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NUR KEINE TRÄNEN

Frankfurt, 19. August 1914

Der Regulator in der Diele war wie immer seiner Zeit voraus. Bereits um sieben Uhr und achtundzwanzig Minuten schlug er die halbe Stunde. Erwin fragte: »Warum schon jetzt?«, und Clara sagte: »Darum.« Otto schaute seine Geschwister an. Weil er nicht verstehen konnte, dass zwei Vierzehnjährige, die von jedermann als klug und wissbegierig befunden wurden, Tag für Tag den gleichen Unsinn plapperten, wollte er seinen Kopf schütteln. Das hatte er jeden Morgen getan, doch ihm fiel ein, dass es sich an einem für ihn so ernsten Tag nicht ziemte, sich noch an der Macht der Gewohnheit zu freuen. Der Gedanke machte ihn unruhig. Und traurig.

Otto starrte den kleinen weißen Milchkrug an. Der hatte rote Punkte und passte nicht zum Service; als kleiner Junge hatte er ihn »Bobbelche« genannt und behauptet, der Krug hätte die Windpocken. Nun hörte er – nach all den Jahren! – seinen Vater wieder »Der Junge hat zu viel Phantasie« monieren. Er hörte auch die Mutter den Hausherrn besänftigen. »Das wächst sich aus«, tröstete sie. Wenn ihr Gatte mit seiner Zeitung beschäftigt war oder sein Brötchen mit Butter bestrich, fuhr sie mit der Hand dem kleinen Otto durchs Haar. Er trug schon ein richtiges Burschenhemd und war damals noch das einzige Kind. Hätte denn das Kännchen mit den Windpocken sonst auch auf dem Frühstückstisch gestanden?

Tante Jettchens Papagei, dessen Käfig im Wintergarten stand, von wo aus er laut seiner Besitzerin die Freuden des Familienlebens am besten überblicken konnte, ahmte den Schlag der Uhr nach. In Erinnerung an alte Zeiten und Tante Jettchens verstorbenen Mann, der seinen Patienten in jeder Leidensphase leichte Kost empfohlen hatte, versuchte sich der schlaue Vogel am Wort »Franzosenbrot«. Danach erzählte er zum dritten Mal im Abstand von zehn Minuten, dass er Otto hieße. Vom Balkon zwitscherte der Kanarienvogel Frohsinn.

»Alle Vögel sind schon da«, sang Victoria, »alle Vögel, alle.«

»Der Hahn, der am Morgen kräht, wird am Abend geschlachtet«, warnte sie Erwin.

»Es muss nicht jeder beim Frühstück so schlecht gelaunt sein wie du«, rügte die Mutter ihren zweitgeborenen Sohn.

Rote und rosa Gladiolen waren mit weißen Levkojen in der kobaltblauen chinesischen Bodenvase arrangiert, die das Esszimmer vom Salon trennte. Viele Frankfurter Gärtner boten in diesen ersten Kriegstagen sogar mehr Ware an als in Friedenszeiten. Der Bedarf an Blumen, hauptsächlich an kleinen Biedermeiersträußen oder an Angebinden aus Margeriten, Mohn und Kornblumen, war enorm. Die Blumen wurden entweder an der Haustür oder am Bahnhof den aus der Heimat scheidenden Soldaten in die Hand – und ans Herz! – gedrückt. Otto war froh, dass ihm dank Theos gutem Rat der Abschied mit Tränen und Blumen erspart bleiben würde.

Einen Moment erreichte ihn der schwere süße Duft der Levkojen, doch dann stellte er sich vor, er müsse sie malen, und er spürte, wie seine Hände feucht wurden. In der Untertertia hatten die Schüler die Vase auf dem Lehrerpult abzeichnen müssen, und Otto hatte nicht gemerkt, dass der Krug einen Henkel und die Rosen Stacheln hatten. Mehreren Jungen in der Klasse war es ebenso ergangen, doch der Lehrer hatte Ottos Zeichenblock auf den Boden geworfen und gewütet, sein Vater solle das Schulgeld sparen und es an die Armen verteilen. »Man merkt gleich, dass du aus einem bilderfeindlichen Volk stammst«, hatte sich der Lehrer in Rage gebrüllt. Ottos Haut brannte, als wäre seitdem kein Tag vergangen. Ihm war es peinlich, dass er ausgerechnet an einem Morgen, an dem sein Herz Jubel trommelte, weil der Kaiser alle Deutschen zu Brüdern im Kampf gemacht hatte, in so kleinen, nachtragenden Dimensionen dachte.

Unmittelbar nach Kriegsausbruch hatte die Bäckersfrau die Weichen für die Zukunft gestellt und erklärt, Brötchen würden nun morgens nicht mehr ins Haus gebracht werden. Für gute Kunden war sie indes zu Ausnahmen bereit. Um nicht den Neid der Nachbarn zu wecken, schickte sie allerdings ihren Lehrburschen im Schutz der Morgendämmerung in den ersten Stock der Rothschildallee 9. Zur üblichen Bestellung waren zwei Eierweck für Tante Jettchen hinzugekommen. Da sich die Menschen einig waren, der Krieg würde allenfalls bis Weihnachten dauern, und auch weil Jettchen den Herbst in der Großstadt besonders liebte, hatte sie begeistert auf Betsys Vorschlag reagiert, vorerst nicht in ihre Wohnung nach Darmstadt zurückzukehren. Das Tantchen frühstückte gern im Bett, liebte es morgens süß und fand Eierweck leichter verdaulich als das Backwerk mit krosser Kruste, das ihr Hausmädchen immer vom Bäcker nach Hause gebracht hatte.

Die drei Brötchen, die das Zweitmädchen Hanna gebraucht hatte, damit es bei Kräften und Laune blieb, waren nicht abbestellt worden. Josepha reklamierte die unerwartet frei gewordene Ration für Paniermehl und Hackbraten und für die Obstaufläufe, die nun öfters auf den Tisch kamen. Hanna war tatsächlich, wie von ihr ja rechtzeitig angekündigt, am Tag der Mobilmachung nach Hause in den Odenwald gefahren. Ihre Eltern hatten – das berichtete sie auf einer Postkarte in fehlerfreier Rechtschreibung und mit vielen Unterstreichungen – so prompt die Vorbereitungen für eine Kriegstrauung mit dem Sohn des Müllers getroffen, dass Hanna nun Frau Merkental hieß. Als Verheiratete, ließ sie wissen, mochte sie nicht mehr in einer »dienenden Stellung« tätig sein. »Mein Gatte«, schloss die stolze Jungvermählte, »ist schon unterwegs an die Front und lässt Sie schön grüßen.«

Hinzugekommen zu der üblichen Bestellung beim Bäcker waren zwei Karlsbader Hörnchen. Sie wurden nicht auf den Frühstückstisch gebracht, sondern in der Speisekammer verwahrt, unter einer leeren braunen Mehltüte. Das sichere Versteck hatte Josepha gefunden. Da sie ein exzellentes Gedächtnis hatte, wusste sie noch, was bei der Herrin des Hauses der Appetit auf Karlsbader Hörnchen anzeigte. Nach denen, dick belegt mit Kümmelquark, hatte es sie auch verlangt, als sie mit den Zwillingen und mit Victoria guter Hoffnung gewesen war. Seitdem Frau Betsy vor genau einer Woche die Senfbäder und die heißen alkoholischen Getränke aufgegeben hatte, nahm sie sowohl ein zweites Frühstück als auch eine Stärkung zwischen dem Nachmittagskaffe und dem Abendessen ein.

»Das ist Ihre Pflicht«, hatte Josepha ihre Chefin ermutigt, als sich deren Essgewohnheiten zu verändern begannen. »Sie werden Ihre Nerven noch brauchen. Und hören Sie bloß auf mit dem verdammten Wermut. Der macht nur trübsinnig, und geholfen hat er noch keiner. Weder den Armen noch den Reichen. Das weiß ich von meiner Cousine in Friedberg, und die ist Hebamme.«

Es war Viertel vor acht. Betsy stand auf, rieb seufzend einen Fleck aus der Tischdecke, rückte die Bodenvase um einige Zentimeter zur Linken, seufzte noch einmal und setzte sich zurück an den Tisch. Otto atmete ein, tief und bewusst, als wäre er beim Arzt und hätte es auf den Bronchien. Ihm wurde bewusst, dass er auf eine Botschaft lauerte, doch hatte er nicht die geringste Ahnung, wie sie beschaffen sein sollte und ob er schon hellhörig genug war, sie zu vernehmen. Er hatte mal gelesen, es wäre der Duft der Dinge, der es dem Menschen ermöglicht, jederzeit an die Vergangenheit anzuknüpfen; selbst an die begrabene und entschwundene. Es war bestimmt klug und vor allem weitsichtig, überlegte Otto, sich rechtzeitig den Duft von Kindheit, Frieden und Heimat einzuverleiben.

»Otto hat kein Taschentuch«, meldete Victoria.

»Sieh lieber zu, dass du das Tischtuch nicht noch mal vollkleckerst, Fräulein Petze«, maßregelte sie die Mutter. »Als Kinder haben wir immer gesagt: Man liebt den Verrat, nicht den Verräter.«

»Das sagt man heute noch«, wusste Clara.

War es gut, wenn sich einer, der am Kreuzweg seines Lebens stand, auch die Stimmen der Seinen merkte, die Scherze und kleinen Bosheiten, die Blicke und die Gesten? Oder reichte die Nase, damit der Mensch nicht vergaß? Es roch nach dem scharf gebrannten Kaffee, auf dem der Hausherr bestand, nach warmer Milch und Schokolade, und besonders intensiv duftete es nach Josephas Zwetschenmus. Sie kochte es nicht, wie die meisten Hausfrauen, lediglich mit Zimt ein, sondern auch mit Nelkenpfeffer, Anis und einer Prise Muskat. Von Josephas Zwetschenmus ging bestimmt eine besondere Erinnerungskraft aus. Otto war sicher, er würde sich den Duft merken. »Muskat«, befahl er seinem Gedächtnis, »und vergiss auch nicht die Nelken.« Er erschrak, als er merkte, dass er angesetzt hatte, die Lippen zu bewegen.

Der Hausvater fehlte am ovalen Tisch mit der grün-weiß karierten Decke und den Maßliebchen im gelben Krug. Alle übersahen den leeren Stuhl. Jedes der Sternberg’schen Kinder hatte beizeiten gelernt, dass es sich beim Frühstück empfahl, nicht jede Frage zu stellen, die sich aufdrängte. Frau Betsy glättete mit zwei Fingern die Stirn; ihre Kinder schauten geübt zum Fenster hinaus. Knapp angedeutete Bewegungen signalisierten bei der Mutter Kopfschmerzen und den Wunsch, man möge ihr eine kleine Ruhepause gönnen.

Einen Moment lang war es so still im Esszimmer, dass jedes Geräusch von der Straße zu hören war: Pferdehufe auf dem Pflaster, ein scharfer Peitschenknall, ein zorniger Kutscher, ein Autohorn mit einem Klang wie ein Dampfer im Nebel, das schrille Klingeln von Fahrrädern, lauter Bubenjubel, ein herzzerreißend jammerndes Kind, das von einer zeternden Mutter als »dreckiger Saubalg« beschimpft wurde, Soldatenstiefel im Gleichschritt, ein noch unbekanntes Marschlied mit einer Melodie, die Clara in den Beinen juckte, und dann wieder ein Auto. Diesmal hupte es nicht; es war scheppernd gegen den Bordstein gefahren.

»Depp«, murmelte Erwin, »dämlicher.« Er wischte seinen Mund mit dem Handrücken sauber. Der Haarwirbel am Hinterkopf, der ihn nie so aussehen ließ, wie sein Vater wollte, dass er aussah, war an diesem Morgen besonders widerborstig. Er hatte sein lateinisches Übungsbuch auf dem Schoß und, wie er selbst am besten wusste, nichts von dem im Kopf, das nach der landläufigen Meinung von strengen Pädagogen und anstrengenden Vätern in das Hirn eines Obertertianers hineingehörte. Johann Isidors zweiter Sohn sah, auch dies typisch für Ort und Umstand, gehetzt, unglücklich und leicht verletzbar aus. Clara, bereits auf dem Weg zur vollen Blüte, war wie immer sorgsam frisiert und in ihrer cremefarbenen langärmeligen Bluse eine Spur zu fein angezogen. Sie wirkte, als wäre sie nur zufällig zu der Gesellschaft am Tisch gestoßen. Den weltfernen Flair und die Gewohnheit, in jeder Lebenslage ein Lächeln anzudeuten, hatte sie von Victorias französischer Mademoiselle übernommen. Die war während des Baden-Badener Aufenthalts der Sternbergs mit Madame Betsys neuem gelben Seidenrock von Frankfurt in die Bretagne gereist und hatte nichts mehr von sich hören lassen.

Für den Erstgeborenen der Familie war die morgendliche Routine, die ihm zum letzten Mal den Schutz des Vertrauten bot, von zeitlich beschränkter Dauer. Von seinem alten Leben blieben ihm nur noch dreißig Minuten. Künftig würde Otto Wilhelm Samuel Sternberg, achtzehn Jahre alt, noch nicht in der Lage, für seinen Unterhalt aufzukommen, bisher optimal geborgen im Schoß der Familie und verzärtelt von einer Tradition, die die Söhne so lange wie möglich mit den Ketten der Liebe ans Elternhaus schmiedet, den Imponderabilien des Lebens ausgeliefert sein. Nur war aus den Imponderabilien des Lebens die Wirklichkeit des Kriegs geworden. Der, den dies betraf, unterdrückte einen Seufzer. Zunächst war die Wehmut, die er spürte, nur ungewohnt und irritierend, zum Ende der Mahlzeit jedoch bedrückte sie ihn so sehr, dass ihn schwindelte. Es wurde ihm auch ein wenig übel. England, Frankreich, Italien, Russland skandierte der künftige Held in seine Kaffeetasse. Wozu hatte er jahrelang die Sprache der Feinde lernen müssen, weshalb nicht beizeiten erfahren, wie ein Knabe zum Manne wird, wie er kämpft und siegt und den Tod nicht fürchtet?

»Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos«, zitierte Victoria. Schon immer hatte sie Gedanken lesen können.

»Vickylein, wo hast du das schon wieder her?«

»Von Fräulein Bender, unserer Turnlehrerin. Ich kann noch viel mehr. Soll ich weitermachen?«

»Nein«, sagte Frau Betsy. »So was gehört sich nicht beim Frühstück.«

Otto, den der Vater beneidete, weil das Vaterland ihn brauchte, der Stolz des Hauses Sternberg, auf dem die Hoffnungen seiner Eltern und der gesamten Verwandtschaft ruhten, war kein Achilles, keine deutsche Eiche. Er war immer körperlich anfällig gewesen, und auch jetzt noch war er kleiner und schmächtiger als Gleichaltrige. Seine Hände waren schlank und zierlich, die Finger geschickt wie die einer Frau; er konnte Knoten entwirren, Zöpfe flechten, Zierschleifen binden und Victorias Puppen anziehen. Die Füße steckten in Schuhen Größe vierzig, die Waden waren mädchenhaft schlank, die Schultern noch die eines Knaben. Im Turnunterricht kam Otto das Seil nicht hoch und nicht über den Bock, im angespannten Nervenzustand neigte er zu Magenschmerzen. Auch an seinem Schicksalstag quälten sie ihn. Otto setzte sich kerzengerade hin, um den Druck zu lindern. Er verschränkte seine Finger ineinander, eine alte Gewohnheit, wenn er sich beruhigen wollte. Die Knöchel leuchteten weiß. Ob auch die Mutter sein Herz pochen hörte?

»Warum darf Papa immer ohne Frühstück aus dem Haus und ich nie?«, quengelte Victoria.

»Er musste ganz schnell weg«, sagte die Mutter, »jetzt iss endlich dein Brötchen. Oder willst du als Letzte in der Schule ankommen, und alle lachen dich aus?«

Otto fiel auf, dass die Augen seiner Mutter gerötet waren, doch nicht die allein machten ihn stutzig, sondern ihre Stimme. Diese war ungeduldig wie sonst nie und klang wie die einer Puppe mit eingebautem Sprechwerk. Bei Otto kamen die ersten Zweifel auf. Liefen die Dinge wirklich so, wie er sie geplant hatte, oder war alle Rücksicht, seine ganze raffinierte Strategie, die Lüge aus Liebe, seine Vorsicht und Rücksicht nur eine unzulängliche Tarnung, vergebliche Mühe? Wusste seine Mutter doch Bescheid? Sie hatte sich nie täuschen lassen. Sie fühlte, was zu wissen war. Wie ein erbärmlicher Spieler kam Otto sich vor, wie einer, der sein letztes Geld auf die falsche Karte gesetzt hat.

Verärgert säbelte er sein Brötchen auf. Er schaute es an wie ein Richter, der zu lange auf eine Erklärung hat warten müssen, den Angeklagten. Die Zähne aufeinandergepresst, legte Otto die Brötchenhälften auf den Teller, jedes Teil im gleichen Abstand zum Messer. Nur nicht hochsehen, nicht diese Mutter mit dem Instinkt eines Spürhundes anschauen, nicht ihren Argwohn erwecken, vor allem nicht das eigene Gesicht freigeben. Stück um Stück rekapitulierte Otto die vergangenen zwölf Stunden.

Stammelnd und purpurrot im Gesicht hatte er am Abend zuvor seinen Vater gebeten, er möge am nächsten Tag früh aus dem Haus gehen. Eine wichtige Besprechung sollte er vorschützen, Geschäftsunterlagen, Korrespondenz mitnehmen, einfach so tun, als wäre der 19. August ein Tag wie jeder andere. Keinen Abschied sollte es geben, keine großen Worte, bloß nicht der Mutter Bescheid sagen. »Das«, hatte Otto dem Vater erklärt und versucht, erwachsen auszusehen, »machen die anderen auch so.«

»Das hast du immer gesagt, mein Sohn. Die anderen haben auch ein Mangelhaft in der Lateinarbeit. Weißt du noch? Die anderen haben die Mathematikaufgabe auch nicht verstanden, und alle dürfen sie bis elf Uhr abends ausgehen und allein im Café herumsitzen.«

»Ich werde es ja nie wieder sagen«, hatte Otto den Vater erinnert, und beide hatten sie gelacht, laut wie Straßenbuben und ölig wie Bierkutscher. An diesem letzten Abend hatten sie wie Männer gelacht, wie Kameraden. Ran ans Gewehr! Aufs Pferd, aufs Pferd. Sie hatten sich mit Augen angeschaut, die fröhlich waren und ohne die übliche Sanftheit und Melancholie. Ausgerechnet an diesem letzten Abend war ihnen eine Ahnung von der Liebe zwischen Vater und Sohn gekommen, die das Leben ihnen vorenthalten hatte.

Alle machten es so, die zu Helden erkoren waren. Keine Umarmungen, kein letztes Wort, keine Muttertränen, nicht die Sentimentalität und die Süßlichkeit der Romantiker und kleinen Leute. Keine Küsse im Torbogen, kein Lebewohl am Bahnsteig. Das alles war nichts für einen Abiturienten mit Bildung und Würde. Ihm reichte ein Händedruck unter Männern. »Ich rede mir einfach ein, dass ich in eine fremde Stadt zum Studieren gehe«, hatte Lutz Finkelstein gesagt – er war auch nicht größer als Otto, doch der Beste in Latein und Griechisch und nun der mit dem besten Abitur. Kinderarzt wollte er werden, wie der Vater, aber vorher ein Goliath aus Frankfurt, dem man im Lateinunterricht beigebracht hatte, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben.

Auch für Otto galt seit zehn Tagen das Zauberwort »Einrücken«. Ein Militärarzt, der seinem Kaiser frappierend ähnlich sah und der gleich seinem Herrn einen verkrüppelten linken Arm hatte, hatte den körperlichen Zustand des Kriegsfreiwilligen Sternberg als einwandfrei, ihn selbst als militärtauglich und sofort verwendungsfähig befunden. Und dieser künftige Held, der sich geschworen hatte, bis zum letzten Lebenstage des Kaisers Rock mit Stolz und in Tapferkeit zu tragen, erlebte in der letzten Stunde seines Daseins als Zivilist eine Beklemmung, die ihn frösteln machte. Die Unsicherheit beschämte ihn. In einem furchtbaren Moment der Selbsterkenntnis beneidete er den Vater, dem sein Alter und seine abgenutzten Gelenke die uralte Männerfurcht ersparten, er könnte versagen und weniger stark und nicht so tapfer sein wie die anderen an seiner Seite.

Otto rieb seine Hände aneinander. Im August, an einem heißen Sommermorgen, waren seine Finger winterklamm. War er nicht immer der Erste gewesen, der im Herbst mit Handschuhen und langen Wollstrümpfen in die Schule gekommen war? »Unser Bubi, das jüdische Mamakind. Lasst ihm doch seine Mütze. Sonst fallen ihm die Öhrchen ab. Lauf, Bubi, lauf. Die Kinder Israels sind immer gelaufen.« Das war die Stimme von Petersen. Petersen war stets nur mit Ach und Krach versetzt worden, aber aller Liebling – auch der Lehrer.

Zusammen mit Petersen war für Otto aus dem Grauen längst verdrängter Ängste die alte Kinderhoffnung aufgetaucht, unter den Tisch zu kriechen und dort auf Zwergengröße zu schrumpfen. Eine Tarnkappe hatte er sich überstülpen und für immer aus dem Leben derer verschwinden wollen, die von einem wehrlosen Jungen Antworten forderten, die er nicht zu geben vermochte. Und doch war an diesem Tag der Tage die Angst von nur kurzer Dauer. Otto hob den Kopf, dem Recken Siegfried gleich, der strahlend und tapfer und unbesiegbar gewesen war. Auch der junge Ritter Sternberg vertraute der Zukunft, und wie einst Siegfried war auch er ohne Argwohn.

Mit einem einzigen Schlag köpfte der designierte Verteidiger des Vaterlands sein Ei. Ein großes, braunes, Gesundheit verheißendes Ei in einem silbernen Becher mit einem Löffel aus Horn, damit der Geschmack nicht leide. Siegfrieds Vetter im Geiste, gerüstet, um in den Kampf um die deutsche Ehre zu ziehen, fragte sich nicht, weshalb er als Einziger an einem gewöhnlichen Wochentag ein Sonntagsei bekommen hatte. Er drückte seine Brust hinaus, machte seine Schultern so breit wie die von Atlas, der sich die Weltkugel aufgeladen hatte, und lächelte. Mochte er auch seine Henkersmahlzeit zu sich nehmen, er war nicht einer, der die Zügel lockerte. Das Schicksal hatte ihn einbestellt, um den Himmel zu stürmen. »Wir sind alle deutsche Brüder«, hatte der Kaiser in Berlin gesagt, der seit dem 1. August weder Parteien noch Konfessionen kannte.

Des Kaisers Rekrut legte den Löffel auf das Tischtuch. Er wippte leicht mit dem Stuhl. Wer wagte noch, ihm das zu verbieten? Niemand mehr wies Zappelphilipp in Scham und Schande vom Tisch. Keiner befahl ihm, das Messer nicht in die Butterdose zu stecken, den Marmeladenlöffel nicht abzulecken und nach dem Essen die Serviette ordentlich zusammenzufalten. »Willst du nicht aufstehen, Otto, wenn wir beten?« Die Blicke dessen, der am falschen Ort und zur falschen Zeit geträumt und es versäumt hatte, für Gott vom Stuhl zu springen, wanderten vom Parkett zum Stuck an der Decke. Er sah sich um – lange und gründlich und so, als müsse er Meldung machen, wie es bis zum Krieg, der schon der Große war, im Heim einer braven deutschen Familie zugegangen war.

Otto, gestern noch ein Knabe mit Tintenfingern und ohne Verantwortung für das eigene Leben, nun ein Mann zwischen Aufbruch und Neubeginn, spähte in alle Ecken und Nischen, er schaute unter Tische und hinter Gardinen; sein Hirn registrierte akribisch und machte Meldung an seine Seele. Die Fülle des Gesehenen erdrückte ihn, scheinbar soeben erst Aufgetauchtes machte ihn benommen. Wie ein staunendes Kind rieb er die Augen, machte den Mund auf wie ein Tor, der nichts begreift, und zum Schluss konnte er sich nicht entscheiden, ob er träumte oder ob er schon Odysseus geworden war, der erst nach zwanzig Jahren in die Heimat zu Weib und Sohn und Hund zurückkehren würde.

Noch war dieser Held ein deutscher Sohn, dem der Vater mit dem grauen Haar an den Schläfen die Kraft der Jugend neidete. Das Vaterland hatte ja nur für den Sohn Verwendung. Ihm gab es die Waffen, die Deutschlands Feinde das Fürchten lehren sollten. Otto – nicht sein erfolgreicher, selbstbewusster, allwissender Vater – war es, der aus dem Krieg mit Offizierssternen und Tapferkeitsorden heimkehren würde. Zu einer Mutter mit Tränen in den Augen und einem Vater, der endlich begriffen hatte, welche Kraft und Ausdauer in seinem Erstgeboren steckten. Und Josepha, die seinen jüngeren Bruder Erwin verwöhnt hatte, als sei er ihr eigener Sohn und der Prinz von Arkadien in einer Person, würde keinen außer den heimgekehrten Helden an ihren Napfkuchen mit den in Rum getränkten Rosinen lassen. »Finger weg, Erwin, der Kuchen ist nur für meinen Bub.«

Als Otto die Bilanz eines Lebens erstellte, das in sechzig Minuten nur noch Erinnerung sein würde, brannte seine Haut, sein Kopf loderte. Unter dem Tischtuch legte er die Hände an die Hosennaht. Er schlug die Hacken zusammen und riss die Augen so weit auf, dass sie in ihren Höhlen schmerzten; er entdeckte Möbelstücke und Bilder, die ihm fremd waren, und dann nahm er Düfte wahr, die seine Nase nicht einzuordnen vermochte. Otto, aus der Kindheit in Ehren entlassen, befeuchtete seine Lippen. Er schmeckte eine Süße, die all seine Sinne berauschte. Oder war es etwa doch die trügerische Süße, die jedem Abschied innewohnt? Gerade vor ihr hatte ihn sein Freund Theo gewarnt. Hatte Ottos sensibler Lebensbegleiter, der sich nie in die Irre führen ließ und von den Worten der Schwadronierenden schon gar nicht, mehr gewusst, als er sagen wollte? Weshalb war nicht mehr Zeit geblieben, um die letzte Frage zu stellen?

Seit wann hatte der Diwan mit den Löwenfüßen einen blauen Überzug? War der mit Bauernblumen bemalte Hocker in der Tür zum Wintergarten schon immer da gewesen, woher kam die rosafarbene Gießkanne, und wann war das kleine rot angestrichene Windrad wieder aufgetaucht? Der große, gütige, immer geduldige Bruder hatte es in der Urzeit unbeschwerter Kindertage für die kleine Schwester mit den roten Masernflecken gebastelt. »Weine nicht, Victoria, mein Windrad verjagt jeden Schmerz. Du musst es nur anpusten.«

Beklommen fragte sich der ratlose Jüngling, der dabei war, in eine Welt zu stürmen, in der es allein nach Schwefeldampf und dem Männerschweiß der Tapferen riechen würde, ob es allen in seiner Lage so erging. Hieß Abschiednehmen Vater, Mutter, Bruder und Schwestern verlassen, um neu geboren zu werden? Der Krieg ist der Vater aller Dinge, aller Dinge König. »Sternberg, für morgen schreibst du den schönen Satz von Heraklit hundertmal ab. Das wird dich lehren, in der Geschichtsstunde nicht zum Fenster hinauszuglotzen.« In seinem ganzen Leben würde Otto Sternberg keinen Satz mehr hundertmal schreiben. Von wegen Arbeit und Schülerpflicht und den Rücken beugen vor der Lehrerobrigkeit. Er war kein Schüler mehr: Er war nur noch bereit, in einer einzigen Schule zu lernen, in der Schule der Nation.

»Otto, wo bist du mit deinen Gedanken?«, fragte die Mutter. Sie fragte, obwohl sie Bescheid wusste. Ein Blick in das Zimmer des Sohns, ein Blick auf das Gesicht ihres Mannes, ehe er aus dem Haus geeilt war, als wären alle Furien hinter ihm her, hatten ihr gereicht.

»Wo soll ich denn sein?«, fragte der scheinheilige Sohn. Es war gut, lobte sich der, der sich für klug und umsichtig und schon für einen Helden hielt, dass er in der Nacht seinen Tornister gepackt und unter dem Bett versteckt hatte.

»Willst du nicht dein Brötchen essen, Otto?«

Auf dem Deckel vom senfgelben Honigtopf breitete eine gläserne Biene ihre braunen Flügel aus. Hatte Victoria nicht erst gestern mit Erdbeermund verkündet, die Biene hieße Maja und gehöre zum Hofstaat von Königin Helene VIII.? Das putzige Fräulein Sternberg mit Sternen in den Augen, der Liebling aller alten Tanten und der gütigen Onkel mit goldener Uhrkette und glänzendem Schnurrbart, war soeben sechs Jahre alt geworden. Das schöne Buch von Waldemar Bonsels, ein Geburtstagsgeschenk von Tante Jettchen, die immer auf dem Laufenden war mit der Literatur für die Jüngsten, weil sie selbst so gerne Kinderbücher las, war gerade erst erschienen. Sogar Otto, schon damals immens beschäftigt, um schneller erwachsen zu werden als andere Jungen, hatte seiner kleinen Schwester ein Kapitel vorgelesen.

»Wie hieß die Giftspinne?«, fragte er, denn er hatte nicht achtgegeben und war den Fangarmen der Vergangenheit nicht rechtzeitig entkommen.

»Thekla«, sagte Victoria. Sie schmatzte und grinste und wunderte sich kein bisschen, dass ihr großer Bruder, der schon Zigaretten rauchte und sich beim Mittagessen selbst aus der Gemüseschüssel bedienen durfte und nie Spinat zu essen brauchte, beim Frühstück von Maja sprach. Prinzessin Victoria war vergnügt wie sonst nie, war sie doch die Einzige am Tisch, die ihrem klugen, erwachsenen Bruder auf seine Frage hatte antworten können.

Das hübsche Honigfässchen aus Pforzheim, das einst auch Betsy und deren Geschwister entzückt hatte, wurde meistens erst Mitte September aus dem Geschirrschrank geholt. Da wurde das neue jüdische Jahr mit Apfel und Honig und dem Wunsch willkommen geheißen, es möge ein süßes werden. Einen Moment, der indes nicht lange genug währte, um ihn anhaltend zu beunruhigen, überlegte Otto, ob das vorzeitige Auftauchen der gläsernen Biene etwa ein Omen wäre, ein Hinweis des Schicksals auf den Umstand, dass der Rekrut Otto Sternberg dieses Jahr nicht mit seiner Familie Rosch Haschanah feiern würde. Er schüttelte den Kopf. Energisch hielt er sich vor, dass Aberglauben kein passender Wegbegleiter für einen deutschen Mann wäre. »Nein«, sagte er. Er sprach so leise, dass ihn niemand hörte, aber sein Herz klopfte trotzdem Alarm.

Der kleine Orangenbaum auf dem Fensterbrett im Wintergarten hatte sieben pralle, in der Morgensonne glänzende Früchte. Flankiert war er von zwei üppig blühenden roten Begonien. Auf dem Blumenhocker mit den Delfter Kacheln flaggte der Zimmerhafer blaue Zuversicht. Selbst die Pflanze mit dem garstigen Namen Warzenkaktus blühte – violett und selbstbewusst, wohl beschützt von einem Gartenzwerg mit roter Zipfelmütze und grüner Schürze. Der gutmütige Erwin hatte den Wichtelmann in den Topf geschmuggelt, um die schluchzende kleine Schwester zu trösten. Wegen ihrer Liederlichkeit war sie wie ein ganz gewöhnliches Gassenkind getadelt worden.

Die Fenster vom Wohnzimmer standen offen. Die frisch gewaschenen Tüllgardinen bauschten sich wie Segel. Im letztmöglichen Moment entkamen zwei Stubenfliegen der wogenden Welle aus Reinlichkeit und Kartoffelstärke. Zitronenduft wehte zum Tisch mit den gelben Milchbechern aus Limoges herüber. Auf dem englischen Trommeltisch mit den zierlichen Metallbeschlägen, die das Kind Otto, Kommandeur aller Zinnsoldaten von Flensburg bis zum Bodensee, einmal abgeschraubt hatte, weil er Brücken für seine Kavallerie brauchte, stand ein bunt bemalter Glaskrug mit Kornblumen. »Kornblumen«, hatte Jettchen noch am Vortag gesagt und Preußens Geschichte total durcheinandergebracht, »sind die Lieblingsblumen unserer verehrten Königin Luise.«

Otto lächelte, als er sich erinnerte, dass niemand das Tantchen verbessert und keiner gelacht hatte. Selbst Clara, die ewige Besserwisserin, hatte nach drei strengen Belehrungen begriffen, dass alte Menschen einen verbrieften Anspruch darauf haben, von der Keckheit der zungenflinken Jungen verschont zu bleiben. Auf Johann Isidors Stuhl, auf dem kein anderer Platz nehmen durfte, saß ein schwarzes Plüschkaninchen mit einer roten Schleife um den Hals. Otto kniff die Augen zu. Hatte er etwa gestöhnt? Er wagte kaum zu atmen, damit seine Gedanken nicht weiter aus ihrer Umlaufbahn gerieten. Erst vor Kurzem hatte er eine sehr eindrucksvolle Abhandlung über das den Mann gefährdende Wesen der Sentimentalität gelesen. Trotzdem trieb er sich an, die Bilder zu sammeln, die ihn in der Fremde an sein Elternhaus und an seine Heimatstadt erinnern würden.

Josepha, den Bauch ein wenig vorgestreckt, stand wie jeden Morgen an der Tür, in der Hand die lindgrüne Kaffeekanne mit dem springenden Hirsch. Otto, der unmittelbar vor den Sommerferien einen Hausaufsatz über Gottfried Keller hatte schreiben müssen, fiel die Gedichtzeile »Trink, o Auge, was die Wimper hält« ein. Er spürte einen Schmerz, der seinen Körper mit einer scharfen Axt zu spalten schien. Noch war er nicht alt genug, um zu wissen, dass es Melancholie war, die ihn beutelte. Die Augen sprühten Zorn. Er war Begegnungen mit der Literatur nicht gewöhnt, fühlte sich schutzlos und veralbert.

»Otto, wenn du nicht endlich deine Milch trinkst«, sagte seine Mutter, »bildet sich Haut, und du lässt wieder alles stehen. Das kann man sich im Krieg nicht mehr leisten.« Wieder die morgendliche Mahnstimme, als wäre das Leben im Lot. Diesmal war es Betsys Stirn, die brannte.

»Leisten«, krächzte Tante Jettchens Papagei.

»Deine Milch hat ja schon eine Gänsehaut«, meldete Victoria. Weil sie alles sah, was den anderen entging, und also mit Otto ein Geheimnis teilte, kicherte sie in ihren Becher. Damit ihr Kleid und die hellblaue Schürze bis zum Schulbeginn fleckenlos blieben, musste sie, genau wie in ihren frühesten Kindertagen, beim Frühstück die große weiße Damastserviette um den Hals binden. Das Tuch machte ihr Gesicht kleiner und spitzer, als es ohnehin war. Die Augen wirkten groß, dunkel und traurig.

Es waren die Augen seiner kleinen Schwester, die sich in Ottos Gedächtnis brannten. Noch wusste er nicht, dass sich die Erinnerung an Victorias Augen nicht mehr würde löschen lassen. Es bekümmerte ihn, dass er sich ausgerechnet in der letzten Stunde, die ihm mit der Familie blieb, Vorwürfe machte. Hatte er sich nicht zu selten mit Victoria beschäftigt? Kannte er sie überhaupt? Sie war so ganz anders, so sehr viel liebenswerter als die Zwillinge. Erwin und Clara ließen ohnehin keinen Dritten in ihr Leben. Sie waren sich von Anfang selbst genug gewesen, Babys in doppelter Ausführung. Vier Augen, zwanzig Finger und jeder Zahn ein Jubelschrei von Mama. Und von Josepha! Noch als Dreijährige hatten sie das Wörtchen »ich« nicht begriffen. »Wir müssen aufs Klo«, hatte Erwin gemeldet, und Clara: »Der Otto hat uns gehauen« gebrüllt, sobald der große Bruder nur einen von ihnen berührte. Ach, wie süß, die Kleinen! Einfach zum Fressen. Und du, du bist doch der große Bruder, ein richtiger kleiner Mann. Du musst ein Kavalier sein und die Kleinen mit deinen Sachen spielen lassen.

Otto schüttelte sich. Noch nach vierzehn Jahren schüttelte er sich und fühlte sich um das Kinderglück betrogen, von den Eltern geliebt, von den Erwachsenen beachtet zu werden. Er schaute die Zwillinge an, die nie erfahren würden, dass ihnen der Bruder noch in der Abschiedsstunde das Glück ihrer Doppelgeburt neidete. Kein Mensch ahnte, wie oft Otto an Kain gedacht und sich die Courage und die Entschlusskraft des biblischen Brudermörders gewünscht hatte. Trugen auch die das Kainsmal auf der Stirn, die den Dolch nicht aus der Scheide geholt hatten?

Otto starrte auf den weißen Store mit dem Spitzenrand. So stellte er sich ein Leichentuch vor, weiß und ohne Anfang und ohne Ende. War das die Ewigkeit? Oder das Nichts. Schade, dass keine Zeit mehr blieb, um mit Theo über Empfindungen zu sprechen, die einen Mann meuchelten, ehe er den ersten Schuss abgab. Der Albtraum hatte so harmlos, so alltäglich und friedlich begonnen – mit dem Plüschkaninchen und Victorias kohlschwarzen Augen.

Otto setzte an, ihr zu bestätigen, dass er tatsächlich Kaffee trank wie ein Mann und nicht Milch wie ein kleiner Bub, doch er unterdrückte energisch den Hauch von brüderlicher Verschwörung. In den letzten Minuten, die ihm blieben, um seine Kindheit hinter sich zu lassen, würden Scherze mit der kleinen Schwester weder ihm noch ihr guttun.

»Sieh zu, dass du dem ganzen kleinbürgerlichen Abschiedsritus entgehst«, hatte Theo am Vortag gesagt. Sie hatten, abends um halb zehn, von Glühwürmchen in die Irre geführt, auf einer Bank in der Günthersburgallee gesessen und die letzten Fragen der Menschen geklärt. Theo der Weltmann hatte es leicht, das Leben aus distanzierter Perspektive zu betrachten. Er war vorerst wegen eines Lungenleidens in der Kindheit vom Militär zurückgestellt worden, und zudem, so hatte er ausgekundschaftet, sollten Fotografen demnächst zu Sonderaufgaben berufen werden.

»Mütter«, hatte Theo für den Freund analysiert, »kann man leicht hinters Licht führen und ihnen unnötige Sorgen ersparen. Wenn man sich nur ein bisschen zusammennimmt, kann man diesen ganzen Schlamassel von ihnen fernhalten. Mütter glauben ja nur, was sie glauben wollen. Das ist schon immer so gewesen. Denk nur an die Mutter unseres verehrten Kaisers. Die hat den Knaben mit dem lädierten Arm einfach auf einen Gaul setzen lassen und tatsächlich geglaubt, dass aus dem kümmerlichen Buben ein Kaiser wird.«

Was konnte Theo von Müttern wissen? Sechs Jahre alt war er gewesen, als die seine starb. Von der Angst, den Vorahnungen, der Ohnmacht und der Kraft einer Mutter hatte er nie etwas erfahren. In der Nacht, in der sich Otto auf den Abschied vorbereitet hatte, war der Mutter Betsy Sternberg kein Geräusch in seinem Zimmer entgangen. Jeden Seufzer ihres Sohnes hatte sie gehört. Ihr Herz hatte sich wund geschrien, doch ihr Hirn hatte wie immer funktioniert und ihr den Schmerz und die Tränen verwehrt. Nicht mit mir, mein Junge. Mich führt keines meiner Kinder hinters Licht Und dein Vater konnte mir noch nie etwas vormachen.

Otto saß am Frühstückstisch, als die Mutter in sein Zimmer schlich. Brot, Wurst, Käse, hart gekochte Eier und den gesamten Vorrat von Josephas Rührkuchen packte sie in den grauen Tornister, in dem sie einst mit Tinte in ihrer klaren Schrift den Namen des Sextaners Otto Wilhelm Sternberg geschrieben hatte. In einem weißen Kuvert steckten Sicherheitsnadeln, Hosenknöpfe und ein kurzer Brief, geschrieben auf dem cremefarbenen Büttenpapier mit Johann Isidors Initialen. Otto möge gut auf sich achtgeben, hatte die Mutter gefleht und das Wort »gut« zweimal unterstrichen. Er solle sich erst zur Front melden, wenn er sich in der Gegend auskenne, abends nicht zu gurgeln vergessen und beizeiten seine Socken stopfen lassen, denn »wenn die Löcher zu groß werden, sind die Strümpfe nicht mehr zu retten.

Meine Gedanken«, schloss Betsy, »werden Tag und Nacht bei Dir sein, mein Sohn. Ich habe Dir deinen Thallith* und die Tefillin** eingepackt. Dein seliger Großvater hätte es so gewollt. Er hat immer gesagt, ohne Thallith und Tefillin geht ein Jude nicht auf eine große Reise. Wer weiß, hatte er immer gesagt, wo man Gott trifft.«

* Gebetsschal

** Gebetsriemen

Sehr wohl hatte Frau Betsy beim Frühstück bemerkt, dass ihr Ältester statt seiner üblichen, mit drei Löffeln Zucker gesüßten Morgenmilch schwarzen Kaffee trank. Auch zweifelte sie keinen Augenblick, weshalb er sein Brötchen nicht anrührte. Sie sah, dass Otto, dieses große Kind mit den erschrockenen Augen, extrem blass war; aus jedem seiner Atemzüge hörte sie das, was er ihr verschweigen wollte. Wie hätte ihr entgehen sollen, dass die Stunde der Trennung, vor der sie sich seit Tagen fürchtete, gekommen war? Otto saß in seiner derben Jacke und den hellgrauen Knickerbockern am Tisch. Hätte ihn die Mutter fragen sollen, ob er an diesem 19. August Rad fahren oder wandern wolle, ob er mit Mitschülern verabredet sei? Vielleicht zum jährlichen Ausflug nach Königstein? Oder auf den Fuchstanz zum Picknick? Es gab keine Fragen mehr zu stellen, es gab nichts mehr zu sagen.

Auf dem Garderobentisch in der Diele lag die braune Schildmütze, die Betsy im Frühjahr eingemottet hatte. Und zwischen Ottos Strümpfen und Unterhemden, ganz unten im Tornister, war ein gelbes Reclamheft. Auf den Umschlag hatte Erwins frevelnde Bubenhand vor Urzeiten Goethe auf einem Nachttopf sitzend gemalt, eine Kindertrompete in der Hand und einen Tiroler Hut auf dem Kopf. Es hatte ein mächtiges Donnerwetter vom Vater und einen gewaltigen Bruderzwist gegeben. Auch das Reclamheft hatte Frau Betsy gefunden, denn, wie jede Frau, die sich um ihr Kind sorgt, hielt sie Neugierde für Mutterpflicht.

»Nimm den Faust mit«, hatte Theo geraten, »mit dem Faust in der Tasche hast du ausgesorgt. Da bist du für jede Lebenslage gerüstet. Das habe ich in den vergangenen Tagen immer wieder von den Leuten zu hören bekommen, die ins Feld gezogen sind. Selbst von denen«, grinste er, »die gar nicht lesen können.«

»Ach Theo. Ich kann mir das Leben eines Soldaten noch nicht vorstellen, nur eines weiß ich ganz bestimmt: Ich werde mein ganzes Leben nicht mehr den Faust lesen.«

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.«

Schon erkannte Otto das Zitat nicht mehr. Goethe war ihm so fern wie Karl der Große und der Satz des Pythagoras. Ihn, den Mann von achtzehn Jahren, würde keiner mehr knechten. Die Schule schon gar nicht. Seit dem 8. August des herrlichen Jahres 1914 ging der junge Sternberg, vor den Sommerferien noch Unterprimaner am Kaiser-Friedrichs-Gymnasium zu Frankfurt am Main und von keinem einzigen Lehrer mit einer günstigen Zukunftsprognose bedacht, nicht mehr zur Schule. In Ehren und mit den guten Wünschen des gesamten Lehrerkollegiums war er verabschiedet worden. Otto Sternberg, dessen Stolz, Mut und Lerneifer schon am ersten Schultag zermalmt worden waren, weil er noch nicht still zu stehen gelernt hatte, war von der Unter- in die Oberprima versetzt worden. Danach hatte er mit Glanz den schriftlichen Teil des Notabiturs bestanden, nur einen Tag später den mündlichen. Der Kriegsfreiwillige Sternberg staunte immer noch. Wenn er in den Spiegel schaute und den Helden erblickte, der nun dem Ruf des Vaterlands folgen durfte, konnte er sein Glück kaum fassen. Welch ein Zauber war von dem Wort Kriegsfreiwilliger ausgegangen, wie freundlich waren die Lehrer gewesen, wie leicht die Fragen. Keine Antwort war der Prüfling schuldig geblieben. Auf einen Schlag war er von allen Leiden der Jugend befreit worden. Für immer. Einen Kämpfer um Deutschlands Ehre quälte ein deutscher Lehrer nicht mit Tacitus und Homer oder mit unregelmäßigen französischen Verben. Was brauchte ein Mann der Waffen noch mathematische Formeln, weshalb sollte er über Schiller Auskunft geben oder über die Beschaffenheit des Bodens in der Mark Brandenburg?

Schon begannen sich die Erinnerungen an die Schulzeit zu vergolden. Der Schulausflug nach Wilhelmsbad war großartig gewesen – im April und im Schnee und mit einem Schluck Wacholder aus der Flasche in der Hosentasche. Prost, Herr Direktor! Heute besaufen sich Ihre Primaner. Bis zur Halskrause und zurück. Waren sie nicht alle doch ganz liebenswert gewesen, die Herrn Oberstudienräte und der Direx, die bärtigen Doctores und die stotternden Zwerge, die mit Humor und am Ende auch die ohne? Sie hatten doch alle ihr Bestes gegeben; sie waren tatsächlich überzeugt gewesen, dass Schüler in der Schule für das Leben lernten.

»Ich leg mich noch ein paar Minuten hin«, sagte die Hausfrau, »ich weiß nicht, was das ist, ich werde heute einfach nicht wach.« Sie gähnte geräuschvoll, um die Lüge zu tarnen. Die Zwillinge standen auf und tuschelten, die Köpfe so dicht beieinander, als wären sie zusammengewachsen. Victoria riss die Serviette vom Hals. Sie schaute der Mutter nach und Otto an. Einen Wimpernschlag lang war sie kein Kind mehr. Dann rannte sie los.

Josepha trug das übrig gebliebene Brötchen in die Küche. Tante Jettchen kam in dem Moment in die Diele, da Otto die Mütze aufsetzte. Auch sie war eine Mutter. Auch sie vermochte mit dem Herzen zu sehen. Sie klopfte dem scheidenden Krieger auf die Schulter. Den Kopf gesenkt, ging sie in den Wintergarten. Dort übte sie mit dem Papagei »Otto will Franzosenbrot« zu sagen.

Als er am schmiedeeisernen Tor seines Vaterhauses stand, schaute der künftige Kämpfer nach oben. Er hatte gehofft, Theo noch einmal zu sehen, doch es war Josepha, die am geschlossenen Wohnzimmerfenster stand. Sie hatte die Tüllgardine zur Seite gezogen. Otto legte seine Hand an die Mütze. Frau Loth, die zur Salzsäure erstarrt war, weil sie nach hinten geschaut hatte, fiel ihm ein; er lief schneller, als er vorgehabt hatte.

Obwohl er zum Ostbahnhof einbestellt war, ging er aus schierer Gewohnheit die Burgstraße hinunter. In dem Moment, da er seinen Irrtum bemerkte, sah er Victoria. Sie war nicht, wie ihr jeden Tag aufs Neue streng befohlen, auf dem direkten Weg zur Schule gegangen. Sie stand auf einem Bein vor dem Eckhaus in der Martin-Luther-Straße, die Arme weit ausgebreitet, das Gesicht feuerrot, die rosa Haarschleife verrutscht. Der Schulranzen lag auf einer Hecke. Der kleine Schwamm von der Schiefertafel hing heraus. Zunächst dachte Otto, seine Schwester würde ihre üblichen Faxen machen, um ein wenig Spaß aus dem Schulweg herauszuholen, doch dann sah er, wie sie mit der Spitze ihrer neuen Schuhe einen Stein vor sich herschob. Victoria, die immer Ungehorsame, war nicht allein. Mit dem blonden Mariechen, der gleichaltrigen Tochter vom Ofensetzer Schmidt aus der Höhenstraße, spielte sie Himmel und Hölle. Die Mädchen hatten mit gelber Kreide einen ungewöhnlichen Hickelkreis auf das Pflaster gemalt – der Himmel war hellblau schraffiert, in der Hölle war die Sonne schwarz, die Sterne waren blutrot. Victoria kickte den Stein zu kräftig. Entgegen der Spielregel flog er hoch, landete aber trotzdem im Kreis. »Gewonnen«, behauptete die schlaue Kombattantin. Sie warf ihren linken Schuh nach dem Feind. »Jeder Stoß ein Franzos«, jubelte sie.

»Jeder Tritt ein Brit«, brüllte das Mariechen.

Die Kinder schnallten ihren Ranzen um und fassten sich an den Händen. »Jeder Schuss ein Russ«, sangen sie, als sie in die Schule tanzten.

So kam es, dass der junge Held, der soeben sein Elternhaus mit einem Felsbrocken auf der Brust verlassen hatte, frohen Gemütes, leichten Herzens und beschwingten Schrittes in den Großen Krieg zog.