haare aus und legte sie auf ein weißes Blatt Papier. Ich habe nämlich lange, dunkle Haare, die sieht man auf Weiß am besten. Dann merkte ich mir die Reihenfolge, wie die Filme seit dem Sexabend gestapelt lagen. Ich kam mir vor wie in einem Agentenfilm. Ich öffnete eine DVD-Hülle nach der anderen und klemmte in einem komplizierten Verfahren jeweils ein Haar in die Mitte der DVD. Dazu hob ich die DVD von den Plastikspreizern in der Mitte ab, legte mein Haar doppelt über die Plastikspreizer, klemmte die DVD auf und fummelte mein Haar durch die Mitte ein Stückchen raus, bis ich einen Haarbogen über dem Schließmechanismus erkennen konnte. Wenn er eine DVD rausnehmen sollte, würde mit Sicherheit das Haar rausfallen. Ich probierte es aus, nahm eine DVD raus, klemmte sie wieder in der Halterung fest und suchte das Haar. Es war tatsächlich weg. Ich war sehr stolz auf mich, obwohl ich da schon ganz genau wusste, dass das falsch ist, was ich da mache. Und irgendwie ahnte ich auch, dass es nur zu Chaos und Verzweiflung führen würde, wenn ich recht behalten würde mit meiner bösen Vermutung, dass er hinter meinem Rücken nicht die Regeln meines Terrorregimes einhält. Wahrscheinlich habe ich das auch wieder von meiner Mutter, keine Ahnung, warum ich meinte, dass es ein Betrug an mir sei, wenn er Sperma verspritzt und ich weit und breit nicht in der Nähe bin. Ist ja wieder mal fast katholisch, meine Moral! Schlimm. Es ist eine self-fulfilling prophecy. Alleine, dass man die Filme bei einem Mann in der Wohnung liegen lässt, kommt mir im Nachhinein so vor, als würde man einen Knochen hinlegen und dem Wolf sagen, er darf aber nicht da drangehen. Klar klappt das nicht. Vielleicht wollte ich auch, dass das nicht klappt. Ich wollte testen, ob ich ihm vertrauen kann bis ans Ende meines Lebens, ob er ein Lügner ist oder feige, ob er die Stärke, den Mut hätte, nachher die Wahrheit zu sagen, wenn ein Haar fehlte.
Ich stapelte die Filme zurück auf den Boden in der notierten Reihenfolge. Eigentlich war schon die Reihenfolge der Stapelung ausschlaggebend: Wenn die durcheinander sein würde, wenn ich zurückkam, war doch schon alles klar. Es gab drei Stufen der Kontrolle: die Stapelung, die Haare und die Konfrontation. Das alles würde ich eiskalt wie ein Racheengel durchziehen, ohne jede Gnade für die große Liebe meines Lebens.
Ich steckte den kleinen Zettel mit der Stapelreihenfolge ganz tief in mein Portemonnaie, fuhr ab und kam am nächsten Tag wieder. Ich war ganz aufgeregt, wie ein Jäger, der eine Falle aufgestellt hat. Nur dass die Sache viel sicherer war als in der freien Natur, dass meine Falle garantiert zugeschnappt sein würde, mit einem fetten Beutetier drin, meinem Mann.
Er war nicht da, als ich heimkam. Home sweet home. Ich ließ die Tasche im Flur fallen, rannte mit Jacke in die Ecke vom Wohnzimmer, wo die Filme gestapelt lagen, um die traurige Gewissheit zu erlangen, dass ich recht behalten würde. Man kann eben niemandem trauen, man kann sein Leben nicht in die Hände eines anderen legen oder sein Herz oder sein was auch immer, seine Möse!
Ich sah sofort, dass die Reihenfolge durcheinander war, holte aber trotzdem das Portemonnaie raus mit dem Zettel. Der Zettel bestätigte es nur, sie waren durcheinander. Komplett. Kein Stein stand auf dem anderen. Nichts war mehr so wie vorher, in dem Stapel nicht und in unserer Beziehung auch nicht. Ohne jedes Unrechtsbewusstsein hatte er den Stapel stümperhaft wieder aufgebaut. Was denkt der eigentlich, wie dumm ich bin? Heftig atmend öffnete ich alle DVD-Hüllen und hielt sie ins Licht. Wäre ein Haar da gewesen, ich hätte es gesehen. Alle waren weg, bei der ersten, der zweiten, der dritten und vierten, bis zur letzten, selbst bei der, die wir schon geguckt hatten, fehlte das Haar.
Das schockierte mich mehr, als ich erwartet hätte. Ich saß da, auf dem Boden, und dachte nach. Ich wusste, dass er ein Sexmaniac war, aber so doll? Das wusste ich nicht. Er hat sechs Pornofilme geguckt, als ich weg war? An einem Abend? Oder auch schon den Tag über. Wahnsinn. Ich hatte mich ja in ihn verliebt wegen seiner ungebremsten männlichen Sexualität. Um meine Mutter zu ärgern, habe ich mich in den archaischsten, sexuellsten Mann, den ich finden konnte, verliebt und er, um seine Mutter zu ärgern, sich in mich, die Antichristin, das Gegenteil von katholisch, so unkatholisch, dass ich fast schon wieder katholisch war! Wir waren zusammen, weil wir unsere Mütter ärgern wollten, das hat auch gut geklappt, unsere Mütter zu ärgern, aber das jetzt? So viel Sexualität war selbst für mich zu viel.
Ich musste mich beruhigen und überlegen, wie ich ihn zur Rede stellen würde, um möglichst viel in unserer Beziehung für alle Zeiten zu zerstören. Und ich würde ihm verbal noch eine letzte Falle stellen, nur um mir selber zu beweisen, dass es mit ihm nun wirklich gar nicht ging.
Ich fühlte mich in meinem Wahn, mich selber kleinzumachen und mir selber die große Liebe meines Lebens zu rauben, betrogen, verraten und alleine für immer. Dafür würde ich ihn gnadenlos fertigmachen. Dafür sollte er bluten.
Abends kam er nach Hause. Da hatte ich schon hundertmal alles im Kopf geübt. Freundliche bis überschwängliche Begrüßung, wir sind ja noch nicht lange zusammen, ich muss ihn in Sicherheit wiegen.
»Und? Hast du geschafft, mit den Filmen auf mich zu warten?«
»Natürlich. Was denkst du denn! Haben wir doch so abgesprochen. Dann halt ich mich auch da dran.«
Klar!
»Würdest du auch nicht mal ganz kurz reingucken in einen Film oder zwei, wenn ich weg bin und dir langweilig ist?«
»Nein, wirklich nicht, hab ich doch grad schon gesagt, warum fragst du denn so komisch?«
Er spürt, dass da was im Busch ist. Er kriegt Panik, hat aber keine Ahnung, woher ich das wissen kann. War der Ton zu laut gewesen, hatte ich Spione im Treppenhaus? Hatte ich ihn beschatten lassen? Gibt es ein Spy-Programm, das man am Fernseher installieren kann und das aufnimmt, was jemand geguckt hat? Das hat meine Mutter immer bei ihren Männern gemacht. Mir fällt grad auf, dass ich das Misstrauen Männern gegenüber wahrscheinlich von ihr geerbt habe. Scheiße! Ja. Sie hatte eine besondere Funktion an ihrem geliebten Videorekorder der uralten Sorte. Sie konnte ins Bett gehen, und während sie schön schlief und der Mann sich durch die Programme zappte, die nachts nackte Frauen zeigen, konnte sie morgens, wenn er wieder bei der Arbeit war, in aller Ruhe nachverfolgen, wie lange er sich was angeguckt hatte. Aber was kann der Mann dafür? Dass man so gestört ist? Ich eiferte jedenfalls der gnadenlosen Richterin in Sachen Männersexualität fleißig nach.
»Ich frage, weil mich das so wundert, dass der Stapel irgendwie anders dasteht, anders als gestern, als ich gefahren bin, glaube ich, wenn ich mich richtig erinnere.«
Ich gebe ihm lauter Chancen, die Wahrheit zu sagen, ich frage immer weiter nach, so lange, bis es nicht mehr geht und ich ausrasten werde wegen so viel Feigheit, Unehrlichkeit. Insgeheim weiß ich aber, dass er es nicht sagen kann, weil ich mich bis dahin nicht gerade als Mensch präsentiert habe, dem man locker die Wahrheit sagt. Wenn man so oft ausrastet und den Liebsten bestraft, dann ist man auch selber schuld, wenn man vor lauter Angst angelogen wird. Ich verbreite Angst und Schrecken in unserer Beziehung, verachte aber gleichzeitig meinen Mann, der sich davon ins Bockshorn jagen lässt.
»Ach so, das meinst du. Ich habe gestaubsaugt, und da habe ich den Stapel umgeworfen. Auf was du achtest. Meine Süße. Und dann denkst du direkt das Schlimmste von mir, dass ich ohne dich unsere Filme geguckt habe. Mach dir keine Sorgen. Wenn ich was sage, dann ist das so. Du kannst mir vertrauen. Guck doch nicht so wütend!«
Mir reicht’s, wenn ich nicht wüsste, ganz genau, hundertprozentig, dass er lügt, gäbe es keinen Anhaltspunkt, wie ich das erkennen könnte. Das ist wirklich Angst einflößend, wenn man ganz genau weiß, dass jemand lügt, er es aber so gut macht, dass man es glauben würde, wenn man es nicht wüsste. Einfach so voll verarscht werden würde.
Ich stiere ihn mit zusammengekniffenen Augen an.
»Was ist los mit dir? Irgendwas hast du doch? Glaubst du mir nicht?«
»Genau, ich glaube dir nicht! Du ekelhaftes Schwein. Was ist, wenn ich dir sage, dass ich ganz genau weiß, dass du alle Filme geguckt hast, vielleicht nicht ganz, aber mal reingeguckt, in alle! Jeden einzelnen. Ich habe dir eine Falle gestellt, du ekelhaftes Schwein. Wie soll ich dir vertrauen? Ich lebe doch nicht mit so einem zusammen. Der sich nicht an Verabredungen hält und mir dann, obwohl er erwischt wird, fett viermal hintereinander ins Gesicht lügt! Wie soll das gehen? Ich weiß ganz genau, dass du die Filme geguckt hast, du ekelhaftes Schwein.«
»Was heißt das? Du hast mir eine Falle gestellt? Wie? Falle?«
Ich laufe raus, er sofort hinterher, wenn man frisch zusammen ist, macht man noch so Spielchen, man spielt ja immer Filme nach, in Extremsituationen, woher soll man das sonst können?
Eigentlich will man das ja gar nicht, weglaufen, man will ja nur einen Test machen, ob er hinterherkommt, dann kann man auch direkt dableiben.
Wir hatten tagelang Streit wegen der Lüge. In der Paartherapie stellte sich schnell raus, dass ich der Arsch in der Geschichte war. Ich hatte ihm eine Falle gestellt, und das wurde schlimmer bewertet als seine Lügerei.
Das Misstrauen sitzt jedenfalls, was sexuelle Dinge angeht, tief, vielleicht klappt es deswegen so gut im Bett? Vielleicht liegt es doch nicht an seiner Manneskraft oder seinem Geld. Vielleicht liegt es an seiner für mich unkontrollierbaren sexuellen Energie, wovon ich ja meistens sehr stark profitiere. Weil er es schafft, dass ich jedes Mal komme, wenn wir Sex haben. Oder liegt das wieder nur an mir? Das sagt er. Er sagt, es läge nicht an ihm, sondern an meiner Fähigkeit, wenigstens beim Sex vollkommen loszulassen, darum komme ich seiner Meinung nach immer und so heftig!
Super, wie lange ich schon hier sitze und atme und denke! Ich horche in unsere Wohnung, langsam habe ich Hunger, ich will endlich los. Es klappert aber nach wie vor in der Waschküche. Ich störe ihn dabei nicht, bin froh, wenn das erledigt ist da drin. Es ist doch verwunderlich, wie sich unsere Beziehung und wir, na ja, eigentlich ich, verändert haben in den letzten sieben Jahren. Er muss sich ja nicht so viel verändern wie ich. Er nervt ja niemanden, so wie ich es tue. Er ruht viel mehr in sich.
Früher habe ich mich an ihn geklammert, wie eine Geisteskranke, auf einmal finde ich, wir dürfen nicht so symbiotisch sein, weil wir den Bach runtergehen sonst, ich werde stärker und denke langsam, ich könnte auch ohne ihn leben. Und plötzlich kippt alles ins andere Extrem. Ich wünsche mir, er würde fremdgehen, dann könnte ich auch mal. Vielleicht mit unserer schönen Babysitterin oder einer Freundin von mir. Aber vielleicht sollte ich nicht auch noch seine Fremdgehfrau aussuchen, würde Frau Drescher jetzt bestimmt sagen. Ich weiß nicht, wie ich meinem Mann beichten soll, dass ich praktisch mit allen Männern schlafen will, die ich kennenlerne. Ich liebe ihn, und ich liebe den Sex mit ihm. Aber ich will mehr. Sexuell kann kein Mann irgendwas besser machen, handwerklich an meiner Vagina, das ganze Pornogediddeldididdel an meiner Klitoris, bis sie fast explodiert, aber ich will einfach mal einen anderen Körper zwischen meinen Schenkeln. Schrecklich manchmal, das Monogamiegefängnis!
Ich höre, wie er in der Waschküche den Wäscheständer auseinanderklappt. Der ist ein wenig sperrig. So viel Wäsche muss der aufhängen, dass er den jetzt zusätzlich braucht? Interessant.
Wie bringe ich ihm bei, dass all die Männer, in die ich in letzter Zeit ein paar Tage, ein paar Wochen verliebt war, offensichtlich keine Gefahr darstellen für unsere große Liebe? Oder ist das ein Spiel mit dem Feuer? Und viel gefährlicher, als es mir gerade vorkommt? Ich denke, wenn ich mit ihnen schlafen dürfte, dann würde die Leidenschaft kleiner, kontrollierbarer, dann wäre schnell der Zauber weg.
Er kommt endlich hoch, strahlt mich an. »Gehen wir?«
»Klar, warte, ich hol mir noch ’ne Strickjacke.«
Ich wische die Gedanken weg, ich muss das bald wieder mal ansprechen.
Wir schließen unsere Wohnung von außen mehrmals ab: Safety first! Wir gehen zu Fuß um die Ecke zu unserem Stammitaliener, Alberto. Alles ist bei uns eingespielt, das Essen, der Sex, die Laufwege durch das Viertel, alles. Ich muss beruhigt werden, nicht aufgeregt.
Georg und ich laufen die ewig gleiche Strecke, mit den genau gleichen Straßenseitenwechseln bis zum Restaurant. Wir reden nicht viel. Das ist schon lange vorbei. Manchmal halte ich seine Hand, dann lasse ich sie wieder los, weil es mir lächerlich vorkommt, sie zu halten, finde manchmal, dass wir zu alt zum Händchenhalten sind.
Meine Therapeutin sagt über Beziehung, man muss jeden Tag freiwillig zusammen sein. Jetzt habe ich aber leider jahrelang Zwang in die Beziehung gebracht. Wie ich jetzt weiß, habe ich mich in mein eigenes Bild von meinem Mann verliebt. Dann musste ich in einem schmerzhaften Prozess feststellen, dass er gar nicht so ist, wie ich dachte. Er umgekehrt bei mir auch! Und wir sind trotzdem zusammengeblieben, weil mir das, was übrig blieb nach dem Löschen aller Illusionen, auch gefiel, es war jemand ganz anderes, trotzdem aber gut für mich und gut zu mir! Dann fing ich an, ihn so verändern zu wollen, dass er so wird wie ich. Meine Therapeutin hat mir hundertmal gesagt, Frau Kiehl, was wollen Sie eigentlich? Wenn Sie es geschafft haben, ihn mit aller Gewalt so umzumodeln, dass er so ist wie Sie, dann verachten Sie ihn auch sofort, und das war es dann mit Ihrer Liebe. Also musste ich in einem schmerzhaften Prozess in der Therapie lernen, dass ich ihn jetzt doch wieder so lassen muss, wie er ist.
Ab und zu grüßen wir jemanden, den wir kennen. Wir kennen viele Leute hier im Viertel. Für uns ist das sehr wichtig, sich gut mit den meisten zu verstehen, für unsere Kinder. Wenn die hier rumlaufen, kennt sie jeder und passt mit auf. Wie eine Tierherde, alle sollen mithelfen beim Kinderschützen. Wir gucken in unser Stammcafé an der Kirche, winken rein zum Wirt, der unser Freund ist, und gehen schweigend weiter. Wie sich das gehört für Langverheiratete. Alles schläft langsam bei uns ein. Warum soll es bei uns anders sein als bei allen anderen Paaren? Er stellt immer öfter fest, dass ich für seine Stimmfrequenz taub geworden bin. Er spricht mit mir, und ich reagiere nicht. Es ist nicht böse gemeint, ich höre es einfach nicht. Mein Hirn hat abgespeichert, dass alles, was andere sagen, interessanter sein muss, weil ich ja bei meinem Mann immer wieder nachfragen kann, wenn ich was nicht mitbekommen habe. Umgekehrt ist es genauso. Ich ertappe ihn sehr oft dabei, dass er überhaupt nicht zuhört. Diese unglaubliche Gespanntheit, was der andere wohl Wundervolles mitzuteilen hat, ist völlig weg, schon seit Jahren. Die Luft ist raus. Das macht mir Angst. Hilfe, ich will da raus, ich würde gerne unsere Liebe retten oder wenigstens mich aus diesem Leben!
Wir gehen bei Alberto auf unseren festen Platz, er ist zum Glück frei, zur Not haben wir aber natürlich einen Ausweichplatz.
Wir sitzen dort immer nebeneinander, am Fenster, und gucken die anderen an, die vorbeigehen. Wir reden nicht viel, wir haben uns alle Geschichten unseres Lebens schon erzählt. Ich bestelle, wie immer, Spaghetti mit wild durcheinandergewürfeltem Gemüse, viel Chili. Habe gerade einen neuen Gott für meinen Monotheismus entdeckt: Jonathan Safran Foer. Ich liebe ihn, und ich liebe sein Buch Tiere essen. Es spielt bei jeder Mahlzeit eine Riesenrolle. Mein Mann ist manchmal eifersüchtig auf Buchautoren. Es gibt ja sonst keinen Grund, eifersüchtig zu sein, bis jetzt. Ich lese nur Sachbücher. Und bin dann direkt einer der fanatischsten Anhänger des Autors. Ich wollte Vegetarierin werden, und deswegen habe ich Foers Tiere essen gelesen. Vielleicht ist mein Mann zu Recht eifersüchtig, wenn ich Wochen und Monate von niemand anderem spreche als von Jonathan Safran Foer. Das ist mein Gott, sein Buch meine Bibel. Monotheismus, sag ich doch. Mein Mann möchte gerne, dass er immer mein einziger Gott ist. Er meint dann grinsend zu mir: »Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.« Wenn ich mich aber darauf konzentrieren kann, was Gutes zu machen, zum Beispiel Vegetarierin zu werden, dann geht es mir besser. Ich muss mich dann nicht so sehr mit meinem eigenen verwirrten Ich beschäftigen, sondern kann das mit meiner neuen Herausforderung tun. Das Foer-Anbeten.
Das Essen kommt schnell, es ist wenig los heute. Wir sind aber auch etwas spät dran fürs Mittagessen.
Mir ist es so wichtig, was andere über mich denken, dass ich mich leicht zur äußersten Härte, zu Verzicht auf fast alles zwingen kann, indem ich folgenden Trick anwende: Ich erzähle einfach jedem, dass ich jetzt Vegetarier bin, dann muss ich das in meinem Gefühl auch bis zum Lebensende bleiben, sonst verliere ich mein Gesicht. So treibe ich mich zu Höchstleistungen an. Bin dann aber auch so unsympathisch diszipliniert, dass ich die Entsagungssachen auch nicht esse, wenn ich alleine bin, wie ein trockener Alkoholiker. Ich denke dann, dass ich, wenn ich kurz schwach werden könnte, es später noch schwerer haben würde. Dann lass ich es lieber gleich ganz bleiben.
Nach dem Essen scherzen wir mit Albertos Familie rum, bezahlen den immer gleichen Preis für zweimal vegetarisches Gericht mit einer großen Flasche Mineralwasser.
Wir gehen den gleichen Weg wieder zurück in unsere Wohnung. Georg zieht erst mal seine Hose aus, als wir reinkommen, schlüpft in seine Cowboyunterhose und versucht, dem Chaos Herr zu werden, das meine Tochter und ich täglich in der Wohnung anrichten.
Ich schlage die Zeit tot, weil ich ohne Kind keine richtige Aufgabe spüre. Mit unserer scheiß Patchworkfamilie muss ich regelmäßig damit klarkommen, dass mein Kind bei seinem Vater ist. Gut für sie und ihn, schlecht für mich. Aber mal Ruhe. Die Kümmermaschine läuft im Leerlauf, die egoistische Frau, die ich vor meinem Kind war, kann sich voll gehen lassen. Eigentlich wieder Kind sein.
Ich beobachte meinen Mann. Er ist sehr ordentlich, viel ordentlicher als ich. Hat er von seiner Mutter gelernt. Obwohl sie sehr frauenfeindlich ist, hat sie ihrem Sohn alles beigebracht, was den Haushalt betrifft, wahrscheinlich damit er niemals von einer Frau abhängig sein müsste. Deswegen kann er alles besser als ich. Meine Mutter hat mir im Haushalt nichts beigebracht, damit ein Mann niemals wegen meiner haushälterischen Fähigkeiten mit mir zusammensein wollen würde. Das hat auch gut geklappt. Er ist mit mir zusammen, weil er mich liebt, völlig unabhängig davon, was ich kann, außer vielleicht dem Blasen, das spielt bestimmt eine Rolle. Bestimmt. Aber sonst nichts.
Es ist oft ein Thema zwischen uns: das Aufräumen. Für die Liebe versucht er mir entgegenzukommen, und ich versuche ihm entgegenzukommen. Das bedeutet, dass ich immer ordentlicher werde und er immer unordentlicher. Wir arbeiten auf jedem Gebiet an uns, um das Unmögliche möglich zu machen: für immer zusammenzubleiben. Geben uns immer beide wahnsinnige Mühe, dass der andere auch immer kommt. Er sorgt dafür, dass ich mehrmals komme, bei fast jedem Sex. Ich kann ja nur dafür sorgen, dass er einmal kommt, dann war es das ja, bei Männern ist das eben etwas ärmlicher, was die Orgasmusfähigkeit angeht.
Er sieht meinem Vater sehr ähnlich. Er sieht aus wie ein alter Mann, das ist ja das Schöne. Ich kaufe ihm immer noch Sachen, in denen er älter aussieht, weil ich mittlerweile finde, dass er ruhig noch älter sein könnte. Frau Drescher sagt, ich soll lieber aufhören, diesen Vaterkomplex noch weiter auszubauen. Ich soll lieber meinen Mann in meinem Mann sehen und nicht meinen verlorenen Vater. Das kann ich aber noch nicht. Ich hatte schon die Idee, ob ich mir nicht einen viel, viel älteren Liebhaber suche, um eventuell diesen Vaterkomplex von meinem Mann zu lösen, damit wir einfach nur als Mann und Frau zusammen sein können und nicht auch als Vater und Kind. Das klingt für mich und auch eigentlich für meinen Mann und bestimmt auch für Frau Drescher wie ein guter Plan. Auch wenn mein Mann das bestimmt lange nicht einsehen wird. Das wird der schon. Irgendwann.
Ich habe ja viele Probleme, aber das eine gehört nicht dazu: dass ich nicht dumm rumsitzen kann, wenn jemand anderes um mich rum aufräumt.
Mein Mann trägt richtig gute Alte-Männer-Sechzigerjahre-Klamotten, hat einen großen Schwanz, der sich immer durch die Hose abzeichnet, wie bei meinem Vater auch. Das macht ihn, glaub ich, so entspannt, wie es mein Vater auch immer war. Reich und genital gut bestückt. Das macht einen Mann extrem locker. Keine Profilneurose nötig! Er muss nichts darstellen, was er nicht ist, muss nie hochstapeln oder mit Krieg von irgendwas ablenken, wie Sarkozy zum Beispiel. Ist ein richtiger starker Kerl. Auch wenn er grad da vor mir den ganzen Haushalt schmeißt. Ich liebe ihn doch wahnsinnig. Ich würde alles für ihn tun. Außer treu sein, natürlich.
Er ist jetzt in der Küche und räumt die Spülmaschine aus. Das ist absolut seine Aufgabe, ich mache das fast nie, es ist immer schon erledigt, wenn ich es mal machen will. Wenn ich so darüber nachdenke, wie wir zusammengekommen sind, konnte ich doch nur ahnen und überhaupt nicht wissen, wie gut sein Schwanz in mich reinpasst. Aber wer weiß? Ich traue unseren tierischen Instinkten eine Menge zu, vielleicht habe ich das gerochen? Wie perfekt er in mich reinpasst und mit seiner Biegung jedes Mal den G-Punkt trifft. Glück kann das doch nicht sein. Ich glaube an Zufall oder tierische Instinkte, eins von beiden war es, mehr nicht! Frau Drescher meint übrigens, der G-Punkt und seine Existenz seien nur eine Glaubensfrage. Es gibt viele sich widersprechende Theorien darüber, es ist nicht abschließend erforscht, ob und wo es ihn gibt. Gut, dann gibt es wenigstens eine Sache, an die ich gerne glaube, die nicht beweisbar ist.
Die größte Herausforderung für mich, als wir zusammengekommen sind, war natürlich mein Stiefkind. Ich hatte ja nur schlechte Erfahrungen gemacht mit Stiefvätern oder -müttern. Entweder musste ich sie auf Knopfdruck für die Mutter lieben oder sofort für tot erklären, wenn die Mutter sich wieder mal entliebt hatte. Meine Herausforderung mit meinem Stiefsohn Max, der auch noch genauso alt ist wie Liza, war, alles besser zu machen als meine Stiefväter und meine schlimme Stiefmutter. Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass das nicht so einfach ist. Ich bin von Anfang an gemein zu dem Kind gewesen, eifersüchtig. Auf die bedingungslose Liebe seines Vaters zu ihm. Ich dachte mir immer: So liebt der mich nicht. Ganz sicher nicht. Das kenn ich doch irgendwoher. Plötzlich wusste ich, wie meine verhasste Stiefmutter sich immer gefühlt hatte. Ich war wie ein Mann, der seine Frau schlägt. Ich will es nicht machen, entschuldige mich jedes Mal, wenn es passiert, und gelobe Besserung. Kriege aber die Besserung nicht hin. Weil die Gefühle, die Komplexe, meine Kleinheit, meine Verlustängste, der Hass, die Wut, die Trauer viel größer sind als meine Fähigkeit, damit aufzuhören.
All das hat mich jedes Mal überrollt, wenn ich Kontakt zu meinem Stiefsohn hatte. Ich nahm mir fest vor, damit aufzuhören. Ich wusste genau, die große Liebe meines Lebens wird mich verlassen, früher oder später, wenn ich das nicht hinkriege. Und ich habe es jahrelang nicht hinbekommen. Ich war zu meinem Stiefsohn unmenschlich hart. Weil ich es auch nicht anders erfahren hatte. Das war ein ganz klarer Gedanke, an den ich mich erinnere: Warum soll er es besser haben als ich? Warum? Ich war zu meiner Tochter immer freundlich und gnädig, wie man so ist, wenn es das eigene Kind ist, die eigenen Gene. Bei ihm habe ich ganz andere Maßstäbe angesetzt. Er konnte mich nie zufriedenstellen. Ich war kalt und böse und niederträchtig zu ihm. Das wurde über die Jahre so schlimm, dass der Kleine Angst vor mir bekam. Wenn sein Vater wegmusste, zu einem Termin, und das Kind bei mir bleiben sollte, guckte er mich mit Panik in den Augen an und fing an zu weinen. Er klammerte sich an seinen Vater, weil er es auf keinen Fall wollte. Ich spürte, es läuft was falsch, massivst, ich konnte es aber nicht abstellen, nicht länger als einen oder zwei Tage. Dann kam immer das Böse in mir zurück. Ich war nicht gerne so, aber ich war sehr gut darin. In seelischer Grausamkeit. Also, wenn ich was kann, dann das.
Wir haben unterschiedlich große Bauklötzchen aus Pappe, die an einer Seite offen sind. Der Unterscheid in den Größen ist minimal, wenn man nicht alle perfekt ineinanderschiebt, passen sie nicht ineinander, und es bleiben welche übrig. Das ist sehr schwierig für so ein Kind. Er konnte sich vor Angst nicht konzentrieren. Ich sagte ihm, das schaffst du sowieso nicht. Und er schaffte es auch nicht. Nie. Er fummelte nur an den Bauklötzchen rum und guckte mich mit totaler Panik in den Augen an. Ich musste ihm nie körperlich etwas tun, Blicke reichten. Ich stand weit über ihm, er kniete mit den Klötzen auf dem Boden, und ich stierte ihn nur an. Eine grausame Ewigkeit. Er heulte Rotz und Wasser. Ich musste nur früh genug mit dem Spielchen aufhören, damit mein Mann nicht die verheulten Augen sah. Wenn Georg wieder da war, taten Max und ich so, als wäre nichts gewesen. Ich hatte mit ihm gespielt und versucht ihn zu beschäftigen, er konnte das Spiel nur leider nicht so gut. Das ist, was ich als Erklärung parat gehabt hätte. Ich musste aber nie was erklären. Mein Mann spürte, dass etwas nicht stimmte, aber so etwas Grausames hätte er sich bei seiner geliebten Frau nicht vorstellen können. Das Einzige, was er wusste, war, dass sein Sohn ungern mit mir alleine war. Aber gefragt hat er nicht. Er hat wahrscheinlich nur alles Mögliche unternommen, um zu verhindern, dass wir allein zu Hause waren, mein Stiefsohn und ich.
Aber ich konnte nicht aufhören. Ich habe den Stiefsohn als Fremdkörper gesehen. Er war das Produkt von Georgs Liebe zu einer anderen Frau. Alleine das trieb mich schon in den Wahnsinn. Und warum ich abtreiben musste, er aber mit ihr damals ein Kind haben wollte und auch bekommen hat. Ich hatte wie bei den Gorillas das Gefühl, dass man ein Kind aus alten Beziehungen auch einfach totbeißen könne. Er störte mich in meinem Leben, machte unser Leben komplizierter, schon dass ich mich in meinem Hass auf das Kind nicht zügeln konnte, machte viel von unserer Liebe kaputt.
Mein Mann schlug vorsichtig vor, gemeinsam in Therapie zu gehen, nicht nur ich allein, falls unsere Liebe diesen Hass auf seinen Sohn überstehen sollte. Wir stritten uns ständig über Erziehungsfragen. Ich wollte, dass er härter zu seinem Sohn war. Natürlich fand ich, dass er ihn verwöhnte. Und, Achtung: Ich fand auch, dass der Junge zu viel aß. Ganz im Ernst versuchte ich meinem Mann nachzuweisen, dass sein Sohn bei uns zu viel essen würde. Ich war gemeingefährlich. Dieses Kind musste vor mir geschützt werden. Jahrelang waren wir deswegen in Therapie zusammen, damit mein Mann verstand, warum ich seinem Sohn ständig den Tod an den Hals wünschte.
Warum er bei mir geblieben ist, das mit mir durchgestanden hat? Mir ist das immer noch unbegreiflich, gerade weil ich mir nicht sehr liebenswert vorkomme, bin ich auch nachweislich in vielen Punkten nicht! Bis die Therapeutin mir das rausoperiert hat. Wie immer, bei allen Problemen, ging das so: Reden, reden, gnadenlos, vor allem mit mir. Ich beichte ihr, wie böse ich bin. Ich flehe sie an, mir das auszutreiben, damit ich nicht meine Liebe kaputt mache. Dass sie mir helfen soll, dieses liebe, hübsche, unschuldige Kind vor mir zu schützen. Das hat Jahre gedauert. Aber plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war ich geheilt. Der Böse-Stiefmutter-Dämon war ausgetrieben. Dafür habe ich sehr viel Geld bezahlt und mir jahrelang den Mund fusselig geredet, gegen mich und meine Stiefmutter angeredet. In all der Zeit hat mein Stiefsohn immer wieder versucht Kontakt zu mir aufzubauen. Ich wollte es nie, aber er hat mir immer wieder seine Hand gereicht. Das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Hat der denn kein Gedächtnis, konnte er sich denn nicht merken, dass ich ihn hasse? Max dachte sicher: Wenn mein geliebter Vater diese Frau so liebt, muss doch was dran sein an ihr. Er liebt mich und will unbedingt, dass ich ihn zurückliebe.
Meine Therapeutin hat immer gesagt, er spüre hinter meinen Ausrastern meine Not, er sehe es ganz klar, er wisse, dass ich das eigentlich nicht will. Ich wollte einfach vor mir selber nicht zugeben, dass ich ihn auch liebe. Ich dachte wirklich, es wäre nur Platz in meinem Herzen für ein Kind. Für mein Kind. Und dass dieses kleine männliche Wesen mir meinen Mann wegnimmt oder es sogar irgendwie zustande bringt, dass seine Eltern wieder zusammenkommen. Als Scheidungskind weiß ich ja, wie stark der Wunsch ist, die Eltern wieder zusammenzuhaben.
Seit ich dieses Problem mit Max überwunden habe, bin ich noch wütender auf meinen Vater und meine Stiefmutter. Sie haben sich nie Hilfe geholt. Er lässt es bis heute zu, dass meine Stiefmutter mich wegen ihrer Komplexe schlecht behandelt, dass sie eifersüchtig ist auf mich. Und versucht, so wie ich es lange bei meinem Mann versucht habe, meinen Vater von ihrer Sicht zu überzeugen. Ja. Nur dass mein Vater ihr nicht, wie mein Mann es bei mir getan hat, ein Ultimatum setzt: Entweder änderst du dich und überwindest deine Probleme mit dir selbst, oder ich verlasse dich. Nein, er bleibt schön bei ihr und lässt zu, dass sie fast dreißig verfickte Jahre einen Keil zwischen uns treibt.
Ich habe das nur drei oder vier Jahre getan. Was heißt nur? Vier Jahre zu viel. Vor allem für mein kleines Stiefkind. Und auch für meinen Mann. Meine Therapeutin hat mich dafür fertiggemacht, weil ich ihr, damit ihre Arbeit schneller fruchtet, auch alles Böse, was ich mache, schonungslos erzähle.
Wenn man lange in Therapie ist, sieht man Sachen an Leuten, die sie selber kein bisschen wahrnehmen. Sagen darf man es aber nicht. Man soll ja nicht an anderen rumtherapieren, man hat es ja nicht studiert, man ist nur selber in Behandlung. Frau Drescher sagt, auch meine Freundin müsse selbst drauf kommen, dass sie die Geschichte ihrer Mutter wiederholt, sie muss sich selber Hilfe holen. Die Mutter wurde von ihrem Mann geschlagen, das weibliche Vorbild der Tochter war die Opferrolle, und genau das sucht sie als erwachsene Frau jedes Mal und immer wieder in jeder einzelnen Beziehung zu ihren Männern. Und dann lamentiert sie aber über jeden neuen Prügelausraster, als wäre es ein riesiger Zufall, dass sie immer an die Falschen gerät. Als würde sie nicht aus lauter Masochismus genau die Falschen aussuchen. Zielsicher, immer wieder. In ihrer Wahrnehmung sind alle Männer Schläger. Nein, Baby, nur in deiner Welt, die du dir baust! Es gibt Frauen, die suchen sich Männer aus, die ihnen helfen, sie stark machen und aufbauen. Das weißt du gar nicht, wie das ist. Das wirst du aber nur mit viel Arbeit an dir selbst rausfinden können. Du meinst, du bist nicht so verrückt wie ich, du musst nicht in Therapie. Frag mal alle um dich herum, wie sie unter dir leiden, unter deinen Komplexen, deiner Wut, deinen Aggressionen, alles good will, aber wie lange noch?
Georg kommt lächelnd rein. Er scheint fertig zu sein.
»Und, was machen wir jetzt noch Schönes? Wir haben doch kinderfrei.«
»Weiß nicht, was willst du machen?«
Das mache ich immer so, ich bestimme solche Sachen nicht gerne. Essen gehen, Ausflüge und Ähnliches sind sein Gebiet. Es regt ihn immer auf, dass ich nicht mal was vorschlage, immer muss er es machen. Ja, so ist das. Aber ich arbeite dran, auch darin besser zu werden.
»Nein, du sagst jetzt, worauf du Lust hast, Elizabeth.«
Wusst ich doch, dass das wieder kommt. Ich muss mir jetzt krampfhaft was ausdenken. Oh, Mann, wie im Bett, wenn ich so tun muss, als hätte ich eigene Wünsche, nur damit er den Mund hält!
Ich sauge mir was aus den Fingern: »Wir gucken natürlich heute noch im Internet, wer im Paradise alles arbeitet morgen, für unser Abenteuer.« Sehr mutig von dir, Elizabeth, damit von alleine anzufangen. »Also bleiben wir heute Abend zu Hause, bestellen Indisch und beim Videotaxi einen Film.«
»So machen wir das. Schön.«
Er setzt sich neben mich auf unsere Designerpaartherapiecouch und legt seinen Kopf in meinen Schoß. Ich glaube, auch er vermisst eine gute Mutter, die er nicht hat. Nur scheint das bei ihm nicht so viele Schäden verursacht zu haben wie bei mir. Oder er macht nicht so viel Brimborium drum. Könnte auch sein.
Ich streichele über sein schütteres Haar und knete ganz leicht sein speckiges Ohrläppchen zwischen meinen Fingern. Das mache ich immer, wenn sich die Gelegenheit bietet. Da spüre ich meinen Darm, weil ich aufgeregt bin wegen unserem Sexausflug morgen. Puh.
Wir waren am Anfang nur im Ausland bei Prostituierten. Wir fühlten uns verfolgt wegen der Druck-Zeitungsleute, obwohl das Jahre her ist. Mein Leben wird bestimmt davon, ob die, meine größten Feinde, was rauskriegen können. Jeden Tag vor dem Badezimmerspiegel stelle ich mir vor, dass sie unserer Putzfrau Geld angeboten haben, viel Geld, sonst würde sie das nicht machen, für Nacktbilder von uns, und sie nur zur persönlichen Belustigung in der Redaktion haben wollen. Ich habe nach wie vor das Gefühl, ich darf nicht machen, was ich will, frei bestimmen, weil sie es mir sonst mit einem Fotoapparat wegklauen. Das, was mein Persönlichstes ist.
Nach und nach wurden wir aber mutiger mit der Auswahl unserer Puffs. Bis wir in der eigenen Stadt gelandet sind. Man gewöhnt sich an alles. Unser Lieblingsort ist das Lulu in der Altstadt. Dort herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre. Wir kennen da jede Frau. Und Frauen als Freier oder auch nur als Gäste an der Theke sind herzlich willkommen. Wenn wir dort sitzen, kommen wir uns so zwanzigerjahremäßig vor. Wie richtige Lebemänner und -frauen. Im Lulu hatten wir eine der schönsten Erfahrungen mit einer brünetten Frau. Die Damen dort cremen sich immer den ganzen Körper ein. Die sind viel weicher als Frauen wie ich, die mit ihrem Körper kein Geld verdienen müssen. Ich habe schon raue Stellen hier und da. Am Knie, die Ellbogenhaut oder auch unter dem Po, die Sitzfläche. Die Damen in der Bar aber nicht. Sie riechen immer gut, überall, und cremen sich wie verrückt ein. Grace hieß die tolle Erfahrung. Sie war lustig, was für uns immer das Wichtigste ist. Und konnte ziemlich gut Deutsch. Sie war klug und vor allem nett zu mir. Das hat sie psychologisch schlau gemacht, weil ich es ja schon oft habe kippen lassen, aus lauter verzweifelter, unsinniger Eifersucht. Sie musste mich erst beschwichtigen, danach durfte sie machen mit meinem Mann, was sie oder er wollten. Als sie mich auf ihrer Seite hatte, konnten beide machen, was sie wollten, ich war dann sehr locker, ausnahmsweise mal, und stand über den Dingen, ich war nicht misstrauisch und argwöhnisch, kontrollierte jeden Finger und wo der reingeht und wie lange der wo drin bleibt.
Unten in der Bar haben wir Grace kennengelernt. Getränke für einen selbst kosten das Vierfache vom normalen Kneipenpreis. Wenn man eine Dame einlädt, zahlt man locker das Zehnfache. Nur damit die schöne Frau mit uns spricht. Das ist so ähnlich, als würde man einem unbeliebten Kind ein paar Salamis um den Hals binden, damit wenigstens die Hunde mit ihm spielen. So ist das eben in einem Etablissement. Man kann sich nicht einreden, dass man nett und beliebt ist und die Damen einen bestimmt auch so abschleppen würden. Nein, man muss für jeden Pups bezahlen.
Wir kauften ihr also eine Flasche Sekt. Sie gab den Kolleginnen noch was, damit die auch schneller leer ist und wir bald eine neue kaufen müssten. Und sie fing direkt an, mich zu küssen. Sie hatte warme, weiche Lippen. Ich versank förmlich in ihnen, mit meinen dünnen Engländerinnenlippen. So was hatte ich noch nie am Mund gehabt. Wow, war das schön. Das hätte ich stundenlang machen können, ich hatte alles um mich herum völlig vergessen. Dachte noch: Oh nein, mein Mann will bestimmt auch mal, ich muss kurz aufhören. Sie fasste mir direkt an die Brust, da an der Theke. Ihre Lippen an meinen, ihre rechte Hand an meiner linken Brust, und aus den Augenwinkeln sah ich, wie ihre Hand in den Schritt meines Mannes wanderte. Sie machte ihren Job sehr gut, wie eine Krake.
Wir gingen schnell auf eins ihrer Zimmer, die über der Bar sind. Schön mit Betten aus Gummi, alles abwaschbar. Richtige Gummikuben, wie Plastiken. Auch ein bisschen wie eine Opferstätte. Das Ding steht mitten im Raum, ist auch viel höher als gewöhnliche Betten. Ich glaube, dass das gehobener Standard sein soll. Da könne man dankbar sein, wie das da aussehe im Vergleich zu anderen Etablissements, wurde mir gesagt. Meine Heizdecke fehlte mir trotzdem. Kann man vielleicht mitbringen beim nächsten Mal.
Sie fragte, ob ich baden wolle, mit ihr. Klar! Irgendwie muss man ja anfangen, diese anfängliche Peinlichkeit überwinden. Sie ließ Badewasser einlaufen, Georg freute sich sichtlich. Er hatte schon einen stehen, das geht bei ihm immer sehr schnell. Erst stieg Grace in die Badewanne, dann ich, sie hat nur ein bisschen Schaum reingemacht, damit Georg noch sehen kann, was passiert. Er setzte sich auf den Klodeckel. Sie machte mir Komplimente, ich ihr, wir lachten noch etwas verschämt. Das ging aber schnell weg, sobald wir uns ein paarmal richtig lange mit Zunge geküsst hatten. Ich entspannte mich langsam. Ich durfte alles machen. Ohne zu fragen. Sie ließ mich ihren ganzen Körper ertasten. Damit ich besser an sie rankam, kniete ich mich vor sie hin. Sie machte ihre Beine breit, ich streichelte ihren Hals, ihre Brüste, sie spiegelte jede Bewegung, die ich machte. Ich fingerte sie, was etwas schwierig war, weil Wasser einen bremsenden Effekt hat, ich tauchte mit dem Kopf unter Wasser, um sie so lange zu lecken, wie ich unten bleiben konnte. Ich dachte an meinen Vater, der immer zu mir gesagt hat, wenn du denkst, du stirbst unter Wasser, beim Tauchen, kannst du immer noch mal doppelt so lang unten bleiben, und nichts passiert.
Ich kam prustend und nach Luft schnappend wieder hoch. Georg hatte sich da schon an ihre oberen Lippen angedockt. Seine Hand massierte ihre linke Brust. Dann küsste er mich wieder. Sie fingerte mich. Das Eis war gebrochen, jede Anspannung fiel von mir ab. Es gab keine Gefahr mehr. Wir legten uns zu dritt auf den Plastikkubus. Ich konnte jetzt steil gehen. Georg zog sich schnell aus, er wollte auch mal. Hatte mir lang genug den Vortritt gelassen.
Er kommt nie in einer Prostituierten. Scheint so ein Katholikending zu sein. Ich kann damit nichts anfangen, aber wenn er meint. Er will immer nur in mir kommen. Ich habe ihn ja im Verdacht, dass er so heimlich statuiert, dass auch kein anderer Mann in mir kommen darf. Kann das sein? Wir werden sehen.
Die zwei teuren Stunden mit Grace verflogen wie nichts. Sie hatte nachher ihren kleinen Kulturbeutel im Zimmer vergessen. Den habe ich mir als Andenken an die schöne Erfahrung mit ihr eingesteckt. Also geklaut, könnte man dazu sagen.
Jetzt betrachte ich meinen geliebten alten Mann, wie er da mit seinem Kopf in meinem Schoß liegt. Ich frage mich, ob ich mich selbst verleugne, wenn ich das alles für ihn mache. Ich kann die Antwort in mir nicht finden. Ich traue mir alles zu, dass ich mich selbst verleugne und es nicht merke, ist wirklich möglich.
Er schwingt sich wieder hoch, genug Romantik für einen Tag.
»Ich gehe noch rudern, zwanzig Minuten. Bestellst du Essen und suchst einen Film aus?«
Er hat im Keller ein schönes kleines Rudergerät aus Holz stehen, Spezialanfertigung, perfekt auf seinen Körper und sein Leiden abgestimmt.
»Ja, mach ich. Nimmst du auch vegetarisch?«
»Nein. Lamm bitte.«
Er verschwindet nach unten, ich gehe auf die Website von unserem Videotaxi. Ich will schon lange Anatomie einer Entführung sehen, er eher nicht. Ich bestelle ihn für heute Abend. Ich rufe im Bombay an, dem besten Inder in unserer Stadt. Meine ganzen englischen Verwandten haben dieses Restaurant für gut befunden, und das soll mal was heißen, die sind sehr kritisch. Bis das Essen kommt, vergehen mindestens fünfundvierzig Minuten, aber es lohnt sich. Ich vermisse meine Tochter. Ich habe nichts Vernünftiges zu tun. Schreckliches Leben, ohne Kind, auch.
Nur weil Frau Drescher das wichtig findet, lehne ich mich wieder auf der Couch zurück und atme noch mal tief durch. Oben in der Ecke an unserem Stuckspiegel sehe ich die ganzen schönen Spinnweben. Manchmal habe ich sie nicht mehr alle. Ich bin nämlich schuld, dass die da sind, weil ich unserer Putzfrau gesagt habe, sie dürfe auf keinen Fall Spinnweben in unserer Wohnung wegsaugen. Das fand die zwar sehr merkwürdig, hält sich aber dran.
Dieser Gedanke kam mir, weil die Kinder doch in der Schule lernen, dass eine Spinne ein Nutztier ist, dass sie uns Menschen nützt. Uns tut sie nichts, aber sie frisst die Mücken, die uns nerven, und die Ameisen und alles, was uns stört. Aber keiner will Spinnen in der Wohnung haben. Wir haben jetzt dank meiner guten Idee ein intaktes Biosystem, in fast jeder Ecke hängt jetzt ein Spinnennetz, und die Spinnen leben mit uns zusammen und helfen uns, die Mücken zu beseitigen, und ich habe das Gefühl, dass ich nicht zu den bösen Menschen, sondern zu den guten gehöre, weil ich wie ein Indianer versuche, im Einklang mit der Natur zu leben. Das geht wunderbar. Kann ich jedem nur empfehlen.
Ich muss mir die Welt in Gut und Böse einteilen, weil ich sonst unfähig werde, politisch zu sein. Wenn man alle Fürs und Widers und Ausnahmen von der Regel beachtet, ist man nachher so verwirrt, dass man gar nichts mehr macht. Gegen nichts. Wenn man aber die Menschen einteilt in gute und böse, Firmen in gute und böse, dann kann man auch was unternehmen. Man muss sich entscheiden, wogegen man ist. Was man gut findet. Und dann: Ran an die Buletten. Kämpfen gegen alles, was schlecht ist. Erst mal lernen, zu verzichten auf böse Sachen, dann den anderen erklären, dass sie mitmachen müssen. Wie in dem Lied von Michael Jackson, »Man In The Mirror«: And if you wanna make the world a better place take a look at yourself and make a – change! Bei sich anfangen. Das ist am Anfang sehr schwer. Aber wenn man das einmal geschafft hat, zu entsagen, und daran gewöhnt man sich schnell, dann ist man in einem Heiligkeitsrausch. Ich, Umweltnonne.
Der Unfall hat wirklich komplett meine Persönlichkeit geändert. So war ich doch früher nicht. Das macht einen einsam und schwach. Und Stefan war nach dem Unfall auch viel zu schwach, um mir zu helfen. Ich habe mich in genau dem Moment in Georg verliebt, als er auf meine Frage: »Wie sieht eigentlich für Sie so ein normaler Tag aus?«, Folgendes antwortete: »Ich gehe zur Arbeit und arbeite erst mal alle unangenehmen Dinge ab, die ich am Tag vorher auf einer Liste festgehalten habe.«
Geigen, rosa Himmel, das war der Mann für mich. Er ist ein Anpacker! Genau das, was ich brauche. Für all meine Probleme und mit all den Katastrophen, die noch kommen sollten. Mord und Totschlag, einstürzende Hochhäuser. Genau der Richtige.
Gleich als ich mit meinem Mann zusammenkam, war ich auch schwanger von ihm. Habe es natürlich, verliebt, wie ich war, auf seine starken Spermien geschoben. Es muss doch an den starken Spermien gelegen haben, durch die Antibabypille durch. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich aber auch so viel Schnaps getrunken, dass ich mich andauernd übergeben musste. Schlecht, um die Pille drin zu behalten. Jedenfalls waren wir sofort schwanger. Er wollte unbedingt, dass ich abtreibe. Ich dachte erst: aber warum? Wir lieben uns, wir haben Geld und Zeit. Er nannte die ungeklärten Verhältnisse als Grund für seine strikte Ablehnung des Kindes. Er war da sehr sachlich, mir viel zu sachlich. Es war doch ein Kind der Liebe! Ich komme von Hippie-Eltern, da hat man so einen Scheiß in sich. Wir stritten uns nur noch. Grad frisch verliebt und dann solche Entscheidungen treffen.
Er wollte seinen ersten Sohn nicht verlieren, davor hatte er große Angst in der Anfangsphase, er dachte, er betrügt sein babykleines Kind, wenn da sofort ein neues hinterherkommt. Schon sehr früh in der Diskussion merkte ich, dass ich ihn weniger zu einem Kind zwingen wollte als er mich zur Abtreibung. Eine Abtreibung ist erst mal kurz und schmerzlos, ein Kind ist eine halbe Ewigkeit da. Ich wollte jeden Tag heulend nur ein einziges Mal den Satz hören: dass es ihm leidtue um unser Baby, dass es einfach nur schlechtes Timing war und dass er bestimmt bald mit mir zusammen ein Kind kriegen wollen würde. Aber er hat sich geweigert, mir das zu sagen. Ich flehte ihn an, ich bettelte, ich erniedrigte mich für den einen Satz, dass es ihm leidtue um unser Baby. Er dachte aber wohl, wenn er den Satz sagt, ist er nicht mehr in der Lage, die Abtreibung durchzuziehen. Er wollte sein Kind nicht noch mehr verraten, er hatte ja die Mutter seines Kindes schon verlassen. Das haben wir in der Paartherapie gelernt: Man verlässt als guter Vater nicht das Kind, sondern nur die Mutter des Kindes, ganz wichtig! Ihm gab es eindeutig zu viel Durcheinander in der neuen schlimmen Patchworkfamilie.
Er weigerte sich jedenfalls, diesen Satz auszusprechen. Er sagte nichts Nettes, immer nur wieder den Satz, das muss weg, das passt grad nicht. Vielleicht dachte er auch, es wäre eine Falle: Wenn er das aussprechen würde, würde irgendwas passieren, würde ich ihn für irgendwas verhaften. Auch wenn ich litt wie ein Hund, ich dachte irgendwann, so sehr, wie er es nicht will, so sehr will ich das Kind aber auch umgekehrt nicht haben. Also gewann er diese Auseinandersetzung. Als ich mich bereit erklärte, war er schon wieder viel netter zu mir, weil er nicht mehr diese Front aufbauen musste. Die schwierige Entscheidung war gefallen, jetzt musste sie nur noch umgesetzt werden. Da waren wir wieder ein Team, das war viel besser.
Ich erinnere mich sehr gerne daran zurück, an die Abtreibungsklinik, so einfühlsame und vorsichtige Arzthelferinnen habe ich seitdem nie wieder getroffen. Man wurde dort so in Watte gepackt, dass ich dachte, hier würde ich gerne öfters sein. Ich fühlte mich wie auf Glücksdrogen. Vielleicht wollte ich tief in mir drin das Kind auch nicht und war nur von Georgs absoluter Ablehnung geschockt. Ich habe das persönlich genommen. Und bin bis heute neidisch oder eifersüchtig auf seine Exfrau, warum er sich hat breitschlagen lassen, mit ihr ein Kind zu kriegen und mit mir nicht.
Einmal, Jahre danach, erzählte er mir, dass er auch nicht der Meinung gewesen sei, dass ich psychisch stabil genug war oder es immer noch nicht bin, um überhaupt ein Kind zu haben. Und erst recht kein zweites. Na danke! Nach der Abtreibung des Produkts unserer Liebe hat der Abtreibungsarzt, der sehr gut und nett war, uns gesagt, wir dürften wegen der Entzündungsgefahr erst mal keinen vaginalen Sex haben. Aha, dachten wir beide und guckten uns an, aber nur keinen vaginalen! Weil er so dankbar war, dass ich abgetrieben hatte, also mein Mann jetzt, nicht der Arzt, waren wir uns so nah, dass wir sofort miteinander schlafen wollten. Wir hatten den besten Analverkehr, nein, eigentlich den besten Sex aller Zeiten überhaupt in unserem Leben, auf dem Grab unseres ungeborenen Kindes. Gleich als wir nach Hause kamen.
Der Weg, nur ein paar Hundert Meter, musste noch zu Fuß geschafft werden. Ich wurde von meinem Mann auf wackeligen Beinen gestützt, das Bild werde ich nie vergessen und das schöne, extrem seltene Gefühl, gestützt zu werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Und als wir dann zu Hause ankamen, sind wir wie die Tiere übereinander hergefallen, für Sex braucht man ja die wackeligen Beine nicht unbedingt. Alle Konflikte zwischen uns waren vergessen, und ich glaube, es tat nicht so sehr weh, weil die Betäubung noch wirkte.
Das alles ist in unsere Beziehung eingebettet. Unglaublich, dass wir überhaupt noch Sex haben können. Dass wir noch zusammen sind. Was so ein olles Paar alles aushält. Toll!
Wo bleibt der eigentlich? Wo ist Georg? Ach ja, Rudern. Ohne Wasser. Ich habe solche Liebesgefühle für ihn, wenn mir das alles wieder einfällt. Der hat das verdient, dass ich morgen mit ihm in den Puff gehe. Ich möchte, dass er ein schönes Leben hat. Ich will ihm dabei helfen. Mit so wenigen moralischen Einschränkungen wie möglich!
Georg kommt zurück, mit seiner schönen strahlenden Sporthaut im Gesicht. Ich kann endlich wieder aufhören zu grübeln. In der Zwischenzeit sind auch das Videotaxi und der Inder da gewesen. Ich habe beide aus Georgs Brieftasche bezahlt, die immer extra für solche Zwecke neben der Wohnungstür liegt, neben dem Schlüsselbrett.
Wenn Liza nicht da ist, benehmen wir uns wie die Flodders. Alles wird in den Aluminiumbehältern auf dem Couchtisch verteilt. Georg holt unsere Currymatte hinter der Couch hervor. Das ist ein großes Stück alter Teppich, den legen wir immer auf den Boden, zwischen Couch und Tisch, der fängt alles auf, was wir schlabbern, und dann rollen wir den mit den ganzen Flecken ein und stopfen ihn wieder dahinter. Wir machen den Film an und essen. Das Essen ist mir zu scharf, das schlägt irgendwie auf mein Zwerchfell, plötzlich habe ich Schluckauf. Georg verdreht die Augen. Er hasst aus irgendeinem Grund, wenn ich laut Schluckauf habe. Egal.
Mit vollem Mund sagt er: »Oje, der Film scheint über alte Ehen zu sein.«
Ich antworte mit noch vollerem Mund: »Ja, und? Hast du was gegen alte Ehen?«
Wir gucken weiter. Es geht auch um Fremdgehen. Get the message! Ich muss ihm das aber trotzdem selbst klarmachen, über einen Film wird das wohl nicht klappen. Georg, siehst du nicht, der Mann in dem Film liebt seine Frau über alles und geht trotzdem fremd. Das kann es geben. Nebenlieben! Eine große Liebe hält das aus. Ja. Ja.
Das Essen macht wahnsinnig satt, und wir essen zu schnell, es kommt schnell weg, wie eine vollgewichste Zeitschrift, danach will man nichts mehr damit zu tun haben. Ich drücke die Pause-Taste, damit Georg die Aluminiumbehälter wegschmeißen kann. Das Standbild des Films zeigt die Schauspielerin Helen Mirren. Sie hat sich grad ausgezogen und steht dort mit ihren schönen großen Brüsten, in einem hautfarbenen BH. Ich glotze die ganze Zeit das Standbild an.
Als Georg zurückkommt, drücke ich schnell die Play-Taste.
»Endlich sind die Brüste weg. Das macht mich echt fertig.«
Georg verdreht die Augen, drückt die Pause-Taste. Immer noch Brust-Standbild.
»Sehr gut, dass du das auch mal wieder ansprichst. Was genau soll das noch mal, dieses Thema mit den Brüsten?«
»Was meinst du?«
»Ja, willst du denn große Brüste haben, damit jeder Mann dich geil findet? Reicht das nicht, dass ich dich geil finde? Warum hast du so eine Angst davor, dass du bei manchen Arschlochmännern durchs Raster fällst?«
»Nein, es geht doch nicht darum, dass mich jeder geil finden soll, aber hübsch wär ganz gut. Und ich habe von klein auf gelernt, dass man nicht hübsch gefunden wird, wenn man nicht eine gewisse Oberweite hat. Ich fühle mich nicht gewollt, nicht geliebt, nicht hübsch, wertlos, ich dreh darüber durch! Ich kann es nicht erklären. Es ist einfach so.«
»Dann operier dich doch, wenn das so wichtig für dich ist. Und tritt direkt auch in die Kirche ein, dann hast du beide Fliegen mit einer Klappe geschlagen.«
»Nur über meine Leiche nehme ich den Weg des geringsten Widerstands! Wenn man doch so geliebt werden will, wie man ist, muss man auch so bleiben, wie man ist. Wenn man sich seinem Komplex nach ändert oder der Mode nach, weiß man ja nachher nicht, ob man auch ohne OP geliebt worden wäre.«
»Ich kann es nicht mehr hören.«
»Ich arbeite dran. Oh, Mann, mach den Film wieder an.«
Habe kurz den Impuls, dass ich mal nach Liza gucken muss. Aber sie ist ja gar nicht da. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass sie weg ist, dass sie immer hin und her muss, zwischen uns getrennten Eltern. Nehme mir jedes Mal vor, wenn sie weg ist, und das ist immerhin jede Woche, netter zu sein, wenn sie wieder da ist. Klappt aber oft nicht. Die Nerven. Die Nerven. Sie kann Knöpfe drücken, die einen in den Wahnsinn treiben.
In den wenigen Ferien, die wir gemeinsam mit Liza verbringen, versuche ich so wenig wie möglich zu reisen, mit Kindern bekomme ich regelmäßig Nervenzusammenbrüche. Wie man das eben so kriegt in unserer Familie. Meine Oma hatte sie, meine Mutter mit uns und ich jetzt auch mit Stiefsohn und Tochter. Ich falle jedes Mal wieder auf das Wort Ferien rein. Wenn man mit Kindern in den Urlaub fährt, hat man de facto keine Ferien, sondern den totalen Terror.
Das Leben ist zu Hause, wenn die Kinder in der Schule sind, viel einfacher. Wenn man sie dann aber den ganzen Tag bespaßen muss, damit ihnen nicht langweilig wird, und denen wird vielleicht mal schnell langweilig, dann kriegt man eben einen Nervenzusammenbruch. Der äußert sich bei mir so, dass ich unkontrolliert in der Gegend rumschreie. Sie mit kleinen geschlitzten Wutaugen beobachte und immer nur folgenden Satz denke: Ihr ruiniert mein Leben, ich halte es mit euch nicht aus, ihr geht mir auf den Sack.
Also wirklich schrecklich, Urlaub mit Kindern. Aber wie immer bei der ganzen Motzerei meinerseits: Ohne Kinder ist der Urlaub auch schrecklich. Wenn ich nichts zu kümmern habe, denke ich direkt, ich bin egoistisch, ich habe keine Aufgabe, da kann man sich auch direkt umbringen, wenn man kein Kind hat, denke ich dann alleine mit meinem Mann im Urlaub. Ich bin eben einfach eine unglückliche Frau.
Der Film ist zu Ende, überaschenderweise laufen mir Tränen aus den Augen. Das Ende hat mich sehr traurig gemacht. Ich hasse Weinen. Ich habe Angst vorm Weinen. Nachher höre ich nie wieder auf. Ich wische schnell die Tränen weg. Wir machen unsere übliche Nachbesprechung. Wir fanden ihn beide sehr gut. Dann gehe ich wie immer früher ins Bett als Georg. Er möchte noch eine Folge Six Feet Under gucken. Da kann ich leider nicht mitmachen.
Badezimmer. Übe vor dem Spiegel sinnlose Gesichtsausdrücke, die ich eh nie brauchen werde. Gucke mir voller Stolz meine grauen Schläfen an. Ich fühle mich älter, als ich bin, und wenn ich mich dann angucke, wundere ich mich, dass ich noch so jung bin. Ich putze mir die Zähne.
Wenn mich mein Mann fragt, was willst du, was willst du mal machen? In Zukunft? Hobbys? Träume? Wünsche? Dann weiß ich nie, was ich antworten soll. Ich denke immer überrascht: Was? Ich bin doch bald weg. Ich investiere doch jetzt nicht mehr in eine Langspielplatte. Ich habe keine Hobbys, keine Leidenschaft, nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Ich lebe, weil ich ein Kind und einen Mann habe. Für sie. Nicht für mich. Noch schnell die Haare gekämmt, damit es morgen früh nicht so schlimm ist mit den Knoten.
Auf dem Weg ins Bett wundere ich mich darüber, warum Leute überhaupt abends im Bett Sex haben. Es kommt mir so unpassend vor. Ich weigere mich, abends im Bett Sex zu haben. Weil ich dann nie weiß, was los ist. Wenn wir nebeneinanderliegen und nicht wissen, ob der andere jetzt will oder nicht oder schlafen oder nicht. Das ist doch verwirrend. Jedenfalls für mich. Und dann kann ich nicht einschlafen. Wenn ich die ganze Zeit überlege, atmet der jetzt so, weil er Sex haben will, oder schläft der längst? Darum kann ich nur tagsüber im Bett Sex haben.
Wenn doch allen der Sex angeblich so wichtig ist, warum hat man dann nicht ein eigenes Möbel genau dafür? Warum muss man Sex in der Schlafstätte haben oder auf der Couch, warum gibt es keinen Sexraum oder wenigstens ein Sexmöbel. Versteh ich nicht. Macht doch voll Sinn. Ich will einfach ganz genau wissen, so, jetzt gehen wir schlafen, wie eine kleine Autistin. Bloß keine Verführung abends im Bett, dann werde ich malle.
Ich lege mich ins Bett. Muss erst mal ein bisschen runterkommen, habe mich jetzt innerlich so aufgeregt über das ganze Sex- und Schlafthema, Mann, kann ich mich aufregen, nur ich, ganz alleine, im dunklen Zimmer, es geht immer um Grundsätzliches. Anstrengend! Ich in mir. Fuck! Meine Therapeutin hat mir schon mehrmals Psychopharmaka angeboten. Die nehme ich aber nicht. Ich habe Angst vor Psychopharmaka. Nehm ich niemals, nur über meine Leiche. Wenn ich so depressiv bin, dass ich sterben will, kommt oft vor, dann nehme ich doch kein Mittel, was mich dran hindert. Außerdem habe ich immer das Gefühl, Depression ist genau das richtige Gefühl in dieser Welt, warum sollte ich das mit Medikamenten wegmachen? Die depressive Weltsicht ist die richtige Weltsicht. Lieber Selbstmord als Medikamente dagegen. Ist romantischer, ehrlicher, echter!
Wie immer im Bett abends wandern meine Gedanken zu meiner Mutter, für die ich meine Tochter geboren habe. Wenn meine Mutter heutzutage mit meiner Tochter unterwegs ist, habe ich die ganze Zeit Todesangst. Um mein Kind. Es schmerzt in meinem ganzen Körper, wenn sie mit ihr im Auto fährt. Ich stelle mir ganz genau vor, wie sie unabsichtlich oder auch absichtlich gegen einen Brückenpfeiler fährt und beide sofort tot sind. Bei der unabsichtlichen Version reißt ihr unbearbeitetes Unterbewusstsein beim nächstbesten Pfeiler das Lenkrad rum, weil sie mit ihrem Enkelkind zusammen ihren eigenen Kindern nah sein will, nämlich tot. Bei der absichtlichen Version ist ihr ganz bewusst, dass sie Rache an mir üben will, weil sie so sauer auf mich ist, dass ich noch empfangen könnte und sie nicht.
Dass sie bis zu ihrem Tod nicht mehr gefüllt sein wird mit diesem glückbringenden Fleisch in der Gebärmutter. Sie wird nie mehr eine in Speck eingewickelte Dattel sein. Keine gefüllte Praline. Kein Cordon bleu. Sie muss alleine in ihrem Körper leben, bis sie stirbt. Das wird schlimm für sie. Ich freue mich immer sehr, wenn mein Kind heil wieder zu Hause ankommt. Ich sage mir jedes Mal: Das hätte ich nicht gedacht.
In meiner Leichenschlafstellung grübele ich schnell noch ein bisschen über die Sexualität meines Mannes nach, lieber als über verbrennende Kinder und die Folgen.
Die sexuelle Sozialisierung von meinem Mann und mir könnte unterschiedlicher gar nicht gewesen sein. Er durfte nur sehr wenig ficken. Bekam meistens nicht die, die er wollte. Hatte immer chronische Unterversorgung. Und Sex mit Mädchen und Frauen, die er eigentlich ekelhaft fand, weil die Guten nicht wollten. So einen Sex, wo man fickt und danach schnell wegwill. Das kenne ich alles nicht. Ich bin so groß geworden, dass ich immer mit dem gefickt habe, mit dem ich wollte. Ich war verliebt, stand auf jemanden und habe dann mit ihm auch Sex gehabt. Niemals habe ich jemanden zwischen meinen Schenkeln gehabt, den ich nicht mindestens unglaublich geil fand. Niemals habe ich mich nach Sex geekelt, niemals hatte ich ein schlechtes Gewissen, niemals wollte ich danach jemanden loswerden. Niemals. Ich konnte immer sehr stolz sein auf alles, was da passiert ist, man konnte jeden Sexpartner herzeigen. Wie sollen zwei so unterschiedliche Sexsozialisationen zusammenpassen? Ich take it for granted. Das geht gar nicht anders. Für ihn ist es immer noch ein Wunder, dass jemand freiwillig für ihn Sexwäsche anzieht und mit ihm schläft, sich vollkommen vor ihm ausbreitet, mit beiden Händen die Schamlippen auseinanderspreizt, bis fast die Schleimhäute reißen, damit er lecken darf. Alles in unserem Leben ist ein Deal. So ist das einfach. Bis jetzt habe ich sehr davon profitiert. Aber jetzt will ich nicht mehr. Ich will frei sein! Oder zumindest freier. Und wenn man mehr Freiheit will, muss man dafür kämpfen. Und diskutieren und reden, wenn es sein muss die ganze Nacht. Ich atme mich mit meinem ewig gleichen Trick in den Schlaf. Gute Nacht, du Riss über mir, mein Damoklesschwert.